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Porträt des Nationalsozialismus

Ausgewählte Schriften 1930 - 1934

von Leo Trotzki

2014 402 Seiten

Leseprobe

Leo Trotzki

Porträt des Nationalsozialismus

Ausgewählte Schriften
1930 - 1934

Mehring Verlag

Vorwort

Nicht wenige Bücher findet man heute auf dem Markt, die versuchen, über das vergangene Jahrhundert Bilanz zu ziehen, es zu deuten, seine offenen Fragen aufzuzeigen: Ein Jahrhundert des beispiellosen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, ein Jahrhundert, das an seinem Ende die rasante Entwicklung weltumspannender Kommunikationstechnologien, den Einsatz von Computern in allen Bereichen der Produktion und Forschung erlebt hat. Auf der anderen Seite aber ein Jahrhundert, das den faschistischen Terror der Naziherrschaft, den Holocaust und zwei Weltkriege hervorgebracht hat. An seinem Ende sind die Schatten dieser gesellschaftlichen Katastrophen nicht verschwunden; ungelöst steht dieselbe brennende Frage, welche die Menschheit seitdem bewegt hat, auch an der Schwelle des neuen Jahrhunderts: Wie konnte es zu dieser Barbarei kommen? Weshalb konnte sie nicht verhindert werden? War der Aufstieg Hitlers unvermeidlich?

Die vorliegende Auswahl von Schriften Leo Trotzkis über Deutschland gibt eine Antwort auf diese Fragen. Trotzkis Untersuchungen zur Geschichte und aktuellen damaligen Lage in Deutschland, zum Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus, zu seinen sozialen Wurzeln, psychologischen und politischen Mechanismen legen eine analytische Schärfe und politische Weitsicht an den Tag, die den Leser auch heute noch mit Bewunderung und Betroffenheit erfüllen. Sie sind Meisterwerke des Marxismus, ganz in der Tradition der klassischen Analysen aus der Feder eines Karl Marx oder Friedrich Engels.

Trotzki schrieb die hier dokumentierten Briefe und Artikel nicht einfach, um Vergangenes, Unabänderliches zu erklären, sondern um in die aktuelle politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung in Deutschland einzugreifen, um die voraussehbare und von ihm vorausgesehene Katastrophe zu verhindern. Er tat dies mit der gewaltigen Erfahrung und Autorität, über die er als Wegbereiter und Führer der Oktoberrevolution von 1917 und als Haupt der internationalen marxistischen Opposition gegen Stalin verfügte.

Alles hing davon ab, die größte und stärkste soziale Kraft, die organisierte Arbeiterschaft, gegen die faschistische Gefahr zu vereinen.

Die Gewerkschaften waren damals Massenorganisationen, SPD und KPD Arbeiterparteien mit Millionen von Mitgliedern. Daran muss heute erinnert werden angesichts der Verwandlung, welche diese Organisationen und Parteien seit jener Zeit bis zu ihrer Unkenntlichkeit durchlaufen haben. Freilich hatte sich die SPD schon 1914, als sie den Kriegskrediten zustimmte, und 1918/19, als sie gemeinsam mit der Reichswehr und faschistischen Freikorps die Revolution niederschlug, in den Augen fortschrittlicher Arbeiter und Intellektueller diskreditiert. Aber die Mehrzahl ihrer Mitglieder waren damals immer noch Arbeiter, die sozialistischen Zielen anhingen. Sie zu gewinnen, war die Verantwortung der KPD, die 1919 mit dem Programm des internationalen Sozialismus als revolutionäre Alternative zur SPD gegründet worden war. Würde sich die KPD dieser Aufgabe gewachsen zeigen, obwohl sie nach der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches ihrer erfahrensten politischen Führer beraubt war? Welches Programm und welche Taktik sollte sie dazu verfolgen?

Trotzki trat dafür ein, dass die KPD die Initiative ergreife und den SPD-Führern und Gewerkschaften ein gemeinsames Handeln zur Verteidigung aller Organisationen, Parteien und Rechte der Arbeiterbewegung gegen den Nazi-Terror vorschlage. Das ungeheuer rasche Anwachsen der Nazipartei war kein unaufhaltsamer, schicksalshafter Prozess. Als marxistischer Dialektiker und Führer der Revolutionen von 1905 und 1917 in Russland wusste Trotzki genau, wie rasch in einer umfassenden gesellschaftlichen Krise die politische Stimmung der Massen umschwingen kann. Vor allem war er sich darüber im klaren, wie entscheidend es unter solchen Bedingungen für eine revolutionäre Partei ist, dass sie eine korrekte, an den objektiven Bedürfnissen der Arbeitermassen orientierte politische Linie und Taktik verfolgt. Nur so kann sie die Mehrheit der Arbeiter hinter sich sammeln. Dies aber ist die Voraussetzung dafür, dass sie auch beträchtliche Teile der kleinbürgerlichen Schichten, die sich sonst der Reaktion bzw. Hitler zuwenden würden, auf die Seite der Arbeiter ziehen kann.

Aber in der Kommunistischen Internationale gaben zu dieser Zeit nicht mehr Marxisten den Ton an, nicht mehr politische und theoretische Führer der Oktoberrevolution wie Leo Trotzki, sondern Stalin und die konservative Schicht von Bürokraten. Moskau verordnete der KPD, nicht eine Einheitsfront anzustreben, sondern SPD und Gewerkschaften als »sozialfaschistisch« zu »brandmarken«. Ungeachtet aller ultralinken Phrasen machte die KPD auf diese Weise mit den rechten sozialdemokratischen Führern gemeinsame Sache. Diese lehnten nämlich ihrerseits ebenfalls jede Zusammenarbeit mit der KPD gegen die Braunhemden ab und unterstützten die bürgerliche Republik auch dann noch, als sie sich längst als Steigbügel für den Faschismus erwiesen hatte.

Je länger sich die Arbeiterparteien unfähig zeigten, vereint dem faschistischen Terror entgegenzutreten, desto leichter konnten Hitler und seine Banden eine wachsende Schar von verzweifelten und deklassierten Elementen aus dem Kleinbürgertum und dem Lumpenproletariat sammeln und in Stoßtruppen für die Errichtung ihrer Diktatur und die Zerschlagung der Arbeiterbewegung verwandeln.

Leo Trotzki analysiert in seinen Schriften die verhängnisvolle Linie und Taktik der KPD, alle ihre Drehungen und Windungen, warnt vor ihren Folgen. Er weist nach, dass diese Politik – eine Mischung aus bombastischen, ultraradikalen Phrasen, Blindheit und Feigheit – den sozialen Instinkten und politischen Anschauungen der herrschenden Kreise in der Sowjetunion entsprang und den Interessen der internationalen Arbeiterklasse direkt zuwiderlief. Der Preis dafür in Deutschland war hoch: Hitler kam ohne einen Schuss an die Regierung und konnte unangefochten seine Macht festigen und für den Krieg rüsten.

Die Analysen Trotzkis, seine Warnungen und Vorschläge für eine programmatische Alternative zum Kurs der Komintern und KPD unterstreichen die Haltlosigkeit und Hohlheit der Thesen von Daniel Goldhagen. Hitler kam nicht an die Macht, weil das deutsche Volk in seiner Mehrheit von einem unbändigen Drang beseelt war, Juden zu töten. Er verdankte seinen Aufstieg der vernagelten und verräterischen Politik von SPD und KPD, welche die Arbeiterbewegung politisch lähmte und zunehmend auch ihre ideologischen Widerstandskräfte gegen das Gift des Rassismus und Antisemitismus unterhöhlte.

Goldhagen steht freilich mit seinen Ansichten nicht allein. Er trieb nur die Anschauungen, die in Schulbüchern und bei den meisten Historikern weit verbreitet sind, bis zur Absurdität: Wenn das Phänomen Hitler überhaupt erklärt werden könne, dann nur durch die Kurzsichtigkeit des Menschen im Allgemeinen oder durch die böse Natur – und daher kollektive Schuld – der Deutschen im Besonderen. Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass die wachsende Arbeitslosigkeit und Verelendung im Gefolge der Weltwirtschaftskrise zwangsläufig die Masse der Deutschen in die Arme Hitlers getrieben hätten, der Brot und Arbeit versprach. »Nach drei Jahren Depression« sei »die deutsche Gesellschaft intolerant geworden«, schreibt der britische Historiker Ian Kershaw in seiner jüngst erschienenen Hitler-Biographie. Die Hitler-Diktatur sei somit »Deutschland nicht aufgezwungen worden«, sondern »aus den Erwartungen und Motivationen der deutschen Gesellschaft« erwachsen. Gleichzeitig werden in dem 900 Seiten starken Band SPD und KPD kaum erwähnt, ihre politische Evolution nicht im Geringsten einer Untersuchung wert gehalten.

Solche Erklärungsmuster ignorieren die sozialen Gegensätze und Kämpfe, welche die Gesellschaft in verschiedene Klassen von Deutschen zerrissen hat. Hinter Hitler standen nicht die Millionen, sondern die Millionäre, wie John Heartfield schon damals in einer berühmten Fotocollage festgehalten hatte. Hitler war auch nicht durch einen Sieg bei Parlamentswahlen, sondern durch Manöver und Intrigen innerhalb der herrschenden Cliquen von Industriellen, Bankiers, Großgrundbesitzern und Militärs an die Macht gekommen. Angefangen von seiner 1924 verfassten Propagandaschrift »Mein Kampf« bis hin zu seiner berüchtigten Rede im Düsseldorfer Industrieclub Anfang 1932 hatte er diesen Kreisen immer wieder eines versprochen: die Diktatur nach innen und den Krieg nach außen. Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung sollte den Weg frei machen für die Eroberung der Sowjetunion im Osten und für die Revanche gegen die Sieger des vorangegangenen Weltkriegs im Westen.

Die Nazis waren mit diesem Programm auf den erbitterten Widerstand von Seiten der Arbeiterbewegung gestoßen, so dass sie gezwungen waren, ihre Herrschaft auf die hemmungslose Gewalt der SA-Banden und, nach der Machteroberung, auf die Gestapo, auf die Mordjustiz der deutschen Richter und auf Konzentrationslager für politische Gegner zu stützen. Bei den Parlamentswahlen im November 1932, den letzten vor Hitlers Machtübernahme, erhielten SPD und KPD zusammen über eine halbe Million mehr Stimmen als die Nazis, die ihrerseits gegenüber den vorangegangenen Wahlen zwei Millionen Anhänger verloren hatten. Erneut hatte sich die Arbeiterbewegung mit ihren Parteien als überaus gewaltiger, ja entscheidender politischer Faktor erwiesen. Die von Leo Trotzki verfassten historischen und politischen Analysen, seine Vorschläge für eine Politik gemeinsamer praktischer Kampfbündnisse zwischen SPD und KPD gegen die Nazis waren nicht nur absolut richtig, sondern auch völlig realistisch.

Die Nazis hätten so gestoppt, Holocaust und Weltkrieg verhindert werden können! Eine Einheitsfront wäre, wie Leo Trotzki schrieb, der Todesstoß für den Faschismus gewesen, hätte das politische Regime der Bourgeoisie, Junker und Generäle erheblich geschwächt, die organisierte Arbeiterschaft hingegen und den Einfluss der KPD gestärkt. Sie hätte eine Periode revolutionärer Klassenkämpfe eröffnet, in deren Verlauf die Arbeiterbewegung mit einer marxistischen Führung in der Lage gewesen wäre, sich einen sozialistischen Ausweg aus der Krise der Gesellschaft zu schaffen.

Dies lässt die Bedeutung ermessen, welche der Sieg Stalins über Trotzki und die internationale Linke Opposition für die gesamte Weltgeschichte hatte. Zehn Wochen nach ihrer Wahlniederlage vom November 1932 waren die Nazis an der Macht, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Die politische Spaltung und Desorientierung, die von der Politik der KPD und SPD seit Jahren ausgegangen war, hatte den Widerstand der Arbeiter wirkungslos verpuffen lassen. Den bewusstesten Vertretern der Bourgeoisie war dies nicht verborgen geblieben. Sie waren zu der Auffassung gekommen, sie könnten jetzt auf die Karte Hitler setzen, ohne den Ausbruch großer Kämpfe zu riskieren, die den Gang der Geschäfte stören und in ihrem Ausgang nicht kalkulierbar sein würden.

Auch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler sahen sich die Führer der Komintern und der KPD nicht veranlasst, ihre eigene Politik kritisch zu überdenken und zu korrigieren. Im Gegenteil: sie stürzten die Arbeiter vom Regen des ultralinken »Kampfs gegen den Sozialfaschismus« in die Traufe der ultrarechten Volksfrontpolitik in Frankreich und Spanien, der offenen Unterordnung unter bürgerliche Parteien und Regierungen. Hätten KPD und Komintern statt dessen auf der Grundlage von Trotzkis marxistischen Analysen mit der Politik Stalins gebrochen – das Jahrhundert hätte einen völlig anderen Verlauf genommen.

Stalin hatte sich gegen Trotzki durchgesetzt, nicht kraft besserer Argumente, sondern kraft des sozialen Übergewichts, welches die Bürokratie in der Sowjetunion und damit auch in der Kommunistischen Internationale erlangt hatte. Mit jeder Niederlage revolutionärer Erhebungen außerhalb der Sowjetunion – 1923 in Deutschland, 1927 in China –, die durch Stalins Politik herbeigeführt worden war, wurde die Position der Arbeiter auch in der Sowjetunion geschwächt. Die Bürokratie dagegen fühlte sich dadurch in ihrer Stellung umso sicherer und trat immer selbstbewusster auf. Stalin ging daran, mit den Revolutionären im eigenen Land aufzuräumen: erst durch den Ausschluss der von Trotzki geführten Marxisten aus der Partei, dann durch Verbannung, und schließlich, nachdem in Deutschland Hitler die Arbeiterbewegung zerschlagen hatte und die Gefahr einer sozialistischen Revolution vorläufig gebannt war, durch den Massenmord an Kommunisten im Verlaufe der Moskauer Prozesse.

Eine der großen und verhängnisvollen geistigen Fehlleistungen des zu Ende gehenden Jahrhunderts war die Konzeption, dass der Kampf gegen Faschismus und Krieg die Unterstützung der sowjetischen Regierung unter Stalin erfordere. Nur so könnten, lautete das Argument, die Errungenschaften der Oktoberrevolution gegen den Hauptfeind verteidigt werden. Man müsse ein Bündnis mit der Moskauer Führung schließen oder zumindest jede Kritik an ihr hinunterschlucken. Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Bert Brecht seien stellvertretend für die breite Schicht von Künstlern und Intellektuellen genannt, die in den dreißiger und vierziger Jahren diesem Trugschluss aufgesessen waren. Sie alle hatten ihre Liebe zur Sowjetunion zu einem Zeitpunkt entdeckt, als dort Stalin fest im Sattel saß und die Ideale der Oktoberrevolution im politischen und kulturellen Mief der bürokratischen Herrschaft längst erstickt waren. Talentierte, ja herausragende Persönlichkeiten verwandelten sich durch diese opportunistische Anpassung in politische Jammergestalten und verloren oft genug auch an künstlerischer Größe und Kraft.

In Wirklichkeit ebnete Stalin mit seiner Politik dem Faschismus und Krieg den Weg. Er führte eine soziale und politische Gegenbewegung gegen die Oktoberrevolution, eine Restauration innerhalb der Sowjetunion an. Diese lief mit der terroristischen Reaktion bürgerlicher und kleinbürgerlicher Schichten außerhalb der Sowjetunion auf die Oktoberrevolution und auf revolutionäre Arbeiterkämpfe in Ländern wie Deutschland oder Italien nicht nur zeitlich parallel, sondern hing eng mit ihr zusammen. Fünfzig Jahre später, nach der Vollendung des Restaurationsprozesses durch die Wiedereinführung der Marktwirtschaft und die Auflösung der Sowjetunion, nimmt die Gefahr von neuen imperialistischen Kriegen und faschistischen Bewegungen erneut Gestalt an. Um sich von dieser Tatsache zu überzeugen, genügt es, einen Blick auf den Balkan zu werfen, auf die innere Entwicklung der ehemaligen Sowjetunion und auf den Wettlauf der westlichen Großmächte um die Aufteilung der Beute im Osten.

So findet der Leser in den Schriften Leo Trotzkis einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis des vergangenen Jahrhunderts und auch entscheidende Lehren, wie das kommende anders gestaltet und die Menschheit vor einem erneuten Absturz in die Barbarei bewahrt werden kann.

Wolfgang Weber

9. August 1999

Die Wendung der Komintern und die Lage in Deutschland

September 1930

Die Ursachen der letzten Wendung

Taktische Wendungen, sogar große, sind in unserer Epoche ganz unvermeidlich. Sie werden durch jähe Wendungen der objektiven Lage hervorgerufen (das Fehlen von stabilen internationalen Beziehungen, scharfe und unregelmäßige Schwankungen der Konjunktur, scharfe Widerspiegelungen der ökonomischen Schwankungen in der Politik, Spontaneität der Massen in dem Gefühl der Ausweglosigkeit usw.). Das aufmerksame Verfolgen jeder Veränderung der objektiven Lage bildet gegenwärtig eine weit wichtigere und gleichzeitig schwierigere Aufgabe, als es vor dem Krieg, in der Epoche der »organischen« Entwicklung des Kapitalismus, der Fall war. Die Parteiführung befindet sich in der Lage eines Chauffeurs, der sein Auto in scharfen Kurven den Berg hinaufsteuert. Bei jeder falschen Wendung, jedem unrichtigen Gang, den er einlegt, drohen den Mitfahrern und dem Wagen die größten Gefahren, wenn nicht der Untergang.

Die Führung der Kommunistischen Internationale (Komintern) hat uns in letzter Zeit etliche Beispiele von sehr schroffen Wendungen gegeben. Die jüngste Wendung haben wir in den letzten Monaten beobachten können. Wodurch werden die Wendungen der Komintern nach Lenin hervorgerufen? Durch Veränderungen der objektiven Lage? Nein. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, dass es, angefangen mit dem Jahr 1923, keine einzige taktische Wendung gegeben hat, die von der Komintern rechtzeitig unter dem Einfluss der richtig bewerteten Veränderungen der objektiven Lage vorgenommen worden wäre. Im Gegenteil: jede Wendung war das Ergebnis der unerträglichen Verschärfung der Widersprüche zwischen der Linie der Komintern und der objektiven Lage. Dasselbe können wir auch dieses Mal beobachten.

Das IX. Plenum des Exekutivkomitees (EKKI), der 6. Weltkongress und besonders das X. Plenum der Kommunistischen Internationale nehmen Kurs auf einen jähen und gradlinigen revolutionären Aufschwung (»dritte Periode«). Dieser Aufschwung war damals, nach den ungeheuren Niederlagen in England, China, nach der Schwächung der Kommunistischen Parteien in der ganzen Welt und besonders unter den Bedingungen des Aufstiegs des Handels und der Industrie, der die wichtigsten kapitalistischen Länder erfasst hatte, durch die gesamte objektive Lage ausgeschlossen. Die taktische Wendung der Komintern seit Februar 1928 war somit direkt der realen Wendung der historischen Wirklichkeit entgegengesetzt. Aus diesem Widerspruch heraus entstanden die Tendenzen des Putschismus, die weitere Isolierung der Parteien von den Massen, die Schwächung der Organisationen usw. Erst nachdem diese Erscheinungen einen offen bedrohlichen Charakter angenommen hatten, machte die Führung der Komintern eine neue Wendung, im Februar 1930, eine Wendung zurück und, ausgehend von der Taktik der »dritten Periode«, nach rechts.

Die Ironie des Schicksals, die kein Erbarmen mit einer Politik des Hinter-den-Ereignissen-Herlaufens kennt, wollte es, dass die neue taktische Wendung der Komintern zeitlich mit einer neuen Wendung der objektiven Lage zusammenfällt. Die internationale Krise von unerhörter Schärfe eröffnet zweifellos Perspektiven der Radikalisierung der Massen und sozialer Erschütterungen. Gerade unter solchen Bedingungen könnte und müsste man eine Wendung nach links einschlagen. Das wäre sehr richtig und notwendig, wenn die Führung der Komintern in den letzten drei Jahren die Periode des wirtschaftlichen Aufschwunges und der revolutionären Ebbe dazu genutzt hätte, um die Positionen der Partei in den Massenorganisationen, vor allem in den Gewerkschaften, zu festigen. Unter diesen Bedingungen könnte und müsste der Chauffeur im Jahre 1930 den Wagen vom zweiten in den dritten Gang schalten oder sich wenigstens dazu bereithalten. In Wirklichkeit ist aber gerade ein entgegengesetzter Prozess vor sich gegangen. Um nicht abzustürzen, musste der Chauffeur vom zu früh eingelegten dritten Gang auf den zweiten schalten und das Tempo drosseln, – wann? – unter Bedingungen, die bei einer richtigen strategischen Linie eine Erhöhung des Tempos verlangten.

Das ist der schreiende Widerspruch zwischen der taktischen Notwendigkeit und der strategischen Perspektive, ein Widerspruch, in dem sich gegenwärtig, infolge der Logik der Fehler ihrer Führungen, die Kommunistischen Parteien einer Reihe von Ländern befinden.

Am klarsten und gefährlichsten zeigt sich dieser Widerspruch in Deutschland. Hier haben die letzten Wahlen ein äußerst eigenartiges Kräfteverhältnis aufgedeckt, das nicht nur das Ergebnis der zwei Perioden der deutschen Stabilisierung der Nachkriegszeit, sondern auch der drei Perioden der Fehler der Komintern ist.

Der parlamentarische Sieg der Kommunistischen Partei im Licht der revolutionären Aufgaben

Gegenwärtig stellt die offizielle Presse der Komintern das Ergebnis der deutschen Wahlen als einen grandiosen Sieg des Kommunismus dar, der die Losung »Sowjet-Deutschland« auf die Tagesordnung stellt. Die bürokratischen Optimisten wollen sich nicht in den Sinn des Kräfteverhältnisses hineindenken, das sich in der Wahlstatistik offenbart hat. Sie betrachten das Anwachsen der kommunistischen Stimmenzahl ganz unabhängig von den revolutionären Aufgaben, die die Situation und die durch diese entstandenen Schwierigkeiten erfordern.

Die Kommunistische Partei erhielt 4 600 000 Stimmen gegen 3 300 000 im Jahre 1928. Der Zuwachs von 1 300 000 Stimmen ist vom Standpunkt der »normalen« Parlamentsmechanik, selbst wenn man das Anwachsen der Gesamtwählerzahl berücksichtigt, enorm. Allein, der Stimmengewinn der Partei verblasst vollkommen vor dem Sprung des Faschismus von 800 000 auf 6 400 000 Stimmen. Keine geringere Bedeutung für die Bewertung der Wahlen hat die Tatsache, dass die Sozialdemokratie, trotz erheblicher Verluste, ihren Grundbestand gehalten und noch immer eine wesentlich höhere Anzahl von Arbeiterstimmen erhalten hat als die Kommunistische Partei.

Wenn man sich indessen fragen würde, welche Kombination von internationalen und inneren Bedingungen wäre geeignet, die Arbeiterklasse am stärksten zum Kommunismus zu drängen, so könnte man keine günstigeren Bedingungen für eine solche Wendung anführen als die gegenwärtige Lage in Deutschland: die Schlinge des Young-Plans, der Zerfall der regierenden Schichten, die Krise des Parlamentarismus, die erschreckende Selbstentlarvung der Sozialdemokratie in der Regierung. Vom Standpunkt dieser konkreten historischen Bedingungen bleibt das spezifische Gewicht der deutschen Kommunistischen Partei im öffentlichen Leben des Landes trotzt der Eroberung der 1 300 000 Stimmen unverhältnismäßig gering.

Die Schwäche der Positionen des Kommunismus, welche unauflöslich mit der Politik und dem Regime der Komintern verbunden sind, wird noch greller beleuchtet, wenn wir das gegenwärtige soziale Gewicht der Kommunistischen Partei jenen konkreten und unaufschiebbaren Aufgaben gegenüberstellen, die ihr durch die gegenwärtigen historischen Bedingungen gestellt werden.

Gewiss, die Kommunistische Partei hat einen solchen Zuwachs selbst nicht erwartet. Doch das beweist, dass die Führung der Kommunistischen Partei unter den Schlägen der Fehler und Niederlagen nicht mehr gewöhnt ist, große Ziele und Perspektiven zu haben. Wenn sie gestern noch ihre eigenen Möglichkeiten unterschätzt hat, so unterschätzt sie heute wiederum die Schwierigkeiten. So verstärkt die eine Gefahr die andere.

Indessen ist doch die wichtigste Eigenschaft einer wirklich revolutionären Partei, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen.

Die Schwankungen der Großbourgeoisie

Bei jeder Wendung der Geschichte, bei jeder sozialen Krise muss man immer wieder die Frage der gegenseitigen Beziehungen der drei Klassen der heutigen Gesellschaft überprüfen: der Großbourgeoisie, geführt vom Finanzkapital, der Kleinbourgeoisie, welche zwischen den zwei Hauptlagern schwankt, und endlich des Proletariats.

Die Großbourgeoisie, die den kleinsten Teil der Nation bildet, kann ihre Macht nicht halten, wenn sie sich nicht auf die Kleinbourgeoisie in Stadt und Land, d. h. auf die Reste des alten und auf die Massen des neuen Mittelstandes stützen kann. Diese ihre Stütze nimmt in der gegenwärtigen Epoche zwei Grundformen an, die politisch einander entgegengesetzt sind, historisch aber einander ergänzen: die Sozialdemokratie und der Faschismus. In der Sozialdemokratie führt die Kleinbourgeoisie, die dem Finanzkapital folgt, Millionen von Arbeitern hinter sich.

Gegenwärtig schwankt die deutsche Großbourgeoisie und ist zersplittert. Ihre Zwiespältigkeit besteht in der Frage, welche von zwei Heilmethoden sie bei der aktuellen sozialen Krise anwenden soll. Die sozialdemokratische Therapie stößt den einen Teil der Großbourgeoisie durch die Unzuverlässigkeit ihrer Ergebnisse und durch die Gefahr allzu großer Unkosten zurück (Steuer, soziale Gesetzgebung, Arbeitslohn usw.). Der chirurgische Eingriff der Faschisten scheint dem andern Teil der Lage nicht entsprechend und allzu riskant. Mit anderen Worten, die Finanzbourgeoisie als Ganzes schwankt in der Einschätzung der Lage und sieht noch keine ausreichende Ursache, den Eintritt ihrer »dritten Periode« anzukündigen, bei der die Sozialdemokratie bedingungslos durch den Faschismus ersetzt wird; bei dieser Generalabrechnung wird die Sozialdemokratie bekanntlich für die von ihr erwiesenen Dienste einem allgemeinen Pogrom zum Opfer fallen. Die Schwankungen der Großbourgeoisie zwischen der Sozialdemokratie und dem Faschismus sind bei gleichzeitiger Schwächung ihrer wichtigsten Parteien ein ganz deutliches Symptom einer vorrevolutionären Situation. Bei Eintritt einer wirklich revolutionären Situation würden diese Schwankungen natürlich sofort aufhören.

