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Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken

Eine marxistische Kritik

von David North

2016 0 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Gegenstand dieses Buchs ist die Beziehung zwischen der Theorie des Marxismus und der Ausarbeitung von Programm, Perspektiven und Praxis der trotzkistischen Bewegung auf revolutionärer Grundlage. In diesem Rahmen zeigt es auf, weshalb das Internationale Komitee der Vierten Internationale weder Zeit noch Mühen gescheut hat, um aufzudecken, dass die gegen Materialismus und Marxismus gerichteten Ideologien aus dem Umfeld des existenzialistischen Irrationalismus, der Frankfurter Schule und der Postmoderne, die dem breit gefächerten Spektrum kleinbürgerlicher pseudolinker und antisozialistischer Bewegungen als theoretische Grundlage dienen, ihrem Wesen nach reaktionär sind.

Die weltweit bekannteste pseudolinke Organisation ist Syriza in Griechenland. Als sie nach ihrem Wahlsieg im Januar 2015 die Massenbewegung gegen Austeritätspolitik in die Irre führte, demoralisierte und ausverkaufte, zeigte die Syriza-Regierung auf exemplarische Weise, welche politischen Katastrophen zu erwarten sind, wenn diese kleinbürgerlichen Organisationen, die gern populistische Phrasen dreschen, an die Macht gelangen. Der verbrecherische Verrat von Syriza, der die arbeitende Bevölkerung und die Jugend Griechenlands teuer zu stehen kommt, verleiht der hier vorgestellten Analyse besondere Aktualität, da sie den engen Zusammenhang zwischen den heutigen Formen des Antimarxismus und den von den Pseudolinken vertretenen reaktionären Klasseninteressen aufzeigt.

Steiner und Brenner: Eine Fallstudie der gesellschaftlichen und politischen Pathologie der kleinbürgerlichen Pseudolinken

Die ersten drei Dokumente in diesem Band entstanden als Antworten auf die Angriffe zweier ehemaliger Mitglieder der trotzkistischen Bewegung in den USA, Alex Steiner und Frank Brenner, die sich gegen die theoretischen Grundlagen, die Perspektiven und die Praxis der Socialist Equality Party (USA) und des Internationalen Komitees der Vierten Internationale wandten. Da Steiner und Brenner Ende der 1970er-Jahre aus der Workers League (der Vorläuferorganisation der SEP) ausgetreten waren, hätte man ihre Äußerungen getrost ignorieren können. Vor dem Hintergrund, dass sie sich mehr als 25 Jahre vor diesen Angriffen von jeder revolutionären Aktivität verabschiedet hatten, wirkten ihre Warnungen, dass die SEP kurz vor dem Untergang stehe, politisch unglaubwürdig und moralisch wenig überzeugend. Ihr Status als Sympathisanten – eine verschwommene Bezeichnung, die sie selbst wählten und die sie zu nichts verpflichtete – erlegte der SEP keinerlei Verantwortung auf, ihre umfangreichen und gehässigen Angriffe zu beantworten. Aus zwei Gründen entschied sich das IKVI, dennoch ­darauf zu reagieren.

Erstens hatten wir, da Steiner und Brenner in der Frühgeschichte der Workers League eine Rolle gespielt hatten, die aufrichtige Hoffnung, dass eine Antwort auf ihre Kritik ihnen helfen könnte, sich politisch weiterzuentwickeln, und sie vielleicht sogar dazu anspornen könnte, wieder in der revolutionären Bewegung aktiv zu werden. Nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass ein solches Ergebnis unserer Klärungsbemühungen am wenigsten wahrscheinlich war.

Der zweite Grund ergab sich aus dem theoretischen Inhalt der Kritik. Ihre Hauptdokumente – »Weshalb die Wiedererweckung von sozialistischem Bewusstsein Utopien voraussetzt«, »Objektivismus oder Marxismus« und »Marxismus ohne Kopf und Herz« – waren ein regelrechtes Kompendium antimarxistischer Auffassungen, die sich unter breiten Schichten ehemaliger kleinbürgerlicher Radikaler und Akademiker großer Beliebtheit erfreuen.

Zwar beteuerten Steiner und Brenner, sie hielten an den Traditionen des Internationalen Komitees fest, doch unsere Analyse ihrer Dokumente ergab, dass sie sich von Gestalten wie Herbert Marcuse, den »Freudomarxisten« Wilhelm Reich und Erich Fromm sowie dem utopischen Theoretiker Ernst Bloch inspirieren ließen.

Da weder Steiner noch Brenner jemals versuchten, die theoretischen und politischen Quellen ihrer Gedanken in kritischer und systematischer Weise darzulegen (was für die Methode des dialektischen Materialismus unerlässlich ist), kann es durchaus sein, dass ihnen selbst nicht vollauf bewusst war, wie sehr sie Einwände nachbeteten, die schon mehrere Generationen von Antimarxisten und Gegnern des historischen Materialismus vor ihnen erhoben hatten. Nichts war originell an ihrem Zetern gegen »Objektivismus«, »Determinismus« und »vulgären Materialismus«, den abfälligen Bemerkungen über das theoretische Vermächtnis Plechanows und über Lenins »Materialismus und Empiriokritizismus«, dem Angriff auf Aufklärung und Vernunft, dem Verfluchen von Wissenschaft und Technik, dem Verwischen des Unterschieds zwischen Materialismus und Idealismus, dem Aufbauschen des »Unbewussten« und »Irratio­nalen«, der Fixierung auf die Entfremdung des Einzelnen im Gegensatz zur Klassenausbeutung und der Begeisterung für utopische Mythenbildung.

Die ersten drei Dokumente sind nicht nur eine Antwort auf Steiner und Brenner. Sie richten sich auch gegen verbreitete Formen des Antimarxismus, die einen reaktionären Einfluss auf das heutige politische und kulturelle Leben ausüben und eingesetzt werden, um die Arbeiterklasse, Studierende und Intellektuelle zu desorientieren und zu demoralisieren.

Irrationalismus und die Politik der Pseudolinken

Der Zusammenhang zwischen der reaktionären pseudolinken Politik der Mittelklasse und den Theorien von Nietzsche, Brzozowski, Sorel, De Man, der Frankfurter Schule und zahlreichen Formen des extremen Subjektivismus und Irrationalismus, die von den Philosophen der Postmoderne (Foucault, Laclau, Badiou u. a.) vertreten werden, ist vor allem in den vergangenen zehn Jahren sehr deutlich geworden. Die pseudolinke Politik – mit ihrem Fokus auf Hautfarbe, Nationalität, Geschlecht und sexuelle Neigungen – trägt mittlerweile entscheidend dazu bei, Opposition gegen den Kapitalismus zu unterbinden, indem sie den Begriff der Klasse als wesentliche gesellschaftliche Kategorie zurückweist, stattdessen auf individuelle »Identität« und »Lifestyle« setzt und imperialistische Interventionen und Kriege im Namen der »Menschenrechte« legitimiert.

Theoretische Auffassungen entwickeln sich nicht in einem historischen, politischen und gesellschaftlichen Vakuum. In einer Antwort auf Heinrich Rickert (1863–1936), damals Philosophieprofessor an der Universität Freiburg, schrieb der große russische Marxist Georgi Plechanow im Jahr 1911:

Tatsache ist, dass Rickert und andere Wissenschaftler seiner Art nicht den Hauch einer Ahnung vom historischen Materialismus haben, und dies nicht aus persönlichen Gründen, sondern weil ihr geistiger Horizont von Vorurteilen vernebelt ist, die einer ganzen Klasse zu eigen sind. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass der Unfug, den sie als historischen Materialismus verkaufen, von »gänzlich unwissenschaftlicher politischer Voreingenommenheit« geprägt ist. Ihre Abneigung gegen den historischen Materialismus spricht Bände über ihre Furcht vor den »spezifisch sozialdemokratischen Bestrebungen«.[1]

Der »Unfug«, den Steiner und Brenner heute schreiben, geht auf die soziale, geistige und politische Entwicklung der Studentengeneration zurück, die in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren radikalisiert wurde. Wie viele Vertreter dieser Generation fühlten sie sich irgendwann zum Marxismus hingezogen, der die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft theoretisch untermauerte. Doch der »Antikapitalismus« der Studierenden aus der Mittelklasse – der letztlich nur auf beschränkte Reformen der bestehenden Gesellschaft hinauslief – bedurfte des Marxismus nur in höchst verwässerter Form. Entsprechend dünn war der geistige Fusel, den die Frankfurter Schule an den Universitäten in Europa und den Vereinigten Staaten zusammenbraute und unters Volk brachte. Herbert Marcuse, dessen theoretisches Werk das unauslöschliche Kainsmal seines Lehrers Heidegger trug, machte sich allseits beliebt, als er den Marxismus großzügig mit existenzialistischer Philosophie verschnitt. Die Themen Entfremdung, Verdrängung und Sexualität sprachen die Studenten aus der Mittelklasse stärker an als die Probleme der ökonomischen Ausbeutung der Arbeiterklasse und ihres Kampfs um die Macht.

Als Absolvent der New School for Social Research in New York City hatte Steiner den Marxismus eindeutig in einer Form kennengelernt, die von der Frankfurter Schule beeinflusst war, und behielt solche Vorstellungen auch nach seinem Beitritt zur Workers League 1971 bei. Wenn bei Brenner während seiner Mitgliedschaft in der Workers League solche Einflüsse weniger deutlich zutage traten, dann nur deshalb, weil er weniger Interesse an theoretischen Fragen zeigte.

Wie dem auch sei, der Zusammenbruch der studentischen Protestbewegung nach der Abschaffung der Wehrpflicht und dem Rückzug der USA aus Vietnam ab 1973 versetzte Steiner und Brenner in einen Zustand der Enttäuschung und Entmutigung. Ihr Austritt aus der Workers League im Abstand weniger Monate, Ende 1978 bis Anfang 1979, war mehr als ein persönlicher Rückzug. Er spiegelte die Rechtsentwicklung der Studenten aus der Mittelklasse wider, die die Protestbewegung gegen den Krieg vorwiegend getragen hatten.

Infolge ihrer Abkehr von der Workers League waren weder Steiner noch Brenner an dem Kampf beteiligt, den die Workers League Anfang der 1980er-Jahre gegen den politischen Opportunismus aufnahm, in den die britische Sektion des IKVI, die Workers Revolutionary Party, und ihr langjähriger Führer Gerry Healy abgeglitten waren. Sie wussten nichts über die detaillierte Kritik der Workers League an Healys subjektiv-idealistischer Verfälschung des dialektischen Materialismus. Als im August 1985 die Spaltung innerhalb des IKVI an die Öffentlichkeit gelangte, nahm Steiner wieder Kontakt zur Workers League auf. Er erklärte seine Übereinstimmung mit dem politischen und theoretischen Kampf des Internationalen Komitees, in dem die Workers League eine entscheidende Rolle spielte, und betrachtete sich als Unterstützer der Partei. Da er aber (wie er freimütig zugab) nicht an dem komfortablen Mittelklasse-Leben rütteln wollte, an das er sich mittlerweile gewöhnt hatte, stellte er keinen Antrag auf Wiederaufnahme.

Gegen Ende der 1990er-Jahre schien sich Steiner der Partei anzunähern, und 1999 beantragte er die Mitgliedschaft in der Socialist Equality Party. Allerdings war uns klar, dass er die theoretischen und politischen Fragen, die während der Spaltung mit der WRP ausgefochten worden waren, nicht sorgfältig studiert und mit Sicherheit nicht assimiliert hatte. Daher lehnte die SEP seinen Mitgliedsantrag ab. Einer freundschaftlichen Beziehung stand dies nicht im Wege. In dem Aufsatz »Die politische und ideologische Irrfahrt von Alex Steiner«, der in diesem Band enthalten ist, wird im Einzelnen nachgezeichnet, wie die SEP sehr geduldig nach Möglichkeiten suchte, mit Steiner gemeinsam an theoretischen Fragestellungen zu arbeiten.

Der Irakkrieg und die kleinbürgerliche Linke

Diese Bemühungen wurden durch abrupte Veränderungen der politischen Lage in den USA und weltweit durchkreuzt. Das erste Dokument, das sich an Steiner richtete, entstand im Juni 2003, nur drei Monate nach dem Einmarsch der USA im Irak. Meine abschließende Antwort an Steiner und Brenner erschien im Oktober 2008, wenige Wochen nach dem Crash an der Wall Street und nur einige Wochen, bevor Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Im Verlauf dieser fünf Jahre vollzogen die Überbleibsel der alten kleinbürgerlichen Protestbewegungen, die aus den gesellschaftlichen Massenbewegungen der 1960er-Jahre hervorgegangen waren, eine tiefgreifende politische Umorientierung.

In den Wochen vor Ausbruch des Irakkriegs hatten auf der ganzen Welt Massendemonstrationen stattgefunden. Kaum hatte der Krieg begonnen, hörten diese Proteste ein für alle Mal auf. Die Nominierung und die Wahl Obamas zum ersten afroamerikanischen Präsidenten dienten der kleinbürgerlichen Linken als Rechtfertigung für die Integration in den Mainstream der amerikanischen Politik. Große Teile der alten Protestbewegungen – besonders diejenigen aus dem Milieu der wohlhabenden Mittelklasse – brachten ihren lang hingezogenen Bruch mit dem linken politischen Radikalismus zum Abschluss und mauserten sich endgültig zu antisozialistischen und pro-imperialistischen Pseudolinken.

Diese Rechtswende erfasste auch Steiner und Brenner. Im März 2003 besuchte Steiner eine öffentliche Antikriegskonferenz, zu der die »World Socialist Web Site« und die Socialist Equality Party eingeladen hatten, und trat dort öffentlich für ihre Positionen ein. Keine fünf Jahre später verkündete er den Untergang der SEP und des Internationalen Komitees. Das Internationale Komitee hatte in dieser Zeit sein politisches Programm nicht geändert. Aber Steiner und Brenner, die sich wiedergefunden und auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Feindschaft gegenüber dem Internationalen Komitee zusammengetan hatten, kehrten der marxistischen Philosophie und trotzkistischen Politik den Rücken.

Falsche Theorien haben objektive Folgen. Die unbewältigten Mängel in ihrem Verständnis der marxistischen Theorie – vor allem ihre Haltung gegenüber den Theoretikern der Frankfurter Schule – machten ihr Denken anfällig für den Druck anderer Klassen. Dennoch war die Entwicklung Steiners und Brenners nicht einfach durch abstrakte, rein theoretische Fehler bedingt. Letztlich war die Veränderung ihrer Politik ausschlaggebend für ihre Philosophie, und zwar in stärkerem Maße, als umgekehrt ihre Philosophie ihre Politik bestimmte. Der zunehmend prinzipienlose und opportunistische Charakter ihrer Politik, der aus den Klasseninteressen ihres sozialen Milieus rührte, trieb Steiner und Brenner zum Bruch mit dem philosophischen und historischen Materialismus. Mitten in den tiefgreifenden politischen Veränderungen der Jahre 2003 bis 2008 stellten sie mit Befriedigung fest, dass ihnen die trübseligen Theorien der »Freudomarxisten« Rechtfertigungen für ungezügelten politischen Opportunismus boten.

Die grundlegende Triebkraft ihrer theoretischen Kehrtwende lag in ihrer Klassenorientierung. Im Jahr 2006 hatte ich eine ausführliche Analyse ihrer Argumente mit folgender Warnung abgeschlossen:

Die Ansichten, die ihr, Genossen Steiner und Brenner, in euren verschiedenen Dokumenten dargelegt habt, zeigen, wie enorm weit ihr theoretisch und politisch vom Marxismus weggedriftet seid, seit ihr die Bewegung vor fast drei Jahrzehnten verlassen habt. Wenn ihr weiter in diese Richtung geht, kann dies nur zur völligen Zurückweisung der verbliebenen politischen Überzeugungen führen, die ihr vor vielen Jahren vertreten habt.[2]

Diese Voraussage sollte sich auf der ganzen Linie bestätigen. Kaum, dass sie von philosophischen auf politische Themen zu sprechen kamen, bedienten sie sich aus dem Arsenal des Antitrotzkismus, um das Internationale Komitee und die SEP als »Sektierer« zu verleumden. Diesen Ausdruck haben sie zu ihrem Lieblingsschimpfwort erkoren, seit sie uns dafür angreifen, dass wir die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse verteidigen und bürgerlichen politischen Parteien jede Unterstützung verweigern.

Es ist nicht schwierig, die politische Entwicklung von Steiner und Brenner zusammenzufassen, da sie ihren Blog nur selten und in großen zeitlichen Abständen bestücken. Angesichts dieser doch eher gedämpften Online-Aktivität ist der Name des Blogs – »Permanent Revolution« – das einzige Anzeichen dafür, dass seine lethargischen Betreiber einen Sinn für Humor haben. Während sich Steiner und Brenner über den passiven »Objektivismus« des »sektiererischen« IKVI ereifern, das an sechs Tagen pro Woche die »World Socialist Web Site« aktualisiert und mehr als 5 000 Artikel pro Jahr veröffentlicht, betragen die Abstände zwischen den Postings auf ihrem Blog durchaus einige Monate. Während sie kürzlich verkündeten, dass die Aufgabe, eine revolutionäre Bewegung aufzubauen, »äußerste Dring­lichkeit«[3] gewinnt und »mehr denn je einer bewussten Führung bedarf«, reagiert ihr Blog auf große politische Ereignisse in der Regel mit … Schweigen. Wenn sie sich überhaupt einmal aus ihrer abgestumpften politischen Trägheit aufraffen, dann nur, um das Internationale Komitee zu beschimpfen und einen neuen Meilenstein ihrer Rechtswende aufzustellen.

Die Ukraine

Im vergangenen Jahr (2014–2015) schlossen sich Steiner und Brenner dem Auflauf der pro-imperialistischen Pseudolinken an, die sich hinter dem rechten Regime in der Ukraine versammelten. In einem Artikel, der am 20. Mai 2014 gepostet wurde, erklärte Brenner: »Marxisten sollten sich der Aufteilung der Ukraine widersetzen.« Mit unübertrefflichem Zynismus fuhr er fort: »Das bedeutet Widerstand gegen Annexionen jeder Art, sei es durch Russland oder andere ›Player‹ wie Polen und seine imperialistischen Partner in der NATO.«[4] Diese Linie gab Brenner aus, nachdem die USA und Deutschland drei Monate zuvor mit Hilfe faschistischer Organisationen in Kiew einen Putsch durchgeführt hatten, der im Grunde die Annexion der Ukraine durch die imperialistischen Großmächte bedeutete. Brenners Opposition gegen Annexionen hieß in Wirklichkeit nur, dass er die Entscheidung der Bevölkerung der Krim für den Wiederanschluss an Russland ablehnte. Zur Rechtfertigung dieser faktischen Unterstützung für den Putsch der Rechten berief sich Brenner auf das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine, das in seinen Worten »nur eines bedeutet: das Recht auf Lostrennung, auf Gründung eines unabhängigen Staats«. Wenn Brenners Auffassung von »Selbstbestimmung« nur eines bedeutet, dann die uneingeschränkte Macht des Kiewer Regimes über die gesamte Ukraine. Denjenigen Teilen der Ukraine, die die Poroschenko-Regierung ablehnen, verweigert er das Recht auf Lostrennung.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat das Programm der Selbstbestimmung einer ausführlichen Kritik unterzogen und anhand zahlreicher Beispiele nachgewiesen, dass es, insbesondere nach der Auflösung der Sowjetunion, entweder den Imperialisten als Werkzeug diente, Staaten im Vorfeld einer Intervention aufzuspalten, oder von einem bestimmten Teil der nationalen bürgerlichen Elite als Mittel zur Selbstbereicherung benutzt wurde. Oft geht beides Hand in Hand. Außerhalb eines gemeinsamen Kampfs der Arbeiterklasse gegen den Imperialismus und seine lokalen Statthalter, der sich auf ein internationales revolutionäres Programm stützt, hat die Forderung nach nationaler Selbstbestimmung keinen progressiven Inhalt. Wenn Brenner die nationale Selbstbestimmung der Ukraine mit der politischen Vorherrschaft des Poroschenko-Regimes gleichsetzt, das vom Imperialismus unterstützt wird und mit Faschisten besetzt ist, dann ist das eine politische Schweinerei.

Ein friedfertiger Imperialismus?

Im September 2014 knüpfte Steiner an die pro-imperialistischen Ausflüchte seines Kollegen an, indem er eine wütende Attacke auf die Resolution ritt, die der dritte Parteitag der Socialist Equality Party im August verabschiedet hatte: »Der Kampf gegen Krieg und die politischen Aufgaben der Socialist Equality Party«. Steiner begann seinen Artikel, indem er aufzählte, wie oft darin die Worte »Krieg« (97), »imperialistisch« (23) und »Imperialismus« (36) vorkamen. Offenbar wollte er seinen Lesern weismachen, dass diese Ausdrücke in den Schriften Lenins, Luxemburgs und Trotzkis Seltenheitswert hatten.

Die SEP, so Steiner, übertreibe die Gefahr eines imperialistischen Kriegs maßlos. Er schrieb:

Die SEP betrachtet den Imperialismus von 2014 als Wiederkehr von 1914 und ist davon überzeugt, dass sich die Geschichte wiederholt, bis hin zu internationalen Zwischenfällen in einem konfliktgeladenen Sommer, der die Spannung des Sommers 1914 wiederaufnimmt. Aber der Imperialismus, der unseren Planeten nach wie vor bedrängt, ist heute ganz anders beschaffen als vor 100 Jahren. Der Einsatz militärischer Macht zugunsten wirtschaftlicher Interessen spielt zwar durchaus noch eine Rolle, wird aber heute mit weitaus größerer Zurückhaltung angewandt, wie die offenkundige Lähmung der Obama-Regierung angesichts der Ereignisse in Syrien, dem Irak und nun in der Ukraine zeigt.[5]

Es fällt schwer, diese widersinnige Mischung aus Stumpfsinn und Dummheit ernst zu nehmen. Steiner führt nicht an, welche objektiven Veränderungen den Imperialismus angeblich friedfertiger und risikoscheuer gemacht haben als vor 100 Jahren. Scheinbar ist ihm entgangen, dass die USA seit 25 Jahren praktisch ununterbrochen Krieg führen, dass sie mit ihren Militäroperationen ganze Länder in Schutt und Asche gelegt, Hunderttausende Menschen getötet und fünfzig Millionen zu Flüchtlingen gemacht haben und dass sie weltweit mehr Militär im Einsatz haben als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Spricht all dies für eine »weitaus größere Zurückhaltung« beim Einsatz militärischer Mittel als vor 100 Jahren? Die Kriegsvorbereitungen der USA gegen China und Russland sind keine Spekulation, sondern eine geopolitische und militärische Tatsache, die in Strategiezeitschriften und in der internationalen Presse allgemein anerkannt und diskutiert wird. Steiner jedoch tut die Warnungen der »World Socialist Web Site« als »Panikmache« ab.

Steiners Herangehensweise an die Weltpolitik ist von einem banalen Impressionismus geprägt. Er behauptet, Obama stehe an der Spitze einer »schwachen Regierung, die nicht recht weiß, was sie tun soll, und zögert, sich abgesehen von ein paar Drohneneinsätzen, die leichte Beute versprechen und kaum militärische Ressourcen der USA binden, auf langfristige militärische Eskapaden einzulassen«. Hier findet sich keine Spur eines theoretischen Einblicks in die objektiven Kräfte, die Politik und Handeln des Imperialismus prägen. Im Übergangsprogramm bezeichnete Trotzki die inneren Krisen imperialistischer Regierungen als wesentliche Vorboten von Kriegen. »In den historisch privilegierten Ländern«, schrieb er, »befinden sich alle traditionellen Parteien in einem Zustand der Ratlosigkeit, der an Willenslähmung grenzt.« Die Herrschenden steuerten auf einen Krieg zu, nicht, weil sie ihn subjektiv herbeiwünschten, sondern weil sie keinen anderen Ausweg aus ihrer Krise sahen. Deshalb, so Trotzki, schlitterte die Bourgeoisie »mit geschlossenen Augen in eine wirtschaftliche und militärische Katastrophe«.[6]

In seiner Unfähigkeit, die Implikationen politischer Argumente zu durchdenken, merkt Steiner gar nicht, dass er, indem er die Gefahr eines imperialistischen Kriegs beiseiteschiebt, von einer völlig anderen Einschätzung der Epoche ausgeht, als sie der Vierten Internationale zugrunde liegt. Wenn der Imperialismus nicht durch objektive Kräfte zum Krieg getrieben wird und seine Angelegenheiten mit mehr Fingerspitzengefühl regeln kann als 1914 oder 1939, dann folgt daraus, dass es ihm gelungen ist, seine grundlegenden Widersprüche unter Kontrolle zu bekommen: den Widerspruch zwischen dem globalen Charakter der kapitalistischen Produktion und dem Nationalstaatensystem und den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktivkräfte und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln. Die Vorstellung eines erfolgreich geregelten weltweiten Kapitalismus geht auf Kautsky zurück. Er sprach von einem neuen »Ultra-Imperialismus«, bei dem die herrschenden Klassen auf Krieg verzichten könnten. In seinem gefeierten Werk »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« schrieb Lenin:

… der objektive, d. h. wirkliche soziale Sinn seiner »Theorie« ist einzig und allein der: eine höchst reaktionäre Vertröstung der Massen auf die Möglichkeit eines dauernden Friedens im Kapitalismus, indem man die Aufmerksamkeit von den akuten Widersprüchen und akuten Problemen der Gegenwart ablenkt auf die verlogenen Perspektiven irgend­eines angeblich neuen künftigen »Ultraimperialismus«. Betrug an den Massen und sonst absolut nichts ist der Inhalt von Kautskys »marxistischer« Theorie.[7]

Steiner, der von den Lehren aus dem Kampf der Bolschewiki gegen den Opportunismus nichts wissen will, erklärt uns nicht, wann und wie die Entwicklung des Imperialismus Kautsky bestätigt und Lenin und Trotzki widerlegt hat.

Die Krise in Griechenland

Mit den Wahlen in Griechenland im Januar 2015 trat die Abkehr Steiners und Brenners von den politischen Grundsätzen des Marxismus in ein neues Stadium ein. Mit tief empfundener Begeisterung feierten sie den Wahlsieg von Syriza. Diese Reaktion war insofern keine Überraschung, als Syriza – mit ihren postmodernen Theorien, ihrem amorphen Programm und ihrer Verankerung in der oberen Mittelklasse – alles verkörpert, wofür Steiner, Brenner und mit ihnen die gesamte kleinbürgerliche Pseudolinke stehen. In der Führung und im Umfeld von Syriza wimmelt es nur so von ihren Ebenbildern. Die Weigerung des Internationalen Komitees, in den Jubel über den Wahlsieg einzustimmen, stieß bei Steiner und Brenner auf Empörung. Sie verurteilten unsere Analyse des Programms von Syriza und unsere Warnungen vor ihrem unvermeidlichen Verrat an der griechischen Arbeiterklasse. In einem geharnischten Artikel vom 2. Februar 2015 zitierte Brenner die Erklärungen, die nach den Wahlen auf der »World Socialist Web Site« erschienen waren:

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale weist die politische Ausrede, mit der die kleinbürgerlichen Pseudolinken ihre Unterstützung für Syriza und ihre prokapitalistische Agenda rechtfertigen, mit Verachtung zurück. Die Ausrede lautet, dass die Tsipras-Regierung eine notwendige »Erfahrung« für die Arbeiterklasse sei, durch die sie schließlich die Notwendigkeit wirklich sozialistischer Politik verstehen werde.

Das einzige Ziel solcher Spitzfindigkeiten ist es, die Entstehung einer revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse zu verhindern, d. h. eine Entwicklung, die nur durch eine unablässige politische Enthüllung Syrizas möglich ist. Die »World Socialist Web Site« übernimmt diese Aufgabe, um Arbeiter und Jugendliche auf die entscheidenden Kämpfe vorzubereiten, die in Griechenland und weltweit bevorstehen.[8]

Nach dem Hinweis, dass er die abwegigsten Ausdrücke kursiv hervorgehoben habe, zitierte Brenner eine zweite Erklärung, die am 28. Januar 2015 auf der »World Socialist Web Site« erschienen war:

Ein anderes Argument [der Pseudolinken] lautet, man müsse Syriza unterstützen, damit die Arbeiterklasse durch diese Erfahrung gehen und aus ihr lernen könne. Dieses Argument ist an Zynismus nicht zu überbieten. Angesichts der enormen Gefahren, die von einer Syriza-Regierung drohen, besteht die Aufgabe einer marxistischen Partei darin, aufzudecken, welche Klasseninteressen Syriza vertritt, die Arbeiterklasse vor den Folgen zu warnen und ihr eine klare sozialistische Orientierung zu geben.

Auf diese Weise beteiligen sich die World Socialist Web Site und das Internationale Komitee an den »Erfahrungen« in Griechenland. Die zahlreichen pseudolinken Gruppen klammern sich an Syriza fest, weil sie dieselben Klasseninteressen wie diese Partei vertreten. Sie sprechen für Schichten der Mittelklasse, die eine unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse fürchten und auf den eigenen sozialen Aufstieg im Rahmen der bürgerlichen Ordnung setzen.[9]

»Diese beiden Zitate«, schrieb Brenner daraufhin, »sind Beispiele für das, was Marxisten Sektierertum nennen.«[10] Allerdings nannte er die Marxisten, auf die er sich berief, nicht beim Namen. Marx, Engels, Lenin und Trotzki gehören bestimmt nicht dazu. Sie waren unversöhnliche Gegner aller opportunistischen Parteien und Tendenzen, deren Politik darin bestand, die Arbeiterklasse der Bourgeoisie unterzuordnen. Wenn die Entlarvung und Bekämpfung einer bürgerlichen Regierung, wie sie Syriza zweifellos darstellt, »Sektierertum« ist, dann besteht die gesamte Geschichte des Marxismus als revolutionäre sozialistische Bewegung aus einer langen, trostlosen Chronik des »Sektierertums«, das vor allem von Lenin und Trotzki praktiziert wurde.

