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Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert

von David North

2015 488 Seiten

Leseprobe

Zum Autor

David North nimmt seit über 40 Jahren eine führende Stellung in der internationalen sozialistischen Bewegung ein. Derzeit ist er Vorsitzender der internationalen Redaktion der »World Socialist Web Site« und der Socialist Equality Party in den USA. Er hat zahlreiche weitere Bücher veröffentlicht, darunter »Das Erbe, das wir verteidigen«, »Amerikas Demokratie in der Krise«, »Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein« und »Verteidigung Leo Trotzkis«.

Vorwort

Der Beginn des 20. Jahrhunderts als politische und kulturelle Epoche wird von Historikern weitgehend einvernehmlich auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 datiert. Sein Ende hingegen bzw. die Frage, ob es überhaupt abgeschlossen ist, bietet Anlass zu heftigen Kontroversen. Dabei geht es nicht um die kalendarische Einordnung eines Zeitraums von 100 Jahren – so gesehen ist das 20. Jahrhundert natürlich vorbei. Doch es zieht die Welt auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch fest in seinen Bann. Wenn Historiker heute im Zorn auf das vergangene Jahrhundert zurückblicken, dann deshalb, weil die mit ihm verbundenen Schlachten auf den Gebieten der Politik, Wirtschaft, Philosophie und auch Kunst noch nicht entschieden sind.

Bis vor Kurzem waren Historiker recht zuversichtlich, dass das 20. Jahrhundert ad acta gelegt werden konnte. Der Zusammenbruch der stalinistischen Regime in Osteuropa 1989 und die Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 hatten auf kapitalistischer Seite einen Siegestaumel ausgelöst, von dem sich wissenschaftliche Einrichtungen weltweit fast widerstandslos mitreißen ließen. Eilends brachte die Professorenschaft ihre Geschichtstheorien mit den jüngsten Schlagzeilen und Leitartikeln in Einklang.

Vor den Ereignissen von 1989–1991 ging die Fachwelt in ihrer überwiegenden Mehrheit davon aus, dass die Sowjetunion, die mehr oder weniger mit dem Sozialismus gleichgesetzt wurde, auf ewig fortbestehen würde. Selbst diejenigen, die mit Leo Trotzkis Stalinismuskritik vertraut waren, betrachteten seine Voraussage, dass die Herrschaft der Kremlbürokratie, sollte sie nicht von der sowjetischen Arbeiterklasse gestürzt werden, zur Auflösung des Arbeiterstaats und zur Wiedereinführung des Kapitalismus führen werde, als wirklichkeitsfremdes und überhebliches Lamento eines unterlegenen Stalingegners.

Als sich die stalinistischen Regime jedoch tatsächlich auflösten, verkündeten die Professoren und Thinktank-Analytiker flugs nicht nur den unumkehrbaren Sieg der Vereinigten Staaten von Amerika über ihren Gegner aus dem Kalten Krieg, sondern auch, dass der Kapitalismus seinen Erzfeind, den Sozialismus, aus dem Reich der historischen Möglichkeiten verbannt habe. Besonders deutlich kam der Geist dieses Augenblicks in einem Aufsatz von Francis Fukuyama zum Ausdruck, der in der Zeitschrift »The National Interest« erschien. Unter dem Titel »Das Ende der Geschichte?« schrieb der ehemalige Mitarbeiter der Denkfabrik RAND Corporation:

Womöglich erleben wir zurzeit nicht nur das Ende des Kalten Krieges oder den Abschluss einer bestimmten Periode der Nachkriegsgeschichte, sondern das Ende der Geschichte überhaupt, also den Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit und die Universalisierung der westlichen liberalen Demokratie als endgültige Staatsform des Menschen.[1]

Man muss Fukuyama Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er behauptete nicht, dass die Zukunft geruhsam und sorgenfrei verlaufen werde. Allerdings bestand seiner Ansicht nach kein Zweifel mehr, dass die liberale kapitalistische Demokratie, so unvollkommen sie in den USA und West­europa auch umgesetzt werde, das unübertreffliche Ideal für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Menschheit darstelle. Die Geschichte war in dem Sinne an ihr »Ende« gelangt, dass es zur liberalen Demokratie auf der Grundlage der kapitalistischen Marktwirtschaft keine glaubwürdige theoretische und politische Alternative mehr gab. In einem Buch, das 1992 erschien, entwickelte Fukuyama seine These weiter:

Zu Zeiten unserer Großeltern konnten sich viele, auch durchaus vernünftige Menschen eine glänzende sozialistische Zukunft ausmalen, in der es kein Privateigentum und keine kapitalistischen Verhältnisse mehr geben würde und der Staat abgestorben wäre. Wir hingegen können uns heute nur schwer eine Welt vorstellen, die von Grund auf besser ist als die, in der wir leben, oder uns eine Zukunft ausmalen, die nicht demokratisch und kapitalistisch geprägt ist. Innerhalb dieses Rahmens ließe sich natürlich noch vieles verbessern: Wir könnten die Heimatlosen aufnehmen, wir könnten Minderheiten und Frauen Chancengleichheit gewähren, die Konkurrenzbedingungen verbessern und neue Arbeitsplätze schaffen. Wir können uns auch zukünftige Welten ausmalen, die bedeutend schlechter sind als unsere heutige Welt, wo nationale, rassistische oder religiöse Intoleranz herrscht oder Kriege und Wirtschaftskrisen über die Menschen hereinbrechen. Aber wir können uns nicht vorstellen, dass wir in einer Welt leben, die wesentlich anders ist als unsere derzeitige Welt und zugleich besser. In anderen, weniger nachdenklichen Zeitaltern glaubten die Menschen zwar auch, sie lebten in der besten aller möglichen Welten, doch wir gelangen zu diesem Schluss, nachdem wir sozusagen erschöpft sind durch die Verfolgung von Alternativen, die vermeintlich besser sein mussten als die liberale Demokratie.[2]

In Fukuyamas Analyse verband sich das Siegesgeschrei der Bourgeoisie mit pechschwarzem Pessimismus. Eigentlich hätte der Verlag jedem Exemplar seines Buches eine ärztliche Verschreibung für ein Antidepressivum beilegen müssen. Wenn die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse wirklich das höchste der Gefühle waren, dann nahm sich die Zukunft der Menschheit recht trostlos aus. Doch wie realistisch war Fukuyamas Hypothese? Zwar berief er sich auf Hegel, doch sein Verständnis der Dialektik war ausgesprochen begrenzt. Die Aussage, dass die Geschichte an ihrem Endpunkt angelangt sei, setzte den Nachweis voraus, dass der Kapitalismus seine systemimmanenten konflikt- und krisenträchtigen Widersprüche auf irgendeine Weise gelöst und überwunden hatte. Vor einer derart kategorischen Schlussfolgerung schreckte sogar Fukuyama zurück. Er räumte ein, dass der Kapitalismus von der sozialen Ungleichheit und Unzufriedenheit, die er hervorbrachte, gebeutelt werden würde. Er gab sogar zu, dass die »ungleiche Anerkennung« (d.h. die soziale Ungleichheit) garantiere, »dass die Linke auch in Zukunft Alternativen zur liberalen Demokratie und zum Kapitalismus suchen wird«.[3] Aber was bleibt dann noch vom Ende der Geschichte, wie es Fukuyama proklamiert?

Dem amerikanischen Historiker Martin Malia (1924–2004) war klar, dass Fukuyamas Theorie nicht haltbar war. Er warnte vor dem »Triumphgeschrei«, dass die Geschichte, nachdem sie »die Illusionen des Faschismus und des Kommunismus überwunden« habe, »in den sicheren Hafen der Demokratie und des Marktes eingelaufen« sei. Eine solche »postmarxistische Version vom Ende der Geschichte« zog Malia in Zweifel.[4] Der Kapitalismus, so seine Befürchtung, könne das Gespenst seines historischen Gegenspielers niemals abschütteln. »Die sozialistische Idee wird uns so lange nicht verlassen, wie wir die Ungleichheit nicht beseitigt haben, und das wird wohl noch sehr lange dauern.«[5] Im Kampf gegen diese hartnäckigen sozialistischen Bestrebungen empfahl Malia, unter Verweis auf die sowjetische Erfahrung zu betonen, dass der Sozialismus nicht funktioniere. Entsprechend lautete die These seines Buchs: »Vollstreckter Wahn. Russland 1917–1991«. Die Auflösung der Sowjetunion 1991 sei das unvermeidliche Ergebnis der Oktoberrevolution von 1917 gewesen. Die bolschewistische Partei habe das Unmögliche versucht: die Schaffung eines nicht kapitalistischen Systems. Darin bestand der fatale historische Irrtum Lenins und Trotzkis.

Mit anderen Worten, nicht die zufällige erste Verwirklichung am falschen Ort, Russland, ist der Grund für das Scheitern des integralen Sozialismus, sondern die sozialistische Idee als solche. Der Sozialismus als konsequenter Anti-Kapitalismus ist schlechthin unausführbar.[6]

Die Belege für diese Aussage waren dürftig, und so schloss Malia sein Buch mit seltsam anmutenden vagen Befürchtungen. Er sah voraus, dass es erneut zu einer revolutionären Massenbewegung für den Sozialismus kommen könnte.

Das Phänomen Leninismus entstand aus der beispiellosen, weltweiten Krise der Jahre 1914 bis 1918. Jede ähnlich globale Krise könnte die schlafenden sozialistischen Programme wieder zum Maximalismus treiben und damit zu der Versuchung, absolute Macht zu erstreben, um absolute Ziele zu erreichen.[7]

Hatte Fukuyama argumentiert, dass das »Ende der Geschichte« auch das Ende des Sozialismus bedeute, so räumte Malia bedauernd ein, dass der Sozialismus weiterhin Anhänger gewinnen werde, obwohl das Ziel einer nicht kapitalistischen Gesellschaft unerreichbar wäre. Der britische Historiker Eric Hobsbawm (1917–2012), seines Zeichens mehr als 50 Jahre lang treu ergebenes Mitglied der stalinistischen Kommunistischen Partei Großbritanniens, formulierte in Anlehnung an die Argumentation Fukuyamas und Malias eine Theorie über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die unter gemäßigt und ehemals linken Akademikern großen Anklang fand. Hobsbawm war als Historiker zu gebildet und zu stark in der empirischen Methodik verwurzelt, um die metaphysischen Spekulationen Fukuyamas unverändert zu übernehmen. Er stutzte sie auf ein handhabbares Format zurecht: Die Auflösung der Sowjetunion bedeutete für ihn nicht das Ende der Geschichte, sondern das Ende des 20. Jahrhunderts. In seinem Buch »Das Zeitalter der Extreme« bezeichnete Hobsbawm die Jahre zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und der Auflösung der Sowjetunion 1991 als das »kurze 20. Jahrhundert«,

das, wie wir heute im Rückblick erkennen können, eine kohärente historische Periode bildete, welche nun beendet ist … Zweifellos ist in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren eine Ära der Weltgeschichte zu Ende gegangen und hat eine neue begonnen. Dies ist die entscheidende Information für die Historiker dieses Jahrhunderts …[8]

Indem Hobsbawm das 20. Jahrhundert als den »kurzen« siebzigjährigen Zeitabschnitt von 1914 bis 1991 periodisierte, wiederholte er Malias Absage an das revolutionäre Vorhaben der Bolschewiki in weniger stringenter Form. Mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 ließ er den Vorhang im Drama des 20. Jahrhunderts fallen und verkündete damit zugleich das Ende der revolutionären Epoche, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begonnen hatte. Von 1914 bis 1991 war der Sozialismus in der einen oder anderen Form als Alternative zum Kapitalismus betrachtet worden. Diese Zeit ging 1991 unwiederbringlich zu Ende. Hobsbawm ließ unmissverständlich durchblicken, dass die revolutionären sozialistischen Vorhaben Lenins und Trotzkis von Anfang an eine Illusion gewesen sein dürften. Im Lichte des Jahres 1991 stellte sich die Machtergreifung der Bolschewiki ein Dreivierteljahrhundert zuvor als tragischer Irrtum dar. Selbst wenn die Verhältnisse des Jahres 1917 die Entscheidungen der bolschewistischen Führer in gewisser Weise rechtfertigten, war die Oktoberrevolution laut Hobsbawm ein absolut einmaliges und nicht wiederholbares Ereignis, dem aufgrund seiner einzigartigen Voraussetzungen keine aktuelle politische Relevanz zukam.

Sowohl Fukuyama als auch Hobsbawm machten das Schicksal der Sowjetunion zur Grundlage für die Einteilung geschichtlicher Perioden. Für Fukuyama bedeutete ihre Auflösung das »Ende der Geschichte«. Für Hobsbawm bedeutete sie das Ende des »kurzen 20. Jahrhunderts«. Mit der kolossalen historischen Bedeutung, die sie der Auflösung der Sowjetunion beimaßen, gestanden beide indirekt ein, dass die Oktoberrevolution das prägende politische Ereignis des 20. Jahrhunderts war. Doch sowohl die These vom »Ende der Geschichte« als auch diejenige vom »kurzen 20. Jahrhundert« beruhte auf einer völlig falschen Vorstellung von den historischen Grundlagen der Oktoberrevolution und vom Charakter des sowjetischen Staats, der sich in den Jahrzehnten nach der Eroberung der Staatsmacht durch die Bolschewiki entwickelte. Während Fukuyama in abstrakten Gefilden schwebte, ohne sich groß um Fragen der historischen Kausalität zu kümmern, machte sich Hobsbawm die ebenso verbreitete wie oberflächliche Auffassung zu eigen, dass es ohne die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs niemals zur sozialistischen Revolution in Russland gekommen wäre: »Ohne den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts im Zeitalter der Katastrophe hätte es keine Oktoberrevolution und keine Sowjetunion gegeben.«[9]

Das ist keine Erklärung, sondern eine Tautologie. Die eigentliche wissenschaftliche Aufgabe, der Hobsbawm ausweicht, besteht darin, die tiefen Widersprüche auf Weltebene aufzudecken, die in den Weltkrieg und in die soziale Revolution mündeten. Immerhin gingen dem Ersten Weltkrieg jahrelange, immer schärfere Konflikte zwischen den Großmächten voraus. Außerdem war der Sozialismus in den Jahrzehnten vor der Oktoberrevolution zu einer internationalen Massenbewegung der Arbeiterklasse geworden. Die Sozialisten hatten vor 1914 nicht nur mit dem Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft gerechnet, sondern auch davor gewarnt, dass er die Form eines verheerenden europäischen oder sogar weltweiten Kriegs annehmen könnte. Weit entfernt, einen solchen Krieg als wesentliche Voraussetzung für die sozialistische Revolution zu begrüßen, stellten die großen Marxisten aus der Zeit vor 1914 den Kampf gegen imperialistischen Militarismus in den Mittelpunkt ihrer politischen Tätigkeit.

Erst als sich abzeichnete, dass ein großer imperialistischer Krieg unmittelbar bevorstand, stellten sie sich die Frage nach den strategischen Konsequenzen vom Standpunkt des revolutionären Kampfs. Entscheidend ist, dass die marxistischen Sozialisten bereits vor 1914 erkannt hatten, dass die historische Krise des kapitalistischen Systems der gemeinsame Ursprung von Krieg und Revolution war. Hobsbawm hingegen behandelt die historische Kausalität in oberflächlicher Weise: Er übergeht die Auseinandersetzungen, die vor 1914 in der sozialistischen Bewegung geführt wurden, und stellt die Oktoberrevolution als zufällige Begleiterscheinung des Kriegs dar.

Ein schwerwiegender Mangel der von Fukuyama, Hobsbawm und auch Malia vertretenen Interpretationen besteht darin, dass die Sowjetunion in allen Phasen ihrer Geschichte kritiklos mit dem Sozialismus gleichgesetzt wird. Die Herrschaft des Stalinismus wird als unvermeidbar auf die Ursünde der Oktoberrevolution zurückgeführt. Diese fatalistische und überaus deterministische Sicht auf die sowjetische Geschichte schließt die Möglichkeit eines nicht stalinistischen Entwicklungswegs von vornherein aus. Den oppositionellen Tendenzen, die innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Herausbildung einer Diktatur unter Stalin bekämpften, stand Hobsbawm völlig gleichgültig gegenüber. Diskussionen über Alternativen zu Stalins Herrschaft waren für ihn kontrafaktische Geschichte und damit unzulässig. So heftig der Konflikt innerhalb der Kommunistischen Partei auch gewesen sein mochte, Stalins Fraktion setzte sich am Ende durch, und fortan war der Stalinismus, um den zynischen Ausdruck des Historikers zu verwenden, »der einzige Joker im Spiel«. Was Trotzki und die Linke Opposition sagten und schrieben, als innerhalb der Kommunistischen Partei der heftige Kampf von 1923–1927 tobte, spielte keine Rolle. Für Hobsbawm war es ein klarer Fall. Stalin siegte, Trotzki unterlag, und damit hatte es sich. Mit dem, was hätte sein können, sollten sich Historiker nicht aufhalten.

Wenn Hobsbawm jegliche Alternative zum Stalinismus kategorisch von sich wies, dann nicht aus strenger historischer Objektivität, sondern aus einer apologetischen Haltung heraus. Er war durchaus kein unpartei­ischer und vorurteilsfreier Beobachter. Als langjähriges Mitglied der britischen stalinistischen Bewegung nahm Hobsbawm zu keinem Zeitpunkt Anstoß daran, wie die Sowjetbürokratie die Geschichte der Russischen Revolution und die Rolle Leo Trotzkis verfälschte. Er sank 2012 im Alter von 95 Jahren ins Grab, ohne jemals offen eingestanden zu haben, dass er jahrzehntelang die lügenhafte offizielle stalinistische Geschichtsschreibung der UdSSR vertreten hatte.

Mit der Auflösung der Sowjetunion endete laut Hobsbawm das »Zeitalter der Extreme«. Nun war wieder der Kapitalismus, wie bereits vor 1917, »der einzige Joker im Spiel«. Und obwohl gewaltsame Aufstände in der Zukunft nicht unwahrscheinlich waren, bestand doch keine Aussicht auf das Wiedererstehen einer revolutionären sozialistischen Massenbewegung.

Aufgrund von Hobsbawms Darstellung musste der Leser zu dem Schluss gelangen, dass sich die Menschheit in eine Sackgasse verrannt hatte und in einer aussichtslosen Lage befand. »Wir wissen nicht, wohin wir gehen«, erklärte er am Ende von »Das Zeitalter der Extreme«. Für Hobsbawm boten die Erfahrungen der Vergangenheit keine Anhaltspunkte für eine positive Gestaltung der Zukunft. Nur eines stand fest: Die sozialistische Revolution vom Oktober 1917 konnte und durfte kein Vorbild für die Kämpfe der Zukunft sein. »Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern«, schrieb er. »Und der Preis für dieses Scheitern«, so schließt er mahnend sein dickes Buch, »ist Finsternis.«[10]

Die Vorträge und Artikel, die im vorliegenden Band veröffentlicht werden, entstanden vorwiegend in Opposition zu der Behauptung, dass das Zeitalter der sozialistischen Weltrevolution mit der Auflösung der Sowjet­union zu Ende gegangen sei. Im Gegensatz zu Fukuyamas »Ende der Geschichte« und Hobsbawms »kurzem 20. Jahrhundert« legte ich dar, dass die Auflösung der Sowjetunion, so bedeutsam sie sein mochte, nicht das traumatische Ende des Sozialismus bedeutet. Die Geschichte geht weiter. Und insofern es als Zeitalter einer tiefen Krise des Kapitalismus erscheint, das Kriege und Revolutionen hervorbrachte, wird das 20. Jahrhundert durch die Bezeichnung »unvollendet« treffend charakterisiert. Denn die wesentlichen ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Widersprüche, mit denen die Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts konfrontiert ist, sind im Wesentlichen dieselben wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ungeachtet aller wissenschaftlichen Fortschritte, technologischen Innovationen, politischen Erschütterungen und gesellschaftlichen Veränderungen war der Ausklang des 20. Jahrhunderts von einer eigenartigen Unentschiedenheit geprägt. Kein einziges der großen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Probleme, die den Kämpfen dieses Jahrhunderts zugrunde lagen, war abschließend gelöst. Dem Ersten Weltkrieg gingen Grenzstreitigkeiten auf dem Balkan voraus, die schließlich zu seinem Auslöser wurden. Fast 80 Jahre später mündete die Auflösung Jugoslawiens, von den USA und Deutschland vorangetrieben, in zehnjährige blutige Auseinandersetzungen über die Bildung unabhängiger Staaten und den Verlauf ihrer Grenzen. Der Erste Weltkrieg begann 1914 mit der Entscheidung Österreich-Ungarns, die nationalistische Regierung Serbiens dafür abzustrafen, dass sie sich den Interessen des Kaiserreichs widersetzt hatte. 85 Jahre später, als sich das 20. Jahrhundert seinem Ende zuneigte, zwangen die USA Serbien durch eine erbarmungslose Bombardierung eine imperialistische Neuordnung der Grenzen auf dem Balken auf.

Nun könnte man sagen, plus ça change, plus c’est la même chose (Je mehr sich die Dinge ändern, um so mehr bleiben sie sich gleich). Doch es steckt mehr dahinter, nämlich die langfristige Fortdauer der sozioökonomischen und politischen Grund­pro­bleme, welche die Welt von 2014 mit derjenigen von 1914 verbinden und dem 20. Jahrhundert seinen »unvollendeten« Charakter verleihen.

Betrachten wir vergleichsweise, wie sich die Welt von 1800 den Menschen darstellte, die am Silvesterabend den Anbruch des 20. Jahrhunderts feierten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Napoleonischen Kriege eindeutig Geschichte. Die Französische Revolution und die Schlachten von Austerlitz und Waterloo waren für die Zeitgenossen im Jahr 1900 epische Kämpfe aus einem anderen Zeitalter. Die Persönlichkeiten von Ro­bespierre, Danton und Napoleon faszinierten sie weiterhin. Aber es waren Gestalten aus einer anderen Zeit und von einem anderen historischen Ort, weit entfernt von der Welt des Jahres 1900. Natürlich wirkten sie in der Weltgeschichte fort. Doch die politischen Umstände, unter denen sie gelebt hatten, waren im Verlauf des 19. Jahrhunderts von Grund auf verändert und umgewälzt worden. In Westeuropa und Nordamerika hatten sich die bürgerlich-demokratischen Nationalstaaten, die auf die französische und die amerikanische Revolution des 18. Jahrhunderts zurückgingen, weitgehend gefestigt. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen der fortgeschrittenen Länder waren durch die industrielle Revolution verändert worden. Der frühere Konflikt zwischen dem Feudaladel und der aufsteigenden Bourgeoisie wurde überlagert und abgelöst durch eine neue Form des Klassenkampfs, die sich aus der raschen Entfaltung des Industriekapitalismus und der Entstehung des Proletariats ergab. In den Revolutionen von 1848 hatte sich schmerzlich gezeigt, dass die allgemeinen demokratischen Parolen, unter denen die großen Kämpfe des späten 18. Jahrhunderts geführt worden waren, nicht mehr ausreichten. Die »Erklärung der Menschenrechte« war in der alten Sprache der bürgerlich-demokratischen Revolutionen abgefasst, das »Kommunistische Manifest« in der neuen Sprache der proletarischen sozialistischen Revolution.

Aufgrund der Entstehung einer eng verflochtenen Weltwirtschaft hatte die Politik an der Wende zum 20. Jahrhundert einen ausgesprochen globalen Charakter angenommen. Das Nationalstaatensystem, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts konsolidiert hatte, wurde von heftigen Spannungen erfasst. Sie äußerten sich in zunehmend verbissenen Kämpfen der stärksten kapitalistischen Staaten um die Weltherrschaft. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ging der Begriff »Imperialismus« in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Die ökonomischen Grundlagen dieses neuen Phänomens und seine gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen wurden in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sorgfältig analysiert. Der britische Ökonom J.A. Hobson vertrat in einem Buch mit dem Titel »Der Imperialismus« im Jahr 1902 folgende Einschätzung: »Die wirtschaftliche Wurzel des Imperialismus ist der Wunsch stark organisierter industrieller und finanzieller Interessen, auf öffentliche Kosten und durch die staatliche Macht private Märkte für ihren Warenüberschuss und ihren Kapitalüberschuss zu erschließen.«[11] Der österreichische sozialdemokratische Theoretiker Rudolf Hilferding wies in seinem Werk »Das Finanzkapital« im Jahr 1910 nicht nur auf die demokratiefeindliche und gewalttätige Natur des Imperialismus hin, sondern auch auf seine revolutionären Implikationen:

Die Aktion der Kapitalistenklasse selbst, wie sie sich in der imperialistischen Politik darstellt, weist das Proletariat mit Notwendigkeit auf den Weg selbständiger Klassenpolitik, die nur mit der schließlichen Überwindung des Kapitalismus überhaupt enden kann. Solange der Grundsatz des laisser faire herrschte, die Intervention des Staates in die wirtschaftlichen Angelegenheiten und damit der Charakter des Staates als einer Organisation der Klassenherrschaft verhüllt war, gehörte ein verhältnismäßig hoher Grad von Einsicht dazu, die Notwendigkeit des politischen Kampfes und vor allem die Notwendigkeit des politischen Endzieles, die Eroberung der Staatsgewalt, zu begreifen. Ist es doch kein Zufall, dass gerade in England, dem klassischen Land der Nichteinmischung, auch das Aufkommen einer selbständigen politischen Aktion der Arbeiterklasse so erschwert war. Dies ändert sich nun. Die Kapitalistenklasse ergreift unmittelbar, unverhüllt, handgreiflich Besitz von der staatlichen Organisation und macht sie zum Werkzeug ihrer ­Exploitationsinteressen in einer Weise, die auch dem letzten Proletarier fühlbar wird, der nun erkennen muss, dass die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat sein nächstes, persönliches Interesse ist. Die offenkundige Besitznahme des Staates durch die Kapitalistenklasse zwingt unmittelbar jedem Proletarier das Streben nach Eroberung der politischen Macht auf, als dem einzigen Mittel, seiner Exploitation ein Ende zu setzen.[12]

Im Jahr 1916, als der Weltkrieg in sein drittes Jahr eintrat, fasste Lenin den Charakter des Imperialismus präzise zusammen:

Die Ablösung der freien Konkurrenz durch das Monopol ist der ökonomische Grundzug, das Wesen des Imperialismus …

Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus Amerikas und Europas und in der Folge auch Asiens hat sich in den Jahren 1898 bis 1914 voll herausgebildet. Der Spanisch-Amerikanische Krieg (1898), der Burenkrieg (1899–1902), der Russisch-Japanische Krieg (1904–1905) und die Wirtschaftskrise in Europa im Jahre 1900 – das sind die wichtigsten historischen Marksteine der neuen Epoche der Weltgeschichte.

… Zweitens zeigt sich der Fäulnisprozess des Kapitalismus in der Entstehung einer gewaltigen Schicht von Rentiers, Kapitalisten, die vom »Kuponschneiden« leben … Drittens ist Kapitalexport Parasitismus ins Quadrat erhoben … Politische ­Reaktion auf der ganzen Linie ist eine Eigenschaft des Imperialismus. Korruption, Bestechung im Riesenausmaß, Panama­skandale jeder Art … [D]ie Ausbeutung der unterdrückten Nationen … durch ein Häuflein von »Groß«mächten …[13]

In »Der Krieg und die Internationale« bezeichnete Trotzki den Konflikt 1915 als »Aufruhr der Produktivkräfte … gegen ihre nationalstaatliche Ausbeutungsform«. Der Krieg bedeute »die Zertrümmerung des nationalen Staates als eines selbständigen Wirtschaftsgebietes«:

Der Krieg verkündet den Zusammenbruch des nationalen Staates. Doch zugleich auch die Zertrümmerung der kapitalistischen Wirtschaftsform. Aus dem nationalen Staat heraus revolutionierte der Kapitalismus die gesamte Weltwirtschaft, indem er den ganzen Erdball zwischen den Oligarchien der Großmächte verteilte, um welche sich ihre Trabanten, die Kleinstaaten, gruppieren, die von der Rivalität der Großen leben. Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft auf kapitalistischer Grundlage bedeutet einen unaufhörlichen Kampf der Weltmächte um neue und immer neue Gebiete der einen und selben Erdoberfläche als eines Objektes kapitalistischer Ausbeutung. Die ökonomische Rivalität unter dem Zeichen des Militarismus wechselt mit Raub und Zerstörung, die die elementaren Grundlagen menschlicher Wirtschaft auflösen. Die Weltproduktion empört sich nicht nur gegen die national-staatlichen Wirrnisse, sondern auch gegen die kapitalistische Wirtschaftsorganisation, die sich zu deren barbarischer Desorganisation umgewandelt hat.[14]

In diesen Schriften tritt uns die Wortwahl und Terminologie der heutigen internationalen Geopolitik entgegen. Wir erkennen diese Welt als unsere eigene wieder. Es ist die Welt des Kapitalismus, der herrschenden Oligarchien, der riesigen Konzerne mit ihren globalen Interessen und der autoritären Regime. Diese Schriften entstanden zu Beginn der Epoche – von Kriegen und Revolutionen –, in der wir heute noch leben. Aus den gegensätzlichen Konzeptionen des 20. Jahrhunderts ergeben sich weitreichende Folgen für unsere Auffassung der Gegenwart und unsere Zukunfts­erwartungen. Die These vom »Ende der Geschichte« stellt eine Rechtfertigung für Resignation und Selbstzufriedenheit dar. Die Erzählung vom »kurzen 20. Jahrhundert«, die den revolutionären Kampf für den Sozialismus als zur Niederlage verurteilt und letztlich sinnlos erklärt, verströmt existenzielle Hoffnungslosigkeit angesichts eines Kapitalismus, der selbst dann, wenn er unweigerlich auf die Vernichtung der gesamten Zivilisation zusteuert, stets stark genug ist, jede Massenopposition niederzuschlagen.

Mit der Konzeption des »unvollendeten 20. Jahrhunderts« wird dem ahistorischen Pessimismus der kleinbürgerlichen Intelligenz eine Absage erteilt. Sie verortet die Menschheit inmitten eines fortdauernden und ungelösten Konflikts. Der Ausgang der globalen Krise, die im August 1914 begann, ist noch nicht entschieden. Die Menschheit steht vor derselben historischen Alternative, die Rosa Luxemburg im Ersten Weltkrieg, vor nahezu 100 Jahren, folgendermaßen formulierte: »entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof; oder der Sieg des Sozialismus, d.h. der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg.«[15] Für die dem Existenzialismus entliehene Kategorie der Hoffnungslosigkeit haben Marxisten keine Verwendung, wenn es um die wissenschaftliche Einschätzung historischer Möglichkeiten geht. Wir fassen die bestehenden Gegebenheiten in all ihrer Komplexität als vorübergehende Manifestationen gesetzmäßiger sozioökonomischer Widersprüche auf, die verstanden und zum Ausgangspunkt des Handelns gemacht werden können (und müssen). Aus der Einschätzung des 20. Jahrhunderts als »unvollendet« ergibt sich, dass seine Geschichte unbedingt studiert werden muss. Die Erschütterungen und Kämpfe der Vergangenheit werden als wesentliche strategische Erfahrungen aufgefasst, deren Lehren sich die internationale sozialistische Bewegung gründlich aneignen muss.

Die genannten gegensätzlichen Interpretationen der Auflösung der Sowjetunion wurden vor mehr als 20 Jahren formuliert. Welche hat sich bewahrheitet? Im Gegensatz zu den Erwartungen Fukuyamas zeigt die Geschichte nach der Auflösung der Sowjetunion wenig Neigung zu erlahmen. Eine seiner Kernaussagen hatte gelautet, dass mit dem »Ende der Geschichte« die Häufigkeit von Kriegen abnehmen werde. Unter gelehrten Verweisen auf Hume, Kant und Schumpeter hatte Fukuyama geltend gemacht, dass die liberale Demokratie friedfertig sei. »Die liberale Demokratie«, so seine Weissagung, »hat also nicht den natürlichen Trieb zu Aggression und Gewalt gezügelt, sondern die Triebe von Grund auf verwandelt. Damit gibt es kein Motiv mehr für Kriege.«[16]

Die Kristallkugel des Herrn Fukuyama war offenbar etwas rissig. Just als sich der RAND-Analytiker eine postsowjetische Welt des Friedens ausmalte, gaben die USA bekannt, dass sie keinen neuen Konkurrenten um ihre Stellung als Hegemonialmacht dulden würden. Mit dieser neuen strategischen Doktrin wurde der Krieg als wesentliches Instrument der US-Geopolitik quasi institutionalisiert. Entsprechend kam es in den 1990er Jahren zu einer stetigen Eskalation ihrer Militäroperationen. Das Jahrzehnt begann mit dem ersten Einmarsch im Irak und endete mit der grausamen Bombardierung Serbiens.

Die Tragödie des 11. September 2001, für deren undurchsichtige Vorgeschichte und Durchführung es bis heute keine angemessene Erklärung gibt, diente der Bush-Regierung als Vorwand für einen unbefristeten »Krieg gegen den Terror«, der ständig ausgeweitet wird. Unter Obama verband sich die irrwitzige Jagd auf »Terroristen« mit ungezügelter geopolitischer Eroberungsgier, die den gesamten Erdball – und auch den Weltraum – zum möglichen Austragungsort von US-Militäroperationen werden ließ. Welch unermessliches Leid der Ausbruch des imperialistischen Militarismus nach der Sowjetzeit mit sich brachte, spiegelt sich darin wider, dass die Zahl der Flüchtlinge heute (Juli 2014) weltweit mit mehr als 50 Millionen den höchsten Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht hat.[17] Auf Afghanistan und Pakistan – die Hauptopfer von Washingtons Amoklauf durch Zentralasien – entfallen mehr als vier Millionen dieser Flüchtlinge.

Seit Fukuyama den Sieg der liberalen Demokratie verkündet hat, ist deren Krise allerorten, vor allem in den USA, immer deutlicher zutage getreten. Der US-amerikanische Staat verselbständigt sich zu einem brutalen Leviathan, einem unkontrollierbaren Ungeheuer. Die Bill of Rights wird zum Fetzen Papier. Die US-Regierung maßt sich eine Herrschaft über ihre Bürger an, die vor weniger als einer Generation noch unvorstellbar gewesen wäre. Nicht genug, dass sie ausspioniert werden und ihr Leben bis in die intimsten Bereiche erfasst wird, sie können auch ohne ordentliches Gerichtsverfahren getötet werden. Was Hobsbawms »kurzes 20. Jahrhundert« anbelangt, so erwies sich seine Theorie jedenfalls als kurzlebiger, als es der Autor erwartet hatte. Kaum hatte das neue Jahrhundert begonnen, da zeichnete sich auch schon ab, dass es von den historischen Problemen seines Vorläufers beherrscht wurde. Das 20. Jahrhundert rückt durchaus nicht in eine immer fernere Vergangenheit, sondern erweist sich als drückende Schuldenlast, von der keiner weiß, wie sie abzutragen ist.


Für diese offenen Schulden fallen Zinsen an: immer wiederkehrende Forderungen nach der Revision der Geschichte entsprechend tagespolitischen Zielen. Die Geschichtsforschung – genau genommen Pseudo-Geschichtsforschung – wird immer schamloser den finanziellen und politischen Interessen der Herrschenden untergeordnet. Die Unterscheidung zwischen Geschichtswissenschaft und Propaganda wird systematisch untergraben.