Die Kleinbourgeoisie und der Faschismus

Damit die soziale Krise zu einer sozialen Revolution führen kann, ist es notwendig, dass außer sonstigen Bedingungen eine entscheidende Verschiebung der kleinbürgerlichen Klassen auf die Seite des Proletariats stattfindet. Das gibt dem Proletariat die Möglichkeit, als deren Führer an die Spitze der Nation zu treten. Die letzten Wahlen offenbaren – und darin besteht ihre hauptsächliche symptomatische Bedeutung – eine entgegengesetzte Verschiebung. Unter den Schlägen der Krise neigte sich das Kleinbürgertum nicht zur Seite der proletarischen Revolution, sondern zur Seite der äußersten imperialistischen Reaktion, und zog dabei bedeutende Schichten des Proletariats mit sich.

Das gigantische Anwachsen des Nationalsozialismus ist der Ausdruck zweier Tatsachen: der tiefen sozialen Krise, die die kleinbürgerlichen Massen aus dem Gleichgewicht bringt, und des Fehlens einer solchen revolutionären Partei, die schon heute in den Augen der Volksmassen der berufene revolutionäre Führer wäre. Wenn die Kommunistische Partei die Partei der revolutionären Hoffnungen ist, so ist der Faschismus als Massenbewegung die Partei der konterrevolutionären Verzweiflung. Wenn die revolutionäre Hoffnung das gesamte proletarische Lager ergreift, so zieht es unfehlbar bedeutende und stets anwachsende Kräfte der Kleinbourgeoisie auf den Weg der Revolution hinter sich her. Gerade auf diesem Gebiet zeigen die Wahlen ein ganz entgegengesetztes Bild: Die konterrevolutionäre Verzweiflung hat die kleinbürgerliche Masse mit einer solchen Gewalt erfasst, dass diese bedeutende Schichten des Proletariats mit sich zog.

Wie lässt sich das erklären? In der Vergangenheit haben wir ein starkes Anwachsen des Faschismus (Italien, Deutschland) als Ergebnis einer erschöpften oder verpassten revolutionären Situation beobachtet, einer Situation am Ende einer revolutionären Krise, in deren Verlauf die proletarische Avantgarde sich als unfähig erwiesen hatte, an die Spitze der Nation zu treten, um das Schicksal aller ihrer Klassen, darunter auch der Kleinbourgeoisie, zu ändern. Gerade das verlieh dem Faschismus in Italien seine besondere Kraft. Doch gegenwärtig handelt es sich in Deutschland nicht um den Ausgang einer revolutionären Krise, sondern nur um deren Herannahen. Daraus folgern die führenden Parteibeamten als Optimisten vom Dienst, dass der Faschismus unfehlbar zu einer raschen Niederlage verurteilt sei, da er »zu spät« gekommen sei (Rote Fahne). Diese Leute wollen nichts lernen. Der Faschismus kommt noch früh genug – noch bei Tagesgrauen – zur neuen revolutionären Krise. Der Umstand, dass der Faschismus eine derartig mächtige Ausgangsposition bereits am Vorabend der revolutionären Periode und nicht erst an deren Ausgang einnehmen konnte, ist nicht seine Schwäche, sondern die Schwäche des Kommunismus. Die Kleinbourgeoisie wartet also nicht erst neue Enttäuschungen über die Fähigkeiten der Kommunistischen Partei ab, ihr Schicksal zu verbessern. Sie stützt sich auf die Erfahrungen der Vergangenheit, sie erinnert sich an die Lehren von 1923, an die Bocksprünge des ultralinken Kurses von Maslow und Thälmann, an die opportunistische Kraftlosigkeit desselben Thälmann, an das Geschwätz von der »dritten Periode« usw. Endlich – und das ist das Wichtigste – wird ihr Unglaube an die proletarische Revolution durch den Unglauben an die Kommunistische Partei von seiten der Millionen sozialdemokratischer Arbeiter genährt. Selbst ein Kleinbürgertum, das völlig durch die Ereignisse aus der konservativen Bahn geschleudert worden ist, kann sich nur dann auf die Seite der sozialen Revolution schlagen, wenn sich auf dieser Seite die Sympathie der Mehrheit der Arbeiter befindet. Gerade diese wichtigste Bedingung fehlt in Deutschland noch. Und sie fehlt nicht zufällig.

Die Programmerklärung der deutschen Kommunistischen Partei vor den Wahlen war voll und ganz dem Faschismus als dem Hauptfeind gewidmet. Indessen ist der Faschismus als Sieger hervorgegangen, nachdem er nicht nur Millionen halbproletarischer Elemente, sondern auch Hunderttausende von Industriearbeitern gesammelt hat. Gerade darin zeigt sich jene Tatsache, dass trotz des parlamentarischen Sieges der Partei die proletarische Revolution insgesamt bei diesen Wahlen eine ernste Niederlage erlitten hat, natürlich nur eine Niederlage von vorläufigem, warnendem, aber nicht entscheidendem Charakter. Aber diese Niederlage kann entscheidend werden und wird unweigerlich entscheidend werden, wenn die Kommunistische Partei es nicht versteht, ihren isolierten parlamentarischen Sieg in Verbindung mit der obengenannten »vorläufigen« Niederlage der Revolution im Ganzen einzuschätzen und daraus alle notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Der Faschismus ist in Deutschland zu einer wirklichen Gefahr geworden als Ausdruck der akuten Ausweglosigkeit des bürgerlichen Regimes, der konservativen Rolle der Sozialdemokratie gegenüber diesem Regime und der akkumulierten Schwäche der Kommunistischen Partei im Kampf gegen dieses Regime. Wer das ableugnet, ist blind oder ein Schwätzer!

Im Jahre 1923 hat Brandler, entgegen unseren Warnungen, die Kräfte des Faschismus ungeheuer überschätzt. Aus dieser falschen Einschätzung des Kräfteverhältnisses ergab sich die abwartende, ausweichende, abwehrende und feige Politik. Das hat die Revolution zugrunde gerichtet. Solche Ereignisse müssen im Bewusstsein aller Klassen des Volkes Spuren hinterlassen. Die Überschätzung des Faschismus durch die Kommunistische Führung hat eine der Vorbedingungen für dessen weitere Verstärkung geschaffen. Der entgegengesetzte Fehler, die Unterschätzung des Faschismus von Seiten der gegenwärtigen Führung der Kommunistischen Partei kann die Revolution zu einer noch schwereren Katastrophe führen, an deren Folgen sie lange Zeit leiden wird.

Die Gefahr bekommt eine besondere Schärfe in Verbindung mit der Frage des Entwicklungstempos, das nicht allein von uns abhängt. Der malariaartige Charakter der politischen Kurve, der sich bei den Wahlen zeigte, spricht dafür, dass sich das Entwicklungstempo der nationalen Krise als sehr rasch erweisen kann. Mit anderen Worten, die Ereignisse können schon in der nächsten Zeit in Deutschland auf einer neuen historischen Höhe den alten tragischen Widerspruch zwischen einer reifen revolutionären Situation einerseits und der Schwäche und strategischen Unzulänglichkeit der revolutionären Partei andererseits entstehen lassen. Man muss das klar, offen und vor allen Dingen rechtzeitig aussprechen!

Die Kommunistische Partei und die Arbeiterklasse

Es wäre ein ungeheuerlicher Fehler, wenn man sich damit trösten wollte, dass z. B. die Bolschewistische Partei 1917 nach der Ankunft Lenins, als sie sich erst zur Eroberung der Macht rüstete, weniger als 80 000 Mitglieder zählte und sogar in Petrograd nicht mehr als ein Drittel der Arbeiter und noch weit weniger Soldaten hinter sich führte. Die Lage in Russland war eine ganz andere. Die revolutionären Parteien waren erst im März aus der Illegalität hervorgetreten, nachdem sogar das erdrosselte politische Leben von vor dem Krieg beinahe drei Jahre lang unterbrochen worden war. Die Arbeiterklasse hat sich im Laufe des Kriegs um 40 Prozent erneuert. Die überwiegende Mehrheit des Proletariats kannte die Bolschewiki gar nicht, sie hatte nicht einmal von ihnen gehört. Die Stimmen für die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre im März bis Juni waren einfach nur ein Ausdruck der ersten schwankenden Schritte nach dem Erwachen. In diesem Wahlverhalten war nicht einmal der Schatten einer Enttäuschung über die Bolschewiki oder eines aufgespeicherten Misstrauens diesen gegenüber enthalten. Ein solches Misstrauen kann nur infolge der Fehler der Partei entstehen, die die Masse am eigenen Leibe erfahren hat. Im Gegenteil, jeder Tag der revolutionären Erfahrungen von 1917 stieß die Massen von den Sozialverrätern auf die Seite der Bolschewiki. Daraus folgte das stürmische, unaufhaltsame Wachsen der Reihen der Partei und besonders ihres Einflusses.

Die Lage in Deutschland hat in dieser Beziehung einen grundverschiedenen Charakter. Die deutsche Kommunistische Partei hat nicht erst seit gestern oder vorgestern die offene Bühne betreten. 1923 stand die Mehrheit der Arbeiterklasse halb oder ganz offen auf Seiten der Kommunistischen Partei. Die Partei erhielt 1924 beim Abebben der revolutionären Welle 3 600 000 Stimmen. Das ist ein größerer Prozentsatz der Arbeiterklasse, als es gegenwärtig der Fall ist. Das bedeutet, dass sowohl jene Arbeiter, die bei der Sozialdemokratie geblieben sind, als auch jene, welche diesmal für die Nationalsozialisten gestimmt haben, nicht aus Unkenntnis so gehandelt haben, nicht etwa deshalb, weil sie erst gestern erwacht sind oder noch nicht erfahren haben, was die Kommunistische Partei ist, sondern deshalb, weil sie auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr an die Kommunistische Partei glauben.

Wir dürfen nicht vergessen, dass im Februar 1928 das IX. EKKI-Plenum das Signal zu einem verstärkten, außerordentlichen, unversöhnlichen Kampf gegen die »Sozial-Faschisten« gegeben hat. Die deutsche Sozialdemokratie befand sich seitdem fast ständig an der Macht, wobei sie bei jedem ihrer Schritte ihre verräterische und schädliche Rolle vor den Massen offenbarte. Das alles wurde zuletzt von einer grandiosen wirtschaftlichen Krise gekrönt. Es ist schwer, sich eine günstigere Bedingung für die Schwächung der Sozialdemokratie zu denken. Diese hat indessen im Grunde ihre Positionen bewahrt. Wie kann man diese erstaunliche Tatsache erklären? Nur dadurch, dass die Führung der Kommunistischen Partei durch ihre gesamte Politik die Sozialdemokratie deckte, indem sie diese von links stützte.

Das bedeutet durchaus nicht, dass die fünf bis sechs Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen, die für die Sozialdemokratie gestimmt haben, dieser dadurch ihr volles und unbegrenztes Vertrauen ausgedrückt haben. Man soll diese sozialdemokratischen Arbeiter nicht für Blinde halten. Sie sind nicht so naiv in Bezug auf ihre Führer, aber sie sehen in der gegenwärtigen Lage keinen anderen Ausweg. Wir sprechen natürlich nicht von der Arbeiteraristokratie und -bürokratie, sondern von den einfachen Arbeitern. Die Politik der Kommunistischen Partei flößt ihnen nicht darum kein Vertrauen ein, weil die Kommunistische Partei eine revolutionäre Partei ist, sondern darum, weil sie nicht an deren Fähigkeit glauben, den revolutionären Sieg zu erringen, und nicht umsonst ihren Kopf riskieren wollen. Solche Arbeiter drücken, indem sie schweren Herzens für die Sozialdemokratie stimmen, nicht ihr Vertrauen zu dieser aus, sondern ihr Misstrauen gegenüber der Kommunistischen Partei. Darin besteht der ungeheure Unterschied zwischen der gegenwärtigen Lage der deutschen Kommunisten und der Lage der russischen Bolschewiki 1917.

Doch damit allein sind die Schwierigkeiten nicht erschöpft. Innerhalb der Kommunistischen Partei selbst, besonders unter ihren Sympathisanten oder auch nur den für sie stimmenden Arbeitern, gibt es eine Menge von verhaltenem Misstrauen gegen die Führung der Partei. Daraus entsteht die »Disproportion« zwischen dem allgemeinen Einfluss der Partei und ihrer zahlenmäßigen Größe und besonders ihrer Rolle in den Gewerkschaften. In Deutschland gibt es zweifellos ein derartiges Ungleichgewicht. Offiziell erklärt man dieses damit, dass die Partei es nicht versteht, ihren Einfluss organisatorisch zu »erfassen«. Hier wird die Masse als rein passives Material betrachtet, dessen Eintritt oder Nichteintritt in die Partei ausschließlich davon abhängt, ob der betreffende Parteisekretär es versteht, jeden einzelnen Arbeiter am Kragen zu packen. Die Bürokraten können nicht begreifen, dass die Arbeiter ihre eigenen Gedanken, eigenen Erfahrungen, ihren eigenen Willen und ihre eigene aktive oder passive Politik gegenüber der Partei verfolgen. Die Arbeiter stimmen für die Partei, für deren Fahne, für die Oktoberrevolution, für ihre eigene zukünftige Revolution. Doch indem sie sich weigern, in die Kommunistische Partei einzutreten oder ihr im Gewerkschaftskampf zu folgen, sagen sie damit, dass sie kein Vertrauen zu der Tagespolitik der Partei haben. Diese »Disproportion« ist folglich letzten Endes eine Form der Massen, ihr Misstrauen gegenüber der gegenwärtigen Führung der Komintern zum Ausdruck zu bringen. Dieses Misstrauen ist durch die Fehler, Niederlagen, Fälschungen und den direkten Betrug der Massen im Laufe der Jahre 1923 bis 1930 entstanden und gefestigt worden. Es stellt eines der größten Hindernisse auf dem Weg des Sieges der proletarischen Revolution dar.

Ohne inneres Selbstvertrauen wird die Partei niemals die Klasse erobern können. Ohne das Proletariat erobert zu haben, wird es ihr nicht gelingen, die kleinbürgerlichen Massen vom Faschismus loszureißen. Das eine ist untrennbar mit dem anderen verbunden.

Zurück zur »zweiten« Periode oder der »dritten« entgegen?

Wenn man die offizielle Terminologie des Zentrismus benutzen würde, so müsste man das Problem folgendermaßen formulieren: Die Führung der Komintern hat den nationalen Sektionen die Taktik der »dritten« Periode, d. h. die Taktik für den unmittelbaren revolutionären Aufschwung, gerade in einer Zeit (1928) aufgedrängt, die besonders deutliche Züge der »zweiten« Periode enthielt, d. h. einer Periode der Stabilisierung der Bourgeoisie, des Abebbens der revolutionären Welle. Die daraus entstandene Wendung von 1930 bedeutet den Verzicht auf die Taktik der »dritten« Periode zugunsten der Taktik der »zweiten« Periode. Diese Wendung hat sich aber ihren Weg über den bürokratischen Apparat erst in einem solchen Augenblick gebahnt, als die wichtigsten Symptome, wenigstens in Deutschland, bereits deutlich eine wirkliche Annäherung der »dritten« Periode anzeigten. Geht daraus nicht die Notwendigkeit einer neuen taktischen Wendung – zugunsten der eben erst verlassenen »dritten« Periode – hervor?

Wir benutzen diese Bezeichnungen, um die Problemstellung selbst für jene Kreise, deren Bewusstsein durch die Methodologie und Terminologie der zentristischen Bürokratie verkleistert ist, zugänglicher zu machen. Wir beabsichtigen aber keineswegs, uns diese Terminologie, hinter der die Vereinigung des Stalinschen Bürokratismus mit der Bucharinschen Metaphysik steckt, anzueignen. Wir lehnen die apokalyptische Vorstellung von der »dritten« Periode als einer letzten ab; die Anzahl der Perioden bis zum Sieg des Proletariats ist eine Frage des Kräfteverhältnisses und der Änderung der Lage. Das alles kann nur durch die Tat erwiesen werden. Wir lehnen das Wesen des strategischen Schematismus mit seiner Numerierung der Perioden ab, denn es gibt keine abstrakte, von vornherein festgelegte Taktik für eine »zweite« und für eine »dritte« Periode. Gewiss, man kann den Sieg und die Eroberung der Macht nicht ohne einen bewaffneten Aufstand erlangen. Aber wie kommt man zu einem bewaffneten Aufstand? Mit welchen Methoden, in welchem Tempo man die Massen mobilisieren soll, das hängt nicht nur von der objektiven Lage überhaupt ab, sondern vor allen Dingen von dem Zustand, in dem sich das Proletariat beim Eintritt der sozialen Krise im Lande befindet, von den Verhältnissen zwischen den Parteien und den Klassen, zwischen dem Proletariat und der Kleinbourgeoisie usw. Der Zustand des Proletariats am Vorabend der »dritten« Periode hängt seinerseits davon ab, welche Taktik die Partei in der vorangegangenen Periode angewandt hat.

Eine normale und natürliche Veränderung der Taktik bei der gegenwärtigen Wendung der Lage in Deutschland müsste eine Erhöhung des Tempos, eine Verschärfung der Kampfparolen und Methoden sein.

Allein diese taktische Wendung wäre nur dann normal und natürlich gewesen, wenn das Tempo und die Kampfparolen von gestern den Bedingungen der vorangegangenen Periode entsprochen hätten. Doch davon konnte keine Rede sein! Der scharfe Widerspruch zwischen der ultralinken Politik und der stabilisierten Lage war ja gerade der Grund für die taktische Wendung. Das Ergebnis war, dass in dem Augenblick, als die neue Wendung der objektiven Lage zugleich mit der ungünstigen allgemeinen Umgruppierung der politischen Kräfte dem Kommunismus einen großen Stimmengewinn brachte, die Partei strategisch und taktisch noch desorientierter, verwirrter und unklarer war als jemals zuvor.

Um diese Widersprüche zu erklären, in die die deutsche Kommunistische Partei – genauso wie die meisten anderen Sektionen der Komintern, nur noch weit tiefer – geraten ist, wollen wir einen ganz einfachen Vergleich vornehmen. Um über eine Barriere zu springen, muss man vorher einen Anlauf nehmen. Je höher die Barriere ist, umso wichtiger ist es, diesen Anlauf rechtzeitig zu beginnen, nicht zu spät und nicht zu früh, damit man sich dem Hindernis mit dem nötigen Schwung nähern kann. Die deutsche KP hat aber seit Februar 1928, besonders aber seit Juli 1929, nichts anderes getan, als Anlauf genommen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der Partei der Atem auszugehen droht und sie kaum noch die Füße vorwärtsschleppen kann. Endlich hat die Komintern »Kürzer treten!« befohlen. Kaum aber hat die außer Atem geratene Partei begonnen, normales Schritt-Tempo einzuschlagen, wird vor ihr offensichtlich die Silhouette keiner erdachten, sondern einer wirklichen Barriere sichtbar, die einen revolutionären Sprung erfordern kann. Genügt die Entfernung noch für einen Anlauf? Soll man auf die Wendung verzichten und in die entgegengesetzte Richtung laufen? Das sind die taktischen und strategischen Fragen, die sich nun in ihrer ganzen Schärfe der deutschen Partei stellen.

Damit die führenden Parteikader die richtige Antwort auf diese Frage finden können, müssen sie die Möglichkeit haben, den nächsten Wegabschnitt in Verbindung mit der gesamten Strategie der letzten Jahre und deren Folgen, die sich in den letzten Wahlen gezeigt haben, einzuschätzen. Wenn es aber umgekehrt der Bürokratie durch ihr Geschrei vom Sieg gelingt, die Stimme der Selbstkritik zu ersticken, so würde das unfehlbar das Proletariat zu einer noch schrecklicheren Katastrophe führen, als es 1923 der Fall war.

Die möglichen Varianten der weiteren Entwicklung

Die revolutionäre Situation, in der das Proletariat unmittelbar vor der Aufgabe der Machteroberung steht, setzt sich aus objektiven und subjektiven Elementen zusammen, die miteinander verbunden sind und in bedeutendem Maße voneinander abhängen. Doch diese gegenseitige Bedingtheit ist relativ. Das Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung erstreckt sich auch auf die Faktoren der revolutionären Situation. Die ungenügende Entwicklung eines der Faktoren kann dazu führen, dass entweder die revolutionäre Situation überhaupt nicht zum Ausbruch kommt, sondern im Sande verläuft, oder, wenn sie zum Ausbruch kommt, mit der Niederlage der revolutionären Klasse endet. Wie ist in dieser Beziehung die Lage in Deutschland?

1. Die tiefe nationale Krise (die Wirtschaft, die internationale Lage) ist unbedingt vorhanden. Auf dem normalen Weg des bürgerlich-parlamentarischen Regimes ist ein Ausweg nicht zu sehen.

2. Die politische Krise der herrschenden Klasse und ihres Regierungssystems ist zweifellos da. Das ist keine parlamentarische Krise, sondern eine Krise der Klassenherrschaft.

3. Die revolutionäre Klasse ist jedoch in ihrem Innern durch tiefe Widersprüche zersplittert. Die Verstärkung der revolutionären Partei auf Kosten der reformistischen befindet sich noch im Anfangsstadium und geht in einem Tempo vor sich, welches der gegenwärtigen Tiefe der Krise bei weitem nicht entspricht.

4. Das Kleinbürgertum hat bereits bei Beginn der Krise eine Stellung eingenommen, die das gegenwärtige System der Herrschaft des Kapitals bedroht, aber gleichzeitig eine tödliche Feindschaft gegenüber der proletarischen Revolution in sich birgt.

Mit anderen Worten, die wichtigsten objektiven Vorbedingungen der proletarischen Revolution sind vorhanden. Vorhanden ist eine ihrer politischen Vorbedingungen (der Zustand der regierenden Klasse). Die andere der politischen Vorbedingungen (der Zustand des Proletariats) hat erst begonnen, sich zugunsten der Revolution zu verändern und kann sich – ein Erbe der Vergangenheit – nicht rasch verändern. Die dritte politische Vorbedingung endlich (der Zustand des Kleinbürgertums) neigt sich nicht zugunsten der proletarischen Revolution, sondern zugunsten der bürgerlichen Konterrevolution. Eine Änderung dieser letzten Vorbedingung zur günstigen Seite hin kann nur durch eine radikale Änderung im Proletariat selbst erreicht werden, d. h. durch die politische Liquidierung der Sozialdemokratie.

Wir haben somit eine sehr widerspruchsvolle Lage. Der eine ihrer Faktoren stellt die proletarische Revolution auf die Tagesordnung, die anderen Faktoren dagegen schließen die Möglichkeit eines Sieges der proletarischen Revolution für die nächste Periode, d. h. ohne eine vorhergehende tiefe Veränderung im politischen Kräfteverhältnis, aus.

Theoretisch sind für die weitere Entwicklung der jetzigen Lage in Deutschland mehrere Varianten denkbar, die sowohl von objektiven Gründen, zu denen auch die Politik der Klassenfeinde gehört, wie auch von der Haltung der Kommunistischen Partei selbst abhängig sind.

Wir zeichnen hier ein Schema von vier möglichen Entwicklungsvarianten auf:

1. Die Kommunistische Partei, erschrocken vor ihrer eigenen Strategie der »dritten Periode«, geht tastend, mit äußerster Vorsicht unter Vermeidung jedes gewagten Schrittes vor und verpasst kampflos die revolutionäre Situation. Das würde eine Neuauflage der Politik Brandlers von 1921 bis 1923 bedeuten. In diese Richtung, die den Druck der Sozialdemokratie widerspiegelt, stoßen sie die Brandlerianer und Halb-Brandlerianer innerhalb und außerhalb der Partei.

2. Unter dem Einfluss des Wahlerfolges wird die Partei im Gegenteil eine neue, schroffe Wendung nach links zum direkten Kampf um die Macht vornehmen und wird als Partei der aktiven Minderheit eine katastrophale Niederlage erleiden. In diese Richtung stoßen sie der Faschismus und die Schreienden, Dummen, Gedankenlosen, Unaufgeklärten und von der Agitation des Apparats Betäubten, aber auch die Verzweiflung und Ungeduld eines Teiles der Arbeiterklasse, besonders der arbeitslosen Jugend.

3. Weiter ist es möglich, dass die Führung, sich alle Möglichkeiten offen haltend, versuchen wird, empirisch die mittlere Linie zwischen den beiden Varianten zu finden. Sie wird dabei eine Reihe neuer Fehler begehen und nur so langsam das Misstrauen des Proletariats und der halbproletarischen Massen zu überwinden beginnen, dass sich unterdessen die objektiven Bedingungen bereits nach einer für die Revolution ungünstigen Seite hin verändert haben und einer neuen Stabilisierungswelle Platz machen werden. In diese eklektische Richtung, die eine Politik des Hinter-den-Ereignissen-Herlaufens teilweise mit Abenteuern kombiniert, wird die deutsche Partei hauptsächlich durch die Stalinsche Führung in Moskau gestoßen. Diese fürchtet sich, eine klare Haltung einzunehmen und will sich von vornherein ein Alibi verschaffen, d. h. die Möglichkeit offen halten, die Verantwortung auf die »Ausführenden« – nach rechts oder nach links, je nach den Ergebnissen – abzuwälzen. Eine solche Politik, die die internationalen historischen Interessen des Proletariats im Interesse des »Prestiges« der bürokratischen Führung opfert, ist uns ausreichend bekannt. Theoretische Voraussetzungen eines solchen Kurses sind bereits in der Prawda vom 16. September enthalten.

4. Endlich die günstige, oder richtiger gesagt, die einzige günstige Möglichkeit: die deutsche Partei legt sich mit Hilfe ihrer besten, bewusstesten Elemente klare Rechenschaft über alle Widersprüche der gegenwärtigen Situation ab. Es gelingt der Partei durch eine richtige, kühne, geschmeidige Politik, noch auf der Grundlage der jetzigen Situation die Mehrheit des Proletariats zu vereinigen und eine Frontänderung der halbproletarischen und der am meisten geknechteten kleinbürgerlichen Massen zu erzwingen. Die proletarische Avantgarde, die Führerin des werktätigen und geknechteten Volkes, erringt den Sieg. Der Partei zu helfen, ihre Politik in diese Richtung zu verlegen, ist die Aufgabe der Bolschewiki-Leninisten (Linke Opposition).