Dem Internationalen Komitee »Sektierertum« vorzuwerfen, weil es gegen die Syriza-Regierung Stellung bezieht, läuft auf die Zurückweisung der politischen Prinzipien hinaus, die Lenin gegen den Menschewismus und die Zweite Internationale, Trotzki gegen die stalinistische Volksfrontpolitik und das Internationale Komitee gegen die Kapitulation der Pablisten vor dem Stalinismus und vor bürgerlich-nationalistischen Organisationen verteidigt haben. Auf der Grundlage der Positionen, die sie heute vertreten, könnten weder Steiner noch Brenner erklären, weshalb sie sich Anfang der 1970er-Jahre der Workers League anschlossen. Damals beschimpften die Pablisten das Internationale Komitee unaufhörlich als »­ultralinke Sektierer«.

Alles, was Steiner und Brenner schreiben, richtet sich gegen die Prinzipien, für die Trotzki unermüdlich kämpfte. In den Diskussionen über die Bedeutung des Übergangsprogramms, die er 1938 mit den amerikanischen Trotzkisten führte, betonte er, dass das Programm der revolutionären Partei von der objektiven Krise des Kapitalismus in ihrer ganzen Schärfe ausgehen muss und nicht von dem subjektiven Bewusstsein oder der Verwirrung der Arbeiter. Auf einer Zusammenkunft mit James P. Cannon und anderen Führern der amerikanischen Sektion erklärte Trotzki im Mai 1938:

Die politische Rückständigkeit der amerikanischen Arbeiterklasse ist sehr groß. Dies bedeutet, dass die Gefahr einer faschistischen Katastrophe sehr groß ist. Dies ist der Ausgangspunkt all unserer Aktivitäten. Das Programm muss eher die objektiven Aufgaben der Arbeiterklasse als die Rückständigkeit der Arbeiter ausdrücken. Es muss die Gesellschaft so widerspiegeln, wie sie ist, und nicht die Rückständigkeit der Arbeiterklasse. Es ist ein Werkzeug, die Rückständigkeit zu überwinden und zu besiegen.[11]

Trotzki mahnte die Parteiführer in Amerika, sich nicht der Verwirrung und den Vorurteilen der Massen unterzuordnen. Die Aufgabe bestehe darin,

das Bewusstsein der Massen an diese objektiven Faktoren anzugleichen. … Die Krise der Gesellschaft ist als Grundlage unserer Tätigkeit gegeben. Das Bewusstsein ist die politische Arena unserer Tätigkeit. Wir müssen es ändern. Wir müssen eine wissenschaftliche Erklärung der Gesellschaft geben und sie den Massen deutlich erklären. Das ist der Unterschied zwischen Marxismus und Reformismus.

Die Reformisten haben einen guten Riecher dafür, was das Publikum will – wie Norman Thomas, der ihnen genau das gibt. Aber das ist keine ernsthafte revolutionäre Arbeit. Wir müssen den Mut haben, unpopulär zu sein, zu sagen: »Ihr seid Narren«, »Ihr seid dumm«, »Sie betrügen Euch«, und bisweilen müssen wir anlässlich eines Skandals unsere Ideen mit Leidenschaft vorbringen. Es ist notwendig, den Arbeiter von Zeit zu Zeit zu schütteln, ihm etwas zu erklären, und ihn dann wieder zu schütteln – all dies gehört zur Kunst der Propaganda. Aber sie muss wissenschaftlich sein und darf sich nicht den Stimmungen der Massen beugen.[12]

Wenn die amerikanischen Arbeiter das Programm der sozialistischen Revolution nicht annähmen, warnte Trotzki die Führer der Bewegung in Amerika, dann bestünde die Gefahr, dass der Faschismus ihnen sein Programm aufzwingen werde. Es gebe keine Garantie, dass die Arbeiter rechtzeitig handeln würden. »Dafür können wir keine Verantwortung übernehmen«, sagte er. »Wir können nur Verantwortung für uns selbst übernehmen.«[13]

Steiner und Brenner übernehmen für gar nichts Verantwortung. Sie rechtfertigen ihre Unterstützung für eine bürgerliche Partei und deren Regierung, indem sie sich auf die »Erfahrung« der Arbeiterklasse berufen, als ob es sich dabei um die Entfaltung rein psychischer Vorgänge handele, die mit Klassenkräften nichts zu tun hätten und vor denen man passiv, in schweigender Andacht verharren müsse. Vor allem aber wollen sie das bewusste Handeln der revolutionären Partei – das entscheidende Element der Negativität als das »bewegende und erzeugende Prinzip«[14] in der Dialektik des objektiven historischen Prozesses – aus der gesellschaftlichen Erfahrung heraushalten. Im Endeffekt machen Steiner und Brenner geltend, dass es unzulässig sei, die heilige Unschuld der jungfräulichen Seele durch kritische Analysen und frevlerische Enthüllungen zu zerstören. Die Erfahrung darf nicht »abgewertet« werden. Nein, die Arbeiter müssen sich unbedingt von der »Erfahrung« leiten lassen, wohin sie auch führen mag – d. h. in die Niederlage.

Die weiteren Ereignisse haben bewiesen, wie bankrott die opportunistische Theorie der »Erfahrung« ist, die Steiner und Brenner vertreten. Alexis Tsipras dankte ihnen ihre Schwärmerei und politische Unterwürfigkeit durch ein Regierungsbündnis mit den Unabhängigen Griechen, einer extrem rechten bürgerlichen Partei. Als Nächstes schlug er einen politischen Kurs ein, bei dem er alle Versprechen Syrizas, die Austeritätspolitik der Europäischen Union zu bekämpfen, mit Füßen trat.

Der Verrat Syrizas

Der Höhepunkt dieses Verrats war das Referendum vom 5. Juli 2015, das Tsipras ansetzte, um sich einen politischen Deckmantel für die Kapitulation seiner Regierung vor den Forderungen der EU zu verschaffen. Das Internationale Komitee verurteilte dieses Manöver und erklärte, dass die Syriza-Regierung, die erst fünf Monate zuvor gewählt worden war, um die Kürzungsdiktate zu bekämpfen, keinen legitimen Grund hatte, ein Referendum darüber abzuhalten, ob man vor der EU in die Knie gehen sollte oder nicht. In Wirklichkeit bot Alexis Tsipras dem europäischen Imperialismus und seinen Verbündeten in den herrschenden Kreisen Griechenlands eine Chance, seine Regierung loszuwerden, womit sich zugleich Syriza der Bürde entledigen wollte, Zugeständnisse zu machen und durchzusetzen.

Wie nicht anders zu erwarten, schäumte Brenner vor Wut, als das Internationale Komitee dieses Manöver entlarvte. Sogleich eilte er Tsipras zu Hilfe. Syriza, schrieb er, »hat sich an das griechische Volk gewandt und es aufgefordert zu entscheiden: Ja oder nein zu weiteren Kürzungen. … dies ist einer der seltenen Momente, in denen die bürgerliche Demokratie ihren hehren Ansprüchen wirklich einmal gerecht wird.«[15]

Es dauerte nicht lange, da bestätigten sich die Warnungen des Internationalen Komitees, die Brenner so in Rage versetzten. Tsipras war entsetzt über die überwältigende Mehrheit für ein »Nein«, die er weder erwartet noch gewollt hatte. In einem Artikel des britischen »Daily Telegraph« vom 8. Juli 2015 bestätigte Ambrose Evans-Pritchard, Chefredakteur für internationale Wirtschaftsthemen, die Analyse der »World Socialist Web Site«:

Nie hätte der griechische Premier Alexis Tsipras gedacht, dass er das Referendum über die Rettungsbedingungen der Wirtschafts- und Währungsunion am Sonntag gewinnen würde, und als Anführer eines flammenden Volksaufstands gegen Fremdbestimmung sah er sich schon gar nicht.

Er beraumte die kurzfristige Abstimmung in der Erwartung – und der Absicht – an, sie zu verlieren. Er wollte Widerstand demonstrieren, sich ehrenhaft geschlagen geben und den Schlüssel zur Villa Maximos an jemand anderen abgeben, der dann das »Ultimatum« [der europäischen Institutionen] vom 25. Juni erfüllen und die Schande auf sich nehmen sollte.[16]

Evans-Pritchards Darstellung wurde von Yanis Varoufakis bestätigt. Der ehemalige Finanzminister der Syriza-Regierung, der die Verhandlungen mit der EU geführt hatte, erklärte in einem Interview mit dem »Guardian« am 14. Juli 2015: »Ich war, wie vermutlich der Premierminister auch, davon ausgegangen, dass unsere Unterstützung und die Nein-Stimmen exponentiell dahinschwinden würden.« Außerdem äußerte er die Erwartung, dass die faschistische Goldene Morgenröte von Syrizas Kapitulation profitieren werde. »Das einzig mögliche Ergebnis ist meiner Meinung nach das weitere Erstarken der Goldenen Morgenröte.«[17]

Die Reaktion Steiners und Brenners auf den Verrat an der griechischen Arbeiterklasse bestand darin, nicht Syriza und ihren Führer Alexis Tsipras anzuprangern, sondern weitere, noch bösartigere Angriffe auf die »World Socialist Web Site« zu veröffentlichen. Sie warfen der WSWS vor, dass sie »rundheraus leugnet, dass sich die ERFAHRUNG mit der Syriza-Regierung als entscheidend erweisen könnte, um das politische Bewusstsein der Massen anzuheben und Möglichkeiten zu eröffnen, sie in großer Zahl für den revolutionären Sozialismus zu gewinnen«.[18] Dieses seltsame Argument besagt, dass ein politischer Verrat, mit dem die Arbeiterklasse desorientiert und demoralisiert wird, als positiver Beitrag zur Entwicklung des Bewusstseins zu begrüßen ist. Je mehr Verrätereien, desto besser! Und was, wenn die Verrätereien zum Sieg der Goldenen Morgenröte führen? Folgt man der politischen Logik von Steiner und Brenner, dann wäre dies eine weitere unschätzbare Erfahrung zur Anhebung des Bewusstseins. Ihrer Theorie des Bewusstseins zufolge besteht die Aufgabe von »Sozialisten« darin, Illusionen in Parteien zu schüren, die Verrat an der Arbeiterklasse üben. Man muss »ihnen [den Arbeitern] in ihren Erfahrungen beistehen …«[19] Wenn die Reaktion in Griechenland triumphiert, dann werden Steiner in Manhattan und Brenner in Toronto der Arbeiterklasse in Athen »beistehen«: tapfer, aber aus der ausgesprochen sicheren Entfernung von 8000 km.

Das ganze Ausmaß von Brenners Demoralisierung zeigt sich, wenn es aus ihm herausbricht: »In der revolutionären Politik GENÜGT ES NICHT, STÄNDIG DIE WAHRHEIT ZU VERKÜNDEN[20] So etwas kann nur jemand schreiben, der unheilbar vom Zynismus zerfressen ist und sich in seinem Inneren gedanklich und moralisch vollständig vom Sozialismus losgesagt hat. Wie alle fortschrittlichen theoretischen und kulturellen Ideen ist der Marxismus von der Überzeugung erfüllt, dass es nichts Stärkeres gibt als die Wahrheit. Gerade durch die herausragende Bedeutung, die sie dem Kampf für die Wahrheit beimisst, unterscheidet sich die Vierte Internationale in unserer Zeit, in der sich der Kapitalismus nur durch Lügen aufrechterhalten kann, von allen anderen politischen Bewegungen, selbst wenn sie sich auf den Sozialismus berufen mögen. Wie Trotzki 1937 so eindrucksvoll erklärte: »Drohungen, Verfolgung und Gewalt können uns nicht aufhalten! Die Wahrheit wird siegen, und sei es erst nach unserem Tode! Wir werden ihr den Weg bahnen. Sie wird sich durchsetzen!«[21] Der Kampf für die Wahrheit – und das heißt vor allem, der Arbeiterklasse die Wahrheit zu sagen – ist die wesentliche Voraussetzung für marxistische Politik und unvereinbar mit jeder Form des politischen Opportunismus.

Mit ihrer Verteidigung Syrizas haben Steiner und Brenner bewiesen, dass ihre Angriffe auf das Internationale Komitee auf Böswilligkeit, theoretischer Hochstapelei und politischer Verlogenheit beruhen. Zu Beginn ihres Angriffs 2004 warfen sie mir vor, aufgrund »objektivistischer« Neigungen und der »Vernachlässigung der Dialektik« – wegen meiner Hochachtung vor den Werken Plechanows – in einer Weise vom Marxismus abzuweichen, die das bloße Überleben des Internationalen Komitees gefährde. Im Jahr 2007 waren sie dann zu dem Schluss gelangt, dass das Internationale Komitee, da es ihrer Kritik an meinem »Objektivismus« nicht beigepflichtet habe, als revolutionäre Bewegung erledigt sei. Und nun, zehn Jahre nach Beginn ihrer Kampagne, erweisen sich Steiner und Brenner als willfährige Komplizen kleinbürgerlicher Politiker, die einen monströsen Verrat an der Arbeiterklasse begangen haben.

Die Rückkehr von Savas Michael-Matsas

Die Politik ist reich an Ironie. In seiner ersten Polemik aus dem Jahr 2004, als er sich noch als Anhänger des Internationalen Komitees bezeichnete, bekundete Steiner seinen Respekt vor unserer Kritik an Gerry Healys »grotesker Entstellung der Dialektik«. »Der Bruch mit Healy 1985 war in dem Sinne ein wichtiger Meilenstein, als er das Internationale Komitee vor der völligen Zerstörung bewahrte«, bestätigte er.[22]

Und doch wurden Steiner und Brenner durch die politische Logik ihres Kampfs gegen das Internationale Komitee und durch ihre Verteidigung Syrizas in ein politisches Bündnis mit Savas Michael-Matsas getrieben, der Healy 1985 bedingungslos unterstützt und mit dem Internationalen Komitee gebrochen hatte. Er war damals nationaler Sekretär der Workers Internationalist League in Griechenland, der einzigen Sektion des IKVI, die zu Healy hielt. Michael-Matsas unterstützte Healy nicht aus persönlicher Loyalität, sondern weil dessen opportunistische Politik seinem eigenen Streben nach politischen Bündnissen mit stalinistischen und linksbürgerlichen Parteien in Griechenland am meisten entgegenkam. Nach seinem Bruch mit dem Internationalen Komitee rief Michael-Matsas eine »neue Ära für die Vierte Internationale« aus, in der sich der Trotzkismus von »abstraktem Propagandismus« und »den Praktiken der Niederlagen und der Isolation des Trotzkismus« befreien werde. In der Praxis bestand diese »neue Ära« aus Unterstützung für die bürgerliche Pasok in Griechenland, aus einem Bündnis mit den Stalinisten zur Unterstützung eines bürgerlichen Präsidentschaftskandidaten in Zypern und aus Werbung für Michail Gorbatschows Perestroika als Beginn der »politischen Revolution« in der Sowjetunion.

Heute, dreißig Jahre nach ihrem Bruch mit dem Trotzkismus, stellen Steiner und Brenner Michael-Matsas ihren Blog zur Verfügung, auf dass er dort gegen das »sektiererische« Internationale Komitee wettern kann. Das IKVI und die WSWS, schrieb er am 22. Januar 2015, »mögen zwar einige richtige Dinge über den bürgerlichen Charakter der Syriza-Führung sagen, setzen sich jedoch über die Bedeutung von Syrizas Sieg hinweg. … Die sektiererischen Gruppen sind blind für die Möglichkeiten, weil ihnen die Massenbewegung gleichgültig ist.«[23] Wie alle Opportunisten in der Politik beruft sich Michael-Matsas auf die »Massenbewegung«, ohne den Klassencharakter und das politische Programm ihrer Führung zu definieren.

Was die Entwicklung der theoretischen Konzeptionen von Michael-Matsas seit seinem Bruch mit dem Internationalen Komitee angeht, so entnehmen wir seinem Wikipedia-Eintrag, dass er

»eine Neuinterpretation der revolutionären Theorie und des Marxismus aus Sicht des Messianismus und der jüdischen Mystik und umgekehrt« anstrebt. Seine Haltung könnte als »religiöser Atheismus« oder auch »weltlicher Messianismus« beschrieben werden.[24]

Wahrlich eine »groteske Entstellung der Dialektik«, über die Steiner und Brenner auf ihrem Blog allerdings keine Silbe verlieren. Michael-Matsas Versuche, den Marxismus mit der mittelalterlichen Mystik der Kabbala zu vermählen, stören sie ebenso wenig wie die Beteuerungen der Syriza-Ideologen, dass wir in einem »postmarxistischen« Zeitalter leben. Womit sich Steiner und Brenner hingegen nicht abfinden konnten, war meine »objektivistische« Philosophie – d. h. eine historisch-materialistische Analyse, mit der die Interessen der Arbeiterklasse erkannt und vertreten werden können.

Noch einmal: Nicht die Philosophie ist die Triebkraft ihrer Politik, sondern die Klassenorientierung und die gesellschaftlichen Interessen, die in ihrer Politik zum Ausdruck kommen, verlangen nach einer subjektiven und eklektischen Philosophie.

Eine Definition der Pseudolinken

Der Verrat von Syriza ist in Griechenland und weltweit ein wichtiger Meilenstein. Von der »linken Einstellung« des gesellschaftlichen Milieus, aus dem Organisationen wie Syriza hervorgingen, sind nur verlogene Phrasen übrig geblieben. Als Syriza den Widerstand gegen die Austeritätspolitik aus ihrem Programm strich, wurde der unüberbrückbare Abgrund sichtbar, der die politischen Vertreter der besser verdienenden Mittelklasse von der breiten Masse der arbeitenden Bevölkerung trennt. Dieser objektive gesellschaftliche Interessenskonflikt wird notwendigerweise eine politische Neuorientierung auslösen. Die fortgeschrittenen Teile der Arbeiterklasse und der Jugend werden sich gegen die Pseudolinke wenden und einen Weg zur wirklich sozialistischen und marxistischen Linken suchen. Diese objektive gesellschaftliche und politische Differenzierung erfordert das Eingreifen der trotzkistischen Bewegung. Wut auf die Verräter reicht nicht aus. Die Aufgabe von Marxisten besteht darin, der Radikalisierung der Arbeiter und der Verschärfung des Klassenkampfs ein hohes Maß an politischem und historischem Bewusstsein zu verleihen.

Um zu dieser Entwicklung beizutragen und den Arbeitern zu helfen, ihre politischen Feinde zu erkennen, schlagen wir folgende Arbeitsdefinition der zeitgenössischen Pseudolinken vor:

  • Der Begriff »Pseudolinke« bezeichnet politische Parteien, Organisationen und theoretische/ ideologische Tendenzen, die populistische Parolen und demokratische Phrasen benutzen, um die sozioökonomischen Interessen privilegierter und wohlhabender Schichten der Mittelklasse zu fördern. Beispiele für solche Gruppierungen sind Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien, Die Linke in Deutschland und die zahlreichen Ableger ex-trotzkistischer (z. B. pablistischer) oder staatskapitalistischer Organisationen wie der Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) in Frankreich, die NSSP in Sri Lanka und die International Socialist Organization in den Vereinigten Staaten. Man kann auch die Überreste der Occupy-Bewegung hinzuzählen, die von anarchistischen und postanarchistischen Tendenzen beeinflusst sind. Angesichts der großen Vielfalt kleinbürgerlicher pseudolinker Organisationen weltweit ist diese Liste bei Weitem nicht vollständig.
  • Die Pseudolinke ist antimarxistisch. Sie lehnt den historischen Materialismus ab und stützt sich stattdessen auf verschiedene Formen des subjektiven Idealismus und des philosophischen Irrationalismus, wie sie vom Existenzialismus, der Frankfurter Schule und der zeitgenössischen Postmoderne vertreten werden.
  • Die Pseudolinke ist antisozialistisch. Sie lehnt den Klassenkampf ab und leugnet die zentrale Rolle der Arbeiterklasse ebenso wie die Notwendigkeit einer Revolution für die fortschrittliche Umgestaltung der Gesellschaft.[25] Sie stellt der unabhängigen politischen Organisation und Massenmobilisierung der Arbeiterklasse gegen das kapitalistische System einen klassenneutralen Populismus entgegen. Das Wirtschaftsprogramm der Pseudolinken ist im Wesentlichen prokapitalistisch und nationalistisch.
  • Die Pseudolinke tritt für verschiedene Formen der »Identitätspolitik« ein, die sich auf Fragen der Nationalität, der ethnischen Zugehörigkeit, des Geschlechts und der sexuellen Orientierung konzentriert, um in Unternehmen, Universitäten, besser bezahlten Berufsgruppen, Gewerkschaften, Regierungsstellen und staatlichen Institutionen mehr Einfluss zu gewinnen. Sie strebt eine für sie günstigere Aufteilung des Vermögens unter den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung an. Den Pseudolinken geht es nicht um die Abschaffung gesellschaftlicher Privilegien, sondern darum, selbst stärker daran teilzuhaben.
  • In den imperialistischen Zentren Nordamerikas, Westeuropas und Australasiens ist die Pseudolinke im Allgemeinen pro-imperialistisch. Sie benutzt Menschenrechtsparolen, um neokoloniale Militäroperationen zu rechtfertigen und sogar direkt zu unterstützen.

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der trotzkistischen Bewegung, die Klassengrundlage, die rückwärtsgewandten theoretischen Konzeptionen und die reaktionäre Politik der Pseudolinken zu analysieren und zu entlarven. Nur so kann sie die Arbeiterklasse aufklären, vom Einfluss kleinbürgerlicher Bewegungen befreien und ihre politische Unabhängigkeit als entscheidende progressive und revolutionäre Kraft in der modernen kapitalistischen Gesellschaft herstellen. Das Buch »Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken: Eine marxistische Kritik« soll einen Beitrag zur Erfüllung dieser Aufgabe leisten.

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Der erste Beitrag in diesem Band, »Plechanow und die Tragödie der Zweiten Internationale« vom 20. Juni 2003, kritisiert die subjektive und weitgehend ahistorische Behandlung des Lebens des »Vaters des russischen Marxismus« durch Alex Steiner.

Der zweite Beitrag, »Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein«, entstand im Juli 2006. Er ist eine Antwort auf den Artikel »Objektivismus oder Marxismus«, den Steiner und Brenner im Mai 2006 geschrieben hatten und nimmt auch auf einige ihrer früheren Dokumente Bezug. Er wurde im August 2007 als Serie auf der »World Socialist Web Site« und später als Broschüre veröffentlicht.[26]

Der dritte Beitrag, »Die politische und ideologische Irrfahrt von Alex Steiner«, erschien ursprünglich im Oktober 2008 als Serie auf der »World Socialist Web Site«.

Beim vierten Beitrag, »Die theoretischen und historischen Wurzeln der Pseudolinken«, handelt es sich um den einleitenden Bericht zum zweiten Nationalen Kongress der Socialist Equality Party im August 2012. Er wurde später als Broschüre veröffentlicht.

Der fünfte Beitrag, »Die Wissenschaft der politischen Perspektive«, ist ein Vortrag, den ich im August 2005 auf einer von der Socialist Equality Party unterstützten internationalen Schulung hielt.

Der sechste Beitrag, eine Besprechung von Professor Tom Rockmores Buch »Marx nach dem Marxismus«, erschien ursprünglich im Mai 2006 auf der »World Socialist Web Site«. Später bildete er ein Kapitel des Buchs »Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert«, das 2014 veröffentlicht wurde. Ich habe diesen Essay auch in diesen Band aufgenommen, weil sein Thema – die Widerlegung der Behauptung, Marx sei ein heimlicher Idealist gewesen – für die darin behandelten theoretischen Fragen äußerst wichtig ist.

Der Anhang besteht aus zwei Beiträgen von Leo Trotzki und Alexander Woronski, die das Leben und die Hinterlassenschaft Georgi Plechanows würdigen. Verfasst von revolutionären Marxisten, die 1914 mit Plechanow brachen, zollen beide Essays der enormen historischen Leistung Tribut, die diese große und tragische Figur bei der Verbreitung der marxistischen Philosophie und der Entwicklung der revolutionären sozialistischen Bewegung in Russland spielte. Auf dem Gebiet der Kenntnis des französischen Materialismus und des Idealismus der deutschen Philosophen Hegel, Fichte und Feuerbach »konnte sich niemand mit ihm messen«, schrieb Woronski. Die Essays von Trotzki und Woronski sind großartige Beispiele historisch materialistischer Objektivität. Sie geben eine passende Antwort auf Steiners subjektiven und ignoranten Angriff auf diesen großen Theoretiker, der die Führer der russischen sozialistischen Revolution vom Oktober 1917 erzog.

Für die Herausgabe als Buch haben die Redakteure die angeführten Zitate sorgfältig nach den Quellen überprüft und, wo nötig, Grammatik und Stil korrigiert. Um die Lesbarkeit zu verbessern, wurden mehrere ­Absätze, die ursprünglich als Fußnoten erschienen, in den Haupttext integriert. Mit Ausnahme dieser kleinen Korrekturen, die am Inhalt der Polemik nichts ändern, erscheinen die Beiträge in diesem Band in ihrer ursprünglichen Form.

David North

Detroit, Michigan

16. Juli 2015

1 Georgi W. Plechanow, »On Mr. H. Rickert’s Book«, in: Selected Philosophical Works, Bd. 3, Moskau 1976, S. 483 (aus dem Englischen). Bissig gibt Plechanow die Formulierungen Rickerts in Anführungszeichen wieder. Bemerkenswerterweise begann Martin ­Heidegger – der Existenzialist, Philosoph und Stiefellecker der Nazis, der die Arbeiten von Sartre, Marcuse und späteren Irrationalisten wie Foucault stark beeinflusst hat – seine Laufbahn als Assistent Rickerts.

2 David North, »Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein«, siehe S. 191 in diesem Buch.

3 Alex Steiner, Frank Brenner, »About this website«, auf: Permanent Revolution, 5.10.2014, http://forum.permanent-revolution.org/2014/10/about-this-web-site.html, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

4 Frank Brenner, »Trotsky on Ukraine. Lessons for today«, auf: Permanent Revolution, 20.5.2014, http://forum.permanent-revolution.org/2014_05_01_archive.html, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

5 Alex Steiner, »A comment on the resolution of the SEP on the fight against war«, auf: Permanent Revolution, 4.9.2014, http://forum.permanent-revolution.org/2014/09/a-brief-comment-on-resolution-of-sep-on.html, aufgerufen am 28.9.2015 (Hervorhebung hinzugefügt).

6 Leo Trotzki, »Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale«, in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 83.

7 Wladimir I. Lenin, »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«, in: Werke, Bd. 22, Berlin 1981, S. 299 f.

8 Chris Marsden, »Die Bedeutung von Syrizas Wahlsieg in Griechenland«, auf WSWS, 28.1.2015, http://www.wsws.org/de/articles/2015/01/28/pers-j28.html, aufgerufen am 27.9.2015 (mit Brenners Hervorhebung).

9  Peter Schwarz, »Syrizas Wahlerfolg und die Pseudolinken«, auf: WSWS, 28.1.2015, http://www.wsws.org/de/articles/2015/01/28/pseu-j28.html, aufgerufen am 27.9.2015 (mit Brenners Hervorhebung).

10 Frank Brenner, »Experience in scare quotes. Sectarianism and the Greek election«, auf: Permanent Revolution, http://forum.permanent-revolution.org/2015/02/experience-in-scare-quotes-sectarianism.html, aufgerufen am 27.9.2015 (aus dem Englischen).

11 Leo Trotzki: »Die politische Rückständigkeit der amerikanischen Arbeiter«, in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 139 f.

12 Leo Trotzki: »Das Programm vervollständigen und in die Tat umsetzen«, ebd., S. 177.

13 Leo Trotzki: »Die politische Rückständigkeit der amerikanischen Arbeiter«, ebd., S. 141.

14 Karl Marx, »Ökonomisch-philosophische Manuskripte«, in: Marx Engels Werke, Bd. 40, Berlin 1968, S. 574.

15 Frank Brenner, »The working class in fantasy and reality«, auf: Permanent Revolution, 28.6.2015, http://forum.permanent-revolution.org/2015/06/the-working-class-in-fantasy-and-reality.html, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

16 Ambrose Evans-Pritchard, »Europe is blowing itself apart over Greece – and nobody seems able to stop it«, auf: The Telegraph, 7.7.2015, www.telegraph.co.uk/finance/economics/11724924/Europe-is-blowing-itself-apart-over-Greece-and-nobody-can-stop-it.html, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

17 Yanis Varoufakis, »Golden Dawn will be strengthened by more austerity«, auf: The Guardian, 14.7.2015, http://www.theguardian.com/business/2015/jul/14/golden-dawn-will-be-strengthened-by-worse-austerity-yanis-varoufakis-warns, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

18 Alex Steiner, Frank Brenner, »Sectarianism and the Greek working class«, auf: Permanent Revolution, 13.7.2015, http://forum.permanent-revolution.org/2015/07/sectarianism-and-greek-working-class.html, aufgerufen am 28.9.2015 (auf dem Englischen, Betonung im Original).

19 Ebd.

20 Ebd. (Hervorhebung im Original)

21 Leo Trotzki, »I Stake My Life«, zitiert in: Verteidigung Leo Trotzkis. Zweite, erweiterte Auflage, Essen 2012, S. 17.

22 Alex Steiner, »The Dialectical Path of cognition and Revolutionizing Practice« auf: Permanente Revolution, 8.3.2004, http://permanent-revolution.org/polemics/dialectical_path.pdf, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

23 Workers Revolutionary Party (EEK) of Greece, »For a Revolutionary Intervention in the Forthcoming Elections«, auf: Permanent Revolution, 22.1.2015, http://forum.permanent-revolution.org/2015/01/for-revolutionary-intervention-in.html, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

24 »Savas Matsas« auf: Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Savas_Matsas, aufgerufen am 28.9.2015 (aus dem Englischen).