Diese Degradierung der Geschichtswissenschaft zu Propaganda brachte eine weitere Konzeption des 20. Jahrhunderts hervor. Dem »Ende der Geschichte« und dem »kurzen 20. Jahrhundert« folgt nun die »Lügengeschichte des 20. Jahrhunderts«. Diese Schule speist sich aus der Unterdrückung, Verdrehung und direkten Fälschung historischer Tatsachen. Sie zielt darauf ab, die schlimmsten Verbrechen des kapitalistischen Imperialismus im 20. Jahrhundert zu beschönigen und zu rechtfertigen und zugleich den gesamten Kampf der internationalen sozialistischen Bewegung zu kriminalisieren und in den Schmutz zu treten.

Im Zuge dieses historischen Revisionismus wird die sozialistische Oktoberrevolution von 1917 als Ursünde des 20. Jahrhunderts dargestellt, die alle nachfolgenden Schrecken – insbesondere die nationalsozialistische Herrschaft unter Hitler und den Holocaust – unvermeidlich gemacht, ja sogar legitimiert habe. Vor der Auflösung der Sowjetunion hätte eine derart groteske Verdrehung der Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in Deutschland, als wissenschaftlich unhaltbar und verachtenswert gegolten.

Mitte der 1980er und Anfang der 1990er Jahre war Deutschland Schauplatz des berühmten Historikerstreits, der durch einen Essay des Geschichtswissenschaftlers Ernst Nolte ausgelöst worden war. Noltes Argumentation zufolge sollten die Verbrechen der Nationalsozialisten als nachvollziehbare Reaktion auf die Oktoberrevolution, den russischen Bürgerkrieg von 1918–1921 und die Barbarei des Sowjetbolschewismus aufgefasst werden. Er forderte eine mitfühlende Neubewertung des Dritten Reichs und bezeichnete das Vorgehen der Nationalsozialisten als »aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution«. Nolte fuhr fort: »Die Dämonisierung des Dritten Reiches kann nicht akzeptiert werden. Sie liegt schon dann vor, wenn dem Dritten Reich die Menschlichkeit abgesprochen wird, die einfach darin besteht, dass alles Menschliche endlich ist und damit weder ganz gut noch ganz schlecht, weder ganz hell noch ganz dunkel sein kann.«[18]

Noltes Schriften waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der deutlichste Versuch eines Angehörigen des Wissenschaftsbetriebs in Deutschland, Hitler und das Dritte Reich zu verteidigen. Er schreckte nicht einmal davor zurück, das brutale Vorgehen gegen die europäischen Juden damit zu rechtfertigen, dass Chaim Weizmann als Führer des Zionistischen Weltkongresses 1939 geäußert habe, dass die Juden auf der Seite Englands gegen Deutschland kämpfen würden.[19] In seiner Heidegger-Biographie von 1992 verteidigte Nolte den Antisemitismus dieses Philosophen und seine Unterstützung für die Nationalsozialisten: »Im Vergleich mit ihr [der Russischen Revolution] war die deutsche Revolution des Nationalsozialismus in ihren unmittelbaren und laut verkündeten Zielen – der Wiederherstellung der Ehre und Gleichberechtigung Deutschlands – bescheiden, ja ärmlich und in ihren Methoden moderat …«[20]

Noltes Schriften stießen bei deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern auf grundsätzlichen Widerspruch. Man warf ihm vor, als Apologet des Nationalsozialismus aufzutreten, und sein Ruf als Historiker war ruiniert. Doch heute ist Nolte wieder auf dem aufsteigenden Ast. Im Alter von 91 Jahren wird er als Prophet gefeiert, dessen Zeit endlich gekommen sei. Am 10. Februar 2014 erschien »Der Spiegel«, das auflagenstärkste Nachrichtenmagazin in Deutschland, mit einer Geschichte, in der Noltes Thesen als bestätigt dargestellt wurden. »Der Spiegel« stellte die Behauptung auf, dass sich das Ausmaß von Hitlers Verbrechen im Vergleich mit denjenigen Stalins relativiere. Zu den vom »Spiegel« befragten Historikern zählte u.a. Professor Jörg Baberowski, der die Fakultät für die Geschichte Osteuropas an der angesehenen Humboldt-Universität zu Berlin leitet. Zur Verteidigung Noltes, dessen Ansichten er teilt, führte Baberowski an: »Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird.«[21] Im Zuge der Rechtfertigung von Noltes Versuchen, Ausmaß und Einmaligkeit der Verbrechen des Dritten Reiches zu beschönigen, erklärte Baberowski: »Er hatte historisch recht.«[22]

Worin genau hatte Nolte recht? Im Interview mit dem »Spiegel« behauptete Nolte, Hitler sei durch die Unnachgiebigkeit Großbritanniens und Polens zum Krieg gezwungen worden. Damit nicht genug. Nach dem Bericht des »Spiegel« »kaprizierte er sich darauf, dem Judentum einen ›eigenen Anteil am Gulag‹ zu unterstellen, weil einige Bolschewisten Juden waren. In seiner Logik wären sie damit mitverantwortlich für Auschwitz.« Leicht erschüttert über Noltes Offenheit räumte der »Spiegel« ein: »Dies ist schon länger ein Argument von Judenhassern.«[23] Doch darin erschöpfte sich die Kritik des »Spiegel« auch schon, und den Aussagen von Nolte und Baberowski wurde so gut wie nirgends öffentlich entgegengetreten. Der Umstand, dass ihre Argumente auf so wenig Widerspruch stießen, ist ein Ausdruck von Prozessen, die sich nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch in der Politik abspielen. Seit einem Jahr läuft eine intensive politische Kampagne, um die Öffentlichkeit für die Wiederbelebung des deutschen Militarismus zu gewinnen. Mit Präsident Gauck an der Spitze verlangen die überregionalen Zeitungen, dass die Deutschen ihren Nachkriegspazifismus ablegen und akzeptieren, dass ihr Land seine legitimen Interessen als Großmacht im Ausland militärisch verteidigen müsse.

Bezeichnenderweise gingen die neuerlichen Forderungen, Deutschland müsse sich abermals einen »Platz an der Sonne« sichern, mit dem Versuch einher, den langjährigen geschichtswissenschaftlichen Konsens aufzubrechen, der auf die bahnbrechende Studie Fritz Fischers aus dem Jahr 1961, »Griff nach der Weltmacht«, zurückgeht. Der Historiker Fischer hatte nachgewiesen, dass die Reichsregierung unter Kaiser Wilhelm II. maßgeblich für den Kriegsausbruch 1914 verantwortlich war. Fischer, der 1999 verstorben ist, steht mittlerweile unter Dauerbeschuss. Sein Ruf als Wissenschaftler soll posthum ruiniert werden.

Anhand der fortdauernden Krise in der Ukraine zeigt sich besonders deutlich, wie die Geschichtswissenschaft aktuellen geopolitischen Zielen untergeordnet wird. Als die USA und Deutschland den Putsch rechter Kräfte im Februar 2014, an dem faschistische Organisationen maßgeblich beteiligt waren, als demokratische Revolution verkauften, kamen ihnen diese eklatanten Geschichtsfälschungen zugute. Dieser Vorgang wird im vorletzten Essay des vorliegenden Bands behandelt.


Dieser Band dokumentiert einen Teil des Kampfs, den das Internationale Komitee der Vierten Internationale in den letzten 20 Jahren geführt hat, um die historische Wahrheit gegen die Verdrehungen und Fälschungen zu verteidigen, die nach der Auflösung der Sowjetunion einsetzten. Für diesen Kampf war die trotzkistische Bewegung gut gewappnet. Seit der Gründung der Linken Opposition 1923 hatten sich die Trotzkisten gezwungen gesehen, die wahre Geschichte und das Vermächtnis der Oktoberrevolution gegen die Lügen der stalinistischen Bürokratie zu verteidigen. Die bürokratische Reaktion gegen Programm und Prinzipien der Oktoberrevolution begann in den frühen 1920er Jahren damit, dass die Fraktionskämpfe der russischen sozialdemokratischen Bewegung aus der Zeit vor 1917 verdreht wurden, um Trotzki als eingefleischten Gegner Lenins darzustellen. Trotzkis politische Positionen wurden dahingehend verfälscht, dass er als rücksichtsloser Feind der russischen Bauernschaft erschien. Nach Trotzkis Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Russlands im Jahr 1927 und seiner Verbannung aus der UdSSR 1929 wurde der gesamte Verlauf der sowjetischen Geschichte im Sinne der politischen Interessen des stalinistischen Regimes umgeschrieben. Selbst Sergej Eisenstein musste aus seinem filmischen Meisterwerk aus dem Jahr 1927, »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«, alle Aufnahmen von Trotzki herausschneiden, obwohl dieser den Aufstand vom Oktober 1917 in Petrograd organisiert und geführt hatte.

Die Lügen und Fälschungen der 1920er Jahre – die dazu dienten, Trotzki zu entmachten und das Programm des sozialistischen Internationalismus, auf dem die Oktoberrevolution beruht hatte, zurückzuweisen – wuchsen sich in den 1930er Jahren zu den Moskauer Schauprozessen aus, mit denen Stalin der Massenvernichtung der Marxistengeneration, die die Arbeiterklasse an die Macht geführt, die Kommunistische Internationale gegründet und die Sowjetunion ins Leben gerufen hatte, den Anschein von Rechtmäßigkeit verleihen wollte. Die Fälschung der Geschichte bildet, wie Trotzki erklärte, den unabdingbaren ideologischen Kitt der politischen Reaktion. Sei es in Form von Schauprozessen, Propaganda vonseiten des Staats und der Medien oder der Verdrehung historischer Tatsachen durch skrupellose kleinbürgerliche Akademiker, Lügen über die Geschichte dienen stets dazu, die Verbrechen der Herrschenden zu rechtfertigen, die öffentliche Meinung in die Irre zu führen und der breiten Masse der Bevölkerung die Informationen und Kenntnisse vorzuenthalten, die sie braucht, um einen erfolgreichen und revolutionären Kampf gegen das kapitalistische System zu führen. Deswegen ist der Kampf gegen Geschichtsfälschungen kein zweitrangiger oder gar beliebiger Aspekt der politischen Arbeit. Die Verteidigung der historischen Wahrheit – insbesondere mit Bezug auf die Oktoberrevolution und die strategischen Erfahrungen der internationalen sozialistischen Bewegung im 20. Jahrhundert – ist die Voraussetzung dafür, dass sich in der Arbeiterklasse, anknüpfend an frühere Traditionen, wieder sozialistisches Bewusstsein herausbildet.

In den letzten Jahren ihres Bestehens war in der gesamten Sowjetunion ein verstärktes öffentliches Interesse an der Geschichte der Russischen ­Revolution zu verzeichnen. Nach Jahren der Unterdrückung erschienen allenthalben Artikel über Trotzki, vor allem aber wurden seine Werke allgemein zugänglich. Für die Sowjetführung war dies beängstigend. Denn im Gegensatz zur unverrückbar prokapitalistischen Orientierung der stalinistischen Bürokratie, die die Rückkehr zur Marktwirtschaft als einzigen Ausweg verkaufen wollte, ging aus den Schriften Trotzkis und aus dem dokumentierten Kampf der Vierten Internationale gegen den Stalinismus hervor, dass es eine sozialistische Alternative zur bürokratischen Herrschaft gab.

Als der Kreml die UdSSR auflöste, bestand eines seiner Hauptziele darin, die Rückbesinnung der Arbeiterklasse auf eine sozialistische Perspektive zu verhindern. Daher wurde die Auflösung der Sowjetunion von einer neuerlichen Geschichtsfälschungskampagne begleitet, deren Tenor lautete, die Sowjetunion sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Diese »postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung« bewegte sich auf denselben Gleisen wie Fukuyama, Malia und Hobsbawm. In allen diesen Werken wurde die grundlegende Botschaft vermittelt, dass die Auflösung der UdSSR eine unvermeidliche Folge der Oktoberrevolution und kein anderer Ausgang möglich gewesen seien. Der Stalinismus habe die Oktoberrevolution nicht pervertiert, sondern sich zwangsläufig aus ihr ergeben. Eine Alternative gab es nicht.

In den hier vorgelegten Vorträgen und Artikeln, in denen die Konzeption des »unvollendeten 20. Jahrhunderts« Gestalt annahm, wird durchweg betont, dass das Bestehen einer Alternative zum Stalinismus historisch eindeutig belegt ist. Ich trat Hobsbawms Behauptung entgegen, dass das Nachdenken über Alternativen zum Stalinismus sinnlos und als kontrafaktische Geschichtsschreibung unwissenschaftlich sei. »Die Geschichte muss von dem ausgehen, was sich tatsächlich ereignet hat«, schrieb er. »Alles andere ist Spekulation.«[24]

Dieser Absatz ist deshalb bemerkenswert, weil er exemplarisch für eine ebenso verbreitete wie perfide Herangehensweise an die Geschichte der Sowjetunion steht. Hobsbawm verzichtet auf eine direkte Fälschung des historischen Materials. Aber er vergeht sich an der historischen Wahrheit, indem er wichtige Tatsachen unterschlägt und ein unvollständiges Bild zeichnet. Hobsbawm trägt mit Auslassungen zur Fälschung der Geschichte bei.

Leider sah ich mich in zahlreichen Vorträgen und Essays gezwungen, nicht nur auf Lücken hinzuweisen, sondern drastische Fälschungen historischer Tatsachen zu widerlegen. Bisweilen staunte ich nur noch über die Dreistigkeit, mit der gewisse Personen, die sich Historiker nennen, Behauptungen zu Papier bringen, die nachweislich unwahr sind, und damit der Nachwelt ein Zeugnis ihrer Unaufrichtigkeit in theoretischen Fragen hinterlassen.

Begünstigt wurden die Fälschungspraktiken durch den Einfluss diverser Schulen des Postmodernismus, deren kombinierte Wirkung auf die Geschichtswissenschaften und die Geschichtsschreibung nur als verheerend bezeichnet werden kann. Der Zusammenhang zwischen diesem Rückschritt auf dem Gebiet der Philosophie und der Fälschung der Geschichte kann nicht überbetont werden. Kehren wir noch einmal zu den Arbeiten von Professor Baberowski zurück, der seine Methodik als Schüler von Michel Foucault in seinem Werk »Der Sinn der Geschichte« erläutert:

In Wahrheit hat es der Historiker nicht mit der Vergangenheit zu tun, sondern nur mit ihrer Interpretation. Er kann, was er Wirklichkeit nennt, nicht von den Lebensäußerungen der vergangenen Menschen trennen. Denn es gibt keine Wirklichkeit jenseits des Bewusstseins, das sie produziert. Wir müssen uns von der Vorstellung befreien, man könne durch die Rekonstruktion der in den Dokumenten vermittelten Ereignisse erfahren, wie die russische Revolution wirklich gewesen ist. Es gibt keine Wirklichkeit ohne ihre Repräsentation. Geschichte betreiben heißt, um es mit Roger Chartier zu sagen, den Betrieb der Repräsentationen zu untersuchen.[25] (Hervorhebung hinzugefügt)

Unter Berufung auf die weitreichendste Aussage des idealistischen Solipsismus – das Leugnen jeder Wirklichkeit außerhalb des Denkens – spricht Baberowski der Geschichtswissenschaft das Recht ab, sich als wahrheitsgetreue Rekonstruktion einer Vergangenheit zu begreifen, die objektiv stattgefunden hat. Die Geschichte, erklärt er uns, ist lediglich ein subjektives Konstrukt. Es gibt keine objektive historische Wahrheit, die gesellschaftliche, ökonomische und politische Gegebenheiten so abbildet, wie sie früher tatsächlich gewesen sind. Diese Art von historischer Wirklichkeit interessiert Baberowski nicht. »›Wahr‹ ist eine Geschichte dann«, so Baberowski, »wenn sie die Prämissen erfüllt, die der Historiker aufgestellt hat«.[26] Diese Degradierung der Geschichte ist ein Freibrief für falsche Erzählungen, die subjektiven Bestrebungen dienen – zum Beispiel der Rehabilitierung von Hitlers verbrecherischem Regime. Nicht zufällig hat sich Professor Baberowski mit Leuten wie Ernst Nolte zusammengetan.

Künftige Generationen werden sich mit der Frage auseinandersetzen, weshalb reaktionäre Philosophen wie Jean-François Lyotard, Richard Rorty und Michel Foucault, deren Begrifflichkeiten der »Rumpelkammer des bürgerlichen Denkens« entlehnt sind,[27] in den letzten Jahrzehnten des 20. und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einen derart unverdienten und bedrohlichen Einfluss gewannen. Es würde mich sehr freuen, wenn die hier vorgelegten Vorträge und Artikel, die Themen der Philosophie behandeln, künftigen Forschern dabei helfen, die politische und gesellschaftliche Pathologie des krankhaften Postmodernismus zu verstehen.

Die polemische Herangehensweise des vorliegenden Bandes ist meines Erachtens dem Thema und unserer Zeit angemessen. Die Geschichte ist zum Schlachtfeld geworden. »Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden«, schrieb Marx.[28] Im 15. Jahr des neuen Jahrhunderts können sich weder Politiker noch Historiker vom Alp des vorigen Jahrhunderts befreien. Die ständig zunehmenden Konflikte und Krisen des 21. Jahrhunderts sind ausnahmslos mit Auseinandersetzungen über die Geschichte des 20. Jahrhunderts verwoben. Je stärker aktuelle politische Kämpfe an historische Fragen rühren, desto offener wird der Umgang mit ihnen durch politische Erwägungen bestimmt. Die Vergangenheit wird im Interesse der heutigen politischen Reaktion gefälscht. Möge dieses Buch, indem es zumindest einige der dreistesten Geschichtsfälschungen über das 20. Jahrhundert widerlegt, in den revolutionären Kämpfen der Zukunft als Waffe dienen.


Das Material in diesem Band ist mit wenigen Ausnahmen chronologisch angeordnet. Auf diese Weise kann der Leser verfolgen, wie sich die Arbeit des Internationalen Komitees der Vierten Internationale über zwanzig Jahre hinweg entwickelt hat. Bei Bedarf habe ich im üblichen Rahmen stilistische Veränderungen vorgenommen, um die vor Publikum gehaltenen Vorträge aus der gesprochenen in die etwas gehobenere schriftliche Sprache zu übertragen.

Die Vorträge und Essays gewannen durch die intensive Zusammenarbeit mit Genossen und Mitstreitern der trotzkistischen Bewegung weltweit und in den USA. Die tragische und leidvolle Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung ist seit nahezu 40 Jahren ein Thema meiner Diskussionen mit Ulrich Rippert, dem nationalen Sekretär der Partei für Soziale Gleichheit. Zu Dank verpflichtet bin ich Frederick S. Choate, auf dessen Kenntnisse der russischen und sowjetischen Geschichte ich seit vielen Jahren zurückgreifen darf. Ich danke dem unermüdlichen Redaktionsteam von Mehring Books, Jeannie Cooper und Heather Jowsey, denen es gelungen ist, alle Bestandteile zu einem zusammenhängenden und sorgfältig erschlossenen Band zusammenzuführen. Danken möchte ich auch Linda Tenenbaum von der Socialist Equality Party in Australien, die zahlreiche der hier vorgelegten Texte von der Entwurfs- bis zur Endfassung gegengelesen hat.

Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, welchen Beitrag der mittlerweile verstorbene sowjetrussische Historiker und Soziologe Wadim Rogowin zur historischen Arbeit des Internationalen Komitees geleistet hat. Wir trafen uns zum ersten Mal im Februar 1993 in Kiew. Damals hatte er soeben eine Studie mit dem Titel »Gab es eine Alternative?« abgeschlossen, die den Kampf der Linken Opposition gegen die stalinistische Herrschaft in den Jahren 1923 bis 1927 behandelte. Nach unseren Diskussionen in Kiew und in Moskau entschied sich Wadim, gemeinsam mit dem Internationalen Komitee an einer »internationalen Gegenoffensive gegen die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung« zu arbeiten. Obwohl er 1994 unheilbar an Krebs erkrankte, hielt er rund um die Welt Vorträge auf Versammlungen, die das Internationale Komitee ausrichtete. Wadims Studien von Leo Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus umfassten am Ende sieben Bände. Seit 1991 ist bis heute kein Buch über die Sowjetunion erschienen, das diesem Meisterwerk der historischen Literatur stilistisch und inhaltlich auch nur annähernd gleichkommt.

Im Januar 1998 teilte ich zum letzten Mal mit Wadim das Rednerpult. Er war mit seiner Frau Galja nach Sydney gereist, um auf einer Veranstaltung zu sprechen, zu der die Socialist Equality Party in Australien einlud. Zum Abschluss seines Vortrags erklärte er, dass er den letzten Band seines historischen Werks dem Internationalen Komitee widme. Acht Monate später, am 18. September 1998, verstarb Wadim im Alter von 61 Jahren. Dem Andenken an diesen Kämpfer für die historische Wahrheit ist der vorliegende Band gewidmet.

David North

12. Juli 2014

Anmerkungen

[1] »The National Interest«, Nr. 19 (Sommer 1989), S. 3 (aus dem Englischen).

[2] Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992, S. 83f.

[3] Ebd., S. 397.

[4] Martin Malia, Vollstreckter Wahn. Russland 1917–1991, Stuttgart 1994, S. 581.

[5] Ebd.

[6] Ebd., S. 261.

[7] Ebd., S. 289.

[8] Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München/Wien 1995, S. 20.

[9] Ebd., S. 23.

[10] Ebd., S. 720.

[11] J.A. Hobson, Der Imperialismus, Köln/Berlin 1968, S. 112.

[12] Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, Berlin 1955, S. 558f.

[13] W.I. Lenin, »Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus«, in: Werke, Bd. 23, Berlin 1972, S. 102f.

[14] Leo Trotzki, »Der Krieg und die Internationale«, in: Europa im Krieg, Essen 1998, S. 377f.

[15] Rosa Luxemburg, »Die Krise der Sozialdemokratie«, in: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin 1990, S. 62.

[16] Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992, S. 263.

[17] Übersetzt aus: http://www.bbc.com/news/world-27921938, aufgerufen am 4.9.2014.

[18] Ernst Nolte, »Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus? Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980«, in: »Historikerstreit«. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München/Zürich 1995, S. 32, 34.

[19] Ebd., S. 24.

[20] Ernst Nolte, Martin Heidegger: Politik und Geschichte im Leben und Denken, Berlin/Frankfurt a.M. 1992, S. 123.

[21] Dirk Kurbjuweit, »Der Wandel der Vergangenheit«, in: Der Spiegel 10.2.2014, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-124956878.html, aufgerufen am 8.8.2014.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Eric Hobsbawm, Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?, München/Wien 2005, S. 22.

[25] Jörg Baberowski, Der Sinn der Geschichte: Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault, München 2005, S. 22.

[26] Ebd., S. 9.

[27] Dieser Ausdruck stammt von G.W. Plechanow.

[28] Karl Marx, »Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«, in: Karl Marx, Friedrich Engels Werke (MEW), Bd. 8, Berlin 1972, S. 115.

1.

Die Machtübernahme der Bolschewiki im Oktober 1917:
Staatsstreich oder Revolution?
[1]

Die Darstellung der Russischen Revolution als Staatsstreich einer Handvoll skrupelloser Querulanten, die entschlossen waren, dem Volk eine totalitäre Diktatur aufzuzwingen, gehört zum Dauer­inventar antimarxistischer Schriften. Dieser Argumentation zufolge war die bolschewistische Partei vor 1917 lediglich eine kleine Sekte, die nur deshalb an die Macht kam, weil sie die Wirren der Revolution auszunutzen wusste. Doch was waren die Ursachen dieser Revolution und der dadurch erzeugten Wirren? Laut Richard Pipes, Historiker an der Harvard University, war sie ausschließlich das Werk einer überspannten Intelligenzija, »die wir als nach politischer Macht strebende Intellektuelle definiert haben … Ihre Mitglieder waren Revolutionäre, die nicht das Ziel verfolgten, die Lage des Volkes zu verbessern, sondern sich zu dessen Herrschern zu machen und es nach ihren eigenen Vorstellungen umzumodeln.«[2]

Seit den 1980er Jahren hat sich eine Reihe von Historikern bemüht, ein genaues Bild der russischen Arbeiterklasse und ihres politischen Lebens in der Zeit vor 1917 zu zeichnen. Die besten dieser Arbeiten vermitteln dem Leser einen Einblick in die Vorgänge unter den Massen und belegen, dass die Bolschewiki bereits lange vor 1917 eine einflussreiche politische Stellung in der russischen Arbeiterklasse erobert hatten. Schon 1914 befanden sich die Menschewiki, die zuvor in den gängigen Organisationen der Arbeiterklasse stark vertreten gewesen waren, allenthalben auf dem Rückzug vor den aufstrebenden Bolschewiki. Von daher verwundert es nicht, dass Professor Richard Pipes für empirische Forschung über die Entwicklung der russischen Arbeiterbewegung vor 1917 nur Verachtung übrig hat:

Scharen von Studenten in fortgeschrittenen Semestern haben unter Anleitung ihrer Professoren in der Sowjetunion wie im Westen, vor allem in den Vereinigten Staaten, eifrig die historischen Quellen durchforscht, um Belege für einen Arbeiter­radikalismus in Russland vor der Revolution zutage zu fördern. Das Ergebnis waren gewichtige Bände, angefüllt mit zumeist bedeutungslosen Ereignissen und Statistiken, die nur eines beweisen: Während die Geschichte selbst stets interessant ist, können Geschichtsbücher nichtssagend und langweilig sein.[3]

Ich möchte anhand dieser »gewichtigen Bände« und »bedeutungslosen Ereignisse und Statistiken« die Entwicklung der russischen Arbeiterklasse in den zehn Jahren vor der Machteroberung der Bolschewiki kurz umreißen. Die Niederlage der Revolution von 1905 hatte zur Folge, dass die zahlenmäßige Stärke und der politische Einfluss der revolutionären Organisationen beträchtlich zurückgingen. In den Jahren des revolutionären Aufschwungs, von 1905 bis 1907, hatten sowohl die Bolschewiki als auch die Menschewiki, die beiden gegensätzlichen Fraktionen der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP), Zehntausende neue Mitglieder gewonnen. Nach dem Juni 1907 schwand ihre Massenmitgliedschaft dahin. Nach der Niederlage griff Enttäuschung um sich. Selbst kampferprobte Aktivisten mit jahrelanger Erfahrung gaben die revolutionäre Politik auf und ließen ihre Bestrebungen fallen. Die Rückkehr breiter Schichten der russischen Intelligenz in den Schoß der Religion, die Ausbreitung aller möglicher Rückständigkeiten, beispielsweise Faszination für die Pornografie, schlug sich auch in der Mitgliedschaft der revolutionären Bewegung nieder. Im Jahr 1910 war es laut Trotzki so weit gekommen, dass Lenin in Russland nur noch mit etwa zehn loyalen und aktiven Mitstreitern in Verbindung stand.

Trotzdem war es keine fruchtlose Periode. Ungeachtet ihrer Differenzen analysierten sowohl Lenin als auch Trotzki die Ereignisse von 1905 und zogen daraus strategische Lehren, die 1917 zur Grundlage für den Sieg der Revolution werden sollten. Für Trotzki hatte die Revolution von 1905 gezeigt, dass die demokratische Revolution in Russland nur unter der Führung der Arbeiterklasse stattfinden konnte und mehr und mehr eine sozialistische Richtung einschlagen würde. Aus dieser Einsicht in die soziale und politische Dynamik der russischen Revolution ging die Theorie der permanenten Revolution hervor.

Lenin vertiefte anhand der Erfahrungen von 1905 seine Analyse der Differenzen zwischen Bolschewismus und Menschewismus. Die Spaltung in der sozialistischen Arbeiterbewegung erschien nun in einem neuen Licht. Die Taktik der Menschewiki während der gesamten Revolution von 1905 bestärkte Lenin in der Überzeugung, dass der Menschewismus eine opportunistische Strömung darstellte, die den Einfluss der liberalen Bourgeoisie auf die Arbeiterklasse widerspiegelte. Der Aufbau einer revolutionären Bewegung, betonte Lenin, setzte voraus, dass der Arbeiterklasse dieses Wesensmerkmal des Menschewismus in einem konsequenten Kampf immer klarer vor Augen geführt wurde.

Unter der Führung des gewitzten Premierministers Stolypin rappelte sich das zaristische Regime wieder auf, nachdem es 1905 gehörig in die Klemme geraten war. Aber die Ermordung Stolypins im Jahr 1911 infolge einer Verschwörung der Geheimpolizei raubte dem Zaren gerade in dem Moment, in dem die Arbeiterbewegung in eine neue Phase radikaler Aktivitäten eintrat, seinen fähigsten Minister. Die Massenstreiks von 1912 schufen ein neues politisches Klima, das ein schnelles Wachstum des politischen Einflusses der Bolschewiki begünstigte.

Die Periode der Reaktion, von 1907 bis 1912, führte in den Reihen der Menschewiki zu einer ausgeprägten Rechtswende. Sie nahmen sich ausgerechnet die schwächste Seite der deutschen Sozialdemokratie – die Vorherrschaft reformistischer Gewerkschaften in der Partei – zum Vorbild und begaben sich in das politische Umfeld der bürgerlichen Liberalen. Ihre Tätigkeit nahm ganz eindeutig reformistische Züge an. Während der Reaktionsperiode hatten die Menschewiki von ihren Verbindungen zu den bürgerlich-liberalen Konstitutionellen Demokraten profitiert. Mit dem erneuten Aufschwung der Arbeiterklasse ab 1912 jedoch begannen die Bolschewiki sie selbst in den einst menschewistisch dominierten Gewerkschaften zu überrunden.

Ein Anzeichen für die politische Radikalisierung der Arbeiterklasse zeigte sich im April 1913 auf einer Versammlung der Metallarbeitergewerkschaft von Petersburg. Diese Organisation war mehrere Jahre lang von den Menschewiki beherrscht worden. Aber nun wählten die 700 bis 800 anwesenden Arbeiter eine bolschewistische Mehrheit in ihren vorläufigen Vorstand.[4]

Ende August 1913 fand die zweite Wahl für den ständigen Vorstand statt. Von den 5600 Mitgliedern der Gewerkschaft hatten sich zwischen 1800 und 3000 eingefunden. Es wurde ein bolschewistischer Vorstand gewählt; die Menschewiki konnten nur etwa 150 Stimmen auf sich vereinen. Die klassenbewussten Arbeiter von St. Petersburg wussten zwischen den Positionen der Bolschewiki und der Menschewiki zu unterscheiden. Letztere stellten sich gegen die Beteiligung der Gewerkschaften an unmittelbar politischen, revolutionären Kämpfen. Die Bolschewiki dagegen waren offen bestrebt, die Gewerkschaften gerade für diesen Zweck einzusetzen.

Während der restlichen Monate von 1913 bis in das Jahr 1914 hinein vertrieben die Bolschewiki die Menschewiki weiter aus den Führungspositionen der Gewerkschaften. Unter den organisierten Schneidern etwa hatten die Bolschewiki im Juli 1914 eine überwältigende Mehrheit erobert. Zehn von elf Vorstandsmitgliedern waren Bolschewiki, einer war Sozialrevolutionär. Die Menschewiki hatten jede Unterstützung verloren.

Die Drucker, die zu den am besten ausgebildeten Arbeitern zählten, wählten im April 1914 für ihren 18-köpfigen Vorstand neun Bolschewiki, und für dessen zwölf Stellvertreter acht.

Ein weiterer Hinweis auf die wachsende Unterstützung für die Bolschewiki auf Kosten der Menschewiki ergibt sich aus den jeweiligen Auflagen ihrer Zeitungen. Die menschewistische Zeitung, »Luch«, hatte eine Auflage von etwa 16000. Die »Prawda«, die bolschewistische Tageszeitung, erreichte eine Auflage von 40000.

Im Juli 1914, am Vorabend des Krieges, hatte der Klassenkampf in den russischen Industriezentren revolutionäre Ausmaße angenommen. Aus St. Petersburg wurden Straßenkämpfe zwischen Arbeitern und der Polizei gemeldet. Der zaristischen Regierung kam der Krieg gerade recht. Zwar führte der Druck des Krieges über drei Jahre hinweg zu einer enormen Verschärfung der sozialen Konflikte, doch zunächst überflutete er die revolutionäre Arbeiterbewegung mit einer Welle des Chauvinismus. Die hochentwickelte bolschewistische Organisation, die am Rande der Legalität gearbeitet hatte, wurde zerschlagen und erneut in den Untergrund getrieben.

Trotzki schrieb später, dass, wäre der Krieg nicht gewesen, die Revolution Ende 1914 oder im Jahr 1915 von Anfang an als proletarische Massenbewegung unter der Führung der Bolschewiki begonnen hätte. Doch im Februar 1917 setzte die Revolution unter Bedingungen ein, die für die Bolschewiki weit weniger günstig waren als im Juli 1914. Erstens war ihre Organisation in Russland kaum funktionsfähig. Viele ihrer Arbeiterkader in den Fabriken waren in die Armee eingezogen worden und überall an der Front verstreut. In den Fabriken befanden sich jetzt Arbeiter mit weitaus weniger politischer Erfahrung. Die Massenmobilisierung der Bauern in der Armee schließlich bedeutete, dass der proletarische Charakter der sozialen Bewegung bei Ausbruch der Revolution zumindest in ihrem Anfangsstadium weitaus weniger ausgeprägt war als 1914. Aus diesem Grund ging die Partei der Sozialrevolutionäre, die sich vor allem auf die Bauernschaft stützte, aus den ersten Wochen der Revolution als größte politische Partei hervor.

Trotz ihrer anfänglichen Schwäche waren die Bolschewiki während der revolutionären Ereignisse, die zum Sturz des zaristischen Regimes im Februar-März 1917 führten, nicht ohne Einfluss. Wie Trotzki in seiner monumentalen »Geschichte der Russischen Revolution« anschaulich erklärt, war der Aufstand vom Februar 1917 nicht rein »spontan«, d.h. ohne jegliche politische Führung. Jahre politischer Agitation und Erziehung durch die Bolschewiki – und sogar die Menschewiki in dem Maße, wie deren Tätigkeit die allgemeinen Konzeptionen des Marxismus ausdrückte – hatten im Bewusstsein der Arbeiter von St. Petersburg ihre Spuren hinterlassen.