Es wäre fruchtlos, raten zu wollen, welche dieser Möglichkeiten die meisten Chancen auf Verwirklichung in der nächsten Periode besitzt. Derartige Fragen werden nicht durch Rätselraten, sondern durch Kampf gelöst.

Eines der wichtigsten Elemente dieses Kampfs bildet der unversöhnliche ideologische Kampf gegen die zentristische Führung der Komintern. Aus Moskau hat man bereits das Signal für die bürokratische Prestigepolitik gegeben, die die Fehler von gestern deckt und durch ihr falsches Geschrei von dem neuen Triumph der Parteilinie die Fehler von morgen vorbereitet. Während die Prawda den Sieg der Partei ungeheuer übertreibt und die Schwierigkeiten ungeheuer verkleinert, dabei sogar die Erfolge der Faschisten als einen positiven Faktor der Revolution auslegt, macht sie aber eine kleine Einschränkung: »Die Erfolge der Partei dürfen ihr nicht zu Kopf steigen.« Die treubrüchige Politik der Stalinschen Politik bleibt sich auch hier gleich. Die Analyse der Lage wird im Geist eines unkritischen Ultralinkstums gegeben. Die Partei wird dadurch bewusst auf den Weg des Putschismus gestoßen. Zu gleicher Zeit bereitet sich Stalin mit Hilfe der rituellen Phrase über das »zu Kopf Steigen« ein Alibi vor. Gerade diese kurzsichtige und unehrliche Politik kann der deutschen Revolution den Untergang bringen.

Wo ist der Ausweg?

Wir haben weiter oben ohne jede Einschränkung und Schönfärberei eine Analyse der Schwierigkeiten und Gefahren gegeben. Sie bezieht sich ganz auf die subjektive Sphäre in der Politik, die vor allem aus den Fehlern und Verbrechen der Epigonenführung entstanden ist und die heute offensichtlich die revolutionäre Situation, die vor unseren Augen entsteht, zu sprengen droht. Die bürokratischen Beamten werden entweder vor unserer Analyse die Augen verschließen oder sie werden ihren Vorrat an Beschimpfungen erneuern. Allein es geht hier nicht um die hoffnungslosen Bürokraten, sondern um das Schicksal des deutschen Proletariats. Es gibt in der Partei, einschließlich des Apparats, genügend Leute, die beobachten und denken und die durch die zugespitzte Lage morgen gezwungen werden, mit doppeltem Eifer nachzudenken. An sie wenden wir uns auch mit unserer Analyse und unseren Schlussfolgerungen.

Jede kritische Lage birgt in sich eine Quelle von Unvorhergesehenem. Stimmungen, Ansichten und Kräfte, feindselige oder freundschaftliche, bilden sich erst im Verlauf des Prozesses der Krise selbst. Man kann sie nicht mathematisch vorausberechnen. Man muss sie im Prozess des Kampfs, durch den Kampf bewerten und auf Grund dieser lebendigen Einschätzungen die notwendigen Korrekturen an der eigenen Politik vornehmen.

Kann man im Voraus die Stärke des konservativen Widerstandes der sozialdemokratischen Arbeiter berechnen? Nein! Diese Kraft erscheint im Licht der Ereignisse der letzten Jahre gigantisch. Jedoch das Wesen der Sache besteht gerade darin, dass der Zusammenhalt der Sozialdemokratie am allermeisten durch die falsche Politik der Kommunistischen Partei begünstigt wurde, jener Politik, deren höchste Ausdrucksform die unsinnige Theorie vom Sozialfaschismus bildete. Um die wirkliche Widerstandsfähigkeit der sozialdemokratischen Reihen berechnen zu können, braucht man ein anderes Messgerät, d. h. eine richtige kommunistische Taktik. Unter dieser Bedingung – und das ist nicht zu unterschätzen – kann sich in einer verhältnismäßig kurzen Frist herausstellen, bis zu welchem Grad die Sozialdemokratie im Innern zersetzt ist.

In einer anderen Form bezieht sich das oben Gesagte auch auf den Faschismus. Neben sonstigen vorhandenen Bedingungen ist der Faschismus auf der Hefe der Sinowjew-Stalinschen Strategie aufgegangen. Wie stark ist seine Angriffskraft? Wie ist seine Widerstandsfähigkeit? Hat er bereits den Zenit erreicht, wie das uns die Berufsoptimisten versichern, oder befindet er sich erst auf der ersten Stufe? Das kann man nicht mechanisch voraussagen. Das kann man nur durch die Tat bestimmen. Gerade in Bezug auf den Faschismus, der ein Rasiermesser in den Händen des Klassenfeindes darstellt, kann eine falsche Politik der Kommunistischen Partei in sehr kurzer Frist zu fatalen Ergebnissen führen. Andererseits kann die richtige Politik, wenn auch freilich nicht in einer ganz so kurzen Frist, die Positionen des Faschismus untergraben.

Eine revolutionäre Partei ist während der Krisen eines Regimes stärker im außerparlamentarischen Massenkampf als im Rahmen des Parlamentarismus. Aber wiederum nur unter einer einzigen Bedingung: Die Partei muss die Lage richtig einschätzen und es verstehen, die lebendigen Bedürfnisse der Massen mit der Aufgabe der Eroberung der Macht zu verbinden. Das ist jetzt der Kernpunkt der ganzen Sache.

Es wäre deshalb der größte Fehler, wenn man in der gegenwärtigen Lage Deutschlands nur Schwierigkeiten und Gefahren sehen wollte. Nein, die Lage eröffnet auch ungeheure Möglichkeiten unter der Bedingung, dass man sie klar und bis zu Ende erfasst und richtig ausnutzt.

Was ist dazu notwendig?

1. Die erzwungene Wendung nach »rechts«, während die Lage eine Wendung nach »links« macht, verlangt eine besonders aufmerksame, gewissenhafte und verständnisvolle Beobachtung der weiteren Veränderung sämtlicher Faktoren der Lage.

Man muss die abstrakte Gegenüberstellung der Methoden der »zweiten« und »dritten« Periode über Bord werfen. Man muss die Situation so nehmen, wie sie ist, mit allen ihren Widersprüchen und der lebendigen Dynamik ihrer Entwicklung. Man muss sich aufmerksam an die realen Veränderungen der Lage anpassen und auf sie in der Richtung ihrer wirklichen Entwicklung einwirken, jedoch nicht nach dem Schema von Molotow und Kuusinen.

Sich in der Lage orientieren zu können, ist der wichtigste und schwierigste Teil der Aufgabe. Mit bürokratischen Methoden ist diese Aufgabe nicht zu lösen. Die Statistik, so wichtig diese an sich auch ist, ist für diesen Zweck unwichtig. Man muss tagtäglich die verborgensten Wunden des Proletariats und der Arbeitenden überhaupt untersuchen. Man muss nicht nur lebendige und packende Losungen aufstellen, sondern auch darauf achten, welchen Widerhall sie in den Massen finden. Das kann man nur durch eine aktive Partei erreichen, die überallhin ihre Zehntausende Fühlhörner ausstreckt, Erkenntnisse sammelt, über alle Fragen diskutiert und aktiv ihre kollektive Ansicht herausarbeitet.

2. Untrennbar ist damit die Frage des Parteiregimes verbunden. Leute, die ganz unabhängig vom Vertrauen oder Misstrauen der Partei von Moskau ernannt werden, vermögen nicht die Massen zum Sturm auf die kapitalistische Gesellschaft zu führen. Je künstlicher das gegenwärtige Regime ist, desto tiefer wird seine Krise in den Tagen und Stunden der Entscheidung sein. Die wichtigste und unaufschiebbarste von allen »Wendungen« betrifft die Änderung des Parteiregimes. Das ist eine Frage auf Leben und Tod.

3. Die Änderung des Regimes ist eine Voraussetzung des Kurswechsels und gleichzeitig eine Folge davon. Das eine ist ohne das andere undenkbar. Die Partei muss sich von der Atmosphäre der Lüge, der Halbheiten, des Verschweigens der wirklichen Nöte, der Verherrlichung von Scheinwerten, mit einem Wort, von der verderblichen Atmosphäre des Stalinismus loslösen, die nicht durch ideologische und politische Autorität gebildet wird, sondern durch die materielle Abhängigkeit des Apparates und die aus ihr folgenden Methoden des Kommandierens.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Befreiung der Partei aus der bürokratischen Gefangenschaft bildet die generelle Überprüfung der »Generallinie« der deutschen Leitung, angefangen mit dem Jahre 1923, sogar mit den Märztagen 1921. Die Linke Opposition veröffentlichte in einer Reihe von Dokumenten und theoretischen Arbeiten ihre Einschätzung sämtlicher Etappen der unglückseligen Politik der Komintern. Diese Kritik muss zum Allgemeinbesitz der Partei werden. Es darf ihr nicht gelingen, ihr auszuweichen oder sie zu verschweigen. Die Partei wird sich niemals zu dem Niveau ihrer großen Aufgaben erheben, wenn sie nicht ganz offen ihr Heute im Lichte ihrer Vergangenheit einschätzt.

4. Wenn die Kommunistische Partei, trotz der ausnehmend günstigen Bedingungen, sich als zu schwach erwiesen hat, das Gebäude der Sozialdemokratie mit Hilfe der Formel des »Sozialfaschismus« zu erschüttern, so bedroht der wirkliche Faschismus jetzt dieses Gebäude bereits nicht nur durch Pseudoformeln des Wortradikalismus, sondern auch durch chemische Formeln für Sprengstoffe. Mag jene Feststellung, dass die Sozialdemokratie durch ihre gesamte Politik das Aufblühen des Faschismus vorbereitet, noch so richtig sein, nicht weniger richtig bleibt es, dass der Faschismus eine tödliche Bedrohung vor allem für die Sozialdemokratie selbst ist, deren ganze Herrlichkeit untrennbar mit den parlamentarisch-demokratisch-pazifistischen Formen und Methoden des Staates verbunden ist.

Dass die Führer der Sozialdemokratie und eine dünne Schicht der Arbeiteraristokratie den Triumph des Faschismus der revolutionären Diktatur des Proletariats vorziehen werden, darüber kann gar kein Zweifel bestehen. Doch gerade das Herannahen einer solchen Entscheidung bringt die sozialdemokratische Führung vor den Augen ihrer eigenen Arbeiter in außerordentliche Schwierigkeiten. Die Politik der Einheitsfront der Arbeiter gegen den Faschismus ergibt sich zwingend aus der ganzen Lage. Sie eröffnet der Kommunistischen Partei ungeheure Möglichkeiten. Bedingung für den Erfolg wäre der Verzicht auf die Theorie und die Praxis des »Sozialfaschismus«, deren Schädlichkeit unter den gegenwärtigen Bedingungen direkt zur Katastrophe führt.

Die soziale Krise muss unfehlbar zu tiefen Rissen innerhalb der Sozialdemokratie führen. Die Radikalisierung der Massen wird auch die sozialdemokratischen Massen erfassen, lange bevor diese aufhören, Sozialdemokraten zu sein. Wir werden unfehlbar gezwungen werden, mit verschiedenen sozialdemokratischen Organisationen und Fraktionen Abmachungen gegen den Faschismus abzuschließen, indem wir dabei den Führern vor dem Angesicht der Massen bestimmte Bedingungen stellen werden. Nur erschrockene Opportunisten, die gestrigen Bundesgenossen von Purcell und Cook, von Chiang Kai-sheck und Wang Jingwei, können sich im Voraus durch eine formelle Verpflichtung gegen derartige Abmachungen binden. Man muss von der leeren bürokratischen Phrase von der Einheitsfront zur Politik der Einheitsfront zurückkehren, wie sie von Lenin formuliert und ständig von den Bolschewiki angewandt worden ist, besonders 1917.

5. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist einer der wichtigsten Bestandteile der politischen Krise. Der Kampf gegen die kapitalistische Rationalisierung und für den Sieben-Stunden-Tag bleibt voll und ganz auf der Tagesordnung. Jedoch nur die Losung einer umfassenden und planmäßigen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion kann diesen Kampf auf die Höhe der revolutionären Aufgaben bringen. In der Programmdeklaration zu den Wahlen erklärt das Zentralkomitee der deutschen Partei, dass die Kommunisten nach der Machtergreifung eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der UdSSR herstellen werden. Das ist völlig klar. Doch man kann eine historische Perspektive nicht den politischen Aufgaben des heutigen Tages gegenüberstellen. Man muss die Arbeiter, und in erster Linie die Arbeitslosen, schon heute unter der Parole einer breiten wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetrepublik mobilisieren. Der Gosplan (sowjetische Behörde zur Ausarbeitung des Staatsplanes) muss unter Teilnahme der deutschen Kommunisten und Gewerkschaften einen Plan der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ausarbeiten, der von der jetzigen Arbeitslosigkeit ausgehend zu einer allseitigen Kooperation führen und alle Hauptgebiete der Wirtschaft umfassen muss. Die Aufgabe besteht nicht darin, dass man verspricht, nach der Machtergreifung die Wirtschaft umzubauen, sondern darin, dass man die Macht ergreift. Die Aufgabe besteht nicht darin, dass man eine Zusammenarbeit von Sowjet-Deutschland mit der UdSSR verspricht, sondern darin, dass man heute die Arbeitermassen für diese Zusammenarbeit gewinnt, indem man diese eng mit der Krise und der Arbeitslosigkeit verbindet und diese Zusammenarbeit im weiteren Verlauf zu einem gigantischen Plan des sozialistischen Umbaus der beiden Länder umwandelt.

6. Die politische Krise in Deutschland stellt das Regime von Versailles in Frage. Das Zentralkomitee der deutschen Kommunistischen Partei erklärt, dass das deutsche Proletariat nach der Machtergreifung den Vertrag von Versailles zerreißen wird. Ist das alles? Das Zerreißen des Versailler Vertrags als die höchste Errungenschaft der proletarischen Revolution! Was wird man aber an seine Stelle setzen? Darüber wird kein Wort gesagt! Solche negative Aussage nähert die Partei dem National-Sozialismus an. Die Vereinigten Sowjetstaaten von Europa – das ist die einzig richtige Losung, die den Ausweg aus der europäischen Zerrissenheit zeigt, die nicht nur Deutschland allein, sondern das gesamte Europa mit dem völligen wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang bedroht.

Die Losung der proletarischen Vereinigung Europas bildet gleichzeitig eine sehr wichtige Waffe im Kampf gegen den niederträchtigen faschistischen Chauvinismus, gegen die Frankreich-Hetze usw. Am verkehrtesten und gefährlichsten ist eine Politik, die in der passiven Anpassung an den Feind besteht. Den Losungen der nationalen Verzweiflung, der nationalen Besessenheit muss man die Parolen des internationalen Auswegs entgegenstellen. Aber dazu ist es notwendig, dass man die eigene Partei von dem Gift des National-Sozialismus reinigt, dessen wichtigstes Element die Theorie vom Sozialismus in einem Lande ist.

Um alles oben Gesagte auf eine einfache Formel zu bringen, stellen wir die Frage folgendermaßen: Soll die Taktik der Kommunistischen Partei in der nächsten Periode unter dem Zeichen der Verteidigung oder des Angriffs geführt werden? Wir antworten: der Verteidigung.

Wenn der Zusammenstoß heute infolge eines Angriffs der Kommunistischen Partei erfolgen sollte, so würde sich die proletarische Avantgarde an dem Block des Staates mit dem Faschismus den Kopf einrennen, weil die Mehrheit der Arbeiterklasse sich erschrocken und unschlüssig neutral verhält und der Faschismus von Seiten der Mehrheit des Kleinbürgertums unterstützt wird. Die Position der Verteidigung bedeutet die Politik der Annäherung an die Mehrheit der deutschen Arbeiterklasse und die Einheitsfront mit den sozialdemokratischen und parteilosen Arbeitermassen gegen die faschistische Gefahr.

Diese Gefahr zu leugnen, zu verkleinern oder leichtsinnig zu behandeln, wäre das größte Verbrechen, das man jetzt an der proletarischen Revolution in Deutschland begehen könnte.

Was würde die Kommunistische Partei »verteidigen«? Die Weimarer Verfassung? Nein, diese Aufgabe überlassen wir Brandler. Die Kommunistische Partei muss zur Verteidigung jener materiellen und geistigen Positionen aufrufen, die das Proletariat in Deutschland bereits errungen hat. Es geht unmittelbar um das Schicksal seiner politischen Organisationen, seiner Gewerkschaften, seiner Zeitungen und Druckereien, seiner Heime und Bibliotheken usw. Der kommunistische Arbeiter muss zum sozialdemokratischen Arbeiter sagen: »Die Politik unserer Parteien ist unversöhnlich; doch wenn die Faschisten heute nacht kommen werden, um die Räume deiner Organisation zu zerstören, so werde ich mit der Waffe in der Hand dir zu Hilfe kommen. Versprichst du, dass du, wenn die Gefahr meine Organisation bedrohen wird, ebenfalls zu Hilfe kommen wirst?« Das ist die Quintessenz der Politik der gegenwärtigen Periode. Die gesamte Agitation muss auf diesen Ton abgestimmt sein.

Je hartnäckiger, ernster und überlegter wir diese Agitation führen werden – ohne Geschrei und Prahlerei, die dem Arbeiter so schnell über werden – je sachlicher die organisatorischen Verteidigungsmaßnahmen sein werden, die wir in jedem Betrieb, in jedem Arbeiterviertel und Bezirk vorschlagen, um so weniger Gefahr ist vorhanden, dass der Angriff der Faschisten uns überraschen wird, um so mehr Sicherheit besteht, dass dieser Angriff die Arbeiterreihen zusammenschweißen und nicht spalten wird.

Gerade die Faschisten werden dank ihres schwindelnden Erfolges und dank des kleinbürgerlichen, undisziplinierten Bestandes ihrer Armee in der nächsten Zeit geneigt sein, sich in ihrem Angriff zu übernehmen. Mit ihnen jetzt auf diesem Wege zu konkurrieren, wäre nicht nur hoffnungslos, sondern auch auf den Tod gefährlich. Im Gegenteil, je mehr die Faschisten in den Augen der sozialdemokratischen Arbeiter und der werktätigen Massen überhaupt als der angreifende Teil erscheinen und wir als die Verteidiger, umso größer werden unsere Chancen sein, nicht nur den Angriff der Faschisten niederzuschlagen, sondern auch unsererseits zu einem erfolgreichen Angriff überzugehen. Die Abwehr muss wachsam, aktiv und kühn sein. Der Stab muss das gesamte Schlachtfeld überblicken und alle Änderungen vorausberechnen, um nicht den neuen Umschwung der Lage zu verpassen und, wenn es erforderlich sein wird, das Signal zum Gegenangriff zu geben.

Es gibt Strategen, die stets und unter jeder Bedingung für die Verteidigung sind. Zu ihnen gehören z. B. die Brandlerianer. Doch sich dadurch, dass sie, die Brandlerianer, auch heute ebenfalls von Verteidigung sprechen, in Verlegenheit bringen zu lassen, wäre die reinste Kinderei: Sie machen das immer. Die Brandlerianer sind eines der Sprachrohre der Sozialdemokratie. Unsere Aufgabe besteht darin, dass wir, nachdem wir uns den sozialdemokratischen Arbeitern auf der Grundlage der Verteidigung genähert haben, sie zum entscheidenden Angriff führen. Die Brandlerianer sind dazu absolut unfähig. In dem Augenblick, wenn die Kräfteverhältnisse sich radikal zugunsten der proletarischen Revolution ändern werden, werden die Brandlerianer wiederum Ballast und Bremse derselben sein. Die Politik der Verteidigung, die auf eine Annäherung an die sozialdemokratischen Massen zielt, bedeutet darum auf keinen Fall eine Abschwächung der Widersprüche gegenüber dem Stab der Brandlerianer, hinter dem keine Massen stehen und niemals stehen werden.

In Verbindung mit den oben charakterisierten Kräftegruppierungen und Aufgaben der proletarischen Avantgarde erhalten die Methoden der physischen Verfolgung und Vernichtung, die die Stalinsche Bürokratie in Deutschland und den anderen Ländern in Bezug auf die Bolschewiki-Leninisten anwendet, eine ganz besondere Bedeutung. Das ist ein direkter Hilfsdienst für die sozialdemokratische Polizei und für die Stoßbanden des Faschismus. Diese Methoden, welche von Grund auf den Traditionen der proletarischen Bewegung widersprechen, entsprechen umso mehr dem Geist der kleinbürgerlichen Beamten, die von oben gesicherte Gehälter bekommen und am meisten befürchten, diese bei der Einführung der Parteidemokratie zu verlieren. Gegen die stalinistischen Niederträchtigkeiten ist eine breite Aufklärungsarbeit erforderlich, welche möglichst konkret die Rolle der unwürdigen Beamten des Parteiapparates entlarvt. Die Erfahrung der UdSSR und der anderen Länder bezeugt, dass gerade jene Herrschaften gegen die Linke Opposition mit größter Heftigkeit kämpfen, welche ihre Sünden und Verbrechen vor den hohen Vorgesetzten verbergen müssen: Veruntreuung öffentlicher Gelder, Missbrauch der Amtsgewalt oder einfach völlige Unfähigkeit. Es ist ganz klar, dass die Entlarvung der Gewalttätigkeiten des Stalinschen Apparates gegen die Bolschewiki-Leninisten um so erfolgreicher sein wird, je breiter wir unsere allgemeine Agitation auf der Grundlage der oben geschilderten Aufgaben entfalten.

Wir haben die Frage der taktischen Wendung der Komintern ausschließlich im Licht der Lage in Deutschland betrachtet. Denn erstens stellt die deutsche Krise jetzt die deutsche Kommunistische Partei wiederum ins Zentrum der Aufmerksamkeit der internationalen proletarischen Avantgarde und zweitens treten im Licht dieser Krise alle Probleme mit besonderer Schärfe hervor. Es wäre aber nicht schwer zu zeigen, dass das hier Gesagte mehr oder weniger auch auf andere Länder zutrifft.

In Frankreich sind alle Formen des Klassenkampfs nach dem Krieg von einem ungleich weniger scharfen und ausgeprägten Charakter als in Deutschland. Im Allgemeinen ist aber die Entwicklungstendenz dieselbe, ganz abgesehen davon, dass das Schicksal Frankreichs unmittelbar vom Schicksal Deutschlands abhängt. Die Wendung der Komintern hat jedenfalls einen universellen Charakter. Die französische Kommunistische Partei, die Molotow bereits 1928 zur ersten Kandidatin für die Machtergreifung erklärte, verfolgte in den letzten beiden Jahren eine vollkommen selbstmörderische Politik. Sie hat insbesondere den wirtschaftlichen Aufschwung verpasst. Die taktische Wendung in Frankreich wurde gerade in jenem Augenblick verkündet, als die wirtschaftliche Belebung offensichtlich durch die Krise abgelöst wurde. Somit stehen die gleichen Widersprüche, Schwierigkeiten und Aufgaben, von denen wir bezüglich Deutschland gesprochen haben, auch in Frankreich auf der Tagesordnung.

Die Wendung der Komintern stellt in Verbindung mit der Änderung der Lage die Linke Kommunistische Opposition vor neue und äußerst wichtige Aufgaben. Ihre Kräfte sind nicht groß. Doch jede Bewegung wächst mit ihrer Aufgabe. Diese genau zu erkennen, heißt, eine der wichtigsten Bedingungen für den Sieg zu erfüllen.

Soll der Faschismus wirklich siegen?

Deutschland – der Schlüssel zur internationalen Lage

November 1931

Das Ziel der vorliegenden Zeilen ist anzudeuten – wenn auch in ganz allgemeinen Zügen –, wie sich im gegenwärtigen Moment die politische Weltlage als Ergebnis der grundlegenden Gegensätze des Verfallskapitalismus zusammensetzt, verwickelt und verschärft durch die furchtbare Handels-, Industrie- und Finanzkrise. Die nachstehenden flüchtig skizzierten Erwägungen, die bei weitem nicht alle Seiten und alle Fragen umfassen, sind für eine weitere ernste kollektive Bearbeitung gedacht.

1. Die spanische Revolution hat die allgemeinen politischen Voraussetzungen für den unmittelbaren Machtkampf des Proletariats geschaffen. Die syndikalistischen Traditionen des spanischen Proletariats haben sich sogleich als eins der hauptsächlichsten Hindernisse auf dem Entwicklungsweg der Revolution gezeigt. Die Komintern wurde von den Ereignissen überrascht. Die beim Einsetzen der Revolution vollkommen machtlose Kommunistische Partei bezog in allen Grundfragen eine falsche Position. Die spanische Erfahrung hat gezeigt – wieder sei daran erinnert –, welch furchtbare Waffe zur Desorientierung des revolutionären Bewusstseins der fortgeschrittenen Arbeiter die gegenwärtige Kominternführung darstellt! Das außerordentliche Zurückbleiben der proletarischen Avantgarde hinter den Ereignissen, die politische Zersplitterung des heroischen Kampfs der Arbeitermassen, die faktische gegenseitige Ergänzung zwischen Anarchosyndikalismus und Sozialdemokratie – das sind die grundlegenden politischen Bedingungen, die der republikanischen Bourgeoisie im Bündnis mit der Sozialdemokratie die Möglichkeit gaben, einen Unterdrückungsapparat zu errichten und, indem sie den aufständischen Massen Schlag auf Schlag versetzt, in den Händen der Regierung eine bedeutende politische Macht zu konzentrieren.

An diesem Beispiel sehen wir, dass der Faschismus durchaus nicht das einzige Mittel der Bourgeoisie im Kampf gegen die revolutionären Massen darstellt. Das augenblicklich in Spanien herrschende Regime entspricht am meisten dem Begriff der Kerenskiade, d. h. der letzten (oder »vorletzten«) »linken« Regierung, die von der Bourgeoisie im Kampf gegen die Revolution errichtet werden kann. Aber eine solche Regierungsart bedeutet durchaus nicht unbedingt Schwäche und Entkräftung. Beim Fehlen einer starken revolutionären Partei des Proletariats kann eine Kombination von Halbreformen, linken Phrasen, noch linkeren Gesten und von Repressionen der Bourgeoisie einen wirkungsvolleren Dienst erweisen als der Faschismus.

Unnötig zu sagen, dass die spanische Revolution noch nicht abgeschlossen ist. Sie hat ihre elementarsten Aufgaben nicht gelöst (Agrar-, Kirchen-, nationale Frage) und noch lange nicht die revolutionären Hilfsquellen der Volksmassen erschöpft. Die bürgerliche Revolution wird nicht mehr geben können, als sie gegeben hat. In Bezug auf die proletarische Revolution hingegen kann die gegenwärtige innere Lage in Spanien vorrevolutionär genannt werden, aber nicht mehr als das. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die fortschreitende Entwicklung der spanischen Revolution einen mehr oder minder schleppenden Charakter annehmen wird. Damit eröffnet der historische Prozess dem spanischen Kommunismus gleichsam neuen Kredit.