25 Entsprechend schrieben Ernesto Laclau und Chantal Mouffe: »In der Krise ist gegenwärtig die gesamte Konzeption des Sozialismus, die auf der ideologischen Zentralität der Arbeiterklasse, auf der Rolle der Revolution als dem begründenden Moment im Übergang von einem Gesellschaftstyp zu einem anderen sowie auf der illusorischen Erwartung eines vollkommen einheitlichen und gleichartigen kollektiven Willens, der das Moment der Politik sinnlos macht, basiert.« (Hegemonie und radikale Demokratie: zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 2000, S. 32).

26 Alle Dokumente Steiners und Brenners, auf die in diesem Buch verwiesen wird, befinden sich auf ihrem Blog www.permanent-revolution.org. Leser, die dazu bereit sind, können diese Website ausführlich erkunden. In diesem Buch zitierte Stellen lassen sich mithilfe der Suchfunktion der Website ausfindig machen.

Plechanow und die Tragödie der Zweiten Internationale

Brief an Alex Steiner

20. Juni 2003

Obwohl ich deine Antwort vom 3. Juni auf meinen Brief vom Tag zuvor zu würdigen weiß, bin ich weiterhin unzufrieden damit, wie du Plechanows Rolle in der Geschichte der marxistischen Bewegung und die politisch-philosophische Bedeutung der Kritik behandelst, die Lenin an dem Mann übte, der seine eigene Entwicklung stark beeinflusst hatte. Der Anlass für meinen ursprünglichen Brief war nicht einfach deine Kritik an Plechanow, sondern eine, wie ich es sehe, oberflächliche Herangehensweise an eine sehr komplexe Frage. Es ist legitim, gegenüber Plechanow eine kritische Haltung einzunehmen. Aber das verlangt weitaus mehr als das Abschreiben einiger Passagen aus Lenins Band 38 (»Philosophische Hefte«), die Plechanows Auffassung der Dialektik kritisieren. Diese Passagen sind so häufig zitiert worden, dass sie die Form eines obiter dictum angenommen haben, gegen das kein Einspruch möglich ist: »Lenin sagte … Lenin schrieb … Lenin verurteilte …« Punkt. Eine solche Herangehensweise trägt nichts zu unserem Wissen über die bedeutenden historischen, politischen und theoretischen Fragen bei, die Lenin in seiner oft zitierten, aber kaum verstandenen Kritik aufwirft. Schwerer wiegt noch, dass diese Zitate oft angeführt werden, um theoretische Konzeptionen zu rechtfertigen, die denen zuwiderlaufen, die Lenin beim Verfassen seiner Bemerkungen zu Hegels »Logik« vertrat.

Deine Kritik an Plechanow (und Kautsky) beruht auf der Auffassung, dass die Wurzeln des Verrats von 1914 im Wesentlichen in einer falschen Erkenntnistheorie zu finden sind. Du schreibst:

Wir wissen, dass Lenins Motiv, sich 1914 Hegel zuzuwenden, der Verrat der Sozialdemokratie einschließlich Plechanows war. Lenin suchte nach den philosophischen Wurzeln dieses Verrats. Für ihn war offensichtlich, dass ein Verrat von solchem Ausmaß nicht aus heiterem Himmel kam, sondern über Jahrzehnte herangereift war. Deshalb versuchte Lenin zu verstehen, was im Denken nicht nur offener Revisionisten wie Bernstein, sondern auch orthodoxer Marxisten wie Kautsky und Plechanow über Jahre hinweg gekeimt hatte und, als sich die historische Lage plötzlich verändert hatte, zu ihrem Verrat führte.

Wir können endlos, und ich glaube fruchtlos, debattieren, wie viel Verantwortung für diesen Verrat der Annahme einer anti-dialektischen Erkenntnistheorie zuzuschreiben ist, aber ich denke, zumindest Lenin war klar, dass die Ablehnung, oder vielleicht besser, die Verstümmelung der Dialektik entscheidend dazu beigetragen hat, die Grundlagen für den Verrat zu legen. Mit Sicherheit hat die Isolation Plechanow konditioniert. Aber das allein erklärt nicht seine philosophischen Schwächen und dass er schließlich verriet. Immerhin war Lenin genauso isoliert wie Plechanow. Beide verbrachten praktisch ihr ganzes politisches Leben im Exil. Lenin hatte praktisch nie zu einer Massenversammlung von Arbeitern gesprochen, bevor er am Finnischen Bahnhof eintraf.

Und Kautsky, der vielleicht nicht so brillant war wie Plechanow, aber im Wesentlichen dieselbe philosophische Anschauung teilte, war sicherlich nicht isoliert. Aber auch er verriet, trotz seiner Gelehrsamkeit und obwohl er auf subjektiver Ebene der Sache von Marx und Engels wirklich ergeben war. Daher, denke ich, kommen wir am Ende auf die Frage der Philosophie und der Dialektik zurück.[1]

Das grundlegende Problem dieser Analyse des Verrats von 1914 ist ihr idealistischer und ahistorischer Charakter. Akzeptieren wir deine Interpretation, dann war der Zusammenbruch der Zweiten Internationale, ein Wendepunkt der Weltgeschichte, im Wesentlichen das Ergebnis des intellektuellen Versagens einiger Individuen. Weil sie sich auf eine falsche Methode stützten, waren sie intellektuell nicht auf die Ereignisse von 1914 vorbereitet, und so kam es zum Verrat. Diese vereinfachende und einseitige Interpretation ignoriert die komplexen sozioökonomischen Grundlagen, die der Revisionismus in der Zweiten Internationale hatte, und die politischen Formen, in denen sich der Revisionismus in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs äußerte. Der Verrat der Sozialdemokratie und solch führender Gestalten wie Plechanow und Kautsky kam sicherlich »nicht aus heiterem Himmel«. Ihm ging eine lange Periode politischer Krisen voraus. Das Versagen dieser großen historischen Persönlichkeiten war letztlich eine Manifestation der tief verwurzelten Widersprüche der politischen Bewegungen, die sie führten, und der Epoche, in der sie lebten. Selbst als Lenin zum Zweck der theoretischen Analyse bestimmte erkenntnistheoretische Aspekte des Revisionismus isolierte, blieben sie für ihn Teile eines größeren historischen »Ganzen«.

Von all den großen politischen Führern der Zweiten Internationale überraschte die Rolle, die Plechanow 1914 spielte, am wenigsten. Trotz seiner außergewöhnlichen Gelehrsamkeit und seinem profunden Wissen über die theoretischen Grundlagen des Marxismus war die politische Konzeption der russischen Revolution, die er in den 1880er- und 1890er-Jahren entwickelt hatte (eine bürgerlich-demokratische Revolution, in der die Arbeiterklasse eine untergeordnete Rolle spielen musste), von den Ereignissen des Jahres 1905 überholt worden. Der Verlauf der ersten russischen Revolution schuf Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen, die Plechanows politische Perspektive nicht vorhergesehen hatte.

Ausgehend vom Beispiel der klassischen bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts hatte Plechanow der russischen Bourgeoisie die führende politische Rolle in der kommenden demokratischen Revolution zugewiesen. Aber als sich herausstellte, dass die russische Bourgeoisie nicht gewillt war, diese Rolle zu übernehmen, und einen politischen Kompromiss mit dem Zaren einer revolutionären Umwälzung vorzog, die ihre eigenen Eigentumsinteressen gefährdet hätte, steckte Plechanow in einem politischen Dilemma, aus dem er keinen Ausweg fand. Angesichts der wirtschaftlichen Rückständigkeit Russlands und der geringen Größe seines Proletariats wies Plechanow die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in Russland zurück. Er war der Ansicht, eine verfrühte Machtübernahme durch das russische Proletariat sei zum Scheitern verurteilt, wenn vorher nicht eine längere Periode der kapitalistischen Entwicklung unter bürgerlicher Herrschaft die notwendigen ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus schaffe. Aber die russische Bourgeoisie war nicht bereit, eine Form der bürgerlichen Demokratie zu schaffen, in deren Rahmen die zukünftige sozialistische Revolution vorbereitet werden konnte.

Aber welche politische Alternative hatte die Arbeiterklasse, wenn die Bourgeoisie nicht bereit war, ein demokratisches Regime zu errichten, und es selbst nicht im eigenen Namen die Macht übernehmen durfte? Auf diese Frage hatte Plechanow trotz der Brillanz seiner philosophischen Essays keine Antwort. Er versuchte, diesen Widerspruch gänzlich zu ignorieren. Wie sein Biograf Samuel Baron bemerkt, war Plechanow nicht zum Eingeständnis bereit, dass die Taktik, die er gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, von den Ereignissen zu Beginn des 20. Jahrhunderts überholt worden war.

»So erstaunlich es erscheinen mag«, schreibt Baron, »obwohl er immer die Überlegenheit der dialektischen Denkweise predigte, die Notwendigkeit, stets die Bedingungen von Ort und Zeit mit einzubeziehen, war er unfähig, die besonderen Schwierigkeiten der russischen Situation zu erkennen, geschweige denn zu lösen.«[2]

Letztendlich war Plechanows Lebenstragödie eine Folge des verspäteten Charakters der demokratischen Revolution in Russland. Die Isolation, die er erlitt, war mehr historischer als rein physischer Natur. Deine Behauptung: »Immerhin war Lenin genauso isoliert wie Plechanow«, geht am politischen Kern der Frage vorbei. Betrachtet vom Standpunkt der langen, turbulenten Geschichte der russischen Revolution verkörperten die beiden Männer verschiedene Epochen ihrer Entwicklung. Plechanow personifizierte eine Epoche, die 1905 zu Ende ging und deren zentrale Aufgabe darin bestand, die theoretischen und ersten programmatischen Grundlagen für die unabhängige revolutionäre Organisation des russischen Proletariats zu legen. Lenins Epoche – deren zentrale Aufgabe in der Vorbereitung der Machtübernahme der Arbeiterklasse bestand – begann mit den revolutionären Erschütterungen dieses Jahres.

Für Plechanow bedeuteten die Ereignisse von 1905 den endgültigen Abschluss des heroischen Stadiums seiner politischen Laufbahn. Baron schreibt: »Seine Unfähigkeit, seine Perspektive an die russischen Realitäten anzupassen, wie sie sich in der Revolution von 1905 zeigten, machte das letzte Jahrzehnt seines Lebens, zumindest politisch, zu einem langwierigen, schmerzlichen und irgendwie sinnlosen Zeitabschnitt … Auf dem Gebiet der Politik hatte Plechanow nichts Frisches beizutragen.«[3]

Was Kautsky betrifft, so muss auch sein Schicksal im Kontext des historischen Dilemmas der deutschen Arbeiterbewegung studiert werden. In seiner Analyse der Wurzeln des Verrats von 1914 legte Trotzki großes Gewicht auf die objektiven Widersprüche, vor denen die deutsche Sozialdemokratie als Partei stand: Sie hatte die soziale Revolution zu ihrem Ziel erklärt, war aber durch die vorherrschenden politischen Bedingungen gezwungen, in ihrer Tagespraxis eine im Grunde genommen reformistische Politik zu betreiben.

Trotzkis tiefgründige Erklärung der Beziehung zwischen der Theorie und der objektiv bestimmten Praxis der deutschen Sozialdemokratie verdient ein aufmerksames Studium:

Der Marxismus war natürlich nicht etwas Zufälliges oder Bedeutungsloses in der deutschen Arbeiterbewegung. Aber es wäre völlig unbegründet, aus der offiziellen marxistischen Ideologie der Partei auf ihren sozialrevolutionären Charakter zu schließen.

Die Ideologie ist ein wichtiger Faktor der Politik, aber nicht ein bestimmender; ihre Rolle ist eine politisch dienende. Jener tiefe Widerspruch, in dem sich die erwachende revolutionäre Klasse in ihrem Verhältnis zu dem feudal-reaktionären Staate befand, bedurfte einer unversöhnlichen Ideologie, welche die ganze Bewegung unter das Banner sozialrevolutionärer Ziele brachte. Da die historischen Bedingungen ihr eine possibilistische Taktik aufdrängten, so fand die Unversöhnlichkeit der proletarischen Klasse ihren Ausdruck in den revolutionären Formeln des Marxismus. Dialektisch hat der Marxismus den Widerspruch zwischen Reform und Revolution mit vollem Erfolg versöhnt. Doch die Dialektik der historischen Entwicklung ist etwas weit Schwerfälligeres als die Dialektik des theoretischen Denkens. Die Tatsache, dass die in ihren Tendenzen revolutionäre Klasse gezwungen war, jahrzehntelang sich dem monarchischen Polizeistaat anzupassen, der auf der mächtigen kapitalistischen Entwicklung ruhte, wobei in dieser Anpassung sich eine Millionenorganisation bildete und die die gesamte Bewegung leitende Arbeiterbürokratie erzogen wurde – diese Tatsache hört nicht auf zu existieren und verliert nicht ihre schwerwiegende Bedeutung dadurch, dass der Marxismus den sozialrevolutionären Charakter der zukünftigen Entwicklung vorweggenommen hat. Nur ein naiver Ideologismus konnte diese Vorausnahme der politischen Wirklichkeit der deutschen Arbeiterbewegung gleichstellen.[4]

Diese Analyse verortet die Tragödie der deutschen Sozialdemokratie und von Kautskys Leben in den objektiven, historisch bestimmten Widersprüchen der kapitalistischen Entwicklung Deutschlands und ihrer eigenartigen Beziehung zur politischen Praxis und Strategie der Arbeiterklasse. Sie ist ungleich fruchtbarer als eine Analyse, die behauptet, alle Probleme seien »am Ende auf die Frage der Philosophie und der Dialektik« zurückzuführen. Der wesentliche Grund für Kautskys Fall war die Verschärfung der Klassenkonflikte in Europa unter dem Druck des Imperialismus. Die politischen Formeln, die Kautsky in den 1890er-Jahren entwickelt hatte (und die recht erfolgreich gegen die Revisionisten eingesetzt worden waren), konnten die Kluft nicht länger überbrücken, die sich zwischen den formal bekundeten revolutionären Zielen der deutschen Sozialdemokratie und den politischen Auswirkungen ihrer täglichen reformistischen Praxis auftat.

Im Jahre 1893 schrieb Kautsky:

Die Sozialdemokratie ist eine revolutionäre, nicht aber eine Revolutionen machende Partei. Wir wissen, dass unsere Ziele nur durch eine Revolution erreicht werden können, wir wissen aber auch, dass es ebenso wenig in unserer Macht steht, diese Revolution zu machen, als in der unserer Gegner, sie zu verhindern. Es fällt uns daher auch gar nicht ein, eine Revolution anstiften oder vorbereiten zu wollen.[5]

Als diese Aussage ursprünglich veröffentlicht wurde, hätte kein Marxist daran etwas Verkehrtes gefunden. Sie vertrat die »klassische« marxistische Auffassung, dass die sozialistische Revolution das Ergebnis der gesetzmäßigen und unaufhaltsamen Verschärfung der sozioökonomischen Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft sei. Aber 1909 hatten die Ereignisse diese Auffassung der Revolution überholt. Vonseiten der Arbeiterklasse mehrten sich die Forderungen nach Massenaktionen, und Kautskys Unterscheidung zwischen einer revolutionären Partei und einer »Revolutionen machenden Partei« verwandelte sich in eine theoretische Rechtfertigung für den Konservatismus der Gewerkschaften und der Parteibürokratie. Diese objektive Verwandlung Kautskys zum führenden Sprecher des politischen Zentrismus in der SPD fand 1910 einen programmatischen Ausdruck, als Kautsky eine »Ermattungsstrategie« verkündete und sie in Gegensatz zu einer »Niederwerfungsstrategie« stellte. Doch selbst als er diese neue Formel verkündete, versuchte er immer noch, sie mit revolutionären Absichtserklärungen zu verschleiern:

Die Ermattungsstrategie unterscheidet sich von der Niederwerfungsstrategie nur dadurch, dass sie nicht, wie diese, direkt auf den Entscheidungskampf losgeht, sondern ihn lange vorbereitet und sich zu ihm erst dann stellt, wenn sie den Gegner genügend geschwächt weiß.[6]

Obwohl der Höhepunkt des Verrats 1914 recht außergewöhnlich war, kam er entgegen dem gängigen Mythos nicht überraschend. Der Zusammenbruch der SPD und der Zweiten Internationale war in den politischen und theoretischen Kämpfen vorweggenommen worden, die sich in den vorangegangenen zwanzig Jahren aufgrund der tiefgehenden, durch das Anwachsen des Imperialismus ausgelösten sozioökonomischen Veränderungen des europäischen Kapitalismus entwickelt hatten. Diese objektiven sozioökonomischen Prozesse hatten Auswirkungen auf die internationale Arbeiterbewegung. Sie förderten insbesondere das Wachstum einer privilegierten und zunehmend konservativen Schicht innerhalb der Arbeiterklasse. Das war die Hauptursache für das Anwachsen des politischen Opportunismus innerhalb der Zweiten Internationale, das in der Katastrophe vom August 1914 gipfelte.

Die wesentliche Prämisse deines Briefes vom 3. Juni lautet, wie bereits bemerkt, dass der hauptsächliche Grund für den Verrat von Kautsky, Plechanow und anderen Führern der Zweiten Internationale eine falsche Erkenntnistheorie gewesen sei. Du stellst dann fest, dass die Debatte darüber, in welchem Ausmaß eine »antidialektische Erkenntnistheorie« für den Verrat verantwortlich gemacht werden könne, »endlos« und »fruchtlos« weitergehen werde. Das Erste mag wahr sein, das Zweite ist es sicherlich nicht. Wer behauptet, eine Debatte darüber, welche Rolle eine falsche Erkenntnistheorie beim Verrat von 1914 gespielt habe, müsse fruchtlos verlaufen, legt nahe, dass die Frage nicht beantwortet werden kann. Das lehne ich ab. Die Hauptursache für den Zusammenbruch der Zweiten Internationale waren die objektiven Widersprüche, die sich aus dem Aufkommen des Imperialismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergaben. Nur in diesem Rahmen ist es überhaupt möglich, den Ursprung und den Charakter der philosophischen Strömungen zu begreifen, die in der Zweiten Internationale vorherrschten. Lenin verstand nur allzu gut, dass diese Strömungen, die er in seinen »Philosophischen Heften« so gründlich kritisierte, nicht weniger historisch bedingt waren als der politische Opportunismus. Dieselben objektiven Umstände, die das gewaltige, organische Anwachsen der sozialistischen Arbeiterbewegung im späten 19. Jahrhundert begünstigt hatten, trugen auch zur Entwicklung bestimmter Denkmethoden bei, deren Grenzen erst in einem späteren, weit fortgeschrittenen Stadium der ökonomischen und politischen Krise offenbar werden sollten.

Nach Marx’ Tod im Jahre 1883 standen die sozialistischen Führer vor der großen Aufgabe, sein gewaltiges theoretische Erbe zu konsolidieren und systematisch zu einer einheitlichen und umfassenden wissenschaftlichen Weltanschauung zusammenzufassen, auf die sich die revolutionäre Erziehung des entstehenden Industrieproletariats stützen konnte. Die gewaltigen erzieherischen Aufgaben der sozialistischen Bewegung, die sich um die Herausbildung eines klassenbewussten Proletariats bemühte, bestimmten die Form und den Charakter der theoretischen Arbeit dieser Periode. Engels musste den größten Teil seiner Energie darauf verwenden, die letzten beiden Bände von Marx’ »Kapital« für die Veröffentlichung vorzubereiten. Mehring schrieb die erste große Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie und eine Biografie von Karl Marx. Kautsky konzentrierte einen bedeutenden Teil seiner beachtlichen intellektuellen Kraft darauf, auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung die wesentlichen programmatischen Grundsätze der sozialistischen Arbeiterbewegung zu entwickeln. Plechanow arbeitete in seinem Werk »Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung« und zahlreichen Essays die wissenschaftliche Weltanschauung des »dialektischen Materialismus« aus. Der Begriff geht auf ihn zurück, was ihm erbitterte Antimarxisten wie Leszek Kolakowski nie verziehen haben. Auf der theoretischen und programmatischen Grundlage, die eine außerordentliche, kollektive geistige Anstrengung gelegt hatte, gewann der Marxismus Masseneinfluss in der europäischen Arbeiterbewegung.

Trotz der großen Errungenschaften der politischen und theoretischen Arbeit wurden die Grenzen der Formen, in der die Zweite Internationale diese entwickelt hatte, mit dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts in wachsendem Maße sichtbar. Das Auftreten des Imperialismus mit seinen gewaltigen politischen und ökonomischen Auswirkungen, die wachsende innere Differenzierung der Arbeiterbewegung und die Verschärfung des Klassenkonflikts zeigten an, dass die lange Ära der »organischen« sozioökonomischen Entwicklung, die nach der Pariser Kommune begonnen hatte, einer neuen Periode revolutionärer Kämpfe wich. Diese objektive Veränderung bildete den Hintergrund der Krise des Marxismus innerhalb der Zweiten Internationale, die sich vom Konflikt mit Bernstein im Jahr 1898 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 hinzog und ständig vertiefte. Neben den sozioökonomischen und politischen Veränderungen trugen, wie wir später erklären werden, Entwicklungen der Naturwissenschaften, die mit der Entdeckung des Elektrons zusammenhingen, zur Entstehung eines philosophischen Revisionismus innerhalb der marxistischen Bewegung bei.

Ohne den sozioökonomischen, politischen und theoretischen Hintergrund der Krise in der marxistischen Bewegung ernsthaft zu studieren, die im Verrat des Jahres 1914 gipfelte, kann man Lenins »Philosophische Hefte« nicht verstehen und sie schon gar nicht richtig theoretisch nutzen. Die Neigung, die »Hefte« von den historischen, politischen und theoretischen Fragen loszulösen, mit denen sich Lenin über einen langen Zeitraum hinweg beschäftigte, nimmt in der Regel die Form einer Mystifizierung seines theoretischen Werks an. Wie wir selbst aus den Erfahrungen des Internationalen Komitees in den 1970er- und der ersten Hälfte der 1980er-Jahre schmerzhaft lernen mussten, führt ein solcher Ansatz zu einer idealistischen Verzerrung des Marxismus und Lenins eigener philosophischer Methode. Bedauerlicherweise gehst du in ähnlicher Weise an die »Philosophischen Hefte« heran.

Ich möchte auf einen früheren Brief vom 9. Mai 2003 eingehen, den du Genosse Wladimir Wolkow geschrieben hast. Ich muss gestehen, dass mich dieser Brief überrascht hat, als ihn Genosse Wolkow an mich weiterleitete. Er beginnt mit dem Satz: »Ich versprach, dir das Zitat von Lenin zukommen zu lassen, in dem er Engels kritisiert.« Was, fragte ich mich, veranlasste dich ein solches Zitat zu suchen? Während des gesamten 20. Jahrhunderts war Engels eine bevorzugte Zielscheibe philosophischer Idealisten, die ihm vorwarfen, durch ein Übermaß an Materialismus die Ansichten von Karl Marx »vulgarisiert« zu haben. Lenin, der Engels grenzenlos bewunderte, war mit dieser Tendenz gut vertraut. In seinem Werk »Materialismus und Empiriokritizismus« griff er Wiktor Tschernow an, einen Anhänger von Mach, der versucht hatte, »Marx gegen Engels auszuspielen und Letzteren eines ›naiv-dogmatischen Materialismus‹ und ›gröbster materialistischer Dogmatik‹ zu bezichtigen«.[7] Du zitierst dann eine verkürzte Passage aus Lenins Essay »Zur Frage der Dialektik«, die folgenden Satz enthält:

Die Richtigkeit dieser Seite des Inhalts der Dialektik muss anhand der Geschichte der Wissenschaft geprüft werden. Dieser Seite der Dialektik wird gewöhnlich (zum Beispiel bei Plechanow) nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet: die Identität der Gegensätze wird als Summe von Beispielen genommen [»zum Beispiel das Gestenkorn«; »zum Beispiel der Urkommunismus«. Auch bei Engels. Jedoch »aus Gründen der Gemeinverständlichkeit« …], nicht aber als Gesetz der Erkenntnis (und Gesetz der objektiven Welt).[8]

Diese Passage ist offensichtlich keine Kritik an Engels. Lenin stellt fest, dass Engels dialektische Gesetze wie die »Identität der Gegensätze« »aus Gründen der Gemeinverständlichkeit« anhand von »Beispielen« erläutert, und hält das für vollkommen legitim. Noch wichtiger ist, dass Lenin die grundlegende, in dieser Passage formulierte Idee, dass die Geschichte der Wissenschaft die wichtigste Bestätigung der Dialektik sei, direkt von Engels übernommen hat. Dabei konnte Lenin damals gar nicht wissen, wie eng seine eigenen Vorstellungen über diese höchst wichtige Frage mit denen von Engels übereinstimmten. Als er seinen Essay zur Dialektik schrieb, war Engels »Dialektik der Natur« – ein herausragender Versuch, die jüngsten Entwicklungen der Naturwissenschaft in den Materialismus zu integrieren – noch nicht erschienen. Erst 1925 wurde dieses Werk den Archiven entrissen und in deutscher und russischer Sprache veröffentlicht. In vieler Hinsicht nahm Engels »Dialektik der Natur« Lenins »Materialismus und Empiriokritizismus« vorweg.

Das mag wie ein Abschweifen von der Frage aussehen, die dich vorwiegend beschäftigt: der philosophischen Überwindung Plechanows und anderer Vertreter der Zweiten Internationale durch Lenin. Wenn man aber versucht, die »Philosophischen Hefte« zu verstehen, und sie nicht nur für einige Zitate ausnutzt, muss man die Geschichte überdenken, auf welcher die von dir zitierten Passagen beruhen. Du scheinst nicht zu verstehen, wie stark das Problem der Beziehung zwischen Dialektik und naturwissenschaftlichem Fortschritt Lenins zunehmend kritische Haltung gegenüber Plechanows theoretischem Werk (über einen Zeitraum von mehreren Jahren vor 1914) beeinflusste. Du führst zum Beispiel den folgenden Ausschnitt aus einer, wie du schreibst, »beißend scharfen« Kritik Lenins an Plechanow an:

Plechanow kritisiert den Kantianismus mehr vom vulgär-materialistischen als vom dialektisch-materialistischen Standpunkt …

Leider gibst du das Zitat nicht vollständig wieder, denn ohne die gesamte Passage ist es nicht möglich, die Bedeutung der Kritik zu verstehen. Hier der Abschnitt in voller Länge:

Plechanow kritisiert den Kantianismus (und den Agnostizismus überhaupt) mehr vom vulgär-materialistischen als vom dialektisch-materialistischen Standpunkt, insofern er ihre Gedankengänge nur a limine verwirft, sie aber nicht richtigstellt (wie Hegel Kant richtigstellte), indem er sie vertieft, verallgemeinert, erweitert und den Zusammenhang und die Übergänge aller und jeder Begriffe aufzeigt.

Du erwähnst auch nicht, was Lenin neben dem Aphorismus notiert hat: »Zur Kritik des modernen Kantianismus, des Machismus usw.«[9]

Es geht darum, dass dieser Gesichtspunkt von Lenins Kritik an Plechanow in die Periode des theoretischen Kampfs gegen den Machismus zurückgeht. Lenins Ansicht nach hatte Plechanows Beitrag zu diesem Kampf begrenzten Wert, weil er sich mit den Machisten nicht über die höchst wichtige Frage der Naturwissenschaft auseinandersetzte. Plechanow wies mit der ihm eigenen Leidenschaft und seinem Witz nach, dass Machismus und Materialismus unvereinbar sind. Er verurteilte ihre groben Fehler auf dem Gebiet der Philosophie. Aber er wich der entscheidenden Frage aus, die die Machisten aufgebracht hatten: Die Frage nach den Auswirkungen der neuen Entdeckungen im Bereich der Physik auf den Materialismus. Genau das meinte Lenin, als er feststellte, dass Plechanow den Kantianismus »a limine« (kurzerhand) verwirft. Lenin hatte sich dagegen auf weit gründlichere Weise mit den Machisten befasst. Wie Iljenkow in seinem glänzenden Essay »Lenins Dialektik und die Metaphysik des Positivismus« feststellt, griff Lenin die Machisten dort an, wo sie sich selbst am stärksten glaubten – auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. »Materialismus und Empiriokritizismus« ist gerade deshalb ein außergewöhnliches, kühnes und bleibendes Werk, weil Lenin mit den erkenntnistheoretischen Auswirkungen der, wie er es nannte, »neuesten Revolution in der Naturwissenschaft« rang. Er bestand darauf, dass die Entdeckung des Elektrons und neuer Eigenschaften der Materie den Materialismus nicht widerlegte, wie es die damals populäre Losung der Machisten, »die Materie verschwindet«, nahelegte.

