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Verteidigung Leo Trotzkis

Zweite, erweiterte Auflage

von David North Wolfgang Weber Andreas Rietmann

2012 345 Seiten

Leseprobe

Vorwort des Herausgebers zur zweiten Auflage

Anlass für die zweite, stark erweiterte Auflage der Verteidigung Leo Trotzkis von David North ist die breite Diskussion, die die erste Auflage seit 2010 unter Historikern, Feuilletonredakteuren, Verlegern und Buchhändlern ausgelöst hat. Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der in diesem Buch ausführlich kritisierten Trotzki-Biografie des britischen Autors Robert Service durch den Suhrkamp Verlag nahmen die Auseinandersetzungen in Deutschland besonders heftige Formen an – ein deutliches Indiz für die Aktualität des vor 70 Jahren durch einen stalinistischen Agenten ermordeten Revolutionärs Leo Trotzki, seiner Ideen und politischen Konzepte; ein deutliches Indiz aber auch für die Relevanz der grundlegenden Fragen geschichtswissenschaftlicher Methodik, die North mit seiner Kritik aufgeworfen hat. Worum geht es?

Gut fünfzehn Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 waren in kurzen Abständen drei Biografien von britischen Historikern über Leo Trotzki, Führer der Oktoberrevolution von 1917 in Russland und unversöhnlicher Gegner des Stalinismus, erschienen. Die Botschaft war bei allen drei Autoren, Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service dieselbe: »Trotzki war keine Alternative zu Stalin! Nichtswürdig war er nicht nur als Politiker, sondern auch als Mensch! Auf sein umfangreiches schriftstellerisches Werk, auf seine Ideen und politischen Konzepte näher einzugehen lohnt sich nicht!« Und alle drei wurden in den Medien der angelsächsischen Welt, auch in mancher Fachliteratur hoch gerühmt.

Aber was ist, abgesehen vom medialen und kommerziellen Erfolg, der wissenschaftliche Wert dieser Biografien? Unter diesem Gesichtspunkt hat sie David North umfassenden und aufschlussreichen Analysen unterworfen. Kern seines Befundes: Sie genügen nicht im Entferntesten den etablierten wissenschaftlichen Standards für den Umgang mit historischen Tatsachen, Personen und Quellen, auch die Regeln verlegerischer Sorgfalt und Integrität sind gröblich verletzt.

Unter Historikern erhielt David North von Autoritäten ihres Faches uneingeschränkte Unterstützung. Bertrand Patenaude, als Professor der Hoover Institution, Stanford University, der Sympathien für Trotzki unverdächtig, verfasste im Auftrag der angesehenen amerikanischen Historiker-Zeitschrift The American Historical Review eine detaillierte Parallel-Besprechung[1] der Trotzki-Biografie von Robert Service und des Buches Verteidigung Leo Trotzkis. Er bekräftigte darin die Kritik von David North und schloss mit dem vernichtenden Urteil: »North nennt Services Biografie ein »zusammengeschustertes Machwerk«. Starke Worte, aber völlig berechtigt. Harvard University Press hat sein Imprimatur unter ein Buch gesetzt, das die elementaren Regeln der Geschichtswissenschaft missachtet.« Bis heute haben weder Robert Service noch seine Verlage die von Patenaude bestätigten Vorwürfe David Norths widerlegt oder auch nur versucht, sie zu widerlegen.

Auf Grund dieser Sachlage hatten dann im Sommer 2011 Professor Hermann Weber, Nestor der Stalinismus- und DDR-Forschung, und Professor Helmut Dahmer, als Herausgeber einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe der Werke Leo Trotzkis international anerkannter Experte, in einem zunächst vertraulichen Brief an den Suhrkamp Verlag erhebliche Bedenken gegen die dort geplante Veröffentlichung des Buchs von Robert Service angemeldet.[2] Es handele sich nicht um eine wissenschaftliche Streitschrift, sondern um eine ideologisch motivierte Schmähschrift, argumentierten sie unter Verweis auf das Buch von North und das Gutachten von Patenaude. Zwölf weitere namhafte Historiker und Politikwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten den Brief mit unterzeichnet. Der Verlag reagierte zunächst, indem er das bereits druckfertige Buch von Service stoppte und einer erneuten Prüfung unterzog. Doch im Juli 2012 erschien es mit mehr als einem Jahr Verspätung dann doch – gegenüber dem englischen, von Harvard University Press herausgegebenen Original fast unverändert, mit all seinen Fehlern und Fälschungen. Von zahlreichen Rezensenten, aber auch von Freunden des Suhrkamp Verlages und vielen Buchhändlern wurde dies als Skandal empfunden. In den darauffolgenden Wochen erschienen in den großen deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen, in Hörfunkjournalen und Online-Medien an die zwanzig, für Service und Suhrkamp überwiegend vernichtende Buchbesprechungen. Selbst diejenigen Rezensenten, die Leo Trotzki und seinem Verteidiger David North politisch ablehnend gegenüberstehen, mussten einräumen, dass das Buch von Robert Service wissenschaftlich unhaltbar, die Kritik von North zutreffend ist.

Es gab aber auch einige Verteidiger von Robert Service. Abgesehen von der Jungen Freiheit, einem Sprachrohr rechtsradikaler Kreise, stellten sich auch die Rezensenten der Neuen Zürcher Zeitung und Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausdrücklich auf die Seite von Service. Sie leugneten die von North aufgedeckte Unzahl von Fehlern und Fälschungen in seinem Buch nicht, vertraten aber die Ansicht, dass es gleichwohl von Suhrkamp aus rein ideologischen Gründen, allein wegen seiner Feindschaft gegenüber Leo Trotzki unbedingt veröffentlicht werden müsse.

David North hielt im Laufe dieser Auseinandersetzungen drei weitere Vorträge, um dazu Stellung zu nehmen, zwei davon in Deutschland. Er erläuterte unter anderem den engen Zusammenhang zwischen dem Kampf der marxistischen Linken Opposition gegen die stalinistische Bürokratie und dem Schicksal der deutschen Arbeiterklasse in den 1920er- und 1930er-Jahren. Dieser erkläre auch, so North, die Heftigkeit der Diskussionen über Trotzki gerade in Deutschland.

Die drei Vorträge sind nun in der zweiten Auflage als neues Material der Verteidigung Leo Trotzkis dokumentiert, ebenso die Besprechung von Bertrand Patenaude und der Brief der 14  Geschichts- und Politikwissenschaftler an den Suhrkamp Verlag.

Natürlich ist ein Verlag stolz, wenn er dem Leser ein Buch nach kurzer Zeit in einer zweiten, wesentlich erweiterten Auflage vorlegen kann und dies folgendem Umstand zu verdanken ist: Die in der ersten Auflage vom Autor vorgetragenen Ausführungen haben in der Fachwelt Unterstützung gefunden und ganz offensichtlich einen zentralen Nerv wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen getroffen. Verteidigung Leo Trotzkis ist ein solches Buch. Wer die historische Wahrheit über Leo Trotzki, über seine Ideen und sein Wirken erfahren will, dem wird es unentbehrlich sein und immer wieder neue Anregungen zum Nachdenken, Forschen und Diskutieren bieten.

September 2012, Wolfgang Weber

[1] The American Historical Review, Vol. 116, No. 3 (June 2011), pp. 900–902. Siehe Anhang, Dokument I.

[2] Siehe Anhang, Dokument II.

Einführung

Leo Trotzki in Coyoacán, Mexiko, 1940.

Leo Trotzki in Coyoacán, Mexiko, 1940.

Man wird im 20. Jahrhundert oder in der Geschichte überhaupt schwerlich eine Persönlichkeit finden, deren Leben wie das Leo Trotzkis bis zum heutigen Tage so hartnäckig in den Schmutz gezogen und verfälscht wird. Die Vehemenz des Hasses gegen seine Person, an der sich auch 70 Jahre nach seinem Tod nichts geändert hat, ist eng mit Trotzkis einzigartiger Rolle in der Geschichte verknüpft. Trotzki spielte eine führende Rolle in der ersten sozialistischen Revolution und war der unversöhnliche Gegner des stalinistischen Regimes, das diese später verriet. Die Sowjetunion gibt es inzwischen nicht mehr und das stalinistische Regime ist auf dem »Müllhaufen der Geschichte« gelandet. Trotzki aber bleibt bis heute eine politische Gestalt von brennender Aktualität. Die weltgeschichtliche Bedeutung seines Lebens ist noch höher zu bewerten als seine Rolle in der russischen Revolution. In erster Linie war Trotzki der herausragende Führer und Theoretiker der sozialistischen Weltrevolution. Die leidenschaftlichen Reaktionen, die sein Name auslöst, belegen die bleibende Bedeutung seiner Ideen. Diskussionen über Trotzki drehen sich niemals nur um die Vergangenheit; sie kreisen in gleichem Maße um heutige Ereignisse und die zukünftige Entwicklung.

Im Oktober 1917 spielte Trotzki neben Lenin die wichtigste Rolle bei der Machteroberung der Bolschewiki. Seine Beteiligung am Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung beschränkte sich nicht auf die praktische Leitung des revolutionären Aufstands in Petrograd. Zwar war es Lenin, der zwischen April und Oktober 1917 die bolschewistische Partei politisch auf die Eroberung der Staatsmacht einstimmte, doch stützte er seine strategische Linie in hohem Maße auf die von Trotzki formulierte Theorie der permanenten Revolution. Das Überleben der Sowjetmacht und ihr Sieg im Bürgerkrieg, der zwischen 1918 und 1921 wütete, ist wiederum großenteils Trotzkis Wirken als Oberkommandierender der Roten Armee zu verdanken.

Das Ende des Bürgerkriegs war ein Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion und für Trotzkis Stellung im Führungskreis der bolschewistischen Partei. Der Übergang zur marktorientierten Neuen Ökonomischen Politik im Jahr 1921, eine notwendige Antwort der Sowjetregierung auf die verheerenden Zustände im Land nach sieben Jahren Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg, stärkte die eher konservativen politischen Kräfte innerhalb der Kommunistischen Partei Russlands, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick erkennbar war. Die Beanspruchung großer Teile des Parteikaders, darunter viele »Alte Bolschewiki«, durch die sich schnell ausdehnende Staats- und Parteibürokratie leistete dieser Entwicklung zusätzlich Vorschub. Die Rückschläge revolutionärer Bewegungen in Mittel- und Westeuropa zwischen 1919 und 1923, insbesondere in Deutschland, verhinderten die Entstehung sozialistischer Staaten, die den Bolschewiki bei der Linderung der gewaltigen sozialen und ökonomischen Probleme freundschaftlichen Beistand hätten leisten können.

Der permanente innenpolitische und internationale Druck stärkte die Zahl derer in der Partei, die dafür eintraten, die grundlegenden Ziele der Sowjetregierung neu zu definieren – zugunsten einer Abkehr von der Perspektive der Weltrevolution, die die Oktoberrevolution inspiriert hatte und mit der der Name Trotzki untrennbar verbunden war. Vor 1923 galt die Auffassung, dass die Entwicklung des Sozialismus in Russland auf nationaler Basis undenkbar war, als ein Leitgedanke der marxistischen Theorie. Russland, mit seiner überwiegend bäuerlichen Bevölkerung und begrenzten industriellen Kapazität, fehlten die für eine sozialistische Umgestaltung notwendigen Ressourcen. Während die sowjetische Regierung gefordert war, weiterhin geduldig an der Entwicklung der ökonomischen Grundlagen einer sozialistischen Wirtschaft zu arbeiten, hing das Gelingen der Revolution doch vom Sieg der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen Zentren des Weltkapitalismus ab. Diese internationalistische Position wurde nun von der Auffassung abgelöst, dass die UdSSR die Weiterentwicklung ihrer Wirtschaft im Wesentlichen aus eigener Kraft erreichen könne. Die neue Sichtweise fand im Programm des »Sozialismus in einem Land« ihren Ausdruck, das 1924 von Stalin und Bucharin aufgestellt wurde. Diese nationalistische, rückwärtsgewandte Orientierung fiel damit zusammen, dass die Bürokratie ihre eigene privilegierte gesellschaftliche Stellung mehr und mehr mit der Ausübung der Staatsmacht gleichsetzte.

Trotzkis Bemühungen im Herbst 1923, auf die Bürokratisierungstendenzen in der Kommunistischen Partei und dem sowjetischen Staat aufmerksam zu machen, folgte sofort eine heftige politische Reaktion – ein sicheres Zeichen, dass seine Kritik wichtige materielle Interessen berührte. Mit Lenins Tod im Januar 1924 verlor Trotzki einen unersetzlichen politischen Bundesgenossen. Die Kampagne gegen Trotzki nahm umgehend die Form der Geschichtsfälschung an. Seine internen Gegenspieler im Politbüro entstellten politische Differenzen, die es vor 1917 zwischen Lenin und Trotzki gegeben hatte. Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, von der jeder Parteiführer wusste, dass sie die Grundlage der bolschewistischen Machteroberung gebildet hatte, wurde als erster Sündenfall seines Abweichlertums kritisiert. Im Verlauf des Kampfs gegen Trotzki und den »Trotzkismus« wurde jeder Beitrag Trotzkis zum Sieg der Oktoberrevolution geleugnet. 1918 hatte Stalin noch geschrieben:

Die gesamte praktische Organisationsarbeit für den Aufstand wurde unter direkter Anleitung des Vorsitzenden des Petrograder Sowjets, des Genossen Trotzki durchgeführt. Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Partei den schnellen Übergang der Garnison auf die Seite des Sowjets und die kühne Vorgehensweise des Revolutionären Militärkomitees in allererster Linie dem Genossen Trotzki verdankt.[1]

Doch nur sechs Jahre darauf, im November 1924, behauptete Stalin, dass »Trotzki, ein in der Periode des Oktober für unsere Partei verhältnismäßig neuer Mann, … weder in der Partei noch beim Oktoberaufstand irgendeine besondere Rolle gespielt (hat), noch er sie spielen konnte«.[2] Solche unverfrorenen Lügen waren nicht politischer Rivalität oder kleinlichen Eifersüchteleien geschuldet. Hinter ihnen verbargen sich die materiellen und politischen Interessen der neuen bürokratischen Elite. Das stalinistische Regime musste die Geschichte umschreiben, um den Widerspruch zwischen den nach außen hin bekundeten revolutionären Bestrebungen und ihrer tatsächlichen Verteidigung von materiellen Interessen, die mit dem Sozialismus unvereinbar waren, zu verbergen. Wie Trotzki später schrieb, bildeten die Lügen der Stalinisten »den wichtigsten ideologischen Zement der Bürokratie«.[3]

Trotzki wurde Ende 1927 aus der Kommunistischen Partei und der stalinisierten Kommunistischen Internationale ausgeschlossen und ins Exil nach Alma Ata nahe der sowjetisch-chinesischen Grenze verbannt. Im Januar 1929 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen. Stalins Absicht, den beträchtlichen politischen Einfluss Trotzkis einzudämmen und sein ungebrochenes Ansehen bei den sowjetischen Massen zu zerstören, erforderte die systematische Fälschung der Geschichte der Revolution. Schon nach wenig mehr als zehn Jahren hatten sich die frühen, gegen Trotzki gerichteten Fälschungen von 1923–1924 zu den monströsen Moskauer Schauprozessen ausgewachsen, bei denen ungeheuerliche Anschuldigungen gegen Trotzki und alle weiteren wichtigen Führer der Oktoberrevolution Stalin den Vorwand lieferten, Hunderttausende der herausragendsten Vertreter der revolutionären sozialistischen Intelligenz und Arbeiterklasse in der Sowjetunion zu ermorden. Keine Beschuldigung war dem stalinistischen Regime zu verlogen oder zu weit hergeholt. Trotzki wurde bezichtigt, der Erzfeind des sowjetischen Volks zu sein, ein mordlüsterner Verschwörer, der Sabotageakte und Terror gegen die UdSSR organisierte. Passend zum jeweiligen politischen Bündnispartner wurde Trotzki als Agent des faschistischen Deutschland oder des britischen Imperialismus angeprangert.

Im Exil in Mexiko setzte Trotzki seinen Kampf gegen Stalins totalitäres Regime unbeugsam fort. Als er Anfang 1937 eine Untersuchungskommission zu den Moskauer Prozessen forderte, erklärte Trotzki, worum es bei der Widerlegung von Stalins Lügen gehe:

Das Verbrechen der Moskauer Prozesse wird unter dem Banner des Sozialismus begangen. Wir werden dieses Banner nicht den schlimmsten Lügnern überlassen! Sollte es unserer Generation nicht gelingen, den Sozialismus auf der Welt zu verwirklichen, werden wir dieses makellose Banner an unsere Kinder weitergeben. In dem Kampf, der vor uns liegt, geht es um weitaus mehr als um Individuen, Fraktionen und Parteien. Es geht um die Zukunft der Menschheit. Dieser Kampf wird hart und langwierig sein. Wer Ruhe und seelisches Wohlbehagen sucht, möge beiseitetreten. In Zeiten der Reaktion ist es einfacher, sich auf die Bürokratie als auf die Wahrheit zu stützen. Doch alle, für die das Wort Sozialismus keine leere Phrase ist, sondern den Inhalt ihres sittlichen Lebens ausdrückt – vorwärts! Drohungen, Verfolgung und Gewalt können uns nicht aufhalten! Die Wahrheit wird siegen, und sei es erst nach unserem Tode! Wir werden ihr den Weg bahnen! Sie wird sich durchsetzen! Allen Schicksalsschlägen zum Trotz bin ich glücklicher als in den schönsten Tagen meiner Jugend. Denn, meine Freunde, das höchste menschliche Glück besteht nicht im Ausnutzen der Gegenwart, sondern in der Vorbereitung der Zukunft.[4]

Drei Jahre später, im August 1940, wurde Trotzki von einem Agenten der sowjetischen Geheimpolizei ermordet. Doch die vom sowjetischen Staat geförderte systematische Geschichtsfälschung, an der sich die stalinistischen Satellitenparteien des Kreml beflissen beteiligten, hielt noch Jahrzehnte an. Selbst als Chruschtschow 1956 die Verbrechen Stalins verurteilte, hob die Sowjetunion ihren Bann gegen Trotzki nicht auf. Als Reaktion auf die Radikalisierung von Arbeitern und Jugendlichen in den 1960er-Jahren, mit der das Interesse am Leben und den Ideen Trotzkis neu erwachte, verstärkte die Kreml-Bürokratie vielmehr ihren politischen und ideologischen Feldzug gegen den Trotzkismus. So ging es fast bis zur Auflösung der Sowjetunion weiter. Erst in den letzten ereignisreichen Jahren unter Gorbatschow brach die offizielle Darstellung Trotzkis als Erzfeind des Sozialismus unter einer Flut von erstmals veröffentlichten historischen Dokumenten zusammen. Seine entscheidende Rolle für den Sieg der Oktoberrevolution wurde, wenn auch zähneknirschend und mit vielen Vorbehalten, anerkannt. Im Gegensatz zu allen anderen bolschewistischen Führern, die in den Moskauer Prozessen zum Tode verurteilt worden waren, wurde Trotzki jedoch von der sowjetischen Regierung niemals offi­ziell rehabilitiert. Ungeachtet der anhaltenden, wenn auch etwas zurückhaltenderen offiziellen Feindschaft seitens der Regierung nahm das Interesse an Trotzkis Leben und Schriften in der Sowjetunion rapide zu. Zum ersten Mal konnten sowjetische Historiker in jahrzehntelang geschlossenen sowjetischen Archiven forschen und zu Trotzki schreiben. Das hervorragendste Ergebnis dieser neuen Lage war das Werk des mittlerweile verstorbenen sowjetischen Soziologen und Historikers Wadim Rogowin (1937–1998), dessen sieben Bände über die trotzkistische Opposition gegen den Stalinismus zwischen 1923 und 1940 ein Meisterwerk der sowjetisch-russischen Geschichtsschreibung sind.

Viele nahmen wohl an, mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 kämen die jahrzehntelang verbreiteten Verleumdungen gegen Trotzki zum Verstummen. Schließlich war Trotzkis Anklage gegen den Stalinismus praktisch in jedem Punkt bestätigt worden. Selbst die Begleitumstände der Auflösung der UdSSR, bei der die herrschende Bürokratie die Wiedereinführung des Kapitalismus vorantrieb und dabei hochrangigen Parteifunktionären zu großem Reichtum verhalf, deckten sich in vieler Hinsicht mit dem politischen und ökonomischen Szenario, das Trotzki mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor in seinem prophetischen Werk »Verratene Revolution« entworfen hatte.

Doch die neue politische Lage stand einer wahrheitsgetreuen Bewertung der historischen Rolle Trotzkis entgegen. Im »neuen« Russland verwandelten sich nicht wenige Funktionäre – die zuvor Trotzki als Feind der Oktoberrevolution beschimpft hatten – in wütende Antikommunisten. Jetzt verurteilten sie Trotzki dafür, dass er die Oktoberrevolution geführt hatte. Hinzu kam, dass die Auflösung der Sowjetunion frühere Staats- und Parteifunktionäre davon befreite, Lippenbekenntnisse zum marxschen Sozialismus abgeben zu müssen. Ideologie und Weltanschauung des Stalinismus vollendeten ihre natürliche Entwicklung zu einem stramm rechtsgerichteten, nationalistischen russischen Chauvinismus. Das Bindeglied zwischen der früheren und aktuellen Politik der Demonstrationsteilnehmer, die heute in Moskau Stalin-Porträts neben Transparenten mit dem faschistischen Hakenkreuz hochhalten, ist der Hass auf Trotzki und den sozialistischen Internationalismus.

Das vorliegende Buch befasst sich mit einem verwandten, aber andersgearteten Phänomen: dem Einsetzen einer neuen, gegen Trotzki gerichteten Kampagne der Geschichtsfälschung außerhalb der früheren Sowjetunion. Im Zeitraum von knapp über fünf Jahren haben drei bekannte britische Historiker – Ian Thatcher vom Brunel College, Geoffrey Swain von der Universität Glasgow und Robert Service vom St. Antony College in Oxford – Biografien über Trotzki vorgelegt. Wären sie in ihren Büchern auf der Grundlage einer objektiven Darstellung gesicherter Tatsachen zu ihren Schlussfolgerungen gelangt, so gäbe es nichts daran zu deuteln. Doch die Biografien sprechen den geschichtlichen Fakten Hohn. Keines dieser Werke genügt den Ansprüchen wissenschaftlicher Seriosität. Dieser erschreckende und unentschuldbare Mangel resultiert aus der unbestreitbaren Zielsetzung dieser Bücher, Trotzki als historische Persönlichkeit vollständig zu diskreditieren.

In einem kurzen Aphorismus beklagt Tschechow die Rechtfertigungshaltung, die den Fortbestand insbesondere jener Lügen ermöglicht, die seit Langem in Umlauf sind. Ein ehrlicher Mensch erklärt frei heraus: »Das ist eine Lüge, sie muss aus der Welt geschafft werden.« Eine solche Einstellung ist besonders vonnöten, wenn es um Lügen über die wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts geht. Selbst wenn der Inhalt dieser Bücher das fehlgeleitete Werk schlecht ausgebildeter Historiker wäre, müsste man die historische Wahrheit gegen ihre Herabwürdigung in Schutz nehmen. Es geht hier aber um mehr. Die Historiker sind keine Neulinge in ihrem Metier, sondern bekannte Wissenschaftler, die an bedeutenden britischen Institutionen angesehene Positionen bekleiden. Maßgebliche Verlage in England und den USA haben ihre Trotzki-Biografien verlegt und beworben. Rezensionen dieser Bücher fielen größtenteils anerkennend, wenn nicht überschwänglich aus. Dieser Beifall ist, ganz offen gesagt, vor allem politisch motiviert. Die Gleichsetzung des Stalinismus mit dem Marxismus, eine unverzichtbare Waffe in den Händen derer, die den Sozialismus und eine Alternative zum Kapitalismus in Verruf bringen wollen, wird durch das Leben und die Ideen Leo Trotzkis widerlegt. Daher müssen sie sein Leben und seine Ideen notgedrungen verfälschen. Auf Originalität kommt es bei dieser Schmutzkampagne gegen die geschichtliche Wahrheit nicht an. Die Biografen, deren Bücher hier behandelt werden, bedienen sich hemmungslos der uralten antitrotzkistischen Lügen der stalinistischen Bürokratie. Sie wärmen die Verleumdungen der Vergangenheit auf im Wissen darum, dass sie im gegebenen, von geistiger Reaktion geprägten Klima nicht an wissenschaftlichen Maßstäben gemessen werden.

Einige Worte zum Aufbau dieses Buchs. Teil I enthält zwei Vorträge von 2001 und 2008 über die historische Bedeutung Trotzkis. Teil II, geschrieben 2007, untersucht die Trotzki-Biografien von Thatcher und Swain. Als ich diese Kritik geschrieben hatte, rechnete ich nicht damit, dass ich in den folgenden beiden Jahren schon wieder ein geschichtsfälschendes Werk widerlegen müsste. Doch genau dieser leidigen Aufgabe musste ich mich stellen, als Professor Service im Herbst 2009 seine Trotzki-Biografie herausbrachte. Die Analyse dieses Buchs nahm mehrere Monate in Anspruch. Die erste Rezension erschien im November 2009 auf der World Socialist Web Site. Ihr folgten drei Vorträge: in London (Dezember 2009), Sydney (Februar 2010) und am St. Catherine’s College in Oxford (Mai 2010). Die Rezension und die drei Vorträge bilden den dritten Teil des Buchs. Ein gewisses Maß an Redundanz ließ sich dabei nicht vermeiden; da aber Service reichlich aus seinem unerschöpflichen Reservoir an Geschichts­lügen schöpft, konnte ich über diese Biografie ausführlich schreiben und sprechen, ohne dass Wiederholungen überhandnahmen.