2. Die Lage Englands kann man gleichfalls mit gewisser Berechtigung vorrevolutionär nennen, wenn man sich nur klar darüber einigt, dass zwischen der vorrevolutionären und der unmittelbar revolutionären Situation eine Periode von mehreren Jahren verstreichen kann, mit Teilfluten und –ebben. Englands ökonomische Lage hat die äußerste Zuspitzung erfahren. Doch der politische Überbau dieses erzkonservativen Landes bleibt außerordentlich hinter den Veränderungen der ökonomischen Basis zurück. Bevor sie neue politische Formen und Methoden in Gang setzen, versuchen die Klassen der englischen Nation wieder und wieder, die alten Vorratskammern zu durchstöbern, die alten großväterlichen und großmütterlichen Gewänder zu wenden und ähnliches. Tatsache ist, dass in England trotz des furchtbaren nationalen Verfalls immer noch weder eine bedeutende revolutionäre Partei noch ihr Antipode – die faschistische Partei – besteht. Dank dieses Umstands erhielt die Bourgeoisie die Möglichkeit, die Mehrheit des Volkes unter dem »nationalen« Banner zu mobilisieren, d. h. unter der hohlsten aller möglichen Parolen. In der vorrevolutionären Situation hat der beschränkteste Konservatismus die überragende politische Vorherrschaft erlangt. Zur Anpassung des politischen Überbaus an die reale wirtschaftliche und internationale Lage des Landes wird aller Wahrscheinlichkeit nach mehr als ein Monat, vielleicht mehr als ein Jahr erforderlich sein.

Es besteht kein Grund zur Annahme, dass der Zusammenbruch des »nationalen« Blocks – und dieser Zusammenbruch ist in verhältnismäßig naher Zukunft unvermeidlich – unmittelbar entweder zur proletarischen Revolution (eine andere Revolution kann es selbstverständlich in England nicht geben) oder zum Sieg des »Faschismus« führen wird. Im Gegenteil, es ist mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass auf dem Weg zur revolutionären Lösung England noch durch eine lange Periode der radikal-demokratisch-sozial-pazifistischen Demagogie, der Lloyd-Georgiade und des Labourismus hindurchgehen wird. Man kann somit nicht daran zweifeln, dass Englands historische Entwicklung dem britischen Kommunismus noch eine bedeutende Frist gewähren wird, sich bis zu dem Moment in die wirkliche Partei des Proletariats zu verwandeln, da die Lösung nahegerückt sein wird. Daraus ergibt sich allerdings nicht, dass man auch weiterhin Zeit verlieren kann mit schädlichen Experimenten und zentristischen Zickzacks. In der gegenwärtigen Weltlage ist Zeit die teuerste Sorte Rohstoff.

3. Frankreich, das die Weisen der Komintern vor eineinhalb Jahren »in die vorderste Reihe des revolutionären Aufschwungs« gestellt haben, ist in Wirklichkeit das konservativste Land nicht nur Europas, sondern wohl der ganzen Welt. Die verhältnismäßige Beständigkeit des kapitalistischen Regimes Frankreichs wurzelt in bedeutendem Maße in seiner Rückständigkeit. Die Krise äußert sich hier schwächer als in anderen Ländern. Auf finanziellem Gebiet will Paris sogar New York gleichkommen. Der gegenwärtige finanzielle »Wohlstand« Frankreichs hat seine unmittelbare Quelle in dem Versailler Raubzug. Aber gerade der Versailler Frieden birgt die hauptsächlichste Gefahr für das ganze Regime der französischen Republik in sich. Zwischen Frankreichs Bevölkerungszahl, Produktionskräften und Nationaleinkommen einerseits, seiner gegenwärtigen internationalen Lage andererseits besteht ein schreiender Widerspruch, der unvermeidlich zur Explosion führen wird. Um seine kurzlebige Hegemonie zu wahren, ist das »nationale« wie das radikalsozialistische Frankreich gezwungen, sich in der ganzen Welt auf die reaktionärsten Kräfte zu stützen, auf die uralten Ausbeutungsformen, die abscheuliche rumänische Clique, das ruchlose Pilsudski-Regime, auf die Diktatur der jugoslawischen Soldateska; gezwungen, die Zerstückelung der deutschen Nation (Deutschland und Österreich) aufrechtzuerhalten, den polnischen Korridor in Deutschland zu belassen, der japanischen Intervention in der Mandschurei Beihilfe zu leisten, die japanische Militärclique gegen die UdSSR zu stoßen, als Hauptfeind der Befreiungsbewegung der Kolonialvölker aufzutreten usw. usw. Der Widerspruch zwischen Frankreichs zweitrangiger Rolle in der Weltwirtschaft und seinen ungeheuerlichen Vorrechten und Ansprüchen in der Weltpolitik wird sich mit jedem Monat immer deutlicher offenbaren, Gefahr auf Gefahr häufen, die innere Beständigkeit erschüttern, Besorgnis und Unzufriedenheit der Volksmassen erwecken und immer tiefere politische Verschiebungen hervorrufen. Diese Prozesse werden sich zweifellos schon bei den kommenden Parlamentswahlen äußern.

Andererseits aber zwingt alles zu der Annahme, dass, sollten sich nicht große Ereignisse außerhalb des Landes vollziehen (Sieg der Revolution in Deutschland oder das Gegenteil: Sieg des Faschismus), die Entwicklung der inneren Verhältnisse Frankreichs selbst in der nächsten Periode verhältnismäßig »normal« verlaufen wird. Daraus erwächst dem Kommunismus die Möglichkeit, eine bedeutende Vorbereitungsperiode bis zum Eintritt der vorrevolutionären und revolutionären Situation zu seiner Festigung auszunützen.

4. In den Vereinigten Staaten, dem mächtigsten Land des Kapitals, hat die gegenwärtige Krise mit erdrückender Gewalt furchtbare soziale Widersprüche bloßgelegt. Von einer nie dagewesenen Periode der Prosperität, die die ganze Welt durch ein Feuerwerk von Millionen und Milliarden in Erstaunen setzte, sind die Vereinigten Staaten mit einem Mal in eine Periode der Millionenarbeitslosigkeit, des schrecklichsten physischen Elends der Arbeitenden eingetreten. Eine derart gigantische soziale Erschütterung kann nicht spurlos an der politischen Entwicklung des Landes vorübergehen. Heute lässt sich zumindest aus der Ferne schwer irgendeine bedeutende Radikalisierung der amerikanischen Arbeitermassen feststellen. Man kann annehmen, dass die Massen selbst durch den katastrophalen Umschwung der Konjunktur so sehr überrascht sind, so niedergedrückt und betäubt durch Arbeitslosigkeit oder die Angst vor Arbeitslosigkeit, dass sie die elementarsten Folgerungen aus dem über sie hereingebrochenen Elend noch nicht zu ziehen vermochten. Dazu ist eine gewisse Zeit erforderlich. Aber die Folgerungen werden gezogen werden. Die gewaltige ökonomische Krise, die den Charakter einer sozialen Krise angenommen hat, wird unvermeidlich in eine Krise des politischen Bewusstseins der amerikanischen Arbeiterklasse umschlagen. Es ist durchaus möglich, dass die revolutionäre Radikalisierung der breiten Arbeiterschichten sich nicht in der Periode des größten Konjunkturniedergangs, sondern während der Wendung zu Belebung und Aufschwung äußern wird. So oder so, im Leben des amerikanischen Proletariats und des ganzen Volkes wird die gegenwärtige Krise eine neue Epoche eröffnen. Ernste Verschiebungen und Raufereien unter den regierenden Parteien, neue Versuche zur Schaffung einer dritten Partei usw. sind zu erwarten. Die Gewerkschaftsbewegung wird bei den ersten Anzeichen des Konjunkturumschwunges nach oben scharf die Notwendigkeit empfinden, sich den Klauen der niederträchtigen Bürokratie der American Federation of Labor zu entwinden. Zugleich erschließen sich dem Kommunismus unübersehbare Möglichkeiten.

In der Vergangenheit hat Amerika mehr als einmal stürmische Ausbrüche revolutionärer oder halbrevolutionärer Bewegungen gekannt. Sie sind jedes Mal rasch verloschen, sowohl, weil Amerika jedes Mal in einen neuen Abschnitt stürmischen ökonomischen Aufschwungs eintrat, als auch deshalb, weil die Bewegungen an sich durch groben Empirismus und durch theoretische Hilflosigkeit charakterisiert waren. Diese beiden Bedingungen gehören der Vergangenheit an. Ein neuer ökonomischer Aufschwung (und man kann ihn nicht von vornherein für ausgeschlossen halten) wird sich nicht auf das innere »Gleichgewicht« stützen müssen, sondern auf das gegenwärtige ökonomische Weltchaos. Der amerikanische Kapitalismus tritt in die Epoche eines ungeheuerlichen Imperialismus ein, des ununterbrochenen Wachstums der Rüstung, der Einmischung in die Angelegenheiten der ganzen Welt, militärischer Konflikte, Erschütterungen. Andererseits verfügen die Massen des amerikanischen Proletariats nicht mehr bloß über das alte Gemisch von Empirie, Mystik und Scharlatanerie, sondern mit dem Kommunismus über eine wissenschaftlich begründete Doktrin, die auf der Höhe der Ereignisse steht – besser, unter der Voraussetzung einer richtigen Politik können sie darüber verfügen. Diese grundlegenden Veränderungen gestatten mit Gewissheit vorauszusehen, dass der unvermeidliche und verhältnismäßig rasche revolutionäre Umschwung im amerikanischen Proletariat nicht mehr das frühere leicht verlöschende »Strohfeuer« sein wird, sondern der Beginn eines wirklichen revolutionären Brandes. Der Kommunismus kann in Amerika mit Gewissheit einer großen Zukunft entgegengehen.

5. Das zaristische Abenteuer in der Mandschurei hat zum russisch-japanischen Krieg geführt; der Krieg – zur Revolution von 1905. Das jetzige japanische Abenteuer in der Mandschurei kann zur Revolution in Japan führen.

Das feudal-militaristische Regime dieses Landes konnte zu Beginn dieses Jahrhunderts noch mit Erfolg den Interessen des jungen japanischen Kapitalismus dienen. Doch im Lauf des letzten Vierteljahrhunderts trug die kapitalistische Entwicklung eine außerordentliche Zersetzung in die alten sozialen und politischen Formen hinein. Japan war bereits einige Mal seit jener Zeit auf die Revolution zugegangen. Aber dieser fehlte eine starke revolutionäre Klasse, um die von der Entwicklung gestellten Aufgaben zu erfüllen. Das mandschurische Abenteuer kann die revolutionäre Katastrophe des japanischen Regimes beschleunigen.

Das heutige China, so geschwächt es durch die Diktatur der Guomindang-Cliquen auch sei, unterscheidet sich tief von jenem China, das Japan im Gefolge der europäischen Staaten in der Vergangenheit vergewaltigt hatte. Chinas Kräfte reichen nicht aus, um die japanischen Expeditionstruppen sofort herauszudrängen, aber nationales Bewusstsein und Aktivität des chinesischen Volkes sind außerordentlich gewachsen; Hunderttausende, Millionen Chinesen haben eine militärische Schulung durchgemacht. Die Chinesen werden immer neue und neue Armeen improvisieren. Die Japaner werden sich belagert fühlen. Die Eisenbahnen werden weitaus mehr Kriegs- als Wirtschaftszwecken dienen. Man wird immer neue und neue Truppen senden müssen. Die sich ausbreitende mandschurische Expedition wird Japans Wirtschaftsorganismus zu erschöpfen beginnen, die Unzufriedenheit innerhalb des Landes vergrößern, die Widersprüche verschärfen und damit die revolutionäre Krise beschleunigen.

6. In China wird die Notwendigkeit entschlossener Abwehr des imperialistischen Einbruchs ebenfalls ernste innere politische Folgen nach sich ziehen. Das Guomindang-Regime ist aus der nationalrevolutionären Massenbewegung entstanden, die von den bürgerlichen Militaristen (unter Beistand der stalinistischen Bürokratie) ausgenutzt und erdrosselt wurde. Gerade deshalb ist das gegenwärtige Regime – widerspruchsvoll und wankend – unfähig zu kriegsrevolutionärer Initiative. Die Notwendigkeit der Abwehr der japanischen Gewalttäter wird sich immer mehr gegen das Guomindang-Regime selbst wenden und die revolutionäre Stimmung der Massen nähren. Unter diesen Bedingungen kann die proletarische Avantgarde bei richtiger Politik das nachholen, was so tragisch im Lauf der Jahre 1924 bis 1927 versäumt worden ist.

7. Die jüngsten Ereignisse in der Mandschurei zeigen besonders deutlich, wie naiv jene Herren waren, die von der Sowjetregierung die Rückgabe der Ostchinesischen Bahn an China verlangten. Das hätte geheißen, sie freiwillig Japan auszuliefern, in deren Händen die Bahn eine wichtige Waffe gegen China wie gegen die UdSSR geworden wäre. Wenn bisher irgendetwas die Militärcliquen Japans von der Intervention zurückgehalten hat und sie noch jetzt in vorsichtigen Grenzen hält, so ist es die Tatsache, dass die Ostchinesische Bahn Eigentum der Sowjets ist.

8. Kann jedoch das mandschurische Abenteuer nicht zum Krieg mit der UdSSR führen? Selbstverständlich ist dies sogar bei klügster und vorsichtigster Politik der Sowjetregierung nicht ausgeschlossen. Die inneren Widersprüche des feudal-kapitalistischen Japan haben seine Regierung offenkundig aus dem Gleichgewicht gebracht. Und aus der historischen Erfahrung des Zarismus im Fernen Osten wissen wir, wessen die aus dem Gleichgewicht geratene militär-bürokratische Monarchie fähig ist.

Der im Fernen Osten sich entspinnende Kampf wird natürlich nicht um der Eisenbahn willen, sondern um die Frage nach dem Schicksal ganz Chinas geführt. In diesem gigantischen historischen Kampf kann die Sowjetregierung nicht neutral bleiben, sich nicht in gleicher Weise zu China wie zu Japan stellen. Sie ist verpflichtet, ganz und gar auf Seiten des chinesischen Volkes zu stehen. Nur die unerschütterliche Treue der Sowjetregierung zum Befreiungskampf der unterdrückten Völker kann die Sowjetunion wirklich von Osten her schützen gegen Japan, England, Frankreich und die Vereinigten Staaten.

In welchen Formen die Sowjetregierung in der kommenden Periode den Kampf des chinesischen Volkes unterstützen wird, hängt von den konkreten historischen Umständen ab. Allein wäre es früher unsinnig gewesen, freiwillig die Ostchinesische Bahn Japan auszuliefern, so wäre es ebenso unsinnig, die gesamte Politik im Fernen Osten der Ostchinesischen Bahn unterzuordnen. Viel spricht dafür, dass das Vorgehen der japanischen Militärclique in dieser Frage bewusst provokatorischen Charakter trägt. Hinter dieser Provokation steht unmittelbar das herrschende Frankreich. Ziel der Provokation ist, die Sowjetunion im Osten zu binden. Umso mehr Haltung und Umsicht ist seitens der Sowjetregierung erforderlich.

Die wesentlichen Bedingungen des Ostens – gewaltige Flächen, unzählige Menschenmassen, ökonomische Rückständigkeit – verleihen allen Prozessen einen langsamen, schleppenden, schleichenden Charakter. Eine unmittelbare oder akute Gefahr droht der Existenz der Sowjetunion vom Fernen Osten her jedenfalls nicht. Die wichtigsten Ereignisse werden sich in der nächsten Zeit in Europa entfalten. Hier können sich große Möglichkeiten eröffnen, von hier aber drohen auch große Gefahren. Vorderhand hat im Fernen Osten nur Japan seine Hände gebunden. Die Sowjetunion muss sich für den Augenblick freie Hand bewahren.

9. Vor dem durchaus nicht friedlichen politischen Welthintergrund hebt sich grell die Lage Deutschlands ab. Die ökonomischen und politischen Widersprüche haben hier eine unerhörte Schärfe erreicht. Die Lösung rückt heran. Es nähert sich der Moment, wo die vorrevolutionäre Situation umschlagen muss in die revolutionäre oder – die konterrevolutionäre. In welcher Richtung sich die Lösung der deutschen Krise entwickeln wird, davon wird auf viele, viele Jahre hinaus nicht nur das Schicksal Deutschlands selbst, sondern das Schicksal Europas, das Schicksal der ganzen Welt abhängen.

Der sozialistische Aufbau in der UdSSR, der Verlauf der spanischen Revolution, die Entwicklung der vorrevolutionären Situation in England, das weitere Schicksal des französischen Imperialismus – all das läuft direkt und unmittelbar auf die Frage hinaus, wer im Lauf der nächsten Monate in Deutschland siegen wird: Kommunismus oder Faschismus?

10. Nach den vorjährigen Reichstagswahlen behauptete die Leitung der deutschen Kommunistischen Partei, der Faschismus habe seinen Kulminationspunkt erreicht, von nun an werde er rasch verfallen und der proletarischen Revolution die Bahn freigeben. Die Linke Kommunistische Opposition (Bolschewiki-Leninisten) verspottete damals diesen leichtfertigen Optimismus. Der Faschismus ist ein Produkt zweier Faktoren: der scharfen sozialen Krise auf der einen Seite, der revolutionären Schwäche des deutschen Proletariats auf der anderen. Die Schwäche des Proletariats ihrerseits setzt sich aus zwei Elementen zusammen: aus der besonderen historischen Rolle der Sozialdemokratie, dieser allmächtigen kapitalistischen Agentur in den Reihen des Proletariats, und aus der Unfähigkeit der zentristischen Leitung der Kommunistischen Partei, die Arbeiter unter dem Banner der Revolution zu vereinigen.

Den subjektiven Faktor stellt für uns die Kommunistische Partei dar, denn die Sozialdemokratie ist ein objektives Hindernis, das man hinwegräumen muss. Der Faschismus zerfiele tatsächlich in Stücke, wenn es die Kommunistische Partei verstünde, die Arbeiter zu vereinigen und sie allein dadurch in einen machtvollen revolutionären Magneten für alle unterdrückten Massen des Volkes zu verwandeln. Aber die Politik der Kommunistischen Partei seit den Septemberwahlen hat bloß ihre Unzulänglichkeit vertieft: Das eitle Geschwätz über »Sozialfaschismus«, das Spiel mit dem Chauvinismus, die Nachahmung des echten Faschismus zum Zwecke marktschreierischer Konkurrenz mit diesem, das verbrecherische Abenteuer des »Roten Volksentscheides« – das alles hindert die Kommunistische Partei daran, zum Führer des Proletariats und des Volkes zu werden. Sie hat in den letzten Monaten nur jene Elemente unter ihr Banner gebracht, die die große Krise fast gewaltsam in ihre Reihen gestoßen hat. Die Sozialdemokratie hat trotz den für sie verderblichen politischen Bedingungen dank der Hilfe der Kommunistischen Partei die Hauptmasse ihrer Anhänger bewahrt und ist bisher mit zwar bedeutenden, aber dennoch zweitrangigen Verlusten davongekommen. Was den Faschismus betrifft, so hat er entgegen der jüngsten Prahlerei Thälmanns, Remmeles und anderer und in voller Übereinstimmung mit der Prognose der Bolschewiki-Leninisten seit September vergangenen Jahres einen neuen beträchtlichen Sprung vorwärts gemacht. Die Kominternführung hat weder etwas vorauszusehen noch zu verhindern vermocht. Sie reguliert bloß die Niederlagen. Ihre Resolutionen und übrigen Dokumente sind leider nur Fotografien des Hinterteils des geschichtlichen Prozesses.

11. Die Stunde der Entscheidung ist nah. Die Komintern aber will sich nicht Rechenschaft über den tatsächlichen Charakter der gegenwärtigen Weltlage ablegen, richtiger gesagt, sie fürchtet sich davor. Das Präsidium der Komintern behilft sich mit hohlen Agitationsblättchen. Die führende Partei der Komintern, die KP Russlands, hat keinerlei Stellung bezogen. Als hätten die »Führer des Weltproletariats« den Mund voll Wasser! Sie gedenken zu schweigen. Sie gehen daran, sich zu verschanzen. Sie hoffen abzuwarten. Lenins Politik haben sie ersetzt... durch die Vogel-Strauß-Politik. Ein Knotenpunkt der Geschichte steht dicht bevor, und die Komintern läuft Gefahr, nach einer Reihe großer, aber immer noch »partieller« Fehler, die ihre im ersten Jahrfünft ihrer Existenz gewonnenen Kräfte untergraben und erschüttert haben, den einen gewaltigen und verhängnisvollen Fehler zu begehen, der die Komintern als revolutionären Faktor für eine ganze historische Epoche von der politischen Karte hinwegfegen kann.

Mögen Blinde und Memmen das nicht bemerken. Mögen Verleumder und gemietete Journalisten uns des Bundes mit der Konterrevolution anklagen! Ist doch Konterrevolution bekanntlich durchaus nicht etwas, was den Weltimperialismus festigt, sondern etwas, das die Verdauung des kommunistischen Beamten stört. Die Bolschewiki-Leninisten lassen sich durch Verleumdung von der Erfüllung ihrer revolutionären Pflicht weder abschrecken noch zurückhalten. Nichts darf verschwiegen, nichts abgeschwächt werden. Man muss es den fortgeschrittenen Arbeitern laut und vernehmlich sagen: Nach der »dritten Periode« des Abenteurertums und der Prahlerei ist bereits die »vierte Periode« – der Panik und Kapitulation – angebrochen.

12. Übersetzt man das Schweigen der jetzigen Führer der russischen KP in die artikulierte Sprache, so besagt es: »Lasst uns in Frieden!« Die inneren Schwierigkeiten der UdSSR sind außerordentlich groß. Die ungelösten ökonomischen und sozialen Widersprüche verschärfen sich zusehends. Die Demoralisierung des Apparats, das unvermeidliche Produkt des plebiszitären Regimes, hat wahrhaft bedrohliche Ausmaße angenommen. Die politischen Beziehungen und vor allem die Beziehungen innerhalb der Partei, die Beziehungen zwischen dem demoralisierten Apparat und der zersplitterten Masse sind gespannt wie eine straffe Saite. Alle Weisheit der Bürokraten liegt im Abwarten, im Aufschieben. Die Lage in Deutschland droht offenkundig mit Erschütterungen. Aber gerade Erschütterungen fürchtet der Stalinsche Apparat über alles. »Lasst uns in Frieden! Lasst uns aus den schärfsten inneren Widersprüchen herauskommen! Und dann... man wird sehen.« Das ist die Stimmung bei den Spitzen der Stalinschen Fraktion. Dieses verbirgt sich hinter dem skandalösen Schweigen der »Führer«, in einem Moment, wo ihre elementarste revolutionäre Pflicht darin besteht, sich klar und deutlich auszusprechen.

13. Es ist nicht verwunderlich, dass das treubrüchige Schweigen der Moskauer Leitung zum Paniksignal der Berliner Führer wurde. Jetzt, wo man rüsten muss, um die Massen in den Entscheidungskampf zu führen, bekundet die Leitung der deutschen Kommunistischen Partei Verwirrung, dreht und windet sich mit Phrasen durch. An selbständige Verantwortung sind diese Leute nicht gewöhnt. Sie sinnen jetzt vor allem darüber nach, ob sich nicht irgendwie beweisen ließe, dass der »Marxismus-Leninismus« das Ausweichen vor dem Kampf verlangt...

Eine vollendete Theorie in dieser Hinsicht haben sie wohl noch nicht geschaffen. Aber sie liegt schon in der Luft. Sie wird von Mund zu Mund getragen und schimmert in Artikeln und Reden durch. Der Sinn dieser Theorie ist folgender: Der Faschismus wächst unaufhaltsam; sein Sieg ist ohnehin unvermeidlich; statt sich »blind« in den Kampf zu stürzen und zerschlagen zu lassen, ist es besser, vorsichtig zurückzuweichen, dem Faschismus anheimzustellen, die Macht zu ergreifen und sich zu kompromittieren. Dann – oh, dann! – werden wir uns zeigen.

Abenteurertum und Leichtsinn werden nach den Gesetzen der politischen Psychologie von Kniefall und Kapitulation abgelöst. Der Sieg der Faschisten, ein Jahr zuvor für unmöglich gehalten, wird jetzt bereits als gesichert angesehen. Irgendein Kuusinen, hinter den Kulissen von irgendeinem Radek inspiriert, bereitet für Stalin die geniale strategische Formel vor: rechtzeitig zurückweichen, die revolutionären Truppen aus der Gefechtszone herausführen, dem Faschismus eine Falle stellen, in Form... der Staatsmacht.

Würde diese Theorie sich in der deutschen Kommunistischen Partei durchsetzen, ihren Kurs in den nächsten Monaten bestimmen, so bedeutete dies seitens der Komintern einen Verrat nicht geringeren historischen Ausmaßes als der Verrat der Sozialdemokratie vom 4. August 1914, dabei mit noch schrecklicheren Folgen.

Es ist die Pflicht der Linken Opposition, Alarm zu schlagen: Die Leitung der Komintern führt das deutsche Proletariat in eine gewaltige Katastrophe, deren Ausgangspunkt die panische Kapitulation vor dem Faschismus ist!

14. Gelangen die deutschen »Nationalsozialisten« an die Macht, würde das vor allem die Vernichtung der Blüte des deutschen Proletariats bedeuten. Die Zerstörung seiner Organisationen, die Ausrottung seines Glaubens an sich und seine Zukunft. Entsprechend der weitaus größeren Reife und Schärfe der sozialen Gegensätze in Deutschland würde sich die Höllenarbeit des italienischen Faschismus im Vergleich zur Arbeit des deutschen Nationalsozialismus wahrscheinlich als blasses und humanes Experiment ausnehmen.

Zurückweichen, sagt ihr, gestrige Propheten der »dritten Periode«? Führer und Institutionen können zurückweichen. Einzelne Personen können sich verbergen. Aber die Arbeiterklasse wird angesichts des Faschismus nirgendwohin zurückweichen und sich nirgends verbergen können. Hält man wirklich das Ungeheuerliche und Unwahrscheinliche für möglich, dass die Partei tatsächlich dem Kampf ausweichen und damit das Proletariat auf Gnade und Ungnade seinem Todfeind ausliefern wird, so bedeutete das nur eines: Die grausamen Schlachten würden sich nicht vor der Machtergreifung der Faschisten, sondern nach ihr entspinnen, das heißt, unter für den Faschismus zehnmal günstigeren Bedingungen als heute. Der Kampf des von der eigenen Führung verratenen, überraschten, desorientierten, verzweifelten Proletariats gegen das faschistische Regime würde sich in eine Reihe furchtbarer, blutiger und auswegloser Zuckungen verwandeln. Zehn proletarische Aufstände, zehn Niederlagen, eine nach der anderen, könnten die deutsche Arbeiterklasse nicht so verbluten und entkräften lassen, wie ein Zurückweichen vor dem Faschismus sie in dem Augenblick schwächen würde, wo gerade die Entscheidung der Frage bevorsteht, wer Herr im Hause Deutschlands werden soll.