»›Die Materie verschwindet‹«, schrieb Lenin im Jahre 1909, »heißt: Es verschwindet jene Grenze, bis zu welcher wir die Materie bisher kannten, unser Wissen dringt tiefer; es verschwinden solche Eigenschaften der Materie, die früher als absolut, unveränderlich, ursprünglich gegolten haben (Undurchdringlichkeit, Trägheit, Masse usw.) und die sich nunmehr als relativ, nur einigen Zuständen der Materie eigen erweisen. Denn die einzige ‚Eigenschaft‘ der Materie, an deren Anerkennung der philosophische Materialismus gebunden ist, ist die Eigenschaft, objektive Realität zu sein, außerhalb unseres Bewusstseins zu existieren.«[10]

Lenin erklärte, dass das Schicksal des dialektischen Materialismus als umfassende Theorie der Entwicklung der Erkenntnis nicht auf einer unveränderlichen Vorstellung der Beschaffenheit der Materie beruhte. Er schrieb:

Unveränderlich ist, vom Engelschen Standpunkt, nur eines: die Widerspiegelung im menschlichen Bewusstsein (sofern menschliches Bewusstsein existiert) der unabhängig von demselben existierenden und sich entwickelnden Außenwelt. Irgendeine andere »Unveränderlichkeit«, ein anderes »Wesen«, eine »absolute Substanz« in dem Sinne, wie diese Begriffe von einer müßigen Professorenphilosophie ausgemalt wurden, existieren für Marx und Engels nicht. Das »Wesen« der Dinge oder die »Substanz« sind ebenfalls relativ; sie bringen nur die Vertiefung der menschlichen Erkenntnis der Objekte zum Ausdruck, und wenn gestern diese Vertiefung nicht weiter als bis zum Atom reichte, heute nicht weiter als bis zum Elektron und Äther reicht, so beharrt der dialektische Materialismus auf dem zeitweiligen, relativen, annähernden Charakter aller dieser Marksteine in der Erkenntnis der Natur durch die fortschreitende Wissenschaft des Menschen. Das Elektron ist ebenso unerschöpflich wie das Atom, die Natur ist unendlich, aber sie existiert unendlich, und eben diese einzig kategorische, einzig bedingungslose Anerkennung ihrer Existenz außerhalb des Bewusstseins und außerhalb der Empfindung des Menschen unterscheidet den dialektischen Materialismus vom relativistischen Agnostizismus und vom Idealismus.[11]

Lenin betrachtete die Fortschritte in der Physik als Herausforderung für die Entwicklung des Marxismus. Er entdeckte in Plechanows Ausweichen vor dieser Herausforderung eine theoretische Schwäche, eine Tendenz, sich auf festgestellte Wahrheiten zu verlassen, anstatt kreativ auf ein neues und bislang unbekanntes Phänomen zu reagieren. In seinen Notizen zu Deborins Artikel »Der dialektische Materialismus«, die er 1909 verfasste, und die in Band 38 seiner »Werke« enthalten sind, übernahm Lenin die folgende Passage: »Worin besteht denn im Grunde das Wesen der neuen Strömung auf dem Gebiet der Naturwissenschaft? Vor allem darin, dass sich das Atom, von dem die Physiker die Vorstellung eines unveränderlichen und einfachsten, d. h. elementaren und unteilbaren ›Körpers‹ hatten, als aus noch elementareren Einheiten oder Teilchen bestehend erweist.« Lenin kommentierte am Rand neben diesem Satz: »Aha! Plechanow schweigt über diese ›neue Strömung‹, er kennt sie nicht[12]

Ein Allgemeinplatz der Lenin-»Wissenschaft«, den sowohl Anhänger wie Gegner des bolschewistischen Führers teilen, lautet, mit den »Philosophischen Heften« habe Lenin sein Verständnis des Marxismus grundlegend verändert und den »vulgären« Materialismus von »Materialismus und Empiriokritizismus« verworfen. Typisch ist der Kommentar von Professor Neil Hardings im Buch »Leninismus«:

Wie wir gesehen haben, befassten sich Lenins philosophische Betrachtungen im Jahre 1908 nahezu ausschließlich damit, den Materialismus erneut in jener bestechenden Schlichtheit darzustellen, in der er von Feuerbach an Marx und Plechanow weitergegeben und vor allem von Engels entwickelt worden war … Trotz seiner Bekenntnisse zu einem dialektischen Ansatz war Lenins Materialismus zu dieser Zeit entschieden statisch.[13]

Solche Einschätzungen beruhen auf einer ziemlich oberflächlichen Lektüre von »Materialismus und Empiriokritizismus«. Lenins »Philosophische Hefte« kennzeichnen keinen neuen Ausgangspunkt seiner theoretischen Arbeit, vielmehr entwickelt und vertieft er darin die philosophischen und methodologischen Fragen, die ihn seit Anfang seiner politischen Aktivität beschäftigt hatten, und fasste sie zusammen. Ein durchgängiges Thema von Lenins Kommentaren zur Methode ist seine Abneigung gegen jede Tendenz, den Marxismus in ein abstraktes Schema zu verwandeln. In dem kurzen, 1910 verfassten Essay »Über einige Besonderheiten der historischen Entwicklung des Marxismus« betont er, dass »der Marxismus kein totes Dogma, nicht irgendeine abgeschlossene, fertige, unveränderliche Lehre, sondern eine lebendige Anleitung zum Handeln ist …« Kritisch bemerkte er, das Anwachsen des Marxismus zur Massenbewegung habe unvermeidlich eine Lage geschaffen, die er folgendermaßen beschrieb: »Außerordentlich breite Schichten jener Klassen, die bei der Formulierung ihrer Aufgaben den Marxismus nicht übergehen können, hatten sich in der vorhergehenden Epoche den Marxismus höchst einseitig und entstellt angeeignet, indem sie sich diese oder jene ›Losungen‹, diese oder jene Antworten auf taktische Fragen eingeprägt hatten, ohne die marxistischen Kriterien dieser Antworten begriffen zu haben.«[14] Ihren vielschichtigsten und schärfsten Ausdruck fand Lenins Kritik am Dogmatismus in Band 38.

In deinem Brief an Genosse Wolkow zitierst du die folgende Passage aus Lenins Essay zur Dialektik:

Die Dialektik als lebendige, vielseitige (wobei die Anzahl der Seiten ewig zunimmt) Erkenntnis mit einer Unzahl von Schattierungen jedes Herangehens, jeder Annäherung an die Wirklichkeit (mit einem philosophischen System, das aus jeder Schattierung zu einem Ganzen erwächst) – das ist der Inhalt, unermesslich reich im Vergleich zum »metaphysischen« Materialismus, dessen Hauptübel in der Unfähigkeit besteht, die Dialektik auf die Bildertheorie, auf den Prozess und die Entwicklung der Erkenntnis anzuwenden.[15]

Dann kommentierst du:

Beachte übrigens, dass Lenins Hauptkritik am mechanischen Materialismus nicht lautete, er ignoriere die Geschichte – das ist die Position von Chris Talbot –, sondern er könne die Entwicklung des Wissens nicht erklären – was ich für richtig halte. Und wenn man die Entwicklung des Wissens nicht erklären kann, wird die eigene Praxis durch die Welt, wie sie ist, und ihre »Gesetze« begrenzt. Dies ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass das Problem des mechanischen Materialismus darin besteht, immer die Rolle des bewussten Faktors in der Geschichte zu unterschätzen und in der Praxis dem Opportunismus den Weg zu ebnen.[16]

Das ist, wie Lenin gesagt hätte, ein einziges Knäuel von lauter wirrem Zeug. Der erste Teil deines Kommentars ergibt überhaupt keinen Sinn. Gerade weil der Materialismus des 18. Jahrhunderts die grundlegenden Gesetze der historischen Entwicklung nicht entdeckt hatte, konnte er die Entstehung des Wissens nicht erklären. Wie soll man ohne Geschichte eine materialistische Erklärung der Entwicklung des Wissens geben? Die philosophische Beschränktheit des mechanischen Materialismus beruhte gerade auf seinem ahistorischen Charakter. Der alte Materialismus ging zwar korrekt vom Primat der Materie über das Denken aus, er konnte aber den Ursprung der Denkformen, der Kategorien und Begriffe nicht erklären, auf deren Grundlage der menschliche Geist die Welt in all ihrer Komplexität reflektiert. Erst der deutsche Idealismus, besonders der hegelsche, zeigte den historisch bedingten Charakter des Bewusstseins und seiner wesentlichen Denkformen auf. Die Widerspiegelung der Natur im menschlichen Geist ist ein historisch bestimmter Prozess. Im Gegensatz zu Kant, für den die logischen Kategorien a priori gegebene und angeborene Eigenarten des Geistes waren, bestand Hegel, wenn auch von einem idealistischen Standpunkt, darauf, dass sich die Kategorien und Begriffe als Stadien im Prozess der historischen Vertiefung der Erkenntnis der absoluten Wahrheit durch den Menschen entwickelten. Hegel materialistisch interpretierend schrieb Lenin: »Die Logik ist die Lehre nicht von den äußeren Formen des Denkens, sondern von den Entwicklungsgesetzen ›aller materiellen, natürlichen und geistigen Dinge‹, d. h. der Entwicklung des gesamten konkreten Inhalts der Welt und ihrer Erkenntnis, d. h. Fazit, Summe, Schlussfolgerung aus der Geschichte der Erkenntnis der Welt.«[17]

Der Marxismus lässt sich nicht auf den historischen Materialismus beschränken. Er ist eine wissenschaftliche Weltanschauung, die als wichtigen Bestandteil auch eine Theorie der historischen Entwicklung des Menschen umfasst. Die Ausarbeitung dieser Weltanschauung wäre allerdings losgelöst und unabhängig vom historischen Materialismus nicht möglich gewesen, der aus einer systematischen Kritik von Hegels objektivem Idealismus hervorging und diese erst möglich machte. Während für Hegel die Selbstentfremdung der Absoluten Idee und ihre Wiederherstellung durch die Dialektik logischer Kategorien den Impuls für die intellektuelle Entwicklung des Menschen lieferten, verortete Marx die Triebkraft der menschlichen Entwicklung und all ihrer mannigfaltigen Aspekte in der Entwicklung der Arbeit, der wesentlichen und vorrangigen Form der dynamischen Interaktion des Menschen mit der Natur, die ihn hervorgebracht hat.

Zu den wichtigsten erkenntnistheoretischen Fragen, auf die sich Lenin bei seiner Lektüre von Hegels »Logik« konzentrierte, gehört der sich historisch entfaltende Charakter von Denkformen und menschlichem Wissen. Als er (mit einem gewissen Maß an Übertreibung) feststellte, Plechanow und andere hätten diesem wesentlichen Aspekt der Dialektik keine Aufmerksamkeit geschenkt, hatte Lenin die Verwandlung marxistischer Begriffe in unveränderliche Formeln im Sinn, die der objektiven Realität übergestülpt wurden. Vor dem Hintergrund des Weltkriegs – als die deutschen Sozialisten Marx’ Verurteilung des russischen Zarismus aus den 1850er-Jahren anführten, um ihre Unterstützung für den Kaiser zu rechtfertigen, und als Plechanow an Marx’ Lob der revolutionären Traditionen Frankreichs (das jetzt mit Russland verbündet war) erinnerte, um seine Verteidigung des russischen Imperialismus zu rechtfertigen – waren die tragischen Konsequenzen des Dogmatismus offensichtlich geworden. Die dialektisch-materialistische Theorie des Wissens besagt, dass die Begriffe, durch die der Mensch die objektive Welt erkennt, selbst der Veränderung unterliegen, in Übereinstimmung mit der zugrunde liegenden Bewegung der objektiven Realität. Daher dürfen die Kategorien und Begriffe des historischen Materialismus nicht als fertige Formeln behandelt werden, sondern sie müssen kritisch an den sich verändernden Inhalt der menschlichen Gesellschaft und die Entwicklung der Naturwissenschaften angepasst werden, wenn diese auf neue Eigenschaften der Materie stößt, und sie müssen durch beide bereichert werden.

Der zweite Teil deines Kommentars ist so verwirrt wie der erste. »Und wenn man die Entwicklung des Wissens nicht erklären kann, wird die eigene Praxis durch die Welt, wie sie ist, und ihre ›Gesetze‹ begrenzt.« Das ist keine korrekte Darstellung des Problems. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, der Welt und ihren Gesetzen zu entkommen, sondern sie richtig zu verstehen – durch die Entwicklung und Verbesserung von Begriffen, die das Wesen der sich pausenlos wandelnden objektiven Realität genauer widerspiegeln. Wie Lenin feststellt: »Der Mensch kann die Natur nicht als ganze, nicht vollständig, kann nicht ihre ›unmittelbare Totalität‹ erfassen = widerspiegeln = abbilden, er kann dem nur ewig näherkommen, indem er Abstraktionen, Begriffe, Gesetze, ein wissenschaftliches Weltbild usw. usf. schafft.«[18]

Der Abschluss deines Kommentars – »Dies ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass das Problem des mechanischen Materialismus darin besteht, immer die Rolle des bewussten Faktors in der Geschichte zu unterschätzen und in der Praxis dem Opportunismus den Weg zu ebnen« – folgt nicht wirklich aus dem, was zuvor geschrieben wurde, und verlangt nach Ausarbeitung und Klärung. In dem Maße, wie der mechanische Materialismus nicht die wirklichen objektiven Ursprünge des Bewusstseins versteht, kann er die Rolle des bewussten Faktors in der Geschichte nicht korrekt erklären. Tatsächlich schwankte der mechanische Materialismus des 18. Jahrhunderts dazwischen, auf der einen Seite das Bewusstsein ausschließlich als direktes Ergebnis der Umwelt zu erklären und auf der anderen Seite alle fortschrittlichen Veränderungen der Umwelt von einer Veränderung des Bewusstseins abhängig zu machen. Mit anderen Worten: Während die alten Materialisten im Allgemeinen die Beziehung zwischen Materie und Bewusstsein richtig erklärten, glitten sie in den Idealismus ab, sobald sie sich mit dem Prozess der gesellschaftlichen Veränderung befassten.

Die Grenzen des Materialismus der Zweiten Internationale und ihre Unterschätzung der Rolle des Bewusstseins äußerten sich in etwas anderer Weise. Während einer langen Periode der langsamen, organischen sozioökonomischen Entwicklung hatten die Marxisten der Zweiten Internationale ihre intellektuellen Energien der Analyse und Interpretation des objektiven historischen Entwicklungsprozesses gewidmet. In ihrer theoretischen Einstellung zur Gesellschaft tendierten sie dazu, bestimmte erkenntnistheoretische Eigenschaften des alten Materialismus zu reproduzieren, die von Marx bemerkt worden waren: die Tendenz, dass die Gesellschaft »nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als menschlich sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv«. Daher begriffen sie nicht »die Bedeutung der ›revolutionären‹, der ›praktisch-kritischen‹ Tätigkeit«.[19]

Im Kampf gegen diese theoretische Tendenz, die mit dem Ausbruch des Kriegs zur Methodik der politischen Unterwerfung und Kapitulation wurde, entdeckte Lenin bei Hegel reiche philosophische Munition. Von gewaltiger Bedeutung war die Wiedereinführung des Begriffs der Praxis als wesentliche Kategorie der Erkenntnis, und zwar in dem Sinne, dass die Entwicklung des Wissens nicht einfach nur eine theoretische, sondern eine praktische Frage ist. Der Mensch eignet sich Wissen an, während er auf die Welt einwirkt und sie verändert. »D. h., die Praxis des Menschen und der Menschheit ist die Probe, das Kriterium für die Objektivität der Erkenntnis«,[20] wie Lenin schrieb.

Dieser Brief ist schon viel länger geworden, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte. Doch wir haben sehr klare Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen gezogen, durch die wir in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren gegangen sind. Und hier kommen wir zum theoretischen Ursprung unserer derzeitigen Meinungsverschiedenheiten. Du schriebst an Genosse Wolkow: »In den Siebzigerjahren wurde die Bewegung auf der Grundlage der Lektüre von Lenins Band 38 ausgebildet.« Nein, Alex, das ist nicht wirklich der Fall. Während der 1970er-Jahre wurde die Bewegung auf der Grundlage einer falschen Lektüre des Bands 38 falsch ausgebildet. Healy und Slaughter brachten unter dem Deckmantel des Studiums der »Philosophischen Hefte« einen vulgären Aufguss jenes pseudo-dialektischen Linkshegelianismus in das Internationale Komitee, den Marx, Engels und Lenin schon lange zuvor einer vernichtenden Kritik unterzogen hatten. Die theoretische Quacksalberei von Healy und Slaughter diente einem politischen Zweck. Sie wichen vor den schwierigen politischen Problemen aus, die der Aufschwung des Klassenkampfs nach den Ereignissen vom Mai/ Juni 1968 aufwarf. Der »gründliche und schwierige Kampf gegen idealistische Denkweisen« war laut Slaughter wichtiger »als Fragen der Übereinstimmung mit Programm und Politik«.[21] Dieser bizarre Grundsatz bedeutete eine vollkommene Abkehr von den theoretischen Traditionen der marxistischen Bewegung. Die Frage der dialektischen Methode wurde vollständig von den Problemen der politischen Analyse und programmatischen Klärung getrennt. Die sogenannte »Praxis der Erkenntnis« bediente sich hegelscher Kategorien, um Healys zunehmend intuitive und pragmatische Politik zu rechtfertigen. Diese Form der theoretischen Quacksalberei ist innerhalb des Internationalen Komitees vollständig diskreditiert worden.

Du scheinst dagegen anzudeuten, das Internationale Komitee habe seit der Spaltung von 1985 einen theoretischen Niedergang durchgemacht. »Seit dem Bruch mit Healy wurden diese Fragen zum größten Teil ignoriert«, schreibst du an Wolkow. »Ich denke, das ist ein großer Fehler.«

Welche Fragen? Welcher Fehler? Während der vergangenen achtzehn Jahre hat das Internationale Komitee eine außergewöhnlich umfangreiche politische und theoretische Arbeit geleistet. Wie haben die schwierigsten politischen Fragen einer Analyse unterzogen – unter ihnen den Zusammenbruch der Sowjetunion, den Niedergang der Gewerkschaften und die zeitgenössische Bedeutung des bürgerlichen Nationalismus. In jedem dieser Fälle haben wir nicht lediglich »orthodoxe« Positionen bestätigt, sondern auf kreative Weise das marxistische Programm entwickelt und an die neuen historischen Bedingungen angepasst. Darüber hinaus sprechen die Veröffentlichungen der »World Socialist Web Site« täglich für die theoretische Vitalität, die programmatische Klarheit und den politischen Scharfsinn des Internationalen Komitees.

Du scheinst diese politischen und programmatischen Errungenschaften nicht als ein besonders wichtiges Anzeichen für die theoretische Stärke des IKVI zu betrachten. Aber sag uns doch bitte, welche politischen Hinweise du darauf siehst, dass das Internationale Komitee einen »großen Fehler« in Bezug auf Fragen der Philosophie macht? In welcher Form hat sich unser theoretisches Defizit manifestiert?

Dies bringt mich zum letzten Punkt, den ich über Band 38 machen möchte. Lenins erneutes Studium von Hegels »Logik« fand seinen bedeutendsten Ausdruck in der Qualität seiner politischen Schriften. Das Studium des großen Dialektikers half Lenin dabei, »die Kunst der Arbeit mit Begriffen« zu meistern. Eine Untersuchung seiner großen Werke aus der Periode nach 1914 zeigt, dass Lenins Fähigkeiten als Theoretiker stärker geworden waren. Wir könnten problemlos unzählige Abschnitte aus seinen Schriften anführen, die durch sein kritisches Studium von Hegels »Logik« geprägt sind. Unmittelbar in den Sinn kommt dabei seine Entwicklung des Begriffs des Imperialismus und des Staats.

Wir wollen nicht behaupten, unsere Errungenschaften seien ebenso eindrucksvoll. Doch wir können feststellen, dass keine andere zeitgenössische Bewegung, die sich sozialistisch nennt, eine derartige Bilanz programmatischer Klarheit und politischer Weitsicht vorweisen kann wie das Internationale Komitee. Wenn sich das Internationale Komitee wirklich auf einem falschen theoretischen Kurs befände, wie hätte es dann über eine lange Periode (1985–2003) erfolgreich durch tückische politische Gewässer navigieren können, ohne Schiffbruch zu erleiden?

Ich denke, Alex, dass deine Irrtümer auf dem Gebiet der Methode und Politik daher rühren, dass du dir schlicht nicht die Zeit genommen hast, die theoretische Kritik an Healy und Slaughter ernsthaft durchzuarbeiten, die die Workers League (die Vorgängerin der Socialist Equality Party) zwischen 1982 und 1986 entwickelt hat. Daher hast du deine eigenen theoretischen Auffassungen, die du unter dem Einfluss von Healy und Slaughter als Mitglied der Workers League entwickelt hast, keiner kritischen Neubewertung unterzogen. Es ist längst überfällig, dass du diese Aufgabe in Angriff nimmst.

Ungeachtet unserer derzeitigen Differenzen schätzen wir deine Mitarbeit und hoffen, dass sie in den wichtigen, vor uns liegenden Kämpfen gestärkt werden kann. Aber ich dränge darauf, das du die in diesem Brief angesprochenen Fragen sorgfältig durchdenkst.

1 Brief von Alex Steiner an David North, 3.6.2003 (aus dem Englischen, Hervorhebungen hinzugefügt).

2 Samuel H. Baron, Plekhanov: The Father of Russian Marxism, Stanford 1963, S. 272 f. (aus dem Englischen).

3 Ebd., S. 279.

4 Leo Trotzki, »Der Krieg und die Internationale«, in Europa im Krieg, Essen 1998, S. 440–441.

5 Karl Kautsky, »Ein sozialdemokratischer Katechismus«, in: Die Neue Zeit, Dezember 1893, S. 368.

6 Karl Kautsky, »Was nun?« 1910, in: Massimo L. Salvadori, Sozialismus und Demokratie. Karl Kautsky 1880–1938, Stuttgart 1982, S. 199.

7 Wladimir I. Lenin, »Materialismus und Empiriokritizismus«, in: Lenin Werke, Bd. 14, Berlin 1973, S. 92.

8 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 338.

9 Ebd., S. 169.

10 Wladimir I. Lenin, »Materialismus und Empiriokritizismus«, in: Lenin Werke, Bd. 14, Berlin 1973, S. 260.

11 Ebd., S. 262.

12 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 580.

13 Neil Harding, Leninism, Durham 1996, S. 225 f. (aus dem Englischen).

14 Wladimir I. Lenin, »Über einige Besonderheiten der historischen Entwicklung des Marxismus«, in: Lenin Werke, Bd. 17, Berlin 1978, S. 26–27.

15 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 343–344.

16 Brief von Alex Steiner an Wladimir Wolkow, 9.5.2003.

17 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 84–85.

18 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 172.

19 Karl Marx, »Thesen über Feuerbach«, in: Marx Engels Werke, Bd. 3, Berlin 1973, S. 533.

20 Wladimir I. Lenin, »Philosophische Hefte«, in: Lenin Werke, Bd. 38, Berlin 1973, S. 202.

21 Cliff Slaughter (eds.), Trotskyism versus Revisionism, Bd. 6, London 1975, S. 83 (aus dem Englischen).

Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein

Brief von David North an Alex Steiner und Frank Brenner

28. Juni 2006

1. Einleitung

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) hat mich gebeten, in seinem Namen eine Antwort auf euer Dokument »Objektivismus oder Marxismus« zu verfassen. Ich bedaure ein wenig, mich dieser Aufgabe annehmen zu müssen. Ungeachtet der unterschiedlichen Lebenswege, die wir während der vergangenen drei Jahrzehnte eingeschlagen haben, habe ich weiterhin angenehme Erinnerungen an die Zeit, in der wir gemeinsam innerhalb der Bewegung gearbeitet hatten. Doch das ist lange her, und eure jüngsten Dokumente bestätigen, was eure Schriften während der letzten dreißig Jahre mit wachsender Deutlichkeit zeigten: dass ihr ­politisch sehr weit vom Marxismus, dem Erbe der trotzkistischen Bewegung und dem IKVI abgerückt seid. Inhalt und Ton dieser Antwort müssen von dieser unausweichlichen politischen Realität ausgehen.

Euer Brief beginnt mit dem Vorwurf, das IKVI habe es versäumt, auf eure vorherigen Dokumente zu antworten. Daraus zieht ihr höchst beunruhigende Schlussfolgerungen: Das IKVI leide an einer »Abneigung gegen Kritik«, die »symptomatisch für tiefere Probleme innerhalb der Bewegung« sei, »über die jedes Mitglied und jeder Unterstützer des IK besorgt sein sollte«. Die Führung der Bewegung unterbinde die politische Debatte und versuche, »die Diskussion zu ersticken, um sich vor Kritik zu schützen«. Unser angebliches Unvermögen, auf eure Dokumente zu antworten, unterstreiche, »welch fremdartige Praxis eine wirklich kritische Debatte innerhalb der Bewegung abgelöst« habe.

Eure Schilderung muss bei einem uninformierten Beobachter den Eindruck erwecken, dass ihr für eine bedrängte oppositionelle Tendenz in einer diktatorischen politischen Partei sprecht, die gegen die Unterdrückung ihrer demokratischen Rechte durch ein bürokratisches Parteiregime und um Gehör bei der Mitgliedschaft kämpft. Wie ihr aber beide wisst, sieht die Wirklichkeit anders aus. Keiner von euch beiden ist Mitglied der Socialist Equality Party (SEP). Seit knapp 28 Jahren steht ihr außerhalb der Bewegung.[1] Das will etwas heißen. Ihr bezieht euch auf eure »lange Geschichte mit der Bewegung« – eine bewusst zweideutige Formulierung. Es gibt einen Unterschied zwischen »mit« und »in«. Den größten Teil eures Erwachsenenlebens seid ihr nicht Mitglieder der Partei gewesen. Die bloße Tatsache, dass ihr freundschaftliche Beziehungen zur Bewegung aufrechterhalten habt, verpflichtet uns nicht, auf eure Dokumente so zu antworten, wie wir es bei Mitgliedern der SEP oder anderer Sektionen des IKVI tun würden.

Niemand im IKVI hält euch davon ab, die Politik oder das Programm unserer Bewegung zu kritisieren oder eure Schriften auf eurer eigenen Website zu veröffentlichen, wo jedermann sie lesen kann (soweit ihr gewillt seid, eure Ablehnung des Internets als vollberechtigtes politisches Kommunikationsmedium zurückzustellen). Es steht euch frei, um die Unterstützung von Gleichgesinnten zu werben und öffentlich für eure Ansichten einzutreten. Das IKVI und die SEP haben ihrerseits das politische Recht, auf eure Dokumente zu antworten oder nicht zu antworten, ganz wie wir es für richtig halten. Wir sind nicht verpflichtet, euch ein Forum für eine Perspektive zu bieten, die sich gegen die Traditionen und das Programm der Vierten Internationale richtet. Wir beantworten eure öffentliche Kritik nicht, weil wir dazu »rechtmäßig« verpflichtet wären, sondern weil wir den tiefen und grundlegenden Gegensatz zwischen dem marxistischen Sozialismus und dem Pseudo-Utopismus – einer Form kleinbürgerlicher Ideologie – verdeutlichen wollen, den ihr, Genossen Steiner und Brenner, vertretet.

2. Das Internationale Komitee und die »World Socialist Web Site«

Obwohl ihr seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr Mitglieder unserer politischen Bewegung seid und ihr Innenleben nicht kennt, erhebt ihr weitreichende Beschuldigungen gegen das Internationale Komitee. Ihr behauptet, es gebe »einen erschreckenden Mangel organisierter theoretischer oder politischer Diskussion innerhalb der Bewegung«. Worauf gründet sich diese Behauptung? Abgesehen von eurem Missfallen darüber, wie wir eure Dokumente behandelt haben – wie hat sich dieser theoretische und politische Niedergang in unserer politischen Linie niedergeschlagen? Diese Frage sprecht ihr nicht an. Selbst wenn man die Möglichkeit einräumt, dass das IKVI euren Dokumenten nicht die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt habe, wäre dies kein Irrtum von welthistorischer Bedeutung. Ihr müsst immer noch nachweisen, dass es einen Zusammenhang zwischen eurer Beschwerde und ernsthafteren politischen Problemen gibt, die mit internationalen Ereignissen außerhalb von euch selbst verbunden sind. Es reicht nicht aus, eine solche Verbindung zu behaupten, ihr müsst sie nachweisen. In der Geschichte der marxistischen Bewegung geschah dies bislang immer mittels einer sorgfältigen und erschöpfenden Analyse der politischen Linie der kritisierten Organisation.

Wärt ihr in dieser theoretisch prinzipiellen Weise vorgegangen, hätte es nicht an Material gemangelt, auf das ihr euch hättet beziehen können. In den vergangenen zwanzig Jahren haben kolossale Veränderungen stattgefunden: Auf dem Gebiet der Technologie, der Struktur des Weltkapitalismus, der Beziehung des Nationalstaats zur globalen Wirtschaft und – nicht zu vergessen – auf der globalen politischen Landkarte. Vor zwanzig Jahren gedruckte Weltkarten sind heute wertlos. All diese miteinander verbundenen technologischen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse hatten weitreichenden Einfluss auf den internationalen Klassenkampf. Die Reaktion des Internationalen Komitees auf diese historischen Veränderungen würde leicht Dutzende Bände füllen.

Doch nirgendwo in eurem Dokument findet sich eine Bezugnahme auf die politische Linie des IKVI, geschweige denn eine Analyse derselben. Man findet noch nicht einmal die Worte »Irakkrieg«, »Bush-Adminis­tration«, »11. September«, »China«, »Afghanistan«, »Iran«, »Terror« oder »Globalisierung«. Das sind keine Flüchtigkeitsfehler. Ihr habt schlicht kein Interesse an politischen Analysen und Perspektiven – zumindest nicht in dem Sinne, wie sie in der Geschichte der Vierten Internationalen bisher verstanden worden sind. Im Gegenteil: Ihr seid der Meinung, die Konzentration des Internationalen Komitees auf marxistische politische Analysen und Kommentare sei selbst ein fundamentaler Fehler. Ihr weist die Auffassung, dass solche auf der Grundlage des historischen Materialismus erstellten Analysen und Kommentare grundlegend oder wichtig für die Entwicklung sozialistischen Bewusstseins seien, mit Nachdruck zurück. Daher rührt eure Feindschaft gegen die »World Socialist Web Site«, die ihr als wichtigsten Ausdruck all dessen anseht, was im Internationalen Komitee falsch läuft.