Jede Massenbewegung zeichnet sich durch eine bestimmte Art oder Ebene des Bewusstseins aus, die sich über eine längere Zeit hinweg entwickelt hat. Das kollektive gesellschaftliche und politische Bewusstsein der Arbeiterklasse war kein unbeschriebenes Blatt. Die Ereignisse von 1905 waren nicht einfach in Vergessenheit geraten. Eine neue Generation bewussterer Arbeiter war herangewachsen, die durch die theoretischen und politischen Konflikte zwischen Bolschewiki und Menschewiki geprägt worden war. Es hat seinen Grund, dass der Aufstand vom Februar 1917 zur Schaffung von Sowjets (Arbeiterräten) führte und die Form eines politischen Kampfes gegen den Zarismus annahm, anstatt eines unpolitischen Aufruhrs und von Plünderungen. Insoweit der Krieg die Untergrundorganisation nicht vollkommen zerstört und ihre Kader nicht restlos aus den Fabriken vertrieben hatte, konnten die Bolschewiki den Massenaufstand von 1917 überdies mit einem militanteren Bewusstsein erfüllen. Unter Berücksichtigung all dessen stimmen wir mit Trotzkis von der heutigen Forschung bestätigten Feststellung überein, dass die Februarrevolution von den aufgeklärten und gestählten Arbeitern geführt wurde, die größtenteils von der Partei Lenins erzogen worden waren.[5]

Lenins »Geheimnisse«

Die gängigste Behauptung der reaktionären Historiker besteht darin, dass die Machteroberung der Bolschewiki das Ergebnis einer finsteren Verschwörung gewesen sei, angezettelt und vollzogen hinter dem Rücken der russischen Bevölkerung und auch der Arbeiterklasse, in deren Namen die Revolution gemacht wurde. Um zu verstehen, wie die größte Revolution der Geschichte aus einer solchen Verschwörung hervorgehen konnte, muss man nochmals Richard Pipes zu Rate ziehen:

Lenin war ein sehr verschlossener Mensch; obwohl er wie besessen Reden und Schriften verfasste, genug, um 55 Bände einer Werkausgabe zu füllen, bestehen diese zum größten Teil aus Propaganda und Agitation mit dem Ziel, potentielle Anhänger zu überzeugen und bekannte Gegner zu vernichten, ohne deshalb seine Gedanken preiszugeben. Selbst engen Parteifreunden enthüllte er nur selten, was wirklich in ihm vorging. Als oberster Feldherr im Weltkrieg zwischen den Klassen behielt er seine Pläne für sich. Um sein Denken zu rekonstruieren, ist es deshalb notwendig von bekannten Taten auf verborgene Absichten rückzuschließen.[6]

Man stelle sich das vor: Lenins Nachlass umfasst 55 Bände, wobei jeder Band aus 300 bis 500 Seiten besteht; er beschrieb also im Laufe seiner 30-jährigen Laufbahn pro Jahr durchschnittlich 600 bis 1000 Seiten (in gedruckter Form). Darunter befinden sich ökonomische Studien, philosophische Abhandlungen, politische Aufsätze, Resolutionen, Zeitungskommentare und Artikel, ausführliche berufliche und private Briefwechsel, unzählige Memoranda und private Notizen wie etwa die »Philosophischen Hefte«, anhand derer wir die Entstehungsgeschichte seiner Ideen verfolgen können. Jahrelang verbrachte Lenin einen großen Teil seines Arbeitstages am Schreibtisch. Und doch waren all diese Schriften laut Pipes nichts weiter als das Mittel, mit dem Lenin raffiniert verbarg, was er wirklich dachte!

Man kommt nicht umhin festzustellen, dass Pipes Lenin mittels derselben Methoden verdammt, die Stalin bei den Falschanklagen gegen Leo Trotzki und die alten Bolschewiki in den Moskauer Prozessen der dreißiger Jahre verwandte. Damals wurde behauptet, dass die öffentlich zugänglichen Schriften und Erklärungen Trotzkis aus mehreren Jahrzehnten, darunter auch aus seiner Zeit als Führer der Roten Armee, lediglich ein Deckmantel für seine geheime, Jahrzehnte währende Verschwörung zur Vernichtung der Sowjetunion seien. Die »Untersuchungsmethoden« Stalins und des gefeierten Harvard-Historikers – von Pipes selbst mit den Worten beschrieben, man müsse »in umgekehrter Richtung von seinen bekannten Taten zu den verschwiegenen Absichten vordringen« – erinnern an die juristischen Gepflogenheiten eines mittelalterlichen Hexenprozesses.

Was im Einzelnen den Vorwurf angeht, Lenin habe seine Gedanken für sich behalten, während er insgeheim den Sturz der Provisorischen Regierung »anzettelte«, so kann man ihn kaum ernst nehmen. Man muss sich vor Augen halten, dass Lenin während des gesamten Jahres 1917 seinen Einfluss auf die bolschewistische Partei und die Arbeiterklasse in hohem Maße, manchmal sogar beinahe ausschließlich, mittels des geschriebenen Wortes ausübte. Es war ein schriftliches, unter dem schlichten Namen »Aprilthesen« bekanntes Dokument, das die Parteipolitik nach Lenins Rückkehr aus dem Exil entscheidend änderte und die Bolschewiki auf den Kurs der Machteroberung brachte. Später, zwischen Juli und Oktober 1917, befand sich Lenin in einem Versteck und war auf die Kraft seiner schriftlichen Argumentation angewiesen, um auf die bolschewistische Partei einzuwirken. Lenin hätte den starken Widerstand innerhalb der bolschewistischen Parteiführung gegen seinen Aufruf zum Sturz der Provisorischen Regierung schwerlich überwinden können, wenn er nicht vermittels seiner Schriften Einfluss auf die Masse der Parteimitgliedschaft gewonnen hätte. John Reed erkannte den einzigartigen Charakter von Lenins Autorität; er schrieb in seinem berühmten Werk »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«, Lenin sei einer der wenigen praktischen politischen Führer der Weltgeschichte, die vermittels ihrer geistigen Fähigkeiten zum Führer der Massen geworden seien.

Der überzeugendste Gegenbeweis gegen die Verschwörungstheorie, der Pipes und mit ihm viele andere anhängen, sind die historischen Forschungen seriöser Wissenschaftler, die eine Fülle an Belegen für die außergewöhnliche Größe und Macht der Arbeiter-Massenbewegung, auf die sich der Machtanspruch der Bolschewiki stützte, zutage gefördert haben. Ein Studium dieses Materials führt zu der Schlussfolgerung, dass die ­Machteroberung der bolschewistischen Partei alles andere als ein Putsch war, der im Hinterzimmer einer konspirativen Wohnung in Petrograd vorbereitet wurde. Eher versuchte die bolschewistische Partei in jenem Jahr über weite Strecken, mit der Massenbewegung Schritt zu halten, die eine Dynamik entwickelte, wie man sie seit der Französischen Revolution nicht mehr erlebt hatte.

Der Bolschewismus und die Arbeiterklasse

Laut »The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution« gab es in den Fabriken und Bergwerken Russlands rund 3,5 Millionen Arbeiter. Weitere 1,25 Millionen entfielen auf das Verkehrs- und das Bauwesen. Die Gesamtzahl an Menschen, die man letztlich als Lohnarbeiter einstufen konnte, belief sich auf zehn Prozent der Bevölkerung oder in absoluten Zahlen etwa 18,5 Millionen.[7] Petrograd war ein großes Industriezentrum, in dessen Vorstädten etwa 417000 Industriearbeiter wohnten. 270000 davon waren Metallarbeiter, 50000 Arbeiter waren in der Textil- und 50000 in der Chemieindustrie beschäftigt. Das zweite große Industriezentrum Russlands war Moskau mit rund 420000 Arbeitern, von denen ein Drittel in der Textil- und ein Viertel in der Metallindustrie beschäftigt waren.

Große Zusammenballungen von Industriearbeitern befanden sich zudem im Ural, in der Ukraine – dort waren in der Donbass-Region rund 280000 Arbeiter beschäftigt –, im Baltikum, in Transkaukasien und in Sibirien. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung war die Arbeiterklasse allerdings zahlenmäßig klein. Sie war aber stark konzentriert. Mehr als 70 Prozent der Arbeiter in Petrograd waren in Betrieben mit mehr als 1000 Arbeitern beschäftigt. Zwei Drittel der ukrainischen Arbeiter befanden sich in Unternehmen mit mehr als 500 Arbeitern. Genauso war es im Ural.[8]

Vor Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917 hatte die Führung der bolschewistischen Partei in der Hauptstadt eine bedingte politische Unterstützung für die bürgerliche Provisorische Regierung beschlossen. Sie galt auch der Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland und Österreich-Ungarn, und zwar mit der Begründung, dass die Revolution ihr bürgerlich-demokratisches Entwicklungsstadium nicht überspringen könne. Lenin widersetzte sich dieser Politik, hielt sich jedoch noch in der Schweiz auf und konnte nicht unmittelbar in die Diskussionen der Parteiführung eingreifen. Die Redaktion der »Prawda«, die von Stalin geleitet wurde, verweigerte Lenin sogar die Veröffentlichung von Erklärungen, in denen er der versöhnlerischen Politik der bolschewistischen Partei mit Nachdruck widersprach. Erst nach seiner Rückkehr konnte Lenin im Verlauf eines mehrwöchigen Fraktionskampfes die Orientierung der bolschewistischen Partei ändern. Hintergrund der Auseinandersetzungen war, dass Lenin jetzt für die Änderung einer programmatischen Position eintrat, die er selbst entwickelt und viele Jahre lang verteidigt hatte. Den alten Bolschewiki, die er jetzt angriff, erschien Lenins neue Linie – der Aufruf zur Vorbereitung auf den Sturz der Provisorischen Regierung und die Machtergreifung der Arbeiterklasse – als ketzerische Kapitulation vor der Theorie der permanenten Revolution, die Leo Trotzki zehn Jahre lang in Opposition zu den Bolschewiki vertreten hatte.

Lenin war auf eigenen Wegen zu derselben Perspektive gelangt, mit der Leo Trotzki allgemein identifiziert wurde. Die Erfahrung des Weltkriegs, aufgearbeitet durch sein eigenes Studium des modernen Imperialismus, hatte Lenin zu der Schlussfolgerung geführt, dass die Russische Revolution der Beginn der sozialistischen Weltrevolution war; dass die internationale Krise des Kapitalismus im Zusammenwirken mit der Schwäche der russischen Bourgeoisie und deren Unterordnung unter das internationale Kapital keinen Raum für ein progressives bürgerlich-demokratisches Stadium der russischen Entwicklung ließ; und dass die einzige Klasse, die Russlands Unterordnung unter den Imperialismus durchbrechen und die wesentlichen demokratischen Aufgaben der Revolution erfüllen konnte, das Proletariat war. Auf dieser Grundlage trat Lenin in den »Aprilthesen« dafür ein, die Übertragung der Staatsmacht auf die Arbeiterräte zu fordern.

Die Auseinandersetzungen auf dem Parteitag im April beschränkten sich nicht länger auf kleine Zirkel von Revolutionären im Untergrund. Mit dem schnellen Wachstum der Mitgliedschaft der Partei umfasste der innerparteiliche Kampf bedeutende Schichten der Arbeiterklasse und wurde von ihnen verfolgt. Der britische Historiker Steve Smith argumentiert, dass Lenins »Aprilthesen« starke und direkte Auswirkungen auf das Bewusstsein der fortgeschrittensten Teile der Arbeiterklasse in Petrograd hatten, insbesondere auf jene im Wyborg-Bezirk und auf der Wasiljewski-Insel. Als Beweis führt Smith eine Resolution an, die während der Apriltage in den Fabriken der Pusyrew- und der Ekwal-Werke von Vollversammlungen verabschiedet wurde – d.h. auf den ersten großen Arbeiterdemonstrationen gegen die Provisorische Regierung:

Die Regierung kann und wird die Wünsche der gesamten arbeitenden Bevölkerung nicht vertreten, und deshalb fordern wir ihre sofortige Abschaffung und die Verhaftung ihrer Mitglieder, um ihren Angriff auf die Freiheit zu unterbinden. Wir erkennen, dass die Macht nur dem Volk selbst gehören darf, d.h. den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten als der einzigen Institution, die das Vertrauen des Volkes genießt.[9]

Leo Trotzki schrieb in seiner »Geschichte der Russischen Revolution«, das Hauptmerkmal der Revolution sei das direkte Eingreifen der Massen in den Lauf der Geschichte. Obwohl die Vertreter der Bourgeoisie, wie etwa Miljukow, und die gemäßigten Führer des Sowjets versuchten, die Macht der Provisorischen Regierung zu festigen, kannte der demokratische Erfindungsreichtum der Volksmassen nach den Ereignissen vom Februar keine Grenzen. Die Fabrik- und Betriebskomitees, die in Petrograd und ganz Russland entstanden, waren der praktische Ausdruck der Entschlossenheit des Proletariats, seine Macht geltend zu machen und die Gesellschaft auf antikapitalistischer Grundlage zu reorganisieren. Die Fabrikkomitees entwickelten sich rasch zu komplexen Strukturen, die sich um praktisch jeden Aspekt des täglichen Lebens kümmerten. Sie gründeten Unterkomitees für die Sicherheit der Betriebe, für die Nahrungsmittelversorgung, für Kultur, Gesundheit und Sicherheit, für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und für die Aufrechterhaltung der Arbeitsdisziplin durch die Ächtung der Trunkenheit.

Je weiter die Revolution voranschritt, desto mehr kümmerten sich die Komitees um die Organisation und Leitung der Produktion. Die »Blackwell Encyclopedia« zitiert das Werk eines sowjetischen Historikers, S.W. Stepanow, der »zwischen dem 1. März und dem 25. Oktober 4266 Maßnahmen von 124 Fabrikkomitees in Petrograd zählt und ausrechnet, dass sich 1141 Maßnahmen mit der Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung befassten; 882 mit Organisationsfragen; 347 mit politischen Fragen; 299 mit den Löhnen; 241 mit Einstellungen und Entlassungen und mit der Überwachung der Arbeitspflicht«.[10]

Im Spätsommer und Herbst 1917 begannen die Fabrikkomitees zu fordern, dass die Unternehmer ihnen Einblick in ihre Bücher und Bilanzen gewähren. Im Oktober bestand dann bereits eine Art Arbeiterkontrolle in 573 Fabriken und Zechen, die zusammen 1,4 Millionen Arbeiter beschäftigten.

Während des Jahres 1917 gewannen die Bolschewiki in den Fabrik­komitees enormen Einfluss. Bereits geraume Zeit, bevor sie die Mehrheit im Petrograder Sowjet erlangten, stellten sie die Führung der wichtigsten Fabrikkomitees. Die Resolutionen, die von den Versammlungen vor Ort verabschiedet wurden, zeigen eine breite und begeisterte Reaktion auf die Losungen und Hauptforderungen der bolschewistischen Partei. In Moskau, das politisch hinter Petrograd zurückblieb, wurden im Monat Oktober von mehr als 50000 Arbeitern Resolutionen zur Unterstützung der bolschewistischen Forderung nach dem Übergang der gesamten Macht an die Sowjets verabschiedet. Die Belege dafür, dass die Machtergreifung der Sowjets von einer großen Mehrheit der Arbeiterklasse begrüßt wurde, sind wahrlich beeindruckend.

Einen Einblick in die Stimmung der Arbeiterklasse im Oktober 1917 gewährt uns ein Blick auf die Ereignisse in Kineschma, einem Zentrum der Textilindustrie im Oblast Iwanowo, rund 400km nordöstlich von Moskau. Der Historiker David Mandel hat darüber eine Studie verfasst. Der Revolution ging große Unterstützung für die Bolschewiki voraus, die im Oktober 1917 überwältigende Ausmaße angenommen hatte. Die Arbeiter in Kineschma waren höchstens ungeduldig, weil ihnen die Bolschewiki in Petrograd nicht schnell genug vorangingen. Als ein bolschewistischer Redner in einer Rede vor dem Sowjet von Kineschma im späten September 1917 die rhetorische Frage stellte: »Die Geschichte fordert uns auf, die Macht zu übernehmen … Sind wir bereit?«, hörte man eine Stimme aus dem Publikum: »Wir sind schon lange bereit, aber wir fragen uns, warum sie im Zentrum immer noch schlafen.«[11]

Selbst wenn man solche historischen Anekdoten eher skeptisch bewertet, gibt es keinen Zweifel an der Realität des objektiven Prozesses, den sie illustrieren sollen. Zwischen April und Oktober erlebte die bolschewistische Partei ein phänomenales Wachstum. Im April 1917 bestand die Organisation der Bolschewiki in Petrograd aus etwa 16000 Arbeitern. Im Oktober war die Mitgliedschaft auf 43000 angewachsen, zwei Drittel davon ­Arbeiter. Im Juni 1917 ergaben die Wahlen zum Ersten Gesamtrussischen Sowjetkongress 283 Delegierte für die Sozialrevolutionäre, 248 für die Menschewiki und nur 105 für die Bolschewiki. Die Wahlen zum Zweiten Gesamt­russischen Kongress, der vier Monate später am Vorabend der Oktober­revolution zusammentreten sollte, führten zu einer erstaunlichen Wandlung: Der Delegiertenanteil der Bolschewiki stieg auf 390, derjenige der Sozialrevolutionäre sank auf 160 und derjenige der Menschewiki auf 72.

Die Arbeiter wechselten im Verlaufe der Revolution wiederholt ihre politische Bindung; im Allgemeinen gingen sie dabei nach links, da sie immer ungehaltener über die Provisorische Regierung wurden und sich darüber empörten, dass die gemäßigten sozialistischen Parteien nicht mit ihr brechen wollten. Der Historiker Tim McDaniel weist auf Folgendes hin:

Die Wirtschaftskrise, die Fortsetzung des Krieges, die Zuspitzung des Klassenkonfliktes und der Kornilow-Putsch machten die überwiegende Mehrheit der politisch aktiven Arbeiter zu Feinden der Provisorischen Regierung in ihren verschiedenen Zusammensetzungen … Sie sahen schließlich keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen der neuen Regierung und dem alten zaristischen Regime, mit Ausnahme dessen, dass die Provisorische Regierung jetzt eindeutiger eine »bürgerliche Diktatur« war.[12]

Der Brief eines Arbeiters, der Mitglied der Sozialrevolutionären Partei gewesen war, an eine bolschewistische Zeitung widerspiegelt diesen politischen Stimmungsumschwung während des Jahres 1917:

Wegen eines gründlichen Missverständnisses hatte ich mich der Partei der SR angeschlossen, die jetzt auf die Seite der Bourgeoisie übergegangen ist und unseren Ausbeutern zu Hilfe kommt. Damit ich nicht an diesen Schandpfahl gebunden bleibe, verlasse ich die Reihen der Chauvinisten. Als bewusster Proletarier schließe ich mich den bolschewistischen Genossen an, die allein die wirklichen Verteidiger der Unterdrückten sind.[13]

Die Radikalisierung der Arbeiterklasse im Jahr 1917 war natürlich kein gleichmäßiger Prozess ohne eigene, komplexe Widersprüche. Selbst in den Gebieten, wo die Bolschewiki rasch an Einfluss hinzugewannen, wie etwa unter den Bergarbeitern im Donbass, stießen sie auch auf Opposition. Manchmal mussten sie drastische Stimmungswechsel der Arbeiter einstecken. Doch trotz aller Verwicklungen dieses Prozesses besteht kein Zweifel daran, dass die Oktoberrevolution das Ergebnis einer gewaltigen, politisch bewussten Bewegung der Arbeiterklasse war.[14]

In einer Zusammenfassung seiner Forschungen über die Ursachen für den Sieg der Bolschewiki schrieb Professor Steve Smith:

Die Bolschewiki haben die Unzufriedenheit der Bevölkerung oder ihre revolutionäre Stimmung nicht selbst geschaffen. Diese erwuchsen aus den eigenen Erfahrungen der Massen mit komplexen ökonomischen und gesellschaftlichen Erschütterungen und politischen Ereignissen. Der Beitrag der Bolschewiki bestand vielmehr darin, dass sie das Verständnis der Arbeiter über die soziale Dynamik der Revolution formten und ihr Bewusstsein dafür weckten, wie die dringenden Probleme des Alltagslebens mit der gesamten gesellschaftlichen und politischen Ordnung zusammenhingen. Die Bolschewiki gewannen Unterstützung, weil ihre Analyse und die Lösungen, die sie vorschlugen, sinnvoll erschienen. Ein Arbeiter aus den Orudiinyi-Werken, einer Bastion der Landesverteidigung, wo die Bolschewiki früher nicht einmal sprechen durften, erklärte im September: »Die Bolschewiki haben immer gesagt: Nicht wir werden Euch überzeugen, sondern das Leben selbst. Und jetzt triumphieren die Bolschewiki, weil sich ihre Taktik im praktischen Leben als richtig erwiesen hat.«[15]

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, als es noch eine amerikanische Intelligenz gab, die an die Möglichkeit des gesellschaftlichen Fortschritts glaubte und zu klugen, wenn auch nicht uneingeschränkt sympathisierenden Gedanken über die Russische Revolution fähig war, erschien ein interessantes und einflussreiches Werk des Literaturkritikers Edmund Wilson mit dem Titel: »Auf dem Weg zum Finnischen Bahnhof«. Ungeachtet seines überheblichen Misstrauens gegenüber den Massen in der Revolution und seiner pragmatischen Verachtung für die Dialektik sah Wilson in Lenins Ankunft am Finnländischen Bahnhof im April 1917 einen Höhepunkt im Kampf des Menschen, sich zum ungehinderten Herrn seiner eigenen gesellschaftlichen Entwicklung aufzuschwingen.

»Entscheidend ist«, schrieb Wilson, »dass der Mensch des Abendlandes einen wesentlichen Fortschritt in der Herrschaft über die Begierden, Ängste und Irrungen, in denen er zuvor lebte, gemacht hat.«[16]

Dieser Einschätzung, die Wilson später unter dem Druck der McCarthy-Hetze aufgab, können wir von ganzem Herzen zustimmen. Die Russische Revolution bleibt bis heute der Höhepunkt des bewussten Bemühens der Menschheit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und aus ihrem gesellschaftlichen Leben alles zu verbannen, was in der einen oder anderen Form die Herrschaft nicht verstandener Naturkräfte und unbewusster gesellschaftlicher Prozesse über die Entwicklung der Menschheit darstellt.

Der Marxismus hat kein neues System utopischer Vorstellungen in die Welt gesetzt. Er entdeckte das objektive Potenzial für die Änderung des geschichtlichen Verlaufs in den gesellschaftlichen Kräften, die von der Geschichte selbst geschaffen worden waren. Er fand in einer bestehenden sozialen Kraft, der Arbeiterklasse, die objektive Grundlage für die Beendigung der historisch entstandenen Formen der Klassenherrschaft. Die Unterdrückung des Proletariats durch die Kapitalistenklasse musste beendet werden, und zwar nicht einfach deshalb, weil sie im üblichen Wortsinne moralisch verwerflich, sondern weil sie zu einer Fessel für die Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft selbst geworden war. Eben darin lag der unmoralische Charakter der kapitalistischen Unterdrückung.

Der Marxismus vermittelte der Arbeiterklasse ein Verständnis des historischen Prozesses, von dem sie selbst ein Teil war, und verwandelte sie dadurch aus einem Objekt der Geschichte in deren bewusstes Subjekt. Die Erziehung der Arbeiterklasse auf der Grundlage des Marxismus begann im Jahr 1847. Die Oktoberrevolution, die siebzig Jahre später stattfand, war das Ergebnis dieser großen sozialistischen Aufklärung.

Aus Gründen, die studiert und verstanden werden müssen, erlitt die Russische Revolution einen enormen Rückschlag. Aber die bleibende Bedeutung und Relevanz der Ereignisse von 1917 werden dadurch nicht im Geringsten beeinträchtigt.

Anmerkungen

[1] Vortrag an der University of Michigan in Ann Arbor vom 18. April 1995.

[2] Richard Pipes, Die Russische Revolution, Bd. 3, Berlin 1993, S. 793.

[3] Ebd., S. 792.

[4] Victoria Bonnell, Roots of Rebellion, Berkeley 1983, S. 394.

[5] Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution: Februarrevolution, Essen 2010, S. 133.

[6] Richard Pipes, Die Russische Revolution, Bd. 2: Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992, S. 104.

[7] Harold Shukman (Hrsg.), The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, Oxford 1994, S. 19.

[8] Ebd.

[9] Steve A. Smith, »Petrograd in 1917: The View From Below«, in: Daniel H. Kaiser (Hrsg.), The Workers’ Revolution in Russia, 1917, Cambridge 1987, S. 66 (aus dem Englischen).

[10] Shukman, The Blackwell Encyclopedia of the Russian Revolution, S. 22 (aus dem Englischen).

[11] David Mandel, »October in the Ivanovo-Kineshma industrial region«, in: Edith Frankel, Jonathan Frankel und Baruch Knei-paz (Hrsg.), Revolution in Russia: Reassessments of 1917, Cambridge 1992, S. 160 (aus dem Englischen).

[12] Tim McDaniel, Autocracy, Capitalism and Revolution in Russia, Berkeley 1988, S. 355 (aus dem Englischen).

[13] Steve A. Smith, »Petrograd in 1917: The View From Below«, in: Daniel H. Kaiser (Hrsg.), The Workers’ Revolution in Russia, 1917, Cambridge 1987, S. 73f. (aus dem Englischen).

[14] Bestätigt wurde diese Erkenntnis durch die herausragende Forschung von Alexander Rabinowitch, emeritierter Professor an der University of Indiana. Im Vorwort zu »Die Sowjetmacht. Das erste Jahr«, dem letzten Teil seiner monumentalen Trilogie über die Russische Revolution, fasst Rabinowitch die Schlussfolgerungen aus den beiden vorherigen Bänden zusammen:

The Bolsheviks come to Power und Prelude to Revolution widersprachen gängigen Vorstellungen von der Oktoberrevolution, sah man doch im Westen die Oktoberrevolution gemeinhin als eine Art Militärputsch, den eine kleine, verschworene Bande revolutionärer Fanatiker unter der genialen Führung Lenins angezettelt hatte. Demgegenüber ergaben meine Nachforschungen, dass die bolschewistische Partei in Petrograd 1917 zu einer Massenpartei herangewachsen war und keineswegs eine monolithische Bewegung darstellte, die sich im Gleichschritt hinter Lenin eingereiht hätte. Ihre Führung bestand vielmehr aus einem linken, einem zentristischen und einem gemäßigten Flügel, die alle dazu beitrugen, eine revolutionäre Strategie und Taktik zu entwickeln. Weiter zeigte sich, dass der Erfolg, der der Partei nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 im Kampf um die Macht beschieden war, folgenden ausschlaggebenden Faktoren zuzuschreiben war: der organisatorischen Flexibilität der Partei, ihrer Offenheit und Aufgeschlossenheit für die Anliegen der Bevölkerung sowie ihren engen und sorgsam gepflegten Verbindungen zu Fabrikarbeitern, Soldaten der Petrograder Garnison und den Matrosen der Baltischen Flotte. (Essen 2010, S. x)

Professor Rabinowitchs Schlussfolgerungen haben nicht nur deshalb Gewicht, weil er sich im Verlauf von fünfzig Jahren einen herausragenden Ruf als Historiker erarbeitet hat. Rabinowitch wuchs, wie er selbst schildert, in einer russischen Emigrantenfamilie auf, die starke Sympathien für die Menschewiki hegte. Zu Beginn seiner Forschungen über die Russische Revolution ging er fest davon aus, dass die Bolschewiki die Macht ohne die Unterstützung der Massen erobert hatten. Doch die Beweise, auf die er in den Archiven von Leningrad-St. Petersburg stieß, veranlassten ihn, seine Auffassungen zu revidieren. Das Werk von Professor Rabinowitch zeichnet sich durch eine wissenschaftliche Integrität und Wahrheitsliebe aus, an der sich künftige Forschergenerationen ein Beispiel nehmen sollten.

[15] Steve A. Smith, »Petrograd in 1917: The View From Below«, in: Daniel H. Kaiser (Hrsg.), The Workers’ Revolution in Russia, 1917, Cambridge 1987, S. 76 (aus dem Englischen).

[16] Edmund Wilson, Auf dem Weg zum Finnischen Bahnhof: Über Geschichte und Geschichtsschreibung, Frankfurt a.M. 1974, S. 409

2.

Gab es eine Alternative zum Stalinismus?[1]

Gestatten Sie mir, als Erstes dem Institut für Russland- und Osteuropastudien für die Einladung zu einem Vortrag hier an der Universität Glasgow zu danken. Ich bin von Berufs wegen nicht Historiker; aber das Studium der Geschichte ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Vierten Internationale. In der Tat wurde innerhalb der Vierten Internationale nie strikt zwischen Geschichte und Politik unterschieden. Dies hat den Trotzkisten von allen Seiten Kritik eingebracht. Unseren politischen Gegnern ist zuwider, dass wir in die Diskussion über die aktuelle Politik gern historische Fragen einbringen; professionelle Historiker wiederum missbilligen unsere Aussagen über die Russische Revolution und ihre Folgezeit oft als bloße Politik.

An unsere politischen Gegner ist meines Erachtens keine Annäherung möglich. Unsere Differenzen über unzählige programmatische Fragen widerspiegeln allgemein gesprochen grundverschiedene Auffassungen über die Beziehung zwischen den historischen Problemen der internationalen Arbeiterbewegung und den Problemen und Aufgaben der sozialistischen Bewegung heute. Doch besteht, denke ich, gegenwärtig die dringende Notwendigkeit eines neuerlichen Dialogs und, soweit möglich, eines aktiven geistigen Bündnisses zwischen den Marxisten, die ihre politische Herkunft auf die Oktoberrevolution zurückführen, und ernsthaften Historikern, die sich unabhängig von ihren persönlichen politischen Ansichten einem wissenschaftlichen Studium der russischen und sowjetischen Geschichte verpflichtet fühlen.

Dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte eine Flut pseudo-historischer Literatur, die nachzuweisen sucht, dass die Oktoberrevolution und die Sowjetunion das Ergebnis einer verbrecherischen Verschwörung gewesen seien, mittels derer einer arglosen Bevölkerung ein fremdartiges, nicht praktikables Dogma aufgezwungen worden sei. Diese tendenziösen – in den bewundernden Besprechungen der etablierten Presse für gewöhnlich als meisterhaft bezeichneten – Arbeiten sind zumeist Produkte zweier eng verwandter ideologischer Schulen. Die erste ist jene der alten Antikommunisten des Kalten Krieges; sie wird von Leuten wie Richard Pipes von der Harvard University und Martin Malia von der University of California vertreten. Die zweite ist jene der gewendeten Stalinisten, d.h. einstigen Anhänger und sogar hochrangigen Funktionäre des alten Sowjetregimes, die vor Kurzem, als es sich auszuzahlen begann, entdeckten, dass sie im Grunde Opfer des Bolschewismus waren. Der berüchtigtste Vertreter dieser Schule ist General Dimitri Wolkogonow.

In seiner jüngst erschienenen Lenin-Biographie widmet Wolkogonow der Auflösung der Konstituierenden Versammlung mehrere Seiten. Diese Maßnahme vom Januar 1918 führt der General als eines der schlagendsten Beispiele für den verbrecherischen Charakter der Bolschewiki an. Mit der Schließung der Konstituierenden Versammlung, schreibt Wolkogonow, »hat sich Lenin als neuer Intellektueller marxistischer Prägung entpuppt, als utopischer Fanatiker, der sich zu jedem Experiment berechtigt fühlte, solange es dem Machterhalt diente«.[2]

Wie immer man das angesprochene Ereignis auch interpretieren mag, immerhin ist bei der Auflösung der Konstituierenden Versammlung niemand ums Leben gekommen. Aber nicht lange, nachdem er dieses vernichtende Urteil über Lenins Moral gefällt hatte, leitete Wolkogonow im Oktober 1993 in seiner Funktion als oberster Militärberater von Präsident Jelzin die Bombardierung des russischen Parlamentsgebäudes, des Weißen Hauses, die zum Tode von mehr als 1000 Menschen führte. Offenbar ist Wolkogonow ungeachtet seiner Vorwürfe gegen Lenin fest von seinem eigenen Recht auf Experimente überzeugt, solange die Macht, in deren Dienst sie stattfinden, den richtigen Klasseninteressen dient.

Die postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung

Pipes, Malia und Wolkogonow vertreten verschiedene Strömungen eines Phänomens, das man am besten als eine neue, postsowjetische Schule der Geschichtsfälschung bezeichnet. Ihre Widerlegung ist eine dringende Aufgabe aller seriösen Forscher. Denn dieser Schule geht es nicht nur darum, die Russische Revolution zu diskreditieren, sondern auch ein von ideologischem Kleinmut geprägtes Klima zu erzeugen, in dem eine wahrhaft wissenschaftliche Untersuchung der komplexen ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Prozesse, die in ihrer Gesamtheit zusammenwirkend den Verlauf der Russischen Revolution bestimmten, gezielt verhindert wird. Dieser Vorstoß hat weitreichende Implikationen. In letzter Analyse richtet sich diese Schule der Geschichtsfälschung gegen das gesamte Vermächtnis des Jahrhunderte umfassenden fortschrittlichen und revolutionären Denkens und Kämpfens, aus dem der Marxismus hervorging.

Sollte man mir Übertreibung vorwerfen, so gestatten Sie mir den Hinweis auf eine Rede von Professor Alexander Tschudinow, seines Zeichens Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, auf dem 18. Internationalen Kongress der Historischen Wissenschaften, der Ende August, Anfang September 1995 in Montreal tagte. Tschudinow zitierte die Heiligen Matthäus und Augustin, um dann erbittert all jene ungezählten Vertreter des utopischen Denkens zu verdammen, die nach wie vor an der Möglichkeit einer weltlichen Lösung für die Leiden der Menschheit festhielten. »Nur Gott«, donnerte Tschudinow, »kann die Übel und Mängel dieses Lebens beseitigen, aber Er wird es erst am Ende der Welt tun.« Ja, dies wurde tatsächlich auf einem Internationalen Kongress der Historischen Wissenschaften geäußert. »Das Christentum«, verkündete Tschudinow, »erlöste die Menschen von der Illusion, es sei möglich, alle sozialen Übel zu heilen und eine Regierung ohne Fehl und Tadel zu schaffen.«

Tschudinow beklagte die »Entchristianisierung des sozialen und politischen Denkens im Zeitalter der Renaissance, das die utopische Tradition der antiken Philosophie wiederbelebte«. Wütend hieb er auf More und Campanella ein, bevor er zur Aufklärung kam, in der Rousseau, Mably, Diderot und, um mit Tschudinow zu sprechen, »viele Andere, weniger bekannte« eine Menge Unheil anrichteten. Das Teufelswerk der Rationalisten brachte erst Robespierre hervor, dann Marx und natürlich Lenin. Schließlich gelangte Tschudinow zu seiner Schlussfolgerung:

Am Ende bleibt festzuhalten, dass die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts das Ergebnis der Entchristianisierung des öffentlichen Bewusstseins in vorangegangenen Epochen waren.[3]

All dies wurde in Anwesenheit Dutzender Professoren gesagt. Viele von ihnen wanden sich vor Verlegenheit, und sie hatten allen Grund dazu. Der geeignete Rahmen für die Ergüsse des Rasputins Tschudinow wäre kein Kongress der Historischen Wissenschaften, sondern eine Synode der Russisch-Orthodoxen Metropoliten gewesen. Es widerspiegelt den erschreckenden Niedergang des geistigen Niveaus, dass vom Podium einer wissenschaftlichen Konferenz solch theologischer Unfug verbreitet werden durfte, und dass, schlimmer noch, kein einziger Historiker das Wort ergriff, um Tschudinow zu widersprechen.

Die Analyse der alten, antikommunistischen Kalten Krieger und der gewendeten Stalinisten birgt einen nicht erklärten Widerspruch. Auf der einen Seite schreiben sie dem Marxismus einen rigiden Determinismus zu. Dieser theoretischen Quelle sei der Versuch der Bolschewiki entsprungen, der russischen Gesellschaft eine nicht praktikable, gegen den Markt gerichtete Utopie aufzuzwingen. Aber dann nehmen diese erbitterten Gegner des »Determinismus« selbst zu einer extremen Form des Determinismus Zuflucht: Sie interpretieren die sowjetische Geschichte nach 1917 als unausweichliches Ergebnis der bolschewistischen Ideologie: Jede Episode der sowjetischen Geschichte habe sich zwangsläufig aus der Oktoberrevolution ergeben. Nachdem der Zug der Geschichte Lenin im April 1917 am Finnländischen Bahnhof abgesetzt habe, sei er, gesteuert von skrupellosen Marxisten, auf einem Einbahngleis direkt in das Debakel von 1991 gerollt, mit vorprogrammiertem Halt an der Lubjanka und auf dem Archipel ­Gulag.

Stalins Angst vor Trotzki

Die unbestreitbare Tatsache, dass diese Interpretation weithin akzeptiert wird, schlägt sich sogar im Titel dieses Vortrags nieder: »Gab es eine Alternative zum Stalinismus?« Diese Fragestellung scheint anzudeuten, dass nur eine spekulative Antwort möglich sei. Dem ist jedoch nicht so. Das Studium der Geschichte der Sowjetunion zeigt, dass es eine Alternative zum Stalinismus gab. Das Wachstum der Bürokratie und ihre Usurpation der politischen Macht stießen innerhalb der bolschewistischen Partei auf bewussten, systematischen Widerstand. Die bedeutendste Opposition war jene, die sich 1923 unter der Führung Leo Trotzkis formierte. Eine Antwort auf die Frage »Gab es eine Alternative zum Stalinismus?« lautet, dass Stalin und die Sowjetbürokratie jedenfalls fest davon überzeugt waren. Trotzki und die Linke Opposition wurden einer ebenso brutalen wie unablässigen Unterdrückung ausgesetzt. Stalin wusste, wie zweifelhaft sein Anspruch auf die Kontinuität des Bolschewismus war, und hielt daher Trotzki für die gefährlichste politische Opposition gegen seine Herrschaft.

Eine anschauliche Darstellung der Furcht Stalins vor Trotzki findet man ausgerechnet in der Biographie des sowjetischen Diktators von Dimitri Wolkogonow, die 1987 erschienen ist. Gestützt auf Unterlagen, die er in Stalins persönlicher Bibliothek fand, zeichnet Wolkogonow das Bild eines allmächtigen Diktators, der in Angst vor einem isolierten, staatenlosen Exilanten lebte. Er berichtet, dass Stalin alles, was von oder über Trotzki geschrieben wurde, in einem Spezialschrank seines Arbeitszimmers aufbewahrte. Stalins Exemplare dieser Schriften waren über und über mit Unterstreichungen und giftigen Randbemerkungen versehen.

Bei diesem Dämon handelte es sich selbstredend um Trotzki. Stalin hasste ihn noch mehr als zu jener Zeit, als er sich in seiner Nähe befand. Er verfluchte den Augenblick, da er in den Vorschlag einwilligte, ihn aus dem Lande auszuweisen. Er wollte sich nicht einmal eingestehen, dass er sich damals vor Trotzki gefürchtet hatte. Doch auch jetzt hatte Stalin Angst vor diesem Dämon. Und das Gefühl, des »Problems« Leib Dawidowitsch (wie er früher Trotzki in Gedanken genannt hatte) nicht Herr zu werden, brachte seinen Zorn auf den Siedepunkt.[4]

Wolkogonow fährt fort:

Der Hauptgrund indes, weshalb der Dämon Trotzki Stalin unablässig Angst einjagte, bestand in etwas anderem: Jener hatte seine eigene politische Organisation, die IV. Internationale, aufgebaut … Der ewige Dämon rächte sich für die Niederlage derart schmerzlich, wie es Stalin selbst nie hätte einfallen können …

Besonders bedrückten und schmerzten Stalin Trotzkis Worte, dass er nicht nur in seinem eigenen Namen spreche, sondern auch im Namen seiner stummen Parteigänger sowie aller mundtot gemachten Oppositionellen in der UdSSR. Bei der Lektüre der übersetzten Trotzki-Arbeiten »Die Stalinsche Fälscherschule«, »Offener Brief an die Mitglieder der bolschewistischen Partei« und »Der Stalinsche Thermidor« verlor der »Führer« fast seine Beherrschung.

… Trotzkis Werke erschienen in vielen Ländern. Stalins Bild in der Weltöffentlichkeit wurde nicht so sehr durch Feuchtwangers und Barbusses Bücher geprägt als vielmehr durch Trotzkis Schriften.[5]

Wolkogonow sympathisiert natürlich nicht im Geringsten mit Trotzki oder seinen politischen Ideen. Der bloße Gedanke, dass man Trotzki als Alternative zu Stalin ansehen könnte, ist Wolkogonow ein Gräuel. Er ist bemüht, Trotzkis Handeln und Schriften in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Umso bezeichnender ist seine Schilderung von Stalins Fixierung auf die Aktivitäten seines verbannten Gegners. Auf seine Weise, wenn auch ungewollt, unterstreicht er damit das eklatante Manko der zahlreichen Werke über die sowjetische Geschichte, in denen Trotzki und die Linke Opposition nur am Rande gestreift werden.

Die Frage nach Leo Trotzki als Führer der Oktoberrevolution und wichtigstem marxistischen Gegner des stalinistischen Regimes steht unausgesprochen hinter jeder Diskussion über die sowjetische Geschichte. Seine Persönlichkeit und seine politische Rolle sind bis heute mit einem starken Tabu belegt. Der Umgang mit Trotzki bereitete sowohl den Stalinisten als auch den antimarxistischen bürgerlichen Historikern seit jeher große Schwierigkeiten. Innerhalb der Sowjetunion konnte das Regime selbst nach dem Tode Stalins und den Enthüllungen Chruschtschows keine ehrliche Bilanz von Trotzkis Aktivitäten und Ideen zulassen. Von allen bolschewistischen Führern, die Stalin ermorden ließ, hat die Sowjetregierung allein Trotzki niemals offiziell rehabilitiert. Noch im November 1987, zur Blütezeit von Glasnost, als Gorbatschow aus Anlass des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution einen lang erwarteten Rückblick auf die sowjetische Geschichte vortrug, verurteilte der Regierungschef der UdSSR Trotzki kategorisch, während er Stalins Beitrag zur Sache des Sozialismus mit ein paar freundlichen Worten bedachte.

Es ist nicht schwer zu begreifen, weshalb die historische Rolle Trotzkis der Sowjetbürokratie solche Probleme bereitete. Sein Lebenswerk ist ein vernichtendes Urteil über die gesamte stalinistische Herrschaft, das er im Titel seines politischen Meisterwerks, »Verratene Revolution«, zusammengefasst hat.

Im Gegensatz zu den Auffassungen antimarxistischer Historiker widerspricht der Kampf Trotzkis gegen Stalin implizit der These, dass das totalitäre Regime ein notwendiger, authentischer Ausdruck des Bolschewismus gewesen sei. Wenn die antimarxistischen Historiker Trotzki nicht ignorieren konnten, bemühten sie sich nach Kräften, die Bedeutung seines politischen Kampfes gegen den Stalinismus herabzumindern. Einer der bekannteren antimarxistischen Historiker ist noch weiter gegangen. Ich beziehe mich auf das einflussreiche dreibändige Werk von Professor Leszek Kolakowski: »Die Hauptströmungen des Marxismus«.

Kolakowski schreibt:

Viele Autoren, die sich über diese Themen geäußert haben (darunter der Verfasser), sind der Ansicht, dass das unter der Herrschaft Stalins entstandene sowjetische System eine Fortsetzung des Leninismus war und dass der Staat, für den Lenin die politischen und ideologischen Fundamente legte, nicht anders als in der stalinistischen Form aufrechtzuerhalten war.[6]

Wenn der Stalinismus tatsächlich die legitime und notwendige Apotheose der von Lenin gelegten »politischen und ideologischen Fundamente« war, wie soll man dann den Kampf Trotzkis und der Linken Opposition erklären? In Voraussicht dieser Frage bietet Kolakowski folgende Erklärung:

Für die Trotzkisten – und natürlich für Trotzki selbst – war der Ausschluss Trotzkis von der Herrschaft ein entscheidender Moment der Geschichte. In Wirklichkeit gibt es für eine solche Auffassung keinen Grund. Es gibt gute Gründe für die Auffassung, dass es einen »Trotzkismus« nie gegeben hat, sondern dass er ein von Stalin erdachtes Phantom war. Bis zu einem gewissen Grade waren die Streitigkeiten zwischen Stalin und Trotzki real, doch wurden sie infolge des persönlichen Kampfes um die Macht phantastisch aufgebläht, und sie waren nie eine Konfrontation zwischen zwei geschlossenen Theorien … In Wirklichkeit ging es durchaus nicht um prinzipielle politische oder gar theoretische Gegensätze.[7]

Mit diesen Behauptungen bezeugt Kolakowski die geistige Armseligkeit und zynische Gleichgültigkeit gegenüber historischen Tatsachen, die der Behauptung, es habe keine Alternative zum Stalinismus gegeben, zugrunde liegen. Welche Glaubwürdigkeit kann eine These beanspruchen, die auf einer unglaubwürdigen Annahme basiert: dass der erbitterte Kampf, der in den 1920er und 1930er Jahren die bolschewistische Partei und die internationale kommunistische Bewegung spaltete, im Wesentlichen nichts zu bedeuten hatte. Die von Stalin angeordneten Massenmorde, die Vernichtung all jener, die in der sowjetischen Gesellschaft aufgrund ihres politischen Werdegangs oder ihrer geistigen Interessen auch nur der entferntesten Verbindung zum Trotzkismus verdächtigt wurden – all dies geschah angeblich, obwohl der sowjetische Diktator keine grundsätzlichen politischen oder theoretischen Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki hegte. Gleichzeitig verlangt man von uns, zu glauben, dass Trotzki Tausende von Artikeln gegen das Sowjetregime schrieb und unermüdlich am Aufbau einer internationalen Bewegung arbeitete, die dessen Sturz anstrebte, nur um seine Übereinstimmung mit Stalins Politik zu verbergen!

War der Stalinismus unvermeidlich?

Ausgehend von ihrer ideologisch motivierten Schlussfolgerung – dass die Herrschaft des stalinistischen Totalitarismus das vorherbestimmte Ergebnis von Theorie und Politik der Bolschewiki gewesen sei – ignorieren die Vertreter der postsowjetischen Schule der Fälschung die historischen Tatsachen, die eine andere Sprache sprechen, und bewegen sich damit fachlich auf einem beklagenswert niedrigen Niveau. Und doch wirkt ihr grundlegendes Argument zum Teil noch verführerisch, sogar auf viele Studenten, die den ideologischen Vorurteilen der postsowjetischen Schule der Fälschung durchaus nicht zuneigen. Doch wie soll man den Übergang von Lenin zu Stalin erklären? War es nicht so, dass sich die bolschewistische Regierung nur wenige Jahre nach der Macht­eroberung in eine brutale Diktatur verwandelte? Ist es nicht vernünftig, die Saat dieser Umwandlung in der bolschewistischen Partei und insbesondere in deren Ideologie zu suchen?

Dieses Argument ist nicht neu. Schon in den 1930er Jahren, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, als seine alten Genossen hingeschlachtet wurden und er selbst von Mördern der GPU verfolgt wurde, sah sich Trotzki wiederholt der Anschuldigung ausgesetzt, dass er als Führer der Oktoberrevolution für die Gräueltaten des Sowjetregimes mitverantwortlich sei.

Er beantwortete diese Vorwürfe, indem er auf den grundlegenden Fehler in der historischen Methodik seiner Kritiker hinwies. Indem sie die Quelle des Stalinismus in der Ideologie des Bolschewismus suchten – d.h., indem sie den Begriff der Erbsünde auf das Studium der Sowjetpolitik anwandten –, behandelten die Antimarxisten den Bolschewismus, als habe er sich unter sterilen Laborbedingungen entwickelt. Sie übersahen, dass die bolschewistische Partei trotz all ihrer Dynamik nur ein Element in dem großen gesellschaftlichen Panorama der Russischen Revolution war. Zwar stellte sie zweifellos den entscheidenden politischen Faktor in der Russischen Revolution dar, hatte diese aber nicht aus dem Nichts geschaffen. Und selbst nachdem sie die Staatsmacht erobert hatte, wurde die bolschewistische Partei nicht kraft dieser Tat zum alleinigen Herrn über die gesellschaftliche Realität. Ihre Macht wurde von zahllosen ererbten historischen Faktoren begrenzt, von dem komplexen Zusammenwirken politischer und ökonomischer Faktoren auf internationaler Ebene ganz zu schweigen.

Die Partei übte nicht nur Einfluss auf die gesellschaftlichen Bedingungen aus, sondern unterlag nach der Machteroberung auch deren Einfluss. Die bolschewistische Partei konnte per Dekret das Privateigentum an den Produktionsmitteln beseitigen, aber sie konnte nicht tausend Jahre russischer Geschichte aus der Welt schaffen. Sie konnte nicht all die verschiedenen Formen gesellschaftlicher, ökonomischer, kultureller und politischer Rückständigkeit beseitigen, die in Russland über Jahrhunderte hinweg entstanden war.

Jedes menschliche Wesen trägt auf seiner DNA die Erbinformation, mit der das allgemeine Muster seiner biologischen Entwicklung vorgegeben ist. Aber selbst bei diesem natürlichen Prozess spielt der Einfluss äußerer Bedingungen auf den menschlichen Körper, wie etwa eine durch Industrieanlagen geänderte Atmosphäre, keine geringe Rolle. Und wenn man das Schicksal jedes Menschen unter dem Aspekt seiner Existenz als gesellschaftliches Wesen betrachtet, erkennt man, dass die historischen Umstände, unter denen er lebt, auch seine körperliche Entwicklung maßgeblich prägen können.

Wenn schon Anthropologen den entscheidenden Einfluss äußerer, gesellschaftlich bedingter Faktoren auf die Entwicklung von Individuen nicht ignorieren können, sollten auch Historiker bei einem so komplexen politischen Phänomen wie der bolschewistischen Partei nicht davon ausgehen, dass ihre Entwicklung von einem Code gesteuert wurde, der sich unsichtbar in ihrem theoretischen Gesamtkonzept verbarg.

Wenn wir die ideologischen Metaphysiker der postsowjetischen Schule der Fälschung zurückweisen, müssen wir deshalb die bolschewistische Partei nicht für unfehlbar erklären oder bestreiten, dass politische Fehler Lenins und Trotzkis nach der Oktoberrevolution – etwa das Verbot innerparteilicher Fraktionen auf dem 10. Parteitag 1921 – in der einen oder anderen Weise zum Anwachsen der Bürokratie und zur schließlichen Festigung der stalinistischen Diktatur beitrugen. Man könnte sogar schlussfolgern, dass es in den organisatorischen Auffassungen und Formen des Bolschewismus Elemente gab, die Stalin unter bestimmten Bedingungen ausnutzen konnte, um eine diktatorische Herrschaft zu errichten. Aber dies galt eben, und das ist entscheidend, unter bestimmten Bedingungen. Der Bolschewismus barg gegensätzliche Tendenzen in sich. Aber deren Entfaltung kann man nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der ökonomischen und gesellschaftlichen Widersprüche der sowjetischen Gesellschaft als Ganzer verstehen.

Selbst wenn man die Rollen der Schlüsselfiguren untersucht, muss man von der Vorrangigkeit objektiver Bedingungen und Umstände ausgehen.

Stalins politische Entwicklung

Vor einigen Jahren diskutierte ich in Moskau mit Iwan Wratschow, einem der wenigen, der in den 1920er Jahren Mitglied der Linken Opposition gewesen war – er hatte die oppositionelle »Erklärung der 84« mitunterzeichnet – und die Stalinzeit überlebt hatte. Er hatte Trotzki und die meisten anderen Führer der bolschewistischen Partei, einschließlich Stalin, sehr gut gekannt. Ich fragte Wratschow, ob Stalin irgendetwas an sich hatte, woran er hätte merken können, dass dieser Mann es fertigbringen werde, die Hinrichtung von Genossen anzuordnen, mit denen er viele Jahre lang eng zusammengearbeitet hatte.

Wratschow antwortete, dass er sich diese Frage selbst schon oft gestellt habe, sich aber an nichts erinnern könne, das ihm Anlass gegeben hätte, Stalin solche Verbrechen zuzutrauen. Wratschow erzählte dann folgende Begebenheit: Im Jahr 1922 sollte er mit einem wichtigen Auftrag von Moskau in die Provinz reisen. Er litt damals an Schmerzen in der Seite, bat aber dennoch nicht um einen Aufschub. Vor seiner Abfahrt musste sich Wratschow mit Stalin treffen, da dieser für die Parteiorganisation zuständig war. Er ging in den Kreml, wo er die bevorstehende Reise im Einzelnen mit Stalin besprach.

Während der Diskussion bemerkte Stalin plötzlich, dass sich Wratschow nicht wohl fühlte. Stalin war sehr beunruhigt, und sein gesamtes Verhalten schien aufrichtige Sorge auszudrücken. Er sagte Wratschow, dass er seine Gesundheit nicht derart aufs Spiel setzen dürfe, wies ihn an, seine Abreise zu verschieben, und griff persönlich zum Telefon, um für Wratschow einen Untersuchungstermin bei den besten Ärzten des Kremls zu vereinbaren. Es stellte sich heraus, dass Wratschow operiert werden musste. Als sich Wratschow an diesen Vorfall erinnerte, räumte er ein, dass Stalin möglicherweise nur Anhänger für seinen Apparat werben wollte. Sein damaliger Eindruck war jedoch, dass Stalin immer noch zu Mitgefühl und aufrichtigen menschlichen Empfindungen fähig war.

Stalin verübte ungeheure Verbrechen. Man muss annehmen, dass in seiner Persönlichkeit psychologische Anlagen schlummerten, die ihn zum Massenmord befähigten. Aber selbst im Falle Stalins kamen diese krankhaften und verbrecherischen Neigungen erst durch eine bestimmte Konstellation objektiver Umstände an die Oberfläche und nahmen ihre besonders groteske Form an. In diesem Zusammenhang ist eine Überlegung interessant, die Trotzki in den späten 1930er Jahren anstellte. Hätte Stalin, schrieb Trotzki, den Ausgang seines Kampfes mit der Linken Opposition vorausgesehen, so hätte er ihn nicht aufgenommen, selbst wenn er vorher gewusst hätte, dass er die absolute Macht erringen würde.

Ironischerweise bestand eine von Stalins politischen Vorteilen im Kampf gegen seine Gegner darin, dass er so wenig vorhersah. In seinem selbstgefälligen Pragmatismus ließ sich Stalin nicht von jenen prinzipiellen, auf einer ernsthaften theoretischen Analyse basierenden Erwägungen anfechten, die in den von Trotzki aufgezeigten politischen Alternativen eine ausschlaggebende Rolle spielten. Die eindringlichen Warnungen der Opposition, dass seine Innen- und Außenpolitik zu einer Katastrophe führen werde, schlug Stalin als Panikmache in den Wind. In einem jüngst veröffentlichten Brief Stalins an Molotow mit Datum vom 15. Juni 1926 finden wir einen Absatz, der viel über Stalin aussagt: »Die wirtschaftlichen Dinge schrecken mich nicht«, schrieb er, »Rykow wird damit fertig werden. Von den wirtschaftlichen Fragen profitieren die Oppositionellen überhaupt nicht.«[8]

So lautete Stalins ganz private Einschätzung der Gesamtbedeutung einer Frage, von der das Schicksal der Sowjetunion abhing. Mit ihr ließen sich »absolut keine Punkte« erzielen. Stalin konnte sich nicht vorstellen, dass die sich anhäufenden Widersprüche der Sowjetwirtschaft unter der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) schließlich auf ihn zurückschlagen und ihn wenige Jahre später zu der verzweifelten, rabiaten und mörderischen Politik der Massenkollektivierung treiben würden.

Der internationale Kontext der Oktoberrevolution

Im Zentrum von Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution und auch der »Aprilthesen« Lenins stand die unlösbare Verbindung zwischen den Kämpfen der russischen Arbeiterklasse und dem internationalen, insbesondere dem europäischen Proletariat. Weder Lenin noch Trotzki sahen die Oktoberrevolution als vorwiegend nationales Ereignis. Sie verstanden und begründeten den Sturz der Provisorischen Regierung als Beginn einer internationalen, proletarischen Lösung der weltweiten kapitalistischen Widersprüche, die sich im Ersten Weltkrieg geäußert hatten. Diese Perspektive hatte nichts gemeinsam mit dem Ziel, innerhalb der Grenzen des ökonomisch rückständigen Russland ein selbstgenügsames sozialistisches System aufzubauen. Erst im Herbst 1924, mehrere Monate nach Lenins Tod, traten Bucharin und Stalin erstmals mit dem Gedanken hervor, dass der Sozialismus auf nationaler Grundlage, in einem Land, verwirklicht werden könne.

Vor dieser Zeit galt es als eine axiomatische Voraussetzung des Marxismus, dass das Überleben der bolschewistischen Regierung, vom Aufbau einer sozialistischen Wirtschaft ganz zu schweigen, vom Sieg sozialistischer Revolutionen in Westeuropa abhing. Man glaubte von ganzem Herzen, dass die Machteroberung der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern Sowjetrussland die politischen, finanziellen, industriellen und technologischen Mittel verschaffen würde, die es zum Überleben brauchte.

Man könnte natürlich – wie damals die Menschewiki und ihre Verbündeten unter den europäischen Sozialdemokraten – argumentieren, dass die Bolschewiki verrückt waren, ihren Kampf um die Macht auf derart weitreichende, internationale revolutionäre Berechnungen zu begründen. Doch dann sollte man wissen, dass Rosa Luxemburg, die sich Lenin gegenüber alles andere als unkritisch verhielt, gerade diesen Aspekt des Bolschewismus uneingeschränkt bewunderte. Sie schrieb 1918:

Die Revolution Russlands war in ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereignissen abhängig. Dass die Bolschewiki ihre Politik gänzlich auf die Weltrevolution des Proletariats stellten, ist gerade das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grundsätzlichen Treue, des kühnen Wurfs ihrer Politik.[9]

Luxemburg beurteilte die Aussichten der bolschewistischen Herrschaft nicht optimistisch. Auch stimmte sie mit vielen Elementen der bolschewistischen Politik nach der Machteroberung nicht überein. Aber es lag ihr völlig fern, zu behaupten, dass die Bolschewiki die Macht nicht hätten erobern sollen oder dass ihre politischen Irrtümer Ausdruck eines utopischen Fanatismus seien. Selbst als sie die Unterdrückung der Demokratie und den unmäßigen Einsatz von Terror kritisierte, galt Luxemburgs moralische Missbilligung nicht den Bolschewiki, sondern den deutschen Sozialdemokraten, die mit ihrem Verrat an ihren revolutionären Grundsätzen und mit ihrer Unterstützung für die Kriegspolitik der deutschen Regierung, einschließlich der Besetzung großer Teile Russlands, die Sowjetregierung erst in die damalige verzweifelte Lage gebracht hatten.

Es hieße von Lenin und Genossen Übermenschliches verlangen, wollte man ihnen auch noch zumuten, unter solchen Umständen die schönste Demokratie, die vorbildlichste Diktatur des Proletariats und eine blühende sozialistische Wirtschaft hervorzuzaubern …

… Wir alle stehen unter dem Gesetz der Geschichte, und die sozialistische Politik lässt sich eben nur international durchführen. Die Bolschewiki haben gezeigt, dass sie alles können, was eine echte revolutionäre Partei in den Grenzen der historischen Möglichkeiten zu leisten imstande ist. Sie sollen nicht Wunder wirken wollen. Denn eine mustergültige und fehlerfreie proletarische Revolution in einem isolierten, vom Weltkrieg erschöpften, vom Imperialismus erdrosselten, vom internationalen Proletariat verratenen Lande wäre ein Wunder.[10]

Und sie schloss:

Worauf es ankommt, ist, in der Politik der Bolschewiki das Wesentliche vom Unwesentlichen, den Kern von dem Zufälligen zu unterscheiden. In dieser letzten Periode, in der wir vor entscheidenden Endkämpfen in der ganzen Welt stehen, war und ist das wichtigste Problem des Sozialismus, geradezu die brennende Zeitfrage nicht diese oder jene Detailfrage der Taktik, sondern: die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die revolutionäre Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt. In dieser Beziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich hab’s gewagt![11]

Wie erfrischend klingen diese Worte noch heute, selbst nachdem beinahe achtzig Jahre vergangen sind! Sie bezeugen, dass die bewusstesten Sozialisten jener Zeit sich darüber klar waren, dass die Isolation der Russischen Revolution die größte Gefahr für ihr Überleben darstellte.

Die Niederlagen der europäischen Arbeiterklasse nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere in Deutschland, waren der Hauptgrund für die politische Degeneration der Sowjetherrschaft. Die Isolation Sowjetrusslands änderte das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, das die bolschewistische Machteroberung ermöglicht hatte, von Grund auf. Wir haben es hier nicht mit einem rein theoretischen Problem, sondern mit einer handfesten Realität zu tun. Die wichtigste soziale Basis der Oktoberrevolution war die sehr kleine, aber strategisch positionierte Arbeiterklasse gewesen. Man kann die Krise des Bolschewismus nicht verstehen, ohne die Auswirkungen des Bürgerkriegs auf die Arbeiterklasse zu berücksichtigen.

Die Kosten des Bürgerkriegs

In seinen Schriften über die objektiven Ursachen für die Degeneration der bolschewistischen Partei verwies Trotzki oft auf die körperliche und geistige Erschöpfung der Arbeiterklasse zum Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1921. Jüngst erschienene Studien einer Reihe herausragender Historiker – deren Werke erwartungsgemäß der breiten Öffentlichkeit weitaus weniger bekannt sind – enthalten wichtige Fakten, die ein klares Licht auf das Ausmaß der gesellschaftlichen Katastrophe werfen, vor der die Sowjetregierung stand.

In der wertvollen Studie »Sowjetstaat und -gesellschaft zwischen Revolutionen, 1918–1929« führt Professor Lewis Siegelbaum von der Michigan State University statistische Daten über das Schrumpfen der Industriearbeiterklasse im Verlauf des Bürgerkriegs an. Zur Zeit der Revolution gab es in Fabriken, die mehr als 16 Arbeiter beschäftigten, insgesamt 3,5 Millionen Arbeiter. Diese Zahl fiel im Jahr 1918 auf 2 Millionen und Ende 1920 auf 1,5 Millionen.

Am höchsten waren die Verluste in den großen Industriezentren. Die Zahl der Industriearbeiter in Petrograd betrug 406000 im Januar 1917. Mitte 1920 waren es noch 123000. Zu diesem absoluten Rückgang kam noch die deutliche Verringerung der Größe des Proletariats im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Stadt.

Moskau verlor zwischen 1918 und 1920 etwa 100000 Arbeiter, und während derselben Periode sank die Zahl der Fabrik- und Bergarbeiter im Ural von 340000 auf 155000.

Die großen Industrie- und Fertigungssektoren der sowjetischen Wirtschaft erlitten schwindelerregende Einbußen. Die Textilindustrie verlor 72 Prozent ihrer Arbeitskräfte. Die Maschinenbau- und Metallindustrie verlor 57 Prozent.

Der Rückgang des Proletariats war Bestandteil einer allgemeinen Entvölkerung der Städte. In Petrograd, das 1917 eine Bevölkerung von 2,5 Millionen gehabt hatte, lebten 1920 noch 722000 Menschen – dieselbe Zahl wie ein halbes Jahrhundert zuvor. Die Bevölkerungszahl Moskaus sank zwischen Februar 1917 und Ende 1920 von 2 Millionen auf knapp über 1 Million, also auf etwas weniger als die Größe, die bei der Volkszählung von 1897 ermittelt worden war.

Viele Faktoren, vor allem Krankheiten, trugen zu diesem zerstörerischen Prozess bei. Zehntausende fielen Epidemien von Cholera, Influenza, Typhus und Diphtherie zum Opfer. In Moskau stieg die Todesrate von 23,7 pro Tausend im Jahr 1917 auf 45,4 pro Tausend im Jahr 1920.

Ein weiterer bedeutender Faktor der Entvölkerung und Deindustrialisierung war der dringende Soldatenbedarf der neu geschaffenen Roten Armee, um die imperialistisch gestützten Weißen Armeen zu bekämpfen. Die Mobilisierungen der Roten Armee entzogen den Fabriken zwischen 1918 und 1920 weit über eine halbe Million Arbeiter.

Die Folgen dieser demografischen Katastrophe machten sich nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch bemerkbar. Die Siege der Roten Armee hingen in großem Maße von der Hingabe und Initiative der klassenbewusstesten Teile der Arbeiterklasse ab. Das Ausbluten des Industrieproletariats bedeutete den Verlust gerade jener Arbeiter, die in den revolutionären Kämpfen von 1917 in Fabrikkomitees oder anderen von der Partei geführten Organisationen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Es steht außer Zweifel, dass eine statistisch bedeutsame Anzahl Arbeiter, die zumindest bei den Wahlen zu den Sowjets und dann zur Konstituierenden Versammlung für die Bolschewiki gestimmt hatten, durch die Erfordernisse des Bürgerkriegs den Industriestandorten entzogen wurden.

Die Verluste der Kommunistischen Partei waren dramatisch. Man schätzt, dass von den 500000 Kommunisten, die in der Roten Armee dienten, 200000 im Bürgerkrieg fielen. Die politischen Auswirkungen dieser furchtbaren Todesrate unter den revolutionären Kadern werden besonders deutlich, wenn man bedenkt, wie viele neue Mitglieder in die Kommunistische Partei strömten, insbesondere, nachdem sich die militärische Lage der Sowjetregierung aufgrund bedeutender Siege im Herbst 1919 verbessert hatte. Von August 1919 bis März 1920 wuchs die Mitgliedschaft der Partei von 150000 auf 600000. Diese Neuzugänge waren im Allgemeinen von einem sehr viel geringeren Kaliber als die Verluste.

Zum Ende des Bürgerkriegs hatte sich also die soziale und politische Basis sowohl der Sowjetregierung als auch der regierenden Partei von Grund auf geändert. Die »Diktatur des Proletariats« hatte einen beträchtlichen Teil des Proletariats verloren, auf das sie sich gestützt hatte. Und die »Partei der Avantgarde« hatte einen großen Teil jener eingebüßt, die aufgrund ihrer langen Erfahrung die echte politische Avantgarde der Arbeiterklasse dargestellt hatten. Außerdem hatte sich die tatsächliche soziale Zusammensetzung der bolschewistischen Partei von Grund auf gewandelt. Der Prozentsatz an Mitgliedern, die ihre gesellschaftliche Herkunft als Angestellte im Gegensatz zu Arbeitern angaben, war beträchtlich gestiegen. Siegelbaum macht auf die wachsende Bedeutung dieser »unteren Mittelschicht« bzw. des Kleinbürgertums in Parteiangelegenheiten und Staatsorganisationen aufmerksam.

Es gelang den unteren Mittelschichten also, in der Arbeiter- und Bauernrevolution Fuß zu fassen. Das Ergebnis war, dass die soziale Zusammensetzung des revolutionären Staates heterogener und weniger proletarisch war, als für gewöhnlich angenommen. Welche Auswirkungen diese »fremden Elemente« auf das tagtägliche Funktionieren des Staates hatten, ob sie eine spezifische Psychologie besaßen, die dem ursprünglich revolutionären Projekt selbst fremd war, ist nicht ganz klar.[12]

Nicht nur der Verlust gestählter Arbeiterkader und das Hereinströmen Zehntausender unerfahrener und politisch fragwürdiger Neuzugänge änderten den Charakter der bolschewistischen Partei. Unter den älteren Kadern, die die Jahre der Revolution und des Bürgerkriegs überlebt hatten, forderte der »Fachkräftebedarf der Macht« (ein Ausdruck von Christian Rakowski, einem der engsten politischen Mitstreiter Trotzkis in der Opposition) einen unvorhergesehenen, aber politisch sehr schwerwiegenden Tribut. In einem rückständigen Land, wo ein großer Teil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte und nur wenige über eine Berufsausbildung verfügten, wurden die Parteimitglieder unweigerlich auf Leitungs- und Verwaltungsposten gebracht. Die unzähligen, ständig zunehmenden Staatsinstitutionen und Parteiorganisationen wetteiferten untereinander um den Dienst von Kadern, die über gewisse Leitungs- und Verwaltungsfähigkeiten verfügten. Auf diese Weise geriet ein bedeutsamer Teil der Parteikader in den Strudel des Bürokratisierungsprozesses.

Unter den Bedingungen des wirtschaftlichen Chaos und verzweifelter Armut boten gleichzeitig Stellungen in den Organisationen und Institutionen von Staat und Partei ein zumindest geringes Maß an persönlicher Sicherheit. Die Möglichkeit, wenigstens einmal täglich eine annehmbare Kantinenmahlzeit zu bekommen, stellte ein nicht unerhebliches Privileg dar. Auf allen möglichen kleinen, aber bedeutsamen Wegen formierte sich allmählich eine bürokratische Kaste mit eigenen gesellschaftlichen Interessen.

Die Auswirkungen der NÖP

Die Sowjetregierung führte die Neue Ökonomische Politik (NÖP) im Jahr 1921 ein. Sie förderte die Wiederbelebung eines kapitalistischen Markts, um in Russland wieder Grundlagen für eine organisierte Wirtschaftstätigkeit zu schaffen. Die NÖP war zwar eine notwendige Antwort auf die ruinöse wirtschaftliche Lage des isolierten Sowjetstaats, beschleunigte aber den politischen Degenerationsprozess der Regierungspartei. Da die proletarische Basis von Staat und Partei drastisch geschwächt worden war, musste der Anstoß zum Wachstum kapitalistischer Tendenzen innerhalb Sowjetrusslands, der von der NÖP ausging, unbedingt gefährliche politische Folgen zeitigen.

Die NÖP hauchte mit Sicherheit jenen Teilen der Gesellschaft neues Leben ein, in deren Augen die bolschewistische Revolution die Apokalypse gewesen war. Geschäftsleute und Händler tauchten wieder auf, und bereits 1922 war in Moskau wieder eine Börse in Betrieb. Das gesellschaftliche Klima war nun weit duldsamer gegenüber Ungleichheit, und unter den Parteimitgliedern, insbesondere in den oberen Etagen der Bürokratie, machten sich Stimmungen breit, die einen gewissen moralischen und politischen Niedergang erkennen ließen.

Die NÖP trug zu einer Wiederbelebung eindeutig nationalistischer Einstellungen bei. Die Oktoberrevolution war gewiss ein großes Ereignis in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Aber auch in der Geschichte Russlands führte sie einen Wandel herbei. Die Revolution erweckte Millionen Menschen, Arbeiter und Bauern, die sich aktiv an dem epochalen Projekt des Aufbaus einer neuen Gesellschaft beteiligten. Unzählige Aspekte des Alltagslebens wurden durch den Aufstand verändert. Vielen Parteimitgliedern – insbesondere unter den Neuzugängen aus den unteren Mittelschichten, denen die bolschewistische Regierung neue Möglichkeiten eröffnet hatte – erschien die Oktoberrevolution als Auftakt zu einer großen nationalen Wiedergeburt. Vor dem Hintergrund der Niederlagen der europäischen Arbeiterklasse erschienen diesen Kräften die praktischen Aufgaben des Aufbaus der nationalen sowjetischen Wirtschaft weitaus realistischer als die Vision der sozialistischen Weltrevolution.

Das Niveau des politischen Lebens innerhalb der Partei sank. Von 1920 an häuften sich beunruhigte Äußerungen führender Bolschewiki über die Bürokratisierung des Staatsapparats. Lenin nannte Sowjetrussland sogar einen »Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen«. Aber ungeachtet dieser Besorgnis wurde der Bürokratisierungsprozess von tief verwurzelten objektiven Tendenzen genährt, die mit der Rückständigkeit Russlands zusammenhingen, und die Partei selbst konnte gegen das Eindringen der Bürokratie in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nicht immun bleiben. Da eine politisch aktive Arbeiterklasse als Gegengewicht fehlte, breiteten sich in der Partei rasch Methoden der bürokratischen Leitung und Verwaltung aus. Der deutlichste Ausdruck dieses Prozesses war der wachsende Einfluss Stalins, dessen Hauptaufgabe als Generalsekretär darin bestand, das Personal für wichtige Ämter in Partei und Staat auszuwählen. Mehr und mehr ersetzte die Ernennung von oben, mit der sich Stalin ein Netzwerk von Getreuen schuf, die traditionellen Formen der Parteidemokratie.

Im März 1922, auf dem 11. Parteitag, warnte Lenin, dass die Partei von der Bürokratie in der Staatsverwaltung überwältigt zu werden drohte. Kurz darauf lähmte ihn ein Schlaganfall, so dass er mehrere Monate lang politisch handlungsunfähig war. Als er im Herbst 1922 zur Arbeit zurückkehrte, stellte Lenin entsetzt fest, in welchem Ausmaß sich die innerparteiliche Lage verschlechtert hatte. Er erkannte, dass Stalin die Schlüsselfigur des bürokratischen Degenerationsprozesses war. Aus den Notizen und Dokumenten, die Lenin während der letzten Monate seines politisch aktiven Lebens anfertigte, geht eindeutig hervor, dass er für den 12. Parteitag, der im April 1923 stattfinden sollte, einen Entscheidungskampf mit Stalin vorbereitete. Lenins berühmtes Testament, in dem er die Absetzung Stalins vom Posten des Generalsekretärs fordert, und der Brief Lenins an Stalin, in dem er ihm den Abbruch aller persönlichen Beziehungen androht, waren Bestandteil eines politischen Dossiers, das Lenin dem Parteitag vorzulegen beabsichtigte. Der schwere Schlaganfall, den Lenin im März 1923 erlitt, rettete Stalins politische Karriere.

In den Monaten, die Lenins endgültigem Ausscheiden folgten, wuchs die Opposition gegen die bürokratischen Methoden des »Triumvirats« aus Stalin, Sinowjew und Kamenew. Verstärkt wurden die politischen Spannungen durch wachsende Bedenken über die Folgen der NÖP, die sich insbesondere, wie Trotzki im Frühjahr 1923 ausführte, in dem immer größeren Auseinanderklaffen zwischen Industrie- und Agrarpreisen und in der ständigen Verschlechterung der Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse niederschlugen.

Die Linke Opposition

Als sich abzeichnete, dass Lenin nicht in die Politik zurückkehren würde, wurde Trotzki gedrängt, offen gegen die Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie Stellung zu beziehen. Am 8. Oktober 1923 richtete Trotzki einen Brief an das Zentralkomitee, in dem er auf die ernsten Schwächen der Wirtschaftspolitik aufmerksam machte und auch die Bürokratisierung des Partei­lebens kritisierte. Eine Woche später wurde seine Kritik in einem Rundschreiben unterstützt; 46 bekannte Parteimitglieder unterzeichneten diese »Plattform«. Diese Ereignisse markierten den Beginn des politischen Kampfes der Linken Opposition.

Der Mythos, dass der Stalinismus organisch aus der marxistischen und bolschewistischen Ideologie hervorgegangen sei, wird durch die historischen Tatsachen widerlegt. Zehntausende von Dokumenten, die zumeist Jahrzehnte lang vor der sowjetischen Bevölkerung verborgen wurden, spiegeln die Entwicklung des wirklichen Marxismus in dem erbitterten Kampf gegen die stalinistische Bürokratie wider.

Die Weitsicht der Opposition äußerte sich deutlich in der »Plattform der 46«. Sie warnte: »Die Wirtschaftskrise in Sowjetrussland und die Krise der Fraktionsdiktatur in der Partei werden, falls die entstandene Lage nicht in der nächsten Zukunft grundlegend geändert wird, die Arbeiterdiktatur in Russland und die Russische Kommunistische Partei stark in Mitleidenschaft ziehen. Mit einer derartigen Last auf den Schultern können die Diktatur des Proletariats in Russland und ihr Hegemon, die RKP, den nahenden neuen, die ganze Welt erfassenden Erschütterungen nur mit der Perspektive von Misserfolgen an der gesamten Front des proletarischen Kampfes entgegengehen.«[13]

Die Fragen, die zur Entstehung der Opposition im Jahr 1923 führten, waren die Zunahme des Bürokratismus in der Partei und Differenzen über die Wirtschaftspolitik. Aber erst nach Ausbruch des politischen Kampfes innerhalb der Partei wurden das ganze Ausmaß der programmatischen Differenzen und vor allem die gegensätzlichen gesellschaftlichen Kräfte, auf die sich die kämpfenden Tendenzen stützten, offen sichtbar. Die Kritik Trotzkis und die Plattform der 46 stürzten das Triumvirat zunächst in Verwirrung; und es bot einige unaufrichtige politische Zugeständnisse an. Aber dann besann es sich, ging zum Gegenangriff über und appellierte an die gesellschaftlichen Kräfte, die im Rahmen der NÖP zu einer neuen Stütze des Sowjetregimes geworden waren. Darin bestand die Bedeutung der Theorie vom »Sozialismus in einem Land«, mit der Stalin Ende 1924 aufwartete.

Es ist zweifelhaft, ob Stalin selbst vorausgesehen hat, welches Echo diese grundlegende Revision der historischen Perspektive, auf der die bolschewistische Revolution beruht hatte, hervorrufen würde; oder ob er auch nur verstand, weshalb Trotzki seiner neuen Theorie eine so weitreichende Bedeutung zuschrieb. Aber Stalin muss bereits gespürt haben, dass es innerhalb der Partei, ganz zu schweigen von breiteren Bevölkerungsschichten, eine große Basis gab, die eine solche nationalistische Umformulierung der Parteiperspektive begrüßen würde. Mit der Aussage, dass der Sozialismus in einem Land aufgebaut werden könne, wertete Stalin die Praktiken und die Anschauungen auf, die sich Zehntausende Parteibürokraten zur Gewohnheit gemacht hatten.

Sozialismus in einem Land

Die Theorie vom »Sozialismus in einem Land« gefiel besonders jener anwachsenden bürokratischen Schicht, die immer bewusster ihre eigenen materiellen Interessen mit der Entwicklung der »nationalen« sowjetischen Wirtschaft identifizierte. Aber nicht nur Bürokraten fühlten sich von dieser Perspektive angesprochen. Auch unter breiten Schichten der Arbeiterklasse führte die allgemeine politische Erschöpfung zu einem Rückzug von den internationalen Bestrebungen der Oktoberrevolution. Insbesondere nach dem Debakel, das die Kommunistische Partei Deutschlands im Oktober 1923 erlebte, schien eine nationale Lösung für die Krise der Sowjetgesellschaft der belagerten Revolution neue Aussichten zu eröffnen.

In einem seiner lichteren Momente äußerte Stalin, die Theorie des »Sozialismus in einem Land« erfülle eine wertvolle Funktion, weil sie den sowjetischen Massen die Zuversicht gebe, dass die Oktoberrevolution nicht vergebens gewesen sei. Jene, die bestritten, dass in Russland unabhängig vom Schicksal der internationalen revolutionären Bewegung der Sozialismus aufgebaut werden könne, unterhöhlten den Glauben und die Begeisterung der Arbeiterklasse. Man müsse den Arbeitern die Zuversicht geben, dass sie durch ihre eigenen Bemühungen den Sozialismus erreichen könnten. Auf solche Argumente antwortete Trotzki 1928:

Die Theorie vom Sozialismus in einem Land führt unausweichlich zu einer Unterschätzung der zu bewältigenden Schwierigkeiten und zu einer Übertreibung der erreichten Erfolge. Schwerlich könnte man eine Behauptung finden, die stärker gegen den Sozialismus und gegen die Revolution gerichtet wäre, als Stalins Erklärung, »der Sozialismus ist in der UdSSR bereits zu neun Zehnteln verwirklicht« …

Damit der Arbeiter, Landarbeiter oder arme Bauer, der im elften Jahr der Revolution um sich herum nichts als Armut, Arbeitslosigkeit, lange Brotschlangen, Analphabetentum, verwahrloste Kinder, Trunkenheit und Prostitution sieht, nicht die Hände sinken lässt, braucht man die harte Wahrheit und nicht süßliche Lügen. Anstatt ihnen vorzuschwindeln, der Sozialismus sei bereits zu neun Zehnteln verwirklicht, müssen wir ihnen sagen, dass wir gegenwärtig in unserem wirtschaftlichen Niveau, unseren Lebensbedingungen und unserer Kultur dem Kapitalismus, und überdies einem rückständigen und unkultivierten Kapitalismus, weitaus näher stehen als einer sozialistischen Gesellschaft. Wir müssen ihnen erklären, dass wir nur dann den Weg zu einem wirklichen sozialistischen Aufbau einschlagen können, wenn das Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern die Macht erobert haben wird, und dass wir unermüdlich daran arbeiten müssen, indem wir beide Hebel benutzen – den kurzen Hebel unserer inneren wirtschaftlichen Anstrengungen und den langen Hebel des internationalen Kampfes des Proletariats.[14]

Das Beharren auf der unbedingten Abhängigkeit der Sowjetunion von der Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution und, umgekehrt, die Unmöglichkeit, den Sozialismus in einem einzelnen Land aufzubauen, bildeten die theoretische und programmatische Grundlage des Kampfes, den Trotzki und die Linke Opposition gegen die stalinistische Bürokratie führten. Man kann das Programm der Linken Opposition nicht verstehen, wenn man seine verschiedenen Elemente – wie die Wiederherstellung der Parteidemokratie, die Weiterentwicklung der Planung, die Stärkung der Industrie – von diesem Grundgedanken trennt.

Die meisten Historiker – auch jene, die Trotzki nicht gänzlich ablehnen – neigen dazu, in seinem Festhalten an der Weltrevolution das schwächste Element seines Gesamtprogramms zu sehen. Und daher behandeln selbst die sympathisierenden Historiker seine Opposition gegen den Stalinismus gern als Don Quixoterie. Indem er der Schimäre der Weltrevolution nachjagte, meinen sie, versäumte es Trotzki, seine Opposition gegen den Stalinismus auf festem Grund zu verankern.

Diese Kritik unterschätzt auf schwerwiegende Weise das revolutionäre Potenzial der internationalen Arbeiterbewegung in den 1920er und 1930er Jahren und sieht über die wahrhaft fürchterlichen Auswirkungen des Stalinismus auf die Entwicklung der Weltrevolution hinweg. Die politische Zerstörung der Komintern durch die Stalinisten – d.h. ihre Verwandlung in ein Anhängsel der Sowjetbürokratie – war die Hauptursache für die verheerenden Niederlagen der Arbeiterklasse, vor allem 1926 in Großbritannien, 1927 in China, 1933 in Deutschland und 1936–1937 in Spanien. Diese Niederlagen wiederum hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion.

Weshalb versäumen es selbst gewissenhafte zeitgenössische Historiker, der internationalen revolutionären Strategie Trotzkis und der Linken Opposition die Beachtung zu widmen, die sie verdient? Die Wissenschaftler stehen unter dem schädlichen Einfluss ihrer reaktionären politischen Umgebung und des stagnierenden Geisteslebens. Ihr jugendlicher Optimismus ist verflogen. Die skeptische Haltung, wenn nicht direkte Ablehnung gegenüber der bloßen Möglichkeit einer sozialistischen Revolution ist eine Reaktion auf das erschreckende Absinken des politischen und theoretischen Niveaus der internationalen Arbeiterbewegung. Zeitgenössische Historiker können sich, selbst wenn sie dem Sozialismus aufgeschlossen gegenüberstehen – und aus diesem Grund geneigt waren, die Russische Revolution zu studieren –, nicht vorstellen, dass es wieder eine von Marxisten geführte Arbeitermassenbewegung geben kann, die von revolutionären, internationalistischen Zielen beseelt wird. Ihr heutiger Pessimismus hat einen rückwirkenden Charakter angenommen. Sie projizieren die Hoffnungslosigkeit, mit der sie in die Zukunft blicken, auf ihre Einschätzung früherer Revolutionen.

Dies bringt uns abschließend zur heutigen Bedeutung der Linken Opposition als Gegenstand zeitgenössischer Geschichtsforschung. Sie bildet, davon bin ich überzeugt, eines der vielversprechendsten und wichtigsten Gebiete für ernsthafte Wissenschaftler. Bis vor Kurzem war es nicht möglich, die Linke Opposition systematisch zu studieren. Über diese außergewöhnliche politische Oppositionsbewegung gegen die totalitäre Diktatur weiß man noch vergleichsweise wenig. Diese erschreckende Wissenslücke über einen der wichtigsten politischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts ist ein Vermächtnis des Stalinismus. Im Zuge der Festigung ihrer Macht diskreditierte, kriminalisierte und ermordete die Sowjetbürokratie ihre politischen Gegner. Ergänzt wurde dieser Terror durch Geschichtsfälschungen, deren Ziel darin bestand, aus dem Bewusstsein der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse jede Spur der großen marxistischen Tradition und Kultur, die von Trotzki und der Linken Opposition vertreten wurden, zu tilgen. Nur so konnte die Sowjetbürokratie die falsche Gleichsetzung von Stalinismus und Marxismus herbeiführen.

Heute entstehen die Voraussetzungen dafür, dieses Lügengebäude niederzureißen. Die Öffnung der Archive in Russland markiert – unabhängig von den politischen Umständen, die sie ermöglichten – ein neues Zeitalter der Sowjetstudien, das für die Zukunft des Marxismus von größter wissenschaftlicher und politischer Bedeutung ist.

Langsam, aber sicher werden die Entdeckung, Veröffentlichung und kritische Aufarbeitung der Dokumente und lange verlorenen Manuskripte das öffentliche Bewusstsein über die historische Entwicklung der Russischen Revolution umbilden. Die marxistische Alternative zum Stalinismus, die Trotzki und die Linke Opposition vertraten, wird zunehmende Anerkennung finden. Brillante politische Persönlichkeiten wie Rakowski, Preobraschenski, Pjatakow, Joffe, Sosnowski, Jelzin, Ter-Waganjan, Boguslawski, Wilenski und Woronski, um nur einige der führenden Oppositionellen zu nennen, werden Gegenstand umfangreicher Biographien sein; und natürlich wird auch das Leben Trotzkis – eine der größten politischen und intellektuellen Gestalten des 20. Jahrhunderts – im Lichte neuer, bedeutender Informationen neu untersucht werden. Der Marxismus und die Sache des internationalen Sozialismus können von diesem unerlässlichen wissenschaftlichen Erneuerungsprozess nur profitieren.

Anmerkungen

[1] Vortrag an der Universität Glasgow vom 25. Oktober 1995.

[2] Dmitri Volkogonov, Lenin: A New Biography, New York 1994, S. 178 (aus dem Englischen).

[3] »Utopias in History«, in: Acts/Proceedings, 18th International Congress of Historical Sciences, Montreal 1995, S. 487–489 (aus dem Englischen).

[4] Dmitri Wolkogonow, Triumph und Tragödie: Politisches Porträt des J.W. Stalin, Bd. 1/2, Berlin 1990, S. 152.

[5] Ebd., S. 153f., S. 159.

[6] Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus, Bd. 3, München 1979, S. 12.

[7] Ebd., S. 19 und S. 32.

[8] Lars T. Lih, Oleg Naumow und Oleg Chlewnjuk (Hrsg.), Stalin: Briefe an Molotow 1925–1936, Berlin 1996, S. 126.

[9] Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin (Ost) 1987, S. 334.

[10] Ebd., S. 364f.

[11] Ebd., S. 365.

[12] Lewis Siegelbaum, Soviet State and Society Between Revolutions, 1918–1929, Cambridge 1992, S. 62f. (aus dem Englischen).

[13] »An das Politbüro des Zentralkomitees der RKP (Erklärung der Sechsundvierzig)«, in: Ulf Wolter (Hrsg.), Die Linke Opposition in der Sowjetunion, Bd. 1, Berlin (West) 1976, S. 214f.

[14] Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin: Das Programm der internationalen Revolution und die Ideologie vom Sozialismus in einem Land, 1928, Essen 1993, S. 81f.

3.

Der lange Schatten der Geschichte:
Die Moskauer Prozesse, der amerikanische Liberalismus und die Krise des politischen Denkens in den USA
[1]

Vor etwa einem Monat veröffentlichte die »New York Times« eine Besprechung der neuen, posthum erschienenen Trotzki-Biographie des russischen Historikers General Dimitri Wolkogonow. Verfasser dieser Buchkritik war Richard Pipes, Geschichtsprofessor an der Harvard University. Da ich sowohl Pipes’ als auch Wolkogonows Werke kenne, erwartete ich von vornherein nichts anderes als eine Hetzschrift gegen Leo Trotzki. Denn wenn es der »Times« wirklich um eine kritische Beurteilung von Wolkogonows Buch gegangen wäre, dann hätte sie damit nicht einen Mann beauftragt, dessen akademische Arbeit, wie die vieler Angehöriger der Harvard-Fakultät, lediglich eine Fortsetzung seiner Dienste für die US-Regierung als Stratege und Ideologe des Kalten Krieges war.

Die Besprechung folgte dem erwarteten Muster. Pipes untersuchte Wolkogonows biographischen Verriss Trotzkis nicht als gewissenhafter Historiker, sondern als Zeuge der Anklage. Weniger noch als Wolkogonow konnte er sich bequemen, Trotzkis Leben in seinem geschichtlichen Zusammenhang zu betrachten. Stattdessen macht er Trotzki für alles verantwortlich, was Professor Pipes an dieser Geschichte nicht passt. Ob Wolkogonows – oder auch seine eigenen – Urteile auf Tatsachen beruhen, kümmert Pipes nicht. Anstatt auf die zahlreichen plumpen Fehler in Wolkogonows Biographie hinzuweisen, fügt ihnen Pipes noch ein gerüttelt Maß eigener hinzu, die direkt der alten stalinistischen Schule der Geschichtsfälschung entstammen.

Zum Beispiel schildert Pipes Trotzki als »außergewöhnlich eitel, arrogant, oftmals grob …«. Diese gehässige Karikatur auf Trotzkis Persönlichkeit war mehr als sechzig Jahre lang der Standard sowjetischer Lehrbücher. Pipes wirft Trotzki vor, er sei nicht fähig gewesen »zu der disziplinierten Teamarbeit, wie sie die bolschewistische Partei ihren Mitgliedern abverlangte«.[2] Trotzkis unbeugsame Opposition gegen die vom Stalinismus erzwungene bürokratische Disziplin wird hier auf ein schwerwiegendes persönliches und politisches Gebrechen zurückgeführt.

In derselben Besprechung – verblüffend, wie viele Lügen in einen Artikel von weniger als tausend Wörtern passen – behauptet Pipes, Lenin habe »eine sehr schlechte Meinung« von Trotzkis politischen und administrativen Fähigkeiten gehegt.[3] Diese falsche Aussage deckt sich vollständig mit der Geschichtsversion, die während Stalins totalitärer Diktatur in der Sowjetunion zurechtgeschneidert worden war. Die Widerlegung dieser Lüge findet sich in Lenins politischem Testament vom Dezember 1922, in dem er schrieb, dass Trotzki sich »nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten [auszeichnet]. Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK [Zentralkomitee] …«[4]

Schließlich bezeichnet Pipes Stalin als »Lenins wahren Jünger und legitimen Nachfolger«.[5] Dies ist genau der Glaube, den Stalin während seiner Jahre an der Macht wünschte, besser gesagt, jedem abverlangte. Wer die sowjetische Geschichte kennt, weiß natürlich, dass Lenin in der letzten Periode seines politisch aktiven Lebens Stalins Absetzung vom Posten des Generalsekretärs forderte und ihm den Abbruch aller persönlichen Beziehungen androhte. Nicht einmal Wolkogonow versuchte diese allseits bekannten Tatsachen zu bestreiten.

Die Ideologie des Kalten Krieges und die Lügen des Stalinismus

Bevor ich fortfahre, sollte ich versuchen zu klären, was als ein Paradox erscheinen mag. Weshalb sollte Pipes, ein antisowjetischer Ideologe des Kalten Krieges, auf Lügen zurückgreifen, die das stalinistische Regime in die Welt gesetzt hatte, um sich gegen seine politischen Gegner zu verteidigen? Dieses Paradox kann man nur verstehen, wenn man die politischen Interessen untersucht, die viele Jahre lang mit den ideologischen Klischees des Kalten Krieges bemäntelt worden waren.

Ungeachtet ihrer Konflikte teilten die Ideologen der Sowjetbürokratie auf der einen und des amerikanischen Kapitalismus auf der anderen Seite eine gemeinsame, politisch unabdingbare Lüge: dass die Sowjetführer überzeugte Marxisten waren und die Sowjetunion mehr oder weniger eine sozialistische Gesellschaft darstellte. Die Führer des Sowjetstaates benutzten diese Lüge zur Legitimierung ihrer bürokratischen Herrschaft. Noch als Chruschtschow in seiner »Geheimrede« vom Februar 1956 Stalins Verbrechen anprangerte, war er peinlich darauf bedacht, das bürokratische Regime von den Gräueltaten freizusprechen, die in seinem Interesse begangen worden waren. Die Theorie des »Personenkults« – die den großen Terror als bloßen Exzess eines Führers darstellte – sollte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage verhindern, wie Stalins Verbrechen mit der Festigung der politischen Macht der herrschenden Bürokratie zusammenhingen.

Die Ideologen des Kalten Krieges wiederum mussten den Stalinismus mit dem Marxismus gleichsetzen, um jede linke Opposition gegen den Kapitalismus zu diskreditieren. Dass sich innerhalb der Sowjetunion Zehntausende Sozialisten dem Aufstieg des Stalinismus von links widersetzt hatten, war eine historische Tatsache, die den Ideologen des Kalten Krieges nicht zupass kam. Denn was würde aus der These, die 98 Prozent von allem zugrunde liegt, was je in den Vereinigten Staaten über die Sowjetunion geschrieben worden ist – dass der Stalinismus das wesentliche, unumgängliche Ergebnis der marxistischen Theorie und der Oktoberrevolution von 1917 gewesen sei –, wenn die amerikanischen Historiker und Journalisten zugäben, dass sich die stalinistische Herrschaft durchsetzte, indem praktisch die gesamte sozialistische Arbeiterklasse und Intelligenz in der Sowjetunion physisch vernichtet wurde?

Die physische Vernichtung der sowjetischen Marxisten vollzog sich während des Großen Terrors, der von 1936 bis 1939 die Sowjetunion heimsuchte. Im Mittelpunkt dieses Terrors standen drei furchtbare Schauprozesse. Hauptangeklagte waren die Führer der Oktoberrevolution und frühere Mitglieder des Zentralkomitees, das in den Tagen Lenins Sowjetrussland regiert hatte. Ihnen wurden alle möglichen Verbrechen vorgeworfen, von Sabotage bis zu Mordverschwörungen gegen Stalin. Sämtliche Angeklagten gestanden kläglich die Verbrechen, die ihnen vorgeworfen wurden. Nur Trotzki, der im Exil lebte und in Abwesenheit angeklagt war, verurteilte die Schauprozesse.

Das bringt mich zurück zu Pipes’ Wolkogonow-Rezension. Hätte sich der Harvard-Professor auf die üblichen falschen Behauptungen beschränkt, die man in der amerikanischen Sowjetologie ständig antrifft, so hätte seine Besprechung vielleicht keine besondere Beachtung verdient. Aber Pipes fügte einen Absatz hinzu, der es unmöglich machte, seine Buchkritik zu ignorieren: »Trotzki und Leo Sedow, sein Sohn und engster Gehilfe, äußerten und schrieben des Öfteren, dass Stalins Regime gestürzt und Stalin selbst ermordet werden müsse.«[6]

Die Moskauer Prozesse

Wenn je ein Absatz die ruhelosen Geister der unbewältigten Vergangenheit wachrief, dann Pipes’ Behauptung, dass Trotzki und sein Sohn zur Ermordung Stalins aufgerufen hätten. Eben dieser Vorwurf diente als juristischer Vorwand für die Moskauer Prozesse, für die Todesurteile gegen Dutzende unschuldige Angeklagte und für den politisch motivierten Völkermord an Sozialisten, der vor dem Hintergrund der Prozesse verübt wurde.[7]

Als die Prozesse begannen, hatte Stalin bereits beinahe ein Jahrzehnt lang die praktisch uneingeschränkte politische Macht in der Sowjetunion ausgeübt. Die Linke Opposition, die 1923 gegründet worden war, um die wachsende Macht der Bürokratie zu bekämpfen, war 1927 besiegt worden. Die Führer der Opposition wurden aus der sowjetischen Kommunistischen Partei ausgeschlossen und in die Randgebiete der UdSSR verbannt. Trotzki wurde nach Alma Ata in Kasachstan abgeschoben, das an der Grenze zu China liegt. Trotz der organisatorischen Niederlage der Linken Opposition übte Trotzki als größter marxistischer Kritiker von Stalins Politik nach wie vor einen beträchtlichen politischen und moralischen Einfluss aus. Im Jahr 1929 verfügte das von Stalin dominierte Politbüro die Ausweisung Trotzkis aus der Sowjetunion. Zunächst wurde Trotzki auf die vor der türkischen Küste gelegene Insel Prinkipo verbannt, später, im Jahr 1933, gelangte er nach Frankreich und dann 1935 nach Norwegen.

Der Beschluss zur Abschiebung Trotzkis war der schwerste politische Fehler, der Stalin jemals unterlief. Als Mann, dessen Macht ausschließlich auf seiner Kontrolle über den bürokratischen Apparat des Sowjetstaats und der Kommunistischen Partei beruhte, hatte Stalin unterschätzt, welche Macht Trotzki auch im Exil durch seine Meisterschaft im Reich der Ideen ausüben konnte.

In den frühen 1930er Jahren wuchs die politische Opposition gegen das stalinistische Regime in der UdSSR ständig an, und dies sogar in den Reihen der Kommunistischen Partei. Die katastrophalen Ergebnisse von Stalins Kollektivierungspolitik, das allgemeine Chaos in der sowjetischen Industrie infolge der abenteuerlichen »Fünfjahrespläne« und die Unterdrückung jedes unabhängigen politischen Gedankens schürten die Opposition gegen Stalin. Viele historische Werke haben als Zeichen für die weite Verbreitung der Opposition bereits die überraschenden Ergebnisse des siebzehnten Parteitags von 1934 angeführt, auf dem Stalin nur mit zahlreichen Gegenstimmen erneut zum Generalsekretär gewählt wurde. Jüngere politische Studien, insbesondere jene des marxistischen Historikers Wadim Rogowin, werfen ein neues Licht auf das Ausmaß der politischen Feindschaft gegen Stalin und den wachsenden Einfluss Trotzkis.

Trotzki seinerseits rief nach dem Sieg des Faschismus in Deutschland im Januar 1933, für den er allen voran Stalin verantwortlich machte, zum Aufbau einer neuen Internationale und zum Sturz des stalinistischen Regimes in einer politischen Revolution auf. Seine Schriften stießen weltweit auf Interesse und fanden durch das »Bulletin der Linken Opposition« den Weg in die Sowjetunion. Trotz jahrelanger Unterdrückung waren Mitte der 1930er Jahre die Traditionen, Prinzipien und die politische Kultur der Oktoberrevolution und der alten bolschewistischen Partei im Bewusstsein breiter Schichten der sowjetischen Bevölkerung noch stark präsent. Ein plötzlicher Umschwung der Ereignisse, insbesondere in der instabilen Weltlage, konnte die revolutionären Elemente innerhalb der sowjetischen Arbeiterklasse stärken und die Massenunterstützung für den wahren Bolschewismus, d.h. für die von Trotzki vertretene politische Linie wieder aufleben lassen.

Aus diesem Grund beschloss Stalin, Trotzki, seine bekannten Anhänger und jeden, der in irgendeiner Weise das Programm und die Traditionen der Oktoberrevolution vertrat, zu vernichten. Der Mord an Kirow, einem Parteiführer in Leningrad, im Dezember 1934 wurde zum Vorwand für Massenverhaftungen ehemaliger Oppositioneller. Im Verlauf des folgenden Jahres wurden Sinowjew und Kamenew, die engsten politischen Vertrauten Lenins in der alten bolschewistischen Partei, unter Ausschluss der Öffentlichkeit unter gefälschten Anklagen vor Gericht gestellt und zu langen Haftstrafen verurteilt. In zahlreichen Artikeln warnte Trotzki im Jahr 1935 davor, dass Stalin den rätselhaften Mord an Kirow zum Vorwand für einen Generalangriff auf die überlebenden Vertreter des Bolschewismus nehmen würde. Trotzkis Warnungen sollten sich bestätigen. Die Verhaftungen und Gerichtsverfahren von 1935 waren das Vorspiel zu den ersten Schauprozessen gegen die wichtigsten Führer der Oktoberrevolution im August 1936.

Erneut wurden Sinowjew und Kamenew vor Gericht gestellt, diesmal wegen angeblicher Kapitalverbrechen. Zu den weiteren Angeklagten zählten berühmte alte Bolschewiki und ehemalige Führer der Linken Opposition wie etwa Mratschkowski, Ter-Waganjan und Smirnow.

Der Hauptangeklagte jedoch war Leo Trotzki, dem man in absentia vorwarf, er habe eine umfassende Verschwörung gegen die Sowjetunion und ihre Führer angezettelt. In der Urteilsbegründung wurde behauptet, Trotzki habe sich mit Nazideutschland und Japan verbündet, um die Sowjetunion in Teile zu zerschlagen und dann in ihren einstigen Gebieten den Kapitalismus zu restaurieren. Stalin und andere Führungsmitglieder der sowjetischen Kommunistischen Partei habe er ermorden lassen wollen. Irgendwie habe Trotzki es geschafft, seine Verbündeten innerhalb der Sowjetunion über diese Verschwörung in Kenntnis zu setzen, woraufhin jene sich begeistert bereit erklärt hätten, sie in die Tat umzusetzen. Unter seiner Anleitung sei das Komplott angelaufen, und zwar in Form zahlreicher Sabotageakte in der Industrie, die Dutzende Menschen das Leben gekostet hätten.

Die einzigen Beweise für diese Vorwürfe waren die persönlichen Geständnisse der Angeklagten. Sämtliche Angeklagten, die vor Gericht standen, erklärten sich auf die Fragen des Staatsanwaltes Wyschinski hin in allen Punkten für schuldig. Anderes, ergänzendes Beweismaterial gab es nicht. Ein Versuch Stalins, den Zeugenaussagen einen realistischeren Anstrich zu verleihen, scheiterte erbärmlich. Ein weniger bekannter Angeklagter, E.S. Golzman, sagte aus, dass er im Jahr 1932 nach Kopenhagen gereist sei und sich dort mit Sedow getroffen habe, der ihm dann ein konspiratives Treffen mit seinem Vater vermittelt habe. Golzman zufolge fand die erste Zusammenkunft mit Sedow in der Lobby des Hotels Bristol statt. Kurz darauf meldeten sich dänische Journalisten mit der Information zu Wort, dass das Hotel Bristol im Jahr 1917 abgerissen worden war. Diese vernichtende Entlarvung hatte keinerlei Auswirkungen auf den Ausgang des Prozesses. Am 24. August 1936 wurden alle Angeklagten zu Tode verurteilt. Sie wurden innerhalb von 24 Stunden erschossen.

Als der Prozess begann, lebte Trotzki in Norwegen. Er hatte soeben seine umfassende Analyse der Sowjetunion und des stalinistischen Regimes unter dem Titel »Verratene Revolution« abgeschlossen. Sofort verurteilte er den Prozess als Fälschung und unternahm seine Entlarvung. Doch zunächst unterbrach ihn dabei die norwegische Regierung, die eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Norwegen fürchtete, sollte Trotzki die Prozesse entlarven und Stalin bloßstellen. Die sozialdemokratische Regierung stellte Trotzki und seine Frau also unter Hausarrest, sodass er die nächsten vier Monate in einer Art Isolationshaft verbringen musste. Im Dezember 1936 brachte sie Trotzki und seine Frau auf einen Frachter, der nach Mexiko fuhr. Dort gewährte ihm die radikale nationalistische Regierung unter Lazaro Cárdenas Asyl.

Trotzki kam am 9. Januar 1937 in Mexiko an, knapp zwei Wochen vor Beginn des zweiten Schauprozesses in Moskau. Unter den Angeklagten waren weltberühmte Bolschewiki wie Juri Pjatakow, der einst die sowjetische Industrie geleitet hatte; Grigori Sokolnikow, der zu den ersten Leitern der Sowjetfinanzen gehört hatte; Muralow, der Held des Bürgerkrieges; Michail Boguslawski, ein weiterer alter Bolschewik; und der weltbekannte marxistische Journalist Karl Radek. Die Anklagen waren ebenso unfassbar wie jene aus dem ersten Prozess, und wieder stützte sich das gesamte Verfahren ausschließlich auf die Geständnisse der Angeklagten.

Die Glaubwürdigkeit des zweiten Prozesses wurde schwer erschüttert, als ein weiterer Versuch Stalins, die Geständnisse etwas lebensechter erscheinen zu lassen, kläglich danebenging. Pjatakow sagte aus, dass er im Dezember 1935 von Berlin nach Oslo geflogen sei, um Trotzki zu treffen und Anweisungen für Terrorakte gegen die Sowjetregierung entgegenzunehmen. Die Drahtzieher des Prozesses hatten nur das Pech, dass laut den Aufzeichnungen der Behörden in Oslo im Dezember 1935 aufgrund schlechter Wetterverhältnisse kein einziges Flugzeug gelandet war. Pjatakows »Phantomflug«, wie Trotzki die Episode nannte, hatte also niemals stattgefunden. Über diese dramatische Enthüllung schrieb Trotzki:

Zu Stalins Pech kann die GPU das norwegische Klima und die internationalen Flugbewegungen ebenso wenig festlegen wie meine Gedankengänge, den Charakter meiner Verbindungen und das Fortschreiten meiner Aktivitäten. Deshalb ist die kunstvolle Justizverschwörung, die man unvorsichtigerweise sehr hoch geschraubt hatte, aus dem nicht existenten Flugzeug gefallen und in Stücke zerborsten. Wenn aber die Anklage gegen mich – den Hauptangeklagten, den Verschwörer, Organisator, Anführer der Verschwörung – auf offenkundig falschen Aussagen beruht, was ist dann der ganze Rest der Sache wert?[8]

Nach objektiven Maßstäben bewertet, erlitten die Glaubwürdigkeit der Urteile und die Legitimität der Verfahren in Moskau einen verheerenden Schlag. Trotzdem wurden mit zwei Ausnahmen sämtliche Angeklagten zu Tode verurteilt. Die beiden Verschonten, Radek und Sokolnikow, bekamen zehnjährige Haftstrafen, wurden aber kurz darauf im Gefängnis ermordet.

Von Mexiko aus veröffentlichte Trotzki einen Aufruf zur Bildung eines internationalen Tribunals, das eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe von Stalins Staatsanwaltschaft vornehmen sollte. In einer auf Englisch gehaltenen Rede erklärte Trotzki vor den laufenden Kameras der Wochenschauen:

Stalins Prozess gegen mich beruht auf falschen Geständnissen, die im Interesse der herrschenden Clique mit den Methoden der modernen Inquisition erzwungen wurden. Es gibt in der Geschichte hinsichtlich Absicht und Ausführung keine schlimmeren Verbrechen als die Moskauer Prozesse gegen Sinowjew-Kamenew und Pjatakow-Radek. Diese Prozesse folgen nicht aus dem Kommunismus, nicht aus dem Sozialismus, sondern aus dem Stalinismus, d.h. dem verantwortungslosen Despotismus der Bürokratie über das Volk!

Worin besteht jetzt meine Hauptaufgabe? Darin, die Wahrheit aufzudecken. Zu zeigen und nachzuweisen, dass sich die wirklichen Verbrecher unter dem Mantel der Ankläger verbergen. Worin wird der nächste Schritt in diese Richtung bestehen? In der Schaffung einer amerikanischen, einer europäischen und dann einer internationalen Untersuchungskommission, die aus Menschen besteht, deren öffentliches Ansehen und Autorität unbestreitbar ist. Ich werde einer solchen Kommission meine gesamten Unterlagen, Tausende von persönlichen und offenen Briefen vorlegen, in denen die Entwicklung meines Denkens Tag für Tag lückenlos belegt ist. Ich habe nichts zu verbergen! Dutzende Zeugen im Ausland verfügen über unschätzbare Fakten und Dokumente, die Licht auf die Moskauer Schauprozesse werfen werden. Die Arbeit der Untersuchungskommission muss mit einem großen Gegenprozess schließen. Ein Gegenprozess ist notwendig, um die Atmosphäre von den Bazillen der Täuschung, Verleumdung, Verdrehung und Fälschung zu reinigen, deren Quelle in Stalins Polizei, der GPU liegt, die auf das Niveau der Nazi-Gestapo herabgesunken ist.

Geschätztes Publikum! Sie mögen über meine Ideen und meine politische Tätigkeit während der vergangenen vierzig Jahre unterschiedliche Auffassungen haben. Aber eine unparteiische Untersuchung wird bestätigen, dass meine persönliche und politische Ehre fleckenlos ist. In der tiefen Überzeugung, dass das Recht auf meiner Seite ist, grüße ich von ganzem Herzen die Bürger der neuen Welt.[9]

Die Moskauer Prozesse riefen auf der ganzen Welt Bestürzung hervor. Das Schauspiel der alten Revolutionäre von internationalem Ruf, der Gründer der Sowjetunion, die gestanden, ein Bündnis mit Nazideutschland geschlossen zu haben, um Stalin zu ermorden und den Kapitalismus zu restaurieren, versetzte die Öffentlichkeit in fassungsloses Erstaunen. Konnten die Angeklagten solcher Verbrechen schuldig sein? Entsprachen die Verfahren in Moskau einer rechtmäßigen Justiz? Aber obwohl man den Prozessen weithin skeptisch gegenüberstand, stieß Trotzkis Aufruf zu einer internationalen Untersuchungskommission auf ernste politische Hindernisse.

Unter Anleitung der sowjetischen Geheimpolizei begannen die Kommunistischen Parteien rund um die Welt eine internationale Kampagne, um Unterstützung für die Prozesse zu gewinnen, insbesondere unter der radikalen und recht zahlreichen linksliberalen Intelligenz in Europa und Amerika.

In den Vereinigten Staaten wurden die Stalinisten in diesem Bemühen von der »New York Times« unterstützt, deren Moskauer Korrespondent Walter Duranty ostentativ sein Vertrauen in die Rechtmäßigkeit der Prozesse und der Geständnisse erklärte. Denen, die an der Verlässlichkeit der Geständnisse zweifelten, legte er nahe, Dostojewski zu lesen, um etwas über die Mysterien der »slawischen Seele« zu erfahren. Ein weiterer bekannter Verteidiger der Prozesse war der amerikanische Botschafter in der Sowjetunion, Joseph Davies, der erklärte, er sei von der Schuld der Angeklagten überzeugt.

In weit größerem Maße, als bisher allgemein anerkannt, bildeten die Moskauer Prozesse eine entscheidende Episode im politischen Leben Amerikas, insbesondere für einen seiner wichtigsten Bestandteile: den Liberalismus. Um dies zu verstehen, muss man den politischen Hintergrund im Aus- und Inland betrachten, vor dem die Moskauer Prozesse stattfanden.

Die amerikanischen Liberalen und die Moskauer Prozesse

Es fällt einem heute schwer, sich zu vergegenwärtigen, in welchem Ausmaß die Große Depression, die Ende 1929 einsetzte, das geistige und politische Klima in den USA veränderte. Seit dem Bürgerkrieg hatten die Vereinigten Staaten keine vergleichbar tiefgreifende Krise mehr erlebt. Die Sezessionskrise von 1860–1861 hatte das Überleben der Union in Frage gestellt. Der Wall-Street-Krach und folgende Zusammenbruch des amerikanischen Kapitalismus stellten den Fortbestand – und nicht zuletzt die moralische Berechtigung – des kapitalistischen Systems in Frage. Heutzutage, da erfolgreiche Wall-Street-Spekulanten und die Titanen des Big Business in den Medien als menschliche Verkörperung all dessen gelten, was Amerika lieb und teuer ist, kann man sich vielleicht nur schwer eine Zeit vorstellen, in der solche Leute von Präsident Franklin Delano Roosevelt öffentlich als »steinreiche Missetäter« denunziert wurden. Kapitalismus war in den Vereinigten Staaten eine Art Schimpfwort geworden.

Der Liberalismus der amerikanischen Intelligenz gründete sich nicht auf eindeutige politische und ökonomische Auffassungen. Er war so verschwommen wie der Begriff selbst, der im Allgemeinen nichts Genaueres meinte als eine pragmatische Verpflichtung auf gesellschaftlichen Fortschritt und die Eindämmung von Korruption in der Kommunalpolitik. Die Depression erzeugte in diesem Milieu ein gewisses Gefühl, dass die Zeit dränge, ein gesteigertes Interesse an sozialen Problemen und sogar eine gewisse Sympathie für radikale Politik.

Unter breiten Schichten der amerikanischen liberalen Intelligenz stieg das Ansehen der Sowjetunion ganz erheblich. Bei 25 Prozent Arbeitslosigkeit klangen die Psalmengesänge von den Selbstheilungskräften des Marktes, dem freien Wettbewerb und dem rücksichtslosen Individualismus weitaus weniger verlockend als vor dem Oktober 1929. Die Bedingungen, die sich nach dem Wall-Street-Krach entwickelten, untergruben den alten Glauben, dass sich die Marktwirtschaft mit gesellschaftlichem Fortschritt vereinbaren lasse. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Krise erheischten die augenfälligen Erfolge der Sowjetwirtschaft trotz der »Exzesse« der Kollektivierung Respekt und sogar Bewunderung für die wirtschaftliche Planung. Vielen Intellektuellen schien es, als habe die Welt etwas von der Sowjetunion zu lernen.

Eine entscheidende Wende in der sowjetischen Außenpolitik trug noch dazu bei, die wachsende Sympathie für die UdSSR zu steigern. Im Aufstieg des Faschismus in Deutschland und der zunehmenden Stärke reaktionärer Bewegungen in ganz Europa sahen viele Liberale die Vorboten eines allgemeinen Zusammenbruchs der bürgerlichen Demokratie. In diesem kritischen Moment änderte sich die weltpolitische Rolle der Sowjetunion in den Augen des demokratischen Liberalismus von Grund auf. Im Jahr 1935 beschloss die Sowjetunion auf dem siebten Kongress der Kommunistischen Internationale die Politik der »Volksfront«. In ihrer Furcht vor Nazideutschland wollte sich die Sowjetunion fortan um Bündnisse mit den demokratischen imperialistischen Mächten bemühen: mit Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. Im Rahmen dieser Politik sollten sich die Kommunistischen Parteien in diesen Ländern mit den liberalen und progressiven Parteien der sogenannten »demokratischen« Bourgeoisie verbünden und sie auf jede erdenkliche Weise unterstützen. Parteien, Politiker und Regierungen sollten nicht länger anhand der Klasseninteressen bewertet werden, denen sie dienten. Vielmehr sollte man sie als »faschistisch« oder »antifaschistisch« einordnen. Die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und das Ziel des Sozialismus sollten die Kommunistischen Parteien den Zwängen der sowjetischen Außenpolitik zum Opfer bringen.

Um diese Politik umzusetzen, begannen die Sowjetunion und die nationalen Kommunistischen Parteien ein aggressives Werben um die liberale und radikale Intelligenz in Europa und den Vereinigten Staaten. In vieler Hinsicht nahm die Tagespolitik der Kommunistischen Partei (KP) selbst eine zunehmend liberale Färbung an, insbesondere unterstützte die amerikanische KP praktisch Roosevelt und den New Deal. Vielen Liberalen schmeichelte die Aufmerksamkeit, die ihnen die Stalinisten neuerdings widmeten, und sie stellten befriedigt fest, dass ihre Meinungen und Sorgen durchaus ernst genommen wurden. Ihre persönliche Identifikation mit der Sowjetunion schien, zumindest in ihren eigenen Augen, die Tatsache wettzumachen, dass sie über keinerlei eigenes Programm für radikale Maßnahmen in den Vereinigten Staaten verfügten.

Die kritiklose Bewunderung der Liberalen für die sowjetischen Leistungen und ihre politische Unterstützung für die Sowjetregierung bedeutete keineswegs, dass sie einen revolutionären Wandel in den Vereinigten Staaten unterstützt hätten. Weit gefehlt. Die meisten liberalen Intellektuellen sahen ein Bündnis mit der UdSSR eher als Mittel an, ihre eigenen zaghaften Sozialreformvorhaben in den Vereinigten Staaten zu untermauern und den Faschismus in Europa im Zaum zu halten. Die Sowjetunion wurde nicht mehr als Speerspitze revolutionärer Umwälzungen gefürchtet. Die Liberalen begriffen, dass die Sowjetunion mit der Niederlage Trotzkis keine internationalen revolutionären Ziele mehr verfolgte. Mitte der 1930er Jahre galt das stalinistische Regime als respektabel.

Wenn man die Reaktion der Liberalen auf die Moskauer Prozesse betrachtet, muss man noch einen weiteren wichtigen politischen Faktor berücksichtigen. Nur einen Monat vor dem Beginn des ersten Prozesses war im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausgebrochen. In Spanien drohte der Faschismus, dessen Sieg mit Sicherheit den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bedeutete. Sowjetrussland galt als wichtigster Verbündeter der republikanischen, antifaschistischen Kräfte. Wenige Liberale machten sich die Mühe, die wirkliche Politik der Stalinisten in Spanien allzu genau zu untersuchen. Zumeist verschlossen sie die Augen davor, wie die Stalinisten unter Einsatz von politischem Terror die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse zerstörten und letztlich Francos Sieg sicherstellten. Oberflächlich betrachtet – und nur wenige Liberale bemühten sich, tiefer zu forschen – schien die Sowjetunion der Fels zu sein, auf dem die Hoffnungen aller »progressiven Kräfte« auf eine Niederlage des Faschismus in Spanien ruhten.

Aus diesem Grund stieß Trotzkis Aufruf zu einer internationalen Untersuchungskommission über die Moskauer Prozesse unter der liberalen Intelligenz gerade in den Vereinigten Staaten auf weit verbreitete Ablehnung. Zwei der bekanntesten Zeitschriften, die die Ansichten dieses Milieus widerspiegelten, die »New Republic« und die »Nation«, stellten sich hinter die Prozesse und sprachen sich gegen den Aufruf zu einer unabhängigen Untersuchung aus. Die »Nation« unterstützte die Prozesse mit aller Kraft und erklärte, dass die Zweifler schlicht keine Ahnung vom sowjetischen Strafprozessrecht hätten. Man müsse eben verstehen, dass sich »das sowjetische Recht in mehreren wesentlichen Aspekten vom unsrigen unterscheidet«.[10]

Die Verkörperung der geistigen Trägheit und etwas erschreckenden politischen Dummheit der amerikanischen Liberalen war Malcom Cowley, der Herausgeber von »The New Republic«. Er war eine bekannte Figur der amerikanischen Literatenszene, und selbst heute findet man in Büchereien oder Buchläden zahlreiche Anthologien oder noch laufende Ausgaben großer amerikanischer Romane, zu denen Cowley die Einleitung verfasst hatte. Dieser kultivierte, weltgewandte Liberale legte in einem Aufsatz unter dem Titel »Protokoll eines Prozesses« seine wohlerwogene Einschätzung über das Verfahren in Moskau dar. Er schrieb in der »New Republic« vom 7. April 1937:

Das bei Weitem aufregendste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe, ist die stenographische Mitschrift des jüngsten Prozesses in Moskau, die von dem Volkskommissariat für Justiz ins Englische übersetzt worden ist. Ich hatte sie aus Pflichtgefühl heraus zu lesen begonnen: Da ich so viele Argumente zu dem Prozess gehört und so viele Angriffe auf die ehrlichen Absichten der sowjetischen Gerichte gelesen hatte, wollte ich so viel ich konnte aus den Originalquellen erfahren. Ich lernte dabei viel, aber vor allem fuhr ich aus reiner Faszination zu lesen fort. Vom literarischen Gesichtspunkt her ist »Der Fall des antisowjetischen trotzkistischen Zentrums« eine außergewöhnliche Kombination einer wahren Detektivgeschichte und hoher Elisabethanischer Tragödie mit komischem Einschlag. Nur unter der Annahme, dass Marlowe und Webster sich an der Inszenierung beteiligt hätten, hätte ich es als Fälschung ansehen können. Vom Standpunkt der Information her beantwortet es die meisten Fragen, die ich mir nach den kurzen Zeitungsmeldungen über den Prozess gestellt hatte.

Bevor ich auf die Zeugenaussagen eingehe, möchte ich meine Haltung zu den russischen Angelegenheiten erklären, wie sie sich während der letzten Jahre herausgebildet hat. Ich bin kein »Stalinist«, außer insofern, dass ich zutiefst mit den Zielen der Sowjetunion sympathisiere, und insoweit ich meine, dass Stalin und sein Politbüro im Allgemeinen eine klügere Politik verfolgt haben, als seine Gegner vertraten … Ohne mich zum Anhänger Stalins zu erklären, bin ich mit Sicherheit gegen Trotzki. Meine Gegnerschaft beruht zum Teil auf meinem Charakter: Ich mochte diesen Typus des großstädtischen Intellektuellen nie, der jedes menschliche Problem auf einen kühnen Syllogismus reduziert und immer auf wundersame Weise recht behalten muss, während seine Gegner unweigerlich dumm und verachtenswert sind. Ich mochte Trotzkis Bücher nie … Vor allem aber bin ich aus politischen Gründen gegen Trotzki. Ich habe schon seit mehreren Jahren den Eindruck, dass sein Leitprinzip der Hass auf Stalin ist und dass seine Parole der »permanenten Revolution« darauf hinausläuft, die Revolution permanent zu vernichten, indem sie den Sozialismus in dem einen Land, wo es ihn heute gibt, angreift und schwächt …

Stalin repräsentiert mit all seinen Fehlern und Tugenden die kommunistische Revolution. Trotzki repräsentiert mittlerweile die »zweite Revolution«, d.h. den Versuch, diese im Angesicht der Angriffe der faschistischen Mächte zu schwächen.[11]

Mit seiner unerträglichen Klugtuerei und aufgeblasenen Selbstgefälligkeit war dieser Aufsatz eine beklagenswerte Zurschaustellung all dessen, was schon damals am modernen amerikanischen Liberalismus korrupt und verfault war. In Moskau wurden alte Revolutionäre öffentlich erst gedemütigt und dann ermordet. Das hinderte Leute wie Cowley nicht, die schrecklichen Ereignisse mit einem Lächeln zu rechtfertigen. Sie bewerteten selbst die größten historischen und moralischen Fragen auf der Grundlage ihrer eigenen engen sozialen Interessen und kleinlichen persönlichen Belange. In dem Maße, wie die internationale Politik des stalinistischen Regimes mit ihren eigenen politischen Vorstellungen zusammenfiel, wehrten sich Liberale wie Cowley gegen die ihrer Meinung nach »zerstörerische« Aktivität Trotzkis und stellten sich gegen sie. Diese Schichten fühlten sich von seiner Analyse der Widersprüche der sowjetischen Gesellschaft regelrecht belästigt. Was Leute wie Cowley betraf, so brachte Trotzki, indem er auf dem konterrevolutionären Charakter des stalinistischen Regimes bestand, überflüssige politische und moralische Komplikationen in ihr Leben.

John Dewey und das Komitee zur Verteidigung Leo Trotzkis

Trotz der Opposition der Stalinisten und der ablehnenden Haltung breiter Schichten der liberalen Intelligenz gründete die trotzkistische Bewegung ein Verteidigungskomitee. Es fand Unterstützung bei einem kleinen Teil der liberalen und linken Radikalen. Zu den bekanntesten Verteidigern Trotzkis zählte der Schriftsteller James T. Farrell, der Verfasser der Trilogie »Studs Lonigan«. Der größte Erfolg des Komitees bestand darin, dass es den führenden amerikanischen Philosophen John Dewey, der damals 78 Jahre alt war, für den Vorsitz gewinnen konnte. Dewey erklärte sich bereit, nach Mexiko zu kommen und die Anhörungen zu leiten, bei denen eine Unterkommission Trotzki hinsichtlich der in den Moskauer Prozessen gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Zeugen vernehmen sollte.

John Dewey (1859–1952) war Jahrzehnte lang der führende Vertreter einer wahrhaft demokratischen und idealistischen Strömung des amerikanischen Liberalismus. Er überragte turmhoch die breite liberale Gemeinde, an die sich seine Aufsätze und Vorträge richteten. Im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit jener, die sich Liberale nannten, war es Dewey mit seinen demokratischen Überzeugungen sehr ernst. In seiner Entscheidung, sich auf die Seite des Verteidigungskomitees für Leo Trotzki zu stellen und sogar dessen Vorsitzender zu werden, zeigte sich die Stärke des demokratischen Idealismus, der sein ganzes Denken durchdrang.

Dewey schloss sich dem Komitee für die Verteidigung Leo Trotzkis vor allem deswegen an, weil er der Ansicht war, dass man Trotzki das Recht nicht vorenthalten durfte, die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zu beantworten. Gegenüber Demokratie und Wahrheit verhielt sich Dewey nicht, wie der typische Volksfront-Liberale, opportunistisch und halbherzig. Für Leute wie Cowley war die Wahrheit im Allgemeinen eine feine Sache, die – besonders, wenn es gelegen kam – mit gebührender Beredsamkeit verteidigt werden musste. Schwierig wurde es nur dann, wenn die Wahrheit dringenderen persönlichen und politischen Anliegen – z.B. der eigenen beruflichen Stellung, dem eigenen Wohlergehen und dem Schicksal der Demokratischen Partei – in die Quere geriet.

Dabei nahm sich Dewey nicht nur als aufrichtiger freiheitlicher Bürgerrechtler der Probleme an, die die Moskauer Prozesse aufwarfen. Oder, um es etwas anders auszudrücken, seine Sorge um Bürgerrechte und -freiheiten war Bestandteil seiner Beschäftigung mit den tieferen Problemen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Dewey sprach für eine Strömung des amerikanischen liberalen Denkens, die von einem tiefen Glauben an den gesellschaftlichen Fortschritt erfüllt war und nicht davon ausging, dass Demokratie und Marktwirtschaft ein und dasselbe seien. Eine Demokratie ohne soziale Gleichheit war für sie eine leere Hülle. Dewey hatte sich sogar von dem Standpunkt her gegen den New Deal ausgesprochen, dass er lediglich reformistische Beruhigungspillen austeile, die den Kapitalismus unangetastet ließen. In den frühen dreißiger Jahren bemühte sich Dewey angestrengt, aber recht erfolglos, um die Bildung einer dritten politischen Partei, die sich den bestehenden kapitalistischen Parteien entgegenstellen sollte. Die Depression war in seinen Augen ein unwiderlegbares Zeichen für das Scheitern des Kapitalismus.

Dewey argumentierte wiederholt – mit einer gewissen Naivität –, dass der Liberalismus seinem Verständnis nach nichts beinhalte, das sein Schicksal zwangsläufig mit dem des kapitalistischen Systems verknüpfe. Er betonte vielmehr, dass die demokratischen Prinzipien, für die der amerikanische Liberalismus eintrat, vor allem die soziale Gleichheit, in unvereinbarem Gegensatz zur zeitgenössischen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft standen. Dewey gab zu, dass der Liberalismus von seiner historischen Entstehung her ein Ausdruck bürgerlicher Interessen und der bürgerlichen Weltanschauung im Allgemeinen war. Aber die demokratischen Ideale, die der Liberalismus im 19. Jahrhundert hochgehalten hatte, waren in Gegensatz zu den gesellschaftlichen und politischen Realitäten des Kapitalismus im 20. Jahrhundert geraten. Wer diesen Wandel der historischen Bedingungen nicht wahrnahm, war in Deweys Augen zum »Pseudoliberalen« geworden, der sich nur in Worten zur Demokratie bekannte, während er die Marktwirtschaft mit all ihrer sozialen Ungerechtigkeit und ihrem Elend rechtfertigte.

Dewey war kein Marxist oder Revolutionär. Den Klassenkampf als Mittel zur Verwirklichung des Sozialismus lehnte er ausdrücklich ab. In der Tat konnte er weder zu seiner eigenen noch sonst jemandes Befriedigung die Frage beantworten, wie der Sozialismus verwirklicht werden solle. Aber darum geht es hier nicht. Wenn man die politischen und sozialen Abhandlungen des alten Mr. Dewey liest, fällt einem vor allem auf, um wie vieles weiter er in seiner Kritik am amerikanischen Kapitalismus zu gehen bereit war als irgendein heutiger Vertreter der »liberalen Intelligenz«, sofern man heute überhaupt von einer solchen gesellschaftlichen Gruppe sprechen kann.

Als er den Vorsitz übernahm, verurteilte Dewey die Unaufrichtigkeit jener Liberalen, die Trotzki das Recht sich zu verteidigen verweigerten. Er erklärte, dass man die Sache des historischen Fortschritts nicht vom Kampf für die historische Wahrheit trennen könne. Alle Liberalen, die mit der Sache des Sozialismus sympathisierten, erklärte er, könnten bestimmten Fragen einfach nicht ausweichen. In einer Rede kurz vor seiner Abreise nach Mexiko sagte Dewey:

Entweder ist Leo Trotzki schuldig der Verschwörung zum Mord, der systematischen Sabotage mit der Zerstörung von Leben und Eigentum, des niedrigsten Verrats, des Komplotts mit politischen und ökonomischen Gegnern der UdSSR zur Vernichtung des Sozialismus, oder er ist unschuldig. Wenn er schuldig ist, kann kein Urteil zu hart sein. Wenn er unschuldig ist, kann das bestehende Regime in Sowjetrussland unter keinen Umständen von der bewussten, systematischen Unterdrückung und Fälschung freigesprochen werden. Vor dieser unangenehmen Alternative steht jeder, der mit den Versuchen zum Aufbau eines sozialistischen Staates in Russland sympathisiert. Der leichtere und bequemere Weg besteht darin, diesen Alternativen aus dem Weg zu gehen. Aber die fehlende Bereitschaft, unangenehmen Dingen ins Auge zu sehen, ist die übliche Schwäche der Liberalen. Sie sind leicht allzu tapfer, wenn alles in ruhigen Bahnen verläuft, und schrecken dann zurück, wenn unangenehme Umstände Entschlusskraft und Taten verlangen. Ich kann nicht glauben, dass auch nur ein einziger Liberaler, wenn er den Alternativen ins Gesicht sieht, die Meinung vertreten könnte, dass Unterdrückung und Fälschung eine feste Grundlage für den Aufbau einer stabilen sozialistischen Gesellschaft abgeben.[12]

Dewey schloss seine Rede mit den Worten Zolas aus der Zeit der Dreyfus-Affäre: »Die Wahrheit marschiert, und nichts wird sie aufhalten.«

Dewey reiste im April 1937 nach Mexiko. Er ließ sich von seiner Familie und seinen Freunden nicht davon abbringen, obwohl diese wegen der Denunziationen und sogar physischen Drohungen der amerikanischen Kommunistischen Partei um ihn fürchteten. Die Befragung Trotzkis dauerte über eine Woche, vom 10. bis zum 17. April 1937. Die Mitschrift von Trotzkis Aussagen umfasst beinahe 600 gedruckte Seiten. Sie liefert eine detaillierte Darstellung seines politischen Lebens und seiner Überzeugungen.

Trotzki und Dewey bildeten einen faszinierenden Kontrast. Ersterer verkörperte mit seinem ganzen Sein revolutionäre Leidenschaft und Tatkraft, er war ein Mann, der im Zentrum der turbulentesten Ereignisse der modernen Geschichte gestanden hatte, ein Meisterdialektiker, der verblüffende Metaphern gebrauchte, um die politischen und sozialen Verflechtungen zu beleuchten, die die Vorgänge in Moskau hervorgebracht hatten. Dewey war von einem ganz anderen Schlag: ein alter Yankee aus Vermont, nachdenklich und wortkarg, ein Mann des Vorlesungssaales, nicht der Massenversammlungen und Schlachtfelder. Und doch, trotz ihrer ganz verschiedenen Charaktere und politischen Auffassungen, teilten sie eine leidenschaftliche Hingabe an die Wahrheit, die in ihren Augen die wichtigste geistige und moralische Triebfeder des Fortschritts bildete.

Auf seine Weise zollte Trotzki Dewey kurz, aber treffend Tribut. Auf der Abschlusssitzung der Anhörungen in Mexiko verteidigte Trotzki in einer herausragenden vierstündigen Rede sein Leben, seine Überzeugungen und seinen Ruf. Gebannt folgten die Zuhörer der Ansprache, die im Ausdruck noch gewann, weil sie in Englisch gehalten wurde und dem großen Redner daher starke Konzentration abverlangte.

»Verehrte Kommissionsmitglieder«, erklärte Trotzki zum Abschluss seiner Rede:

Die Erfahrungen meines Lebens, dem es weder an Erfolgen noch Misserfolgen mangelte, haben meinen Glauben an die lichte, helle Zukunft der Menschheit nicht nur nicht zerstört, sondern ihm eine unzerstörbare Festigkeit verliehen. Den Glauben an Vernunft, Wahrheit und menschliche Solidarität, der mich im Alter von 18 Jahren in die Arbeiterviertel der russischen Provinzstadt Nikolajew führte, habe ich mir voll und ganz erhalten. Er ist reifer, aber nicht weniger glühend geworden. Allein in der Tatsache, dass Ihre Kommission gegründet wurde – und dass an ihrer Spitze ein Mann von unerschütterlicher moralischer Autorität steht, ein Mann, der aufgrund seines Alters das Recht haben sollte, den Scharmützeln der politischen Arena fern zu bleiben –, in dieser Tatsache sehe ich eine neue, wahrhaft großartige Bestärkung des revolutionären Optimismus, der das Grundelement meines Lebens bildet.

Meine Damen und Herren von der Kommission! Herr Anwalt Finerty! Und Sie, mein Verteidiger und Freund, Goldman! Gestatten Sie mir, Ihnen allen meinen herzlichen Dank auszusprechen, der in diesem Falle keinen persönlichen Charakter trägt. Und gestatten Sie mir abschließend die Äußerung meines tiefen Respekts vor dem Lehrer, Philosophen und Inbegriff des wahrhaften amerikanischen Idealismus, vor dem Gelehrten, der die Arbeit Ihrer Kommission leitet.[13]

Worauf Dewey antwortete: »Alles, was ich jetzt noch sagen könnte, wäre eine Abschwächung«, und die Anhörung rasch zu einem würdigen Abschluss brachte.

Die Ergebnisse der Dewey-Kommission

Die Kommissionsmitglieder kehrten in die Vereinigten Staaten zurück. Neun Monate später legten sie detaillierte Untersuchungsergebnisse vor, die jeden Vorwurf des stalinistischen Regimes während der Prozesse in Moskau in allen Aspekten widerlegten. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

  • Ergebnis Nr. 16: »Wir sind überzeugt, dass es die angeblichen Briefe, in denen Trotzki verschwörerische Anweisungen an die diversen Angeklagten in Moskau geschickt haben soll, niemals gegeben hat, und dass die dahin gehenden Zeugenaussagen reine Fälschungen sind.«
  • Ergebnis Nr. 17: »Wir stellen fest, dass Trotzki während seiner gesamten Laufbahn ein konsequenter Gegner des individuellen Terrors gewesen ist. Die Kommission stellt des Weiteren fest, dass Trotzki niemals einen der Angeklagten oder Zeugen in den Moskauer Prozessen angewiesen hat, einen politischen Gegner zu ermorden.«
  • Ergebnis Nr. 18: »Wir stellen fest, dass Trotzki die Angeklagten oder Zeugen in den Moskauer Prozessen niemals angewiesen hat, Sabotage, Zerstörungs- oder Täuschungswerke zu verrichten. Im Gegenteil, er ist immer konsequent für den Aufbau der sozialistischen Industrie und Landwirtschaft in der Sowjetunion eingetreten und hat die gegenwärtige Regierung dafür kritisiert, dass ihre Tätigkeit dem Aufbau einer sozialistischen Wirtschaft in Russland schade. Er ist nicht für die Sabotage als Oppositionsmethode gegen jegliche politische Herrschaft.«
  • Ergebnis Nr. 19: »Wir stellen fest, dass Trotzki niemals einen der Angeschuldigten oder Zeugen in den Moskauer Prozessen angewiesen hat, mit ausländischen Mächten Abkommen gegen die Sowjetunion zu schließen. Im Gegenteil, er ist stets unerschütterlich für die Verteidigung der UdSSR eingetreten. Außerdem war er ein ausgesprochener ideologischer Gegner des Faschismus der ausländischen Mächte, mit denen er sich der Anklage zufolge verschworen haben soll.«
  • Ergebnis Nr. 20: »Auf der Grundlage aller Beweismittel stellen wir fest, dass Trotzki niemals die Restauration des Kapitalismus in der UdSSR befürwortet, angezettelt oder versucht hat. Im Gegenteil, er ist stets kompromisslos gegen die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und sein Bestehen an allen anderen Orten aufgetreten.«

Die Kommission fasste ihre Ergebnisse mit folgendem Schlusswort zusammen: »Wir befinden daher die Moskauer Prozesse für ein Justizkomplott. Wir befinden Trotzki und Sedow für nicht schuldig.«[14]

Trotzki wies darauf hin, dass die Kommission sich auf die einfache Feststellung hätte beschränken können, dass er im Sinne der Anklage unschuldig war. Sie ging jedoch darüber hinaus, indem sie unzweideutig erklärte, dass die Moskauer Prozesse eine Justizverschwörung waren. Praktisch erklärte die Kommission damit, dass die Organisatoren der Prozesse, allen voran Stalin, zu den schlimmsten Verbrechern der Weltgeschichte zählten. Stalin und seine Komplizen hatten eine staatliche Verschwörung organisiert, um einen legalen Deckmantel für die Ermordung nicht nur der Angeklagten, sondern auch Hunderttausender anderer unschuldiger Opfer zu schaffen.

Ich hoffe, dass Sie nun verstehen, weshalb die Socialist Equality Party öffentlich protestierte, als Richard Pipes aus freien Stücken die Moskauer Prozesse rehabilitierte. Stalins große Lüge hat Hunderttausende das Leben gekostet und der Sache des internationalen Sozialismus einen unvorstellbaren Schlag versetzt. Der Kampf, diese Lüge zu entlarven, nahm die letzten Lebensjahre Trotzkis in Anspruch. Die Moskauer Prozesse wurden schließlich entlarvt. Selbst die Sowjetbürokratie musste kurz vor ihrem Sturz 1991 zugeben, dass diese Vorgänge ein Hohn auf die Legalität gewesen waren. Mehr als fünfzig Jahre nach ihrer Hinrichtung wurden sämtliche Opfer der Prozesse offiziell rehabilitiert.

Im Lichte dieser Geschichte konnten wir Pipes’ Versuch, im Interesse seiner eigenen reaktionären politischen Zielsetzungen die Moskauer Prozesse zu rehabilitieren, nicht mit passivem Gleichmut hinnehmen. Wenn über solche Ereignisse Lügen verbreitet werden, dann ist das ein Schlag gegen das Geschichtsbewusstsein der Menschheit. Jeder von uns ist empört, wenn er von Versuchen liest oder hört, die Tatsache des Holocaust zu leugnen. Wenn bestritten wird, dass sechs Millionen Juden vom Faschismus ermordet wurden, dann bedeutet das die Vorbereitung eines neuen Völkermords. Und der stalinistische Terror gegen die sozialistische Arbeiterklasse und Intelligenz der Sowjetunion ist das Ereignis der modernen Geschichte, das dem Holocaust am nächsten kommt.

Sowohl der von den Nazis organisierte Holocaust als auch der von den Stalinisten organisierte Große Terror waren verbrecherische Folgen der konterrevolutionären Reaktion gegen die politische Massenbewegung der sozialistischen Arbeiterklasse in ganz Europa. Zwar beruhten das Nazi- und das Stalinistenregime auf ganz unterschiedlichen ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen. Aber ihrer politischen Orientierung nach verkörperten sowohl der russische Stalinismus als auch der deutsche Faschismus eine reaktionäre nationalistische Reaktion auf den sozialistischen Internationalismus, der unter dem Einfluss des Marxismus in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einer sehr mächtigen Kraft in der europäischen Arbeiterklasse geworden war. Hitler und Stalin versuchten beide auf ihre Weise das politische, geistige, kulturelle und ethische Niveau zu zerstören, das der Marxismus über Generationen hinweg in der Arbeiterbewegung geschaffen hatte. Hitlers Methode war der ethnisch motivierte Völkermord. Stalin handelte zielgerichteter: Sein Völkermord ging von einer politischen Selektion aus. Er suchte all jene heraus, die durch ihre Politik oder geistigen Leistungen den Einfluss der sozialistischen Traditionen widerspiegelten, die die Oktoberrevolution beseelt hatten, und befahl ihre Vernichtung.