15. Noch ist der Faschismus nicht an der Macht. Noch hat sich ihm der Weg zur Macht nicht geöffnet. Die Führer des Faschismus fürchten noch, es zu wagen: Sie begreifen, dass der Einsatz zu groß ist, dass es um ihre Köpfe geht. Unter diesen Bedingungen können die Kapitulationsstimmungen bei den kommunistischen Spitzen ihnen die Aufgabe nur unerwartet vereinfachen und erleichtern.

Wenn augenblicklich sogar einflussreiche Kreise der Bourgeoisie das faschistische Experiment gerade deshalb fürchten, weil sie keine Erschütterungen, keinen langen und furchtbaren Bürgerkrieg wünschen, so würde die Kapitulationspolitik des offiziellen Kommunismus – dem Faschismus den Weg zur Macht eröffnend – die Mittelklasse wie die noch schwankenden Schichten der Kleinbourgeoisie und auch bedeutende Schichten des Proletariats selbst völlig auf die Seite des Faschismus stoßen.

Selbstverständlich, irgendwann einmal wird der siegreiche Faschismus den objektiven Widersprüchen und der eigenen Unzulänglichkeit zum Opfer fallen. Aber unmittelbar, für eine absehbare Zukunft, für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre, würde der Sieg des Faschismus in Deutschland die Entwicklung der revolutionären Erfolge unterbrechen und den Zusammenbruch der Komintern, den Triumph des Weltimperialismus in seinen abscheulichsten und blutgierigsten Formen einleiten.

16. Der Sieg des Faschismus in Deutschland würde unvermeidlich Krieg gegen die UdSSR bedeuten.

Es wäre in der Tat ausgesprochener politischer Stumpfsinn zu glauben, dass die zur Macht gelangten deutschen Nationalsozialisten mit dem Krieg gegen Frankreich oder auch nur gegen Polen begönnen. Der unvermeidliche Bürgerkrieg gegen das deutsche Proletariat wird in der Außenpolitik den Faschismus für die gesamte erste Periode seiner Herrschaft an Händen und Füßen fesseln. Hitler wird Pilsudski ebenso brauchen wie Pilsudski Hitler. Beide werden gleichermaßen Waffen Frankreichs sein. Fürchtet augenblicklich der französische Bourgeois die Machtergreifung der deutschen Faschisten als einen Sprung ins Ungewisse – so wird die französische Reaktion, die »nationale« wie die radikalsozialistische, am Tage von Hitlers Sieg sich ganz auf den Faschismus verlassen.

Keine der »normalen« bürgerlich-parlamentarischen Regierungen kann augenblicklich einen Krieg gegen die UdSSR riskieren. Das könnte unabsehbare innere Verwicklungen zur Folge haben. Wenn aber Hitler zur Macht gelangt, wenn er hierauf die Avantgarde der deutschen Arbeiter zertrümmert, für Jahre hinaus das ganze Proletariat zu Staub zermahlt und demoralisiert, dann wäre die faschistische Regierung zu einem Krieg gegen die UdSSR fähig. Selbstverständlich wird sie dabei in gemeinsamer Front mit Polen und Rumänien, mit den anderen Randstaaten und auch mit Japan im Fernen Osten vorgehen. Hitlers Regierung würde mit diesem ihrem Unternehmen nur das Vollstreckungsorgan des gesamten Weltkapitals sein. Clemenceau, Millerand, Lloyd George, Wilson konnten mit der Sowjetregierung nicht unmittelbar Krieg führen, aber sie konnten drei Jahre lang die Armeen Koltschaks, Denikins, Wrangels unterstützen. Hitler würde im Fall des Sieges der Ober-Wrangel der Weltbourgeoisie werden.

Es ist unnütz, ja sogar unmöglich, jetzt im Voraus zu raten, wie ein derart gigantisches Duell enden würde. Es ist aber vollkommen klar: Bräche der Krieg der Weltbourgeoisie gegen die Sowjets nach der Machtergreifung der Faschisten in Deutschland aus, so bedeutete das für die UdSSR furchtbare Isolierung und Kampf auf Leben und Tod unter den schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen. Die Zerschlagung des deutschen Proletariats durch die Faschisten würde mindestens bereits zur Hälfte den Zusammenbruch der Sowjetrepublik in sich einschließen.

17. Doch bevor die Frage auf den europäischen Kampfstätten ausgekämpft wird, muss sie in Deutschland entschieden werden. Daher sagen wir, dass sich in Deutschland der Schlüssel zur internationalen Lage befindet. In wessen Händen? Vorläufig noch in den Händen der Kommunistischen Partei. Noch hat sie ihn nicht entgleiten lassen. Aber er kann ihr entgleiten. Die Führung stößt sie auf diesen Weg.

Jeder, der das »strategische Zurückweichen« predigt, d. h. die Kapitulation, jeder, der solche Predigt duldet, ist ein Verräter. Die Propagandisten des Zurückweichens vor den Faschisten müssen als unbewusste Agenten des Feindes in den Reihen des Proletariats betrachtet werden.

Die elementare revolutionäre Pflicht der deutschen Kommunistischen Partei gebietet ihr auszusprechen: Der Faschismus kann nur durch unbarmherzigen, vernichtenden Bürgerkrieg auf Leben und Tod zur Macht gelangen. Das müssen vor allem die Arbeiter-Kommunisten wissen. Das müssen die sozialdemokratischen Arbeiter wissen, die Parteilosen, das ganze Proletariat. Das muss beizeiten die Rote Armee wissen.

18. Aber ist der Kampf nicht wirklich hoffnungslos? Im Jahre 1923 hat Brandler die Kraft des Faschismus ungeheuer überschätzt und damit die Kapitulation verdeckt. Die Folgen dieser Strategie trägt die Weltarbeiterbewegung bis zum heutigen Tag. Die historische Kapitulation der deutschen Kommunistischen Partei und der Komintern im Jahre 1923 lag dem darauffolgenden Wachstum des Faschismus zugrunde. Gegenwärtig stellt der deutsche Faschismus eine unermesslich größere politische Kraft dar als acht Jahre zuvor. Wir haben die ganze Zeit vor Unterschätzung der faschistischen Gefahr gewarnt und es ist nicht an uns, sie jetzt zu leugnen. Gerade deshalb können und müssen wir jetzt den deutschen revolutionären Arbeitern sagen: Eure Führer fallen von einem Extrem ins andere.

Bisher liegt die Hauptkraft der Faschisten in ihrer Zahl. Ja, sie vereinigen viele Stimmzettel auf sich. Aber im sozialen Kampf entscheidet nicht der Stimmzettel. Hauptarmee des Faschismus bleiben immer noch die Kleinbourgeoisie und der neue Mittelstand: das kleine Handwerks- und Handelsvolk der Stadt, Beamte, Angestellte, technisches Personal, Intelligenz, heruntergekommene Bauern. Auf der Waage der Wahlstatistik wiegen tausend faschistische Stimmen ebenso viel wie tausend kommunistische. Aber auf der Waage des revolutionären Kampfes stellen tausend Arbeiter eines Großunternehmens eine hundertmal größere Kraft dar als tausend Beamte, Kanzlisten, ihre Frauen und Schwiegermütter. Die Hauptmasse der Faschisten besteht aus menschlichem Staub.

Die Sozialrevolutionäre waren in der russischen Revolution die an Zahlen stärkste Partei. Für sie stimmte in der ersten Zeit alles, was nicht bewusster Bourgeois oder bewusster Arbeiter war. Selbst in der Konstituierenden Versammlung, d. h. nach dem Oktoberumsturz, bildeten die Sozialrevolutionäre die Mehrheit. Sie hielten sich daher für eine große nationale Partei. Sie erwiesen sich als große nationale Null.

Wir denken nicht daran, ein Gleichheitszeichen zwischen die russischen Sozialrevolutionäre und die deutschen Nationalsozialisten zu setzen. Aber Ähnlichkeiten, sehr wichtige für die Klärung der behandelten Frage, gibt es zwischen ihnen zweifellos. Die Sozialrevolutionäre waren die Partei der verworrenen Volkshoffnungen. Die Nationalsozialisten sind die Partei der nationalen Verzweiflung. Die größte Fähigkeit, von Hoffnung zur Verzweiflung überzugehen, besitzt die Kleinbourgeoisie, die dabei auch einen Teil des Proletariats mit sich zieht. Die Hauptmasse der Nationalsozialisten ist – gleich den Sozialrevolutionären – menschlicher Staub.

19. Der Panik verfallen, vergessen die Unglücksstrategen die Hauptsache: die großen sozialen Vorzüge und die Überlegenheit des Proletariats im Kampf. Seine Kräfte sind nicht verausgabt. Es ist nicht nur zum Kampf fähig, sondern auch zum Sieg. Die Erzählungen über mutlose Stimmungen in den Betrieben widerspiegeln in der Mehrzahl der Fälle die nutzlosen Stimmungen der Beobachter selbst, d. h. der verwirrten Parteibeamten. Aber man muss auch in Betracht ziehen, dass die Arbeiter die verwickelte Lage und die Konfusion bei den Spitzen beunruhigen muss. Die Arbeiter verstehen, dass der große Kampf eine feste Führung erfordert. Nicht die Kraft des Faschismus und nicht die Notwendigkeit des grausamen Kampfes schrecken die Arbeiter. Sie beunruhigt die Unsicherheit und Wankelmütigkeit der Führung, die Schwankungen im verantwortungsvollsten Augenblick. Von den Stimmungen der Bedrücktheit und Mutlosigkeit in den Betrieben wird nicht die Spur bleiben, sobald nur die Partei fest, klar, sicher ihre Stimme erhebt.

20. Kein Zweifel, die Faschisten haben wirkliche Kampfkader, erfahrene Sturmabteilungen. Das darf man nicht unterschätzen: Die »Offiziere« spielen auch in der Bürgerkriegsarmee eine große Rolle. Doch nicht die Offiziere entscheiden, sondern die Soldaten. Indes sind die Soldaten der proletarischen Armee unermesslich überlegener, verlässlicher, ausdauernder als die Soldaten der Hitler-Armee.

Nach der Machteroberung wird der Faschismus leicht seine Soldaten finden. Mit Hilfe des Staatsapparates lässt sich eine Armee aus Bourgeoissöhnchen, Intelligenzlern, Kontoristen, demoralisierten Arbeitern, Lumpenproletariern usw. schaffen. Beispiel: der italienische Faschismus. Allein auch hier muss man sagen: Eine ernste historische Prüfung ihres Kampfwertes hat die italienische faschistische Miliz noch nicht erfahren. Aber der deutsche Faschismus ist ja noch nicht an der Macht. Die Macht muss erst im Kampf mit dem Proletariat erobert werden. Wird etwa die Kommunistische Partei für diesen Kampf schlechtere Kader als die des Faschismus ausheben? Und kann man auch nur für eine Minute annehmen, dass die deutschen Arbeiter, die in ihren Händen machtvolle Produktions- und Transportmittel halten, die durch ihre Arbeitsbedingungen zu einer Armee des Eisens, der Kohle, der Eisenbahnen, der Elektrizitätswerke verbunden sind, im Entscheidungskampf nicht eine unermessliche Überlegenheit über Hitlers Menschenstaub bezeugen werden?

Ein ernstes Element der Stärke von Partei und Klasse ist auch die Vorstellung, die sie vom Kräfteverhältnis im Lande haben. In jedem Krieg bemüht sich der Feind, eine übertriebene Vorstellung von seinen Kräften zu erwecken. Darin bestand eines der Geheimnisse der Napoleonischen Strategie. Prahlen kann Hitler jedenfalls nicht minder als Napoleon. Aber seine Aufschneiderei wird erst in dem Moment zu einem militärischen Faktor, wo ihm die Kommunisten Glauben schenken. Mehr als alles ist augenblicklich eine reale Kräfteberechnung notwendig. Worüber verfügen die Nationalsozialisten in den Betrieben, bei den Eisenbahnen, in der Armee, über wieviel organisierte und bewaffnete Offiziere? Eine klare soziale Analyse der Reihen beider Lager, ständiges und wachsames Durchrechnen der Kräfte – das sind die unfehlbaren Quellen des revolutionären Optimismus.

Die Stärke der Nationalsozialisten liegt gegenwärtig nicht so sehr in ihrer eigenen Armee, als in der Zersplitterung der Armee ihres Todfeindes. Aber gerade die Realität der faschistischen Gefahr, ihr Wachsen und Herannahen, das Bewusstsein der Notwendigkeit, sie um jeden Preis abzuwenden, müssen die Arbeiter unvermeidlich im Namen der Selbstverteidigung zum Zusammenschluss drängen. Die Konzentrierung der proletarischen Kräfte wird sich um so rascher und erfolgreicher vollziehen, je verlässlicher die Achse dieses Prozesses, d. h. die Kommunistische Partei, sich erweisen wird. Der Schlüssel zur Lage liegt noch in ihren Händen. Wehe ihr, wenn sie ihn entgleiten lässt!

In den letzten Jahren haben die Beamten der Komintern bei allem und jedem Anlass, manchmal ganz unangebracht, über die der UdSSR unmittelbar drohende Kriegsgefahr geschrien. Jetzt nimmt diese Gefahr realen Charakter und konkrete Umrisse an. Für jeden revolutionären Arbeiter muss zum Axiom werden: Der Versuch der Faschisten zur Machtergreifung in Deutschland muss die Mobilisierung der Roten Armee nach sich ziehen. Für den proletarischen Staat wird es hier im direktesten und unmittelbarsten Sinn um die revolutionäre Selbstverteidigung gehen. Deutschland ist nicht bloß Deutschland. Es ist das Herz Europas. Hitler ist nicht bloß Hitler. Er ist Kandidat für den Ober-Wrangel. Aber auch die Rote Armee ist nicht bloß die Rote Armee. Sie ist – die Waffe der proletarischen Weltrevolution.

P.S. Die Arbeit »Gegen den Nationalkommunismus« des Autors dieser Zeilen hat einige zweideutige Beifallskundgebungen in der sozialdemokratischen und demokratischen Presse gefunden. Es wäre nicht nur sonderbar, sondern auch widernatürlich, würden zur selben Zeit, wo der deutsche Faschismus erfolgreich die gröbsten Fehler des deutschen Kommunismus ausnützt – die Sozialdemokraten nicht versuchen, die offene und scharfe Kritik dieser Fehler auszunützen.

Unnötig zu sagen, dass die Stalinsche Bürokratie in Moskau wie in Berlin nach den Artikeln der sozialdemokratischen und demokratischen Presse über unsere Broschüre gehascht hat wie nach einem wertvollen Geschenk. Jetzt gibt es endlich ein reelles »corpus delicti« unserer Einheitsfront mit der Sozialdemokratie und der Bourgeoisie. Leute, die in der chinesischen Revolution Hand in Hand mit Chiang Kai-shek gingen und im britischen Generalstreik Hand in Hand mit Purcell, Citrine und Cook – es handelte sich hier nicht bloß um Artikel, sondern um grandiose historische Ereignisse! – sind gezwungen, sich mit Freuden an Episoden der Zeitungspolemik zu klammern. Wir jedoch wollen nicht zetern, sondern überlegen, nicht schimpfen, sondern analysieren.

Vor allem stellen wir die Frage: Wem hat die unsinnige und verbrecherische Teilnahme der deutschen Kommunistischen Partei am faschistischen Volksentscheid geholfen? Die Tatsachen haben bereits eine unbestreitbare Antwort auf diese Frage geben können: den Faschisten und allein ihnen. Gerade deshalb hat der Hauptinspirator dieses verbrecherischen Abenteuers feige seine Vaterrechte geleugnet. In einer Rede vor verantwortlichen Parteiarbeitern in Moskau hat Stalin die Teilnahme am Volksentscheid verteidigt, sich aber dann ermannt und den Zeitungen nicht nur deren Abdruck, sondern selbst deren Erwähnung untersagt.

Selbstverständlich, Vorwärts, Berliner Tageblatt, Wiener Arbeiterzeitung – besonders die letztere – zitieren unsere Broschüre in hohem Maße ungewissenhaft. Kann man denn auch von der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Presse Gewissenhaftigkeit den Ideen der proletarischen Revolution gegenüber verlangen? Allein wir wollen der Unterscheidungen nicht achten und auf die Anklagen des Stalinschen Beamtentums eingehen. Wir wollen zugeben, dass soweit sich die Sozialdemokratie vor dem Sieg der Faschisten fürchtet, wobei sie die revolutionäre Besorgnis der Arbeiter widerspiegelt, sie auch ein gewisses objektives Recht hatte, unsere Kritik an den Stalinisten auszunützen, die den Faschisten einen ungeheuren Dienst erwiesen haben. Grundlage dieses ihres »Rechtes« ist indes nicht unsere Broschüre, sondern eure Politik, oh weise Strategen! Ihr sagt, wir hätten uns in »Einheitsfront« mit Wels und Severing gezeigt? Nur auf jenem Boden und nur in jenen Grenzen, in denen ihr euch in Einheitsfront mit Hitler und seinen Schwarzhundert-Banden erwiesen habt. Und auch hier noch mit dem Unterschied, dass es bei euch um eine gemeinsame politische Aktion ging, bei uns aber die Sache sich lediglich reduzierte auf eine zweideutige Ausnützung einiger Zitate durch den Widersacher.

Als Sokrates das philosophische Prinzip »Erkenne Dich selbst« aufstellte, hat er gewiss Thälmann, Neumann und sogar Remmele im Auge gehabt.

Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?

Brief an einen deutschen Arbeiter-Kommunisten, Mitglied der KPD

Dezember 1931

Deutschland durchlebt gegenwärtig eine jener großen historischen Stunden, von denen das Schicksal des deutschen Volkes, das Schicksal Europas, in bedeutendem Maße das Schicksal der ganzen Menschheit für Jahrzehnte hinaus abhängt. Setzt man eine Kugel auf die Spitze einer Pyramide, so kann ein geringer Anstoß sie nach links oder rechts hinabrollen lassen. Das ist die Lage, der sich gegenwärtig Deutschland mit jeder Stunde nähert. Es gibt Kräfte, die wollen, die Kugel möge nach rechts hinabrollen und der Arbeiterklasse den Rücken zerschmettern. Andere Kräfte wollen, die Kugel möge sich auf der Spitze halten. Das ist eine Utopie. Die Kugel kann sich auf der Pyramidenspitze nicht halten. Die Kommunisten wollen, die Kugel möge nach links hinabrollen und dem Kapitalismus den Rücken zerschlagen. Aber wollen ist wenig, man muss können. Versuchen wir nochmals ruhig zu überlegen: Ist die Politik richtig oder falsch, die gegenwärtig vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands geführt wird?

Was will Hitler?

Die Faschisten wachsen sehr schnell. Die Kommunisten wachsen gleichfalls, aber bedeutend langsamer. Das Wachstum der äußersten Pole beweist, dass sich die Kugel auf der Pyramidenspitze nicht halten kann. Das rasche Wachsen der Faschisten bedeutet jene Gefahr, dass die Kugel nach rechts hinabrollen kann. Darin liegt eine gewaltige Gefahr.

Hitler beteuert, er sei gegen den Staatsstreich. Um die Demokratie ein für alle Mal zu erdrosseln, will er sozusagen nicht anders als auf demokratischem Wege zur Macht gelangen. Kann man dem ernstlich Glauben schenken?

Gewiss, könnten die Faschisten damit rechnen, bei den nächsten Wahlen auf friedlichem Wege die absolute Mehrheit zu erlangen, würden sie diesen Weg vielleicht sogar bevorzugen. In Wirklichkeit aber ist dieser Weg für sie undenkbar. Es ist albern zu meinen, die Nazis würden eine unbegrenzt lange Zeit ununterbrochen so wachsen, wie sie jetzt wachsen. Früher oder später wird ihr soziales Reservoir erschöpft sein. Der Faschismus hat in seine Reihen so furchtbare Widersprüche einbezogen, dass der Moment anbrechen muss, wo die Flut aufhört und die Ebbe kommt. Dieser Moment kann eintreten, lange bevor die Faschisten über die Hälfte der Stimmen auf sich vereinigt haben. Halt machen werden sie nicht können, denn sie werden keine Wahl mehr haben. Sie werden gezwungen sein, auf den Umsturz zuzusteuern.

Aber auch unabhängig davon ist den Faschisten der demokratische Weg abgeschnitten. Das ungeheure Anwachsen der politischen Widersprüche im Land, die pure Räuberagitation der Faschisten werden unvermeidlich dazu führen, dass die Atmosphäre sich umso stärker erhitzen wird, je näher der Faschismus der Mehrheit kommt, umso mehr werden sich die Zusammenstöße und Kämpfe ausweiten. In dieser Perspektive ist der Bürgerkrieg absolut unvermeidlich. Folglich werden nicht Abstimmungen die Frage der Machtergreifung durch die Faschisten entscheiden, sondern der Bürgerkrieg, den die Faschisten vorbereiten und hervorrufen.

Kann man auch nur eine Minute annehmen, dass Hitler und seine Berater dies nicht begreifen und nicht voraussehen? Das hieße, sie für Dummköpfe halten. Es gibt kein größeres Verbrechen in der Politik, als auf die Dummheit eines starken Feindes zu hoffen. Kann aber Hitler nicht übersehen, dass der Weg zur Macht durch grausamsten Bürgerkrieg hindurchführt, so bedeutet dies, seine Reden vom friedlichen, demokratischen Weg sind bloß eine Tarnung, dass heißt eine Kriegslist. Um so mehr erfordert das, die Augen offen zu halten.

Was verbirgt sich hinter Hitlers Kriegslist?

Sein Kalkül ist vollkommen einfach und offensichtlich: Er will den Gegner durch die längerfristige Perspektive des parlamentarischen Wachstums der Nazis einschläfern, um in einer günstigen Minute dem eingeschläferten Widersacher den Todesstoß zu versetzen. Durchaus möglich, dass Hitlers Verbeugungen vor dem demokratischen Parlamentarismus überdies helfen sollen, in der nächsten Zeit irgendeine Koalition herzustellen, in der die Faschisten die wichtigsten Posten erlangen, die sie wiederum für den Staatsstreich ausnützen würden. Denn es ist vollkommen klar, dass die Koalition, sagen wir, zwischen Zentrum und Faschisten nicht eine Etappe zur »demokratischen« Lösung der Frage wäre, sondern eine Stufe zum Staatsstreich unter den für die Faschisten günstigsten Bedingungen.

Man muss auf kurze Sicht anlegen

Das alles bedeutet, dass die Lösung sogar unabhängig vom Willen des faschistischen Stabs im Laufe der nächsten Monate, wenn nicht Wochen eintreten muss. Dieser Umstand ist von gewaltiger Bedeutung für die Ausarbeitung der richtigen Politik. Lässt man zu, dass die Faschisten in zwei, drei Monaten die Macht ergreifen, so wird im nächsten Jahr der Kampf mit ihnen zehnmal schwerer sein als in diesem. Alle auf zwei, drei, fünf Jahre im Voraus berechneten revolutionären Pläne werden sich als klägliches und schmähliches Geschwätz erweisen, lässt die Arbeiterklasse im Laufe der nächsten zwei, drei, fünf Monate die Faschisten zur Macht gelangen. Die Berechnung der Zeit ist bei Kriegsoperationen wie in der Politik revolutionärer Krisen von entscheidender Bedeutung.

Nehmen wir zur Erläuterung unseres Gedankens ein entfernteres Beispiel. Hugo Urbahns, der sich für einen »Linkskommunisten« hält, erklärt die deutsche Partei für bankrott, für politisch erledigt und schlägt vor, eine neue Partei zu schaffen. Hätte Urbahns recht, so bedeutete dies, dass der Sieg der Faschisten gesichert wäre, denn zur Schaffung einer neuen Partei bedürfte es Jahre (Wobei durchaus nicht erwiesen ist, dass Urbahns Partei auch nur irgendwie besser wäre als die Partei Thälmanns. Als Urbahns an der Spitze der Partei stand, gab es keineswegs weniger Fehler).

Ja, würden die Faschisten wirklich die Macht erobern, so bedeutete dies nicht nur die physische Zerschlagung der Kommunistischen Partei, sondern ihren wirklichen politischen Bankrott. Eine schmähliche Niederlage davontragen gegen Banden von Menschenstaub – das würde das Vielmillionenproletariat Deutschlands der Kommunistischen Internationale und ihrer deutschen Sektion niemals verzeihen. Die Machtergreifung durch die Faschisten würde daher höchstwahrscheinlich die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen revolutionären Partei bedeuten und aller Wahrscheinlichkeit nach auch einer neuen Internationale. Das wäre eine furchtbare historische Katastrophe. Aber heute annehmen, all das sei unvermeidlich, können nur wahrhaftige Liquidatoren, Leute, die unter dem Deckmantel hohler Phrasen in Wirklichkeit dabei sind, noch vor dem Kampf und ohne Kampf feige zu kapitulieren. Mit dieser Auffassung haben wir Bolschewiki-Leninisten, die von den Stalinisten »Trotzkisten« genannt werden, nichts gemein.

Wir sind unerschütterlich davon überzeugt, dass der Sieg über die Faschisten möglich ist – nicht nach ihrer Ankunft an der Macht, nicht nach fünf, zehn oder zwanzig Jahren ihrer Herrschaft, sondern jetzt, unter den gegebenen Bedingungen, in den kommenden Monaten und Wochen.

Thälmann hält den Sieg des Faschismus für unvermeidlich

Zum Sieg braucht man eine richtige Politik. Das heißt im Besonderen, man braucht eine Politik, die auf die gegenwärtige Lage berechnet ist, auf die heutige Kräftegruppierung und nicht auf die Lage, die in ein, zwei oder drei Jahren eintreten soll, wo die Machtfrage längst schon entschieden sein wird.