[4] Rede von Leo Trotzki am 9. Februar 1937: Leon Trotsky, I Stake My Life. New York 1977; S. 26.

Teil I: Zwei Vorträge über das Leben und die Ideen Leo Trotzkis

Leo Trotzki in Coyoacán, Mexiko, 1940.

Leo Trotzki in Coyoacán, Mexiko, 1940.

Zum Stellenwert Leo Trotzkis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts[1]

Trotzki im Jahre 1919, Aufnahme von dem namhaften Porträtfotografen Moisej Nappelbaum (David King Collection).

Trotzki im Jahre 1919, Aufnahme von dem namhaften Porträtfotografen Moisej Nappelbaum (David King Collection).

Vor sechzig Jahren, am 21. August 1940, erlag Leo Trotzki den Verletzungen, die ihm ein Agent des sowjetischen Geheimdiensts am Tag zuvor zugefügt hatte. Das stalinistische Regime hoffte, dass dieser Mord nicht nur der politischen Tätigkeit ihres größten Gegners ein Ende setzen, sondern ihn auch gänzlich aus der Geschichte tilgen würde. Der totalitäre Pragmatismus erwies sich als kurzsichtig. Der Mörder beendete das Leben des großen Revolutionärs, aber seine Ideen und Schriften lebten fort. Die politische Arbeit der Weltbewegung, die Trotzki gegründet hatte, endete nicht durch den Mord an seiner Person. Die Vierte Internationale sollte schließlich den Zusammenbruch des stalinistischen Regimes erleben. Somit ist es auch seinen Mördern nicht gelungen, Trotzki aus der Geschichte zu streichen. Für Historiker, die das zwanzigste Jahrhundert studieren und interpretieren, gewinnt die Person Leo Trotzkis immer mehr an Bedeutung. In nur wenigen Biografien spiegeln sich die Kämpfe, Hoffnungen und Tragödien des letzten Jahrhunderts so grundlegend und edel wie in Trotzkis Leben. Von Thomas Mann stammt die Einsicht, dass sich das Schicksal der Menschheit heute politisch ausdrückt. In diesem Sinne kann man durchaus sagen, dass dieses Schicksal in Trotzkis sechzig Lebensjahren seinen bewusstesten Ausdruck fand. In der Biografie Leo Trotzkis konzentrieren sich die Wechselfälle der sozialistischen Weltrevolution während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Drei Jahre vor seinem Tod erklärte Trotzki im Gespräch mit einem skeptischen amerikanischen Journalisten, er fasse sein Leben nicht als Kette verwirrender und letztlich tragischer Episoden auf, sondern als verschiedene historische Entwicklungsstadien der revolutionären Bewegung. Sein Aufstieg zur Macht im Jahr 1917 war das Ergebnis eines Aufschwungs der Arbeiterklasse. Sechs Jahre bildeten die sozialen und politischen Beziehungen, die aus dieser Offensive entstanden waren, die Grundlage seiner Machtstellung. Ebenso ergab sich Trotzkis Verlust an Macht und Einfluss aus dem Abebben der revolutionären Welle. Trotzki verlor die Macht nicht deshalb, weil er als Politiker weniger fähig gewesen wäre als Stalin, sondern weil die soziale Kraft, auf der seine Macht beruhte – die russische und internationale Arbeiterklasse – den politischen Rückzug antrat. Gerade Trotzkis historisch bewusstes Herangehen an Politik, das in den revolutionären Jahren so wirksam war, erwies sich in Zeiten des wachsenden politischen Konservativismus im Vergleich mit seinen skrupellosen Gegnern als nachteilig. Die Erschöpfung der russischen Arbeiterklasse nach dem Bürgerkrieg, die zunehmende politische Macht der sowjetischen Bürokratie und die Niederlagen der europäischen – insbesondere der deutschen – Arbeiterklasse waren letzten Endes die Faktoren, die den Ausschlag gaben und Trotzki die Macht nahmen.

Die Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse hinterließen Spuren in Trotzkis persönlichem Leben: die politische Demoralisierung, die durch die Niederlage der chinesischen Revolution 1927 ausgelöst wurde, bot Stalin die Möglichkeit, die Linke Opposition aus der Kommunistischen Internationale auszuschließen und Trotzki zunächst nach Alma-Ata und kurz darauf aus der UdSSR insgesamt zu verbannen. Der Sieg Hitlers 1933 – ermöglicht durch die Politik der stalinistisch geführten Kommunistischen Partei Deutschlands – löste eine Ereigniskette aus, die schließlich zu den Moskauer Prozessen, den politischen Katastrophen der stalinistischen Volksfrontpolitik und zu Trotzkis endgültiger Vertreibung aus Europa führte. So verschlug es ihn ins weit entfernte Mexiko.

In Coyoacán, einem Vorort von Mexico City, wurde Trotzki von einem stalinistischen Agenten, Ramon Mercader, ermordet. Sein Tod erfolgte auf dem Höhepunkt der faschistischen und stalinistischen Konterrevolution. 1940 waren die alten Genossen Trotzkis in der Sowjetunion nahezu ausnahmslos liquidiert. Seine vier Kinder waren alle tot. Die älteren Töchter waren infolge der Notlagen, in die sie die Verfolgung ihres Vaters gebracht hatte, beide früh gestorben. Die beiden Söhne, Sergej und Leon, wurden vom stalinistischen Regime ermordet. Leon Sedow war zum Zeitpunkt seines Tods – er starb im Februar 1938 in Paris – neben seinem Vater die wichtigste Person in der Vierten Internationale. Weitere herausragende Mitglieder des Sekretariats der Vierten Internationale – Erwin Wolf und Rudolf Klement – wurden 1937 und 1938 ermordet.

Im Jahr 1940 hielt Trotzki seine eigene Ermordung für praktisch unvermeidbar. Dies heißt nicht, dass er sich in sein Schicksal ergeben hätte. Er tat alles, was ihm möglich war, um den Schlag zu verzögern, den Stalin und seine Agenten im Apparat der GPU und des NKWD vorbereiteten. Er war sich jedoch darüber im Klaren, dass Stalins Schritte von den Bedürfnissen der Sowjetbürokratie bestimmt waren. »Ich lebe auf dieser Erde«, schrieb er, »nicht im Einklang mit der Regel, sondern als ihre Ausnahme.«[2] Er sagte voraus, dass Stalin den offenen Kriegsausbruch in Westeuropa im Frühjahr und Sommer 1940 für einen Anschlag ausnutzen werde. Trotzki sollte Recht behalten.

Der erste groß angelegte Mordanschlag fand am Abend des 24. Mai 1940 statt, als die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Hitlers Vormarsch gegen die französische Armee gerichtet war. Der zweite, erfolgreiche Anschlag erfolgte während der Schlacht um England im Spätsommer desselben Jahres.

Weshalb war Trotzki so gefürchtet, obwohl er sich im Exil befand und augenscheinlich isoliert war? Weshalb hielt Stalin seinen Tod für notwendig? Trotzki selbst hatte dafür eine politische Erklärung. Im Herbst 1939, mehrere Wochen nach der Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Pakts (den er vorhergesagt hatte) und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, verwies Trotzki auf ein Gespräch zwischen Hitler und dem französischen Botschafter Robert Coulondre, über das eine Pariser Zeitung berichtete. Hitler brüstete sich, dass sein Abkommen mit Stalin ihm freie Hand verschaffen werde, Deutschlands Feinde im Westen zu besiegen. Coulondre unterbrach ihn mit der Warnung: »Der wirkliche Sieger (im Kriegsfall) wird Trotzki sein. Haben Sie darüber nachgedacht?« Hitler erklärte sich mit der Einschätzung des französischen Botschafters einverstanden, warf aber seinen Gegnern vor, ihm keine andere Wahl zu lassen. Trotzki kommentierte diesen erstaunlichen Bericht mit den Worten: »Diese Herren ziehen es vor, dem Gespenst der Revolution einen Namen zu geben … Beide, Coulondre und Hitler, vertreten die Barbarei, die sich über Europa ausbreitet. Gleichzeitig zweifelt keiner von ihnen daran, dass ihre Barbarei von der sozialistischen Revolution besiegt werden wird.«[3]

Auch Stalin hatte nicht vergessen, dass die Niederlagen der russischen Armee während des Ersten Weltkriegs die zaristische Regierung diskreditiert und die Massen in Bewegung gebracht hatten. Würde diese Gefahr nicht wiederkehren, wenn trotz des Abkommens mit Hitler ein Krieg ausbräche? Solange Trotzki am Leben blieb, blieb er die große revolutionäre Alternative zur bürokratischen Diktatur, die Verkörperung von Programm, Idealen und Geist des Oktober 1917. Deshalb musste Trotzki sterben.

Doch selbst im Tod ließ die Furcht vor Trotzki nicht nach. Welche andere Persönlichkeit verfügt nicht nur zu Lebzeiten, sondern noch Jahrzehnte nach seinem Tod über die Macht, die Herrschenden in Angst und Schrecken zu versetzen? Das historische Vermächtnis Trotzkis widersteht jedem Vereinnahmungsversuch. Zehn Jahre nach Marx’ Tod war es den Theoretikern der Sozialdemokratie gelungen, seine Schriften der Perspektive der Sozialreform anzupassen. Lenin ereilte ein noch schlimmeres Schicksal: Seine sterblichen Überreste wurden einbalsamiert; sein theoretisches Vermächtnis wurde gefälscht und in eine bürokratisch sanktionierte Staatsreligion umgemodelt. Bei Trotzki war so etwas nicht möglich. Seine Schriften und sein Handeln waren zu präzise in ihren revolutionären Implikationen. Außerdem blieben die von Trotzki analysierten politischen Probleme, die von ihm definierten sozio-politischen Beziehungen und selbst die Parteien, die er so treffend und erbarmungslos charakterisiert hatte, noch fast das gesamte Jahrhundert hindurch bestehen.

Im Jahr 1991 veröffentlichte die Duke University eine tausend Seiten umfassende Arbeit von Robert J. Alexander zur interna­tionalen trotzkistischen Bewegung. In seiner Einführung trifft Alexander folgende Einschätzung:

Bis Ende der 1980er-Jahre sind die Trotzkisten in keinem Land jemals an die Macht gelangt. Obwohl der internationale Trotzkismus im Unterschied zu den Erben des Stalinismus nicht von einem fest etablierten Regime unterstützt wird, muss doch aus der Dauerhaftigkeit der Bewegung in einer Vielzahl unterschiedlicher Länder in Verbindung mit der Instabilität des politischen Lebens in den meisten Nationen der Welt geschlossen werden, dass der Machtantritt einer trotzkistischen Partei für die absehbare Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann.[4]

Das »fest etablierte Regime« hat sich kurz nach dem Erscheinen von Alexanders Buch verflüchtigt. Die Sowjetbürokratie hatte Leo Trotzki niemals rehabilitiert. Die Geschichte steckt bekanntlich voller Ironien. Jahrzehntelang hatten die Stalinisten Trotzki unterstellt, er wolle die Sowjetunion vernichten und habe sich zu diesem Zweck mit den Imperialisten verschworen. Für diese vorgeblichen Verbrechen war Trotzki in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Doch am Ende war es die Sowjetbürokratie selbst, die, wie Trotzki warnend vorausgesehen hatte, die UdSSR liquidierte. Und dies geschah, ohne dass sie jemals offen und geradeheraus die Vorwürfe gegen Trotzki und seinen Sohn Leon Sedow widerrufen hätte. Es fiel Gorbatschow und Jelzin leichter, das Todesurteil gegen die UdSSR zu unterschreiben als die vollkommene Verlogenheit sämtlicher Anklagen gegen Trotzki einzugestehen.

Trotz der ökonomischen und sozialen Veränderungen der vergangenen sechzig Jahre sind wir heute nicht allzu weit entfernt von den Problemen, Fragen und Themen, mit denen sich Trotzki auseinandersetzte. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjet­union zeichnen sich Trotzkis Schriften durch ein erstaunliches Maß an Aktualität aus. Das Studium seiner Schriften ist eine wesent­liche Voraussetzung nicht nur für ein Verständnis der Politik des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch für die politische Orientierung in der äußerst komplexen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Will man die Größe einer politischen Figur an Umfang und bleibender Bedeutung ihres Vermächtnisses messen, dann nimmt Trotzki unter den Führern des zwanzigsten Jahrhunderts den ersten Rang ein. Werfen wir einen kurzen Blick auf die politischen Persönlichkeiten, die in den 1940er-Jahren die Weltbühne beherrschten. Die totalitären Führer jener Ära – Hitler, Mussolini, Stalin, Franco – kann man kaum erwähnen, ohne ihre Namen zu verfluchen. Außer der Erinnerung an ihre unsäglichen Verbrechen haben sie nichts hinterlassen. Was die »großen« Führer der imperialistischen Demokratien angeht, Roosevelt und Churchill, so lässt sich nicht bestreiten, dass sie interessante Persönlichkeiten waren und im Rahmen des klassischen Parlamentarismus gewandt agierten. Churchill, der den amerikanischen Präsidenten überragte, war ein talentierter Redner und verfügte auch über gewisse schriftstellerische Fähigkeiten. Doch kann man wirklich von einem Vermächtnis dieser beiden Männer sprechen? Churchills Lobreden über das altersschwache britische Empire wurden selbst von vielen, die ihn bewunderten, als anachronistisch angesehen. Seine Schriften sind als historische Dokumente von Interesse, aber heute kaum noch aktuell. Roosevelt seinerseits war der vollendete Pragmatiker, der mit einer Mischung aus List und Intuition auf aktuelle Probleme reagierte. Kann man ernstlich behaupten, dass die Reden oder Schriften Churchills und Roosevelts (wobei Letzterer kein Buch verfasste) Analysen und Einsichten enthielten, die zu einem Verständnis der politischen Probleme zu Beginn des 21. Jahrhunderts beitrügen?

Schon zu Lebzeiten überragte Trotzki seine politischen Zeitgenossen. Der Einfluss all seiner Gegner war direkt bedingt und abhängig von ihrer Kontrolle über die Instrumente der Staatsmacht. Losgelöst von dieser Macht hätten sie schwerlich die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen. Getrennt vom Kreml und seinem Terrorapparat wäre Stalin nur das gewesen, was er vor dem Oktober 1917 war: »ein grauer Fleck«.

Im Jahr 1927 hatte man Trotzki formal jede Macht genommen. Dennoch war er niemals machtlos. Trotzki zitierte gern den berühmten Satz, mit dem Ibsen seinen Doktor Stockmann den »Volksfeind« abschließen lässt: »Der ist der stärkste Mann auf dieser Welt, der allein steht.« Diese Einsicht des großen norwegischen Stückeschreibers verwirklichte sich im Leben des größten aller russischen Revolutionäre. Die Stärke von Ideen und Idealen, die dem menschlichen Fortschrittsstreben entsprechen und es zum Ausdruck bringen, zeigte sich nirgends zeitloser als im Leben Leo Trotzkis.

Trotzki als Schriftsteller

Wenn man über Trotzkis Ansichten spricht, kann man nur schwer der Versuchung widerstehen, lange Passagen aus seinen Schriften zu zitieren. Zumindest würde man damit dem Publikum zu einer außergewöhnlichen ästhetischen Erfahrung verhelfen. Kein Leser, der eines objektiven Urteils fähig ist, könnte – unabhängig von seinen politischen Sympathien – bestreiten, dass Trotzki zu den größten Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts gehört.

Es ist etwa dreißig Jahre her, seit ich zum ersten Mal ein Buch von Trotzki las: seine monumentale Geschichte der russischen Revolution. Ich bin sicher nicht der Einzige, der sich lebhaft an die emotionale und intellektuelle Wirkung dieser ersten Begegnung mit Trotzkis Prosa erinnert. Da ich Trotzki in einer Übersetzung las, fragte ich mich, wie Leser des russischen Originals seine Statur als Schriftsteller bewerten würden. Es ergab sich eine unerwartete Gelegenheit, meine Neugier zu befriedigen. Ich besuchte einen Vortrag über russische Literatur von einem bejahrten Experten, der nach der Oktoberrevolution aus seiner Heimat geflohen war. Dieser Mann war gänzlich unverdächtig, mit Trotzki zu sympathisieren. Zum Abschluss seines Vortrags, der einen Überblick über die russische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gegeben hatte, fragte ich ihn nach seiner Meinung über die schriftstellerischen Qualitäten Trotzkis. Ich erinnere mich lebhaft sowohl an seine Antwort, wie auch an den starken Akzent, der ihr Nachdruck verlieh: »Trotzki«, antwortete er, »war der größte Meister der russischen Prosa seit Tolstoi.«

Viele Jahre später, während meines ersten Besuchs in der Sowjetunion 1989, hörte ich dieselbe Einschätzung von einem Studenten. Die Lektüre Trotzkis, bekannte er, bereite ihm große Mühe. Weshalb? »Wenn ich Trotzki lese«, erläuterte er, »muss ich ihm einfach zustimmen – obwohl ich es nicht möchte!«

Die Themenvielfalt in Trotzkis Schriften – Kunst, Literatur und Kultur, wissenschaftliche Entdeckungen, Probleme des Alltagslebens und natürlich Politik – ist nahezu unfassbar. Wir gewöhnliche Sterbliche, die wir mit weitaus bescheideneren Talenten zurechtkommen müssen, stehen staunend vor dem Umfang von Trotzkis literarischer Arbeit. Wie hat er das nur geschafft – vor der Erfindung der Textverarbeitung und der automatischen Rechtschreibprüfung? Ein Teil der Antwort liegt vielleicht in Trotzkis bemerkenswerter Fähigkeit, seine freie Rede ebenso schön und formvollendet zu gestalten wie sein Schreiben. Seine Diktate sind zweifellos eine ansprechendere Lektüre als die ausgefeiltesten Entwürfe selbst hervorragender Schriftsteller.

Viel verdankte Trotzki als herausragende literarische Figur des zwanzigsten Jahrhunderts den großen russischen Meistern des neunzehnten Jahrhunderts, besonders Turgenjew, Tolstoi, Herzen und Belinski. Derselbe Mann, der in martialischer Prosa Proklamationen und Kampfbefehle schrieb, die Millionen in Bewegung versetzten, konnte auch Absätze von bezaubernder Schönheit verfassen, wie beispielsweise folgende Erinnerung an einen Augenblick seiner Flucht aus dem sibirischen Exil im Jahr 1907:

Gleichmäßig und geräuschlos, gleich einem Kahn auf der Spiegelfläche eines Teiches, glitten wir über den Schnee. In der tiefen Dämmerung nahm der Wald noch gigantischere Dimensionen an. Ich sah den Weg nicht und empfand auch nicht die Vorwärtsbewegung unseres Schlittens. Es schien, als ob die verzauberten Bäume rasch auf uns zueilten, die Sträucher wichen vor uns zur Seite und die alten, schneebedeckten Baumstümpfe, sowie die schlanken Birken blieben weit hinter uns zurück. Alles schien geheimnisvoll … Tschu … tschu … tschu … hörte man das häufige und gleichmäßige Atmen der Rentiere in der lautlosen Stille der Waldnacht, und im Rahmen dieses Rhythmus tauchten im Gedächtnis Tausende längst vergessene Laute auf …[5]

Trotzki besaß ein außerordentliches Gespür für politische Paradoxa und Widersprüche. In einer Beschreibung seines eigenen Gerichtsprozesses nach der besiegten Revolution von 1905 schildert Trotzki den Gegensatz zwischen der düsteren und bedrohlichen Örtlichkeit des Gerichtsgebäudes, in dem es von »Gendarmen mit blanken Säbeln« wimmelte, und den »Blumen ohne Ende«, welche die Bewunderer und Anhänger der angeklagten Revolutionäre in den Gerichtssaal gebracht hatten:

In den Knopflöchern, in den Händen, auf den Knien, endlich auf der Anklagebank selber – Blumen. Und der Vorsitzende hat nicht den Mut, diese duftende Unordnung zu entfernen. Zu guter Letzt überbringen sogar Gendarmerieoffiziere und Gerichtsbeamte, ganz und gar »demoralisiert« von der im Gerichtssaale herrschenden Atmosphäre, den Angeklagten die Blumen vom Publikum.[6]

Kein Geringerer als Bernard Shaw bemerkte einmal, dass Trotzki, wenn er einem Gegner mit seiner Feder den Kopf abgetrennt hatte, der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn aufzuheben, um allen zu zeigen, dass kein Hirn darin war. Die eigentliche Kraft von Trotzkis Polemik lag allerdings in der Brillanz, mit der er die Kluft zwischen den subjektiven Zielen eines Politikers und der objektiven Entwicklung der gesellschaftlichen Gegensätze in einer revolutionären Epoche aufdeckte. Als Maßstab diente ihm die zwangsläufige Entfaltung des historischen Prozesses, sodass Trotzkis Kritik bei aller Schärfe niemals grausam, sondern einfach angemessen war. So schrieb er über den wichtigsten Führer der bürgerlichen Provisorischen Regierung im Jahr 1917:

Kerenski war kein Revolutionär, er hatte sich nur an der Revolution gerieben … Er besaß weder theoretische Vorbereitung, noch politische Schulung, noch Fähigkeit zu verallgemeinerndem Denken, noch politischen Willen. Alle diese Eigenschaften ersetzten flüchtige Aufnahmefähigkeit, leichte Entzündbarkeit und jene Rednergabe, die nicht auf Verstand oder Willen wirkt, sondern auf die Nerven.[7]

Und über den Führer der Sozialrevolutionäre, Wiktor Tschernow:

Mit bedeutenden, aber nicht zu einer Einheit verbundenen Kenntnissen, eher ein Bücherkundiger als ein gebildeter Mensch, hatte Tschernow stets eine unbeschränkte Auswahl passender Zitate zu seiner Verfügung, die lange auf die Fantasie der russischen Jugend gewirkt hatten, ohne sie viel zu lehren. Nur auf eine einzige Frage hatte dieser redselige Führer keine Antwort: Wen und wohin führt er? Die eklektischen Formeln Tschernows, aufgeputzt mit Moral und Verschen, vereinigten bis zu einer bestimmten Zeit das bunteste Publikum, das in allen kritischen Stunden nach verschiedenen Richtungen hin zerrte. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn Tschernow seine Methode der Parteibildung selbstzufrieden dem lenin­schen »Sektierertum« gegenüberstellte.[8]

Und schließlich über den verblassten Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie:

Kautsky hat einen klaren und einzigen Rettungsweg: Die Demokratie. Es sei nur nötig, dass alle sie anerkennen und sich ihr unterordnen. Die rechten Sozialisten müssten die blutigen Gewalttaten aufgeben, die sie dem Willen der Bourgeoisie gemäß ausführen. Die Bourgeoisie selbst müsse dem Gedanken entsagen, mit Hilfe ihrer Noske und Leutnant Vogel ihre privilegierte Stellung bis zu Ende zu verteidigen. Endlich müsse das Proletariat ein für alle Mal dem Gedanken entsagen, die Bourgeoisie durch andere Mittel zu stürzen als diejenigen, die von der Verfassung vorgesehen sind. Bei der Befolgung der aufgezählten Bedingungen werde die soziale Revolution sich schmerzlos in Demokratie auflösen. Für den Erfolg genügt es, wie wir sehen, dass unsere stürmische Geschichte sich eine Nachtmütze auf den Kopf setze und die Weisheit der Tabakdose Kautskys entnehme.[9]

Man könnte ohne Weiteres den ganzen Tag damit zubringen, Absätze zu zitieren, in denen sich Trotzkis literarisches Genie auf glänzende Weise zeigt. Doch dieses Genie lag nicht nur oder in erster Linie in seinem Stil. Ein tiefer liegendes Element in Trotzkis gesamtem literarischen Werk lässt ihn jeden anderen politischen Denker seiner Zeit überragen. Wenn es möglich ist, dass Geschichte im Augenblick ihrer Entfaltung bewussten Ausdruck findet, dann tat sie dies in den Schriften Leo Trotzkis. Im Allgemeinen gibt es nichts Flüchtigeres als einen politischen Kommentar. Die Halbwertszeit selbst einer gut geschriebenen Zeitungskolumne ist für gewöhnlich nicht länger als die Zeit, die man braucht, um eine Tasse Kaffee zu trinken; dann wandert sie direkt vom Frühstückstisch ins Altpapier.

Bei Trotzkis Schriften ist dies anders – und damit beziehe ich mich nicht nur auf seine großen Werke, sondern auch auf seine Kommentare für die Tagespresse. Die Schriften und die Reden Leo Trotzkis scheinen bisweilen der erste Versuch der Geschichte selbst zu sein, sich über ihre Taten und Bestrebungen Rechenschaft abzulegen, so gut es irgend geht. Der Zweck von Trotzkis größten politischen Schriften, den Stellenwert der jüngsten Ereignisse in der welthistorischen Entwicklung der sozialistischen Revolution zu bestimmen, schlug sich in den von ihm gewählten Titeln nieder: »Wo stehen wir?«, »Wohin treibt England?«, »Wohin geht Frankreich?«, »Kapitalismus oder Sozialismus?« Lunatscharski sagte einmal über Trotzki: Er ist sich stets über seine Stellung in der Geschichte bewusst. Darin lag Trotzkis Stärke. Dies war die Quelle seiner politischen Widerstandskraft gegen den Opportunismus und gegen jeglichen Druck. Trotzki verstand den Marxismus als »Wissenschaft der Perspektive«.

Die Vernichtung des revolutionären Kaders durch den Stalinismus und die daraufhin einsetzende Erosion des Marxismus als theoretischer Waffe im Befreiungskampf der Arbeiterklasse hatte unter anderem zur Folge, dass alle möglichen Leute, die mit diesem Kampf überhaupt nichts zu tun hatten, als große Marxisten gefeiert wurden: marxistische Ökonomen, marxistische Philosophen, marxistische Ästhetiker usw. Wenn sie allerdings versuchten, ihre angebliche Beherrschung der Dialektik auf die politische Analyse der Tagesereignisse anzuwenden, zeigte sich ihre Inkompetenz. Trotzki war der letzte große Vertreter einer Schule des marxistischen Denkens – nennen wir sie die klassische Schule –, deren Beherrschung der Dialektik sich vor allem in der Fähigkeit äußerte, eine politische Situation einzuschätzen, eine politische Prognose zu entwickeln, eine strategische Orientierung auszugeben.

Eine Neubewertung Trotzkis

Eine der wichtigsten Aufgaben, der sich die Vierte Internationale in ihrer Geschichte verschrieben hatte, war die Verteidigung der historischen Rolle Trotzkis angesichts der Niedertracht der Stalinisten. Dies bedeutete nicht einfach die Verteidigung eines Individuums, sondern auch die Verteidigung des gesamten programmatischen Erbes des internationalen Marxismus und der Oktoberrevolution. Mit der Verteidigung Trotzkis bewahrte die Vierte Internationale die historische Wahrheit vor Fälschungen und vor dem Verrat an den Prinzipien, die der bolschewistischen Revolution zugrunde gelegen hatten.

Doch ist die Vierte Internationale mit dieser unnachgiebigen Verteidigung Trotzkis dem politischen und historischen Vermächtnis des »Alten« tatsächlich in vollem Umfang gerecht geworden? Nun, da das Jahrhundert, in dem Trotzki lebte, hinter uns liegt, ist wohl eine grundlegendere Würdigung seines politischen Vermächtnisses und seiner historischen Statur möglich geworden. Beginnen wir dabei mit einer kritischen Neubewertung einer bekannten Passage, in der Trotzki seinen eigenen Beitrag zum Erfolg der Oktoberrevolution von 1917 einschätzte.

In einem Tagebucheintrag mit Datum vom 25. März 1935 schrieb Trotzki:

Wäre ich 1917 nicht in Petersburg gewesen, so würde die Oktoberrevolution dennoch ausgebrochen sein – unter der Voraussetzung, dass Lenin anwesend gewesen wäre und die Führung übernommen hätte. Wären aber sowohl Lenin als auch ich von Petersburg abwesend gewesen, so hätte es keine Oktoberrevolution gegeben: Die Führung der bolschewistischen Partei hätte ihren Ausbruch verhindert (daran zweifle ich nicht im Geringsten!). Wäre Lenin damals nicht in Petersburg gewesen – ich würde den Widerstand der bolschewistischen Spitze wohl kaum gemeistert haben, der Kampf gegen den »Trotzkismus« (d. h. also gegen die proletarische Revolution) hätte bereits im Mai 1917 begonnen, und der Ausgang der Revolution wäre infrage gestellt gewesen. Ich wiederhole aber, dass angesichts Lenins die Oktoberrevolution sowieso zum Siege geführt hätte. Dasselbe lässt sich im Großen und Ganzen vom Bürgerkrieg behaupten, obwohl in dessen erster Phase, und besonders nach dem Verlust von Simbirsk und Kasan, Lenin wankend wurde und zu zweifeln begann; doch war das sicherlich nur eine vorübergehende Anwandlung, und er hat es sogar wohl kaum jemandem außer mir gestanden. So gesehen, kann ich nicht einmal hinsichtlich der Zeitspanne von 1917 bis 1921 von der »Unersetzlichkeit« meiner Arbeit sprechen.[10]

Trifft diese Einschätzung zu? Trotzki bezieht sich in diesem Absatz in erster Linie auf den politischen Kampf innerhalb der bolschewistischen Partei. Als Ausgangspunkt nimmt er berechtigterweise die entscheidende Bedeutung, die der Umorientierung der bolschewistischen Partei im April 1917 zukam. Lenins größte Leistung des Jahres 1917, von welcher der Erfolg der Revolution abhing, bestand darin, dass er den Widerstand alter bolschewistischer Führer, besonders Kamenews und Stalins, gegen eine strategische Wende in der bolschewistischen Politik überwand.

Die entscheidende Bedeutung dieses Kampfs innerhalb der bolschewistischen Partei unterstreicht nur die weitreichenden Implikationen der programmatischen Auseinandersetzungen, die früher innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands stattgefunden hatten. Selbst wenn es in erster Linie Lenin war, der den Widerstand gegen die Machteroberung und gegen die Errichtung einer proletarischen Diktatur innerhalb der bolschewistischen Partei überwand, so kämpfte er doch in Wahrheit gegen die Anhänger einer politischen Linie, die er selbst zuvor im Gegensatz zur Perspektive Leo Trotzkis vertreten hatte.

Als Lenin im April 1917 nach Russland zurückkehrte und die Perspektive der »demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft« widerrief, wurde dies weithin so interpretiert, dass er – wenn er es auch nicht offen zugab – die politische Linie übernahm, mit der Trotzki seit mehr als zehn Jahren assoziiert wurde: die permanente Revolution.

Die Theorie der permanenten Revolution

Ich möchte kurz auf die grundlegenden Fragen eingehen, mit denen die russische revolutionäre Bewegung in den letzten Jahrzehnten der zaristischen Herrschaft konfrontiert war. Um den Verlauf der gesellschaftlich-politischen Entwicklung Russlands vorherzusehen, entwickelten die Schulen des russischen Sozialismus drei mögliche, einander entgegengesetzte Varianten.

Plechanow, der Vater des russischen Marxismus, sah die gesellschaftliche Entwicklung Russlands in Begriffen einer formal-logischen Abfolge, in der die historischen Entwicklungsstadien von einem gegebenen ökonomischen Entwicklungsstand vorgezeichnet waren. Erst sollte der Feudalismus vom Kapitalismus abgelöst werden, und Letzterer würde seinerseits, sobald die erforderlichen Voraussetzungen der ökonomischen Entwicklung erreicht wären, dem Sozialismus weichen. Das theoretische Modell, dem nach Plechanow die russische Entwicklung folgen sollte, war dem historischen Muster der bürgerlich-demokratischen Evolution in Westeuropa nachgebildet. Die Möglichkeit, dass Russland vor den stärker entwickelten Ländern im Westen den Weg des Sozialismus einschlagen könnte, war nicht vorgesehen. An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert, so Plechanow, stand Russland die Aufgabe der bürgerlich-demokratischen Revolution noch bevor. Darunter verstand er den Sturz des Zarenregimes und die Schaffung der politischen und ökonomischen Voraussetzungen für eine künftige, noch weit entfernte, soziale Revolution. Aller Wahrscheinlichkeit nach standen Russland viele Jahrzehnte bürgerlich-demokratischer Entwicklung bevor, erst dann würde seine ökonomische und gesellschaftliche Struktur eine sozialistische Umwandlung tragen können. Dieses formale Konzept der russischen Entwicklung war in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die vorherrschende Lehrmeinung unter breiten Schichten der russischen sozialdemokratischen Bewegung. Plechanows Position war jedoch mit einem ungelösten Widerspruch behaftet, der das besondere Wesen der Gesellschaftsentwicklung in Russland widerspiegelte. Schon 1889 hatte Plechanow vorausgesehen, dass die russische Arbeiterklasse in der bevorstehenden Revolution die führende Rolle spielen würde. Er erklärte auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale, dass die russische Revolution nur als Arbeiterrevolution gelingen könne. Aber wie vertrug sich diese Einsicht mit einer Perspektive, die davon ausging, dass nach der Revolution die russische Bourgeoisie die Macht ausüben müsse? Auf diese Frage gab Plechanow niemals eine zufrieden stellende Antwort.

Die Ereignisse von 1905 – der Ausbruch der ersten russischen Revolution – stellten die Gültigkeit von Plechanows theoretischem Modell in Frage. Der wichtigste Aspekt der russischen Revolution war die dominierende politische Rolle des Proletariats im Kampf gegen den Zarismus. Vor dem Hintergrund von Generalstreik und Aufstand nahmen sich die Manöver der politischen Führer der russischen Bourgeoisie kleinlich und verräterisch aus. Sie brachte keinen Robespierre oder Danton hervor. Die Kadettenpartei (Konstitutionelle Demokraten) hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Jakobinern.

Lenins Analyse war tiefer und weitgehender als die Plechanows. Er akzeptierte den bürgerlich-demokratischen Charakter der russischen Revolution. Doch mit dieser Definition war die Frage nach den Beziehungen zwischen den Klassen und nach der Machtverteilung in der Revolution noch nicht beantwortet. Lenin beharrte darauf, dass die Aufgabe der Arbeiterklasse darin bestand, durch ihre unabhängige Organisation und ihren unabhängigen Einsatz für eine möglichst umfassende und radikale Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution zu sorgen. Er setzte sich also für die kompromisslose Vernichtung aller ökonomischen, politischen und sozialen Überbleibsel des zaristischen Feudalismus ein. Auf diese Weise sollten die günstigsten Voraussetzungen für eine wirklich progressive demokratische Verfassung geschaffen werden, damit sich in diesem Rahmen die russische Arbeiterbewegung entfalten könne. Im Zentrum dieser demokratischen Revolution stand für Lenin die Lösung der »Agrarfrage«. Darunter verstand er die Zerschlagung aller ökonomischen und rechtlichen Überreste des Feudalismus. Die ausgedehnten Ländereien des Adels bildeten ein enormes Hindernis für die Demokratisierung des russischen Lebens und für die Entwicklung einer modernen kapitalistischen Wirtschaft.

Lenins Auffassung der bürgerlichen Revolution wurde – im Gegensatz zu jener Plechanows – nicht durch eine formelle Herangehensweise beschränkt. Er näherte sich der bürgerlich-demokratischen Revolution praktisch von innen heraus. Er ging nicht von einem formalen politischen Schema aus – dass eine parlamentarische Demokratie das unvermeidliche Ergebnis der bürgerlichen Revolution sein würde –, sondern bemühte sich darum, die politische Form der Revolution aus dem wesentlichen, ihr innewohnenden sozialen Inhalt abzuleiten.

Lenin erkannte zwar die enormen gesellschaftlichen Aufgaben, die mit Russlands bevorstehender demokratischer Revolution verbunden waren, beharrte aber – im Gegensatz zu Plechanow – darauf, dass diese nicht unter der politischen Führung der russischen Bourgeoisie verwirklicht werden konnten. Der Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland war nur dann möglich, wenn die Arbeiterklasse den Kampf um Demokratie unabhängig, ja sogar im Gegensatz zur Bourgeoisie führte. Doch aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche konnte die Arbeiterklasse allein keine ausreichende Massenbasis für die demokratische Revolution stellen. Das russische Proletariat musste für eine kompromisslose, radikaldemokratische Lösung der Landfrage eintreten, um die millionenköpfige russische Bauernschaft für sich zu gewinnen.

Welche staatliche Form würde also das Regime annehmen, das aus diesem revolutionären Bündnis der beiden großen Volksklassen hervorginge? Lenins Konzeption sah eine »demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft« vor. Die beiden Klassen würden die Staatmacht teilen und gemeinsam über die möglichst umfassende Umsetzung der demokratischen Revolution wachen. Lenin äußerte sich nicht im Einzelnen zu den Arrangements der Machtteilung, zu denen es in einem solchen Regime käme, und definierte auch nicht die Staatsform, in der diese Diktatur von zwei Klassen ausgeübt werden könnte.

Ungeachtet des erwarteten politischen Radikalismus betonte Lenin, dass das Ziel der demokratischen Diktatur nicht in der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft liegen würde. Die Revolution würde, was ihr ökonomisches Programm anging, notwendigerweise im Rahmen des Kapitalismus verbleiben. Selbst wenn Lenin für eine radikale Lösung der Landfrage eintrat, betonte er, dass die Verstaatlichung des Bodens, die sich gegen die russischen Großgrundbesitzer richtete, keine sozialistische, sondern eine bürgerlich-demokratische Maßnahme sei.

Zu diesem entscheidenden Punkt äußerte sich Lenin in seiner Polemik unmissverständlich. Im Jahr 1905 schrieb er:

Die Marxisten sind durchaus vom bürgerlichen Charakter der russischen Revolution überzeugt. Was heißt das? Das heißt, dass die demokratischen Reformen …, die für Russland eine Notwendigkeit geworden sind, nicht nur als solche noch keinen Anschlag auf den Kapitalismus bedeuten, keinen Angriff auf die Vorherrschaft der Bourgeoisie, sondern dass sie im Gegenteil zum ersten Mal das Terrain bereinigen für eine breite und schnelle europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus, dass sie zum ersten Mal die Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse möglich machen.[11]

Trotzkis Position unterschied sich völlig sowohl von jener der Menschewiki als auch von der Lenins. Trotz ihrer unterschiedlichen Schlussfolgerungen gründeten sowohl Plechanow als auch Lenin ihre Perspektiven auf das gegebene Entwicklungsstadium der russischen Wirtschaft und auf die Beziehungen zwischen den sozialen Kräften innerhalb des Landes. Dagegen war Trotzkis Ausgangspunkt nicht das bestehende Wirtschaftsniveau Russlands oder die Klassenbeziehungen im Lande, sondern der welthistorische Kontext, innerhalb dessen sich Russlands verspätete demokratische Revolution entfalten musste.

Trotzki zeichnete den historischen Werdegang der bürgerlichen Revolution nach: von ihrer klassischen Manifestation im achtzehnten Jahrhundert durch die Wechselfälle des neunzehnten Jahrhunderts und schließlich im modernen Kontext von 1905. Er erklärte, wie die Veränderungen der historischen Bedingungen – insbesondere die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Herausbildung der internationalen Arbeiterklasse – die soziale und politische Dynamik der bürgerlich-demokratischen Revolution verwandelt hatte. Traditionelle politische Gleichungen, abgeleitet aus den Bedingungen, wie sie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorgeherrscht hatten, waren in der neuen Situation von geringem Wert.

Trotzki erkannte die politische Beschränktheit von Lenins Formel. Sie war politisch unrealistisch: Sie löste das Problem der Staatsmacht nicht, sondern wich ihm aus. Trotzki akzeptierte nicht, dass das russische Proletariat sich mit Maßnahmen streng demokratischen Charakters begnügen würde. Die Realität der Klassenbeziehungen würde die Arbeiterklasse zwingen, ihre politische Diktatur gegen die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie zu richten. Mit anderen Worten, der Kampf der Arbeiterklasse würde unweigerlich sozialistischen Charakter annehmen. Doch wie war dies angesichts der Rückständigkeit Russlands möglich? Angesichts seiner beschränkten ökonomischen Entwicklung war das Land eindeutig nicht reif für den Sozialismus.

Wenn man die russische Revolution nur aus sich heraus betrachtete, schien es keine Lösung für dieses Problem zu geben. Wenn man sie jedoch aus dem Blickwinkel der Weltgeschichte und der internationalen Entwicklung des Kapitalismus untersuchte, dann zeichnete sich eine überraschende Lösung ab. Schon im Juni 1905 stellte Trotzki fest, dass »der Kapitalismus die gesamte Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus verwandelt hat«. Trotzki erfasste die Implikationen dieses Wandels in der Struktur der Weltwirtschaft:

Das verleiht den sich entwickelnden Ereignissen von Anfang an einen internationalen Charakter und eröffnet eine große Perspektive: Die politische Emanzipation, geleitet von der Arbeiterklasse Russlands, hebt diese ihre Führerin auf eine in der Geschichte bisher unbekannte Höhe, legt kolossale Kräfte und Mittel in ihre Hand, lässt sie die weltweite Vernichtung des Kapitalismus beginnen, für die die Geschichte alle objektiven Voraussetzungen geschaffen hat.[12]

Trotzkis Herangehensweise stellte einen wichtigen theoretischen Durchbruch dar. Sie führte zu einer Verschiebung der analytischen Perspektive, unter der revolutionäre Prozesse betrachtet wurden. Vor 1905 wurden Revolutionen als Resultat fortschreitender nationaler Ereignisse aufgefasst, deren Ergebnis von der Logik ihrer inneren sozioökonomischen Struktur und Beziehungen bestimmt wurde. Trotzki trat für eine andere Herangehensweise ein: Die Revolution sollte in der modernen Epoche als ein im Wesentlichen welthistorischer Prozess aufgefasst werden, ein Prozess des Übergangs von der Klassengesellschaft, die politisch in Nationalstaaten verwurzelt ist, zu einer klassenlosen Gesellschaft, die sich auf der Grundlage einer global integrierten Wirtschaft und der international vereinten Menschheit entwickelt.

Trotzki entwickelte diese Konzeption des revolutionären Prozesses zu einem Zeitpunkt, als die sozialistische Bewegung mit einer Flut sozioökonomischer und politischer Daten konfrontiert war, die innerhalb des bestehenden theoretischen Rahmens nicht angemessen verarbeitet werden konnten. Wegen ihrer schieren Komplexität entzog sich die moderne Weltwirtschaft den alten, formalen Definitionen. Die Entwicklung der Weltwirtschaft wirkte mit bis dahin unbekannter Stärke auf jede nationale Wirtschaft ein. Selbst rückständige Ökonomien wiesen – infolge von Investitionen aus dem Ausland – einige hoch entwickelte Merkmale auf. Es gab feudalistische oder semi-feudalistische Regime, deren politische Strukturen in Überbleibseln des Mittelalters verhaftet waren, während die Wirtschaft der von ihnen beherrschten Länder stark von der Schwerindustrie geprägt war. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass man in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung auf eine Bourgeoisie traf, die weniger Interesse am Erfolg »ihrer« demokratischen Revolution an den Tag legte als die einheimische Arbeiterklasse. Diese Anomalien passten nicht zu formalstrategischen Schemata, die in ihren Prognosen von gesellschaftlichen Verhältnissen ausgingen, die weniger von inneren Widersprüchen zerrissen waren.

Trotzkis große Leistung bestand in der Ausarbeitung eines Theorierahmens, der den modernen sozialen, ökonomischen und politischen Komplexitäten gerecht wurde. Es war nichts Utopisches an Trotzkis Ansatz. Er entsprang vielmehr einer tiefen Einsicht in die Auswirkungen der Weltwirtschaft auf das gesellschaftliche und politische Leben. Eine realistische Herangehensweise an die Politik und die Erarbeitung einer wirkungsvollen revolutionären Strategie hingen davon ab, dass die sozialistischen Parteien vom objektiv gegebenen Primat des Internationalen gegenüber dem Nationalen ausgingen. Dies erschöpfte sich nicht im Eintreten für internationale proletarische Solidarität. Ohne ein Verständnis ihrer wesentlichen, objektiven Grundlage in der Weltwirtschaft, und ohne die Realität der Weltwirtschaft zur Grundlage des strategischen Denkens zu machen, würde der proletarische Internationalismus ein utopisches Ideal bleiben, das keinen inneren Zusammenhang zu Programm und Praxis national basierter sozialistischer Parteien aufwies.

Trotzki analysierte die historische Entwicklung des Weltkapitalismus und die objektive Abhängigkeit Russlands von der internationalen ökonomischen und politischen Entwicklung. Auf dieser Basis sah er voraus, dass die russische Revolution unweigerlich eine sozialistische Richtung einschlagen musste. Die russische Arbeiterklasse würde gezwungen sein, die Macht zu erobern und Maßnahmen sozialistischen Charakters zu ergreifen. Doch auf dem einmal eingeschlagenen sozialistischen Kurs würde die Arbeiterklasse in Russland unvermeidlich an die Schranken der nationalen Umgebung stoßen. Wie würde sie dieses Dilemma lösen? Indem sie ihr Schicksal mit der europäischen und der Weltrevolution verknüpfte, deren Manifestation ihr eigener Kampf letztlich war.

Trotzkis Theorie der permanenten Revolution ermöglichte eine realistische Konzeption der Weltrevolution. Das Zeitalter der nationalen Revolutionen war zu Ende – oder, um genauer zu sein, nationale Revolutionen konnten nur noch im Rahmen der internationalen sozialistischen Revolution verstanden werden.

Trotzki und die Bolschewiki

Wenn man sich die Implikationen von Trotzkis Analyse vor Augen führt, gelangt man zu einem besseren Verständnis seiner Differenzen sowohl mit den Menschewiki als auch den Bolschewiki. Es ist nicht meine Absicht, in irgendeiner Weise die Bedeutung von Lenins großer Leistung herabzumindern. Tiefer als jeder andere verstand er die politische Bedeutung des Kampfs gegen den Opportunismus in der revolutionären Bewegung. Er führte ihn auf allen Ebenen der Parteiarbeit und der Organisation. Doch so wichtig und entscheidend die Fragen der revolutionären Organisation sind, die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts lehrt die Arbeiterklasse, bzw. sollte sie lehren, dass selbst die standhafteste Organisation zu einem Hindernis für die Revolution werden kann und wird, wenn sie sich nicht von einer korrekten revolutionären Perspektive leiten lässt.

Trotzki beurteilte sämtliche Tendenzen innerhalb der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei anhand ihrer Perspektive und ihres Programms. In welchem Maße, fragte Trotzki, basierte ihr politisches Programm auf einer zutreffenden Einschätzung der international wirksamen Kräfte, die Evolution und Schicksal der russischen Revolution bestimmen würden? Von diesem Standpunkt aus stand Trotzki Programm und Orientierung der bolschewistischen Partei zu Recht kritisch gegenüber. Ich möchte aus einem Artikel zitieren, in dem er 1909 die verschiedenen Positionen der unterschiedlichen Fraktionen innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands besprach. Er schrieb:

Lenin glaubt, die Widersprüche zwischen den Klasseninteressen des Proletariats und der objektiven Lage würden gelöst, indem sich das Proletariat eine politische Beschränkung setzt. Diese Selbstbeschränkung ergäbe sich aus der theoretischen Einsicht des Proletariats, dass die Revolution, in der es eine führende Rolle spielt, eine bürgerliche Revolution ist. Lenin verlagert den objektiven Widerspruch in das Bewusstsein des Proletariats und löst ihn mittels einer Klassenaskese, die nicht im religiösen Glauben, sondern in einem sogenannten wissenschaftlichen Schema wurzelt. Es genügt, dieses intellektuelle Konstrukt deutlich zu betrachten, um zu verstehen, wie hoffnungslos idealistisch es ist …

Der Haken ist, dass sich die Bolschewiki den Klassenkampf des Proletariats nur bis zum Moment der Revolution und ihres Siegs vorstellen. Danach betrachten sie ihn als vorübergehend in der demokratischen Koalition aufgelöst. Erst nach der endgültigen Errichtung eines republikanischen Systems soll er wieder in reiner Form entstehen, diesmal als direkter Kampf für den Sozialismus. Wenn die Menschewiki, von der Abstraktion ausgehend, unsere Revolution sei bürgerlich, zu dem Gedanken kommen, die gesamte Taktik des Proletariats sei dem Verhalten der liberalen Bourgeoisie, einschließlich deren Eroberung der Staatsmacht, anzupassen, so kommen die Bolschewiki, ausgehend von derselben nackten Abstraktion der »demokratischen, nicht sozialistischen Diktatur«, zum Gedanken der bürgerlich-demokratischen Selbstbeschränkung des Proletariats, in dessen Händen sich die Staatsmacht befindet. Der Unterschied zwischen ihnen in dieser Frage ist allerdings recht bedeutend: Während die antirevolutionären Seiten des Menschewismus sich in ihrer ganzen Kraft bereits jetzt äußern, drohen die antirevolutionären Züge des Bolschewismus als große Gefahr erst im Falle des revolutionären Siegs.[13]

Dies war eine scharfsinnige Vorwegnahme der russischen Revolution. Kaum war das zaristische Regime gestürzt, da zeigte sich auch schon die Beschränktheit von Lenins Perspektive der demokratischen Diktatur. Trotzki führte weiter aus, dass die russische Arbeiterklasse gezwungen sein werde, die Macht zu erobern, und »mit den objektiven Problemen des Sozialismus konfrontiert wird. Die Lösung dieser Probleme wird aber in einem gewissen Stadium durch die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes verhindert. Im Rahmen einer nationalen Revolution gibt es keinen Ausweg aus diesem Widerspruch.« Trotzki erkannte also, dass die Beschränktheit von Lenins Perspektive nicht nur in ihrer politischen Prognose lag, sondern dass diese Prognosen auf einer nationalen, nicht internationalen Sicht der Umstände beruhten, innerhalb derer sich die russische Revolution entfalten würde.

