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Was nun?

Schicksalsfragen des deutschen Proletariats

von Leo Trotzki

2014 0 Seiten

Leseprobe

Leo Trotzki

Was nun

Schicksalsfragen des deutschen Proletariats

Mehring Verlag

Was nun?

Schicksalsfragen des deutschen Proletariats

Januar 1932

Vorwort

Der russische Kapitalismus erwies sich infolge seiner außerordentlichen Zurückgebliebenheit als schwächstes Glied der imperialistischen Kette. Der deutsche Kapitalismus offenbart sich aus dem entgegengesetzten Grunde in der gegenwärtigen Krise als das schwächste Glied: Er ist der fortgeschrittenste Kapitalismus unter den Bedingungen der europäischen Ausweglosigkeit. Je größer die den Produktivkräften Deutschlands innewohnende dynamische Kraft, umso mehr muss Europas Staatensystem an ihnen würgen, das dem Käfigsystem einer zusammengeschrumpften Provinzmenagerie gleicht. Jede Konjunkturschwankung stellt den deutschen Kapitalismus vor eben die Aufgaben, die er durch den Krieg zu lösen versucht hatte. Durch die Hohenzollern-Regierung war die deutsche Bourgeoisie darangegangen, »Europa zu organisieren«. Durch die Regierung Brüning-Curtius unternahm sie den Versuch der... Zollunion mit Österreich. Welch ein entsetzliches Sinken der Aufgaben, Möglichkeiten und Perspektiven! Aber auch auf die Union hieß es zu verzichten. Das ganze europäische System steht auf Hühnerfüßchen. Die große, die heilbringende Hegemonie Frankreichs könnte zusammenstürzen, wenn sich einige Millionen Österreicher Deutschland anschließen.

Für Europa und vor allem für Deutschland gibt es kein Vorwärts auf kapitalistischem Wege. Eine vorübergehende Überwindung der gegenwärtigen Krise durch das automatische Kräftespiel des Kapitalismus selbst – auf den Knochen der Arbeiter – würde die Widersprüche auf der nächsten Etappe neu entstehen lassen, bloß in noch konzentrierterer Gestalt.

Europas spezifisches Gewicht in der Weltwirtschaft kann nur abnehmen. Von der Stirn Europas verschwinden ohnehin schon nicht die amerikanischen Etiketten: Daves-Plan, Young-Plan, Hoover-Moratorium. Europa ist gründlich auf amerikanische Ration gesetzt.

Die Fäulnis des Kapitalismus bedeutet soziale und kulturelle Fäulnis. Einer planmäßigen Differenzierung der Nation, dem Wachstum des Proletariats um den Preis des Schrumpfens der Zwischenklassen ist die Bahn versperrt. Das weitere Anhalten der sozialen Krise kann nur Pauperisierung der Kleinbourgeoisie und lumpenproletarische Entartung immer größerer Schichten der Arbeiterklasse bedeuten. Einschneidender als alles andere hält diese Gefahr das fortschrittliche Deutschland an der Gurgel.

Den verfaultesten Teil des faulenden kapitalistischen Europa bildet die sozialdemokratische Bürokratie. Sie hatte ihren historischen Weg unter Marxens und Engels’ Banner angetreten und sich den Sturz der bürgerlichen Herrschaft zum Ziel gestellt. Der machtvolle Aufschwung des Kapitalismus nahm von ihr Besitz und schleifte sie hinter sich her. Sie verzichtete, erst in der Tat, dann auch in Worten auf die Revolution im Namen der Reformen. Kautsky verfocht zwar noch lange die Phraseologie der Revolution, wobei er sie den Bedürfnissen des Reformismus anpasste. Bernstein hingegen forderte Verzicht auf die Revolution: Der Kapitalismus betritt die Epoche friedlicher Prosperität, ohne Krisen und Krieg. Ein Muster an Prophetie! Es möchte scheinen, zwischen Kautsky und Bernstein bestehe ein unversöhnlicher Widerspruch. In Wirklichkeit ergänzten sie einander symmetrisch, als linker und rechter Stiefel des Reformismus.

Der Krieg brach aus. Die Sozialdemokratie unterstützte den Krieg im Namen künftiger Prosperität. Statt Prosperität kam Verfall. Jetzt bestand die Aufgabe nicht mehr darin, aus der Unzulänglichkeit des Kapitalismus die Notwendigkeit der Revolution zu folgern; auch nicht darin, durch Reformen die Arbeiter mit dem Kapitalismus auszusöhnen. Die neue Politik der Sozialdemokratie bestand darin, die bürgerliche Gesellschaft um den Preis des Verzichts auf Reformen zu retten.

Aber auch das war nicht die letzte Stufe der Verkommenheit. Die gegenwärtige Todeskrise des Kapitalismus zwang die Sozialdemokratie, auf die Früchte des langen wirtschaftlichen und politischen Kampfs zu verzichten und die deutschen Arbeiter auf das Lebensniveau ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter hinabzuführen. Es gibt kein tragischeres und gleichzeitig abstoßenderes historisches Schauspiel, als das bösartige Faulen des Reformismus inmitten der Trümmer all seiner Errungenschaften und Hoffnungen. Das Theater jagt nach Modernismus. Möge es doch öfter Hauptmanns »Weber« geben: das zeitgemäßeste aller Stücke. Doch der Direktor möge nicht vergessen, die ersten Reihen den Führern der Sozialdemokratie zu reservieren.

Übrigens, ihr Sinn steht nicht nach Schauspielen. Sie sind zur letzten Grenze der Anpassungsfähigkeit gelangt. Es gibt ein Niveau, unter das sich Deutschlands Arbeiterklasse freiwillig und für lange nicht hinablassen kann. Indes will das um seine Existenz ringende bürgerliche Regime dieses Niveau nicht anerkennen. Brünings Notverordnungen sind bloß der Beginn, ein Abtasten des Bodens. Das Brüning-Regime hält sich dank der feigen und treubrüchigen Unterstützung der sozialdemokratischen Bürokratie, die sich selbst durch das mürrische Halbvertrauen eines Teils des Proletariats hält. Das System bürokratischer Verordnungen ist unbeständig, unsicher, kurzlebig. Das Kapital braucht eine andere, entschiedenere Politik. Die Unterstützung der Sozialdemokratie, die sich nach den eigenen Arbeitern umsehen muss, ist nicht nur ungenügend für seine Ziele – sie beginnt es bereits einzuengen. Die Zeit der halben Maßnahmen ist vorbei. Um zu versuchen, einen neuen Ausweg zu finden, muss sich die Bourgeoisie vollends des Drucks der Arbeiterorganisationen entledigen, sie hinwegräumen, zertrümmern, zersplittern.

Hier setzt die historische Funktion des Faschismus ein. Er bringt die Klassen auf die Beine, die sich unmittelbar über das Proletariat erheben und fürchten, in dessen Reihen gestürzt zu werden. Er organisiert und militarisiert sie mit den Mitteln des Finanzkapitals, unter Deckung des offiziellen Staates, und lenkt sie auf die Zertrümmerung der proletarischen Organisationen, von den revolutionären bis zu den gemäßigten.

Der Faschismus ist nicht einfach ein System von Repressionen, Gewalttaten, Polizeiterror. Der Faschismus ist ein besonderes Staatssystem, begründet auf der Ausrottung aller Elemente proletarischer Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufgabe des Faschismus besteht nicht allein in der Zerschlagung der proletarischen Avantgarde, sondern auch darin, die ganze Klasse im Zustand erzwungener Zersplitterung zu halten. Hierzu ist die physische Vernichtung der revolutionären Arbeiterschicht nicht ausreichend. Es heißt, alle selbständigen und freiwilligen Organisationen zu zertrümmern, alle Stützpunkte des Proletariats zu vernichten und die Ergebnisse von einem dreiviertel Jahrhundert Arbeit der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften auszurotten. Denn auf diese Arbeit stützt sich in letzter Instanz auch die Kommunistische Partei.

Die Sozialdemokratie hat alle Bedingungen für den Sieg des Faschismus vorbereitet. Doch damit hat sie auch die Bedingungen ihrer eigenen politischen Liquidierung vorbereitet. Der Sozialdemokratie die Verantwortung für Brünings Notverordnungssystem und die drohende faschistische Barbarei aufzuerlegen, ist vollkommen richtig. Die Sozialdemokratie mit dem Faschismus zu identifizieren, vollkommen unsinnig.

Durch ihre Politik während der Revolution von 1848 hatte die liberale Bourgeoisie den Sieg der Konterrevolution vorbereitet, die dann den Liberalismus zur Ohnmacht verurteilte. Marx und Engels geißelten die deutsche liberale Bourgeoisie nicht minder scharf als Lassalle und tiefer als dieser. Als aber die Lassalleaner feudale Konterrevolution und liberale Bourgeoisie in eine »reaktionäre Masse« warfen, empörten sich Marx und Engels berechtigterweise über diesen falschen Ultraradikalismus. Die irrige Position der Lassalleaner machte sie von Fall zu Fall zu unfreiwilligen Helfershelfern der Monarchie, trotz des progressiven Charakters ihrer Arbeit, die unermesslich ernsthafter und bedeutsamer war, als die des Liberalismus.

Die Theorie des »Sozialfaschismus« reproduziert den wesentlichen Fehler des Lassalleanismus auf neuen historischen Grundlagen. Während sie Nationalsozialisten und Sozialdemokraten in eine faschistische Masse wirft, sinkt die Stalin-Bürokratie zu solchen Taten hinab wie die Unterstützung des Hitlerschen Volksentscheids: Das ist in keiner Weise besser als die Lassalleschen Verbindungen mit Bismarck.

In seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie muss sich der deutsche Kommunismus in der jetzigen Etappe auf zwei untrennbare Grundsätze stützen: a) die politische Verantwortung der Sozialdemokratie für die Macht des Faschismus; b) die absolute Unversöhnlichkeit zwischen dem Faschismus und jenen Arbeiterorganisationen, durch die sich die Sozialdemokratie hält.

Die Widersprüche des deutschen Kapitalismus haben gegenwärtig eine Spannung erlangt, der unvermeidlich die Explosion folgen muss. Die Anpassungsfähigkeit der Sozialdemokratie hat die Grenze erreicht, wo bereits die Selbstvernichtung eintritt. Die Fehler der Stalinschen Bürokratie sind an einen Punkt geraten, nach dem die Katastrophe kommt. Das ist die dreieinige Formel, die Deutschlands Lage charakterisiert. Alles steht auf des Messers Schneide.

Verfolgt man das Leben Deutschlands nach Zeitungen, die mit einwöchiger Postverspätung anlangen; brauchen die Manuskripte eine weitere Woche, um die Entfernung zwischen Konstantinopel und Berlin zu bezwingen, worauf noch Wochen vergehen, ehe die Broschüre den Leser erreicht, sagt man sich unwillkürlich: Wird es nicht zu spät sein? Und jedesmal antwortet man sich: Nein, die ins Treffen geführten Armeen sind zu gewaltig, als dass eine einmalige, blitzartige Entscheidung zu befürchten wäre. Die Kräfte des deutschen Proletariats sind nicht erschöpft. Sie sind noch gar nicht in Bewegung gesetzt. Die Logik der Tatsachen wird mit jedem Tag gebieterischer sprechen. Das rechtfertigt den Versuch des Autors, sein Wort beizusteuern, wenn auch mit Verspätung von mehreren Wochen, d. h. einer ganzen historischen Periode.

Die Stalinsche Bürokratie hat befunden, sie werde ihre Arbeit ruhiger vollführen, wenn sie den Autor dieser Zeilen auf Prinkipo festsetzt. Von der Regierung des Sozialdemokraten Hermann Müller hatte sie die Verweigerung des Visums für den... »Menschewiken« erreicht; die Einheitsfront war in diesem Fall ohne Schwanken und Säumnis verwirklicht worden. Heute melden die Stalinisten in den offiziellen Sowjetpublikationen, ich »verteidige« die Brüning-Regierung im Einverständnis mit der Sozialdemokratie, die sich um die Erteilung meines Einreiserechtes nach Deutschland bemühe. Statt uns über die Niedrigkeit zu entrüsten, wollen wir über die Dummheit lachen. Aber unser Lachen sei kurz, denn es ist wenig Zeit.

Dass die Ereignisse unser Recht beweisen werden, darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Aber auf welchen Wegen wird die Geschichte ihren Beweis führen: durch die Katastrophe der Stalinschen Fraktion oder den Sieg der marxistischen Politik?

Hier liegt gegenwärtig die ganze Frage. Es ist die Frage des Schicksals des deutschen Volkes und nicht nur seiner allein.

Die Fragen, die in dieser Broschüre zur Untersuchung gelangen, sind nicht erst seit gestern aufgetaucht. Nun sind es schon neun Jahre her, dass die Kominternführung sich mit der Umwertung der Werte beschäftigt und die internationale proletarische Avantgarde mit Hilfe taktischer Konvulsionen desorientiert, die in ihrer Gesamtheit »Generallinie« genannt werden. Die russische Linke Opposition (Bolschewiki-Leninisten) ist nicht auf der Grundlage bloß russischer Fragen entstanden, sondern auf der Grundlage internationaler Fragen. Das Problem der revolutionären Entwicklung Deutschlands hat dabei nicht den letzten Platz eingenommen. Scharfe Meinungsverschiedenheiten begannen auf diesem Gebiete seit 1923. Der Autor der vorliegenden Zeilen hat sich im Laufe dieser Jahre mehr als einmal zu den strittigen Fragen geäußert. Ein bedeutender Teil seiner kritischen Arbeiten ist in deutscher Sprache erschienen. Die vorliegende Broschüre reiht sich lückenlos in die theoretische und politische Arbeit der Linksopposition ein. Vieles, das hier nur beiläufig Erwähnung gefunden hat, wurde von uns seinerzeit eingehend entwickelt. Ich muss den Leser insbesondere auf meine Bücher: Die internationale Revolution und die Komintern, Die Permanente Revolution usw. verweisen. Nun, da die Meinungsverschiedenheiten vor aller Welt angesichts eines großen historischen Problems auftauchen, lassen sich ihre Quellen weitaus besser und tiefer bewerten. Für einen ernsten Revolutionär, einen wirklichen Marxisten ist das unbedingt notwendig. Eklektiker leben von episodischen Gedanken, von Improvisationen, die unter dem Stoß der Ereignisse entstehen. Marxistische Kader, fähig, die proletarische Revolution zu führen, lassen sich nur bei beharrlicher kontinuierlicher Verarbeitung der Aufgaben und Meinungsverschiedenheiten erziehen.

 

Prinkipo, den 27. Januar 1932

LT.

Die Sozialdemokratie

Die Eiserne Front ist in ihrem Wesen ein Block der zahlenmäßig mächtigen sozialdemokratischen Gewerkschaften mit den kraftlosen bürgerlichen »Republikanern«, die jede Stütze im Volk und jegliches Vertrauen zu sich selbst verloren haben. Sind Tote auch untauglich zum Kampf, so doch gut genug, die Lebenden am Kampf zu hindern. Die bürgerlichen Bundesgenossen dienen den sozialdemokratischen Führern als Zaum, den sie den Arbeiterorganisationen anlegen. Kampf, Kampf... das sagt sich nur so. Letzten Endes wird man, gebe Gott, ohne Kampf auskommen. Werden sich denn die Faschisten wirklich entschließen, von Worten zur Tat überzugehen? Sie, die Sozialdemokraten, haben sich nie dazu entschlossen und sie sind doch nicht die schlechtesten Leute.

Für den Fall wirklicher Gefahr setzt die Sozialdemokratie ihre Hoffnungen nicht auf die »Eiserne Front«, sondern auf die preußische Polizei. Eine trügerische Rettung! Der Umstand, dass die Polizisten in bedeutender Zahl unter sozialdemokratischen Arbeitern rekrutiert wurden, will ganz und gar nichts besagen. Auch hier wird das Denken vom Sein bestimmt. Die Arbeiter, die Polizisten im Dienst des kapitalistischen Staates geworden sind, sind bürgerliche Polizisten und nicht Arbeiter. In den letzten Jahren hatten sich diese Polizisten weitaus mehr mit revolutionären Arbeitern zu schlagen gehabt als mit nationalsozialistischen Studenten. Eine solche Schule ist nicht umsonst. Und die Hauptsache: Jeder Polizist weiß, dass die Regierungen wechseln, die Polizei aber bleibt.

Im Neujahrsartikel des Diskussionsorgans der Sozialdemokratie Das freie Wort (welch klägliches Blättchen!) wird der höhere Sinn der »Tolerierungs«-Politik dargelegt. Gegen Polizei und Reichswehr kann Hitler, wie es sich erweist, nie zur Macht gelangen. Die Reichswehr ist ja nach der Verfassung dem Reichspräsidenten untergeordnet. Solange also an der Spitze des Staates ein verfassungstreuer Präsident stehen wird, ist der Faschismus ungefährlich. Man muss die Brüning-Regierung bis zu den Präsidentenwahlen unterstützen, um im Bunde mit der parlamentarischen Bourgeoisie einen Verfassungspräsidenten zu wählen und damit für weitere sieben Jahre Hitler den Weg zur Macht zu versperren. Wir geben den Inhalt des Artikels vollkommen genau wieder.[1] Eine Massenpartei, die Millionen hinter sich herführt (zum Sozialismus!), behauptet, dass die Frage, welche Klasse im heutigen, bis ins Innerste erschütterten Deutschland an die Macht gelangen werde, nicht von der Kampfkraft des deutschen Proletariats abhängt, nicht von den faschistischen Sturmabteilungen, auch nicht von der Zusammensetzung der Reichswehr, sondern davon, ob der reine Geist der Weimarer Verfassung (mit der notwendigen Menge Kampfer und Naphthalin) sich im Präsidentenpalast niederlasse. Was aber, wenn der Weimarer Geist in einer bestimmten Lage mit Bethmann-Hollweg findet: »Not kennt kein Gebot«? Was aber, wenn die irdische Hülle des Weimarer Geistes, trotz Naphthalin und Kampfer, im ungeeigneten Augenblick auseinanderfällt? Was aber, wenn... doch dieser Fragen wäre kein Ende!

Die Politiker des Reformismus, diese gewandten Geschäftsleute, geriebenen Intriganten und Karrieristen, erfahrenen Parlaments- und Ministerkombinatoren, erweisen sich, wenn der Gang der Dinge sie aus der gewohnten Sphäre wirft und vor große Geschehnisse stellt, – man kann keinen milderen Ausdruck finden – als vollendete Schafsköpfe.

Die Hoffnung auf den Präsidenten ist eben die Hoffnung auf den »Staat«. Angesichts des herannahenden Zusammenstoßes zwischen Proletariat und faschistischem Kleinbürgertum – beide Lager bilden zusammen die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes – rufen die Marxisten vom Vorwärts den Nachtwächter zu Hilfe. »Staat greif ein!« Das heißt: »Brüning, zwinge uns nicht, uns mit den Kräften der Arbeiter zu verteidigen, denn dies wird das ganze Proletariat auf die Beine bringen und die Bewegung wird dann über die Kahlköpfe der Parteileitung hinauswachsen: Als antifaschistische begonnen, wird sie als kommunistische enden«.

Darauf könnte Brüning, zöge er nicht vor zu schweigen, antworten: »Mit der Polizeimacht könnte ich den Faschismus nicht meistern, selbst wenn ich es wollte; doch ich würde nicht wollen, selbst wenn ich es könnte. Die Reichswehr gegen die Faschisten in Bewegung setzen, hieße die Reichswehr spalten, wenn nicht ganz gegen sich richten; doch die Hauptsache: Den bürokratischen Apparat gegen die Faschisten wenden, hieße den Arbeitern die Hände lösen, ihnen die völlige Aktionsfreiheit wiedergeben, die Folgen wären die gleichen, die ihr Sozialdemokraten fürchtet, und die ich daher doppelt fürchte.«

Auf Staatsapparat, Gerichte, Reichswehr, Polizei müssen die Appelle der Sozialdemokratie eine der beabsichtigten entgegengesetzte Wirkung ausüben. Der »loyalste«, »neutralste«, am wenigsten an die Nationalsozialisten gebundene Bürokrat wird folgendermaßen urteilen müssen: »Hinter der Sozialdemokratie stehen Millionen; in ihren Händen hält sie ungeheure Mittel: Presse, Parlament, Gemeindeverwaltungen; es geht um ihre eigene Haut; im Kampf gegen die Faschisten ist ihnen die Unterstützung der Kommunisten gewiss; und nichtsdestoweniger wenden sich die allmächtigen Herren an mich, den Beamten, sie vor dem Angriff einer Millionenpartei zu retten, deren Führer morgen meine Vorgesetzten werden können. Schlecht muss es um die Herren Sozialdemokraten bestellt sein, ganz hoffnungslos... Es ist Zeit für mich Beamten, an die eigene Haut zu denken«. So wird schließlich der bis gestern noch schwankende, »loyale«, »neutrale« Beamte sich für alle Fälle umorientieren, d. h. mit den Nationalsozialisten verbinden, um seinen morgigen Tag abzusichern. So arbeiten die überlebten Reformisten auch an der bürokratischen Frontlinie für die Faschisten.

Kostgängerin der Bourgeoisie, ist die Sozialdemokratie zu kläglichem geistigem Parasitismus verdammt. Bald hascht sie nach Ideen bürgerlicher Ökonomen, bald sucht sie Splitter des Marxismus auszunutzen. Nachdem er aus meiner Broschüre die Erwägungen gegen die Teilnahme der Kommunistischen Partei am Hitler-Volksentscheid zitiert hat, schlussfolgert Hilferding: »Man brauchte diesen Zitaten wirklich nichts hinzuzufügen, um die Taktik der Sozialdemokratie gegenüber der Regierung Brüning zu erklären«. Kommen Remmele und Thälmann: »Seht, Hilferding stützt sich auf Trotzki«. Kommt ein gelbes Faschistenblättchen: Dafür ist Trotzki mit dem Visumversprechen belohnt worden. Kommt ein Stalin-Journalist und telegraphiert die Nachricht der faschistischen Zeitung nach Moskau. Die Redaktion der Iswestija, in der der unglückselige Radek sitzt, veröffentlicht dieses Telegramm. Diese Kette verdient, dass man sie vermerkt und – weitergeht.

Wenden wir uns ernsthafteren Fragen zu. Hitler kann sich den Luxus des Kampfs gegen Brüning nur deshalb erlauben, weil das bürgerliche Regime im Ganzen sich an den Rücken der halben, von Hilferding und Co. geleiteten Arbeiterklasse lehnt. Würde die Sozialdemokratie nicht eine Politik des Klassenverrates führen, Hitler – nicht zu sprechen davon, dass er nie die gegenwärtige Stärke erlangt hätte – müsste sich an die Brüning-Regierung klammern wie an einen Rettungsanker. Würden die Kommunisten gemeinschaftlich mit der Sozialdemokratie Brüning stürzen, es wäre eine Tatsache von größter politischer Bedeutung. Ihre Folgen würden jedenfalls über die Köpfe der sozialdemokratischen Führer hinauswachsen. Hilferding macht den Versuch, eine Rechtfertigung seines Verrates in unserer Kritik zu finden, die fordert, die Kommunisten mögen mit Hilferdings Verrat als einer Tatsache rechnen.

Hat auch Hilferding Trotzkis Worten »nichts hinzuzufügen«, so fügt er dennoch etwas hinzu: Das Kräfteverhältnis, sagt er, sei derart, dass selbst unter der Voraussetzung gleichzeitiger Aktionen der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter keine Möglichkeit bestünde, »bei Forcierung des Kampfs den Gegner niederzuwerfen«. In dieser beiläufig, ohne Beweis hingeworfenen Bemerkung liegt der Schwerpunkt der Frage. Nach Hilferding könnte im heutigen Deutschland, wo das Proletariat die Mehrheit der Bevölkerung bildet und die entscheidende Produktivkraft der Gesellschaft ist, der gemeinsame Kampf von Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei dem Proletariat nicht die Macht bringen! Wann also wird überhaupt die Macht in die Hände des Proletariats übergehen können? Vor dem Krieg war die Perspektive automatisches Wachstum des Kapitalismus, Wachstum des Proletariats, eben solches Wachstum der Sozialdemokratie. Der Krieg hat diesen Prozess durchbrochen und keine Kraft der Welt vermag ihn wiederherzustellen. Die Fäulnis des Kapitalismus bedeutet, dass die Machtfrage auf der Grundlage der heutigen Produktivkräfte entschieden werden muss. Durch das Hinauszögern der Agonie der kapitalistischen Herrschaft führt die Sozialdemokratie nur einen weiteren Verfall der Wirtschaftskultur herbei. Zerfall des Proletariats, soziale Fäulnis. Andere Perspektiven hat sie nicht vor sich; morgen wird es schlechter stehen als heute; übermorgen schlimmer als morgen. Doch die Führer der Sozialdemokratie wagen nicht mehr, in die Zukunft zu blicken. Sie haben alle Gebrechen der zum Untergang verdammten herrschenden Klasse: Leichtsinn, Willenslähmung, Hang, sich vor den Ereignissen zu drücken und auf Wunder zu warten. Wenn man so recht überlegt, erfüllen Tarnows ökonomische Forschungen heute die gleiche »Funktion« wie die trostvollen Offenbarungen Rasputins...

Die Sozialdemokraten könnten in Gemeinschaft mit den Kommunisten die Macht nicht erobern. Hier ist er, der durch und durch feige und »jebildete« Kleinbürger, vom Scheitel bis zur Sohle vollgesogen mit Misstrauen und Verachtung für die Massen. Sozialdemokratie und Kommunistische Partei besitzen zusammen ungefähr 40 Prozent der Stimmenzahl, ungeachtet dessen, dass die Verrätereien der Sozialdemokratie und die Fehler der Kommunistischen Partei Millionen ins Lager des Indifferentismus und sogar des Nationalsozialismus stoßen. Schon allein die Tatsache gemeinschaftlicher Aktionen dieser beiden Parteien würde den Massen neue Perspektiven eröffnen und die politische Kraft des Proletariats unermesslich steigern. Gehen wir jedoch von 40 Prozent aus. Vielleicht haben Brüning oder Hitler mehr? Und in Deutschland können doch nur diese drei Gruppen regieren: Proletariat, Zentrumspartei oder Faschisten. Aber beim gebildeten Kleinbürger liegt es tief im Blut: Dem Vertreter des Kapitals genügen 20 Prozent, um zu regieren; hat doch die Bourgeoisie Banken, Trusts, Syndikate, Eisenbahnen. Gewiss, unser gebildeter Kleinbürger hat vor 12 Jahren all das »sozialisieren« wollen. Aber was noch! Sozialisierungsprogramm – ja. Expropriation der Expropriateure – nein, das ist schon Bolschewismus.

Wir haben oben das Kräfteverhältnis im parlamentarischen Querschnitt genommen. Doch das ist ein Zerrspiegel. Die parlamentarische Vertretung der unterdrückten Klasse ist eine außerordentliche Verkleinerung ihrer wirklichen Kraft, und umgekehrt: Die Vertretung der Bourgeoisie wird selbst am Tag vor deren Fall noch immer eine Maskerade vermeintlicher Kraft sein. Nur der revolutionäre Kampf legt das tatsächliche Kräfteverhältnis bloß. Im direkten und unmittelbaren Machtkampf entfaltet das Proletariat, wenn innere Sabotage, Austromarxismus und andere Formen von Verrat es nicht paralysieren, eine unermesslich überlegenere Kraft als sein parlamentarischer Ausdruck. Führen wir nochmals die unschätzbare Lehre der Geschichte an: Schon nachdem die Bolschewiki die Macht erobert und fest erobert hatten, besaßen sie in der Konstituierenden Versammlung weniger als ein Drittel der Stimmen, mit den linken Sozialrevolutionären zusammen weniger als 40 Prozent. Und trotz schrecklicher wirtschaftlicher Zerrüttung, trotz Krieg, trotz Verrat der europäischen, vor allem der deutschen Sozialdemokratie, trotz der Nachkriegsreaktion der Ermüdung, dem Wachstum thermidorianischer Stimmungen, hält sich der erste Arbeiterstaat seit 14 Jahren auf eigenen Füßen. Was soll man da von Deutschland sagen? In dem Moment, in dem sich der sozialdemokratische Arbeiter gemeinsam mit dem kommunistischen zur Machtergreifung erheben würde, wäre die Aufgabe zu neun Zehnteln gelöst.

Aber, sagt Hilferding, wenn die Sozialdemokratie gegen die Brüning-Regierung stimmen und damit ihren Sturz herbeiführen würde, hätte das doch die Machtergreifung durch die Faschisten zur Folge. Auf der parlamentarischen Ebene sieht es wohl so aus; doch liegt die Sache nicht auf der parlamentarischen Ebene. Auf die Unterstützung Brünings könnte die Sozialdemokratie nur in dem Fall verzichten, wenn sie sich entschlösse, den revolutionären Weg zu betreten. Entweder Unterstützung Brünings oder Kampf für die Diktatur des Proletariats. Ein Drittes gibt es nicht. Die Stimmabgabe der Sozialdemokratie gegen Brüning würde mit einem Schlage das Kräfteverhältnis verschieben. Nicht auf dem Schachbrett des Parlaments, dessen Figuren unversehens unter den Tisch zu liegen kämen, sondern in der Arena des revolutionären Klassenkampfs. Die Kräfte des Proletariats würden sich bei einer solchen Wendung nicht verdoppeln, sondern verzehnfachen, denn der moralische Faktor nimmt im Kampf der Klassen nicht den letzten Platz ein, insbesondere an großen historischen Wendepunkten. Ein moralischer Strom von hoher Spannung würde die Volksmassen durchfließen, Schicht auf Schicht. Die proletarische Klasse würde sich mit Zuversicht sagen, dass sie und allein sie berufen ist, dem Leben dieser großen Nation eine neue, höhere Richtung zu geben. Verfall und Zersetzung der Hitler-Armee würden noch vor den Entscheidungsschlachten beginnen. Dem Kampf zu entrinnen, wäre natürlich ausgeschlossen: Aber bei festem Siegeswillen, bei kühner Offensive wäre der Sieg unvergleichlich leichter errungen, als es dem optimistischsten Revolutionär jetzt vorschwebt.

Es fehlt hierzu nicht viel: die Wendung der Sozialdemokratie auf den Weg der Revolution. Eine freiwillige Wendung der Führer zu erhoffen, nach der Erfahrung von 1914 bis 1932, wäre die lächerlichste aller Illusionen. Anders die Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter: Sie können eine Wendung vollziehen und sie werden sie vollziehen. Man muss ihnen nur helfen. Das wird aber nicht nur eine Wendung gegen den bürgerlichen Staat sein, sondern auch gegen die Spitzen der eigenen Partei.

Da wird unser Austromarxist, der unseren Worten »nichts hinzuzufügen« hat, uns wieder Zitate aus unseren eigenen Arbeiten entgegenzuhalten versuchen: Haben wir in der Tat denn nicht geschrieben, die Politik der Stalin-Bürokratie bestehe in einer Kette von Fehlern? Haben wir nicht die Teilnahme der Kommunistischen Partei am Hitler-Volksentscheid gebrandmarkt? Wir haben geschrieben und gebrandmarkt. Aber wir kämpfen ja mit den Stalinschen Kominternführern gerade deshalb, weil sie unfähig sind, die Sozialdemokratie zu zertrümmern, die Massen ihrem Einfluss zu entwinden, die rostige Bremse von der Lokomotive der Geschichte zu lösen. Durch Hin- und Herwinden, Irrtümer, bürokratischen Ultimatismus konserviert das Stalinsche Bürokratentum die Sozialdemokratie, indem es ihr jedesmal von neuem gestattet, wieder auf die Beine zu kommen.

Die Kommunistische Partei ist eine proletarische, antibürgerliche Partei, wenn auch falsch geführt. Die Sozialdemokratie, ungeachtet ihrer Arbeitermitglieder, ist eine vollständig bürgerliche Partei, unter »normalen« Bedingungen vom Standpunkt der bürgerlichen Ziele sehr geschickt geführt, doch zu nichts tauglich unter den Bedingungen der sozialen Krise. Den bürgerlichen Charakter der sozialdemokratischen Partei sind die Führer selber genötigt einzugestehen, wenn auch gegen ihren Willen. In Bezug auf Krise und Arbeitslosigkeit wiederholt Tarnow die alten Phrasen über den »Hohn auf die Zivilisation«, wie ein Pastor von der Sünde des Reichtums spricht; vom Sozialismus redet Tarnow ebenso wie der Pfaffe von der Vergeltung im Jenseits. Ganz anders äußert er sich über konkrete Fragen: »Wenn am 14. September dieses Gespenst (der Arbeitslosigkeit) nicht neben den Wahlurnen gestanden hätte, dann würde auch dieser Tag in der Geschichte Deutschlands ein anderes Gesicht bekommen haben« (Referat auf dem Leipziger Parteitag). Die Sozialdemokratie hat Stimmen und Mandate deshalb verloren, weil der Kapitalismus in der Krise sein wahres Antlitz enthüllte. Die Krise hat die Partei des »Sozialismus« nicht gestärkt, sondern im Gegenteil geschwächt, so wie sie Handelsumsätze, Bankenkassen, Hoovers und Fords Selbstvertrauen, die Einkünfte des Fürsten von Monaco usw. geschwächt hat. Die optimistischsten Bewertungen der Konjunktur findet man jetzt nicht in den bürgerlichen Blättern, sondern in den sozialdemokratischen. Kann es einen unwiderlegbaren Beweis des bürgerlichen Charakters der Partei geben? Bedeutet das Kranken des Kapitalismus Kranken der Sozialdemokratie, so kann der nahende Tod des Kapitalismus nichts anderes bedeuten als den baldigen Tod der Sozialdemokratie. Die Partei, die sich auf die Arbeiter stützt, jedoch der Bourgeoisie dient, muss in der Periode höchster Zuspitzung des Klassenkampfs den Odem des Grabes verspüren.

Demokratie und Faschismus

Das XI. Plenum des EKKI (Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale) fand sich bemüßigt, mit jenen fehlerhaften Auffassungen Schluss zu machen, die sich auf die »liberale Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Faschismus und bürgerlicher Demokratie, wie auch zwischen den parlamentarischen Formen der bürgerlichen Diktatur und den offen faschistischen Formen...« stützen. Der Wesenskern dieser Stalinschen Philosophie ist sehr einfach: Aus der marxistischen Verneinung eines absoluten Gegensatzes leitet sie die Verneinung des Gegensatzes überhaupt ab, und sei er auch relativ. Es ist dies der typische Fehler des Vulgärradikalismus. Wenn aber zwischen Demokratie und Faschismus keinerlei Gegensatz besteht, nicht einmal auf dem Gebiete der bürgerlichen Herrschaftsformen, müssen beide Regimes einfach miteinander zusammenfallen. Die Schlussfolgerung: Sozialdemokratie gleich Faschismus. Aus irgendeinem Grunde nennt man indes die Sozialdemokratie Sozial-Faschismus. Was in diesem Zusammenhang sozial eigentlich bedeutet, hat man uns bis jetzt immerhin nicht erklärt.[2]

Allein die Natur der Dinge wechselt nicht mit den Beschlüssen des EKKI-Plenums. Zwischen Demokratie und Faschismus besteht ein Gegensatz. Er ist durchaus nicht »absolut« oder, um in der Sprache des Marxismus zu reden, bezeichnet durchaus nicht die Herrschaft zweier unversöhnlicher Klassen. Aber er kennzeichnet verschiedene Herrschaftssysteme ein und derselben Klasse. Diese beiden Systeme, das parlamentarisch-demokratische und das faschistische, stützen sich auf verschiedene Kombinationen der unterdrückten und ausgebeuteten Klassen und geraten unvermeidlich schroff aneinander.

Die Sozialdemokratie, jetzt Hauptvertreterin des parlamentarisch-bürgerlichen Regimes, stützt sich auf die Arbeiter. Der Faschismus auf das Kleinbürgertum. Die Sozialdemokratie kann ohne Arbeitermassenorganisationen keinen Einfluss ausüben, der Faschismus seine Macht nicht anders befestigen als durch Zerschlagung der Arbeiterorganisationen. Hauptarena der Sozialdemokratie ist das Parlament. Das System des Faschismus fußt auf der Vernichtung des Parlamentarismus. Für die monopolistische Bourgeoisie stellen parlamentarisches und faschistisches System bloß verschiedene Werkzeuge ihrer Herrschaft dar. Sie nimmt in Abhängigkeit von den historischen Bedingungen zu diesem oder jenem Zuflucht. Jedoch für die Sozialdemokratie wie für den Faschismus ist die Wahl des einen oder des anderen Werkzeugs von selbständiger Bedeutung, noch mehr, die Frage ihres politischen Lebens oder Todes.

Die Reihe ist ans faschistische Regime gekommen, sobald die »normalen« militärisch-polizeilichen Mittel der bürgerlichen Diktatur mitsamt ihrer parlamentarischen Hülle für die Erhaltung des Gleichgewichts der Gesellschaft nicht mehr ausreichen. Durch die faschistische Agentur setzt das Kapital die Massen des verdummten Kleinbürgertums in Bewegung, die Banden deklassierter, demoralisierter Lumpenproletarier und all die zahllosen Menschenexistenzen, die das gleiche Finanzkapital in Verzweiflung und Elend gestürzt hat. Vom Faschismus fordert die Bourgeoisie ganze Arbeit: Hat sie einmal die Methoden des Bürgerkriegs zugelassen, will sie für lange Jahre Ruhe haben. Und die faschistische Agentur, die das Kleinbürgertum als Prellbock benützt und alle Hemmnisse aus dem Wege räumt, leistet die Arbeit bis zum Ende. Der Sieg des Faschismus führt dazu, dass das Finanzkapital direkt und unmittelbar alle Organe und Einrichtungen der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung in stählerne Zangen zwängt: Staatsapparat und Armee, Gemeindeverwaltungen, Universitäten, Schulen, Presse, Gewerkschaften, Genossenschaften. Die Faschisierung des Staates bedeutet nicht nur Mussolinisierung der Verwaltungsformen und -methoden – auf diesem Gebiete sind die Veränderungen letzten Endes von zweitrangigem Charakter – sondern vor allem und hauptsächlich Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen, Zurückwerfung des Proletariats in amorphen Zustand, Schaffung eines Systems tief in die Massen dringender Organe, die eine selbständige Kristallisierung des Proletariats unterbinden sollen. Eben darin besteht das Wesen des faschistischen Regimes.

Dem Gesagten widerspricht in keiner Weise die Tatsache, dass sich zwischen demokratischem und faschistischem Regime während einer gewissen Periode ein Übergangsregime herausbildet, das Züge des einen und des anderen in sich vermengt, dies ist überhaupt das Gesetz der Ablösung zweier sozialer Regime, selbst unversöhnlich miteinander verfeindeter. Es gibt Augenblicke, wo sich die Bourgeoisie sowohl auf die Sozialdemokratie wie auf den Faschismus stützt, d. h. sich zu gleicher Zeit ihrer versöhnlerischen und ihrer terroristischen Agentur bedient. So in gewissem Sinne die Kerenski-Regierung während der letzten Monate ihrer Existenz: Halb stützte sie sich auf die Sowjets, um gleichzeitig ihre Verschwörung mit Kornilow aufrecht zu erhalten. Ebenso die Brüning-Regierung, die auf einem Seil zwischen den beiden unversöhnlichen Lagern tanzt, den Stab der Notverordnungen in den Händen. Doch ein derartiger Zustand von Staat und Regierung hat vorübergehenden Charakter. Er bezeichnet die Übergangsperiode, wo die Sozialdemokratie bereits dem Ende ihrer Mission nahe ist, während zu gleicher Zeit weder Kommunismus noch Faschismus schon für die Machteroberung bereit sind.

Die italienischen Kommunisten, die sich schon längst mit der Frage des Faschismus hatten beschäftigen müssen, protestierten mehr als einmal gegen den so verbreiteten Missbrauch mit diesem Begriff. In der Epoche des 6. Kongresses der Komintern entwickelte Ercoli immer noch Ansichten zur Frage des Faschismus, die jetzt als »trotzkistisch« betrachtet werden. Nachdem er den Faschismus als konsequentestes und bis zu Ende geführtes System der Reaktion definiert hatte, erläuterte Ercoli: »Diese Behauptung stützt sich nicht auf die grausamen Terrorakte, nicht auf die große Zahl der ermordeten Arbeiter und Bauern, nicht auf die Rohheit der reichlich angewandten Folterungsarten, nicht auf die Härte der Aburteilungen: Sie ist begründet durch die systematische Vernichtung aller und jeglicher Formen selbständiger Massenorganisationen«. Ercoli hat hier vollauf recht: Wesen und Bestimmung des Faschismus bestehen in der vollständigen Aufhebung der Arbeiterorganisationen und in der Verhinderung ihres Entstehens. In der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft ist dieses Ziel durch bloße Polizeimaßnahmen nicht zu erreichen. Der einzige Weg dazu ist, dem Druck des Proletariats – im Augenblick seiner Schwächung – den Druck der verzweifelten kleinbürgerlichen Massen gegenüberzustellen. Eben dieses besondere System kapitalistischer Reaktion ist in die Geschichte unter dem Namen Faschismus eingegangen.

»Die Frage der Beziehungen, die zwischen Faschismus und Sozialdemokratie bestehen«, schreibt Ercoli, »gehört ins gleiche Gebiet (der Unversöhnlichkeit zwischen Faschismus und Arbeiterorganisationen). In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Faschismus krass von allen übrigen reaktionären Regime, die sich gegenwärtig in der modernen kapitalistischen Welt verankert haben. Er verwirft jeglichen Kompromiss mit der Sozialdemokratie, hat sie wütend verfolgt, aller legalen Existenzmöglichkeiten beraubt, sie zur Emigration gezwungen.«

So lautete ein im leitenden Organ der Komintern abgedruckter Artikel! Danach hat Manuilski Molotow die große Idee der »dritten Periode« eingegeben. Frankreich, Deutschland und Polen wurden in die »erste Reihe der revolutionären Offensive« abkommandiert, die Machteroberung zur unmittelbaren Aufgabe erklärt. Da aber vor dem Antlitz des proletarischen Aufstands alle Parteien außer der kommunistischen konterrevolutionär sind, bestand keine Notwendigkeit mehr, zwischen Faschismus und Sozialdemokratie zu unterscheiden. Die Theorie vom Sozialfaschismus wurde eingeführt. Die Kominternbeamten rüsteten um. Ercoli eilte zu beweisen, dass ihm die Wahrheit teuer sei, Molotow aber noch teurer, und... er schrieb ein Referat zur Verteidigung der Theorie des Sozialfaschismus. »Die italienische Sozialdemokratie«, erklärte er im Februar 1930, »faschisiert sich äußerst leicht.« Aber, ach, noch leichter servilisieren sich die Beamten des offiziellen Kommunismus...

Unsere Kritik an Theorie und Praxis der »dritten Periode« erklärte man gebührlich für konterrevolutionär. Die grausame Erfahrung, die das Proletariat teuer zu stehen kam, erzwang allerdings auch auf diesem Gebiet eine Wendung. Die »dritte Periode« ward in Ruhestand versetzt, sowie Molotow selbst – aus der Komintern. Die Theorie des Sozialfaschismus indes blieb als einzige reife Frucht der dritten Periode. Hier kann es keine Abänderungen geben: Mit der »dritten Periode« hat Molotow sich engagiert; in den Sozialfaschismus hat Stalin sich selbst verstrickt.

Als Leitmotiv für ihre Forschungen über den Sozialfaschismus hat die Rote Fahne Stalins Worte erkoren: »Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus.« Wie bei Stalin üblich, sobald er versucht zu verallgemeinern, widerspricht der erste Satz dem zweiten. Dass die Bourgeoisie sich auf die Sozialdemokratie stützt und der Faschismus eine Kampforganisation der Bourgeoisie darstellt, ist völlig unbestreitbar und schon längst ausgesprochen. Doch daraus erhellt nur, dass Sozialdemokratie wie Faschismus Werkzeuge der Großbourgeoisie sind. Wie dabei die Sozialdemokratie überdies noch den »Flügel« des Faschismus bilden kann, ist nicht zu verstehen. Auch die zweite Feststellung des gleichen Autors ist nicht viel tiefsinniger: Faschismus und Sozialdemokratie sind nicht Gegner, sondern Zwillinge. Zwillinge können erbitterte Gegner sein; andererseits müssen Verbündete keinesfalls am gleichen Tag von einer gemeinsamen Mutter geboren sein. Stalins Konstruktion gebricht es selbst an formaler Logik, von Dialektik nicht zu reden. Die Kraft dieser Konstruktion besteht darin, dass niemand ihr widersprechen darf.

Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein Unterschied im »Klasseninhalt«, lehrt nach Stalin Werner Hirsch (Die Internationale, Januar 1932). Der Übergang von Demokratie zu Faschismus kann den Charakter eines »organischen Prozesses« annehmen, d. h. »allmählich und auf kaltem Wege« sich vollziehen. Diese Erwägung würde verblüffend klingen, hätte uns das Epigonentum nicht abgewöhnt, uns verblüffen zu lassen.

Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein »Klassenunterschied«. Das soll offenbar bedeuten, dass die Demokratie bürgerlichen Charakters ist wie der Faschismus. Das hatten wir auch vor dem Januar 1932 gewusst! Indes lebt die herrschende Klasse nicht im luftleeren Raum. Sie steht in bestimmten Beziehungen zu den übrigen Klassen. Im »demokratischen« Regime der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft stützt sich die Bourgeoisie vor allem auf die von den Reformisten im Zaum gehaltene Arbeiterklasse. Am vollendetsten kommt dieses System in England zum Ausdruck, bei der labouristischen wie der konservativen Regierung. Unter dem faschistischen Regime, zumindest während seines ersten Stadiums, stützt sich das Kapital auf das Kleinbürgertum, das die Organisationen des Proletariats vernichtet. So in Italien! Besteht ein Unterschied im »Klasseninhalt« dieser beiden Regimes? Stellt man lediglich die Frage nach der herrschenden Klasse, so ist kein Unterschied vorhanden. Nimmt man Lage und Wechselbeziehungen aller Klassen unter dem Gesichtswinkel des Proletariats, erweist sich ein durchaus großer Unterschied.

Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Herde der proletarischen Demokratie gebaut: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der bürgerlichen Demokratie zur Macht gelangen, sondern nur auf revolutionärem Weg: Das ist durch Theorie und Praxis gleichermaßen erwiesen. Aber gerade für den revolutionären Weg benötigt es die Stützpunkte der Arbeiterdemokratie innerhalb des bürgerlichen Staates. Auf die Schaffung solcher Stellungen lief ja die Arbeit der Zweiten Internationale in jener Epoche hinaus, da sie noch eine progressive historische Arbeit versah.

Die grundlegende und einzige Bestimmung des Faschismus ist, alle Einrichtungen der proletarischen Demokratie bis auf das Fundament zu zerstören. Hat dies für das Proletariat einen »Klassensinn« oder nicht? Mögen die hohen Theoretiker darüber nachdenken. Während er das Regime bürgerlich nennt – was unbestreitbar ist – vergisst Hirsch gleich seinen Lehrmeistern eine Kleinigkeit: den Platz des Proletariats in diesem Regime. Den historischen Prozess ersetzen sie durch eine nackte soziologische Abstraktion. Doch der Klassenkampf wird auf dem Erdball der Geschichte geführt und nicht in der Stratosphäre der Soziologie. Der Ausgangspunkt des Kampfs mit dem Faschismus wird nicht durch die Abstraktion des demokratischen Staates, sondern durch die lebendigen Organisationen des Proletariats selbst gebildet, in denen seine ganze Erfahrung konzentriert ist und die seine Zukunft vorbereiten.

Dass der Übergang von Demokratie zu Faschismus »organischen« und »allmählichen« Charakter haben kann, bedeutet offenbar nichts anderes, als dass man dem Proletariat nicht nur alle materiellen Eroberungen – ein bestimmtes Lebensniveau, soziale Gesetzgebung, bürgerliche und politische Rechte – sondern auch die Hauptwaffe dieser Eroberung, d. h. seine Organisationen, ohne Erschütterungen und ohne Kampf abnehmen kann. Unter Übergang zum Faschismus »auf kaltem Wege« ist somit die schrecklichste politische Kapitulation des Proletariats zu verstehen, die man sich überhaupt vorzustellen vermag.

Die theoretischen Erwägungen Werner Hirschs sind nicht zufällig: Während sie Stalins theoretische Orakel weiterentwickeln, verallgemeinern sie gleichzeitig die gesamte gegenwärtige Agitation der Kommunistischen Partei. Ihr hauptsächlichstes Bestreben ist ja gegenwärtig darauf gerichtet zu beweisen, zwischen Brüning-Regime und Hitler-Regime bestehe kein Unterschied. Darin sehen augenblicklich Thälmann und Remmele die Quintessenz der bolschewistischen Politik.

Die Sache beschränkt sich nicht bloß auf Deutschland. Die Idee, der Sieg des Faschismus werde nichts Neues bringen, wird jetzt eifrig in allen Sektionen der Komintern propagiert. Im Januarheft der französischen Zeitschrift Cahiers du Bolchévisme lesen wir: »Die Trotzkisten, die in der Praxis wie Breitscheid handeln, übernehmen jetzt die berühmte Theorie der Sozialdemokratie vom kleineren Übel, nach der Brüning nicht so schlecht sei wie Hitler, nach der unter Brüning Hungers zu sterben weniger unangenehm sei als unter Hitler und unendlich vorteilhafter, von Groener erschossen zu werden als von Frick.« Dieses Zitat ist nicht das dümmste, obwohl – man muss Gerechtigkeit üben – dumm genug. Doch leider drückt es den Kern der politischen Philosophie der Kominternführer aus.

Das Problem liegt darin, dass die Stalinisten die beiden Regimes unter dem Gesichtswinkel der Vulgärdemokratie vergleichen. In der Tat, geht man an das Brüning-Regime mit formal-«demokratischen« Kriterien heran, ergibt sich der unwiderlegbare Schluss: Von der stolzen Weimarer Verfassung ist nichts als Haut und Knochen geblieben. Doch für uns entscheidet das die Frage noch nicht. Man muss sie vom Standpunkt der proletarischen Demokratie betrachten. Dies ist das einzig verlässliche Kriterium auch für die Frage, wo und wann die »normale« Polizeireaktion des verfaulenden Kapitalismus durch das faschistische Regime ersetzt wird.

Ob Brüning besser ist als Hitler (etwa sympathischer?), diese Frage interessiert uns, müssen wir gestehen, wenig. Es genügt aber, die Liste der Arbeiterorganisationen anzusehen, um zu sagen: In Deutschland hat der Faschismus noch nicht gesiegt. Noch stehen gigantische Hindernisse und Kräfte auf dem Weg zu seinem Sieg.

Das gegenwärtige Brüning-Regime ist das Regime einer bürokratischen Diktatur, besser: der mit militärisch-polizeilichen Mitteln verwirklichten Diktatur der Bourgeoisie. Das faschistische Kleinbürgertum und die proletarische Avantgarde halten einander gleichsam die Waagschale. Wären die Arbeiterorganisationen durch Sowjets vereinigt, würden die Betriebsräte um Produktionskontrolle kämpfen – könnte man von Doppelherrschaft sprechen. Durch die Zerstückelung des Proletariats und die taktische Hilflosigkeit seiner Avantgarde ist es noch nicht so weit. Jedoch allein die Tatsache des Vorhandenseins machtvoller Arbeiterorganisationen, die unter bestimmten Bedingungen dem Faschismus vernichtenden Widerstand leisten können, hält Hitler von der Macht ab und verleiht dem bürokratischen Apparat eine gewisse »Unabhängigkeit«.

Die Brüning-Diktatur ist eine Karikatur auf den Bonapartismus. Diese Diktatur ist unbeständig, unsicher, kurzlebig. Sie bedeutet nicht den Beginn eines neuen sozialen Gleichgewichts, sondern kündigt den Zusammenbruch des alten Gleichgewichts an. Unmittelbar auf eine nur geringfügige bürgerliche Minderheit gestützt, von der Sozialdemokratie gegen den Willen der Arbeiter toleriert, bedroht vom Faschismus, ist Brüning zu Verordnungsdonnern fähig, nicht aber zu realeren. Das Parlament mit dessen eigener Zustimmung aufzulösen, einige Verordnungen gegen die Arbeiter zu erlassen, den Weihnachts-Burgfrieden zu dekretieren, um unter dessen Hülle einige Bescherungen vorzunehmen, ein Hundert Versammlungen aufzulösen, ein Dutzend Zeitungen einzustellen, mit Hitler Briefe, würdig eines Provinzapothekers, zu wechseln – das ist alles, wozu es bei Brüning langt. Weiter reicht sein Arm nicht.

Brüning ist genötigt, das Bestehen der Arbeiterorganisationen zu dulden, sofern er nicht heute schon Hitler die Macht zu übergeben gewillt ist und sofern er nicht selbständige Kräfte zu deren Liquidierung besitzt. Brüning ist genötigt, die Faschisten zu tolerieren und zu begünstigen, sofern er den Sieg der Arbeiter auf den Tod fürchtet. Das Brüning-Regime ist ein Übergangsregime von kurzer Dauer, das der Katastrophe vorausgeht. Die gegenwärtige Regierung kann sich nur deshalb halten, weil es zwischen den Hauptlagern noch zu keinem Messen der Kräfte gekommen ist. Der richtige Kampf hat noch nicht begonnen. Er steht noch bevor. Die Pause bis zum Kampf, bis zum offenen Kräftemessen füllt die Diktatur der bürokratischen Ohnmacht aus.

Die Weisen, die sich dessen rühmen, dass sie keinen Unterschied »zwischen Brüning und Hitler« kennen, sagen in Wirklichkeit: Ob unsere Organisationen noch bestehen oder ob sie bereits zertrümmert sind, ist ohne Bedeutung. Hinter dieser scheinradikalen Phraseologie versteckt sich die niederträchtigste Passivität. Einer Niederlage können wir nicht entgehen! Man lese nur aufmerksam das Zitat aus der Zeitschrift der französischen Stalinisten. Das ganze Problem läuft darauf hinaus, unter wem es sich besser hungern lässt, unter Brüning oder unter Hitler. Wir aber stellen die Frage nicht so: Wie und unter welchen Bedingungen lässt sich besser sterben, sondern: Wie müssen wir kämpfen und siegen? Unsere Schlussfolgerung ist, die Generalschlacht muss geliefert werden, bevor Brünings bürokratische Diktatur vom faschistischen Regime abgelöst wird, das heißt, bevor die Arbeiterorganisationen vernichtet sind. Auf die Generalschlacht muss man sich durch Weitertreiben, Verbreitern und Verschärfen der Teilkämpfe vorbereiten. Dazu muss man im Besitz einer richtigen Perspektive sein und vor allem, man darf nicht den Feind als Sieger proklamieren, der vom Siege noch weit entfernt ist.

Hier ist der Kern der Frage, hier ist der strategische Schlüssel zur Lage, hier ist der Ausgangspunkt für den Kampf. Jeder denkende Arbeiter und um so mehr jeder Kommunist ist verpflichtet, sich Rechenschaft abzulegen über die ganze Leere, die ganze Nichtigkeit des faulen Geredes der Stalinschen Bürokratie, Brüning und Hitler seien dasselbe. Das heißt die Dinge verwirren! antworten wir ihnen, schändlich verwirren aus Angst vor den Schwierigkeiten, aus Angst vor den großen Aufgaben. Ihr kapituliert, ohne den Kampf aufgenommen zu haben, ihr erklärt, wir hätten bereits eine Niederlage erlitten. Ihr lügt! Die Arbeiterklasse ist gespalten und geschwächt durch die Reformisten, desorientiert durch die Schwankungen der eigenen Avantgarde, aber noch nicht geschlagen, ihre Kräfte sind nicht erschöpft. Nein, Deutschlands Proletariat ist mächtig. Die optimistischsten Berechnungen werden gewaltig übertroffen werden, wenn seine revolutionäre Energie sich den Weg in die Arena der Aktion bahnen wird.

Brünings Regime ist ein Regime der Vorbereitung. Wofür? Entweder für den Sieg des Faschismus oder für den Sieg des Proletariats. Es ist ein Vorbereitungsregime aus dem Grunde, weil beide Lager sich auf den entscheidenden Kampf erst vorbereiten. Brüning mit Hitler zu identifizieren bedeutet, die Situation vor dem Kampf mit der Situation nach der Niederlage zu identifizieren, bedeutet die Aufforderung, ohne Kampf zu kapitulieren.

Die erdrückende Mehrheit der Arbeiter, insbesondere der Kommunisten, will das nicht. Auch die Stalinsche Bürokratie will es natürlich nicht. Doch man muss nicht von den guten Absichten ausgehen, mit denen Hitler die Straßen seiner Hölle pflastern wird, sondern von dem objektiven Sinn der Politik, ihrer Richtung, ihren Tendenzen. Es ist notwendig, den passiven, ängstlich abwartenden, kapitulationsbereiten, deklamatorischen Charakter der Politik Stalin-Manuilski-Thälmann-Remmele zu entlarven! Es ist notwendig, dass die revolutionären Arbeiter begreifen: Der Schlüssel zur Position ist bei der Kommunistischen Partei; aber mit diesem Schlüssel versucht die Stalinsche Bürokratie das Tor zur revolutionären Tat zu verschließen.

Bürokratischer Ultimatismus

Wenn die Blätter der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) gegen den »Parteiegoismus« von Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei schreiben; wenn Seydewitz beteuert, dass für ihn »das Klasseninteresse über dem Parteiinteresse stehe« – so verfallen sie in politischen Sentimentalismus oder, noch schlimmer, so verdecken sie mit sentimentalen Phrasen die Interessen der eigenen Partei. Das ist ein untauglicher Weg. Wenn die Reaktion fordert, man möge die Interessen der »Nation« über die Klasseninteressen stellen, legen wir Marxisten dar, dass unter dem Schein der Interessen des »Ganzen« die Reaktion die Interessen der Ausbeuterklasse durchführt. Die Interessen der Nation lassen sich nicht anders formulieren als unter dem Gesichtspunkt der herrschenden Klasse oder der die Herrschaft anstrebenden Klasse. Die Interessen der Klasse lassen sich nicht anders formulieren als in Gestalt eines Programms. Das Programm lässt sich nicht anders verteidigen als durch die Schaffung einer Partei.

Die Klasse an und für sich genommen ist lediglich Ausbeutungsmaterial. Die selbständige Rolle des Proletariats beginnt dort, wo es aus einer sozialen Klasse an sich eine politische Klasse für sich wird. Das vollzieht sich nicht anders als durch das Mittel der Partei. Die Partei ist jenes historische Organ, durch dessen Vermittlung die Klasse das Selbstbewusstsein erlangt. Zu sagen: »Klasse steht höher als Partei« – heißt behaupten, die urwüchsige Klasse stehe höher als die dem Selbstbewusstsein entgegengehende Klasse. Das ist nicht nur falsch, sondern auch reaktionär. Um die Notwendigkeit der Einheitsfront zu begründen, bedarf es nicht im Mindesten dieser Spießertheorie.

Der Marsch der Klasse zum Selbstbewusstsein, d. h. die Herausschälung einer revolutionären Partei, die das Proletariat hinter sich herführt, ist ein verwickelter und widerspruchsvoller Prozess. Die Klasse ist nicht einheitlich. Ihre verschiedenen Teile erlangen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeitpunkten das Selbstbewusstsein. Die Bourgeoisie nimmt aktiven Anteil an diesem Prozess. Sie schafft ihre Organe innerhalb der Arbeiterklasse oder benutzt die vorhandenen, indem sie die einen Schichten der Arbeiter den anderen gegenüberstellt. Im Proletariat wirken gleichzeitig verschiedene Parteien. Politisch bleibt es daher den größten Teil seines historischen Weges gespalten. Hieraus erwächst eben – in bestimmten Perioden mit außerordentlicher Schärfe – das Problem der Einheitsfront.

Die Kommunistische Partei drückt – bei richtiger Politik – die historischen Interessen des Proletariats aus. Ihre Aufgabe besteht darin, die Mehrheit des Proletariats zu erobern. Nur so ist auch der sozialistische Umsturz möglich. Ihre Mission kann die Kommunistische Partei nicht anders erfüllen als durch volle und bedingungslose Wahrung der politischen und organisatorischen Unabhängigkeit den anderen Parteien und Organisationen innerhalb und außerhalb der Arbeiterklasse gegenüber. Der Verstoß gegen diese Grundforderung der marxistischen Politik ist das schwerste aller Verbrechen an den Interessen des Proletariats als Klasse. Die chinesische Revolution von 1925 bis 1927 ging gerade deshalb zugrunde, weil die Komintern, geführt von Stalin und Bucharin, die chinesische Kommunistische Partei gezwungen hatte, der Guomindang, der Partei der chinesischen Bourgeoisie, beizutreten und sich deren Disziplin zu unterwerfen. Die Erfahrung der Stalinschen Politik in Bezug auf die Guomindang wird für ewige Zeiten in die Geschichte eingehen als Musterbeispiel verderblicher Sabotage der Revolution durch ihre Führer. Die Stalinsche Theorie der »Zweiklassenparteien der Arbeiter und Bauern« für den Osten ist die verallgemeinerte und zum Gesetz erhobene Guomindang-Praxis. Die Anwendung dieser Theorie in Japan, Indien, Indonesien, Korea hat die Autorität des Kommunismus untergraben und die Entwicklung des Proletariats für eine Reihe von Jahren aufgehalten. Die gleiche im Wesen treubrüchige Politik wurde, wenn auch nicht so zynisch, in den Vereinigten Staaten, in England und allen Ländern Europas bis zum Jahre 1928 geführt.

Der Kampf der Linken Opposition für die volle und bedingungslose Unabhängigkeit der Kommunistischen Partei und ihrer Politik unter allen und jeglichen historischen Bedingungen und auf allen Entwicklungsstufen des Proletariats führte zu außerordentlicher Verschärfung der Beziehungen zwischen der Opposition und der Fraktion Stalins in der Periode seines Blocks mit Chiang Kai-shek, Wang Jingwei, Purcell, La Folette, Radic usw. Unnötig daran zu erinnern, dass Thälmann mit Remmele ebenso wie Brandler mit Thalheimer in diesem Kampf bedingungslos auf Seiten Stalins standen gegen die Bolschewiki-Leninisten. Nicht wir also brauchen von Stalin und Thälmann selbständige Politik der Kommunistischen Partei zu erlernen!

Doch das Proletariat gelangt zum revolutionären Selbstbewusstsein nicht über die Schultreppe, sondern durch den Klassenkampf, der keine Unterbrechung duldet. Zum Kampf braucht das Proletariat die Einheitsfront. Das gilt gleichermaßen für wirtschaftliche Teilkonflikte innerhalb der Wände eines einzelnen Betriebes wie für solche »nationalen« politischen Kämpfe wie die Abwehr des Faschismus. Die Einheitsfronttaktik ist somit nichts Zufälliges und Künstliches, irgendein schlaues Manöver, nein, sie erwächst ganz und gar aus den objektiven Entwicklungsbedingungen des Proletariats. Die Worte des Kommunistischen Manifests, dass sich die Kommunisten nicht dem Proletariat gegenüberstellen, dass sie keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen haben, drücken den Gedanken aus, dass der Kampf der Partei um die Mehrheit der Klasse keinesfalls in Widerspruch geraten darf mit dem Bedürfnis der Arbeiter nach Einheit ihrer Kampfreihen.

Die Rote Fahne verurteilt mit vollem Recht das Gerede, dass »die Klasseninteressen höher stehen als die Parteiinteressen«. In Wirklichkeit fallen die richtig verstandenen Interessen der Klasse mit den richtig formulierten Aufgaben der Partei zusammen. Soweit sich die Sache auf diese geschichtsphilosophische Behauptung beschränkt, ist die Position der Roten Fahne unantastbar. Doch die politischen Schlussfolgerungen, die sie daraus ableitet, stellen schon eine direkte Verhöhnung des Marxismus dar.

Das grundsätzliche Zusammentreffen der Interessen des Proletariats mit den Aufgaben der Kommunistischen Partei bedeutet weder, dass sich das gesamte Proletariat schon heute seiner Interessen bewusst sei, noch, dass die Partei sie unter allen Umständen richtig formuliere. Erwächst doch die Notwendigkeit der Partei selber gerade daraus, dass das Proletariat nicht mit vollendetem Verständnis seiner historischen Interessen zur Welt kommt. Die Aufgabe der Partei besteht darin, durch Kampferfahrung zu lernen, dem Proletariat ihr Recht auf Führung zu beweisen. Indes vermeint die Stalinsche Bürokratie, auf Grund des mit dem Kominternsiegel versehenen Parteipasses vom Proletariat kurz und bündig Unterwerfung fordern zu können.

Jede Einheitsfront, die nicht im voraus unter Führung der Kommunistischen Partei steht – wiederholt die Rote Fahne – ist gegen die Interessen des Proletariats gerichtet. Wer die Führung der Kommunistischen Partei nicht anerkennt, ist schon dadurch ein »Konterrevolutionär«. Der Arbeiter ist verpflichtet, der kommunistischen Organisation auf Vorschuss, aufs Ehrenwort Glauben zu schenken. Aus der prinzipiellen Identität der Aufgaben von Partei und Klasse leitet der Bürokrat sein Recht ab, die Klasse zu kommandieren. Die historische Aufgabe, die die Kommunistische Partei erst zu lösen hat – Vereinigung der überwältigenden Mehrheit der Arbeiter unter ihrem Banner – verwandelt die Bürokratie in ein Ultimatum, einen Revolver, den sie der Arbeiterklasse an die Schläfe setzt. Das dialektische Denken wird ersetzt durch formalistisches, administratives, bürokratisches.

Die historische Aufgabe, die zu erfüllen ist, wird bereits als erfüllt angesehen. Das Vertrauen, das zu erobern ist, bereits als erobert ausgegeben. Das ist natürlich äußerst einfach. Doch die Sache wird damit wenig vorwärtsgebracht. Man muss in der Politik von dem ausgehen, was ist, und nicht von dem, was man wünscht und was sein könnte. Zu Ende geführt ist die Einstellung der Stalinschen Bürokratie identisch mit der Verneinung der Partei. Denn worauf läuft deren historische Arbeit hinaus, wenn das Proletariat im voraus verpflichtet ist, Thälmanns und Remmeles Führung anzuerkennen?

Vom Arbeiter, der sich in die kommunistische Front einreihen will, hat die Kommunistische Partei das Recht zu fordern: Du musst unser Programm anerkennen, unsere Statuten und die Führung unserer gewählten Institutionen. Aber unsinnig und verbrecherisch ist es, das gleiche aprioristische Verlangen, auch nur teilweise, an die Arbeitermassen oder Arbeiterorganisationen zu richten, wo es um gemeinsame Aktionen im Namen bestimmter Kampfaufgaben geht. Das heißt, das Fundament der Partei untergraben, die ihre Bestimmung nur bei richtigem Wechselverhältnis zur Klasse erfüllen kann. Statt ein einseitiges Ultimatum aufzustellen, das die Arbeiter reizt und verbittert, muss man ein bestimmtes Programm gemeinsamer Aktionen vorschlagen. Das ist der sicherste Weg, die Führung wirklich zu erobern.

Ultimatismus ist der Versuch, die Arbeiterklasse zu vergewaltigen, wo es misslingt, sie zu überzeugen: Wenn ihr Arbeiter Thälmann-Remmele-Neumanns Führung nicht anerkennt, werden wir euch nicht gestatten, die Einheitsfront zu bilden. Ein böser Feind könnte keine ungünstigere Lage ausdenken als jene, in die sich die kommunistischen Parteiführer begeben. Das ist der sichere Weg ins Verderben.

Die Leitung der deutschen Kommunistischen Partei unterstreicht nur greller ihren Ultimatismus, wenn sie sich in ihren Aufrufen spitzfindig herausredet: »Wir fordern nicht von euch, dass ihr euch im vorhinein unsere kommunistischen Auffassungen über die Grundfragen des proletarischen Klassenkampfs zu eigen macht.« Das klingt gleich einer Entschuldigung einer Politik wegen, für die es keine Entschuldigung geben kann. Wenn die Partei ihre Weigerung erklärt, in jegliche Unterhandlungen mit den übrigen Organisationen zu treten, gleichzeitig aber den Sozialdemokraten anheimstellt, mit ihrer Organisation zu brechen und ohne sich Kommunisten zu nennen, unter die Führung der Kommunistischen Partei zu treten, so ist das reinster Ultimatismus. Die Ausrede über die »kommunistischen Auffassungen« ist vollkommen lächerlich: Ein Arbeiter, der bereit ist, schon heute mit seiner Partei zu brechen, um unter kommunistischer Führung am Kampf teilzunehmen, wird nicht zögern, sich Kommunist zu nennen. Diplomatische Finten, Etikettenspiel sind dem Arbeiter fremd. Er nimmt Politik und Organisation nach ihrem Wesen. Er bleibt in der Sozialdemokratie, solange er der kommunistischen Führung misstraut. Man kann mit Gewissheit sagen, dass die Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter bis heute noch in ihrer Partei verharrt, nicht weil sie der reformistischen Führung vertraut, sondern nur deshalb, weil sie der kommunistischen noch misstraut. Die Arbeiter wollen aber schon heute gegen den Faschismus kämpfen. Zeigt man ihnen die nächste Etappe des gemeinsamen Kampfs, werden sie fordern, ihre Organisationen mögen diesen Weg betreten. Werden die Organisationen sich widersetzen, können sie es mit ihnen bis zum Bruch kommen lassen.

Statt den sozialdemokratischen Arbeitern zu helfen, durch die Erfahrung ihren Weg zu finden, hilft das ZK der Kommunistischen Partei den Führern der Sozialdemokratie gegen die Arbeiter. Ihren Widerwillen gegen den Kampf, ihre Furcht vor dem Kampf, ihre Unfähigkeit zum Kampf verhüllen jetzt die Wels und Hilferdings höchst erfolgreich mit dem Hinweis auf den Widerwillen der Kommunistischen Partei, am gemeinsamen Kampf teilzunehmen. Die starrköpfige, stumpfsinnige, abgeschmackte Verweigerung der Einheitsfront durch die Kommunistische Partei ist unter den gegenwärtigen Bedingungen zur wichtigsten Hilfsquelle der Sozialdemokratie geworden. Daher klammert sich auch die Sozialdemokratie mit dem ihr eigenen Parasitismus an unsere Kritik der ultimatistischen Politik Stalin-Thälmanns.

Die offiziellen Kominternführer schwärmen jetzt mit tiefsinniger Miene von der Hebung des theoretischen Niveaus der Partei und vom Studium der Geschichte des Bolschewismus. In Wirklichkeit sinkt das Niveau immer mehr, die Lehren des Bolschewismus werden vergessen, gefälscht, mit Füßen getreten. Doch ist es durchaus nicht schwer, in der Geschichte der Bolschewistischen Partei den Vorläufer der heutigen Politik des ZK zu finden: Es ist dies der verstorbene Bogdanow, Begründer des Ultimatismus oder Otsowismus. Noch im Jahre 1905 hielt er die Beteiligung der Bolschewiki am Petrograder Sowjet für unmöglich, wenn der Sowjet nicht zuvor die sozialdemokratische Führung anerkennt. Unter Bogdanows Einfluss fasste das Petersburger Büro des ZK der Bolschewiki im Oktober 1905 den Beschluss: Im Petrograder Sowjet die Anerkennung der Führerschaft der Partei zu fordern, andernfalls aus dem Sowjet auszutreten. Der junge Advokat Krassilow, damals Mitglied des ZK der Bolschewiki, brachte dieses Ultimatum in der Plenarsitzung des Sowjets vor. Die Arbeiterdeputierten, darunter auch die bolschewistischen, sahen einander erstaunt an und – gingen zur Tagesordnung über. Kein Mensch verließ den Sowjet. Bald traf Lenin aus dem Ausland ein und wusch den Ultimatisten grausam den Kopf: man kann – lehrte er – man darf die Massen nicht mit Hilfe eines Ultimatums zwingen, die notwendigen Phasen ihrer eigenen politischen Entwicklung zu überspringen.

Allein Bogdanow entsagte seiner Methodologie nicht und begründete in der Folge eine ganze Fraktion von »Ultimatisten« oder »Otsowisten« (Abberufern). Diesen Namen erhielten sie, weil sie gewillt waren, die Bolschewiki aus allen jenen Organisationen abzuberufen, die ablehnten, das ihnen von oben gestellte Ultimatum »Anerkenne im voraus unsere Führerschaft« anzunehmen. Ihre Politik versuchten die Ultimatisten nicht nur auf die Sowjets anzuwenden, sondern auch auf dem Gebiet des Parlamentarismus, der Gewerkschaften und überhaupt allen legalen und halblegalen Organisationen der Arbeiterklasse gegenüber.

Lenins Kampf gegen die Ultimatisten war der Kampf um das richtige Verhältnis zwischen Partei und Klasse. Die Ultimatisten haben es in der alten Bolschewistischen Partei nie zu irgendeiner bedeutenden Rolle gebracht; sonst wäre der Sieg des Bolschewismus unmöglich gewesen. Aufmerksames und feinfühliges Verhalten zur Klasse machte die Kraft des Bolschewismus aus. Der Kampf gegen den Ultimatismus wurde von Lenin auch weitergeführt, als er an der Macht stand, insbesondere und vor allem in Bezug auf die Gewerkschaften. »Wenn wir jetzt in Russland, nach zweieinhalb Jahren unvergleichlicher Siege über die Bourgeoisie Russlands und der Entente die ›Anerkennung der Diktatur‹ zur Bedingung für den Eintritt in die Gewerkschaften machen, würden wir eine Dummheit begehen, unserem Einfluss auf die Massen Abbruch tun und den Menschewiki Vorschub leisten. Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, dass sie es verstehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu arbeiten, und sich nicht durch ausgeklügelte, kindische ›linke‹ Losungen von ihnen absondern« (Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus). Um so mehr ist dies Pflicht der Kommunistischen Parteien des Westens, die erst die Minderheit der Arbeiterklasse bilden.

Die Lage in der UdSSR hat sich jedoch während der letzten Periode radikal verändert. Die mit der Macht ausgerüstete Kommunistische Partei bedeutet bereits ein anderes Wechselverhältnis zwischen Avantgarde und Klasse: in dieses Verhältnis tritt ein Element des Zwanges ein. Lenins Kampf gegen Partei- und Sowjetbürokratismus bedeutete in seinem Wesen nicht den Kampf gegen schlechte Kanzleiführung, Amtsschimmel, Schlamperei usw., sondern gegen das Kommando des Apparats über die Klasse, gegen die Verwandlung der Parteibürokratie in eine neue »herrschende« Schicht. Lenins letzter Ratschlag – eine vom ZK unabhängige proletarische Kontrollkommission zu schaffen und Stalin und seine Fraktion aus dem Parteiapparat zu entfernen – war gegen die bürokratische Entartung der Partei gerichtet. Aus einer Reihe von Gründen, auf die wir an dieser Stelle nicht eingehen können, hat die Partei diesen Ratschlag übergangen. Die bürokratische Entartung der Partei ist in den letzten Jahren an die äußerste Grenze gelangt. Der Stalinsche Apparat kommandiert nur. Die Sprache des Kommandos ist die Sprache des Ultimatismus. Jeder Arbeiter hat im Voraus alle vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Beschlüsse des ZK als unfehlbar anzuerkennen. Die Ansprüche auf Unfehlbarkeit sind umsomehr gewachsen, je fehlerhafter die Politik wurde.

Nachdem sie den Kominternapparat in ihre Hände bekommen hatte, übertrug die Stalinsche Fraktion ihre Methoden natürlich auch auf die ausländischen Sektionen, d. h. die Kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder. Die Politik der deutschen Führung ist die Widerspiegelung der Politik der Moskauer Führung. Thälmann sieht, wie die Stalinsche Bürokratie kommandiert und jeden für einen Konterrevolutionär erklärt, der nicht ihre Unfehlbarkeit anerkennt. Ist Thälmann schlechter als Stalin? Wenn sich die Arbeiterklasse nicht gehorsamst seiner Führung unterstellt, so deshalb, weil die Arbeiterklasse konterrevolutionär ist. Doppelt konterrevolutionär sind jene, die Thälmann die Schädlichkeit seines Ultimatismus aufzeigen. Zu den konterrevolutionärsten Büchern gehören Lenins gesammelte Schriften. Nicht umsonst unterwirft Stalin sie einer so harten Zensur, insbesondere bei der Herausgabe in fremden Sprachen.

Ist Ultimatismus unter allen Umständen schädlich, bedeutet er in der UdSSR Verausgabung des moralischen Parteikapitals, so ist er doppelt verfehlt in den Parteien des Westens, denen erst ein moralisches Kapital aufzuhäufen bleibt. In der Sowjetunion hat die siegreiche Revolution zumindest die materiellen Voraussetzungen für den bürokratischen Ultimatismus geschaffen in Gestalt des Machtapparates. In den kapitalistischen Ländern hingegen, darunter in Deutschland, verwandelt sich der Ultimatismus in eine kraftlose Karikatur und unterbindet den Marsch der Kommunistischen Partei an die Macht. Remmeles Ultimatismus ist vor allem lächerlich. Aber das Lächerliche wirkt tödlich, gar wenn es um die Partei der Revolution geht.

Verlegen wir für einen Augenblick das Problem in Englands Arena, wo die Kommunistische Partei (infolge verderblicher Fehler der Stalin-Bürokratie) immer noch einen verschwindend kleinen Teil des Proletariats ausmacht. Gibt man zu, dass jede Form der Einheitsfront außer der kommunistischen »konterrevolutionär« ist, so müsste das englische Proletariat den revolutionären Kampf offenbar bis zu jenem Zeitpunkt verschieben, an dem die Kommunistische Partei an seine Spitze tritt. Die Kommunistische Partei kann aber nicht anders an die Spitze der Klasse treten als auf Grund von deren eigener revolutionärer Erfahrung. Die Erfahrung indes kann nicht anders revolutionären Charakter erlangen als durch Einbeziehung von Millionen in den Kampf. Jedoch, die nicht-kommunistischen Massen, und vor allem die organisierten, lassen sich nicht anders in den Kampf einbeziehen als auf Grund der Einheitsfrontpolitik. Wir geraten in einen Teufelskreis, aus dem es auf dem Wege des bürokratischen Ultimatismus kein Entrinnen gibt. Doch die revolutionäre Dialektik hat den Ausweg längst schon gezeigt und an zahllosen Beispielen auf den verschiedenartigsten Gebieten vorgeführt. Verbindung des Kampfs um die Macht mit dem Kampf um Reformen; vollkommene Selbständigkeit der Partei bei Wahrung der Gewerkschaftseinheit; Kampf gegen das bürgerliche Regime unter Ausnützung seiner Einrichtungen; unversöhnliche Kritik des Parlamentarismus – von der Parlamentstribüne herab; unbarmherziger Kampf gegen den Reformismus bei praktischen Vereinbarungen mit den Reformisten in Teilkämpfen.

In England springt infolge außerordentlicher Schwäche der Kommunistischen Partei die Unzulänglichkeit des Ultimatismus in die Augen. In Deutschland ist die Verderblichkeit des Ultimatismus etwas maskiert durch die bedeutende zahlenmäßige Stärke der Partei und durch ihr Wachstum. Doch wächst die deutsche Partei dank dem Druck der Umstände und nicht durch die Politik der Leitung; nicht dank des Ultimatismus, sondern ihm zum Trotz! Überdies entscheidet nicht das zahlenmäßige Wachstum der Partei, es entscheidet das politische Wechselverhältnis zwischen Partei und Klasse. In dieser wesentlichen Frage verbessert sich die Lage nicht, denn die deutsche Partei richtet zwischen sich und der Klasse den Drahtverhau des Ultimatismus auf.

Die Zickzacks der Stalinisten in der Einheitsfrontfrage

Die ehemalige Sozialdemokratin Torhorst in Düsseldorf, die zur Kommunistischen Partei übergetreten ist, sagte in einem offiziellen Referat im Namen der Partei Mitte Januar in Frankfurt: »Die SPD-Führer sind genügend entlarvt und es ist Energieverschwendung, in dieser Richtung mit der Einheit von oben zu manövrieren«. Wir zitieren nach einer Frankfurter kommunistischen Zeitung, die sich über das Referat höchst lobend ausspricht. »Die SPD-Führer sind genügend entlarvt«. Genügend – für die Referentin, die von der Sozialdemokratie zum Kommunismus übergegangen ist (was ihr natürlich Ehre macht), aber ungenügend für jene Millionen Arbeiter, die für die Sozialdemokratie stimmen und die reformistische Gewerkschaftsbürokratie über sich dulden.

Doch unnütz, sich auf ein einzelnes Referat zu berufen. Im letzten mir zugekommenen Aufruf der Roten Fahne (28. Januar) wird neuerdings der Nachweis versucht, dass die Schaffung der Einheitsfront nur gegen die sozialdemokratischen Führer und ohne sie zulässig sei; der Grund: »Niemand wird ihnen Glauben schenken, der die Taten dieser ›Führer‹ in den letzten 18 Jahren erlebt und geprüft hat.« Und was, fragen wir, ist mit jenen, die weniger als 18 Jahre und sogar weniger als 18 Monate an der Politik teilnehmen? Seit Kriegsausbruch sind einige politische Generationen aufgewachsen, die die Erfahrung der alten Generationen durchmachen müssen, wenn auch in äußerst verkürztem Maßstab. »Es geht gerade darum«, belehrte Lenin die Ultralinken, »dass wir das, was für uns erledigt ist, nicht als erledigt für die Klasse, nicht als erledigt für die Massen betrachten.«

Aber auch die ältere sozialdemokratische Generation, die die Erfahrung der 18 Jahre durchgemacht hat, hat noch gar nicht mit den Führern gebrochen. Im Gegenteil, bei der Sozialdemokratie verharren gerade viele »Alte«, die durch lange Traditionen mit der Partei verbunden sind. Selbstverständlich ist es betrüblich, dass die Massen so langsam lernen. Doch tragen daran die kommunistischen »Pädagogen« ein gut Teil Schuld, die nicht verstanden haben, das verbrecherische Wesen des Reformismus anschaulich darzulegen. Es kommt darauf an, wenigstens die neue Lage zu nutzen, wo die Aufmerksamkeit der Massen aufs Äußerste gespannt ist, um die Reformisten einer neuen, vielleicht diesmal wirklich entscheidenden Prüfung zu unterziehen.

Ohne um ein Haar unsere Meinung über die sozialdemokratischen Führer zu verbergen oder zu mildern, können und müssen wir den sozialdemokratischen Arbeitern sagen: Da ihr einerseits bereit seid, gemeinschaftlich mit uns zu kämpfen, andererseits noch immer nicht mit euren Führern brechen wollt, schlagen wir euch vor: »Zwingt sie, in Gemeinschaft mit uns für diese und jene praktischen Aufgaben mit diesen und jenen Mitteln den Kampf zu beginnen; was uns Kommunisten anlangt, wir sind bereit.« Was kann es Einfacheres, Klareres, Überzeugenderes geben?

Gerade in diesem Sinne schrieb ich – mit der bewussten Absicht, ehrliches Entsetzen oder gespielte Empörung der Dummköpfe und Scharlatane hervorzurufen –, dass wir im Kampf gegen den Faschismus bereit seien, ein praktisches Kampfabkommen mit dem Teufel, seiner Großmutter und sogar mit Noske und Zörgiebel abzuschließen.[3]

Ihren unhaltbaren Standpunkt stößt die offizielle Partei selber auf Schritt und Tritt um. In den Aufrufen zur »Roten Einheitsfront« (mit sich selbst) erhebt sie beständig die Forderung: »Uneingeschränkte proletarische Demonstrations-, Versammlungs-, Koalitions- und Pressefreiheit.« Das ist eine vollkommen richtige Losung. Aber insofern die Partei von proletarischen und nicht bloß von kommunistischen Zeitungen, Versammlungen usw. spricht, erhebt sie faktisch die Losung der Einheitsfront mit der gleichen Sozialdemokratie, die Arbeiterzeitungen herausgibt, Versammlungen abhält usw. Politische Losungen aufstellen, die an sich die Idee der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie beinhalten, und praktische Abmachungen für den Kampf um diese Losungen zurückweisen – das ist der Gipfel der Sinnlosigkeit!

Details

Seiten
0
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783886346004
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v324330
Schlagworte
Geschichte Deutschlands Stalinismus Nationalsozialismus

Autor

  • Leo Trotzki

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Titel: Was nun?