Das ganze Unglück besteht darin, dass die Politik des Zentralkomitees der deutschen Kommunistischen Partei teils bewusst, teils unbewusst von der Anerkennung der Unvermeidlichkeit des faschistischen Sieges ausgeht. In der Tat geht in dem am 29. November veröffentlichten Aufruf zur »Roten Einheitsfront« das Zentralkomitee der KPD von dem Gedanken aus, dass man den Faschismus nicht besiegen kann, ohne zuvor die Sozialdemokratie besiegt zu haben. Den gleichen Gedanken wiederholt Thälmann in allen Tonarten in seinem Artikel. Ist dieser Gedanke richtig? Im historischen Maßstab ist er unbedingt richtig. Das bedeutet aber durchaus nicht, dass man mit seiner Hilfe, das heißt durch seine bloße Wiederholung, die Tagesfragen lösen kann. Ein vom Standpunkt der revolutionären Strategie im Ganzen richtiger Gedanke schlägt in Lüge um, dabei in eine reaktionäre Lüge, übersetzt man ihn nicht in die Sprache der Taktik. Ist es richtig, dass man zur Abschaffung von Arbeitslosigkeit und Elend zuerst den Kapitalismus beseitigen muss? Richtig. Aber nur der letzte Dummkopf kann daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass wir nicht heute schon mit allen Kräften gegen jene Maßnahmen kämpfen müssen, mit deren Hilfe der Kapitalismus das Elend der Arbeiter vergrößert.

Lässt sich hoffen, dass die Kommunistische Partei in den nächsten Monaten sowohl die Sozialdemokratie als auch den Faschismus niederwirft? Kein normal denkender Mensch, der lesen und rechnen kann, würde eine solche Behauptung riskieren. Politisch steht die Frage so: Kann man jetzt, im Lauf der kommenden Monate, d. h. beim Vorhandensein einer zwar geschwächten, aber immer noch (zum Unglück) sehr starken Sozialdemokratie, dem Faschismus siegreichen Widerstand leisten? Darauf antwortet das Zentralkomitee verneinend. Mit anderen Worten, Thälmann hält den Sieg des Faschismus für unvermeidlich.

Nochmals: die russische Erfahrung

Um möglichst klar und konkret meinen Gedanken darzustellen, komme ich nochmals auf die Erfahrung mit Kornilows Aufstand zurück. Am 26. August (nach dem alten Kalender) des Jahres 1917 führte General Kornilow ein Kosakenkorps und eine wilde Division gegen Petrograd. An der Macht war Kerenski, Lakai der Bourgeoisie und zu drei Vierteln Kornilows Bundesgenosse. Lenin befand sich wegen der Anklage, im Dienste Hohenzollerns zu stehen, in der Illegalität. Der gleichen Anklage wegen saß ich während jener Tage in einer Einzelzelle des Kresty-Gefängnisses. Wie gingen in dieser Frage die Bolschewiki vor? Sie hatten auch ein Recht zu sagen: »Um die Kornilowiade zu besiegen, muss man die Kerenskiade besiegen.« Sie hatten dies mehr als einmal gesagt, denn das war richtig und notwendig für die gesamte weitere Propaganda. Aber das war keineswegs ausreichend, um am 26. August und in den darauffolgenden Tagen Kornilow Widerstand zu leisten und ihn daran zu hindern, das Petrograder Proletariat abzuschlachten. Daher begnügten sich die Bolschewiki nicht mit einem allgemeinen Aufruf an die Arbeiter und Soldaten, mit den Versöhnlern zu brechen und die Rote Einheitsfront der Bolschewiki zu unterstützen. Nein, die Bolschewiki schlugen den Menschewiki und Sozialrevolutionären die einheitliche Kampffront vor und schufen mit ihnen gemeinsame Kampforganisationen. War dies richtig oder falsch? Möge Thälmann mir dies beantworten. Um noch deutlicher zu zeigen, wie die Sache mit der Einheitsfront stand, will ich folgende Episode anführen: Ich persönlich begab mich sogleich nach meiner Haftentlassung gegen eine von Gewerkschaften hinterlegte Kaution direkt aus der Einzelzelle ins Komitee für Volksverteidigung, wo ich mit dem Menschewiken Dan und dem Sozialrevolutionär Goz, Bundesgenossen Kerenskis, die mich im Kerker festgehalten hatten, über die Fragen des Kampfs gegen Kornilow diskutierte und Beschlüsse fasste. War dies richtig oder falsch? Möge Remmele mir dies beantworten.

Ist Brüning das »kleinere Übel«?

Die Sozialdemokratie unterstützt Brüning, stimmt für ihn, übernimmt die Verantwortung für ihn vor den Massen – mit der Begründung, die Brüning-Regierung sei das »kleinere Übel«. Die gleiche Auffassung versucht die Rote Fahne mir zuzuschreiben – mit der Begründung, dass ich mich gegen die dumme und schändliche Teilnahme der Kommunisten am Hitler-Volksentscheid ausgesprochen habe. Aber haben denn die deutsche Linke Opposition und ich im Besonderen verlangt, die Kommunisten mögen für Brüning stimmen und ihn unterstützen? Wir Marxisten betrachten Brüning und Hitler mitsamt Braun als verschiedene Teilelemente ein und desselben Systems. Die Frage, wer von ihnen das »kleinere Übel« ist, hat keinen Sinn, denn das System, das wir bekämpfen, benötigt alle diese Elemente. Aber diese Elemente befinden sich augenblicklich im Zustand des Konflikts und die Partei des Proletariats muss diesen Konflikt im Interesse der Revolution ausnützen.

Eine Tonleiter umfasst sieben Töne. Die Frage, welcher der Töne »besser« sei: Do, Re oder Mi ist eine unsinnige Frage. Der Musikant indes muss wissen, wann und auf welche Taste er zu schlagen hat. Ebenso unsinnig ist die abstrakte Frage, wer das kleinere Übel ist: Brüning oder Hitler. Man muss wissen, auf welche von diesen Tasten zu schlagen ist. Verständlich? Für Verständnisschwache sei noch ein Beispiel angeführt. Wenn einer der Feinde mir täglich mit kleinen Giftportionen zusetzt, der zweite aber aus dem Eck hervorschießen will, so schlage ich vor allem diesem zweiten Feind den Revolver aus der Hand, denn das gibt mir die Möglichkeit, mit dem ersten Feind fertig zu werden. Dies heißt aber nicht, dass Gift im Vergleich zum Revolver ein »kleineres Übel« ist.

Das Unglück besteht gerade darin, dass sich die Führer der deutschen Kommunistischen Partei auf den gleichen Boden gestellt haben wie die Sozialdemokratie, bloß mit umgekehrtem Vorzeichen: Die Sozialdemokraten stimmen für Brüning, indem sie ihn als kleineres Übel anerkennen. Die Kommunisten aber, die Brüning und Braun in jeder Weise das Vertrauen verweigern (und das ist vollkommen richtig gehandelt), gingen indes auf die Straße, um Hitlers Volksentscheid zu unterstützen, das heißt, den Versuch der Faschisten, Brüning zu stürzen. Doch damit haben sie ja selbst Hitler als das kleinere Übel anerkannt, denn der Sieg des Volksentscheides hätte nicht das Proletariat zur Macht geführt, sondern Hitler. Fürwahr, es ist eine Pein, solche ABC-Fragen auseinandersetzen zu müssen! Schlecht ist es bestellt, wenn Musikanten wie Remmele, statt die Noten zu unterscheiden, die Klaviatur mit dem Stiefel bearbeiten.

Es geht nicht um die Arbeiter, die die Sozialdemokratie verlassen haben, sondern um jene, die in ihr verharren

Die Tausende und Abertausende der Noskes, Wels’, Hilferdings ziehen letzten Endes den Faschismus dem Kommunismus vor. Aber dazu müssen sie sich endgültig von den Arbeitern verabschieden. Heute ist dem noch nicht so. Heute gerät die Sozialdemokratie als Ganzes, bei all ihren inneren Widersprüchen, in scharfen Konflikt mit den Faschisten. Unsere Aufgabe besteht darin, diesen Konflikt auszunützen und nicht darin, die Widersacher gegen uns zu vereinigen.

Die Front muss jetzt gegen den Faschismus gerichtet werden. Und diese für das ganze Proletariat gemeinsame Front des direkten Kampfs gegen den Faschismus muss man für den von der Flanke geführten, darum aber nicht minder wirksamen Kampf gegen die Sozialdemokratie ausnützen.

Man muss in der Tat vollkommene Bereitschaft zeigen, mit den Sozialdemokraten einen Block gegen die Faschisten zu schließen, in allen Fällen, wo sie auf einen Block eingehen. Den sozialdemokratischen Arbeitern zu sagen: »Werft eure Führer beiseite und schließt euch unserer ›parteilosen‹ Einheitsfront an«, heißt noch eine hohle Phrase zu tausend anderen hinzufügen. Man muss verstehen, die Arbeiter in Wirklichkeit von den Führern loszulösen. Die Wirklichkeit aber ist jetzt – der Kampf gegen den Faschismus.

Es gibt und wird zweifellos sozialdemokratische Arbeiter geben, die bereit sind, Hand in Hand mit den kommunistischen Arbeitern gegen die Faschisten zu kämpfen, unabhängig vom Willen und sogar gegen den Willen der sozialdemokratischen Organisationen. Mit solchen fortschrittlichen Elementen muss man selbstverständlich möglichst enge Bindungen herstellen. Aber sie sind vorderhand nicht von großer Zahl. Der deutsche Arbeiter ist im Organisationsgeist und im Geist der Disziplin erzogen. Das hat seine starken wie auch seine schwachen Seiten. Die überwiegende Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter will gegen die Faschisten kämpfen, aber – vorwiegend noch – nicht anders als gemeinsam mit ihrer Organisation. Diese Etappe lässt sich nicht überspringen. Wir müssen den sozialdemokratischen Arbeitern helfen, in der Tat – in der neuen, außergewöhnlichen Situation – zu überprüfen, was ihre Organisationen und Führer wert sind, wenn es um Leben und Tod der Arbeiterklasse geht.

Man muss der Sozialdemokratie den Block gegen die Faschisten aufzwingen

Das Unglück besteht darin, dass es im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei viele erschrockene Opportunisten gibt. Sie haben gehört, dass der Opportunismus in der Liebe zu Blocks besteht, deshalb sind sie gegen Blockbildung. Sie begreifen nicht den Unterschied, sagen wir, zwischen parlamentarischen Abkommen und einer – selbst noch so bescheidenen – Kampfvereinbarung in Bezug auf einen Streik oder Schutz von Arbeiterdruckereien vor faschistischen Banden.

Wahlabkommen, parlamentarische Vereinbarungen, abgeschlossen zwischen der revolutionären Partei und der Sozialdemokratie, dienen in der Regel dem Vorteil der Sozialdemokratie. Praktische Vereinbarungen über Massenaktionen, über Kampfziele sind immer zum Nutzen der revolutionären Partei. Das Anglo-Russische Komitee war eine unzulässige Art des Blocks zweier Spitzen, auf gemeinsamer politischer Plattform, unbestimmt, trügerisch, zu keinerlei Aktion verpflichtend. Die Aufrechterhaltung dieses Blocks in der Zeit des Generalstreiks, wo der Generalrat eine Streikbrecherrolle spielte, bedeutete seitens der Stalinisten, die Politik eines Verräters zu führen.

Keine gemeinsame Plattform mit der Sozialdemokratie oder den Führern der deutschen Gewerkschaften, keine gemeinsamen Publikationen, Banner, Plakate! Getrennt marschieren, vereint schlagen! Sich nur darüber verständigen, wie zu schlagen, wen zu schlagen und wann zu schlagen! Darüber kann man mit dem Teufel selbst sich verständigen, mit seiner Großmutter und sogar mit Noske und Grzesinski. Unter der einen Bedingung, sich nicht die eigenen Hände zu binden!

Man muss ohne Verzug endlich ein praktisches System von Maßnahmen ausarbeiten – nicht mit dem Ziel bloßer »Entlarvung« der Sozialdemokratie (vor den Kommunisten), sondern mit dem Ziel des tatsächlichen Kampfs gegen den Faschismus. Die Frage von Betriebsschutz, freier Tätigkeit der Betriebsräte, Unantastbarkeit der Arbeiterorganisationen und Einrichtungen, die Frage von Waffenlagern der Faschisten, die erobert werden können, die Frage nach Maßnahmen für den Fall der Gefahr, das heißt nach Koordinierung der Kampfhandlungen der kommunistischen und sozialdemokratischen Abteilungen usw. usw. müssen in dieses Programm aufgenommen werden.

Im Kampf gegen den Faschismus kommt den Betriebsräten ein bedeutender Platz zu. Hier ist ein besonders genaues Aktionsprogramm notwendig. Jeder Betrieb muss ein antifaschistisches Bollwerk mit eigenem Kommandanten und eigenen Kampfmannschaften werden. Man muss eine Karte der faschistischen Kasernen und übrigen faschistischen Herde in jeder Stadt, in jedem Bezirk besitzen. Die Faschisten versuchen, die revolutionären Herde zu umzingeln. Die Umzingler müssen umzingelt werden. Auf diesem Boden ist ein Übereinkommen mit den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen nicht nur zulässig, sondern Pflicht. Darauf aus »prinzipiellen« Erwägungen verzichten (in Wirklichkeit aus bürokratischer Dummheit, oder noch ärger, aus Feigheit), heißt direkt und unmittelbar dem Faschismus helfen.

Ein praktisches Programm von Vereinbarungen mit den sozialdemokratischen Arbeitern haben wir bereits im September 1930 (»Die Wendung der Komintern und die Lage in Deutschland«), das heißt vor eineinviertel Jahren, vorgeschlagen. Was hat die Leitung in dieser Richtung unternommen? Fast nichts. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat sich mit allem befasst außer mit dem, was seine direkte Aufgabe gewesen wäre. Wieviel wertvolle, unwiederbringliche Zeit ist versäumt! Wahrhaftig, es ist nicht mehr viel Zeit geblieben. Das Aktionsprogramm muss streng praktisch, streng sachlich, ohne jede künstliche »Ansprüche«, ohne jegliche Hintergedanken sein, so dass jeder durchschnittliche sozialdemokratische Arbeiter sich sagt: Was die Kommunisten beantragen, ist vollkommen unerlässlich für den Kampf gegen den Faschismus. Auf dieser Grundlage muss man durch das Beispiel die sozialdemokratischen Arbeiter mit sich vorwärtsziehen und ihre Führer kritisieren, die unvermeidlich entgegenwirken und bremsen werden. Nur auf diesem Weg ist der Sieg möglich.

Ein gutes Lenin-Zitat

Die jetzigen Epigonen, das heißt durch und durch schlechte Schüler Lenins, lieben es, bei jedem Anlass ihre Lücken mit – nicht selten ganz unangebrachten – Zitaten zu stopfen. Für den Marxisten wird die Frage nicht durch ein Zitat gelöst, sondern mittels richtiger Methode. Lässt man sich von einer richtigen Methode leiten, ist es nicht schwer, auch passende Zitate zu finden. Nachdem ich den oben angeführten Vergleich mit dem Kornilowschen Aufstand gezogen hatte, sagte ich mir: Wahrscheinlich kann man bei Lenin eine theoretische Erläuterung unseres Blocks mit den Versöhnlern im Kampf gegen Kornilow finden. Und tatsächlich, im zweiten Teil des 14. Bandes der russischen Ausgabe fand ich die folgenden Zeilen in einem Brief an das Zentralkomitee, geschrieben Anfang September 1917:

»Die Kerenski-Regierung dürfen wir selbst jetzt nicht unterstützen. Das wäre Prinzipienlosigkeit. Man wird fragen: Sollen wir etwa nicht gegen Kornilow kämpfen? Natürlich sollen wir das! Aber das ist nicht dasselbe; da gibt es eine Grenze; sie wird von manchen Bolschewiki überschritten, die in ›Verständigungspolitik‹ verfallen und sich vom Strom der Ereignisse mitreißen lassen.

Wir werden kämpfen, wir kämpfen gegen Kornilow ebenso wie die Truppen Kerenskis, aber wir unterstützen Kerenski nicht, sondern entlarven seine Schwäche. Das ist ein Unterschied. Das ist ein recht feiner, aber überaus wesentlicher Unterschied, den man nicht vergessen darf.

Worin besteht nun die Änderung unserer Taktik nach dem Aufstand von Kornilow?

Darin, dass wir die Form unseres Kampfs gegen Kerenski ändern. Ohne unsere Feindschaft gegen ihn auch nur um einen Deut zu mildern, ohne ein Wort von dem, was wir gegen ihn gesagt haben, zurückzunehmen, ohne auf die Aufgabe zu verzichten, Kerenski zu stürzen, sagen wir: Man muss der Situation Rechnung tragen, jetzt werden wir Kerenski nicht stürzen, wir werden jetzt an die Aufgabe, den Kampf gegen ihn zu führen, anders herangehen und zwar werden wir das Volk (das gegen Kornilow kämpft) über Kerenskis Schwäche und seine Schwankungen aufklären.«

Nichts anderes schlagen wir vor. Vollkommene Unabhängigkeit der kommunistischen Organisation und Presse, vollkommene Freiheit der kommunistischen Kritik, das Gleiche für die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. Eine Beschränkung der Freiheit der Kommunistischen Partei zulassen (wie z. B. beim Eintritt in die Guomindang) können nur verächtliche Opportunisten. Wir zählen nicht zu ihnen.

Nichts zurücknehmen von unserer Kritik an der Sozialdemokratie. Nichts vergessen von dem, was war. Die gesamte historische Rechnung, darunter auch die Rechnung für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, wird seinerzeit präsentiert werden, so wie auch die russischen Bolschewiki letzten Endes den Menschewiki und Sozialrevolutionären die Generalabrechnung für Hetze, Verleumdung, Verhaftungen, Mord an Arbeitern, Soldaten und Bauern präsentiert haben.

Aber wir haben unsere Generalabrechnung präsentiert, zwei Monate nachdem wir die Teilabrechnung zwischen Kerenski und Kornilow, zwischen »Demokraten« und Faschisten, genutzt hatten – um die Faschisten um so sicherer zurückzuwerfen. Nur dank diesem Umstand haben wir gesiegt.

Wenn sich das Zentralkomitee der KPD die Position zu Eigen machen wird, die im oben angeführten Zitat Lenins ausgedrückt ist, so wird sich das ganze Herangehen an die sozialdemokratischen Massen und die Gewerkschaftsorganisationen mit einem Schlag ändern: Statt der Artikel und Reden, die nur für die überzeugend sind, die ohnehin schon überzeugt sind, werden die Agitatoren eine gemeinsame Sprache mit neuen Hunderttausenden und Millionen Arbeitern finden. Die Differenzierung in der Sozialdemokratie wird mit verstärktem Tempo vor sich gehen. Die Faschisten werden bald spüren, dass die Aufgabe durchaus nicht darin besteht, Brüning, Braun und Wels zu betrügen, sondern darin, den offenen Kampf mit der ganzen Arbeiterklasse aufzunehmen. Im Faschismus wird unvermeidlich eine tiefe Differenzierung auf dieser Ebene vor sich gehen. Nur auf diesem Weg ist ein Sieg möglich.

Aber diesen Sieg muss man wollen. Indes gibt es unter den kommunistischen Beamten nicht wenige feige Karrieristen und Bonzen, denen ihr Plätzchen, ihr Einkommen teuer ist und noch mehr – ihre Haut. Diese Subjekte sind sehr geneigt, mit ultraradikalen Phrasen anzugeben, hinter denen sich kläglicher und verächtlicher Fatalismus verbirgt. »Ohne Sieg über die Sozialdemokratie kann man sich mit dem Faschismus nicht schlagen!«, sagt solch ein schrecklicher Revolutionär und aus diesem Grund... besorgt er sich einen Reisepass.

Arbeiter-Kommunisten, ihr seid Hunderttausende, Millionen; ihr könnt nirgends hinfahren, für euch gibt es nicht genug Reisepässe. Wenn der Faschismus zur Macht gelangt, wird er wie ein furchtbarer Panzer über eure Schädel und Wirbelsäulen hinwegrollen. Rettung liegt nur in unbarmherzigem Kampf. Und Sieg im Kampf kann nur das Bündnis mit den sozialdemokratischen Arbeitern bringen. Eilt, Arbeiter-Kommunisten, es bleibt euch wenig Zeit!

Was nun?

Schicksalsfragen des deutschen Proletariats

Januar 1932

Vorwort

Der russische Kapitalismus erwies sich infolge seiner außerordentlichen Zurückgebliebenheit als schwächstes Glied der imperialistischen Kette. Der deutsche Kapitalismus offenbart sich aus dem entgegengesetzten Grunde in der gegenwärtigen Krise als das schwächste Glied: Er ist der fortgeschrittenste Kapitalismus unter den Bedingungen der europäischen Ausweglosigkeit. Je größer die den Produktivkräften Deutschlands innewohnende dynamische Kraft, umso mehr muss Europas Staatensystem an ihnen würgen, das dem Käfigsystem einer zusammengeschrumpften Provinzmenagerie gleicht. Jede Konjunkturschwankung stellt den deutschen Kapitalismus vor eben die Aufgaben, die er durch den Krieg zu lösen versucht hatte. Durch die Hohenzollern-Regierung war die deutsche Bourgeoisie darangegangen, »Europa zu organisieren«. Durch die Regierung Brüning-Curtius unternahm sie den Versuch der... Zollunion mit Österreich. Welch ein entsetzliches Sinken der Aufgaben, Möglichkeiten und Perspektiven! Aber auch auf die Union hieß es zu verzichten. Das ganze europäische System steht auf Hühnerfüßchen. Die große, die heilbringende Hegemonie Frankreichs könnte zusammenstürzen, wenn sich einige Millionen Österreicher Deutschland anschließen.

Für Europa und vor allem für Deutschland gibt es kein Vorwärts auf kapitalistischem Wege. Eine vorübergehende Überwindung der gegenwärtigen Krise durch das automatische Kräftespiel des Kapitalismus selbst – auf den Knochen der Arbeiter – würde die Widersprüche auf der nächsten Etappe neu entstehen lassen, bloß in noch konzentrierterer Gestalt.

Europas spezifisches Gewicht in der Weltwirtschaft kann nur abnehmen. Von der Stirn Europas verschwinden ohnehin schon nicht die amerikanischen Etiketten: Daves-Plan, Young-Plan, Hoover-Moratorium. Europa ist gründlich auf amerikanische Ration gesetzt.

Die Fäulnis des Kapitalismus bedeutet soziale und kulturelle Fäulnis. Einer planmäßigen Differenzierung der Nation, dem Wachstum des Proletariats um den Preis des Schrumpfens der Zwischenklassen ist die Bahn versperrt. Das weitere Anhalten der sozialen Krise kann nur Pauperisierung der Kleinbourgeoisie und lumpenproletarische Entartung immer größerer Schichten der Arbeiterklasse bedeuten. Einschneidender als alles andere hält diese Gefahr das fortschrittliche Deutschland an der Gurgel.

Den verfaultesten Teil des faulenden kapitalistischen Europa bildet die sozialdemokratische Bürokratie. Sie hatte ihren historischen Weg unter Marxens und Engels’ Banner angetreten und sich den Sturz der bürgerlichen Herrschaft zum Ziel gestellt. Der machtvolle Aufschwung des Kapitalismus nahm von ihr Besitz und schleifte sie hinter sich her. Sie verzichtete, erst in der Tat, dann auch in Worten auf die Revolution im Namen der Reformen. Kautsky verfocht zwar noch lange die Phraseologie der Revolution, wobei er sie den Bedürfnissen des Reformismus anpasste. Bernstein hingegen forderte Verzicht auf die Revolution: Der Kapitalismus betritt die Epoche friedlicher Prosperität, ohne Krisen und Krieg. Ein Muster an Prophetie! Es möchte scheinen, zwischen Kautsky und Bernstein bestehe ein unversöhnlicher Widerspruch. In Wirklichkeit ergänzten sie einander symmetrisch, als linker und rechter Stiefel des Reformismus.

Der Krieg brach aus. Die Sozialdemokratie unterstützte den Krieg im Namen künftiger Prosperität. Statt Prosperität kam Verfall. Jetzt bestand die Aufgabe nicht mehr darin, aus der Unzulänglichkeit des Kapitalismus die Notwendigkeit der Revolution zu folgern; auch nicht darin, durch Reformen die Arbeiter mit dem Kapitalismus auszusöhnen. Die neue Politik der Sozialdemokratie bestand darin, die bürgerliche Gesellschaft um den Preis des Verzichts auf Reformen zu retten.

Aber auch das war nicht die letzte Stufe der Verkommenheit. Die gegenwärtige Todeskrise des Kapitalismus zwang die Sozialdemokratie, auf die Früchte des langen wirtschaftlichen und politischen Kampfs zu verzichten und die deutschen Arbeiter auf das Lebensniveau ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter hinabzuführen. Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel, als das bösartige Faulen des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen. Das Theater jagt nach Modernismus. Möge es doch öfter Hauptmanns »Weber« geben: das zeitgemäßeste aller Stücke. Doch der Direktor möge nicht vergessen, die ersten Reihen den Führern der Sozialdemokratie zu reservieren.

Übrigens, ihr Sinn steht nicht nach Schauspielen. Sie sind zur letzten Grenze der Anpassungsfähigkeit gelangt. Es gibt ein Niveau, unter das sich Deutschlands Arbeiterklasse freiwillig und für lange nicht hinablassen kann. Indes will das um seine Existenz ringende bürgerliche Regime dieses Niveau nicht anerkennen. Brünings Notverordnungen sind bloß der Beginn, ein Abtasten des Bodens. Das Brüning-Regime hält sich dank der feigen und treubrüchigen Unterstützung der sozialdemokratischen Bürokratie, die sich selbst durch das mürrische Halbvertrauen eines Teils des Proletariats hält. Das System bürokratischer Verordnungen ist unbeständig, unsicher, kurzlebig. Das Kapital braucht eine andere, entschiedenere Politik. Die Unterstützung der Sozialdemokratie, die sich nach den eigenen Arbeitern umsehen muss, ist nicht nur ungenügend für seine Ziele – sie beginnt es bereits einzuengen. Die Zeit der halben Maßnahmen ist vorbei. Um zu versuchen, einen neuen Ausweg zu finden, muss sich die Bourgeoisie vollends des Drucks der Arbeiterorganisationen entledigen, sie hinwegräumen, zertrümmern, zersplittern.

Hier setzt die historische Funktion des Faschismus ein. Er bringt die Klassen auf die Beine, die sich unmittelbar über das Proletariat erheben und fürchten, in dessen Reihen gestürzt zu werden. Er organisiert und militarisiert sie mit den Mitteln des Finanzkapitals, unter Deckung des offiziellen Staates, und lenkt sie auf die Zertrümmerung der proletarischen Organisationen, von den revolutionären bis zu den gemäßigten.