Lassen Sie mich nun wieder direkter auf das Problem zurückkommen, das im Titel dieses Vortrags genannt wird: der Beziehung der Moskauer Prozesse zu der gegenwärtigen Krise des politischen Lebens in den Vereinigten Staaten. Diese Prozesse hatten tiefgreifende und langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung des politischen Lebens in unserem Land. Das opportunistische Liebäugeln eines Teils der Volksfront-Liberalen mit dem Stalinismus hinterließ in der Politik einen bitteren Nachgeschmack. Viele Intellektuelle hatten sich durch die Moskauer Prozesse zutiefst blamiert, wenn nicht vollständig diskreditiert. Als im März 1938 der dritte Prozess stattfand – Hauptangeklagter war Bucharin – war es praktisch unmöglich geworden, weiterhin so zu tun, als sei das sowjetische Justizsystem völlig in Ordnung. Die einstigen liberalen Verteidiger des Stalinismus waren aber nicht geneigt, ihren Irrtum ehrlich zuzugeben oder zu untersuchen, weshalb ihr Urteil derart fehlgegangen war. In diesen Kreisen kam nun eine neue Stimmung auf. Die liberalen Bewunderer des Stalinismus gestanden sich allmählich ein, dass die Prozesse vielleicht doch ein Hohn auf die Gerechtigkeit gewesen waren. Aber die unglückseligen Ereignisse in Moskau, behaupteten sie nun, zeigten, wohin es führte, wenn man die Gesellschaft mit revolutionären Methoden ändern wollte. »Gewalt gebiert Gewalt!« »Die Moskauer Prozesse entsprangen der Unmoral, wenn nicht Schlechtigkeit des Bolschewismus.« »Was 1937 geschah, hatte 1917 begonnen!« »Stalin mag schlecht sein, aber Trotzki wäre noch schlimmer gewesen!«

Zum großen Teil wurzeln diese Argumente, die dann zu jahrelang wiederholten Clichés wurden, um den Sozialismus herunterzureden, in den Rechtfertigungsversuchen des kleinbürgerlichen amerikanischen Liberalismus für seine Komplizenschaft während der furchtbaren Ereignisse der späten 1930er Jahre. Die Enttäuschung der Liberalen über den Stalinismus trieb sie auf den Weg des geringsten Widerstandes – nicht zu einer revolutionären marxistischen Kritik an der Sowjetbürokratie, sondern zur allgemeinen Verwerfung jedes aktiven Interesses am Sozialismus oder jeder Unterstützung für ihn. Besonders ausgeprägt wurde dieser Trend nach der Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Pakts, den die ehemaligen Freunde der UdSSR nicht als Verrat an der Arbeiterklasse und am internationalen Sozialismus auffassten – das hätten sie verzeihen können –, sondern als Treuebruch an der Außenpolitik der Roosevelt-Regierung.

Nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion im Juni 1941 und dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg im darauffolgenden Dezember kam es zu einer zeitweiligen opportunistischen Annäherung zwischen der liberalen Intelligenz und dem Stalinismus. Die Liberalen konnten, ohne ihren Ruf oder ihre Karrieren zu gefährden, Patriotismus und freundschaftliche Stellungnahmen für die UdSSR miteinander in Einklang bringen. Aber dieser glückliche Zustand dauerte nur bis Kriegsende, oder genauer, bis Churchill im März 1946 in einer Rede in Fulton, Missouri, seine Metapher vom »eisernen Vorhang« prägte.

Der Liberalismus und der Kalte Krieg

Mit dem Beginn des Kalten Krieges verschob sich die öffentliche Meinung rasch nach rechts. Ein heftiger Antikommunismus erfasste die Reihen des amerikanischen Liberalismus und trug viel zur Schaffung des reaktionären Umfelds bei, ohne das die Hexenjagd der späten 1940er und frühen 1950er Jahre undenkbar gewesen wäre.

Man kann viele Gründe für die ehrlose Rolle anführen, die der amerikanische Liberalismus spielte, als er zu der Welle der Reaktion beitrug, die so verheerende, bleibende Auswirkungen auf das geistige Niveau und das allgemeine politische Klima in den Vereinigten Staaten hatte. Mit Sicherheit war der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg ein wichtiger materieller Faktor für die Schwächung der radikalen politischen Strömungen. Die Rückkehr des Wohlstands und die neue Vormachtstellung der Vereinigten Staaten in der Weltpolitik ließen den Glauben an die Zukunft des Kapitalismus wieder aufleben. Das sogenannte amerikanische Jahrhundert war angebrochen. Die Verbesserung der sozialen Bedingungen, oder zumindest der Eindruck, dass der amerikanische Kapitalismus über die materiellen Mittel verfügte, um die bestehenden Probleme im Inland zu lösen, trugen zu dem wachsenden Konservatismus und zur Selbstzufriedenheit des Liberalismus bei.

Aber die ausgesprochene Heftigkeit des amerikanischen Antikommunismus und besonders die Tatsache, dass er auf so wenig organisierten Widerstand stieß, können nicht ausschließlich auf die materiellen Umstände des Nachkriegswohlstands zurückgeführt werden. Andere politische und ideologische Faktoren kamen hinzu. Vor allem darf man nicht unterschätzen, wie gründlich es die amerikanischen Stalinisten geschafft hatten, sich mit ihrer Unaufrichtigkeit und ihrem Zynismus bei breiten Schichten der Arbeiterklasse restlos verhasst zu machen. Der Ausdruck »stalinistischer Lump« wurde in der amerikanischen Arbeiterbewegung zum geflügelten Wort. Man dachte dabei an einen doppelzüngigen kleinen Bürokraten, der einfach »die Linie nachplapperte«, ohne sich darum zu kümmern, wie es der Arbeiterklasse dabei erging.

Die amerikanischen Stalinisten waren direkt an der GPU-Verschwörung beteiligt, die im August 1940 zum Mord an Trotzki führte, und sie unterstützten die Anklage wegen Volksverhetzung, die 1941 gegen die Führer der trotzkistischen Socialist Workers Party erhoben wurde. Sie unterstützten dabei die Anwendung eben der Gesetze, die einige Jahre später gegen sie selbst verwendet werden sollten. Im Gegensatz zu den stalinistischen Parteien in Westeuropa, denen es aufgrund ihrer Beteiligung an den Widerstandsbewegungen gegen die Nazis gelang, ihren Ruf zu retten, widersetzte sich die Kommunistische Partei in den Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs allen Ansätzen zu Arbeitskämpfen oder politischem Radikalismus. Bei Kriegsende hatten die Stalinisten daher unter den kämpferischsten Arbeitern jede Glaubwürdigkeit verloren. Nur eine so prinzipienlose, so zynische und so verlogene Organisation wie die amerikanische Kommunistische Partei konnte ihre rechten Gegner in der CIO-Bürokratie in die Lage versetzen, sich als getreue Vorkämpfer für die Rechte der amerikanischen Arbeiterklasse zu verkaufen.

Aber weder die Aktivitäten der amerikanischen Stalinisten noch die Politik der Sowjetunion liefern eine hinreichende Erklärung für die Rechtswende der liberalen Intelligenz nach dem Krieg. Immerhin muss die Frage beantwortet werden, weshalb sich ihre Opposition gegen den Stalinismus vor allem in Unterstützung für die Kalte-Kriegs-Politik des amerikanischen Imperialismus niederschlug. Ein wichtiger Teil der Antwort auf diese Frage liegt darin, dass sie die Ursprünge und den Charakter des stalinistischen Regimes in der Sowjetunion weder theoretisch noch politisch verstand. Die Haltung der liberalen Intelligenz gegenüber der Sowjetunion hatte sich zwischen 1936 und 1946 dramatisch verändert. Und doch waren diese pro- und kontra-sowjetischen Positionen durch eine politische und theoretische Kontinuität verbunden. Als sie Stalin gegen Trotzki unterstützte, und dann Truman gegen Stalin, setzte die liberale Intelligenz in beiden Fällen den Stalinismus mit dem Marxismus gleich.

Dadurch brachte sie sich in eine politisch und intellektuell unhaltbare Lage. Auf der Grundlage der einfachen Formel, Stalinismus ist gleich Marxismus und Sozialismus, boten sich nur zwei Alternativen. Die erste bestand darin, von rechts gegen den Stalinismus aufzutreten, d.h. als Anhänger des amerikanischen Imperialismus; die zweite war die Rolle eines Apologeten des Stalinismus. Die »New Republic« landete im ersten Lager, die »Nation« im zweiten.

Das Schicksal der liberalen und demokratischen Intelligenz in den Vereinigten Staaten zeigte, dass es unmöglich war, eine prinzipielle radikale Opposition gegen sowohl Stalinismus als auch Imperialismus zu vertreten, ohne den Charakter des Sowjetregimes zu verstehen. In den 1930er Jahren hatte sich die liberale Intelligenz mit wenigen Ausnahmen die Gleichsetzung von Stalinismus und Marxismus zu eigen gemacht. Zehn und fünfzehn Jahre später ging sie immer noch von dieser falschen, reaktionären Gleichbedeutung aus. Diejenigen, die ihre Haltung zur Sowjetunion einfach umdrehten und alles Positive, das sie in den 1930er Jahren dem Stalinismus zugeschrieben hatten, zehn Jahre später ins Negative verkehrten, schlossen sich unweigerlich den Hexenjägern in Politik und Kultur an.

Natürlich wurzelte die Evolution der liberalen Intelligenz in den späten vierziger Jahren in letzter Analyse in den materiellen Interessen der kleinbürgerlichen Gesellschaftsschicht, aus der sie sich größtenteils zusammensetzte. Die persönlichen Eigenschaften, die man in dieser Schicht so häufig antrifft – Selbstsucht, Egoismus, Feigheit usw. –, trugen als Faktoren zu der Rolle bei, die einige Individuen in diesem Prozess spielten. Aber die große Bedeutung des intellektuellen Faktors – d.h. das Fehlen eines allgemeinen theoretischen Verständnisses der welthistorischen Bedeutung der Oktoberrevolution und insbesondere der historischen Ursprünge und der Bedeutung des Stalinismus – muss gebührend in Rechnung gestellt werden. Nicht nur die Nichtsnutze und Feiglinge der liberalen Intelligenz waren es, die in den 1940er Jahren ins Kielwasser des amerikanischen Imperialismus gerieten. Selbst ein John Dewey strauchelte böse nach den Prozessen – trotz seiner Intelligenz, seiner Integrität und seines Mutes. Er entlarvte die Prozesse, aber er konnte sie nicht erklären. Dewey flüchtete sich in hohle Plattheiten über die bolschewistische Methode, die unweigerlich zu den Verbrechen des Stalinismus führe. Auf dieser Grundlage teilte Dewey in seinen letzten Lebensjahren die Kalte-Kriegs-Auffassungen so vieler Geringerer im liberalen Lager. Wenn Dewey keinen würdigen Nachfolger hinterließ, dann deshalb, weil der amerikanische Liberalismus nichts auch nur im Entferntesten Progressives mehr zu sagen hatte.

Wir haben versucht aufzuzeigen, wie die verwickelte Beziehung zwischen der alten liberalen Intelligenz und dem Stalinismus zur Stagnation des politischen und geistigen Lebens in den Vereinigten Staaten beitrug. Das gesellschaftliche Denken kommt nicht vorwärts, weil es in der falschen Gleichsetzung von Stalinismus und Marxismus festgefahren ist. Die Lügen von Scheingelehrten wie Pipes, die von den Verdummungsmedien über alle Maßen aufgeblasen werden, befestigen diese wesentliche Grundlage der reaktionären und konformistischen Politik in den Vereinigten Staaten. Ohne ein Verständnis von Aufstieg, Niedergang und Fall der Oktoberrevolution – das man nur auf der Grundlage eines sorgfältigen Studiums des Kampfes der trotzkistischen Bewegung gegen den Stalinismus erlangen kann – gibt es keinen Ausweg aus dieser Sackgasse.

Intellektueller Konformismus und die Krise der US-Gesellschaft

Wie dringend notwendig es ist, dieses Problem in den Griff zu bekommen, zeigt das heutige politische Leben. Die Vereinigten Staaten machen eine enorme soziale Krise durch, deren Anzeichen jeder erkennen kann, der die Augen aufmachen und sich ehrlich Rechenschaft ablegen will. Dennoch findet man praktisch keine ernsthafte Erörterung dieser Fragen, in der die Tragfähigkeit des bestehenden Wirtschaftssystems angetastet würde. Von den Massenmedien kann man so etwas natürlich nicht erwarten. Aber selbst in den spezialisierten Zeitschriften findet man praktisch nichts, außer den vulgärsten, billigsten und abgedroschensten Ideen. Selten trifft man auf die bloße Andeutung, dass eine Alternative zum Kapitalismus gefunden werden müsse. Und selbst wenn man zufällig auf einen Autor oder Dozenten trifft, der augenscheinlich etwas Intelligentes zu sagen versucht, so spürt man, dass diese Person Selbstzensur übt und bedacht ist, nicht über das hinauszugehen, was im Rahmen des Kapitalismus möglich und zulässig ist.

Diese intellektuelle Stagnation dauert nun schon so lange, dass sich kaum einer noch der ernsten Zweifel an der Tauglichkeit des Kapitalismus als Gesellschaftssystem erinnert, die bis zur Nachkriegsperiode unter einer breiten Schicht liberaler Intellektueller durchaus üblich waren. Studenten, die sich bisher von der mageren Kost der geistigen und politischen Konformität nähren mussten, werden überrascht sein, wenn sie einen Band der politischen Schriften John Deweys aus den frühen 1930er Jahren zur Hand nehmen. Dewey war kein Marxist. Er war kein Revolutionär. Man könnte ihn nur unter großen Vorbehalten als Sozialisten bezeichnen. Aber wenn man diesen ehrwürdigen Dekan der alten liberalen Tradition vor dem Hintergrund der heutigen Stagnation und Gleichschaltung liest, dann erscheint er weitaus radikaler als in seiner eigenen Zeit, und mit Sicherheit weitaus mutiger und linker als irgendeine Tendenz, die sich heute liberal oder sogar radikal nennt.

Wenn Sie in die Bibliothek gehen und einen Band von Deweys politischen und gesellschaftlichen Schriften durchsehen, werden Sie auf einen Absatz nach dem anderen stoßen, der ihm, würde er heute leben und solche Dinge schreiben, wahrscheinlich den Zugang zu jedem amerikanischen Lehrstuhl verbauen oder ihn zumindest der Unbekanntheit anheimgeben würde.

Ich möchte einen charakteristischen Absatz zitieren, der während der Depression geschrieben wurde:

Wenn die äußeren, sensationellen Merkmale der heutigen Krise vorübergegangen sind, wenn die Verhältnisse zu dem vergleichsweise beschaulichen Zustand namens »Normalität« zurückgekehrt sind, werden sie dann alles vergessen? Werden sie sich sogar selbstgefällig zu der Großzügigkeit gratulieren, mit der die Gesellschaft die Not linderte? Oder werden sie die Ursachen des Arbeitslosenübels erkennen und das Gesellschaftssystem verbessern? Wenn sie Ersteres tun, wird die Depressionszeit früher oder später mit verstärkter Wucht wiederkehren, bis das Gesellschaftssystem mit Gewalt geändert wird. Die Alternative besteht darin, die Verantwortung der Gesellschaft für das Übel in der Weise anzuerkennen, dass man in planvoller Voraussicht und bewusster Entscheidung die Wirtschafts- und Finanzstruktur der Gesellschaft selbst ändert.

Nur ein Systemwandel wird jedem Menschen das Recht auf Arbeit verschaffen und jedem ein Leben in Sicherheit ermöglichen.[15]

Solche offensichtlichen Wahrheiten werden heute kaum ausgesprochen. Jede Diskussion über gesellschaftliche und politische Fragen wird von einer großen Lüge zunichte gemacht: der Gleichsetzung des Marxismus mit dem Stalinismus. Gerade heute wird der Zusammenbruch der Sowjetunion als endgültiger Beweis angeführt, dass der Sozialismus nicht machbar sei und es keine Alternative zum Kapitalismus gebe. Der politische Effekt dieser Lüge besteht darin, jeden ernsthaften Versuch, die immer tiefere soziale Krise in den Griff zu bekommen, im Keim zu ersticken. Selbst wer die Existenz dieser Krise anerkennt und sie beschreibt, bietet keine ernsthafte Lösung an. Nehmen Sie zum Beispiel das kürzlich erschienene Buch des Ökonomen des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Lester Thurow, »Die Zukunft des Kapitalismus«. Dieses Buch bordet über von anschaulichen Wirtschaftsdaten, die eindeutig das Scheitern des Kapitalismus als Gesellschaftssystem belegen.

Und doch zieht Thurow diese Schlussfolgerung nicht. Auch er praktiziert gewissenhaft Selbstzensur. Dennoch gibt uns Thurow eine schockierende Dokumentation über die Zunahme der Ungleichheit und allgemeinen Armut an die Hand. Er stellt fest, dass alle Einkommenserhöhungen bei männlichen Personen während der 1980er Jahre an die obersten 20 Prozent der Lohn- und Gehaltsempfänger gingen. 64 Prozent dieser Erhöhungen entfielen auf das oberste eine Prozent. Die Gehälter der im »Fortune 500« aufgeführten Vorstandsmitglieder stiegen zwischen 35- und 157-mal so viel an wie die des durchschnittlichen Produktionsarbeiters. Thurow vermerkt die dramatischen Reallohneinbußen männlicher Lohnempfänger über das letzte Vierteljahrhundert hinweg. Obwohl das Bruttosozialprodukt seit 1973 um 29 Prozent gestiegen ist, sind die Durchschnittslöhne um 11 Prozent gesunken. Nur die Angehörigen der oberen Mittelklasse und noch höheren Gesellschaftsschichten erlebten in dieser langen Zeit eine reale Steigerung ihres Lebensstandards. Die unteren Schichten dagegen erlitten schlimme Einbußen. Die Reallöhne von Arbeitern zwischen 25 und 34 Jahren sind seit den frühen 1970er Jahren um ein Viertel gefallen. Unter den jungen Arbeitern unter 24 Jahren ist der Anteil jener, die weniger als die offizielle Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie verdienen, von 18 Prozent im Jahr 1979 auf 40 Prozent 1989 gestiegen.

Die vielleicht bemerkenswerteste Tatsache, die Thurow anführt, besteht darin, dass bei Anhalten der gegenwärtigen Trends bis zum Ende dieses Jahrzehnts der Zeitraum von 1950 bis zum Jahr 2000 das erste halbe Jahrhundert in der amerikanischen Geschichte sein wird, in dem der Lebensstandard real zurückgegangen ist. Thurow stellt fest, dass es niemals zuvor eine derartige Welle an Entlassungen und Umstrukturierungen bei den Konzernen gegeben hat, die sich auf den Lebensstandard sehr breiter Schichten der arbeitenden Bevölkerung so verheerend auswirkten.

Die Folgen dieser Entlassungen und Umstrukturierungen waren schwer und dauerhaft. Von all jenen, die in der ersten Abbauwelle der 1980er Jahre ihren Arbeitsplatz verloren, fanden 12 Prozent nie mehr eine Stelle, und 17 Prozent blieben mindestens zwei Jahre arbeitslos. Von den 71 Prozent, die wieder eingestellt wurden, nahmen 31 Prozent Lohneinbußen von 25 Prozent oder mehr hin. Thurow schreibt auch über ein wachsendes »Lumpenproletariat« aus Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen. Vierzig Prozent aller obdachlosen ledigen Männer waren schon einmal im Gefängnis.

Er fasst die Zunahme des sozialen Elends und der Ungleichheit wie folgt zusammen:

Ohne Revolution, ohne militärische Niederlage mit anschließender Besetzung des Landes durch die Siegermächte hat wohl kein Land je eine so schnell wachsende und immer breiter werdende Kluft zwischen arm und reich erlebt wie die Vereinigten Staaten in den letzten beiden Jahrzehnten. Sinkende Reallöhne bei gleichzeitig steigendem Pro-Kopf-BIP hat es in Amerika nie zuvor gegeben.[16]

Thurow gelangt zu der Schlussfolgerung:

Da wir über keinerlei Vision verfügen, auf deren Grundlage die gigantischen Umstrukturierungsmaßnahmen eingeleitet werden könnten, die notwendig wären, um die Disparitäten auszugleichen und einen Anstieg der Reallöhne zu bewirken, stellt sich die Frage, was als nächstes geschieht. Wie weit darf das Einkommensgefälle gehen, und wie weit können die Reallöhne sinken, ehe es in einer Demokratie zur Zerreißprobe kommt? Das kann niemand sagen, da der Fall sich noch nie ereignet hat und das Experiment noch nie unternommen wurde.[17]

Nun stellt sich die Frage, weshalb es keine »Vision« als Anleitung für den großen Umbau der Gesellschaft gibt, der doch so offenkundig notwendig ist. Thurows Antwort illustriert die Aussage, die ich mit diesem Vortrag untermauern wollte: »Durch das Ende von Kommunismus und Sozialismus hat der Kapitalismus zur Zeit einen Vorteil. Es gibt keine plausible andere Gesellschaftsordnung, mit der er konkurrieren müsste. Es kann keine Revolution gegen etwas stattfinden, wenn es ideologisch keine Alternative gibt.«[18]

Thurows Aussage zeigt uns die Bedeutung der kolossalen Lüge, dass der Stalinismus und der Marxismus ein und dasselbe seien. Der Wiederaufbau einer revolutionären Arbeiterbewegung auf der Grundlage marxistischer Prinzipien und wahrhaft sozialistischer Traditionen erfordert einen unerbittlichen Kampf gegen die Geschichtsfälscher. Diesen Kampf werden wir gewinnen, denn wenn die Geschichte irgendetwas beweist, dann dass die Wahrheit auf lange Sicht stärker ist als die Lüge.

Anmerkungen

[1] Vortrag an der Michigan State University in East Lansing vom 23. April 1996.

[2] Richard Pipes, »The Seeds of His Own Destruction«, in: The New York Times, 24.3.1996, http://www.nytimes.com/1996/03/24/books/the-seeds-of-his-own-destruction.html?pagewanted=all&src=pm, aufgerufen am 24.11.2014 (aus dem Englischen).

[3] Ebd. (aus dem Englischen).

[4] W.I. Lenin, »Brief an den Parteitag«, in: Werke, Bd. 36, Berlin (Ost) 1971, S. 579.

[5] Pipes, »The Seeds of His Own Destruction«, 1996 (aus dem Englischen).

[6] Ebd.

[7] Siehe Anhang 1 und 2.

[8] Writings of Leon Trotsky 1936–37, New York 1978, S. 173f. (aus dem Englischen).

[9] Ebd., S. 179f. Siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=b3nD5bFm3Jg, aufgerufen am 29.11.2014 (aus dem Englischen).

[10] The Nation, 2. Februar 1937.

[11] Malcolm Cowley, »The Record of a Trial«, in: The New Republic, 7.4.1937, S. 267–269 (aus dem Englischen).

[12] John Dewey, »Truth is on the March«, in: Jo Ann Boydston (Hrsg.), John Dewey: The Later Works, 1925–1953, Bd. 11, Carbondale 1987, S. 318f. (aus dem Englischen).

[13] Preliminary Commission of Inquiry, The Case of Leon Trotsky: Report of Hearings on the Charges Made Against Him in the Moscow Trials, New York 1968, S. 584f. (aus dem Englischen).

[14] John Dewey, »Summary of Findings«, in: Boydston (Hrsg.), John Dewey: The Later Works, Bd. 11, S. 322f. (aus dem Englischen).

[15] John Dewey, »The Jobless – A Job for All of Us«, in: Jo Ann Boydston (Hrsg.), John Dewey: The Later Works, 1925–1953, Bd. 6, Carbondale 1985, S. 155 (aus dem Englischen).

[16] Lester C. Thurow, Die Zukunft des Kapitalismus, Düsseldorf/München 1996, S. 66.

[17] Ebd., S. 384.

[18] Ebd., S. 455.

4.

Leo Trotzki und das Schicksal des Sozialismus im 20. Jahrhundert:
Eine Antwort auf Professor Eric Hobsbawm
[1]

Widmung

Vor anderthalb Jahren hatte ich die Ehre, den Vorträgen von Professor Wadim Rogowin in Australien beizuwohnen. Nach dem zweiten Vortrag in Melbourne führte ich mit einer engen Freundin und Unterstützerin unserer Bewegung eine interessante Diskussion über die Bedeutung Leo Trotzkis. Dabei kamen mir viele Gedanken, über die ich mit ihr sprach. Sie äußerte die Hoffnung, dass ich diese Gedanken eines Tages in einem eigenen Vortrag ausarbeiten würde. Ich antwortete, dass ich mich auf eine solche Gelegenheit freuen würde.

Diese Freundin, Judy Tenenbaum, die Mutter von Linda Tenenbaum, die diese internationale Sommerschule leitet, ist leider Anfang letzten Jahres verstorben. Für uns alle, die sie kannten, war das ein großer Verlust. Ich möchte diesen Vortrag ihrem Andenken widmen. Ich betrachte dies als Dank und Pflicht gegenüber einer Frau, die mich immer herzlich willkommen hieß, wenn ich nach Australien kam und die Möglichkeit hatte, sie zu besuchen.

Der Verlust des Optimismus

Ende 1899 schrieb der große marxistische Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie Franz Mehring, das 20. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Erfüllung sein, so wie das neunzehnte das Jahrhundert der Hoffnung gewesen sei. Die Geschichte werde vielleicht einen komplizierteren Verlauf nehmen als erwartet, darüber könne kein Prophet zuverlässig Auskunft geben. »Aber«, bekundete er, »mit freudigem Mute und stolzer Zuversicht überschreitet das klassenbewusste Proletariat die Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts.«[2]

Mehring brachte den Optimismus zum Ausdruck, der am Vorabend des 20. Jahrhunderts in der sozialistischen Bewegung allgemein vorherrschte. Er sprach für eine Bewegung, die leidenschaftlich von der historischen Mission des Sozialismus erfüllt war. Kaum mehr als 50 Jahre waren vergangen, seit Marx und Engels das Kommunistische Manifest geschrieben hatten. Nur 40 Jahre vorher hatte Marx noch als verarmter und isolierter Revolutionär im Londoner Exil gelebt. Und nur 20 Jahre vorher hatte Bismarck die sozialistische Tätigkeit in Deutschland weitgehend verboten. Doch als sich das 19. Jahrhundert seinem Ende zuneigte, da war die Sozialdemokratische Partei ungeachtet der Sozialistengesetze zur größten politischen Partei des Landes herangewachsen. Überdies war der Sozialismus über die Grenzen Deutschlands hinaus zu einer mächtigen internationalen Bewegung geworden. Unter ihren Anhängern befanden sich unzählige Männer und Frauen, die sich durch außergewöhnlichen Mut, große Visionen und bisweilen echte Genialität auszeichneten.

Der Optimismus, dem die Sozialisten einen revolutionären Ausdruck verliehen, machte sich in der gesamten Gesellschaft, auch innerhalb der Bourgeoisie und der gebildeten Mittelklasse, bemerkbar. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig erinnerte sich in seinen Memoiren, die er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu Papier brachte, an die zur Jahrhundertwende vorherrschende Zuversicht wie an einen verblichenen nahen Freund:

Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur »besten aller Welten« zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen … Dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen »Fortschritt« hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen »Fortschritt« schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und Technik.[3]

Die traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, das manchmal wie die Grabstätte aller Hoffnungen der Menschheit erscheint, haben von diesem Glauben nur sehr wenig übrig gelassen. Im schrecklichen Lichte all dessen, was im 20. Jahrhundert geschah – der beiden Weltkriege, der unzähligen regionalen Blutbäder, der gescheiterten Revolutionen, des Holocaust –, wird der Optimismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts als naives Vertrauen in die menschliche Vernunft und als irriger Fortschrittsglaube angesehen.

Wir nähern uns dem neuen Jahrtausend, aber durchgreifende Verbesserungen für die Menschheit werden kaum erwartet. Bestenfalls trifft man auf die zaghafte Hoffnung, dass den Menschen im neuen Jahrhundert die Schrecken des vergangenen erspart bleiben. Es ist eine traurige Tatsache, dass der bevorstehende Ausgang dieses Jahrhunderts vor allem ein Gefühl der Erleichterung hervorruft, wie man es am Ende einer außerordentlich beschwerlichen und mühseligen Reise verspürt.

Man kann sich leicht die Themen der Jahrhundertrückblicke ausmalen, mit denen wir bald überflutet werden: das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert von unvorstellbaren Schrecken, Massenmorden und totalitärer Bestialität. Es ist unbestreitbar, dass solche Beschreibungen in gewissem Maße zutreffen. Zu häufig und im falschen Sinne gebraucht, können sie allerdings zu abgedroschenen Binsenwahrheiten werden. In den Händen der Medien werden sie zu Phrasen, die das Denken abtöten, anstatt es zu erhellen. Ausgehend von den bisherigen Veröffentlichungen zu diesem Thema kann man davon ausgehen, dass sämtliche Gewalttaten und Tragödien des 20. Jahrhunderts als Beweis für die Schädlichkeit jeglicher »Ideologie« herhalten müssen, insbesondere des Marxismus, um so die Vergeblichkeit jeder revolutionären Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung zu unterstreichen.

Das 20. Jahrhundert war Zeuge der gigantischsten Umwälzungen der Weltgeschichte. Niemals zuvor sind die Massen in derart dramatischem Umfang und mit einem solch hohen Bewusstseinsstand aktiv geworden. Umgekehrt sind nie zuvor revolutionäre Massenbewegungen derart skrupellos mit brutaler Gewalt niedergeschlagen worden. Die Moralisten der bürgerlichen Medien übersehen im Allgemeinen, dass die schlimmsten dieser Verbrechen direkt (in Deutschland und Spanien) oder indirekt (in der Sowjetunion) der Verteidigung des Kapitalismus auf Weltebene dienten.

An Tragödien hat es dem 20. Jahrhundert nicht gemangelt. Doch sie widerspiegelten auch die Größe der anstehenden historischen Aufgaben. Zum ersten Mal stellte sich die Menschheit als praktische Aufgabe die Abschaffung der Klassengesellschaft. Sie versuchte, die Vorgeschichte des Menschengeschlechts abzuschließen. Die bolschewistische Revolution im Oktober 1917 war, ungeachtet des weiteren Schicksals der Sowjetunion, ein unumstößlicher Meilenstein auf dem historischen Weg des menschlichen Fortschritts. Solche »deterministische« Anschauungen mögen heutzutage aus der Mode gekommen sein, dennoch sind wir der Überzeugung, dass in der Oktoberrevolution die mächtigsten Tendenzen der gesetzmäßigen Entwicklung des Menschen als gesellschaftliches Wesen ihren notwendigen, wenn auch nur vorläufigen Ausdruck fanden. Ein neuerlicher Anlauf zur Vollendung dessen, was im Jahr 1917 begonnen wurde, ist unserer Überzeugung nach unvermeidlich.

Die wichtigste politische und theoretische Aufgabe unserer Zeit ist daher das Studium des Oktobers 1917, der ersten proletarischen sozialistischen Revolution, und ihrer Folgezeit – nicht nur in Sowjetrussland, sondern auf der ganzen Welt. Zusammengenommen bildet dies das wesentlichste Element in der Gesamtheit der strategischen historischen Erfahrungen, aus denen Marxisten die theoretischen und praktischen Lehren ableiten müssen, die der Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert als Leitfaden dienen werden. Jede ernsthafte Diskussion über die Aussichten des Sozialismus – und damit über die Zukunft der Menschheit – muss sich mit der Oktoberrevolution auseinandersetzen. Man kann diese Revolution unterstützen oder ablehnen, übergehen kann man sie nicht. Wie man die Probleme des heutigen Tages beantwortet, hängt unmittelbar damit zusammen, wie man die Oktoberrevolution, ihre Folgen, ihr Schicksal und ihr Vermächtnis bewertet.

Wenn die Oktoberrevolution zum Scheitern verurteilt war, wenn die bolschewistische Machteroberung von vornherein ein verhängnisvolles Unterfangen war, wenn der Stalinismus das unausweichliche Ergebnis des Bolschewismus war, wenn sich die Verbrechen der stalinistischen Ära direkt aus der Idee der »Diktatur des Proletariats« ergaben, und wenn der letztendliche Zusammenbruch der Sowjetunion den Bankrott der sozialistischen Wirtschaft beweist, dann hat der Marxismus selbstredend politisch, geistig und moralisch auf ganzer Linie Schiffbruch erlitten. Dies ist gegenwärtig die vorherrschende Ansicht unter Akademikern an den Universitäten. Wenn andererseits die Oktoberrevolution reale andere Möglichkeiten in sich barg, wenn der Stalinismus nicht dem Bolschewismus, sondern seinem Gegenteil entsprang, wenn der Aufstieg des Stalinismus auf den Widerstand der Marxisten traf, dann stellt sich die historische Lage des revolutionären Sozialismus ganz anders dar.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale vertritt den letzteren Standpunkt und stellt sich damit in Gegensatz nicht nur zu den offenen und ungenierten Verteidigern der Reaktion, sondern auch zu der von Skepsis, Demoralisierung und politischer Abkehr geprägten Stimmung so vieler, die sich bis vor Kurzem noch für Sozialisten hielten.

Insbesondere die vom Stalinismus Beeinflussten haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – den sie überhaupt nicht erwartet hatten – ihre Haltung zur Oktoberrevolution und deren geschichtlichem Stellenwert von Grund auf geändert. Die Reaktion, bemerkte Leo Trotzki einst, bezwingt ihre Gegner nicht nur, sondern überzeugt sie auch. Viele langjährige Freunde der Sowjetunion (oder vielleicht genauer der Sowjetbürokratie), die früher Lenin und die »große Oktoberrevolution« über die Maßen bewunderten – und sich deshalb für sehr fortschrittlich hielten –, betrachten sie jetzt als ein Unglück, das niemals hätte geschehen dürfen. Die Machteroberung war ein fürchterlicher Fehler. Wenn sie daher überhaupt eine Lehre aus dem Oktober 1917 und seinen Folgen ziehen, dann lautet sie, dass das gesamte Vorhaben des revolutionären Sozialismus, wie es von Marx entworfen und von Lenin in die Tat umgesetzt wurde, auf tragische und unwiderrufliche Weise widerlegt worden sei.

Diese Perspektive ergibt sich aus einem Buch des britischen Historikers Eric Hobsbawm, der lange Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei war. Es trägt den Titel »Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?« und enthält diverse Essays und Vorträge aus den letzten 30 Jahren. Sie decken ein weites Themenfeld ab, der Schwerpunkt des Bandes liegt jedoch auf der historischen Bedeutung der Oktoberrevolution.

Da ich viel Schlechtes über Professor Hobsbawms Buch sagen werde, möchte ich eingangs deutlich machen, dass er im Laufe seiner langen beruflichen Laufbahn als Historiker zahlreiche wertvolle wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt hat. Seine Schriften zur Französischen Revolution und zur Entwicklung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert sind wohldurchdachte und einfühlsame Studien. Ein jüngeres Werk, eine kritische Analyse des Nationalismus und des Nationalstaates, enthält viele wertvolle und zeitgemäße Einsichten.