Ihr schreibt: »Im Grunde hat das Internationale Komitee aufgehört zu funktionieren.« Worauf gründet sich diese Annahme? »Man kann sich kaum mehr an die letzte Gelegenheit erinnern, bei der das Internationale Komitee ein Treffen in seinem eigenen Namen abgehalten hat. Schon seit Jahren werden alle richtungsweisenden Stellungnahmen der Bewegung als Stellungnahmen der ›WSWS‹ veröffentlicht, und jetzt wird die Versammlung in Australien, die eindeutig eine internationale Konferenz der Bewegung war, nicht als Treffen einer revolutionären Partei dargestellt, sondern als Redaktionskonferenz einer Website.«

Damit nicht genug. Ihr fragt: »Gab es über die Umwandlung des IK in die ›WSWS‹ jemals eine Diskussion oder Abstimmung auf einer Parteikonferenz?« Und weiter: »Wo ist das Dokument, das der Arbeiterklasse öffentlich die Gründe für eine so wichtige Veränderung erklärt? Wie können die wiederholten Proklamationen des Internationalismus mit dem Einmotten des organisatorischen Ausdrucks des revolutionären Internationalismus in Einklang gebracht werden?«

Ihr sprecht von der »Umwandlung des IK in die ›WSWS‹«, als wäre die Gründung der Letzteren irgendwie unrechtmäßig oder unter der Hand vonstattengegangen. In dieser Hinsicht weist euer Angriff enge Parallelen zur Reaktion der Spartacist League auf die »World Socialist Web Site« auf.[2] Ihr behauptet aber nirgends, die Gründung der WSWS sei mit einer Veränderung der politischen Linie des Internationalen Komitees verbunden gewesen. Die »World Socialist Web Site« wird – wie ihre Kopfzeile ausdrücklich erklärt – vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale herausgegeben. Ihr mögt vielleicht Zweifel über die politische Verbindung zwischen dem IKVI und der »World Socialist Web Site« haben, für ihre Tausenden täglicher Leser ist sie dagegen kein Geheimnis. Hinzu kommt, dass die theoretische und programmatische Identität einer revolutionären Tendenz seit den Tagen von Marx‘ »Neuer Rheinischen Zeitung« gleichbedeutend mit dem Namen ihrer Publikation war. Das galt für die »Neue Zeit« der revolutionären deutschen Sozialdemokratie, die »Iskra«, »Wperiod« und »Prawda« der Leninisten, das »Bulletin« der antistalinistischen Opposition in der Sowjetunion, den »Militant« und später den »Socialist Appeal« der amerikanischen Trotzkisten der 1920er- und 1930er-Jahre, den »Newsletter« der britischen Trotzkisten, die in der Labour Party arbeiteten, und selbst für das »Bulletin« der Workers League. Wir haben keinen Anlass, uns darüber Sorgen zu machen, dass die »World Socialist Web Site« von Tausenden von Lesern als authentische Stimme des sozialistischen Internationalismus betrachtet wird.

Eure Behauptung, die WSWS sei irgendwie hinter dem Rücken des IKVI entstanden, ist offensichtlich absurd. Es gab eine öffentliche Erklärung über die Gründung der »World Socialist Web Site«, die ihr immer noch aufrufen könnt, falls ihr Interesse habt.[3] Und da ihr schon danach fragt: Vor der Gründung der WSWS gab es tatsächlich eine intensive Diskussion in jeder Sektion des IKVI, die sich über fast ein Jahr erstreckte. Wie anders wäre es möglich gewesen, den hohen Grad aktiver Unterstützung und Teilnahme durch den Kader der Partei sicherzustellen, der während der vergangenen achteinhalb Jahre die tägliche Publikation getragen hat? Seit der Gründung der WSWS im Januar 1998 hat eine internationale Redaktion mehr als 18 000 Artikel veröffentlicht. Diese Redaktion leitet die kollektive Arbeit eines stetig wachsenden Kaders marxistischer Autoren, die auf der Grundlage der Grundsätze, der Geschichte und der theoretischen Perspektiven des Internationalen Komitees gewonnen wurden. Theoretisch wie praktisch repräsentiert die WSWS damit einen Meilenstein in der Entwicklung des revolutionären Internationalismus. Dass ihr es fertig bringt, vom »Einmotten des organisatorischen Ausdrucks des revolutionären Internationalismus« zu sprechen, während das IKVI eine tägliche Website in dreizehn Sprachen herausgibt, zeigt eure politische Blindheit, die durch euren persönlichen Subjektivismus zusätzlich verstärkt wird. Die WSWS erscheint in englischer, französischer, deutscher, italienischer, spanischer, portugiesischer, russischer, polnischer, serbokroatischer, türkischer, singhalesischer, tamilischer und indonesischer Sprache. Wenn das in euren Augen »im Grunde« das Ende des Internationalen Komitees bedeutet, kann man nur fragen, was ihr dann für echte internationale Arbeit haltet. Vor drei Jahrzehnten, als ihr noch Mitglieder der Bewegung wart, beschränkte sich das Innenleben des IKVI weitgehend auf gelegentliche Besuche von Vertretern der Sektionen oder befreundeten Organisationen in den Büros der Workers Revolutionary Party in London. Cliff Slaughter, dem Namen nach Sekretär des IKVI, hielt keinen regelmäßigen Kontakt zum internationalen Kader. Es gab keine systematische Diskussion, geschweige denn Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Per­spektiven des Internationalen Komitees. Da eure Auffassung von Internationalismus in der Zeit der extremen Degeneration von Healys Organisation geprägt wurde, ist es für euch ganz einfach unbegreiflich, was die Arbeit in einer Bewegung bedeutet, deren tägliche politische Aktivität die allerengste internationale Zusammenarbeit mit sich bringt.

3. Die internationale Redaktion und die Perspektiven des IKVI

Im vergangenen Jahr betreute das Internationale Komitee zwei bedeutende theoretische und politische Projekte: Zuerst die Vortragsreihe zum Thema »Marxismus, die Oktoberrevolution und die historischen Grundlagen der Vierten Internationale«, die vom 14. bis 20. August 2005 in Ann Arbor, Michigan stattfand; und dann das Treffen der internationalen Redaktion der »World Socialist Web Site« in Sydney vom 22. bis 27. Januar 2006. Eure Reaktion auf diese beiden Ereignisse entlarvt schonungslos eure Preisgabe des Marxismus und eure Feindschaft gegen die politischen Ziele und Traditionen der trotzkistischen Bewegung.

Wir sind allerdings nicht überrascht, dass ihr über die Berichte und Vorträge verärgert seid, die während dieser Veranstaltungen gehalten wurden. Trotz eures offiziellen »Protests« gegen das angebliche Unvermögen des Internationalen Komitees, auf eure Dokumente zu antworten, ist euch nicht entgangen, dass die dort erarbeiteten theoretischen Auffassungen und Perspektiven eure Bemühungen unmissverständlich zurückweisen, den verwirrten und antimarxistischen Pseudo-Utopismus Wilhelm Reichs, Ernst Blochs und Herbert Marcuses in die Vierte Internationale einzuschleusen und damit die theoretischen und programmatischen Grundlagen und die Klassenorientierung der trotzkistischen Bewegung grundlegend zu verändern. Das meint ihr, wenn ihr schreibt, »der Inhalt der Vorträge und Berichte, die von dieser Versammlung veröffentlicht wurden«, signalisierten keine »neue Offenheit für eine kritische Debatte«.

Über die Berichte, die auf dem Redaktionstreffen gegeben wurden, bemerkt ihr, sie seien »mehr die Vortäuschung eines Perspektivdokuments als eine wirkliche Perspektive: Sie sind weniger eine Anleitung zum revolutionären Handeln, als eine Version von ›Foreign Affairs‹ mit marxistischer Einfärbung. Sie sind in der Tat Berichte einer Redaktion – d. h. Per­spektiven für mehr Journalismus. Die Frage, was zu tun ist, taucht in ihnen kaum auf, abgesehen von den rituellen Schlusserklärungen über die Notwendigkeit, die revolutionäre Partei aufzubauen. Anders ausgedrückt, das Wesentliche einer revolutionären Perspektive fehlt in diesen Berichten, doch genau darüber weigert sich das IK zu diskutieren.«

Das ist auch schon alles, was ihr zu sagen habt. Ihr analysiert das Material nicht, das vorgestellt wurde. Zusammengenommen ergaben diese Berichte die umfassendste Untersuchung der weltpolitischen Lage, die seit seiner Gründung im Jahre 1953 auf einem Treffen des Internationalen Komitees vorgelegt worden ist. Eure Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Inhalt ist der Schlüssel zum Verständnis eurer eigenen politischen Ziele und eures Klassenstandpunkts.

Betrachten wir also den Inhalt des internationalen Redaktionstreffens, den ihr so verächtlich als »Vortäuschung eines Perspektivdokuments« verleumdet. In Wirklichkeit lehnt ihr die Bemühungen des Internationalen Komitees ab, auf der Grundlage einer umfassenden und zusammenhängenden Analyse der politischen und wirtschaftlichen Weltlage die objektiven Voraussetzungen für die Perspektive der sozialistischen Revolution aufzuzeigen. Wie die internationale Redaktion bei der Entwicklung internationaler revolutionärer Perspektiven vorgeht, wird am besten verständlich, wenn ich einen längeren Abschnitt aus meinem einleitenden Bericht zitiere:

Jeder ernsthafte Versuch einer politischen Prognose und einer Einschätzung des Potenzials, das die bestehende politische Situation in sich birgt, muss von einem präzisen und sorgfältigen Verständnis der historischen Entwicklung des globalen kapitalistischen Systems ausgehen.

Die Analyse der historischen Entwicklung des Kapitalismus muss die folgende wesentliche Frage beantworten: Befindet sich der Kapitalismus als Weltwirtschaftssystem in einer Aufwärtsbewegung, die ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat, oder befindet er sich im Niedergang und steht vielleicht sogar kurz vor dem Abgrund?

Die Antwort, die wir auf diese Frage geben, hat notgedrungen äußerst weitreichende Konsequenzen, und zwar nicht nur für die Bestimmung unserer praktischen Aufgaben, sondern ebenso für die gesamte theoretische und programmatische Orientierung unserer Bewegung. Nicht der subjektive Wunsch nach sozialer Revolution bestimmt unsere Analyse der historischen Bedingungen des globalen kapitalistischen Systems. Vielmehr muss sich die revolutionäre Perspektive auf eine wissenschaftlich begründete Einschätzung der objektiven Tendenzen der sozioökonomischen Entwicklung gründen. Getrennt von den notwendigen, objektiven sozioökonomischen Voraussetzungen kann eine revolutionäre Perspektive nichts weiter als ein utopisches Kon­strukt sein.

Wie verstehen wir demnach die gegenwärtige Phase der historischen Entwicklung des Kapitalismus? Betrachten wir zwei entgegengesetzte Konzeptionen. Der marxistische Standpunkt lautet, wie wir wissen, dass sich das kapitalistische Weltsystem im Stadium der fortgeschrittenen Krise befindet – dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914, auf den 1917 die Russische Revolution folgte, einen grundlegenden Wendepunkt der Weltgeschichte darstellte. Die Erschütterungen in den drei Jahrzehnten zwischen dem Ausbruch des Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 zeigten, dass der Kapitalismus keine fortschrittliche historische Aufgabe mehr zu erfüllen hatte und dass die objektiven Voraussetzungen für eine sozialistische Umwandlung der Weltwirtschaft gegeben waren. Dass der Kapitalismus die Krise jener Jahrzehnte überlebte, war zu einem sehr großen Teil auf das Scheitern und den Verrat der Führung der Massenparteien und -organisationen der Arbeiterklasse zurückzuführen, allen voran der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien und der Gewerkschaften. Ohne ihren Verrat wäre die erneute Stabilisierung des Weltkapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg – die vor allem auf den damals noch beträchtlichen Ressourcen der Vereinigten Staaten beruhte – nicht möglich gewesen. Tatsächlich existierte nach dem Krieg trotz der Stabilisierung weiterhin weltweit eine antikapitalistische und antiimperialistische Opposition der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen in den ehemaligen Kolonialgebieten, doch ihr revolutionäres Potenzial wurde von den alten bürokratischen Organisationen unterdrückt.

Schließlich machten der Verrat und die Niederlagen der Massenkämpfe der 1960er- und 1970er-Jahre den Weg für eine kapitalistische Gegenoffensive frei. Die wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen, die die beispiellose globale Integration des kapitalistischen Systems ermöglichten, zerstörten die alten Arbeiterorganisationen, die eine nationale Perspektive und Politik vertraten. Der Zusammenbruch der stalinistischen Regime in der Sowjetunion und in Osteuropa, die sich auf ein bankrottes, antimarxistisches Programm des nationalistischen Pseudo­sozialismus stützten, war das Ergebnis dieses Prozesses.

Trotz der schnellen flächenmäßigen Ausdehnung des Kapitalismus in den 1990er-Jahren dauert die historische Krise an und hat sich verschärft. Der Verlauf der Globalisierung, die sich für die alten Arbeiterorganisationen als tödlich erwies, hat auch den Widerspruch zwischen dem global integrierten Charakter des Kapitalismus als Weltwirtschaftssystem und der Nationalstaatenstruktur, in der der Kapitalismus historisch entstanden ist und der er nicht entkommen kann, in bislang ungekanntem Maße verschärft. Der seinem Wesen nach unlösbare Charakter dieses Widerspruchs – oder zumindest seine »Unlösbarkeit« auf fortschrittlicher Grundlage – äußert sich jeden Tag in der wachsenden Unordnung und Gewalt, die die gegenwärtige Weltlage kennzeichnet. Eine neue Periode revolutionärer Umbrüche hat begonnen. Das ist in Kürze die marxistische Analyse.

Was ist die alternative Perspektive? Betrachten wir die folgende Gegenhypothese:

Was die Marxisten, um Leo Trotzkis blumigen Ausdruck zu benutzen, den »Todeskampf des Kapitalismus« nannten, war in Wirklichkeit Teil seiner gewalttätigen und langwierigen Geburtswehen. Die verschiedenen sozialistischen und revolutionären Experimente des zwanzigsten Jahrhunderts waren nicht nur verfrüht, sondern vor allem auch utopisch. Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts sollte als die Geschichte des Kapitalismus aufgefasst werden, der alle Hindernisse überwand, sodass schließlich der Markt als das überlegene System der wirtschaftlichen Organisation triumphierte. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Hinwendung Chinas zur Marktpolitik markieren die Höhepunkte dieser Entwicklung. In diesem Jahrzehnt, und mit großer Wahrscheinlichkeit auch im kommenden, werden wir die rasche Ausdehnung des Kapitalismus in ganz Asien erleben. Das wichtigste Element dieses Prozesses wird die Entwicklung Chinas und Indiens zu reifen und stabilen kapitalistischen Weltmächten sein.

Ist diese Hypothese korrekt, dann können wir weiterhin annehmen, dass der Kapitalismus in etwa zwanzig Jahren (in Übereinstimmung mit dem Paradigma von W. W. Rostow[4]) in Afrika und dem Nahen Osten sein »Takeoff«-Stadium erleben wird. Länder wie Nigeria, Angola, Südafrika, Ägypten, Marokko und Algerien (und/ oder vielleicht auch andere) werden ein explosives Wirtschaftswachstum erfahren. So wird sich im nächsten halben Jahrhundert der globale Triumph des Kapitalismus vollenden und für immer feststehen. Vielleicht geschieht dies sogar bis 2047, wenn Akademiker auf die Veröffentlichung des »Kommunistischen Manifests« durch Karl Marx und Friedrich Engels vor 200 Jahren zurückblicken werden.

Bietet diese Hypothese eine realistische Grundlage, um gegenwärtige globale Prozesse zu verstehen? Wenn sie es täte, bliebe kaum etwas von der revolutionären marxistischen Perspektive übrig. Wir müssten deshalb nicht aufhören, uns um die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu sorgen. Es gäbe weiterhin kein Mangel an Dingen, um die man sich sorgen müsste. Wir würden versuchen, ein Programm mit Minimalforderungen zu formulieren, um die Lebensbedingungen der Armen und Ausgebeuteten weltweit zu verbessern. Dies wäre jedoch zumindest teilweise ein Akt sozialer Philanthropie. Denn ehemalige Marxisten wären gezwungen, zumindest für die absehbare Zukunft den utopischen Charakter des revolutionären Projekts anzuerkennen. Und sie wären gezwungen, ihr Verständnis der Vergangenheit einer umfassenden Revision zu unterziehen.

Doch ist diese Hypothese eines globalen Triumphes des Kapitalismus realistisch? Ist es angesichts aller vorausgegangenen historischen Erfahrungen vernünftig, sich eine Konstellation von Bedingungen vorzustellen, die es dem internationalen kapitalistischen System ermöglicht, die zahlreichen potenziell explosiven Probleme zu lösen oder doch zumindest in den Griff zu bekommen, die bereits am ökonomischen und ­politischen Horizont sichtbar sind, noch bevor sie die herrschende Weltordnung in ihrer Existenz bedrohen?

Halten wir es für wahrscheinlich, dass geopolitische und wirtschaftliche Konflikte zwischen den Großmächten im Rahmen des imperialistischen Systems auf der Grundlage von Verhandlungen und multilateralen Abkommen gelöst werden, bevor die Auseinandersetzungen einen Punkt erreichen oder gar überschreiten, an dem sie die internationale Politik nachhaltig aus dem Gleichgewicht werfen?

Ist zu vermuten, dass Auseinandersetzungen über den Zugang zu ökonomisch wichtigen Rohstoffen (vor allem, aber nicht nur, zu Öl und Erdgas) und über deren Kontrolle ohne gewalttätige Konflikte gelöst werden können?

Werden die unzähligen Kämpfe um regionalen Einfluss (wie beispielsweise zwischen China und Japan oder China und Indien um die Vorherrschaft in Asien) ohne den Rückgriff auf Waffen zu klären sein?

Ist es wahrscheinlich, dass die Vereinigten Staaten weiterhin Leistungsbilanzdefizite in Billionenhöhe anhäufen können, ohne dadurch die Weltwirtschaft völlig zu destabilisieren? Und kann die Weltwirtschaft ohne erhebliche finanzielle Turbulenzen die Folgen einer größeren Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten verkraften?

Werden die Vereinigten Staaten bereit sein, ihre hegemonialen Ansprüche aufzugeben und eine gleichmäßigere Verteilung der globalen Macht unter den Staaten akzeptieren? Werden sie bereit sein, auf der Grundlage von Kompromissen und Zugeständnissen Boden an ihre wirtschaftlichen und potenziell auch militärischen Rivalen abzutreten, sei es in Europa oder in Asien? Werden sich die Vereinigten Staaten großzügig und friedlich mit dem wachsenden Einfluss Chinas abfinden?

Und was die soziale Frage betrifft: Wird das rasante Anwachsen der sozialen Ungleichheit in ganz Nordamerika, Europa und Asien weiter anhalten, ohne erhebliche und gewaltsame soziale Konflikte auszulösen? Lässt sich aus der politischen und sozialen Geschichte der Vereinigten Staaten ableiten, dass die amerikanische Arbeiterklasse für weitere Jahre und Jahrzehnte ohne erheblichen und erbitterten Protest die anhaltende Abwärtsspirale bei den Löhnen und Lebensbedingungen hinnehmen wird?

Solche Fragen müssen beantwortet werden, bevor man zu der Schlussfolgerung gelangen kann, der Weltkapitalismus sei in ein neues goldenes Zeitalter der Ausdehnung und Stabilität eingetreten. Wer alle oben gestellten Fragen bejaht, geht eine riskante Wette gegen die Lehren der Geschichte ein.

Abschließend legte ich kurz die analytische Methode dar, derer sich die Internationale Redaktion bedient:

Die Hauptaufgabe, der wir uns in der kommenden Woche widmen, besteht darin, die wichtigsten Bestandteile der sich rasch entwickelnden Krise des weltweiten kapitalistischen Systems zu umreißen.

Lenin schrieb im Jahre 1914: »Spaltung des Einheitlichen und Erkenntnis seiner widersprechenden Bestandteile … ist das Wesen (eine der ›Wesenheiten‹, eine der grundlegenden, wenn nicht die grundlegende Besonderheit oder Seite) der Dialektik.« Gemäß dieser theoretischen Herangehensweise werden die Berichte, die wir hören, die Entwicklung der globalen Krise von verschiedenen Seiten und Blickwinkeln aus beleuchten.[5]

Auf meine einleitenden Bemerkungen folgten:

 1. Nick Beams’ Bericht über den Zustand der kapitalistischen Weltwirtschaft, der die gegenwärtige Konjunkturlage vor dem Hintergrund der entscheidenden und komplexen Rolle untersuchte, welche die Vereinigten Staaten während des zwanzigsten Jahrhunderts im globalen System gespielt hatten.

 2. James Cogans Analyse der »Konsequenzen des US-Kriegs gegen den Irak«.

 3. Barry Greys Bericht über »Die Bush-Administration und den Niedergang des Weltkapitalismus«.

 4. Patrick Martins Untersuchung zu »Die soziale und politische Krise der USA und die Wahlkampagne der SEP 2006«.

 5. John Chans Studie über »Die Bedeutung Chinas für den Weltsozialismus«.

 6. Ulrich Ripperts Bericht über »Die Sackgasse des europäischen Kapitalismus und die Aufgaben der Arbeiterklasse«.

 7. Julie Hylands Beitrag über »New Labour und der Niedergang der britischen Demokratie«.

 8. Bill Van Aukens Bericht über die »Perspektiven für Lateinamerika«.

 9. David Walshs Einschätzung über »Künstlerische Probleme in der gegenwärtigen Situation«.

10. Richard Hoffmans Analyse »Demokratische Rechte und die Angriffe auf verfassungsmäßige Rechte«.

11. Wije Dijas’ Bericht über »Südasien und der politische Bankrott des bürgerlichen Nationalismus und Stalinismus«.

12. Richard Tylers Untersuchung zu »Afrika und die Perspektive des internationalen Sozialismus«.

13. Jean Shaouls Analyse »Das zionistische Projekt und sein Ergebnis: eine wirtschaftliche, soziale und politische Katastrophe«.

Ihr habt zu keinem dieser Vorträge etwas zu sagen. Auf die Frage, die ich im einleitenden Bericht der Konferenz gestellt hatte, gebt ihr keine Antwort. Ihr sagt auch nicht, ob ihr den Analysen der Referenten zustimmt oder nicht. Genosse Nick Beams gab eine umfassende Übersicht über die Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Dabei legte er das Schwergewicht auf das Ungleichgewicht im internationalen System, das weitreichende Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den imperialistischen Mächten und auf den internationalen Klassenkampf hat. Diese Analyse ist eine wichtige Grundlage der Perspektive des IKVI. Was ist der Grund für euer Schweigen über diesen Bericht?

Genosse Cogans Bericht widmete sich dem derzeit bedeutendsten internationalen Ereignis: Der amerikanischen Besetzung des Irak. Euer Dokument erwähnt diesen Bericht nicht und geht nicht auf die Kriegsfrage ein. Stimmt ihr Cogans Analyse zu oder lehnt ihr sie ab?

Ginge ich die Liste der Vorträge weiter durch, stellte sich dieselbe Frage jedes Mal: Weshalb sprecht ihr keinen Aspekt der politischen Analysen konkret an, die das IKVI in seinen ausführlichen Berichten vorgelegt hat? Euer Stillschweigen lässt sich nicht durch bloße Gleichgültigkeit erklären. Dahinter verbirgt sich die völlige Ablehnung von Perspektiven, wie sie Marxisten verstehen, die bemüht sind, die revolutionäre Praxis auf eine möglichst korrekte und präzise Analyse der objektiven Welt zu stützen. Für euch ist das schlichte Zeitverschwendung. Ihr glaubt nicht, dass Vorträge, wie sie auf der Redaktionskonferenz gehalten wurden, zur Entwicklung von dem beitragen, was ihr für »sozialistisches Bewusstsein« haltet. Wie wir später genauer erklären werden, unterscheidet sich euer Verständnis dieses Begriffs vollständig von der Auffassung revolutionären Bewusstseins, wie sie die Arbeit der besten Vertreter des Marxismus inspirierte.

Ihr wollt, dass sich das Internationale Komitee nicht vorrangig mit ­Politik und Geschichte beschäftigt, sondern mit Psychologie und Sex, wie sie insbesondere in den Werken Wilhelm Reichs und Herbert Marcuses dargelegt werden. Diese Themen bilden für euch die Grundlage für die Entwicklung von »sozialistischem Bewusstsein« und »sozialistischem Idealismus«. Deshalb lässt euch die vom Internationalen Komitee geleistete Arbeit völlig kalt. Sein Bemühen, eine internationale revolutionäre Perspektive zu erarbeiten, die sich auf die Untersuchung der historisch entwickelten sozio-ökonomischen und politischen Widersprüche des Kapitalismus als Weltsystem stützt, geht auf eine politische Tradition des Marxismus zurück, die euch völlig fremd geworden ist.

4. Dialektik, Pragmatismus und die theoretische Arbeit des IKVI

Euer Umgang mit dem zweiten großen theoretischen Projekt des Internationalen Komitees, den im vergangenen Sommer in Ann Arbor gehaltenen Vorträgen, ist ein Hohn. Auch hier bemüht ihr euch nicht um eine ernsthafte und objektive Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Von den neun während der Sommerschule gehaltenen Vorträgen ignoriert ihr fünf. Aus den vier Vorträgen, die ich gehalten habe, zitiert ihr keinen einzigen vollständigen Satz. Eure Angriffe beruhen in der Regel auf Verzerrungen, groben Vereinfachungen und Verfälschungen der von mir vertretenen Standpunkte. Man kann daraus nur schließen, dass ihr für ein Publikum schreibt, von dem ihr annehmt, es habe die Vorträge nicht gelesen oder kein Interesse, sie zu lesen.

Eure Kritik der Sommerschule beginnt mit folgender Aussage:

Die Dialektik ist für das Internationale Komitee zum toten Buchstaben geworden. Zwanzig Jahre lang hat die Bewegung keinen einzigen Artikel zur dialektischen Philosophie veröffentlicht, und auf der Sommerschule war ihr kein Vortrag gewidmet. Wie vorauszusehen, ist mit der Dialektik auch der Kampf gegen den Pragmatismus aufgegeben worden, der in keinem der Vorträge auch nur ein einziges Mal erwähnt wurde. Bezeichnend für das Verschwinden des Pragmatismus aus den Anschauungen des IK ist die Tatsache, dass Richard Rorty zwar in einem Vortrag als repräsentativer Postmodernist besprochen, seine Rolle als prominenter philosophischer Pragmatiker dagegen völlig ignoriert wird. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Kampf gegen den Pragmatismus im Internationalen Komitee einmal als wichtigstes Element der Ausbildung einer bewussten revolutionären Führung angesehen wurde.

Was für eine verlogene Argumentation! Ihr beweist den Tod der Dialektik im IKVI und die Aufgabe des Kampfs gegen den Pragmatismus damit, dass wir uns auf Richard Rortys Rolle als führender Vertreter der Postmoderne statt auf seine Rolle als Pragmatiker konzentrieren. Was soll dieser Unsinn? Glaubt ihr ernsthaft, niemand unter den Zuhörern habe gewusst, dass Amerikas meist gefeierter Philosoph ein Pragmatiker sei? Oder ihnen sei nicht bekannt gewesen, dass die Postmoderne eine der Hauptströmungen der zeitgenössischen pragmatischen Philosophie darstellt? Meine Auseinandersetzung mit Rorty, die sich über mehrere Seiten erstreckt, konzentrierte sich auf die beiden theoretischen Fragen, die im Zentrum des Kampfs gegen den Pragmatismus stehen: 1. Rortys Ablehnung der Möglichkeit objektiven Wissens und des Begriffs der objektiven Wahrheit; und 2. seine vehemente Ablehnung der Auffassung, die Geschichte sei ein objektiver und gesetzmäßiger Prozess, aus dem Lehren gezogen werden können. Im Verlauf meiner Auseinandersetzung mit Rorty stellte ich fest:

… Er schlägt vor, das Ergebnis von 200 Jahren sozialen Denkens aus der Diskussion zu verbannen. Diesem Vorschlag liegt die Auffassung zugrunde, die Entwicklung des Denkens sei selbst ein rein willkürlicher und weitgehend subjektiver Prozess. Worte, theoretische Begriffe, logische Kategorien und philosophische Systeme sind lediglich verbale Konstrukte, pragmatisch heraufbeschworen im Interesse verschiedener subjektiver Ziele. Die Behauptung, die Entwicklung theoretischen Denkens sei ein objektiver Prozess, ein Ausdruck des sich herausbildenden, sich vertiefenden und ewig komplexer und präziser werdenden Verständnisses von Natur und Gesellschaft durch den Menschen – ist für Rorty nichts als ein alter hegelianisch-marxistischer Zopf.[6]

Erklärt das, Genossen Steiner und Brenner, nicht präzise und korrekt den Hauptkonflikt zwischen Marxismus und Pragmatismus?

Soweit euer Angriff auf mein angebliches Versagen, mich mit dem Pragmatismus auseinanderzusetzen, die Dinge nicht nur aus fraktionellen Gründen verdreht und eigene theoretische Auffassungen zum Ausdruck bringt, ist eure beiläufige Behandlung der Frage der Postmoderne von Bedeutung. Ihr schreibt:

Die Annahme, die Postmoderne habe den Pragmatismus und den Empirismus als wichtigste ideologische Bedrohung des Marxismus abgelöst, ist zutiefst irrig. Die Postmoderne ist eine akademische Mode­erscheinung, die aufgrund der Rechtsentwicklung der Generation der Sechzigerjahre-Radikalen und des Übergangs vieler von ihnen in die obere Mittelklasse um sich griff. Der Pragmatismus und der Empirismus sind dagegen eng mit der gesamten geschichtlichen Entwicklung des westlichen Kapitalismus verbunden … Inzwischen ist die Postmoderne zudem eine schwindende Modeerscheinung. Viele ihrer wichtigsten Vertreter sind entweder gestorben oder befinden sich im Ruhestand. Die weiterhin Aktiven sind meist in der Defensive, da die Verurteilung der Postmoderne in radikalen und liberalen Kreisen mittlerweile zum Gemeinplatz geworden ist. Vor zwanzig Jahren wäre ein Angriff auf die Postmoderne von Bedeutung gewesen; heute dagegen ist es nur noch ein Herumreiten auf – zumindest beinahe – Vergangenem.

Das ist eine oberflächliche, impressionistische und unseriöse Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen. Erstens habe ich mit keinem Wort behauptet oder auch nur angedeutet, die Postmoderne habe den Pragmatismus ersetzt. Sie ist vielmehr eine Spielart pragmatischen Denkens, und zwar eine, die die subjektiv-idealistischen, voluntaristischen und irrationalen Elemente des klassischen Pragmatismus, die bis auf James zurückgehen, zu ihrer extremsten und reaktionärsten Schlussfolgerung treibt. Wenn man, wie ihr das tut, nahelegt, die Postmoderne stelle eine grundlegend andere theoretische Denkschule dar, ist das ein großes Zugeständnis an den Pragmatismus. Ihr schützt ihn damit vor der intellektuellen Verlegenheit über die groben Ausschweifungen seines postmodernen Sprösslings.

Mit der Beschreibung als »schwindende Modeerscheinung« bagatellisiert ihr eine philosophische Strömung, die den reaktionären Charakter und die tiefe Krise des bürgerlichen Denkens deutlich zum Ausdruck bringt. Für einen kleinbürgerlichen Akademiker, der von einer halbgaren Anschauung zur nächsten hüpft, mag die Postmoderne eine »Modeerscheinung« sein – besonders wenn er gerade dabei ist, auf den nächsten intellektuellen Zug aufzuspringen, ohne über seine letzte philosophische Eskapade Rechenschaft abzulegen. Aber Marxisten schätzen die Bedeutung philosophischer Trends nicht auf diese Weise ein. Wie sich die eine oder andere subjektiv-idealistische philosophische Strömung selbst nennt, ist für uns zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr ihre Stellung in der Geschichte der Philosophie. Ihr schreibt korrekt, dass Pragmatismus und Empirismus »eng mit der gesamten geschichtlichen Entwicklung des westlichen Kapitalismus verbunden« sind. Aber gilt das nicht auch für die Postmoderne, die sich neben der Tradition des amerikanischen Pragmatismus auch auf andere, zutiefst reaktionäre philosophische Strömungen stützt? Gibt es in den Schriften der heutigen Vertreter der Postmoderne, einschließlich des Pragmatikers Rorty, nicht verstörende Anklänge an Kierkegaard, Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger?

5. Wie das IKVI den Pragmatismus bekämpft hat

Ihr behauptet, die Dialektik sei »für das Internationale Komitee zum toten Buchstaben geworden« und wir hätten den Kampf gegen den Pragmatismus aufgegeben. Ihr erklärt aber nicht, wie sich dies in der politischen Linie unserer Bewegung niedergeschlagen hat. Wir hätten, erklärt ihr uns, in den letzten zwanzig Jahren nicht einen einzigen Artikel über dialektische Philosophie veröffentlicht. Das ist im Übrigen nicht wahr.[7] Aber selbst wenn es wahr wäre, müsstet ihr aufzeigen, wie sich die Vernachlässigung der Dialektik über diese lange Zeitspanne hinweg auf die politischen Analysen und die Arbeit der Bewegung ausgewirkt hat. Mit irgendeiner Methode müssen wir ja gearbeitet haben. Wenn der Tod der Dialektik im Internationalen Komitee mit der Aufgabe des Kampfs gegen den Pragmatismus einherging, dann muss dieser die Arbeit unserer Bewegung dominiert haben. Ihr versucht aber gar nicht, diese Behauptung zu untermauern. In praktisch jedem eurer Dokumente führt ihr gebetsmühlenartig Trotzkis Aussage an, »dialektisches Training des Geistes« sei »so notwendig für einen revolutionären Kämpfer wie Fingerübungen für einen Pianisten«. Trotzki schrieb diese Worte mit der Autorität eines politischen Genies, dessen meisterhafte Beherrschung der dialektischen Methode sich in brillanten Analysen des Weltgeschehens zeigte. Aus eurer Feder klingen sie dagegen eher, als würde ein fauler Stubenhocker über die Bedeutung von Leibesübungen deklamieren.

Trotzki hat Burnham und Shachtman nicht nur drauf aufmerksam gemacht, dass die Dialektik wichtig sei. Er wies nach, wie sich Burnhams Pragmatismus und Shachtmans Gleichgültigkeit gegenüber der materialistischen Dialektik in ihren Analysen des Klassencharakters des Sowjetstaates und ihrer Weigerung, die UdSSR gegen imperialistische Angriffe zu verteidigen, niederschlugen. Während der Auseinandersetzung, die in den Jahren 1939 und 1940 innerhalb der Socialist Workers Party stattfand, wurde die Frage der Dialektik nicht aufgeworfen, um politischen Fragen auszuweichen, sondern um sie zu klären. So schrieb Trotzki an Professor James Burnham: »… nicht ich, sondern Sie waren es, der die Frage nach dem Charakter der UdSSR aufwarf und mich dabei zwang, die Frage nach der Methode zu stellen, durch die der Klassencharakter eines Staates bestimmt wird.«[8] Und weiter erklärte er: »Die richtige Methode erleichtert es nicht nur, zu richtigen Schlussfolgerungen zu kommen, sondern sie festigt sie auch in unserem Gedächtnis, indem sie jede neue Schlussfolgerung mit den vorhergehenden in einer zusammenhängenden Kette verbindet. Wenn politische Schlussfolgerungen empirisch gewonnen werden, wenn Inkonsequenz als eine Art Vorteil hingestellt wird, dann wird das marxsche System der Politik stets durch Impressionismus ersetzt – in vieler Hinsicht charakteristisch für kleinbürgerliche Intellektuelle. Jede neue Wendung der Ereignisse überrascht den Empiristen-Impressionisten, zwingt ihn zu vergessen, was er selbst gestern geschrieben hat, und erzeugt einen brennenden Wunsch nach neuen Formeln, bevor neue Ideen in seinem Kopf entstanden sind.«[9]

Wenn Trotzkis Kritik der pragmatischen Methode nach wie vor Geltung hat, sollte es euch nicht schwerfallen, in der politischen Linie des IKVI der vergangenen zwei Jahrzehnte Ungereimtheiten und grobe Fehler nachzuweisen. Aber ihr legt keine derartige Analyse vor. Daraus lassen sich nur zwei mögliche Schlüsse ziehen: Entweder ist die Methode unwichtig, da sie keine wahrnehmbaren Auswirkungen auf die Formulierung einer politischen Linie hat; oder eure Behauptung, wir hätten die Dialektik aufgegeben und seien dem Pragmatismus erlegen, ist leeres Geschwätz. Unserer Meinung nach ist der zweite Schluss richtig.[10]

Euer Problem rührt daher, dass ihr das Verhältnis zwischen Methode und revolutionärer Politik nicht versteht und auch nicht verstehen wollt. Es ist eine Sache, über die Bedeutung der Dialektik und des Kampfs gegen den Pragmatismus zu deklamieren. Es ist eine völlig andere, daraus mehr als eine abstrakte Parole zu machen und den Kampf gegen den Pragmatismus mit der Parteiarbeit in Verbindung zu bringen. Ihr habt euch zwar in eurem Dokument zur Anerkennung durchgerungen, dass »North die Dialektik in korrekter Weise gegen Healys Entstellungen verteidigt hat«. Doch in keiner eurer Schriften gibt es einen Hinweis darauf, dass ihr meine Dokumente tatsächlich studiert habt, die Healys Verfälschung der hegelschen Terminologie aufdecken, oder dass ihr euch die Lehren dieses theoretischen Kampfes zu eigen gemacht habt. Das ist nicht zuletzt damit zu erklären, dass ihr die Bewegung verlassen habt, bevor die amerikanische Sektion ihre Kritik an Healys opportunistischer Politik und deren Verhältnis zur Verfälschung der dialektischen Methode entwickelte. Als du, Genosse Steiner, die Bewegung 1978 verlassen hast, bist du noch immer unter dem Einfluss von Healys »Praxis der Erkenntnis« gestanden. Es handelte sich dabei im Wesentlichen um eine Variante des Pragmatismus, die in neohegelianischem Gewand daherkam.

Ihr habt die wichtige theoretische Entwicklung, die unsere Bewegung damals begann, vollständig verpasst. Am 7. November 1978 veröffentlichte das Politische Komitee einen Resolutionsentwurf über die Perspektiven und Aufgaben der Workers League. Ein Abschnitt war überschrieben: »Die historische Kontinuität des Trotzkismus als Grundlage der Ausbildung von Kadern und des Kampfs gegen den Pragmatismus«. Ich zitiere aus dem wichtigsten Teil dieses Abschnitts:

Bei der Orientierung der Workers League auf die Arbeiterklasse und ihrem Kampf, diese Klasse auf ihre historische Rolle vorzubereiten, geht es nicht um die Frage einer sogenannten »proletarischen Orientierung«, wie sie Cannon aufgefasst hat. Eine wirkliche Hinwendung zur Arbeiterklasse ist nur möglich, wenn man bewusst die historische Verbindung der gegenwärtigen Kämpfe der Arbeiterklasse und der Partei als Einheit von Gegensätzen mit den gesamten historischen Erfahrungen der Klasse und der Entwicklung des Bolschewismus herstellt. Man kann in den Rängen der Partei – und damit in der Arbeiterklasse – nur ernsthaft gegen den Pragmatismus kämpfen, wenn man die gesamte Arbeit der Partei auf den historischen Errungenschaften aus dem Kampf gegen den Revisionismus und auf dem gewaltigen politischen und theoretischen Kapital basiert, das Trotzki der Vierten Internationale hinterlassen hat. Wird der Kampf gegen den Pragmatismus vom Zusammenhang mit der täglichen Praxis der Kader und der Gesamtheit der historischen Erfahrungen, durch die die trotzkistische Bewegung gegangen ist, losgelöst, degeneriert er zur ohnmächtigen Phrasendrescherei. Er wird, genauer gesagt, selbst zu einer Spielart des Pragmatismus.[11]

Diese Analyse versah den »Kampf gegen den Pragmatismus«, der unter Healy und Slaughter zu einer leeren Phrase verkommen war, mit einem konkreten politischen Inhalt anstelle rhetorischer Appelle. Das Dokument erklärte, wie sich Marxisten – im Gegensatz zu der für Pragmatiker typischen impressionistischen und anpassungsfähigen Praxis – bewusst bemühen, die tägliche Entwicklung des Klassenkampfs und das Handeln der Partei in die Kontinuität ihrer eigenen Geschichte und des internationalen Klassenkampfs zu stellen. Anstatt zugunsten kurzfristiger, praktischer Ziele nur auf Ereignisse zu reagieren, müssen Marxisten die entscheidenden poli­tischen Grundsatzfragen identifizieren, die durch die neuen Ereignisse aufgeworfen werden. Sie müssen bei der Analyse neuer politischer Erscheinungen das gesamte historisch akkumulierte theoretische Kapital der Partei zum Tragen bringen und den langfristigen Interessen der Arbeiterklasse als einer internationalen revolutionären Kraft Ausdruck verleihen.

Vier Jahre später, im Oktober 1982, traten die theoretischen und politischen Differenzen zwischen der Workers League und der britischen Workers Revolutionary Party offen zutage. Ein am 19. Oktober 1982 im »Bulletin« veröffentlichter Artikel formulierte die erstmals 1978 entwickelten Auffassungen präziser und pointierter:

Man kann die Geschichte des Trotzkismus nicht als Abfolge zusammenhangsloser Episoden verstehen. Der Kader hat seine theoretische Entwicklung aus der kontinuierlichen Entfaltung der globalen Krise des Kapitalismus und den Kämpfen des internationalen Proletariats abstrahiert. Den enormen Reichtum des Trotzkismus, der einzigen Weiterentwicklung des Marxismus nach Lenins Tod im Jahre 1924, bildet seine ungebrochene, kontinuierliche politische Analyse aller grundlegenden Erfahrungen des Klassenkampfs während einer gesamten geschichtlichen Epoche.

Eine Führung, die nicht kollektiv danach strebt, sich die Gesamtheit dieser Geschichte zu eigen zu machen, kann ihre revolutionäre Verantwortung der Arbeiterklasse gegenüber nicht angemessen erfüllen. Ohne echte Kenntnis der historischen Entwicklung der trotzkistischen Bewegung sind Bezugnahmen auf den dialektischen Materialismus nicht einfach nur hohl; solch leere Bezugnahmen bereiten wirklichen Verzerrungen der dialektischen Methode den Weg. Der Ursprung der Theorie liegt nicht im Gedanken, sondern in der objektiven Welt. Die Entwicklung des Trotzkismus vollzieht sich daher entlang der frischen Erfahrungen aus dem Klassenkampf, die mit dem gesamten historisch erworbenen Wissen unserer Bewegung in Verbindung gebracht werden.

»… so wälzt sich das Erkennen von Inhalt zu Inhalt fort … es erhebt auf jede Stufe weiterer Bestimmung die ganze Masse seines vorhergehenden Inhalts und verliert dadurch nicht nur nichts, noch lässt es etwas dahinten, sondern trägt alles Erworbene mit sich und bereichert und verdichtet sich in sich …«

Zu diesem Zitat aus Hegels »Wissenschaft der Logik« notierte Lenin in seinen »Philosophischen Heften«: »Dieser Auszug gibt gar nicht übel eine Art Zusammenfassung dessen, was Dialektik ist.« (»Werke«, Band 38, S. 223) Dieser Abschnitt ist auch gar nicht übel als »eine Art Zusammenfassung« der ständigen dialektischen Entwicklung der trotzkistischen Theorie.[12]

Ich zitiere noch eine weitere Passage, der das Verhältnis zwischen der Dialektik und dem Kampf um eine revolutionäre Führung der Arbeiterklasse erklärt. Sie erschien als Teil meines Nachrufs auf Gerry Healy nach seinem Tod am 14. Dezember 1989.

In der langen Geschichte der marxistischen Bewegung hat sich die Dialektik als unersetzliches theoretisches Instrument für die politische Prognose, Orientierung und Analyse erwiesen. Aber während die dialektische Methode, richtig angewandt, die Erarbeitung weitsichtiger Analysen und wirkungsvoller taktischer Initiativen erleichtert, liefert sie keine ein für alle Mal wirksame Garantie gegen politische Degeneration. Der dialektische Materialismus ist nicht eine Art ideologischer Talisman, der, einmal erworben, seine Besitzer gegen den dauernden Druck der Klassenkräfte schützt. Der Prüfstein der dialektischen Methode ist eine kritisch-revolutionäre Haltung gegenüber den bestehenden Produktionsverhältnissen der Gesellschaft und den Erscheinungsformen, die diese spontan hervorbringen. Sie ist eine strenge Wissenschaft und verlangt einen unermüdlichen Kampf, programmatisch und praktisch die unabhängige Einstellung der revolutionären Arbeiterklasse zu jeder politischen Frage herauszuarbeiten, die durch die Entwicklung des Klassenkampfs gestellt wird. Eine revolutionäre Partei bleibt nur in dem Maße »marxistisch«, wie sie darum kämpft, den umfangreichen politischen und ideologischen Einfluss der Bourgeoisie und ihrer Agenten auf die Arbeiterklasse zu überwinden. Die marxistische Herangehensweise an jedes bedeutende Ereignis beinhaltet eine Überarbeitung der historischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung. Nur wenn sie ständig die neuen Probleme, die durch die objektive Entwicklung des Klassenkampfs aufkommen, dem gesamten Schatz ihres theoretischen Wissens gegenüberstellt, kann eine marxistische Partei ihr theoretisches Kapital ergänzen und erweitern.[13]

Diese Absätze erläutern die intellektuelle Grundlage eines theoretisch-politischen Projekts, das die SEP mehr als ein Vierteljahrhundert lang mit außerordentlicher Folgerichtigkeit entwickelt hat (wenn man die Perspektivresolution von 1978 als seinen Anfang nimmt). Das Internationale Komitee der Vierten Internationale hat es sich zur Aufgabe gemacht, gestützt auf eine systematische Überarbeitung der gesamten historischen Erfahrungen und Lehren aus den Klassenkämpfen des 20. Jahrhunderts das sozialistische Bewusstsein der Arbeiterklasse neu zu beleben und zu entwickeln. Gleichzeitig haben wir uns bemüht, die Praxis der Arbeiterklasse auf ein wissenschaftliches Verständnis der Bedeutung und der Auswirkungen zeitgenössischer Phänomene in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur zu basieren. Das Ergebnis dieser theoretischen Arbeit ist in der Vielzahl von historischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Analysen und Kommentaren festgehalten, die das IKVI seit dem Bruch mit der Workers Revolutionary Party im Jahre 1985/86 erstellt hat. Die Sommerschule in Ann Arbor im Jahr 2005 und das Treffen der Internationalen Redaktion im Jahr 2006 sind die Höhepunkte dieses langwierigen und schwierigen Projekts.

Aus theoretischer Sicht könnte man beide Ereignisse als große antipragmatische Übungen bezeichnen. Auch wenn das Internationale Komitee nur die Vorträge dieser beiden Veranstaltungen vorzuweisen hätte, würde dies genügen, um eure provokante Behauptung zu widerlegen, die Dialektik sei für unsere Bewegung »zum toten Buchstaben geworden« und wir hätten den Kampf gegen den Pragmatismus aufgegeben.[14]

6. Was ist Objektivismus?

Wenn ihr in eurer Polemik und euch selbst gegenüber ehrlich wäret, müsstet ihr zugeben, dass der Vorwurf, wir hätten die Dialektik und den Kampf gegen den Pragmatismus aufgegeben, lediglich ein Vorwand ist. In Wirklichkeit lehnt ihr das ab, worauf das Internationale Komitee den größten Wert legt: dass der Kampf für den Sozialismus erfordert, in den Reihen der Arbeiterklasse eine gründliche Kenntnis der Geschichte (insbesondere der sozialistischen Bewegung) zu entwickeln sowie (durch eine immer genauere begriffliche Annäherung) ein möglichst genaues und konkretes Verständnis der objektiven Entwicklung des Weltkapitalismus in seinen komplexen, widersprüchlichen und miteinander verbundenen Formen. Was ihr fälschlicherweise als »Objektivismus« bezeichnet, ist das marxistische Bemühen, die gesetzmäßige Bewegung der objektiven Welt, zu der auch der Mensch als gesellschaftliches Wesen gehört, im subjektiven Denken präzise zu reflektieren und dieses Wissen zur Grundlage des revolutionären Handelns zu machen. Trotz eurem Gerede über »Dialektik« und »Kampf gegen den Pragmatismus« spricht aus allem, was ihr schreibt, euer Desinteresse an den Anforderungen des Aufbaus einer Arbeiterbewegung, deren Praxis durch die marxistische Theorie angeleitet wird.

Ihr gebraucht das Wort »Objektivismus« inkorrekt, in einer Weise die zeigt, dass ihr nicht mit dem Materialismus übereinstimmt. Marxisten verstehen unter Objektivismus eine einseitige und abstrakte Herangehensweise an gesellschaftliche Erscheinungen. Er berücksichtigt die aktive Rolle bewusster Akteure – gesellschaftlicher Klassen und zugehöriger politischer Tendenzen – nicht, obwohl sie selbst wichtige Elemente des objektiven Prozesses sind. In seiner klassischen Darlegung des Unterschieds zwischen Marxismus und Objektivismus erklärte Lenin:

Der Objektivist spricht von der Notwendigkeit des gegebenen historischen Prozesses; der Materialist trifft genaue Feststellungen über die gegebene sozialökonomische Formation und die von ihr erzeugten antagonistischen Verhältnisse. Wenn der Objektivist die Notwendigkeit einer gegebenen Reihe von Tatsachen nachweist, so läuft er stets Gefahr, auf den Standpunkt eines Apologeten dieser Tatsachen zu geraten; der Materialist enthüllt die Klassengegensätze und legt damit seinen Standpunkt fest. Der Objektivist spricht von »unüberwindlichen geschichtlichen Tendenzen«; der Materialist spricht von der Klasse, die die gegebene Wirtschaftsordnung »dirigiert« und dabei in diesen oder jenen Formen Gegenwirkungen der anderen Klassen hervorruft. Auf diese Weise ist der Materialist einerseits folgerichtiger als der Objektivist und führt seinen Objektivismus gründlicher, vollständiger durch. Er begnügt sich nicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des Prozesses, sondern klärt, welche sozialökonomische Formation diesem Prozess seinen Inhalt gibt, welche Klasse diese Notwendigkeit festlegt. Im gegebenen Fall z. B. würde sich der Materialist nicht mit der Feststellung »unüberwindlicher geschichtlicher Tendenzen« zufrieden­geben, sondern auf das Vorhandensein bestimmter Klassen verweisen, die den Inhalt der gegebenen Verhältnisse bestimmen und die Möglichkeit eines Auswegs ausschließen, der nicht das Handeln der Produzenten selbst voraussetzt. Anderseits schließt der Materialismus sozusagen Parteilichkeit in sich ein, da er dazu verpflichtet ist, bei jeder Bewertung eines Ereignisses direkt und offen den Standpunkt einer bestimmten Gesellschaftsgruppe einzunehmen.[15]

Für Lenin ist der Begriff »Objektivismus« kein Schimpfwort, das die Erforschung sozioökonomischer Prozesse verurteilt, die die Grundlage der revolutionären Praxis bilden. Mit der Forderung, sie müsse die Klassendynamik einer gegebenen gesellschaftlichen Situation erkennen und auf dieser Grundlage die politischen Aufgaben der revolutionären Partei so genau wie möglich bestimmen, bemüht er sich im Gegenteil, der Untersuchung der objektiven Welt einen reichhaltigeren materialistischen Inhalt zu geben. Was Lenins umfangreiches theoretisches Werk auszeichnet, ist vor allem sein unnachlässiges Bemühen, die Perspektive, das Programm und die Aktivitäten der russischen Arbeiterbewegung in einem präzisen und umfassenden Verständnis der objektiven Wirklichkeit zu verankern. Wenn man hört, wie ihr mit dem Wort »Objektivismus« um euch werft, fragt man sich, wie ihr solch wichtige Werke Lenins wie »Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung«, »Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland« und die zahlreichen Bände einordnen würdet, die er zur Agrarfrage in Russland verfasst hat. (Lenin betrachtete sich als Fachmann auf diesem Gebiet.)

In »Materialismus und Empiriokritizismus« spricht Lenin deutlich aus, welch große Bedeutung er der Erkenntnis der objektiven gesellschaftlichen Realität zumisst:

Aus der Tatsache, dass ihr lebt und wirtschaftet, Kinder gebärt und Produkte erzeugt, sie austauscht, entsteht eine objektiv notwendige Kette von Ereignissen, eine Entwicklungskette, die von eurem gesellschaftlichen Bewusstsein unabhängig ist, die von diesem niemals restlos erfasst wird. Die höchste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen, um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen.[16]

Ihr erklärt uns: »Marxistische Wissenschaft ist keine Wissenschaft im konventionellen Sinne: Ihr Ziel besteht nicht nur darin, die Welt zu verstehen, sondern sie auch zu verändern.« Doch wie weit, Genossen Steiner und Brenner, setzt die revolutionäre, d. h. historisch fortschrittliche Veränderung der Welt ein korrektes Verständnis derselben voraus? Über die Antwort auf diese Frage solltet ihr sorgfältig nachdenken. Ob ihr sie »konventionell« oder »unkonventionell« nennt, die Bezeichnung Wissenschaft verdient der Marxismus nur insofern, als das Ziel seiner weltverändernden Praxis – die Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft – auf einem korrekten Verständnis der Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung beruht, und nicht auf dem bloßen Bedürfnis nach Veränderung oder gar auf dem »Willen zur Macht«. Für den Marxismus ergeben sich die Mittel, mit denen Revolutionäre die Welt verändern, aus einem Verständnis der objektiven Gesetze, nach denen sich die Gesellschaft bewegt, und sind mit diesem Verständnis untrennbar verbunden. Das ist ein wichtiger Grundsatz der marxistischen Theorie, dessen Verletzung eine politische und auch moralische Katastrophe heraufbeschwört.

Ihr schreibt hochtrabend und völlig abstrakt darüber, wie notwendig der Kampf gegen den Pragmatismus sei, scheint euch aber nicht darüber im Klaren zu sein, dass dieser im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche Strömungen hervorgebracht hat, die versucht haben, mittels einer starken Übertreibung der Gestaltungsfähigkeit der menschlichen Praxis die ontologische Unterscheidung zwischen der objektiven Welt und den Formen ihrer Widerspiegelung im subjektiven Bewusstsein zu verwischen – eine Unterscheidung, auf die der dialektische Materialismus großen Wert legt. Ausgehend von der Erkenntnis, dass der Mensch auf die Welt, in der er lebt, einwirkt und sie verändert, folgerten gewisse pragmatische Strömungen, es sei philosophisch absurd, überhaupt von einer objektiven Wirklichkeit zu sprechen, die unabhängig vom Menschen existiere und seinem Handeln Schranken auferlege. Weil es keine absolute Trennung zwischen Objekt und Subjekt gibt, gelangten sie zum Schluss, dass es auch keine relative gäbe. F. C. S. Schiller, Henri Bergson, Georges Sorel sowie die beiden Italiener Giuseppe Prezzolini und Giovanni Papini entwickelten die subjektiven Prämissen des Pragmatismus von James in dieser extremen Form weiter. Letztere sind von besonderer Bedeutung, da hier die faschistischen politischen Implikationen des äußerst subjektiven Voluntarismus, für den ihr Pragmatismus eintritt, deutlich zutage treten. Papini schrieb, der Pragmatismus sei

eine Philosophie des Handelns, eine Philosophie der Tat, des Aufbaus, des Umwandelns, des Schaffens! … Kein vergebliches Bemühen mehr, das nirgends hin führt, außer in die Hinterhalte und Fallstricke überspannter Logiker. Das Wahre ist das Nützliche. Wissen ist Tun. Wähle unter den vielen unsicheren Wahrheiten jene, die am ehesten dazu bestimmt ist, den Klang des Lebens zu verbessern und die nachhaltigste Belohnung zu gewähren. Wenn etwas nicht wahr ist, wir es aber wahr haben wollen, dann machen wir es wahr: durch den Glauben.[17]

Mussolini, der nach eigener Aussage James’ Pragmatismus bewunderte, sagte, es gehöre zu »den verdienstvollsten Aufgaben des Menschen, für die Errichtung der sozialen Ordnung zu kämpfen, die im gegebenen Moment am besten zu unserem persönlichen Ideal passt«.[18]

Es soll hier nicht behauptet werden, dass Pragmatiker notwendigerweise dazu neigen, politische Reaktionäre, geschweige denn Faschisten zu werden. William James war ein höchst anständiger Mensch und spielte eine führende Rolle in der antiimperialistischen Bewegung der Vereinigten Staaten. Doch theoretische Auffassungen haben ihre eigene Logik. Der Werdegang gewisser Strömungen des pragmatischen Denkens veranschaulicht, welch gefährliche Auswirkungen es hat, wenn man das marxistische Bemühen ablehnt, die politische Praxis in einer wissenschaftlichen Untersuchung der objektiven Welt zu verankern. Pragmatischer Voluntarismus kann auch im Rahmen einer radikal linken Politik verheerende Folgen haben. Eine politische Initiative, die sich auf eine impressionistische Einschätzung der objektiven Lage stützt und annimmt, subjektive Entschlossenheit könne der politischen Lage unter allen Umständen ein revolutionäres Potential verleihen, das objektiv gar nicht vorhanden ist, kann die Arbeiterklasse einem vernichtenden Gegenangriff aussetzen.

Diese Gefahr besteht, wie ich betonen will, nicht bloß theoretisch. Die Geschichte der revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts ist voll von politischen und sozialen Fehlschlägen, für die eine voluntaristische Politik verantwortlich war, die die objektive Logik des gesetzmäßigen, historischen und sozioökonomischen Prozesses ignorierte. Stalins politische Maßnahmen (wie die Kollektivierung und die überhastete Industrialisierung) liefern zahlreiche Belege für die verheerenden Folgen einer Politik, die ohne ausreichende Kenntnis oder unter Missachtung der objektiven Umstände formuliert wird und die revolutionären Möglichkeiten des subjektiven Willens, die Dinge zu verändern, übertreibt. Daher erfordert der Kampf für den Sozialismus, dass sich die Taktik der Arbeiterklasse auf ein wissenschaftliches Verständnis der Gesetzmäßigkeiten des internationalen Kapitalismus, des weltweiten Klassenkampfs und der Formen ihrer Widerspiegelung im Bewusstsein der Massen stützt. Darin liegt die Bedeutung von Perspektiven und einer möglichst genauen Einschätzung der »objektiven Situation«, auf die die trotzkistische Bewegung stets so großen Wert gelegt hat.

Besonders unangenehm zeigt sich euer Desinteresse an politischen Analysen, wenn ihr selbst die gröbsten Fehler eurer utopischen Vorbilder rechtfertigt. Als Genosse Steve Long dich, Genosse Steiner, darauf hinwies, dass Jacoby (der Autor des von dir bewunderten Werks »The End of Utopia«) für eine Wiederbelebung des Liberalismus eintritt, hast du nur die Achseln gezuckt und geantwortet: »Müssen wir als Marxisten deshalb alles ignorieren, was er ab Seite acht schreibt, wo er seine Absicht verkündet, eine Form des radikalen Liberalismus neu zu beleben?« Und als Genosse Long auf die widerliche politische Geschichte Herbert Marcuses und Theodor Adornos verwies, hast du geantwortet: »Ja, sowohl Adorno als auch Marcuse waren politische Opportunisten, die sich in den 1930er-Jahren im Namen einer ›Einheitsfront‹ gegen den Faschismus mit den Moskauer Prozessen einverstanden erklärten. Bedeutet das, dass sie uns hinterher nichts Relevantes mehr zu sagen hatten?«

Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass das widerliche politische Verhalten dieser Individuen (vergessen wir nicht Ernst Bloch, der die Ermordung der alten Bolschewisten begeistert begrüßte) etwas mit ihrem Utopismus zu tun haben könnte? Warum sollte man auf die utopischen Vorstellungen von Individuen vertrauen, die unfähig waren, die Wirklichkeit zu verstehen und die Wahrheit von den üblen Lügen des stalinistischen Regimes zu unterscheiden? Ist es unhöflich, wenn man fragt, welcher Methode sie sich bei der Erwägung politischer Fragen bedienten? Oder war ihr Genie vielleicht von solch erlesener Art, dass es nur in der Zukunftsform funktionierte!

Im Sommer 2005 erklärte ich: »Als analytische Methode und materialistische Weltanschauung hat der Marxismus Gesetze aufgedeckt, die sozioökonomische und politische Vorgänge regeln. Die Kenntnis dieser Gesetze legt Trends und Tendenzen offen, die es ermöglichen, bedeutende historische ›Voraussagen‹ zu treffen und in einer Weise bewusst einzugreifen, die zu einem vorteilhaften Ergebnis für die Arbeiterklasse führen kann.«[19]

Genau das unterscheidet eine marxistische Praxis von allen Arten von pragmatischem Aktivismus, sei es in der Form »linken« Abenteurertums oder opportunistischer Anpassung. Die Methode des »Objektivismus«, die je nach Umständen die eine wie die andere Form annehmen kann, fand in der Geschichte der Vierten Internationale ihre klarste Ausprägung in den revisionistischen Theorien Pablos und seiner Gefolgsleute Mandel und Hansen. Der pablistische Revisionismus war ein Meister darin, demagogisch und völlig abstrakt das Bild einer allmächtigen Welle revolutionärer Kämpfe heraufzubeschwören, die – unabhängig von ihrer politischen Führung und dem Bewusstseinsstand der Massen – alle Hindernisse hinwegfegen und die Macht an sich reißen würde. Cliff Slaughter erklärte das 1961 (als er noch Marxist war) sehr gut:

Die grundlegende Schwäche der Resolution der SWP besteht darin, dass sie den Marxismus durch den »Objektivismus« im Sinne einer falschen Objektivität ersetzt. … Lenin zog aus seiner Analyse des Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus den Schluss, dass die bewusste revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse und ihrer Partei von entscheidender Bedeutung sei. Die Verfechter des »Objektivismus« ziehen dagegen den Schluss, die Bedeutung der »objektiven Faktoren« sei so gewaltig, dass die Arbeiterklasse unabhängig davon, ob sie in ihrem Kampf eine marxistische Führung aufbaue, die proletarische Revolution durchführen und die Kapitalisten stürzen werde.[20]

Was Slaughter hier in der Auseinandersetzung mit den Pablisten als »Objektivismus« bezeichnet, hat absolut nichts mit dem zu tun, was ihr unter diesem Begriff versteht. Ihr greift damit das Bemühen an, die revolutionäre Politik auf eine korrekte marxistische Analyse sozioökonomischer Phänomene zu stützen, während sich die Pablisten weigerten, die Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit konkret zu analysieren und die Veränderungen mit der Entwicklung des internationalen Klassenkampfs in Beziehung zu setzen. Slaughter forderte die SWP wiederholt auf, ihre »objektivistischen« Schlussfolgerungen im Rahmen der »allgemeinen historischen Entwicklungsaussichten der Klassenbeziehungen« zu begründen. Er schrieb, die SWP müsse »zeigen, auf welche Weise ›objektive Faktoren‹ der Welt­situation es in einigen Fällen unnötig machen, eine revolutionäre Führung vorzubereiten und aufzubauen«.[21] Er ging auch auf den Zusammenhang zwischen dem »Objektivismus« der Pablisten und ihrer ständigen Beschwörung von Aktionen ein, ihren demagogischen Hinweisen auf »die ›Ungeduld‹ der Massen, die mit der Revolution nicht warten könnten, bis eine marxistische Führung aufgebaut sei«.[22] Ebenfalls bezeichnend für den Objektivismus der Pablisten war ihre Verherrlichung der einfachsten Formen von Militanz. Damit rechtfertigten sie ihre Anpassung an die vorhandenen bürokratischen Führer, die die Massenbewegung von ihren revolutionären politischen Aufgaben abbrachten.

Genau dorthin führt auch eure hinterlistige Attacke auf unseren »Objektivismus«. Ihr lehnt damit die Untersuchung und Analyse sozioökonomischer Gegebenheiten sowie des Klassencharakters politischer Strömungen ab, die Einfluss auf die Arbeiterklasse ausüben. Eure Verurteilung unserer »Enthaltsamkeit« ist ein verschleierter Angriff auf unsere Einschätzung der reaktionären Rolle der Gewerkschaften. Ihr schreibt:

Über ein Jahrzehnt ist vergangen, seit die Partei zu der Einschätzung kam, die Gewerkschaften könnten keine progressive Rolle mehr spielen, doch in diesen zehn Jahren wurde nichts unternommen, um der Arbeiterklasse irgendeine Alternative vorzuschlagen. Es wurde auch nichts unternommen, um die Auswirkungen des Niedergangs der Gewerkschaften gemeinsam mit den Millionen Mitgliedern aufzuarbeiten, die in diesen Organisationen verblieben sind, da abgesehen von Journalismus seit langem jede Arbeit innerhalb der Gewerkschaften aufgegeben worden ist.

Zunächst einmal: Ist unsere Analyse der Gewerkschaften korrekt oder nicht? Ihr liefert keine Analyse des Charakters und der Rolle der AFL-CIO oder anderer offizieller Gewerkschaftsorganisationen. Glaubt ihr, sie hätten noch das Potenzial, eine in euren Worten »progressive Rolle« zu spielen? Aus eurem Angriff könnte man den Schluss ziehen, dass ihr das glaubt. Aber warum erklärt ihr es dann nicht offen und legt die Gründe für eure Auffassung dar? Ihr unterzieht auch die umfangreichen Schriften der SEP und des IKVI zur Frage der Gewerkschaften, die unseren grundsätzlichen Standpunkt theoretisch begründen, keiner kritischen Untersuchung. Ihr beschwert euch auf vulgäre, pragmatische Art, ein Arbeiter, der die WSWS schriftlich um Rat frage, bekomme »typischerweise einen Vortrag über die Geschichte der Arbeiterbürokratie als Antwort, jedoch nicht den geringsten Hinweis darauf, wie er den Kampf, in dem er sich befindet, führen soll«. Erklärt uns bitte, Genossen Steiner und Brenner, wie ein Arbeiter wissen kann, wie er einen unmittelbaren Kampf führen soll, wenn er die historische Rolle der Gewerkschaften nicht versteht? Was hat es für Folgen, wenn man einen gegebenen Kampf, den Arbeiter führen, von den historischen Erfahrungen löst, aus denen er hervorgegangen ist? Kann man eine Perspektive für das praktische Eingreifen in Russland entwickeln, ohne die Arbeiter in der Geschichte von Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus auszubilden? Oder in China? Oder in Osteuropa? Kann ein Arbeiter im Nahen Osten wissen, »wie er den Kampf, in dem er sich befindet, führen soll«, wenn er die historische Rolle des bürgerlichen Nationalismus oder die Bedeutung von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution nicht studiert? Wie können fortschrittliche israelische Arbeiter einen Ausweg aus der Sackgasse des jüdischen Nationalismus finden, ohne den Ursprung und die Rolle des Zionismus zu verstehen? Um es so klar wie möglich zu sagen: Der »Charakter« eines gegebenen Kampfs lässt sich nur verstehen, wenn man ihn in den erforderlichen historischen Zusammenhang stellt.

Eure verächtlichen Witze über das Bemühen der WSWS, Arbeiter in historischen Fragen auszubilden, verraten trotz eurer Lippenbekenntnisse zur Dialektik eine Gleichgültigkeit gegenüber der Theorie, die aus einer sorgfältigen Aufarbeitung der objektiven gesellschaftlichen Erfahrungen der Arbeiterklasse hergeleitet wird. Wie es Trotzki so gut erklärt hat:

Lässt man sich von der Theorie leiten, so heißt das, dass man sich von der Verallgemeinerung der gesamten bisherigen Praxis der Menschheit leiten lässt, um eine bestimmte praktische Aufgabe der Gegenwart möglichst gut zu bewältigen. Vermittelt durch Theorie, erweist sich so das »Primat« der Praxis insgesamt gegenüber den Teilpraktiken.[23]

Erzählt uns bitte, Genossen Steiner und Brenner: Welche politischen Verallgemeinerungen habt ihr aus den tragischen Erfahrungen der Arbeiterklasse während der vergangenen 25 Jahre gezogen? Aus der endlosen Reihe von Niederlagen, die die amerikanische Arbeiterklasse als Folge des kriminellen Verrats ihrer bürokratischen Organisationen erlitten hat? Inwiefern habt ihr die Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse in euer Verständnis der Aufgaben einfließen lassen, vor denen Arbeiter in den Vereinigten Staaten stehen? Welche Lehren habt ihr aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der stalinistischen Regime in Osteuropa gezogen, die allesamt von den herrschenden Bürokratien aufgelöst wurden? Oder aus der Verwandlung der »Volksrepublik« China in das unverzichtbare Zentrum der internationalen kapitalistischen Niedriglohnproduktion? Oder aus der Verwandlung der britischen Labour Party in eine bösartige bürgerliche Rechtspartei, die alle Verbindungen zur Arbeiterklasse gekappt hat? Oder aus der fortgesetzten Unterstützung des Gewerkschaftsbunds TUC für diese Partei? Wir könnten noch viele Fragen dieser Art hinzufügen, aber wir haben wohl recht, wenn wir annehmen, dass wir keine Antwort erhalten werden. Ihr habt den Auswirkungen, die der Zusammenbruch aller traditionellen politischen und gewerkschaftlichen Arbeiter­organisationen während der vergangenen 25 Jahre auf die politischen Perspektiven und die Praxis hat, nicht einen Gedanken gewidmet.

7. Der Verkehrsarbeiterstreik in New York City

Ihr zieht es vor, eure polemischen Kämpfe im Reich abstrakter Allgemeinheiten auszufechten. Doch die einzige Gelegenheit, bei der ihr in die Niederungen des tatsächlichen Geschehens herabsteigt, zeigt sofort, worin der politische Inhalt eurer Klagen über unseren »Objektivismus« besteht. Ihr lehnt den Kampf ab, den die Socialist Equality Party und die WSWS gegen die Gewerkschaftsbürokratie führen. Euer langer Angriff auf die Rolle der Partei im Verkehrsarbeiterstreik in New York City zielt darauf ab, unsere Bemühungen zu diskreditieren, die Verkehrsarbeiter mit einer politischen Perspektive zu bewaffnen. Doch bevor wir im Einzelnen auf eure Attacke eingehen, wollen wir darauf hinweisen, dass dieser Streik das einzige Ereignis ist, mit dem ihr euch in eurem gesamten Dokument befasst. Hättet ihr nicht zumindest ein Ereignis außerhalb der Stadt wählen können, in der ihr lebt? Warum keine Untersuchung der Kampagne der Partei gegen den Krieg im Irak? Oder des Eingreifens des IKVI in der Krise in Frankreich? Oder des Kampfs, den unsere Genossen in Sri Lanka gegen die Wiederaufnahme des Kriegs gegen die Tamilen durch die Regierung führen? Nichts davon interessiert euch. Bedenkt man, dass ihr euch mit keinem anderen Ereignis abgebt – nicht einmal mit dem Irakkrieg –, ist die Aufmerksamkeit, die ihr dem Verkehrsarbeiterstreik widmet, in höchstem Grade unausgewogen. Zumindest aber ist sie Ausdruck einer provinziellen Sichtweise.

Eure Schilderung des Eingreifens der SEP ist fraktionell motiviert und unaufrichtig. Ihr stellt es als eine Mischung aus Verwirrung und Untätigkeit dar, ohne konkret auf etwas einzugehen. Ihr sprecht vom »dreitägigen Streik im Dezember [2005]«, ohne die genauen Daten anzugeben. Das ist keine Nebensächlichkeit. Niemand, der sich auf eure Darstellung stützt, könnte die objektiven Ereignisse mit dem Eingreifen der SEP in Zusammenhang bringen. Ihr schreibt: »Obwohl es einen langen Vorlauf zum Streik gab und obwohl die Partei in dieser Gewerkschaft auf eine lange Geschichte zurückblickte, stellte sie bis zum Tag vor Streikbeginn keine Forderungen auf.« Neben dem Fehlen einer präzisen Zeitangabe zitiert eure Kritik keinen einzigen Satz von dem, was die SEP über den Verkehrsarbeiterstreik geschrieben hat. Niemand, der euer Dokument liest, könnte sich ein präzises Bild über das Ausmaß des Eingreifens der Partei oder über das Programm machen, für das sie gekämpft hat.

Da ihr das Eingreifen der Partei in den Streik angreift, um ihr »Objektivismus« und »Enthaltsamkeit« nachzuweisen, müssen wir recht detailliert darauf antworten. Der Streik begann am Dienstag, dem 20. Dezember, und endete am Donnerstag, dem 22. Dezember. Euer Dokument vermittelt seinen Lesern den Eindruck, die SEP sei von den Ereignissen überrascht worden und habe erst am Vorabend des Streiks geschafft, eine Stellungnahme herauszugeben.

Sehen wir uns jetzt die tatsächliche Reaktion der Partei auf den Verkehrsarbeiterstreik an. Am 10. Dezember – zehn Tage vor Beginn des Streiks – veröffentlichte die WSWS eine lange Erklärung, geschrieben von Alan Whyte, welche die zentralen Fragen analysierte, die der Konflikt zwischen dem Ortsverband 100 der Transportarbeitergewerkschaft TWU und dem staatlichen Verkehrsunternehmen MTA (New York Metropolitan Transportation Authority) aufwarf. Nach einem sorgfältigen Überblick über die Einzelheiten der Vertragsverhandlungen schrieb Whyte:

Seit dem letzten Streik, mit dem die Arbeiter das Verkehrssystem elf Tage lang lahmlegten, sind 25 Jahre vergangen. In diesem Vierteljahrhundert haben die Arbeiter in New York City und den ganzen Vereinigten Staaten erlebt, wie ihre Löhne ständig sanken, Millionen anständig bezahlter Arbeitsplätze verloren gingen, Sozialleistungen abgebaut und grundlegende demokratische Rechte beseitigt wurden. Diese Angriffe waren die Voraussetzung für eine schwindelerregende Zunahme der sozialen Ungleichheit – gewaltige Reichtümer wurden auf die Bankkonten des reichsten einen Prozents verschoben.

Die Gewerkschaften haben sich als unfähig erwiesen, diesen Angriffen entgegenzutreten. Kontrolliert von einer opportunistischen Bürokratie, die sich vollständig der Demokratischen Partei und dem Profitsystem unterordnet, haben sie dabei mitgewirkt, diese nicht endende Reihe von Zugeständnissen zu erzwingen.

Ein Verkehrsarbeiterstreik, der zeigt, dass die Arbeiterklasse stark genug ist, dem Diktat der Wall Street zu trotzen, würde in New York City und dem ganzen Land zweifellos starke Unterstützung gewinnen. Ein ernsthafter Kampf zur Verteidigung der Lebensbedingungen und zur Rücknahme der Angriffe der vergangenen 25 Jahre erfordert jedoch mehr als militante Streikaktionen.

Er verlangt vor allem einen politischen Kampf zur Mobilisierung der gesamten Arbeiterklasse gegen das Profitsystem. Dies bedeutet einen Bruch mit der Demokratischen Partei und den Aufbau einer unabhängigen politischen Partei der Arbeiterklasse, die für die Reorganisation der Gesellschaft im Interesse der Bedürfnisse der Menschen, statt der Anhäufung von Wohlstand durch eine Finanzelite kämpft. Nur eine solche Partei wird dafür eintreten, die nötigen Mittel zur Finanzierung des öffentlichen Massenverkehrs bereitzustellen, indem die Schulden nicht anerkannt und die immensen Mittel der Banken und Finanz­institute, die davon profitiert haben, in öffentliches Eigentum überführt werden.[24]

Diese Erklärung wurde als Flugblatt veröffentlicht und unter den Transportarbeitern verteilt. Die WSWS gab also zehn Tage, bevor der Streik (nach einer Verzögerung durch die TWU-Führung) begann, eine klare politisch-programmatische Erklärung heraus. Zwei Tage später, am 12. Dezember, veröffentlichte die WSWS einen weiteren Artikel von Whyte. Er berichtete über das positive Ergebnis der Urabstimmung für den Streik, der ursprünglich am 16. Dezember um Mitternacht beginnen sollte. Der Artikel warnte vor der Doppelzüngigkeit der Gewerkschaftsführung. Die Anwesenheit des politischen Scharlatans Jesse Jackson bei der Urabstimmungs-Versammlung sei ein deutliches Signal, dass die TWU-Führung an ihrer politisch bankrotten Allianz mit der Demokratischen Partei festhalte.[25]

Am 16. Dezember veröffentlichte die WSWS eine Analyse von Bill Van Auken mit dem Titel »Die politischen Aufgaben, vor denen die Verkehrsarbeiter von New York City stehen«. Sie warnte die Verkehrsarbeiter, dass Bürgermeister Bloomberg einen massiven juristischen Angriff auf die Gewerkschaft vorbereite. Der Artikel betonte, die Gewerkschaft könne keinen erfolgreichen Streik führen, ohne für die Mobilisierung breiter Teile der Arbeiterklasse einzutreten. Doch er warnte auch: »Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Führung des Ortsverbands 100 der TWU einen solchen Kampf vorbereitet. Die Gewerkschaftsbürokratie unter Ortsverbandspräsident Roger Toussaint beschränkt sich strikt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gewerkschaftlicher Militanz. Gleichzeitig stellt sie Politiker der Demokraten als Freunde der Arbeiter dar.«[26]

Am 17. Dezember berichtete Van Auken über die Entscheidung der TWU, statt zu einer umfassenden Arbeitsniederlegung zu selektiven Streiks aufzurufen.[27]

Am 19. Dezember veröffentlichte die WSWS eine Erklärung von Peter Daniels mit dem Titel »New Yorker Verkehrsarbeiter vor der Klassenkonfrontation« (die auch als Flugblatt gedruckt und verteilt wurde). Sie ging auf die Lehren aus den wichtigsten Erfahrungen ein, welche die Arbeiterklasse seit dem Verrat des New Yorker Verkehrsarbeiterstreiks von 1980 und der Zerstörung der Fluglotsengewerkschaft PATCO 1981 gemacht hatte. Die Erklärung betonte die Notwendigkeit einer politischen Strategie: »Die Wahrheit über diesen Streik muss von Anfang an deutlich gesagt werden: Entweder gewinnen die Verkehrsarbeiter die aktive Unterstützung anderer Teile der Arbeiterklasse, um gegen alle Angriffe auf Arbeitsplätze und öffentliche Dienstleistungen eine politische Gegenoffensive zu beginnen – oder ihr Streik wird isoliert und besiegt werden.« Die Erklärung warnte auch: »Sich auf Toussaint als Streikführer zu verlassen, wäre ein schwerer Fehler. Der Vorsitzende des Ortsverbandes 100 verbindet gelegentliche demagogische Drohungen mit der Unterstützung der Demokratischen Partei, die die Interessen der Wirtschaft vertritt, und der Ablehnung eines unabhängigen Kampfs der Arbeiterklasse.« Sie rief die Arbeiter auf, »unabhängige Streikkomitees zu organisieren, um unter der gesamten arbeitenden Bevölkerung für Einheit und Kampfbereitschaft zu werben – unter anderen Gewerkschaftsmitgliedern, Unorganisierten und Arbeitslosen, Studenten, Jugendlichen, Facharbeitern und Selbständigen.«[28]

Ihr kritisiert diese Erklärung, aus der ihr nicht einen Satz zitiert, weil sie keinen Hinweis darauf gebe, »wie diese Komitees aufgestellt werden sollen, wie sie funktionieren sollen und vor allem: wofür sie kämpfen sollen«. Es stimmt, wir haben kein Handbuch über den Aufbau von Streikkomitees verfasst. Arbeiter könnten ohne Weiteres selbst solche Komitees aufbauen und leiten, wenn sie die Notwendigkeit einer Alternative zum Ortsverband 100 der TWU und seiner Politik verstehen würden. Wofür die Komitees kämpfen sollen, haben wir dagegen sehr deutlich gesagt: Die Erklärung umriss eine politische Strategie, von der das Schicksal des Streiks abhing. Aus eurer Kritik muss man den Schluss ziehen, dass ihr nicht mit der Einschätzung der WSWS übereinstimmt, dass die Transportarbeiter vor einem politischen Kampf standen. Ein solcher Kampf wäre aber die einzige Möglichkeit gewesen, die Unterstützung der Masse der New Yorker Arbeiter zu gewinnen, für die der Streik zusätzliche tägliche Belastungen mit sich brachte.

Am 21. Dezember veröffentlichte die WSWS eine weitere Erklärung (die ebenfalls gedruckt und massenhaft in der ganzen Stadt verteilt wurde): »Streik bei den New Yorker Verkehrsbetrieben: eine neue Stufe im Klassenkampf«. Sie untersuchte die Bedeutung des Streiks im Rahmen der sozialen Polarisierung der Vereinigten Staaten und deckte die finanziellen Interessen auf, die Bürgermeister Bloomberg bewogen, mit brutalen juristischen Mitteln gegen die Transportarbeiter vorzugehen. Die Erklärung griff die nationale TWU-Führung an, die den Streik als illegal verleumdete und zur sofortigen Rückkehr zur Arbeit aufrief. Sie schloss, indem sie die politischen Aufgaben zusammenfasste:

Deutlicher als irgendein anderes Ereignis der letzten zwanzig Jahre stellt der gegenwärtige Streik der Arbeiter des öffentlichen Nahverkehrs von New York die gesamte Arbeiterklasse vor die Aufgabe, eine neue Führung aufzubauen und eine neue politische Strategie zu entwickeln, die sich auf ein Programm gründet, das die Interessen und Bedürfnisse der arbeitenden Menschen gegen die Profitgier der Finanzelite verteidigt …

Wenn dieser Streik erfolgreich sein soll, müssen sich die Beschäftigten der Verkehrsbetriebe von einer Perspektive leiten lassen, die die gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Annahmen ablehnt, von denen die Finanzoligarchie und ihre politischen Parteien ausgehen. Die nicht endenden Forderungen nach einer Senkung des Lebensstandards der Arbeiter zeigen, dass ihre Interessen nicht mit den Erfordernissen des kapitalistischen Profitsystems vereinbar sind.[29]

Zusätzlich zu dieser Erklärung veröffentlichte die WSWS am 21. Dezember zahlreiche Interviews mit streikenden Arbeitern.[30]

Am 22. Dezember erschien auf der WSWS eine weitere umfangreiche Erklärung (die wiederum gedruckt und massenhaft verteilt wurde) mit dem Titel »Eskalation der Angriffe auf die New Yorker Verkehrsarbeiter«. Sie befasste sich mit der politischen Strategie von Bürgermeister Bloomberg und Gouverneur Pataki und der Ursache für ihre heftige Reaktion auf den Streik. Der Artikel erklärte, warum die herrschende Elite den Streik als bedeutende Herausforderung betrachte, die niedergeschlagen werden müsse. Der Solidarität innerhalb der herrschenden Klasse stellten wir die Bemühungen der Arbeiterbürokratie gegenüber, den Streik zu isolieren und zu sabotieren. Wir warnten davor, dass ein weitreichender Verrat in Vorbereitung sei, und erneuerten unseren Aufruf an die Arbeiter, »eigene, unabhängige Streikkomitees zu organisieren und sich an die breitesten Schichten von Arbeitern zu wenden, um so Unterstützung zu mobilisieren«.[31]

Wir veröffentlichten auch weitere Interviews mit Streikenden.[32]

Am 23. Dezember gab die WSWS eine weitere Erklärung mit einer »vorläufigen Einschätzung« des plötzlichen Streik-Endes heraus. Es handelte sich um eine offene und nüchterne Einschätzung des Ergebnisses des Streiks, der von der Gewerkschaftsbürokratie isoliert worden war. Die WSWS stellte fest, dass Toussaint »den Streik als rein gewerkschaftlichen Kampf geführt hat – unter Bedingungen, unter denen die Verkehrsarbeiter die geballte Macht des Staatsapparats in Form des Taylor-Gesetzes und der Gerichte zu spüren bekamen«. Der Streik habe alle Lügen gestraft, die behauptet hatten, die Arbeiterklasse sei als gesellschaftliche Kraft verschwunden, fasste die WSWS die allgemeinere Lehre aus dieser Erfahrung zusammen. Durch das Lahmlegen des gesamten Verkehrssystems habe die Arbeiterklasse ihr gewaltiges gesellschaftliches Gewicht und ihre Kampfbereitschaft gezeigt. Doch der Streik habe »auch aufgedeckt, dass die bestehenden Gewerkschaften hoffnungslos unzulängliche Mittel für den sozialen Kampf sind. Soweit sich diese Organisationen nicht – wie die nationale TWU und die gesamte AFL-CIO – aktiv an der Unterdrückung der Arbeiterklasse beteiligen, stehen sie den Angriffen des Staates aufgrund des Fehlens einer alternativen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Perspektive hilflos gegenüber. Von einer politisch reaktionären und mit der Demokratischen Partei verbündeten Bürokratie dominiert, werden sie unvermeidlich zum Mittel, mit dem die herrschende Elite ihre Forderungen gegen die Arbeiterklasse durchsetzt.« Die WSWS rief zu »einer neuen sozialistischen Bewegung« auf, »die in der Lage ist, die Arbeiterklasse auf der Grundlage einer kompromisslos antikapitalistischen Linie zu vereinen«.[33]

Am 24. Dezember veröffentlichte die WSWS eine weitere wichtige Erklärung (abermals gedruckt und massenhaft verteilt), die weitere Einzelheiten über die Sabotage des Streiks des Ortsverbands 100 durch die Gewerkschaften enthielt.[34]

Euer Angriff auf das Eingreifen der Partei in den Verkehrsarbeiterstreik ist vollkommen unbegründet. Ihr geht davon aus, dass eure Leser die schriftlichen Dokumente nicht kennen. Eine Überprüfung der Reaktion der WSWS auf den Kampf der Verkehrsarbeiter zeigt, dass sie in den zwei Wochen zwischen dem 10. und 24. Dezember sechs wichtige Erklärungen und acht weitere Artikel veröffentlicht hat, die über die aktuellen Ereignisse berichteten, Verkehrsarbeiter interviewten oder sich mit den sozialen Fragen beschäftigten, die sich aus der Klassenspaltung in New York City ergaben. Acht dieser vierzehn Beiträge wurden gedruckt und massenhaft verteilt. Während derselben Zeit berichtete die WSWS auch weiterhin präzise und ausführlich über andere wichtige nationale und internationale Ereignisse.

So sieht die Bilanz aus, die angeblich die »Enthaltsamkeit« der SEP beweist! Unsere Antwort auf den Verkehrsarbeiterstreik hat gezeigt, welche entscheidende Rolle die WSWS dabei spielt, in den Kämpfen der Arbeiterklasse eine neue politische Strategie zu entwickeln. Die Gewerkschaft hatte während derselben Zeit keine einzige Erklärung veröffentlicht und massenhaft verbreitet, von einer täglichen Analyse des laufenden Kampfs ganz zu schweigen. Die WSWS allein war nicht in der Lage, die Sabotage der Bürokratie zu durchbrechen. Doch sie leistete einen bedeutenden Beitrag zur Hebung des Klassenbewusstseins der Arbeiter und zur Vorbereitung künftiger Siege.

Ich bin nicht so unhöflich, mich nach dem praktischen Beitrag zu erkundigen, den Genosse Steiner zum Kampf geleistet hat. Es fällt aber auf, dass ihr uns nicht sagt, worin eure Aktivitäten in dieser Zeit bestanden haben. Was, wenn überhaupt, habt ihr gemacht? Was habt ihr geschrieben? Habt ihr eine Erklärung entworfen, vielleicht unter dem Titel »Der Verkehrsarbeiterstreik und die Utopie«? Vielleicht haben euch Schwierigkeiten der einen oder anderen Art daran gehindert, direkt in den Streik einzugreifen. Wenn dem so ist, besteht kein Grund zur Entschuldigung. Dennoch ist es enttäuschend, dass ihr im Rahmen eurer Kritik nicht die Gelegenheit wahrgenommen habt, zu erklären, und sei es auch nur theoretisch, wie der Utopismus in Aktion ausgesehen hätte. Wir sind daher berechtigt, den Schluss zu ziehen, dass eure utopischen Schemata weitgehend für Diskussionen innerhalb kleinbürgerlicher radikaler Zirkel bestimmt sind. Den Arbeitern dagegen habt ihr nichts zu bieten außer der faden Brühe des Gewerkschaftlertums.