Der Faschismus ist nicht einfach ein System von Repressionen, Gewalttaten, Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes Staatssystem, begründet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus besteht nicht allein in der Zerschlagung der proletarischen Avantgarde, sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustand erzwungener Zersplitterung zu halten. Hierzu ist die physische Vernichtung der revolutionären Arbeiterschicht nicht ausreichend. Es heißt, alle selbständigen und freiwilligen Organisationen zu zertrümmern, alle Stützpunkte des Proletariats zu vernichten und die Ergebnisse von einem dreiviertel Jahrhundert Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften auszurotten. Denn auf diese Arbeit stützt sich in letzter Instanz auch die Kommunistische Partei.

Die Sozialdemokratie hat alle Bedingungen für den Sieg des Faschismus vorbereitet. Doch damit hat sie auch die Bedingungen ihrer eigenen politischen Liquidierung vorbereitet. Der Sozialdemokratie die Verantwortung für Brünings Notverordnungssystem und die drohende faschistische Barbarei aufzuerlegen, ist vollkommen richtig. Die Sozialdemokratie mit dem Faschismus zu identifizieren, vollkommen unsinnig.

Durch ihre Politik während der Revolution von 1848 hatte die liberale Bourgeoisie den Sieg der Konterrevolution vorbereitet, die dann den Liberalismus zur Ohnmacht verurteilte. Marx und Engels geißelten die deutsche liberale Bourgeoisie nicht minder scharf als Lassalle und tiefer als dieser. Als aber die Lassalleaner feudale Konterrevolution und liberale Bourgeoisie in eine »reaktionäre Masse« warfen, empörten sich Marx und Engels berechtigterweise über diesen falschen Ultraradikalismus. Die irrige Position der Lassalleaner machte sie von Fall zu Fall zu unfreiwilligen Helfershelfern der Monarchie, trotz des progressiven Charakters ihrer Arbeit, die unermesslich ernsthafter und bedeutsamer war, als die des Liberalismus.

Die Theorie des »Sozialfaschismus« reproduziert den wesentlichen Fehler des Lassalleanismus auf neuen historischen Grundlagen. Während sie Nationalsozialisten und Sozialdemokraten in eine faschistische Masse wirft, sinkt die Stalin-Bürokratie zu solchen Taten hinab wie die Unterstützung des Hitlerschen Volksentscheids: Das ist in keiner Weise besser als die Lassalleschen Verbindungen mit Bismarck.

In seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie muss sich der deutsche Kommunismus in der jetzigen Etappe auf zwei untrennbare Grundsätze stützen: a) die politische Verantwortung der Sozialdemokratie für die Macht des Faschismus; b) die absolute Unversöhnlichkeit zwischen dem Faschismus und jenen Arbeiterorganisationen, durch die sich die Sozialdemokratie hält.

Die Widersprüche des deutschen Kapitalismus haben gegenwärtig eine Spannung erlangt, der unvermeidlich die Explosion folgen muss. Die Anpassungsfähigkeit der Sozialdemokratie hat die Grenze erreicht, wo bereits die Selbstvernichtung eintritt. Die Fehler der Stalinschen Bürokratie sind an einen Punkt geraten, nach dem die Katastrophe kommt. Das ist die dreieinige Formel, die Deutschlands Lage charakterisiert. Alles steht auf des Messers Schneide.

Verfolgt man das Leben Deutschlands nach Zeitungen, die mit einwöchiger Postverspätung anlangen; brauchen die Manuskripte eine weitere Woche, um die Entfernung zwischen Konstantinopel und Berlin zu bezwingen, worauf noch Wochen vergehen, ehe die Broschüre den Leser erreicht, sagt man sich unwillkürlich: Wird es nicht zu spät sein? Und jedesmal antwortet man sich: Nein, die ins Treffen geführten Armeen sind zu gewaltig, als dass eine einmalige, blitzartige Entscheidung zu befürchten wäre. Die Kräfte des deutschen Proletariats sind nicht erschöpft. Sie sind noch gar nicht in Bewegung gesetzt. Die Logik der Tatsachen wird mit jedem Tag gebieterischer sprechen. Das rechtfertigt den Versuch des Autors, sein Wort beizusteuern, wenn auch mit Verspätung von mehreren Wochen, d. h. einer ganzen historischen Periode.

Die Stalinsche Bürokratie hat befunden, sie werde ihre Arbeit ruhiger vollführen, wenn sie den Autor dieser Zeilen auf Prinkipo festsetzt. Von der Regierung des Sozialdemokraten Hermann Müller hatte sie die Verweigerung des Visums für den... »Menschewiken« erreicht; die Einheitsfront war in diesem Fall ohne Schwanken und Säumnis verwirklicht worden. Heute melden die Stalinisten in den offiziellen Sowjetpublikationen, ich »verteidige« die Brüning-Regierung im Einverständnis mit der Sozialdemokratie, die sich um die Erteilung meines Einreiserechtes nach Deutschland bemühe. Statt uns über die Niedrigkeit zu entrüsten, wollen wir über die Dummheit lachen. Aber unser Lachen sei kurz, denn es ist wenig Zeit.

Dass die Ereignisse unser Recht beweisen werden, darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Aber auf welchen Wegen wird die Geschichte ihren Beweis führen: durch die Katastrophe der Stalinschen Fraktion oder den Sieg der marxistischen Politik?

Hier liegt gegenwärtig die ganze Frage. Es ist die Frage des Schicksals des deutschen Volkes und nicht nur seiner allein.

Die Fragen, die in dieser Broschüre zur Untersuchung gelangen, sind nicht erst seit gestern aufgetaucht. Nun sind es schon neun Jahre her, dass die Kominternführung sich mit der Umwertung der Werte beschäftigt und die internationale proletarische Avantgarde mit Hilfe taktischer Konvulsionen desorientiert, die in ihrer Gesamtheit »Generallinie« genannt werden. Die russische Linke Opposition (Bolschewiki-Leninisten) ist nicht auf der Grundlage bloß russischer Fragen entstanden, sondern auf der Grundlage internationaler Fragen. Das Problem der revolutionären Entwicklung Deutschlands hat dabei nicht den letzten Platz eingenommen. Scharfe Meinungsverschiedenheiten begannen auf diesem Gebiete seit 1923. Der Autor der vorliegenden Zeilen hat sich im Laufe dieser Jahre mehr als einmal zu den strittigen Fragen geäußert. Ein bedeutender Teil seiner kritischen Arbeiten ist in deutscher Sprache erschienen. Die vorliegende Broschüre reiht sich lückenlos in die theoretische und politische Arbeit der Linksopposition ein. Vieles, das hier nur beiläufig Erwähnung gefunden hat, wurde von uns seinerzeit eingehend entwickelt. Ich muss den Leser insbesondere auf meine Bücher: Die internationale Revolution und die Komintern, Die Permanente Revolution usw. verweisen. Nun, da die Meinungsverschiedenheiten vor aller Welt angesichts eines großen historischen Problems auftauchen, lassen sich ihre Quellen weitaus besser und tiefer bewerten. Für einen ernsten Revolutionär, einen wirklichen Marxisten ist das unbedingt notwendig. Eklektiker leben von episodischen Gedanken, von Improvisationen, die unter dem Stoß der Ereignisse entstehen. Marxistische Kader, fähig, die proletarische Revolution zu führen, lassen sich nur bei beharrlicher kontinuierlicher Verarbeitung der Aufgaben und Meinungsverschiedenheiten erziehen.

 

Prinkipo, den 27. Januar 1932

LT.

Die Sozialdemokratie

Die Eiserne Front ist in ihrem Wesen ein Block der zahlenmäßig mächtigen sozialdemokratischen Gewerkschaften mit den kraftlosen bürgerlichen »Republikanern«, die jede Stütze im Volk und jegliches Vertrauen zu sich selbst verloren haben. Sind Tote auch untauglich zum Kampf, so doch gut genug, die Lebenden am Kampf zu hindern. Die bürgerlichen Bundesgenossen dienen den sozialdemokratischen Führern als Zaum, den sie den Arbeiterorganisationen anlegen. Kampf, Kampf... das sagt sich nur so. Letzten Endes wird man, gebe Gott, ohne Kampf auskommen. Werden sich denn die Faschisten wirklich entschließen, von Worten zur Tat überzugehen? Sie, die Sozialdemokraten, haben sich nie dazu entschlossen und sie sind doch nicht die schlechtesten Leute.

Für den Fall wirklicher Gefahr setzt die Sozialdemokratie ihre Hoffnungen nicht auf die »Eiserne Front«, sondern auf die preußische Polizei. Eine trügerische Rettung! Der Umstand, dass die Polizisten in bedeutender Zahl unter sozialdemokratischen Arbeitern rekrutiert wurden, will ganz und gar nichts besagen. Auch hier wird das Denken vom Sein bestimmt. Die Arbeiter, die Polizisten im Dienst des kapitalistischen Staates geworden sind, sind bürgerliche Polizisten und nicht Arbeiter. In den letzten Jahren hatten sich diese Polizisten weitaus mehr mit revolutionären Arbeitern zu schlagen gehabt als mit nationalsozialistischen Studenten. Eine solche Schule ist nicht umsonst. Und die Hauptsache: Jeder Polizist weiß, dass die Regierungen wechseln, die Polizei aber bleibt.

Im Neujahrsartikel des Diskussionsorgans der Sozialdemokratie Das freie Wort (welch klägliches Blättchen!) wird der höhere Sinn der »Tolerierungs«-Politik dargelegt. Gegen Polizei und Reichswehr kann Hitler, wie es sich erweist, nie zur Macht gelangen. Die Reichswehr ist ja nach der Verfassung dem Reichspräsidenten untergeordnet. Solange also an der Spitze des Staates ein verfassungstreuer Präsident stehen wird, ist der Faschismus ungefährlich. Man muss die Brüning-Regierung bis zu den Präsidentenwahlen unterstützen, um im Bunde mit der parlamentarischen Bourgeoisie einen Verfassungspräsidenten zu wählen und damit für weitere sieben Jahre Hitler den Weg zur Macht zu versperren. Wir geben den Inhalt des Artikels vollkommen genau wieder.[1] Eine Massenpartei, die Millionen hinter sich herführt (zum Sozialismus!), behauptet, dass die Frage, welche Klasse im heutigen, bis ins Innerste erschütterten Deutschland an die Macht gelangen werde, nicht von der Kampfkraft des deutschen Proletariats abhängt, nicht von den faschistischen Sturmabteilungen, auch nicht von der Zusammensetzung der Reichswehr, sondern davon, ob der reine Geist der Weimarer Verfassung (mit der notwendigen Menge Kampfer und Naphthalin) sich im Präsidentenpalast niederlasse. Was aber, wenn der Weimarer Geist in einer bestimmten Lage mit Bethmann-Hollweg findet: »Not kennt kein Gebot«? Was aber, wenn die irdische Hülle des Weimarer Geistes, trotz Naphthalin und Kampfer, im ungeeigneten Augenblick auseinanderfällt? Was aber, wenn... doch dieser Fragen wäre kein Ende!

Die Politiker des Reformismus, diese gewandten Geschäftsleute, geriebenen Intriganten und Karrieristen, erfahrenen Parlaments- und Ministerkombinatoren, erweisen sich, wenn der Gang der Dinge sie aus der gewohnten Sphäre wirft und vor große Geschehnisse stellt, – man kann keinen milderen Ausdruck finden – als vollendete Schafsköpfe.

Die Hoffnung auf den Präsidenten ist eben die Hoffnung auf den »Staat«. Angesichts des herannahenden Zusammenstoßes zwischen Proletariat und faschistischem Kleinbürgertum – beide Lager bilden zusammen die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes – rufen die Marxisten vom Vorwärts den Nachtwächter zu Hilfe. »Staat greif ein!« Das heißt: »Brüning, zwinge uns nicht, uns mit den Kräften der Arbeiter zu verteidigen, denn dies wird das ganze Proletariat auf die Beine bringen und die Bewegung wird dann über die Kahlköpfe der Parteileitung hinauswachsen: Als antifaschistische begonnen, wird sie als kommunistische enden«.

Darauf könnte Brüning, zöge er nicht vor zu schweigen, antworten: »Mit der Polizeimacht könnte ich den Faschismus nicht meistern, selbst wenn ich es wollte; doch ich würde nicht wollen, selbst wenn ich es könnte. Die Reichswehr gegen die Faschisten in Bewegung setzen, hieße die Reichswehr spalten, wenn nicht ganz gegen sich richten; doch die Hauptsache: Den bürokratischen Apparat gegen die Faschisten wenden, hieße den Arbeitern die Hände lösen, ihnen die völlige Aktionsfreiheit wiedergeben, die Folgen wären die gleichen, die ihr Sozialdemokraten fürchtet, und die ich daher doppelt fürchte.«

Auf Staatsapparat, Gerichte, Reichswehr, Polizei müssen die Appelle der Sozialdemokratie eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung ausüben. Der »loyalste«, »neutralste«, am wenigsten an die Nationalsozialisten gebundene Bürokrat wird folgendermaßen urteilen müssen: »Hinter der Sozialdemokratie stehen Millionen; in ihren Händen hält sie ungeheure Mittel: Presse, Parlament, Gemeindeverwaltungen; es geht um ihre eigene Haut; im Kampf gegen die Faschisten ist ihnen die Unterstützung der Kommunisten gewiss; und nichtsdestoweniger wenden sich die allmächtigen Herren an mich, den Beamten, sie vor dem Angriff einer Millionenpartei zu retten, deren Führer morgen meine Vorgesetzten werden können. Schlecht muss es um die Herren Sozialdemokraten bestellt sein, ganz hoffnungslos... Es ist Zeit für mich Beamten, an die eigene Haut zu denken«. So wird schließlich der bis gestern noch schwankende, »loyale«, »neutrale« Beamte sich für alle Fälle umorientieren, d. h. mit den Nationalsozialisten verbinden, um seinen morgigen Tag abzusichern. So arbeiten die überlebten Reformisten auch an der bürokratischen Frontlinie für die Faschisten.

Kostgängerin der Bourgeoisie, ist die Sozialdemokratie zu kläglichem geistigem Parasitismus verdammt. Bald hascht sie nach Ideen bürgerlicher Ökonomen, bald sucht sie Splitter des Marxismus auszunutzen. Nachdem er aus meiner Broschüre die Erwägungen gegen die Teilnahme der Kommunistischen Partei am Hitler-Volksentscheid zitiert hat, schlussfolgert Hilferding: »Man brauchte diesen Zitaten wirklich nichts hinzuzufügen, um die Taktik der Sozialdemokratie gegenüber der Regierung Brüning zu erklären«. Kommen Remmele und Thälmann: »Seht, Hilferding stützt sich auf Trotzki«. Kommt ein gelbes Faschistenblättchen: Dafür ist Trotzki mit dem Visumversprechen belohnt worden. Kommt ein Stalin-Journalist und telegraphiert die Nachricht der faschistischen Zeitung nach Moskau. Die Redaktion der Iswestija, in der der unglückselige Radek sitzt, veröffentlicht dieses Telegramm. Diese Kette verdient, dass man sie vermerkt und – weitergeht.

Wenden wir uns ernsthafteren Fragen zu. Hitler kann sich den Luxus des Kampfs gegen Brüning nur deshalb erlauben, weil das bürgerliche Regime im Ganzen sich an den Rücken der halben, von Hilferding und Co. geleiteten Arbeiterklasse lehnt. Würde die Sozialdemokratie nicht eine Politik des Klassenverrates führen, Hitler – nicht zu sprechen davon, dass er nie die gegenwärtige Stärke erlangt hätte – müsste sich an die Brüning-Regierung klammern wie an einen Rettungsanker. Würden die Kommunisten gemeinschaftlich mit der Sozialdemokratie Brüning stürzen, es wäre eine Tatsache von größter politischer Bedeutung. Ihre Folgen würden jedenfalls über die Köpfe der sozialdemokratischen Führer hinauswachsen. Hilferding macht den Versuch, eine Rechtfertigung seines Verrates in unserer Kritik zu finden, die fordert, die Kommunisten mögen mit Hilferdings Verrat als einer Tatsache rechnen.

Hat auch Hilferding Trotzkis Worten »nichts hinzuzufügen«, so fügt er dennoch etwas hinzu: Das Kräfteverhältnis, sagt er, sei derart, dass selbst unter der Voraussetzung gleichzeitiger Aktionen der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter keine Möglichkeit bestünde, »bei Forcierung des Kampfs den Gegner niederzuwerfen«. In dieser beiläufig, ohne Beweis hingeworfenen Bemerkung liegt der Schwerpunkt der Frage. Nach Hilferding könnte im heutigen Deutschland, wo das Proletariat die Mehrheit der Bevölkerung bildet und die entscheidende Produktivkraft der Gesellschaft ist, der gemeinsame Kampf von Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei dem Proletariat nicht die Macht bringen! Wann also wird überhaupt die Macht in die Hände des Proletariats übergehen können? Vor dem Krieg war die Perspektive automatisches Wachstum des Kapitalismus, Wachstum des Proletariats, eben solches Wachstum der Sozialdemokratie. Der Krieg hat diesen Prozess durchbrochen und keine Kraft der Welt vermag ihn wiederherzustellen. Die Fäulnis des Kapitalismus bedeutet, dass die Machtfrage auf der Grundlage der heutigen Produktivkräfte entschieden werden muss. Durch das Hinauszögern der Agonie der kapitalistischen Herrschaft führt die Sozialdemokratie nur einen weiteren Verfall der Wirtschaftskultur herbei. Zerfall des Proletariats, soziale Fäulnis. Andere Perspektiven hat sie nicht vor sich; morgen wird es schlechter stehen als heute; übermorgen schlimmer als morgen. Doch die Führer der Sozialdemokratie wagen nicht mehr, in die Zukunft zu blicken. Sie haben alle Gebrechen der zum Untergang verdammten herrschenden Klasse: Leichtsinn, Willenslähmung, Hang, sich vor den Ereignissen zu drücken und auf Wunder zu warten. Wenn man so recht überlegt, erfüllen Tarnows ökonomische Forschungen heute die gleiche »Funktion« wie die trostvollen Offenbarungen Rasputins...

Die Sozialdemokraten könnten in Gemeinschaft mit den Kommunisten die Macht nicht erobern. Hier ist er, der durch und durch feige und »jebildete« Kleinbürger, vom Scheitel bis zur Sohle vollgesogen mit Misstrauen und Verachtung für die Massen. Sozialdemokratie und Kommunistische Partei besitzen zusammen ungefähr 40 Prozent der Stimmenzahl, ungeachtet dessen, dass die Verrätereien der Sozialdemokratie und die Fehler der Kommunistischen Partei Millionen ins Lager des Indifferentismus und sogar des Nationalsozialismus stoßen. Schon allein die Tatsache gemeinschaftlicher Aktionen dieser beiden Parteien würde den Massen neue Perspektiven eröffnen und die politische Kraft des Proletariats unermesslich steigern. Gehen wir jedoch von 40 Prozent aus. Vielleicht haben Brüning oder Hitler mehr? Und in Deutschland können doch nur diese drei Gruppen regieren: Proletariat, Zentrumspartei oder Faschisten. Aber beim gebildeten Kleinbürger liegt es tief im Blut: Dem Vertreter des Kapitals genügen 20 Prozent, um zu regieren; hat doch die Bourgeoisie Banken, Trusts, Syndikate, Eisenbahnen. Gewiss, unser gebildeter Kleinbürger hat vor 12 Jahren all das »sozialisieren« wollen. Aber was noch! Sozialisierungsprogramm – ja. Expropriation der Expropriateure – nein, das ist schon Bolschewismus.

Wir haben oben das Kräfteverhältnis im parlamentarischen Querschnitt genommen. Doch das ist ein Zerrspiegel. Die parlamentarische Vertretung der unterdrückten Klasse ist eine außerordentliche Verkleinerung ihrer wirklichen Kraft, und umgekehrt: Die Vertretung der Bourgeoisie wird selbst am Tag vor deren Fall noch immer eine Maskerade vermeintlicher Kraft sein. Nur der revolutionäre Kampf legt das tatsächliche Kräfteverhältnis bloß. Im direkten und unmittelbaren Machtkampf entfaltet das Proletariat, wenn innere Sabotage, Austromarxismus und andere Formen von Verrat es nicht paralysieren, eine unermesslich überlegenere Kraft als sein parlamentarischer Ausdruck. Führen wir nochmals die unschätzbare Lehre der Geschichte an: Schon nachdem die Bolschewiki die Macht erobert und fest erobert hatten, besaßen sie in der Konstituierenden Versammlung weniger als ein Drittel der Stimmen, mit den linken Sozialrevolutionären zusammen weniger als 40 Prozent. Und trotz schrecklicher wirtschaftlicher Zerrüttung, trotz Krieg, trotz Verrat der europäischen, vor allem der deutschen Sozialdemokratie, trotz der Nachkriegsreaktion der Ermüdung, dem Wachstum thermidorianischer Stimmungen, hält sich der erste Arbeiterstaat seit 14 Jahren auf eigenen Füßen. Was soll man da von Deutschland sagen? In dem Moment, in dem sich der sozialdemokratische Arbeiter gemeinsam mit dem kommunistischen zur Machtergreifung erheben würde, wäre die Aufgabe zu neun Zehnteln gelöst.

Aber, sagt Hilferding, wenn die Sozialdemokratie gegen die Brüning-Regierung stimmen und damit ihren Sturz herbeiführen würde, hätte das doch die Machtergreifung durch die Faschisten zur Folge. Auf der parlamentarischen Ebene sieht es wohl so aus; doch liegt die Sache nicht auf der parlamentarischen Ebene. Auf die Unterstützung Brünings könnte die Sozialdemokratie nur in dem Fall verzichten, wenn sie sich entschlösse, den revolutionären Weg zu betreten. Entweder Unterstützung Brünings oder Kampf für die Diktatur des Proletariats. Ein Drittes gibt es nicht. Die Stimmabgabe der Sozialdemokratie gegen Brüning würde mit einem Schlage das Kräfteverhältnis verschieben. Nicht auf dem Schachbrett des Parlaments, dessen Figuren unversehens unter den Tisch zu liegen kämen, sondern in der Arena des revolutionären Klassenkampfs. Die Kräfte des Proletariats würden sich bei einer solchen Wendung nicht verdoppeln, sondern verzehnfachen, denn der moralische Faktor nimmt im Kampf der Klassen nicht den letzten Platz ein, insbesondere an großen historischen Wendepunkten. Ein moralischer Strom von hoher Spannung würde die Volksmassen durchfließen, Schicht auf Schicht. Die proletarische Klasse würde sich mit Zuversicht sagen, dass sie und allein sie berufen ist, dem Leben dieser großen Nation eine neue, höhere Richtung zu geben. Verfall und Zersetzung der Hitler-Armee würden noch vor den Entscheidungsschlachten beginnen. Dem Kampf zu entrinnen, wäre natürlich ausgeschlossen: Aber bei festem Siegeswillen, bei kühner Offensive wäre der Sieg unvergleichlich leichter errungen, als es dem optimistischsten Revolutionär jetzt vorschwebt.

Es fehlt hierzu nicht viel: die Wendung der Sozialdemokratie auf den Weg der Revolution. Eine freiwillige Wendung der Führer zu erhoffen, nach der Erfahrung von 1914 bis 1932, wäre die lächerlichste aller Illusionen. Anders die Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter: Sie können eine Wendung vollziehen und sie werden sie vollziehen. Man muss ihnen nur helfen. Das wird aber nicht nur eine Wendung gegen den bürgerlichen Staat sein, sondern auch gegen die Spitzen der eigenen Partei.

Da wird unser Austromarxist, der unseren Worten »nichts hinzuzufügen« hat, uns wieder Zitate aus unseren eigenen Arbeiten entgegenzuhalten versuchen: Haben wir in der Tat denn nicht geschrieben, die Politik der Stalin-Bürokratie bestehe in einer Kette von Fehlern? Haben wir nicht die Teilnahme der Kommunistischen Partei am Hitler-Volksentscheid gebrandmarkt? Wir haben geschrieben und gebrandmarkt. Aber wir kämpfen ja mit den Stalinschen Kominternführern gerade deshalb, weil sie unfähig sind, die Sozialdemokratie zu zertrümmern, die Massen ihrem Einfluss zu entwinden, die rostige Bremse von der Lokomotive der Geschichte zu lösen. Durch Hin- und Herwinden, Irrtümer, bürokratischen Ultimatismus konserviert das Stalinsche Bürokratentum die Sozialdemokratie, indem es ihr jedesmal von neuem gestattet, wieder auf die Beine zu kommen.

Die Kommunistische Partei ist eine proletarische, antibürgerliche Partei, wenn auch falsch geführt. Die Sozialdemokratie, ungeachtet ihrer Arbeitermitglieder, ist eine vollständig bürgerliche Partei, unter »normalen« Bedingungen vom Standpunkt der bürgerlichen Ziele sehr geschickt geführt, doch zu nichts tauglich unter den Bedingungen der sozialen Krise. Den bürgerlichen Charakter der sozialdemokratischen Partei sind die Führer selber genötigt einzugestehen, wenn auch gegen ihren Willen. In Bezug auf Krise und Arbeitslosigkeit wiederholt Tarnow die alten Phrasen über den »Hohn auf die Zivilisation«, wie ein Pastor von der Sünde des Reichtums spricht; vom Sozialismus redet Tarnow ebenso wie der Pfaffe von der Vergeltung im Jenseits. Ganz anders äußert er sich über konkrete Fragen: »Wenn am 14. September dieses Gespenst (der Arbeitslosigkeit) nicht neben den Wahlurnen gestanden hätte, dann würde auch dieser Tag in der Geschichte Deutschlands ein anderes Gesicht bekommen haben« (Referat auf dem Leipziger Parteitag). Die Sozialdemokratie hat Stimmen und Mandate deshalb verloren, weil der Kapitalismus in der Krise sein wahres Antlitz enthüllte. Die Krise hat die Partei des »Sozialismus« nicht gestärkt, sondern im Gegenteil geschwächt, so wie sie Handelsumsätze, Bankenkassen, Hoovers und Fords Selbstvertrauen, die Einkünfte des Fürsten von Monaco usw. geschwächt hat. Die optimistischsten Bewertungen der Konjunktur findet man jetzt nicht in den bürgerlichen Blättern, sondern in den sozialdemokratischen. Kann es einen unwiderlegbaren Beweis des bürgerlichen Charakters der Partei geben? Bedeutet das Kranken des Kapitalismus Kranken der Sozialdemokratie, so kann der nahende Tod des Kapitalismus nichts anderes bedeuten als den baldigen Tod der Sozialdemokratie. Die Partei, die sich auf die Arbeiter stützt, jedoch der Bourgeoisie dient, muss in der Periode höchster Zuspitzung des Klassenkampfs den Odem des Grabes verspüren.

Demokratie und Faschismus

Das XI. Plenum des EKKI (Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale) fand sich bemüßigt, mit jenen fehlerhaften Auffassungen Schluss zu machen, die sich auf die »liberale Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Faschismus und bürgerlicher Demokratie, wie auch zwischen den parlamentarischen Formen der bürgerlichen Diktatur und den offen faschistischen Formen...« stützen. Der Wesenskern dieser Stalinschen Philosophie ist sehr einfach: Aus der marxistischen Verneinung eines absoluten Gegensatzes leitet sie die Verneinung des Gegensatzes überhaupt ab, und sei er auch relativ. Es ist dies der typische Fehler des Vulgärradikalismus. Wenn aber zwischen Demokratie und Faschismus keinerlei Gegensatz besteht, nicht einmal auf dem Gebiete der bürgerlichen Herrschaftsformen, müssen beide Regimes einfach miteinander zusammenfallen. Die Schlussfolgerung: Sozialdemokratie gleich Faschismus. Aus irgendeinem Grunde nennt man indes die Sozialdemokratie Sozial-Faschismus. Was in diesem Zusammenhang sozial eigentlich bedeutet, hat man uns bis jetzt immerhin nicht erklärt.[2]

Allein die Natur der Dinge wechselt nicht mit den Beschlüssen des EKKI-Plenums. Zwischen Demokratie und Faschismus besteht ein Gegensatz. Er ist durchaus nicht »absolut« oder, um in der Sprache des Marxismus zu reden, bezeichnet durchaus nicht die Herrschaft zweier unversöhnlicher Klassen. Aber er kennzeichnet verschiedene Herrschaftssysteme ein und derselben Klasse. Diese beiden Systeme, das parlamentarisch-demokratische und das faschistische, stützen sich auf verschiedene Kombinationen der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen und geraten unvermeidlich schroff aneinander.

Die Sozialdemokratie, jetzt Hauptvertreterin des parlamentarisch-bürgerlichen Regimes, stützt sich auf die Arbeiter. Der Faschismus auf das Kleinbürgertum. Die Sozialdemokratie kann ohne Arbeitermassenorganisationen keinen Einfluss ausüben, der Faschismus seine Macht nicht anders befestigen als durch Zerschlagung der Arbeiterorganisationen. Hauptarena der Sozialdemokratie ist das Parlament. Das System des Faschismus fußt auf der Vernichtung des Parlamentarismus. Für die monopolistische Bourgeoisie stellen parlamentarisches und faschistisches System bloß verschiedene Werkzeuge ihrer Herrschaft dar. Sie nimmt in Abhängigkeit von den historischen Bedingungen zu diesem oder jenem Zuflucht. Jedoch für die Sozialdemokratie wie für den Faschismus ist die Wahl des einen oder des anderen Werkzeugs von selbständiger Bedeutung, noch mehr, die Frage ihres politischen Lebens oder Todes.

Die Reihe ist ans faschistische Regime gekommen, sobald die »normalen« militärisch-polizeilichen Mittel der bürgerlichen Diktatur mitsamt ihrer parlamentarischen Hülle für die Erhaltung des Gleichgewichts der Gesellschaft nicht mehr ausreichen. Durch die faschistische Agentur setzt das Kapital die Massen des verdummten Kleinbürgertums in Bewegung, die Banden deklassierter, demoralisierter Lumpenproletarier und all die zahllosen Menschenexistenzen, die das gleiche Finanzkapital in Verzweiflung und Elend gestürzt hat. Vom Faschismus fordert die Bourgeoisie ganze Arbeit: Hat sie einmal die Methoden des Bürgerkriegs zugelassen, will sie für lange Jahre Ruhe haben. Und die faschistische Agentur, die das Kleinbürgertum als Prellbock benützt und alle Hemmnisse aus dem Wege räumt, leistet die Arbeit bis zum Ende. Der Sieg des Faschismus führt dazu, dass das Finanzkapital direkt und unmittelbar alle Organe und Einrichtungen der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung in stählerne Zangen zwängt: Staatsapparat und Armee, Gemeindeverwaltungen, Universitäten, Schulen, Presse, Gewerkschaften, Genossenschaften. Die Faschisierung des Staates bedeutet nicht nur Mussolinisierung der Verwaltungsformen und -methoden – auf diesem Gebiete sind die Veränderungen letzten Endes von zweitrangigem Charakter – sondern vor allem und hauptsächlich Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen, Zurückwerfung des Proletariats in amorphen Zustand, Schaffung eines Systems tief in die Massen dringender Organe, die eine selbständige Kristallisierung des Proletariats unterbinden sollen. Eben darin besteht das Wesen des faschistischen Regimes.

Dem Gesagten widerspricht in keiner Weise die Tatsache, dass sich zwischen demokratischem und faschistischem Regime während einer gewissen Periode ein Übergangsregime herausbildet, das Züge des einen und des anderen in sich vermengt, dies ist überhaupt das Gesetz der Ablösung zweier sozialer Regime, selbst unversöhnlich miteinander verfeindeter. Es gibt Augenblicke, wo sich die Bourgeoisie sowohl auf die Sozialdemokratie wie auf den Faschismus stützt, d. h. sich zu gleicher Zeit ihrer versöhnlerischen und ihrer terroristischen Agentur bedient. So in gewissem Sinne die Kerenski-Regierung während der letzten Monate ihrer Existenz: Halb stützte sie sich auf die Sowjets, um gleichzeitig ihre Verschwörung mit Kornilow aufrecht zu erhalten. Ebenso die Brüning-Regierung, die auf einem Seil zwischen den beiden unversöhnlichen Lagern tanzt, den Stab der Notverordnungen in den Händen. Doch ein derartiger Zustand von Staat und Regierung hat vorübergehenden Charakter. Er bezeichnet die Übergangsperiode, wo die Sozialdemokratie bereits dem Ende ihrer Mission nahe ist, während zu gleicher Zeit weder Kommunismus noch Faschismus schon für die Machteroberung bereit sind.

Die italienischen Kommunisten, die sich schon längst mit der Frage des Faschismus hatten beschäftigen müssen, protestierten mehr als einmal gegen den so verbreiteten Missbrauch mit diesem Begriff. In der Epoche des 6. Kongresses der Komintern entwickelte Ercoli immer noch Ansichten zur Frage des Faschismus, die jetzt als »trotzkistisch« betrachtet werden. Nachdem er den Faschismus als konsequentestes und bis zu Ende geführtes System der Reaktion definiert hatte, erläuterte Ercoli: »Diese Behauptung stützt sich nicht auf die grausamen Terrorakte, nicht auf die große Zahl der ermordeten Arbeiter und Bauern, nicht auf die Rohheit der reichlich angewandten Folterungsarten, nicht auf die Härte der Aburteilungen: Sie ist begründet durch die systematische Vernichtung aller und jeglicher Formen selbständiger Massenorganisationen«. Ercoli hat hier vollauf recht: Wesen und Bestimmung des Faschismus bestehen in der vollständigen Aufhebung der Arbeiterorganisationen und in der Verhinderung ihres Entstehens. In der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft ist dieses Ziel durch bloße Polizeimaßnahmen nicht zu erreichen. Der einzige Weg dazu ist, dem Druck des Proletariats – im Augenblick seiner Schwächung – den Druck der verzweifelten kleinbürgerlichen Massen gegenüberzustellen. Eben dieses besondere System kapitalistischer Reaktion ist in die Geschichte unter dem Namen Faschismus eingegangen.

»Die Frage der Beziehungen, die zwischen Faschismus und Sozialdemokratie bestehen«, schreibt Ercoli, »gehört ins gleiche Gebiet (der Unversöhnlichkeit zwischen Faschismus und Arbeiterorganisationen). In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Faschismus krass von allen übrigen reaktionären Regime, die sich gegenwärtig in der modernen kapitalistischen Welt verankert haben. Er verwirft jeglichen Kompromiss mit der Sozialdemokratie, hat sie wütend verfolgt, aller legalen Existenzmöglichkeiten beraubt, sie zur Emigration gezwungen.«

So lautete ein im leitenden Organ der Komintern abgedruckter Artikel! Danach hat Manuilski Molotow die große Idee der »dritten Periode« eingegeben. Frankreich, Deutschland und Polen wurden in die »erste Reihe der revolutionären Offensive« abkommandiert, die Machteroberung zur unmittelbaren Aufgabe erklärt. Da aber vor dem Antlitz des proletarischen Aufstands alle Parteien außer der kommunistischen konterrevolutionär sind, bestand keine Notwendigkeit mehr, zwischen Faschismus und Sozialdemokratie zu unterscheiden. Die Theorie vom Sozialfaschismus wurde eingeführt. Die Kominternbeamten rüsteten um. Ercoli eilte zu beweisen, dass ihm die Wahrheit teuer sei, Molotow aber noch teurer, und... er schrieb ein Referat zur Verteidigung der Theorie des Sozialfaschismus. »Die italienische Sozialdemokratie«, erklärte er im Februar 1930, »faschisiert sich äußerst leicht.« Aber, ach, noch leichter servilisieren sich die Beamten des offiziellen Kommunismus...

Unsere Kritik an Theorie und Praxis der »dritten Periode« erklärte man gebührlich für konterrevolutionär. Die grausame Erfahrung, die das Proletariat teuer zu stehen kam, erzwang allerdings auch auf diesem Gebiet eine Wendung. Die »dritte Periode« ward in Ruhestand versetzt, sowie Molotow selbst – aus der Komintern. Die Theorie des Sozialfaschismus indes blieb als einzige reife Frucht der dritten Periode. Hier kann es keine Abänderungen geben: Mit der »dritten Periode« hat Molotow sich engagiert; in den Sozialfaschismus hat Stalin sich selbst verstrickt.

Als Leitmotiv für ihre Forschungen über den Sozialfaschismus hat die Rote Fahne Stalins Worte erkoren: »Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus.« Wie bei Stalin üblich, sobald er versucht zu verallgemeinern, widerspricht der erste Satz dem zweiten. Dass die Bourgeoisie sich auf die Sozialdemokratie stützt und der Faschismus eine Kampforganisation der Bourgeoisie darstellt, ist völlig unbestreitbar und schon längst ausgesprochen. Doch daraus erhellt nur, dass Sozialdemokratie wie Faschismus Werkzeuge der Großbourgeoisie sind. Wie dabei die Sozialdemokratie überdies noch den »Flügel« des Faschismus bilden kann, ist nicht zu verstehen. Auch die zweite Feststellung des gleichen Autors ist nicht viel tiefsinniger: Faschismus und Sozialdemokratie sind nicht Gegner, sondern Zwillinge. Zwillinge können erbitterte Gegner sein; andererseits müssen Verbündete keinesfalls am gleichen Tag von einer gemeinsamen Mutter geboren sein. Stalins Konstruktion gebricht es selbst an formaler Logik, von Dialektik nicht zu reden. Die Kraft dieser Konstruktion besteht darin, dass niemand ihr widersprechen darf.

Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein Unterschied im »Klasseninhalt«, lehrt nach Stalin Werner Hirsch (Die Internationale, Januar 1932). Der Übergang von Demokratie zu Faschismus kann den Charakter eines »organischen Prozesses« annehmen, d. h. »allmählich und auf kaltem Wege« sich vollziehen. Diese Erwägung würde verblüffend klingen, hätte uns das Epigonentum nicht abgewöhnt, uns verblüffen zu lassen.

Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein »Klassenunterschied«. Das soll offenbar bedeuten, dass die Demokratie bürgerlichen Charakters ist wie der Faschismus. Das hatten wir auch vor dem Januar 1932 gewusst! Indes lebt die herrschende Klasse nicht im luftleeren Raum. Sie steht in bestimmten Beziehungen zu den übrigen Klassen. Im »demokratischen« Regime der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft stützt sich die Bourgeoisie vor allem auf die von den Reformisten im Zaum gehaltene Arbeiterklasse. Am vollendetsten kommt dieses System in England zum Ausdruck, bei der labouristischen wie der konservativen Regierung. Unter dem faschistischen Regime, zumindest während seines ersten Stadiums, stützt sich das Kapital auf das Kleinbürgertum, das die Organisationen des Proletariats vernichtet. So in Italien! Besteht ein Unterschied im »Klasseninhalt« dieser beiden Regimes? Stellt man lediglich die Frage nach der herrschenden Klasse, so ist kein Unterschied vorhanden. Nimmt man Lage und Wechselbeziehungen aller Klassen unter dem Gesichtswinkel des Proletariats, erweist sich ein durchaus großer Unterschied.

Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Herde der proletarischen Demokratie gebaut: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der bürgerlichen Demokratie zur Macht gelangen, sondern nur auf revolutionärem Weg: Das ist durch Theorie und Praxis gleichermaßen erwiesen. Aber gerade für den revolutionären Weg benötigt es die Stützpunkte der Arbeiterdemokratie innerhalb des bürgerlichen Staates. Auf die Schaffung solcher Stellungen lief ja die Arbeit der Zweiten Internationale in jener Epoche hinaus, da sie noch eine progressive historische Arbeit versah.

Die grundlegende und einzige Bestimmung des Faschismus ist, alle Einrichtungen der proletarischen Demokratie bis auf das Fundament zu zerstören. Hat dies für das Proletariat einen »Klassensinn« oder nicht? Mögen die hohen Theoretiker darüber nachdenken. Während er das Regime bürgerlich nennt – was unbestreitbar ist – vergisst Hirsch gleich seinen Lehrmeistern eine Kleinigkeit: den Platz des Proletariats in diesem Regime. Den historischen Prozess ersetzen sie durch eine nackte soziologische Abstraktion. Doch der Klassenkampf wird auf dem Erdball der Geschichte geführt und nicht in der Stratosphäre der Soziologie. Der Ausgangspunkt des Kampfs mit dem Faschismus wird nicht durch die Abstraktion des demokratischen Staates, sondern durch die lebendigen Organisationen des Proletariats selbst gebildet, in denen seine ganze Erfahrung konzentriert ist und die seine Zukunft vorbereiten.

Dass der Übergang von Demokratie zu Faschismus »organischen« und »allmählichen« Charakter haben kann, bedeutet offenbar nichts anderes, als dass man dem Proletariat nicht nur alle materiellen Eroberungen – ein bestimmtes Lebensniveau, soziale Gesetzgebung, bürgerliche und politische Rechte – sondern auch die Hauptwaffe dieser Eroberung, d. h. seine Organisationen, ohne Erschütterungen und ohne Kampf abnehmen kann. Unter Übergang zum Faschismus »auf kaltem Wege« ist somit die schrecklichste politische Kapitulation des Proletariats zu verstehen, die man sich überhaupt vorzustellen vermag.

Die theoretischen Erwägungen Werner Hirschs sind nicht zufällig: Während sie Stalins theoretische Orakel weiterentwickeln, verallgemeinern sie gleichzeitig die gesamte gegenwärtige Agitation der Kommunistischen Partei. Ihr hauptsächlichstes Bestreben ist ja gegenwärtig darauf gerichtet zu beweisen, zwischen Brüning-Regime und Hitler-Regime bestehe kein Unterschied. Darin sehen augenblicklich Thälmann und Remmele die Quintessenz der bolschewistischen Politik.

Die Sache beschränkt sich nicht bloß auf Deutschland. Die Idee, der Sieg des Faschismus werde nichts Neues bringen, wird jetzt eifrig in allen Sektionen der Komintern propagiert. Im Januarheft der französischen Zeitschrift Cahiers du Bolchévisme lesen wir: »Die Trotzkisten, die in der Praxis wie Breitscheid handeln, übernehmen jetzt die berühmte Theorie der Sozialdemokratie vom kleineren Übel, nach der Brüning nicht so schlecht sei wie Hitler, nach der unter Brüning Hungers zu sterben weniger unangenehm sei als unter Hitler und unendlich vorteilhafter, von Groener erschossen zu werden als von Frick.« Dieses Zitat ist nicht das dümmste, obwohl – man muss Gerechtigkeit üben – dumm genug. Doch leider drückt es den Kern der politischen Philosophie der Kominternführer aus.

Das Problem liegt darin, dass die Stalinisten die beiden Regimes unter dem Gesichtswinkel der Vulgärdemokratie vergleichen. In der Tat, geht man an das Brüning-Regime mit formal-«demokratischen« Kriterien heran, ergibt sich der unwiderlegbare Schluss: Von der stolzen Weimarer Verfassung ist nichts als Haut und Knochen geblieben. Doch für uns entscheidet das die Frage noch nicht. Man muss sie vom Standpunkt der proletarischen Demokratie betrachten. Dies ist das einzig verlässliche Kriterium auch für die Frage, wo und wann die »normale« Polizeireaktion des verfaulenden Kapitalismus durch das faschistische Regime ersetzt wird.

Ob Brüning besser ist als Hitler (etwa sympathischer?), diese Frage interessiert uns, müssen wir gestehen, wenig. Es genügt aber, die Liste der Arbeiterorganisationen anzusehen, um zu sagen: In Deutschland hat der Faschismus noch nicht gesiegt. Noch stehen gigantische Hindernisse und Kräfte auf dem Weg zu seinem Sieg.

Das gegenwärtige Brüning-Regime ist das Regime einer bürokratischen Diktatur, besser: der mit militärisch-polizeilichen Mitteln verwirklichten Diktatur der Bourgeoisie. Das faschistische Kleinbürgertum und die proletarische Avantgarde halten einander gleichsam die Waagschale. Wären die Arbeiterorganisationen durch Sowjets vereinigt, würden die Betriebsräte um Produktionskontrolle kämpfen – könnte man von Doppelherrschaft sprechen. Durch die Zerstückelung des Proletariats und die taktische Hilflosigkeit seiner Avantgarde ist es noch nicht so weit. Jedoch allein die Tatsache des Vorhandenseins machtvoller Arbeiterorganisationen, die unter bestimmten Bedingungen dem Faschismus vernichtenden Widerstand leisten können, hält Hitler von der Macht ab und verleiht dem bürokratischen Apparat eine gewisse »Unabhängigkeit«.

Die Brüning-Diktatur ist eine Karikatur auf den Bonapartismus. Diese Diktatur ist unbeständig, unsicher, kurzlebig. Sie bedeutet nicht den Beginn eines neuen sozialen Gleichgewichts, sondern kündigt den Zusammenbruch des alten Gleichgewichts an. Unmittelbar auf eine nur geringfügige bürgerliche Minderheit gestützt, von der Sozialdemokratie gegen den Willen der Arbeiter toleriert, bedroht vom Faschismus, ist Brüning zu Verordnungsdonnern fähig, nicht aber zu realeren. Das Parlament mit dessen eigener Zustimmung aufzulösen, einige Verordnungen gegen die Arbeiter zu erlassen, den Weihnachts-Burgfrieden zu dekretieren, um unter dessen Hülle einige Bescherungen vorzunehmen, ein Hundert Versammlungen aufzulösen, ein Dutzend Zeitungen einzustellen, mit Hitler Briefe, würdig eines Provinzapothekers, zu wechseln – das ist alles, wozu es bei Brüning langt. Weiter reicht sein Arm nicht.

Brüning ist genötigt, das Bestehen der Arbeiterorganisationen zu dulden, sofern er nicht heute schon Hitler die Macht zu übergeben gewillt ist und sofern er nicht selbständige Kräfte zu deren Liquidierung besitzt. Brüning ist genötigt, die Faschisten zu tolerieren und zu begünstigen, sofern er den Sieg der Arbeiter auf den Tod fürchtet. Das Brüning-Regime ist ein Übergangsregime von kurzer Dauer, das der Katastrophe vorausgeht. Die gegenwärtige Regierung kann sich nur deshalb halten, weil es zwischen den Hauptlagern noch zu keinem Messen der Kräfte gekommen ist. Der richtige Kampf hat noch nicht begonnen. Er steht noch bevor. Die Pause bis zum Kampf, bis zum offenen Kräftemessen füllt die Diktatur der bürokratischen Ohnmacht aus.

Die Weisen, die sich dessen rühmen, dass sie keinen Unterschied »zwischen Brüning und Hitler« kennen, sagen in Wirklichkeit: Ob unsere Organisationen noch bestehen oder ob sie bereits zertrümmert sind, ist ohne Bedeutung. Hinter dieser scheinradikalen Phraseologie versteckt sich die niederträchtigste Passivität. Einer Niederlage können wir nicht entgehen! Man lese nur aufmerksam das Zitat aus der Zeitschrift der französischen Stalinisten. Das ganze Problem läuft darauf hinaus, unter wem es sich besser hungern lässt, unter Brüning oder unter Hitler. Wir aber stellen die Frage nicht so: Wie und unter welchen Bedingungen lässt sich besser sterben, sondern: Wie müssen wir kämpfen und siegen? Unsere Schlussfolgerung ist, die Generalschlacht muss geliefert werden, bevor Brünings bürokratische Diktatur vom faschistischen Regime abgelöst wird, das heißt, bevor die Arbeiterorganisationen vernichtet sind. Auf die Generalschlacht muss man sich durch Weitertreiben, Verbreitern und Verschärfen der Teilkämpfe vorbereiten. Dazu muss man im Besitz einer richtigen Perspektive sein und vor allem, man darf nicht den Feind als Sieger proklamieren, der vom Siege noch weit entfernt ist.

Hier ist der Kern der Frage, hier ist der strategische Schlüssel zur Lage, hier ist der Ausgangspunkt für den Kampf. Jeder denkende Arbeiter und um so mehr jeder Kommunist ist verpflichtet, sich Rechenschaft abzulegen über die ganze Leere, die ganze Nichtigkeit des faulen Geredes der Stalinschen Bürokratie, Brüning und Hitler seien dasselbe. Das heißt die Dinge verwirren! antworten wir ihnen, schändlich verwirren aus Angst vor den Schwierigkeiten, aus Angst vor den großen Aufgaben. Ihr kapituliert, ohne den Kampf aufgenommen zu haben, ihr erklärt, wir hätten bereits eine Niederlage erlitten. Ihr lügt! Die Arbeiterklasse ist gespalten und geschwächt durch die Reformisten, desorientiert durch die Schwankungen der eigenen Avantgarde, aber noch nicht geschlagen, ihre Kräfte sind nicht erschöpft. Nein, Deutschlands Proletariat ist mächtig. Die optimistischsten Berechnungen werden gewaltig übertroffen werden, wenn seine revolutionäre Energie sich den Weg in die Arena der Aktion bahnen wird.

Brünings Regime ist ein Regime der Vorbereitung. Wofür? Entweder für den Sieg des Faschismus oder für den Sieg des Proletariats. Es ist ein Vorbereitungsregime aus dem Grunde, weil beide Lager sich auf den entscheidenden Kampf erst vorbereiten. Brüning mit Hitler zu identifizieren bedeutet, die Situation vor dem Kampf mit der Situation nach der Niederlage zu identifizieren, bedeutet die Aufforderung, ohne Kampf zu kapitulieren.

Die erdrückende Mehrheit der Arbeiter, insbesondere der Kommunisten, will das nicht. Auch die Stalinsche Bürokratie will es natürlich nicht. Doch man muss nicht von den guten Absichten ausgehen, mit denen Hitler die Straßen seiner Hölle pflastern wird, sondern von dem objektiven Sinn der Politik, ihrer Richtung, ihren Tendenzen. Es ist notwendig, den passiven, ängstlich abwartenden, kapitulationsbereiten, deklamatorischen Charakter der Politik Stalin-Manuilski-Thälmann-Remmele zu entlarven! Es ist notwendig, dass die revolutionären Arbeiter begreifen: Der Schlüssel zur Position ist bei der Kommunistischen Partei; aber mit diesem Schlüssel versucht die Stalinsche Bürokratie das Tor zur revolutionären Tat zu verschließen.

Bürokratischer Ultimatismus

Wenn die Blätter der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) gegen den »Parteiegoismus« von Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei schreiben; wenn Seydewitz beteuert, dass für ihn »das Klasseninteresse über dem Parteiinteresse stehe« – so verfallen sie in politischen Sentimentalismus oder, noch schlimmer, so verdecken sie mit sentimentalen Phrasen die Interessen der eigenen Partei. Das ist ein untauglicher Weg. Wenn die Reaktion fordert, man möge die Interessen der »Nation« über die Klasseninteressen stellen, legen wir Marxisten dar, dass unter dem Schein der Interessen des »Ganzen« die Reaktion die Interessen der Ausbeuterklasse durchführt. Die Interessen der Nation lassen sich nicht anders formulieren als unter dem Gesichtspunkt der herrschenden Klasse oder der die Herrschaft anstrebenden Klasse. Die Interessen der Klasse lassen sich nicht anders formulieren als in Gestalt eines Programms. Das Programm lässt sich nicht anders verteidigen als durch die Schaffung einer Partei.

Die Klasse an und für sich genommen ist lediglich Ausbeutungsmaterial. Die selbständige Rolle des Proletariats beginnt dort, wo es aus einer sozialen Klasse an sich eine politische Klasse für sich wird. Das vollzieht sich nicht anders als durch das Mittel der Partei. Die Partei ist jenes historische Organ, durch dessen Vermittlung die Klasse das Selbstbewusstsein erlangt. Zu sagen: »Klasse steht höher als Partei« – heißt behaupten, die urwüchsige Klasse stehe höher als die dem Selbstbewusstsein entgegengehende Klasse. Das ist nicht nur falsch, sondern auch reaktionär. Um die Notwendigkeit der Einheitsfront zu begründen, bedarf es nicht im Mindesten dieser Spießertheorie.

Der Marsch der Klasse zum Selbstbewusstsein, d. h. die Herausschälung einer revolutionären Partei, die das Proletariat hinter sich herführt, ist ein verwickelter und widerspruchsvoller Prozess. Die Klasse ist nicht einheitlich. Ihre verschiedenen Teile erlangen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeitpunkten das Selbstbewusstsein. Die Bourgeoisie nimmt aktiven Anteil an diesem Prozess. Sie schafft ihre Organe innerhalb der Arbeiterklasse oder benutzt die vorhandenen, indem sie die einen Schichten der Arbeiter den anderen gegenüberstellt. Im Proletariat wirken gleichzeitig verschiedene Parteien. Politisch bleibt es daher den größten Teil seines historischen Weges gespalten. Hieraus erwächst eben – in bestimmten Perioden mit außerordentlicher Schärfe – das Problem der Einheitsfront.

Details

Seiten
402
Jahr
2014
ISBN (ePUB)
9783886347735
ISBN (MOBI)
9783886348732
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321482
Schlagworte
Nationalsozialismus Leo Trotzki Trotzki Geschichte 20.Jahrhundert Deutschland deutsche Geschichte Politik Politikgeschichte Politische Unterdrückung Politische Verfolgung Diktatur Faschismus

Autor

  • Leo Trotzki

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Titel: Porträt des Nationalsozialismus