Trotzki fuhr fort:

Die Arbeiterregierung wird vor der Aufgabe stehen, ihre Kräfte mit jenen des sozialistischen Proletariats Westeuropas zu vereinen. Nur so wird ihre zeitweilige revolutionäre Vorherrschaft zum Prolog der sozialistischen Diktatur werden. So wird die permanente Revolution für das russische Proletariat zu einer Frage des Selbsterhalts als Klasse. Wenn sich die Arbeiterpartei nicht ausreichend für eine aggressive revolutionäre Taktik einsetzt, wenn sie sich auf die magere Diät einer rein demokratischen und rein nationalen Diktatur setzt, dann werden die reaktionären Kräfte Europas ohne Umschweife deutlich machen, dass eine Arbeiterklasse, die sich einmal an der Macht befindet, ihre ganze Kraft in den Kampf für die sozialistische Revolution stecken muss.[14]

Das war der entscheidende Punkt. Die unterschiedlichen Vorstellungen über die politische Form der künftigen Staatsmacht ergaben sich aus unterschiedlichen Einschätzungen bezüglich der Bedeutung des Internationalen als ausschlaggebendem Faktor für das politische Resultat der revolutionären Bewegung.

Das Folgende muss hinsichtlich der Entwicklung der bolschewistischen Partei festgehalten werden: Jedes Programm widerspiegelt den Einfluss und die Interessen sozialer Kräfte. In Ländern mit verzögerter bürgerlicher Entwicklung, in der die Bourgeoisie unfähig ist, die nationalen und demokratischen Aufgaben der Revolution konsequent zu verfechten, fließen bestimmte Elemente dieser Aufgaben in das Programm der Arbeiterklasse ein. Die Arbeiterklasse muss jene demokratischen und nationalen Forderungen, denen noch eine progressive Bedeutung zukommt, aufgreifen. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts war die sozialistische Bewegung häufig gezwungen, die Verantwortung für demokratische und nationale Aufgaben zu schultern und Elemente in ihre Reihen aufzunehmen, für die diese Aufgaben im Mittelpunkt standen – und denen die sozialistischen und internationalen Bestrebungen der Arbeiterklasse weitaus weniger bedeuteten. Die Vermischung von national-demokratischen und sozialistischen Tendenzen hat in der Entwicklung der bolschewistischen Partei eine Rolle gespielt. Lenin vertrat innerhalb der bolschewistischen Partei zweifellos die konsequenteste Opposition gegen diese Art nationalistischer und kleinbürgerlich-demokratischer Voreingenommenheit. Er war sich über ihre Existenz bewusst und konnte sie nicht einfach ignorieren.

Im Dezember 1914, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, schrieb Lenin:

Ist uns großrussischen klassenbewussten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiss nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, dass ihre werktätigen Massen (d. h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum bewussten Leben erhoben werden, dass sie Demokraten und Sozialisten werden. Es schmerzt uns am meisten, zu sehen und zu fühlen, welchen Gewalttaten, welcher Unterdrückung und welchen Schmähungen die Zarenschergen, Gutsbesitzer und Kapitalisten unsere schöne Heimat unterwerfen. Wir sind stolz darauf, dass diese Gewalttaten Widerstand in unserer Mitte, im Lager der Großrussen hervorgerufen haben, dass aus diesem Lager Radistschew, die Dekabristen, die Rasnotschinzen-Revolutionäre der siebziger Jahre hervorgegangen sind, dass die großrussische Arbeiterklasse im Jahre 1905 eine mächtige revolutionäre Massenpartei geschaffen, dass der großrussische Bauer zur selben Zeit Demokrat zu werden und den Popen und den Gutsbesitzer davonzujagen begonnen hat.

… Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation hat gleichfalls eine revolutionäre Klasse hervorgebracht, hat gleichfalls bewiesen, dass sie imstande ist, der Menschheit große Vorbilder des Kampfs für die Freiheit und den Sozialismus zu geben und nicht nur große Pogrome, Galgenreihen und Folterkammern, große Hungersnöte und große Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den Gutsbesitzern und Kapitalisten.[15]

Lenin war der Autor dieser Zeilen, doch man täte ihm Unrecht, würde man diesen Artikel als politisches Zugeständnis an den großrussischen Chauvinismus werten. Seine gesamte Biografie bezeugt seine unversöhnliche Opposition gegen den großrussischen Nationalismus. Der Artikel war ein Versuch Lenins, revolutionären Einfluss auf die tief verwurzelten nationalistischen Empfindungen der arbeitenden Massen zu nehmen und diese Gefühle für revolutionäre Zwecke zu gebrauchen. Er zeigt, dass Lenin die starken nationalistischen Regungen nicht nur in der Arbeiterklasse, sondern auch in Teilen seiner eigenen Partei deutlich empfand. Die Ausnutzung nationalistischer Gefühle für revolutionäre Zwecke – im Gegensatz zur Anpassung revolutionärer Ziele an Nationalismus – ist eine schwierige Gratwanderung. Die Botschaft, die der Autor vermitteln will, entspricht nicht unbedingt der Interpretation seines Publikums. Unweigerlich leidet die politische Qualität der Botschaft, wenn sie bei einem breiten Publikum ankommt. Was Lenin als Tribut an die revolutionären Traditionen der großen russischen Arbeiterklasse verstanden wissen wollte, wurde von eher rückständigen Teilen der Parteiarbeiter aller Wahrscheinlichkeit nach als Loblied auf die revolutionären Fähigkeiten der Großrussen interpretiert. Und dies ist ungeachtet seiner linken Form eine Spielart des Chauvinismus mit gefährlichen politischen Implikationen, wie Trotzki 1915 aufzeigte. Er schrieb damals:

Wenn man die Perspektive der sozialen Revolution im nationalen Rahmen betrachten würde, so würde das bedeuten, ein Opfer derselben nationalen Engstirnigkeit zu werden, die das Wesen des Sozialpatriotismus ausmacht. … Man darf ganz allgemein nicht vergessen, dass innerhalb des Sozialpatriotismus neben dem vulgärsten Reformismus auch ein nationaler revolutionärer Messianismus existiert, der gerade seinen eigenen Nationalstaat, sei es wegen dessen industriellem Niveau oder dessen »demokratischen« Formen und revolutionären Errungenschaften, für berufen hält, die Menschheit zum Sozialismus oder zur »Demokratie« zu führen. Wenn eine siegreiche Revolution tatsächlich innerhalb der Grenzen einer einzelnen, entwickelteren Nation denkbar wäre, dann wäre dieser Messianismus und mit ihm das Programm der nationalen Verteidigung historisch verhältnismäßig gerechtfertigt. Doch er ist es natürlich nicht. Denn der Kampf für die Erhaltung der nationalen Basis der Revolution mit solchen Methoden, welche die internationalen Verbindungen des Proletariats untergraben, bedeutet in Wirklichkeit die Untergrabung der Revolution selbst. Denn diese kann nur auf nationaler Basis beginnen, doch sie kann angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen, militärischen und politischen gegenseitigen Abhängigkeit der europäischen Staaten, die noch nie so deutlich zutage getreten ist wie gerade während des gegenwärtigen Kriegs, niemals auf ihr vollendet werden.[16]

Es wäre lohnend, die Umstände zu studieren, unter denen Lenin seine politische Perspektive neu bewertete. Sein Studium der Weltwirtschaft unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs ermöglichte ihm tiefere Einblicke in die Dynamik der russischen Revolution und veranlasste ihn, im Wesentlichen die Perspektive zu übernehmen, die bereits seit vielen Jahren mit Trotzki in Zusammenhang gebracht wurde.

Als Lenin 1917 seine Aprilthesen verlas, war den Zuhörern sofort klar, dass er in seiner Argumentation Trotzki folgte. Auf der Stelle wurde der Vorwurf des »Trotzkismus« erhoben, und schon diese Tatsache allein beweist die Größe von Trotzkis geistigem Beitrag zum Erfolg der Revolution in diesem Jahr. Trotzki hatte bereits einen begrifflichen und politischen Rahmen geschaffen, innerhalb dessen die Debatte in der bolschewistischen Partei voranschreiten konnte. Sie kam nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wenn Lenins Persönlichkeit und sein unumstrittenes Ansehen innerhalb der bolschewistischen Partei einen relativ raschen Sieg der neuen Perspektive ermöglichten, so begünstigte Trotzkis Pionierarbeit am Konzept der permanenten Revolution Lenins Kampf in der bolschewistischen Partei, insbesondere unter Bedingungen, als sich die Massen in Russland 1917 nach links bewegten.

In gewissem Sinne folgten die Ereignisse vom Frühjahr, Sommer und Herbst 1917 der Entwicklung zwölf Jahre zuvor. Ich möchte einen interessanten Absatz aus dem Buch »Die Ursprünge des Bolschewismus« von dem Menschewiken Theodor Dan vorlesen. Folgendermaßen äußert er sich über das Jahr 1905:

Die Situation in den »Tagen der Freiheit« [des Höhepunkts der Revolution von 1905] war … so, dass sie praktisch die Menschewiken wie die Bolschewiken auf die Seite des »Trotzkismus« drängte. Der »Trotzkismus« wurde für kurze Zeit (freilich damals noch ohne Namen) zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der russischen Sozialdemokratie eine gemeinsame Plattform.[17]

Also gewann 1905, unter Bedingungen einer äußerst explosiven Linkswendung der russischen Arbeiterklasse, Trotzkis Perspektive enorm an Ansehen und Gewicht. Dies wiederholte sich 1917. Der Sieg von 1917 bestätigte Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution. Andererseits fand 1922–1923 die beginnende politische Reaktion gegen die Oktoberrevolution und das Wiederaufkommen des russischen Nationalismus seinen Ausdruck im erneuten Wachstum der alten, antitrotzkistischen Tendenzen innerhalb der bolschewistischen Partei. Man kann die damaligen Tendenzen nicht getrennt von den politischen Zerwürfnissen betrachten, die es bereits zuvor in der bolschewistischen Partei gegeben hatte. Damit ist nicht gesagt, dass sie identisch waren.

Das Wachstum des Bolschewismus im Jahr 1917 beruhte auf einer stürmischen Radikalisierung der Arbeiterklasse in den großen städtischen Zentren. Die sozialen Kräfte, die dem Wachstum der Partei 1922 und 1923 zugrunde lagen und die Lenin große Sorgen bereiteten, bestanden in hohem Maße aus nichtproletarischen Elementen, insbesondere aus den unteren Mittelklassen in den städtischen Zentren, denen die Revolution unzählige Karrieremöglichkeiten eröffnet hatte – von den Überbleibseln der alten zaristischen Bürokratie ganz zu schweigen. In den Augen dieser Elemente war die russische Revolution mehr oder weniger ein nationales, kein internationales Ereignis. Schon 1922 warnte Lenin vor diesem Phänomen, dem Anwachsen einer Art von nationalem Bolschewismus. Immer dringlicher verurteilte er die chauvinistischen Tendenzen. Diese Warnungen richteten sich Ende 1922 und Anfang 1923 insbesondere gegen Stalin, der sich nach Lenins Ansicht zum abscheulichen Typus des brutalen großrussischen Chauvinisten entwickelte.

Der Kampf gegen den Trotzkismus war im Wesentlichen ein Wiedererstarken der politischen Opposition gegen die Theorie der permanenten Revolution innerhalb der Partei. Weshalb hat Trotzki dies nicht offen ausgesprochen? Meiner Ansicht nach liegt die Antwort in den außerordentlich schwierigen Umständen, die durch Lenins letzte Krankheit und durch seinen Tod geschaffen wurden. Trotzki empfand es einfach als unmöglich, so offen über seine früheren Differenzen mit Lenin zu sprechen, wie er es vermutlich gern getan hätte. Erst Adolf Joffe übernahm es, in seinem berühmten Abschiedsbrief an Trotzki diese Differenzen objektiv und ungeschminkt zur Sprache zu bringen. Er schrieb diesen Brief im November 1927, nur Stunden, bevor er sich das Leben nahm, um gegen Trotzkis Ausschluss aus der Kommunistischen Partei zu protestieren. Joffe schrieb, er habe Lenin oft sagen hören, dass hinsichtlich der grundlegenden Perspektivfragen – einschließlich der Frage der permanenten Revolution – nicht er, sondern Trotzki Recht gehabt habe.

Der unterschwellige Nationalismus der politischen Tendenzen, die sich in der Parteiführung entwickelten, blieb Trotzki kaum verborgen. Gegen Ende seines Lebens erklärte Trotzki ausdrücklich, der Kampf gegen den Trotzkismus in der Sowjetunion habe in den Differenzen gewurzelt, die schon vor 1917 in der bolschewistischen Partei geherrscht hatten. Im Jahr 1939 schrieb er: »Man kann sagen, dass der ganze ›Stalinismus‹ in ›theoretischer‹ Hinsicht aus der Kritik der Theorie der permanenten Revolution, so wie sie im Jahre 1905 formuliert worden war, hervorgegangen ist.«[18]

Trotzki wird als Theoretiker der Weltrevolution im Bewusstsein der revolutionären Bewegung bleiben. Natürlich lebte er länger als Lenin und wurde mit neuen Problemen konfrontiert. Dennoch weisen Trotzkis gesamte Schriften von 1905 bis zu seinem Tod 1940 eine ganz bestimmte Kontinuität auf. Ihr entscheidendes und wesentliches Thema ist stets die Perspektive der Weltrevolution. Lenins gesamtes Wesen ist in der russischen Revolution aufgehoben. Doch für Trotzki war sie eine Episode in seinem Leben – eine sehr große Episode, gewiss, aber eben doch nur eine Episode im größeren Drama der sozialistischen Weltrevolution.

Es würde den Rahmen dieses Vortrags sprengen, noch auf Trotzkis Arbeit nach seiner Verdrängung von der politischen Macht einzugehen. Abschließend möchte ich lediglich ein entscheidendes Element in Trotzkis theoretischem Vermächtnis betonen: seine Rolle als letzter großer Vertreter des klassischen Marxismus.

Mit dem Begriff des klassischen Marxismus verbinden wir zwei fundamentale Auffassungen: erstens, dass die Arbeiterklasse die grundlegende revolutionäre Kraft in der Gesellschaft ist, und zweitens, dass die wichtigste Aufgabe von Marxisten darin besteht, unermüdlich auf theoretischer und auf praktischer Ebene für ihre politische Unabhängigkeit zu kämpfen. Die sozialistische Revolution ist das Endprodukt dieser ständigen, kompromisslosen Arbeit. Die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse erreicht man nicht durch eine clevere Taktik, sondern durch Bildung im grundlegenden Sinne – vor allem durch die Bildung ihrer politischen Avantgarde. Es gibt keine Abkürzungen. Wie Trotzki häufig warnte, ist die Ungeduld der größte Feind der revolutionären Strategie.

Das zwanzigste Jahrhundert war Zeuge der größten Siege und tragischer Niederlagen der Arbeiterklasse. Es ist notwendig, die Lehren aus den vergangenen einhundert Jahren zu ziehen. Nur unsere Bewegung hat sich dieser Aufgabe angenommen. Die Geschichte kennt keine Vergeblichkeit und kein Vergessen. Der nächste große Aufschwung der internationalen Arbeiterklasse, dessen internationales Ausmaß durch die globale Verflechtung der kapitalistischen Produktion vorgezeichnet ist, wird zu einem intellektuellen Wiederaufleben des Trotzkismus, d. h. des klassischen Marxismus, führen.

[1] Vortrag vom 21. Januar 2001, gehalten im Rahmen eines internationalen Seminars der australischen Socialist Equality Party in Sydney, erstmals veröffentlicht auf der World Socialist Web Site (www.wsws.org) am 29. Juni 2001, deutsch am 6. Juli 2001 [http://www.wsws.org/de/articles/2001/jul2001/trot-j06.shtml].

[2] Leo Trotzki, »Stalin Seeks my Death«, 8. Juni 1940, in: Writings of Leon Trotsky (1939–40). New York 2001; S. 298 f., aus dem Englischen.

[3] Leo Trotzki, Verteidigung des Marxismus. Essen 2006; S. 36.

[4] Robert J. Alexander, International Trotskyism 1929–1985. A documented Analysis of the Movement. Durham 1991; S. 32, aus dem Englischen.

[5] Leo Trotzki, Die russische Revolution 1905. Berlin 1923; S. 322.

[6] Ebd. S. 246.

[7] Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution. Band 1, Februarrevolution. Essen 2010; S. 158 f.

[8] Ebd. S. 197.

[9] Leo Trotzki, Terrorismus und Kommunismus. Berlin 1920; S. 16.

[10] Leo Trotzki, Tagebuch im Exil. Köln 1979; S. 72 f.

[12] Leo Trotzki, Die permanente Revolution. Essen 1993; S. 268.

[13] Leon Trotsky, »Our Differences«, in: 1905. New York 1971; S. 314–317, aus dem Englischen.

[14] Ebd. S. 317 f.

[16] Zitiert in: Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin. Essen 1993; S. 84 f.

Leo Trotzki, die sowjetische Geschichtsschreibung und das Schicksal des klassischen Marxismus[1]

Conté-Zeichnung von Sergej Pitschugin aus dem Jahr 1923. Nach Trotzkis Entmachtung klebte der Künstler Pappe über das Bild, das erst 75 Jahre später, in den späten 1990ern, von seiner Familie wiederentdeckt wurde. (David King Collection)

Conté-Zeichnung von Sergej Pitschugin aus dem Jahr 1923. Nach Trotzkis Entmachtung klebte der Künstler Pappe über das Bild, das erst 75 Jahre später, in den späten 1990ern, von seiner Familie wiederentdeckt wurde. (David King Collection)

Fünfundvierzig Jahre sind vergangen, seit Isaac Deutscher den letzten Band seiner außergewöhnlichen biografischen Trilogie über Leo Trotzki (»Der bewaffnete Prophet«, »Der unbewaffnete Prophet«, »Der verstoßene Prophet«) veröffentlichte. Wohl kaum eine andere Biografie hatte solch einen weitreichenden Einfluss auf das intellektuelle und politische Leben. Als Deutscher sein Projekt in den frühen fünfziger Jahren begann, war Trotzki bereits seit mehr als einem Jahrzehnt tot. Aber sein Mörder, Josef Stalin, saß immer noch quicklebendig im Kreml – und war Gegenstand weltweiter Verehrung, so abscheulich wie absurd, an der sich so gut wie alle Kommunistischen Parteien beteiligten. Deutscher verglich seine Aufgabe mit der von Thomas Carlyle, der sich einmal beklagt habe, dass er als Biograf Cromwells »den Lord Protector unter einem Berg toter Hunde, unter einer riesigen Last falscher Beschuldigungen und des Vergessens hervorziehen«[2] musste.

Als Deutscher 1963 seinen dritten Band fertig stellte, hatte sich die politische Landschaft dramatisch verändert. Stalin starb im März 1953. Im Februar 1956 hielt Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU seine sogenannte »Geheimrede«, in der er Stalin fast als politischen Verbrecher hinstellte, verantwortlich für die Verhaftung, Folterung und Ermordung Tausender alter Bolschewiki und loyaler Kommunisten während der Säuberungen der dreißiger Jahre. Natürlich gestand Chruschtschow das Ausmaß von Stalins Verbrechen nicht einmal annähernd in vollem Umfang ein. Die Anklage war so halbherzig wie unvollständig. Aber die Wirkung von Chruschtschows Rede war verheerend. Die unausgesprochene, aber unausweichliche Schlussfolgerung, die sich aus der Aufdeckung von Stalins Verbrechen ergab, lautete: Die Moskauer Prozesse von 1936–1938 waren ein abgekartetes Spiel, und die angeklagten alten Bolschewiki waren ermordet worden. Der Gedanke »Trotzki hatte Recht« suchte zahllose Führer und Mitglieder der KPdSU und verbündeter Parteien in aller Welt heim. Wenn Trotzki im Fall der Moskauer Prozesse Recht hatte, wo hatte er sonst noch Recht gehabt?

Inmitten der Unruhe, die innerhalb der stalinistischen Parteien ausbrach – und einen Prozess innerer Zersetzung beginnen ließ, der innerhalb von dreißig Jahren zu ihrer politischen Auflösung führte –, erhielt Deutschers Trilogie immense politische Bedeutung. Die Diskreditierung Stalins kam einer Rehabilitierung Trotzkis gleich. Das heroische Bild Trotzkis, das die metaphorischen Titel von Deutschers Biografie hervorriefen, erschien im Klima der Zeit keineswegs übertrieben. Ungeachtet ihrer nicht unerheblichen Schwächen – vor allem im letzten Band, in dem Deutscher schon fast aufdringlich seinen eigenen Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki nachging – brachten die drei Bände die heroische Persönlichkeit des großen Revolutionärs einer neuen Generation politisch radikalisierter Intellektueller und Jugendlicher nahe. Und was war das für eine Persönlichkeit! Welche andere Gestalt der modernen Geschichte konnte ein solches Repertoire an intellektuellen, politischen, literarischen und militärischen Fähigkeiten vorweisen? Es gelang Deutscher, seiner Erzählung eine immense dramatische Spannung zu verleihen. Aber das Drama von Trotzkis Leben musste nicht erfunden werden, es verlangte keine künstlerische Überhöhung. Sein Leben war schließlich der konzentrierte Ausdruck des gewaltigen historischen Dramas und der Tragödie der Russischen Revolution.

In den 1960ern hatte die Sowjetunion ihre Anziehungskraft auf die Fantasie von Intellektuellen und Studenten verloren. Deutschers Biografie diente als Einführung in die alten Streitigkeiten der zwanziger Jahre, in denen Trotzkis Werk so eine große Rolle gespielt hatte. Also machte manch einer unter Deutschers Lesern sich ans Werk, Trotzkis Schriften zu studieren, die allmählich besser erhältlich waren.

Während der 1960er- und der 1970er-Jahre war das Interesse an Trotzkis Leben und Werk immens. 1978, am Vorabend von Trotzkis hundertstem Geburtstag, veröffentlichte Professor Baruch Knei-Paz »The Social and Political Thought of Leon Trotsky«. Knei-Paz näherte sich seinem Thema zwar kritisch, doch es spiegelte sich darin das unter sowjetischen Gelehrten vorherrschende Gefühl, dass Trotzki politisch und intellektuell höchst aktuell war.

Knei-Paz schrieb, Trotzki gelte »noch immer und vielleicht nicht zu Unrecht als der Prototyp des Revolutionärs in einem Zeitalter, in dem es an revolutionären Figuren keinen Mangel gab«. Er beschrieb Trotzkis Errungenschaften »im Reich der Theorie und der Ideen« als »außerordentlich«. »Trotzki«, so schrieb er, »war einer der ersten, die im zwanzigsten Jahrhundert das Aufkommen gesellschaftlicher Veränderungen in rückständigen Gesellschaften analysierten, und er gehörte auch zu den ersten, die sich mit den politischen Konsequenzen beschäftigten, die sich aus solchem Wandel ergaben.«[3] Bei allem Respekt muss ich als Marxist und Anhänger von Trotzkis politischen Ansichten vielen Elementen von Professor Knei-Paz’ Analyse und Interpretation widersprechen. Aber seine sorgfältige Arbeit zeigte sicherlich, dass Trotzkis Leben einen fruchtbaren Grund für ernsthafte Forschung bietet. Obwohl Trotzki ein Mann der Tat par excellence war, war er auch ein herausragender Denker. Knei-Paz schätzt, dass Trotzkis Schriften als Gesamtausgabe »leicht sechzig oder siebzig dicke Bände füllen würden – ohne das umfangreiche Material, das in den Trotzki-Archiven der Harvard-Universität enthalten ist«.[4]

Professor Knei-Paz setzte sich klare Grenzen – eine Notwendigkeit für jeden wissenschaftlichen Versuch über ein Thema, das so umfangreich und vielschichtig wie Trotzkis Leben und seine Zeit ist. Er erklärte, seine Arbeit sei »eine Untersuchung von Trotzkis eigenen Gedanken, nicht der seiner Gegner oder Anhänger, und auch nicht der politischen Bewegung, die mit seinem Namen gleichgesetzt wird«[5]. Trotz dieser Fokussierung brauchte Professor Knei-Paz 598 eng bedruckte Seiten, um seine Aufgabe zu bewältigen. Und er ließ der Forschungsgemeinschaft noch ein großes, zu bearbeitendes Feld und zahlreiche offene, noch zu diskutierende Fragen übrig.

Nichtsdestotrotz erwies sich Knei-Paz’ Werk als letzter bedeutsamer akademischer Beitrag auf dem Feld der Trotzki-Forschung. Das hätte 1978 wohl kaum jemand vorausgesagt. Schließlich war Knei-Paz’ Buch am Vorabend eines Ereignisses erschienen, das die Trotzki-Forschung hätte beflügeln sollen: der Öffnung des bis dahin unzugänglichen Teils der Trotzki-Archive der Houghton-Bibliothek an der Harvard-Universität am 2. Januar 1980. Bis dahin war Isaac Deutscher mit Sondergenehmigung von Trotzkis Frau Natalia Sedowa der einzige Schriftsteller gewesen, der Zugang zu dieser immensen Sammlung von privaten Papieren des Revolutionärs gehabt hatte. Aber es zeigte sich, dass die Öffnung dieses Archivs auf amerikanische und britische Wissenschaftler im Bereich der Sowjetgeschichte nur geringen Einfluss hatte. Während der vergangenen 28 Jahre hat nur sehr wenig Material aus diesem riesigen Archiv seinen Weg in akademische Veröffentlichungen gefunden.

Dieses Austrocknen der Trotzki-Forschung nach 1978 ist ein seltsames Phänomen. Schließlich hätte die sich verschärfende Krise der Sowjetunion und Osteuropas während der 1980er-Jahre eine intensivere Beschäftigung mit Trotzkis Werken gerechtfertigt, der ja immerhin der herausragende Kritiker Stalins und des Stalinismus gewesen war und den Untergang der UdSSR vorausgesehen hatte. In der Tat hatte Trotzkis Darstellung des Prozesses der kapitalistischen Restauration in »Die Verratene Revolution« (erschienen 1936) die ökonomische Transformation der ehemaligen UdSSR unter Jelzins Schirmherrschaft in den frühen 1990er-Jahren erstaunlich genau vorweggenommen.

Dennoch erscheint Trotzki in den meisten englischsprachigen Werken, die sich mit der Geschichte, der Wirtschaft und der politischen und gesellschaftlichen Struktur der Sowjetunion befassen, nur als unbedeutende Randfigur. Der einzige bemerkenswerte und originelle Beitrag zur Trotzki-Forschung, der in den 1980er-Jahren erschien – einem solch tumultartigen Jahrzehnt in der sowjetischen Geschichte –, war eine kleine Monografie mit dem Titel »Leon Trotsky and the Art of Insurrection«, der sich auf Trotzkis Leistung als militärischer Stratege konzentrierte. Überraschenderweise war der Autor dieser sehr positiven Einschätzung von Trotzkis Beitrag zu Kriegskunst, Kriegswissenschaft, militärischer Erhebung und Armeeführung Oberst Harold Nelson, Offizier und Professor am US Army War College.

Mit der Trotzki-Forschung ging es in den 1990ern noch weiter bergab. Amerikanische und britische Wissenschaftler brachten während des gesamten Jahrzehnts auf diesem Feld nichts Grundlegendes zustande. Die einzige Veröffentlichung, die vielleicht ein wenig hervorsticht, ist ein Band mit Aufsätzen, der 1992 von der Edinburgh University Press unter dem Titel »The Trotsky Reappraisal« herausgegeben wurde. In diesem Jahrzehnt kam in Großbritannien ein beunruhigender Trend auf, der in der Wiederaufbereitung und Rechtfertigung alter antitrotzkistischer Verleumdungen bestand. Beispielhaft für diese Tendenz war das sogenannte »Journal of Trotsky Studies«, das von der Universität von Glasgow herausgegeben wurde. Lieblingsthema dieses Journals war es, Trotzki die eigennützige Verdrehung von Tatsachen vorzuwerfen. Diese Behauptungen wurden ohne Rücksicht auf die belegbaren Fakten aufgestellt. Unter den mitunter recht absurden Beiträgen war ein Artikel, der nachweisen sollte, dass Trotzki seine eigene Rolle in der Oktobererhebung in seiner »Geschichte der Russischen Revolution« stark übertrieben hätte. Wir wurden belehrt, dass ernsthafte Revolutionäre wie Stalin auf den Straßen Schwerstarbeit verrichteten, während ein leicht verwirrter Trotzki im Smolny-Institut Telefondienst machte. Gnädigerweise gab dieses Journal nach vier Ausgaben seinen Geist auf.

Die Situation hat sich im gegenwärtigen Jahrzehnt nicht verbessert. Zwei neue Trotzki-Biografien der Professoren Ian Thatcher und Geoffrey Swain erschienen, die erste 2003 und die zweite 2006. Diese Werke enthalten keine neuen Erkenntnisse. Ich habe beide Bücher bereits im Detail in einer ausgiebigen Besprechung mit dem Titel »Die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung«[6] analysiert. Es lohnt sich, die Behandlung Trotzkis dem umfangreichen Material über Stalin gegenüberzustellen, der auf Historiker eine schier endlose Faszination auszuüben scheint. Natürlich ist Stalin, nicht weniger als Hitler, legitimer Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Aber auch für die Geschichtsschreibung gilt, was Oscar Wilde einst vom Verfasser des Romans forderte: Sie muss gut gemacht sein.

Das Problem ist, dass die meisten Bücher über Stalin schlecht geschrieben sind. Viele sind eher grobe journalistische Arbeiten und beuten sensationsgierig das aus sowjetischen Archiven erworbene Material aus. Werke von Radzinsky und Sebag-Montefiore liefern Beispiele dieses Genres. Verstörender jedoch sind Studien von Forschern, die offenbar aufrichtig daran interessiert sind, Stalin und den Stalinismus zu rehabilitieren. Zum Teil sind die Schlussfolgerungen, zu denen diese Historiker gelangen, wirklich bizarr. So argumentiert Professor Stephen Kotkin in seinem Buch »Magnetic Mountain« zum Beispiel, der Stalinismus sei die Krönung des Projekts der Aufklärung. Der Stalinismus, so schreibt er,

begründete eine exemplarische Aufklärungs-Utopie, den Versuch, der Gesellschaft durch die Instrumentalisierung des Staats eine rationale Ordnung aufzuzwingen und gleichzeitig die Klassenteilung aufzuheben, die durch die Industrialisierung des neunzehnten Jahrhunderts entstanden war. Dieser Versuch wurzelte seinerseits in der Tradition von urbanen Modellen sozial orientierter Utopien, die halfen, die Aufklärung möglich zu machen. Magnitogorsk hatte sehr tiefe Wurzeln.[7]

Im schlimmsten Fall liefert diese Tendenz unter dem Vorwand, »nuanciertere« Einschätzungen historischer Ereignisse zu liefern, seltsame Rechtfertigungen für Stalins Verbrechen. So bietet uns Robert W. Thurstons »Life and Terror in Stalin’s Russia 1934–1941«, erschienen 1996 bei Yale University Press, folgende Einschätzung zu Stalins Staatsanwalt Andrej Wyschinski:

Trotz seiner abstoßenden Rolle in den Schauprozessen, die im August 1936 begannen, setzte sich Wyschinski für bedeutende Verbesserungen bei Gerichtsverfahren ein. Gleichzeitig lehnte er zentrale Praktiken des NKWD ab und drängte auf mehr Toleranz gegenüber der Kritik einfacher Bürger, so lange sie die grundlegende Politik nicht antasteten.[8]

Und über Kamenew, Sinowjew und andere Angeklagte im Prozess von 1936 präsentiert Thurston die folgende kaum verhüllte Rechtfertigung ihrer Verurteilung durch Stalin:

Die Schuld dieser Männer bestand höchstens darin, dass sie über politische Veränderung gesprochen hatten, und nach westlichem Standard verdienten sie keine Bestrafung. Aber sie hatten sich am Widerstand beteiligt, hatten Kontakt zu Trotzki gehabt, dem Westen Geheimdokumente zugespielt und Stalin beseitigen wollen. Sie hatten zudem in diesen Fragen gelogen und gleichzeitig ihre vollständige Loyalität beteuert. Dies nährte Stalins Verdacht. Warum logen diese Leute? Wie viele andere wie sie existierten noch und was war ihre Absicht? Angesichts des Trotzki-Blocks und der Sprache des Rjutin-Memorandums wäre es sogar für Leute, die weniger krank als Stalin waren, einfach gewesen, bei manchen der vielen industriellen Unfälle der Zeit Terrorismus am Werk zu sehen. Er blies die Angelegenheit beträchtlich auf und verbreitete seinerseits massive Lügen – aber die gerade erwähnten Beweise legen nahe, dass er zu diesem Zeitpunkt Schritte unternahm, um Menschen zu eliminieren, die ihn in die Irre geführt und sich mit einem Erzfeind, Trotzki, verschworen hatten. Diese Entscheidung, wenn auch ungerecht, war nicht Teil eines Planes zur Verbreitung politischen Terrors.[9]

Während die Stalin-Industrie auf dem Feld sowjetischer Forschung ein gutes Geschäft verspricht, hält der langfristige Rückgang bei den Trotzki-Studien an. Dies drückt sich nicht nur in der sehr begrenzten und generell minderen Qualität der Trotzki-Forschung aus, sondern auch darin, dass es überhaupt kein nennenswertes Werk über seine politischen Weggefährten in der Linken Opposition gibt. Wie viele Führer der Linken Opposition, angefangen bei Christian Rakowski und Adolf Joffe, sind Gegenstand großer Biografien? Welche Arbeiten gibt es über Smilga, Boguslawski, Ter-Waganjan und Woronski? Es gibt bis heute keine umfassende Studie über die Linke Opposition und ihre Aktivitäten.

Durchgängiges Thema vieler zeitgenössischer Arbeiten über den Großen Terror ist, dass dieser wenig mit Trotzki zu tun hatte, der, wie behauptet wird, von den 1930er-Jahren an in der Sowjet­union keinen Einfluss mehr ausübte. Aber ist das wirklich wahr? Welche Untersuchungen gibt es über die Aktivitäten der Oppositionellen? Und selbst wenn Stalins Unterdrückung systematische Agitation unmöglich machte, ist es wirklich wahr, dass das trotzkistische »Bulletin der Opposition« keinen Einfluss auf das Denken unzufriedener Elemente innerhalb des sowjetischen Staats- und Parteiapparats hatte? Hatte sich darüber hinaus 1936 jegliche Erinnerung an Trotzki unter Bürgerkriegsveteranen der Roten Armee, innerhalb des Offizierskorps und unter gewöhnlichen Soldaten, verflüchtigt? Hat Viktor Serge nur seine künstlerische Freiheit in Anspruch genommen, als er 1937 von Trotzki schrieb, dass innerhalb der Sowjetunion »alle an ihn denken, weil es verboten ist, an ihn zu denken … So lange der alte Mann lebt, wird es keine Sicherheit für die triumphierende Bürokratie geben.«[10] Diese Fragen können so lange nicht beantwortet werden, bis die notwendige Forschungsarbeit geleistet ist.

Aber warum ist das bis heute nicht geschehen? Dies ist eine komplexe Frage, die, so vermute ich, selbst eines Tages zum Thema für Studenten der Geistesgeschichte werden wird. Ich behaupte nicht, die endgültige Antwort zu kennen, aber ich möchte auf diverse Faktoren hinweisen, die die Trotzki-Wahrnehmung in akademischen Kreisen beeinflussen könnten. Ich beginne mit der Feststellung, dass Trotzkis angebliche politische »Bedeutungslosigkeit« weder glaubhaft noch ernst zu nehmen ist. Trotzki hat in der Russischen Revolution, einem der Schlüsselereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts, ganz eindeutig eine entscheidende Rolle gespielt. Er war zufällig auch eine der brillantesten literarischen Figuren dieses Jahrhunderts. Walter Benjamin zitiert in seinem Tagebuch die Einschätzung von Bertold Brecht aus dem Jahre 1931, »es ließe sich mit gutem Grund behaupten, dass Trotzki der größte lebende Schriftsteller von Europa wäre«.[11] Angesichts solcher Urteile muss »noch ein neues Buch« über Trotzki wohl kaum gerechtfertigt werden. Obendrein muss man sagen, dass Trotzkis politisches und intellektuelles Vermächtnis, wie kontrovers und umstritten es auch sein mag, auch heute noch Einfluss auf die Politik ausübt. Trotzki ist für die Geschichte ganz sicher nicht irrelevant. Warum also ist er für Historiker irrelevant geworden?

Das konservative politische und intellektuelle Klima, das seit fast drei Jahrzehnten herrscht, muss als grundlegender Faktor betrachtet werden, wenn man über die Trotzki-Rezeption im Wissenschaftsbetrieb urteilt. Ebenso wie Wahlergebnisse nicht ohne Wirkung auf die Richter am Obersten Gerichtshof bleiben, lassen sich auch Historiker von der Zeitungslektüre beeindrucken. Wie Trotzki 1938 treffend bemerkte: Die Kraft der politischen Reaktion erobert nicht nur, sie überzeugt auch. Mit der Auflösung der UdSSR 1991 wurde die gesamte sowjetische Erfahrung angeprangert. Die Werke rechtsgerichteter Gegner des sozialistischen Projekts – genannt an dieser Stelle seien Martin Malia, Robert Conquest, der unermüdliche Richard Pipes und der ehemalige Stalinist François Furet – schufen ein intellektuell tödliches Umfeld, das jeder ernsthaften Arbeit zum politischen Erbe des russischen und europäischen Marxismus entgegenstand. Man kann sich schwer vorstellen, dass die Klassiker unter den Sowjetstudien aus den 1950er- und 1960er-Jahren, Werke wie Leopold Haimsons »Origins of Bolshevism«, Samuel Barons »Plekhanov« oder auch E. H. Carrs enzyklopädische Studie der frühen Sowjetgeschichte, in den 1990er-Jahren geschrieben worden wären. Und das vorherrschende intellektuelle Klima war gewiss erst recht nicht förderlich für jene, die, wie der russische Gelehrte Wadim Rogowin, versuchten, in der marxistischen und bolschewistischen Tradition eine revolutionäre Alternative zum Stalinismus zu erkunden.

Doch nicht alle Probleme bezüglich der wissenschaftlichen Wahrnehmung Trotzkis entstammen direkt der politischen Landschaft der vergangenen dreißig Jahre. Auch andere lang andauernde intellektuelle Tendenzen sind am Werk, deren Ursprünge in die Zeit vor Margaret Thatcher und Ronald Reagan zurückreichen. Ich spreche von dem viele Jahrzehnte umfassenden Prozess einer sich ständig vergrößernden Entfremdung substanzieller Teile linker Intellektueller vom theoretischen Gerüst und der politischen Sichtweise des »klassischen Marxismus«, dessen herausragender und letzter großer Vertreter Leo Trotzki war.

Es ist unmöglich, hier eine Darstellung von Trotzkis philosophischem Weltbild und seiner Auffassung von Politik und menschlicher Kultur zu liefern. Aber es muss um der hier vertretenen Argumente willen gesagt werden, dass ein entscheidender Bestandteil dieser Weltanschauung die unversöhnliche Verteidigung des philosophischen Materialismus war, der Glaube an den von Gesetzen beherrschten historischen Prozess, Vertrauen in die Kraft menschlicher Vernunft (insoweit diese Fähigkeit materialistisch verstanden wird) und ihre Fähigkeit, die objektive Wahrheit zu entdecken und, damit verbunden, der Glaube an die fortschrittliche Rolle der Wissenschaft. Trotzki war Determinist, Optimist und Internationalist. Er war überzeugt, dass sich die sozialistische Revolution notwendigerweise aus den unlösbaren Widersprüchen des weltkapitalistischen Systems ergibt. Vor allem pochte er darauf, dass mit der Arbeiterklasse eine revolutionäre Kraft in der Gesellschaft existiert, die das kapitalistische System stürzen und die Grundlagen für den Weltsozialismus legen wird.

Keines dieser Elemente in der Weltanschauung des klassischen Marxismus – am allerwenigsten sein Optimismus – hat in nennenswerten Teilen der linken Intelligenz überlebt. Bereits in den 1920er-Jahren untergruben die niederschmetternde Wirkung des Ersten Weltkriegs, der Zusammenbruch der Zweiten Internationale und, einige Zeit nach der Oktoberrevolution, die Niederlagen der Arbeiterklasse in Mittel- und Westeuropa bei weiten Teilen der kleinbürgerlichen linken Intelligenz das Vertrauen in die marxistische Weltanschauung und ihre Perspektive.

Bereits 1926 verlieh Hendrik de Mans Frontalangriff auf den Marxismus in »Zur Psychologie des Sozialismus« dem wachsenden Skeptizismus eine Stimme, der sich unter linken Intellektuellen breit machte. Sie lehnten es ab, die Entwicklung politischen Bewusstseins materialistisch zu erklären, und bezweifelten die Wirksamkeit der marxistischen politischen Praxis. De Man kritisierte den Marxismus dafür, dass er von einer revolutionären Wirkung der objektiven sozioökonomischen Prozesse auf die Entwicklung politischen Bewusstseins ausging. Die rational begründeten Appelle der Marxisten an objektive Klasseninteressen seien unzureichend, um die Massen für den Sozialismus zu gewinnen. Viele der Argumente, die de Man vorbrachte, fanden später ihren Weg in die Schriften der Theoretiker der Frankfurter Schule.

Hitlers Sieg 1933, die Moskauer Prozesse, die Niederlage der spanischen Revolution und schließlich der Hitler-Stalin-Pakt vollendeten die politische Demoralisierung der linken Intelligenz. Die grundlegende Perspektive des Sozialismus, so glaubten sie, sei diskreditiert. Die Arbeiterklasse war gescheitert. Es gab in der gegenwärtigen Gesellschaft kein revolutionäres Subjekt. In einem seiner letzten größeren Aufsätze widmete sich Trotzki der Bedeutung solcher Argumente: »Wenn wir annehmen, es wäre wahr, dass der Grund für die Niederlagen in den sozialen Eigenschaften des Proletariats selbst begründet liegt, dann müsste man die Lage der modernen Gesellschaft als hoffnungslos bezeichnen.«[12]

Nur sieben Jahre später kamen Horkheimer und Adorno in ihrer »Dialektik der Aufklärung« zu genau diesem Schluss. Es scheint keine Übertreibung, wenn man sagt, dass die Intelligenz durch die Tragödien des zwanzigsten Jahrhunderts niedergedrückt und erschöpft war: durch zwei Weltkriege, Faschismus, den stalinistischen Verrat des Sozialismus und die sich hinziehende Lähmung der Arbeiterbewegung unter dem Gewicht der Bürokratie. Der Pessimismus wich Zynismus und Selbstgefälligkeit. Paradoxerweise hätte die Überwindung intellektueller Demoralisierung die systematische Erforschung der Ursachen vergangener Niederlagen erfordert, was wiederum eine Beschäftigung mit Trotzkis Ideen und der großen Schule des klassischen Marxismus verlangt hätte. Aber die objektiven Bedingungen, eingebettet in die lange wirtschaftliche Nachkriegsexpansion des Kapitalismus, arbeiteten gegen ein solches Unterfangen.

Was also sind die Aussichten bezüglich einer erneuten Beschäftigung mit Trotzkis Ideen? Um diese Frage zu beantworten, scheint mir Trotzkis Herangehensweise die beste. Er bestand darauf, die Wechselfälle seines eigenen Lebens im Zusammenhang mit der Entwicklung der sozialistischen Revolution zu begreifen: innerhalb Russlands, Europas und der Welt als Ganzer. Die Wendungen in seinem eigenen Schicksal bewertend, sagte Trotzki, er sehe keine persönliche Tragödie, sondern verschiedene Stufen in der widersprüchlichen Entfaltung der sozialistischen Weltrevolution. Das Ansteigen der revolutionären Welle trug Trotzki an die Macht. Ihr Abebben trieb ihn ins Exil.

Viele Jahrzehnte sind vergangen, seit der Marxismus, wie Trotzki diesen Begriff verstanden hätte, im Leben der Arbeiterklasse eine bedeutende Rolle spielte. Dies waren Jahrzehnte, in denen der Kapitalismus wirtschaftliche Stabilität und substanzielles Wachstum aufwies. Der Klassenkampf, sofern er sich überhaupt zeigte, blieb innerhalb traditioneller Bahnen unter der strengen Aufsicht der Arbeiterbürokratie. Heute, so scheint es, nimmt die Geschichte plötzlich eine ihrer überraschenden Wendungen. Die Welt, in der wir uns heute treffen, unterscheidet sich schon gewaltig von der, in der sich das AAASS letztes Jahr in New Orleans versammelt hat. Seit einigen Wochen sind Verweise auf die Große Depression der 1930er-Jahre allgemein üblich. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten hat zugegeben, dass die sich entfaltende Krise den amerikanischen und den Weltkapitalismus an den Rand des Zusammenbruchs geführt hat.

Man kann sich unschwer vorstellen, dass Leo Trotzki, der den Begriff vom »Todeskampf des Kapitalismus« geprägt hat, diese Krise sehr gut verstanden hätte. Die alte »Katastrophen-Theorie«, die von vielen Anti-Marxisten belächelt wurde, erscheint nicht mehr so komisch und schon gar nicht abwegig. Das gesellschaftliche Sein bestimmt letztendlich das gesellschaftliche Bewusstsein. Wenn die Krise sich verschärft und, was sehr gut möglich ist, dazu führt, dass Historiker seit Langem bestehende und inzwischen diskreditierte Thesen überprüfen und so eine kritischere Haltung gegenüber der bestehenden Gesellschaft einnehmen, dann werden wir vermutlich sehr bald Zeugen eines neuen intensiven akademischen Interesses am Leben und Werk Leo Trotzkis sein.

Teil II: Die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung

Rezension von zwei jüngst erschienenen Trotzki-Biografien der Professoren Geoffrey Swain und Ian Thatcher

Trotzki im Bürgerkrieg als Führer der Roten Armee.

Trotzki im Bürgerkrieg als Führer der Roten Armee.

Die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung[1]

1. Stalins Terror und die politische Lüge
Leo Trotzki als Kind.

Leo Trotzki als Kind.

2007 jährt sich zum siebzigsten Mal das schrecklichste Jahr in der Geschichte der Sowjetunion. Nach dem politischen Schauprozess, den Stalin 1936 in Moskau inszeniert hatte, um der Ermordung Leo Kamenews, Grigori Sinowjews, Iwan Smirnows und anderer Führer der Oktoberrevolution den Anschein der Rechtmäßigkeit zu geben, begann 1937 ein Terrorfeldzug, der alle Überreste marxistischen politischen Denkens und marxistischer Kultur in der Sowjetunion zerstörte. Der Terror zielte auf die Vernichtung aller, die in der Oktoberrevolution von 1917 eine wichtige Rolle gespielt hatten, irgendwann in ihrem Leben mit einer Form marxistischer und sozialistischer Opposition gegen das stalinistische Regime identifiziert worden waren oder – sei es persönlich, durch Genossen, Freunde oder Familie – mit einem marxistisch beeinflussten politischen, geistigen und kulturellen Umfeld in Verbindung standen.

Selbst nach siebzig Jahren steht die Zahl der vom stalinistischen Regime Ermordeten noch nicht eindeutig fest. Laut einer neueren Analyse von Professor Michael Ellman von der Universität Amsterdam kommt »die genauste Schätzung zu den Opfern der Repression von 1937–1938, die gegenwärtig möglich ist, auf eine Zahl zwischen 950 000 und 1,2 Millionen, also etwa eine Million. Historiker, Lehrer und Journalisten, die sich mit der Geschichte Russlands (und der Welt) im zwanzigsten Jahrhundert befassen, sollten sich an dieser Schätzung orientieren«.[2] Die Entdeckung neuen Tatsachenmaterials könnte aber laut Ellman eine Revision dieser Zahl erfordern.

Inzwischen liegt umfangreiches Archivmaterial vor, das ein klares Bild ergibt, wie Stalin und seine Henker im Politbüro und NKWD ihren Massenmord organisierten und ausführten. Das Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs der Sowjetunion spielte bei diesem gerichtlich sanktionierten Massenmord eine zentrale Rolle. In den drei öffentlichen Schauprozessen in Moskau wurden insgesamt 54 Angeklagte verurteilt. Zehntausende jedoch zerrte das Militärkollegium vor Geheimgerichte und verurteilte sie zum Tode nach »Prozessen«, die meist nur zehn oder fünfzehn Minuten dauerten.[3] Auf Listen, die vom NKWD erstellt worden waren, standen die Namen der Opfer, daneben eine Urteilsempfehlung. Diese Listen wurden Stalin und dem Politbüro zur Überprüfung vorgelegt. Die Namen waren die von »führenden Funktionären der Partei, der Sowjets, des Kommunistischen Jugendverbands Komsomol, der Gewerkschaften, der Roten Armee und des NKWD, sowie die von Schriftstellern, Künstlern und bekannten Vertretern von Wirtschaftsinstitutionen, die von eben diesem NKWD verhaftet worden waren«.[4] Stalin und sein Politbüro gingen diese Listen durch und segneten in beinahe allen Fällen das empfohlene Urteil ab: in der Regel Tod durch Erschießen. In den Sonderarchiven in Moskau gibt es 383 Listen, die Stalin zwischen dem 27. Februar 1937 und dem 29. September 1938 vorgelegt wurden. Darauf stehen maschinenschriftlich die Namen von 44 500 Personen sowie die Unterschriften von Stalin und seinen Mitarbeitern und deren handschriftliche Kommentare.[5]

Im Jahr 1937 verkündete das Militärkollegium 14 732 Urteile und 24 435 weitere im Jahre 1938. Stalin befehligte den Terror an vorderster Stelle und war in die täglichen Vorgänge tief verstrickt. Am 12. September 1938 unterzeichnete Stalin an einem Tag 3 167 Todesurteile zur Vollstreckung durch das Militärkollegium.[6] Wir verfügen heute über umfangreiche Informationen darüber, wie das Militärkollegium seiner Arbeit nachging. Seine Geheimprozesse führte es gewöhnlich im Moskauer Lefortowo-Gefängnis. Der in erster Linie verantwortliche Beamte war der Präsident des Kollegiums, Wassili Ulrich. An einem arbeitsreichen Tag konnte das Kollegium dreißig oder mehr Fälle bearbeiten. Oft musste das Kollegium zusätzliche Gerichte einsetzen, um der unzähligen Gefangenen Herr zu werden. Ein Häftling wurde gewöhnlich dem Kollegium vorgeführt. Die Anklage wurde verlesen, und man forderte den Gefangenen meistens auf, die Aussage, die er während des früheren »Verhörs« gemacht hatte, zu bestätigen. Der Prozess wurde dann für beendet erklärt, unabhängig davon, ob der Angeklagte mit Ja oder Nein geantwortet hatte. Nach fünf solchen Fällen zog sich das Kollegium zurück, um sein Urteil zu fällen, das bereits im Voraus festgelegt und schriftlich fixiert worden war. Die Angeklagten wurden dann wieder hereingeführt, um ihr Urteil zu vernehmen: in aller Regel die Todesstrafe. Die Urteile wurden meist am selben Tag vollstreckt.[7]

Für die Mitglieder des Kollegiums bedeutete dies harte Arbeit, sie brauchten reichlich Stärkung, um weitermachen zu können. Zu den Mahlzeiten zogen sie sich in den Beratungsraum zurück. Nach den Aussagen eines Beamten des Lefortowo-Gefängnisses gab es »verschiedene Kleinigkeiten, z. B. mehrere Sorten Wurst, Käse, Butter, schwarzen Kaviar, Gebäck, Schokolade, Obst und Fruchtsaft«. Ulrich spülte das Essen mit Schnaps hinunter.[8]

Das Kollegium sprach nicht nur Urteile. Häufig waren seine Mitglieder bei den Exekutionen anwesend oder führten sie sogar selbst aus. Wenn Ulrich von seiner Arbeit nach Hause kam, war seine Uniform zuweilen vom Blut seiner Opfer verschmiert.

Nicht nur in Moskau wurden geheime Prozesse abgehalten. In Städten im ganzen Land fanden ähnliche Prozesse statt. Der Terror ließ erst nach, als das stalinistische Regime praktisch alle Vertreter der marxistischen und sozialistischen Kultur vernichtet hatte, die die geistigen Grundlagen für die Oktoberrevolution und die Gründung der Sowjetunion gelegt hatten. Die sowjetische Gesellschaft war von diesem massenhaften Morden traumatisiert. Wie der marxistische Historiker Wadim S. Rogowin schrieb:

Im Umkreis der vernichteten Führer bildete sich eine menschenleere Ödnis, da nach ihnen auch ihre Frauen, Kinder und engsten Mitarbeiter beseitigt wurden. Die Furcht, die der stalinsche Terror auslöste, hinterließ ihre Spuren im Bewusstsein und Verhalten mehrerer Generationen von Sowjetbürgern, nahm vielen die Bereitschaft, das Bestreben und die Fähigkeit, nach ehrlichen neuen Ideen zu suchen. Zugleich machten die Henker und Denunzianten der stalinschen Periode weiter Karriere, die ihr eigenes Wohlergehen und das ihrer Nachkommen darauf begründeten, dass sie sich aktiv an Fälschungen, Parteiausschlüssen, Misshandlungen usw. beteiligt hatten.[9]

Stalins Verbrechen wurden mit haarsträubenden Lügen gerechtfertigt, die marxistischen Gegner und Opfer des bürokratisch-totalitären Regimes – allen voran Leo Trotzki – als Saboteure, Terroristen und Agenten verschiedener imperialistischer und faschistischer Mächte dargestellt. Diese Lügen jedoch, die die Grundlage für die Anklagen in den Schauprozessen gegen Trotzki und andere alte Bolschewiki abgaben, waren im Lauf der vorangegangenen fünfzehn Jahre vorbereitet worden, angefangen mit der Kampagne, die Stalin und seine selbstzerstörerischen Verbündeten Sinowjew und Kamenew 1922 gegen Trotzki geführt hatten.

Wie Trotzki nach den ersten beiden Moskauer Prozessen (dem Prozess im August 1936 folgte der zweite Schauprozess im Januar 1937) erklärte, lagen die Anfänge des Justizkomplotts in der Verfälschung der historischen Tatsachen. Diese Geschichtsfälschung war notwendiger Bestandteil des politischen Kampfs gegen den »Trotzkismus«, d. h. gegen die politische Opposition, die sich gegen das von Stalin angeführte bürokratische Regime gebildet hatte. »Es bleibt eine unwiderlegbare historische Tatsache, dass die Vorbereitung der blutigen Justizkomplotte mit den ›geringfügigen‹ Entstellungen der Geschichte und der ›harmlosen‹ Fälschung von Zitaten begann.«[10]

Niemand, der den Ursprung des stalinistischen Terrors studiert und sich ernsthaft mit seinen Konsequenzen befasst, wird die politisch reaktionären und gesellschaftlich zerstörerischen Auswirkungen historischer Fälschung unterschätzen. Das Beispiel der Sowjetunion lehrt uns, dass die politische Entwicklung, die mit der Fälschung der Geschichte der Russischen Revolution begann, schließlich zum Massenmord an russischen Revolutionären ausartete. Ehe Stalin als einer der schlimmsten Mörder in die Geschichte einging, hatte er sich bereits den Ruf als größter Lügner der Geschichte erworben.

Trotzki entlarvte nicht nur die Lügen Stalins, er erklärte auch die objektiven Wurzeln und die Funktion, die dieser systematischen Verlogenheit des Regimes in politischen und gesellschaftlichen Fragen zugrunde lagen:

Tausende von Schriftstellern, Historikern und Ökonomen in der UdSSR schreiben auf Befehl hin, woran sie nicht glauben. Professoren in Universitäten und Lehrer an Schulen werden gezwungen, eiligst die Lehrwerke zu ändern, um sich den jeweiligen Erfordernissen der offiziellen Lüge anzupassen. Der Geist der Inquisition, der die Atmosphäre des Landes durchdringt, nährt sich … aus tiefen sozialen Quellen. Um ihre Privilegien zu rechtfertigen, verdreht die herrschende Kaste die Theorie, die die Abschaffung aller Privilegien zum Ziel hat. Die Lüge dient also als wichtigster ideologischer Zement der Bürokratie. Je unversöhnlicher der Widerspruch zwischen der Bürokratie und dem Volk wird, desto plumper wird die Lüge, umso unverfrorener wird sie zur verbrecherischen Fälschung und juristischen Verschwörung eingesetzt. Wer diese innere Dialektik des stalinistischen Regimes nicht verstanden hat, wird auch die Moskauer Prozesse nicht verstehen können.[11]

In der Rückschau mag es verwunderlich erscheinen, dass so viele Menschen, die sich als Linke begriffen, bereit waren, die Anklagen, die Wyschinski, der stalinistische Staatsanwalt, den angeklagten Altbolschewiki entgegenschleuderte, zu rechtfertigen oder ihnen tatsächlich Glauben zu schenken. Ein nennenswerter Teil der liberalen und linken Öffentlichkeit erkannte die Legitimität der Moskauer Prozesse an und unterstützte auf diese Weise den Terror, der in der UdSSR wütete. Zumindest bis zum Abschluss des Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin im August 1939 sah man im stalinistischen Regime einen politischen Verbündeten gegen Nazi-Deutschland, welcher Verbrechen es auch innerhalb der UdSSR schuldig sein mochte. Hinter der pro-stalinistischen Rechtfertigung, die von großen Teilen der »linken« Öffentlichkeit getragen wurde, standen pragmatische Erwägungen, die den gesellschaftlichen Anschauungen dieser kleinbürgerlichen »Freunde der UdSSR« entsprangen. Stalins Fürsprecher ignorierten selbst die Widerlegung zentraler Anklagepunkte.[12] Die Arbeit der Dewey-Kommission, benannt nach dem liberalen amerikanischen Philosophen, der 1937 bei der Untersuchung der sowjetischen Anklagen gegen Leo Trotzki den Vorsitz einnahm, stand in vornehmem Gegensatz zu der zynischen, unehrlichen und reaktionären Haltung, die im Milieu der linken Öffentlichkeit, insbesondere in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten vorherrschte.

Die Werke von E. H. Carr und Isaac Deutscher

Es sollte noch beinahe zwei Jahrzehnte dauern, ehe das bei den Moskauer Prozessen errichtete stalinistische Lügengebäude einzustürzen begann. Entscheidend für diese Entwicklung war die »geheime« Rede Chruschtschows im Februar 1956 vor dem 20. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die den verbrecherischen Charakter von Stalins Terror erstmals einräumte. Diesen Enthüllungen waren jedoch wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet der Geschichtsforschung vorausgegangen, die unermesslich viel zu einem tatsachengetreuen und tieferen Verständnis der Geschichte der Sowjetunion und der Rolle Leo Trotzkis beitrugen.

Der erste wichtige Schritt zur historischen Rehabilitierung Trotzkis war die Veröffentlichung von E. H. Carrs monumentaler Geschichte Sowjetrusslands, insbesondere des vierten Bands mit dem Titel »The Interregnum«. Dieser Band, der in großem Umfang offizielle sowjetische Dokumente verwendet, die damals im Westen zugänglich waren, stellt detailliert die politischen Kämpfe dar, die 1923–1924 in der Führung der sowjetischen Kommunistischen Partei ausgebrochen waren. Carr war kein politischer Anhänger Trotzkis. Doch er analysierte die komplizierten Fragen von Programm, Politik und Prinzipien, mit denen sich Trotzki in einer schwierigen und entscheidenden Periode der sowjetischen Geschichte intensiv befasst hatte, in hervorragender Weise und fasste sie zusammen. Aus Carrs Darstellung geht klar hervor, dass Trotzki zur Zielscheibe eines prinzipienlosen Angriffs wurde, der anfänglich vom persönlichen Machtstreben seiner Rivalen motiviert war. Carr übt zwar deutliche Kritik an Trotzkis Reaktion auf die Provokationen von Stalin, Sinowjew und Kamenew, doch lässt er keinen Zweifel daran aufkommen, dass er in Trotzki, neben Lenin, die herausragende Persönlichkeit der bolschewistischen Revolution sah. In »vielen Bereichen« revolutionären politischen Handelns, schreibt Carr in einem späteren Buch, »überstrahlte« Trotzki sogar Lenin. Zu Stalin meint Carr, dass Trotzki ihn »in fast allen Fragen in den Schatten stellte«. Das Abflauen des revolutionären Enthusiasmus innerhalb der UdSSR, seit 1922 immer deutlicher zu beobachten, wirkte sich auf Trotzkis politisches Schicksal aus. »Trotzki war ein Held der Revolution«, schreibt Carr. »Er fiel, als die heroische Ära endete.«[13]

Der zweite wichtige Meilenstein in der Erforschung der sowjetischen Geschichte war Isaac Deutschers maßgebliche dreiteilige Biografie: »Der bewaffnete Prophet«, »Der unbewaffnete Prophet«, »Der verstoßene Prophet«. Im April 2007 jährte sich der Geburtstag Deutschers zum hundertsten Mal – Anlass genug, seine Leistung als Historiker und Biograf zu würdigen. Auch wenn ich mit vielen politischen Einschätzungen Deutschers keineswegs übereinstimme – vor allem, wenn es um die Entscheidung Trotzkis geht, die Vierte Internationale zu gründen (die Deutscher ablehnte) –, kann man die Bedeutung von Deutschers »Propheten«-Trilogie kaum überschätzen. Es war keine Unbescheidenheit seinerseits, wenn er sein eigenes Werk mit dem von Thomas Carlyle verglich, der als Biograf eines anderen Revolutionärs, Oliver Cromwell, »den Lord Protector unter einem Berg toter Hunde, unter einer riesigen Last falscher Beschuldigungen und des Vergessens hervorziehen« musste.[14] Deutscher zitierte mit Stolz einen britischen Kritiker, aus dessen Sicht der erste Band der Trilogie, »Der bewaffnete Prophet«, »drei Jahrzehnte stalinistischer Verleumdungen zunichtemacht«.[15]

Neben Carr und Deutscher leistete in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren eine neue Generation von Historikern wichtige Beiträge zu unserem Verständnis der Russischen Revolution, ihrer Ursprünge, der Entstehung der Sowjetunion und ihrer führenden Persönlichkeiten. Man denkt hier sofort an Leopold Haimson, Samuel Baron, Robert Daniels, Alexander Rabinowitch, Robert Tucker, Moshe Lewin, Marcel Liebman, Richard Day und Baruch Knei-Paz. Den Wert ihrer Arbeit und ihr wissenschaftliches Verdienst anzuerkennen, bedeutet nicht, und muss es auch nicht, dass man mit ihren Einschätzungen und Schlussfolgerungen übereinstimmt. Die Arbeit von ihnen und anderen, die ich nicht genannt habe, ist von bleibender Bedeutung wegen ihres Beitrags zur Widerlegung der Lügen, Entstellungen und Halbwahrheiten, unter denen die Geschichte der Russischen Revolution und der Sowjetunion so viele Jahrzehnte verschüttet lag. Nicht nur Verfälschungen der sowjetischen Regierung wurden damit widerlegt, sondern auch die abstumpfende antimarxistische Propaganda der US-Regierung in der Ära des Kalten Kriegs.

Lasst mich einige Absätze aus einer Arbeit über Trotzkis Leben zitieren, die 1973 im Rahmen der bekannten Reihe »Great Lives Observed« veröffentlicht wurde, um einen Eindruck von dem Einfluss dieser Historiker auf das geistige Klima ihrer Zeit zu vermitteln. Diese Reihe des traditionsreichen Wissenschaftsverlags Prentice-Hall gehörte in den 1960er- und 1970er-Jahren zur obligatorischen Lektüre in Geschichtsseminaren an den Universitäten. Tausende von Studenten, die sich für russische oder neuere europäische Geschichte eingeschrieben hatten, lernten durch diesen Band die Person Leo Trotzki kennen. Im ersten Absatz konnten sie Folgendes lesen:

Mit der Zeit verlieren oder gewinnen geschichtliche Gestalten an Statur. Im Fall Leo Trotzkis hat die Zeit, nachdem er kurz in Vergessenheit geraten war, sein Ansehen erhöht, so dass er heute, im Guten oder Schlechten, als einer der Giganten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erscheint. Das neuerliche Interesse an Trotzkis Leben zeigt sich an den zahlreichen Arbeiten, die gegenwärtig erscheinen, und daran, dass beinahe alle seine Schriften plötzlich verfügbar sind. Für viele aus der Generation der Neuen Linken hat er sowohl das Ansehen als auch die Bedeutung des revolutionären Führers.[16]

Die Einleitung gab auf der Basis der Forschungsergebnisse zeitgenössischer Wissenschaftler eine präzise Einschätzung von Trotzkis revolutionärer Laufbahn. »Trotzkis Bedeutung beruht auf seinem Beitrag zur politischen Theorie, seinem literarischen Vermächtnis und vor allem seiner Rolle als Mann der Tat.« In theoretischer Hinsicht zeigten Trotzkis Analyse der gesellschaftlichen Kräfte Russlands und seine Ausarbeitung der Theorie der permanenten Revolution, »dass er als marxistischer Denker durch seine große Kreativität die Lehre von Marx und Engels bereichern konnte«. Daher könne man Trotzki zu Recht »in eine Reihe mit glänzenden marxistischen Theoretikern wie Plechanow, Kautsky, Luxemburg und sogar Lenin selbst stellen«. Als Literat stehe Trotzki sogar über diesen großen Marxisten. »Großartige Wortspiele, beißender Sarkasmus und hervorragende Charakterstudien zeichnen sein Schreiben aus. Trotzki lesen heißt dem Literaten bei der Arbeit zusehen.« Dann kommen Trotzkis Erfolge als Mann der Tat zur Sprache. Die Einleitung hebt »Trotzkis Rolle in der revolutionären Geschichte Russlands« hervor, die »nur von der Lenins übertroffen« werde, sowie seine »entschiedene Führungsrolle im Militärischen Revolutionskomitee, die den Weg für die Oktoberrevolution freimachte«. Der Leser wird auch auf Trotzkis »entschlossene Anstrengungen« hingewiesen, »trotz gewaltiger Hindernisse die Rote Armee aufzubauen«.[17]

Keine dieser Leistungen sei der Masse der sowjetischen Bürger bekannt. Eine ehrliche Darstellung von Trotzkis Leben und Werk gebe es in der UdSSR nicht, weil »sowjetische Historiker eine verantwortungsbewusste Geschichtsschreibung schon lange aufgegeben haben und sich dem absurden Bemühen widmen, eine neue Dämonologie zu schaffen«. Innerhalb der Sowjetunion bleibe Trotzki »eine Abstraktion des Bösen – eine Kraft, die gegen die Zukunft des sowjetischen Volks arbeitet«.[18] Außerhalb der UdSSR allerdings sei die Situation anders:

Die sowjetische Dämonologie war von Beginn an absurd und ist zumindest in der westlichen Welt weitgehend überwunden. Der dritte Teil dieses Buchs enthält ausgewählte Texte relativ neuer Autoren zum Thema Trotzki. Beste Beispiele für diese objektivere wissenschaftliche Haltung sind Edward Hallett Carrs mehrbändige Untersuchung »The bolshevik revolution« und Isaac Deutschers detailgenaues dreibändiges Werk über Trotzki. Auch wenn die historische Debatte auf Dauer unentschieden bleiben mag, kann im Licht dieser neueren Untersuchungen die Rolle Trotzkis in der russischen Erfahrung aus neuer und positiver Perspektive gesehen werden. Im Westen hat sich die unheilvolle Wolke aufgelöst, die Dämonen wurden vertrieben. Jetzt können wir uns ganz mit den materiellen Kräften und Problemen beschäftigen, die das Handeln Leo Trotzkis motivierten und inspirierten.[19]

Ich habe diesen Text ausführlich zitiert, weil er in klaren Worten zusammenfasst, was ein gewöhnlicher Geschichtsstudent an der Universität vor etwa fünfunddreißig Jahren über Trotzki hörte.[20] Wenn wir uns dagegen die Texte ansehen, welche die Studenten heute zu lesen bekommen, merkt man sogleich, dass wir in einem sehr veränderten – und viel ungesünderen – geistigen Umfeld leben. Zuvor aber muss ich wenigstens kurz darauf eingehen, wie das Thema Trotzki in der sowjetischen Literatur nach der »Geheimrede« von Chruschtschow auf dem 20. Kongress behandelt wurde.

Sowjetische Geschichte nach dem 20. Kongress

Die offizielle Enthüllung der Verbrechen Stalins im Jahr 1956 drängte die Kreml-Bürokratie und ihre zahlreichen Verteidiger in die Defensive. Die von der Partei vertretene Version der Geschichte war fast zwei Jahrzehnte lang Stalins »Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU« gewesen. Kaum war Chruschtschow ans Rednerpult des 20. Parteikongresses getreten, da büßte dieses bluttriefende Kompendium unfassbarer Lügen jegliche Glaubwürdigkeit ein. Wodurch aber konnte es ersetzt werden? Auf diese Frage fand die stalinistische Bürokratie niemals eine tragfähige Antwort.

Jede wichtige Frage zur Geschichte der russischen revolutionären Bewegung – die Ereignisse von 1917, der Bürgerkrieg, die frühen Jahre des Sowjetstaats, die innerparteilichen Konflikte der 1920er-Jahre, das Anwachsen der sowjetischen Bürokratie, das Verhältnis der Sowjetunion zu internationalen revolutionären Bewegungen und Kämpfen, die Industrialisierung, die Kollektivierung, die Kulturpolitik der Sowjetunion und der stalinistische Terror – führte unvermeidlich zu Leo Dawidowitsch Trotzki. Jede Kritik an Stalin mündete in der Frage: »Hatte Trotzki Recht?« Die historischen, politischen, theoretischen und moralischen Fragen, die sich aus der Aufdeckung der stalinistischen Verbrechen ergaben, sowie die katastrophalen Auswirkungen der stalinschen Politik und Persönlichkeit auf jeden Aspekt der sowjetischen Gesellschaft waren nicht damit erledigt, dass man Stalin von seinem Platz im Mausoleum neben Lenin entfernte und seinen Leichnam an der Kremlmauer bestattete.

Isaac Deutscher hatte die Hoffnung – und in dieser Hoffnung zeigte sich die Begrenztheit seiner politischen Anschauungen –, die stalinistische Bürokratie werde irgendwann doch mit der Geschichte ins Reine kommen und ihren Frieden mit Leo Trotzki schließen. Das erwies sich als vergebliche Hoffnung. Ein ehrlicher Umgang mit Trotzki hätte bedeutet, seine Schriften der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Doch das revolutionäre Potential von Trotzkis Enthüllungen und Anklagen gegen das stalinistische Regime war auch Jahrzehnte später noch ebenso explosiv wie zu seinen Lebzeiten.

Als Gorbatschow 1985 an die Macht kam und seine Glasnost-Politik verkündete, wurde in der Öffentlichkeit viel über die offizielle Rehabilitierung Trotzkis gesprochen. Vor dem 70. Jahrestag der Oktoberrevolution ging man weithin davon aus, dass Gorbatschow die Gelegenheit nutzen werde, um Trotzkis Rolle in der Führung der Oktoberrevolution und seinen Kampf gegen Stalin zu würdigen. Jedoch trat genau das Gegenteil ein. Am 2. November 1987 griff Gorbatschow in einer landesweit im Fernsehen übertragenen Rede Trotzki noch einmal in traditioneller stalinistischer Manier an. Trotzki, sagte er, war »ein extrem von sich eingenommener Politiker, der immer unklar blieb und intrigierte«.[21]

Zur gleichen Zeit, als Gorbatschow seine beschämende Rede hielt, entwickelte sich in der Sowjetunion ein rasch wachsendes Interesse an Trotzki und dem Kampf der Linken Opposition gegen den Stalinismus. Sowjetische Zeitungen, die zum ersten Mal seit den 1920er-Jahren Dokumente über Trotzki veröffentlichten, so die Zeitschrift »Argumenti i Fakti«, erfreuten sich einer starken Auflagensteigerung. Trotzkisten aus Europa, Australien und den USA reisten in die Sowjetunion und hielten sehr gut besuchte Vorträge. Gorbatschows Rede stellte sicherlich den Versuch dar, dieser veränderten Situation entgegenzuwirken; dieser erwies sich jedoch als völlig erfolglos. Die alten stalinistischen Lügen – die Leugnung der Rolle Trotzkis in der Oktoberrevolution, seine Darstellung als Feind der Sowjetunion – hatten jede Glaubwürdigkeit verloren.

Kaum mehr als vier Jahre nach Gorbatschows Rede hörte die Sowjetunion auf zu existieren. Trotzkis Warnung, dass die stalinistische Bürokratie, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse gestürzt würde, letztlich die Sowjetunion zerstören und den Weg für die Restauration des Kapitalismus freimachen würde, hatte sich bestätigt.

2. Swain, Thatcher und der »Mythos« Trotzki

Die Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 warf die Frage nach der historischen Rolle Trotzkis mit neuer Dringlichkeit auf. Schließlich musste es eine Erklärung geben für den Zusammenbruch der Sowjetunion. Inmitten des Triumphgeschreis der Bourgeoisie, das die Auflösung der Sowjetunion begleitete – die, das sei am Rande vermerkt, kein einziger wichtiger bürgerlicher politischer Führer vorhergesehen hatte –, schien die Antwort auf der Hand zu liegen. Das Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 ergab sich zwangsläufig aus der Oktoberrevolution von 1917. Diese Theorie, die auf der Annahme gründet, eine nicht-kapitalistische Form der menschlichen Gesellschaft sei schlechterdings unmöglich, wurde in einigen Büchern vertreten, die nach dem Ende der Sowjetunion erschienen. Das wichtigste davon war »Vollstreckter Wahn« des inzwischen verstorbenen Professors Martin Malia.

Bücher dieser Kategorie vermieden allerdings die Frage nach historischen Alternativen wie: War der politische Kurs Stalins und seiner Nachfolger die jeweils einzige Option für die UdSSR? Hätte eine andere Politik zu verschiedenen Zeitpunkten in der 74-jährigen Geschichte der Sowjetunion zu einem deutlich anderen historischen Ergebnis führen können? Auf den Punkt gebracht: Gab es eine Alternative zum Stalinismus? Ich will damit keine abstrakte hypothetische Gegenmeinung aufstellen. Gab es eine sozialistische Opposition zum Stalinismus? Vertrat diese Opposition ernst zu nehmende und realistische politische und programmatische Alternativen?

Die Antwort auf solch entscheidende Fragen erfordert, sich aufs Neue ernsthaft mit den Ideen Leo Trotzkis und der oppositionellen Bewegung zu befassen, an deren Spitze er in der UdSSR und international stand. Doch das ist bisher nicht geschehen. Statt auf den Leistungen früherer Generationen von Wissenschaftlern aufzubauen und die gewaltige Masse des in den letzten fünfzehn Jahren neu zugänglichen Archivmaterials auszuwerten, ging die vorherrschende Tendenz in der historischen Forschung zur Sowjetunion in eine deutlich andere Richtung.

In den Jahren nach dem Fall der Sowjetunion hat sich etwas herausgebildet, was am zutreffendsten die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung genannt werden kann. Das vorrangige Ziel dieser Schule besteht darin, Leo Trotzki als wichtige historische Persönlichkeit zu diskreditieren, zu leugnen, dass er eine Alternative zum Stalinismus verkörperte und dass sein politisches Erbe etwas Wichtiges oder Wertvolles für Gegenwart und Zukunft beinhaltet. Jeder Historiker hat das Recht auf einen eigenen Standpunkt. Doch muss er sich in seiner Geschichtsauffassung ernsthaft, ehrlich und prinzipiell mit Faktenmaterial auseinandersetzen und historische Beweise anerkennen. Diese entscheidende Eigenschaft lassen zwei neue Biografien über Trotzki bedauerlicherweise völlig vermissen. Die eine stammt von Professor Geoffrey Swain[22] von der Universität Glasgow und die andere von Professor Ian Thatcher[23] von der Brunel-Universität in West-London. Beide Bücher sind bei großen und einflussreichen Verlagen erschienen, Swains Trotzki-Biografie bei Pearson Longman, die Thatchers bei Routledge. Ihre Abhandlungen zu Trotzkis Leben sind wissenschaftlich völlig wertlos. Beide Arbeiten greifen kaum auf Trotzkis eigene Schriften zurück, bieten nur wenige substanzielle Zitate und ignorieren einige seiner wichtigsten Bücher, Essays und politischen Erklärungen vollständig.

Beide Verlage behaupten zwar, die Biografien stützten sich auf wichtige Originaldokumente, doch man findet keinen Hinweis darauf, dass Swain oder Thatcher die umfangreichen Trotzki-Archive an der Harvard- und Stanford-Universität genutzt hätten. Gesicherte Tatsachen zu Trotzkis Leben werden von ihnen, ohne glaubhafte Belege, »infrage gestellt« oder als »Mythen« abgetan, so die bevorzugte Ausdrucksweise der Autoren. Während sie Trotzki klein reden und sich sogar über ihn lustig machen, bemühen sie sich wiederholt, Stalin Legitimität und Glaubwürdigkeit zu bescheinigen. Sie verteidigen Stalin an vielen Stellen gegen Trotzkis Kritik und finden Begründungen, um die Angriffe auf Trotzki und die Linke Opposition zu rechtfertigen. In vielen Fällen ist ihre eigene Kritik an Trotzki nur eine aufgewärmte Version alter stalinistischer Fälschungen.

In der äußeren Aufmachung und der Seitengröße ähneln sich die Biografien. Beide Bücher richten sich eindeutig an eine studentische Leserschaft. Natürlich wissen die Autoren, dass ihre Bücher für die meisten Studenten die erste Bekanntschaft mit Trotzki bedeuten, und sie haben sie gezielt so gestaltet, dass die Leser jedes weitergehende Interesse am Thema verlieren. Sichtlich zufrieden äußert sich Professor Swain im ersten Absatz seines Buchs: »Die Leser dieser Biografie werden nicht zum Trotzkismus gelangen.«[24] Noch werden sie, so hätte er hinzufügen können, verstehen, für welche Ideen und Prinzipien Trotzki stand und was sein Platz in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist.

Der »Mythos« Trotzki

Beide Biografien verkünden, sie würden »Mythen« über Trotzkis Leben und Werk auf den Prüfstand stellen, erschüttern und sogar widerlegen. In einem kurzen Vorwort zur Biografie von Thatcher schreibt der Verlag: »Zentrale Mythen über Trotzkis heroisches Wirken als Revolutionär, insbesondere in der ersten russischen Revolution von 1905 und im russischen Bürgerkrieg, werden hinterfragt.«[25] Swain behauptet, in seinem Buch entstehe »ein ganz anderes als das traditionelle Trotzki-Bild, eines, das mehr den Menschen zeigt und weniger den Mythos«.[26] Welche »Mythen« sollen hier entkräftet werden? Bezeichnenderweise greifen beide Autoren das Werk Isaac Deutschers an, dem sie die Verantwortung dafür anlasten, Trotzki zu der heroischen historischen Persönlichkeit gemacht zu haben, als die er bis heute vorwiegend gilt. Thatcher meint herablassend, Deutschers Trilogie lese sich wie »eine Abenteuergeschichte für Jungs«. Diese Charakteristik gebe einen Hinweis darauf, »was Deutschers Wälzer interessant macht, aber auch, wo seine Schwächen liegen«. Thatcher unterstellt, Deutschers Trotzki-Biografie betreibe eine dubiose Heldenverehrung. Es wimmle darin von Fällen, »in denen Trotzki tiefer und weiter sah als seine Zeitgenossen«. Mit offensichtlichem Sarkasmus behauptet Thatcher, Deutscher schreibe Trotzki eine unwahrscheinliche Menge von politischen, praktischen und intellektuellen Leistungen zu. Er wirft ihm vor, er ergehe sich in unstatthaften »Erfindungen« und gleite »ins Fiktive ab«. Diese Mängel, so Thatcher, »schmälern die Qualität des Werks als Geschichtswerk, und als Historiker müssen wir Deutscher kritisch und mit Vorsicht begegnen«.[27]

Selbstredend müssen alle Geschichtswerke, auch Meisterwerke auf diesem Gebiet, kritisch gelesen werden. Doch Thatcher verunglimpft Deutschers Werk nicht wegen seiner Schwächen, sondern wegen seiner größten Stärke: dass es in meisterhafter Manier Trotzki als revolutionäre Persönlichkeit wieder zum Leben erweckt. Das konkrete Beispiel, das Thatcher zur Erhärtung des Vorwurfs anführt, Deutscher erfinde und gleite ins Fiktive ab, entpuppt sich als unvollständiges Zitat aus „Der bewaffnete Prophet“. Liest man es im Zusammenhang, kann man Deutschers Verwendung einer Analogie, um die Stimmung im Kreis der bolschewistischen Führung während einer heftigen Krise – dem Konflikt über den Vertrag von Brest-Litowsk im Februar 1918 – lebhaft zu veranschaulichen, als Beispiel für seine außergewöhnlichen schriftstellerischen Fähigkeiten und sein psychologisches Verständnis würdigen.[28]

In Swains Biografie wird sehr deutlich, was die Antipathie der beiden Professoren gegen Deutschers Trilogie zu bedeuten hat. Im Ton des Anklägers schreibt Swain: »Deutscher hat den Trotzki-Mythos hingenommen und sogar gefördert, die Auffassung nämlich, er sei ›der beste Bolschewik‹ gewesen: Zusammen hätten Lenin und Trotzki die Oktoberrevolution durchgeführt, und Trotzki, unterstützt von Lenin, habe Stalin seit Ende 1922 konsequent infrage gestellt, um die Revolution vor ihrer bürokratischen Entartung zu bewahren. Diese Version der Ereignisse stellt Trotzki als Erben Lenins dar.«[29]

Ein »Mythos« ist, nach der Definition des Webster-Wörterbuchs, »eine unbegründete oder falsche Vorstellung«. Doch alle Punkte, die Swain als Bestandteile des von Deutscher propagierten »Trotzki-Mythos« anführt, stützen sich auf Tatsachen, belegt durch Dokumente, aus denen zahlreiche Historiker im Lauf des letzten halben Jahrhunderts immer wieder zitiert haben. Während Swain andeutet, Deutscher verschwöre sich gegen die historische Wahrheit (er habe »den Trotzki-Mythos hingenommen und sogar gefördert«), besteht sein wirkliches Ziel darin, historische Arbeiten zu diskreditieren, welche – wie die Deutschers und vieler anderer – Jahrzehnte stalinistischer Fälschungen zerpflückt haben. Gesicherte Fakten über Trotzkis Leben werden in einer Art literarischem Standgericht abgeurteilt und zu bloßen »Mythen« erklärt. Swain und Thatcher liefern keinerlei faktische Beweise, die einer ernsthaften Prüfung standhalten, um ihr Pauschalurteil zu stützen. Mit ihren Pseudo-Biografien wollen sie Trotzki wieder den Platz in der Geschichte zuweisen, den er hatte, bevor die Arbeiten von Deutscher oder E. H. Carr veröffentlicht wurden – in der schwärzesten Periode zur Zeit der stalinschen Schule der Fälschung.

Berufung auf Autoritäten

Untersuchen wir nun die Methode, die die beiden Professoren anwenden, um gesicherte historische Fakten in Zweifel zu ziehen. Zu den bevorzugten Mitteln von Swain und Thatcher gehört es, eine unhaltbare und provokative Aussage über Trotzki zu machen, die im Gegensatz zu allen gesicherten Tatsachen steht, und dann ein Zitat aus dem Werk eines anderen Autors als Beleg anzuführen. Die Leser erfahren keine neuen Fakten, die Swains und Thatchers Behauptung beweisen. Ihnen wird lediglich gesagt, die Behauptung stütze sich auf das Werk eines anderen Autors.

Swain beispielsweise verkündet, er habe

in starkem Maß die Arbeiten anderer Wissenschaftler herangezogen. Ian Thatcher hat den Trotzki von vor 1917 wiederentdeckt und auch deutlich aufgezeigt, wie wenig Verlass manchmal auf Trotzkis eigene Schriften ist. James White hat die Beziehung zwischen Trotzki und Lenin im Jahr 1917 völlig neu bewertet und dabei gezeigt, dass die Vorstellungen, die diese beiden Männer vom Aufstand hatten, völlig unterschiedlich waren. Eric van Ree hat die Auffassung, Trotzki sei Lenins Erbe gewesen, gründlich widerlegt. Richard Day hat schon vor über dreißig Jahren überzeugend nachgewiesen, dass Trotzki, weit davon entfernt Internationalist zu sein, fest von der Möglichkeit überzeugt war, der Sozialismus könne in einem Land aufgebaut werden. Umstrittener ist die von Nikolai Walentinow vor beinahe fünfzig Jahren vertretene These, dass Trotzki 1925 keinesfalls Gegner von Stalin, sondern mit ihm im Bunde war; Walentinows Behauptung eines bei einem geheimen Treffen geschlossenen Pakts konnte nicht nachgewiesen werden, doch anderes Beweismaterial legt nahe, dass es eine Zeit versuchter Zusammenarbeit gab.[30]

Was uns hier präsentiert wird, nennt man die Berufung auf Autoritäten. Diese Berufung ist aber nur insoweit vertretbar, wie die Autoritäten glaubwürdig sind. Im speziellen Fall ist die Frage nicht einfach dadurch gelöst, dass man Thatcher, White, van Ree, Day und Walentinow als Quellen nennt. Wir müssen mehr über sie erfahren, über ihr Werk und das Material, auf dessen Basis sie zu ihren Schlussfolgerungen gelangt sind. Auch müssen wir wissen, ob sie die Standpunkte, die ihnen zugeschrieben werden, auch tatsächlich vertreten haben. Wir werden noch sehen, dass gerade diese Frage von besonderer Bedeutung ist, denn wenn wir uns mit dem Werk von Swain und Thatcher befassen, können wir wirklich gar nichts als selbstverständlich voraussetzen.

Was Swains Verweis auf Professor James White von der Universität Glasgow angeht, so gehört dieser – für alle, die mit seiner Arbeit vertraut sind – wohl kaum zu den Historikern, deren Urteile zum Thema Trotzki als maßgeblich oder überhaupt als glaubwürdig akzeptiert werden können.[31]

Zu van Ree, den Thatcher bevorzugt als Quelle heranzieht, lässt sich sagen, dass man sich seinen Schriften zu geschichtlichen Fragen mit Vorsicht, besser noch mit Schutzmaske nähern sollte. Als Ex-Maoist, der inzwischen ein leidenschaftlicher Antikommunist geworden ist, gab er vor nicht langer Zeit in einem Buch mit dem Titel »Wereldrevolutie: De communistische beweging van Marx tot Kim Jong Il« folgende Einschätzung Lenins und Trotzkis zum Besten:

Nimmt man aber alles zusammen, so waren auch sie Schurken und standen an der Spitze von politischen Verbrecherbanden. Sie fanden Vergnügen daran, Bürgerkrieg zu führen. Sie verkündeten den Roten Terror, weil sie sich selbst für Darsteller in einem grandiosen Drama der Geschichte hielten. Sie hatten den Vorteil, dass man ihnen zu wiederholen erlaubte, woran Maximilian de Robespierre scheiterte, und sie waren entschlossen, dieses Mal niemanden am Leben zu lassen, der ihnen einmal zum Verhängnis werden könnte. Lenin und Trotzki waren stolz darauf, dass sie sich nicht ein Jota um Demokratie oder Menschenrechte kümmerten. Sie genossen es, ihre Brutalität auszuleben.[32]

Selbst wenn man den überhitzten Ton weglässt, kann keine dieser Behauptungen als Beispiel für ein nüchternes geschichtliches Urteil gelten. Professor van Ree ist offensichtlich ein sehr zorniger Mann mit vielen schlechten politischen Erfahrungen. Für ein maßgebliches Urteil über die Beziehung Lenin-Trotzki ist er nicht qualifiziert. Dennoch will ich darauf hinweisen, dass nach van Rees Darstellung in dem oben zitierten Werk Lenin und Trotzki Komplizen waren, die die gleiche verbrecherische Weltsicht teilten. Wie konnte van Ree mit einer solchen Ansicht »die Auffassung widerlegen, dass Trotzki Lenins Erbe [war]«? In einer Diskussion über die Beziehung zwischen Lenin und Trotzki hat das Wort »Erbe« überdies mehr eine politische als eine juristische Bedeutung. Ob Trotzki als Lenins »Erbe« betrachtet werden sollte oder nicht, gehört zu den Fragen, über die Historiker vermutlich noch Jahrzehnte streiten werden. Sie kann bestimmt nicht in einem Aufsatz abschließend geklärt werden, selbst nicht von einem Historiker, der über wesentlich mehr Begabung, Wissen, Einsicht und Urteilsvermögen verfügt als Herr van Ree. Wenn Swain behauptet, van Ree habe »die Auffassung widerlegt, Trotzki sei Lenins Erbe gewesen«, so beweist dies nur, dass Swain die komplexen historischen, politischen, gesellschaftlichen und theoretischen Fragen nicht genügend durchdacht hat, die eine ernsthafte Untersuchung der Beziehung zwischen Lenin und Trotzki aufwirft.

Sehen wir uns nun an, wie Swain unter Berufung auf Professor Richard B. Day seine eigene provokative These erhärten will, dass Trotzki, »weit davon entfernt, Internationalist zu sein, fest von der Möglichkeit überzeugt war, der Sozialismus könne in einem Land aufgebaut werden«. Ich gebe gerne zu, dass ich meinen Augen nicht trauen wollte, als ich sah, dass Professor Day als maßgebliche Quelle einer so haarsträubenden Aussage zitiert wurde. Anders als die Herren, über die ich mich bereits geäußert habe, ist Professor Day ein herausragender und anerkannter Historiker, der sich seit vielen Jahren auf seriöse Weise mit den Auseinandersetzungen in den 1920er-Jahren innerhalb der sowjetischen Regierung über Fragen der Wirtschaftspolitik befasst. Insbesondere hat er die Schriften von Jewgeni Preobraschenski einer ernsthaften Analyse unterzogen und bedeutende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Linken Opposition zu wichtigen Fragen der Wirtschaftstheorie und -politik aufgedeckt.

Swain verzerrt und fälscht Day, wenn er auf ihn verweist. In dem von Swain zitierten Buch »Leon Trotsky and the Politics of Economic Isolation« verwendet Day bestimmte Formulierungen, die nahelegen, dass Trotzki die Möglichkeit des Sozialismus in einem Land nicht ausschloss. Jedoch lehnte Trotzki die Konzeption Stalins ab, dass dies auf der Basis von Autarkie erreicht werden könne. Days Erörterung der Position Trotzkis über den »Sozialismus in einem Land« muss man im Zusammenhang mit der Darstellung der Debatte über die Wirtschaftspolitik der Sowjetregierung in dem Buch von Day lesen. Doch Swain greift sich einige nicht ganz eindeutige Sätze Days auf den ersten Seiten des Buchs heraus und verfälscht im Folgenden den Kern der Analyse von »Leon Trotsky and the Politics of Economic Isolation«. Days Argumentation mag zu kurz greifen, doch nichts in seinem Buch stützt Swains Behauptung, Trotzki sei kein ­Internationalist ­gewesen.[33] Es handelt sich um eine krasse Verfälschung der Auffassungen des Buchs »Leon Trotsky and the Politics of Economic Isolation«.[34]

Ich möchte meine Zeit nicht damit vergeuden, Swains Verweis auf Walentinow zu entkräften, ein alter Menschewik und erbitterter Gegner Trotzkis. Swain führt nicht einmal ein Zitat von Walentinow an. Für seine Behauptung führt er keinerlei Belege an. Zu Walentinows Geschichte »eines bei einem geheimen Treffen geschlossenen Pakts« sagt Swain selbst, dass »sie nicht nachgewiesen werden [konnte]«, also eine Erfindung war. Doch warum erwähnt Swain sie dann überhaupt?

»Rhetorischer Internationalismus«

Dass Swain Quellen heranzieht, von denen er selbst sagt, sie seien unzuverlässig, kennzeichnet seine zynische Haltung gegenüber geschichtlichen Tatsachen. Er hat keine Skrupel, Behauptungen aufzustellen, die allem, was über Trotzkis Leben bekannt und dokumentiert ist, widersprechen. Er erklärt uns, dass »Trotzki an die Weltrevolution glaubte, doch nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Bolschewik, und wie bei allen anderen Bolschewiki war dieser Glaube mehr rhetorischer Natur«.[35] Wenn es nach Swain geht, bestand also kein Unterschied zwischen der Bedeutung, welche die Perspektive der Weltrevolution im Lebenswerk Trotzkis hatte, und dem Denken und Handeln von Molotow, Woroschilow und Stalin! Wo soll man bloß anfangen, um eine derartige Absurdität zu widerlegen?

Die Leser sollen glauben, dass die politischen Auffassungen, die Trotzkis politisches Handeln über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren bestimmten und die sich in zahllosen Reden und Tausenden von Seiten an verfassten Dokumenten niedergeschlagen haben, nichts weiter seien als Imponiergehabe, ohne ernsten geistigen, emotionalen und moralischen Gehalt. Alles war nur politische Trickserei, die Tarnung von im Wesentlichen nationalistischen Absichten im Zusammenhang mit dem fraktionellen Machtkampf, den Trotzki in der Sowjetunion führte. Swain schreibt:

Seine Kritik an der fehlgeschlagenen deutschen Revolution von 1923 sollte nur einen Angriff auf seine damaligen innenpolitischen Gegner Sinowjew und Kamenew kaschieren. So verhielt es sich auch mit seinen Schriften über den britischen Generalstreik, wenn auch seine Gegner in diesem Fall Bucharin und Stalin waren. Auch sein begeistertes Eintreten für China 1927 war im Wesentlichen innenpolitisch motiviert … Erst in der Emigration, 1933, als er die Konzeption des Thermidors aufgegeben hatte, beschäftigte er sich näher mit dem Gedanken, wie das Wiederaufleben der Arbeiterbewegung in Europa einen günstigen Einfluss auf die Sowjetunion ausüben und die Entartung des Arbeiterstaats aufhalten könne. Dann wurde der Internationalismus zum Mittelpunkt seines Wirkens.[36]

Swain geht offenbar davon aus, dass seine studentischen Leser über die behandelten Ereignisse und Fragen keinerlei Kenntnisse haben. Er legt keine Tatsachen vor, um seine Schlussfolgerung zu stützen. Ebenso wenig versucht er, seine Thesen durch die Analyse der Schriften Trotzkis zu belegen. Dieses grobe Versäumnis widerspiegelt sein generelles Desinteresse an Trotzki als Schriftsteller. Swain weist seine Leser eigens darauf hin, dass seine Biografie das »großartige« Werk von Professor Baruch Knei-Paz »The Social and Political Thought of Leon Trotsky« nicht berücksichtigt. Er räumt ein, dass dies Trotzki-Experten überraschen mag, verteidigt dieses Versäumnis aber damit, dass Knei-Paz den Schriften Trotzkis größere Bedeutung beimesse, als ihnen zukomme.

Knei-Paz stellt Trotzkis Schriften nach bestimmten Themen zusammen, bringt frühere und spätere Aufsätze in eine zusammenhängende Darstellung; diese Herangehensweise macht aus Trotzki einen weitaus größeren Denker, als er wirklich war. Trotzki schrieb extrem viel, und als Journalist schrieb er gern über Themen, von denen er sehr wenig wusste.[37]

Wenn ein Historiker ein derart pauschales Urteil abgibt, sollte man erwarten, dass er seine Behauptung untermauert. Swain hätte sie beweisen sollen, indem er auf bestimmte Essays oder Artikel aufmerksam machte, an denen Trotzkis mangelnde Kenntnis der von ihm behandelten Themen zum Vorschein kam. Swain liefert kein einziges Zitat zur Begründung seines Arguments, sondern fährt in derselben Art fort. »Trotzki konnte wunderbar schreiben, doch er war kein Philosoph.«[38] Das hat Trotzki allerdings auch nie behauptet. Ungeachtet dessen war er in der Lage, die sozialen, politischen und ökonomischen Realitäten seiner Zeit tiefgründiger und genauer zu erfassen als die Philosophen seiner Generation. Wer verstand den Charakter des Imperialismus und Faschismus des zwanzigsten Jahrhunderts besser: Martin Heidegger, der sich offen zu Hitler bekannte, oder Trotzki? Wer verstand klarer, warum die Fabier in Großbritannien mit ihrem Reformismus Schiffbruch erlitten: Bertrand Russell oder Trotzki?[39]

Ein ehrlicherer und fähigerer Historiker hätte bei der Analyse von Trotzkis Rang als Schriftsteller vielleicht den folgenden Auszug aus den Tagebüchern des großen deutschen Literaturkritikers Walter Benjamin erwähnt: »3. Juni 1931 … Am Abend vorher Gespräch mit Brecht, Brentano, Hesse im Café du Centre. Die Rede kommt auf Trotzki; Brecht meint, es ließe sich mit gutem Grund behaupten, dass Trotzki der größte lebende Schriftsteller von Europa wäre.«[40] Man kann nur spekulieren, was Swain, wäre er zugegen gewesen, zu dieser Unterhaltung im Café du Centre beigetragen hätte. »Kann sein, Bertolt. Aber ein Philosoph ist Trotzki nicht!«

Beim Durcharbeiten der gesamten Biografie muss man immer wieder über die Gleichgültigkeit staunen, die Swain gegenüber Trotzkis Schriften an den Tag legt. Viele seiner wichtigsten Werke werden kaum erwähnt oder gänzlich ignoriert. Zwar räumt Swain die entscheidende Rolle Trotzkis beim Sieg der Roten Armee im Bürgerkrieg ein, übergeht aber seine wichtigen Schriften zur Militärtheorie. Dies ist eine wichtige Auslassung, denn viele der in späteren Jahren auftauchenden politischen und theoretischen Differenzen zwischen Trotzki und der Stalin-Fraktion waren in den früheren Konflikten über die Militärpolitik bereits vorweggenommen.[41] Trotzkis außergewöhnliche Manifeste und Reden, die er für die ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale (1919–1922) schrieb, erwähnt Swain nicht einmal. Ebenso unterschlägt er Trotzkis weitsichtige Analyse in Bezug auf den Aufstieg des amerikanischen Imperialismus zur Weltmacht und die künftige Entwicklung der Beziehung zwischen den USA und einem im Niedergang befindlichen und abhängigen Europa. Das hindert Swain aber nicht daran, auch noch großspurig zu verkünden, dass Trotzki »absolut kein Verständnis hinsichtlich der europäischen Politik hatte«.[42] Ebenso gut könnte man sagen, Einstein hätte kein Verständnis von Physik gehabt! Solche lächerlichen Behauptungen dienen nur einem Zweck: das Gehirn von Studenten, die mit Trotzkis Leben und mit der geschichtlichen Periode, in der er lebte, nicht vertraut sind, mit absurden und irreführenden Vorstellungen zu füllen.

Swains Versuch, Trotzki in einen begeisterten Befürworter des stalinistischen Programms des »Sozialismus in einem Land« umzudeuten, stellt eine groteske Verzerrung und Verfälschung der wirklichen Ansichten Trotzkis dar. Swain macht Lenin als Urheber dieser Theorie aus und merkt an, dass Stalin in seiner Rede, in der er das neue Programm bekannt gab, ein Zitat aus einem Artikel Lenins aus dem Jahr 1915 anführte. Swain unterschlägt, dass Stalin dieses Zitat aus dem Zusammenhang riss und im Sinne seiner Absichten die unzähligen Äußerungen Lenins ignorierte, in denen dieser mit Nachdruck hervorhob, das Schicksal des Sozialismus in Russland hinge von der Weltrevolution ab. Noch schwerer wiegt, dass Swain, ob aus Unwissen, Unverständnis oder vorsätzlich, Leo Trotzkis Ansichten verfälscht. Swain geht auf eine Artikelserie Trotzkis aus dem Jahr 1925 ein, die unter dem Titel »Kapitalismus oder Sozialismus?« erschien, und behauptet, die Logik darin sei »eindeutig: Sozialismus in einem Land ist möglich, wenn eine richtige Wirtschaftspolitik betrieben wird und der Staat in zunehmendem Maße in die Wirtschaft investiert«.[43]

Wenn man die Möglichkeit, mit dem Aufbau des Sozialismus in der UdSSR zu beginnen (was Trotzki befürwortete und wozu er ermutigte), gleichsetzt mit der langfristigen Lebensfähigkeit einer sowjetischen Form des Nationalismus (was Trotzki ausdrücklich ablehnte), werden der theoretische Inhalt und die politischen Implikationen der Debatte über die Wirtschaftspolitik schlichtweg unverständlich. Selbst in »Kapitalismus oder Sozialismus?«, verfasst im Jahre 1925, als er die Auswirkungen des nationalistischen Schwenks in den theoretischen Grundlagen der sowjetischen Wirtschaftspolitik noch analysierte, warnte Trotzki ausdrücklich davor, dass bei einem Weiterbestehen des Weltkapitalismus über eine lange Periode »der Sozialismus in einem rückständigen Land unmittelbar mit den größten Gefahren konfrontiert wäre«.[44] Im September 1926 erklärte Trotzki, »die Linke Opposition ist vollständig vom Sieg des Sozialismus in unserem Land überzeugt, nicht weil sich unser Land aus der Weltwirtschaft herauslösen kann, sondern weil der Sieg der proletarischen Revolution auf der ganzen Welt gewiss ist«.[45] Der Sozialismus konnte also in Russland aufgebaut werden, wenn die Arbeiterklasse durch revolutionäre Kämpfe in anderen Ländern die Macht eroberte. Trotzkis Rede vor der Fünfzehnten Parteikonferenz am 1. November 1926 stellte einen Generalangriff auf die Perspektive des nationalen Sozialismus dar.[46] Swain geht natürlich darüber hinweg, wie auch über andere entscheidende Texte, die man untersuchen muss, will man sich mit dem Thema »Sozialismus in einem Land« angemessen auseinandersetzen.

Swain über 1923

Swains Behandlung des so wichtigen Beginns von Trotzkis Kampf gegen die Degeneration der sowjetischen Kommunistischen Partei kommt einer Verteidigung der entstehenden stalinistischen Fraktion gegen die Kritik Trotzkis gleich. In diesem Zusammenhang ist besonders bezeichnend, dass Swain sich vehement gegen einen Brief und eine Reihe von Artikeln wendet, die Trotzki Anfang Dezember 1923 unter dem Titel »Der Neue Kurs« verfasste. Swain schreibt:

In der programmatischen Schrift »Der Neue Kurs«, geschrieben am 8. Dezember und am 11. Dezember 1923 nach einigen Querelen in der Prawda veröffentlicht, prangerte Trotzki die zunehmend bürokratische Führung der Partei an und behauptete, die alte, etablierte Führung befinde sich im Konflikt mit einer jüngeren Generation. Mit einer weit hergeholten Parallele, wie es so seine Art war, verglich er die Situation in der bolschewistischen Führung mit jener Phase in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratischen Partei, als die vormals radikalen Verbündeten von Marx und Engels beinahe unmerklich in eine neue Rolle schlüpften und die Väter des Reformismus wurden. Ein schönes Bild, doch Kamenew, Stalin und Sinowjew fanden ganz gewiss keinen Gefallen an der Andeutung, nur Trotzki sei ein wahrer Revolutionär und sie nichts weiter als Reformisten.

Mit »Der Neue Kurs« beleidigte Trotzki nicht nur seine Kollegen im Politbüro, er verlieh ihnen auch, aus bolschewistischer Sicht, moralische Überlegenheit. Er hatte mit ihnen ein Übereinkommen getroffen und es nun gebrochen. So hatte er auch gegenüber Lenin gehandelt, als die Krise in der Brest-Litowsk-Frage am schärfsten war. Während der Debatte über die Gewerkschaften war er der Sinowjew-Kommission beigetreten, um dann zu erklären, er werde sich nicht an ihrer Arbeit beteiligen. Die Resolution über das Fraktionsverbot, die der Zehnte Parteikongress verabschiedet hatte, richtete sich ganz spezifisch gegen derartige Verhaltensweisen. Man konnte zwar unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob Trotzkis Verhalten im Herbst 1923 schon als fraktionistisch gelten musste, doch »Der Neue Kurs« war ganz ohne Zweifel fraktionistisch. Trotzki hatte zuvor einem Kompromiss zugestimmt, dann gegen ihn verstoßen und dabei den revolutionären Ruf seiner Genossen im Politbüro in Frage gestellt.[47]

Swain berichtet hier nicht objektiv über die politischen Ursprünge, Fragen und Ereignisse im Zusammenhang mit dem Konflikt, der in der sowjetischen Kommunistischen Partei aufbrach, schon eher verteidigt er höchst parteilich die von Trotzki Kritisierten. Swains wütende Verweise auf Trotzkis Verhalten während der Brest-Litowsk-Krise 1918 und in der Gewerkschaftsdebatte 1920 lesen sich, als seien sie aus Stalins Reden abgeschrieben. Kamenew, Sinowjew und Stalin, erklärt uns Swain, »fanden ganz gewiss keinen Gefallen« an Trotzkis Kritik, als könne dies Trotzkis Argumente in »Der Neue Kurs« irgendwie entkräften.

Es ist, vorsichtig ausgedrückt, schon eigenartig, wenn ein Historiker im Jahr 2006 Trotzki »fraktionistisches« Verhalten vorwirft, weil er einen politischen Konflikt eröffnete, der sich als prägend für den weiteren Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts erwies. Swain, der den Vorteil des heutigen Wissensstands hat, weiß, wohin sich die Dinge schließlich entwickelten. Aus der Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie, wogegen Trotzki seinen Protest anmeldete, erwuchs letztendlich eine brutale totalitäre Diktatur, die Massenmord verübte. Trotzkis Kritik kränkte vielleicht das Ego von Kamenew und Sinowjew, doch das Schicksal, das die beiden Altbolschewiki dreizehn Jahre später durch Stalin erlitten, war weitaus schrecklicher. Und es ist geradezu unfassbar, wenn Swain Trotzkis Warnungen vor der Gefahr der politischen Degeneration in der älteren Generation von Bolschewiki als »weit hergeholt« verurteilt. Die Geschichte sollte auf tragische Weise zeigen, dass Trotzki mit dem Hinweis auf das Beispiel der deutschen sozialdemokratischen Führer das Ausmaß der Tragödie, der die bolschewistische Partei entgegenging, eher unterschätzte als übertrieb.

Was den konkreten Vorwurf angeht, es sei unangebracht und fraktionistisch gewesen, »Der Neue Kurs« zu schreiben, so gründet er sich nicht auf eine ehrliche Wiedergabe der historischen Fakten. Swain lässt einfach unter den Tisch fallen, dass das Politbüro von einer geheimen Fraktion – Stalin, Sinowjew und Kamenew – beherrscht wurde, die nicht auf programmatischer Übereinstimmung basierte, sondern auf der gemeinsamen Entscheidung, Trotzkis politischen Einfluss zu untergraben. Trotzki arbeitete also in einem Politbüro, dessen Beratungen von Absprachen beeinträchtigt waren, die Stalin, Sinowjew und Kamenew untereinander und hinter den Kulissen getroffen hatten. Überdies war Trotzkis Brief vom 8. Dezember 1923 – er bildete eines von mehreren Dokumenten, die die Schrift »Der Neue Kurs« ausmachten – von einer prinzipiellen Haltung geprägt, wie E. H. Carr 1954 überzeugend darlegte.

Carr erklärte auch, dass das Triumvirat und Trotzki mit ganz unterschiedlichen Zielen und Kriterien an die Formulierung der Resolution über die Parteireform vom 5. Dezember 1923 herangingen. Für Stalin, Sinowjew und Kamenew war der eigentliche Inhalt der Resolution von zweit- oder gar drittrangiger Bedeutung. Ihr Interesse an einer Übereinkunft mit Trotzki war von rein taktischen Erwägungen im Machtkampf bestimmt. Angesichts der Opposition gegen die zunehmend bürokratischen und eigenmächtigen Methoden der Führung wollten die Mitglieder des Triumvirats einen offenen Bruch Trotzkis mit der Führung im Zentralkomitee verhindern, mindestens aber verzögern. Für Trotzki dagegen drehte sich die Resolution um ganz grundsätzliche Fragen. Carr wies auf den Unterschied zwischen Trotzki und seinen Gegnern hin. »Trotzki war gewohnt, dass Differenzen in der Partei durch Parteiresolutionen ausgefochten und beigelegt wurden, maß also einem Sieg auf dem Papier einen praktischen Wert bei, den die Resolution bei der neuen Konstellation in der Parteiführung nicht mehr hatte.«[48]

Der Historiker Robert V. Daniels bestätigt Carrs Einschätzung in seinem einflussreichen Buch »The Conscience of the Revolution«. Daniels erläutert die Abfolge der Ereignisse, die zu »Der Neue Kurs« führten, und schreibt: »Trotzki war sich der Feindseligkeit seiner Person gegenüber bewusst, die die Resolution nur schwach kaschierte, und strich in einem offenen Brief an eine Parteiversammlung am 8. Dezember heraus, was die Resolution für die Reform der Partei bedeute. Dieser Brief über den Neuen Kurs bekräftigte und erklärte in leidenschaftlichen Worten die Resolution vom 5. Dezember und hob besonders die Rolle der einfachen Parteimitgliedschaft bei ihrer Umsetzung hervor.«[49]

Völlig vergebens sucht man bei Swain eine Analyse der objektiven Prozesse, die der Verschärfung des politischen Konflikts zugrunde lagen. Er gibt praktisch keinerlei Einschätzung der Veränderungen, die durch die Neue Ökonomische Politik (NÖP) innerhalb der Sowjetunion stattfanden, und wie sich diese Veränderungen innerhalb der Partei widerspiegelten. Swain charakterisiert weder die politischen Eigenschaften noch das Denken der Gegner Trotzkis. Er untersucht nicht die Veränderung in der Zusammensetzung der Mitgliedschaft der bolschewistischen Partei, ebenso wenig das Phänomen der Bürokratisierung mit ihren so verheerenden Folgen für die bolschewistische Partei und die sowjetische Gesellschaft.

Swain über Trotzkis letztes Exil

Nur 25 Seiten widmet Swain den letzten zwölf Jahren von Trotzkis Leben. Diese Darstellung als oberflächlich zu charakterisieren, wäre ein Kompliment. Das katastrophalste Ereignis in der europäischen Geschichte nach dem ersten Weltkrieg, die Machtübernahme Hitlers und seiner Nazi-Partei in Deutschland, fällt fast völlig unter den Tisch. Swain geht nicht auf die Beziehung zwischen diesem Ereignis und der wichtigsten politischen Entscheidung ein, die Trotzki in seinem letzten Exil traf: Er rief auf zur politischen Revolution in der UdSSR und zur Gründung der Vierten Internationale. Swain erwähnt kurz, dass Trotzki nach seiner Ausweisung aus der UdSSR, als er 1929 in Prinkipo ankam, seine Anhänger aufforderte, in der Kommunistischen Internationale zu bleiben, und schreibt dann: »1933 hatte er seine Meinung geändert …«[50] Das welterschütternde Ereignis, das diese Veränderung in der politischen Linie veranlasste – Hitlers Machtübernahme als Ergebnis des Verrats der Kommunistischen Internationale und ihrer deutschen Sektion – findet keine Erwähnung. Wir erfahren nicht, wie Swain Trotzkis Schriften über die Krise in Deutschland bewertet. Man vergleiche nur einmal das fast völlige Schweigen von Swain zu diesem Thema und E. H. Carrs Ausführungen zu Trotzkis Bemühungen, die deutsche Arbeiterklasse angesichts der Gefahr des Faschismus aufzurütteln. In seinem letzten Werk, »Twilight of the Comintern«, schätzte Carr Trotzkis Schriften über die Krise in Deutschland von 1931–1933 als so bedeutsam ein, dass er ihnen einen eigenen Anhang widmete: »Trotzki schrieb während der Periode von Hitlers Aufstieg zur Macht so beharrlich und so überwiegend weitsichtige Kommentare über die Entwicklung in Deutschland, dass die Erinnerung daran gewahrt bleiben muss.«[51]

Ähnlich tut Swain auch die Moskauer Prozesse und die anschließenden Säuberungen mit wenigen Sätzen ab, behandelt sie viel knapper als die kurze persönliche Beziehung Trotzkis zu Frida Kahlo in Mexiko. Trotzkis wichtigste politische Abhandlung, »Verratene Revolution«, wird in einem Satz erwähnt. Seine leidenschaftlichen Artikel zur spanischen Revolution, in denen er davor warnte, die stalinistische Politik der Volksfront ebne den Weg für Francos Sieg, tauchen in Swains Buch gar nicht auf, auch nicht das »Übergangsprogramm«, das Gründungsdokument der Vierten Internationale. Swain ignoriert auch die letzte große polemische Arbeit Trotzkis über den Charakter der UdSSR. Er beschließt seine Biografie mit der Äußerung, für Trotzki wäre es besser gewesen, nach der Oktoberrevolution von 1917 aus der Politik auszusteigen und sich ausschließlich dem Journalismus zu widmen. Dann hätte Trotzki sicherlich, wie Swain uns bereits erklärt hat, »über Themen schreiben [können], von denen er sehr wenig wusste«.

3. Thatchers Methode der Geschichtsfälschung

Ich bin bereits kurz auf die Methode Ian Thatchers eingegangen. Am Beispiel von drei Absätzen aus der Einleitung zu seiner Trotzki-Biografie möchte ich diesen Punkt noch einmal aufgreifen.

Nach Trotzkis Darstellung hatte nur er das Jahr 1917 ehrenvoll bestanden. Stimmte man 1924 den »Lehren des Oktober« inhaltlich zu, dann konnte nur einer den inzwischen verstorbenen Lenin ersetzen, nämlich Leo Trotzki. Es ist also vollkommen verständlich, dass Trotzkis Kollegen seine »Lehren des Oktober« widerlegen wollten, weil er ihnen darin vorwarf, 1917 menschewistische Sünden begangen zu haben. Sie taten dies in einer Reihe von Reden und Artikeln, die dann als Sammelband auf Russisch und in mehreren Übersetzungen veröffentlicht wurden.

Führende Bolschewiki (u. a. Kamenew, Stalin, Sinowjew und Bucharin) sowie prominente Vertreter der Kommunistischen Internationale (Komintern) und des Kommunistischen Jugendverbandes (Komsomol) vertraten die Auffassung, Trotzkis Schrift sei keine wahrheitsgetreue Geschichte der Oktoberrevolution. Ziehe man etwa die wichtigsten Dokumente der damaligen Zeit und einen wachsenden Bestand von schriftlich niedergelegten zeitgenössischen Erinnerungen zu Rate, behaupteten die Gegner Trotzkis, könne man feststellen, dass er aus seiner Erinnerung heraus ein sehr verzerrtes Bild gezeichnet habe. Es falle insbesondere ins Auge, dass Trotzki die Rolle Lenins und der bolschewistischen Partei heruntergespielt und seinen eigenen Beitrag übertrieben habe. Falsch sei beispielsweise die Behauptung, 1917 habe ein langer und erbitterter Kampf zwischen einem Lenin stattgefunden, der die Partei mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution neu bewaffnen wollte, und einer rechten, menschewistischen Fraktion in den Reihen der Bolschewiki. Vielmehr habe sich Lenins Analyse der Ereignisse von 1917 aus einer seit langem vertretenen Theorie der russischen Revolution ergeben. Nachdem Lenin seine Mitstreiter von der Richtigkeit der Weiterentwicklung seiner Strategie überzeugt habe, hätten Trotzki oder der Trotzkismus weder Lenin noch die Partei in irgendeiner Weise beeinflusst.

In der Tat, so die weiteren Argumente gegen Trotzki, sei die gesamte Geschichte des Leninismus und Bolschewismus vor und nach 1917 eine Geschichte der Opposition gegen den Trotzkismus gewesen. Trotzki habe leider nicht verstanden, dass er 1917 nur deshalb eine Rolle spielte, weil er unter Anleitung der bolschewistischen Partei handelte. Er sei nicht mit voller Überzeugung zum Bolschewismus gekommen, sonst hätte er eine ganz andere Version der Geschichte geschrieben. Er hätte zum Beispiel seine in der Vergangenheit und jüngst begangenen theoretischen und organisatorischen Fehler eingestanden. Nur so hätte die Jugend verstehen können, worin die wirkliche Beziehung zwischen Leninismus und Trotzkismus bestehe und wie man die Sünden Trotzkis vermeiden könne. »Lehren des Oktober« sei der Versuch Trotzkis, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ersetzen. Dies werde die bolschewistische Partei jedoch nicht zulassen. Die Führung erkannte die Gefahr des Trotzkismus, die sich in Trotzkis Unterschätzung der Bauernschaft zeigte sowie in seiner falschen Politik während der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, in der Debatte über die Gewerkschaften und in der Frage der Währungsreform.[52]

An diesen Absätzen zeigt sich beispielhaft eine raffinierte stilistische Technik, die Thatcher immer wieder einsetzt, um zu vertuschen, dass er die Geschichte fälscht: Er konstruiert eine scheinbar objektive Darstellung der Geschichte aus den voreingenommenen Aussagen von Trotzkis politischen Todfeinden. Die eben zitierten drei Absätze bestehen fast ausschließlich aus Lügen. Thatcher hat für die »Kritik« an Trotzki eine Reihe von verlogenen Vorwürfen zusammengestellt, die Stalin, Sinowjew und Kamenew im November und Dezember 1924 gegen Trotzki richteten, um seine glänzende Analyse der politischen Differenzen und Kämpfe innerhalb der bolschewistischen Partei in diesem für die Revolution so wichtigen Jahr zu verunglimpfen.

Trotzkis »Lehren des Oktober« untersucht Ereignisse und Kontroversen, die Sinowjew, Kamenew und Stalin nicht öffentlich thematisiert sehen wollten, da ihre rechte und versöhnlerische Politik sie 1917 mehrmals in Opposition zu Lenin gebracht hatte. Stalin und Kamenew unterhielten im März 1917, vor Lenins Rückkehr nach Russland, ein Bündnis mit den Menschewiki. Im Oktober 1917 hatten sich Kamenew und Sinowjew gegen den Aufstand ausgesprochen. Zudem konnte sich nur Lenins eigener Beitrag zum Sieg der Bolschewiki im Oktober 1917 mit dem Trotzkis messen. Die Argumente in den zitierten Passagen wurden zurechtgezimmert, um die Wirkung von Trotzkis Kritik in »Lehren des Oktober« abzuschwächen und seinen Ruf als revolutionärer Führer zu zerstören. Wie der Historiker Robert V. Daniels bemerkte, waren die als Reaktion auf »Lehren des Oktober« gegen Trotzki erhobenen Vorwürfe »entweder völlig konstruiert oder über alle Maßen übertrieben – die gekränkten Führer waren darauf aus, den Menschen zu zerstören und nicht theoretische Fehler zu bekämpfen«.[53]

Thatcher erklärt uns weder, in welchem Zusammenhang der Angriff auf Trotzki geführt wurde, noch überprüft er, ob er auf richtigen Tatsachen beruht. In der Pose einstudierter Ausgewogenheit präsentiert er Lügen und Konstrukte. Die »Argumente gegen Trotzki« – Thatchers schönfärberische Bezeichnung für die monströse Verleumdungskampagne der Bürokratie – werden als vernünftig, würdig und legitim dargestellt. Thatcher stellt seine Biografie als Müllkippe für politische und historische Fälschungen zur Verfügung, auf welche die aufsteigende Sowjetbürokratie ihren Kampf gegen Trotzki gründete. Diese heimtückische und unehrliche Methode, mit der alte Lügen in neuer Verpackung als objektive Darstellung der Geschichte präsentiert werden, wendet Thatcher immer wieder an.

Der »Mythos« 1905

Wie Swain verspricht auch Thatcher, »zentrale Mythen« über Trotzkis Leben aufzudecken, wie etwa seine Rolle in der Revolution von 1905. Wir wollen untersuchen, wie Professor Thatcher seine Aufgabe angeht. Da Trotzkis entscheidende Rolle in der Revolution von 1905 unter Wissenschaftlern auf der ganzen Welt allgemein anerkannt ist, müsste für Thatcher eigentlich klar sein, dass eine Kampfansage an diesen wissenschaftlichen Konsens eine sorgfältige Sichtung und Präsentation neuer Fakten und Argumente erfordert. Es stellt sich jedoch heraus, dass Thatchers »Entmythologisierung« der Rolle Trotzkis im Jahr 1905 gerade einmal einen relativ kurzen Absatz in Anspruch nimmt, und dies trotz des (auch auf dem Buchrücken zitierten) Einführungstextes des Verlags, der speziell auf dieses Thema hinweist.

Thatcher beginnt so: »Es ist schwierig, den genauen Einfluss zu bestimmen, den Trotzki auf den Verlauf der Revolution von 1905 hatte.«[54] Ja, es mag schwierig sein, den genauen Einfluss zu bestimmen, doch es gibt eine Fülle von Informationen, die ein begründetes Urteil über Grad und Ausmaß seines Einflusses erlauben. Zahlreiche Memoiren aus dieser Zeit bezeugen seine überragende politische Präsenz. Trotzki wurde zum Vorsitzenden des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten gewählt, war Herausgeber zweier Zeitungen, der »Russkaja Gaseta« und der »Natschalo«, die eine hohe Auflage hatten. Als wolle er diesen Einwand entkräften, behauptet Thatcher: »Wir können nicht wissen, wie viele Menschen er als Journalist erreichte.«[55] Auch das entspricht nicht der Wahrheit. In einem von ihm selbst verfassten Artikel in »History Review« vom September 2005 gibt Thatcher zu, dass die Auflage dieser beiden Zeitungen möglicherweise bei 100 000 Exemplaren lag und damit mindestens um 20 000 höher war als die konkurrierender Zeitungen.[56] Abrupt führt Thatcher dann ein neues Argument ein, das mit Trotzkis politischem Einfluss in der Revolution von 1905 nichts zu tun hat. »Es ist unwahrscheinlich«, schreibt er, »dass Trotzki viele Bauern erreichte. Er hatte gar keine Verbindungen zum Dorf, und seine Aufrufe wurden nicht massenhaft unter den Bauern verteilt.«[57]

Das geht nun wirklich an der Sache vorbei. Der Einfluss von Trotzki und der russischen sozialdemokratischen Bewegung als Ganzer entwickelte sich durch ihre Massengefolgschaft unter dem städtischen Proletariat. Der Petersburger Sowjet war ein politisches Organ der Arbeiterklasse, entstanden auf einer Welle revolutionärer Aktivität der Arbeiterklasse, darunter der von den Massen getragene Generalstreik im Oktober 1905. Die Bauernschaft schloss sich den Unruhen erst 1906 in großer Zahl an, als die von Sozialisten geführte Bewegung der Arbeiterklasse bereits niedergeschlagen war.

Weiter heißt es bei Thatcher: »Selbst in der Hauptstadt, seiner Hochburg, gründete er keine spezielle Institution und bildete keine Fraktion. Beispielsweise war er nicht die führende Kraft bei der Entstehung des Sowjets der Arbeiterdeputierten, auch wenn er vielleicht später, wie ein Beteiligter berichtet,der unangefochtene Führer der Menschewiki im Petersburger Sowjetwar.« (Hervorhebung hinzugefügt.)[58] Wie schon beim Thema Bauernschaft, bringt Thatcher die Frage, welcher Fraktion Trotzki angehörte, nur deshalb ins Spiel, um schweres Geschütz gegen gesicherte historische Beweise aufzufahren. Zu dem fraglichen Zeitpunkt in der Geschichte der russischen sozialdemokratischen Bewegung waren die Fraktionszugehörigkeiten weitaus fließender als schließlich im Jahr 1917. Trotzkis relative Unabhängigkeit von den wichtigsten politischen Fraktionen stärkte in Wirklichkeit seine politische Stellung. Man beachte Thatchers schwerfällige Formulierung, »auch wenn er vielleicht später« der unangefochtene Führer der Menschewiki im Petersburger Sowjet war. Nur »vielleicht«? Thatcher legt hier keine gegenteiligen Beweise vor, man kann aber sicher sein, dass er sie gleich herausposaunt hätte, wenn es sie gäbe. Stattdessen führt er ein neuartiges Argument ein: »In den Memoiren des damaligen Premierministers Graf Witte wird Trotzki überhaupt nicht erwähnt … Das bestätigt lediglich, dass Trotzki im Bewusstsein der Bevölkerung zu dieser Zeit kaum Eindruck hinterließ.«[59]

Details

Seiten
345
Jahr
2012
ISBN (ePUB)
9783886346868
ISBN (MOBI)
9783886346875
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321513
Schlagworte
Leo Trotzki Trotzki Politikgeschichte Kommunismus Marxismus Postmoderne Sowjetunion

Autoren

  • David North

  • Wolfgang Weber

  • Andreas Rietmann

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Titel: Verteidigung Leo Trotzkis