8. Die WSWS und »politische Enthüllungen«

Kehren wir zu eurer Kritik meiner Auffassung des Kampfs für sozialistisches Bewusstsein zurück. Zu meinem Vortrag über Lenins »Was tun?« erklärt ihr (wiederum ohne mich zu zitieren):

Durch das Unterstreichen des Ausdrucks »politische Enthüllungen« versucht North Lenin so zurechtzubiegen, dass er damit seine Enthaltsamkeit rechtfertigen kann. Lenin stellte mit diesem Ausdruck seine Auffassung über die Entwicklung von Klassenbewusstsein der Auffassung der Ökonomisten entgegen, die sich auf Brot-und-Butter-Fragen konzentrierten. North stürzt sich darauf, weil er scheinbar die journalistische Existenz der WSWS rechtfertigt. Doch es ist Unsinn zu glauben, Lenin hätte diesen Ausdruck als eine Art Allzweckrezept für den Umgang mit derart komplexen Fragen wie der Entwicklung von Klassenbewusstsein verstanden.

Die schlimmste Polemik, Genossen Steiner und Brenner, ist eine, die sich an die Ignoranz ihrer Leser richtet und annimmt, diese wüssten nichts. Das ist eure Methode. Wie schon bemerkt, zitiert ihr meine Beiträge niemals genau und im richtigen Zusammenhang. Euer Ziel ist es nicht, den Leser zu erziehen, sondern ihn zu täuschen und in die Irre zu führen. Ihr greift meine Analyse von »Was tun?« an, zitiert aber weder aus meinem Vortrag noch aus Lenins bahnbrechendem Werk. »Politische Enthüllungen« ist kein Ausdruck, den ich »betone« (d. h. übertreibe), um damit Lenins Autorität für die Arbeit der WSWS zu missbrauchen. Dieser Ausdruck ist Teil der Überschrift des dritten Abschnitts von Kapitel III. Das Kapitel trägt den Titel »Trade-unionistische und sozialdemokratische Politik« und der Abschnitt »Die politischen Enthüllungen und die ›Erziehung zur revolutionären Aktivität‹«. Lenin benutzt den Ausdruck »politische Enthüllungen« nicht nur als Phrase, er ist ein zentraler Baustein seiner Theorie des sozialistischen Bewusstseins, den er über mehrere Jahre hinweg im Kampf gegen den Ökonomismus entwickelt hat. Der Ökonomismus war die spezifische Form des bernsteinschen Revisionismus in Russland. Während die Sozialdemokraten großes Gewicht auf die politische Erziehung der Arbeiterklasse legten, der Lenin und Plechanow überragende Bedeutung beimaßen, versuchte der Ökonomismus, die politische Erziehung durch eine Agitation über rein ökonomische Fragen nach herkömmlicher gewerkschaftlicher Art zu ersetzen. Im dritten Abschnitt von Kapitel III schreibt Lenin:

Eine der Grundbedingungen für die notwendige Erweiterung der ­politischen Agitation ist aber die Organisierung allseitiger politischer Enthüllungen. Anders als durch diese Enthüllungen kann das politische Bewusstsein und die revolutionäre Aktivität der Massen nicht herangebildet werden. Darum ist diese Art Tätigkeit eine der wichtigsten Funktionen der gesamten internationalen Sozialdemokratie, denn auch die politische Freiheit beseitigt keineswegs die Sphäre, auf die diese Enthüllungen gerichtet sind, sondern verschiebt sie nur.[35]

Lenin fährt fort:

Das Bewusstsein der Arbeiterklasse kann kein wahrhaft politisches sein, wenn die Arbeiter nicht gelernt haben, auf alle und jegliche Fälle von Willkür und Unterdrückung, von Gewalt und Missbrauch zu reagieren, welche Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, und eben vom sozialdemokratischen und nicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus zu reagieren. Das Bewusstsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewusstsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und dazu unbedingt an brennenden (aktuellen) politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede andere Klasse der Gesellschaft in allen Erscheinungsformen des geistigen, moralischen und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens aller Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden.[36]

Am Ende desselben Absatzes stellt Lenin fest: »Diese allseitigen politischen Enthüllungen sind die notwendige und die wichtigste Vorbedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität.«[37]

Um die Arbeit des IKVI zu verleumden, sprecht ihr verächtlich von der »journalistischen Existenz« der WSWS und setzt politische Enthüllungen mit bloßem »Journalismus« gleich. Man kann hier zu Recht fragen, seit wann Journalismus, der Beruf vieler revolutionärer Marxisten, ein Schimpfwort ist. Das wenige Geld, das Marx verdiente, stammte aus seiner journalistischen Arbeit. Vor 1917 gab Trotzki »Journalist« als Berufsbezeichnung an. Zahllose andere Marxisten übten diesen Beruf aus. Man kann frei nach Oscar Wilde sagen, journalistische Tätigkeit sei weder moralisch noch amoralisch. Die Frage ist, ob man sie gut oder schlecht ausübt, als gewissenhafter Beobachter und Analytiker oder als Propagandist und Apologet der Interessen der herrschenden Elite.

Eure abschätzigen Bemerkungen appellieren an politische Rückständigkeit und an Vorurteile gegen Intellektuelle. Ihr greift das Internationale Komitee an, weil es ein Organ geschaffen hat, das seine Analysen und sein Programm einem weltweiten Publikum sozialistischer und politisch fortschrittlicher Arbeiter, Intellektueller und Jugendlicher vorstellt. Eine derart wichtige Arbeit kann nur jemand verunglimpfen, der den Kampf für den Marxismus und für sozialistische Ideen ablehnt. Wollt ihr die politische Analyse lieber der reaktionären bürgerlichen Presse überlassen oder den linksliberalen Ratgebern der Demokratischen Partei mit ihren Publikationen »Salon« und »The Nation« (die kürzlich beträchtliche Mittel in die Entwicklung ihrer Website gesteckt hat) oder den zahlreichen desorientierten radikalen kleinbürgerlichen Gruppen?

Seit wann halten es Marxisten für unangebracht, sich auf die Veröffentlichung eines theoretischen und politischen Organs zu konzentrieren? Ihr wisst sehr genau, dass die Gründung einer politischen Zeitung, der »Iskra«, für die Entwicklung der sozialistischen Bewegung Russlands einen Meilenstein bedeutete. Lenin widmete dieser Aufgabe Jahre seines frühen politischen Lebens. 1901 schrieb er im Artikel »Womit beginnen?«:

Unserer Meinung nach muss der Ausgangspunkt der Tätigkeit, der erste praktische Schritt zur Schaffung der gewünschten Organisation, schließlich der Leitfaden, anhand dessen wir diese Organisation un­beirrt entwickeln, vertiefen und erweitern könnten – die Schaffung einer gesamtrussischen politischen Zeitung sein. Wir brauchen vor allem eine Zeitung – ohne sie ist jene systematische Durchführung einer prinzipienfesten und allseitigen Propaganda und Agitation unmöglich, die die ständige und wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie im Allgemeinen und eine besonders dringliche Aufgabe des gegenwärtigen Moments darstellt, wo das Interesse für Politik, für Fragen des Sozialismus in den breitesten Bevölkerungsschichten wach geworden ist. … Ohne ein politisches Organ ist im heutigen Europa eine Bewegung, die die Bezeichnung politisch verdient, undenkbar. Ohne ein solches Organ ist unsere Aufgabe – alle Elemente der politischen Unzufriedenheit und des Protestes zu konzentrieren und mit ihnen die revolutionäre Bewegung des Proletariats zu befruchten – absolut undurchführbar. Wir haben den ersten Schritt getan, wir haben in der Arbeiterklasse die Leidenschaft für »ökonomische« Enthüllungen, Enthüllungen über die Zustände in den Fabriken, geweckt. Wir müssen den nächsten Schritt tun: in allen einigermaßen bewussten Volksschichten die Leidenschaft für politische Enthüllungen wecken.[38]

Wohl weil ihr spürt, dass eure Ablehnung von »politischen Enthüllungen« theoretisch leicht zu widerlegen ist, wechselt ihr plötzlich das Thema und gebt zu: »Es ist nicht zu Lenins Nachteil, wenn wir feststellen, dass sich die Zeiten seit 1902 geändert haben: Die heutigen kleinbürgerlichen Radikalen sind, anders als ihre ökonomistischen Vorläufer, von Brot-und-Butter-Fragen und von allem, was mit der Arbeiterklasse in Verbindung steht, weit entfernt.«

Ihr schafft es, in einem einzigen Satz ein hohles Klischee, eine unlogische Schlussfolgerung und eine völlig falsche Aussage unterzubringen. Ihr erklärt uns, »die Zeiten« hätten »sich geändert«. Wir wissen alle, dass wir im Jahr 2006 leben und nicht im Jahr 1902. Aber was hat heute die grundsätzliche Bedeutung verringert, die Lenin der Entwicklung des politischen Bewusstseins der Arbeiterklasse zumaß und die er theoretisch begründete? Der Begriff »politische Enthüllungen« ergab sich aus der Analyse des Problems des proletarischen Klassenbewusstseins, eines Problems, das sich direkt aus dem Charakter der kapitalistischen Gesellschaft ergibt. Diese Analyse verlöre nur an Bedeutung, wenn sich die kapitalistische Produktionsweise und der Aufbau der bürgerlichen Gesellschaft strukturell derart grundlegend verändert hätten, dass sich sozialistisches Klassenbewusstsein auch ohne den zusätzlichen Impuls marxistischer politischer Enthüllungen entwickeln könnte. Wäre dies der Fall, müssten wir auch die Bedeutung von Lenins allgemeineren Aussage neu überdenken, sozialistisches Bewusstsein könne sich nicht spontan entwickeln, sondern müsse von außen in die Arbeiterklasse hineingebracht werden.

Ihr nennt den Unterschied zwischen den damaligen und den heutigen kleinbürgerlichen Radikalen als wichtigen Unterschied zu 1902, der die Bedeutung politischer Enthüllungen mindere. Im Gegensatz zu den alten Ökonomisten seien die heutigen Radikalen »von Brot-und-Butter-Fragen und von allem, was mit der Arbeiterklasse in Verbindung steht, weit entfernt«.

Zunächst einmal hängt die Bedeutung von Lenins Theorie des Klassenbewusstseins nicht davon ab, in welcher Form sich die kleinbürgerlichen Radikalen politisch engagieren oder nicht engagieren. Sie beruht auf der objektiven Struktur und den gesellschaftlichen Beziehungen der kapitalistischen Gesellschaft. Zweitens ist euer Standpunkt faktisch falsch. In der heutigen Gewerkschaftsbürokratie wimmelt es von Elementen aus der Mittelklasse, die aus den radikalen politischen Organisationen der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre hervorgegangen sind. Der Vorsitzende der SEIU, Andrew Stern, ist nur einer von zahlreichen Ex-Radikalen, die in den Chefetagen der Arbeiterbürokratie Karriere gemacht haben. Die Bewegung »Neue Richtung«, die den Ortsverband 100 der TWU kontrolliert, ist eine Schöpfung unterschiedlicher radikaler Tendenzen. Die kleinbürgerlich-radikale Tendenz »Solidarität« ist tief in die Bürokratien verschiedener Gewerkschaften integriert. Und keine geringere als Nancy Fields Wohlforth, an die ihr euch sicher noch erinnern werdet, ist vor Kurzem in den Vorstand der AFL-CIO gewählt worden. Ihr Werdegang bestätigt voll und ganz die Einschätzung, die wir beide, Genosse Steiner, vor über dreißig Jahren in der gemeinsam verfassten Broschüre »Die Vierte Internationale und der Renegat Wohlforth« von Fields und ihrem Ex-Mann Tim Wohlforth gemacht haben. Ich rate dir, diese Arbeit noch einmal zu lesen.

Soviel zur Behauptung, die kleinbürgerlichen Radikalen seien »von allem, was mit der Arbeiterklasse in Verbindung steht, weit entfernt«. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben sich zu fanatischen Anhängern des gewerkschaftlichen Opportunismus in seiner reaktionärsten Form bekehrt und versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Arbeiterklasse sozialistische Aktivitäten entfaltet.

Euer nächstes Argument gegen die WSWS ist schlicht absurd. Ihr behauptet, politische Enthüllungen fänden sich auf einer »Unzahl radikaler Websites im Internet und in dem immer beliebteren Medium des Dokumentarfilms. Michael Moore ist durch ›politische Enthüllungen‹ berühmt geworden. Aber das ist immer noch weit weg von Klassenbewusstsein, was sich unangenehm daran gezeigt hat, wie ein Film wie ›Fahrenheit 9/11‹ benutzt wurde, um für die Demokraten zu werben.«

Haltet ihr das für ein ernsthaftes Argument gegen die Arbeit der WSWS? Was sollen wir aus eurem unseriösen logischen Schluss für Folgerungen ziehen: 1. Die WSWS veröffentlicht politische Enthüllungen, 2. Michael Moore veröffentlicht politische Enthüllungen, daher sind 3. die Politik der WSWS und die Politik Michael Moores identisch? Oder vielleicht diese: 1. Kleinbürgerliche Radikale veröffentlichen politische Enthüllungen, 2. WSWS-Autoren veröffentlichen politische Enthüllungen, daher sind 3. WSWS-Autoren kleinbürgerliche Radikale?

Dieser Teil eures Dokuments endet mit der erstaunlichen Aussage: »Wäre Lenin heute am Leben, dann würde er vermutlich sagen, ›politische Enthüllungen‹ seien zwar schön und gut, die schreiende Notwendigkeit für Marxisten bestehe aber darin, alles zu tun, um das enorme Führungsvakuum bei Kämpfen wie dem Verkehrsarbeiterstreik zu füllen.« Lenin als Gewerkschaftsaktivist! Wenn das wahr wäre, würde Marx, wäre er noch am Leben, vermutlich die Geldhandelsabteilung der Deutschen Bank leiten, und Engels wäre vielleicht Vorstandsvorsitzender bei Daimler Benz. Diese Reinkarnationen wären dann allerdings nicht mehr Marx, Engels und Lenin.

9. Die Präsidentenwahl 2004

Im folgenden Abschnitt behauptet ihr, ich sei wegen meiner angeblich objektivistischen und mechanischen Auffassung des Bewusstseins unfähig gewesen, die Ergebnisse der Präsidentenwahl 2004 zu erklären, ich hätte sie für »unerklärlich« gehalten. Ausnahmsweise zitiert ihr einen vollständigen Satz, und zwar aus einem Vortrag, den ich im November 2004 kurz nach der Wahl über deren Ergebnis hielt. Ich erwähnte darin, dass Bush in den am meisten verarmten Bundesstaaten die Mehrheit der Stimmen gewonnen habe: »Die Behauptung, diese Wähler hätten die Republikaner unterstützt, weil ihnen ›Werte‹ wichtiger seien als ihre eigenen materiellen Interessen, ersetzt eine wissenschaftliche soziologische Untersuchung durch Mystik.« Hier endet das Zitat, und ihr verkündet (ohne Seitenangabe): »Damit bleibt völlig unverständlich, was in der Wahl passiert ist, denn irgendwelche Werte müssen dabei eine Rolle gespielt haben.«

Hätte ich nur den von euch zitierten Satz gesagt, dann wäre er als Erklärung für Bushs Wahlsieg in den am meisten verarmten Staaten natürlich unzureichend. Tatsächlich stand er jedoch am Anfang einer ausführlichen Analyse, die ihr unter den Tisch fallen lasst. Unmittelbar nach diesem Satz fuhr ich fort:

Abstrakte Hinweise auf »Werte« – deren exakte Bedeutung niemand kennt – tragen wenig zur Klärung bei, weshalb Arbeiter unter den Einfluss der Republikanischen Partei und ihres Gefolges von religiösen Marktschreiern und moralisierenden Schwindlern geraten sind. Eine überzeugendere Erklärung lautet, dass der nahezu vollständige Zusammenbruch der alten Arbeiterbewegung in Staaten, die einst Hochburgen einer militanten Gewerkschaftsbewegung waren, Millionen Arbeiter zurückgelassen hat, die keine Möglichkeit mehr haben, um sozialen Problemen entgegenzutreten und ihre Interessen als Klasse zu verteidigen. Betrachten wir die gesellschaftlichen Erfahrungen von einem einzigen Teil der amerikanischen Arbeiterklasse.

Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts tobten in West-Virginia und Kentucky sowie in bedeutenden Teilen von Virginia, Tennessee, Arkansas, Ohio und Indiana immer wieder Kämpfe von Bergarbeitern, die in der Gewerkschaft UMWA organisiert waren. Die Bergarbeiter waren wohl der klassenbewussteste Teil der amerikanischen Arbeiterklasse. Sie kämpften unzählige Male gegen mächtige Kohleunternehmen und trotzten dem Weißen Haus. Aber in den 1980er-Jahren erlitten die Bergarbeiter eine Reihe schwerer Niederlagen, an denen der Verrat der Gewerkschaftsbürokratie die Hauptschuld trug. Die UMWA schrumpfte zu einer inhaltslosen, bedeutungslosen Hülle. Im Bergbau wurden Tausende Arbeitsplätze vernichtet.

Arbeitslos, abgeschnitten von den tief verwurzelten sozialen Beziehungen und Kämpfen, die das Klassenbewusstsein über Generationen am Leben erhalten hatten, entfremdet von einer Gewerkschaft, die sie im Stich gelassen hatte, wurden die militanten Arbeiter von gestern empfänglich für die geübten Seelenfänger der Missionsindustrie, die ständig auf der Suche nach neuen Kunden sind. Die Kinder dieser Arbeiter, die vollkommen außerhalb der organisierten Arbeiterbewegung aufgewachsen sind und nichts oder kaum etwas über die Traditionen des Klassenkampfs wissen, stehen vor beträchtlichen Hindernissen, die der Entwicklung von Klassenbewusstsein im Wege stehen. Woher sollen sie die Informationen und Einsichten erhalten, die zur Entwicklung einer kritischen Haltung gegenüber der bestehenden Gesellschaft beitragen und das Verständnis fördern, dass eine bessere und humanere Gesellschaft – in dieser Welt und in ihrer Lebenszeit – möglich ist? Sicher nicht von den bestehenden politischen Parteien und aus der Jauchegrube der Massenmedien.

Das heißt nicht, dass der durchschnittliche amerikanische Arbeiter die Propaganda schluckt, der er vonseiten der Massenmedien und des Parteiapparats der Republikaner pausenlos ausgesetzt ist. Nicht auf Dauer. Er sieht genug vom Leben, um zu wissen, dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Wenn ein Arbeiter von »Werten« spricht, haben sie für ihn eine ganz andere Bedeutung als für Enron-Chef Kenneth Lay oder für George Bush.

Es gibt mittlerweile mehrere Berichte, die anzweifeln, ob die »Werte«-Frage in der Wahl 2004 wirklich eine so große Rolle gespielt hat. Scheinbar waren die Umfrageergebnisse, auf denen die Behauptungen unmittelbar nach der Wahl beruhten, entweder irreführend, oder sie wurden falsch interpretiert. Ich bin sicher, dass das zutrifft. Aber wichtiger ist, dass die »Werte«-Frage in einem politischen Vakuum hochkam, das entstand, weil keine der beiden Parteien die tatsächlichen sozialen, ökonomischen und politischen Interessen der breiten Masse der amerikanischen Arbeiter artikuliert hat. Die Demokraten, die Repu­blikaner und die Massenmedien bilden zusammen einen großen Chor, der entzückte Hymnen auf den Ruhm des amerikanischen Kapitalismus singt.

Das ist kein vorübergehendes Problem, das durch eine Umschichtung des Personals oder die Wahl eines besseren Kandidaten überwunden werden kann, sondern ein Ergebnis der Evolution des amerikanischen Kapitalismus – der außerordentlichen Vermögenskonzentration in relativ wenigen Händen, der extremen sozialen Ungleichheit, des raschen Niedergangs der traditionellen »Mittelschicht«, die einst als Schiedsrichter im Klassenkampf zwischen Kapitalisten und Arbeitern diente und eine wichtige Basis für den Sozialreformismus bildete, und schließlich des Verschwindens jeder nennenswerten Gruppe innerhalb der herrschenden Elite, die ernsthaft für den Erhalt traditioneller bürgerlich-demokratischer Herrschaftsformen eintritt.[39]

Es ist wohl eindeutig, dass ich das Ergebnis der Wahlen nicht für »unerklärlich« hielt. Ihr habt es ganz einfach vorgezogen, meine Erklärung nicht zu zitieren. Damit endet die Fälschung aber noch nicht. Ihr behauptet, ich ginge als »mechanischer Materialist« davon aus, dass »das Bewusstsein die Realität, durch die es geformt wurde, richtig versteht, d. h. dass sich die objektiven Bedingungen direkt in ein korrektes Bewusstsein dieser Bedingungen übersetzen«. Eine solche Auffassung ist natürlich falsch. Doch ihr wisst genau, dass ich nie etwas Derartiges gesagt habe. Tatsächlich nutzte ich im vergangenen Sommer einen beträchtlichen Teil meines dritten Vortrags, um zu erklären, warum das spontan in der Arbeiterklasse entstehende Bewusstsein kein sozialistisches Bewusstsein ist. Weil ihr dem politischen Gegner in eurer skrupellosen Polemik Standpunkte unterschiebt, die das Gegenteil dessen sind, was er tatsächlich glaubt und gesagt hat, sehe ich mich erneut gezwungen, einen längeren Auszug aus meinem Vortrag zu zitieren:

Inwieweit sind sich Menschen, die arbeiten gehen, des weltweiten Geflechts wirtschaftlicher Beziehungen bewusst, von dem ihre eigene Arbeit ein winziger Bestandteil ist? Man kann davon ausgehen, dass selbst der intelligenteste Arbeiter nur eine vage Vorstellung von der Beziehung hat, in der seine Arbeit oder sein Unternehmen zu den komplexen Abläufen der modernen transnationalen Produktion und des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen steht. Der einzelne Arbeiter ist auch nicht in der Lage, die Geheimnisse der internationalen kapitalistischen Finanzwelt, die Rolle globaler Hedge Fonds und die verborgenen, selbst für Experten auf diesem Gebiet oft rätselhaften Wege zu ergründen, auf denen täglich Dutzende Milliarden Dollar Vermögenswerte über internationale Grenzen hinweg bewegt werden. Die Gegebenheiten der modernen kapitalistischen Produktion, des Handels und der Finanzen sind so komplex, dass selbst Unternehmensleiter und führende Politiker auf die Analysen und Ratschläge großer Forschungseinrichtungen angewiesen sind, die die verfügbaren Daten in der Regel unterschiedlich deuten.

Aber das Problem des Klassenbewusstseins beschränkt sich nicht auf die offensichtliche Schwierigkeit, die komplexen Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens zu verstehen und zu meistern. Grundlegender ist, dass die genaue gesellschaftliche Beziehung zwischen einem einzelnen Arbeiter und seinem Arbeitgeber, ganz zu schweigen von der Beziehung zwischen der gesamten Arbeiterklasse und der Bourgeoisie, nicht auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung und der unmittelbaren Erfahrung zu begreifen ist.

Selbst ein Arbeiter oder eine Arbeiterin, die überzeugt sind, dass sie ausgebeutet werden, können aufgrund ihrer eigenen bitteren Erfahrung die gesellschaftlichen und ökonomischen Mechanismen nicht wahrnehmen, auf denen diese Ausbeutung beruht. Der Begriff der Ausbeutung ist überdies nicht leicht zu verstehen; er lässt sich nicht direkt aus dem instinktiven Gefühl ableiten, man werde schlecht bezahlt. Der Arbeiter, der sich um eine Stelle bewirbt, nimmt nicht wahr, dass er seine Arbeitskraft zum Kauf anbietet oder dass diese Arbeitskraft die besondere Eigenschaft besitzt, einen höheren Wert zu erzeugen als der Preis (Lohn), den sie selbst gekostet hat. Der Arbeiter nimmt nicht wahr, dass der Profit aus diesem Unterschied zwischen den Kosten der Arbeitskraft und dem durch sie erzeugten Wert gewonnen wird.

Wenn der Arbeiter eine Ware für eine bestimmte Summe Geld kauft, ist er sich auch nicht bewusst, dass es sich bei diesem Austausch dem Wesen nach nicht um eine Beziehung zwischen Dingen (ein Mantel oder eine andere Ware gegen eine bestimmte Summe Geld), sondern um eine Beziehung zwischen Menschen handelt. Er versteht den Charakter des Geldes nicht, wie es historisch als Ausdruck der Wertform entstanden ist, und wie es in einer Gesellschaft, in der die Produktion und der Austausch von Waren verallgemeinert worden sind, die tiefer liegenden sozialen Beziehungen der kapitalistischen Gesellschaft verschleiert.

Das eben Gesagte könnte als allgemeine Einführung in die theoretische und erkenntnistheoretische Grundlage von Marx’ wichtigstem Werk, dem »Kapital«, dienen. Im Schlussteil des ersten Kapitels des ersten Bands entwickelt Marx die Theorie des Warenfetischismus. Sie erklärt die Ursache der Mystifikation der sozialen Beziehungen in der kapitalistischen Gesellschaft, den Grund, weshalb in diesem Wirtschaftssystem die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen notwendigerweise als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen. Auf der Grundlage sinnlicher Wahrnehmung und unmittelbarer Erfahrung ist es für einen Arbeiter nicht ersichtlich, und kann es auch nicht sein, dass der Wert jeder Ware der kristallisierte Ausdruck der Summe abstrakter Arbeit ist, die in ihrer Produktion verausgabt wurde. Die Entdeckung des Wesens der Wertform war ein historischer Meilenstein des wissenschaftlichen Denkens. Ohne diese Entdeckung wäre es unmöglich gewesen, die objektiven sozialen und ökonomischen Grundlagen des Klassenkampfs und deren revolutionäre Konsequenzen zu verstehen.

Ein Arbeiter mag die sozialen Auswirkungen des Systems, in dem er lebt, hassen, er ist aber nicht in der Lage, aufgrund seiner unmittelbaren Erfahrung die Ursprünge, die internen Widersprüche und die historische Begrenztheit dieses Systems zu begreifen. Die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise, das Ausbeutungsverhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit, die Unvermeidlichkeit des Klassenkampfs und dessen revolutionärer Konsequenzen wurden erst dank der wissenschaftlichen Arbeit erkennbar, mit der Marx’ Name für immer verbunden sein wird. Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und das Analyseverfahren, mit dem sie erzielt wurden, müssen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden. Das ist die Aufgabe der revolutionären Partei.[40]

Diese wörtlich aus den Vorträgen des vergangenen Sommers zitierten Absätze vertreten genau das Gegenteil von dem, was ihr mir unterstellt.

10. Marxismus und Aufklärung

Eine prinzipielle Polemik setzt voraus, dass die Argumente des Gegners richtig dargestellt werden. Dass ihr dazu nicht in der Lage seid und euch gezwungen seht, zu täuschen und zu fälschen – also zu lügen –, hat ernste und beunruhigende politische Implikationen. Trotzki hat darauf hingewiesen, dass die Lüge im politischen Leben eine wichtige Aufgabe erfüllt. Sie dient dazu, gesellschaftliche Interessen zu verschleiern und Schwächen und Widersprüche politischer Standpunkte zu verbergen. Eure unehrlichen Methoden ergeben sich aus eurem Bemühen, öffentlich als Marxisten dazustehen, obwohl ihr die theoretischen und politischen Grundlagen des Marxismus über Bord geworfen habt – und das keineswegs unbewusst. Eure Meinungsverschiedenheiten mit dem Internationalen Komitee betreffen nicht vereinzelte Programmpunkte, sondern grundlegende Fragen der philosophischen Weltanschauung, auf die sich der Kampf für den Sozialismus gründet.

Bevor ihr nun aufspringt, um gegen diese »Verunglimpfung« eurer revolutionären Ehre zu protestieren, will ich auf einige Abschnitte in eurem Dokument eingehen, die der historischen Weltsicht des Marxismus völlig fremd sind. Besonders bemerkenswert ist in dieser Hinsicht eure Äußerung, meine Kritik der Postmoderne diene dazu, »einer unkritischen Verteidigung der Aufklärung das Wort zu reden«.

Ihr bezieht euch auf eine Passage aus meinem ersten Vortrag, die ihr aber nicht zitiert. Sie befindet sich in dem Abschnitt mit dem Titel »Historisches Bewusstsein und Postmodernismus«. Ich sage darin ­Folgendes:

Die von uns vertretene Geschichtsauffassung weist der Kenntnis und theoretischen Aneignung historischer Erfahrungen im Kampf für die Befreiung des Menschen eine entscheidende Rolle zu. Sie steht damit in einem unversöhnlichen Gegensatz zu sämtlichen vorherrschenden Strömungen des bürgerlichen Denkens. Der politische, wirtschaftliche und soziale Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft spiegelt sich auch in ihrem intellektuellen Niedergang wider. In Zeiten der politischen Reaktion, sagte Trotzki einmal, fletscht die Dummheit die Zähne.

Die gewieftesten und zynischsten akademischen Vertreter des bürgerlichen Denkens, die Postmodernisten, treten heute für eine ganz besondere Form der Dummheit ein: Für die Unkenntnis und Verachtung der Geschichte. Ihre Ablehnung der Bedeutung der Geschichte und der entscheidenden Rolle, die ihr alle fortschrittlichen Schulen des gesellschaftlichen Denkens zuschreiben, ist eng mit einem weiteren Element ihrer theoretischen Auffassung verknüpft: Der Leugnung und ausdrücklichen Zurückweisung der objektiven Wahrheit als Ziel philosophischer Forschung.

Details

Seiten
0
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783886348343
ISBN (MOBI)
9783886349340
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v322021
Schlagworte
Politik Politikgeschichte Politische Strömungen Marxismus Sozialismus Russische Revolution Hegel Zweite Internationale Linke Materialismus Syriza

Autor

  • David North

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Titel: Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken