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Verratene Revolution

Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie?

von Leo Trotzki

2014 353 Seiten

Leseprobe

Leo Trotzki

Verratene Revolution

Was ist die Sowjetunion, und wohin treibt sie?

1936

Mehring Verlag

Einleitung[1]

 

Wenige Werke der politischen Literatur haben vor der Geschichte so glänzend bestanden wie Leo Trotzkis »Verratene Revolution«. Fünfzig Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung ist diese Analyse der Sowjetunion noch immer unübertroffen. Wenn man einmal »Verratene Revolution« gelesen hat, weiß man mehr über die Struktur und Dynamik der sowjetischen Gesellschaft, als wenn man systematisch die vielen tausend Bände sichten würde, welche die bürgerliche »Sowjetologie« in den letzten paar Jahrzehnten der Öffentlichkeit zugemutet hat. 

Die Ereignisse der letzten fünf Jahre geben uns einen objektiven Maßstab an die Hand, um den wissenschaftlichen Wert von Trotzkis meisterhafter marxistischer Analyse mit den gleich geschalteten und hölzernen Arbeiten hoch dotierter Akademikerscharen und preisgekrönter Journalisten zu vergleichen. Hat irgendeiner von ihnen selbst nach Gorbatschows Machtantritt vorausgesagt, dass die sowjetische Regierung das Prinzip der zentralen Planung aufgeben, alle Beschränkungen für das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschaffen, die Marktwirtschaft zur Krone der Zivilisation erklären und die völlige Integration der UdSSR[2] in die wirtschaftliche und politische Struktur des Weltkapitalismus anstreben werde? 

Leo Trotzki dagegen warnte schon 1936, als isolierter politischer Verbannter in Norwegen (bald sollte er auf Befehl der sozialdemokratischen Regierung deportiert werden), dass die Politik des stalinistischen Regimes, weit entfernt, den Sieg des Sozialismus in der UdSSR gesichert zu haben, in Wirklichkeit der Restauration des Kapitalismus den Boden bereitete. Heute kann niemand mehr bestreiten, dass die Ereignisse seit Beginn der Perestroika im Jahr 1985 jTrotzkis hypothetische Voraussage, wie der Sturz der durch die Oktoberrevolution von 1917 geschaffenen Eigentumsverhältnisse verlaufen könne, in erstaunlichem Maße bestätigt haben. 

Es geht nicht einfach darum, dass »Verratene Revolution« das Werk eines Genies ist. Was dieses Buch von allen anderen Schriften über die Sowjetunion unterscheidet, ist die analytische Methode des Autors. Trotzki zählte zu den großen Vertretern der materialistischen Dialektik, die den bleibenden Beitrag des Marxismus zur Entwicklung des menschlichen Denkens darstellt. Das Ziel von »Verratene Revolution« bestand darin, aufzudecken, welche inneren Widersprüche die Entwicklung jenes Staates bestimmten, der als erster in der Weltgeschichte aus einer sozialistischen Revolution hervorgegangen war. Während bürgerliche Forscher und Journalisten die Definition der Sowjetunion als »sozialistischer Staat« ihren Werken für gewöhnlich als gegeben und selbstverständlich zugrunde legten, lehnte es Trotzki ab, die Beschreibung der sowjetischen Wirklichkeit einfach mit dem Wort »sozialistisch« zu erledigen. Der unkritische Gebrauch dieser Bezeichnung, gab er zu bedenken, werde den Blick für die Wirklichkeit eher trüben als schärfen. Die Oktoberrevolution, betonte er, habe lediglich die ersten politischen Voraussetzungen für die Verwandlung des rückständigen Russlands in eine sozialistische Gesellschaft geschaffen. Ob auf diesen Grundlagen letztlich der Sozialismus errichtet werde und in welcher Zeitspanne, hing vom komplexen Zusammenwirken nationaler und internationaler Faktoren ab. Auf jeden Fall, meinte Trotzki, gab es im Gegensatz zur Prahlerei des stalinistischen Regimes überhaupt keinen Sozialismus in der UdSSR, wenn man den Begriff in seiner traditionellen marxistischen Bedeutung verwenden wollte. 

Aber wenn die Sowjetunion nicht sozialistisch war, konnte man sie dann als kapitalistisch definieren? Auch diese Bezeichnung lehnte Trotzki ab; denn zweifellos hatte die Oktoberrevolution zur Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln geführt und das Eigentum in die Hände des Arbeiterstaats gelegt. Deshalb vermied Trotzki bei der Definition der Sowjetunion bewusst abgeschlossene und feste Kategorien wie Kapitalismus oder Sozialismus. Er versuchte, für die Sowjetunion einen Begriff zu finden, der ihre dynamischen Eigenschaften wiedergab und deren künftige Entwicklungsmöglichkeiten umriss. Trotzki kam zu dem Schluss, dass die Sowjetunion eine »Übergangsgesellschaft« sei, deren Charakter und Schicksal die Geschichte noch nicht entschieden habe. Wenn es der Arbeiterklasse gelingen würde, das stalinistische Regime zu stürzen und auf der Grundlage der Sowjetdemokratie wieder die Kontrolle über den Staat zu erlangen, dann könnte sich die UdSSR noch zum Sozialismus hin entwickeln. Aber wenn die Bürokratie an der Macht bliebe und im Interesse ihrer eigenen privilegierten Stellung weiterhin das kreative Potential der verstaatlichten Planung ersticke, dann wäre auch ein katastrophaler Rückfall in den Kapitalismus möglich, der mit der Vernichtung der UdSSR enden würde. 

Trotzki war sich im Klaren, dass seine »hypothetische Definition«, die zwei diametral entgegengesetzte Entwicklungsmöglichkeiten für die Sowjetunion vorhersah, jene in Verwirrung stürzen würde, deren Denken von den Regeln der formalen Logik bestimmt wurde. »Sie möchten«, stellte er fest, »kategorische Formulierungen: ja, ja, nein, nein.« Aber die gesellschaftliche Wirklichkeit besteht aus Widersprüchen, die nicht in den starren Rahmen eines logischen Syllogismus gezwängt werden können. »Die soziologischen Fragen würden ohne Zweifel einfacher aussehen, wenn die sozialen Erscheinungen immer vollendet wären. Nichts ist jedoch gefährlicher, als auf der Suche nach logischer Vollendung die Elemente aus der Wirklichkeit auszumerzen, die bereits heute das Schema verletzen, es morgen aber vollends über den Haufen werfen können. In unserer Analyse hüten wir uns am meisten davor, der Dynamik des gesellschaftlichen Werdens, das keine Vorläufer und keine Analogien kennt, Gewalt anzutun. Die wissenschaftliche wie die politische Aufgabe besteht nicht darin, einen unvollendeten Prozess mit einer vollendeten Definition zu versehen, sondern darin, ihn in all seinen Etappen zu verfolgen, seine fortschrittlichen und reaktionären Tendenzen herauszuschälen, deren Wechselwirkung aufzuzeigen, die möglichen Entwicklungsvarianten vorauszusehen und in dieser Voraussicht eine Stütze fürs Handeln zu finden.«[3]

 

Im Verlauf einer theoretischen Kontroverse, die weitgehend von der in »Verratene Revolution« dargelegten Analyse ausgelöst worden war, argumentierte James Burnham, die materialistische Dialektik sei keine wissenschaftliche Methode zur Untersuchung von Geschichte und Gesellschaft, sondern nur ein literarischer Trick, den Trotzki verwandte, um treffende Vergleiche zu formulieren.[4] Eine gewissenhafte Untersuchung allein des Aufbaus von Trotzkis Analyse genügt, um diese Kritik als flach zu entlarven. Die dialektische Logik ist nicht eine Art ausgefeilte Argumentation von Leuten, die ein Talent für brillante, aber doch erfundene Paradoxe haben, sondern der im Denken verallgemeinerte Ausdruck der Widersprüche, die allen Erscheinungen in Natur und Gesellschaft zugrunde liegen. Trotzki legte die antagonistischen und gleichzeitig ineinander verwobenen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Tendenzen bloß, die die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft bestimmten. 

Die Oktoberrevolution selbst war das größte historische Paradox gewesen. Die erste sozialistische Revolution begann 1917 nicht in einem der wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder Westeuropas oder in Nordamerika, sondern in dem rückständigsten der großen kapitalistischen Länder jener Periode – in Russland. Innerhalb von acht atemberaubenden Monaten, von Februar bis Oktober, zerschlugen die russischen Massen die veralteten Feudalinstitutionen der Romanow-Dynastie und schufen unter der Führung der revolutionärsten Partei, welche die Welt je gesehen hat, eine neue Staatsform, die sich auf Arbeiterräte (Sowjets) begründete. 

 

Im Gegensatz zu den Behauptungen der liberalen Gegner des Marxismus hatte die Unfähigkeit der Bourgeoisie, eine politische Alternative zum Zarenregime zu schaffen, ihre Ursache nicht in den böswilligen Verschwörungen der Bolschewiki, sondern in der historisch verspäteten Entwicklung des Kapitalismus in Russland. In den »klassischen« demokratischen Revolutionen Englands und Frankreichs stellte sich die Bourgeoisie an die Spitze des politischen Kampfes gegen den Feudalismus und für die Einheit der Nation. Damals gab es ein Proletariat im modernen Sinne entweder noch gar nicht, oder es befand sich erst in den Anfängen seiner Entwicklung als eigenständige soziale Klasse. Aber in Russland entfaltete sich der demokratische Kampf erst, als die soziale und politische Entwicklung des Proletariats, hervorgebracht durch das rasche Anwachsen der Industrie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, bereits über jene der einheimischen Bourgeoisie hinausgegangen war. Die Revolution von 1905, die große »Generalprobe« für die Oktoberrevolution zwölf Jahre später, wurde Zeuge von Massenstreiks, der Entstehung des großen Sowjets von St. Petersburg (Trotzki war dessen Vorsitzender) und bestätigte die führende Rolle der Arbeiterklasse im Kampf gegen die Autokratie. Die Erschütterungen von 1905 überzeugten die russische Bourgeoisie, dass ihr in Form des sozialistischen Proletariats ein weitaus gefährlicherer Gegner gegenüberstand als die zaristische Autokratie. Je klarer die Bourgeoisie erkannte, dass sie die Arbeiterklasse politisch nicht dominieren konnte, desto weniger war sie gewillt, im Kampf gegen das alte Regime zur Methode revolutionärer Massenkämpfe mit ihren unvorhersehbaren Folgen zu greifen. 

Die Ereignisse von 1917 zeigten schnell, wie gelähmt die Bourgeoisie in politischer Hinsicht war. Nachdem sie beim Sturz des Zaren praktisch keine Rolle gespielt hatte, bildete sie die Provisorische Regierung, die nicht in der Lage war, eine einzige radikale Maßnahme durchzusetzen, um die Forderungen der millionenköpfigen Bauernschaft zu erfüllen, vom städtischen Proletariat ganz zu schweigen. Beengt durch die wirtschaftliche Abhängigkeit von den imperialistischen Großmächten und entschlossen, die unersättlichen Territorialansprüche der russischen Bourgeoisie zu befriedigen, verpflichtete sich die Provisorische Regierung außerdem, Russland auch weiterhin am Ersten Weltkrieg zu beteiligen. So begab sie sich auf einen Konfrontationskurs mit den Massen, die das Ende des Krieges und die restlose Abschaffung der verbliebenen Feudalverhältnisse auf dem Lande verlangten. Diese Forderungen wurden schließlich im Oktober durch den Sieg der proletarischen Revolution unter der Führung der bolschewistischen Partei erfüllt. Dieses paradoxe historische Resultat – die Verwirklichung der demokratischen Revolution, indem die Arbeiterklasse die Staatsmacht eroberte – musste unbedingt weitreichende und einzigartige Folgen haben. Unter der Führung des Proletariats nahm die demokratische Revolution unweigerlich sozialistischen Charakter an; die Vernichtung aller Überbleibsel des Feudalismus auf dem Lande ging einher mit tiefen Eingriffen in die bürgerlichen Eigentumsformen und mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. 

 

Aber der immense historische Sprung von 1917 verlangte einen hohen Preis. Dieselben Umstände, welche die Machteroberung des russischen Proletariats erleichtert hatten, brachten außerordentliche Hindernisse für den Aufbau des Sozialismus in dem neu geschaffenen Arbeiterstaat mit sich. Dem Regime, das auf der Grundlage eines Programms für die fortgeschrittenste Gesellschaft errichtet worden war, standen nur sehr beschränkte wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung. Die extreme Rückständigkeit der russischen Gesellschaft – welche die bolschewistische Regierung von der zaristischen Vergangenheit geerbt hatte – wurde noch verschlimmert durch die Zerstörung, die der Erste Weltkrieg und dann der 1918 ausgebrochene Bürgerkrieg angerichtet hatten. Wenn man nur von der Situation in Russland ausging, musste die bolschewistische Machteroberung als verwegenes und tollkühnes Abenteuer erscheinen. Aber die Überlegungen Lenins und Trotzkis stützten sich vor allem auf internationale, weniger auf nationale Faktoren. Dies fand die Zustimmung ihrer größten Zeitgenossin, Rosa Luxemburg, die zwar gewissen Aspekten ihrer Politik kritisch gegenüberstand, aber im Jahr 1918 schrieb: »Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig. Dass die Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik.«[5] 

 

Internationale Bedingungen hatten dem Ausbruch der russischen Revolution zugrunde gelegen und die Bolschewiki zur Machteroberung gezwungen,[6] und auch die Möglichkeit zum sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion war unauflöslich mit dem internationalen Klassenkampf verbunden. Nur der Sieg der Arbeiterklasse in einem der europäischen Zentren des Weltkapitalismus – die Hoffnung der Bolschewiki konzentrierte sich auf die Ereignisse in Deutschland – hätte dem rückständigen Russland die hochentwickelten wirtschaftlichen und technologischen Ressourcen verschafft, von denen der Sozialismus abhängt. Für Lenin und Trotzki war die bolschewistische Machteroberung nur der Beginn der sozialistischen Weltrevolution. Ihre weitere Entwicklung und Vollendung hing vom Kampf des Weltproletariats ab. Die Kommunistische Internationale, zu deren Gründung die Bolschewiki den Ausschlag gaben, sollte als strategisches Oberkommando im weltweiten Kampf gegen den Kapitalismus dienen. 

 

Der bolschewistische Sieg war in der Tat der Beginn eines gewaltigen internationalen Aufschwungs der Arbeiterklasse. Aber in keinem anderen Land gab es eine Führung, die in ihren politischen Qualitäten der bolschewistischen Partei gleichkam. Die Partei Lenins war das Produkt eines jahrelangen unversöhnlichen Kampfes gegen jede opportunistische Strömung in der russischen Arbeiterbewegung. Die Bedeutung der politischen Spaltungen innerhalb der sozialistischen Strömungen in Russland und international wäre ohne Lenins vorangegangene Arbeit nicht so klar definiert gewesen. Die Spaltung zwischen Bolschewismus und Menschewismus im Jahr 1903 nahm die Spaltung in der Zweiten Internationale zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1914 um mehr als zehn Jahre vorweg. Lenins Differenzierung zwischen dem Marxismus und allen Formen des kleinbürgerlichen Opportunismus war die Voraussetzung für den fruchtbaren politischen Kampf, den die Bolschewiki 1917 gegen die reformistischen (menschewistischen) Verbündeten der bürgerlichen Provisorischen Regierung führten. Nicht einmal in Deutschland war dem Ausbruch revolutionärer Kämpfe eine solche Vorbereitung vorausgegangen. Der entscheidende organisatorische Bruch mit den Opportunisten und die Gründung der Kommunistischen Partei fanden erst rund sechs Wochen nach Ausbruch der Novemberrevolution von 1918 statt. Und nur zwei Wochen später, am 15. Januar 1919, raubte die – mit der heimlichen Zustimmung der sozialdemokratischen Regierung erfolgte – Ermordung von Luxemburg und Liebknecht der deutschen Arbeiterklasse ihre besten Führer. Von 1919 bis 1923 erlitt die Arbeiterklasse eine Reihe großer Niederlagen – in Ungarn, Italien, Estland, Bulgarien und die schlimmste in Deutschland. In jedem Fall lag die Ursache für die Niederlage im Verrat der alten sozialdemokratischen Parteien, die immer noch von einem bedeutenden Teil der Arbeiterklasse unterstützt wurden, und in der politischen Unreife der neuen kommunistischen Organisationen. 

Die in die Länge gezogene politische und wirtschaftliche Isolation der Sowjetunion sollte unvorhergesehene und tragische Folgen haben. Der durch die erste Arbeiterrevolution geschaffene Staat brach zwar nicht zusammen, begann aber zu degenerieren. Hatte die verspätete Entwicklung des Kapitalismus in Russland die Schaffung des Sowjetstaates ermöglicht, so war die unerwartete Verzögerung des Siegs der sozialistischen Weltrevolution der wichtigste Grund für ihre Degeneration. Deren Form war das enorme Anwachsen der Bürokratie im Apparat des sowjetischen Staates und der bolschewistischen Partei und die außerordentliche Machtkonzentration in seinen Händen. 

Für historischen Subjektivismus, der die Analyse sozialer Prozesse durch Spekulationen über persönliche und psychologische Motive ersetzt, hatte Trotzki nur Verachtung übrig. Er wies nach, dass das bösartige Wuchern der Bürokratie, das im totalitären Regime Stalins gipfelte, in den besonderen materiellen Bedingungen eines Arbeiterstaats wurzelte, der in einem rückständigen Land errichtet worden war. Vom Standpunkt der Eigentumsformen aus war der sowjetische Staat sozialistisch. Aber an die volle und gleiche Befriedigung der materiellen Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft war in dem rückständigen, verarmten und von Hungersnöten geplagten Sowjetrussland überhaupt nicht zu denken. Die Verteilung der Güter unter der Aufsicht des Staates musste weiterhin mit Hilfe eines kapitalistischen Wertmessers, und daher ungleich erfolgen. Dass diese Ungleichheit – oder, was dasselbe ist, die Privilegien einer Minderheit – zumindest anfänglich für das Funktionieren der staatlich kontrollierten Wirtschaft notwendig war, änderte nichts an der Tatsache, dass die Verteilung nach wie vor einen bürgerlichen Charakter hatte. 

 

Im Sowjetregime kam die Spannung zwischen diesen beiden entgegengesetzten Funktionen des Arbeiterstaats zum Ausdruck: Es verteidigte das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln und überwachte gleichzeitig die bürgerlichen Verteilungsmethoden, verteidigte also die Privilegien einer Minderheit. Die Bürokratie entstand aus diesem Widerspruch heraus: »Was die Verteidigung des vergesellschafteten Eigentums gegen die bürgerliche Konterrevolution anbelangt, so entspricht der ›Staat der bewaffneten Arbeiter‹ vollauf seinem Zweck, aber mit der Regulierung der Ungleichheit in der Sphäre des Verbrauchs verhält es sich ganz anders. Vorrechte zu schaffen und sie zu verteidigen, sind nicht diejenigen bereit, denen sie abgehen. Die Mehrheit kann nicht für die Privilegien der Minderheit sorgen. Zur Verteidigung des ›bürgerlichen Rechts‹ ist der Arbeiterstaat gezwungen, ein seinem Typus nach ›bürgerliches‹ Organ ins Leben zu rufen, d. h. wieder denselben Gendarm, wenn auch in neuer Uniform.«[7]

Die Bürokratie, erklärte Trotzki, erfüllte die Funktion eines »Gendarms« der Gesellschaft, eines Polizisten der Ungleichheit:

»Wir haben auf diese Weise den ersten Schritt getan zum Verständnis des Grundwiderspruchs zwischen dem bolschewistischen Programm und der Sowjetwirklichkeit. Wenn der Staat nicht abstirbt, sondern immer despotischer wird, wenn die Bevollmächtigten der Arbeiterklasse sich bürokratisieren und die Bürokratie sich über die erneuerte Gesellschaft aufschwingt, so geschieht das nicht aus irgendwelchen zweitrangigen Ursachen heraus, wie psychologischen Überbleibseln der Vergangenheit, sondern kraft der eisernen Notwendigkeit auszusondern und auszuhalten, solange wahre Gleichheit noch nicht möglich ist.«[8] 

Die Bürokratie entstand aus den Widersprüchen eines rückständigen und verarmten Arbeiterstaats, der durch die Niederlage der proletarischen Revolution isoliert worden war. Aber man darf sich das nicht so vorstellen, als seien die objektiven Widersprüche aus eigener Kraft heraus direkt und unmittelbar in die Ungeheuerlichkeiten des stalinistischen Regimes gemündet. Bevor die Signale, die von der ökonomischen Basis ausgehen, in den äußeren Schichten des politischen Überbaus ankommen und in Form von Programm und Politik aufgezeichnet werden, müssen sie, und sei ihre Quelle noch so stark, erst durch die widersprüchlichen Einflüsse der historischen Tradition, der Kultur, der Ideologie, ja sogar der individuellen Psychologie vermittelt worden sein. Die Kristallisation der bürokratischen Schicht in eine ganz bestimmte politische Tendenz, die schließlich die bolschewistische Partei zerstörte, war ein komplexer, quälender und langer Prozess. Es wäre ein Fehler zu glauben, dass jene, die zu Vertretern der bürokratischen Fraktion wurden, von Anfang das Ziel gehabt hätten, das Werk der russischen Revolution zu verraten und zu vernichten. Zu Beginn des politischen Kampfes innerhalb der bolschewistischen Partei verstanden sich Stalin und seine Anhänger nicht als Verteidiger von Privilegien und Ungleichheit, der bürgerlichen Funktionen des Arbeiterstaats. Stalins beschränkter Empirismus – seine Unfähigkeit, die tagtäglichen Ereignisse in Zusammenhang mit den grundlegenderen sozialen Prozessen zu analysieren oder die Entwicklung von Klassenkräften zu verstehen – ließ ihn zum Führer der Bürokratie werden, ohne dass er die langfristigen Folgen seines Kampfes gegen die Linke Opposition voraussehen konnte. Trotzki erklärte dazu: 

»Es wäre naiv zu meinen, dass der den Massen unbekannte Stalin plötzlich mit einem fertigen strategischen Plan aus den Kulissen hervorgetreten sei. Nein, bevor er seinen Weg aufspürte, spürte die Bürokratie ihn auf. Stalin bot ihr alle nötigen Garantien: das Prestige eines alten Bolschewiken, einen starken Charakter, einen engen Horizont und unzerreißbare Bande mit dem Apparat, der einzigen Quelle seines eigenen Einflusses. Der Erfolg, der ihm zuteil wurde, kam für ihn selbst anfangs ganz unerwartet. Das war der freundliche Widerhall der neuen herrschenden Schicht, die sich von den alten Grundsätzen und von der Massenkontrolle zu befreien trachtete und für ihre internen Angelegenheiten einen verlässlichen Schiedsrichter brauchte. Im Hinblick auf die Massen und die Revolutionsereignisse eine zweitrangige Figur, offenbarte sich Stalin als unumstrittener Führer der thermidorianischen Bürokratie, als Erster in ihrer Mitte.«[9] 

 

Die »Verratene Revolution« war der Höhepunkt des theoretischen und politischen Kampfes gegen die Bürokratie, den Trotzki 1923 aufgenommen hatte. Im Herbst jenes Jahres hatte Trotzki eine Artikelserie unter dem Titel »Der neue Kurs« geschrieben, in der er besorgt auf das Anwachsen bürokratischer Tendenzen in den aufgeblähten Apparaten des sowjetischen Staates und der bolschewistischen Partei hinwies. Die Erdrosselung der innerparteilichen Demokratie war für ihn ein Symptom für die zunehmend eigenmächtige Autorität der Bürokratie über alle Bereiche des sowjetischen Lebens.

Als dieser Kampf begann, genoss Trotzki noch immenses Ansehen in der bolschewistischen Partei und unter den sowjetischen Massen. Neben Lenin war er der maßgebende Führer der Oktoberrevolution und des neuen sowjetischen Staates. Seine Kritik fand breite Unterstützung innerhalb der bolschewistischen Partei – besonders unter jenen Schichten, die in der Periode der Revolution und des Bürgerkrieges eine herausragende Rolle gespielt hatten. »Der neue Kurs« wurde zur ersten Plattform für die Linke Opposition, die sich dem wachsenden Einfluss der Bürokratie entgegenstellen wollte. Die hasserfüllte Reaktion, die Trotzkis Artikel hervorriefen, zeigte an sich schon, dass sich die Bürokratie als soziale Kraft ihrer Interessen bereits so weit bewusst geworden war, dass sie sich gegen marxistische Kritik zur Wehr setzte. 

Lenin starb am 21. Januar 1924.[10] Im Herbst jenes Jahres schlug sich die Diskrepanz zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und der immer selbstbewussteren Bürokratie in einer politischen Linie nieder, die dem internationalistischen Programm und den Perspektiven, auf die sich die bolschewistische Partei seit ihrer Entstehung gestützt hatte, diametral entgegengesetzt war. Wie wir bereits festgestellt haben, gehörte es zu den unbestrittenen Grundlagen der bolschewistischen, d. h. marxistischen Perspektive, dass die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion letztendlich vom Sieg der sozialistischen Revolutionen in den fortgeschrittenen europäischen Zentren des Weltimperialismus abhing. So lange Lenin am Leben war, hatte niemand in der Führung der bolschewistischen Partei jemals anklingen lassen, dass die Ressourcen der Sowjetunion für den Aufbau einer selbstgenügsamen sozialistischen Gesellschaft ausreichen würden. Nicht einmal einem fortgeschrittenen kapitalistischen Land schrieb der Marxismus derartige Möglichkeiten zu. 

 

Vom »Kommunistischen Manifest« 1847 bis zum Sieg der Oktoberrevolution siebzig Jahre später war das Leitprinzip der marxistischen Bewegung die unerschütterliche Überzeugung gewesen, dass der Sozialismus nur als das vereinte, internationale Werk der Arbeiter aller Länder und durch ihren Sieg über den Weltkapitalismus geschaffen werden könne. 

Als Stalin, ermuntert von Bucharin, verkündete, es sei möglich, den Sozialismus in einem Land aufzubauen, steckte dahinter mehr als eine grundlegende Revision der marxistischen Theorie. Stalin selbst erkannte es zwar nicht, aber er artikulierte die Ansichten einer wachsenden Bürokratie, für die der sowjetische Staat nicht eine Bastion und Etappe der sozialistischen Weltrevolution war, sondern die nationale Grundlage für ihre Einkünfte und Privilegien. 

Die stalinistische Fraktion hat das Ziel der Weltrevolution nicht mit einem Schlag zurückgewiesen; sie protestierte sogar empört gegen diese Vorwürfe der Linken Opposition. Trotzdem kündete die Theorie vom »Sozialismus in einem Land« eine grundlegende Richtungsänderung in der internationalen Politik des sowjetischen Regimes und der Rolle der Komintern an.[11] Die Stalinisten behaupteten, die UdSSR könne zum Sozialismus gelangen, wenn sie nur nicht durch eine Intervention imperialistischer Armeen zurückgeworfen würde. Daraus folgte, dass die Verwirklichung des sowjetischen Sozialismus nicht den Sturz des Weltimperialismus, sondern dessen Neutralisierung durch diplomatische Mittel zur Voraussetzung hatte. 

Die Linke Opposition erhob keine prinzipiellen Einwände gegen diplomatische Abkommen zwischen der Sowjetunion und kapitalistischen Staaten. In die Zeit von Trotzkis größtem politischen Einfluss waren bemerkenswerte Triumphe im diplomatischen Bereich gefallen, vor allem der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen in Rapallo 1922. Aber diese Vereinbarungen wurden von Sowjetrussland offen als taktische Manöver bezeichnet, die das Ziel verfolgten, seine Position zu stabilisieren, bis ihm das internationale Proletariat direkt zu Hilfe eilen würde. Man ging ganz selbstverständlich davon aus, dass das Schicksal des Arbeiterstaats untrennbar mit dem des internationalen Sozialismus verbunden war. Die diplomatischen Initiativen der Sowjetunion erlegten darüber hinaus den Kommunistischen Parteien vor Ort keinerlei Verpflichtungen auf. Ihre Hauptsorge musste darin bestehen, die unabhängige revolutionäre Initiative der Arbeiterklasse soweit irgend möglich zu entwickeln. 

 

Aber unter dem Einfluss der sowjetischen Bürokratie wandelte sich die Rolle der Komintern. Die neue Theorie des »nationalen Sozialismus« wirkte sich bald auf die Strategie und Taktik der Kommunistischen Internationale aus. Das opportunistische Bündnis, das 1925 zwischen der unerfahrenen Kommunistischen Partei Großbritanniens und den Gewerkschaftsbürokraten im Anglo-Russischen Komitee zustande kam, wurde von den Stalinisten in der Hoffnung unterstützt, dass die Sympathie dieser einflussreichen Funktionäre die britische Regierung zu einer weniger antisowjetischen Politik veranlassen würde. Ähnliche Überlegungen spielten zumindest eine Rolle, als Stalin zwischen 1925 und 1927 darauf bestand, dass sich die Kommunistische Partei Chinas der bürgerlich-nationalistischen Regierung von Tschiang Kai-schek unterordnete. In beiden Fällen führte der Versuch, im Ausland auf Kosten der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse Freunde zu gewinnen, zur Katastrophe: Die Verherrlichung der Gewerkschaftsführer durch die Kommunistische Partei erleichterte jenen den Verrat des Generalstreiks von 1926; die Unterordnung der Kommunistischen Partei Chinas unter die bürgerliche Kuomintang führte zur physischen Vernichtung ihrer Kader durch Tschiangs Armee im Jahr 1927. 

Trotzki behauptete niemals, dass die sowjetische Bürokratie die Niederlagen in Großbritannien und China bewusst herbeigewünscht habe. Er vertrat vielmehr die Ansicht, dass die katastrophalen internationalen Rückschläge Stalin überraschten – wie so viele Resultate seiner Politik. Aber diese und andere Niederlagen, die auf die politische Linie der Stalinisten zurückgingen, hatten objektive Auswirkungen auf die Klassenbeziehungen innerhalb der Sowjetunion. Die Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse entmutigten die sowjetischen Arbeiter, untergruben ihr Vertrauen in die Perspektiven und Aussichten des Weltsozialismus und stärkten daher die Bürokratie. Es war beileibe kein Zufall, dass die Vernichtung der Kommunistischen Partei Chinas im Mai 1927, die Trotzki klar vorausgesehen hatte, der politischen Niederlage der Linken Opposition und ihrem Ausschluss aus der sowjetischen Kommunistischen Partei vorausging. Innerhalb weniger Monate folgte die Verhaftung der Führer der Opposition, die in die abgelegensten Randgebiete der UdSSR verbannt wurden. Trotzki wurde nach Alma-Ata in der Nähe der chinesischen Grenze gebracht. Ein Jahr später, im Januar 1929, wurde Trotzki aus der Sowjetunion ausgewiesen und auf die vor der türkischen Küste gelegene Insel Prinkipo geschickt. 

Stalin hatte gehofft, dass Trotzki nach seinem Ausschluss nicht mehr in der Lage sein werde, die Arbeit der Opposition innerhalb der Sowjetunion weiterzuentwickeln. Aber er hatte Trotzkis Fähigkeiten, sich auf der ganzen Welt Gehör zu verschaffen, unterschätzt. Auch ohne den Glanz der Macht verkörperte Trotzki intellektuell und moralisch die größte Revolution der Weltgeschichte. Im Gegensatz zu Stalin, der einen bürokratischen Apparat repräsentierte und von diesem abhing, personifizierte Trotzki eine welthistorische Idee, die in seinen Schriften ihren brillantesten und gebildetsten Ausdruck fand. Nicht einmal innerhalb der Sowjetunion konnte das stalinistische Regime immer verhindern, dass Trotzkis Worte die versiegelten Grenzen durchdrangen und leidenschaftliche Reaktionen hervorriefen.[12] Trotz der Härten des Exils verwandelte der unaufhörliche Strom politischer Analysen, der aus Trotzkis Feder floss, im Zusammenwirken mit einer umfangreichen Korrespondenz die Linke Opposition in eine internationale Bewegung. 

In den ersten Jahren von Trotzkis Exil verstand sich die Internationale Linke Opposition als, wenn auch illegale, Fraktion innerhalb der Kommunistischen Internationale. Sie forderte nicht die Bildung einer neuen Internationale, sondern kämpfte für die Reform der Komintern und deren nationaler Sektionen. Trotzki wollte nicht vorzeitig die Möglichkeit aufgeben, die Komintern, die nach wie vor die politische Heimat der klassenbewusstesten Teile der Arbeiterklasse bildete, zu einem marxistischen Programm zurückzubringen. Trotzkis Schriften richteten sich ganz speziell an die Hunderttausende Arbeiter, die der Kommunistischen Internationale beigetreten waren, weil sie sie für das Instrument der sozialistischen Revolution hielten. 

 

Der Kampf der Internationalen Linken Opposition, die Komintern zu reformieren, war in Deutschland, wo die Arbeiterklasse mit der faschistischen Bedrohung konfrontiert war, politisch am dringlichsten. Trotz ihrer enormen potentiellen Stärke wurde die deutsche Arbeiterklasse durch die Politik ihrer Massenorganisationen desorientiert und gelähmt. Während sich die Sozialdemokraten an den bürgerlichen Staat und die Weimarer Verfassung klammerten, um vor den Nazis gerettet zu werden, weigerten sich die Stalinisten, für die Einheit aller Arbeiterorganisationen im Kampf gegen den Faschismus einzutreten. Ermutigt von Stalin, behauptete die Kommunistische Partei Deutschlands mit krimineller Leichtfertigkeit, es gebe keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Sozialdemokratie und der Nazipartei, und erstere bestehe in Wirklichkeit aus »Sozialfaschisten«. Aus diesem Grund, verkündeten die Stalinisten, dürfe die Kommunistische Partei keine »Einheitsfront« mit der Sozialdemokratie eingehen, um eine gemeinsame Verteidigung der Arbeiterbewegung gegen die faschistischen Horden zu organisieren. Von Prinkipo aus richtete Trotzki glühende Appelle an die Mitgliedschaft der Kommunistischen Partei Deutschlands. Er rief sie auf, die Katastrophe zu verhindern, die Politik ihrer Führer zu ändern und eine Einheitsfront der gesamten Arbeiterbewegung gegen die Nazis durchzusetzen. 

»Arbeiter-Kommunisten«, schrieb er, »ihr seid Hunderttausende, Millionen; ihr könnt nirgends hinfahren, für euch gibt es nicht genug Reisepässe. Wenn der Faschismus zur Macht gelangt, wird er wie ein furchtbarer Panzer über eure Schädel und Wirbelsäulen hinwegrollen. Rettung liegt nur in unbarmherzigem Kampf. Und Sieg im Kampf kann nur das Bündnis mit den sozialdemokratischen Arbeitern bringen. Eilt, Arbeiter-Kommunisten, es bleibt euch wenig Zeit!«[13] 

 

Die deutsche Kommunistische Partei weigerte sich, ihre Politik zu ändern und einen gemeinsamen Kampf gegen den Nazi-Vormarsch anzuführen. Am 31. Januar 1933 kam Hitler ohne einen Schuss an die Macht. Innerhalb weniger Monate wurden sämtliche Gewerkschaften und politischen Organisationen der einstmals größten und mächtigsten Arbeiterbewegung in Europa illegalisiert und zerstört. Im Angesicht dieser beispiellosen Katastrophe gab die Kommunistische Internationale eine Erklärung heraus, in der sie ihre Politik in Deutschland guthieß und jede Verantwortung für die Niederlage von sich wies. Für Trotzki war die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse ein Ereignis von welthistorischem Ausmaß. Genau wie die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Zusammenbruch der Zweiten Internationale anzeigte, so bedeutete das tragische Debakel der deutschen Arbeiterbewegung den Zusammenbruch der Dritten Internationale. Angesichts der katastrophalen Niederlage der deutschen Arbeiterklasse, auf die die Stalinisten reagierten, indem sie sich selbst zu der Politik gratulierten, die Hitlers Machtübernahme ermöglicht hatte, konnte von einer Reform der stalinistischen Parteien nicht länger die Rede sein. Es war notwendig, mit dem Aufbau einer neuen, der Vierten Internationale zu beginnen. 

»Die Moskauer Leitung erklärte nicht nur die Politik, die Hitlers Sieg gesichert hatte, für fehlerfrei, sondern verbot, über das Geschehene zu diskutieren. Und diese schmachvolle Verteidigung wurde weder zurückgewiesen, noch auch nur angegriffen. Kein nationaler Kongress, kein internationaler Kongress, keine Diskussion in den Parteiversammlungen, keine Polemik in der Presse!

Eine Organisation, die der Donner des Faschismus nicht geweckt hat und die demütig derartige Entgleisungen vonseiten der Bürokratie unterstützt, zeigt dadurch, dass sie tot ist und nichts sie wieder beleben wird. Das offen und mit klarer Stimme zu sagen, ist eine wahrhafte Pflicht gegenüber dem Proletariat und seiner Zukunft. In unserer gesamten zukünftigen Arbeit müssen wir von dem historischen Zusammenbruch der offiziellen KI ausgehen.«[14]

Von allen Entscheidungen, die Trotzki im Laufe seines Lebens traf, war keine unwiderruflicher, umstrittener, grundlegender und weitsichtiger als die Gründung der Vierten Internationale. Das sowjetische Regime und sein internationaler Apparat von Speichelleckern reagierten darauf mit hysterischen Hetztiraden, die innerhalb weniger Jahre ihren vollendetsten Ausdruck in den Urteilen der Moskauer Prozesse und in den Morden der GPU bzw. des NKWD innerhalb und außerhalb der Sowjetunion fanden. Aber auch vielen, die sich für Sympathisanten Trotzkis hielten, erschien sein Aufruf zur Vierten Internationale verfrüht, unbesonnen und regelrecht überstürzt. Diese Kritik stützte sich im Allgemeinen auf die augenscheinlichen »Realitäten« der politischen Situation: Trotzki sei zu isoliert, um eine Internationale aufzubauen, sein Aufruf würde ungehört verhallen, das Ansehen der Komintern in der Arbeiterbewegung sei noch zu groß, eine neue Internationale könne nur auf der Grundlage einer siegreichen Revolution aufgebaut werden usw. Aber dieser »Realismus« – der nichts weiter als eine empirische Auflistung konjunktureller Schwierigkeiten darstellte – war ziemlich oberflächlich. 

 

Für Trotzki bestand das Kriterium für politischen Realismus darin, ob Programm und Politik der wesentlichen, gesetzmäßigen Entwicklung des Klassenkampfs entsprachen. Er erkannte, dass die Rolle der Sowjetbürokratie bei der Niederlage der deutschen Arbeiterklasse und ihre Reaktion auf diese Katastrophe einen Wendepunkt in der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung – oder sagen wir besser Degeneration – des stalinistischen Regimes darstellte. Trotzkis Aufruf zur Vierten Internationale sollte nicht eine Art Strafe für das jüngste und furchtbarste Verbrechen der Bürokratie und der Komintern sein, sondern war die notwendige politische Antwort auf die Tatsache, dass das stalinistische Regime und die prostituierte Komintern nicht mehr reformiert werden konnten. Indem sie eine Politik guthieß, die zur Vernichtung der deutschen Arbeiterbewegung geführt hatte, stellte die Komintern unter Beweis, dass sie nicht mehr, nicht einmal im entferntesten Sinne, der Sache des internationalen Sozialismus diente. Die Führer der Kommunistischen Partei in der Komintern waren gekaufte Lakaien der GPU und des NKWD, bereit, jede Anweisung aus dem Kreml zu erfüllen. Die Wiederbelebung des internationalen Marxismus war nicht durch eine Reform der Komintern, sonder nur im rücksichtslosen Kampf gegen sie möglich. Wer der Sache des Weltsozialismus treu geblieben war, dem stand daher nur ein Weg zu handeln offen, und der bestand im Aufbau einer neuen, der Vierten Internationale. 

Konnte die alte Internationale nicht mehr reformiert werden, so auch nicht das Regime, dessen Befehle sie gehorsam ausführte: In der Sowjetunion, wo die Kommunistische Partei die Staatsmacht innehatte, erhob die Vierte Internationale das Banner der politischen Revolution gegen die herrschende Bürokratie. Der revolutionäre Sturz des stalinistischen Regimes war notwendig geworden, weil die Kluft zwischen den materiellen Interessen der Bürokratie als besonderer sozialer Schicht und der Arbeiterklasse so tief geworden war, dass ihre Herrschaft mit dem Fortbestand der UdSSR als Arbeiterstaat unvereinbar geworden war.

Die politischen Schlussfolgerungen, aufgrund derer Trotzki zur Gründung der Vierten Internationale aufrief, wurden in der »Verratenen Revolution« theoretisch untermauert und in eine vollendete programmatische Form gebracht. Hierin liegt die Bedeutung dieses Werks: Wie Lenins »Der Imperialismus« im Jahr 1916 aufgezeigt hatte, dass der Verrat der Sozialdemokratie der politische Ausdruck ihrer sozialen Entwicklung zu einer Agentur des internationalen Kapitals in der Arbeiterbewegung war, so enthüllte Trotzkis »Verratene Revolution« die gesellschaftlichen Beziehungen und materiellen Interessen, deren notwendiger Ausdruck die Verbrechen des stalinistischen Regimes waren. Genau wie die Sozialdemokratie konnte der Stalinismus nicht »reformiert«, d. h. dazu gebracht werden, den Interessen der Arbeiterklasse zu dienen, weil seine eigenen Interessen an die des Imperialismus gebunden und gegen das sowjetische und internationale Proletariat gerichtet waren. 

Es dauerte nicht lange, und Trotzkis Einschätzung wurde durch den Gang der Ereignisse bestätigt. Nach Hitlers Sieg preschte die Bürokratie nach rechts. Die Reaktion der Sowjetbürokratie auf den Triumph der Faschisten bestand darin, dass sie die Mitgliedschaft im Völkerbund beantragte, den Lenin als »Diebesküche« gebrandmarkt hatte. Diese Entscheidung symbolisierte die Verwandlung der Sowjetbürokratie in eine politische Agentur des Imperialismus in der internationalen Arbeiterbewegung. Von 1933 an wurde bestritten, dass ein wesentlicher Zusammenhang zwischen der Verteidigung der UdSSR und der Sache der sozialistischen Weltrevolution bestand. Statt dessen stützte das stalinistische Regime die Verteidigung der Sowjetunion in immer zynischerer Weise auf die Aufrechterhaltung der imperialistischen Weltordnung. Angesichts eines faschistischen Regimes, das ein Produkt der kriminellen Politik des Kreml war, suchte die stalinistische Bürokratie Rettung im Eintreten für eine »kollektive Sicherheit« von Imperialisten und Sowjetunion. Die Kommunistische Internationale wurde in ein direktes Instrument der sowjetischen Außenpolitik verwandelt. Sie bot den bürgerlichen Regierungen an, sie als Gegenleistung für diplomatische Abkommen mit dem Kreml vor drohenden Arbeiteraufständen zu schützen. 

 

Darin bestand im Wesentlichen der Zweck der »Volksfrontpolitik«, welche die Kommunistische Internationale im Jahr 1935 beschloss. Bürgerliche Regierungen, die gegenüber der UdSSR freundliche Absichten an den Tag legten und deren Feindschaft gegen Nazideutschland teilten, sollten politisch von den Kommunistischen Parteien vor Ort unterstützt werden. Sämtliche fundamentalen marxistischen Kriterien, die traditionell die Haltung der revolutionären Arbeiterbewegung zu bürgerlichen Parteien und Regierungen bestimmt hatten, wurden über den Haufen geworfen. Die Beurteilung von Parteien und Staaten richtete sich nicht länger nach den Klasseninteressen und Eigentumsverhältnissen, die sie verteidigten. Die wissenschaftliche Terminologie des Marxismus wurde durch trügerische und hohle Adjektive wie »friedliebend« und »antifaschistisch« ersetzt. Im Auftrag des Kremls unterdrückten die Kommunistischen Parteien den Kampf der Arbeiterklasse gegen die so bezeichneten Regierungen. In ihrem Streben nach Bündnissen mit den »demokratischen« Imperialisten – eine Auffassung, die vor dem Schicksal der Kolonialsklaven Großbritanniens, Frankreichs, Belgiens, Hollands usw. die Augen verschloss – tat die Sowjetbürokratie, was sie nur konnte, um zu beweisen, dass sie der Verteidigung des imperialistischen Status quo verpflichtet war. In einem gefeierten Interview mit der Zeitungskette Scripps-Howard versuchte Stalin am 1. März 1936, die noch verbliebenen Sorgen der Imperialisten zu zerstreuen. Ihre Befürchtungen über die internationalen revolutionären Ziele des sowjetischen Regimes, erklärte er, seien ein »tragikomisches Missverständnis«.[15] Die Sabotage der Sowjetbürokratie an den revolutionären Kämpfen des internationalen Proletariats fand ihren vollständigsten und blutigsten Ausdruck in Spanien, wo die Kommunistische Partei, um das bürgerliche Eigentum zu verteidigen, den Kampf gegen die Faschisten abwürgte. Mit Hilfe der GPU unterdrückte die bürgerlich-liberale Regierung im Mai 1937 den Aufstand der katalanischen Arbeiterklasse und sicherte damit Franco letztlich den Sieg. 

 

Die Wende der UdSSR zur direkten Kollaboration mit der internationalen Bourgeoisie ging einher mit der Verschärfung der staatlichen Unterdrückung innerhalb der Grenzen des degenerierten Arbeiterstaats. Der innere Zusammenhang zwischen diesen beiden parallelen Prozessen wird von bürgerlichen Historikern für gewöhnlich ignoriert. Es passt ihnen politisch nicht ins Konzept zu untersuchen, weshalb der Höhepunkt der Volksfrontpolitik – als der Stalinismus in den Salons der intellektuellen Trendsetter gefeiert wurde – zeitlich mit der Massenvernichtung fast sämtlicher Führer der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs in der UdSSR zusammenfiel. Die blutigen Säuberungen, die mit dem ersten Moskauer Prozess im August 1936 eingeleitet wurden, sollten nicht nur alle vom Erdboden tilgen, die zum Sammelpunkt für die revolutionäre Opposition gegen die Bürokratie werden konnten, sondern auch der Weltbourgeoisie vor Augen führen, dass das stalinistische Regime unwiderruflich mit dem Erbe von 1917 gebrochen hatte. 

Knapp zwei Wochen vor Beginn des Prozesses gegen Sinowjew und Kamenew vollendete Trotzki, der damals in Norwegen lebte, das Vorwort zu »Verratene Revolution« und schickte die letzten Teile des Manuskripts an seinen Verleger. Ein glücklicher Zufall: Einen Tag nach Abschluss des Prozesses und der Hinrichtung der sechzehn Angeklagten forderte die sozialdemokratische Regierung Norwegens auf Druck des Kreml hin von Trotzki, er solle auf sein Recht verzichten, sich zu den laufenden politischen Ereignissen, d. h. zu dem Moskauer Schauprozess zu äußern. Als sich Trotzki empört weigerte, ordnete die norwegische Sozialdemokratie an, ihn zu internieren. Die Polizei verweigerte Trotzki den direkten Kontakt zu seinen politischen Anhängern, fing seine Korrespondenz ab, beschlagnahmte seine Manuskripte und beschränkte sogar die Zeit, in der er sich im Freien bewegen durfte. Diese Restriktionen hatten den gewünschten Effekt: Während vier entscheidender Monate war es Trotzki nicht möglich, öffentlich auf die ungeheuerlichen Anklagen zu antworten, die das stalinistische Regime gegen ihn erhob.[16] 

 

Die Art und Weise, wie die norwegische Regierung dann vorging, um Trotzkis Ausweisung zu organisieren, setzte ihrem skandalösen Verhalten die Krone auf. Anfang August versuchten Anhänger Quislings, des Führers der norwegischen Faschistenorganisation, Trotzkis Wohnung auszurauben, allerdings ohne Erfolg. Nach ihrer Festnahme behaupteten die Einbrecher, sie hätten Material entdeckt, aus dem hervorgehe, dass Trotzki gegen die Bedingungen seines norwegischen Exils verstoßen habe. Zunächst wies die Polizei diese an den Haaren herbeigezogenen Behauptungen zurück. Aber als der Kreml nach dem Prozess gegen Sinowjew und Kamenew Druck ausübte, beschloss die norwegische Regierung, sich der Lügen der faschistischen Einbrecher zu bedienen. Als Trotzki vor einer Anhörung erschien, die angeblich den Einbruch untersuchen sollte, musste er feststellen, dass stattdessen er selbst in ein Kreuzverhör genommen wurde, welches den Beweis erbringen sollte, dass er die »Gastfreundschaft« der norwegischen Demokratie missbraucht habe. Im Justizministerium stand Trotzki Trygve Lie (dem späteren Generalsekretär der Vereinten Nationen) und anderen verängstigten sozialdemokratischen Funktionären gegenüber, die die Aussagen faschistischer Ganoven als legalen Vorwand für seine Deportation aus Norwegen benutzten.

»An dieser Stelle«, erinnerte sich ein Augenzeuge, »erhob Trotzki seine Stimme so stark, dass sie durch die Räume und Korridore des Ministeriums schallte: ›Das ist Ihr erster Kapitulationsakt vor dem Nazismus in Ihrem eigenen Land. Sie werden dafür zu bezahlen haben. Sie halten sich für so mächtig, um ungestört und nach Ihrem Gutdünken mit einem politischen Verbannten zu verfahren. Aber der Tag ist nahe – denken Sie daran! –, der Tag ist nahe, an dem die Nazis Sie zusammen mit Ihrem Pantoffel-Ministerpräsidenten aus Ihrem Lande vertreiben werden.‹ Trygve Lie zuckte angesichts dieser eigenartigen Weissagung mit den Schultern. Aber nach weniger als vier Jahren musste die gleiche Regierung tatsächlich vor den nazistischen Eindringlingen aus Norwegen fliehen, und als die Minister und ihr betagter König Hakon als Flüchtlinge an der Küste standen und voller Unruhe auf ein Schiff warteten, das sie nach England bringen sollte, dachten sie mit einem Schauer daran, wie der prophetische Fluch Trotzkis in Erfüllung gegangen war.«[17]

Nach seiner Deportation aus Norwegen im Dezember 1936 machte Trotzki kein Hehl aus seinem Abscheu über die Feigheit der norwegischen Sozialdemokraten: »Jetzt, wenn ich auf die Periode der Internierung zurückblicke, kann ich nicht verschweigen, dass ich niemals und von keiner Seite während meines ganzen Lebens – und ich habe schon viel gesehen – so zynisch schikaniert wurde wie seitens der norwegischen ›sozialistischen‹ Regierung. Mit Grimassen demokratischer Heuchelei hielten mich diese Herren vier Monate an der Gurgel, um mich zu hindern, gegen das gigantischste aller historischen Verbrechen zu protestieren!«[18] 

 

Selbst wenn man die Umstände seiner Entstehung außer Acht lässt, ist »Verratene Revolution« ein Werk von bewundernswerter literarischer und intellektueller Größe. Trotzki lebte im ohnehin fernab gelegenen Norwegen in einem noch entlegeneren Dorf, war abgeschnitten von jedem direkten Kontakt mit sowjetischen Bürgern und gezwungen, die Ereignisse, so gut es ging, anhand von Zeitungen zu verfolgen – und dennoch gelang es ihm, eine erstaunlich detaillierte, umfassende und bis heute gültige Analyse der Sowjetunion zu erstellen. Ein den Dingen auf den Grund gehender, kritischer Realitätssinn erfüllt Trotzkis Werk. Es versucht, die Probleme eines rückständigen Landes aufzudecken und zu erklären, das auf der Grundlage einer proletarischen Revolution, aber ohne die notwendigen wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Mittel, den Aufbau des Sozialismus ins Auge fasste. Im Gegensatz zur antikommunistischen Literatur arbeitet die »Verratene Revolution« sorgfältig die wirklichen und auf vielen Gebieten überwältigenden Fortschritte heraus, die der Sowjetstaat in weniger als zwei Jahrzehnten seiner Existenz erzielte. Diese Fortschritte demonstrierten, wie Trotzki betont, die kreativen Möglichkeiten der proletarischen Revolution und das ungeheure fortschrittliche Potential, das der zentralen Planung innewohnt. Und dennoch vertiefte die Politik des stalinistischen Regimes – hiermit antwortet Trotzki auf die zahlreichen intellektuellen Speichellecker des Kremls – trotz ihrer kurzfristigen Erfolge die Widersprüche des sowjetischen Staats und brachte ihn seiner Zerstörung näher. 

Heute greift die Bourgeoisie die verzweifelte Krise des stalinistischen Regimes begierig als endgültigen und überzeugenden Beweis dafür auf, dass »der Sozialismus gescheitert ist«. Den Wert solcher Erklärungen misst man jedoch am besten nicht daran, was sie sagen, sondern daran, was sie auslassen. Einen Verweis auf die trotzkistische, d. h. marxistische Kritik an der stalinistischen Sabotage der sowjetischen Wirtschaft findet man in der kapitalistischen Presse oder in den »seriösen« akademischen Abhandlungen so gut wie nie. Dennoch bewies Trotzki bei seinen Beobachtungen einen erstaunlichen Weitblick. Er sah praktisch all die Probleme vorher, die jetzt ihre endgültige Form angenommen haben, und zwar zu einer Zeit, in der die Erfolge der sowjetischen Wirtschaft bei breiten Schichten der westlichen Intelligenz auf unkritische Bewunderung stießen. Trotzkis Einsichten in Probleme wie die Arbeitsproduktivität, die Rolle des Geldes beim sozialistischen Aufbau, die Gefahren der Inflation und der Beschränktheit der bürokratischen Planung beweisen an sich schon, dass die Gleichsetzung des Marxismus mit der bankrotten ignoranten Politik der Bürokratie nichts als Verleumdung ist. 

 

Jahrzehnte bevor die sowjetische Presse die Übel der »administrativen Kommandowirtschaft« entdeckte, schrieb Trotzki:

»Das administrative Planwesen hat zur Genüge seine Kraft unter Beweis gestellt, zugleich aber auch die Grenzen seiner Kraft. Ein vorgefasster Wirtschaftsplan ist, vor allem in einem zurückgebliebenen Land mit einer 170 Millionen umfassenden Bevölkerung und tiefen Gegensätzen zwischen Stadt und Land, kein unverrückbares Gebot, sondern ein Entwurf, eine Arbeitshypothese, die im Lauf der Durchführung der Prüfung und Umarbeitung unterliegt. Man kann sogar eine Regel aufstellen: Je ›genauer‹ die administrative Aufgabe erfüllt wird, umso schlimmer steht es um die Wirtschaftsleitung. Zwei Hebel müssen zur Regulierung und Anpassung der Pläne dienen: ein politischer, gebildet durch die reale Beteiligung der interessierten Massen selbst an der Leitung – was ohne Sowjetdemokratie undenkbar ist – und ein finanzieller, gebildet durch eine reale Prüfung der apriorischen Berechnung mit Hilfe eines allgemeinen Äquivalents, was ohne festes Geldsystem undenkbar ist.«[19] 

Viele Jahre bevor das Wort »Nomenklatur« im internationalen Wortschatz von Soziologie und Politik auftauchte, zählte die »Verratene Revolution« bereits präzise die sozialen Schichten auf, aus denen sich die bürokratische Oberschicht zusammensetzt. Trotzki machte die leibhaftige soziale Basis des stalinistischen Regimes ausfindig: der aufgeblasene Verwaltungsapparat des Staats, der Gewerkschaften und Genossenschaften, die Zehntausende von Vorsitzenden und Mitgliedern der Exekutivkomitees in unzähligen Stadt-, Bezirks- und Gebietssowjets, die oberen Ränge der Armee, der Kriegsmarine und Geheimpolizei usw. Er versuchte zu schätzen, welcher Anteil am sowjetischen Reichtum von der riesigen Schicht sozialer Parasiten geplündert wird: »Rechnet man nicht nur das Gehalt, alle Arten von Naturaldiensten und die verschiedenen halbgesetzlichen zusätzlichen Einkommensquellen, sondern fügt auch die Vorrechte der Bürokratie und der Sowjetaristokratie bei der Nutzung der Theater, Erholungspaläste, Krankenhäuser, Sanatorien, Kurorte, Museen, Klubs und Sporteinrichtungen usw. hinzu, so müsste man wahrscheinlich sagen, dass auf diese 15, sagen wir 20 Prozent der Bevölkerung nicht mehr und nicht weniger Anteil am gesellschaftlichen Reichtum entfällt als auf die übrigen 80 bis 85 Prozent.«[20] 

 

Trotzki besaß ein erstaunliches Gespür für die Realität des Alltagslebens in der UdSSR. Er entnahm der sowjetischen Presse und den Erklärungen der exaltierten Führer flüchtige und verschleierte Hinweise – auf Obdachlosigkeit, Prostitution, Ehen, die nur um eines zusätzlichen Zimmers willen geschlossen wurden –, die den offiziellen Huldigungen auf das »glückliche Leben« widersprachen, das Stalin den Massen angeblich geschenkt hatte. Er bemerkte mit außergewöhnlicher Feinfühligkeit jene »kleinen Einzelheiten« des täglichen Lebens, die hin und wieder in den Zeitungen erwähnt wurden und das Anwachsen der sozialen Ungleichheit erkennen ließen: Der Arbeiter, der den Bürokrat mit »Sie« anredet, während der Bürokrat den Arbeiter in seiner Antwort duzt; die Arbeiter behelfen sich mit Margarine und Machorka-Tabak, während die Bürokratie Butter, guten Tabak und Limousinen genießt. In einem typischen Passus kommentiert Trotzki empört die Verhaftung von »hungrigen Frauen, die mit handgenähten Mützen und Blusen handeln« und widerlegt in vernichtender Weise die bombastische und zynische Behauptung Stalins, die Basis für die Spekulation in der UdSSR sei vernichtet worden und bestehe nur wegen »ungenügender Klassenwachsamkeit« fort. 

»Die ökonomische Basis der Spekulation ist vernichtet?« wundert er sich ironisch. »Aber dann ist keinerlei Wachsamkeit mehr vonnöten. Wenn der Staat beispielsweise der Bevölkerung die nötige Menge an Kopfbedeckungen liefern könnte, brauchte man nicht unglückliche Straßenhändlerinnen zu verhaften.«[21]

 

Durch alle Seiten dieses Werks klingt der Widerhall von Trotzkis wütendem Protest gegen die Erniedrigung der sozialistischen Vision durch den Stalinismus. »Die Schule und das gesellige Leben der Schüler sind ganz und gar von Formalismus und Heuchelei durchdrungen«, schreibt er. Jede Form kritischen Denkens wird erstickt: »Begabten Schriftstellern, die sich nicht genug Gewalt anzutun verstehen, heftet sich eine Meute von Lehrmeistern an die Fersen, bewaffnet mit Skrupellosigkeit und einem Dutzend Zitate. Hervorragende Künstler enden entweder durch Selbstmord, suchen ihren Stoff in zurückliegenden Zeiten oder schweigen ganz.« Trotzki kritisiert auf das Heftigste die brutale Unterdrückung der Traditionen und der Entwicklung der Nationen, aus denen sich die UdSSR zusammensetzt: »Man kann in der Tat nicht von einer Eigenart der Nationalkulturen sprechen, wenn ein und derselbe Taktstock, richtiger gesagt Polizeiknüppel, sich anmaßt, alle geistigen Aktivitäten sämtlicher Völker der Union zu dirigieren. Die ukrainischen, weißrussischen, georgischen oder türkischen Zeitungen und Bücher sind nichts als Übersetzungen der bürokratischen Imperative in die Sprache der betreffenden Völkerschaften.«[22]

Trotzki wendet sich gegen die geistlosen und unkritischen Berichte über das Leben in der Sowjetunion, verfasst von »radikalen Touristen« wie George Bernhard Shaw und die emsigen Sidney und Beatrice Webb, die die Sowjetunion auf Einladung der Bürokratie besuchten und denen man bei jedem Zwischenhalt auf ihren arrangierten Rundreisen Luxusunterkünfte zur Verfügung stellte. Er bekennt, dass er auch nicht umhin kann, »sich über den passiven, im Grunde gleichgültigen Optimismus derer zu empören, die die Augen vor dem Wachsen der sozialen Widersprüche verschließen und sich mit Ausblicken auf eine Zukunft vertrösten, deren Schlüssel sie ehrerbietig in den Händen der Bürokratie zu belassen vorschlagen«.[23] 

Trotzki bestand darauf, dass das Überleben der UdSSR und ihre Weiterentwicklung in sozialistischen Bahnen von zwei miteinander verbundenen Faktoren abhingen: dem Wiederaufleben der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse in den wichtigsten Zentren des Weltkapitalismus und dem revolutionären Sturz der Bürokratie durch die sowjetische Arbeiterklasse. Wenn allerdings diese beiden günstigen Entwicklungen nicht eintreten würden, würde sich der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Wiedereinführung des Kapitalismus als unausweichlich herausstellen. 

 

Innerhalb der Sowjetunion, warnte Trotzki, sei die Bürokratie die wichtigste gesellschaftliche Quelle für die Konterrevolution. An dieser Stelle müssen wir kurz auf seine soziologische Definition der Bürokratie eingehen. Bei zahlreichen Anlässen wandte er sich gegen die weit verbreitete Definition der Bürokratie als neuer herrschender Klasse. Für Trotzki war der Begriff Klasse eine wissenschaftliche Konzeption und kein verbales Attribut. Vom Standpunkt des Marxismus aus wird eine Klasse im Wesentlichen durch ihre unabhängigen Wurzeln in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft charakterisiert. Ihre Existenz ist verbunden mit speziellen, historisch bedingten Eigentumsformen und Produktionsverhältnissen, die wiederum in der Tätigkeit dieser sozialen Schicht verkörpert sind. Die Bürokratie in der Sowjetunion stellte jedoch trotz ihrer politischen Macht keine solche historische Kraft dar. Die in der Sowjetunion vorherrschenden Eigentumsverhältnisse waren durch eine proletarische Revolution geschaffen worden; das Proletariat und nicht die Bürokratie stellte die Massengrundlage der neuen Eigentumsverhältnisse dar. Die Bürokratie heftete sich an diese neuen Eigentumsformen und zog aus ihnen – auf der Grundlage der Usurpation der politischen Macht – ihre Privilegien. 

Obwohl sie keine neue Klasse darstellte, räumte Trotzki dennoch ein, dass man sie nicht einfach mit den Staatsbürokratien anderer Gesellschaften vergleichen konnte: »Aber schon die Tatsache, dass sie in einem Land die politische Macht an sich riss, in dem die Hauptproduktionsmittel in Staatshänden liegen, schafft ein neues noch nicht da gewesenes Verhältnis zwischen der Bürokratie und den Reichtümern der Nation. Die Produktionsmittel gehören dem Staat. Aber der Staat ›gehört‹ gewissermaßen der Bürokratie. Wenn diese noch ganz neuen Verhältnisse sich gegen oder ohne den Widerstand der Werktätigen festigten, zur Norm würden, sich legalisierten, so würden sie letzten Endes zur völligen Liquidierung der sozialen Errungenschaften der proletarischen Revolution führen.«[24] Trotzki betonte, dass die Bürokratie sich nicht in eine herrschende Klasse verwandeln könne, ohne zunächst für ihre Herrschaft soziale Stützpunkte, d. h. besondere Eigentumsformen zu schaffen. Aber er wies warnend darauf hin, dass die soziale Evolution der herrschenden Schicht unausweichlich in diese Richtung voranschritt. Trotzki nahm die heutige politische Situation in der UdSSR um mehrere Jahrzehnte vorweg und erklärte, das Programm der Wiedereinführung des Kapitalismus fände »unter den heutigen Bürokraten, Administratoren, Technikern, Direktoren, Parteisekretären und überhaupt unter den privilegierten Schichten nicht wenig willige Diener.«[25]

 

Er schilderte anschaulich die unmittelbaren Konsequenzen einer Konterrevolution: »Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung des staatlichen Eigentums nach sich ziehen. Die Zwangsbindungen der Trusts untereinander und zwischen den Fabriken eines Trusts würden sich lockern. Die erfolgreichsten Unternehmen würden sich beeilen, selbstständige Wege zu gehen. Sie könnten sich in Aktiengesellschaften umwandeln oder eine andere Übergangsform des Eigentums finden, etwa mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Gleichzeitig und noch leichter würden die Kolchosen zerfallen. Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur wäre also, wenn keine neue sozialistische Macht sie ersetzt, gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur.«[26] 

Während Trotzki, wie wir sehen, auf keinen Fall die Gefahren unterschätzte, vor denen die UdSSR stand, wies er gleichzeitig entschieden die Idee zurück, die Wiedereinführung des Kapitalismus sei schon vollendet oder sie könne auf friedlichem, demokratischem Wege vollbracht werden. Ungeachtet der anfänglichen Formen ihrer Entwicklung könne eine soziale Konterrevolution von solchen Ausmaßen nur durch die blutigsten und brutalsten Methoden durchgesetzt werden. Der Kapitalismus könne nicht wiederhergestellt werden, ohne die sowjetische Arbeiterklasse niederzuschlagen. Deshalb werde das Schicksal der Sowjetunion – Kapitalismus oder Sozialismus –, wie Trotzki es so klar vorhersah, »sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene durch den Kampf der lebendigen sozialen Kräfte entschieden werden«.[27] 

In den Monaten vor dem Gründungskongress der Vierten Internationale verübte die GPU eine Serie von Morden, die darauf abzielten, den Führungskader der trotzkistischen Bewegung zu beseitigen. Zu ihren Opfern gehörten Erwin Wolf, einer von Trotzkis politischen Sekretären, Ignaz Reiss, ein GPU-Abtrünniger, der Stalin öffentlich angeprangert und seine Ergebenheit gegenüber der Vierten Internationale erklärt hatte, Rudolf Klement, der Sekretär der Vierten Internationale, und Leo Sedow, Trotzkis Sohn. Trotz dieser Verbrechen wurde der Gründungskongress der Vierten Internationale am 13. September l938 in einem Vorort von Paris abgehalten. Das von Trotzki verfasste Programm, das auf diesem Kongress angenommen wurde, resümierte in knapper Form die theoretischen Auffassungen der »Verratenen Revolution«. 

 

»Die Sowjetunion ging aus der Oktoberrevolution als ein Arbeiterstaat hervor. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel als notwendige Voraussetzung der sozialistischen Entwicklung ermöglichte ein rasches Wachstum der Produktivkräfte. Aber der Apparat des Arbeiterstaates durchlief unterdessen eine völlige Entartung, wobei er sich von einem Werkzeug der Arbeiterklasse in ein Werkzeug des bürokratischen Zwanges gegen die Arbeiterklasse und mehr und mehr in ein Werkzeug zur Sabotage an der Wirtschaft verwandelt hat. Die Bürokratisierung des rückständigen und isolierten Arbeiterstaates und die Verwandlung der Bürokratie in eine allmächtige privilegierte Kaste sind die überzeugendste – nicht nur theoretische, sondern auch praktische – Widerlegung der Theorie vom Sozialismus in einem Lande. 

So birgt das Regime der UdSSR bedrohliche Widersprüche. Aber es ist noch immer das Regime eines entarteten Arbeiterstaates. Das ist die soziale Diagnose. Die politische Prognose stellt sich als Alternative: Entweder stößt die Bürokratie, die immer mehr zum Werkzeug der Weltbourgeoisie im Arbeiterstaat wird, die neuen Eigentumsformen um und wirft das Land in den Kapitalismus zurück, oder die Arbeiterklasse zerschlägt die Bürokratie und öffnet den Weg zum Sozialismus.«[28] 

Trotzki erwähnte die verschiedenen Fraktionen, die innerhalb der Bürokratie selbst existierten, und räumte ein, dass es immer noch eine »verschwindende Minderheit« gebe, die, allerdings nur passiv, die Interessen der Arbeiterklasse widerspiegele. Aber viel mächtiger und einflussreicher, warnte er, seien »die faschistischen, überhaupt konterrevolutionären Elemente, deren Zahl ständig wächst, und [die] mit noch größerer Folgerichtigkeit die Interessen des Weltimperialismus zum Ausdruck bringen. Diese Anwärter auf die Rolle von Kompradoren sind nicht ohne Grund der Ansicht, dass die neue führende Schicht ihre privilegierte Stellung nur durch den Verzicht auf die Nationalisierung, die Kollektivierung und das Außenhandelsmonopol im Namen der ›westlichen Zivilisation‹, das heißt des Kapitalismus erhalten kann.«[29] 

 

Trotzki umriss dann die Übergangsforderungen, mit denen die sowjetische Sektion der Vierten Internationale darangehen werde, die Arbeiterklasse zum revolutionären Sturz des stalinistischen Regimes zu mobilisieren: Freiheit für die Gewerkschaften und die Fabrikausschüsse, Wiedererstehung und Entfaltung der Sowjetdemokratie, Zulassung von sowjetischen Parteien, Verjagen der Bürokratie aus den Sowjets und Abschaffung ihrer Privilegien, Neuausrichtung der Planwirtschaft auf die Interessen der Arbeiter und Konsumenten, Neuorganisation der Kolchosen in Übereinstimmung mit den auf dem Kolchos arbeitenden Menschen und das Ersetzen der Zusammenarbeit der Bürokratie mit dem Weltimperialismus durch das marxistische Programm des proletarischen Internationalismus. Diese Forderungen, betonte er, könnten nur durch »die siegreiche revolutionäre Erhebung der unterdrückten Massen« verwirklicht werden, und die Aufgabe, »die sowjetischen Massen zum Aufstand zu führen«, fiele der Vierten Internationale zu. 

Etwas mehr als ein Jahr nach der Gründung der Vierten Internationale führten die Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Paktes, der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der sowjetische Einmarsch in Finnland innerhalb der trotzkistischen Bewegung zu einem scharfen Konflikt über die Gültigkeit der Analyse, wie sie in der »Verratenen Revolution« dargelegt worden war. In der Zeit vor dem August 1939 war die Haltung der liberalen Intelligenz gegenüber dem stalinistischen Regime zweifellos wohlwollend gewesen. Selbst in den Vereinigten Staaten war der Einfluss der Stalinisten so groß, dass die Entscheidung des bejahrten und gefeierten Philosophen John Dewey, im Februar 1937 den Vorsitz eines Komitees zu übernehmen, das die Anschuldigungen gegen Trotzki aus den Moskauer Prozessen untersuchen sollte, einen beachtlichen physischen, intellektuellen und moralischen Mut erkennen ließ.[30] 

 

Trotzki hatte berechtigterweise, wenn auch etwas zynisch, die Politik der Volksfront als Allianz zwischen der bürgerlichen Demokratie und der GPU charakterisiert. Die Stalinisten unterstützten Roosevelt und verliehen der demokratischen Maskerade des amerikanischen Imperialismus Glaubwürdigkeit; als Gegenleistung dafür sahen die liberale Bourgeoisie und die kleinbürgerlichen Demokraten weg, als die GPU die alten Bolschewiki in Moskau abschlachtete, die Revolutionäre in Spanien folterte und ermordete und Trotzkisten in Paris entführte und enthauptete. Als Stalin jedoch, wie Trotzki es vorausgesagt hatte, plötzlich einen »Nichtangriffspakt« mit Hitler unterzeichnete und später in Finnland einmarschierte, wandten sich die liberalen Gefühle jäh gegen die Sowjetunion. Es war nicht der erneute Verrat an der Arbeiterklasse, an dem die liberale, demokratische öffentliche Meinung Anstoß nahm, sondern es war die Tatsache, dass die Sowjetunion das Lager des demokratischen Imperialismus verlassen hatte und sich damit in Opposition zur Außenpolitik der Vereinigten Staaten gestellt hatte. 

Der Wechsel in der öffentlichen Meinung rief ein politisches Echo innerhalb der amerikanischen Sektion der Vierten Internationale hervor, die damals Socialist Workers Party hieß. Eine Fraktion, die von James Burnham, Max Shachtman und Martin Abern gebildet wurde, erklärte, dass es in der Folge des Stalin-Hitler-Paktes nicht mehr länger möglich sei, die Sowjetunion als Arbeiterstaat zu betrachten, auch nicht als degenerierten Arbeiterstaat. Deshalb verlangten sie, die Vierte Internationale solle ihre bedingungslose Verteidigung der Sowjetunion im Falle eines Krieges mit einem kapitalistischen Staat aufgeben. 

 

Trotzki verwarf diese Revision des Programms der Vierten Internationale, die Burnham, Shachtman und Abern vorgeschlagen hatten. Marxisten, betonte er, änderten ihre Definition des Klassencharakters des sowjetischen Staats nicht, um die neuesten Verbrechen der Bürokratie zu ahnden.[31] Vielmehr untersuchten sie die ökonomische Struktur der sowjetischen Gesellschaft und versuchten zu bestimmen, ob die Eigentumsformen, die auf der Grundlage der Oktoberrevolution geschaffen worden waren, noch immer bestünden oder ob sie abgeschafft worden seien. Wenn, trotz der Verbrechen der Bürokratie, die staatlichen Eigentumsformen und die zentrale Planung immer noch existiere, bleibe die Sowjetunion weiterhin ein Arbeiterstaat, wenn er auch auf entsetzliche Art und Weise degeneriert sei. Natürlich sei die Erneuerung dieses Staats nicht möglich ohne einen revolutionären Aufstand zum Sturz der Bürokratie. Aber eine solche Revolution sei von ihrem Wesen her eine politische und nicht eine soziale Revolution, denn nachdem es die Bürokratie gestürzt habe, müsse das siegreiche Proletariat keine Änderung der Eigentumsverhältnisse wie nach dem Sturz der Provisorischen Regierung im Oktober 1917 herbeiführen. Die wiederbelebten Sowjets würden weitreichende und spektakuläre Veränderungen in der Ausrichtung der Wirtschaft durchsetzen: Sie würden den Staatshaushalt unbarmherzig von den bürokratischen Extravaganzen und Kapricen säubern, eine strenge Buchführung über die nationalen Ressourcen einführen und die drängenden sozialen Bedürfnisse der Massen auf dem Gebiet der Wohnungen, der Arbeitsbedingungen, der medizinischen Versorgung, der Erziehung, der Umweltbedingungen und der Konsumgüter berücksichtigen. Aber diese entscheidenden Veränderungen, angeordnet von den demokratischen Organen der Arbeitermacht, würden sich auf der Grundlage der bestehenden verstaatlichten Eigentumsverhältnisse vollziehen. 

Vom Standpunkt der ökonomischen Struktur des Sowjetstaats aus gesehen, würde ein Krieg mit einem kapitalistischen Land etwas viel Wichtigeres in Gefahr bringen als die Köpfe der Bürokraten. Deshalb verteidigte die Vierte Internationale trotz und im Gegensatz zu den Stalinisten den degenerierten Arbeiterstaat genau deshalb bedingungslos gegen den Imperialismus, weil eine militärische Niederlage die Gefahr der völligen Vernichtung der verbliebenen Errungenschaften der Oktoberrevolution heraufbeschwören würde. 

»Wir müssen unsere Losungen so formulieren, dass die Arbeiter deutlich sehen, was genau wir an der UdSSR verteidigen (Staatseigentum und Planwirtschaft) und gegen wen wir einen schonungslosen Kampf führen (die parasitäre Bürokratie und ihre Komintern). Wir dürfen keinen einzigen Augenblick vergessen, dass für uns die Frage des Sturzes der Sowjetbürokratie der Frage der Erhaltung des Staatseigentums an den Produktionsmitteln in der UdSSR untergeordnet ist; dass die Frage der Erhaltung des Staatseigentums an den Produktionsmitteln in der UdSSR für uns der Frage der proletarischen Weltrevolution untergeordnet ist.«[32] 

 

Die Debatte über den Klassencharakter des Sowjetstaats hatte noch einen weiteren, tieferen Aspekt. In der von Trotzki ausgearbeiteten Analyse war das stalinistische Regime ein »abscheulicher Rückschlag in dem Prozess der Umwandlung der bürgerlichen Gesellschaft in eine sozialistische«.[33] Dieser Rückfall war ein Produkt der besonderen Bedingungen, mit denen Sowjetrussland nach 1917 konfrontiert war: Er war das Erbe der Rückständigkeit, der imperialistischen Umzingelung, der Niederlagen des europäischen Proletariats und der langen Verzögerung der sozialistischen Weltrevolution. Das stalinistische Regime bedeutete nicht den Bankrott der sozialistischen Perspektive im Allgemeinen, sondern den des revisionistischen Programms vom »Sozialismus in einem Land«. Darüber hinaus war Trotzki fest davon überzeugt, dass das Wiedererwachen des internationalen Proletariats die Oktoberrevolution neu beleben und die sowjetische Gesellschaft von den stalinistischen Auswüchsen reinigen würde. 

Die Führer der Minderheit innerhalb der SWP merkten es damals zwar nicht, aber die logische Weiterentwicklung ihrer Argumente führte, wie Trotzki sofort erkannte, zur Ablehnung der historischen Perspektive des Marxismus.[34] Wenn das Sowjetregime die Geburt einer neuen Form von Ausbeutergesellschaft darstellte, in der die Bürokratie als Träger neuer Eigentumsformen fungierte, dann war die revolutionäre Rolle des Proletariats entweder schon erschöpft oder von Anfang an eine ideologische Illusion gewesen. Wenn das der Fall wäre, dann müsste man anerkennen, dass der Untergang des Kapitalismus nicht zum Sozialismus führen werde, sondern zu einem unvorhergesehenen »bürokratischen Kollektivismus« oder, wie Burnham es nannte, zu einer »Verwaltungsgesellschaft«, die auf der Ausbeutung von proletarisierten Sklaven durch eine technische Elite beruhte. Gemäß dieser Ansicht waren Stalins Sowjetsystem, Hitlers Drittes Reich, Mussolinis korporatistischer Staat und sogar Roosevelts New Deal alles Formen dieser sich entwickelnden nachkapitalistischen Weltordnung. Die missliche Lage des Proletariats, so tragisch sie auch war, wäre das Ergebnis ihrer organischen Unfähigkeit, bei der Umbildung der Gesellschaft eine unabhängige historische Rolle zu spielen. 

 

Trotzki wies diese von Untergangsstimmungen geprägten Standpunkte zurück, die aus den Verrätereien der Arbeiterbürokratien von Stalinisten und Sozialdemokraten einen nichtrevolutionären Charakter der Arbeiterklasse ableiteten. Wenn das Proletariat von Natur aus unfähig war, zu einer neuen herrschenden Klasse zu werden, dann gab es keine Möglichkeit, die Widersprüche des Kapitalismus auf fortschrittliche Weise zu lösen. Immer schrecklichere Kriege, geführt von totalitären Regimen, wären dann das Schicksal der Menschheit. Mit anderen Worten, die menschliche Gesellschaft wäre in eine Sackgasse geraten. Solche Schlussfolgerungen, die im Kleinbürgertum weit verbreitet waren, widerspiegelten in Trotzkis Augen dessen moralische und intellektuelle Entkräftung angesichts der jüngsten Niederlagen der Arbeiterklasse und der triumphierenden gesellschaftlichen Reaktion. Beherrscht von bitterem Zynismus, der so häufig den Schiffbruch alter Hoffnungen begleitet, brachten die mutlosen und desillusionierten kleinbürgerlichen Intellektuellen nicht die Kraft auf, die politischen Prozesse – einschließlich der widerstreitenden Tendenzen innerhalb der Arbeiterbewegung – zu analysieren, die den Niederlagen vorangegangen waren. Es war einfacher, das geschlagene, schweigende und leidende Proletariat zu verdammen, als den politischen Kampf gegen die mächtigen Bürokratien, die Sozialdemokraten und Stalinisten, deren Politik zu der Katastrophe geführt hatte, fortzusetzen. 

Dass sich die Entwicklung einer revolutionären Führung in der Arbeiterklasse als eine Aufgabe von außerordentlicher Komplexität herausgestellt hatte, wurde von Trotzki ohne weiteres zugestanden. Und dennoch betonte er, die Geschichte der Russischen Revolution habe gezeigt, dass eine solche Führung geschaffen werden könne. Genauso wie die russischen Marxisten während vieler Perioden der Reaktion und des Exils auf die historischen Möglichkeiten vertraut hätten, die zuerst in der Pariser Kommune von 1871 und dann in der Russischen Revolution von 1905 zum Vorschein gekommen waren, so gründe die Vierte Internationale ihren eigenen revolutionären Optimismus auf die welterschütternde und geschichtsverändernde Kraft, die die Arbeiterklasse 1917 gezeigt habe. 

 

Trotzki erlebte nur noch die Anfangsphase des Zweiten Weltkrieges. Am 20. August 1940 starb er in Mexiko City an einem Schlag auf den Kopf, den ihm am Tag zuvor ein GPU-Agent zugefügt hatte. Zehn Monate später warf Hitler, wie Trotzki es vorhergesehen hatte, seine Armeen in den Kampf gegen die Sowjetunion. Statt der Allianz totalitärer »bürokratisch kollektivistischer« Staaten, wie sie Burnham vorausgesagt hatte, entwickelte sich zwischen dem imperialistischen Deutschland und der Sowjetunion der schrecklichste und grausamste militärische Konflikt, den die Welt je erlebt hatte. Der rasche Zusammenbruch des Arbeiterstaats, den sowohl Hitler als auch viele Experten in den Vereinigten Staaten erwartet hatten, trat nicht ein. Im Gegenteil, der Krieg offenbarte die ungeheure produktive Leistungsfähigkeit (die sich bald der deutschen weit überlegen zeigte) und die tiefe innere Bindung, die trotz des stalinistischen Regimes zwischen den Massen und der UdSSR bestand.[35] 

Die sowjetischen Armeen errangen einen spektakulären Sieg über den deutschen Imperialismus, und mit dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes im Mai 1945 war das internationale Ansehen der Sowjetunion höher denn je. Überdies führte die sowjetische Besetzung Osteuropas nach und nach, trotz Stalins anfänglichem Widerstand, zur Machtübernahme der örtlichen stalinistischen Parteien, der Enteignung der Bourgeoisie und der Verstaatlichung der Produktivkräfte. 

 

Unter dem Eindruck dieser Entwicklung tauchte ein neuer Angriff auf die Analyse auf, die Trotzki in der »Verratenen Revolution« vorgelegt hatte. Das Argument lautete diesmal, Trotzki sei in seiner Verurteilung von Stalins Regime zu kategorisch gewesen und habe versäumt, sein noch vorhandenes, verbliebenes revolutionäres Potential zu würdigen. Trotz der Fehler und sogar der Verbrechen, die die Sowjetbürokratie verübt habe, vollstrecke sie dennoch, wenn auch auf ihre eigene brutale und pragmatische Art und Weise, das historische Erbe der Oktoberrevolution und der bolschewistischen Partei. Diese theoretische und politische Rechtfertigung für den Stalinismus wurde zum ersten Mal 1949 in einer Biografie Stalins entwickelt, die Isaac Deutscher geschrieben hatte. Deutscher war ein Emigrant aus Polen, der früher in der Internationalen Linken Opposition tätig gewesen war, aber mit Trotzki wegen dessen Entscheidung, die Vierte Internationale zu gründen, gebrochen hatte.[36] Deutschers Stalin-Biografie machte deutlich, dass sein Widerstand gegen die Gründung der Vierten Internationale nicht, wie er zu jener Zeit behauptet hatte, nur das Produkt taktischer Differenzen über die Durchführbarkeit des Projekts gewesen war. Er wurzelte in einer völlig entgegengesetzten Einschätzung der Natur des stalinistischen Regimes. 

Deutscher verwarf Trotzkis Beharren auf dem konterrevolutionären Charakter des stalinistischen Regimes. Er war auch nicht davon überzeugt, dass es ein Instrument des Imperialismus innerhalb der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse darstellte, noch dass die stalinistische Bürokratie die Bedingungen für die Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion schuf. Ferner sei Stalin nicht, wie Trotzki erklärt hatte, der »Totengräber der Revolution«. Deutscher schrieb, »dass Stalin in die Reihe der großen revolutionären Despoten gehört, zu denen Cromwell, Robespierre und Napoleon zählten … Stalin ist groß, wenn man ihn an der Größe seines Unterfangens misst, an dem Schwung seiner Taten, an der Weite des Schauplatzes, den er beherrschte. Er ist Revolutionär, aber nicht in dem Sinn, dass er dem Grundgedanken seiner Revolution immer und in allem treu geblieben wäre, sondern weil er die Idee einer fundamental neuen sozialen Organisation in die Tat umsetzte.«[37] 

Vor dem Hintergrund der komplexen und schwierigen Situation, vor der die trotzkistische Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg stand, fanden die Ansichten Isaac Deutschers Anklang und wurden von Michel Pablo und Ernest Mandel, die damals die wichtigsten Führer des Internationalen Sekretariats der Vierten Internationale in Europa waren, in eine programmatische Form gebracht. Die orthodoxe trotzkistische Perspektive erschien ihnen im Licht der Nachkriegsentwicklung höchst problematisch. Waren nicht, so fragten sie, das internationale Ansehen des Sowjetregimes und die Autorität der örtlichen Kommunistischen Parteien trotz all ihrer Verbrechen und Verrätereien größer denn je? War zudem nicht die Beseitigung des kapitalistischen Eigentums in Osteuropa keineswegs das Produkt einer proletarischen Revolution wie 1917, sondern Produkt der Intervention der Roten Armee? Bedeutete das nicht, dass die sowjetische Bürokratie immer noch eine historisch progressive und sogar revolutionäre Rolle spielen konnte? Das Ergebnis dieser impressionistischen und skeptischen Spekulationen war eine grundlegende Revision des trotzkistischen Programms, wie es auf der Grundlage der »Verratenen Revolution« entwickelt worden war. Sie kamen zu dem Schluss, (1) die Sowjetbürokratie sei keine Agentur des Imperialismus innerhalb der Arbeiterbewegung, sondern sein revolutionärer Gegner, (2) das stalinistische Regime sei kein historischer Rückschritt, hervorgerufen durch die Niederlagen des internationalen Proletariats, sondern eine notwendige und rechtmäßige Form der Entwicklung des Sozialismus, und (3) die osteuropäischen Regime, die unter der Schutzherrschaft der sowjetischen Bürokratie geschaffen worden waren, seien die historischen Prototypen »deformierter Arbeiterstaaten«, durch die der Sozialismus über mehrere Jahrhunderte hinweg verwirklicht werden würde. 

Obwohl die praktisch-politischen Schlussfolgerungen, die Pablo und Mandel zogen, oberflächlich völlig anders aussahen als diejenigen, die Burnham und Shachtman ein Jahrzehnt früher formulierte hatten, war die ihnen zugrunde liegende historische Perspektive auf einer tieferen Ebene erstaunlich ähnlich. Beide Theorien leugneten die unabhängige und kreative Rolle, die der Marxismus der Arbeiterklasse beimaß. Obwohl sie unterschiedliche Vorstellungen über den Charakter der »nachkapitalistischen« Gesellschaft entwarfen – totalitär kollektivistische »Verwaltungsgesellschaften« (Burnham/Shachtman) oder sozialistische »deformierte Arbeiterstaaten« (Pablo/Mandel) – waren sie sich doch einig darüber, dass das entscheidende Instrument der geschichtlichen Veränderung die bürokratische Elite sei. 

 

Bei der Formulierung ihrer Perspektiven begingen Pablo und Mandel den Fehler, umfassende theoretische Verallgemeinerungen aus spezifischen politischen Ereignissen abzuleiten, die sie künstlich von ihrem internationalen und historischen Zusammenhang trennten. So maßen sie der stalinistischen Enteignung der Bourgeoisie in Osteuropa große fortschrittliche Bedeutung bei, während sie gleichzeitig aus Vergesslichkeit oder vielleicht aus Bequemlichkeit die Rolle ignorierten, die der Kreml bei der Sabotage der revolutionären Bewegung des westeuropäischen Proletariats in der Schlussphase und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gespielt hatte. Sie übersahen die Tatsache, dass die Veränderung der Eigentumsverhältnisse, die auf bürokratische Weise in Osteuropa zustande gekommen war, die politischen Abkommen, die der Kreml und die Imperialisten in Jalta und Potsdam getroffen hatten, nicht wesentlich in Frage stellten, sondern in vielerlei Hinsicht stärkten. Und was noch bedeutsamer war, die bürokratische Enteignung der Bourgeoisie in den von der Sowjetarmee besetzten Gebieten wurde von einer brutalen Unterdrückung aller unabhängigen und revolutionären politischen Aktivitäten der Arbeiterklasse begleitet. 

Wenn man sie nur im Rahmen der osteuropäischen Bedingungen betrachtete – d. h. losgelöst vom internationalen und historischen Zusammenhang – dann hatten die auf Betreiben des Kremls durchgeführten Maßnahmen einen progressiven Charakter. Aber die Tatsache, dass die Regime, die von den Stalinisten nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa errichtet wurden, zweifellos den militärisch-faschistischen Regimen eines Horthy in Ungarn, eines Pilsudski in Polen und eines Antonescu in Rumänien, ganz zu schweigen von den verschiedenen anderen Balkanmonarchien, überlegen waren, bedeutete weder, dass sie eine legitime historische Alternative zu wirklichen proletarischen Revolutionen, noch dass sie einen neuen Ausgangspunkt in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit darstellten. Insofern die Nachkriegspolitik des Kremls die revolutionäre Initiative der Arbeiterklasse weltweit untergrub und dadurch zur Stabilisierung der kapitalistischen Weltordnung beitrug, war die Gesamtbilanz der Ereignisse in Osteuropa ganz entschieden negativ. 

In einer brillanten Vorwegnahme der Nachkriegssituation hatte Trotzki 1939 auf eben diesen Sachverhalt hingewiesen, als er die politischen Folgen der Enteignungen bewertete, die in den von der Sowjetarmee besetzten Gebieten nach der Invasion Polens durchgeführt worden waren:

»Um die Möglichkeit zu bekommen, durch ein Militärbündnis mit Hitler Polen besetzen zu können, betrog der Kreml seit langer Zeit und betrügt weiterhin die Massen in der UdSSR und in der ganzen Welt. Dadurch hat er in den Reihen seiner eigenen Kommunistischen Internationale ein völliges Chaos angerichtet. Das politische Hauptkriterium für uns ist nicht die Änderung der Eigentumsverhältnisse in diesem oder jenem Gebiet, wie wichtig sie an sich auch sein mag, sondern vielmehr die Veränderungen im Bewusstsein und in der Organisation des Weltproletariats, das Verbessern seiner Fähigkeit, frühere Errungenschaften zu verteidigen und neue zu erobern. Nur von diesem Standpunkt aus, und das ist der einzig entscheidende, bleibt die Politik Moskaus, als Ganzes genommen, völlig reaktionär und ist weiterhin das Haupthindernis auf dem Wege zur Weltrevolution … 

 

Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist, wie wir schon sagten, eine fortschrittliche Maßnahme. Aber ihre Fortschrittlichkeit ist relativ; ihr spezifisches Gewicht hängt von der Summe aller anderen Faktoren ab. Daher müssen wir vor allem klar stellen, dass die Ausdehnung des Gebiets, das von der bürokratischen Autokratie und vom bürokratischen Parasitentum beherrscht wird – bemäntelt mit ›sozialistischen‹ Maßnahmen – das Ansehen des Kremls vergrößern und Illusionen darüber schaffen kann, man könne die proletarische Revolution durch bürokratische Manöver ersetzen usw. Dieses Übel überwiegt bei Weitem den fortschrittlichen Inhalt der stalinistischen Reformen in Polen. Damit das nationalisierte Eigentum in den besetzten Gebieten genauso wie in der UdSSR zur Grundlage einer wirklich fortschrittlichen, d. h. sozialistischen Entwicklung wird, muss die Moskauer Bürokratie gestürzt werden. Unser Programm behält deshalb seine ganze Gültigkeit.«[38] 

Als Trotzki diese Zeilen schrieb, ging er nicht davon aus, dass die Ausdehnung der bürokratischen Autokratie und des bürokratischen Parasitentums innerhalb der Führung der Vierten Internationale Illusionen über den »progressiven« Charakter des Stalinismus hervorrufen würde. »Die objektive gesellschaftliche Realität«, schrieben Pablo und Mandel Anfang der 50er Jahre »besteht im Wesentlichen aus dem kapitalistischen System und der stalinistischen Welt.« Damit gaben sie die Arbeiterklasse und ihren Kampf als wichtige oder gar unabhängige und entscheidende Faktoren im historischen Prozess auf. Diese Sicht der gesellschaftlichen Realität war unvereinbar mit der Auffassung, dass die Zukunft der Menschheit vom Aufbau einer revolutionären Massenpartei in der Arbeiterklasse abhängt. Pablo und Mandel degradierten deshalb die politische Rolle der trotzkistischen Bewegung zu der eines informellen, hinter den Kulissen agierenden Beraters der stalinistischen Parteien bei der Schaffung von deformierten Arbeiterstaaten! Auf der Grundlage dieser unerhörten Perspektive – die ihren absonderlichsten Ausdruck in der apokalyptischen Theorie fand, der Sozialismus würde aus einem Atomkrieg zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten hervorgehen – begannen Pablo und Mandel, unter Missbrauch der Autorität, die sie innerhalb des Internationalen Sekretariats (IS) genossen, systematisch die bestehenden Sektionen der Vierten Internationale zu zerstören. Als sich z. B. die Führung der französischen Sektion weigerte, die Anweisungen des IS zu befolgen und die Organisation in die französische Kommunistische Partei zu liquidieren, schlossen Pablo und Mandel herrisch die Mehrheit der Sektion aus der Vierten Internationale aus. 

 

Pablo und Mandel fanden in dem politischen Aufruhr innerhalb des Kreml nach Stalins Tod im März 1953 eine weitere Rechtfertigung für ihre Revisionen am trotzkistischen Programm der Vierten Internationale. Sie beteuerten nicht nur, die Sowjetbürokratie sei dabei, ihre »Kriegsrevolution« gegen den Weltimperialismus durchzuführen, sondern argumentierten weiter, sie habe auch einen Prozess fortschreitender Selbstreformen in Gang gesetzt. Im Verlauf der historischen Mission, die Pablo-Mandel ihr zumaßen, würde die Bürokratie sich unter der Führung von reformgesinnten Kräften wie Chruschtschow und Mikojan von ihren spezifischen stalinistischen Zügen befreien und als bolschewistische Partei wiedergeboren werden! Diese skurrile Auffassung war wie all die übrigen Ideen, die die Pablo-Mandel-Fraktion ausgebrütet hatte, der wissenschaftlichen Analyse, die Trotzki in der »Verratenen Revolution« vorgelegt hatte, absolut entgegengesetzt. Für Trotzki bestand das Wesen des Stalinismus nicht aus den besonderen Methoden der politischen Herrschaft, wie sie die Bürokratie ausübte, sondern umgekehrt: Der gesellschaftliche Charakter der Bürokratie als Kaste, deren Privilegien der Monopolisierung der politischen Macht entsprangen, bestimmte die spezifischen Methoden, die sie anwandte, um dieses Monopol aufrechtzuerhalten. Deshalb war es politisch undenkbar, dass die Bürokratie sich auf grundlegende Art und Weise reformieren – d. h. ihren eigenen gesellschaftlichen Charakter ändern und aufhören konnte, eine privilegierte Kaste zu sein. In Worten, die nur missverstehen kann, wer nicht mit ihnen einverstanden ist, schrieb Trotzki: »Alles deutet darauf hin, dass es im weiteren Verlauf der Entwicklung unvermeidlich zum Zusammenstoß der kulturell gewachsenen Kräfte des Volkes mit der bürokratischen Oligarchie kommen muss. Einen friedlichen Ausweg aus der Krise gibt es nicht. Kein Teufel hat jemals freiwillig seine Krallen beschnitten. Die Sowjetbürokratie wird ihre Positionen nicht kampflos aufgeben. Die Entwicklung führt eindeutig auf den Weg der Revolution.«[39] 

 

Als die politischen Schlussfolgerungen aus den Revisionen von Pablo/Mandel immer klarer wurden, bildeten die orthodoxen Trotzkisten innerhalb der Vierten Internationale das Internationale Komitee, um den Kampf gegen die Kapitulation des Internationalen Sekretariats vor dem Stalinismus aufzunehmen. Der Kampf wurde von James P. Cannon, dem Gründer der trotzkistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten, in Gang gesetzt. In einem »Offenen Brief an die trotzkistische Weltbewegung«, verfasst im November 1953, machte Cannon die grundlegenden Prinzipien wieder geltend, auf denen Trotzki die Vierte Internationale gegründet hatte. »Seit ihrer Gründung«, erinnerte Cannon die Kader der Weltbewegung, »hat die Vierte Internationale sich als eine ihrer wichtigsten Aufgaben den revolutionären Sturz des Stalinismus innerhalb und außerhalb der UdSSR zum Ziel gesetzt.« Er betonte, dass das Haupthindernis bei der Organisierung der Arbeiterklasse auf der Basis eines wirklich revolutionären Programms immer noch der Stalinismus sei, »der Arbeiter anzieht, indem er das Ansehen der Oktoberrevolution von 1917 in Russland ausnutzt, nur um sie später wieder in die Arme der Sozialdemokratie, in Apathie oder zurück in Illusionen in den Kapitalismus zu stoßen«.[40] 

Die orthodoxen Trotzkisten, die das Internationale Komitee gegründet hatten, stützten sich voll und ganz auf die theoretischen Konzeptionen, die 17 Jahre zuvor in der »Verratenen Revolution« dargelegt worden waren. So waren sie in der Lage, eine Analyse des Stalinismus nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Stalins Tod zu erstellen, deren bemerkenswerte Voraussicht am ehesten im Licht der jüngsten Entwicklung gewürdigt werden kann. Sie betonten, dass die Rolle der sowjetischen Bürokratie am Ende des Zweiten Weltkriegs von Grund auf reaktionär war. »Zum Beispiel«, erklärten sie, »hilft die gesamte Nachkriegspolitik des Kreml gegenüber Deutschland, dem Schlüsselland in Europa, (seine Beteiligung an der Teilung, seine Herrschaft über Ostdeutschland, seine diplomatischen Manöver in Bezug auf Westdeutschland) der kapitalistischen Reaktion und unterstützt die imperialistischen Ziele.« 

 

Im Gegensatz zur pablistischen Verherrlichung der stalinistischen Regime in Osteuropa als politische Prototypen einer neuen Weltordnung des bürokratisch erschaffenen Sozialismus erklärten die orthodoxen Trotzkisten, dass diese verhassten Regime historisch nicht lebensfähig seien und der revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse zum Opfer fallen würden. Sie stellten fest, dass der Aufstand der ostdeutschen Arbeiter gegen das stalinistische Regime 1953 nicht nur den unversöhnlichen Konflikt zwischen der parasitären Bürokratie und dem Proletariat deutlich demonstriert, sondern auch die Umrisse der zukünftigen Ereignisse in ganz Osteuropa und innerhalb der UdSSR enthüllt hatte. »Die Trotzkisten«, schrieben sie, »gründen ihre revolutionären Perspektiven auf die heranreifenden Widersprüche zwischen dem bürokratischen Gebilde und den arbeitenden Massen, die Letztere zu einer direkten Kampfansage an die totalitäre Diktatur treiben werden. Die Ereignisse in Ostdeutschland nehmen in dieser Hinsicht die Entwicklung innerhalb der Sowjetunion vorweg.« 

Die geschichtlichen Ereignisse haben den politischen und theoretischen Kampf bestätigt, den das Internationale Komitee gegen die Revisionen am Trotzkismus durch die Pablo-Mandel-Tendenz geführt hat. In der Tat haben die jüngsten Entwicklungen den Pablo-Mandel-Revisionisten die stärksten Schläge versetzt. Der Zerfall der stalinistischen Regime in Osteuropa ist die überzeugendste Widerlegung der revisionistischen Behauptung, die »deformierten Arbeiterstaaten« stellten die notwendige Übergangsform zum Sozialismus dar. Statt sich über die ganze Welt auszubreiten und Jahrhunderte zu überdauern, bestanden die stalinistischen Regime nur knapp vier Jahrzehnte.[41] 

Die Geschichte gab sich jedoch nicht damit zufrieden, Mandel zu widerlegen. Mit seiner eigenen, tolpatschigen Unterstützung ist es ihr auch gelungen, ihn zu demütigen. Vor gar nicht so langer Zeit, erst 1989, steigerte Mandel seine 40 Jahre währenden prostalinistischen Apologien zu einem recht kläglichen Höhepunkt in Form einer begeisterten Huldigung auf Michail Gorbatschow unter dem Titel »Das Gorbatschow-Experiment«. Er bejubelte Gorbatschow als einen der größten politischen Führer des 20. Jahrhunderts und verurteilt »die lächerliche Theorie, der Sowjetführer versuche den Kapitalismus in der Sowjetunion wiedereinzuführen«.[42] Und in einer feierlichen politischen Solidaritätserklärung mit der Politik des Kreml bekräftigte Mandel, »wenn die Reformen Gorbatschows sich weiterentwickeln können und der Schwung nicht verloren geht oder ins Gegenteil verkehrt wird: Dann wird die Perestroika nach einer gewissen Zeit Früchte tragen, und der Lebensstandard der Menschen wird angehoben werden. In diesem Fall wird das Experiment Gorbatschows erfolgreich sein«.[43] 

Eine Antwort darauf, dass Mandel Gorbatschow gegen den Vorwurf verteidigt, er wolle den Kapitalismus wiedereinführen, dürfte sich erübrigen. Wie wir schon betont haben, ist die »lächerliche Theorie«, die Politik der Sowjetbürokratie führe unerbittlich zur Restauration des Kapitalismus, von Trotzki aufgestellt worden. Aber seit Gorbatschow die Macht übernommen hat, ist diese Analyse nicht nur in Form einer allgemeinen historischen Tendenz theoretisch bestätigt worden. Die bewusste und systematische Zerstörung der Grundlagen des verstaatlichten Eigentums und der zentralen Planung der sowjetischen Wirtschaft hat die UdSSR schon an den Rand des totalen wirtschaftlichen Kollapses gebracht. Die engsten Berater von Michail Gorbatschow bekennen offen ihre Bewunderung für die Theorien Milton Friedmans und die Politik Margaret Thatchers. Unter Anleitung von bürgerlichen Professoren sind neue Eigentumsgesetze verfasst worden, und die wirtschaftlichen »Schocktherapien«, die die Regierung Gorbatschows ersonnen hat, werden vom Internationalen Währungsfonds überwacht und berichtigt. Die Eingliederung der Sowjetunion in die wirtschaftliche und politische Struktur des Weltimperialismus ist weit fortgeschritten. Folglich sind alle konterrevolutionären Auswirkungen des Stalinismus in Gorbatschows Perestroika praktisch in die Tat umgesetzt. 

 

Während diese Zeilen geschrieben werden und die letzten Vorbereitungen zur Veröffentlichung dieser Neuausgabe der »Verratenen Revolution« getroffen werden, ist die internationale Presse beherrscht von den jüngsten Entwicklungen in Moskau, wo der »demokratische« Kongress der Volksdeputierten Gorbatschow faktisch unbegrenzte Vollmachten verliehen hat, um mit der Krise in der Sowjetunion fertig zu werden. Nur wenige Monate, nachdem er von der Bourgeoisie eine ihrer begehrtesten Auszeichnungen verliehen bekommen hat, hält der edle Nobelpreisträger der aufständischen Bevölkerung wütend die eiserne Faust entgegen und droht, »Recht und Ordnung« wiederherzustellen. Der plötzliche Zusammenbruch der demokratischen Ambitionen von Glasnost bestätigt eine weitere Voraussage Trotzkis: dass der Kapitalismus in der Sowjetunion nicht friedlich und demokratisch wiedereingeführt werden kann, und dass umgekehrt die Wiederherstellung einer wirklichen, d. h. Sowjetdemokratie in der UdSSR nur auf der Grundlage einer antibürokratischen politischen Revolution möglich ist. Oder, wie Trotzki so prägnant festgestellt hat, dass »auf dem Wege zum Kapitalismus eine Konterrevolution den Widerstand der Arbeiter brechen müsste, auf dem Wege zum Sozialismus die Arbeiter die Bürokratie stürzen müssten«. 

* * *

Bücher haben ihr eigenes Schicksal, und das der »Verratenen Revolution« war eng mit dem Schicksal der darin vertretenen Prinzipien und Ideale verbunden. Innerhalb der Sowjetunion und der übrigen von stalinistischen Parteien beherrschten Länder war es wie alle anderen Schriften von Trotzki verboten. Stalin hat nicht versucht, auf die »Verratene Revolution« mit Argumenten zu antworten, statt dessen schickte er einen Mörder nach Mexiko. Selbst nach dem Tode Stalins erstreckte sich das sogenannte politische Tauwetter nie bis auf Trotzki. Es genügte den Stalinisten nicht, Trotzki zu ermorden, sie wollten auch seine Ideen abtöten. Generationen von sowjetischen Studenten wurden mit Schulbüchern versorgt, die systematisch die grundlegenden Tatsachen über Trotzkis Leben verfälschten und auf absurdeste Art und Weise seine Ideen verdrehten. Noch im November 1987 hielt Gorbatschow eine vom Fernsehen übertragene Rede zum siebzigsten Jahrestag der Revolution, in der er nicht davor zurückschreckte, schamlose Lügen über Trotzkis Rolle im Jahr 1917 und während der frühen Tage des Sowjetstaats aufzufrischen. Die Unterdrückung von Trotzkis Schriften war Teil der groß angelegten Zerstörung der umfassenden marxistischen politischen Kultur, die einstmals in der sowjetischen Arbeiterklasse und in der sozialistischen Intelligenz geblüht hatte. Wenn in den Anfangsstadien des gegenwärtigen politischen Verfalls des stalinistischen Regimes die Opposition von antikommunistischen Großmäulern beherrscht wurde, so nur deshalb, weil das großartige Vermächtnis des marxistischen Kampfs gegen die Bürokratie bis auf den heutigen Tag – wir sind jedoch zuversichtlich, für nicht mehr sehr viel länger – dem sowjetischen Volk im Wesentlichen unbekannt geblieben ist. Wenn man den täglichen Strom von Briefen sowjetischer Arbeiter und Intellektueller, der jetzt die Büros des Internationalen Komitees der Vierten Internationale erreicht, als Anzeichen des politischen Wiedererwachens der sowjetischen Massen aus dem finsteren stalinistischen Mittelalter nehmen kann, dann gibt es keine Zweifel, dass die »Verratene Revolution« dazu bestimmt ist, beim Wiederaufleben der sowjetischen Revolution eine sehr große Rolle zu spielen. 

 

Der Einfluss der »Verratenen Revolution« wird jedoch weit über die Grenzen der UdSSR hinaus zu spüren sein. Jahrzehntelang haben die gut ausgebildeten Produzenten öffentlicher Meinung in den Vereinigten Staaten nicht ohne Erfolg versucht, die Arbeiterklasse und die kritischen Elemente der Intelligenz völlig vom Marxismus zu isolieren. Ihr Erfolg hing weniger von der direkten Unterdrückung als von den Aktivitäten der Kreml-Bürokratie und ihrer politischen Agenten ab. Es ist nicht einfach ein Missverständnis, dass die stalinistischen Gangster in den bürgerlichen Medien jahrelang als »Marxisten« oder »Kommunisten« bezeichnet wurden. Von allen Diensten, die der Stalinismus dem Imperialismus erwiesen hat, war keiner wichtiger als die Diskreditierung des Sozialismus in den Augen breiter Schichten der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern, allen voran in den Zentren des Weltimperialismus. 

Aber die sich verschärfende Krise der kapitalistischen Weltordnung zusammen mit den Auswirkungen der politischen Erschütterungen in der Sowjetunion, Osteuropa und China wird unausweichlich zu einem neu erwachenden Interesse an den marxistischen Klassikern führen. Die zwei großen Lügen der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg – der Stalinismus repräsentiere den Sozialismus und der Kapitalismus sei zumindest in seinen Metropolen mit Frieden und Demokratie vereinbar – werden durch die Kraft der Ereignisse zerstört. Weder die pragmatischen bürgerlichen Patentrezepte, die die Massenmedien verbreiten, noch der schale existentielle Fatalismus, der an den Universitäten kultiviert wird, können die Forderungen der arbeitenden Massen nach einem Ausweg aus der sozialen Katastrophe, in die der Kapitalismus führt, befriedigen. 

Die Prinzipien von Leo Trotzki und der Vierten Internationale, die in diesem Buch so brillant dargelegt werden, sind dazu ausersehen, den zukünftigen Verlauf der Weltgeschichte nachhaltig zu beeinflussen. 

David North
Detroit, Michigan
29. Dezember 1990

Aufgabe der vorliegenden Arbeit

Die bürgerliche Welt versuchte zuerst so zu tun, als bemerke sie die Wirtschaftserfolge des Sowjetregimes, d. h. den Erfahrungsbeweis für die Lebensfähigkeit der Methoden des Sozialismus, nicht. Angesichts der in der Weltgeschichte beispiellosen Tempi der industriellen Entwicklung versuchen die gelehrten Ökonomen des Kapitals auch heute noch oft, sich in tiefes Schweigen zu hüllen, oder begnügen sich mit dem Hinweis auf die außerordentliche »Ausbeutung der Bauern«. Sie versäumen jedoch eine ausgezeichnete Gelegenheit zu erklären, warum die viehische Ausbeutung der Bauern beispielsweise in China, Japan oder Indien niemals Tempi der industriellen Entwicklung mit sich brachte, die sich auch nur annähernd mit den Sowjettempi messen könnten. 

Die Tatsachen tun jedoch ihre Wirkung. Heute ist der Büchermarkt aller zivilisierten Länder überhäuft mit Büchern über die Sowjetunion. Kein Wunder: Solchen Phänomenen begegnet man nicht oft. Die von blindem, reaktionärem Hass diktierte Literatur nimmt immer geringeren Raum ein; ein recht erheblicher Teil der neueren Werke über die Sowjetunion bekommt dagegen einen immer wohlwollenderen, wenn nicht entzückten Anstrich. Als Zeichen für die Besserung des internationalen Ansehens des neu entstandenen Staates ist die Flut der sowjetfreundlichen Literatur nur zu begrüßen. Ist es ja doch auch weitaus löblicher, die UdSSR zu idealisieren als das faschistische Italien. Doch eine wissenschaftliche Beurteilung dessen, was wirklich im Lande der Oktoberrevolution geschieht, würde der Leser auf den Seiten dieser Literatur vergebens suchen. 

Ihrem Typus nach zerfallen die Publikationen der »Freunde der Sowjetunion« in drei Hauptkategorien. Dilettantischer Journalismus beschreibenden Genres, mehr oder weniger »linke« Reportage bilden die Hauptmasse der Artikel und Bücher. Daneben, wenn auch mit größeren Prätentionen, reihen sich die Publikationen des humanitären, pazifistischen und lyrischen »Kommunismus«. An dritter Stelle steht die ökonomische Schematisierung im Geiste des altdeutschen Katheder-Sozialismus. Louis Fischer und Duranty sind hinreichend bekannte Vertreter des ersten Typus. Der verstorbene Barbusse und Romain Rolland vertreten am besten die Kategorie der humanitären »Freunde«: Nicht von ungefähr schrieb jener, bevor er an Stalin heranging, eine Lebensbeschreibung Christi und der andere eine Biografie Gandhis. Schließlich, der konservativ-pedantische Sozialismus fand seine hervorstechendsten Vertreter in dem rastlosen Fabierpaar Webb. 

 

Was diese drei Kategorien trotz all ihrer Unterschiede eint, ist ihre Verneigung vor der vollendeten Tatsache und ihre Vorliebe für beruhigende Verallgemeinerungen. Gegen den eigenen Kapitalismus zu rebellieren, sind sie außerstande. Umso bereitwilliger stützen sie sich auf eine bereits in ihre Ufer zurückgetretene fremde Revolution. Vor dem Oktoberumsturz und noch mehrere Jahre nachher hat nicht einer dieser Leute oder ihrer Geistesväter ernstlich darüber nachgedacht, auf welche Weise der Sozialismus zur Welt kommen werde. Umso leichter fällt es ihnen, das in der UdSSR Vorhandene als Sozialismus anzuerkennen. Das gibt ihnen nicht nur das Gepräge von fortschrittlichen Männern, die mit ihrer Zeit Schritt halten, sondern auch eine gewisse moralische Festigkeit, ohne sie dabei zu irgendetwas zu verpflichten. Diese Art beschaulicher, optimistischer, durchaus nicht destruktiver Literatur, die alles Ungemach hinter sich zu haben meint, wirkt sehr beruhigend auf die Nerven des Lesers und findet darum wohlwollende Aufnahme. So bildet sich unmerklich eine internationale Schule heraus, die man Bolschewismus fürs aufgeklärte Bürgertum oder, im engeren Sinne, Sozialismus für radikale Touristen nennen könnte. 

Wir gedenken mit den Erzeugnissen dieses Typus nicht zu polemisieren, da sie zur Polemik keinen ernsten Anlass bieten. Die Fragen sind für sie dort abgeschlossen, wo sie in Wirklichkeit erst beginnen. Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist es, richtig zu beurteilen, was ist, um besser zu verstehen, was werden wird. Bei dem, was gestern war, wollen wir nur insoweit verweilen, als es uns hilft, besser vorherzusehen, was morgen sein wird. Unsere Darstellung wird eine kritische sein. Wer sich vor dem Vollendeten verneigt, ist nicht fähig, die Zukunft vorzubereiten.

 

Der wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsprozess der UdSSR hat schon manche Etappe zurückgelegt, ist aber von einem inneren Gleichgewicht noch weit entfernt. Betrachtet man als Aufgabe des Sozialismus die Schaffung der klassenlosen Gesellschaft, die sich auf Solidarität und harmonische Befriedigung aller Bedürfnisse gründet, so kann in diesem eigentlichen Sinne von Sozialismus in der UdSSR noch keine Rede sein. Zwar unterscheiden sich die Widersprüche der Sowjetgesellschaft ihrer Natur nach tief von denen des Kapitalismus, sie sind aber nichtsdestoweniger sehr heftig. Sie äußern sich in materieller und kultureller Ungleichheit, in staatlicher Unterdrückung, in politischen Gruppierungen und im Kampf der Parteifraktionen. Polizeiliche Unterdrückung erstickt und verzerrt den politischen Kampf, schafft ihn aber nicht aus der Welt. Die verbotenen Ideen beeinflussen auf Schritt und Tritt die Politik der Regierung, sie befruchtend oder ihr entgegenwirkend. Unter diesen Umständen muss man die Entwicklung der Sowjetunion stets im Zusammenhang mit den Ideen und Losungen analysieren, unter denen sich im Lande ein geknebelter, aber leidenschaftlicher politischer Kampf abspielt. Die Geschichte verschmilzt hier unmittelbar mit der lebendigen Politik. 

Die wohlmeinenden »linken« Philister betonen gern, bei Kritik an der Sowjetunion sei äußerste Behutsamkeit am Platze, damit der sozialistische Aufbau nicht Schaden leide. Wir hingegen halten den Sowjetstaat durchaus nicht für so zart beschaffen. Die Feinde der UdSSR sind über ihn viel besser unterrichtet als seine wirklichen Freunde, d. h. die Arbeiter aller Länder. In den Generalstäben der imperialistischen Staaten wird genau Buch geführt über Aktiv und Passiv der Sowjetunion, und nicht nur aufgrund öffentlicher Berichte. Die Feinde können sich die schwachen Seiten des Arbeiterstaates zwar leider zunutze machen, keinesfalls aber von der Kritik an Tendenzen profitieren, die sie selbst für dessen positive Züge halten. Hinter dem feindseligen Verhalten der Mehrheit der offiziellen »Freunde« gegen Kritik verbirgt sich in Wirklichkeit Angst, nicht so sehr um die Zerbrechlichkeit der Union als um die Zerbrechlichkeit der eigenen Sympathien für sie. Gehen wir darum ruhig über diese Warnungen und Befürchtungen hinweg. Tatsachen entscheiden, nicht Illusionen. Wir wollen ein Antlitz zeigen, nicht eine Maske.

Leo Trotzki
September 1936

 

 

 

P. S. Dieses Buch war bereits vor dem Moskauer »Terroristen«-Prozess abgeschlossen worden, welcher deshalb darin nicht mehr behandelt werden konnte. Umso bedeutsamer ist es zu betonen, dass diese Arbeit den »Terroristen«-Prozess im Voraus erklärt und seine Mystik als Mystifikation entlarvt.

1.  Was ist erreicht?

Kapitel 1 
 
Was ist erreicht?

Hauptmerkmale des industriellen Wachstums

 

Infolge der Unbedeutendheit der russischen Bourgeoisie konnten die demokratischen Aufgaben des zurückgebliebenen Russland – wie die Liquidierung der Monarchie und der Knechtung der noch halb leibeigenen Bauernschaft – nicht anders gelöst werden als durch die Diktatur des Proletariats. Nachdem das Proletariat an der Spitze der Bauernmassen die Macht erobert hatte, konnte es indessen bei den demokratischen Aufgaben nicht stehen bleiben. Die bürgerliche Revolution verschmolz unmittelbar mit dem ersten Stadium der sozialistischen Revolution. Das war kein Zufall. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte bezeugt besonders anschaulich, dass unter den Bedingungen des kapitalistischen Verfalls die zurückgebliebenen Länder unmöglich dasselbe Niveau erreichen können wie zu ihrer Zeit die alten kapitalistischen Metropolen. Selber in eine Sackgasse verrannt, versperren die Zivilisatoren den sich Zivilisierenden den Weg. Russland betrat die Bahn der proletarischen Revolution, nicht weil seine Wirtschaft zuerst für die sozialistische Umwälzung reif gewesen wäre, sondern weil sich diese auf kapitalistischer Grundlage überhaupt nicht weiterentwickeln konnte. Die Vergesellschaftung des Eigentums an den Produktionsmitteln war eine notwendige Voraussetzung, um das Land aus der Barbarei herauszuführen: Das ist das Gesetz der kombinierten Entwicklung der zurückgebliebenen Länder. Als »schwächstes Glied der kapitalistischen Kette« (Lenin) in die sozialistische Revolution eingetreten, steht das ehemalige Zarenreich auch heute, im neunzehnten Jahr nach der Umwälzung, noch vor der Aufgabe, Europa und Amerika »einzuholen und zu überholen« – folglich vorerst einzuholen – d. h. die Aufgaben der Technik und der Produktion zu lösen, die der fortgeschrittene Kapitalismus längst gelöst hat. 

Ja, konnte es auch anders sein? Der Sturz der alten herrschenden Klassen hat die Aufgabe, aus der Barbarei zur Kultur emporzusteigen, nicht gelöst, sondern lediglich bloßgelegt. Dadurch, dass die Revolution zugleich das Eigentum an den Produktionsmitteln in der Hand des Staates konzentrierte, schuf sie die Möglichkeit, neue, unvergleichlich wirksamere Wirtschaftsmethoden anzuwenden. Nur dank planmäßiger Leitung wurde in kurzer Frist wiederaufgebaut, was der imperialistische und der Bürgerkrieg vernichtet hatten, wurden neue grandiose Unternehmungen errichtet, neue Produktionszweige und ganze Industrien geschaffen. 

 

Die außerordentliche Verzögerung in der Entwicklung der internationalen Revolution, mit deren baldiger Hilfe die Führer der bolschewistischen Partei gerechnet hatten, bereitete der UdSSR einerseits ungeheure Schwierigkeiten, brachte aber andererseits auch außerordentliche innere Hilfsquellen und Möglichkeiten zum Vorschein. Jedoch eine richtige Beurteilung der erzielten Resultate – ihrer Größe wie ihrer Unzulänglichkeit – ist nur unter Zuhilfenahme internationaler Maßstäbe möglich. Die Methode der vorliegenden Arbeit ist die geschichtlich-soziologische Deutung des Prozesses und nicht die Häufung statistischer Illustrationen. Dennoch ist es im Interesse der weiteren Darstellung erforderlich, einige der wichtigsten Ziffern zum Ausgangspunkt zu nehmen. 

Der Umfang der sowjetrussischen Industrialisierung vor dem Hintergrund des Stillstands und Verfalls fast der gesamten kapitalistischen Welt wird aus folgenden Globalangaben ersichtlich. Die Industrieproduktion Deutschlands ist nur dank des Aufrüstungsfiebers gegenwärtig auf das Niveau von 1929 zurückgekehrt. Die Produktion Großbritanniens stieg mit Hilfe des Protektionismus in denselben sechs Jahren um 3 bis 4 Prozent. Die Industrieproduktion der Vereinigten Staaten ging annähernd um 25 Prozent zurück, die Frankreichs um mehr als 30 Prozent. An erster Stelle, was den Fortschritt unter den kapitalistischen Ländern anbelangt, steht das toll rüstende und plündernde Japan: Seine Produktion stieg beinahe um 40 Prozent! Aber auch diese Ausnahmeziffer verblasst vollkommen vor der Entwicklungsdynamik der Sowjetunion, deren Industrieproduktion in derselben Periode auf das Dreieinhalbfache oder um 250 Prozent stieg. Die russische Schwerindustrie hat im letzten Jahrzehnt (1925–1935) ihre Erzeugung mehr als verzehnfacht. Im ersten Jahr des ersten Fünfjahresplans (1928–1929) betrugen die Kapitalinvestitionen 5,4 Milliarden Rubel. 1936 sollen es sogar 32 Milliarden sein. 

 

Sehen wir wegen der Schwankungen des Rubels von der Maßeinheit des Geldes ab, so mögen andere, unbestreitbare Messgrößen sprechen. Im Dezember 1913 förderte das Donezbecken 2 275 000Tonnen Kohle, 7 125 000 Tonnen im Dezember 1935. In den letzten drei Jahren vergrößerte sich die Gusseisenschmelze um das Doppelte, die Stahl- und Walzeisenerzeugung beinahe um das Zweieinhalbfache. Verglichen mit dem Vorkriegsniveau stieg die Gewinnung an Erdöl, Kohle und Eisenerz auf das Drei- bis Dreieinhalbfache. 1920, als der erste Elektrifizierungsplan aufgestellt wurde, gab es im Lande zehn lokale Elektrizitätswerke mit einem Gesamtleistungsvermögen von 253 000 Kilowatt. 1935 waren es bereits 95 mit einem Gesamtleistungsvermögen von 4 345 000 Kilowatt. 1925 stand die UdSSR hinsichtlich der Erzeugung von elektrischer Energie an elfter Stelle; 1935 wird sie nur noch von Deutschland und den Vereinigten Staaten übertroffen. In der Kohleförderung rückte die UdSSR von der zehnten an die vierte Stelle, in der Stahlerzeugung von der sechsten an die dritte, in der Traktorenproduktion an die erste Stelle in der ganzen Welt; ebenso in der Zuckergewinnung. 

Gigantische Errungenschaften in der Industrie, viel versprechender Beginn eines Aufschwungs der Landwirtschaft, außerordentliches Anwachsen der alten und Entstehen neuer Industriestädte, rasche Zunahme der Zahl der Arbeiter, Hebung des Kulturniveaus und der Bedürfnisse – das sind die unbestreitbaren Ergebnisse der Oktoberrevolution, in der die Propheten der alten Welt das Grab der menschlichen Zivilisation sehen wollten. Mit den Herren bürgerlichen Ökonomen braucht man nicht mehr zu streiten: Der Sozialismus bewies sein Recht auf den Sieg nicht auf den Seiten des »Kapitals«, sondern in einer Wirtschaftsarena, die ein Sechstel der Erdoberfläche bildet, bewies es nicht in der Sprache der Dialektik, sondern in der Sprache des Eisens, des Zements und der Elektrizität. Selbst wenn die UdSSR infolge innerer Schwierigkeiten, äußerer Schläge und der Fehler der Führung zusammenbräche – was, wie wir fest hoffen, nicht eintreten möge –, so bliebe doch als ein Pfand der Zukunft die unaustilgbare Tatsache bestehen, dass allein dank der proletarischen Revolution ein zurückgebliebenes Land in weniger als zwei Jahrzehnten historisch beispiellos dastehende Erfolge erzielte. 

 

Damit ist auch dem Streit mit den Reformisten in der Arbeiterbewegung ein Ende gesetzt. Kann man nur eine Minute lang ihr kleinliches Treiben mit dem Titanenwerk vergleichen, das ein von der Revolution zu neuem Leben erwecktes Volk verrichtet? Hätte 1918 die Sozialdemokratie in Deutschland die ihr von den Arbeitern aufgedrängte Macht zur sozialistischen Umwälzung benutzt, statt zur Rettung des Kapitalismus,[44] so ist aufgrund der russischen Erfahrung unschwer zu begreifen, welch unüberwindliche Wirtschaftsmacht heute das sozialistische mittel- und osteuropäische Massiv und ein erheblicher Teil Asiens darstellen würde. Die historischen Verbrechen des Reformismus werden die Völker der Erde mit neuen Kriegen und Revolutionen zu bezahlen haben. 

Vergleichende Beurteilung des Erreichten

Die dynamischen Kennziffern der Sowjetindustrie sind ohne Beispiel. Doch weder heute noch morgen ist mit ihnen die Frage schon gelöst. Die Sowjetunion steigt von einem erschreckend niedrigen Niveau empor, während die kapitalistischen Länder von einem sehr hohen Niveau herabgleiten. Das Kräfteverhältnis ist gegenwärtig nicht durch die Wachstumsdynamik bestimmt, sondern durch die Konstellation der Gesamtstärken beider Lager, wie sie sich in der Anhäufung materieller Vorräte, in der Technik, der Kultur, und vor allem in der Produktivität der menschlichen Arbeit äußert. Sobald wir an die Sache vom statischen Gesichtspunkt herangehen, ändert sich die Lage sofort ungemein zuungunsten der UdSSR.

Die von Lenin formulierte Frage »wer wen?« ist die Frage des Kräfteverhältnisses zwischen der UdSSR und dem revolutionären Weltproletariat einerseits, den inneren feindlichen Kräften und dem Weltkapital andererseits. Die wirtschaftlichen Fortschritte der UdSSR erlauben ihr zu erstarken, sich weiterzuentwickeln, sich zu bewaffnen, wenn nötig auch nachzugeben und abzuwarten, mit einem Wort, sich zu halten. Aber ihrem Wesen nach steht die Frage »wer wen?« vor der UdSSR im Weltmaßstab, und zwar nicht so sehr als eine militärische, sondern als Wirtschaftsfrage. Die Militärintervention ist gefährlich. Die Intervention billiger Waren im Gefolge der kapitalistischen Armeen wäre weitaus gefährlicher. Der Sieg des Proletariats in einem der westlichen Länder würde selbstverständlich mit einem Schlage das Kräfteverhältnis gründlich ändern. Aber solange die UdSSR isoliert bleibt, schlimmer, solange das europäische Proletariat nur Niederlagen erleidet und zurückweicht, solange bemisst sich die Stärke des Sowjetregimes letzten Endes an der Arbeitsproduktivität, die sich bei der Warenwirtschaft in Gestehungskosten und Preisen ausdrückt. Die Differenz zwischen den Binnen- und den Weltmarktpreisen ist eine der wichtigsten Maßzahlen für das Kräfteverhältnis. Indes ist es der Sowjetstatistik verboten, diese Frage auch nur anzurühren. Der Grund dafür ist, dass der Kapitalismus trotz Stillstand und Fäulnis immer noch hinsichtlich Technik, Arbeitsorganisation und -kultur einen gewaltigen Vorsprung behält. 

 

Die traditionelle Rückständigkeit der Landwirtschaft in der UdSSR ist allbekannt. Noch in keinem ihrer Zweige sind Fortschritte erzielt worden, die sich auch nur im Entferntesten mit den Fortschritten der Industrie messen könnten. »Wir sind noch«, beklagte sich beispielsweise Ende 1935 Molotow, »weit zurück hinter den kapitalistischen Ländern hinsichtlich der Ergiebigkeit unseres Rübenbaus.« 1934 erntete man pro Hektar 82 Zentner, 1935 in der Ukraine bei ausnahmsweise guter Ernte 131 Zentner. In der Tschechoslowakei und in Deutschland werden durchschnittlich 250 Zentner erzielt, in Frankreich mehr als 300 pro Hektar. Molotows Klage kann man ohne Bedenken auf alle Zweige der Landwirtschaft ausdehnen, auf die technischen wie auf die Getreidekulturen, ganz besonders aber auf die Viehzucht. Richtige Fruchtfolge, Saatauslese, Dünger, Traktoren, Mähdrescher, Zuchtviehfarmen – all das bereitet eine wahrhaft grandiose Revolution in der vergesellschafteten Landwirtschaft vor. Aber gerade auf diesem konservativsten aller Gebiete erfordert die Revolution Zeit. Bislang besteht trotz der Kollektivierung die Aufgabe noch darin, an die höchsten Muster des kapitalistischen Westens mit seiner Kleinbauernwirtschaft heranzukommen. 

Der Kampf um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität in der Industrie geht zwei Wege: Übernahme der modernen Technik und bessere Ausnutzung der Arbeitskraft. Die Möglichkeit, in wenigen Jahren gigantische Fabriken neuesten Typs zu errichten, war gegeben einerseits durch das Vorhandensein einer hohen kapitalistischen Technik im Westen, andererseits durch das Planwirtschaftsregime im Lande selbst. Auf diesem Gebiet geht eine Assimilierung fremder Errungenschaften vor sich. Die Tatsache, dass die Sowjetindustrie ebenso wie die Ausrüstung der Roten Armee in forciertem Tempo wuchs, hat gewaltige potentielle Vorteile. Die Wirtschaft braucht nicht wie in England oder Frankreich ein veraltetes Inventar mitzuschleppen, die Armee nicht veraltete Rüstungen abtragen. Aber dies fieberhafte Wachstum hat auch seine negativen Seiten: Die verschiedenen Elemente der Wirtschaft harmonieren nicht miteinander, die Menschen bleiben hinter der Technik zurück, die Leitung ist ihren Aufgaben nicht gewachsen. All das zusammen äußert sich bisher in ungemein hohen Gestehungskosten bei niedriger Produktionsqualität. 

»Unsere Anlagen«, schreibt der Leiter der Erdölindustrie, »verfügen über dieselbe Ausstattung wie die amerikanischen, aber die Organisierung der Bohrarbeit ist zurückgeblieben, die Kader sind nicht qualifiziert genug.« Die zahlreichen Pannen erklären sich aus »Nachlässigkeit, Unkenntnis und unzureichender technischer Aufsicht«. Molotow klagt: »Wir sind in der Organisierung des Bauwesens arg im Rückstand … In den meisten Fällen geschieht sie auf althergebrachte Weise, mit den Maschinen und der Ausrüstung wird Unfug getrieben.« Derlei Geständnisse sind in der Sowjetpresse überall zu finden. Die neue Technik ergibt noch längst nicht dieselben Resultate wie in ihrer kapitalistischen Heimat. 

Die Bruttofortschritte der Schwerindustrie stellen eine gewaltige Errungenschaft dar: Nur auf diesem Fundament kann man bauen; doch der Prüfstein modernen Wirtschaftens ist die Herstellung der feinsten Details, die sowohl technische wie allgemeine Kultur erfordert. Auf diesem Gebiet ist die Rückständigkeit der Sowjetunion noch sehr groß. 

In der Kriegsindustrie sind zweifellos die beachtlichsten Fortschritte gemacht worden, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ: Armee und Flotte sind die einflussreichsten Besteller und die anspruchsvollsten Kunden. Nichtsdestoweniger klagen die Leiter der Militärbehörden, einschließlich Woroschilow, in mehreren öffentlichen Reden unaufhörlich: »Wir sind nicht immer vollauf befriedigt von der Qualität der Produktion, die ihr uns in der Roten Armee liefert.« Unschwer ist die Unruhe herauszuhören, die sich hinter diesen vorsichtigen Worten verbirgt. 

Die Produktion im Maschinenbau, sagt der Leiter der Schwerindustrie im offiziellen Bericht, »sollte von guter Qualität sein. Leider ist das nicht der Fall« … Und weiter unten: »Die Maschine ist bei uns zu teuer.« Wie stets vermeidet der Berichterstatter genaue Vergleichsziffern bezüglich der Weltproduktion.

Der Traktor ist der Stolz der Sowjetindustrie. Indessen ist der Nutzeffekt der Traktoren äußerst gering. Im Laufe des verflossenen Wirtschaftsjahres mussten 81 Prozent der Traktoren einer gründlichen Reparatur unterzogen werden, und davon wurde eine erhebliche Anzahl mitten in der Hochsaison der Feldarbeiten wieder unbrauchbar. Gewissen Berechnungen zufolge rentieren sich Maschinen- und Traktorenstationen erst ab einem Ernteertrag von 20 bis 22 Zentner Getreide pro Hektar. Heute, wo die Durchschnittsernte nicht einmal die Hälfte beträgt, muss der Staat Milliarden aufbringen, nur um die Defizite zu decken.

 

Noch schlimmer steht es mit dem Autotransport. In Amerika fährt ein Lastauto 60 000 bis 80 000, ja 100 000 Kilometer im Jahr; in der UdSSR nur 20 000, d. h. drei- bis viermal weniger. Von je 100 Wagen sind nur 55 in Betrieb, die anderen sind in Reparatur oder warten darauf. Die Reparaturkosten übersteigen die Kosten aller neu hergestellten Wagen um das Zweifache. Kein Wunder, wenn nach dem Urteil der staatlichen Kontrollbehörde »der Autotransport eine außerordentlich schwere Belastung für die Selbstkosten der Produktion bildet«.

Die Erhöhung des Transportvermögens der Eisenbahnen ist nach den Worten des Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare begleitet von »zahlreichen Unfällen und Entgleisungen«. Die wesentliche Ursache ist immer dieselbe: die von der Vergangenheit ererbte niedrige Arbeitskultur. Der Kampf um die Reinhaltung der Eisenbahnweichen wird zu einer Art Heldentat, von der prämiierte Weichenstellerinnen im Kreml vor den höchsten Machtspitzen berichten. Der Schiffsverkehr bleibt trotz der Erfolge der letzten Jahre weit hinter dem Eisenbahnwesen zurück. Periodisch wimmeln die Zeitungen von Meldungen über die »schludrige Arbeit des Seetransports«, die »unglaublich niedrige Qualität der Flottenreparatur« usw. 

In den Leichtindustriezweigen ist die Lage noch ungünstiger als in der Schwerindustrie. Ein der Sowjetindustrie eigenes Gesetz kann man so formulieren: Das Erzeugnis ist in der Regel umso schlechter, je näher am Massenverbraucher. In der Textilindustrie ist nach den Worten der Prawda »schändlich groß der Prozentsatz des Ausschusses, armselig das Angebot; die minderwertigen Sorten herrschen vor«. Periodisch machen sich in der Sowjetpresse Klagen über die schlechte Qualität der Massengebrauchsartikel Luft: »plumpe Eisenwaren«; »scheußliche, schlecht genagelte, zusammengepfuschte Möbel«; »man kann keine passenden Knöpfe bekommen«; »absolut unzufrieden stellend arbeitet das System der öffentlichen Verpflegung«. Und so weiter ohne Ende. 

Die Erfolge der Industrialisierung einzig und allein nach den Mengen zu beurteilen, ohne Rücksicht auf die Qualität, ist fast dasselbe, wie den Körperbau eines Menschen nur nach seiner Größe zu messen, ohne den Brustumfang zu berücksichtigen. Um die Dynamik der Sowjetwirtschaft richtig zu beurteilen, muss man zum einen die Qualität der Produktion berücksichtigen, vor allem aber auch erkennen, dass rasche Fortschritte auf bestimmten Gebieten vom Zurückbleiben anderer begleitet sind. Die Schaffung gigantischer Automobilwerke geht auf Kosten der geringen Anzahl und der Ungepflegtheit der Straßen. »Die Vernachlässigung der Straßen ist bei uns außerordentlich«, stellt die Iswestija fest, »auf einer der wichtigsten Strecken, Moskau–Jaroslawl, kann man im Auto nicht schneller als 10 km die Stunde fahren.« Der Vorsitzende der Staatsplanbehörde versichert, das Land wahre noch immer »die Tradition der vielhundertjährigen Wegelosigkeit«. 

In ähnlichem Zustand befindet sich auch die kommunale Wirtschaft. Im Nu schießen neue Industriestädte aus dem Boden und gleichzeitig veröden Dutzende alter. Die Hauptstädte und Industriezentren wachsen und verschönern sich, in verschiedenen Teilen des Landes werden teure Theater und Klubs gebaut, aber der Wohnungshunger ist unerträglich, die Wohnhäuser sind in der Regel ohne Pflege. »Wir bauen schlecht und teuer, der Wohnungsbestand wird abgenutzt und nicht ausgebessert, wir reparieren wenig und ungeschickt.« (Iswestija).

Die ganze Wirtschaft besteht aus solchen Missverhältnissen In gewissen Grenzen sind sie unvermeidlich, galt und gilt es ja, zuerst beim Wichtigsten anzufangen. Nichtsdestoweniger drückt das Zurückbleiben der einen Branchen den Nutzeffekt der anderen außerordentlich herab. Stellt man sich eine ideale Planführung vor, die nicht auf Maximaltempi einzelner Branchen, sondern auf Optimalergebnisse der Gesamtwirtschaft abzielte, so würde der statistische Wachstumskoeffizient in der ersten Zeit niedriger sein, aber die Wirtschaft insgesamt und besonders der Verbraucher könnten dabei nur gewinnen, im weiteren Verlauf auch die allgemeine Dynamik der Wirtschaft.

In der offiziellen Statistik werden Automobilerzeugung und Automobilreparatur zu einer Gesamtsumme der Industrieproduktion addiert; vom Gesichtspunkt des ökonomischen Effekts wäre eher Subtraktion als Addition angebracht. Das gilt auch für viele andere Industriezweige. Darum kommt allen summarischen Angaben in Rubeln bloß relativer Wert zu: Unbekannt ist, was ein Rubel darstellt, und nicht immer bekannt ist, was sich dahinter verbirgt: der Bau von Maschinen oder ihr vorzeitiger Bruch. Stieg, in »festen« Rubeln gerechnet, die Gesamtproduktion der Schwerindustrie im Vergleich zum Vorkriegsniveau auf das Sechsfache, so stieg, in Tonnen gerechnet, die Erdöl-, Kohle- und Eisengewinnung nur auf das Drei- bis Dreieinhalbfache. Die Hauptursache für das Nichtübereinstimmen dieser Ziffern ist, dass die Sowjetindustrie mehrere neue, im zaristischen Russland unbekannte Gewerbe einführte. Aber ein weiterer Grund ist in den tendenziösen Manipulationen der Statistik zu suchen. Bekanntlich ist es ein organisches Bedürfnis jeder Bürokratie, die Wirklichkeit schönzufärben. 

Pro Kopf der Bevölkerung

 

Die durchschnittliche individuelle Arbeitsproduktivität ist in der UdSSR noch sehr niedrig. In der besten Metallfabrik ist nach dem Geständnis ihres Direktors die Gusseisen- und Stahlgewinnung pro Arbeiter dreimal niedriger als die Durchschnittserzeugung in den amerikanischen Fabriken. Ein Vergleich der Durchschnittsziffern beider Länder würde wahrscheinlich ein Verhältnis von eins zu fünf oder noch niedriger ergeben. Unter diesen Umständen ist die Erklärung, die Hochöfen würden in der UdSSR »besser« ausgenutzt als in den kapitalistischen Ländern, einstweilen noch ohne Sinn: Die Aufgabe der Technik besteht in der Einsparung menschlicher Arbeit und in nichts anderem. In der Holz- und Bauindustrie steht es noch ungünstiger als in der Metallurgie. Auf einen Steinbrecher entfallen in den Vereinigten Staaten 5 000 Tonnen im Jahr, in der UdSSR 500 Tonnen, d. h. zehnmal weniger. Ein so schreiender Unterschied erklärt sich nicht nur durch die unzureichende Befähigung der Arbeiter, sondern vor allem auch durch die schlechte Arbeitsorganisation. Die Bürokratie stachelt die Arbeiter aus allen Kräften an, aber die Arbeitskraft richtig auszunutzen, versteht sie nicht. In der Landwirtschaft ist es damit natürlich noch ungünstiger bestellt als in der Industrie. Der niedrigen Arbeitsproduktivität entspricht ein niedriges Nationaleinkommen und folglich auch ein niedriger Lebensstandard der Volksmassen. 

Wenn darauf hingewiesen wird, dass die UdSSR nach dem Umfang der Industrieproduktion 1936 in Europa an erster Stelle steht – an sich ist der Erfolg gewaltig! – so sieht man dabei nicht nur von der Qualität und dem Selbstkostenpreis der Waren ab, sondern auch von der Bevölkerungszahl. Doch das allgemeine Entwicklungsniveau eines Landes und im Besonderen der Lebensstandard der Massen lassen sich, und sei es auch nur in groben Umrissen, lediglich bestimmen, wenn man die Produktion durch die Verbraucherzahl teilt. Versuchen wir, diese einfache arithmetische Operation durchzuführen. Die Bedeutung des Eisenbahnwesens für Wirtschaft, Kultur und Kriegszwecke bedarf keiner Erläuterung. Die Sowjetunion verfügt über 83 000 Kilometer Schienenstrecken, im Vergleich zu 58 000 in Deutschland, 63 000 in Frankreich, 417 000 in den Vereinigten Staaten. Das bedeutet: Auf 10 000 Menschen entfallen in Deutschland 8,9 km Schienenwege, in Frankreich 15,2, in den Vereinigten Staaten 33,1, in der UdSSR 5,0. In Bezug auf Eisenbahnen steht die UdSSR also immer noch auf einer der tiefsten Stufen in der zivilisierten Welt. Die Handelsflotte, die sich in den letzten fünf Jahren verdreifachte, befindet sich momentan ungefähr auf der Höhe der dänischen und spanischen Flotte. Hinzu kommt die ungemein niedrige Qualität der Landstraßen. Auf je 1 000 Bewohner wurden im Jahre 1935 in der UdSSR 0,6 Automobile hergestellt, in Großbritannien (1934) rund 8, in Frankreich rund 4,5, in den Vereinigten Staaten 23 (gegen 36,5 im Jahre 1928). Trotz der äußersten Rückständigkeit im Eisenbahn-, Wasser- und Autotransportwesen ist die verhältnismäßige Zahl der Pferde in der Sowjetunion (rund ein Pferd auf 10 bis 11 Bewohner) niedriger als in Frankreich und den Vereinigten Staaten, denen sie obendrein in der Güte des Pferdebestandes weit nachsteht. 

 

Auch auf dem Gebiet der Schwerindustrie, die doch die bedeutendsten Fortschritte aufzuweisen hat, sind die Vergleichszahlen immer noch ungünstig. An Kohle wurden in der Sowjetunion 1935 rund 0,7 Tonnen pro Kopf der Bevölkerung gefördert, in Großbritannien aber rund 5 Tonnen, in den Vereinigten Staaten fast 3 Tonnen (gegen 5,4 im Jahre 1913). In Deutschland wurden pro Kopf rund 2 Tonnen Stahl gewonnen, in der UdSSR dagegen rund 67 Kilogramm pro Kopf, in den Vereinigten Staaten rund 250 Kilogramm usw. Ungefähr dieselben Proportionen finden wir beim Guss- und Walzeisen. An elektrischer Energie erzeugte die Sowjetunion 1935 pro Kopf 153 Kilowattstunden, Großbritannien (1934) 443, Frankreich 363, Deutschland 472. 

In der Leichtindustrie sind die Pro-Kopf-Ziffern in der Regel noch niedriger. An Wollstoff wurde 1935 pro Kopf weniger als ein halber Meter erzeugt, das ist acht- bis zehnmal weniger als in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Tuch ist nur für den privilegierten Sowjetbürger erhältlich. Die Masse muss eben nach wir vor auch im Winter Kattun tragen, von dem rund 16 Meter pro Person hergestellt werden. Die Schuhfabrikation beträgt heute in der UdSSR annähernd ein halbes Paar pro Person, in Deutschland über ein Paar, in Frankreich anderthalb Paar, in den Vereinigten Staaten rund drei Paar, wobei noch das Qualitätsmerkmal unberücksichtigt bleibt, welches das Verhältnis noch weiter verschlechtert. Man kann mit Bestimmtheit annehmen, dass in den bürgerlichen Ländern der Prozentsatz der Personen, die mehrere Paar Schuhwerk besitzen, erheblich höher ist als in der UdSSR; doch was den Prozentsatz der Barfüßigen betrifft, so steht die UdSSR leider immer noch an einer der ersten Stellen.

Annähernd dasselbe Verhältnis, teilweise noch ungünstiger, gilt für die Erzeugnisse der Nahrungsmittelindustrie, trotz ihrer unbestreitbaren Fortschritte in den letzten Jahren: Konserven, Wurst, Käse, von Gebäck und Konfekt gar nicht zu reden, bleiben für die große Masse der Bevölkerung bislang noch absolut unerschwinglich. Nachteilig ist es sogar um die Milchprodukte bestellt. In Frankreich und den Vereinigten Staaten entfällt eine Kuh auf ungefähr fünf Köpfe der Bevölkerung, in Deutschland auf sechs, in der Sowjetunion auf acht; doch was den Milchertrag betrifft, müssen etwa zwei Kühe für eine zählen. Nur in Bezug auf Brotgetreide, insbesondere Roggen, ebenfalls Kartoffeln, überragt die Sowjetunion in der Pro-Kopf-Produktion die meisten europäischen Länder und die Vereinigten Staaten ganz beträchtlich. Aber Roggenbrot und Kartoffeln als vorherrschende Nahrung der Bevölkerung, das sind eben klassische Zeichen der Not! 

 

Der Papierverbrauch ist eines der wichtigsten Kulturmerkmale. 1935 wurden in der UdSSR weniger als 4 kg Papier pro Kopf erzeugt, in den Vereinigten Staaten mehr als 34 kg (gegen 48 kg im Jahre 1928), in Deutschland mehr als 47 kg. Entfallen in den Vereinigten Staaten auf jeden Einwohner 12 Bleistifte im Jahr, so sind es in der UdSSR nur rund 4, dabei von so schlechter Qualität, dass ihr Nutzeffekt nicht den eines einzigen guten, bestenfalls zweier guter Bleistifte übersteigt. Die Zeitungen klagen ständig, dass der Mangel an Fibeln, Papier und Bleistiften das Schulwesen paralysiert. Kein Wunder, dass die Liquidierung des Analphabetentums, die schon für den zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution in Aussicht gestellt war, auch heute noch längst nicht erreicht ist. 

Dieselbe Frage kann auch auf einer allgemeineren Ebene untersucht werden. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in der Sowjetunion weit geringer als in den westlichen Ländern. Und da in der UdSSR die Kapitalanlagen etwa 25 bis 30 Prozent des Nationaleinkommens verschlingen, also einen unvergleichlich größeren Teil als sonst wo auf der Welt, so muss der Konsumfonds der Volksmassen notwendigerweise erheblich niedriger sein als in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern.

Allerdings gibt es in der UdSSR keine besitzenden Klassen, deren Verschwendung durch einen Unterverbrauch der Volksmassen auszugleichen wäre. Doch fällt diese Korrektur weniger ins Gewicht, als auf den ersten Blick scheinen mag. Das Grundübel des kapitalistischen Systems besteht nicht in der Verschwendungssucht der besitzenden Klassen, so widerwärtig sie an sich ist, sondern darin, dass die Bourgeoisie zur Wahrung ihres Rechts auf Verschwendung das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufrechterhält und so die Wirtschaft der Anarchie und Fäulnis preisgibt. In Bezug auf Luxusgegenstände hat natürlich die Bourgeoisie das Monopol des Verbrauchs. Doch in Bezug auf die lebensnotwendigen Artikel besteht die überwiegende Mehrheit der Verbraucher aus den werktätigen Massen. Weiter unten werden wir ferner sehen, dass in der UdSSR zwar keine besitzende Klasse im eigentlichen Sinne des Wortes, jedoch eine sehr privilegierte befehligende Schicht vorhanden ist, die sich im Konsumbereich den Löwenanteil aneignet. Und wenn in der UdSSR auf den Kopf der Bevölkerung weniger lebensnotwendige Artikel entfallen als in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, so heißt das eben, dass der Lebensstandard der Sowjetmassen noch hinter dem der kapitalistischen Länder zurückbleibt. 

 

Die historische Verantwortung für diese Lage trägt natürlich die gesamte schwere und düstere Vergangenheit Russlands mit ihrem Erbe von Finsternis und Armut. Es gab keinen anderen Weg zum Fortschritt als die Niederwerfung des Kapitalismus. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, einen flüchtigen Blick auf die baltischen Staaten und Polen zu werfen, die einst die höchstentwickelten Teile des Zarenreiches bildeten, heute aber aus dem Elend nicht herauskommen. Das unvergängliche Verdienst des Sowjetregimes liegt in seinem zähen und im Großen und Ganzen erfolgreichen Kampf gegen die tausendjährige Rückständigkeit. Aber eine richtige Beurteilung des Erreichten ist die Vorbedingung für weiteres Vordringen. 

Das Sowjetregime durchläuft vor unseren Augen ein Vorbereitungsstadium, in dem es die technischen und kulturellen Errungenschaften des Westens importiert, übernimmt und sich zu eigen macht. Die Verhältniszahlen für Produktion und Verbrauch sind ein Zeugnis dafür, dass dieses Vorbereitungsstadium noch lange nicht abgeschlossen ist: Selbst bei der wenig wahrscheinlichen Voraussetzung eines weiteren vollständigen kapitalistischen Stillstands würde es noch eine ganze Geschichtsperiode beanspruchen. Das ist die erste, ungemein wichtige Schlussfolgerung, auf die wir im weiteren Verlauf der Untersuchung wieder zurückkommen werden.

2. Die Wirtschaftsentwicklung und die Zickzackpolitik der Führung

Kapitel 2
 
Die Wirtschaftsentwicklung und die Zickzackpolitik der Führung

»Kriegskommunismus«, »Neue Ökonomische Politik« (NÖP) und Kurs auf den Kulaken 

Die Entwicklungskurve der Sowjetunion bildet durchaus keine ununterbrochene und gleichmäßig aufsteigende Linie. Im Verlauf der ersten achtzehn Jahre des neuen Regimes kann man deutlich mehrere Etappen unterscheiden, die sich durch heftige Krisen voneinander abgrenzen. Ein kurzer Abriss der Wirtschaftsgeschichte der UdSSR ist für Diagnose und Prognose gleichermaßen unerlässlich.

Die ersten drei Jahre nach dem Umsturz waren eine Periode offenen und erbitterten Bürgerkriegs. Das Wirtschaftsleben blieb vollständig den Bedürfnissen der Fronten untergeordnet. Das kulturelle Leben nistete in den Hinterhöfen und war gekennzeichnet durch kühnen Schwung des schöpferischen Gedankens, vor allem Lenins persönlichen Denkens, bei außerordentlicher Dürftigkeit der materiellen Mittel. Das ist die sogenannte Periode des Kriegskommunismus (1918–1921), eine heroische Parallele zum »Kriegssozialismus« der kapitalistischen Länder. Die wirtschaftlichen Aufgaben der Sowjetregierung liefen in diesen Jahren hauptsächlich darauf hinaus, die Kriegsindustrien instand zu halten und die aus der Vergangenheit übrig gebliebenen armseligen Vorräte für den Krieg und zur Rettung der städtischen Bevölkerung vor dem Verderben zu verwerten. Der Kriegskommunismus war im Grunde ein System zur Reglementierung des Verbrauchs in einer belagerten Festung. 

Man muss jedoch zugeben, dass er in seiner ursprünglichen Absicht breitere Ziele verfolgte. Die Sowjetregierung hoffte und versuchte, die Reglementierungsmethoden auf direktem Wege zu einem Planwirtschaftssystem in der Verteilung und Produktion zu entwickeln. Mit anderen Worten: Vom »Kriegskommunismus« gedachte sie allmählich, aber ohne das System zu verletzen, zum echten Kommunismus überzugehen. Das im März 1919 angenommene Programm der bolschewistischen Partei besagte: »Auf dem Gebiet der Verteilung besteht gegenwärtig die Aufgabe der Sowjetmacht darin, unentwegt fortzufahren in der Ersetzung des Handels durch planmäßige, im gesamtstaatlichen Maßstab organisierte Verteilung der Produkte.« 

 

Die Wirklichkeit jedoch geriet immer mehr in Konflikt mit dem Programm des »Kriegskommunismus«: Die Produktion ging ständig zurück, und zwar nicht nur infolge der verheerenden Wirkungen des Krieges, sondern auch, weil der Anreiz des persönlichen Interesses bei den Produzenten erloschen war. Die Stadt verlangte vom Dorf Korn und Rohprodukte, ohne dafür etwas anderes zu geben als bunte Papierlappen, aus alter Gewohnheit Geld genannt. Der Muschik vergrub seine Vorräte. Die Regierung sandte bewaffnete Arbeiterabteilungen nach Korn aus. Der Muschik säte weniger an. Die Industrieproduktion des Jahres 1921, unmittelbar nach Beendigung des Bürgerkriegs, betrug bestenfalls ein Fünftel der Vorkriegsproduktion. Die Stahlerzeugung war von 4,2 Millionen Tonnen auf 183 000 Tonnen gesunken, d. h. auf ein Dreiundzwanzigstel. Die Getreideernte sank von insgesamt 801 Millionen Zentner auf 503 Millionen im Jahre 1922: Das war das Jahr der furchtbaren Hungersnot! Gleichzeitig rutschte der Außenhandel von 2,9 Milliarden Rubel auf 30 Millionen herab. Der Verfall der Produktivkräfte stellte alles in den Schatten, was die Geschichte diesbezüglich früher aufzuweisen hatte. Das Land und mit ihm die Macht standen am Rande des Abgrunds. 

Die utopischen Hoffnungen der Epoche des Kriegskommunismus wurden in der Folgezeit einer scharfen und in vielem begründeten Kritik unterzogen. Der theoretische Fehler der herrschenden Partei wäre jedoch ganz unerklärlich, wenn man nicht berücksichtigte, dass alle damaligen Berechnungen auf der Erwartung eines baldigen Sieges der Revolution im Westen aufgebaut waren. Man hielt es für selbstverständlich, dass das siegreiche deutsche Proletariat, gegen künftige Lieferungen von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, Sowjetrussland nicht nur mit Maschinen und Fertigwaren, sondern auch mit Zehntausenden hochqualifizierten Arbeitern, Technikern und Organisatoren versorgen würde. Und zweifellos hätte im Falle einer proletarischen Revolution in Deutschland – ihren Sieg verhinderte einzig und allein die Sozialdemokratie – die Wirtschaftsentwicklung der Sowjetunion wie auch Deutschlands solche Riesenschritte gemacht, dass das Schicksal Europas und der Welt heute viel günstiger aussähe. Man kann dennoch mit aller Bestimmtheit sagen, dass man auch in diesem glücklichen Fall auf die unmittelbare staatliche Verteilung der Produkte hätte verzichten und auf die Methoden des Handelsverkehrs zurückgreifen müssen. 

 

Die Notwendigkeit der Wiederherstellung des Marktes begründete Lenin mit den Millionen isolierter Bauernwirtschaften im Land, die es nicht gewohnt waren, ihre Beziehungen zur Außenwelt anders als durch den Handel zu regeln. Der Handelsverkehr sollte die sogenannte Smytschka der Bauernschaft mit der nationalisierten Industrie bewirken. Die theoretische Formel der »Smytschka« ist sehr einfach: Die Industrie muss dem Dorf die notwendigen Waren zu solchen Preisen überlassen, dass der Staat auf die zwangsweise Beschlagnahme der bäuerlichen Arbeitsprodukte verzichten kann. 

Die Gesundung der Wirtschaftsbeziehungen zum Dorf war zweifellos die dringendste und heikelste Aufgabe der NÖP. Binnen kurzem zeigte die Erfahrung aber, dass auch die Industrie trotz ihrer Vergesellschaftung der vom Kapitalismus ausgearbeiteten Methoden der Geldrechnung bedurfte. Ein Plan kann nicht auf spekulativen Größen allein fußen. Das Spiel von Angebot und Nachfrage bleibt für ihn noch auf lange Zeit hinaus unerlässliche materielle Grundlage und heilsame Korrektur. 

Der legalisierte Markt begann mit Hilfe des geordneten Geldsystems seine Wirkung auszuüben. Bereits 1923 begann die Industrie sich dank eines ersten Antriebs vom Lande zu beleben und schlug unversehens ein hohes Tempo an. Es genügt zu sagen, dass die Produktion sich von 1922 auf 1923 verdoppelte und 1926 bereits das Vorkriegsniveau erreichte, d. h. im Vergleich zu 1921 sich verfünffachte. Gleichzeitig, wenn auch in viel bescheidenerem Tempo, nahmen die Ernten zu.

Von dem Jahr der Wende 1923 an nehmen die in der herrschenden Partei auch früher schon zu beobachtenden Meinungsverschiedenheiten über die Frage der Beziehungen zwischen Industrie und Landwirtschaft zu. In einem Lande, das seine Vorräte und Reserven restlos erschöpft hatte, konnte sich die Industrie nicht anders entwickeln als durch Entlehnung von Korn und Rohstoffen bei den Bauern. Allzu viele »Zwangsanleihen« in Naturalien bedeuteten aber die Tötung des Anreizes zur Arbeit: Die Bauern, die an die künftige Glückseligkeit nicht glaubten, beantworteten die Kornexpeditionen der Stadt mit dem Saatstreik. Aber auch durch zu geringe Beschlagnahmungen drohte Stillstand: Da sie keine Industrieerzeugnisse bekamen, verwandelten die Bauern die Landwirtschaft in eine Wirtschaft zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und nahmen die alten Haushandwerksgewerbe wieder auf. Die Meinungsverschiedenheiten in der Partei begannen bei der Frage, wie viel dem Dorfe zugunsten der Industrie wegzunehmen sei, um möglichst bald zu einem dynamischen Gleichgewicht zwischen beiden zu kommen. Der Streit komplizierte sich sofort durch die Frage nach der sozialen Struktur des flachen Landes selbst. 

 

Auf dem Parteikongress im Frühjahr 1923 demonstrierte der Vertreter der »Linken Opposition«,[45] die übrigens damals noch nicht diesen Namen trug, das Auseinanderstreben der Industrie- und Agrarpreise in Form eines besorgniserregenden Diagramms. Damals wurde diese Darstellung zum ersten Mal »Schere« genannt – eine Bezeichnung, die danach ins Weltvokabular einging. Wenn ein weiteres Zurückbleiben der Industrie, sagte der Berichterstatter, diese Schere immer mehr aufklaffen lässt, dann ist der Bruch zwischen Stadt und Land unvermeidbar. 

Die Bauernschaft unterschied genau zwischen der von den Bolschewiki vollzogenen demokratischen Agrarrevolution und der Politik, die auf die Schaffung des Fundaments für den Sozialismus abzielte. Die Enteignung des gutsherrschaftlichen und staatlichen Bodens brachte der Bauernschaft über eine halbe Milliarde Goldrubel im Jahr ein. Doch infolge der von der Staatsindustrie verlangten Preise gaben die Bauern eine viel größere Summe aus. Solange die Bilanz der beiden Revolutionen, der demokratischen und der sozialistischen, durch den Oktoberknoten fest verbunden, für die Bauern auf ein Minus von Hunderten von Millionen hinauslief, stand hinter dem Bündnis der beiden Klassen ein Fragezeichen. 

Die Zerstückelung der Bauernwirtschaft, ein Erbe der Vergangenheit, nahm infolge der Oktoberumwälzung nur noch zu: Die Zahl der selbstständigen Höfe stieg in den ersten zehn Jahren von 16 auf 25 Millionen, was naturnotwendig eine Verstärkung des reinen Verbrauchercharakters der meisten Bauernwirtschaften mit sich brachte. Das war eine der Ursachen für die Knappheit der Agrarprodukte.

Die kleine Warenwirtschaft erzeugt unvermeidlich Ausbeuter. In dem Maße, wie das flache Land sich erholte, begann auch die soziale Differenzierung innerhalb der Bauernmasse zu wachsen: Die Entwicklung nahm ihren guten alten Gang. Die Erstarkung des Kulaken[46] überholte bei Weitem das allgemeine Erstarken der Landwirtschaft. Unter der Losung »Das Gesicht zum Dorf!« wandte die Regierung ihr Gesicht faktisch dem Kulaken zu. Die Agrarsteuer lastete auf dem armen Bauern ungleich schwerer als auf dem wohlhabenden, der obendrein den Rahm des Staatskredits abschöpfte. Der Getreideüberschuss, der sich zur Hauptsache im Besitz der oberen Schichten des Dorfes befand, diente zur Knechtung der Armen und zu spekulativem Handel mit den kleinbürgerlichen Elementen der Stadt. Bucharin, der damalige Theoretiker der herrschenden Fraktion, rief den Bauern seine berühmte Losung zu: »Bereichert euch!« In der Sprache der Theorie sollte dies ein allmähliches Hineinwachsen des Kulaken in den Sozialismus bedeuten. In der Praxis bedeutete es die Bereicherung einer Minderheit auf Kosten der überwältigenden Mehrheit. 

Gefangene ihrer eigenen Politik, sah sich die Regierung gezwungen, Schritt für Schritt vor den Forderungen des ländlichen Kleinbürgertums zurückzuweichen. 1925 wurden für die Landwirtschaft der Erwerb von Arbeitskraft und die Verpachtung des Bodens legalisiert. Die Bauernschaft polarisierte sich zwischen dem Kleinkapitalisten auf der einen und dem Knecht auf der anderen Seite. Unterdessen war der Staat, der keine Industrieprodukte mehr hatte, aus dem ländlichen Handel ausgeschaltet. Zwischen Kulak und kleinem Handwerksmeister tauchte gleichsam aus dem Erdboden der Zwischenhändler auf. Selbst Staatsbetriebe auf der Suche nach Rohstoffen waren immer häufiger genötigt, sich an private Händler zu wenden. Überall war die kapitalistische Brandung zu verspüren. Die denkenden Elemente konnten sich anschaulich davon überzeugen, dass eine Umwälzung in den Eigentumsformen die Probleme des Sozialismus noch nicht löst, sondern erst stellt. 

1925, als der Kurs auf den Kulaken zu seiner höchsten Entfaltung kam, ging Stalin dazu über, die Entnationalisierung des Bodeneigentums vorzubereiten. Auf die von ihm selbst bestellte Frage eines Sowjetjournalisten: »Wäre es nicht im Interesse der Landwirtschaft angebracht, jedem Bauern das von ihm bearbeitete Stück Erde auf zehn Jahre zu verschreiben?« antwortete Stalin: »Sogar auf vierzig.« Der georgische Volkskommissar für Landwirtschaft brachte auf Stalins direkte Initiative einen Gesetzentwurf zur Entnationalisierung des Bodens ein. Die Absicht war, dem Großbauern Vertrauen in seine eigene Zukunft einzuflößen. Unterdessen befanden sich im Frühjahr 1926 bereits an die 60 Prozent des zum Verkauf bestimmten Getreides in den Händen von 6 Prozent der Bauernwirtschaften! Dem Staat mangelte es an Korn, nicht nur für den Außenhandel, sondern auch für den inneren Bedarf. Der winzige Umfang des Exports zwang zum Verzicht auf den Import von Fertigprodukten und schmälerte die Einfuhr von Maschinen und Rohstoffen aufs Äußerste. 

 

Der Einsatz auf den Großbauern hemmte die Industrialisierung, benachteiligte die Hauptmasse der Bauern und sollte im Laufe der Jahre 1924–1926 unzweideutig auch seine politischen Folgen zeitigen: außerordentliche Hebung des Selbstbewusstseins des Kleinbürgertums von Stadt und Land; Eroberung vieler lokaler Sowjets durch dieses; Zunahme der Kraft und der Selbstsicherheit bei der Bürokratie; wachsender Druck auf die Arbeiter; völlige Tötung der Partei- und Sowjetdemokratie. Über das Wachsen des Kulakentums erschraken Sinowjew und Kamenew, Repräsentanten der regierenden Gruppe, welche nicht zufällig die ehemaligen Vorsitzenden der Sowjets in den beiden wichtigsten proletarischen Zentren Leningrad und Moskau waren. Doch die Provinz und vor allem die Bürokratie hielten fest zu Stalin. Der Kurs auf den Großbauern trug den Sieg davon. Sinowjew und Kamenew schlossen sich mit ihren Anhängern 1926 der Opposition von 1923 (den »Trotzkisten«) an. 

Die Kollektivierung der Landwirtschaft ist von der herrschenden Fraktion natürlich auch damals »im Prinzip« nicht abgelehnt worden. Doch man hielt ihre Verwirklichung erst im Verlauf mehrerer Jahrzehnte für möglich. Der spätere Volkskommissar für Landwirtschaft Jakowlew schrieb 1927, die sozialistische Umwandlung des flachen Landes könne zwar nur durch die Kollektivierung erfolgen, aber »natürlich nicht in ein, zwei, drei Jahren, vielleicht in einem Jahrzehnt. Die Kolchosen und Kommunen«, fuhr er fort, »… sind gegenwärtig und zweifellos noch auf lange Zeit nur Inselchen im Meer der Bauernwirtschaften.« Tatsächlich machten die Kollektive damals nur ganze 0,8 Prozent der Höfe aus. 

Der Kampf in der Partei um die sogenannte Generallinie, der 1923 nach außen gedrungen war, nahm seit 1926 besonders gespannte und heftige Formen an. In ihrer umfangreichen Plattform, die alle Probleme der Wirtschaft und der Politik erfasste, schrieb die Opposition: »Die Partei muss allen Tendenzen, die auf die Abschaffung oder Untergrabung der Nationalisierung des Bodens, eines der Pfeiler der Diktatur des Proletariats, gerichtet sind, vernichtenden Widerstand leisten.« In dieser Frage trug die Opposition den Sieg davon: Die direkten Anschläge auf die Nationalisierung wurden fallen gelassen Aber das Problem beschränkte sich, wie gesagt, nicht auf die Formen des Grundeigentums. 

 

»Dem wachsenden Großbauerntum im Dorfe«, heißt es weiter in der Plattform, »gilt es, ein schnelleres Wachstum der Kollektive gegenüberzustellen. Systematisch, Jahr für Jahr, müssen den in den Kollektiven organisierten Armen zur Hilfe bedeutende Beträge zugewiesen werden. Von der Aufgabe, die Kleinproduktion in kollektivistische Großproduktion überzuleiten, muss die gesamte Arbeit des Genossenschaftswesen durchdrungen sein.« Doch ein breites Kollektivierungsprogramm für die nächsten Jahre wurde hartnäckig als Utopie betrachtet. Während der Vorbereitung des 15. Parteikongresses, der die Linke Opposition ausschließen sollte, sagte Molotow, der zukünftige Vorsitzende des Rates der Volkskommissare: »Man darf nicht in die Armebauernillusion von einer Kollektivierung der breiten Bauernmassen schon unter den gegenwärtigen Umständen schliddern (!).« Der Kalender zeigte Ende 1927. So weit war damals die herrschende Fraktion noch von der Politik entfernt, die sie schon am folgenden Tag auf dem Lande einschlagen sollte! 

Jene Jahre (1923–1928) verliefen auch im Kampf der regierenden Koalition (Stalin, Molotow, Rykow, Tomski, Bucharin; Sinowjew und Kamenew gingen Anfang 1926 in die Opposition) gegen die Anhänger der »Überindustrialisierung« und der Planung. Der künftige Geschichtsschreiber wird nicht ohne Staunen die bösartigen, misstrauischen Stimmungen gegen kühne wirtschaftliche Initiative feststellen, von denen die Regierung des sozialistischen Staates ganz erfüllt war. Die Beschleunigung des Industrialisierungstempos geschah empirisch auf äußere Anstöße hin; alle Berechnungen wurden über den Haufen geworfen, was die Unkosten außerordentlich erhöhte. Die seit 1923 von der Opposition erhobene Forderung nach der Ausarbeitung eines Fünfjahresplans stieß auf Spott, wie er einem Kleinbürger ziemt, der sich vor »Sprüngen ins Ungewisse« fürchtet. Noch im April 1927 versicherte Stalin im Plenum des Zentralkomitees, der Bau eines Wasserkraftwerkes am Dnjepr[47] sei für uns dasselbe wie für einen Muschik, sich statt einer Kuh ein Grammophon zu kaufen. Dieses geflügelte Wort war ein ganzes Programm. Es ist nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass die gesamte bürgerliche Weltpresse, von der sozialdemokratischen nachgeahmt, in jenen Jahren voll Sympathie die offiziellen Anklagen gegen die »Linke Opposition« wegen ihrer Industrieromantik übernahm. 

Unter dem Lärm der Parteidiskussionen beantwortete der Bauer den Mangel an Industriewaren mit immer hartnäckigerem Streik: Er fuhr das Korn nicht auf den Markt und vergrößerte die Aussaat nicht. Die Rechten (Rykow, Tomski, Bucharin), die damals den Ton angaben, verlangten, dass den kapitalistischen Tendenzen auf dem Lande vermittels einer Erhöhung des Getreidepreises mehr Spielraum gewährt werde, und sei es auf Kosten einer Verlangsamung der industriellen Entwicklung. Der einzige Ausweg bei dieser Politik hätte darin bestanden, im Austausch gegen exportierte Agrarprodukte aus dem Ausland Fertigwaren einzuführen. Dies aber hätte bedeutet, die Smytschka nicht zwischen der Bauernwirtschaft und der sozialistischen Industrie herzustellen, sondern zwischen dem Kulaken und dem Weltkapitalismus. Dazu hätte man keine Oktoberumwälzung gebraucht. 

»Die Beschleunigung der Industrialisierung«, wandte der Vertreter der Opposition auf der Parteikonferenz von 1926 ein, »insbesondere durch eine stärkere Besteuerung des Kulaken, wird eine große Warenmenge liefern, welche die Marktpreise herabdrücken wird; das wird aber sowohl den Arbeitern wie der Bauernmehrheit zugute kommen … Das Gesicht zum Dorf bedeutet nicht, der Industrie den Rücken kehren, sondern durch die Industrie zum Dorf zu kommen, denn mit dem ›Gesicht‹ eines Staates ohne Industrie kann das Dorf an sich gar nichts anfangen.«

Als Antwort darauf verdonnerte Stalin die »fantastischen Pläne« der Opposition: Die Industrie dürfe »nicht zu weit vorauseilen, die Landwirtschaft im Stich lassen und das Akkumulationstempo in unserem Lande außer acht lassen«. Die Parteibeschlüsse wiederholten weiter dieselben Anweisungen, sich passiv den großbäuerlichen Spitzen der Bauernschaft anzupassen. Der 15. Kongress, der im Dezember 1927 tagte und endgültig die »Überindustrialisatoren« vernichten sollte, warnte vor der »Gefahr eines allzu großen Einsatzes von Staatskapitalien in das große Aufbauwerk«. Andere Gefahren wollte die herrschende Fraktion immer noch nicht sehen. 

Im Wirtschaftsjahr 1927–1928 ging die sogenannte Wiederaufbauperiode zu Ende, während der die Industrie und die Landwirtschaft hauptsächlich mit der Ausrüstung aus der Zeit vor der Revolution gearbeitet hatten. Weiteres Fortschreiten erforderte einen selbstständigen industriellen Aufbau in breitem Umfang. Mit einer sich planlos vorwärtstastenden Führung ging es auf keinen Fall weiter.

Die hypothetischen Möglichkeiten einer sozialistischen Industrialisierung waren von der Opposition bereits 1923–1925 analysiert worden. Die allgemeine Schlussfolgerung lautete, dass die Sowjetindustrie nach Erschöpfung der von der Bourgeoisie ererbten Ausrüstung aufgrund sozialistischer Akkumulation Wachstumstempi aufweisen könne, die für den Kapitalismus gänzlich unerreichbar sind. Offen verhöhnten die Häupter der herrschenden Fraktion vorsichtige Koeffizienten von 15 bis 18 Prozent als fantastische Musik einer unbekannten Zukunft. Darin bestand damals das Wesen des Kampfes gegen den »Trotzkismus«. 

Der erste offizielle Entwurf des Fünfjahresplans, der 1927 endlich fertiggestellt wurde, war ganz vom Geist der Kleinlichkeit durchdrungen. Die Steigerung der Industrieproduktion sollte sich danach von Jahr zu Jahr verlangsamen und von 9 auf 4 Prozent fallen. Der individuelle Verbrauch sollte in den fünf Jahren insgesamt um 12 Prozent steigen! Die unglaubliche Zaghaftigkeit dieses Vorhabens wird am sichtbarsten durch die Tatsache, dass das Staatsbudget am Ende des Fünfjahresplans ganze 16 Prozent des Volkseinkommens betragen sollte, während das Budget des zaristischen Russland, das doch gewiss keine sozialistische Gesellschaft aufzubauen gedachte, bis zu 18 Prozent verschlang! Es ist vielleicht nicht überflüssig hinzuzufügen, dass die Ingenieure und Ökonomen, die diesen Plan aufstellten, einige Jahre später als bewusste, auf Anweisung einer ausländischen Macht handelnde Schädlinge gerichtlich schwer bestraft wurden. Die Angeklagten hätten, wenn sie es gewagt hätten, erwidern können, dass ihr Planwerk ganz der damaligen »Generallinie« des Politbüros entsprach und nach dessen Vorschrift ausgeführt worden war. 

Der Kampf der Tendenzen war nunmehr in die Sprache der Ziffern übersetzt. »Zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution einen derartig kleinlichen, durch und durch pessimistischen Plan zu unterbreiten«, hieß es in der Plattform der Opposition, »heißt in Wirklichkeit gegen den Sozialismus zu arbeiten.« Ein Jahr später billigte das Politbüro einen neuen Entwurf des Fünfjahresplans mit einer durchschnittlichen Zuwachsrate der Industrieproduktion von 9 Prozent jährlich. Der tatsächliche Gang der Entwicklung wies jedoch die beharrliche Tendenz auf, sich den Koeffizienten der »Überindustrialisatoren« zu nähern. Noch ein Jahr später, als die Regierung ihren Kurs schon radikal geändert hatte, arbeitete die Staatsplanbehörde einen dritten Fünfjahresplan aus, dessen Dynamik, weit mehr als zu erwarten war, mit der hypothetischen Prognose der Opposition vom Jahre 1925 übereinstimmte. 

 

Die wirkliche Geschichte der Wirtschaftspolitik der UdSSR ist, wie man sieht, von der offiziellen Legende sehr verschieden. Leider legen sich fromme Forscher wie die Webbs davon nicht die geringste Rechenschaft ab. 

Scharfe Wendung: »Fünfjahresplan in vier Jahren« und »restlose Kollektivierung«

Unentschlossenheit gegenüber der individuellen Bauernwirtschaft, Misstrauen gegen große Pläne, Eintreten für Minimaltempi, Geringschätzung der internationalen Probleme, all das zusammen bildet das eigentliche Wesen der Theorie des »Sozialismus in einem Land«, die von Stalin erstmalig im Herbst 1924 aufgestellt wurde, nach der Niederlage des Proletariats in Deutschland. Keine Eile mit der Industrialisierung, kein Zank mit dem Muschik, kein Verlass auf die Weltrevolution und vor allem Schutz der Macht der Parteibürokratie vor Kritik! Die Differenzierung der Bauernschaft ist ja nur eine Erfindung der Opposition. Der bereits oben erwähnte Jakowlew jagt das Zentrale Statistische Amt davon, in dessen Tabellen der Kulak einen größeren Raum einnimmt, als der Macht genehm war. Während die Führer beruhigend versicherten, der Warenhunger sei überwunden, »ruhige Tempi der Wirtschaftsentwicklung« stünden bevor, die Getreideaufbringung werde in Zukunft »gleichmäßiger« vonstatten gehen und so weiter, gewann der Kulak den Mittelbauern für sich und verhängte über die Stadt eine Getreideblockade. Im Januar 1928 sah sich die Arbeiterklasse dem Gespenst einer drohenden Hungersnot gegenüber. Die Geschichte weiß böse Witze zu reißen. Just in dem Monat, wo der Kulak die Revolution bei der Gurgel packte, wurden die Vertreter der Linken Opposition gefangen gesetzt oder nach Sibirien transportiert – zur Strafe für ihre »Panik« vor dem Gespenst des Kulaken.

Die Regierung versuchte, die Sache so darzustellen, als sei der Kornstreik durch die nackte Feindseligkeit des Kulaken (woher kommt nur mit einem Mal der Kulak?) gegen den sozialistischen Staat hervorgerufen worden, d. h. durch politische Motive allgemeiner Art. Aber zu solchem »Idealismus« neigt der Kulak wenig. Wenn er sein Getreide versteckte, so deshalb, weil es unvorteilhaft war, es zu verkaufen. Aus demselben Grunde gelang es ihm, breite Kreise des Dorfes unter seinen Einfluss zu bringen. Bloße Repressalien gegen die Kulakensabotage waren daher sichtlich unzulänglich: Notwendig war eine Änderung der Politik. Doch durch Schwanken ging noch viel Zeit verloren.

 

Rykow, der damals noch Regierungsoberhaupt war, erklärte im Juli 1928: »Die Entwicklung der individuellen Bauernwirtschaften ist … die wichtigste Aufgabe der Partei«, und Stalin sprach ihm nach: »Es gibt Leute, die denken, die individuelle Wirtschaftsweise sei überlebt, und es lohne sich nicht, sie zu unterstützen … Diese Leute haben mit der Linie unserer Partei nichts gemein.« Weniger als ein Jahr später hatte die Parteilinie nichts mehr gemein mit diesen Worten: Am Horizont dämmerte das Morgenrot der restlosen Kollektivierung. 

Der neue Kurs formte sich ebenso empirisch wie der vorhergehende, in verstecktem Kampf innerhalb des Regierungsblocks. »Was die Gruppen der Rechten und des Zentrums eint, ist ihre gemeinsame Feindschaft gegen die Opposition«, hatte die Plattform der Linken ein Jahr früher gesagt, »das Absägen der Opposition aber würde unvermeidlich den Kampf zwischen ihnen selbst beschleunigen.« So kam es auch. Die Führer des zerfallenden regierenden Blocks wollten jedoch um keinen Preis zugeben, dass sich diese Prognose des linken Flügels, wie viele andere auch, bewahrheitete. Stalin erklärte noch am 19. Oktober 1928 öffentlich: »Es ist höchste Zeit, dem Klatsch ein Ende zu bereiten …, wonach es im Politbüro unseres ZK eine rechte Abweichung oder ein versöhnlerisches Verhalten ihr gegenüber gebe.« Beide Gruppen fühlten zu jener Zeit dem Apparat den Puls. Die erstickte Partei lebte von dunklen Gerüchten und vom Rätselraten. Nach einigen Monaten aber verkündete die offizielle Presse bereits mit der ihr eigenen Unverschämtheit, Rykow, das Regierungsoberhaupt, habe »auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjetmacht spekuliert«, Bucharin, der Leiter der Komintern, habe sich als »Schrittmacher liberal-bürgerlicher Einflüsse« erwiesen und Tomski, der Vorsitzende des Generalrats der Gewerkschaften, sei nichts weiter als ein elender Tradeunionist. Alle drei, Rykow, Bucharin und Tomski, waren Mitglieder des Politbüros. Hatte der ganze vorherige Kampf gegen die Linke Opposition seine Waffen dem Arsenal der rechten Gruppe entnommen, so konnte jetzt Bucharin, ohne gegen die Wahrheit zu verstoßen, Stalin beschuldigen, im Kampf gegen die Rechten teilweise auf die verurteilte Plattform der Opposition zurückzugreifen. 

So oder so, die Wendung war vollzogen. Die Losung »Bereichert euch!« wurde ebenso wie die Theorie des schmerzlosen Hineinwachsens des Kulaken in den Sozialismus zwar mit Verspätung, dafür aber umso entschiedener verurteilt. Die Industrialisierung wurde auf die Tagesordnung gesetzt. An die Stelle der selbstzufriedenen Lethargie trat panisches Ungestüm. Lenins halb vergessene Losung »einholen und überholen« wurde durch die Worte »in kürzester Frist« ergänzt. Der im Prinzip bereits vom Parteikongress angenommene minimalistische Fünfjahresplan machte einem neuen Plan Platz, dessen Grundelemente gänzlich der Plattform der verdonnerten Linken Opposition entlehnt waren. Der Dnjepr-Staudamm, gestern noch mit einem Grammophon verglichen, stand heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. 

 

Sogleich nach den ersten neuen Erfolgen wurde die Losung herausgegeben: Vollendung des Fünfjahresplans in vier Jahren. Die aufgeregten Empiriker verfügten, von nun an sei alles möglich. Der Opportunismus verkehrte sich, wie es in der Geschichte nicht selten zu sein pflegt, in sein Gegenteil, das Abenteurertum. War das Politbüro in den Jahren 1923–1928 bereit gewesen, sich mit Bucharins Philosophie vom »Schneckentempo« abzufinden, so sprang es jetzt behend von 20 auf 30 Prozent jährliches Wachstum, versuchte jeden Teil- und Augenblickserfolg in eine Norm zu verwandeln und verlor die wechselseitige Abhängigkeit der Wirtschaftszweige aus dem Auge. Die finanziellen Lücken des Planes wurden mit bedrucktem Papier gestopft. In den Jahren des ersten Fünfjahresplans stieg die im Umlauf befindliche Geldscheinmenge von 1,7 auf 5,5 Milliarden Rubel, um zu Beginn des zweiten Fünfjahresplans 8,4 Milliarden Rubel zu erreichen. Die Bürokratie entzog sich nicht nur der politischen Kontrolle durch die Massen, auf denen die forcierte Industrialisierung unerträglich schwer lastete, sondern auch der automatischen Kontrolle durch den Tscherwonez.[48] Das zu Beginn der NÖP gefestigte Geldsystem war aufs Neue gründlich zerrüttet. 

Die Hauptgefahren, und zwar nicht nur für die Planerfüllung, sondern auch für das Regime selbst, drohten vom Dorf her.

Am 15. Februar 1928 erfuhr die Bevölkerung des Landes nicht ohne Erstaunen aus einem Leitartikel der Prawda, dass die Lage auf dem Lande gar nicht so aussehe, wie es die Machthaber bisher geschildert hatten, dafür aber dem Bilde sehr nahe kam, das die vom Kongress ausgeschlossene Opposition gezeichnet hatte. Die Presse, die gestern die Existenz des Kulaken noch buchstäblich geleugnet hatte, entdeckte ihn jetzt auf ein Signal von oben nicht nur im Dorf, sondern sogar in der Partei. Es stellte sich heraus, dass kommunistische Zellen nicht selten von reichen Bauern geleitet wurden, die eine reichhaltige Ausstattung besaßen, sich gekaufter Arbeitskraft bedienten, dem Staat Hunderte und sogar Tausende Pud[49] Getreide vorenthielten und unversöhnlich gegen die »trotzkistische« Politik auftraten. Die Zeitungen wetteiferten in sensationellen Enthüllungen, wie Kulaken in ihrer Eigenschaft als Sekretäre der lokalen Komitees arme Bauern und Knechte nicht in die Partei zuließen. Alle alten Begriffe waren über den Haufen geworfen. Minus und Plus vertauschten die Plätze.

 

Um die Stadt zu ernähren, galt es, schleunigst beim Kulaken das tägliche Brot zu holen. Das konnte nur mit Gewalt geschehen. Die Enteignung der Kornvorräte, und zwar nicht nur beim Kulaken, sondern auch beim Mittelbauern, hieß in der offiziellen Sprache »außerordentliche Maßnahmen«. Das sollte bedeuten, dass morgen alles ins alte Geleise zurückkehren werde. Doch das Dorf traute den schönen Worten nicht und das zu Recht. Die Beschlagnahmung des Korns nahm den wohlhabenden Bauern die Lust zur Vergrößerung der Aussaat. Der Landarbeiter und der arme Bauer waren ohne Arbeit. Die Landwirtschaft steckte erneut in der Sackgasse und mit ihr der Staat. Koste es, was es wolle, die »Generallinie« musste geändert werden. 

Stalin und Molotow räumten zwar nach wie vor der individuellen Bauernwirtschaft die erste Stelle ein, begannen aber die Notwendigkeit einer raschen Ausdehnung der Sowchosen und Kolchosen zu betonen. Da jedoch die akute Lebensmittelknappheit einen Verzicht auf Militärexpeditionen ins Dorf nicht zuließ, hing das Programm zur Hebung der individuellen Wirtschaften in der Luft. Man musste in die Kollektivierung »schliddern«. Die zeitweiligen »außerordentlichen Maßnahmen« zur Kornbeschlagnahmung verwandelten sich unvorhergesehenerweise in ein Programm zur »Liquidierung des Kulakentums als Klasse«. Aus den einander widersprechenden Anweisungen, die es reichlicher gab als Brotrationen, ging deutlich hervor, dass die Regierung in der Bauernfrage nicht nur kein Fünfjahres-, sondern nicht einmal ein Fünfmonatsprogramm hatte. 

Dem bereits unter der Peitsche der Lebensmittelkrise ausgearbeiteten Plan zufolge sollte die Kollektivwirtschaft am Ende des Jahrfünfts rund 20 Prozent der Höfe umfassen. Dieses Programm, dessen Grandiosität deutlich wird, wenn man bedenkt, dass in den zehn vorhergehenden Jahren weniger als ein Prozent des Dorfes von der Kollektivierung erfasst worden war, erwies sich jedoch schon in der Mitte des Jahrfünfts als weit übertroffen. Im November 1929 machte Stalin mit seinem Schwanken Schluss und proklamierte das Ende der individuellen Wirtschaft: Die Bauern treten in die Kolchosen ein »zu ganzen Dörfern, Kreisen, ja sogar Bezirken«. Jakowlew, der zwei Jahre zuvor bewiesen hatte, die Kolchosen würden noch auf Jahre hinaus nur »Inselchen im Meer der Bauernwirtschaften« sein, erhielt jetzt in seiner Eigenschaft als Volkskommissar für Landwirtschaft den Auftrag, »das Kulakentum als Klasse zu liquidieren« und die restlose Kollektivierung »in kürzester Frist« zu verwirklichen. Im Laufe des Jahres 1929 stieg die Zahl der kollektivierten Höfe von 1,7 Prozent auf 3,9 Prozent, 1930 auf 23,6 Prozent, 1931 bereits auf 52,7 Prozent und 1932 auf 61,5 Prozent. 

 

In unseren Tagen bringt es wohl kaum noch jemand fertig, den liberalen Unsinn nachzuschwätzen, die Kollektivierung sei insgesamt nur eine Frucht der nackten Gewalt. Im Kampf gegen die Bodenknappheit hat die Bauernschaft in früheren Geschichtsepochen sich hier gegen die Gutsherren erhoben, dort den Kolonistenstrom in jungfräuliche Gegenden gelenkt oder sich in alle Arten von Sekten gestürzt, wo himmlische Gefilde den Muschik für seine Landenge entlohnten. Jetzt, nach der Enteignung des Großgrundbesitzes und der äußersten Parzellierung des vorhandenen Bodens, war die Zusammenfassung der Landfetzen zu größeren Einheiten zu einer Überlebensfrage für die Bauernschaft, die Landwirtschaft, ja die gesamte Gesellschaft geworden. 

Mit dieser allgemeinen historischen Überlegung war die Frage jedoch noch längst nicht gelöst. Die realen Möglichkeiten der Kollektivierung wurden weder durch die ausweglose Lage auf dem Lande noch durch die administrative Energie der Regierung bestimmt, sondern vor allen Dingen durch die vorhandenen Ressourcen der Produktion, d. h. durch die Fähigkeit der Industrie, den landwirtschaftlichen Großbetrieben die notwendigen Geräte zu liefern. Diese materiellen Voraussetzungen waren nicht vorhanden. Die Kolchosen wurden mit einer Ausrüstung gebildet, die meistens nur für Parzellenwirtschaft geeignet war. Unter diesen Umständen wurde die übertrieben schnelle Kollektivierung zum ökonomischen Abenteuer.

Vom Radikalismus der eigenen Wendung selbst überrumpelt, vermochte oder verstand es die Regierung nicht einmal, die elementarste politische Vorbereitung auf den neuen Kurs zustande zu bringen. Nicht nur die Bauernmassen, sondern auch die lokalen Behörden wussten nicht, was man eigentlich von ihnen wollte. Die Bauernschaft war bis zur Weißglut erhitzt durch Gerüchte, Vieh und Habe sollen dem Fiskus anheimfallen. Dieses Gerücht war gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt. Tatsächlich erfüllte sich genau die Karikatur, die man seinerzeit von der Linken Opposition gezeichnet hatte: Die Bürokratie »plünderte das Dorf«. Die Kollektivierung stellte sich dem Bauern vor allem als eine Wegnahme all seiner Habe dar. Man vergesellschaftete Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, ja selbst Küken, »man entkulakisierte« – wie ein Augenzeuge ins Ausland schrieb – »alles bis zu den Filzstiefeln, die man den kleinen Kindern von den Füßen zog«. Das Ergebnis war, dass die Bauern ihr Vieh in Massen zu Schleuderpreisen verkauften oder abschlachteten, um Fleisch und Häute daraus zu gewinnen. 

 

Im Januar 1930 entwarf Andrejew, Mitglied des Zentralkomitees, auf dem Moskauer Kongress folgendes Bild von der Kollektivierung: Einerseits wird die sich mächtig über das ganze Land ausbreitende Kolchosbewegung »jetzt auf ihrem Wege alle und jede Schranken niederreißen«, andererseits nimmt der räuberische Ausverkauf der eigenen Gerätschaften, des Viehs und sogar des Saatkorns durch die Bauern vor dem Eintritt in die Kolchosen »geradezu bedrohliche Ausmaße an« … So sehr diese beiden Aussagen einander widersprechen, charakterisieren sie dennoch die epidemische Kollektivierung zutreffend als eine Verzweiflungsmaßnahme. »Die restlose Kollektivierung«, schrieb der bereits zitierte kritische Beobachter, »warf die Volkswirtschaft in einen Zustand lange nicht mehr gekannter Zerrüttung zurück: Es war, als habe ein dreijähriger Krieg gewütet.« 

Fünfundzwanzig Millionen isolierter Bauernegoismen, gestern noch die einzigen Triebkräfte der Landwirtschaft – schwach zwar wie der Klepper des Muschiks, aber doch Triebkräfte – versuchte die Bürokratie mit einem Federstrich durch das Kommando von 200 000 Kolchosverwaltungen zu ersetzen, ohne technische Mittel, ohne agronomische Kenntnisse und ohne Stütze in der Landbevölkerung selbst. Die verheerenden Folgen dieses Abenteurertums blieben nicht aus und erstreckten sich über mehrere Jahre. Der Gesamtertrag des Getreideanbaus, der 1930 835 Millionen Zentner ausmachte, sank in den folgenden zwei Jahren auf unter 700 Millionen. Dieser Unterschied sieht an sich nicht katastrophal aus, bedeutete aber den Ausfall eben der Getreidemenge, welche die Städte brauchten, solange sie sich noch nicht an die Hungernorm gewöhnt hatten. Noch schlimmer war es um die übrigen Kulturen bestellt. Vor der Kollektivierung hatte die Zuckerproduktion fast 109 Millionen Pud erreicht, um dann nach zwei Jahren im Trubel der restlosen Kollektivierung wegen Mangels an Rüben auf 48 Millionen Pud zu fallen, d. h. auf weniger als die Hälfte. Doch am furchtbarsten tobte der Orkan im ländlichen Tierreich. Die Zahl der Pferde sank um 55 Prozent: von 34,6 Millionen im Jahre 1929 auf 15,6 Millionen im Jahre 1934; das Hornvieh ging von 30,7 Millionen auf 19,5, d. h. um 40 Prozent zurück; die Zahl der Schweine verminderte sich um 55 Prozent, die der Schafe um 66 Prozent. Wie viel Menschen durch Hunger, Kälte, Seuchen und Repressalien umkamen, ist leider nicht mit derselben Genauigkeit festgestellt worden wie der Viehverlust, aber auch sie zählen nach Millionen. Die Schuld für diese Opfer trifft nicht die Kollektivierung, sondern die blinden Abenteurer- und Gewaltmethoden ihrer Durchführung. Die Bürokratie hatte nichts vorausgesehen. Selbst das Kolchosenstatut, welches das persönliche Interesse des Bauern mit dem kollektiven zu verknüpfen suchte, wurde erst veröffentlicht, als das unglückliche Dorf von der grausamen Verwüstung bereits heimgesucht war. 

 

Der forcierte Charakter des neuen Kurses war aus der Notwendigkeit entstanden, sich vor den Folgen der Politik von 1923–1928 zu retten. Dennoch hätte die Kollektivierung in vernünftigerem Tempo und planmäßigeren Formen geschehen können und sollen. Als Herrin der Macht und der Industrie hätte die Bürokratie den Kollektivierungsprozess so regulieren können, dass das Land nicht an den Rand der Katastrophe gebracht worden wäre. Man konnte und musste ein Tempo wählen, das den materiellen und moralischen Ressourcen des Landes besser entsprochen hätte. »Bei günstigen inneren und internationalen Bedingungen«, schrieb 1930 das Auslandsorgan der Linken Opposition, »können die materiell-technischen Voraussetzungen der Landwirtschaft im Laufe von etwa 10 bis 15 Jahren von Grund auf umgestaltet werden und damit die Produktionsgrundlage für die Kollektivierung sichergestellt werden. Man kann aber in den Jahren, die uns von diesem Zustand trennen, auch ohne weiteres die Sowjetmacht mehrfach zu Fall bringen.« 

Diese Warnung war nicht übertrieben: Noch nie war das Territorium der Oktoberrevolution so unmittelbar vom Untergang bedroht worden wie in den Jahren der totalen Kollektivierung. Unzufriedenheit, Ungewissheit und Erbitterung zerfraßen das Land. Die Zerrüttung des Geldsystems, die Überlagerung von festen, »konventionellen« und Freihandelspreisen, der Übergang vom scheinbaren Handel zwischen Staat und Bauernschaft zu Steuern auf Getreide, Fleisch und Milch, der Kampf auf Leben und Tod gegen den massenhaften Diebstahl am Kolchoseigentum und gegen die massenhafte Verheimlichung dieses Raubs, die rein militärische Mobilisierung der Partei zum Kampf gegen die Kulakensabotage nach der »Liquidierung« des Kulakentums als Klasse, und zugleich damit die Rückkehr zum Lebensmittelkartensystem und zur Hungerration, schließlich die Wiedereinführung der Inlandspässe – all diese Maßnahmen erzeugten, so schien es, im Lande wieder die Atmosphäre des längst beendigten Bürgerkriegs. 

 

Die Versorgung der Fabriken mit Rohstoffen und Verpflegung wurde von Vierteljahr zu Vierteljahr schlechter. Die unerträglichen Existenzbedingungen verursachten Fluktuation der Arbeitskraft, Bummelei, nachlässige Arbeit, Maschinendefekte, einen hohen Prozentsatz von Ausschuss und eine niedrige Qualität der Erzeugnisse. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität sank 1931 um 11,7 Prozent. Molotow entwischte das Geständnis, welches dann in der gesamten Sowjetpresse gedruckt wurde, dass die Industrieproduktion 1932 nicht um 36 Prozent gestiegen war, wie es der Jahresplan vorschrieb, sondern nur um 8,5 Prozent. Die Welt bekam allerdings bald darauf zu hören, der Fünfjahresplan sei in vier Jahren und drei Monaten erfüllt worden. Doch das hat lediglich zu bedeuten, dass der Zynismus der Bürokratie beim Umgang mit der Statistik und der öffentlichen Meinung keine Grenzen kennt. Aber nicht das ist die Hauptsache: Auf dem Spiel stand nicht das Schicksal des Fünfjahresplans, sondern das Schicksal des Regimes. 

Das Regime hielt stand. Das ist sein eigenes Verdienst, denn es hat im Volk tiefe Wurzeln geschlagen. In nicht geringerem Maße ist es aber auch das Ergebnis günstiger äußerer Umstände. In den Jahren des Wirtschaftschaos und des Bürgerkriegs auf dem Lande war die Sowjetunion den äußeren Feinden gegenüber praktisch gelähmt. Die Unzufriedenheit der Bauernschaft hatte auf die Armee übergegriffen. Unsicherheit und Schwanken demoralisierten den bürokratischen Apparat und die Kommandokader. Ein Schlag von Osten oder Westen her hätte zu jener Zeit schicksalsschwere Folgen haben können. 

Zum Glück hatten die ersten Jahre der Handels- und Industriekrise in der ganzen kapitalistischen Welt eine Stimmung ratlosen Abwartens erzeugt. Niemand war zum Krieg bereit, niemand wollte ihn wagen. Außerdem war man sich in keinem der feindlichen Staaten hinreichend über das wirkliche Ausmaß der sozialen Konvulsionen im Klaren, die das Land der Sowjets unter dem Lärm und Getöse der offiziellen Musik zu Ehren der »Generallinie« schüttelten.

* * *

Trotz seiner Kürze zeigt dieser historische Abriss hoffentlich, wie weit die wirkliche Entwicklung des Arbeiterstaates von dem idyllischen Bild einer allmählichen und stetigen Anhäufung von Erfolgen entfernt ist. Der krisenreichen Vergangenheit werden wir später wichtige Fingerzeige für die Zukunft entnehmen. Zugleich ist der geschichtliche Überblick über die Politik der Sowjetregierung und ihre Zickzacks absolut unerlässlich zur Zerstörung jenes künstlich gezüchteten individualistischen Fetischismus, welcher die Ursache der wirklichen und vermeintlichen Erfolge in den ungewöhnlichen Eigenschaften der Führung sucht, und nicht in den von der Revolution geschaffenen Bedingungen des vergesellschafteten Eigentums.

Die objektiven Vorzüge der neuen Gesellschaftsordnung äußern sich natürlich auch in den Methoden der Führung; aber diese spiegelt in nicht geringerem Maße auch die wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit des Landes und die kleinbürgerlichen provinziellen Verhältnisse wider, in denen sich die leitenden Kader selbst formten. 

Es wäre ein sehr grober Fehler, daraus den Schluss zu ziehen, dass die Politik der Sowjetführung von drittrangiger Bedeutung sei. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine Regierung, die in solchem Maße das Schicksal ihres Landes in der Hand hielte. Erfolge und Misserfolge eines einzelnen Kapitalisten hängen – natürlich nicht vollständig, nicht einzig und allein, aber in bedeutendem, wenn nicht entscheidendem Maße – von seinen persönlichen Eigenschaften ab. Im Großen und Ganzen entspricht die Stellung der Sowjetregierung gegenüber der Gesamtwirtschaft der eines Kapitalisten gegenüber dem Einzelunternehmen. Die Zentralisierung der Volkswirtschaft lässt die Staatsgewalt zu einem Faktor von gewaltiger Bedeutung werden. Aber eben deshalb muss die Politik der Regierung nicht nach den Endresultaten beurteilt werden, nicht nach den nackten Ziffern der Statistik, sondern nach der speziellen Rolle, welche bewusste Voraussicht und planmäßige Leitung bei der Erreichung dieser Resultate spielten.

Der Zickzackkurs der Regierung widerspiegelte nicht nur die objektiven Widersprüche, sondern auch die mangelnde Fähigkeit der Herrschenden, diese Widersprüche rechtzeitig zu erkennen und vorbeugend darauf zu reagieren. Die Fehler der Führung lassen sich nur schwer in buchhalterischen Größen ausdrücken. Aber schon die schematische Darstellung der Geschichte des Zickzackkurses lässt den sicheren Schluss zu, dass er die Sowjetwirtschaft mit riesigen zusätzlichen Unkosten belastet.

Allerdings bleibt es einem, zumindest bei einem rationalistischen Herangehen an die Geschichte, unbegreiflich, wieso und warum sich gerade die an Ideen ärmste und an Fehlern reichste Fraktion gegen alle anderen Gruppierungen behauptete und eine unumschränkte Macht anhäufte. Die fernere Analyse wird uns auch zu diesem Rätsel den Schlüssel liefern. Wir werden sehen, wie die bürokratischen Methoden der selbstherrlichen Führung in immer größeren Gegensatz zu den Erfordernissen der Wirtschaft und der Kultur geraten und wie sich daraus notwendigerweise neue Krisen und neue Erschütterungen in der Entwicklung der Sowjetunion ergeben.

 

Bevor wir jedoch die doppelte Rolle der »sozialistischen« Bürokratie untersuchen, muss die Frage beantwortet werden: Was ist nun die allgemeine Bilanz des Erreichten? Ist der Sozialismus in der UdSSR tatsächlich verwirklicht? Oder vorsichtiger: Sichern die vorhandenen wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften die UdSSR vor der Gefahr einer kapitalistischen Restauration, ähnlich wie die bürgerliche Gesellschaft auf einer bestimmten Etappe durch die eigenen Fortschritte gegen die Restauration des Feudalismus und der Leibeigenschaft gesichert war? 

3. Sozialismus und Staat

Kapitel 3
 
Sozialismus und Staat

Das Übergangsregime 

Ist es wahr, dass in der UdSSR, wie die offiziellen Autoritäten behaupten, der Sozialismus bereits verwirklicht ist? Wenn nicht, gewährleisten dann wenigstens die erzielten Fortschritte, ihn unabhängig vom Gang der Ereignisse in der übrigen Welt in den nationalen Grenzen zu verwirklichen? Die oben angestellte kritische Wertung der wichtigsten Merkmale der Sowjetwirtschaft soll uns als Ausgangspunkt für eine richtige Antwort auf diese Frage dienen. Doch müssen wir vorher noch eine theoretische Überlegung anstellen. 

Der Marxismus geht von der Entwicklung der Technik als der Haupttriebfeder des Fortschritts aus und baut das kommunistische Programm auf der Dynamik der Produktivkräfte auf. Angenommen, eine kosmische Katastrophe würde über kurz oder lang unseren Planeten zerstören, so müsste man auf die kommunistische Perspektive wie auf vieles andere verzichten. Abgesehen von dieser vorderhand noch fiktiven Gefahr gibt es nicht den geringsten wissenschaftlichen Grund, unseren technischen, produktiven und kulturellen Möglichkeiten im Voraus irgendwelche Grenzen zu stecken. Der Marxismus ist zutiefst vom Optimismus des Fortschritts durchdrungen und – beiläufig gesagt – schon allein dadurch ein unversöhnlicher Gegner der Religion. 

Die materielle Voraussetzung des Kommunismus ist eine so hohe Entwicklung der ökonomischen Macht des Menschen, dass die produktive Arbeit aufhört, Last und Mühsal zu bedeuten, und der Antreiberei nicht mehr bedarf, und die Verteilung der ständig im Überfluss vorhandenen Lebensgüter – wie heutzutage in wohlhabenden Familien oder in einer »anständigen« Pension – keiner anderen Kontrolle mehr bedarf als der der Erziehung, der Gewohnheit und der öffentlichen Meinung. Es gehört schon, offen gesagt, eine gehörige Portion Stumpfsinn dazu, diese letzten Endes bescheidene Perspektive für »utopisch« zu halten. 

 

Der Kapitalismus hat die Bedingungen und Kräfte für die soziale Umwälzung vorbereitet: Technik, Wissenschaft, Proletariat. Die kommunistische Ordnung kann jedoch die bürgerliche Gesellschaft nicht unmittelbar ablösen: Dazu reicht das materielle und kulturelle Erbe der Vergangenheit noch keineswegs. In der ersten Zeit kann der Arbeiterstaat weder einem jeden gestatten, »nach seinen Fähigkeiten« zu arbeiten, d. h. soviel er kann und mag, noch einen jeden »nach seinen Bedürfnissen«, unabhängig von der geleisteten Arbeit, entlohnen. Im Interesse einer Steigerung der Produktivkräfte ist es erforderlich, zu den gewohnten Normen des Arbeitslohns zu greifen, d. h. zur Verteilung der Konsumgüter nach Menge und Beschaffenheit der individuellen Arbeit. 

Marx nannte diese Anfangsetappe der neuen Gesellschaft das »untere Stadium des Kommunismus«, zum Unterschied vom höheren, wo mit den letzten Gespenstern der Not die materielle Ungleichheit verschwinden wird. Im gleichen Sinne werden oft Sozialismus und Kommunismus als das untere und obere Stadium der neuen Gesellschaft einander gegenübergestellt. »Wir sind natürlich noch nicht im vollendeten Kommunismus«, lautet die offizielle Sowjetdoktrin von heute, »dafür ist aber bei uns bereits der Sozialismus verwirklicht, d. h. das untere Stadium des Kommunismus.« Zum Beweis werden dann die Herrschaft der Staatstrusts in der Industrie, der Kolchosen in der Landwirtschaft und der Staats- und Genossenschaftsunternehmen im Handel angeführt. Auf den ersten Blick scheint das völlig mit dem apriorischen – und darum hypothetischen – Schema von Marx übereinzustimmen. Aber gerade vom Standpunkt des Marxismus aus erschöpft sich die Frage keineswegs in den Eigentumsformen, unabhängig von der erreichten Arbeitsproduktivität. Unter dem unteren Stadium des Kommunismus verstand Marx jedenfalls eine Gesellschaft, die in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung von Anfang an höher steht als der fortgeschrittenste Kapitalismus. Von der Theorie her ist das klar, denn im Weltmaßstab gesehen bedeutet der Kommunismus sogar in seinem ersten Anfangsstadium eine höhere Entwicklungsstufe gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft. Übrigens erwartete Marx, die sozialistische Revolution würde von den Franzosen begonnen, von den Deutschen fortgesetzt und von den Engländern abgeschlossen werden; was die Russen betrifft, so blieben sie weit in der Nachhut zurück. Doch in Wirklichkeit kam es umgekehrt. Wer heute Marx’ universal-historische Konzeption mechanisch auf den Sonderfall der UdSSR in ihrer gegenwärtigen Entwicklungsstufe anzuwenden versucht, wird sich bald in unentwirrbare Widersprüche verstricken. 

 

Russland war nicht das stärkste, sondern das schwächste Glied in der Kette des Kapitalismus. Die heutige UdSSR überragt nicht das Weltwirtschaftsniveau, sondern holt erst die kapitalistischen Länder ein. Wenn Marx als unteres Stadium des Kommunismus die Gesellschaft bezeichnete, die aufgrund der Vergesellschaftung der Produktivkräfte des fortgeschrittensten Kapitalismus seiner Epoche entstehen sollte, so ist diese Bezeichnung offensichtlich nicht auf die Sowjetunion zugeschnitten, die heute noch, was Technik, Konsumgüter und Kultur anbelangt, viel ärmer ist als die kapitalistischen Länder. Richtiger wäre es darum, das heutige Sowjetregime in all seiner Widersprüchlichkeit nicht als sozialistisches, sondern als vorbereitendes oder Übergangsregime zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu bezeichnen. 

In dieser Sorge um terminologische Genauigkeit ist keine Spur Pedanterie. Kraft und Bestand eines Regimes werden letzten Endes durch die relative Produktivität der Arbeit bestimmt. Eine vergesellschaftete Wirtschaft, die technisch dem Kapitalismus überlegen ist, könnte ihrer sozialistischen Entwicklung in der Tat vollkommen, sozusagen automatisch sicher sein, was man von der Sowjetwirtschaft leider noch keinesfalls sagen kann.

 

Die meisten vulgären Apologeten der UdSSR, so wie sie ist, sind geneigt, etwa folgendermaßen zu urteilen: Selbst wenn man eingesteht, dass das heutige Sowjetregime noch nicht sozialistisch ist, muss die weitere Entwicklung der Produktivkräfte auf den heutigen Grundlagen gleichwohl früher oder später zum völligen Triumph des Sozialismus führen. Strittig ist folglich nur der Zeitfaktor. Lohnt es sich, deswegen Lärm zu schlagen? So überzeugend diese Sichtweise auf den ersten Blick erscheint, so oberflächlich ist sie in Wirklichkeit. Zeit ist durchaus kein zweitrangiger Faktor, wo es sich um einen geschichtlichen Prozess handelt: Gegenwart und Zukunft zu verwechseln, ist in der Politik weitaus gefährlicher als in der Grammatik. Die Entwicklung besteht durchaus nicht, wie Vulgärevolutionisten vom Schlage der Webb es darstellen, in planmäßigem Anhäufen und ständigem »Verbessern« des Bestehenden: Sie kennt Übergänge von Quantität in Qualität, Krisen, Sprünge und Rückstöße. Gerade weil die UdSSR noch längst nicht einmal das erste Stadium des Sozialismus, d. h. ein ausgeglichenes System von Produktion und Verbrauch erreicht hat, verläuft die Entwicklung nicht harmonisch, sondern in Widersprüchen. Die ökonomischen Widersprüche erzeugen soziale Gegensätze, die ihre eigene Logik entfalten, ohne die fernere Entwicklung der Produktivkräfte abzuwarten. Wir beobachteten das soeben an der Frage des Kulaken, der nicht evolutionär in den Sozialismus »hineinwachsen« wollte und unerwartet für die Bürokratie und ihre Ideologen eine neue, ergänzende Revolution notwendig machte. Und die Bürokratie selber, in deren Händen Macht und Reichtum liegen, ist sie gewillt, friedlich in den Sozialismus hineinzuwachsen? Es sei gestattet, daran zu zweifeln. Jedenfalls wäre es unvorsichtig, der Bürokratie aufs Wort zu glauben. In welche Richtung sich während der kommenden drei, fünf, zehn Jahre die Dynamik der ökonomischen Widersprüche und der sozialen Gegensätze in der Sowjetgesellschaft entwickeln wird, auf diese Frage gibt es noch keine endgültige und unwiderrufliche Antwort. Der Ausgang hängt vom Kampf der lebendigen sozialen Kräfte ab, und zwar nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab. Auf jeder neuen Etappe bedarf es daher einer konkreten Analyse der realen Verhältnisse und Tendenzen in ihrem Zusammenhang und beständigem Aufeinanderwirken. Die Bedeutung einer solchen Analyse werden wir sogleich an der Frage des Sowjetstaates sehen. 

Programm und Wirklichkeit

Das erste charakteristische Merkmal der proletarischen Revolution sah Lenin wie Marx und Engels darin, dass sie, indem sie die Ausbeuter enteignet, die Notwendigkeit eines sich über die Gesellschaft erhebenden bürokratischen Apparats, vor allem der Polizei und des stehenden Heeres, beseitigt. »Das Proletariat braucht den Staat – das wiederholen alle Opportunisten, Sozialchauvinisten und Kautskyaner«, schrieb Lenin 1917, ein, zwei Monate vor der Machtergreifung, »wobei sie beteuern, dies sei die Lehre von Marx, sie ›vergessen‹ aber hinzuzufügen, dass … das Proletariat nach Marx nur einen absterbenden Staat braucht, d. h. einen Staat, der so beschaffen ist, dass er sofort abzusterben beginnt und zwangsläufig absterben muss«.[50]

Diese Kritik richtete sich seinerzeit gegen die sozialistischen Reformisten vom Schlage der russischen Menschewiki, der britischen Fabier usw.; heute trifft sie mit doppelter Kraft auf die sowjetischen Götzendiener und ihren Kult des bürokratischen Staates zu, der nicht die geringste Absicht hat »abzusterben«.

Die soziale Nachfrage nach einer Bürokratie entsteht immer dann, wenn scharfe Antagonismen vorhanden sind, die es zu »lindern«, »beizulegen«, zu »schlichten« gilt (immer im Interesse der Privilegierten und Besitzenden und immer zum Vorteil der Bürokratie selbst). Alle bürgerlichen Revolutionen, wie demokratisch sie auch waren, bewirkten eine Verstärkung und Vervollkommnung des bürokratischen Apparats. »Beamtentum und stehendes Heer«, schreibt Lenin, »das sind die ›Schmarotzer‹ am Leib der bürgerlichen Gesellschaft; Schmarotzer, die aus den inneren Gegensätzen, die diese Gesellschaft zerklüften, entstanden sind, aber eben Parasiten, die die Lebensporen ›verstopfen‹.«[51]

 

Seit 1917, d. h. von dem Augenblick an, als die Machteroberung sich der Partei als praktisches Problem stellte, war Lenin ununterbrochen mit Gedanken über die Liquidierung der »Parasiten« beschäftigt. Nach dem Sturz der Ausbeuterklassen – so wiederholt und erläutert er in jedem Kapitel von »Staat und Revolution« – wird das Proletariat die alte bürokratische Maschine zerbrechen und seinen eigenen Apparat aus Arbeitern und Angestellten bilden, wobei »gegen deren Verwandlung in Bürokraten man sofort die von Marx und Engels eingehend untersuchten Maßnahmen treffen wird: 1. nicht nur Wählbarkeit, sondern auch jederzeitige Absetzbarkeit; 2. eine den Arbeiterlohn nicht übersteigende Bezahlung; 3. sofortiger Übergang dazu, dass alle die Funktionen der Kontrolle und Aufsicht verrichten, dass alle eine Zeit lang ›Bürokraten‹ werden, dass daher niemand zum Bürokraten werden kann.« Man soll nicht meinen, dass es sich bei Lenin um eine Jahrzehnte erfordernde Aufgabe gehandelt hätte, nein, dies ist der erste Schritt, mit dem man »bei der Durchführung der proletarischen Revolution beginnen kann und muss«.[52] 

Dieselbe kühne Anschauung vom Staat der proletarischen Diktatur fand anderthalb Jahre nach der Machteroberung endgültige Gestalt im Programm der bolschewistischen Partei, unter anderem in dem Kapitel über das Heer. Ein starker Staat, aber ohne Mandarine; bewaffnete Streitkräfte, aber ohne Samurais! Nicht aus den Aufgaben der Verteidigung entstehe die Militär- und Staatsbürokratie, sondern aus dem Klassengefüge der Gesellschaft, das sich auch auf die Verteidigungsorgane übertrage. Das Heer sei nur ein Abbild der sozialen Verhältnisse. Der Kampf gegen die äußeren Gefahren setze selbstverständlich auch im Arbeiterstaat eine spezialisierte militärisch-technische Organisation voraus, aber keinesfalls eine privilegierte Offizierskaste. Das Programm fordert die Ersetzung des stehenden Heeres durch das bewaffnete Volk. 

Das Regime der proletarischen Diktatur höre auf diese Weise schon bei seiner Geburt auf, ein »Staat« im alten Sinne des Wortes zu sein, d. h. ein besonderer Apparat, der die Mehrheit des Volkes zum Gehorsam zwingt. Die materielle Macht geht mit den Waffen direkt und unmittelbar in die Hände von Organisationen der Werktätigen, wie etwa der Sowjets, über. Der Staat als bürokratischer Apparat beginnt vom ersten Tag der proletarischen Diktatur an abzusterben. So lautet das Programm, das bis auf den heutigen Tag nicht aufgehoben wurde. Seltsam: Es klingt wie eine Stimme aus dem Jenseits, wie eine Stimme aus dem Mausoleum. 

 

Wie immer man auch die Natur des heutigen Sowjetstaats erklärt, eines ist unbestreitbar: Am Ende des zweiten Jahrzehnts seines Bestehens ist er weder abgestorben noch auch nur im »Absterben« begriffen, schlimmer: Er wucherte zu einem in der Geschichte noch nicht da gewesenen Zwangsapparat aus; die Bürokratie hat nicht nur keine Anstalten gemacht, zu verschwinden und den Massen ihren Platz abzutreten, sondern ist zu einer unkontrollierten, die Massen beherrschenden Kraft geworden; die Armee ist nicht nur nicht durch das bewaffnete Volk ersetzt worden, sondern es bildete sich eine privilegierte Offizierskaste heraus mit Marschällen an der Spitze, während dem Volk, dem »bewaffneten Träger der Diktatur«, heute in der UdSSR sogar das Tragen von Hieb- und Stichwaffen verboten ist. Selbst bei größtem Einsatz der Fantasie könnte man sich schwerlich einen schrofferen Gegensatz ausmalen als den, der zwischen dem marx-engels-leninschen Schema eines Arbeiterstaats und dem realen Staat besteht, an dessen Spitze heute Stalin steht. Ohne den Druck Lenins Gesammelter Werke einzustellen (allerdings zensiert und entstellt), fragen die heutigen Führer der Sowjetunion und ihre ideologischen Vertreter sich nicht einmal, worin der Grund für ein so himmelschreiendes Auseinanderklaffen von Programm und Wirklichkeit liegt. Versuchen wir, es an ihrer Statt zu tun. 

Der doppelte Charakter des Arbeiterstaats

Die proletarische Diktatur bildet die Brücke zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Gesellschaft. Ihrem Wesen nach ist sie somit zeitlich befristet. Eine Neben-, aber auch sehr wesentliche Aufgabe des Staates, der die Diktatur ausübt, besteht darin, seine eigene Aufhebung vorzubereiten. Der Grad der Verwirklichung dieser »Neben«aufgabe ist gewissermaßen ein Prüfstein für die erfolgreiche Durchführung der Hauptmission: den Aufbau der klassenlosen und von materiellen Widersprüchen freien Gesellschaft. Bürokratismus und soziale Harmonie sind einander umgekehrt proportional.

 

In seiner berühmten Polemik gegen Dühring schrieb Engels: »… Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondere Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte.«[53] 

Der Spießer hält den Gendarmen für eine ewige Einrichtung. In Wirklichkeit wird der Gendarm den Menschen nur solange im Zaum halten, wie der Mensch nicht wahrhaft die Natur im Zaum hält. Damit der Staat verschwindet, muss die »Klassenherrschaft und der … Kampf ums Einzeldasein« verschwinden. Engels fasst diese beiden Voraussetzungen in eine zusammen: In der Perspektive des Wechsels der Gesellschaftsordnungen kommt es auf ein paar Jahrzehnte nicht an. Anders stellt sich die Sache den Generationen dar, die den Umsturz am eigenen Leibe erfahren. Es ist wahr, der Kampf aller gegen alle entsteht nur aus der kapitalistischen Anarchie. Aber die Sache ist eben die, dass die Vergesellschaftung der Produktionsmittel noch nicht automatisch den »Kampf ums Einzeldasein« beseitigt. Das ist des Pudels Kern!

Sogar in Amerika, auf dem Fundament des fortgeschrittensten Kapitalismus, würde der sozialistische Staat nicht mit einem Schlag jedem soviel gewähren können, wie er braucht, und sich daher gezwungen sehen, einen jeden zu größtmöglicher Produktion zu veranlassen. Das Amt des Antreibers ist unter diesen Umständen natürlich Sache des Staats, der seinerseits nicht umhin kann, mit diesen oder jenen Änderungen und Milderungen zu den vom Kapitalismus ausgebildeten Methoden des Arbeitsentgelts zu greifen. In eben diesem Sinne schrieb Marx 1875: »… Aber diese Missstände sind unvermeidbar in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist. Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft[54] 

Zur Erläuterung dieser bemerkenswerten Zeilen setzt Lenin hinzu: »Das bürgerliche Recht setzt natürlich in Bezug auf die Verteilung der Konsumtionsmittel unvermeidlich auch den bürgerlichen Staat voraus, denn das Recht ist nichts ohne einen Apparat, der imstande wäre, die Einhaltung der Rechtsnormen zu erzwingen. So ergibt sich, dass im Kommunismus nicht nur das bürgerliche Recht eine gewisse Zeit fortbesteht, sondern auch der bürgerliche Staat – ohne Bourgeoisie.«[55] 

 

Diese hochbedeutsame Schlussfolgerung, die von den heutigen offiziellen Theoretikern völlig ignoriert wird, ist von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Charakters des Sowjetstaates, genauer: für ein erstes Annähern an dieses Verständnis. Sofern der Staat, der sich die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft zur Aufgabe macht, gezwungen ist, mit Zwangsmethoden Ungleichheit, d. h. materielle Vorteile einer Minderheit, zu beschützen, bleibt er immer noch in gewissem Grade ein »bürgerlicher« Staat, wenn auch ohne Bourgeoisie. Diese Worte enthalten weder Lob noch Tadel, sie nennen das Ding einfach beim Namen. 

Die bürgerlichen Verteilungsnormen sollen, indem sie das Wachstum der materiellen Machtfülle beschleunigen, sozialistischen Zielen dienen. Doch nur in letzter Hinsicht. Unmittelbar nämlich bekommt der Staat von Anfang an einen doppelten Charakter: einen sozialistischen, soweit er das vergesellschaftete Eigentum an den Produktionsmitteln schützt, und einen bürgerlichen, soweit die Verteilung der Konsumgüter mit Hilfe des Geldes, des kapitalistischen Wertmessers erfolgt, mit allen sich daraus ergebenden Folgen. Diese widersprüchliche Charakteristik mag Dogmatiker und Scholastiker in Schrecken versetzen. Uns bleibt da nur übrig, ihnen unser Beileid auszusprechen. 

Das endgültige Gesicht des Arbeiterstaates wird durch das sich wandelnde Verhältnis zwischen seinen bürgerlichen und seinen sozialistischen Tendenzen bestimmt werden. Der Sieg der letzteren muss die endgültige Liquidierung des Gendarmen bedeuten, d. h. das Aufgehen des Staates in einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft. Allein dies zeigt schon zur Genüge, welch unermessliche Bedeutung sowohl an sich wie als Symptom dem Problem der Sowjetbürokratie beizumessen ist!

Gerade dadurch, dass Lenin, seinem ganzen intellektuellen Wesen gemäß, der marxschen Konzeption eine überaus scharfe Prägung verleiht, deckt er die Quelle kommender Schwierigkeiten auf, darunter auch seiner eigenen, wenn er auch nicht die Zeit fand, seine Analyse zu Ende zu führen. »Der bürgerliche Staat ohne Bourgeoisie« erwies sich als unvereinbar mit echter Sowjetdemokratie. Die doppelte Funktion des Staates musste sich notwendig auch in seiner Struktur verraten. Die Erfahrung lehrte, was die Theorie nicht mit genügender Klarheit vorhergesehen hatte: Was die Verteidigung des vergesellschafteten Eigentums gegen die bürgerliche Konterrevolution anbelangt, so entspricht der »Staat der bewaffneten Arbeiter« vollauf seinem Zweck, aber mit der Regulierung der Ungleichheit in der Sphäre des Verbrauchs verhält es sich ganz anders. Vorrechte zu schaffen und sie zu verteidigen, sind nicht diejenigen bereit, denen sie abgehen. Die Mehrheit kann nicht für die Privilegien der Minderheit sorgen. Zur Verteidigung des »bürgerlichen Rechts« ist der Arbeiterstaat gezwungen, ein seinem Typus nach »bürgerliches« Organ ins Leben zu rufen, d. h. wieder denselben Gendarm, wenn auch in neuer Uniform. 

 

Wir haben auf diese Weise den ersten Schritt getan zum Verständnis des Grundwiderspruchs zwischen dem bolschewistischen Programm und der Sowjetwirklichkeit. Wenn der Staat nicht abstirbt, sondern immer despotischer wird, wenn die Bevollmächtigten der Arbeiterklasse sich bürokratisieren und die Bürokratie sich über die erneuerte Gesellschaft aufschwingt, so geschieht das nicht aus irgendwelchen zweitrangigen Ursachen heraus, wie psychologischen Überbleibseln der Vergangenheit usw., sondern kraft der eisernen Notwendigkeit, eine privilegierte Minderheit auszusondern und auszuhalten, solange wahre Gleichheit noch nicht möglich ist. 

Die Tendenzen zur Bürokratisierung, welche die Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder ersticken, werden sich auch nach der proletarischen Umwälzung bemerkbar machen. Doch es ist ganz klar, dass dieses »Gesetz« umso ausgeprägter und direkter in Erscheinung treten muss, je ärmer die aus der Revolution geborene Gesellschaft ist. Entsprechend gröbere Formen wird der Bürokratismus dann annehmen, und umso mehr kann er die sozialistische Entwicklung gefährden. Was den Sowjetstaat daran hindert, abzusterben oder sich auch nur von bürokratischen Parasiten zu befreien, sind nicht, wie es in Stalins reiner Polizistendoktrin heißt, die an sich ohnmächtigen »Überreste« der früheren herrschenden Klassen, sondern weitaus mächtigere Faktoren, wie materielle Armut, kulturelle Rückständigkeit und eine daraus hervorgehende Herrschaft »bürgerlichen Rechts« auf einem Gebiet, das jeden Menschen am unmittelbarsten und lebhaftesten berührt: auf dem Gebiet der Selbsterhaltung. 

Die »verallgemeinerte Not« und der Gendarm

 

Zwei Jahre vor dem »Manifest der Kommunistischen Partei« schrieb der junge Marx: Die »Entwicklung der Produktivkräfte (ist) auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung (des Kommunismus), weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste …«[56] 

Diesen Gedanken hat Marx nirgends direkt ausgeführt, und das ist kein Zufall, er hatte ja eine proletarische Revolution in einem zurückgebliebenen Land nicht vorausgesehen. Auch Lenin verweilte nicht dabei, und das war ebenfalls kein Zufall, er hatte ja eine so lange Isolation des Sowjetstaates nicht vorausgesehen. Dennoch liefert uns das angeführte Zitat, das bei Marx selbst nur eine abstrakte Konstruktion, ein umgekehrtes Argument ist, einen unersetzlichen theoretischen Schlüssel zu den ganz konkreten Schwierigkeiten und Gebrechen des Sowjetregimes. Auf dem historischen Hintergrund tiefsten Elends, das durch die Verwüstungen des imperialistischen Kriegs und des Bürgerkriegs verschärft wurde, konnte der »Kampf ums Einzeldasein« weder am Tage nach dem Sturz der Bourgeoisie verschwinden, noch sich in den nachfolgenden Jahren auch nur mildern; im Gegenteil, er erreichte zeitweilig eine unerhörte Härte: Muss man daran erinnern, dass gewisse Gebietsteile zweimal bis zur Menschenfresserei herabsanken? 

Die Distanz, die das zaristische Russland vom Westen trennte, ist erst jetzt wirklich zu ermessen. Unter den allergünstigsten Bedingungen, d. h. bei Ausbleiben innerer Erschütterungen und äußerer Katastrophen, bedürfte es noch mehrerer Fünfjahrespläne, bis die UdSSR so weit wäre, sich vollständig die Wirtschafts- und Erziehungsleistungen anzueignen, auf die die Erstlinge der kapitalistischen Zivilisation ein ganzes Zeitalter verwandten. Die Anwendung sozialistischer Methoden zur Lösung vorsozialistischer Aufgaben, das ist das eigentliche Wesen der heutigen Wirtschaft und Kultur in der UdSSR. 

Zwar überragt die Sowjetunion heute mit ihren Produktivkräften die höchstentwickelten Länder zur Zeit von Marx. Aber erstens kommt es bei dem historischen Vergleich zweier Regime weniger auf die absoluten als auf die relativen Niveaus an. Die Sowjetwirtschaft steht dem Kapitalismus von Hitler, Baldwin und Roosevelt gegenüber, nicht dem von Bismarck, Palmerston oder Abraham Lincoln; zweitens wachsen mit der Weiterentwicklung der internationalen Technik auch die menschlichen Bedürfnisse: Die Zeitgenossen von Marx kannten weder Automobil, noch Kino oder Flugzeug. Heute jedoch wäre die sozialistische Gesellschaft undenkbar ohne den freien Genuss all dieser Dinge. 

 

»Die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft«, um Marx’ Ausdruck zu verwenden, beginnt mit dem Niveau, auf dem der höchstentwickelte Kapitalismus angelangt ist. Das reale Programm der nächsten Fünfjahrespläne besteht hingegen darin, »Europa und Amerika einzuholen«. Zur Schaffung eines Netzes von Asphalt- und Automobilstraßen in den endlosen Ausdehnungen der UdSSR braucht man weit mehr Zeit und Mittel als zur Einfuhr fertiger Autofabriken aus Amerika, und sogar mehr als zur Aneignung ihrer Technik. Wie viele Jahre wird es noch erfordern, bis es jedem Bürger möglich sein wird, mit dem Auto zu fahren, wohin er möchte, und sich dabei unterwegs mühelos mit Kraftstoff zu versorgen? In der barbarischen Gesellschaft bildeten Berittene und Fußgänger zwei Klassen. Das Automobil differenziert die Gesellschaft nicht weniger als das Reitpferd. Solange ein bescheidener »Ford« das Privileg einer Minderheit bleibt, bleiben auch alle der bürgerlichen Gesellschaft eigenen Verhältnisse und Gewohnheiten bestehen. Und mit ihnen der Wächter über die Ungleichheit, der Staat. 

Lenin, der ausschließlich von der marxschen Theorie der Diktatur des Proletariats ausging, kam wie gesagt weder in seiner Hauptarbeit über diese Frage (»Staat und Revolution«), noch im Parteiprogramm dazu, aus der wirtschaftlichen Zurückgebliebenheit und Isoliertheit des Landes alle notwendigen Schlussfolgerungen hinsichtlich des Charakters des Staates zu ziehen. Das Parteiprogramm erklärt die Rückfälle in den Bürokratismus mit der Unerfahrenheit der Massen in Verwaltungsfragen sowie durch die besonderen vom Krieg erzeugten Schwierigkeiten, und empfiehlt rein politische Maßnahmen zur Überwindung der »bürokratischen Perversion« (Wählbarkeit und Absetzbarkeit aller Beauftragten zu beliebiger Zeit, Aufhebung der materiellen Privilegien, aktive Massenkontrolle usw.). Man nahm an, auf diesem Wege würde der Beamte aus einem Vorgesetzten zu einem einfachen und überdies nur zeitweiligen technischen Sachverwalter werden und der Staat allmählich und unmerkbar von der Szene abtreten. 

Die ganz offenkundige Unterschätzung der bevorstehenden Schwierigkeiten erklärt sich dadurch, dass das Programm vollständig und vorbehaltlos auf einer internationalen Perspektive aufgebaut war. »Die Oktoberrevolution hat in Russland die Diktatur des Proletariats verwirklicht … Die Ära der proletarischen kommunistischen Weltrevolution hat begonnen.« Das sind die Eingangszeilen des Programms. Seine Verfasser setzten sich nicht nur nicht die Errichtung des »Sozialismus in einem Land« zum Ziel – diese Idee kam damals überhaupt niemandem in den Sinn, am allerwenigsten Stalin –, sondern zerbrachen sich gar nicht den Kopf über die Frage, welches der Charakter des Sowjetstaates sein würde, falls er zwei Jahrzehnte lang isoliert die ökonomischen und kulturellen Aufgaben zu lösen hätte, die der fortgeschrittene Kapitalismus bereits längst gelöst hat. 

 

Die revolutionäre Nachkriegskrise führte jedoch nicht zum Sieg des Sozialismus in Europa: Die Sozialdemokratie rettete die Bourgeoisie. Die Periode, die Lenin und seinen Kampfgenossen als kurze »Atempause« erschien, dehnte sich zu einer ganzen historischen Epoche aus. Die widersprüchliche soziale Struktur der UdSSR und der ultrabürokratische Charakter ihres Staates sind direkte Folgen dieser eigenartigen, »unvorhergesehenen« historischen Stockung, die in den kapitalistischen Ländern gleichzeitig zum Faschismus oder zu einer vorfaschistischen Reaktion führte. 

Scheiterte der anfängliche Versuch, einen vom Bürokratismus gereinigten Staat zu schaffen, vor allem an der Unerfahrenheit der Massen in der Selbstverwaltung und am Mangel an qualifizierten Parteiarbeitern, die dem Sozialismus ergeben waren, so tauchten schon sehr bald hinter diesen unmittelbaren Schwierigkeiten andere, tiefere auf. Die Reduzierung des Staates auf die Funktionen eines »Revisors und Kontrolleurs« bei ständiger Verringerung seiner Zwangsfunktion, wie sie das Programm fordert, setzt ein Mindestmaß an allgemeinem materiellen Wohlstand voraus. Gerade diese notwendige Voraussetzung fehlte. Die Hilfe aus dem Westen kam nicht. Die Macht der demokratischen Sowjets erwies sich als lästig, ja unerträglich, als es galt, die für Verteidigung, Industrie, Technik und Wissenschaft lebensnotwendigen privilegierten Gruppen zu versorgen. Aufgrund dieser durchaus nicht »sozialistischen« Operation: »zehnen wegnehmen, um einem zu geben«, kam es zur Absonderung und Vermehrung einer mächtigen Kaste von Spezialisten der Futterkrippe. 

Weshalb jedoch führten die ungeheuren Wirtschaftserfolge der letzten Zeit nicht zur Linderung, sondern vielmehr zur Verschärfung der Ungleichheit und damit zum weiteren Anwachsen des Bürokratismus, der heute aus einer »Perversion« zum Verwaltungssystem geworden ist? Bevor wir diese Frage zu beantworten versuchen, müssen wir hören, was die maßgeblichen Führer der Sowjetbürokratie von ihrem eigenen Regime halten. 

»Vollständiger Sieg des Sozialismus« und »Festigung der Diktatur« 

 

Der »vollständige Sieg« des Sozialismus in der UdSSR ist in den letzten Jahren mehrfach angekündigt worden, in besonders kategorischer Form im Zusammenhang mit der »Liquidierung des Kulakentums als Klasse«. Am 30. Januar 1931 schrieb die Prawda im Kommentar zu einer Rede Stalins: »Im zweiten Fünfjahresplan werden die letzten Überreste der kapitalistischen Elemente in unserer Wirtschaft liquidiert werden« (unterstrichen von uns, L. T.). Von dieser Perspektive her gesehen, müsste in derselben Zeit auch der Staat endgültig absterben, denn wo die »letzten Überreste« des Kapitalismus liquidiert sind, hat ein Staat nichts mehr zu suchen. »Die Sowjetmacht«, so heißt es darüber im Programm der bolschewistischen Partei, »erkennt offen die Unvermeidlichkeit des Klassencharakters jedes Staates an, solange nicht die Teilung der Gesellschaft in Klassen und mit ihr jegliche staatliche Macht gänzlich verschwunden sind.« Als indes einige unvorsichtige Moskauer Theoretiker aus der auf Treu und Glauben hingenommenen Liquidierung der »letzten Überreste« des Kapitalismus auf das Absterben des Staates zu schließen versuchten, da erklärte die Bürokratie diese Theorie sofort für »konterrevolutionär«. 

Wo liegt nun der theoretische Fehler der Bürokratie: in der Voraussetzung oder in der Schlussfolgerung? In beiden. Anlässlich der ersten Verkündigung des »vollständigen Siegs« sagte die Opposition: Man darf sich nicht auf die gesellschaftlich-juridischen, dabei unreifen, widersprüchlichen, in der Landwirtschaft noch überaus unbeständigen Verhältnisse beschränken und dabei vom Hauptkriterium, vom Stand der Produktivkräfte absehen. Je nach dem Entwicklungsstand der Technik ändert sich auch der gesellschaftliche Inhalt der Rechtsformen: »Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft« (Marx). Die sowjetischen Eigentumsformen auf der Grundlage der modernsten und auf alle Wirtschaftszweige übertragenen Errungenschaften der amerikanischen Technik, das wäre das erste Stadium des Sozialismus. Die Sowjetformen bei niedriger Arbeitsproduktivität, das ist lediglich ein Übergangsregime, dessen Schicksal die Geschichte noch nicht endgültig entschieden hat. 

 

»Ist es nicht ungeheuerlich«, schrieben wir im März 1932, »das Land kommt aus dem Warenhunger nicht heraus, die Versorgung stockt auf Schritt und Tritt, den Kindern fehlt es an Milch, und die offiziellen Orakel verkünden: ›Das Land ist in die Periode des Sozialismus eingetreten.‹ Kann man denn den Sozialismus bösartiger kompromittieren?« Karl Radek, heute ein angesehener Publizist[57] der regierenden Sowjetkreise, parierte diese Einwände in einer der UdSSR gewidmeten Sonderausgabe des liberalen Berliner Tageblatts (Mai 1932) mit folgenden verewigungswürdigen Worten: »Die Milch ist ein Produkt der Kuh und nicht des Sozialismus, und man muss schon den Sozialismus mit dem Muster eines Landes verwechseln, wo die Milch in Strömen fließt, um nicht zu verstehen, dass ein Land zeitweilig eine höhere Entwicklungsstufe erklimmen kann, auch ohne dass sich dabei die materielle Lage der Volksmassen nennenswert hebt.« Diese Zeilen wurden geschrieben, als im Land eine furchtbare Hungersnot herrschte. 

Sozialismus ist der Aufbau einer geplanten Produktion zur bestmöglichen Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, sonst verdient er diesen Namen nicht. Wenn die Kühe vergesellschaftet sind, ihrer aber zu wenig oder ihre Euter zu schlaff sind, dann entstehen wegen der fehlenden Milch Konflikte zwischen Stadt und Land, zwischen Kolchosen und Einzelbauern, zwischen den verschiedenen Schichten des Proletariats, zwischen allen Werktätigen und der Bürokratie. Ja, gerade die Vergesellschaftung der Kühe führte die Bauern dazu, sie massenweise abzuschlachten. Die aus der Not entstandenen sozialen Konflikte können ihrerseits zur Wiederauferstehung »der ganzen alten Scheiße« führen. Das war der Sinn unserer Antwort. 

Der 7. Kominternkongress versicherte in der Resolution vom 20. August 1935 feierlich, infolge der Fortschritte der verstaatlichten Industrie, der Verwirklichung der Kollektivierung, der Verdrängung der kapitalistischen Elemente und der Liquidierung des Kulakentums als Klasse seien »der endgültige und unwiderrufliche Sieg des Sozialismus in der UdSSR und eine allseitige Festigung des Staates der Diktatur des Proletariats erreicht« worden. Bei all seiner Entschiedenheit ist das Urteil der Komintern durch und durch widersprüchlich: Wenn der Sozialismus »endgültig und unwiderruflich« gesiegt hat, nicht als Prinzip, sondern als lebendige Gesellschaftsordnung, so ist die neue »Festigung« der Diktatur offensichtlich eine Sinnlosigkeit. Und umgekehrt: Wenn die Festigung der Diktatur realen Erfordernissen des Regimes entspricht, so heißt das, dass es mit dem Sieg des Sozialismus noch seine Weile hat. Nicht nur der Marxist, jeder realistisch denkende Politiker muss begreifen, dass die bloße Notwendigkeit einer »Festigung« der Diktatur, d. h. des staatlichen Zwangs, kein Zeugnis für den Triumph der klassenlosen Harmonie ist, sondern für das Heranwachsen neuer sozialer Gegensätze. Was liegt ihnen zu Grunde? Der Mangel an Konsumgütern, der ein Resultat der niedrigen Arbeitsproduktivität ist. 

 

Lenin charakterisierte den Sozialismus einmal mit den Worten: »Sowjetmacht plus Elektrifizierung«. Diese prägnante Definition, deren Einseitigkeit den propagandistischen Zwecken des Augenblicks entsprang, setzte jedenfalls als Ausgangsminimum das kapitalistische Elektrifizierungsniveau voraus. Aber auch heute noch entfällt auf eine Person in der UdSSR dreimal weniger elektrische Energie als in den fortgeschrittenen Ländern. Berücksichtigt man, dass die Sowjets inzwischen einem von den Massen unabhängigen Apparat Platz machten, so bliebe der Komintern nichts anderes übrig als zu verkünden: Sozialismus ist bürokratische Macht plus ein Drittel der kapitalistischen Elektrifizierung. Diese Definition wäre ein fotografisch genaues Abbild dessen, was ist, für Sozialismus ist es freilich etwas zu wenig! 

In einer Ansprache an die Stachanowisten vom November 1935 erklärte Stalin, dem handlungsbezogenen Zweck der Versammlung gehorchend, unvermittelt: »Warum kann, muss und wird zwangsläufig der Sozialismus das kapitalistische Wirtschaftssystem besiegen? Weil er … eine höhere Arbeitsproduktivität liefern kann.« Die drei Monate zuvor angenommenen Thesen der Komintern zu dieser Frage sowie seine eigenen mehrfachen Erklärungen beiläufig über den Haufen werfend, spricht Stalin vom »Sieg« diesmal im Futur: Der Sozialismus wird das kapitalistische System besiegen, wenn er dessen Arbeitsproduktivität übertrifft. Nicht nur das Tempus, auch die sozialen Kriterien wechseln, wie man sieht, von Fall zu Fall. Der Sowjetbürger hat es jedenfalls nicht leicht, sich in der »Generallinie« auszukennen. 

Schließlich gab Stalin am 1. März 1936 in einem Gespräch mit Roy Howard eine neue Definition des Sowjetregimes zum besten: »Die gesellschaftliche Organisation, die wir schufen, kann man eine sowjetische, eine sozialistische, eine zwar noch nicht ganz ausgebaute, aber an der Wurzel sozialistische Organisation der Gesellschaft nennen.« Diese absichtlich verschwommene Definition enthält fast ebenso viele Widersprüche wie Worte. Die gesellschaftliche Organisation wird eine »sowjetische, eine sozialistische« Organisation genannt. Aber Sowjets sind eine Staatsform, und der Sozialismus ist ein gesellschaftliches Regime. Diese Begriffe sind nicht nur nicht identisch, sondern von unserem Gesichtspunkt aus betrachtet gegensätzlich: In dem Maße, wie die gesellschaftliche Organisation sozialistisch wird, müssen die Sowjets verschwinden wie das Gerüst nach dem vollendeten Bau des Hauses. Stalin korrigiert: Der Sozialismus ist »noch nicht vollständig aufgebaut«. Was heißt »nicht vollständig«: zu 5 Prozent oder zu 75 Prozent? Das wird uns nicht gesagt, ebenso wenig erfahren wir, was unter der »Wurzel« der sozialistischen Organisation der Gesellschaft zu verstehen ist: die Eigentumsformen oder die Technik? Die bloße Vagheit der Begriffe lässt jedenfalls schon einen Rückzug im Vergleich mit den weitaus kategorischeren Formulierungen von 1931 und 1932 erkennen. Ein weiterer Schritt auf diesem Wege wäre die Erkenntnis, dass die »Wurzel« jeder gesellschaftlichen Organisation die Produktivkräfte sind und dass die Sowjetwurzel eben noch nicht kräftig genug ist für den sozialistischen Stamm und seine Krone: das menschliche Wohlergehen. 

4. Der Kampf um die Arbeitsproduktivität

Kapitel 4
 
Der Kampf um die Arbeitsproduktivität

Geld und Plan 

 

Wir haben nun das Sowjetregime unter dem Aspekt des Staates untersucht. Eine entsprechende Untersuchung lässt sich auch im Hinblick auf den Geldumlauf anstellen. Diese beiden Probleme, Staat und Geld, haben eine Reihe gemeinsamer Züge, weil sie letzten Endes beide auf das Problem aller Probleme zurückgehen: die Arbeitsproduktivität. Der staatliche wie der Geldzwang sind ein Erbe der Klassengesellschaft, die die Beziehungen zwischen den Menschen der Gewalt kirchlicher oder weltlicher Fetische unterwirft und zu ihrem Schutz den fürchterlichsten aller Fetische eingesetzt hat, den Staat, mit einem großen Messer zwischen den Zähnen. In der kommunistischen Gesellschaft werden Staat und Geld verschwunden sein. Ihr allmähliches Absterben muss also schon unter dem Sozialismus beginnen. Von einem tatsächlichen Sieg des Sozialismus wird man erst in dem geschichtlichen Augenblick sprechen können, wenn der Staat nur noch halb ein Staat ist und das Geld seine magische Kraft einzubüßen beginnt. Im Sozialismus, der sich der kapitalistischen Fetische entledigt, werden zwischen den Menschen durchsichtigere, freiere, würdigere Beziehungen zu walten beginnen. 

Für den Anarchismus charakteristische Forderungen wie »Abschaffung« des Geldes, »Abschaffung« des Arbeitslohns oder »Aufhebung« des Staates und der Familie können nur als Musterbeispiele mechanischen Denkens Interesse beanspruchen. Das Geld kann man nicht willkürlich »abschaffen« und den Staat oder die alte Familie nicht »aufheben«. Sie müssen ihre historische Mission erfüllen, verwelken und verschwinden. Dem Geldfetischismus wird erst jene Entwicklungsstufe den Garaus machen, auf der ein unaufhörliches Wachsen des gesellschaftlichen Reichtums den Zweifüßlern ihr Geizen mit jeder Minute Mehrarbeit und die demütigende Angst um die Größe ihrer Ration abgewöhnt haben wird. Mit dem Verlust seiner Eigenschaft, Glück zu bringen oder in den Staub zu werfen, wird sich das Geld in einfache Rechenbelege verwandeln, zur Bequemlichkeit der Statistik und der Planaufstellungen. Noch später wird es wahrscheinlich auch solcher Quittungen nicht mehr bedürfen. Doch diese Sorge können wir getrost unseren Nachkommen überlassen, die klüger sein werden als wir. 

 

Die Nationalisierung der Produktionsmittel und des Kredits, die Vergenossenschaftlichung oder Verstaatlichung des Binnenhandels, das Außenhandelsmonopol, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Erbschaftsgesetzgebung stecken der persönlichen Geldakkumulation enge Grenzen und erschweren ihre Verwandlung in privates (Wucher-, Kaufmanns- und Industrie-)Kapital. Diese mit der Ausbeutung verknüpfte Funktion des Geldes ist jedoch am Anfang der proletarischen Revolution noch nicht aufgehoben, sondern geht in umgeformter Gestalt an den Staat über, den universellen Kaufmann, Gläubiger und Industriellen. Zugleich bleiben die elementareren Funktionen des Geldes als Wertmaßstab, Tausch- und Zahlungsmittel nicht nur erhalten, sondern bekommen auch ein viel breiteres Wirkungsfeld als unter dem Kapitalismus. 

Das administrative Planwesen hat zur Genüge seine Kraft unter Beweis gestellt, zugleich aber auch die Grenzen seiner Kraft. Ein vorgefasster Wirtschaftsplan ist, vor allem in einem zurückgebliebenen Land mit einer 170 Millionen umfassenden Bevölkerung und tiefen Gegensätzen zwischen Stadt und Land, kein unverrückbares Gebot, sondern ein Entwurf, eine Arbeitshypothese, die im Laufe der Durchführung der Prüfung und Umarbeitung unterliegt. Man kann sogar eine Regel aufstellen: Je »genauer« die administrative Aufgabe erfüllt wird, umso schlimmer steht es um die Wirtschaftsleitung. Zwei Hebel müssen zur Regulierung und Anpassung der Pläne dienen: ein politischer, gebildet durch die reale Beteiligung der interessierten Massen selbst an der Leitung – was ohne Sowjetdemokratie undenkbar ist – und ein finanzieller, gebildet durch eine reale Prüfung der apriorischen Berechnung mit Hilfe eines allgemeinen Äquivalents, was ohne festes Geldsystem undenkbar ist. 

Die Rolle des Geldes in der Sowjetwirtschaft ist nicht nur noch nicht ausgespielt, sondern soll sich, wie gesagt, erst restlos entfalten. Die Übergangsepoche zwischen Kapitalismus und Sozialismus als Ganzes genommen bedeutet keine Verminderung, sondern umgekehrt eine außerordentliche Ausdehnung des Warenumlaufs. Alle Industriezweige wandeln und vergrößern sich, ständig entstehen neue, und alle sind gezwungen, quantitativ und qualitativ ihr gegenseitiges Verhältnis zu bestimmen. Die gleichzeitige Auflösung der bäuerlichen Wirtschaftsform, die auf den unmittelbaren Eigenverbrauch ausgerichtet war, und des in sich abgeschlossenen Familienwesens bedeutet, all jene Arbeitsenergien in die Sprache des gesellschaftlichen Verkehrs und damit des Geldumlaufs zu übertragen, die bisher innerhalb der Grenzpfähle des Bauernhofes oder der Wände der Privatwohnung verausgabt wurden. Alle Produkte und Dienstleistungen beginnen zum ersten Mal in der Geschichte, sich gegeneinander auszutauschen. 

 

Andererseits ist ein erfolgreicher sozialistischer Aufbau undenkbar ohne Einschaltung des unmittelbaren persönlichen Interesses der Erzeuger und Verbraucher in das Plansystem, d. h. ihres Egoismus, der wiederum nur in dem Fall befruchtend wirken kann, wenn ihm das gewohnte, zuverlässige und geschmeidige Mittel zur Verfügung steht: das Geld. Eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität und Verbesserung der Produktionsqualität sind ohne ein genaues Messinstrument, das reibungslos in alle Poren der Wirtschaft eindringt, d. h. ohne feste Geldeinheit nicht zu erreichen. Daraus ergibt sich, dass in der Übergangswirtschaft wie unter dem Kapitalismus das einzig wahre Geld auf Gold basiert. Alles andere Geld ist nur ein Ersatz. Zwar befinden sich sowohl die Warenmassen als auch der Druck und die Herausgabe von Banknoten in der Hand des Sowjetstaates. An der Sache ändert das aber nichts: Administrative Manipulationen mit den Warenpreisen schaffen oder ersetzen in keiner Hinsicht eine feste Geldeinheit, weder im Binnen-, und schon gar nicht im Außenhandel. 

Da es keine eigenständige Grundlage mehr hat, d. h. nicht auf Gold basiert, ist das Geldsystem der UdSSR genau wie das mehrerer kapitalistischer Länder notgedrungen in sich abgeschlossen: Für den Weltmarkt existiert der Rubel nicht. Wenn die UdSSR die negativen Seiten eines solchen Systems viel leichter ertragen kann als Deutschland oder Italien, so nur zum Teil dank des Außenhandelsmonopols, zur Hauptsache aber dank der natürlichen Reichtümer des Landes: Nur diese machen es ihr möglich, nicht im Schraubstock der Autarkie zu ersticken. Die historische Aufgabe besteht jedoch keineswegs darin, nicht zu ersticken, sondern angesichts der Höchstleistungen des Weltmarkts eine machtvolle, ganz und gar rationelle Wirtschaft zu schaffen, worin die größtmögliche Zeitersparnis und infolgedessen die höchste Entfaltung der Kultur gewährleistet sind. 

 

Gerade die dynamische Sowjetwirtschaft, die unaufhörlich technische Revolutionen und grandiose Unterfangen durchmacht, bedarf mehr als irgendeine andere der beständigen Nachprüfung vermittels eines festen Wertmaßstabs. Theoretisch kann es nicht den geringsten Zweifel daran geben, dass die Resultate der Fünfjahrespläne, verfügte die Wirtschaft der UdSSR über einen Goldrubel, unvergleichlich vorteilhafter wären, als sie jetzt sind. Natürlich, was nicht ist, ist nicht. Aber man soll aus der Not keine Tugend machen, denn das führt seinerseits zu weiteren wirtschaftlichen Fehlern und Verlusten.

»Sozialistische« Inflation

Die Geschichte des Sowjetgeldsystems ist nicht bloß eine Geschichte der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Erfolge und Misserfolge, sondern auch eine Geschichte der Zickzacks des bürokratischen Denkens.

Die Wiedereinführung des Rubels in den Jahren 1922–1924 im Zusammenhang mit dem Übergang zur NÖP war direkt mit der Wiedereinführung der »bürgerlichen Rechtsnormen« in der Verteilung der Konsumgüter verbunden. Solange der auf den wohlhabenden Bauern ausgerichtete Kurs in Geltung gewesen war, hatte der Tscherwonez den Gegenstand der Regierungssorgen gebildet. Dagegen wurden in der Periode des ersten Fünfjahresplans alle Schleusen der Inflation geöffnet. Von 0,7 Milliarden Rubel Anfang 1925 stieg die Gesamtsumme der Geldemission bis Anfang 1928 auf die verhältnismäßig bescheidene Summe von 1,7 Milliarden, womit sie ungefähr die Höhe des Papiergeldumlaufs im zaristischen Russland kurz vor dem Krieg erreichte, selbstverständlich ohne die frühere Edelmetallbasis. Im weiteren Verlauf zeichnet die Inflation von Jahr zu Jahr folgende Fieberkurve: 2,0–2,8–4,3–5,5–8,4! Die letzte Ziffer, 8,4 Milliarden Rubel, wurde Anfang 1933 erreicht. Danach folgen Jahre des Besinnens und des Rückzugs: 6,9–7,7–7,9 Milliarden (1935).

Der Rubel, der 1924 offiziell mit 13 französischen Francs notiert wurde, war im November 1935 auf 3 Francs gesunken, d. h. auf ein Viertel, fast ebenso viel wie der französische Franc im Anschluss an den Krieg. Beide Notierungen, die alte wie die neue, sind sehr bedingt zu nehmen: Die Kaufkraft des Rubels bei den Weltpreisen erreicht heute kaum anderthalb Francs. Doch das Ausmaß der Abwertung zeigt immerhin, in welch halsbrecherischer Geschwindigkeit die Sowjetvaluta bis 1934 hinabgerutscht war. 

Auf dem Höhepunkt seines ökonomischen Abenteurertums versprach Stalin, die NÖP, d. h. die Marktverhältnisse, »zum Teufel« zu jagen. Die ganze Presse schrieb genau wie 1918 über die endgültige Ersetzung des Kaufs und Verkaufs durch die »unmittelbare sozialistische Verteilung«, als deren äußeres Zeichen die Lebensmittelkarte bezeichnet wurde. Zur gleichen Zeit wurde die Inflation als eine dem Sowjetsystem schlechthin fremde Erscheinung kategorisch geleugnet. »Die Stabilität der Sowjetwährung«, sagte Stalin im Januar 1933, »wird vor allem durch die gewaltige Menge von Waren in den Händen des Staates, die zu festen Preisen umgesetzt werden, gesichert.« Obgleich dieser rätselhafte Aphorismus nirgends ausgeführt oder erläutert wurde (zum Teil gerade deswegen), wurde er zum Grundgesetz der Sowjetgeldtheorie, genauer gesagt, der geleugneten Inflation. Der Tscherwonez war von nun an nicht mehr das allgemeine Äquivalent, sondern nur ein allgemeiner Schatten einer »gewaltigen« Warenmenge, wobei er wie jeder Schatten das Recht bekam, sich zu verkürzen oder zu verlängern. Wenn diese trostreiche Doktrin überhaupt einen Sinn ergab, dann nur diesen: Das Sowjetgeld hört auf, Geld zu sein, es dient nicht mehr als Wertmaß, die »festen Preise« werden von der Staatsgewalt festgesetzt, der Tscherwonez ist nur noch ein konventionelles Papierchen der Planwirtschaft, d. h. eine universelle Verteilungskarte. Mit einem Wort, der Sozialismus hat »endgültig und unwiderruflich« gesiegt. 

Die utopischsten Ansichten aus der Periode des Kriegskommunismus erstanden wieder auf, zwar auf einer neuen, etwas höheren, doch leider für eine Liquidierung des Geldumlaufs noch ganz ungenügenden wirtschaftlichen Grundlage. In den regierenden Kreisen herrschte entschieden die Meinung vor, in einer Planwirtschaft sei eine Inflation nichts Schlimmes. Das heißt ungefähr: Hat man einen Kompass, dann ist ein Leck im Schiff nicht gefährlich. In Wirklichkeit führt die Geldinflation, die unvermeidlich die Kreditinflation erzeugt, dazu, dass die realen Größen durch fiktive ersetzt werden, und zerfrisst die Planwirtschaft von innen heraus. 

Überflüssig zu sagen, dass die Inflation für die werktätigen Massen einer fürchterlichen Steuer gleichkam. Was die mit ihrer Hilfe herausgeholten Vorteile für den Sozialismus betrifft, so sind sie mehr als zweifelhaft. Wohl wuchs die Wirtschaft rasch weiter, die wirtschaftliche Effektivität der grandiosen Anlagen ließ sich jedoch nur statistisch erfassen, nicht aber ökonomisch bewerten. Durch die Kommandierung des Rubels, d. h. dadurch, dass seine Kaufkraft je nach Bevölkerungsschicht und Wirtschaftssektor willkürlich festgelegt wurde, beraubte sich die Bürokratie eines unerlässlichen Werkzeugs zur objektiven Messung der eigenen Erfolge und Misserfolge. Das Fehlen einer richtigen Buchführung, das auf dem Papier durch Kombinationen mit dem »konventionellen Rubel« verschleiert wurde, führte in Wirklichkeit zum Nachlassen der persönlichen Interessiertheit, zu niedriger Produktivität und noch niedrigerer Warenqualität. 

 

Das Übel nahm bereits während des ersten Fünfjahresplans ein bedrohliches Ausmaß an. Im Juli 1931 stellte Stalin die bekannten »sechs Regeln« auf, deren Hauptaufgabe darin bestand, die Selbstkosten der Industrieproduktion zu senken. Diese »Regeln« (Lohn nach der individuellen Arbeitsleistung, Berechnung der Selbstkosten usw.) enthielten nichts Neues: Die »bürgerlichen Rechtsnormen« waren zu Beginn der NÖP aufgestellt und auf dem 12. Parteikongress Anfang 1923 weiterentwickelt worden. Stalin schloss sich ihnen erst 1931 an, unter dem Einfluss der fallenden Effektivität der Kapitalanlagen. In den folgenden zwei Jahren erschien in der Sowjetpresse fast kein Artikel ohne Hinweis auf die rettende Kraft der »Regeln«. Doch mit der anhaltenden Inflation fraßen sich auch die von ihr erzeugten Krankheiten fort und wollten sich natürlich nicht heilen lassen. Strenge Repressalien gegen Schädlinge und Saboteure halfen auch nur wenig weiter. 

Fast unglaublich erscheint heute die Tatsache, dass die Bürokratie, während sie der »Entpersönlichung« und der »Gleichmacherei«, d. h. der anonymen »Durchschnitts«arbeit und dem für alle gleichen »Durchschnitts«lohn den Krieg erklärte, gleichzeitig die NÖP »zum Teufel« schickte, d. h. die Berechnung der Waren und damit auch der Arbeitskraft in Geld. Mit der einen Hand stellte sie die »bürgerlichen Normen« wieder her, mit der anderen zerstörte sie deren einziges taugliches Werkzeug. Mit der Ersetzung des Handelsverkehrs durch »geschlossene Verteilungsstellen« und durch das völlige Chaos auf dem Gebiet der Preise verschwand unvermeidlich jeder Zusammenhang zwischen der individuellen Arbeit und dem individuellen Arbeitslohn, und die persönliche Interessiertheit des Arbeiters war damit abgetötet. 

Die strengsten Vorschriften betreffs wirtschaftlicher Berechnung, Qualität, Gestehungskosten und Leistung hingen in der Luft. Das hinderte die Führer nicht im Geringsten, alle wirtschaftlichen Misserfolge aus böswilliger Nichtbefolgung der sechs stalinschen Rezepte zu erklären. Die vorsichtigste Anspielung auf die Inflation galt als Staatsverbrechen. Mit derselben Aufrichtigkeit beschuldigten die Machthaber zuweilen die Schullehrer der Nichtbeachtung der Hygienevorschriften, ihnen dabei gleichzeitig verbietend, auf das Fehlen von Seife hinzuweisen.

Die Frage nach dem Schicksal des Tscherwonez stand im Vordergrund des Fraktionskampfes innerhalb der bolschewistischen Partei. Die Plattform der Opposition (1927) verlangte die »Sicherung einer unbedingten Geldwertstabilität«. Diese Forderung bildete das Leitmotiv der folgenden Jahre. »Mit eiserner Hand den Inflationsprozess zum Stillstand bringen«, schrieb das Auslandsorgan der Opposition im Jahr 1932, »und eine feste Geldeinheit wiederherstellen«, sei es auch um den Preis einer »durchgreifenden Kürzung der Kapitalinvestitionen« … Die Apologeten des »Schneckentempos« und die Überindustrialisatoren hatten scheinbar vorübergehend die Plätze gewechselt. Als Antwort auf die Prahlerei, den Markt »zum Teufel« jagen zu wollen, empfahl die Opposition der Staatsplanbehörde, in ihren Räumen ein Plakat anzubringen mit der Inschrift: »Die Inflation ist die Syphilis der Planwirtschaft.« 

 

In der Landwirtschaft verursachte die Inflation nicht weniger Schaden. 

In der Periode, wo die Bauernpolitik noch auf den wohlhabenden Bauern orientiert war, wurde angenommen, dass die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft auf der Grundlage der NÖP sich im Verlauf von Jahrzehnten vermittels des Genossenschaftswesens vollziehen werde. Das Genossenschaftswesen sollte nacheinander die Einkaufs-, Absatz- und Kreditfunktionen erfassen und schließlich auch die Produktion selbst vergesellschaften. Das Ganze nannte sich »Lenins Genossenschaftsplan«. Die wirkliche Entwicklung ging, wie wir wissen, einen ganz anderen, eher entgegengesetzten Weg, den der gewaltsamen Entkulakisierung und der restlosen Kollektivierung. Von der allmählichen Vergesellschaftung der einzelnen Wirtschaftsfunktionen in dem Maße, wie die materiellen und kulturellen Bedingungen dafür reif würden, war keine Rede mehr. Die Kollektivierung erfolgte in einer Weise, als handle es sich um die sofortige Verwirklichung des kommunistischen Regimes in der Landwirtschaft. 

Die unmittelbare Folge war nicht nur die Ausrottung von mehr als der Hälfte des lebendigen Inventars, sondern, was noch wichtiger ist, eine völlige Gleichgültigkeit der Kolchosbauern gegenüber dem vergesellschafteten Eigentum und den Resultaten der eigenen Arbeit. Die Regierung trat einen ungeordneten Rückzug an. Die Bauern erhielten wieder Hühner, Schweine, Schafe und Kühe als persönlichen Besitz. Das um das Haus liegende Land wurde ihnen zurückerstattet. Der Film der Kollektivierung lief rückwärts ab. 

Mit der Wiederherstellung der kleinen individuellen Wirtschaften ging der Staat einen Kompromiss ein, zahlte er den individualistischen Tendenzen der Bauernschaft Tribut. Die Kolchosen blieben erhalten. Auf den ersten Blick mag der Rückzug daher zweitrangig erscheinen. In Wirklichkeit aber lässt sich seine Bedeutung schwerlich überschätzen. Abgesehen von der Kolchosaristokratie deckt der Durchschnittsbauer seinen täglichen Bedarf in größerem Maße aus Arbeit »für sich« als aus seiner Mitarbeit in der Kolchose. Das Einkommen aus der persönlichen Wirtschaft – besonders, wenn sie aus technischen Kulturen, Gartenbau oder Viehzucht besteht – übersteigt den Erwerb desselben Bauern aus der Kollektivwirtschaft oft um das Zwei- bis Dreifache. Diese von der Sowjetpresse selbst bescheinigte Tatsache enthüllt deutlich zum einen die ganz barbarische Vergeudung von Millionen menschlicher, besonders weiblicher Kräfte in den Zwergwirtschaften, zum anderen die noch ungemein niedrige Arbeitsproduktivität in den Kolchosen. 

 

Um die kollektive Großlandwirtschaft zu heben, galt es, von Neuem mit dem Bauern die Sprache sprechen, die er versteht, d. h. von der Naturalsteuer zum Handel zurückzukehren und den Markt wiederherzustellen, mit einem Wort, vom Satan die ihm zu früh überlassene NÖP zurückzufordern. Der Übergang zu einer mehr oder weniger stabilen Geldrechnung wurde somit zur unabdingbaren Voraussetzung für die künftige Entwicklung der Landwirtschaft. 

Rehabilitierung des Rubels

Die Eule der Weisheit fliegt bekanntlich nach Sonnenuntergang aus. So entfaltete sich auch die Theorie des »sozialistischen« Geld- und Preissystems nicht eher, als die Dämmerung der Inflationsillusionen hereinbrach. Gehorsame Professoren brachten es fertig, Stalins rätselhafte Worte zu einer ganzen Theorie auszubauen, wonach der Sowjetpreis, im Gegensatz zum Marktpreis, einen ausschließlich planmäßigen oder gelenkten Charakter trage, d. h. keine ökonomische, sondern eine administrative Kategorie darstelle, um desto besser der Neuverteilung des Volkseinkommens im Interesse des Sozialismus zu dienen. Die Professoren vergaßen zu erklären, wie man denn den Preis »lenken« kann, ohne die realen Gestehungskosten zu kennen, und wie denn die realen Gestehungskosten zu errechnen sind, wenn alle Preise den Willen der Bürokratie ausdrücken und nicht den Aufwand an gesellschaftlich notwendiger Arbeit. Zur Neuverteilung des Volkseinkommens verfügt die Regierung in der Tat schon über so machtvolle Hebel wie die Steuer, das Staatsbudget und das Kreditsystem. Nach dem Ausgabenbudget von 1936 werden mehr als 37,6 Milliarden unmittelbar und viele Milliarden indirekt auf die Finanzierung der verschiedenen Wirtschaftszweige verwandt. Der Budget- und Kreditmechanismus reicht vollkommen aus, um das Volkseinkommen planmäßig zu verteilen. Was die Preise betrifft, so werden sie der Sache des Sozialismus umso besser dienen, je ehrlicher sie die realen wirtschaftlichen Verhältnisse von heute zum Ausdruck bringen. 

Die Erfahrung hat über diese Frage schon ihr maßgebendes Urteil sprechen können. Der »dirigierte« Preis sah im Leben durchaus nicht so eindrucksvoll aus wie in den Schulbüchern. Ein und dieselbe Ware wurde zu Preisen verschiedener Kategorien veranschlagt. In die breiten Ritzen zwischen diesen Kategorien schlichen sich mit Leichtigkeit alle Arten von Spekulation, Günstlingswesen, Schmarotzertum und ähnliche Übel ein, und zwar eher als Regel, denn als Ausnahme. Zugleich wurde der Tscherwonez, der ein fester Schatten der stabilen Preise sein sollte, in Wirklichkeit zu seinem eigenen Schatten. 

Wieder galt es, jäh den Kurs zu wechseln, diesmal infolge von Schwierigkeiten, die aus den Wirtschaftserfolgen erwachsen waren. Das Jahr 1935 begann mit der Abschaffung der Brotkarten, im Oktober wurden die Karten für die übrigen Nahrungsmittel abgeschafft, im Januar verschwanden auch die Karten für die Industrieprodukte des Massenverbrauchs. Die ökonomischen Beziehungen zwischen den Werktätigen von Stadt und Land und zum Staat wurden in die Geldsprache übersetzt. Durch das Werkzeug des Rubels wirkt die Bevölkerung auf die Wirtschaftspläne ein, angefangen bei der Menge und Qualität der Konsumgüter. Auf keine andere Weise lässt sich die Sowjetwirtschaft rationalisieren. 

Details

Seiten
353
Jahr
2014
ISBN (ePUB)
9783886348053
ISBN (MOBI)
9783886349050
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321510
Schlagworte
Sowjetunion Russische Revolution Stalinismus Leo Trotzki Trotzki Kommunismus Marxismus Russland Geschichte Politik Politikgeschichte

Autor

  • Leo Trotzki

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Titel: Verratene Revolution