Mit dem Thema der Russischen Revolution begibt sich Professor Hobsbawm allerdings auf für ihn gefährliches Terrain, denn hier wird seine wissenschaftliche Tätigkeit durch seine politische Einstellung kompromittiert. Hobsbawm hat einmal eingestanden, dass er es als Mitglied der Kommunistischen Partei (KP) Großbritanniens vermied, über die Russische Revolution und das 20. Jahrhundert zu schreiben, weil die politische Linie seiner Partei der Wahrheitsfindung Grenzen gesetzt hätte. Weshalb er dennoch Mitglied einer Partei blieb, die ihn zu Lügen gezwungen hätte – diese Frage hat er nie überzeugend beantwortet. Es wäre besser für ihn und kein Verlust für die Geschichtsschreibung gewesen, wenn er sich weiterhin auf Ereignisse vor 1900 beschränkt hätte.

Kontrafaktische Geschichtsschreibung

Das wichtigste Dokument in Hobsbawms Buch ist ein Vortrag, den er im Dezember 1996 hielt. Er trägt den Titel »Können wir die Geschichte der Russischen Revolution schreiben?«

Eingangs trifft Professor Hobsbawm eine berechtigte Feststellung. Er schreibt, dass »die heftigsten Debatten zur russischen Geschichte im 20. Jahrhundert nicht darüber geführt [wurden], was geschehen war, sondern was hätte geschehen können«.[4] Die Diskussion über die Sowjetunion, sagt er, werfe daher das Problem der »kontrafaktischen«[5] Geschichtsschreibung auf. Damit ist die Frage gemeint, inwieweit man hinsichtlich einer bestimmten historischen Situation glaubwürdig beurteilen kann, was mit ihrem Eintritt nicht geschah oder was andernfalls hätte geschehen können. Hobsbawm hat recht, wenn er feststellt, dass die Diskussion über die sowjetische Geschichte unzählige kontrafaktische Fragen aufwirft. Die wichtigste von ihnen lautet, ob die Russische Revolution einen grundlegend anderen Verlauf hätte nehmen können als die Entwicklung zur stalinistischen Diktatur.

Hobsbawm steht der Revolution wohlwollend gegenüber. Er ist der Ansicht, dass Lenin und die bolschewistische Partei in ihrer Politik von den unerbittlichen Realitäten der gegebenen politischen Umstände des Jahres 1917 ausgingen und die Macht gestützt auf eine große, ja unwiderstehliche Welle der Unterstützung unter den Volksmassen übernahmen. Dennoch gelangt er am Ende zu dem Schluss, es gebe keine Grundlage für die Aussage, die Revolution hätte wesentlich andere Ergebnisse zeitigen können.

Im Gegensatz zu Richard Pipes, der in der Oktoberrevolution nur eine finstere Verschwörung skrupelloser sozialistischer Ideologen gegen das russische Volk sah, anerkennt Hobsbawm die historischen Prozesse, die in der Revolution am Werk waren. Er gibt aber keine Einschätzung der Rolle des subjektiven Faktors – von Parteien, politischen Programmen, politischen Führern, des Massenbewusstseins usw. – im historischen Prozess. Als ernstzunehmender Historiker weiß Hobsbawm durchaus, dass es diesen subjektiven Faktor gibt und dass er den Ausgang der Ereignisse beeinflusst. Was er jedoch über die Beziehung zwischen objektiven und subjektiven Faktoren sagt, ist verworren, widersprüchlich, ungenau und verschwommen. Er gibt in seinen Bemerkungen über Lenin und Stalin zu: »Ohne den persönlichen Einsatz dieser einzelnen Männer wäre die Geschichte der Russischen Revolution zweifellos ganz anders verlaufen.«[6] Doch darüber, was in der Geschichte anders verlaufen wäre, äußert er nichts Bestimmtes.

Hobsbawm würde nicht bestreiten, dass Lenin in der Russischen Revolution eine bedeutende Rolle spielte. Aber er zögert stark, Kontrafaktisches – Alternativen – in einem historischen Szenario ohne Lenin zu erwägen. Was wäre geschehen, wenn es Lenin nicht gelungen wäre, 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückzukehren? Dazu könne man, so Hobsbawm, nicht viel mehr sagen, als dass sich die Dinge möglicherweise völlig anders entwickelt hätten, oder auch nicht. »Und weiter kommt man nicht, jedenfalls nicht im Reich der Tatsachen.«[7]

In einem anderen Abschnitt seines Vortrags, der sich mit der historischen Rolle Stalins befasst, meint Hobsbawm:

Man kann beispielsweise mit guten Gründen behaupten, dass das Projekt einer äußerst schnell vorangetriebenen Industrialisierung durch eine staatliche Planung in der Sowjetunion einen gewissen Spielraum für den ausgeübten Zwang von oben gehabt habe, doch wenn die Sowjetunion damals ein solches Projekt durchführen wollte, unabhängig davon, wieviel Millionen Sowjetbürger wirklich dahinterstanden, dann wäre es ohne gewisse Zwangsmaßnahmen nicht abgegangen, selbst wenn der Mann an der Spitze der Sowjetunion weniger erbarmungslos und grausam als Stalin gewesen wäre.[8]

Beiden Abschnitten liegt die Auffassung zugrunde, dass das subjektive Element keine entscheidende Bedeutung annehmen kann. In einem Vortrag über die historischen Alternativen der Russischen Revolution wächst sich diese Argumentation zu einer offenen Apologie des Stalinismus aus. Hobsbawm argumentiert folgendermaßen: Die bolschewistische Partei ergriff 1917 die Macht in der Hoffnung, dass eine Revolution in Deutschland, die Lenin für unmittelbar bevorstehend hielt, Sowjetrussland zu Hilfe kommen werde. Dies war eine katastrophale politische Fehlkalkulation. Obwohl Lenin vom Gegenteil überzeugt war, bestand zum Ende des Weltkriegs in Deutschland keine ernstzunehmende Aussicht auf eine Revolution. Die Einschätzung, die deutsche Arbeiterklasse sei 1918 von den sozialdemokratischen Führern verraten worden, tut Hobsbawm als Mythos ab. »Eine deutsche Oktoberrevolution oder etwas Ähnliches war einfach nicht im Gange und konnte daher auch nicht verraten werden.«[9]

Dieses Urteil sagt mehr über Hobsbawms historischen Pessimismus aus als über die Zustände in Deutschland im Jahr 1923. Er schreibt die Möglichkeit einer siegreichen Revolution in Deutschland einfach ab, ohne eine Einschätzung der wirklichen damaligen politischen Lage zu geben. Es gibt wertvolle Studien über den »Deutschen Oktober«, die überzeugend darlegen, dass der Ausgang der schweren Krise, die im Oktober 1923 in Deutschland herrschte, vom Vorgehen der Kommunistischen Partei abhing. Das war Trotzkis Standpunkt 1924, nachdem die Entscheidung der Kommunistischen Partei, einen geplanten Aufstand in letzter Minute abzusagen, in ein Fiasko geführt hatte.[10]

Theoretisch ergibt sich Hobsbawms Fehler aus einer fatalistischen Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des subjektiven politischen Handelns auf den Lauf der Ereignisse. Die folgende Passage bringt Hobsbawms Haltung auf den Punkt und zeigt, wie seine einseitige Herangehensweise in eine Rechtfertigung des Stalinismus umschlägt: Da es keine Chance für eine deutsche Version der Oktoberrevolution gegeben habe, war es »der Russischen Revolution … beschieden, den Sozialismus in einem rückständigen und alsbald völlig zerrütteten Land aufzubauen …«[11] Die Bolschewiki hatten also 1917 die Macht übernommen, »obwohl ihr Programm einer sozialistischen Revolution völlig unrealistisch war«.[12] Hier scheint sich Hobsbawm übrigens selbst zu widersprechen, indem er die entscheidende Rolle des subjektiven Faktors anerkennt und Lenins Fehler verheerende historische Folgen zuschreibt. Trotz aufrichtiger Überzeugungen und ehrbarer Absichten spielte Lenin auf Risiko und verlor. Das Ergebnis war der Sozialismus in einem Land. »Die Geschichte muss von dem ausgehen, was sich tatsächlich ereignet hat«, erläutert Hobsbawm. »Alles andere ist Spekulation.«[13]

Diese Auffassung ist reichlich hausbacken, denn das, »was sich ereignet hat« – wenn man darunter nur versteht, was die Tageszeitungen gemeldet haben –, ist mit Sicherheit nur ein kleiner Bestandteil des historischen Prozesses. Die Geschichtsschreibung muss sich schließlich nicht nur mit dem befassen, »was sich ereignet hat«, sondern auch mit den weitaus wichtigeren Fragen, weshalb sich das eine ereignet hat und das andere nicht, und was hätte geschehen können. Sobald man über ein Ereignis nachdenkt – d.h. darüber, »was sich ereignet hat« –, ist man gezwungen, auch die Vorgeschichte und die Umstände einzubeziehen. Ja, die Sowjetunion übernahm 1924 die Politik des »Sozialismus in einem Land«. Das »hat sich ereignet«. Aber die Opposition zum »Sozialismus in einem Land« hat sich auch »ereignet«. Der Konflikt zwischen der stalinistischen Bürokratie und der Linken Opposition, über den Hobsbawm keine Silbe verliert, hat sich ebenfalls »ereignet«. Da Hobsbawm die Kräfte der Opposition, die der Politik der Sowjetunion eine andere Richtung geben wollten, bewusst ausklammert oder als bedeutungslos abtut, besteht seine Definition dessen, »was sich ereignet hat«, aus einer einseitigen, eindimensionalen, pragmatischen und vulgären Verflachung einer äußerst komplexen historischen Wirklichkeit. Von dem auszugehen, »was sich ereignet hat«, bedeutet für Hobsbawm schlicht, damit zu beginnen und zu enden, »wer gesiegt hat«.

Selbst der gewissenhafteste Erzähler historischer Begebenheiten kann nur einen kleinen Teil dessen anführen, »was sich ereignet hat«. Das Studium und das Schreiben der Geschichte umfasst unweigerlich in beträchtlichem Umfang Auswahl und Spezialisierung. Doch diese Auswahl und Spezialisierung sollte zumindest dem historischen Prozess Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie sollte die wichtigsten Fäden zusammenführen, aus denen die Geschichte gewoben wurde. »Was sich ereignet hat«, kann schließlich ebenso gut anhand der verworfenen wie anhand der verwirklichten politischen Optionen definiert werden. Hobsbawm tut jedoch so, als habe die von Trotzki vertretene Politik kein wirkliches historisches Interesse mehr beanspruchen dürfen, nachdem die Kommunistische Partei sie verworfen und ihn ausgeschlossen und des Landes verwiesen hatte.

Lässt man die geschliffene Prosa des Akademikers weg, bleibt eine banale und eindimensionale Herangehensweise an die Geschichte übrig. »Stalin hat gesiegt«, gibt uns Hobsbawm zu verstehen, »und es hat wirklich keinen Sinn, sich zu überlegen, was passiert wäre, wenn er nicht gesiegt hätte.« Über das hinaus zu blicken, »was sich ereignet hat«, d.h. den historischen Prozess im vollen Umfang seiner konkreten Möglichkeiten zu betrachten, ist müßige Spekulation, eine Abkehr von der historischen Realität und eine Flucht in unhaltbare Urteile und selbstgefällige Illusionen.

Wenn wir jedoch in das, »was sich ereignet hat«, die widersprüchlichen und gegensätzlichen Elemente des historischen Prozesses einbeziehen, dann ist die Kluft zwischen dem, »was sich ereignet hat«, und dem, »was sich nicht ereignet hat«, nicht mehr der spekulative Abgrund, den Hobsbawm darin sehen will. Eine umfassendere und vollständigere Betrachtung der Geschichte würde zumindest einen Teil dessen, »was sich nicht ereignet hat«, als etwas erscheinen lassen, »das sich hätte ereignen können«.

Es ist nicht bloß leere Spekulation, wenn man auf der Grundlage eines Studiums der Alternativen, die den Entscheidungsträgern zur Verfügung standen, überlegt, »was sich hätte ereignen können«. Schließt man das, »was sich hätte ereignen können«, aus der Betrachtung aus, gäbe es überhaupt keinen Grund mehr, die Geschichte zu studieren. Denn immerhin sollte sie uns etwas lehren.

Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte die internationale Bourgeoisie nicht wenige große Katastrophen. Sie unterzog diese Erfahrungen einer sorgfältigen Untersuchung und lernte daraus. John Maynard Keynes war ein erbitterter Kritiker der Friedensverträge, die nach dem Ersten Weltkrieg geschlossen worden waren. Gebrannt durch die Desaster, die sich aus Versailles ergeben hatten, machte die Bourgeoisie Keynes’ Auffassungen zur Grundlage ihrer Politik nach dem Zweiten Weltkrieg.

Es gibt natürlich eine Grenze, jenseits derer die Betrachtung historischer Alternativen, des »nicht eingeschlagenen Weges«, in müßige Spekulation umschlägt. Auch kann man vom methodischen Standpunkt her Gefahr laufen, objektive Faktoren zu unterschätzen oder zu übersehen, die die Möglichkeit eines grundlegend anderen Verlaufs der Geschichte bedeutend reduzieren. Gerade Marxisten haben ein solches, unangemessen spekulatives Herangehen an die Geschichte zu Recht kritisiert.

Objektive und subjektive Faktoren in der Geschichte

Doch was Hobsbawm vorbringt, sind nicht solche berechtigten Einwände. Er bezieht hinsichtlich der Geschichte der Russischen Revolution und der Sowjetunion einen ultra-deterministischen, übermäßig objektivistischen und fatalistischen Standpunkt: Es habe keine plausiblen Alternativen zu dem gegeben, »was sich ereignet hat«. Diese Herangehensweise rechtfertigt er mit einer vereinfachenden Gleichsetzung der sozialen Revolution mit natürlichen Prozessen.

Doch an dieser Stelle müssen wir die Spekulation aufgeben und zur wirklichen Situation Russlands in einer Revolution zurückkehren. Große Massenrevolutionen, die von unten ausbrechen – und Russland 1917 war vermutlich das eindrucksvollste Beispiel für solch eine Revolution in der Geschichte – sind in gewisser Hinsicht »Naturerscheinungen«. Sie sind wie Erdbeben und gewaltige Überschwemmungen, vor allem wenn wie in Russland der Überbau staatlicher und nationaler Institutionen praktisch zerfallen ist. Sie sind in hohem Maße unkontrollierbar.[14]

Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Erdbeben und Überschwemmungen auf der einen Seite und Revolutionen auf der anderen. Bei tektonischen Verschiebungen der Erdkruste und Überflutungen spielt das Denken keine Rolle. Die Erde beschließt nicht zu rumpeln, und der Fluss wägt nicht ab, ob er über die Ufer treten soll. Bei sozialen Revolutionen hingegen ist das Bewusstsein ein immenser Faktor.[15] Revolution bedeutet das Handeln denkender Menschen. Vom Revolutionär, der sein ganzes Leben ihrer Vorbereitung gewidmet hat, bis zum einfachen Arbeiter, dessen Lebenslage so unerträglich geworden ist, dass er beschlossen hat, gegen die bestehende Ordnung zu kämpfen, ist die Revolution eine bewusste Tat. Wie mächtig die »rein« objektiven, d.h. ökonomischen, technologischen usw. Kräfte auch sein mögen, die dem sozialen Ausbruch zugrunde liegen – und es gibt in der Gesellschaft keine »rein objektiven« Phänomene, da sich jedes Ereignis vermittels des Handelns menschlicher Subjekte vollzieht –, tritt eine revolutionäre Situation erst dann ein, wenn die objektiven Impulse das menschliche Hirn erreicht haben und in komplexe Formen politischen Denkens übersetzt worden sind. Der Vergleich sozialer Revolutionen mit zerstörerischen Naturereignissen, der nur in einem eng begrenzten Sinne angebracht ist, gehört zu den am häufigsten missbrauchten Metaphern. Wird auf den Unterschied zwischen Naturereignissen und menschlichem Handeln nicht hingewiesen, mystifiziert, verzerrt und verfälscht die Metapher den historischen Prozess. Hobsbawm schreibt:

Wir müssen aufhören, uns die Russische Revolution in Kategorien der Ziele und Absichten der Bolschewiki oder sonstwelcher Gruppen, ihrer langfristigen Strategie und der Kritiken anderer Marxisten an ihrer Praxis vorzustellen.[16]

Wollte man Hobsbawms Anweisung nachkommen, dann wäre es schlicht unmöglich, die Russische Revolution zusammenhängend darzustellen, geschweige denn zu verstehen. Sie verrät seine Unfähigkeit, das wichtigste Kennzeichen der historischen Entwicklung im 20. Jahrhundert zu begreifen: die noch nie dagewesene Rolle des Bewusstseins bei der Gestaltung der Geschichte. Die Entstehung sozialistischer Massenparteien war Ausdruck einer neuen historischen Erscheinung, die nur durch das Zusammenwirken zweier miteinander verbundener Prozesse möglich wurde – des Aufstiegs der Arbeiterklasse und der Entstehung des Marxismus.

Ende des 19. Jahrhunderts stand das Programm der sozialen Revolution auf dem Banner politischer Parteien. Von Marx und Engels mit der Einsicht in die objektiven Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung gewappnet, bereiteten die Führer der neuen sozialistischen Parteien die Arbeiterklasse auf die antikapitalistische Revolution vor, in der sie die führende und ausschlaggebende Rolle spielen sollte.

Da sie auf einer wissenschaftlich begründeten Einsicht in die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung beruhten und es daher ermöglichten, die Bedeutung und Auswirkung politischer Ereignisse schon im Moment ihres Geschehens in bislang undenkbarer Weise zu verstehen, gewannen die Analysen, Perspektiven, Strategien und Programme politischer Organisationen eine vollkommen neue Rolle im historischen Prozess. Die Geschichte ereignete sich nun nicht mehr einfach. Sie wurde vorausgesehen, vorbereitet und in bis dahin nicht möglichem Maße bewusst gesteuert. Die Generation von Marxisten, die in den letzten Jahren des 19. oder den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts politisch aktiv wurde, erwartete eine Revolution als Folge sozioökonomischer Widersprüche, die erkannt und analysiert worden waren. Sie fasste ihre eigene politische Arbeit wie die ihrer Gegner im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die Revolution auf. Nur in diesem Zusammenhang kann man verstehen, weshalb die marxistische Polemik ein so großes Gewicht auf die Feststellung legte, welchen Klasseninteressen verschiedene Programme dienten und welchen »Klassencharakter« politische Strömungen besaßen.

Die Russische Revolution enthüllte die objektive Bedeutung der Ziele, Absichten, Strategien und Kritiken aller politischen Parteien und Tendenzen, die vor 1917 in der einen oder anderen Weise in Russland aktiv gewesen waren. Was die politischen Hauptakteure zwischen April und Oktober 1917 taten, auf welcher Seite der Barrikaden sie in den entscheidenden Schlachten standen, war in den großen theoretischen und politischen Kämpfen der vorangegangenen zwei Jahrzehnte vorweggenommen worden.

Oberflächlich erscheint es plausibel, die Revolution als unkontrollierbare Katastrophe darzustellen, der auch die ausgeklügeltsten Pläne nicht beizukommen vermochten. Aber wenn das Bewusstsein eine so geringe Rolle spielt, wenn das Element der theoretischen Voraussicht im Chaos einer revolutionären Epoche verblasst, wie soll man dann die Arbeit Lenins und Trotzkis vor, während und insbesondere nach 1917 einschätzen?

Nach der Revolution von 1905 versuchten die verschiedenen Fraktionen der russischen Sozialdemokratie, die Aufgaben der Arbeiterklasse im Lichte der Erfahrungen dieses Ereignisses zu definieren. Ihre Antworten sollten nicht nur ihre eigene Rolle in den folgenden Ereignissen, sondern auch den künftigen Verlauf der Russischen Revolution bestimmen. Hobsbawm dagegen beteuert: »Was Lenin für Pläne hatte – und letzten Endes hörte die Partei auf Lenins Kommando – war belanglos.«[17]

Dieser Behauptung widerspricht schon die einfache Tatsache, dass ohne die Umorientierung der bolschewistischen Partei im Frühjahr 1917 auf der Grundlage von Lenins »Aprilthesen« – d.h. ohne die Annahme der strategischen Linie, die zuvor Leo Trotzki formuliert hatte – die Macht­eroberung der Bolschewiki nicht stattgefunden hätte. Revolutionen sind tatsächlich gewaltige Ereignisse; aber Politik und Programm, die Erzeugnisse des Bewusstseins, spielen in ihnen eine entscheidende Rolle.

Hobsbawm versucht, die Rolle des Bewusstseins im revolutionären Prozess bis hin zu dessen Leugnung zu minimieren. Lenin, schreibt er, »konnte einfach keine Strategien oder Perspektiven entwickeln, die über die täglich neu zu treffende Wahl zwischen Entscheidungen, die für das unmittelbare Überleben notwendig waren, und solchen, die ein unmittelbares Desaster nach sich zu ziehen drohten, hinausgingen. Wer konnte es sich schon leisten, all die Entscheidungen, die jetzt getroffen werden mussten, im Hinblick auf die möglichen langfristigen Auswirkungen auf die Revolution zu bedenken?«[18]

Diese Darstellung Lenins als vulgärer Realpolitiker, der pragmatisch und intuitiv auf die Tagesereignisse reagierte, ergibt selbst innerhalb des von Hobsbawm gesetzten Rahmens schwerlich einen Sinn. Die Verteidigung der Revolution erforderte eine umfassende strategische Konzeption; ihre erfolgreiche Verwirklichung hing von der bewussten Einsicht in die Klassenstruktur und Dynamik der russischen Gesellschaft ab. Natürlich waren Lenin und Trotzki während der Revolution und des Bürgerkriegs sehr beschäftigt. Aber darum hörten sie nicht auf zu denken. Ihre Schriften – vor allem Trotzkis großartige Manifeste und Reden für die Kongresse der Kommunistischen Internationale – erstaunen noch heute durch die Tiefe und Breite ihrer strategischen Vision. Unter den zahlreichen politischen Kräften, die im Strudel der Revolution und des Bürgerkriegs wirkten, waren nur die Bolschewiki fähig, eine strategische Linie zu formulieren, die Dutzenden Millionen Menschen in einem riesigen und kulturell zerklüfteten Land als gemeinsames Banner diente. Wie E.H. Carr treffend bemerkte, war der Erfolg der Bolschewiki im Bürgerkrieg nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Lenins Genie von Grund auf kreativ und nicht in negativer Weise destruktiv war.

Hobsbawms Herunterspielen des politischen Bewusstseins macht es praktisch unmöglich zu verstehen, wie die Bolschewiki an die Macht kamen und weshalb sie den Bürgerkrieg gewannen. Wenn politische Parteien nur Spielball der Vulkanausbrüche der Geschichte sind, dann folgt daraus, dass der Sieg der Bolschewiki – je nach Standpunkt – entweder ihrem Glück oder dem Pech ihrer Gegner zuzuschreiben war.

Hobsbawms Fatalismus

Wendet man Hobsbawms Standpunkt auf die Periode nach der Revolution an, dann dient er als Apologie des Stalinismus. Bewegt von unkontrollierbaren historischen Kräften, auf die er nur mit verzweifelten Improvisationen reagieren konnte, war das Schicksal des Bolschewismus schon 1921 besiegelt. Hobsbawm schreibt dazu: »Zu diesem Zeitpunkt war der zukünftige Kurs mehr oder weniger vorgeschrieben …«[19] In einem weiteren Aufsatz im selben Band verleiht Hobsbawm dieser Ansicht noch nachdrücklicher Ausdruck: »Leider kann ich mir keine realistische Prognose vorstellen, welche die langfristige Zukunft der Sowjetunion wesentlich anders hätte ausmalen sollen, als sie tatsächlich eingetreten ist.«[20]

Die sowjetische Geschichte hätte also vielleicht einen weniger grausamen Verlauf nehmen können, doch das Ergebnis des historischen Prozesses war 1921 im Wesentlichen entschieden. Stalin spielte lediglich, wenn auch unter exzessiver Gewaltanwendung, das Blatt aus, das ihm die vorausgegangene Entwicklung zugeteilt hatte. Hobsbawm liefert uns eine »linke« Spielart der reaktionären Standardthese, dass keine Alternative zum Stalinismus möglich war. Hobsbawm ist nicht der Auffassung, der stalinistische Totalitarismus sei das unvermeidbare Ergebnis des Marxismus gewesen. Sein Argument lautet, der Stalinismus sei unvermeidlich und unaufhaltsam aus den objektiven Bedingungen hervorgegangen, die nach 1917 in der Sowjetunion herrschten. Alles Gerede von einer Alternative zu dem, was tatsächlich geschah, sei reine Spekulation. Die objektiven Umstände hätten keine Alternative zugelassen. Die Politik der Regierung hätte etwas weniger grausam sein können, aber das hätte nur einen graduellen, keinen grundsätzlichen Unterschied gemacht.

Worin bestehen unsere Einwände gegen diese Einschätzung? Die Trotzkisten haben schließlich immer darauf bestanden, dass die stalinistische Degeneration der bolschewistischen Partei und des Sowjetstaates in letzter Analyse auf ungünstige objektive Bedingungen zurückging – in erster Linie die historische Rückständigkeit Russlands, die durch sieben ununterbrochene Jahre Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg angerichtete wirtschaftliche Verwüstung und schließlich die lange Isolation des Sowjetstaates infolge der Niederlagen der europäischen, insbesondere der deutschen Arbeiterklasse nach dem Ersten Weltkrieg.

Es besteht jedoch ein entscheidender Unterschied zwischen der Anerkennung der objektiven materiellen Grundlagen des Stalinismus und der Aussage, dass diese Grundlagen nur zu einem politischen Ergebnis führen konnten – zur unwiderruflichen bürokratischen Degeneration der UdSSR und ihrem schließlichen Zusammenbruch 1991. In einer solchen Auffassung der Sowjetgeschichte fehlt eine Kleinigkeit: die Rolle der Politik, der Programme, der Kämpfe verschiedener Strömungen, des Bewusstseins; die Bedeutung von Entscheidungen, die Individuen unter dem Einfluss einer mehr oder weniger tiefen politischen Einsicht in den historischen Prozess trafen. Die Geschichte wird in einen gänzlich abstrakten und überaus deterministischen Vorgang verwandelt: alles wird von blind wirkenden, unkontrollierbaren Kräften entschieden. Die Geschichte schwemmte die Bolschewiki erst an die Macht und dann, wenn nicht weg von der Macht, zumindest in eine Sackgasse.

Hobsbawm hat uns bereits gesagt, wir müssten »aufhören, uns die Russische Revolution in Kategorien der Ziele und Absichten der Bolschewiki oder sonstwelcher Gruppen, ihrer langfristigen Strategie und der Kritiken anderer Marxisten an ihrer Praxis vorzustellen«.[21] Das bedeutet, dass es keinen Anlass gibt, sich mit den politischen Kämpfen zu befassen, die während der 1920er Jahre in der bolschewistischen Partei tobten. Trotzkis Schriften über den Stalinismus, seine Kritik an der Sowjetpolitik, der Gegensatz zwischen der von ihm vertretenen langfristigen Strategie und jener der stalinistischen Führung sind, folgt man Hobsbawm, kaum von Bedeutung. Das Schicksal der UdSSR war bereits 1921 in Stein gemeißelt, und die kommunistische Regierung – egal, wer sie führte – hätte nichts tun können, was einen grundlegenden Unterschied gemacht hätte. Wer das Gegenteil vertritt, muss Hobsbawm wohl glauben, ergeht sich lediglich in den müßigen Spekulationen trotzkistischer Dickschädel. Es überrascht daher nicht, dass Hobsbawm in seinem Vortrag den Kampf der Linken Opposition und Trotzkis gegen den Stalinismus mit keiner Silbe erwähnt. In einem 300-seitigen Band mit Essays und Vorträgen, deren zentrales Thema die Stellung der Oktoberrevolution in der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist, erscheint Trotzkis Name nur ein einziges Mal.

Hobsbawm macht nicht den Marxismus für den Stalinismus verantwortlich. Wenn aber die stalinistische Diktatur das einzig denkbare Ergebnis der Oktoberrevolution war, kann man schwerlich daran festhalten, dass die Machteroberung der Bolschewiki den Interessen der Arbeiterklasse und dem historischen Fortschritt diente. Am Ende bleibt nur die Schlussfolgerung – die Hobsbawm auch stark andeutet –, dass der Oktober 1917 ein furchtbarer Fehler war und dass es wahrscheinlich viel besser gewesen wäre, wenn sich Kamenew, der Gegner des Aufstands, anstelle Lenins in der bolschewistischen Partei durchgesetzt hätte.

Hobsbawms Argumentation stellt nicht nur die politische Berechtigung der Oktoberrevolution in Frage, sondern wirft einen dunklen Schatten auf das sozialistische Vorhaben als Ganzes. Man kann sich schließlich kaum eine soziale Revolution vorstellen, die unter derart perfekten Bedingungen stattfindet, dass ihr Erfolg am Ende garantiert ist. Die Revolution, die ohne riesige Verwerfungen und den Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Mechanismen der bestehenden Ordnung gar nicht denkbar ist, bedeutet naturgemäß einen Sprung ins Ungewisse. Es wird zahlreiche Gefahren geben. Eine politische Organisation wäre närrisch, wenn nicht in verbrecherischer Weise verantwortungslos, wenn sie die Arbeiterklasse zu einem revolutionären Aufstand aufriefe, ohne der festen Überzeugung zu sein, dass die Umstände gemeistert, in ihrem weiteren Verlauf beeinflusst und den Zielen des revolutionären Programms unterworfen werden können.

Welche vernünftige Grundlage verbleibt jedoch noch für eine solche Zuversicht, wenn die Lehre aus dem Oktober 1917 und seinen Folgen lautet, revolutionäre Parteien seien den objektiven Bedingungen einfach ausgeliefert, sie seien hilflose Werkzeuge des historischen Prozesses, der sie zwinge, seine Anweisungen auszuführen, und seien sie noch so furchtbar?

Hobsbawm liefert also nicht nur eine Apologie für Stalin – »die objektiven Umstände haben ihn gezwungen« –, sondern bestätigt auch das klassische liberale Argument der bürgerlichen Demokratie gegen die Revolution als Werkzeug des gesellschaftlichen Wandels. Sein Standpunkt beruht allerdings erstens auf einer falschen Methode und zweitens auf einem recht nachlässigen – das Wort unehrlich möchte ich vermeiden – Umgang mit den Fakten. Sein Fatalismus hat nichts mit der Methode des historischen Materialismus gemeinsam. Hobsbawm beruft sich auf die objektiven Bedingungen, als ob sie eine Art Marschbefehl wären, der Parteien und Menschen keine andere Wahl lässt, als ihm zu folgen. Eine solche Auffassung ist in höchstem Maße oberflächlich.

Die Risse, die sich nach 1921 in der russischen Kommunistischen Partei auftaten, zeugen davon, dass die objektiven Bedingungen ein breites Spektrum an Reaktionen hervorriefen. Die verschiedenen Antworten der Parteiführer auf die Probleme, und die Tendenzen, die sich um sie sammelten, widerspiegelten nicht nur unterschiedliche Einschätzungen der objektiven Umstände, sondern auch unterschiedliche Beziehungen zu verschiedenen und sogar einander feindlichen gesellschaftlichen Kräften.

Stalins Antwort auf die »objektiven Bedingungen« widerspiegelte immer deutlicher die gesellschaftliche Stellung der wachsenden Staatsbürokratie, die sich aus der unteren städtischen Mittelklasse rekrutierte, und artikulierte deren materielle Interessen. Die Politik Trotzkis und der Linken Opposition artikulierte dagegen in sehr bewusster Form die Interessen des Industrieproletariats. Je mehr diese gesellschaftliche Kraft, die der Hauptträger marxistischer Politik in der UdSSR war, durch die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen des Bürgerkriegs geschwächt wurde, desto ungünstiger gestaltete sich die Voraussetzung für die Entwicklung und Verwirklichung sozialistischer Politik.

Man darf diese »ungünstigen Bedingungen« jedoch nicht wie eine nicht beeinflussbare Wetterlage auffassen. Man muss sie in konkreten politischen Begriffen verstehen, als Ausdruck des Kampfs feindlicher gesellschaftlicher Kräfte. Je mehr die Stellung des durch den Bürgerkrieg dezimierten Industrieproletariats geschwächt wurde, desto rücksichtsloser und brutaler entfaltete sich die Opposition gegen die marxistischen Führer der Arbeiterklasse. Sie ging von den Elementen in der Partei- und Staatsbürokratie aus, die in der Politik der Linken Opposition eine Bedrohung ihrer materiellen Interessen sahen.

Darin bestand der Kern des politischen Kampfs, der in den 1920er Jahren in der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale tobte.

Was wäre gewesen, wenn die Linke Opposition sich durchgesetzt hätte?

An dieser Stelle möchte ich eine Reihe von Aussagen treffen, die Professor Hobsbawm für unzulässige Spekulation und im Rahmen der historischen Analyse für indiskutabel halten würde.

Erstens: Wenn sich die Linke Opposition im Kampf innerhalb der russischen Kommunistischen Partei durchgesetzt hätte, wäre die Sache des internationalen Sozialismus unermesslich gestärkt worden. Zumindest wären die konterrevolutionären Katastrophen der 1930er Jahre – insbesondere der Sieg des Faschismus in Deutschland – wahrscheinlich verhindert worden.

Zweitens: Mit dem Sieg der Opposition hätte sich das wirtschaftliche und politische Leben der Sowjetunion unvergleichlich progressiver entwickelt. Die Behauptung, das Abgleiten der UdSSR in die totalitäre Grausamkeit der dreißiger Jahre sei durch unkontrollierbare »objektive Umstände« vorherbestimmt gewesen, ist schlichtweg nicht haltbar. Wenn sich die »objektiven Umstände« für die Entwicklung der UdSSR in Richtung Sozialismus immer widriger gestalteten, so war dies vor allem eine politische Folge der Niederlage Trotzkis und der Linken Opposition.

Drittens, und das ergibt sich aus den ersten beiden Punkten: Die Niederlage Trotzkis und der Linken Opposition bereitete allen folgenden Tragödien den Weg, die die Sowjetunion, die internationale Arbeiterklasse und die sozialistische Bewegung heimsuchen sollten und unter deren Schatten wir bis heute leben. Ich möchte einen weiteren Punkt hinzufügen: Man kann eine Diskussion über das Schicksal des Sozialismus im 20. Jahrhundert nicht ernst nehmen, wenn sie nicht mit der notwendigen Sorgfalt die Folgen von Trotzkis Niederlage in Erwägung zieht. Man muss, anders gesagt, nicht nur betrachten, was sich unter Stalin »ereignet hat«, sondern auch, was sich im Falle von Trotzkis Sieg »hätte ereignen können«.

Details

Seiten
488
Jahr
2015
ISBN (ePUB)
9783886348329
ISBN (MOBI)
9783886349326
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v321522
Schlagworte
Russische Revolution David North Politikgeschichte Marxismus Sozialismus Sowjetunion

Autor

  • David North

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Titel: Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert