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Geschichte der Russischen Revolution

Februarrevolution

von Leo Trotzki Alexandra Ramm

2017 408 Seiten

Leseprobe

Einleitung

Leo Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« gehört auch 80 Jahre nach ihrem Erscheinen zu den bedeutendsten Werken der historischen Literatur. Sie behandelt eine Epoche von ungeheurer Dynamik, die der Weltgeschichte innerhalb weniger Monate eine neue Richtung gab, das Leben von Millionen Menschen – nicht nur in dem riesigen Zarenreich, sondern auf der ganzen Welt – grundlegend veränderte und bis heute beein lusst.

Die Oktoberrevolution stellte, wie der britische Historiker Edward Hallett Carr feststellte, »die erste offene Herausforderung an das kapitalistische System dar, welches im Europa des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte. Dass sie sich auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkrieges ereignete, teilweise als Folge dieses Krieges, war mehr als ein Zufall. Dieser Krieg hatte der internationalen kapitalistischen Ordnung, wie sie vor 1914 bestanden hatte, einen tödlichen Stoß versetzt und die ihr eigene mangelnde Stabilität bloßgelegt. Man kann in dieser Revolution sowohl eine Folgeerscheinung wie eine Ursache des Niedergangs des Kapitalismus sehen.«[1]

Die spätere Degeneration und Auflösung des aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Arbeiterstaats mindert nicht deren historische Bedeutung. Nicht zufällig war Trotzki, derselbe Mann, der die Revolution an Lenins Seite angeführt hatte und sie im vorliegenden Band so meisterhaft beschreibt, auch der erste und beharrlichste Kritiker ihrer stalinistischen Degeneration. Will man den Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion verstehen, sind Trotzkis Werke trotz der zahlreichen, seither erschienenen Detailstudien unverzichtbar. Neben der »Geschichte der Russischen Revolution« gilt dies insbesondere für die »Verratene Revolution«, seine gründliche Analyse der Ursachen und der Bedeutung des Stalinismus.

Die vielfach geäußerte Behauptung, die Auflösung der Sowjetunion 1991 habe die durch die Oktoberrevolution begonnene historische Epoche beendet, sei gleichbedeutend mit dem historischen Triumph der kapitalistischen Gesellschaftsordnung oder kennzeichne sogar das »Ende der Geschichte«, hat sich als grotesker Irrtum erwiesen. Die heutige Weltlage ist durch eine tiefe Krise des globalen Finanzsystems, wachsende soziale Spannungen und zunehmende internationale Konflikte gekennzeichnet und erinnert stark an die Jahre, die der Oktoberrevolution vorausgingen. Das verleiht diesem Buch, das eine der größten revolutionären Erhebungen der Weltgeschichte schildert, heute wieder brennende Aktualität.

Trotzkis Schilderung der revolutionären Periode vom Februar bis zum Oktober 1917 ist in vieler Hinsicht einzigartig. Er versteht es, die Ereignisse spannend zu erzählen und sie sowohl in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung als auch aus der besonderen Geschichte Russlands heraus verständlich und geradezu miterlebbar darzustellen. Der historische und literarische Rang dieses Werks – ebenso wie seiner ein Jahr zuvor erschienenen Autobiografie »Mein Leben« – wurde damals von vielen Zeitgenossen anerkannt, selbst wenn sie Trotzkis politische Ansichten nicht teilten. In zahlreichen Artikeln, Büchern oder Briefen finden sich entsprechende Würdigungen.

So schrieb der bekannte amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson 1933 in The New Republic über Trotzki: »In der ›Geschichte der Russischen Revolution‹ stellt er seine Auffassung der Gesellschaft und ihrer Entwicklung meisterhaft dar. Ebenso wie Marx’ ›Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‹ lässt uns dieses Werk hinter dem Schattenspiel der Politik die Gruppeninteressen, kollektiven Bedürfnisse und Begehrlichkeiten erkennen, in deren Licht sich die Figuren auf der Leinwand abzeichnen, auch wenn sie ihnen selbst bisweilen gar nicht bewusst sind. Wer Trotzkis Darstellung der Geschichte gelesen hat, kann die Sprache, die Konventionen und die Ansprüche der parlamentarischen Politik, falls er sich je Illusionen darüber hingab, nie wieder mit den alten Augen sehen. Ihre Konturen verschwimmen, sie verblassen und lösen sich buchstäblich in Luft auf. Der Kampf um Ämter, das alte Spiel der parlamentarischen Debatte erscheinen müßig und überholt. An ihre Stelle tritt eine neue Wissenschaft der gesellschaftlichen Umgestaltung und Organisation, von deren Genauigkeit wir mit unseren althergebrachten politischen Programmen nur träumen konnten und die so tief in den Kulturbestand eines Volkes eindringen kann, wie dies bisher selbst in Nationen, die unter unseren ›demokratischen‹ Einrichtungen die beste politische Bildung genossen, nicht vorstellbar war.«[2]

Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der in seiner Jugend als »Roter Kämpfer« wie viele Linke der Weimarer Zeit innerhalb und außerhalb der KPD von Trotzkis politischen Ansichten recht wenig hielt, aber seine Schriften verschlang, schrieb in seiner Autobiografie »Ein Deutscher auf Widerruf«: »Ich las Trotzkis Bücher voller Bewunderung. Welch ein Schriftsteller!«![3] In seinem Buch »Außenseiter« widmet er Trotzki ein ganzes Kapitel. Darin heißt es: »Man liest ein Buch wie ›Mein Leben‹ oder das Kapitel über Zar und Zarin in Trotzkis ›Geschichte der Februarrevolution‹ ... als authentische Literatur, die sich nahezu von der besonderen Existenz ihres Verfassers unabhängig zu machen vermochte.«[4]

Der Dramatiker Bertolt Brecht bezeichnete Trotzki als »größten lebenden Schriftsteller«. Das berichtet Walter Benjamin in seiner Schilderung eines Gesprächs, das im Juni 1931 im Café du Centre im südfranzösischen Le Lavandou stattfand.[5] Brecht selbst hat eine Episode aus »Mein Leben« in einem Gedicht verarbeitet.[6]

Im Mai 1932 schrieb Benjamin, der sich eine Fußverletzung zugezogen hatte, seinem Freund Georg Scholem, er verbringe die Zeit mit Trotzkis Geschichte der Februarrevolution«: »Hat man einmal begonnen, so kann man ohnehin kaum aufstehen.«[7] An Gretel Karplus (die Frau von Theodor W. Adorno) teilte er im selben Monat mit: »Ich habe erst die Geschichte der Februarrevolution von Trotzki gelesen und bin jetzt im Begriff, seine Autobiografie zu beendigen. Seit Jahren glaube ich nichts mit so atemloser Spannung in mich aufgenommen zu haben. Ohne jede Frage müssen Sie beide Bücher lesen. Wissen Sie, ob der zweite Band der Geschichte der Revolution – Oktober – bereits erschienen ist?«[8] Im April 1933 schrieb er derselben Adressatin, dass er von dem »gewaltigen Bauernroman ... nun den Schlussband, den Oktober lese, wo die Meisterschaft von Kritrotz (sic) vielleicht noch größer als im ersten ist.[9] Auch weiteren Empfängern seiner Briefe empfiehlt er die Trotzki-Lektüre.

Der surrealistische Schriftsteller André Breton, der Trotzki 1938 in Mexiko besuchte und mit ihm und dem Maler Diego Rivera ein Manifest für die Freiheit der Kunst verfasste, bewundert Trotzkis Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und zu -fühlen. Seine größte Anziehungskraft bestehe aber in seiner »bedeutenden intellektuellen Begabung, die in Werken wie ›Mein Leben‹ oder ›Geschichte der Russischen Revolution‹ zu Tage tritt.«[10]

Der Ökonom Fritz Sternberg, Autor eines umfangreichen Buches über den Imperialismus, führte 1934 lange Diskussionen mit Trotzki. Den Kontakt hatte Trotzkis Sohn Leo Sedow vermittelt, der in Berlin Vorlesungen Sternbergs besucht hatte. Sternberg notierte: »Trotzki war einer der größten Männer unseres Jahrhunderts. Er war ein genialer Mann. Er war ein Mann der Aktion ... Trotzki war gleichzeitig ein großer Denker und ein genialer Schriftsteller, und das eigenartige – einzigartige – seiner Persönlichkeit ergab sich gerade daraus, dass er wie kein anderer im zwanzigsten Jahrhundert gleichzeitig ein Revolutionär, ein Feldherr, ein Denker und ein Schriftsteller war.«[11]

Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger François Mauriac schrieb 1959 in seinen »Memoires intérieurs« über Trotzkis Autobiografie Mein Leben«: »Ich hatte in die Autobiografie von Trotski reingeschaut mit ein paar Hintergedanken, die, muss ich zugeben, nicht alle unschuldig waren. Die aktuelle Konjunktur in der UDSSR und das Abmontieren von Stalin hatte mich dazu gebracht dieses dicke Buch zu öffnen. Dieser außerordentliche politische Roman (denn nie wurde die Geschichte romanhafter) hat mich einen großen Schriftsteller entdecken lassen und, glaube ich, ein Meisterwerk.« An anderer Stelle heißt es: »Bei Trotzki gibt es eine offensichtliche Verführung. Zunächst wundert sich der bürgerliche Leser immer, dass ein Revolutionär gemeinsame Züge mit einem gemeinen Sterblichen aufweist. Von den ersten Seiten an wurde ich gefesselt, wie mich nur Tolstoi und Gorki gefesselt haben. Wäre Trotzki nicht Aktiver in einer marxistischen Revolution geworden, hätte er seinen Platz unter den Meistern der Literatur gefunden.«[12]

Historische Objektivität

Die »Geschichte der russischen Revolution« ist kein konventionelles Werk akademischer Historiker. Trotzki schildert Ereignisse, an denen er selbst in führender Position teilgenommen hat. Das macht sein Buch so einmalig. Es atmet die Authentizität und das Engagement des unmittelbar Beteiligten. Dennoch ist es weder ein autobiografisches noch ein Memoirenwerk. Trotzki unterstreicht das, indem er von sich selbst in der dritten Peron spricht. Sein Ziel umreißt er mit den Worten: »Die Geschichte der Revolution muss, wie jede Geschichte, vor allem berichten, was geschah und wie es geschah. Das allein jedoch genügt nicht. Aus dem Bericht selbst muss klar werden, weshalb es so und nicht anders geschah.«[13]

Der Umstand, dass Trotzki die Revolutionsgeschichte als unmittelbar Beteiligter schrieb, löste seit Erscheinen des Buches Debatten darüber aus, ob er die nötige Distanz und Objektivität bewahrt habe. Es wurde ihm vorgeworfen, er sei zu nahe an den Ereignissen gewesen, lasse die für einen Historiker notwendige Distanz und Objektivität vermissen, stelle die Fakten falsch oder einseitig dar und ergreife Partei, indem er die Interessen und die Psychologie der herrschenden Klassen so überaus deutlich darstelle und ihnen die historisch fortschrittliche Rolle der Unterdrückten entgegensetze. Trotzki selbst hat sich sowohl im Vorwort als auch später zu diesen Vorwürfen geäußert. Er habe objektiv aber nicht unparteiisch geschrieben, als Beteiligter, der sich der objektiven historischen Bedeutung des Geschehens, seines eigenen Handelns eingeschlossen, bewusst war.

Den Einwand, der Historiker müsse über den kämpfenden Lagern stehen, wies er zurück. Dies sei bei der Darstellung unversöhnlicher gesellschaftlicher Gegensätze nicht möglich und diene lediglich dazu, den wirklichen Standpunkt des Autors zu vertuschen. »Der ernste und kritische Leser bedarf keiner verlogenen Unvoreingenommenheit, … sondern der methodischen Gewissenhaftigkeit, die für ihre offenen, unverschleierten Sympathien und Antipathien eine Stütze in ehrlicher Erforschung der Tatsachen sucht, in der Feststellung ihres wirklichen Zusammenhanges, in der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit ihrer Folge. Dies ist die einzig mögliche historische Objektivität und dabei eine vollkommen ausreichende, denn sie wird überprüft und bestätigt nicht durch die guten Absichten des Historikers, für die obendrein er selbst einsteht, sondern durch die von ihm aufgedeckte Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses selbst.«[14]

Was die ehrliche Erforschung der Tatsachen betrifft, hat Trotzki die Fakten weder verfälscht noch einseitig ausgewählt. Im Gegensatz zu Stalin und seinen »Historiografen«, die sogar die Bilddokumente der Oktoberrevolution unterdrückten oder retouchierten, um ihre Herrschaft durch geschichtliche Fälschungen zu legitimieren, stützt sich seine Darstellung auf offizielle Dokumente und auf Erinnerungen, die nicht nur von Weggefährten, sondern auch von politischen Gegnern stammen. Die Zuverlässigkeit der Darstellung erweist sich gerade bei der Heranziehung »feindlicher« Quellen, wie der Erinnerungen von Suchanow oder Miljukow. Sie verleiht dem Text Glaubwürdigkeit und macht gleichzeitig die unterschiedlichen Klassenstandpunkte des Autors und der jeweils Zitierten deutlich.

Der Menschewist Theodor Dan hat zwar in einer langatmigen Rezension den Versuch unternommen, Trotzki Einseitigkeit, willkürliche Auswahl des herangezogenen Materials und einzelne »Fehler« nachzuweisen. Die angeblichen »Fehler« gehen aber im Wesentlichen auf Dans politische Gegnerschaft zu Trotzki und den Bolschewiki zurück. Seine »Richtigstellungen« präsentieren die historischen Ereignisse nicht »objektiver«, sondern sind eine ideologische Interpretation der »Fakten« aus Sicht eines Gegners der Oktoberrevolution.[15]

Das entscheidende Kriterium der Objektivität war für Trotzki, wie wir bereits gesehen haben, die Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses: »Die Geschehnisse können weder als Kette von Abenteuern betrachtet noch auf den Faden einer vorgefassten Moral aufgezogen werden. Sie müssen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchen. In der Aufdeckung dieser Gesetzmäßigkeit sieht der Autor seine Aufgabe.«[16] Unter historischen Gesetzen verstand er keine Postulate oder theoretischen Axiome, die dem objektiven Gang der Ereignisse übergestülpt werden, wie der Politikwissenschaftler Baruch Knei-Paz meint.[17] Er leitete sie materialistisch aus der Geschichte ab. Seine Rolle als marxistischer Denker, politischer Führer und Historiker ergänzten sich in dieser Frage ideal.

Ein Hauptmerkmal der russischen Revolution war der hohe Bewusstheitsgrad ihrer Führer, allen voran Lenins und Trotzkis. Sie ließen sich nicht von den Ereignissen treiben, sondern hatten die objektiven Triebkräfte und die soziale Dynamik der Revolution in jahrelanger Vorbereitungsarbeit theoretisch durchdacht und verstanden. Trotzki hatte die Klassendynamik der kommenden russischen Revolution seit zehn Jahren vorausgesehen. Gestützt auf die Erfahrungen der Revolution von 1905 war er zum Schluss gelangt, dass die Arbeiterklasse nicht beim demokratischen, bürgerlichen Stadium der Revolution stehen bleiben könne, sondern zur sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft übergehen müsse, um ihre elementaren demokratischen Rechte und Existenzbedingungen zu sichern. Diese Auffassung stand im Mittelpunkt seiner Theorie der permanenten Revolution, die er 1906 im Aufsatz »Ergebnisse und Perspektiven« darlegte. Sie wurde durch die Ereignisse des Jahres 1917 vollauf bestätigt. Nachdem Lenin im April nach Russland zurückgekehrt war, bildete sie die Grundlage der bolschewistischen Politik. Sie dient Trotzki auch als Leitfaden bei der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit der Revolution.

Im Gegensatz zu den Menschewiki, die das Schema der europäischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts einfach mechanisch auf Russland übertrugen, stützte sich Trotzki auf das Gesetzes der ungleichen und kombinierten Entwicklung: »Die Ungleichmäßigkeit, das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses, enthüllt sich am krassesten und am verwickeltsten am Schicksal verspäteter Länder. Unter der Knute äußerer Notwendigkeit ist die Rückständigkeit gezwungen, Sprünge zu machen. Aus dem universellen Gesetz der Ungleichmäßigkeit ergibt sich ein anderes Gesetz, das man mangels passenderer Bezeichnung das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen kann, im Sinne der Annäherung verschiedener Wegetappen, Verquickung einzelner Stadien, des Amalgams archaischer und neuzeitiger Formen. Ohne dieses Gesetz, selbstverständlich in seinem gesamten materiellen Inhalt genommen, vermag man die Geschichte Russlands wie überhaupt aller Länder zweiten, dritten und zehnten Kulturaufgebots nicht zu erfassen.«[18]

Die Besonderheit der russischen Revolution lag im Zusammenfallen des Bauernkriegs und des proletarischen Aufstands, die in den fortgeschrittenen europäischen Ländern Jahrhunderte auseinander lagen. »Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, hätte sie es zu lösen vermocht, das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz verschiedener historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Darin eben besteht das Jahr 1917.«[19]

Im Vorwort zum zweiten Band fasst Trotzki den besonderen Charakter der russischen Revolution in den Worten zusammen: »Russland hat seine bürgerliche Revolution so spät vollzogen, dass es gezwungen war, sie in die proletarische umzuwandeln. Mit anderen Worten: Russland war hinter den übrigen Ländern so weit zurückgeblieben, dass es, wenigstens auf gewissen Gebieten, diese überholen musste. Das mag widersinnig erscheinen. Indes ist die Geschichte voll von solchen Paradoxen. Das kapitalistische England hatte andere Länder so weit überholt, dass es gezwungen war, hinter diesen zurückzubleiben. Pedanten glauben, die Dialektik sei müßiges Gedanken-spiel. In Wirklichkeit reproduziert sie nur den Entwicklungsprozess, der in Widersprüchen lebt und sich bewegt.«[20]

Masse und Führung

Viele Historiker denunzieren die Oktoberrevolution bis heute als »Verschwörung« und »Putsch« einer kleinen Gruppe bolschewistischer Revolutionäre. Sie behaupten, ihre Protagonisten hätten eine friedliche, bürgerlich-demokratische Entwicklung Russlands verhindert und damit die Grundlage für die spätere stalinistische Diktatur gelegt.

Trotzkis Buch widerlegt diese Auffassung überzeugend. »Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke«, schreibt er und schildert minutiös, wie die Massen, denen die alte Ordnung unerträglich wird, den »Fachmännern« des geschichtlichen Handwerks – den Monarchen, Ministern, Bürokraten, Parlamentariern, Journalisten – das Heft aus der Hand nehmen.[21] Er untersucht den psychologischen Prozess, der sich unter dem Druck des Krieges und der Politik der provisorischen Regierung unter den Arbeitermassen vollzieht. Allmählich durchschauen sie die Machenschaften der ihnen feindlich gesonnenen politischen Kräfte, der Versöhnler und Opportunisten, und überzeugen sich von der Folgerichtigkeit der Politik der Bolschewiki. Sie verstehen, dass sie nur so ihre elementaren Interessen – Brot, Land und Frieden – verwirklichen können. Aus dem spontanen Zorn entwickelt sich nach und nach das Verständnis, dass die Politik der provisorischen Regierung in die Sackgasse führt. Die sozialistische Perspektive der Bolschewiki setzt sich durch und beginnt ihr Handeln anzuleiten.

Trotzkis Verständnis der Sozialpsychologie der Massen unterscheidet sich grundlegend von den Auffassungen der Frankfurter Schule – den Konzeptionen Max Horkheimers, Theodor Adornos und Herbert Marcuses –, die in den 1960er Jahren weite Verbreitung fanden. Für letztere ist die Massenpsychologie die Psychologie des Mobs, die Quelle reaktionärer Entwicklungen. Für Trotzki hingegen spielen die Massen keine reaktionäre, sondern eine fortschrittliche Rolle. Das heißt nicht, dass er die Probleme und Schwächen verschweigt, mit denen sie aufgrund der nicht selbst verschuldeten Rückständigkeit zu kämpfen haben. Er schildert die Sprünge, die sich im Bewusstsein der Massen vollziehen, gerade als Folge des Widerspruchs zwischen ihrem Konservativismus und der Reife der objektiven Lage.

Für Trotzki war die Oktoberrevolution zwar historisch unvermeidbar, ihr Sieg aber keineswegs vorherbestimmt. Ausschlaggebend für die revolutionäre Situation und letztlich auch des Bewusstseins der Akteure waren die objektiven Bedingungen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war aber das subjektive Handeln der revolutionären Führung entscheidend für den Sieg des Proletariats. Trotzki stellt das Verhältnis der Massen und ihrer Führer und die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte ebenso meisterhaft dar, wie die Entwicklung der objektiven Bedingungen.

Über Lenin schreibt er: »Die Rolle der Persönlichkeit tritt hier vor uns in wahrhaft gigantischem Maßstabe auf. Nur muss man diese Rolle richtig begreifen und die Persönlichkeit als ein Glied der historischen Kette betrachten. Lenins »plötzliche« Ankunft aus dem Auslande nach langer Abwesenheit, der wilde Lärm der Presse um seinen Namen, der Zusammenstoß Lenins mit allen Führern der eigenen Partei und sein schneller Sieg über sie – kurz die äußere Hülle der Ereignisse hat in diesem Falle stark zur mechanischen Gegenüberstellung von Person, Held, Genie, objektiven Verhältnissen, Masse, Partei beigetragen. In Wirklichkeit ist eine solche Gegenüberstellung völlig einseitig. Lenin war kein zufälliges Element der historischen Entwicklung, sondern Produkt der gesamten vergangenen russischen Geschichte. Er war tief in ihr verwurzelt. Gemeinsam mit den fortgeschrittenen Arbeitern hatte er während des vorangegangenen Vierteljahrhunderts ihren ganzen Kampf mitgemacht.«[22]

Was Trotzki hier so treffend beschreibt, gilt zweifellos nicht nur für Lenin, sondern auch für ihn selbst. Vergleicht man seine Darstellung mit der anderer Augenzeugen, wie etwa John Reed, so scheint er seine eigene Rolle bewusst hinter der Lenins zurückzustellen. Reed gibt die folgende begeisterte Darstellung von Trotzkis Wirkung als Redner: »Und dann stand Trotzki auf der Tribüne, selbstsicher, faszinierend, das ihm eigene sarkastische Lächeln um den Mund. Er sprach mit weithin schallender Stimme, die Masse zu sich emporreißend ... Und die Massen jubelten ihm zu, zu kühnem Wagen entflammt bei dem Gedanken, dass sie berufen sein sollten, die Vorkämpfer der Menschheit zu sein. Und von dem Augenblick an lebte in den aufständischen Massen, in all ihren Aktionen, etwas Bewusstes und Entschlossenes, was sie nie wieder verließ.«[23]

Trotzkis Begabung als Redner und Organisator beruhte auf denselben Fähigkeiten wie seine Meisterschaft in der Kunst des Aufstands, die er als Vorsitzender des Petersburger Sowjets und Leiter des militärischen Revolutionskomitees beherrschte und in ihrer praktischen Entfaltung im Buch höchst spannend beschreibt – auf seiner präzisen Analyse der objektiven Situation einschließlich der Interessen und der Psychologie der jeweiligen Akteure aller Klassen. Beides basierte auf seinem Gespür für die Bedürfnisse und das Bewusstsein der Massen und seiner Fähigkeit, die Absichten der Gegner zu begreifen und vorauszusehen.

Ein Stück Weltliteratur

Trotzkis »Geschichte der Russischen Revolution« ist nicht nur ein geniales historisches Werk, sondern auch ein Stück Weltliteratur, das so manches fiktive Werk in den Schatten stellt. Der Autor beschreibt vom heutigen Standpunkt aus lange zurückliegende Ereignisse und Personen, die – außer Historikern – nur wenige Menschen noch kennen und einordnen können. Aber seine Beschreibungen sind so spannend und kurzweilig, seine Charakteristiken so plastisch, dass sie wieder lebendig werden und erstaunliche Ähnlichkeiten zur heutigen Politprominenz aufweisen. Auch die herrschenden Klassen im alten Russland beschreibt Trotzki nicht in trockenen Abhandlungen. Die Schilderung der Ereignisse und der Personen ist von einer Lebendigkeit und Klarheit, die den Leser mitten ins Geschehen versetzt, ohne dass er den Kompass verliert, um sie historisch und gesellschaftlich einzuordnen. Sein Buch steht in der Tradition der großen russischen Erzähler, vergleichbar mit Tolstois »Krieg und Frieden«.

Wie Juliana Ranc[24]nachweist, hatte Trotzki zeitlebens ein großes Interesse an Literatur. Er setzte sich in seiner Jugend intensiv mit der klassischen und der Gegenwartsliteratur seiner Zeit auseinander und wollte selbst Schriftsteller werden. Er lebte sowohl während der Jahre seines ersten und zweiten Exils vor 1917 als auch nach seiner Verbannung aus der Sowjetunion 1927 fast ausschließlich von seiner Tätigkeit als Journalist und politischer Schriftsteller. So schrieb er glänzende Reportagen über den Balkankrieg und den Ersten Weltkrieg für russische Zeitungen.

Ein Beispiel für Trotzkis meisterhafte Ironie findet sich in seiner Schilderung der Auseinandersetzungen innerhalb der provisorischen Regierung:

»Zeretelli, ein unerschöpflicher Born von Gemeinplätzen, entdeckte, dass das Haupthindernis für eine Verständigung ›bislang im gegenseitigen Misstrauen bestand ... Dieses Misstrauen muss beseitigt werden‹. Außenminister Tereschtschenko errechnete, dass von den 197 Lebenstagen des Bestehens der revolutionären Regierung 56 auf Krisen verbraucht worden waren. Worauf die übrigen Tage verbraucht wurden, erklärte er nicht.«[25]

Wenn Trotzki anekdotenhaft einzelne Episoden erzählt, so illustrieren sie nicht nur die Ereignisse, sondern haben immer auch eine präzise Funktion für die Deutung der soeben dargestellten historischen Situation. Das macht seine Geschichte zu einem kaleidoskopartigen historischen Gemälde, wie sie in der Malerei der Renaissance üblich waren. Ein Beispiel dafür ist die Schilderung des Ausbruchs der Februarrevolution.

Obwohl die Arbeiterkomitees einschließlich der bolschewistischen in St. Petersburg beschlossen hatten, von einem Streik zurückzuhalten, kam es am internationalen Frauentag ganz anders: »Am andern Morgen jedoch traten den Direktiven zuwider die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken in den Ausstand und entsandten Delegierte zu den Metallarbeitern mit der Aufforderung, den Streik zu unterstützen. ›Schweren Herzens‹, schreibt Kajurow, gingen die Bolschewiki darauf ein, denen sich die menschewistischen und sozialrevolutionären Arbeiter anschlossen. Wenn aber Massenstreik, dann müsse man alle auf die Straße rufen und sich selbst an die Spitze stellen: Diesen Beschluss setzte Kajurow durch, und das Wyborger Komitee musste ihm beistimmen. ›Der Gedanke an eine Aktion reifte unter den Arbeitern schon längst, nur ahnte in diesem Augenblick niemand, welche Formen sie annehmen würde.‹ Merken wir uns dieses Zeugnis eines Teilnehmers, das für das Verständnis der Mechanik der Ereignisse sehr wichtig ist ... Die Tatsache bleibt also bestehen, dass die Februarrevolution von unten begann nach Überwindung der Widerstände der eigenen revolutionären Organisationen, wobei die Initiative von dem am meisten unterdrückten und unterjochten Teil des Proletariats, den Textilarbeiterinnen, unter denen, wie man sich denken kann, nicht wenig Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen wurde. Den letzten Anstoß gaben die immer länger werdenden Brotschlangen. Ungefähr 90.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten an diesem Tage. Die Kampfstimmung entlud sich in Demonstrationen, Versammlungen und Zusammenstößen mit der Polizei.«[26]

Ein weiteres Beispiel ist das Zusammentreffen einer Arbeiterdemonstration mit einem Kosakenregiment zu Beginn des Aufstands.[27] Auch die Beschreibung der armseligen konterrevolutionären Belegschaft des Winterpalais vor der Eroberung durch die Revolutionäre oder die Schilderung der Verhandlungen des Sowjetkongresses vom 3. Juni zeigen Trotzkis Fähigkeit, historisch herausragende Ereignisse ebenso witzig wie dramatisch und einprägsam zu beschreiben oder sie ironisch in ihrer Erbärmlichkeit zu karikieren.

Hervorzuheben ist auch sein Vergleich des Kongresses der Sowjetdiktatur vom 25. Oktober, des »demokratischsten aller Parlamente der Weltgeschichte«, mit dem Sowjetkongress nach der Februarrevolution: »Das Äußere des Kongresses gab ein Bild von seiner Zusammensetzung. Offizierachselstücke, Intellektuellenbrillen und Krawatten des ersten Kongresses waren fast völlig verschwunden. Ungeteilt herrschte die graue Farbe, in der Kleidung wie auf den Gesichtern. Alles war durch die Dauer des Krieges abgetragen. Viele städtische Arbeiter hatten sich Soldatenmäntel zugelegt. Die Schützengrabendelegierten sahen gar nicht malerisch aus: seit langem unrasiert, in alten, zerrissenen Mänteln, in schweren Pelzmützen, aus denen nicht selten Watte herausquoll über zerzaustem Haar. Grobe verwitterte Gesichter, schwere, rissige Hände, von Tabak gelbe Finger, abgerissene Knöpfe, herabhängende Mantelgurte, verschrumpfte, rotgelbe, längst nicht mehr geschmierte Stiefel. Die plebejische Nation hatte zum ersten Mal eine ehrliche, ungeschminkte Vertretung nach ihrem eigenen Ebenbild entsandt.«[28]

Unvergleichlich sind seine Charakterdarstellungen des Zaren und der Zarin wie ihres Anhangs, der Vertreter des Adels, der Großgrundbesitzer, der Geistlichkeit, der Beamten, der Offiziere, der Großbourgeoisie und der politischen Führer der »Liberalen« wie Miljutin, Rodsjanko und Gutschkow. Er beschreibt, wie all diese Leute eng mit dem imperialistischen Krieg verknüpft und davon abhängig sind, dass er weiter geführt wird. So enthalten seine Charakterdarstellungen der einzelnen Personen zugleich die historische Einschätzung ihres Wirkens.

Die Vertreter der Bourgeoisie befürworteten zwar Reformen und parlamentarische Demokratie, waren aber jederzeit zur Unterordnung unter den Zaren bereit, wenn es darum ging, die Ansprüche der Arbeiterklasse abzuwehren. Gleichzeitig machte ein beträchtlicher Teil der Bourgeoisie ungeheure Gewinne mit dem Krieg, während sich die Versorgung in den Städten immer mehr verschlechtert. »Dutzende und Hunderte von Millionen, die zu Milliarden anwuchsen, durch weitverzweigte Kanäle geleitet, berieselten reichlich die Industrie und stillten unterwegs noch eine Menge Appetite. In der Reichsduma und in der Presse wurden einige Kriegsgewinne für das Jahr 1915 bis 1916 bekannt gegeben: Die Gesellschaft des Moskauer liberalen Textilfabrikanten Rjabuschinski wies 75 Prozent Reingewinn aus; die Twerer Manufaktur sogar 111 Prozent; das Kupferwalzwerk Koljtschugin warf bei einem Grundkapital von 10 Millionen 12 Millionen Gewinn ab. Die Tugend des Patriotismus wurde in diesem Sektor im Überfluss und dabei unverzüglich belohnt.«[29] Als sich die Klassenauseinandersetzungen in den Monaten nach der Februarrevolution zuspitzten, waren diese Leute bereit, die demokratische Fassade fallen zu lassen, und verbündeten sich mit Kornilow, der das Ziel hatte, eine Militärdiktatur zu errichten.

Wunderbar ist auch die Darstellung Kerenskis, des letzten Chefs der Provisorischen Regierung, die haargenau mit dem Bild übereinstimmt, das man von Kerenski aus den Dokumentaraufnahmen der damaligen Zeit kennt. Den Charakter der Militärs trifft Trotzki mit den Worten: »Das Einzige, was die russischen Generale mit Schwung taten, war das Herausholen von Menschenfleisch aus dem Lande. Mit Rind und Schweinefleisch ging man unvergleichlich sparsamer um.«[30]

Nicht unbeteiligt am Erfolg der »Geschichte der Russischen Revolution« ist die Übersetzung von Alexandra Ramm-Pfemfert. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem Autor, der ihre Arbeit sehr schätzte und voll autorisiert hat, ist es offensichtlich gelungen, den Text so stimmig aus dem Russischen ins Deutsche zu übertragen, wie es bei solchen Werken nur selten gelingt. Das ging nicht ohne Konflikte ab. Der Briefwechsel zwischen Autor und Übersetzerin zeugt davon, wie um die präzise Übertragung so manchen Wortes oder Satzes gerungen wurde.[31] Nicht unterschätzt werden dürfen auch der Beitrag, den sie durch die Beschaffung von Quellenmaterial zu diesem Werk leistete, wobei sie große Findigkeit und Mut bewies, sowie ihre hartnäckigen Verhandlungen mit Verlagen und die vielfältige Unterstützung Trotzkis und seiner Familie. Dies war umso bedeutender, als Trotzki diese Zeit der schlimmsten Wirtschaftskrise mit den wenigen Angehörigen, die Stalins Verfolgung entkommen konnten, im erzwungenen Exil auf der türkischen Insel Prinkipo ohne Zugang zu Bibliotheken oder Archiven verbringen musste.

Marxistisches Erbe

Lenin und Trotzki hatten 1917 fest damit gerechnet, dass der sowjetische Arbeiterstaat bald Unterstützung durch das siegreiche Proletariat fortgeschrittener Länder erhalten werde. Doch die revolutionären Aufstände, die nach Kriegsende in Deutschland, Ungarn und anderen europäischen Ländern ausbrachen, wurden niedergeschlagen. Das forderte von der Sowjetunion einen schweren Tribut. Sie blieb isoliert. Die durch Krieg und Bürgerkrieg verschärfte ökonomische Rückständigkeit zwang die Bolschewiki zu marktwirtschaftlichen Zugeständnissen und ließ die Bürokratie in Staat und Partei anwachsen. Die konservative Bürokratie fand in Stalin ihren Führer und vertrieb nach und nach alle oppositionellen Strömungen aus der Partei, allen voran die Linke Opposition, die sich 1923 unter Trotzkis Führung gebildet hatte.

1929 gelangte die stalinistische Bürokratie zum Schluss, dass ihre Herrschaft sicherer sei, wenn sie ihren schärfsten Kritiker außer Landes bringe. Trotzki wurde deportiert. Stalin errichtete in der Sowjetunion ein Terrorregime, dem nach und nach fast die gesamte Führungsschicht der Oktoberrevolution sowie Hunderttausende revolutionäre Arbeiter, Intellektuelle, Ingenieure und Offiziere zum Opfer fielen. Trotzki selbst wurde am 20. August 1940 im mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten ermordet. Die Kommunistische Internationale verwandelte sich unter stalinistischer Führung in ein Werkzeug der sowjetischen Außenpolitik, die weltweit jede revolutionäre Initiative abwürgte. In Deutschland hatte sie der Kommunistischen Partei einen Kurs aufgezwungen, der die Arbeiterklasse spaltete und den Nationalsozialisten die Machtübernahme ermöglichte.

Trotzki konzentrierte seine letzten elf Lebensjahre im Exil darauf, das marxistische Erbe gegen die stalinistische Konterrevolution zu verteidigen und eine neue Internationale aufzubauen. Am 21. März 1935 bemerkte er in seinem Tagebuch: »... der Zusammenbruch zweier Internationalen hat ein Problem entstehen lassen, zu dessen Lösung kein einziger Führer dieser Internationalen auch nur im Geringsten geeignet ist. Im Vollbesitz schwerwiegender Erfahrungen, bin ich durch die besonderen Umstände meines persönlichen Schicksals mit diesem Problem konfrontiert. Gegenwärtig gibt es niemanden außer mir, der die Aufgabe erfüllen könnte, die neue Generation mit der Kenntnis der Methode der Revolution über die Köpfe der Führer der Zweiten und Dritten Internationale hinweg auszurüsten.«[32]

Die »Geschichte der russischen Revolution« fügt sich nahtlos in diese Arbeit ein. Angesichts der Flut von Geschichtsfälschungen, die mit offizieller Rückendeckung des sowjetischen Staatsapparats produziert wurden und in antikommunistischen Kreisen des Westens ein willkommenes Echo fanden, hielt es Trotzki für unverzichtbar, den wirklichen Verlauf und die Bedeutung der Oktoberrevolution auch kommenden Generationen zu überliefern. Trotz der schweren Schläge, die er selbst, seine Familie und die Vierte Internationale unter der doppelten Verfolgung durch Stalinismus und Faschismus erlitten, hielt er Zeit seines Lebens an seinem revolutionären Optimismus fest. Er war überzeugt, dass »die Gesetze der Geschichte stärker sind als die bürokratischen Apparate«.[33]

Die gegenwärtige Krise ruft ein wachsendes Interesse an Fragen der Geschichte hervor. Die sozialen Gegensätze haben wieder ein Ausmaß erreicht, das an die schlimmsten Zeiten des zaristischen Selbstherrschertums erinnert. Die Neuauflage von Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« führt einer Generation, die keine sozialen Kämpfe erlebt hat, die Klassendynamik einer Volkserhebung vor Augen. Sie zeigt die verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung und den Lernprozess der Massen, die sich vom unterdrückten, ausgebeuteten Kanonenfutter zum selbstständig handelnden historischen Subjekt erheben. Sie ist ein Handbuch der sozialen Revolution.

Um es mit Trotzkis eigenen Worten zu sagen: »Die Geschichte hätte keinen Wert, wenn sie uns nichts lehren würde. Die machtvolle Planmäßigkeit der russischen Revolution, die Kontinuierlichkeit ihrer Etappen, die Unüberwindlichkeit des Massenvorstoßes, die Vollendung der politischen Gruppierungen, die Prägnanz der Parolen, all das erleichtert aufs Äußerste das Verständnis für die Revolution im Allgemeinen und damit auch für die menschliche Gesellschaft. Denn man darf durch den gesamten Verlauf der Geschichte als erwiesen betrachten, dass eine von inneren Widersprüchen zerrissene Gesellschaft nicht nur ihre Anatomie, sondern auch ihre ›Seele‹ gerade in der Revolution restlos enthüllt.«[34]

Essen, den 5. Oktober 2009

Sybille Fuchs

Anmerkungen

[1] E. H. Carr: Die Russische Revolution, Lenin und Stalin 1917–1929, Stuttgart, 1980.

[2] Edmund Wilson: Trotsky, in The new Republic, 4. und 11. Januar 1933, S. 237.

[3] Hans Mayer. Ein Deutscher auf Widerruf, Erinnerungen. Bd. 1, Frankfurt am Main 1982, S. 157.

[4] Hans Mayer. Außenseiter, Frankfurt am Main, 1975, S. 434

[5] Zitiert nach Werner Hecht. Brecht Chronik 1898 –1956, Frankfurt 1997, S. 308.

[6] Bertolt Brecht. Die Bolschewiki entdecken im Sommer 1917 im Smolny, wo das Volk vertreten war: In der Küche. In: Gesammelte Werke, Bd. 8, Frankfurt 1967, S. 392.

[7] Walter Benjamin: Gesammelte Briefe, Bd. 4, Frankfurt, 1998, S. 97.

[8] Ebd., S. 97.

[9] Ders. Gesammelte Briefe, Bd. 4, Frankfurt, 1998, S. 187.

[10] Leo Trotzki 1897–1940. In den Augen von Zeitgenossen. Hamburg 1979, S. 168.

[11] Fritz Sternberg: Erinnerungen an Trotzki. In: Gewerkschaftliche Monatshefte. – 14. 1963, S. 711–722.

[12] François Mauriac, Memoires intérieurs, Paris 2006, S. 133.

[13] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[14] Ebd., S. 5.

[15] Theodor Dan. Zur Geschichte der Russischen Revolution. In: Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik, Bd. 1. 1931. S. 440–455.

[16] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[17] Baruch Knei-Paz: The social and political thought of Leon Trotsky, Oxford 1978.

[18] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 9.

[19] Ebd., S. 47.

[20] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 7.

[21] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[22] Ebd.. S. 279 f.

[23] John Reed: 10 Tage, die die Welt erschütterten. Berlin 1977, S. 199; 201.

[24] Juliana Ranc in ihrem Buch Trotzki und die Literaten, Stuttgart 1997

[25] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 295.

[26] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 90 f.

[27] Ebd. S. 92 f.

[28] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 555.

[29] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 25.

[30] Ebd., S. 20.

[31] Der Briefwechsel ist enthalten in: Juliana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2003.

[32] Leo Trotzki. Tagebuch im Exil, München 1962, S. 53.

[33] Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 86.

[34] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 7.

Vorwort

In den ersten zwei Monaten des Jahres 1917 war Russland noch romanowsche Monarchie. Acht Monate später standen bereits die Bolschewiki am Ruder, über die zu Beginn des Jahres nur wenige etwas gewusst hatten und deren Führer im Augenblick der Machtübernahme noch unter Anklage des Landesverrats standen. In der Geschichte ist keine zweite ähnlich schroffe Wendung zu finden, besonders wenn man bedenkt, dass es sich um eine Nation von 150 Millionen Seelen handelt. Es ist klar, dass die Ereignisse des Jahres 1917, wie man sich zu ihnen auch stellen mag, verdienen, erforscht zu werden.

Die Geschichte der Revolution muss, wie jede Geschichte, vor allem berichten, was geschah und wie es geschah. Das allein jedoch genügt nicht. Aus dem Bericht selbst muss klar werden, weshalb es so und nicht anders geschah. Die Geschehnisse können weder als Kette von Abenteuern betrachtet noch auf den Faden einer vorgefassten Moral aufgezogen werden. Sie müssen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchen. In der Aufdeckung dieser Gesetzmäßigkeit sieht der Autor seine Aufgabe.

Der unbestreitbarste Charakterzug der Revolution ist die direkte Einmischung der Massen in die historischen Ereignisse. In gewöhnlichen Zeitläufen erhebt sich der Staat, der monarchistische wie der demokratische, über die Nation; Geschichte vollziehen die Fachmänner dieses Handwerks: Monarchen, Minister, Bürokraten, Parlamentarier, Journalisten. Aber an jenen Wendepunkten, wo die alte Ordnung den Massen unerträglich wird, durchbrechen diese die Barrieren, die sie vom politischen Schauplatz trennen, überrennen ihre traditionellen Vertreter und schaffen durch ihre Einmischung die Ausgangsposition für ein neues Regime. Ob dies gut oder schlecht, wollen wir dem Urteil der Moralisten überlassen. Wir selbst nehmen die Tatsachen, wie sie durch den objektiven Gang der Entwicklung gegeben sind. Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke.

In der von einer Revolution erfassten Gesellschaft kämpfen Klassen gegeneinander. Es ist indes völlig offenkundig, dass die zwischen Beginn der Revolution und deren Ende vor sich gehenden Veränderungen in den ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft und in deren Klassensubstrat absolut nicht ausreichen zur Erklärung des Verlaufes der Revolution selbst, die in kurzer Zeitspanne jahrhundertealte Einrichtungen stürzt, neue schafft und wieder stürzt. Die Dynamik der revolutionären Ereignisse wird unmittelbar von den schnellen, gespannten und stürmischen Veränderungen der Psychologie der vor der Revolution herausgebildeten Klassen bestimmt.

Die Gesellschaft ändert nämlich ihre Einrichtungen nicht nach Maßgabe des Bedarfs, wie ein Handwerker seine Instrumente erneuert. Im Gegenteil, sie nimmt die über ihr hängenden Institutionen praktisch als etwas ein für allemal Gegebenes. Jahrzehntelang bildet die oppositionelle Kritik nur das Sicherheitsventil für die Massenunzufriedenheit und eine Bedingung für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaftsordnung: Eine solche prinzipielle Bedeutung hat zum Beispiel die Kritik der Sozialdemokratie gewonnen. Es sind ganz besondere, vom Willen der Einzelnen und der Parteien unabhängige Bedingungen notwendig, die der Unzufriedenheit die Ketten des Konservativismus herunterreißen und die Massen zum Aufstand bringen.

Schnelle Veränderungen von Ansichten und Stimmungen der Massen in der revolutionären Epoche ergeben sich folglich nicht aus der Elastizität und Beweglichkeit der menschlichen Psyche, sondern im Gegenteil aus deren tiefem Konservativismus. Das chronische Zurückbleiben der Ideen und Beziehungen hinter den neuen objektiven Bedingungen, bis zu dem Moment, wo die letzteren in Form einer Katastrophe über die Menschen hereinbrechen, erzeugt eben in der Revolutionsperiode die sprunghafte Bewegung der Ideen und Leidenschaften, die den Polizeiköpfen als einfache Folge der Tätigkeit von »Demagogen« erscheint.

Die Massen gehen in die Revolution nicht mit einem fertigen Plan der gesellschaftlichen Neuordnung hinein, sondern mit dem scharfen Gefühl der Unmöglichkeit, die alte Gesellschaft länger zu dulden. Nur die führende Schicht der Klasse hat ein politisches Programm, das jedoch noch der Nachprüfung durch die Ereignisse und der Billigung durch die Massen bedarf. Der grundlegende politische Prozess der Revolution besteht eben in der Erfassung der sich aus der sozialen Krise ergebenden Aufgaben durch die Klasse und der aktiven Orientierung der Masse nach der Methode sukzessiver Annäherungen. Die einzelnen Etappen des revolutionären Prozesses, gefestigt durch die Ablösung der einen Parteien durch andere, immer extremere, drücken das anwachsende Drängen der Massen nach links aus, bis der Schwung der Bewegung auf objektive Hindernisse prallt. Dann beginnt die Reaktion: Enttäuschung einzelner Schichten der revolutionären Klasse, Wachsen des Indifferentismus und damit Festigung der Positionen der konterrevolutionären Kräfte. Dies ist wenigstens das Schema der alten Revolutionen.

Nur auf Grund des Studiums der politischen Prozesse in den Massen selbst kann man die Rolle der Parteien und Führer begreifen, die zu ignorieren wir am allerwenigsten geneigt sind. Sie bilden, wenn auch kein selbstständiges, so doch ein sehr wichtiges Element des Prozesses. Ohne eine leitende Organisation würde die Energie der Massen verfliegen wie Dampf, der nicht in einem Kolbenzylinder eingeschlossen ist. Die Bewegung erzeugt indes weder der Zylinder noch der Kolben, sondern der Dampf.

Die Schwierigkeiten, die sich dem Studium der Veränderungen des Massenbewusstseins in der Revolutionsepoche hindernd in den Weg stellen, sind ganz offensichtlich. Die unterdrückten Klassen machen Geschichte in Fabriken, Kasernen, in Dörfern, in den Straßen der Städte. Dabei sind sie am allerwenigsten gewohnt, sie niederzuschreiben. Perioden höchster Spannung sozialer Leidenschaften lassen überhaupt wenig Raum für Beschaulichkeit und Schilderung. Alle Musen – selbst die plebejische Muse des Journalismus, trotz ihrer derben Flanken – haben es während einer Revolution schwer. Und dennoch ist die Lage des Historikers keinesfalls hoffnungslos. Die Aufzeichnungen sind unvollständig, verstreut, zufällig. Doch im Lichte der Ereignisse selbst erlauben diese Bruchstücke nicht selten, Richtung und Rhythmus der unterirdischen Prozesse zu erraten. Ob recht oder schlecht, aber auf der Berechnung der Veränderungen des Massenbewusstseins begründet die revolutionäre Partei ihre Taktik. Der historische Weg des Bolschewismus zeigt, dass eine solche Berechnung, wenigstens in ihren gröbsten Zügen, möglich ist. Warum soll, was einem revolutionären Politiker im Strudel des Kampfes gelingt, nicht auch dem Historiker rückblickend gelingen?

Die im Bewusstsein der Massen sich vollziehenden Prozesse sind jedoch weder ursprünglich noch unabhängig. So sehr Idealisten und Eklektiker auch ungehalten sein mögen, das Bewusstsein wird doch durch das Sein bestimmt. In den historischen Bedingungen der Formierung Russlands, seiner Wirtschaft, seiner Klassen, seines Staates und der Beeinflussung durch andere Staaten mussten die Voraussetzungen für die Februarrevolution und ihre Ablösung durch die Oktoberrevolution enthalten gewesen sein. Insofern die Tatsache, dass das Proletariat zuerst in einem rückständigen Lande an die Macht gelangte, immer wieder als besonders rätselhaft erscheint, muss man von vornherein die Erklärung dieser Tatsache in der Eigenart dieses rückständigen Landes, das heißt in den Merkmalen, durch die es sich von anderen Ländern unterscheidet, suchen.

Die historischen Eigenarten Russlands und ihr spezifisches Gewicht sind in den ersten Kapiteln dieses Buches charakterisiert, die einen kurzen Abriss der Entwicklung der russischen Gesellschaft und ihrer inneren Kräfte enthalten. Wir möchten hoffen, dass der unvermeidliche Schematismus dieser Kapitel den Leser nicht abschrecken wird. Im weiteren Verlauf des Buches soll er den gleichen sozialen Kräften in lebendiger Handlung begegnen.

Diese Arbeit stützt sich in keiner Weise auf persönliche Erinnerungen. Der Umstand, dass der Autor Teilnehmer der Ereignisse war, enthob ihn nicht der Pflicht, seine Darstellung auf streng nachgeprüften Dokumenten aufzubauen. Der Autor dieses Buches spricht von sich, insofern er durch den Lauf der Ereignisse dazu gezwungen wird, in dritter Person. Und dies ist nicht einfach eine literarische Form: Der in einer Autobiografie oder in Memoiren unvermeidliche subjektive Ton wäre bei einer historischen Arbeit unzulässig.

Der Umstand jedoch, dass der Autor Teilnehmer des Kampfes war, erleichtert ihm natürlich das Verständnis nicht nur für die Psychologie der handelnden Kräfte, der individuellen und kollektiven, sondern auch für den inneren Zusammenhang der Ereignisse. Dieser Vorzug kann positive Resultate nur unter Beachtung einer Bedingung ergeben: sich nicht auf die Angaben des eigenen Gedächtnisses verlassen, nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen, nicht nur in Bezug auf Tatsachen, sondern auch in Bezug auf Motive und Stimmungen. Der Autor ist der Ansicht, dass er, insofern es von ihm abhing, diese Bedingungen beachtet hat.

Bleibt die Frage der politischen Stellung des Autors, der als Historiker auf demselben Standpunkt steht, den er als Teilnehmer der Ereignisse innehatte. Der Leser ist selbstverständlich nicht verpflichtet, die politischen Ansichten des Autors zu teilen, der seinerseits keine Veranlassung hat, sie zu verheimlichen. Aber der Leser hat das Recht, von einer historischen Arbeit zu fordern, dass sie nicht die Apologie einer politischen Position, sondern die innerlich begründete Darstellung des realen Prozesses der Revolution sei. Eine historische Arbeit entspricht nur dann vollkommen ihrer Bestimmung, wenn auf den Buchseiten die Ereignisse in ihrer ganzen natürlichen Zwangsläufigkeit abrollen.

Ist hierfür eine sogenannte historische »Unvoreingenommenheit« erforderlich? Niemand hat noch klar gesagt, worin sie zu bestehen habe. Die oft angeführten Worte Clemenceaus, dass man die Revolution en bloc, als Ganzes nehmen müsse, sind im besten Falle eine geistreiche Ausflucht: Wie kann man sich als Anhänger einer Gesamtheit erklären, deren Wesen in Zwiespältigkeit besteht? Clemenceaus Aphorismus ist teils von der Betretenheit über die allzu entschiedenen Vorfahren, teils von der Verlegenheit des Nachfahren vor deren Schatten diktiert.

Einer der reaktionären und darum Mode-Historiker des gegenwärtigen Frankreich, L. Madelein, der so salonfähig die Große Revolution, das heißt die Geburt der französischen Nation verleumdet hat, behauptet: »Der Historiker muss sich auf die Mauer der bedrohten Stadt stellen und gleichzeitig Belagerer und Belagerte überblicken«; nur so könne man angeblich die »ausgleichende Gerechtigkeit« erreichen. Die Arbeiten Madeleins beweisen jedoch, dass, wenn er auch auf die die zwei Lager trennende Mauer klettert, so nur in der Eigenschaft eines Zaunspähers der Reaktion. Es ist gut, dass es sich in diesem Falle um Lager der Vergangenheit handelt. Während der Revolution ist der Aufenthalt auf der Mauer mit großen Gefahren verbunden. Im Übrigen pflegen in unruhigen Augenblicken die Priester der »ausgleichenden Gerechtigkeit« gewöhnlich in ihren vier Wänden zu hocken und abzuwarten, auf wessen Seite der Sieg sein wird.

Der ernste und kritische Leser bedarf keiner verlogenen Unvoreingenommenheit, die ihm den Kelch der Versöhnung, mit gut abgestandenem Gift reaktionären Hasses auf dem Boden, darbietet, sondern der methodischen Gewissenhaftigkeit, die für ihre offenen, unverschleierten Sympathien und Antipathien eine Stütze in ehrlicher Erforschung der Tatsachen sucht, in der Feststellung ihres wirklichen Zusammenhanges, in der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit ihrer Folge. Dies ist die einzig mögliche historische Objektivität und dabei eine vollkommen ausreichende, denn sie wird überprüft und bestätigt nicht durch die guten Absichten des Historikers, für die obendrein er selbst einsteht, sondern durch die von ihm aufgedeckte Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses selbst.

Als Quellen dieses Buches dienten zahlreiche periodische Publikationen, Zeitungen und Zeitschriften, Memoiren, Protokolle und anderes, teilweise handschriftliches Material, in der Hauptsache aber vom Institut für die Geschichte der Revolution in Moskau und Leningrad bereits veröffentlicht. Wir haben es für überflüssig erachtet, im Text auf die einzelnen Quellen zu verweisen, da dies den Leser nur belasten würde. Von Büchern, die den Charakter eines Sammelwerkes historischer Arbeiten darstellen, haben wir insbesondere das zweibändige Werk »Abrisse zur Geschichte der Oktoberrevolution« (Moskau-Leningrad 1927) benutzt. Von verschiedenen Autoren stammend, sind die einzelnen Teile dieser »Abrisse« nicht gleichwertig, doch enthalten sie jedenfalls reichliches Tatsachenmaterial.

Die chronologischen Daten unseres Buches sind durchweg nach dem alten Stil angegeben, das heißt, sie bleiben hinter dem Welt- und auch dem heutigen Sowjetkalender um dreizehn Tage zurück. Der Autor war gezwungen, jenen Kalender anzuwenden, der zur Zeit der Revolution in Kraft war. Es würde allerdings keine Mühe machen, die Daten auf den neuen Stil zu bringen. Aber diese Operation müsste, während sie die einen Schwierigkeiten behebt, unvermeidlich neue, wesentlichere erzeugen. Der Sturz der Monarchie ist unter dem Namen »Februarrevolution« in die Geschichte eingegangen. Nach dem westlichen Kalender vollzog er sich jedoch im März. Die bewaffnete Demonstration gegen die imperialistische Politik der Provisorischen Regierung kam unter dem Namen »Apriltage« in die Geschichte, nach dem westlichen Kalender fand sie jedoch im Mai statt. Ohne bei anderen Zwischenereignissen und Daten zu verweilen, wollen wir noch bemerken, dass sich die Oktoberumwälzung nach der europäischen Zeitrechnung im November abgespielt hat. Also sogar der Kalender ist, wie wir sehen, von den Ereignissen gefärbt, und der Historiker kann die revolutionäre Zeitrechnung nicht mit Hilfe einfacher arithmetischer Regeln zurechtmachen. Der Leser möge bedenken, dass, bevor sie den byzantinischen Kalender stürzte, die Revolution die Institutionen stürzen musste, die sich an ihn klammerten.

L. Trotzki

Prinkipo

14. November 1930

Die Eigenarten der Entwicklung Russlands

Der grundlegende, beständigste Charakterzug der Geschichte Russlands ist dessen verspätete Entwicklung mit der sich daraus ergebenden ökonomischen Rückständigkeit, Primitivität der Gesellschaftsformen und dem tiefen Kulturniveau.

Die Bevölkerung der gigantischen, rauen, den östlichen Winden und asiatischen Eindringlingen geöffneten Ebene war von Natur aus zu weitem Zurückbleiben verurteilt. Der Kampf mit den Nomaden währte fast bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Der Kampf mit den Winden, die im Winter Frost, im Sommer Dürre bringen, ist auch heute noch nicht beendet. Die Landwirtschaft – die Grundlage der gesamten Entwicklung – schritt auf extensiven Wegen vorwärts: Im Norden wurden die Wälder abgeholzt und niedergebrannt, im Süden die Ursteppen aufgerissen; das Besitzergreifen von der Natur ging in die Breite, nicht in die Tiefe.

Während die westlichen Barbaren sich auf den Ruinen der römischen Kultur ansiedelten, wo viele alte Steine ihnen als Baumaterial dienten, fanden die Slawen des Ostens in der trostlosen Ebene keinerlei Erbe vor: Ihre Vorgänger hatten auf einer noch tieferen Stufe als sie selbst gestanden. Die westeuropäischen Völker, die bald an ihre natürlichen Grenzen stoßen mussten, schufen ökonomische und kulturelle Zusammenballungen: die gewerbetreibenden Städte. Die Bevölkerung der Ostebene zog sich beim ersten Anzeichen von Enge in die Wälder zurück oder wanderte an die Peripherie ab, in die Steppe. Die initiativ- und unternehmungslustigen Elemente der Bauernschaft wurden im Westen Städter, Handwerker, Kaufleute. Die aktiven und kühnen Elemente des Ostens wurden einesteils Händler, größtenteils jedoch Kosaken, Grenzsiedler, Kolonisatoren. Der im Westen intensive Prozess der sozialen Differenzierung wurde im Osten aufgehalten und durch den Expansionsprozess verwischt. »Der Zar der Moskowiter, obwohl christlich, herrscht über Menschen von faulem Geist«, schrieb Vico, der Zeitgenosse Peters I. Der »faule Geist« der Moskowiter war ein Abbild des langsamen Tempos der wirtschaftlichen Entwicklung, der Ungeformtheit der Klassenbeziehungen, der Armut der inneren Geschichte.

Die alten Zivilisationen Ägyptens, Indiens und Chinas besaßen einen ausreichend selbstgenügsamen Charakter und verfügten über ausreichende Zeit, um trotz tiefstehender Produktionskräfte ihre sozialen Beziehungen fast zur gleichen, bis ins einzelne gehenden Vollendung zu bringen, zu der die Handwerker dieser Länder ihre Erzeugnisse brachten. Russland lag nicht nur geografisch zwischen Europa und Asien, sondern auch sozial und historisch. Es unterschied sich vom europäischen Westen, aber auch vom asiatischen Osten und näherte sich während verschiedener Perioden in verschiedener Hinsicht bald dem einen, bald dem anderen. Der Osten brachte das tatarische Joch, das als wichtiges Element in den Aufbau des russischen Staates einging. Der Westen war ein noch gefährlicherer Feind, aber gleichzeitig Lehrer. Russland hatte keine Möglichkeit, sich in den Formen des Ostens herauszubilden, weil es gezwungen war, sich stets dem militärischen und ökonomischen Druck des Westens anzupassen.

Das Bestehen feudaler Beziehungen in Russland, von den alten Historikern verneint, kann man auf Grund neuer Forschungen als unbedingt nachgewiesen betrachten. Mehr noch: Die Grundelemente des russischen Feudalismus waren die gleichen wie im Westen. Aber schon allein die Tatsache, dass die feudale Epoche erst durch lange wissenschaftliche Streitigkeiten festgestellt werden musste, ist ein genügendes Zeugnis für die Unreife des russischen Feudalismus, seine Ungeformtheit und die Dürftigkeit seiner Kulturdenkmäler.

Ein rückständiges Land eignet sich die materiellen und geistigen Eroberungen fortgeschrittener Länder an. Das heißt aber nicht, dass es ihnen sklavisch folgt und alle Etappen ihrer Vergangenheit reproduziert. Die Theorie von der Wiederholung historischer Zyklen – Vico und dessen spätere Anhänger – stützt sich auf Beobachtungen des Kreislaufs alter, vorkapitalistischer Kulturen, zum Teil auch auf die ersten Erfahrungen der kapitalistischen Entwicklung. Eine gewisse Wiederholung der Kulturstadien an immer neuen Herden war tatsächlich mit dem provinziellen und episodischen Charakter des gesamten Prozesses verbunden. Der Kapitalismus bedeutet jedoch die Überwindung dieser Bedingungen. Er bereitete vor und verwirklichte in gewissem Sinne die Universalität und Permanenz der Menschheitsentwicklung. Das allein schließt die Wiederholungsmöglichkeit der Entwicklungsformen einzelner Nationen aus. Gezwungen, den fortgeschrittenen Ländern nachzueifern, hält das rückständige Land die Reihenfolge nicht ein: Das Privileg der historischen Verspätung – und ein solches Privileg besteht – erlaubt, oder richtiger gesagt, zwingt, sich das Fertige vor der bestimmten Zeit anzueignen, eine Reihe Zwischenetappen zu überspringen. Die Wilden vertauschen den Bogen gleich mit dem Gewehr, ohne erst den Weg durchzumachen, der in der Vergangenheit zwischen diesen Waffengattungen lag. Die europäischen Kolonisten in Amerika begannen die Geschichte nicht von neuem. Der Umstand, dass Deutschland oder die Vereinigten Staaten England ökonomisch überholt haben, war gerade durch die Verspätung ihrer kapitalistischen Entwicklung bedingt. Umgekehrt ist die konservative Anarchie in der britischen Kohlenindustrie, wie auch in den Köpfen MacDonalds und seiner Freunde, eine Quittung für die Vergangenheit, in der England zu lange die Rolle des kapitalistischen Hegemonen gespielt hat. Die Entwicklung einer historisch verspäteten Nation führt notgedrungen zu eigenartiger Verquickung verschiedener Stadien des historischen Prozesses. In seiner Gesamtheit bekommt der Kreislauf einen nicht planmäßigen, verwickelten, kombinierten Charakter.

Die Möglichkeit, Zwischenstufen zu überspringen, ist selbstverständlich keine absolute; ihr Ausmaß wird letzten Endes von der wirtschaftlichen und kulturellen Aufnahmefähigkeit des Landes bestimmt. Eine rückständige Nation drückt außerdem die Errungenschaften, die sie fertig von außen übernimmt, durch Anpassung an ihre primitivere Kultur hinab. Der Assimilationsprozess selbst bekommt dabei einen widerspruchsvollen Charakter. So brachte die Einführung der Elemente westlicher Technik und Ausbildung, vor allem auf dem Gebiete des Militär- und Manufakturwesens unter Peter I., die Verschärfung des Leibeigenschaftsrechtes als Grundform der Arbeitsorganisation mit sich. Europäische Rüstung und europäische Anleihen – das eine wie das andere zweifellos Produkte einer höheren Kultur – führten zur Befestigung des Zarismus, der seinerseits die Entwicklung des Landes hemmte.

Die geschichtliche Gesetzmäßigkeit hat nichts gemein mit pedantischem Schematismus. Die Ungleichmäßigkeit, das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses, enthüllt sich am krassesten und am verwickeltsten am Schicksal verspäteter Länder. Unter der Knute äußerer Notwendigkeit ist die Rückständigkeit gezwungen, Sprünge zu machen. Aus dem universellen Gesetz der Ungleichmäßigkeit ergibt sich ein anderes Gesetz, das man mangels passenderer Bezeichnung das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen kann, im Sinne der Annäherung verschiedener Wegetappen, Verquickung einzelner Stadien, des Amalgams archaischer und neuzeitiger Formen. Ohne dieses Gesetz, selbstverständlich in seinem gesamten materiellen Inhalt genommen, vermag man die Geschichte Russlands wie überhaupt aller Länder zweiten, dritten und zehnten Kulturaufgebots nicht zu erfassen. Unter dem Druck des reicheren Europa verschlang der Staat in Russland einen verhältnismäßig viel größeren Teil des Volksvermögens als die Staaten im Westen und verurteilte damit nicht nur die Volksmassen zu doppelter Armut, sondern schwächte auch die Grundlagen der besitzenden Klassen. Da er gleichzeitig die Hilfe der letzteren benötigte, forcierte und reglementierte der Staat deren Bildung. Infolgedessen konnten sich die bürokratisierten privilegierten Klassen niemals in ganzer Höhe aufrichten, und umso mehr näherte sich der Staat in Russland der asiatischen Despotie.

Das byzantinische Selbstherrschertum, das die Moskauer Zaren sich offiziell zu Beginn des 16. Jahrhunderts angeeignet hatten, zähmte mit Hilfe des Adels das feudale Bojarentum und unterwarf sich den Adel, ihm gleichzeitig die Bauern versklavend, um sich auf dieser Grundlage in den Petersburger Imperatorenabsolutismus zu verwandeln. Die Verspätung dieses Prozesses wird dadurch zur Genüge charakterisiert, dass das Leibeigenschaftsrecht, das im 16. Jahrhundert entstanden war, sich im 17. ausgebildet und seine Blüte im 18. Jahrhundert erreicht hatte, rechtlich erst 1861 abgeschafft wurde.

Die Geistlichkeit hat nach dem Adel bei der Herausbildung des zaristischen Selbstherrschertums keine geringe, aber eine völlig dienende Rolle gespielt. Die Kirche erhob sich in Russland niemals zu jener Kommandohöhe wie im katholischen Westen: Sie begnügte sich mit der Stellung eines geistlichen Knechtes beim Selbstherrschertum und rechnete sich dies als Verdienst ihrer Demut an. Bischöfe und Metropoliten besaßen Macht nur als Bevollmächtigte der weltlichen Gewalt. Die Patriarchen wechselten zusammen mit den Zaren. In der Petersburger Periode wurde die Abhängigkeit der Kirche vom Staate noch sklavischer. 200.000 Priester und Mönche bildeten im Wesentlichen einen Teil der Bürokratie, eine Art Glaubenspolizei. Als Gegenleistung wurden das Monopol der orthodoxen Geistlichkeit in Glaubensangelegenheiten, ihre Länder und Einkünfte von der allgemeinen Ordnungspolizei beschirmt.

Das Slawophilentum, dieser Messianismus der Rückständigkeit, begründete seine Philosophie damit, dass das russische Volk und dessen Kirche durch und durch demokratisch, das offizielle Russland aber eine von Peter angepflanzte deutsche Bürokratie sei. Marx sagte dazu: »Ganz wie die teutonischen Esel den Despotismus Friedrichs II. usw. auf die Franzosen wälzen, als wenn zurückgebliebene Knechte nicht immer zivilisierte Knechte brauchten, um dressiert zu werden.« Diese kurze Bemerkung erschöpft restlos nicht nur die alte Philosophie der Slawophilen, sondern auch die neuesten Offenbarungen der »Rassentümler«.

Die Kargheit nicht nur des russischen Feudalismus, sondern auch der ganzen altrussischen Geschichte fand ihren traurigsten Ausdruck im Mangel echt mittelalterlicher Städte als Handwerks- und Handelszentren. Das Handwerk hatte in Russland keine Zeit gehabt, sich vom Ackerbau zu trennen, bewahrte vielmehr den Charakter der Heimarbeit. Die altrussischen Städte waren Handels-, Verwaltungs-, Heeres- und Adels-Zentren, folglich konsumierend, nicht produzierend. Sogar die der Hansa verwandte Stadt Nowgorod, die das tatarische Joch nicht gekannt hatte, war nur eine Handels-, keine Gewerbestadt. Allerdings schuf die Verstreutheit der bäuerlichen Gewerbe in verschiedenen Bezirken das Bedürfnis nach einer Handelsvermittlung breiten Maßstabes. Doch vermochten die nomadischen Händler im öffentlichen Leben in keinem Falle jenen Platz einzunehmen, der im Westen der handwerklich-zünftigen und handelsgewerblichen Klein- und Mittelbourgeoisie zukam, die mit ihrer bäuerlichen Peripherie unzertrennlich verbunden waren. Die Hauptwege des russischen Handels führten überdies ins Ausland, sicherten die leitende Stellung seit alters her dem ausländischen Handelskapital und verliehen dem ganzen Umsatz, bei dem der russische Händler Mittler zwischen der westlichen Stadt und dem russischen Dorfe war, einen halb kolonialen Charakter. Diese Art ökonomischer Beziehung erfuhr eine weitere Entwicklung in der Epoche des russischen Kapitalismus und erreichte ihren höchsten Ausdruck im imperialistischen Kriege. Die Bedeutungslosigkeit der russischen Städte, die zur Entstehung des asiatischen Staatstypus am meisten beigetragen hat, schloss insbesondere die Möglichkeit der Reformation aus, das heißt der Ablösung der feudal-bürokratischen Orthodoxie durch irgendeine modernisierte Abart eines den Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft angepassten Christentums. Der Kampf gegen die Staatskirche ging nicht über die bäuerlichen Sekten, einschließlich der mächtigsten von ihnen, das altgläubige Schisma, hinaus.

Anderthalb Jahrzehnte vor der großen Französischen Revolution entbrannte in Russland die Bewegung der Kosaken, Bauern und leibeigenen Uraler Arbeiter, die nach dem Namen ihres Führers Pugatschow benannt wurde. Was hatte diesem grimmigen Volksaufstande gefehlt, um sich in eine Revolution zu verwandeln? Der dritte Stand. Ohne die Handwerkerdemokratie der Städte vermochte sich der Bauernkrieg ebenso wenig zu einer Revolution zu entwickeln, wie sich die Bauernsekten zu einer Reformation erheben konnten. Im Gegenteil, die Folge der Pugatschowschtschina war die Befestigung des bürokratischen Absolutismus, als des in schwierigen Stunden wieder bewährten Hüters der Adelsinteressen.

Die unter Peter formell begonnene Europäisierung des Landes wurde im Verlaufe des nächsten Jahrhunderts immer mehr zum Bedürfnis der herrschenden Klasse selbst, das heißt des Adels. Im Jahre 1825 griff die Adelsintelligenz, dieses Bedürfnis politisch verallgemeinernd, zur Militärverschwörung, mit dem Ziel der Einschränkung des Selbstherrschertums. Unter dem Druck der europäisch-bürgerlichen Entwicklung versuchte somit der fortschrittliche Adel, den fehlenden dritten Stand zu ersetzen. Doch wollte er das liberale Regime auf jeden Fall mit den Grundlagen seiner Standesherrschaft verquicken und fürchtete deshalb über alles, die Bauern aufzuwiegeln. Es ist nicht verwunderlich, dass die Verschwörung ein Unternehmen des glanzvollen, aber isolierten Offiziersstandes blieb, der sich dabei fast kampflos den Schädel einrannte. Dies war der Sinn des Dekabristenaufstandes.

Gutsherren, die Fabriken besaßen, waren die ersten ihres Standes, die sich der Ablösung der leibeigenen durch freie Arbeit geneigt zeigten. In die gleiche Richtung drückte der anwachsende Auslandsexport russischen Getreides. Im Jahre 1861 führte die adlige Bürokratie, gestützt auf die liberalen Gutsbesitzer, ihre Bauernreform durch. Der ohnmächtige bürgerliche Liberalismus bildete bei dieser Operation den gehorsamen Chor. Es ist überflüssig, zu sagen, dass der Zarismus Russlands grundlegendes Problem, das heißt die Agrarfrage, noch engherziger und diebischer löste als die preußische Monarchie im Laufe des nächsten Jahrzehnts Deutschlands grundlegendes Problem, das heißt dessen nationale Einigung. Die Lösung der Aufgabe einer Klasse durch die Hände einer anderen ist eben eine der kombinierten Methoden, die den rückständigen Ländern eigentümlich sind.

Am unbestrittensten jedoch enthüllt sich das Gesetz der kombinierten Entwicklung an Geschichte und Charakter der russischen Industrie. Spät entstanden, wiederholte sie die Entwicklung der fortgeschrittenen Länder nicht, sondern reihte sich in diese ein, indem sie deren neueste Errungenschaften der eigenen Rückständigkeit anpasste. War Russlands wirtschaftliche Evolution in ihrer Gesamtheit über die Epochen des Zunfthandwerks und der Manufaktur hinweggeschritten, so übersprangen einzelne Industriezweige eine Reihe von technisch-industriellen Etappen, die im Westen nach Jahrzehnten maßen. Infolgedessen entwickelte sich die russische Industrie zu gewissen Perioden in äußerst schnellem Tempo. Zwischen der ersten Revolution und dem Kriege stieg die russische Industrieproduktion annähernd um das Doppelte. Das erschien einigen russischen Historikern ein hinlänglicher Grund zu der Schlussfolgerung, dass man »von der Legende über Rückständigkeit und langsames Wachstum abkommen müsse«.[1] In Wirklichkeit wurde die Möglichkeit eines so schnellen Wachstums gerade durch die Rückständigkeit bestimmt, die sich – leider – nicht nur bis zum Augenblick der Liquidierung des alten Russland, sondern, als dessen Erbe, bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Der grundlegende Gradmesser des ökonomischen Niveaus einer Nation ist die Produktivität der Arbeit, die ihrerseits vom spezifischen Gewicht der Industrie in der Gesamtwirtschaft des Landes abhängt. Am Vorabend des Krieges, als das zaristische Russland den Höhepunkt seines Wohlstandes erreicht hatte, war das Volkseinkommen pro Kopf acht- bis zehnmal geringer als in den Vereinigten Staaten, was nicht weiter verwunderlich ist, berücksichtigt man, dass vier Fünftel der selbstständig werktätigen Bevölkerung Russlands in der Landwirtschaft beschäftigt waren, während in den Vereinigten Staaten auf einen in der Landwirtschaft Beschäftigten 2,5 in der Industrie Beschäftigte gezählt wurden. Hinzugefügt sei noch, dass am Vorabend des Krieges in Russland auf hundert Quadratkilometer 0,4 Kilometer Eisenbahn, in Deutschland 11,7, in Österreich-Ungarn 7 kamen. Die anderen vergleichenden Koeffizienten sind nämlicher Art.

Aber gerade auf dem Gebiete der Wirtschaft tritt, wie bereits gesagt, das Gesetz der kombinierten Entwicklung am stärksten hervor. Während die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer Hauptmasse bis zur Revolution fast auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts verblieben war, stand Russlands Industrie in Bezug auf Technik und kapitalistische Struktur auf der Stufe der fortgeschrittenen Länder und eilte diesen in mancher Beziehung sogar voraus. Kleine Betriebe mit einer Arbeiterzahl bis 100 Mann umfassten im Jahre 1914 in den Vereinigten Staaten 35 Prozent der gesamten Industriearbeiter, in Russland nur 17,8 Prozent. Bei einem ungefähr gleichen spezifischen Gewicht der mittleren und größeren Unternehmen mit 100 bis 1.000 Arbeitern betrugen in den Vereinigten Staaten Riesenunternehmen mit über 1.000 Arbeitern 17,8 Prozent der gesamten Arbeiterzahl, in Russland 41,4 Prozent. Für die wichtigsten Industriebezirke war dieser Prozentsatz noch höher: für den Petrograder 44,4 Prozent, für den Moskauer sogar 57,3 Prozent. Ähnliche Resultate ergeben sich, vergleicht man die russische Industrie mit der britischen oder deutschen. Diese Tatsache, die wir zum ersten Male im Jahre 1908 festgestellt haben, verträgt sich schlecht mit der Vorstellung von der ökonomischen Rückständigkeit Russlands. Indes widerlegt sie die Rückständigkeit nicht, sondern ist deren dialektische Ergänzung.

Die Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Bankkapital wurde in Russland wiederum so vollständig durchgeführt wie wohl kaum in einem anderen Lande. Doch bedeutete die Abhängigkeit der Industrie von den Banken gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom westeuropäischen Geldmarkt. Die Schwerindustrie (Metall, Kohle, Naphtha) befand sich fast restlos unter der Kontrolle des ausländischen Finanzkapitals, das sich ein Hilfs- und Vermittlungssystem von Banken in Russland geschaffen hatte. Die Leichtindustrie ging denselben Weg. Gehörten im Ganzen rund 40 Prozent des gesamten Aktienkapitals in Russland Ausländern, so war für die führenden Industriezweige dieser Prozentsatz noch bedeutend höher. Man kann ohne jede Übertreibung behaupten, dass sich die Kontrollpakete der Aktien der russischen Banken, Werke und Fabriken im Auslande befanden, wobei der Kapitalanteil Englands, Frankreichs und Belgiens fast doppelt so groß als der Deutschlands war.

Die Entstehungsbedingungen der russischen Industrie und deren Struktur bestimmten den sozialen Charakter der russischen Bourgeoisie und deren politisches Gesicht. Die außerordentliche Konzentration der Industrie bedeutete schon an sich, dass zwischen den kapitalistischen Spitzen und den Volksmassen keine Hierarchie von Übergangsschichten bestand. Dazu kommt, dass die Besitzer der wichtigsten Industrie-, Bank- und Transportunternehmen Ausländer waren, die nicht nur die aus Russland herausgeholten Gewinne, sondern auch ihren politischen Einfluss in ausländischen Parlamenten realisierten und den Kampf um den russischen Parlamentarismus nicht nur nicht förderten, sondern ihm häufig sogar entgegenwirkten: Es genügt, an die schändliche Rolle des offiziellen Frankreich zu denken. Dies waren die elementaren und unabwendbaren Ursachen der politischen Isoliertheit und des volksfeindlichen Charakters der russischen Bourgeoisie. War sie in der Morgenröte ihrer Geschichte zu unreif, die Reformation durchzusetzen, so erwies sie sich als überreif, als die Zeit für die Führung der Revolution gekommen war.

Entsprechend dem gesamten Entwicklungsgang des Landes wurde nicht das Zunfthandwerk, sondern die Landwirtschaft, nicht die Stadt, sondern das Dorf zum Reservoir, aus dem die russische Arbeiterklasse hervorging. Dabei entstand das russische Proletariat nicht allmählich, in Jahrhunderten, beschwert mit der Last der Vergangenheit wie in England, sondern sprunghaft, durch schroffe Wendung der Lage, der Verbindungen, der Beziehungen und durch jähen Bruch mit dem Gestern. Gerade dies in Verbindung mit dem konzentrierten Joch des Zarismus machte die russischen Arbeiter für die kühnsten Schlussfolgerungen des revolutionären Gedankens empfänglich, ähnlich wie die verspätete russische Industrie sich für das letzte Wort kapitalistischer Organisation empfänglich zeigte.

Die kurze Geschichte seiner Abstammung machte das russische Proletariat jedes Mal aufs Neue durch. Während sich in der metallverarbeitenden Industrie, besonders in Petersburg, eine Schicht erblicher Proletarier, die mit dem Dorfe endgültig gebrochen hatten, herauskristallisierte, überwog am Ural noch der Typus des Halbproletariers-Halbbauern. Der alljährliche Zustrom frischer Arbeitskraft aus den Dörfern in alle Industriebezirke erneuerte die Bindung des Proletariats mit seinem sozialen Reservoir.

Die politische Tatunfähigkeit der Bourgeoisie war unmittelbar bestimmt durch den Charakter ihrer Beziehungen zu Proletariat und Bauernschaft. Sie vermochte nicht das Proletariat zu führen, das ihr im Alltag feindlich gegenüberstand und sehr bald seine Aufgaben zu verallgemeinern lernte. Im gleichen Maße erwies sie sich aber zur Führung der Bauernschaft unfähig, da sie durch ein Netz gemeinsamer Interessen mit den Gutsbesitzern verbunden war und die Erschütterung des Eigentums in welcher Form auch immer fürchtete. Das Verspäten der russischen Revolution war folglich nicht nur eine Frage der Chronologie, sondern auch der sozialen Struktur der Nation.

England vollzog seine puritanische Revolution, als seine Gesamtbevölkerung 5½ Millionen nicht überstieg, wovon ½ Million auf London kam. In seiner Revolutionsepoche hatte Frankreich in Paris auch bloß ½ Million Einwohner bei 25 Millionen Gesamtbevölkerung. Russlands Bevölkerung betrug zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 150 Millionen, von denen mehr als 3 Millionen auf Moskau und Petrograd entfielen. Hinter diesen vergleichenden Zahlen verbergen sich große soziale Unterschiede. Weder das England des 17. noch das Frankreich des 18. Jahrhunderts haben das neuzeitige Proletariat gekannt. Indes zählte im Jahre 1905 die Arbeiterklasse Russlands auf allen Arbeitsgebieten, in Stadt und Land, nicht weniger als 10 Millionen Seelen, was zusammen mit den Familien über 25 Millionen ausmachte, das heißt mehr als die Gesamtbevölkerung Frankreichs in der Epoche der Großen Revolution. Von den gesicherten Handwerkern und unabhängigen Bauern der cromwellschen Armee – über die Sansculotten von Paris – bis zu den Industrieproletariern Petersburgs hatte die Revolution ihre soziale Mechanik, ihre Methoden und damit auch ihre Ziele tiefgehend verändert.

Die Ereignisse des Jahres 1905 waren ein Prolog der beiden Revolutionen von 1917: der Februar- und der Oktoberrevolution. Der Prolog enthielt alle Elemente des Dramas, bloß nicht bis ans Ende geführt. Der Russisch- Japanische Krieg hatte den Zarismus gelockert. Auf dem Hintergrunde der Massenbewegung jagte die liberale Bourgeoisie durch ihre Opposition der Monarchie Angst ein. Die Arbeiter organisierten sich unabhängig von der Bourgeoisie und im Gegensatz zu ihr in den Sowjets, die damals zum ersten Male ins Leben gerufen wurden. Unter der Parole: Boden! erhob sich die Bauernschaft der ganzen riesigen Fläche des Landes. Wie die Bauern neigten auch die revolutionären Truppenteile zu den Sowjets, die im Augenblick des höchsten Aufstieges der Revolution der Monarchie die Macht offen streitig machten. Das war das erste Auftreten sämtlicher revolutionärer Kräfte; sie besaßen noch keine Erfahrung, und es mangelte ihnen an Zuversicht. Die Liberalen prallten demonstrativ gerade in dem Augenblick vor der Revolution zurück, als sich herausstellte, dass es nicht genügte, den Zarismus zu lockern, dass man ihn außerdem noch umwerfen müsse. Der jähe Bruch der Bourgeoisie mit dem Volke, wobei sie schon damals bedeutende Kreise der demokratischen Intelligenz mit sich riss, erleichterte der Monarchie, die Armee zu spalten, treue Truppenteile auszusondern und über Arbeiter und Bauern blutiges Gericht zu halten. Wenn er auch manche Rippe einbüßte, ging der Zarismus aus der Prüfung von 1905 doch lebend und kräftig genug hervor.

Welche Veränderung der Kräfteverhältnisse brachte die historische Entwicklung in den elf Jahren, die den Prolog vom Drama trennen? Der Zarismus geriet während dieser Periode in einen noch größeren Gegensatz zu den Forderungen der historischen Entwicklung. Die Bourgeoisie wurde ökonomisch mächtiger, doch stützte sich diese Macht, wie wir gesehen haben, auf die höhere Konzentration der Industrie und die gesteigerte Rolle des Auslandskapitals. Unter der Wirkung der Lehren von 1905 war die Bourgeoisie noch konservativer und misstrauischer geworden. Das spezifische Gewicht der Klein- und Mittelbourgeoisie, schon früher unbeträchtlich, sank noch tiefer. Die demokratische Intelligenz besaß überhaupt keine irgendwie widerstandsfähige soziale Stütze. Sie konnte vorübergehend politischen Einfluss gewinnen, aber keine selbstständige Rolle spielen. Ihre Abhängigkeit vom bürgerlichen Liberalismus war ungemein gewachsen. Programm, Banner und Führung konnte der Bauernschaft unter diesen Umständen nur das junge Proletariat bieten. Die vor ihr auf diese Weise erstandenen grandiosen Aufgaben erzeugten ein unaufschiebbares Bedürfnis nach einer besonderen revolutionären Organisation, die die Volksmassen auf einmal erfassen und unter Führung der Arbeiterschaft zu revolutionärer Tat zu befähigen vermochte. So erhielten die Sowjets von 1905 gigantische Entfaltung im Jahre 1917. Dass die Sowjets – wir wollen es hier gleich sagen – nicht einfach eine Ausgeburt der historischen Verspätung Russlands, sondern vielmehr ein Produkt der kombinierten Entwicklung darstellen, beweist allein schon die Tatsache, dass das Proletariat des industriellsten Landes, Deutschlands, während des revolutionären Aufstieges von 1918/19 keine andere Organisationsform gefunden hat als die der Räte.

Unmittelbare Aufgabe der Revolution von 1917 war noch immer der Sturz der bürokratischen Monarchie. Doch zum Unterschiede von den alten bürgerlichen Revolutionen trat jetzt als entscheidende Kraft die neue Klasse hervor, entstanden auf Grundlage der konzentrierten Industrie, ausgerüstet mit einer neuen Organisation und neuen Kampfmethoden. Das Gesetz der kombinierten Entwicklung enthüllt sich uns hier in seinem weitestgehenden Ausdruck: Beginnend mit der Hinwegräumung der mittelalterlichen Fäulnis, bringt die Revolution nach einigen Monaten das Proletariat mit der Kommunistischen Partei an der Spitze zur Herrschaft.

Nach ihren ursprünglichen Aufgaben war die russische Revolution mithin eine demokratische Revolution. Doch stellte sie das Problem der politischen Demokratie auf neue Art. Während die Arbeiter unter Einbeziehung der Soldaten und zum Teil auch der Bauern das ganze Land mit Sowjets überzogen, feilschte die Bourgeoisie noch immer um die Frage der Einberufung oder Nichteinberufung der Konstituierenden Versammlung. Im Verlaufe der Darstellung der Ereignisse wird diese Frage in ihrer ganzen Konkretheit vor uns erstehen. Hier wollen wir nur den Platz bezeichnen, den die Sowjets in der historischen Reihenfolge revolutionärer Ideen und Formen einnehmen.

Mitte des 17. Jahrhunderts entfaltete sich die bürgerliche Revolution in England im Gewande der religiösen Reformation. Der Kampf um das Recht, nach einem eigenen Gebetbuch zu beten, identifizierte sich mit dem Kampf gegen König, Aristokratie, Kirchenfürsten und Rom. Die Presbyterianer und Puritaner waren tief davon überzeugt, dass sie ihre irdischen Interessen unter den unerschütterlichen Schutz der göttlichen Vorsehung gestellt hatten. Die Aufgaben, für die die neuen Klassen kämpften, verwuchsen in deren Bewusstsein mit dem Bibeltext und den Formen kirchlicher Gebräuche. Die Emigranten nahmen diese durch Blut gefestigte Tradition über den Ozean mit. Daher die seltene Zähigkeit der angelsächsischen Interpretation des Christentums Wir sehen, wie die Minister-«Sozialisten« Großbritanniens auch heute noch ihre Feigheit mit den gleichen magischen Texten begründen, aus denen die Männer des 17. Jahrhunderts Rechtfertigung für ihren Mut gesucht hatten.

In Frankreich, das die Reformation übergangen hatte, erlebte die katholische Kirche als Staatskirche die Revolution, die nicht in Bibeltexten, sondern in Abstraktionen der Demokratie Ausdruck und Rechtfertigung für die Aufgaben der bürgerlichen Gesellschaft fand. Wie groß der Hass der heutigen Lenker Frankreichs gegen das Jakobinertum auch sein mag, Tatsache bleibt, dass gerade dank der rauen Arbeit Robespierres sie alle Möglichkeiten behalten haben, ihre konservative Herrschaft mit jenen Formeln zu verhüllen, durch die einst die alte Gesellschaft gesprengt wurde.

Jede große Revolution hat neue Etappen der bürgerlichen Gesellschaft und neue Bewusstseinsformen ihrer Klassen zu verzeichnen. Wie Frankreich über die Reformation hinwegschritt, so hat Russland die formale Demokratie übergangen. Die russische revolutionäre Partei, der es bevorstand, ihren Stempel einer ganzen Epoche aufzupressen, suchte den Ausdruck für die Aufgaben der Revolution nicht in der Bibel, nicht im säkularisierten Christentum der »reinen« Demokratie, sondern in den materiellen Verhältnissen der Gesellschaftsklassen. Das Sowjetsystem gab diesen Verhältnissen den einfachsten, unverhülltesten, klarsten Ausdruck. Die Herrschaft der Werktätigen fand zum ersten Male ihre Verwirklichung in diesem System, das, wie auch seine nächsten historischen Schicksalswendungen sein mögen, ebenso unaustilgbar in das Bewusstsein der Massen eingedrungen ist wie seinerzeit das System der Reformation oder der reinen Demokratie.

Anmerkungen

[1] Die Behauptung stammt von Prof. M. N. Pokrowski. Siehe Anhang I.

Das zaristische Russland im Kriege

Die Beteiligung Russlands am Kriege war den Motiven und Zielen nach widerspruchsvoll. Der blutige Kampf ging im Wesentlichen um die Weltherrschaft. In diesem Sinne überstieg er Russlands Kraft. Russlands sogenannte Kriegsziele (die türkischen Meerengen, Galizien, Armenien) hatten provinziellen Charakter und konnten nur nebenbei gelöst werden, je nachdem sie mit den Interessen der entscheidenden Kriegsteilnehmer im Einklang standen.

Gleichzeitig aber konnte Russland als Großmacht der Rauferei der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder nicht fernbleiben, wie es sich in der vorangegangenen Epoche auch der Einführung von Fabriken, Eisenbahnen, Schnellfeuergeschützen und Flugzeugen nicht hatte verschließen können. Der unter den russischen Historikern der neuesten Schule nicht seltene Streit, in welchem Maße das zaristische Russland für die moderne imperialistische Politik reif gewesen war, verfällt häufig in Scholastik, denn sie betrachten Russland in der Weltarena isoliert, als selbstständigen Faktor. Indes war es nur das Glied eines Systems.

Indien beteiligte sich am Kriege dem Wesen und der Form nach als Kolonie Englands. Die Einmischung Chinas, formell eine »freiwillige«, war tatsächlich die Einmischung eines Sklaven in die Balgerei der Herren. Die Beteiligung Russlands lag irgendwo in der Mitte zwischen der Beteiligung Frankreichs und der Chinas. Russland bezahlte damit das Recht, mit fortgeschrittenen Ländern im Bunde zu sein, Kapital einzuführen und Prozente dafür zu zahlen, das heißt im Wesentlichen das Recht, eine privilegierte Kolonie seiner Verbündeten zu sein; aber gleichzeitig auch das Recht, die Türkei, Persien, Galizien, überhaupt alle Länder, die schwächer und rückständiger waren als es selbst, zu knebeln und zu plündern. Der zwiespältige Imperialismus der russischen Bourgeoisie trug in seinem Kern den Charakter einer Agentur anderer, gewaltigerer Weltmächte.

Das chinesische Kompradorentum ist das klassische Vorbild einer nationalen Bourgeoisie, gebildet nach dem Typus einer Vermittlungsagentur zwischen ausländischem Finanzkapital und einheimischer Wirtschaft. In der Welthierarchie der Staaten nahm Russland bis zum Kriege einen bedeutend höheren Platz als China ein. Welchen Platz es, ohne die Revolution, nach dem Kriege eingenommen haben würde, ist eine andere Frage. Doch zeigten das russische Selbstherrschertum einerseits und die russische Bourgeoisie andererseits die krassesten Züge des Kompradorentums: Sie lebten und nährten sich von der Verbindung mit dem ausländischen Imperialismus, dienten ihm und konnten sich, ohne sich auf ihn zu stützen, nicht halten. Allerdings haben sie sich letzten Endes auch mit seiner Unterstützung nicht zu behaupten vermocht. Die halbkompradorenhafte russische Bourgeoisie hatte imperialistische Weltinteressen im gleichen Sinne, wie ein prozentual beteiligter Agent die Interessen seines Herrn teilt.

Das Werkzeug des Krieges ist die Armee. Da jede Armee in der nationalen Mythologie für unbesiegbar gilt, sahen die herrschenden Klassen Russlands keinen Grund, für die zaristische Armee eine Ausnahme zu machen. In Wirklichkeit stellte sie nur gegen die halbbarbarischen Völker, die kleinen Nachbarn und Staaten, die sich in Auflösung befanden, eine ernstliche Macht dar; auf der europäischen Arena war sie lediglich innerhalb von Koalitionen wirksam; in der Verteidigung erfüllte sie ihre Aufgabe nur in Verbindung mit der unermesslichen Ausdehnung, der Bevölkerungsdünne und der Unpassierbarkeit der Wege. Ein Virtuose der Armee der leibeigenen Muschiks war Suworow. Die Französische Revolution, die einer neuen Gesellschaft und einer neuen Kriegskunst die Türen öffnete, sprach gleichzeitig das Todesurteil über die suworowsche Armee.

Die halbe Abschaffung der Leibeigenschaft und die Einführung der allgemeinen Militärpflicht modernisierten die Armee in den gleichen Grenzen wie das Land, das heißt, sie trugen in die Armee alle Gegensätze der Nation, der noch erst bevorstand, ihre bürgerliche Revolution durchzumachen. Zwar wurde die zaristische Armee nach westlichen Mustern aufgebaut und ausgerüstet, doch betraf es mehr die Form als das Wesen. Das Kulturniveau des Bauern-Soldaten stand zu dem Niveau der Kriegstechnik in keinem Verhältnis. Im Kommandobestand fanden Kulturlosigkeit, Faulheit und Diebeswesen der herrschenden Klassen Russlands ihren Ausdruck. Industrie und Transportverhältnisse enthüllten fortgesetzt ihre Unzulänglichkeit angesichts der konzentrierten Bedürfnisse der Kriegszeit. Die am ersten Kriegstage scheinbar sachgemäß ausgerüsteten Truppen erwiesen sich alsbald nicht nur ohne Waffen, sondern auch ohne Stiefel. Im Russisch-Japanischen Kriege hatte die zaristische Armee gezeigt, was sie wert war. In der Epoche der Konterrevolution hatte die Monarchie mit Hilfe der Duma die Militärlager aufgefüllt und die Armee an vielen Stellen ausgeflickt, darunter auch die Reputation ihrer Unbesiegbarkeit. Im Jahre 1914 kam die neue, viel schwerere Prüfung.

In Bezug auf Ausrüstung und Finanzen zeigt sich Russland im Kriege sogleich in sklavischer Abhängigkeit von seinen Verbündeten. Das ist nur der militärische Ausdruck seiner allgemeinen Abhängigkeit von den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Doch die Hilfe der Verbündeten rettet die Lage nicht. Der Mangel an Kampfvorräten, das Fehlen von Fabriken für deren Herstellung, das dünne Eisenbahnnetz für deren Zufuhr, übersetzen die Rückständigkeit Russlands in die allgemein verständliche Sprache der Niederlagen, die die russischen Nationalliberalen daran erinnern, dass ihre Ahnen die bürgerliche Revolution nicht vollendet hätten und die Nachkommen vor der Geschichte deshalb schuldig seien.

Die ersten Tage des Krieges waren auch die ersten Tage der Schmach. Nach einer Reihe von Teilkatastrophen brach im Frühling 1915 der allgemeine Rückzug herein. Ihre verbrecherische Unfähigkeit ließen die Generale an der friedlichen Bevölkerung aus. Riesenflächen wurden gewaltsam verwüstet. Die menschliche Heuschrecke mit Nagaikas ins Hinterland getrieben. Die äußere Zerstörung durch die innere vervollständigt.

Auf besorgte Fragen seiner Kollegen über die Lage an der Front antwortete der Kriegsminister, General Poliwanow, wörtlich: »Ich vertraue auf die unwegsamen Flächen, auf die uferlosen Sümpfe und auf die Gnade des heiligen Nikolaus Mirlikijski, des Schutzpatrons des heiligen Russland« (Sitzung vom 4. August 1915). Eine Woche später gestand General Russki den gleichen Ministern: »Die modernen Forderungen der Kriegstechnik gehen über unsere Kraft. Jedenfalls können wir es mit Deutschland nicht aufnehmen.« Das war keine Augenblicksstimmung. Der Offizier Stankewitsch gibt die Worte eines Korpsingenieurs so wieder: »Mit den Deutschen Krieg zu führen ist hoffnungslos, denn wir sind nicht imstande, etwas zu tun. Sogar die neuen Kampfmethoden verwandeln sich in Ursachen unserer Misserfolge.« Solche Urteile gibt es ohne Zahl.

Das Einzige, was die russischen Generale mit Schwung taten, war das Herausholen von Menschenfleisch aus dem Lande. Mit Rind- und Schweinefleisch ging man unvergleichlich sparsamer um. Die grauen Generalstabsnullen, Januschkewitsch unter Nikolai Nikolajewitsch, wie Alexejew unter dem Zaren, verstopften die Löcher mit neuen Aushebungen, trösteten sich und die Alliierten mit Zahlenkolonnen, wo man Kämpferkolonnen brauchte. Annähernd 15 Millionen Menschen wurden mobilisiert, die die Depots, Kasernen, Etappen füllten, herumlungerten, herumstampften, einander auf die Füße traten, verbitterten, fluchten. Waren diese menschlichen Massen für die Front eine vermeintliche Größe, so waren sie ein wirklicher Faktor des Zerfalls im Hinterlande. Etwa 5½ Millionen wurden als tot, verwundet und gefangen registriert. Die Zahl der Deserteure wuchs. Schon im Juli 1915 jammerten die Minister: »Armes Russland. Sogar seine Armee, die in vergangenen Zeiten die Welt mit Siegesdonner erfüllt hatte ... auch sie besteht nur, wie sich herausstellt, aus Feiglingen und Deserteuren.«

Die gleichen Minister, die mit Galgenhumor über den »Generalsrückzugmut« witzelten, verbrachten Stunden und Stunden über dem Problem: Soll man die Reliquien aus Kiew wegbringen oder nicht? Der Zar war der Meinung, man brauche es nicht, denn »die Deutschen werden nicht wagen, sie anzurühren, und wenn sie sie anrühren, desto schlimmer für die Deutschen«. Die Synode jedoch begann bereits mit der Ausfuhr: »Wenn wir die Stadt verlassen, nehmen wir unser Teuerstes mit.« Das geschah nicht zur Zeit der Kreuzzüge, sondern im 20. Jahrhundert, als die Berichte über die russischen Niederlagen radiotelegrafisch weitergegeben wurden.

Russlands Erfolge gegen Österreich-Ungarn wurzelten mehr in Österreich-Ungarn als in Russland. Die auseinanderfallende habsburgische Monarchie hatte schon längst Bedarf an einem Totengräber, ohne dabei von ihm hohe Qualifikationen zu verlangen. Russland hatte auch in der Vergangenheit Erfolg gegen innerlich in Auflösung befindliche Staaten wie die Türkei, Polen und Persien gehabt. Die Südwestfront der russischen Armee, gegen Österreich-Ungarn gewandt, kannte bedeutende Siege, was sie von den anderen Fronten unterschied. Hier taten sich einige Generale hervor, die zwar ihre militärische Begabung durch nichts bewiesen hatten, aber zumindest nicht vom Fatalismus unentwegt geschlagener Kriegsführer gezeichnet waren. Aus diesem Milieu gingen später einige weiße »Helden« des Bürgerkrieges hervor.

Alle suchten, wem die Schuld aufzubürden. Man beschuldigte kurzweg die Juden der Spionage. Man plünderte Menschen mit deutschen Namen. Der Generalstab des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch ließ den Gendarmerieoberst Mjassojedow als deutschen Spion, der er allem Anscheine nach nicht war, erschießen. Man verhaftete den Kriegsminister Suchomlinow, einen hohlen und unsauberen Menschen, unter der vielleicht nicht unbegründeten Anschuldigung des Verrates. Der britische Außenminister Grey sagte dem Vorsitzenden der russischen parlamentarischen Delegation: »Ihre Regierung ist sehr kühn, wenn sie sich entschließen kann, im Kriege den Kriegsminister des Verrates zu beschuldigen.« Die Stäbe und die Duma bezichtigten den Hof des Germanophilentums. Alle zusammen beneideten und hassten die Alliierten. Das französische Kommando schonte seine Armeen, indem es russische Soldaten vorschob. England kam nur langsam in Schwung. In Petrograder Salons und in den Frontstäben scherzte man lieblich: »England hat geschworen, standhaft durchzuhalten bis zum letzten Blutstropfen ... des russischen Soldaten.« Diese Späßchen sickerten nach unten und bis an die Front durch. »Alles für den Krieg!« sagten Minister, Deputierte, Generale, Journalisten. »Ja«, begann der Soldat im Schützengraben zu grübeln, »alle sind bereit bis zum letzten Tropfen ... meines Blutes zu kämpfen.«

Die russische Armee verlor im Kriege mehr Menschen als irgendein anderes am Völkerschlachten beteiligtes Heer, nämlich 2½ Millionen Seelen, etwa 40 Prozent der Verluste aller Ententearmeen. In den ersten Monaten starben die Soldaten unter den Geschossen ohne nachzudenken oder ohne viel nachzudenken. Doch sammelten sie täglich mehr Erfahrung, die bittere Erfahrung der »Gemeinen«, die man nicht zu führen versteht. Sie ermaßen den Wirrwarr der zwecklosen Verschiebungen seitens der Generale an den abgerissenen Sohlen und der Zahl der versäumten Mittagessen. Vom blutigen Brei der Menschen und Dinge ging das verallgemeinernde Wort aus: Wahnsinn, das in der Soldatensprache durch ein saftigeres Wort ersetzt wurde.

Am schnellsten löste sich die bäuerliche Infanterie auf. Die Artillerie, mit ihrem hohen Prozentsatz Industriearbeiter, zeichnet sich im Allgemeinen durch größere Aufnahmefähigkeit für revolutionäre Ideen aus: Das hatte sich im Jahre 1905 krass gezeigt. Wenn sich dagegen die Artillerie im Jahre 1917 konservativer als die Infanterie erwies, lag der Grund darin, dass durch die Infanterietruppenteile, wie durch ein Sieb, immer neue und immer weniger bearbeitete Menschenmassen gingen; die Artillerie aber, die unendlich geringere Verluste zu tragen hatte, behielt ihre alten Kader. Das Gleiche konnte man bei den anderen Spezialtruppen beobachten. Aber letzten Endes hielt auch die Artillerie nicht stand.

Während des Rückzuges aus Galizien wurde ein Geheimbefehl des Höchstkommandierenden erlassen: wegen Desertion und anderer Verbrechen die Soldaten mit Ruten zu peitschen. Der Soldat Pirejko erzählt: »Man begann die Soldaten wegen der nichtigsten Vergehen auszupeitschen, wie zum Beispiel wegen eigenmächtiger Entfernung von der Truppe für einige Stunden; mitunter peitschte man nur zu dem Zwecke, den Kriegsgeist zu heben.« Bereits am 17. September 1915 schrieb Kuropatkin, sich auf Gutschkow berufend: »Die Soldaten gingen mit Begeisterung in den Krieg. Jetzt sind sie müde und haben durch den ständigen Rückzug den Glauben an den Sieg verloren.« Ungefähr zur gleichen Zeit charakterisierte der Innenminister die in Moskau in den Lazaretten befindlichen 30.000 genesenden Soldaten: »Das ist eine gewalttätige Bande, die keine Disziplin anerkennt, skandaliert, sich mit den Schutzleuten in Schlägereien einlässt (kurz vorher war einer von Soldaten erschlagen worden), Verhaftete befreit und so weiter. Es unterliegt keinem Zweifel, dass im Falle von Unruhen diese Horde sich der Menge anschließen wird.« Der gleiche Soldat Pirejko schreibt: »Alle, ohne Ausnahme, interessierten sich nur für den Frieden ... Wer siegen wird und wie der Sieg sein wird – das interessierte die Armee am wenigsten. Sie brauchte Frieden um jeden Preis, denn sie war des Krieges müde.«

Eine Frau mit Beobachtungsgabe, S. Fedortschenko, hat als Krankenschwester die Gespräche, ja fast schon die Gedanken der Soldaten belauscht und kunstvoll auf losen Blättern niedergeschrieben. Das auf diese Weise entstandene Büchlein »Volk im Kriege« ermöglicht, einen Blick in jenes Laboratorium zu werfen, wo Bomben, Stacheldraht, Giftgase und Niedertracht der Behörden während vieler Monate das Bewusstsein einiger Millionen russischer Bauern bearbeiteten und wo neben menschlichen Knochen jahrhundertealte Vorurteile auseinanderkrachten. In vielen dieser urwüchsigen Soldatenaphorismen sind bereits Losungen des späteren Bürgerkrieges enthalten.

General Russki klagt im Dezember 1916, Riga sei das Unglück der Nordfront. Das sei, wie Dwinsk, ein »von Propaganda durchsetztes Nest«. General Brussilow bestätigte: Aus dem Rigaer Bezirk kämen die Truppenteile demoralisiert an, die Soldaten weigerten sich, zur Attacke vorzugehen, einen Kompanieführer habe man mit den Bajonetten aufgespießt, man hätte einige Mann erschießen müssen, und so weiter. »Der Boden für die endgültige Zersetzung der Armee war lange vor der Umwälzung vorhanden«, gesteht Rodsjanko, der mit Offizieren in Verbindung war und die Front wiederholt besucht hatte.

Die anfänglich zersplitterten revolutionären Elemente waren in der Armee fast spurlos untergetaucht. Doch mit dem Wachstum der allgemeinen Unzufriedenheit kamen sie an die Oberfläche. Das strafweise Verschicken streikender Arbeiter an die Front füllte die Reihen der Agitatoren auf und die Rückzüge schufen ihnen ein geneigtes Auditorium. »Die Armee im Hinterland und ganz besonders an der Front«, meldet die Ochrana, »ist voll von Elementen, die zum Teil fähig sind, eine aktive Kraft des Aufstandes zu werden, während die anderen nur imstande wären, die Unterdrückungsarbeit zu verweigern ...« Die Petrograder Gouvernementsgendarmerieverwaltung meldet im Oktober 1916 auf Grund des Berichtes eines Bevollmächtigten des Semstwoverbandes, dass die Stimmung in der Armee besorgniserregend, das Verhältnis zwischen Offizieren und Soldaten äußerst gespannt sei, sogar blutige Zusammenstöße vorkämen und man überall zu Tausenden Deserteuren begegne. »Jeder, der in die Nähe der Armee kommt, muss den vollen und überzeugenden Eindruck von der unbedingten moralischen Zersetzung der Truppen gewinnen.« Aus Vorsicht fügt der Bericht hinzu, dass man, obwohl vieles in diesen Äußerungen wenig glaubhaft erscheine, doch gezwungen sei, daran zu glauben, da viele von der aktiven Armee zurückgekehrte Ärzte Meldungen in gleichem Sinne erstattet hätten.

Die Stimmungen des Hinterlandes entsprachen den Stimmungen der Front. Auf einer Konferenz der Kadettenpartei im Oktober 1916 hob die Mehrzahl der Delegierten die Apathie und den Unglauben an einen siegreichen Kriegsausgang hervor – »in allen Bevölkerungsschichten, besonders jedoch im Dorfe und unter der städtischen Armut«. Am 30. Oktober 1916 schrieb der Direktor des Polizeidepartements in seiner Berichterstattung von der »überall und in allen Bevölkerungsschichten zu beobachtenden gewissen Kriegsmüdigkeit und der Sehnsucht nach baldigem Frieden, unter welchen Bedingungen immer er auch geschlossen werden würde ...«

Nach einigen Monaten werden alle diese Herrschaften, Deputierte und Polizisten, Generale und Semstwobevollmächtigte, Ärzte und frühere Gendarmen, einstimmig behaupten, die Revolution habe den Patriotismus in der Armee ertötet und die Bolschewiki den sicheren Sieg ihren Händen entrissen.

Als Chorführer des kriegerischen Patriotismus wirkten ohne Zweifel die konstitutionellen Demokraten (Kadetten). Nachdem er seine problematischen Bande mit der Revolution schon Ende 1905 zerrissen hatte, erhob der Liberalismus mit Einsetzen der Konterrevolution das Banner des Imperialismus. Das eine ergab sich aus dem anderen. Fehlt die Möglichkeit, das Land vom feudalen Gerümpel zu säubern, um der Bourgeoisie den herrschenden Platz zu sichern, bleibt nur ein Bündnis mit Monarchie und Adel, um dem Kapital einen besseren Platz in der Weltarena zu sichern. Wenn wahr ist, dass die Weltkatastrophe von verschiedenen Seiten vorbereitet worden und für ihre verantwortlichen Organisatoren bis zu einem gewissen Grade überraschend gekommen war, so ist ebenso unzweifelhaft, dass bei ihrer Vorbereitung der russische Liberalismus, als Inspirator der Außenpolitik der Monarchie, nicht die letzte Stelle eingenommen hatte. Den Krieg von 1914 begrüßten die Führer der russischen Bourgeoisie mit vollem Recht als ihren Krieg. In der feierlichen Sitzung der Reichsduma vom 26. Juli 1914 verkündete der Vertreter der Kadettenfraktion: »Wir stellen keine Bedingungen und Forderungen, wir legen einfach auf die Waage den festen Willen, den Gegner zu überwinden.« Die nationale Einigkeit wurde auch in Russland zur offiziellen Doktrin. Während der patriotischen Kundgebungen in Moskau erklärte der Oberzeremonienmeister, Graf Benkendorf, den Diplomaten: »Hier haben Sie die Revolution, die man uns in Berlin vorausgesagt hat!« »Dieser Gedanke«, erklärt der französische Gesandte Paléologue, »beherrscht offensichtlich alle.« Diese Menschen betrachten es als ihre Pflicht, Illusionen zu nähren und auszustreuen in einer Situation, die, wie es scheinen sollte, Illusionen absolut ausschloss.

Auf ernüchternde Lehren sollte man nicht lange warten. Schon gleich nach Kriegsbeginn rief einer der expansivsten Kadetten, der Advokat und Gutsbesitzer Roditschew, in der Sitzung des Zentralkomitees seiner Partei aus: »Ja glaubt ihr wirklich, dass man mit diesen Dummköpfen siegen kann!« Die Ereignisse zeigten, dass man mit Dummköpfen nicht siegen konnte. Nachdem er bereits zur guten Hälfte den Glauben an den Sieg verloren hatte, versuchte der Liberalismus das Beharrungsvermögen des Krieges zu einer Säuberung der Kamarilla auszunutzen und die Monarchie zu einem Pakt zu zwingen. Als Hauptmittel zu diesem Zweck dienten die gegen die Hofpartei gerichteten Beschuldigungen des Germanophilentums und der Vorbereitung eines Separatfriedens.

Im Frühling 1915, als die waffenlosen Truppen auf der ganzen Front sich im Rückzuge befanden, wurde in den Regierungssphären, nicht ohne Druck seitens der Alliierten, beschlossen, die Initiative der Privatindustrie heranzuziehen zur Arbeit für die Armee. Die zu diesem Zweck geschaffene »Besondere Beratung« umfasste neben den Bürokraten die einflussreichsten Industrieführer. Die bei Kriegsbeginn entstandenen Semstwo- und Städteverbände und die im Frühling 1915 gegründeten Kriegsindustriekomitees wurden Stützpunkte der Bourgeoisie im Kampfe um Sieg und Macht. Die Reichsduma sollte, indem sie sich auf diese Organisationen stützte, desto sicherer als Mittlerin zwischen Bourgeoisie und Monarchie auftreten.

Die breiten politischen Perspektiven lenkten jedoch die Blicke nicht ab von den folgenschweren Tagesaufgaben. Wie aus einem Hauptreservoir wurden aus der »Besonderen Beratung« Dutzende und Hunderte von Millionen, die zu Milliarden anwuchsen, durch weitverzweigte Kanäle geleitet, berieselten reichlich die Industrie und stillten unterwegs noch eine Menge Appetite. In der Reichsduma und in der Presse wurden einige Kriegsgewinne für das Jahr 1915 bis 1916 bekannt gegeben: Die Gesellschaft des Moskauer liberalen Textilfabrikanten Rjabuschinski wies 75 Prozent Reingewinn aus; die Twerer Manufaktur sogar 111 Prozent; das Kupferwalzwerk Koljtschugin warf bei einem Grundkapital von 10 Millionen 12 Millionen Gewinn ab. Die Tugend des Patriotismus wurde in diesem Sektor im Überfluss und dabei unverzüglich belohnt.

Spekulationen aller Art und Börsenspiel erreichten den Paroxysmus. Riesenvermögen entstanden aus dem Blutschaum. Der Mangel an Brot und Heizstoff in der Hauptstadt hinderte den Hofjuwelier Fabergé nicht, zu prahlen, er habe noch niemals so vorzügliche Geschäfte gemacht. Das Hoffräulein Wyrubowa erzählt, dass in keiner Saison so teure Kleider bestellt und so viele Brillanten gekauft wurden wie im Winter 1915–16. Die Nachtlokale waren überfüllt von Hinterlandshelden, legalen Deserteuren und sonstigen ehrenwerten Herrschaften, für die Front zu alt, aber noch jung genug für die Freuden des Lebens. Die Großfürsten waren nicht die Letzten unter den Teilnehmern am Festgelage während der Pest. Keiner hatte Angst, zuviel auszugeben. Von oben strömte ein ununterbrochener goldener Regen. Die

»Gesellschaft« hielt Hände und Taschen hin, die aristokratischen Damen schürzten die Röcke, alle patschten durch den Blutschlamm – Bankiers, Intendanten, Industrielle, Zaren- und Großfürstenballerinen, orthodoxe Hierarchen, Hoffräuleins, liberale Deputierte, Front- und Etappengenerale, radikale Advokaten, erlauchte Mucker beiderlei Geschlechts, zahlreiche Neffen und besonders Nichten. Alle beeilten sich mit dem Raffen und Prassen, vor Angst, der segensreiche Regen könnte aufhören, und alle wiesen den schmachvollen Gedanken an vorzeitigen Frieden mit Entrüstung zurück.

Gemeinsame Gewinne, äußere Niederlagen und innere Gefahren brachten die besitzenden Klassen einander näher. Die noch am Vorabend des Krieges uneinige Duma erhielt im Jahre 1915 ihre patriotisch-oppositionelle Mehrheit, die den Namen »progressiver Block« annahm. Als sein offizielles Ziel wurde selbstverständlich »die Befriedigung der durch den Krieg hervorgerufenen Bedürfnisse« proklamiert. Von links gingen in den Block nicht hinein die Sozialdemokraten und die Trudowiki (Bauernvertreter), von rechts offene Schwarzhundertgruppierungen. Alle übrigen Fraktionen der Duma: Kadetten, Progressisten, drei Gruppen Oktobristen, Zentrum und ein Teil der Nationalisten gehörten zum Block oder lehnten sich an ihn an, auch die nationalen Gruppen, wie Polen, Litauer, Muselmanen, Juden und so weiter. Um den Zaren nicht durch die Formel des verantwortlichen Ministeriums abzuschrecken, forderte der Block »eine vereinigte Regierung aus Personen, die das Vertrauen des Landes genießen«. Der Innenminister, Fürst Schtscherbatow, bezeichnete den progressiven Block schon damals als eine zeitweilige »Vereinigung, hervorgerufen durch die Gefahren der sozialen Revolution«. Um dies zu begreifen, war übrigens nicht viel Scharfsinn notwendig. Miljukow, der an der Spitze der Kadetten und damit auch des oppositionellen Blocks stand, sagte auf der Konferenz seiner Partei: »Wir schreiten über einen Vulkan ... Die Spannung hat die letzte Grenze erreicht ... es genügt ein unvorsichtig hingeworfenes Zündholz, um einen schrecklichen Brand zu entfachen ... Wie die Macht auch sein mag – gut oder schlecht –, aber mehr denn je ist jetzt eine feste Macht nötig.«

Die Hoffnung, der Zar werde unter der Last der Niederlagen zu Konzessionen bereit sein, war so groß, dass die liberale Presse im August eine fertige Liste des geplanten »Kabinetts des Vertrauens« veröffentlichte, mit dem Dumavorsitzenden Rodsjanko als Premierminister (nach einer anderen Version war für diese Rolle der Vorsitzende des Semstwoverbandes, Fürst Lwow, auserkoren), Gutschkow als Innenminister, Miljukow als Außenminister und so weiter. Die Mehrzahl dieser Personen, die für ein Bündnis mit dem Zaren gegen die Revolution vorgesehen waren, wurden anderthalb Jahre später Mitglieder der »revolutionären« Regierung. Solche Späße erlaubte sich die Geschichte mehr als einmal. Diesmal war der Scherz mindestens kurz.

Durch den Gang der Ereignisse nicht weniger erschrocken als die Kadetten, neigte die Mehrzahl der Minister des Kabinetts Goremykin zu einer Verständigung mit dem progressiven Block. »Eine Regierung, hinter der weder das Vertrauen des Trägers der obersten Macht steht, noch der Armee, der Städte, der Semstwos, des Adels, der Kaufleute oder der Arbeiter, kann nicht nur nicht arbeiten, sondern auch nicht existieren. Das ist eine offensichtliche Absurdität.« Mit solchen Worten schätzte Fürst Schtscherbatow im August 1915 jene Regierung ein, deren Innenminister er selbst war. »Man muss nur alles anständig einrichten und ein Schlupfloch offen lassen«, sagte der Außenminister Sasonow, »und die Kadetten werden als erste auf eine Verständigung eingehen: Miljukow ist der größte Bourgeois und fürchtet nichts mehr als die soziale Revolution. Wie überhaupt die Mehrzahl der Kadetten um ihr Kapital zittert.« Auch Miljukow seinerseits war der Meinung, der progressive Block werde in »manchem nachgeben« müssen. Beide Parteien waren somit bereit, mit sich handeln zu lassen, und alles schien wie geölt. Aber am 29. August reiste der Premier Goremykin – ein von Jahren und Würden beschwerter Bürokrat, ein alter Zyniker, der Politik zwischen zwei Grandes Patiencen machte und für alle Klagen die Ausrede hatte, dass der Krieg ihn »nichts angeht« – mit einem Bericht für den Zaren ins Hauptquartier und kehrte mit der Nachricht zurück, alles und alle müssten auf den Plätzen verbleiben, außer der widerspenstigen Duma, die am 3. September aufzulösen sei. Das Verlesen des Zarenukases über die Dumaauflösung wurde ohne ein Wort des Protestes angehört: Die Deputierten brachten ein »Hurra« auf den Zaren aus und gingen auseinander.

Wie aber konnte die Zarenregierung, die nach ihrem eigenen Geständnis nirgends eine Stütze hatte, sich danach noch über anderthalb Jahre halten? Vorübergehende Erfolge der russischen Truppen übten zweifellos ihre Wirkung, verstärkt durch die des segenspendenden goldenen Regens. Die Erfolge an der Front hörten zwar bald auf, aber die Gewinne im Hinterlande hielten an. Jedoch die Hauptursache für die Festigung der Monarchie zwölf Monate vor ihrem Sturze wurzelte in der scharfen Differenzierung der Volksunzufriedenheit. Der Chef der Moskauer Ochrana berichtete im Juli über die Zunahme rechter Stimmungen bei der Bourgeoisie unter dem Einfluss »der Angst vor der Möglichkeit revolutionärer Exzesse nach dem Kriege«. Eine Revolution während des Krieges hielt man, wie wir sehen, noch immer für ausgeschlossen. Obendrein waren die Industriellen »über das Anbändeln einiger Führer der Kriegsindustriekomitees mit dem Proletariat« besorgt. Die allgemeine Schlussfolgerung des Gendarmerieobersten Martynow, an dem die berufliche Lektüre der marxistischen Literatur nicht spurlos vorbeigegangen war, lautete, dass die Ursache einer gewissen Besserung der politischen Lage zu suchen sei »in der mehr und mehr fortschreitenden Differenzierung der Gesellschaftsklassen, welche die in der gegenwärtigen Zeit besonders fühlbaren scharfen Interessengegensätze aufdeckt«.

Die Dumaauflösung im September 1915 war eine direkte Herausforderung der Bourgeoisie und nicht der Arbeiter. Aber während die Liberalen unter allerdings nicht sehr begeisterten Hurrarufen auseinander gingen, antworteten die Arbeiter Petrograds und Moskaus mit Proteststreiks. Das kühlte die Liberalen noch mehr ab: Sie hatten am meisten Furcht vor der Einmischung des unerbetenen Dritten in ihren Familiendialog mit der Monarchie. Aber was blieb zu tun? Unter leisem Murren seines linken Flügels traf der Liberalismus die Wahl nach erprobtem Rezept: ausschließlich auf legalem Boden stehen und durch Erfüllung der patriotischen Funktionen die Bürokratie »gleichsam überflüssig« machen. Die Liste eines liberalen Ministeriums musste man jedenfalls zurücklegen.

Die Lage verschlechterte sich inzwischen automatisch. Im Mai 1916 trat die Duma wieder zusammen, aber niemand wusste eigentlich wozu. Zur Revolution aufzurufen, das lag am allerwenigsten in ihrer Absicht. Sonst aber hatte sie nichts zu sagen. »In dieser Session«, erinnert sich später Rodsjanko, »ging die Arbeit lau vonstatten, die Deputierten besuchten die Sitzungen unpünktlich ... Der ewige Kampf schien fruchtlos, die Regierung wollte von nichts hören, die Misswirtschaft nahm zu, und das Land ging dem Untergange entgegen.« Aus der Angst der Bourgeoisie vor der Revolution und aus der Ohnmacht der Bourgeoisie ohne Revolution schöpfte die Monarchie während des Jahres 1916 eine Art gesellschaftlicher Unterstützung.

Zum Herbst verschärfte sich die Lage noch mehr. Die Hoffnungslosigkeit des Krieges wurde für alle offenbar, die Entrüstung der Volksmassen drohte jeden Augenblick überzulaufen. Die Hofpartei weiter wegen »Germanophilentums« attackierend, erachteten es die Liberalen gleichzeitig als notwendig, die Friedenschancen abzutasten, ihren morgigen Tag vorzubereiten. Nur so lassen sich auch die Verhandlungen eines Führers des progressiven Blocks, des Deputierten Protopopow, mit dem deutschen Diplomaten Warburg im Herbst 1916 in Stockholm erklären. Eine Dumadelegation, die den Franzosen und Engländern Freundschaftsbesuche abstattete, hatte sich in Paris und London mühelos davon überzeugen können, dass die teuren Verbündeten die Absicht hegten, während des Krieges alle Lebenssäfte aus Russland auszupressen, um nach dem Siege das rückständige Land zum wichtigsten Feld ökonomischer Ausbeutung zu machen. Das geschlagene Russland im Schlepptau der siegreichen Entente hätte ein Kolonialrussland bedeutet. Es blieb den russischen besitzenden Klassen kein anderer Ausweg, als zu versuchen, sich aus den zu engen Umarmungen der Entente zu befreien und, den Antagonismus der zwei mächtigen Lager ausnutzend, einen eigenen Weg zum Frieden zu finden. Die Zusammenkunft des Vorsitzenden der Dumadelegation mit dem deutschen Diplomaten, als erster Schritt auf diesem Wege, bedeutete sowohl eine Drohung an die Adresse der Alliierten zu dem Zwecke, Konzessionen zu erlangen, als auch eine Abtastung der realen Möglichkeiten einer Annäherung an Deutschland. Protopopow handelte mit Zustimmung nicht nur der zaristischen Diplomatie – die Zusammenkunft selbst fand in Gegenwart des russischen Gesandten in Schweden statt –, sondern auch der gesamten Delegation der Reichsduma. Nebenbei verfolgten die Liberalen mit dieser Sondierung kein minder wichtiges inneres Ziel: Verlasse dich auf uns – deuteten sie dem Zaren an – und wir werden dir einen Separatfrieden besorgen, besser und sicherer als Stürmer. Nach dem Plan Protopopows, das heißt seiner Inspiratoren, sollte die russische Regierung die Alliierten »einige Monate zuvor« verständigen, dass sie gezwungen sei, den Krieg zu beenden, und dass Russland, falls die Alliierten sich weigern sollten, Friedensverhandlungen aufzunehmen, einen Separatfrieden mit Deutschland schließen müsse. In seiner schon nach der Revolution verfassten Beichte spricht Protopopow wie von etwas Selbstverständlichem: »Alle vernünftigen Menschen in Russland, darunter wohl sämtliche Führer der Partei der ›Volksfreiheit‹ (Kadetten), waren überzeugt, dass Russland nicht imstande sei, den Krieg fortzusetzen.«

Der Zar, dem Protopopow nach der Rückkehr über Reise und Verhandlungen Bericht erstattete, verhielt sich durchaus zustimmend zur Idee eines Separatfriedens. Nur sah er keinen Grund, die Liberalen zu dieser Sache hinzuzuziehen. Dass Protopopow sich beiläufig selbst der Hofkamarilla anschloss und mit dem progressiven Block brach, ist aus dem persönlichen Charakter dieses Gecken zu erklären, der sich, nach seinen eigenen Worten, in Zar und Zarin und gleichzeitig – in das unerwartet gekommene Ministerportefeuille des Inneren verliebt hatte. Doch die Episode des protopopowschen Verrats am Liberalismus ändert nicht im Geringsten den Sinn der liberalen Außenpolitik, als einer Vereinigung aus Habgier, Feigheit und Treubruch.

Am 1. November versammelte sich wieder die Duma. Die Spannung im Lande war unerträglich geworden. Man erwartete von der Duma entschlossene Schritte. Man musste etwas tun oder wenigstens sagen. Der progressive Block war wieder einmal gezwungen, zu parlamentarischen Enthüllungen zu greifen. Die wichtigsten Schritte der Regierung von der Tribüne herab aufzählend, fragte Miljukow jedes Mal: »Ist es Dummheit oder Verrat?« Hohe Töne verwandten auch die übrigen Deputierten. Die Regierung fand fast keine Verteidiger. Sie antwortete auf ihre Art: Die Dumareden zu drucken wurde untersagt. Darum fanden sie Absatz in Millionen von Exemplaren. Es gab keine Regierungskanzlei, weder im Hinterlande noch an der Front, in der man die verbotenen Reden nicht abschrieb, häufig mit Anmerkungen, die dem Temperament des Abschreibers entsprachen. Das Echo der Debatten vom 1. November war derart, dass die Enthüller selbst das Gruseln überkam.

Eine Gruppe äußerster Rechter, eingefleischter Bürokraten, inspiriert von Durnowo, dem Bezwinger der Revolution von 1905, überreichte in diesem Moment dem Zaren eine programmatische Denkschrift. Das Auge der reicherfahrenen Würdenträger, die eine ernste Polizeischule durchgemacht hatten, sah weit genug und manches nicht schlecht, und wenn ihre Heilrezepte untauglich waren, so nur, weil es gegen die Krankheiten des alten Regimes überhaupt kein Heilmittel gab. Die Autoren der Denkschrift traten gegen jegliche Konzessionen an die bürgerliche Opposition auf, nicht weil die Liberalen etwa zu weit gehen könnten, wie die vulgären Schwarzhundert wähnten, auf die die hohen Reaktionäre von oben herabblickten, nein, das Unglück sei, dass die Liberalen »so schwach, so uneinig und, man muss offen sagen, so unfähig sind, dass ihr Sieg ebenso kurz wie unsicher wäre«. Die Schwäche der wichtigsten oppositionellen Partei, der »konstitutionell-demokratischen« (kadettischen), sei schon durch ihren Namen gekennzeichnet: Sie nenne sich demokratisch, obwohl sie ihrem Wesen nach bürgerlich sei; während sie in hohem Maße die Partei der liberalen Gutsbesitzer darstelle, habe sie in ihr Programm die zwangsweise Bodenablösung aufgenommen. »Ohne diese Trümpfe aus fremdem Kartenspiel«, schrieben die Geheimräte, die ihnen gewohnte Bildersprache gebrauchend, »sind die Kadetten nichts anderes als eine zahlreiche Gesellschaft liberaler Advokaten, Professoren und Beamten verschiedener Ressorts – nichts mehr.« Anders – die Revolutionäre. Die Anerkennung der Bedeutung der revolutionären Parteien begleitet die Denkschrift mit Zähneknirschen: »Die Gefahr und die Macht dieser Parteien besteht darin, dass sie eine Idee, Geld (!), eine bereite und gut organisierte Masse besitzen.« Die revolutionären Parteien »dürfen auf die Sympathie der Mehrheit der Bauernschaft rechnen, die sogleich mit dem Proletariat gehen wird, wenn die revolutionären Führer ihr fremden Grund und Boden zeigen werden«. Was würde unter diesen Bedingungen die Errichtung eines verantwortlichen Ministeriums ergeben? »Die volle und endgültige Zerschlagung der Parteien der Rechten, das allmähliche Verschlingen der Mittelparteien – des Zentrums, der liberalen Konservativen, Oktobristen und Progressisten – durch die Kadettenpartei, die anfangs entscheidende Bedeutung bekäme. Doch den Kadetten würde das gleiche Schicksal drohen ... Und danach? Danach würde die revolutionäre Masse auf den Plan treten, die Kommune folgen, der Untergang der Dynastie, Pogrome auf die besitzenden Klassen und schließlich der Räuber-Muschik.« Man kann nicht leugnen, dass die reaktionär-polizeiliche Wut sich hier zu eigenartigem historischen Weitblick erhebt.

Das positive Programm der Denkschrift ist nicht neu, aber konsequent: eine Regierung aus unnachgiebigen Anhängern des Selbstherrschertums; Abschaffung der Duma; Belagerungszustand in beiden Hauptstädten; Vorbereitung der Kräfte zur Unterdrückung der Rebellion. Im Wesentlichen bildete denn auch dieses Programm die Grundlage der Regierungspolitik der letzten vorrevolutionären Monate. Doch setzte ihr Erfolg eine Macht voraus, die Durnowo im Winter 1905 in Händen hatte, die aber im Herbst 1917 bereits nicht mehr existierte. Die Monarchie versuchte deshalb, das Land verstohlen und stückweise zu ersticken. Das Ministerium wurde erneuert nach dem Prinzip der »eigenen« Leute, die dem Zaren und der Zarin bedingungslos ergeben waren. Doch diese »Eigenen«, vor allem der Überläufer Protopopow, waren nichtig und kläglich. Die Duma wurde nicht abgeschafft, aber wieder aufgelöst, die Verkündung des Belagerungszustandes in Petrograd bis zu dem Moment aufgespart, wo die Revolution bereits gesiegt hatte. Und die für die Unterdrückung der Meuterei bereitgehaltenen Militärkräfte wurden selbst von der Meuterei erfasst. Das alles zeigte sich bereits nach zwei bis drei Monaten.

Der Liberalismus machte inzwischen letzte Anstrengungen, die Lage zu retten. Alle Organisationen der Großbourgeoisie unterstützten die Novemberreden der Dumaopposition durch eine Reihe weiterer Erklärungen. Die herausforderndste war die Resolution des Städtebundes vom 9. Dezember:

»Unverantwortliche Verbrecher, wahnsinnige Fanatiker bereiten Russlands Niederlage, Schande und Knechtschaft vor.« Die Reichsduma wird aufgefordert, »solange nicht auseinander zu gehen, bis eine verantwortliche Regierung erreicht ist«. Sogar der Staatsrat, das Organ der Bürokratie und des Großbesitzes, sprach sich dafür aus, Menschen in die Regierung zu berufen, die das Vertrauen des Landes besitzen. Ein ähnliches Gesuch stellte der Kongress des vereinigten Adels: Die moosbedeckten Steine begannen zu reden. Doch nichts änderte sich. Die Monarchie ließ den Rest der Macht nicht aus den Händen.

Die letzte Session der letzten Duma wurde, nach Schwankungen und Verzögerungen, auf den 14. Februar 1917 angesetzt. Bis zum Ausbruch der Revolution verblieben weniger als zwei Wochen. Man erwartete Demonstrationen. In der »Rjetsch«, dem Organ der Kadetten, wurde, neben der Anzeige des Chefs des Petrograder Militärbezirks, des Generals Chabalow, über das Demonstrationsverbot, ein Brief Miljukows abgedruckt, der die Arbeiter vor »schlechten und gefährlichen Ratschlägen«, die »dunklen Quellen« entstammten, warnte. Trotz der Streiks verlief die Dumaeröffnung verhältnismäßig ruhig. Indem sie sich den Anschein gab, als interessiere sie die Regierungsfrage nicht mehr, beschäftigte sich die Duma mit einer akuten, aber rein praktischen Frage: der Ernährung. Die Stimmung sei flau gewesen, erinnerte sich später Rodsjanko, »man empfand die Ohnmacht der Duma und Müdigkeit vom vergeblichen Kampfe«. Miljukow wiederholte mehrmals, dass der progressive Block »mit dem Wort und nur mit dem Wort wirken wird«. In solcher Gestalt trat die Duma in den Strudel der Februarrevolution.

Proletariat und Bauernschaft

Das russische Proletariat machte seine ersten Schritte unter den politischen Bedingungen eines despotischen Staates. Gesetzlich verbotene Streiks, unterirdische Zirkel, illegale Proklamationen, Straßendemonstrationen, Zusammenstöße mit Polizei und Truppen – das war eine Schule, geschaffen aus der Verquickung der Bedingungen des sich schnell entwickelnden Kapitalismus und des seine Positionen langsam räumenden Absolutismus. Die Zusammenballung der Arbeiter in Riesenbetrieben, der konzentrierte Charakter des staatlichen Druckes, schließlich die Impulsivität des jungen und frischen Proletariats führten dazu, dass der politische Streik, im Westen so selten, in Russland die Hauptmethode des Kampfes wurde. Die Zahlen der Arbeiterstreiks seit Beginn dieses Jahrhunderts bilden den lehrreichsten Index der politischen Geschichte Russlands. Bei allem Bestreben, den Text nicht durch Zahlen zu belasten, ist es unmöglich, auf die Einfügung einer Tabelle der politischen Streiks in Russland für die Zeit vom Jahre 1903–1917 zu verzichten. Auf ihren einfachsten Ausdruck gebracht, beziehen sich die Angaben nur auf Betriebe, die der Fabrikinspektion unterstellt waren; Eisenbahnen, Bergwerksindustrie, Handwerks- und überhaupt Kleinbetriebe, ganz abgesehen von der Landwirtschaft, blieben dabei aus verschiedenen Gründen unberücksichtigt. Aber die periodischen Veränderungen der Streikkurve treten dadurch nicht minder deutlich hervor.

Wir haben vor uns eine in ihrer Art einzig dastehende Kurve der politischen Temperatur einer Nation, die eine große Revolution in ihrem Schoße trägt. In einem rückständigen Lande mit einem an Zahl geringen Proletariat – in den der Fabrikinspektion unterstellten Betrieben sind etwa 1½ Millionen Arbeiter im Jahre 1905, etwa 2 Millionen im Jahre 1917! – nimmt die Streikbewegung ein solches Ausmaß an, wie es vorher die Welt nirgendwo gekannt hatte. Bei der Schwäche der kleinbürgerlichen Demokratie, der Zersplitterung und politischen Blindheit der Bauernbewegung wird der revolutionäre Arbeiterstreik zu einem Mauerbrecher, den die erwachende Nation gegen das Bollwerk des Absolutismus richtet. 1.843.000 Teilnehmer an politischen Streiks während des einen Jahres 1905 – Arbeiter, die an mehreren Streiks teilgenommen haben, werden hier selbstverständlich wiederholt gezählt –, allein diese Zahl würde gestatten, auf der Tabelle mit dem Finger das Revolutionsjahr zu bezeichnen, selbst wenn wir nichts anderes über Russlands politischen Kalender wüssten.

Zahl der Teilnehmer an politischen Streiks in den Jahren 1903 bis zum Januar/Februar 1917

Für das Jahr 1904, das erste Jahr des Russisch-Japanischen Krieges, zeigt die Fabrikinspektion im Ganzen nur 25.000 Streikende an. Im Jahre 1905 gab es politische und ökonomische Streikende zusammen 2.863.000, also 115mal soviel als im vorangegangenen Jahr. Dieser verblüffende Sprung bringt an sich auf den Gedanken, dass das Proletariat, durch den Gang der Ereignisse zur Improvisation einer solch unerhörten revolutionären Aktivität gezwungen, um jeden Preis aus seiner Tiefe eine Organisation hervorbringen musste, die dem Ausmaß des Kampfes und der Grandiosität der Aufgaben entsprach: Das waren eben die Sowjets, die, aus der ersten Revolution geboren, zu Organen des allgemeinen Streiks und des Kampfes um die Macht wurden.

Das im Dezemberaufstand 1905 niedergerungene Proletariat macht heroische Anstrengungen, einen Teil der eroberten Positionen im Laufe der nächsten zwei Jahre zu behaupten, die, wie die Streikziffern zeigen, sich noch unmittelbar an die Revolution anlehnen, aber doch schon Jahre der Ebbe sind. Die vier weiteren Jahre (1908–1911) treten im Spiegel der Streikstatistik als Jahre der siegreichen Konterrevolution auf. Die damit zusammenfallende industrielle Krise erschöpft das ohnehin leergeblutete Proletariat noch mehr. Die Tiefe des Niederganges ist proportional der Höhe des Aufstieges. Die Konvulsionen der Nation finden ihren Ausdruck in diesen einfachen Zahlen.

Die Belebung der Industrie, die im Jahre 1910 einsetzt, bringt die Arbeiter auf die Beine und gibt ihrer Energie einen neuen Anstoß. Die Zahlen der Jahre 1912–1914 wiederholen fast die Angaben über die Jahre 1905–1907, nur in umgekehrter Ordnung: nicht vom Aufstieg zum Niedergang, sondern vom Niedergang zum Aufstieg. Auf neuen, höheren historischen Grundlagen – es gibt jetzt mehr Arbeiter, und sie haben mehr Erfahrung – beginnt die neue revolutionäre Offensive. Das erste Halbjahr 1914 nähert sich nach der Zahl der politischen Streikenden merklich dem Kulminationsjahr der ersten Revolution. Doch der Krieg bricht aus und unterbindet jäh diesen Prozess. Die ersten Monate des Krieges sind durch politische Reglosigkeit der Arbeiterklasse gezeichnet. Doch schon im Frühling 1915 beginnt die Starre zu weichen. Es setzt ein neuer Zyklus politischer Streiks ein, der sich im Februar 1917 in den Aufstand der Arbeiter und Soldaten entlädt.

Die heftigen Fluten und Ebben des Massenkampfes verwandelten das russische Proletariat im Laufe einiger Jahre bis zur Unkenntlichkeit. Fabriken, die noch zwei, drei Jahre vorher wegen irgendeines vereinzelten Aktes polizeilicher Willkür einmütig in den Streik getreten waren, verloren jetzt das revolutionäre Gesicht und nahmen die ungeheuerlichsten Verbrechen der Behörden widerstandslos hin. Große Niederlagen entmutigten für lange. Die revolutionären Elemente verlieren die Macht über die Massen. Noch nicht erloschene Vorurteile und Aberglaube gewinnen in ihrem Bewusstsein die Oberhand. Die grauen Abkömmlinge des Dorfes verwässern inzwischen die Arbeiterreihen. Die Skeptiker schütteln ironisch die Köpfe. So geschah es in den Jahren 1907 bis 1911. Doch die molekularen Prozesse in den Massen heilen die psychischen Wunden der Niederlagen. Eine neue Wendung der Ereignisse oder ein unterirdischer ökonomischer Anstoß eröffnet einen neuen politischen Zyklus. Revolutionäre Elemente finden wieder ihr Auditorium. Der Kampf lebt auf höherer Stufe auf.

Zum Verständnis der beiden Hauptströmungen in der russischen Arbeiterklasse ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass der Menschewismus sich endgültig in den Jahren der Reaktion und der Ebbe formte, hauptsächlich gestützt auf die dünne Arbeiterschicht, die mit der Revolution gebrochen hatte, während der Bolschewismus, in der Periode der Reaktion grausam niedergeschlagen, sich in den Jahren vor dem Kriege auf dem Rücken der neuen revolutionären Flut schnell aufzurichten begann. »Am energischsten, verwegensten, zum unermüdlichen Kampf, Widerstand und zur dauernden Organisierung am befähigsten sind jene Elemente, Organisationen und Personen, die sich um Lenin konzentrieren«, mit diesen Worten beurteilte das Polizeidepartement die Arbeit der Bolschewiki in den dem Kriege vorangegangenen Jahren.

Im Juli 1914, als die Diplomaten den letzten Nagel in das Kreuz eintrieben, an das Europa geschlagen werden sollte, brodelte es in Petrograd wie in einem revolutionären Kessel. Der Präsident der Französischen Republik, Poincaré, musste unter dem letzten Widerhall des Straßenkampfes und den ersten Lauten patriotischer Kundgebungen den Kranz am Denkmal Alexanders III. niederlegen.

Würde die Offensivbewegung der Massen in den Jahren 1912 bis 1914 unmittelbar zum Sturze des Zarismus geführt haben, wenn der Krieg nicht eingeschnitten hätte? Man kann diese Frage wohl kaum mit Bestimmtheit beantworten. Der Prozess führte unabwendbar zur Revolution. Aber welche Etappen hätte er dabei durchschreiten müssen? Lauerte ihm nicht noch eine Niederlage auf? Welche Frist hätten die Arbeiter nötig gehabt, um die Bauern auf die Beine zu bringen und die Armee zu gewinnen? Nach all diesen Richtungen hin sind nur Vermutungen möglich. Der Krieg hatte jedenfalls anfänglich dem Prozess einen rückläufigen Gang verliehen, um ihn im folgenden Stadium umso mächtiger zu beschleunigen und ihm einen überwältigenden Sieg zu sichern.

Beim ersten Trommelschlag erstarb die revolutionäre Bewegung. Die aktivsten Arbeiterschichten wurden mobilisiert. Die revolutionären Elemente aus den Betrieben an die Front geworfen. Auf Streiks standen strenge Strafen. Die Arbeiterpresse war weggefegt. Die Gewerkschaften erdrosselt. In die Werkstätten ergossen sich zu Hunderttausenden Frauen, Jugendliche, Bauern. Politisch desorientierte der Krieg in Verbindung mit dem Zusammenbruch der Internationale die Massen außerordentlich und gestattete der Fabrikadministration, die den Kopf erhoben hatte, im Namen der Betriebe patriotisch aufzutreten, einen bedeutenden Teil der Arbeiter mitzureißen und die Kühneren und Entschlosseneren zu zwingen, sich abwartend zurückzuziehen. Der revolutionäre Gedanke glimmte nur noch in kleinen, stillgewordenen Kreisen. Sich »Bolschewik« zu nennen, wagte zu jener Zeit in den Betrieben niemand, hieß das doch, sich der Verhaftung oder Verprügelung durch rückständige Arbeiter aussetzen.

Die bolschewistische Dumafraktion, schwach in der personellen Zusammensetzung, zeigte sich im Augenblick des Kriegsbeginns nicht auf der Höhe. Gemeinsam mit den menschewistischen Deputierten brachte sie eine Deklaration ein, in der sie sich verpflichtete, »das kulturelle Wohl des Volkes gegen jeden Anschlag, woher er auch kommen möge, zu verteidigen«. Mit Beifall unterstrich die Duma diese Preisgabe der Position. Von den russischen Organisationen und Gruppen der Partei bezog keine einzige eine offen defätistische Stellung, wie sie Lenin im Auslande proklamierte. Indes erwies sich der Prozentsatz an Patrioten unter den Bolschewiki als geringfügig. Im Gegensatz zu den Narodniki und Menschewiki begannen die Bolschewiki bereits seit dem Jahre 1914 in den Massen schriftliche und mündliche Agitation gegen den Krieg zu entfalten. Die Dumadeputierten erholten sich bald von der Verwirrung und nahmen die revolutionäre Arbeit wieder auf, über die die Behörden dank einem weitverzweigten Provokationssystem sehr genau informiert waren. Es genügt zu sagen, dass von den sieben Mitgliedern des Petersburger Parteikomitees am Vorabend des Krieges drei im Dienste der Ochrana standen. So spielte der Zarismus mit der Revolution Katze und Maus. Im November wurden die bolschewistischen Deputierten verhaftet. Im ganzen Lande setzte ein Vernichtungsfeldzug gegen die Partei ein. Im Februar 1915 fand vor dem Obergerichtshof die Verhandlung gegen die Fraktion statt. Die Deputierten ließen in ihrem Benehmen Vorsicht walten. Kamenew, der theoretische Inspirator der Fraktion, grenzte sich von der defätistischen Position Lenins ab, ebenso Petrowski, der heutige Vorsitzende des Zentralkomitees in der Ukraine. Das Polizeidepartement stellte mit Befriedigung fest, dass das strenge Urteil über die Deputierten keinerlei Protestbewegung seitens der Arbeiter hervorgerufen habe.

Es schien, als hätte der Krieg die Arbeiterklasse ausgetauscht. In bedeutendem Maße war es auch so: In Petrograd war der Arbeiterbestand fast vierzigprozentig erneuert. Die revolutionäre Nachfolge wurde schroff unterbrochen. Was vor dem Kriege gewesen war, darunter auch die Dumafraktion der Bolschewiki, trat mit einem Male in den Hintergrund und versank fast in Vergessenheit. Aber unter der unsicheren Hülle von Ruhe, Patriotismus, teils sogar Monarchismus häuften sich in den Massen Stimmungen für eine neue Explosion an.

Im August 1915 berichteten die zaristischen Minister einander, dass die Arbeiter »überall Betrug, Verrat und Sabotage zugunsten der Deutschen wittern und eifrig nach Schuldigen unserer Misserfolge an der Front suchen«. Tatsächlich geht in dieser Periode die erwachende Massenkritik, teils aufrichtig, teils der Schutzfärbung wegen, nicht selten von der »Vaterlandsverteidigung« aus. Doch ist diese Idee nur Ausgangspunkt. Immer tiefere Gänge bahnt sich die Unzufriedenheit der Arbeiter, die die Werkführer, Schwarzhundertarbeiter, Kriecher vor der Administration zum Schweigen bringt und dem Arbeiterbolschewistenheer das Haupt zu erheben gestattet.

Von der Kritik gehen die Massen zu Taten über. Die Empörung findet einen Ausweg zu allererst in Lebensmittelunruhen, die mancherorts die Form lokaler Meutereien annehmen. Frauen, Greise, Jugendliche fühlen sich auf dem Markte oder auf der Straße sicherer und unabhängiger als die dienstpflichtigen Arbeiter in den Betrieben. In Moskau artet die Bewegung im Mai in einen Deutschenpogrom aus. Obwohl seine Teilnehmer hauptsächlich städtischer Janhagel sind, der unter dem Protektorat der Polizei sein Unwesen treibt, so beweist doch schon die Möglichkeit eines Pogroms im industriellen Moskau, dass die Arbeiter noch nicht so weit erwacht sind, um ihre Parolen und ihre Disziplin dem aus seinem Gleichgewicht herausgeschleuderten kleinen Stadtvolk aufzuzwingen. Sich über das ganze Land ausbreitend, beseitigen die Lebensmittelunruhen die Kriegshypnose und bahnen den Weg für Streiks.

Der Zustrom roher Arbeitskraft in die Betriebe und die gierige Jagd nach Kriegsgewinnen führten überall zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und zum Wiederaufleben brutalster Ausbeutungsmethoden. Zunehmende Teuerung drückt automatisch den Arbeitslohn herab. Ökonomische Streiks werden der unvermeidliche Reflex der Massen, und zwar ein umso heftigerer, je mehr er zurückgedrängt war. Die Streiks werden von Meetings, Verkündung politischer Resolutionen, Zusammenstößen mit der Polizei und nicht selten auch von Schießereien und Opfern begleitet.

Der Kampf erfasst zuallererst das zentrale Textilgebiet. Am 5. Juni gibt die Polizei eine Salve auf die Weber in Kostroma ab: 4 Tote, 9 Verwundete. Am 10. August schießen Truppen in Iwanowo-Wosnessensk auf Arbeiter: 16 Tote und 30 Verwundete. In die Bewegung der Textilarbeiter sind Soldaten des Platzbataillons verwickelt. Proteststreiks in verschiedenen Teilen des Landes sind die Antwort auf die Arbeitererschießungen von Iwanowo-Wosnessensk. Parallel entwickelt sich der ökonomische Kampf. Die Textilarbeiter marschieren nicht selten in den vordersten Reihen.

Im Vergleich zum ersten Halbjahr 1914 bedeutet die Bewegung, was Kraft des Ansturms und Klarheit der Parolen betrifft, einen großen Schritt rückwärts. Nicht verwunderlich: In den Kampf werden zu bedeutendem Teil Rohmassen hineingezogen bei völliger Zersplitterung der führenden Arbeiterschicht. Nichtsdestoweniger kündet sich schon in den ersten Streiks während des Krieges das Herannahen großer Kämpfe an. Justizminister Chwostow erklärte am 16. August: »Wenn jetzt keine bewaffneten Aktionen der Arbeiter stattfinden, so ausschließlich deshalb, weil sie keine Organisationen besitzen.« Noch deutlicher drückte sich Goremykin aus: »Die Frage liegt bei den Arbeiterführern nur am Fehlen der Organisation, die durch die Verhaftung der fünf Dumamitglieder zerschlagen wurde.« Der Innenminister fügte hinzu: »Die Dumamitglieder (Bolschewiki) darf man nicht amnestieren, sie sind das organisierende Zentrum der Arbeiterbewegung in ihren gefährlichsten Äußerungen.« Diese Menschen täuschten sich jedenfalls nicht darin, wo der wahre Feind war.

Während das Ministerium sogar im Augenblick höchster Verwirrung und Geneigtheit zu liberalem Entgegenkommen es als notwendig erachtete, der Arbeiterrevolution Schläge aufs Haupt, das heißt auf die Bolschewiki zu versetzen, bemühte sich die Großbourgeoisie, eine Arbeitsgemeinschaft mit den Menschewiki anzubahnen. Erschrocken über das Ausmaß der Streiks, machten die liberalen Industriellen den Versuch, den Arbeitern patriotische Disziplin aufzuerlegen, indem sie deren Wahlmänner in die Kriegsindustriekomitees einbezogen. Der Innenminister beklagte sich darüber, dass es sehr schwer sei, gegen Gutschkows Einfälle zu kämpfen: »Die ganze Sache segle unter patriotischer Flagge und im Interesse der Landesverteidigung.« Man muss jedoch feststellen, dass die Polizei selbst es vermied, die Sozialpatrioten zu verhaften, da sie in ihnen indirekte Kampfverbündete gegen Streiks und revolutionäre »Exzesse« erblickte. Auf dem übergroßen Vertrauen zur Macht des patriotischen Sozialismus gründete sich die Überzeugung der Ochrana, dass, solange der Krieg dauert, es keinen Aufstand geben werde. Bei den Wahlen zu den Kriegsindustriekomitees erwiesen sich die Vaterlandsverteidiger, mit dem energischen Metallarbeiter Gwosdjew an der Spitze – wir werden ihm später als Arbeitsminister in der Koalitionsregierung der Revolution begegnen – in der Minderheit. Sie benutzten jedoch die Unterstützung nicht nur der liberalen Bourgeoisie, sondern auch der Bürokratie, um die Boykottanhänger, geführt von den Bolschewiki, niederzuhalten und dem Petersburger Proletariat eine Vertretung in den Organen des Industriepatriotismus aufzuzwingen. Die Stellung der Menschewiki kam klar zum Ausdruck in einer Rede, mit der sich später einer ihrer Vertreter an die Industriellen im Komitee wandte: »Ihr müsst fordern, dass die heute bestehende bürokratische Regierung von der Bildfläche verschwindet und ihren Platz euch als den Erben des bestehenden Regimes überlässt.« Die junge politische Freundschaft wuchs nicht nur täglich, sondern stündlich. Nach der Umwälzung wird sie ihre reifen Früchte bringen.

Der Krieg richtete im unterirdischen Lager schreckliche Verwüstungen an. Eine zentralisierte Parteiorganisation besaßen die Bolschewiki nach der Verhaftung der Dumafraktion nicht. Die Lokalkomitees führten ein episodisches Dasein und waren häufig ohne Verbindung mit den Bezirken. Es arbeiteten nur vereinzelte Gruppen, Zirkel und Personen. Aber die einsetzende Belebung des Streikkampfes verlieh ihnen in den Betrieben Mut und Kraft. Allmählich fanden sie einander und stellten Bezirksverbindungen her.

Die unterirdische Arbeit erstand wieder. Im Polizeidepartement schrieb man später: »Die Leninisten, hinter denen in Russland die überwiegende Mehrheit der illegalen sozialdemokratischen Organisationen steht, haben seit Kriegsbeginn in ihren größeren Zentren (wie Petrograd, Moskau, Charkow, Kiew, Tula, Kostroma, Gouvernement Wladimir, Samara) eine bedeutende Anzahl revolutionärer Aufrufe herausgegeben mit der Forderung nach Kriegseinstellung, Sturz der bestehenden Regierung und Errichtung der Republik, wobei diese Arbeit als greifbare Resultate Arbeiterstreiks und Unruhen zur Folge hatte.«

Der traditionelle Gedenktag der Arbeiterprozession zum Winterpalais, der im Jahre vorher fast unbeachtet verlaufen war, ruft am 9. Januar 1916 einen umfangreichen Streik hervor. Die Streikbewegung wächst in diesen Jahren um das Doppelte an. Zusammenstöße mit der Polizei begleiten jeden größeren und hartnäckigeren Streik. Zu den Truppen verhalten sich die Arbeiter mit demonstrativem Wohlwollen, und die Ochrana registriert mehr als einmal diese besorgniserregende Tatsache.

Die Kriegsindustrie quoll auf, indem sie ringsum alle Hilfsmittel verschlang und ihre eigenen Grundlagen zu untergraben begann. Die Friedenszweige der Industrie waren im Absterben. Aus der Wirtschaftsregulierung wurde trotz allen Plänen nichts. Die Bürokratie, bei dem Widerstand der mächtigen Kriegsindustriekomitees bereits außerstande, die Sache in ihre Hände zu nehmen, war indes gleichzeitig nicht gewillt, der Bourgeoisie die regulierende Rolle zu überlassen. Das Chaos wuchs. Fähige Arbeiter wurden durch unfähige ersetzt. Die Kohlengruben, Fabriken und Werkstätten in Polen waren bald verloren. Während des ersten Kriegsjahres kam etwa ein Fünftel der gesamten Industriekräfte des Landes in Wegfall. Bis zu 50 Prozent der Gesamtproduktion gingen für die Bedürfnisse des Krieges und der Armee auf, darunter bis zu 75 Prozent der im Lande erzeugten Textilwaren. Der überlastete Transport war außerstande, den Fabriken das notwendige Heiz- und Rohmaterial zuzustellen. Der Krieg verschlang nicht nur das gesamte flüssige Nationaleinkommen, sondern ging auch ernstlich daran, das Grundkapital des Landes zu vergeuden.

Die Industriellen waren immer weniger zu Konzessionen an die Arbeiter bereit, während die Regierung jeden Streik in alter Weise mit strengen Repressalien beantwortete. All das stieß den Gedanken des Arbeiters vom Einzelnen zum Allgemeinen, von der Ökonomik zur Politik. »Es müssen alle auf einmal streiken.« So entsteht die Idee des Generalstreiks. Der Prozess der Radikalisierung der Massen spiegelt sich am überzeugendsten in der Streikstatistik wider. Im Jahre 1915 beteiligen sich an politischen Streiks zweieinhalbmal weniger Arbeiter als an ökonomischen Konflikten, im Jahre 1916 zweimal weniger; in den ersten zwei Monaten des Jahres 1917 erfassen politische Streiks bereits sechsmal soviel Arbeiter als ökonomische Streiks. Die Rolle Petrograds wird durch eine Ziffer gezeigt: Während der Kriegsjahre entfallen auf seinen Teil 72 Prozent der politisch Streikenden!

Im Feuer des Kampfes verbrennt nicht wenig alter Aberglaube. »Mit Schmerz« meldet die Ochrana: Wollte man den Forderungen des Gesetzes entsprechend reagieren, auf »alle Fälle frecher und offener Majestätsbeleidigung, die Zahl der Prozesse nach Paragraf 103 würde eine nie dagewesene Ziffer erreichen«. Allein das Bewusstsein der Massen bleibt dennoch hinter ihrer eigenen Bewegung zurück. Der schreckliche Druck des Krieges und des Zerfalls beschleunigt den Kampfprozess derart, dass breite Arbeitermassen bis zum Moment der Umwälzung keine Zeit finden, sich von vielen Ansichten und Vorurteilen, die sie aus dem Dorfe oder dem kleinbürgerlichen Hause der Stadt mitbrachten, zu befreien. Diese Tatsache wird den ersten Monaten der Februarrevolution ihren Stempel aufdrücken.

Gegen Ende 1916 steigen die Preise sprunghaft. Zu Inflation und Transportzerrüttung gesellt sich direkter Warenmangel. Der Verbrauch der Bevölkerung vermindert sich zu dieser Zeit um mehr als die Hälfte. Die Kurve der Arbeiterbewegung steigt schroff nach oben. Mit dem Oktober tritt die Bewegung in Petrograd in das entscheidende Stadium ein und vereinigt alle Arten der Unzufriedenheit: Petrograd nimmt den Anlauf zur Februarrevolution. Eine Versammlungswelle rollt durch die Betriebe. Die Themen sind: Ernährung, Teuerung, Krieg, Regierung. Es werden bolschewistische Flugblätter verteilt. Politische Streiks beginnen. Nach dem Verlassen der Betriebe finden improvisierte Demonstrationen statt. Es werden Fälle von Verbrüderung einzelner Betriebe mit Soldaten beobachtet. Ein stürmischer Proteststreik entbrennt gegen das Gericht über die revolutionären Matrosen der baltischen Flotte. Der französische Gesandte macht den Premier Stürmer auf die ihm bekannt gewordenen Tatsache aufmerksam, dass Soldaten auf die Polizei geschossen hätten. Stürmer beruhigt den Gesandten:

»Die Repression wird erbarmungslos sein.« Im November wird eine große Gruppe dienstpflichtiger Arbeiter aus den Petrograder Betrieben herausgezogen, um an die Front geschickt zu werden. Das Jahr endet in Sturm und Gewitter.

Die Lage mit dem Jahre 1905 vergleichend, kommt der Direktor des Polizeidepartements, Wassiljew, zu einem äußerst trostlosen Schluss: »Die oppositionellen Stimmungen haben einen enormen Umfang angenommen, wie sie ihn in der erwähnten Wirrnisperiode in den breiten Massen bei weitem nicht erreicht hatten.« Wassiljew baut nicht auf die Garnisonen. Sogar die Dorfpolizei scheint ihm nicht ganz verlässlich. Die Ochrana meldet die Belebung der Parole des Generalstreiks und die Gefahr der Auferstehung des Terrors. Die aus den Schützengräben ankommenden Soldaten und Offiziere sagen über die herrschende Lage: »Was ist da zu überlegen, abstechen muss man so einen Schuft. Wären wir da, wir würden nicht lange nachdenken«, und so weiter.

Schljapnikow, Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki, selbst ehemals Metallarbeiter, erzählt über die nervöse Stimmung der Arbeiter in jenen Tagen: »Irgendein Pfiff oder ein Lärm genügte, die Arbeiter glauben zu machen, es sei das Signal zur Arbeitseinstellung.« Dieses Detail ist gleichermaßen bemerkenswert als politisches Symptom wie als psychologischer Zug: Die Revolution sitzt bereits in den Nerven, bevor sie noch auf die Straße geht.

Die Provinz macht die gleichen Etappen durch, nur langsamer. Das Wachstum des Massencharakters der Bewegung und ihres Kampfgeistes verschiebt das Schwergewicht von den Textilarbeitern zu den Metallarbeitern, von den ökonomischen zu den politischen Streiks, aus der Provinz nach Petrograd. Die ersten zwei Monate des Jahres 1917 ergeben 575.000 politische Streikende, davon entfällt der Löwenanteil auf die Residenz. Obwohl die Polizei am Vorabend des 9. Januar einen neuen Streich gegen die Partei führte, streiken am Tage des blutigen Jubiläums in der Residenz 150.000 Arbeiter. Die Stimmung ist gespannt; die Metallarbeiter gehen voran, die Proletarier fühlen, dass es keinen Rückzug mehr gibt. In jedem Betrieb entsteht ein aktiver Kern, am häufigsten um die Bolschewiki. Streiks und Meetings finden während der zwei Februarwochen ununterbrochen statt. Am 8. Februar wurden Polizisten auf dem Putilowwerk »mit einem Hagel von Eisenstücken und Schlacken« empfangen. Am 14., dem Tage der Dumaeröffnung, streikten in Petrograd etwa 90.000 Arbeiter. Einige Betriebe wurden auch in Moskau stillgelegt. Am 16. beschlossen die Behörden in Petrograd, Brotkarten einzuführen. Diese Neuerung ging auf die Nerven. Am 19. sammelte sich vor den Lebensmittelgeschäften viel Volk, besonders Frauen, an, alle forderten Brot. Tags darauf wurden in einigen Stadtteilen die Bäckerläden geplündert. Das war bereits das Wetterleuchten des Aufstandes, der wenige Tage später ausbrach.

Die revolutionäre Kühnheit schöpfte das russische Proletariat nicht nur aus sich selbst. Schon seine Lage, die einer Minderheit der Nation, spricht dafür, dass es nicht imstande gewesen wäre, seinem Kampfe ein solches Ausmaß zu geben, und noch weniger, sich an die Spitze des Staates zu stellen, wenn es nicht eine mächtige Stütze in den Tiefen des Volkes gehabt haben würde. Diese Stütze sicherte ihm die Agrarfrage.

Die verspätete Halbbefreiung der Bauern im Jahre 1861 traf die Landwirtschaft fast auf der Stufe an, auf der sie zwei Jahrhunderte zuvor gestanden hatte. Die Beibehaltung des alten, bei der Reform zugunsten des Adels bestohlenen Fonds an Gemeindeland verschärfte unter den archaischen Bodenbearbeitungsmethoden automatisch die Übervölkerungskrise des Dorfes, die gleichzeitig die Krise der Dreifelderwirtschaft war. Die Bauernschaft fühlte sich umso mehr in einer Falle, als der Prozess sich nicht im 17., sondern im 19. Jahrhundert entwickelte, das heißt unter Bedingungen der weit vorgeschrittenen Geldwirtschaft, die an den Holzpflug Ansprüche stellte, die höchstens der Traktor befriedigen konnte. Auch hier sehen wir das Zusammentreffen verschiedener Stufen des historischen Prozesses und als Ergebnis eine außerordentliche Schärfe der Gegensätze.

Gelehrte, Agronomen und Nationalökonomen predigten, dass unter Bedingungen rationeller Bearbeitung das Land vollständig ausreichen würde, d.h. sie schlugen dem Bauer vor, den Sprung zur höheren technischen und kulturellen Stufe zu machen, ohne Gutsbesitzer, Urjadnik und Zaren zu nahe zu treten. Doch nie pflegte ein Wirtschaftsregime, und umso weniger das landwirtschaftliche, eines der starrsten, von der Bildfläche zu verschwinden, bevor es nicht alle seine Möglichkeiten erschöpft hatte. Ehe sich der Bauer gezwungen sah, zu intensiverer Wirtschaftskultur überzugehen, musste er den letzten Versuch einer Verbreiterung seiner Dreifelderwirtschaft machen. Doch war dies offensichtlich nur auf Kosten der nichtbäuerlichen Ländereien erreichbar. Erstickend in der Enge inmitten der Weiten des Landes, musste der Muschik unter der brennenden Knute des Fiskus und des Marktes unvermeidlich den Versuch machen, den Gutsbesitzer ein für allemal loszuwerden.

Die Gesamtzahl des nutzbaren Bodens in den Grenzen des europäischen Russland wurde am Vorabend der ersten Revolution auf 280 Millionen Desjatinen[1] geschätzt. Der Boden der Dorfgemeinden umfasste etwa 140 Millionen, die Kronländereien etwa 5 Millionen, Kirchen- und Klosterbesitz etwa 2½ Millionen Desjatinen. Von dem Privatbesitz an Boden entfielen auf 30.000 Großgrundbesitzer, von denen jedem über 500 Desjatinen gehörten, 70 Millionen Desjatinen, das heißt die gleiche Zahl, über die annähernd 10 Millionen Bauernfamilien verfügten. Diese Bodenstatistik bildete das fertige Programm des Bauernkrieges.

Den Gutsbesitzer zu liquidieren, war der ersten Revolution nicht gelungen. Es hatte sich nicht die gesamte Bauernmasse erhoben, die Bewegung im Dorfe fiel nicht mit der Bewegung in der Stadt zusammen, die Bauernarmee schwankte, stellte jedoch schließlich genügend Kräfte zur Verfügung, um die Arbeiter niederzuschlagen. Nachdem das Semjonowski-Garderegiment mit dem Moskauer Aufstand fertig geworden war, verwarf die Monarchie jeden Gedanken an eine Beschneidung des gutsherrlichen Bodens und ihrer eigenen selbstherrlichen Rechte.

Jedoch war die niedergeschlagene Revolution keinesfalls am Dorfe spurlos vorbeigegangen. Die Regierung hob die alten Ablösungen auf und eröffnete die Möglichkeit einer breiteren Übersiedlung nach Sibirien. Die erschrockenen Gutsbesitzer machten nicht nur beträchtliche Konzessionen bezüglich des Pachtzinses, sondern gingen auch zum verstärkten Ausverkauf ihrer Latifundien über. Diese Früchte der Revolution nutzten die wohlhabenderen Bauern, die in der Lage waren, gutsherrlichen Boden zu pachten und zu kaufen, erfolgreich aus.

Die breiteste Pforte, um aus der Bauernschaft kapitalistische Farmer auszusondern, öffnete jedoch das Gesetz vom 9. November 1906, die wichtigste Reform der siegreichen Konterrevolution. Indem es sogar der kleinen Bauernminderheit einer Gemeinde das Recht zuerkannte, gegen den Willen der Mehrheit aus dem Gemeindeland einzelne Stücke herauszuschneiden, wurde das Gesetz vom 9. November zu einem kapitalistischen Geschoss, das sich gegen die Dorfgemeinde richtete. Der Vorsitzende des Ministerrats, Stolypin, bezeichnete das Wesen der neuen Regierungspolitik in der Bauernfrage als »Einsatz auf die Starken«. Das bedeutete: die Oberschicht der Bauern auf die Aneignung von Gemeindeland durch Ankauf der »befreiten« Abschnitte zu stoßen und damit die neuen kapitalistischen Farmer in Ordnungsstützen zu verwandeln. Eine solche Aufgabe zu stellen war leichter, als sie zu lösen. Bei dem Versuch, die Bauern- durch die Kulakenfrage zu ersetzen, musste sich die Konterrevolution das Genick brechen.

Gegen den 1. Januar 1916 sicherten sich zweieinhalb Millionen Hofbesitzer als ihren Privatbesitz 17 Millionen Desjatinen. Zwei weitere Millionen Hofbesitzer forderten die Aussonderung von 14 Millionen Desjatinen. Das sah nach einem kolossalen Erfolg der Reform aus. Doch die ausgesonderten Bauernwirtschaften waren in ihrer Mehrzahl durchaus lebensunfähig und stellten nur das Material für eine natürliche Auslese dar. Während die wirtschaftlich rückständigsten Gutsbesitzer und kleinen Bauern intensiv verkauften, die einen ihre Latifundien, die anderen ihre Landfetzen, trat vorwiegend die neue Bauernbourgeoisie als Käufer auf. Die Landwirtschaft ging zweifellos in das Stadium des kapitalistischen Aufstiegs. Die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus Russland wuchs in fünf Jahren (1908–1912) von 1 Milliarde Rubel auf 1½ Milliarden. Das bedeutete: Breite Bauernmassen wurden proletarisiert, und die Oberschicht des Dorfes warf immer mehr Brot auf den Markt.

Als Ersatz für die zwangsweise Gemeindebindung der Bauernschaft entwickelte sich die freiwillige Kooperative, der es im Laufe weniger Jahre gelang, verhältnismäßig tief in die Bauernmassen einzudringen, und die sofort Gegenstand liberaler und demokratischer Idealisierung wurde. Die reale Macht in der Kooperative besaßen jedoch nur die wohlhabenden Bauern, denen sie letzten Endes auch zum Vorteil gereichte. Die Volkstümlerintelligenz, die in der Bauernkooperative ihre Hauptkräfte konzentrierte, hatte schließlich ihre Liebe zum Volke auf ein solides bürgerliches Geleise geschoben. Damit wurde im Besonderen der Block der »antikapitalistischen« Partei der Sozialrevolutionäre mit der par excellence kapitalistischen Partei der Kadetten vorbereitet.

Während der Liberalismus den Schein einer Opposition in Bezug auf die Agrarpolitik der Reaktion wahrte, blickte er jedoch mit größter Hoffnung auf die kapitalistische Vernichtung der Dorfgemeinde. »Im Dorfe wächst eine mächtige Kleinbourgeoisie heran«, schrieb der liberale Fürst Trubetzkoi, »die ihrem gesamten Wesen und ihrer Zusammensetzung nach in gleicher Weise den Idealen des vereinigten Adels wie den sozialistischen Schwärmereien fremd gegenübersteht.«

Aber diese großartige Medaille hatte eine Kehrseite. Aus der Dorfgemeinde sonderte sich nicht nur eine »mächtige Kleinbourgeoisie«, sondern auch ihr Antipode aus. Die Zahl der Bauern, die ihre lebensunfähigen Anteile verkauft hatten, erreichte zu Kriegsbeginn eine Million, was nicht weniger als fünf Millionen Seelen proletarisierter Bevölkerung bedeutete. Einen reichlichen Explosivstoff bildeten auch die Millionen pauperisierter Bauern, denen nichts weiter übrigblieb, als sich an ihre Hungeranteile zu klammem. In der Bauernschaft wiederholten sich folglich jene Gegensätze, die in Russland die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes so früh untergraben hatten. Die neue Dorfbourgeoisie, die den alten und mächtigeren Besitzern eine Stütze hätte werden sollen, erwies sich den Kernmassen der Bauernschaft gegenüber ebenso feindlich wie die alten Besitzer dem Volke überhaupt. Ehe sie eine feste Ordnungsstütze wurde, benötigte die Bauernbourgeoisie selbst einer festen Stütze, um sich auf den eroberten Positionen halten zu können. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass die Agrarfrage in sämtlichen Reichsdumas ihre Schärfe behielt. Alle fühlten, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Der Bauerndeputierte Petritschenko erklärte einmal von der Dumatribüne aus: »Soviel ihr auch diskutieren mögt, einen anderen Erdball werdet ihr nicht schaffen. Folglich wird man uns diese Erde geben müssen.« Dieser Bauer war weder Bolschewik noch Sozialrevolutionär; im Gegenteil, das war ein Deputierter der Rechten, ein Monarchist.

Die Agrarbewegung, die wie der Streikkampf der Arbeiter am Ende des Jahres 1907 verstummte, lebt 1908 zum Teil wieder auf und steigert sich in den folgenden Jahren. Allerdings wird der Kampf hauptsächlich in das Innere der Gemeinde verlegt; darin bestand ja die politische Berechnung der Reaktion. Bewaffnete Zusammenstöße der Bauern bei der Aufteilung des Gemeindelandes sind nicht selten. Aber auch der Kampf gegen den Gutsbesitzer erstirbt nicht. Die Bauern stecken häufig Gehöfte, Ernte, Heu der Adligen in Brand und verschonen dabei auch die Siedler nicht, die sich gegen den Willen der Gemeindebauern ausgesondert hatten.

In diesem Zustande wurde die Bauernschaft vom Kriege überrascht. Die Regierung führte etwa zehn Millionen Arbeitskräfte und annähernd zwei Millionen Pferde aus dem Dorfe weg. Die schwachen Wirtschaften wurden noch schwächer. Die Zahl der nichtbestellenden Bauern nahm zu. Aber auch mit den Mittelbauern ging es in dem zweiten Kriegsjahre bergab. Die feindselige Haltung der Bauernschaft zum Kriege nahm von Monat zu Monat zu. Im Oktober 1916 berichtet die Petrograder Gendarmerieverwaltung, dass man im Dorfe an den Sieg im Krieg schon nicht mehr glaube: Nach den Worten der Versicherungsagenten, der Lehrer, Händler und so weiter »warten alle nur darauf, wann dieser verfluchte Krieg schließlich enden wird« ... Und mehr noch: »Überall werden politische Fragen diskutiert, werden gegen Gutsbesitzer und Kaufleute gerichtete Bestimmungen getroffen, Zellen verschiedenster Organisationen gebildet ... Ein vereinigendes Zentrum gibt es vorläufig nicht, es ist jedoch anzunehmen, dass die Bauern sich vermittels der Kooperativen, die stündlich in ganz Russland wachsen, vereinigen werden.« Manches darin ist übertrieben, manches haben die Gendarme vorweggenommen, aber das Wesentliche ist zweifellos richtig angegeben.

Die besitzenden Klassen konnten nicht übersehen, dass das Dorf seine Rechnung präsentieren werde, aber sie verscheuchten die düsteren Gedanken in der Hoffnung, irgendwie doch herauszukommen. Der wissbegierige französische Gesandte Paléologue unterhielt sich darüber in den Kriegstagen mit dem ehemaligen Landwirtschaftsminister Kriwoschein, dem ehemaligen Premier Kokowzew, dem Großgrundbesitzer Graf Bobrinski, dem Vorsitzenden der Reichsduma, Rodsjanko, dem Großindustriellen Putilow und mit anderen angesehenen Männern. Dabei wurde ihm Folgendes eröffnet: Für die Durchführung einer radikalen Bodenreform wäre die Arbeit eines ständigen Heeres von 300.000 Landvermessern für die Dauer von mindestens 15 Jahren nötig; aber in dieser Zeit würden die Bauernwirtschaften auf 30 Millionen angewachsen sein und folglich alle geleisteten Berechnungen sich als überholt erweisen. Die Bodenreform war mithin in den Augen der Gutsbesitzer, Würdenträger und Bankiers eine Quadratur des Kreises. Überflüssig zu sagen, dass solche mathematischen Skrupel dem Muschik völlig fremd waren. Er meinte, dass man zuallererst den Gutsherrn ausräuchern müsse, dann werde man schon sehen.

Wenn das Dorf in den Kriegsjahren verhältnismäßig ruhig blieb, so darum, weil seine aktiven Kräfte an der Front waren. Die Soldaten vergaßen den Acker nicht, wenigstens solange sie nicht an den Tod dachten, und die Gedanken des Muschiks an die Zukunft wurden in den Schützengräben vom Pulvergeruch durchtränkt. Aber dennoch würde die Bauernschaft, auch nachdem sie den Gebrauch der Waffen gelernt hatte, mit ihren Kräften allein niemals die agrar-demokratische, das heißt ihre eigene Revolution vollbracht haben. Sie brauchte eine Führung. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte sollte der Bauer seinen Führer in der Person des Arbeiters finden. Darin besteht der grundlegende und man könnte sagen erschöpfende Unterschied zwischen der russischen und allen vorangegangenen Revolutionen.

In England verschwand die Leibeigenschaft faktisch am Ende des 14. Jahrhunderts, das heißt zwei Jahrhunderte bevor sie in Russland entstand und viereinhalb Jahrhunderte, ehe sie dort abgeschafft wurde. Die Enteignung des Bodenbesitzes der Bauern erstreckt sich in England über die Reformation und zwei Revolutionen bis zum 19 Jahrhundert. Die kapitalistische Entwicklung, von außen nicht forciert, besaß somit Zeit genug, die selbstständige Bauernschaft zu liquidieren, lange bevor noch das Proletariat zum politischen Leben erwacht war.

In Frankreich zwang ihr Kampf mit dem königlichen Absolutismus, der Aristokratie und den Kirchenfürsten die Bourgeoisie in Gestalt ihrer verschiedenen Schichten, die radikale Agrarrevolution am Ende des 18. Jahrhunderts etappenweise zu vollziehen. Die selbstständige Bauernschaft wurde danach für lange Zeit die Stütze der bürgerlichen Ordnung und half im Jahre 1871 der Bourgeoisie, mit der Pariser Kommune fertigzuwerden.

In Deutschland erwies sich die Bourgeoisie zur revolutionären Lösung der Agrarfrage unfähig und lieferte im Jahre 1848 die Bauern ebenso an die Gutsbesitzer aus, wie Luther etwa drei Jahrhunderte zuvor sie während des Bauernkrieges an die Fürsten ausgeliefert hatte. Das deutsche Proletariat seinerseits war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch zu schwach, die Führung der Bauernschaft zu übernehmen. Die kapitalistische Entwicklung Deutschlands bekam infolgedessen eine genügende Frist, wenn auch keine so lange wie die Englands, um sich die Landwirtschaft, wie sie aus der unvollendeten bürgerlichen Revolution hervorgegangen war, zu unterwerfen. Die Bauernreform von 1861 wurde in Russland von der Adels- und Beamtenmonarchie unter dem Druck der Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft durchgeführt, jedoch bei völliger politischer Ohnmacht der Bourgeoisie. Der Charakter der Bauernbefreiung war derart, dass die forcierte kapitalistische Umgestaltung des Landes das Agrarproblem unvermeidlich in ein Problem der Revolution verwandeln musste. Die russischen Bourgeois erträumten eine Agrarentwicklung bald von französischem, bald dänischem, bald amerikanischem, von jedem beliebigen, nur nicht russischem Typ.

Jedoch kamen sie nicht auf den Gedanken, sich die französische Geschichte oder die amerikanische soziale Struktur anzueignen. Die demokratische Intelligenz stand trotz ihrer revolutionären Vergangenheit in der Entscheidungsstunde aufseiten der liberalen Bourgeoisie und der Gutsbesitzer, nicht aber auf der des revolutionären Dorfes. Nur die Arbeiterklasse vermochte sich unter diesen Umständen an die Spitze der Bauernrevolution zu stellen.

Das Gesetz der kombinierten Entwicklung verspäteter Länder – im Sinne der eigenartigen Verquickung von Elementen der Rückständigkeit mit jüngsten Faktoren – ersteht hier vor uns in seiner vollendeten Form und gibt gleichzeitig den Schlüssel zu dem wesentlichsten Rätsel der russischen Revolution. Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, hätte sie es zu lösen vermocht, das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz verschiedener historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Darin eben besteht das Jahr 1917.

Anmerkungen

[1] Alte russische Flächeneinheit (entspricht ungefähr einem Hektar).

Der Zar und die Zarin

Dieses Buch hat am allerwenigsten die Aufgabe, psychologische Untersuchungen als Selbstzweck anzustellen, durch die man jetzt nicht selten die soziale und historische Analyse zu ersetzen versucht. In unserem Gesichtsfelde stehen vor allem die großen bewegenden Kräfte der Geschichte, die einen überpersönlichen Charakter tragen. Eine von ihnen ist die Monarchie. Jedoch wirken alle diese Kräfte sich durch Menschen aus. Die Monarchie aber ist ihrem Wesen nach mit dem persönlichen Prinzip verbunden. Das rechtfertigt an sich das Interesse für die Person eines Monarchen, den der Gang der Entwicklung mit einer Revolution zusammenstoßen ließ. Wir hoffen – außerdem – in der weiteren Darstellung wenigstens teilweise zeigen zu können, wo in der Persönlichkeit das Persönliche aufhört – nicht selten viel früher, als es scheint – und wie oft das »besondere Merkmal« einer Person nichts weiter darstellt als den individuellen Kratzer einer höheren Gesetzmäßigkeit.

Seine Ahnen hinterließen Nikolaus II. als Erbschaft nicht nur das gewaltige Reich, sondern auch die Revolution. Sie bedachten ihn mit keiner einzigen Eigenschaft, die ihn befähigt hätte, ein Reich zu verwalten oder auch nur ein Gouvernement oder einen Kreis. Der historischen Brandung, die ihre Wogen immer näher an die Tore des Palastes heranwälzte, brachte der letzte Romanow eine dumpfe Teilnahmslosigkeit entgegen. Es war, als trenne sein Bewusstsein und seine Epoche eine durchsichtige, aber völlig undurchdringliche Sphäre.

Die Personen, die mit dem Zaren in Berührung gekommen waren, vermerkten nach dem Umsturz wiederholt, dass in den tragischsten Augenblicken seiner Regierung während der Übergabe Port Arthurs und des Unterganges der Flotte bei Zussima, zehn Jahre später, während des Rückzuges der russischen Truppen aus Galizien, und, nach weiteren zwei Jahren, in jenen Tagen, die dem Thronverzicht vorangingen, als rings um ihn alles bedrückt, erschrocken, erschüttert war, Nikolaus II. allein die Ruhe bewahrte. Wie bisher, erkundigte der Zar sich nach der Zahl der Werst, die er während seiner Reisen durch Russland zurückgelegt hatte, erinnerte sich an Episoden aus einstigen Jagden, an Anekdoten bei offiziellen Begegnungen; er zeigte überhaupt Interesse für den Kehricht seines Alltagslebens, während über ihm Donner rollten und Blitze zuckten. »Was ist das?« fragte sich einer seiner vertrauten Generale, »eine ungeheure, fast unwahrscheinliche Haltung, erreicht durch Erziehung? Glaube an eine göttliche Vorbestimmung der Ereignisse? Oder mangelnde Denkfähigkeit?« Die Antwort ist zur Hälfte schon in der Frage enthalten. Die sogenannte »gute Erziehung« des Zaren, seine Selbstbeherrschung auch unter den außerordentlichsten Umständen, lassen sich keinesfalls durch äußere Dressur allein erklären: Der Kern lag in der inneren Gleichgültigkeit, in der Dürftigkeit der seelischen Kräfte, in der Schwäche der Willensimpulse. Die Maske der Gleichgültigkeit, die man in gewissen Kreisen als »gute Erziehung« bezeichnet, verschmolz bei Nikolaus auf natürliche Weise mit dem ihm angeborenen Gesicht.

Das Tagebuch des Zaren ist wertvoller als alle Zeugenaussagen: Tagein, tagaus, jahrein, jahraus folgen auf diesen Blättern trostlose Eintragungen seelischer Leere. »Ging lange spazieren und tötete zwei Krähen. Trank Tee bei Tageslicht.« Ein Spaziergang zu Fuß, eine Kahnfahrt. Und wieder Krähen und wieder Tee. Alles an der Grenze der Physiologie. Die Erwähnung kirchlicher Feierlichkeiten geschieht im gleichen Tone wie die einer Zecherei.

In den Tagen vor der Eröffnung der Reichsduma, als das ganze Land in Konvulsionen erschauerte, schrieb Nikolaus: »14. April. Ging spazieren in einer leichten Hemdbluse und nahm die Spazierfahrten mit dem Paddelboot wieder auf. Trank Tee auf dem Balkon. Stana aß mit uns zu Mittag und fuhr mit uns spazieren. Habe gelesen.« Nicht ein Wort über den Gegenstand der Lektüre: ein sentimentaler englischer Roman oder ein Bericht des Polizeidepartements? »15. April. Nahm die Entlassung Wittes an. Marie und Dmitrij aßen mit uns. Haben[1] sie ins Schloss begleitet.«

An dem Tage, an dem die Auflösung der Duma beschlossen wurde und die hohen Würdenträger wie die Liberalen einen Angstparoxismus durchmachten, schrieb der Zar in sein Tagebuch: »7. Juli. Freitag. Ein sehr beschäftigter Morgen. Haben uns zum Frühstück mit den Offizieren um eine halbe Stunde verspätet ... Es war Gewitter und sehr schwül. Gingen zusammen spazieren. Empfing Goremykin; unterschrieb den Befehl zur Auflösung der Duma! Haben Mittag gegessen bei Olga und Petja. Den ganzen Abend gelesen.« Ein Ausrufungszeichen anlässlich der bevorstehenden Dumaauflösung ist der höchste Ausdruck seiner Gefühlsregungen.

Die Deputierten der auseinandergejagten Duma riefen das Volk auf, Steuerzahlungen und Militärpflicht zu verweigern. Eine Reihe militärischer Aufstände brach aus: in Sweaborg, in Kronstadt, auf den Schiffen, bei Armeeteilen; der revolutionäre Terror gegen hohe Beamte lebte in nie dagewesenem Maße auf. Der Zar schreibt: »9. Juli. Sonntag. Es ist geschehen! Die Duma ist heute aufgelöst worden. Beim Frühstück nach der Messe sah man viele lange Gesichter ... Das Wetter war herrlich. Trafen beim Spaziergange Onkel Mischa, der gestern aus Gatschina hierher übergesiedelt ist. Bis zum Mittagessen und den ganzen Abend ruhig gearbeitet. Fuhr Paddelboot.« Dass er ausgerechnet Paddelboot fuhr, ist vermerkt, womit aber er sich beschäftigte, ist nicht gesagt. Und so immer wieder.

Weiter, aus den gleichen schicksalsvollen Tagen: »14. Juli. Nachdem ich mich angezogen hatte, fuhr ich per Rad zur Badeanstalt und badete mit Genuss im Meere.« – »15. Juli. Zweimal gebadet. Es war sehr heiß. Aßen zu Mittag zu zweien. Das Gewitter ist vorüber.« – »19. Juli. Morgens gebadet. Empfang auf der Farm: Onkel Wladimir und Tschagin waren zum Frühstück da.« Aufstände und Dynamitexplosionen werden in einer einzigen Wertung gestreift – »Nette Ereignisse!« –, verblüffend durch eine niedrige Teilnahmslosigkeit, die sich nicht mal bis zum bewussten Zynismus entwickelt.

»Um 9.30 Uhr morgens fuhren wir zum Kaspischen Regiment ... Ging lange spazieren. Das Wetter war herrlich. Badete im Meere. Empfing nach dem Tee Lwow und Gutschkow.« Kein Wort darüber, dass dieser so ungewöhnliche Empfang zweier Liberaler mit dem Versuch Stolypins zusammenhing, in sein Ministerium oppositionelle Politiker einzubeziehen. Fürst Lwow, das spätere Haupt der Provisorischen Regierung, berichtete damals über den Empfang beim Zaren: »Ich hatte erwartet, den Kaiser vom Unglück niedergeschlagen vorzufinden, stattdessen kam ein lustiges, munteres Kerlchen in einem himbeerroten Blusenhemd zu mir heraus.«

Der geistige Horizont des Zaren reichte nicht weiter als der eines kleineren Polizeibeamten, mit dem Unterschiede, dass dieser immerhin die Wirklichkeit besser kannte und von Aberglauben weniger belastet war. Die einzige Zeitung, die Nikolaus während einer Reihe von Jahren las und aus der er seine Ideen schöpfte, war eine Wochenschrift, die Fürst Meschtscherski auf Staatskosten herausgab, ein niedriger, käuflicher, selbst im eigenen Kreise der reaktionären Bürokratencliquen verachteter Journalist. Seinen Horizont hat der Zar über zwei Kriege und zwei Revolutionen hinweg sich unverändert bewahrt: Zwischen seinem Bewusstsein und den Ereignissen stand stets trennend die undurchdringliche Sphäre der Gleichgültigkeit.

Nicht ohne Grund nannte man Nikolaus einen Fatalisten. Man muss nur hinzufügen, dass dieser Fatalismus das gerade Gegenteil eines aktiven Glaubens an seinen »Stern« war. Nikolaus selbst hielt sich vielmehr für einen Pechvogel. Sein Fatalismus war lediglich die Form eines passiven Selbstschutzes gegen die geschichtliche Entwicklung und ging Hand in Hand mit einer Willkür, die ihren psychologischen Motiven nach kleinlich, ihren Folgen nach ungeheuerlich war.

»Ich will, und darum muss es so sein«, schreibt Graf Witte, »diese Parole äußerte sich in allen Handlungen dieses willensschwachen Herrschers, der nur infolge seiner Schwäche all das getan hat, was seine Regierung charakterisierte – ein fortwährendes und in den meisten Fällen völlig zweckloses Vergießen mehr oder minder unschuldigen Blutes ...«

Man verglich Nikolaus manchmal mit seinem halbirrsinnigen Ururgroßvater Paul, der, mit Zustimmung des eigenen Sohnes, Alexander des »Gesegneten«, von einer Kamarilla erdrosselt wurde. Diese zwei Romanows gleichen sich tatsächlich in dem Misstrauen gegen alle, das aus ihrem Misstrauen gegen sich selbst erwuchs; in dem Argwohn einer allmächtigen Null; in dem Gefühl des Ausgestoßenseins, man könnte sagen, in dem Bewusstsein gekrönter Parias. Jedoch war Paul unvergleichlich farbiger. In seinem Wahnsinn war ein Element von Phantasie, wenn auch von unzurechnungsfähiger. An seinem Nachfahren ist alles farblos, ist kein greller Zug.

Nikolaus war nicht nur unbeständig, sondern auch treubrüchig. Die Schmeichler nannten ihn für seine Sanftmut gegen Hofleute: »Charmeur«. Besondere Freundlichkeit jedoch erwies der Zar jenen Würdenträgern, die er davonzujagen beschlossen hatte: Ein von ihm beim Empfang über alle Maßen bezauberter Minister konnte zu Hause den Entlassungsbrief vorfinden. Das war eine Art Rache für die eigene Minderwertigkeit.

Nikolaus wandte sich feindselig von allen Begabten und Bedeutenden ab. Es behagte ihm nur unter unfähigen, geistig minderwertigen Menschen, Scheinheiligen, Schwächlingen, zu denen er nicht emporzublicken brauchte. Er besaß Ehrgeiz, einen sogar raffinierten, aber nicht aktiven Ehrgeiz, der, ohne ein Körnchen Initiative nur der neidischen Selbstverteidigung diente. Seine Minister wählte er nach dem Prinzip des ständigen Abwärtsgleitens aus. Menschen von Geist und Charakter holte er nur in äußerstem Falle, wenn es keinen anderen Ausweg gab, etwa wie man einen Chirurgen zur Rettung des Lebens holt. So war es mit Witte und später mit Stolypin. Der Zar verhielt sich zu beiden mit schlecht verborgener Feindseligkeit. Sobald die zugespitzte Situation vorüber war, beeilte er sich, die Ratgeber loszuwerden, die ihm zu offensichtlich überlegen waren. Die Auswahl wirkte sich so systematisch aus, dass der Vorsitzende der letzten Duma, Rodsjanko, am 7. Januar 1917, als die Revolution an die Türen pochte, es wagen durfte, dem Zaren zu sagen: »Majestät, es ist kein einziger zuverlässiger und ehrlicher Mensch in Ihrer Umgebung geblieben, die Besten sind entfernt worden oder gegangen, es sind nur solche geblieben, die in schlechtem Rufe stehen.«

Alle Bemühungen der liberalen Bourgeoisie, mit dem Hof eine gemeinsame Sprache zu finden, scheiterten. Der unermüdliche, polternde Rodsjanko versuchte durch seine Vorträge den Zaren aufzurütteln. Vergeblich! Dieser überging schweigend nicht nur alle Argumente, sondern auch Anmaßungen und bereitete im Stillen die Auflösung der Duma vor. Der Großfürst Dmitrij, der damalige Liebling des Zaren und spätere Teilnehmer an der Ermordung Rasputins, klagte seinem Mitverschworenen, dem Fürsten Jussupow, dass der Zar im Hauptquartier mit jedem Tage gleichgültiger gegen seine ganze Umgebung werde. Nach Dmitrijs Meinung gäbe man dem Zaren irgendein Getränk ein, das dessen geistige Fähigkeiten abstumpfe. »Es gingen Gerüchte«, schreibt der liberale Historiker Miljukow seinerseits,

»dass der Zustand der geistigen und moralischen Apathie beim Zaren durch starken Genuss von Alkohol aufrechterhalten würde.« Das aber waren alles Erfindungen oder Übertreibungen. Der Zar brauchte nicht zu Narkotika zu greifen: Er hatte das tödliche »Getränk« schon im Blute. Nur waren dessen Wirkungen besonders verblüffend auf dem Hintergrunde der großen Ereignisse des Krieges und der inneren Krise, die zur Revolution geführt hat. Rasputin, der ein guter Psychologe war, pflegte vom Zaren kurz zu sagen, dass ihm »im Innern etwas fehlt«.

Dieser farblose, gleichmäßige, »gut erzogene« Mann war grausam. Es war aber nicht die aktive, historische Ziele verfolgende Grausamkeit eines Iwan des Schrecklichen oder Peter – was hatte Nikolaus II. mit diesen gemein! –, sondern die feige Grausamkeit eines Letztgeborenen, dem vor seinem Geschick bange war. Schon in der Morgenröte seiner Regierung lobte Nikolaus die »braven Fanagorier« für die Niederschießung von Arbeitern. Er »las mit Vergnügen«, wie man mit Nagaikas die »kurzgeschorenen« Studentinnen peitschte oder während der jüdischen Pogrome hilflosen Menschen die Schädel einschlug. Der Ausgestoßene auf dem Throne hatte stets eine Neigung für den Auswurf der Gesellschaft, für die Plünderer der Schwarzen Hundert; er zahlte ihnen nicht nur freigebig einen Sold aus der Staatskasse, sondern liebte es auch, sich mit ihnen über ihre Heldentaten zu unterhalten, ihnen Gnaden zu erweisen, besonders wenn sie zufällig bei einem Mord an dem einen oder anderen oppositionellen Deputierten erwischt worden waren. Witte, der während der Niederwerfung der ersten Revolution an der Spitze der Regierung stand, schreibt in seinen Memoiren: »Wenn nutzlose, grausame Ausschreitungen der Anführer von Strafexpeditionen dem Kaiser bekannt wurden, fanden sie seine Billigung, jedenfalls seinen Schutz.« In Beantwortung einer Forderung des baltischen Generalgouverneurs, einen gewissen Kapitänleutnant Richter zur Räson zu bringen, der »aus eigener Ermächtigung ohne jegliches Gerichtsverfahren auch Personen hinrichtete, die keinen Widerstand geleistet hatten«, schrieb der Zar auf den Bericht:

»Braver Kerl!« Solche Aufmunterungen gibt es ohne Zahl. Dieser »Charmeur« ohne Willen, ohne Ziel, ohne Phantasie war schrecklicher als alle Tyrannen der alten und der neuen Geschichte.

Der Zar stand unter dem ungeheuren Einfluss der Zarin, der mit den Jahren und mit den Schwierigkeiten stetig zunahm. Zusammen bildeten sie irgendwie ein Ganzes. Schon diese Verbindung zeigt, in welch hohem Maße unter dem Druck der Verhältnisse das Persönliche durch das Gruppenmäßige ergänzt wird. Vorerst aber muss man einiges über die Zarin sagen.

Maurice Paléologue, während des Krieges französischer Gesandter in Petrograd, ein feiner Psychologe für französische Akademiker und Portierfrauen, gibt ein sorgsam gelecktes Porträt der letzten Zarin: »Moralische Ruhelosigkeit, chronische Traurigkeit, grenzenlose Wehmut, wechselnde Abund Zunahme der Kräfte, quälende Gedanken über die jenseitige, unsichtbare Welt, Aberglaube – bilden denn nicht alle diese Züge, die an der Persönlichkeit der Zarin so scharf hervortreten, die charakteristischen Eigenschaften des russischen Volkes?« So seltsam das ist, in dieser süßlichen Lüge ist ein Körnchen Wahrheit. Nicht umsonst hat der russische Satiriker Saltykow die Minister und Gouverneure aus den Reihen der baltischen Barone »Deutsche mit russischer Seele« genannt: Zweifellos haben gerade die Fremden, die nichts mit dem Volke verband, den »echtrussischen« Administrator in Reinkultur hochgezüchtet.

Weshalb aber zollte das Volk, dessen Seele die Zarin, nach den Worten Paléologues, so vollkommen in sich aufgenommen hatte, ihr so unverhüllten Hass? Die Antwort ist einfach: Zur Rechtfertigung ihrer neuen Lage hatte sich diese Deutsche mit kühler Besessenheit alle Traditionen und Eingebungen des russischen Mittelalters, des dürftigsten und rauesten von allen, angeeignet, in einer Periode, in der das Volk gewaltige Anstrengungen machte, um sich von der eigenen mittelalterlichen Barbarei zu befreien. Diese hessische Prinzessin war buchstäblich vom Dämon des Selbstherrschertums erfüllt. Aus ihrem Krähwinkel zu den Höhen eines byzantinischen Despotismus emporgekommen, wollte sie von diesen um keinen Preis hinabsteigen. In dem orthodoxen Glauben fand sie die Mystik und die Magie, die ihrem neuen Schicksal angepasst waren. Sie glaubte umso fester an ihre Berufung, je unverhüllter die Abscheulichkeit des alten Regimes zutage trat. Von starkem Charakter und mit der Fähigkeit zu trockener, gefühlloser Exaltation, ergänzte die Zarin den willenlosen Zaren, indem sie ihn beherrschte.

Am 17. März 1916, ein Jahr vor der Revolution, als das zerrüttete Land sich bereits in der Zange der Niederlagen und Zerstörung wand, schrieb die Zarin ihrem Manne ins Hauptquartier: »... Du darfst keine Nachgiebigkeit zeigen, verantwortliches Ministerium und so weiter – alles, was sie wollen. Das muss Dein Krieg und Dein Friede sein, Deine Ehre und die unserer Heimat, keinesfalls die der Duma. Sie haben kein Recht, auch nur ein einziges Wort in diese Frage hineinzureden.« Das war jedenfalls ein geschlossenes Programm und gerade dieses Programm obsiegte über alle Schwankungen des Zaren.

Nach der Abreise Nikolaus’ zur Armee in seiner Eigenschaft des fiktiven Oberkommandierenden begann die Zarin offen über die inneren Angelegenheiten zu verfügen. Die Minister erstatteten ihr Bericht wie einer Regentin. Mit einer engen Kamarilla bildete sie eine Verschwörung gegen die Duma, gegen die Minister, gegen die Generale des Hauptquartiers, gegen die ganze Welt, teilweise auch gegen den Zaren. Den 6. Dezember 1916 schrieb die Zarin an den Zaren: »... da Du einmal gesagt hast, Du willst Protopopow behalten, wie wagt er (der Premier Trepow) gegen Dich zu sein, – schlag mal mit der Faust auf den Tisch, bleibe fest, sei der Herr, höre auf Dein hartes Weibchen und auf unseren Freund, vertraue uns.« Nach drei Tagen abermals: »Du weißt, dass Du im Recht bist, trage den Kopf hoch, befiehl Trepow, mit ihm zu arbeiten ... schlag mit der Faust auf den Tisch.« Diese Sätze scheinen wie erfunden. Sie sind jedoch den echten Briefen entnommen. Man könnte sie auch nicht erfinden.

Den 13. Dezember suggeriert die Zarin dem Zaren wieder: »Nur kein verantwortliches Ministerium, auf das jetzt alle versessen sind. Alles wird ruhiger und besser, man will aber Deinen Arm fühlen. Wie lange, Jahre schon, sagt man mir immer dasselbe: ›Russland liebt es, die Peitsche zu fühlen‹, das ist seine Natur!« Die rechtgläubige Hessin mit der Erziehung von Windsor und der Krone von Byzanz auf dem Haupte »verkörpert« nicht nur die russische Seele, sondern verachtet sie auch organisch: Seine Natur verlange die Peitsche, schreibt die russische Zarin dem russischen Zaren über das russische Volk, zweieinhalb Monate bevor die Monarchie in den Abgrund stürzt. Ihm an Charakterstärke überlegen, steht die Zarin geistig nicht über ihrem Mann, eher sogar unter ihm; mehr noch als er sucht sie die Gesellschaft von Einfältigen. Die enge langjährige Freundschaft, die den Zaren und die Zarin mit dem Hoffräulein Wyrubowa verbindet, zeigt das Maß der geistigen Größe des Selbstherrscherpaares. Wyrubowa nannte sich selber einen Dummkopf, und das war nicht Bescheidenheit. Witte, dem man ein scharfes Auge nicht absprechen kann, charakterisierte sie als »ein ganz gewöhnliches, dummes Petersburger Fräulein, nicht schön, einer Blase aus Butterteig ähnlich«. In Gesellschaft dieser Person, der betagte Würdenträger, Gesandte und Finanzleute, vor Ehrfurcht vergehend, den Hof machten und die immerhin gescheit genug war, die eigenen Taschen nicht zu vergessen, verbrachten Zar und Zarin ungezählte Stunden, berieten mit ihr Geschäfte, korrespondierten mit ihr und über sie. Sie war einflussreicher als die Reichsduma und selbst die Ministerien.

Aber die Wyrubowa war nur das Medium des »Freundes«, dessen Autorität über den dreien stand. »... das ist meine private Meinung«, schreibt die Zarin an den Zaren, »ich werde erfahren, was unser Freund denkt.« Die Meinung des Freundes ist nicht privat, sie entscheidet. »... Ich bleibe fest«, wiederholt die Zarin nach einigen Wochen, »aber höre auf mich, das heißt auf unseren Freund, und vertraue Dich uns in allem an ... Ich leide für Dich wie für ein zartes, weichherziges Kind, das der Leitung bedarf, aber auf schlechte Ratgeber hört, während der Mann, der von Gott gesandt, ihm sagt, was zu tun ist.«

»... Gebete und Hilfe unseres Freundes – dann wird alles gut gehen.«

»Wenn wir ihn nicht hätten, alles wäre längst zu Ende, davon bin ich fest überzeugt.«

Der Freund, der von Gott Gesandte, ist Grigorij Rasputin.

Während der ganzen Regierung Nikolaus’ und Alexandras brachte man Wahrsager und Fallsüchtige an den Hof, nicht nur aus ganz Russland, sondern auch aus anderen Ländern. Es gab besondere hochgestellte Lieferanten, die sich um das jeweilige Orakel gruppierten und neben dem Monarchen ein allmächtiges Oberhaus bildeten. Es mangelte hier nicht an alten Frömmlerinnen gräflichen Namens, an Würdenträgern, die sich nach Ämtern sehnten, an Finanzleuten, die ganze Ministerien pachteten. Die unpatentierte Konkurrenz vonseiten der Hypnotiseure und Zauberer eifersüchtig verfolgend, beeilten sich die Hierarchen der orthodoxen Kirche, eigene Wege in das zentrale Heiligtum der Intrige anzulegen. Witte nannte diese regierende Clique, an der er zweimal zerschellte, »die aussätzige Palastkamarilla«.

Je mehr sich die Dynastie isolierte und je verwahrloster der Monarch sich fühlte, umso größer wurde sein Bedürfnis nach jenseitiger Hilfe. Es gibt Wilde, die, um gutes Wetter hervorzurufen, ein an einem Strick befestigtes Brettchen in der Luft herumschwingen. Zar und Zarin nahmen Brettchen zu Hilfe für die mannigfaltigsten Zwecke. Im Zarenwaggon befand sich ein Betraum, ausstaffiert mit Heiligenbildern und -bildchen so wie anderen Kultgegenständen, die zuerst der japanischen Artillerie entgegengestellt worden waren und später der deutschen.

Das Niveau des Hofkreises hatte sich eigentlich von Generation zu Generation nicht sonderlich verändert. Unter Alexander II., dem »Befreier«, glaubten die Großfürsten aufrichtig an Hausgeister und Hexen. Unter Alexander III. war es nicht besser, nur ruhiger. »Die aussätzige Kamarilla« existierte stets, sie wechselte bloß die Zusammensetzung und erneuerte ihre Methoden. Nikolaus II. hatte die höfische Atmosphäre des wilden Mittelalters nicht geschaffen, sondern von seinen Ahnen übernommen. Das Land veränderte sich in diesen Jahrzehnten, die Aufgaben wurden komplizierter, die Kultur stieg, doch der Hof blieb weit zurück. Wenn auch die Monarchie unter den Schlägen der neuen Mächte Zugeständnisse machte, so hatte sie doch keine Zeit, sich innerlich zu modernisieren; im Gegenteil, sie schloss sich immer mehr ab, der Geist des Mittelalters verdichtete sich unter dem Druck der Feindschaft und Furcht, bis er den Charakter eines widerlichen Alpdruckes bekam, der sich auf das Land legte.

Am 1. November 1905, das heißt im kritischsten Augenblick der ersten Revolution, schreibt der Zar in sein Tagebuch: »Lernte einen Mann Gottes, Grigorij, aus dem Gouvernement Tobolsk kennen.« Das war Rasputin, ein sibirischer Bauer mit nicht verheilenden Schrammen am Kopfe, herrührend von Schlägen wegen Pferdediebstahls. Im rechten Augenblick aufgetaucht, fand der »Mann Gottes« bald hochgestellte Helfer, richtiger, sie fanden ihn, und so entstand eine neue regierende Clique, die die Zarin und durch sie den Zaren fest in ihre Hände bekam.

Seit dem Winter der Jahre 1913/14 sprach man in der Petersburger Gesellschaft bereits offen davon, dass alle höheren Ernennungen, Lieferungen und Aufträge von der Rasputinclique abhängig seien. Der »Starez« selbst verwandelte sich allmählich in eine Staatsinstitution. Er wurde sorgsam bewacht und von den rivalisierenden Ministerien nicht weniger sorgsam beobachtet. Die Spitzel des Polizeidepartements führten nach Stunden Tagebuch über sein Leben und versäumten nicht zu berichten, dass sich Rasputin beim Besuch seines Heimatdorfes Pokrowskoje betrunken auf der Straße mit seinem Vater blutig prügelte. Am gleichen Tage, dem 9. September 1915, schickte Rasputin zwei freundschaftliche Telegramme ab, eines nach Zarskoje Selo, der Zarin, das andere in das Hauptquartier, dem Zaren.

In epischer Sprache registrierten die Spitzel tagein tagaus die Völlereien des »Freundes«. »Kehrte heute um 5 Uhr morgens heim, stockbetrunken.«

»In der Nacht vom 25. zum 26. übernachtete bei Rasputin die Schauspielerin W.« »Ist mit der Fürstin D. (der Frau des Kammerjunkers beim Zarenhof) im Hotel Astoria angekommen ...« Gleich hierauf: »Kehrte aus Zarskoje Selo um 11 Uhr abends heim.« »Rasputin kam mit der Fürstin Sch. sehr betrunken nach Hause. Sie gingen bald zusammen weg.« Am Morgen oder am Abend des nächsten Tages eine Reise nach Zarskoje Selo. Auf die teilnehmende Frage des Spitzels, weshalb er heute so nachdenklich sei, antwortet der »Starez«: »Kann mich nicht entschließen, soll die Duma einberufen werden oder nicht.« Dann wieder: »Kehrte um 5 Uhr morgens heim, ziemlich betrunken.« So wurde monateund jahrelang auf drei Tasten immer die gleiche Melodie gespielt: »Ziemlich betrunken«, »sehr betrunken«, »stockbetrunken«. Diese staatswichtigen Nachrichten verband zu einer Einheit und bekräftigte mit seiner Unterschrift der Gendarmeriegeneral Globatschew.

Die Blüte des rasputinschen Einflusses währte sechs Jahre, die letzten Jahre der Monarchie. »Sein Leben in Petersburg«, erzählt Fürst Jussupow, bis zu einem gewissen Grade Teilnehmer dieses Lebens und später Rasputins Mörder, »verwandelte sich in ein ununterbrochenes Fest, in die wüste Orgie eines Zuchthäuslers, dem unverhofft das Glück in den Schoß gefallen war.« »In meinem Besitze befand sich«, schreibt der Dumavorsitzende Rodsjanko, »eine Unmenge Briefe von Müttern, deren Töchter dieser schamlose Wüstling missbraucht hatte.« Gleichzeitig verdankten der Petersburger Metropolit Pitirin und der kaum des Lesens und Schreibens kundige Erzbischof Warnawa ihre Ämter Rasputin. Durch ihn hielt sich auch lange Zeit der Oberprokureur des Heiligen Synods, Sabler, im Amte, auf Rasputins Wunsch und Willen wurde der Premier Kokowzew entlassen, der sich geweigert hatte, den »Starez« zu empfangen. Rasputin ernannte Stürmer zum Vorsitzenden des Ministerrats, Protopopow zum Minister des Innern, den neuen Oberprokureur des Synods, Rajew, und viele andere. Der Gesandte der Französischen Republik, Paléologue, bemühte sich um eine Zusammenkunft mit Rasputin, er küsste sich mit ihm und rief aus: »Voilà un véritable illuminé!«, um so der Zarin Herz für die Sache Frankreichs zu erobern. Der Jude Simanowitsch, des »Starez« Finanzagent, den die Kriminalpolizei als einen Spieler und Wucherer in ihren Listen führte, setzte mit Rasputins Hilfe durch, dass ein völlig ehrloses Subjekt, Dobrowolski, zum Justizminister ernannt wurde. »Sieh Dir die kleine Liste an«, schreibt die Zarin an den Zaren über die neuen Ernennungen, »unser Freund bittet, dass Du Dich über all dies mit Protopopow besprichst.« Nach zwei Tagen: »Unser Freund sagt, Stürmer könne noch einige Zeit Vorsitzender des Ministerrats bleiben.« Und wieder: »Protopopow verehrt ehrfurchtsvoll unsern Freund und wird gesegnet werden.«

An einem jener Tage, als die Spitzel die Zahl der Flaschen und Frauen registrierten, schrieb die Zarin wehmütig an den Zaren: »Rasputin wird beschuldigt, dass er Frauen geküsst habe, und so weiter. Lies die Apostel – sie haben alle zum Gruße geküsst.« Der Hinweis auf die Apostel hätte die Spitzel kaum zu überzeugen vermocht. In einem anderen Briefe geht die Zarin noch weiter: »Während des abendlichen Evangeliums habe ich soviel über unseren Freund nachdenken müssen: Wie doch die Buchgelehrten und Pharisäer Christus verfolgen und sich verstellen, als wären sie Vollkommenheiten ... Ja, wahrhaftig, es gilt kein Prophet in seinem Vaterlande.«

Der Vergleich Rasputins mit Christus war in diesem Kreise üblich und nicht zufällig. Die Angst vor den mächtigen Kräften der Geschichte war zu stark, als dass sich das Zarenpaar mit dem unpersönlichen Gott und dem körperlosen Schatten des Christus aus dem Evangelium begnügen konnte. Es bedurfte einer Wiederkunft des »Menschensohnes«. Die ausgestoßene, in Agonie liegende Monarchie fand in Rasputin einen Christus nach ihrem Ebenbilde.

»Hätte es Rasputin nicht gegeben«, sagte ein Mann des alten Regimes, der Senator Taganzew, »dann hätte man ihn erfinden müssen.« Diese Worte enthalten viel mehr, als ihr Autor geglaubt haben mag. Versteht man unter Hooliganentum den krassesten Ausdruck antisozialer, parasitärer Züge in den Tiefen der Gesellschaft, kann man die Rasputiniade mit vollem Recht als das gekrönte Hooliganentum auf seinem höchsten Gipfel bezeichnen.

Anmerkungen

[1] Es sind immer Zar und Zarin gemeint.

Die Idee der Palastrevolution

Weshalb denn haben die herrschenden Klassen, als sie Rettung vor der Revolution suchten, nichts unternommen, um sich vom Zaren und dessen Umgebung zu befreien? Sie haben wohl daran gedacht, doch sie wagten es nicht. Es fehlte ihnen der Glaube an ihre Sache und die Entschlossenheit. Die Idee einer Palastrevolution lag in der Luft, bis sie in der Staatsumwälzung unterging. Man muss bei diesem Punkte verweilen, um sich ein klares Bild von den gegenseitigen Beziehungen zwischen der Monarchie und den Spitzen des Adels, der Bürokratie und der Bourgeoisie am Vorabend der Explosion machen zu können.

Die besitzenden Klassen waren durch und durch monarchistisch: kraft ihrer Interessen, ihrer Traditionen und ihrer Feigheit. Aber sie wollten eine Monarchie ohne Rasputin. Die Monarchie gab ihnen zur Antwort: Nehmt mich, wie ich bin. Der Forderung nach einem anständigen Ministerium begegnete die Zarin damit, dass sie dem Zaren einen Apfel aus Rasputins Hand ins Hauptquartier sandte und verlangte, der Zar möge ihn zur Festigung seines Willens verzehren. »Erinnere Dich«, beschwor sie ihn, »dass sogar Monsieur Philippe (ein französischer Scharlatan und Hypnotiseur) gesagt hat, man dürfe keine Konstitution geben, denn das wäre Dein und Russlands Untergang ...« »Sei Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Kaiser Paul – zerdrücke alles unter Dir!«

Welch ekliges Gemisch aus Angst, Aberglauben und feindseliger Fremdheit gegen das Land! Es könnte allerdings scheinen, dass mindestens in den oberen Schichten die Zarenfamilie nicht gar so einsam war: Ist doch Rasputin stets von einem Gestirn vornehmer Damen umringt, und beherrscht doch das Schamanentum überhaupt die Aristokratie. Aber diese Mystik der Angst verbindet nicht, im Gegenteil, sie trennt. Jeder versucht, sich auf seine Art zu retten. Viele aristokratische Häuser haben ihre rivalisierenden Heiligen. Sogar auf den Petrograder Gipfeln ist die Zarenfamilie, wie verpestet, von einer Quarantäne des Misstrauens und der Feindschaft umgeben. Das Hoffräulein Wyrubowa schreibt in ihren Erinnerungen: »Ich ahnte tief und fühlte eine Feindseligkeit der ganzen Umgebung gegen die, die ich vergötterte, und ich fühlte, dass diese Feindseligkeit erschreckende Dimensionen annahm ...«

Auf purpurrotem Hintergrund des Krieges, unter vernehmbarem Getöse unterirdischer Stöße verzichteten die Privilegierten nicht eine Stunde auf die Freuden des Lebens, im Gegenteil, sie genossen sie wie im Rausch. Aber auf ihren Festgelagen erschien immer häufiger ein Skelett und drohte ihnen mit den Knöcheln seiner Finger. Dann wähnten sie, das ganze Unglück käme von dem abscheulichen Charakter der Alice, von der treubrüchigen Willenlosigkeit des Zaren, von der habgierigen Närrin Wyrubowa, vom sibirischen Christus mit den Schrammen auf dem Schädel. Wellen unerträglicher Ahnungen überliefen die herrschenden Klassen, krampfartige Zuckungen gingen von der Peripherie zum Zentrum, die verhasste Spitze in Zarskoje Selo immer stärker isolierend. In ihren im Allgemeinen äußerst verlogenen Erinnerungen hat die Wyrubowa recht krass den Ausdruck für den Zustand dieser Spitze gefunden: »... zum hundertsten Male fragte ich mich: Was ist mit der Petrograder Gesellschaft geschehen? Sind sie alle seelisch erkrankt oder von einer in Kriegszeiten wütenden Epidemie befallen? Es ist schwer, sich auszukennen, die Tatsache aber bleibt bestehen: Alle waren in einem anormal erregten Zustande.«

Zu denen, die die Besinnung verloren hatten, gehörte auch die umfangreiche Familie der Romanows, die ganze habgierige, schamlose, von allen gehasste Meute der Großfürsten und Großfürstinnen. Auf den Tod erschrocken, trachteten sie, sich aus dem sie umklammernden Ring zu befreien, versuchten, sich bei der frondierenden Aristokratie einzuschmeicheln, klatschten über das Zarenpaar, hetzten einander und ihre Umgebung auf. Die allerdurchlauchtigsten Onkel wandten sich an den Zaren mit ermahnenden Briefen, in denen hinter Ehrfurcht das Zähneknirschen zu spüren war.

Nach der Oktoberrevolution charakterisierte Protopopow zwar ziemlich plump, aber malerisch die Stimmung der obersten Schichten: »Selbst die höchsten Klassen frondierten vor der Revolution. In den Klubs und Salons der großen Welt übte man scharfe und missgünstige Kritik an der Politik der Regierung; man analysierte und begutachtete die Beziehungen, die sich in der Zarenfamilie herausgebildet hatten; verbreitete anekdotische Erzählungen über das Oberhaupt des Staates; schrieb Verse; viele Großfürsten besuchten offen solche Zusammenkünfte, und ihre Anwesenheit verlieh den karikaturenhaften Erfindungen und bösartigen Übertreibungen in den Augen des Publikums besondere Zuverlässigkeit. Das Bewusstsein der Gefährlichkeit dieses Spieles erwachte bis zum letzten Augenblick nicht.«

Besondere Schärfe verlieh den Gerüchten über eine Palastkamarilla die Beschuldigung der Deutschfreundlichkeit und sogar der direkten Verbindung mit dem Feinde. Der vorlaute und nicht sehr gründliche Rodsjanko erklärt direkt: »Die Verbindung und die Analogie der Bestrebungen sind derart logisch klar, dass es mindestens für mich keine Zweifel geben kann an dem Zusammenwirken des deutschen Stabes und des rasputinschen Kreises. Das unterliegt keinem Zweifel.« Der bloße Hinweis auf die »logische« Klarheit schwächt den kategorischen Ton dieses Zeugnisses sehr ab. Für die Verbindung der Rasputinleute mit dem deutschen Stab waren auch nach der Revolution keinerlei Beweise zu entdecken. Anders verhält es sich mit dem sogenannten »Germanophilentum«. Es handelte sich natürlich nicht um nationale Sympathien oder Antipathien der deutschstämmigen Zarin, des Premiers Stürmer, der Gräfin Kleinmichel, des Hofministers, Graf Frederiks, und anderer Herren mit deutschen Namen. Die zynischen Memoiren der alten Intrigantin Kleinmichel zeigen mit bemerkenswerter Krassheit, welch übernationaler Charakter die Spitzen der Aristokratie aller Länder Europas auszeichnete, die miteinander durch Bande der Verwandtschaft, Erbschaften, Verachtung gegen alles unter ihnen Stehende und, last but not least, durch kosmopolitische Libertinagen in alten Schlössern, fashionablen Bädern und an europäischen Höfen verknüpft waren. Bedeutend realer waren die organischen Antipathien des Hofgesindes gegen die katzbuckelnden Advokaten der Französischen Republik und die Sympathien der Reaktionäre teutonischen wie slawischen Namens für den echt preußischen Geist des Berliner Regimes, der ihnen so lange Zeit mit seinem gewichsten Schnurrbart, seinen Feldwebelmanieren und seiner selbstbewussten Dummheit imponiert hatte.

Aber auch das war nicht für die Frage entscheidend. Die Gefahr ergab sich aus der Logik der Situation selbst, denn der Hof konnte nichts anderes tun, als in einem Separatfrieden Rettung suchen, und zwar umso dringlicher, je bedrohlicher die Lage wurde. Der Liberalismus war, wie wir später noch sehen werden, in der Person seiner Führer bestrebt, die Chance des Separatfriedens für sich zu reservieren, in Verbindung mit der Perspektive, an die Macht zu gelangen. Und gerade deshalb führte er eine wilde chauvinistische Agitation, das Volk betrügend und den Hof terrorisierend. Die Kamarilla wagte nicht, in einer so heiklen Frage vorzeitig ihr wahres Antlitz zu zeigen, und war sogar gezwungen, den allgemeinen patriotischen Ton nachzuahmen, während sie gleichzeitig den Boden für einen Separatfrieden abtastete.

Das Oberhaupt der Polizei, General Kurlow, der zur rasputinschen Kamarilla gehörte, bestreitet natürlich in seinen Erinnerungen die deutschen Verbindungen und Sympathien seiner Gönner, aber er fügt gleich hinzu:

»Man kann Stürmer keinen Vorwurf daraus machen, dass er der Meinung war, der Krieg mit Deutschland sei das größte Unglück für Russland gewesen und habe keine ernsten politischen Grundlagen für sich gehabt.« Man darf nur nicht vergessen, dass der Mann, der diese interessante »Meinung« gehabt hat, das Oberhaupt einer Regierung war, die gegen Deutschland Krieg führte. Der letzte zaristische Innenminister, Protopopow, hatte am Vorabend seines Eintritts in die Regierung in Stockholm Verhandlungen mit einem deutschen Diplomaten geführt und darüber dem Zaren Bericht erstattet. Rasputin selbst hat nach den Worten desselben Kurlow »den Krieg mit Deutschland als ein großes Unglück für Russland betrachtet«. Schließlich schrieb die Kaiserin am 5. April 1916 an den Zaren: »... sie dürfen es nicht wagen zu behaupten, dass Er irgendetwas Gemeinsames mit den Deutschen hat, Er ist gut und großherzig gegen alle, wie Christus, gleichviel zu welcher Religion ein Mensch gehört; so muss ein wahrer Christ sein.«

Gewiss konnten sich an diesen wahren Christen, der aus dem Zustand der Betrunkenheit nie herauskam, neben Falschspielern, Wucherern und aristokratischen Kupplern auch ausgesprochene Spione herangemacht haben. »Verbindungen« solcher Art sind nicht ausgeschlossen. Die oppositionellen Patrioten aber stellten die Frage breiter und präziser: Sie beschuldigten die Zarin direkt des Verrates. In seinen viel später geschriebenen Erinnerungen bekundet der General Denikin: »In der Armee sprach man laut, ohne Rücksicht auf Ort und Zeit, von der beharrlichen Forderung der Zarin nach einem Separatfrieden, von ihrem Verrat an dem Feldmarschall Kitchener, über dessen Reise sie angeblich den Deutschen Mitteilung gemacht hätte und so weiter. Dieser Umstand war von größter Bedeutung für die Stimmung in der Armee, in Bezug auf deren Haltung gegenüber Dynastie und Revolution.« Der gleiche Denikin erzählt, dass General Alexejew nach der Umwälzung auf die direkte Frage betreffs des Verrates der Kaiserin »unbestimmt und unwillig« geantwortet habe, man hätte bei der Sichtung der Papiere der Zarin eine Karte mit genauer Aufzeichnung der Truppen der gesamten Front vorgefunden, und dies hätte auf ihn, Alexejew, einen sehr deprimierenden Eindruck gemacht ... »Nicht ein Wort mehr«, fügt Denikin vielsagend hinzu, »er wechselte das Gesprächsthema.« Ob die Zarin die geheimnisvolle Karte wirklich besessen hat, lässt sich nicht feststellen, jedenfalls waren die unbeholfenen Generale offensichtlich nicht abgeneigt, einen Teil der Verantwortung für ihre Niederlagen auf die Zarin abzuwälzen. Die Gerüchte über Verrat des Hofes schlichen durch die Armee zweifellos hauptsächlich von oben nach unten, von den schwachköpfigen Stäben aus.

Wenn aber die Zarin, der sich der Zar in allem unterwirft, an Wilhelm Kriegsgeheimnisse und sogar die Häupter der verbündeten Heeresführer verrät, was bleibt dann anderes als ein Strafgericht über das Zarenpaar? Und da andererseits der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch als das Haupt der Armee und der antideutschen Partei galt, war er gleichsam von Amts wegen für die Rolle des obersten Gönners der Palastrevolution vorbestimmt. Das war auch der Grund, weshalb der Zar auf Drängen Rasputins und der Zarin den Großfürsten absetzte und das Oberkommando selbst in die Hand nahm. Aber die Zarin hatte sogar vor einer Zusammenkunft des Neffen mit dem Onkel bei Übergabe der Geschäfte Angst: »Seelchen, sei vorsichtig«, schreibt sie dem Zaren ins Hauptquartier, »lass Dich nicht von Nikolascha durch irgendwelche Versprechungen oder sonst was fangen, denk daran, dass Grigorij Dich vor ihm und seinen bösen Leuten gerettet hat ... erinnere Dich im Namen Russlands, was sie vorhatten: Dich zu verjagen (das ist kein Klatsch, Orlow hatte schon alle Papiere fertig) und mich ins Kloster ...«

Der Bruder des Zaren, Michail, sagte zu Rodsjanko: »Die ganze Familie ist sich dessen bewusst, wie schädlich Alexandra Feodorowna ist. Den Bruder und sie umgeben ausschließlich Verräter. Alle anständigen Menschen haben sich entfernt. Aber was ist in diesem Falle zu tun?« Freilich, was war in diesem Falle zu tun?

Die Großfürstin Maria Pawlowna bestand in Gegenwart ihrer Söhne darauf, dass Rodsjanko die Initiative der »Beseitigung« der Zarin auf sich nähme. Rodsjanko schlug vor, dies Gespräch als nicht stattgefunden zu betrachten, sonst müsste er aus Eidespflicht dem Zaren melden, dass die Großfürstin dem Dumavorsitzenden den Vorschlag gemacht habe, die Kaiserin zu beseitigen. So verwandelte der schlagfertige Kammerherr die ganze Frage nach der Ermordung der Zarin in einen netten Salonscherz.

Das Ministerium selbst stand zeitweise in scharfer Opposition zum Zaren. Schon im Jahre 1915, anderthalb Jahre vor der Umwälzung, wurden bei den Regierungssitzungen Reden geführt, die noch heute unglaublich erscheinen. Der Kriegsminister Poliwanow sagt: »Die Situation retten kann nur eine der Gesellschaft gegenüber versöhnliche Politik. Die gegenwärtigen schwankenden Dämme können die Katastrophe nicht abwenden.« Der Marineminister Grigorowitsch: »Es ist kein Geheimnis, dass die Armee uns misstraut und auf eine Änderung wartet.« Der Minister des Auswärtigen, Sasonow: »Die Popularität des Zaren und seine Autorität in den Augen der Volksmassen ist stark erschüttert.« Der Minister des Inneren, Fürst Schtscherbatow: »Wir sind alle zusammen ungeeignet, Russland in dieser sich herausbildenden Situation zu verwalten ... Es ist entweder eine Diktatur oder eine versöhnliche Politik notwendig« (Sitzung vom August 1915). Schon konnte weder das eine noch das andere helfen, weder das eine noch das andere war durchführbar. Der Zar entschloss sich nicht zu einer Diktatur, lehnte eine versöhnliche Politik ab und nahm die Demission der Minister, die sich als ungeeignet bezeichneten, nicht an. Ein höherer Beamter gibt in seinen Aufzeichnungen zu den Reden der Minister folgenden kurzen Kommentar: Man wird wohl an der Laterne hängen müssen.

Bei einer solchen Stimmung ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sogar in den bürokratischen Kreisen von der Notwendigkeit einer Palastrevolution sprach, als dem einzigen Mittel, der heraufziehenden Revolution vorzubeugen. »Hätte ich die Augen verbunden gehabt«, erinnert sich ein Teilnehmer dieser Debatten, »ich hätte glauben können, mich in Gesellschaft eingefleischter Revolutionäre zu befinden.«

Ein Gendarmerieoberst, der mit der besonderen Aufgabe betraut war, im Süden Russlands die Armee zu inspizieren, entwarf in seinem Bericht ein düsteres Bild: Durch Propaganda, insbesondere mit dem Argument der Deutschfreundlichkeit der Kaiserin und des Zaren, sei die Armee für eine Palastrevolution vorbereitet. »Derartige Gespräche wurden in Offizierskasinos offen geführt und fanden seitens des höheren Kommandos keine Zurückweisung.« Protopopow gibt seinerseits folgendes Zeugnis ab: »Eine beträchtliche Anzahl von Personen aus dem höheren Kommandobestand sympathisierte mit der Umwälzung; einzelne Personen standen in Verbindung und unter Einfluss des sogenannten progressiven Blocks.«

Der später zur Berühmtheit gelangte Admiral Koltschak sagte nach Zertrümmerung seiner Truppen durch die Rote Armee vor der Untersuchungskommission der Sowjets aus, dass er mit zahlreichen oppositionellen Mitgliedern der Duma in Verbindung gestanden und deren Hervortreten begrüßt habe, da er sich »gegen die Macht, die vor der Revolution existierte, ablehnend verhielt«. In die Pläne der Palastrevolution war Koltschak jedoch nicht eingeweiht.

Nach der Ermordung Rasputins und den in Verbindung damit erfolgten Ausweisungen von Großfürsten begann die vornehme Gesellschaft besonders laut von der Notwendigkeit der Palastrevolution zu sprechen. Fürst Jussupow erzählt, zu dem im Palaste inhaftierten Großfürsten Dmitrij seien Offiziere einiger Regimenter gekommen und hätten ihm verschiedene Pläne für eine entscheidende Aktion unterbreitet, »auf die er natürlich nicht eingehen konnte«.

Auch die verbündete Diplomatie galt als an der Verschwörung beteiligt, zumindest in der Person des britischen Gesandten. Dieser unternahm, zweifellos auf Initiative der russischen Liberalen, im Januar 1917, nachdem er sich der Sanktion seiner Regierung versichert hatte, den Versuch, Nikolaus zu beeinflussen. Der Zar hörte ihn aufmerksam und höflich an, dankte ihm und – begann von anderen Dingen zu sprechen. Protopopow unterrichtete Nikolaus über die Beziehungen Buchanans zu den Hauptführern des progressiven Blocks und schlug vor, die Überwachung der englischen Gesandtschaft einzurichten. Nikolaus soll diesen Vorschlag nicht gebilligt haben mit der Begründung, die Überwachung eines Gesandten sei »den internationalen Traditionen widersprechend«. Indessen berichtet Kurlow ohne Umschweife, dass »die polizeilichen Überwachungsorgane täglich Verbindungen zwischen der Kadettenpartei Miljukows und der englischen Gesandtschaft registrierten«. Die internationalen Traditionen haben also nichts verhindert. Aber auch deren Verletzung hat nicht viel geholfen: Die Palastverschwörung wurde dennoch nicht aufgedeckt.

Hat sie in der Tat existiert? Das ist durch nichts bewiesen. Sie war zu ausgedehnt, diese »Verschwörung«, erfasste zu zahlreiche und allzu verschiedenartige Kreise, um eine Verschwörung zu sein. Sie hing in der Luft als Stimmung der Spitzen der Petersburger Gesellschaft, als wirre Vorstellung einer Rettung, als Losung der Verzweiflung. Aber sie verdichtete sich nicht bis zum Grade eines praktischen Planes.

Der höhere Adel hatte im 18. Jahrhundert nicht nur einmal praktische Korrekturen an der Thronfolge vorgenommen, indem er unbequeme Kaiser hinter Schloss und Riegel setzte oder erdrosselte: Zuletzt wurde eine solche Operation im Jahre 1801 an Paul vorgenommen. Man kann folglich nicht sagen, dass eine Palastrevolution der Tradition der russischen Monarchie widersprochen hätte: Im Gegenteil, sie bildete ein unentbehrliches Element dieser Tradition. Doch die Aristokratie fühlte sich schon längst nicht mehr sicher im Sattel. Die Ehre, den Zaren und die Zarin zu erdrosseln, trat sie an die liberale Bourgeoisie ab. Deren Führer aber bewiesen nicht viel größere Entschlossenheit.

Nach der Revolution hat man wiederholt auf die liberalen Kapitalisten Gutschkow und Tereschtschenko und auf den ihnen nahestehenden General Krymow verwiesen, als auf den Herd der Verschwörung. Gutschkow und Tereschtschenko haben das selbst bestätigt, wenn auch unbestimmt. Der ehemalige Freiwillige der Burenarmee gegen England, Duellant Gutschkow, der Liberale mit den Sporen, musste der »öffentlichen Meinung« als die für eine Verschwörung geeignetste Person erscheinen. Beileibe doch nicht der wortreiche Professor Miljukow! Gutschkow kehrte zweifellos in Gedanken wiederholt zu einem guten und kurzen Schlag zurück, bei dem ein Garderegiment die Revolution ersetzt und ihr vorbeugt. Schon Witte hatte in seinen »Erinnerungen« Gutschkow, den er hasste, als einen Anhänger der jungtürkischen Methoden zur Erledigung eines unbequemen Sultans denunziert. Aber Gutschkow, der auch in seinen jungen Jahren jungtürkischen Mut zu beweisen versäumt hatte, war inzwischen stark gealtert. Und was die Hauptsache ist: Der Gesinnungsgenosse Stolypins konnte den Unterschied zwischen den russischen Verhältnissen und den alttürkischen unmöglich übersehen und musste sich fragen, ob ein Palastumsturz, statt der Revolution vorzubeugen, nicht zu jenem letzten Stoß werden könnte, der die Lawine ins Rollen bringt, und ob das Heilmittel sich nicht verderbenbringender erweisen würde als die Krankheit selbst?

In der Literatur, die der Februarrevolution gewidmet ist, wird von der Vorbereitung des Palastumsturzes wie von einer feststehenden Tatsache gesprochen. Miljukow äußert sich folgendermaßen: »Im Februar sollte es schon zu seiner Verwirklichung kommen.« Denikin verlegt die Verwirklichung auf den März. Beide erwähnen den »Plan«, den Zarenzug unterwegs anzuhalten, die Thronentsagung zu fordern und im Falle einer Weigerung, die man für unvermeidlich hielt, die »physische Beseitigung« des Zaren vorzunehmen. Miljukow fügt ergänzend hinzu, dass die Führer des progressiven Blocks, die an der Verschwörung unbeteiligt und über deren Vorbereitungen nicht »genau« informiert gewesen wären, in Voraussicht eines wahrscheinlichen Umsturzes im engeren Kreise darüber diskutiert hätten, wie die Umwälzung im Falle eines Erfolges am besten auszunutzen wäre. Einige marxistische Untersuchungen der letzten Jahre nehmen ebenfalls die Version von der praktischen Vorbereitung einer Umwälzung gutgläubig hin. An diesem Beispiel kann man, nebenbei bemerkt, beobachten, wie leicht und fest Legenden sich einen Platz in der historischen Wissenschaft erobern.

Als wichtigster Beweis für die Verschwörung wird nicht selten die farbige Erzählung Rodsjankos angeführt, die aber gerade ein Beweis dafür ist, dass es keine Verschwörung gegeben hat. Im Januar 1917 kam General Krymow von der Front in die Hauptstadt und klagte Dumamitgliedern gegenüber, dass es so nicht weitergehen könne. »Falls ihr euch zu diesem äußersten Mittel (einem Zarenwechsel) entschließt, werden wir euch unterstützen.« Falls ihr euch entschließt! ... Der Oktobrist Schidlowski rief wütend aus: »Man kann ihn nicht schonen und bemitleiden, wenn er Russland zugrunde richtet.« Im lärmenden Streit wurden die tatsächlichen oder vermeintlichen Worte Brussilows angeführt: »Falls man gezwungen sein sollte, zwischen dem Zaren und Russland zu wählen – gehe ich mit Russland.« Falls man gezwungen sein sollte! Der junge Millionär Tereschtschenko trat als unbeugsamer Zarenmörder auf. Der Kadett Schingarew sagte: »Der General hat Recht. Ein Umsturz ist notwendig ... Wer aber wird sich dazu entschließen?« Darum handelt es sich eben: Wer wird sich dazu entschließen? Das ist der Kern der Angaben Rodsjankos, der selbst gegen den Umsturz aufgetreten war. Während der wenigen weiteren Wochen ist der Plan offenbar nicht fortgeschritten. Davon, den Zarenzug aufzuhalten, wurde gesprochen; es ist aber nicht zu entdecken, wer die Operation durchführen sollte.

Der russische Liberalismus unterstützte, als er noch jünger war, durch Geld und Sympathien die Terroristen in der Hoffnung, sie würden mit ihren Bomben die Monarchie in die Arme des Liberalismus treiben. Den eigenen Kopf zu riskieren, war keiner dieser würdigen Herren gewohnt. Die Hauptrolle jedoch spielte nicht so sehr persönliche wie Klassenangst: Jetzt ist es schlimm – erwogen sie –, dass es aber nur nicht schlimmer werde! Jedenfalls, wenn Gutschkow-Tereschtschenko-Kryrnow ernstlich an einen Umsturz gedacht, das heißt für seine praktische Vorbereitung Kräfte und Mittel mobilisiert haben würden, so wäre dies nach der Revolution jedenfalls mit voller Bestimmtheit und Genauigkeit festzustellen gewesen, denn die Teilnehmer, besonders die jungen Exekutoren, deren nicht wenig gebraucht worden wären, hätten keine Veranlassung gehabt, die »beinah« vollbrachte Heldentat zu verschweigen: Nach dem Februar hätte sie ihre Karriere nur gesichert. Solche Enthüllungen aber hat es nicht gegeben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass es sich für Gutschkow und Krymow um nichts anderes gehandelt hat als um patriotische Stoßseufzer bei Wein und Zigarren. Die leichtsinnigen Frondeure der Aristokratie wie die schwerfälligen Oppositionellen der Plutokratie brachten den Mut nicht auf, den Gang der ungünstigen Vorsehung durch eine Tat zu korrigieren.

Einer der phrasenhaftesten und hohlsten Liberalen, Maklakow, wird im Mai 1917 in einer Privatberatung der Duma, die – zusammen mit der Monarchie – von der Revolution beiseite geschoben ist, rufen: »Wenn unsere Nachkommen diese Revolution verfluchen werden, so werden sie auch uns verfluchen, die wir es nicht verstanden haben, ihr rechtzeitig durch eine Umwälzung von oben zuvorzukommen!« Noch später, bereits in der Emigration, wird, nach Maklakow, auch Kerenski wehklagen: »Ja, das privilegierte Russland hat es versäumt, durch einen rechtzeitigen Coup d’État von oben (von dem man so viel gesprochen und auf den man sich so viel [?] vorbereitet hatte) die elementare Staatsexplosion abzuwenden.«

Diese zwei Ausrufe vollenden das Bild, indem sie zeigen, dass die studierten Flachköpfe auch dann noch, als die Revolution alle ihre unbändigen Kräfte entfesselt hatte, zu glauben fortfuhren, ein »rechtzeitiger« Wechsel der dynastischen Spitze hätte die Revolution abzuwenden vermocht!

Für den »großen« Palastumsturz hatte die Entschlossenheit nicht ausgereicht. Aber aus ihm erwuchs der Plan des kleinen Umsturzes. Die liberalen Verschwörer wagten nicht, den Hauptakteur der Monarchie zu beseitigen; die Großfürsten beschlossen deshalb, seinen Souffleur wegzuräumen: In der Ermordung Rasputins erblickten sie das letzte Mittel zur Rettung der Dynastie.

Der mit einer Romanow vermählte Fürst Jussupow zog den Großfürsten Dmitrij Pawlowitsch und den monarchistischen Deputierten Purischkewitsch zu der Aktion hinzu. Man bemühte sich, auch den Liberalen Maklakow einzubeziehen, wohl um dem Morde einen »allnationalen« Anstrich zu geben. Der berühmte Advokat wich wohlweislich aus, versah jedoch die Verschwörer mit Gift. Ein höchst stilvolles Detail! Nicht ohne Grund rechneten die Verschwörer damit, dass das romanowsche Automobil nach dem Morde die Wegschaffung der Leiche erleichtern würde: Das großfürstliche Wappen fand Verwendung. Das Weitere spielte sich im Plane einer auf schlechten Geschmack berechneten kinematografischen Inszenierung ab.

In der Nacht vom 16. zum 17. Dezember wurde Rasputin, den man zu einem Trinkgelage verlockt hatte, in der jussupowschen Villa ermordet.

Außer der engeren Kamarilla und den mystischen Anbeterinnen nahmen die regierenden Klassen die Ermordung Rasputins wie einen Rettungsakt auf. Den mit Hausarrest bedachten Großfürsten, dessen Hände, nach dem Ausdruck des Zaren, von Bauernblut – wenn auch ein Christus, so doch ein Bauer! – besudelt waren, besuchten mit dem Ausdruck der Sympathie alle Mitglieder des Kaiserlichen Hauses, die sich in Petersburg aufhielten. Der Zarin leibliche Schwester, die verwitwete Großfürstin Sergius, teilte telegrafisch mit, dass sie für die Mörder bete und sie für ihre patriotische Tat segne. Solange kein Verbot bestand, Rasputin zu erwähnen, veröffentlichten die Zeitungen begeisterte Artikel. In den Theatern versuchte man Demonstrationen zu Ehren der Mörder zu veranstalten. In den Straßen gratulierten Passanten einander. »In Privathäusern, Offiziersklubs, in Restaurants«, schreibt Fürst Jussupow, »trank man auf unsere Gesundheit; aus den Betrieben schrien uns die Arbeiter ›hurra!‹ zu.« Es ist allerdings anzunehmen, dass die Arbeiter nicht getrauert haben, als sie von der Ermordung Rasputins erfuhren. Ihre »Hurra«-Rufe aber hatten mit den Hoffnungen auf eine Wiederbelebung der Dynastie nichts zu tun.

Die rasputinsche Kamarilla verstummte abwartend. Vor aller Welt geheim, setzten Zar und Zarin, die Zarentöchter und Wyrubowa Rasputin bei; neben der Leiche des heiligen Freundes, des von Großfürsten ermordeten ehemaligen Pferdediebes, musste die Zarenfamilie sich selbst wie verstoßen fühlen. Aber auch der begrabene Rasputin fand keine Ruhe. Als Nikolaus und Alexandra Romanow schon als Gefangene galten, warfen Soldaten von Zarskoje Selo sein Grab auf und öffneten den Sarg. Neben dem Kopfe des Ermordeten lag ein Heiligenbild mit der Aufschrift: Alexandra, Olga, Tatjana, Maria, Anastasia, Anja. Die Provisorische Regierung schickte einen Bevollmächtigten, um die Leiche aus irgendeinem Grunde nach Petrograd schaffen zu lassen. Die Menge widersetzte sich und der Bevollmächtigte musste die Leiche an Ort und Stelle verbrennen.

Nach der Ermordung des »Freundes« bestand die Monarchie insgesamt noch zehn Wochen. Diese kurze Frist aber gehörte ihr. Rasputin war nicht mehr, doch sein Schatten herrschte weiter. Allen Erwartungen der Verschwörer zum Trotz, begann das Zarenpaar nach der Ermordung mit verstärkter Kraft die verächtlichsten Mitglieder der rasputinschen Bande auszuzeichnen. Um Rasputin zu rächen, wurde ein berüchtigter Lump zum Justizminister ernannt. Einige Großfürsten verbannte man aus der Hauptstadt. Man erzählte, Protopopow betreibe Spiritismus, um den Geist Rasputins herbeizurufen. Die Schlinge der Ausweglosigkeit zog sich noch enger zusammen.

Die Ermordung Rasputins hatte große Folgen, aber ganz andere als die, mit denen ihre Teilnehmer und Inspiratoren gerechnet hatten. Sie hatte die Krise nicht gemildert, sondern zugespitzt. Von der Ermordung sprach man überall: in den Schlössern, in den Stäben, in den Betrieben und in den Bauernhütten. Die Schlussfolgerung drängte sich von selbst auf: Sogar die Großfürsten haben gegen die aussätzige Kamarilla keine anderen Mittel als Gift und Revolver. Der Dichter Alexander Block schrieb über die Ermordung Rasputins: »Die Kugel, die mit ihm Schluss machte, traf die herrschende Dynastie mitten ins Herz.«

Schon Robespierre erinnerte die Gesetzgebende Versammlung daran, dass die Opposition des Adels, indem sie die Monarchie geschwächt, die Bourgeoisie und hinterher auch die Volksmassen in Schwung gebracht hatte. Robespierre warnte gleichzeitig, dass die Revolution im übrigen Europa sich nicht so schnell entwickeln werde wie in Frankreich, weil die privilegierten Klassen der anderen Länder, durch das französische Beispiel belehrt, die Initiative der Revolution nicht auf sich nehmen würden. Indem er diese bemerkenswerte Analyse gab, hatte sich Robespierre jedoch mit seiner Vermutung getäuscht, dass der französische Adel durch seine oppositionelle Verirrung dem Adel der anderen Länder ein für allemal eine Lektion erteilt habe. Russland hat im Jahre 1905 und besonders im Jahre 1917 erneut bewiesen, dass eine gegen Selbstherrschertum und halbe Leibeigenschaft, mithin gegen den Adel gerichtete Revolution bei ihren ersten Schritten eine systemlose, widerspruchsvolle, aber immerhin äußerst wirksame Förderung findet, nicht nur seitens des Durchschnittsadels, sondern auch seiner privilegierten Spitzen, sogar einschließlich der Angehörigen der Dynastie. Diese bemerkenswerte historische Tatsache könnte als Gegensatz zu der Klassentheorie der Gesellschaft erscheinen, in Wirklichkeit jedoch widerspricht sie nur deren vulgärer Auffassung.

Eine Revolution bricht aus, wenn alle Antagonismen der Gesellschaft die höchste Spannung erreicht haben. Das aber gerade macht die Situation sogar für die Klassen der alten Gesellschaft, das heißt für jene, die dem Untergange geweiht sind, unerträglich. Ohne den biologischen Analogien mehr Gewicht beizumessen, als sie es verdienen, ist es dennoch angebracht, daran zu erinnern, dass der Akt der Geburt in einem gewissen Augenblick in gleicher Weise für den Organismus der Mutter wie für den der Frucht unabwendbar wird. In der Opposition der privilegierten Klassen äußert sich die Unvereinbarkeit ihrer traditionellen gesellschaftlichen Lage mit den Bedürfnissen für das Weiterbestehen der Gesellschaft. Der regierenden Bürokratie beginnt alles aus den Händen zu gleiten. Die Aristokratie, die sich im Mittelpunkt des allgemeinen Hasses fühlt, schiebt die Schuld auf die Bürokratie.

Diese beschuldigt die Aristokratie, und dann richten sie gemeinsam oder getrennt ihre Unzufriedenheit gegen die monarchische Krönung ihrer Macht.

Der aus dem Dienste in Adelskörperschaften für einige Zeit als Minister herbeigerufene Fürst Schtscherbatow sagte: »Sowohl Samarin wie ich sind ehemalige Gouvernement-Adelsmarschälle. Niemand hat uns bisher als Linke betrachtet und auch wir betrachten uns nicht als solche. Aber beide können wir eine Lage im Staate nicht begreifen, bei der der Monarch und seine Regierung sich mit der gesamten vernünftigen Öffentlichkeit (von den revolutionären Intrigen lohnt sich nicht zu sprechen) – mit den Adligen, den Kaufleuten, den Städten, den Semstwos, sogar mit der Armee – in radikalem Widerspruch befinden. Wenn man mit unserer Meinung oben nicht rechnen will, ist es unsere Pflicht, abzutreten.«

Der Adel sieht die Ursache allen Übels darin, dass die Monarchie blind geworden ist oder die Vernunft verloren hat. Der privilegierte Stand glaubt nicht, dass es überhaupt keine Politik mehr geben kann, die die alte Gesellschaft mit der neuen versöhnt; mit anderen Worten, der Adel kann sich mit seinem Geschick nicht abfinden und verwandelt seine Todesangst in eine Opposition gegen die heiligste Kraft des alten Regimes, das heißt gegen die Monarchie. Die Schärfe und das Unverantwortliche der aristokratischen Opposition erklären sich aus der historischen Verzärtelung der Spitzen des Adels und aus ihrer unerträglichen Furcht vor der Revolution; das Systemlose und Widerspruchsvolle der adeligen Fronde damit, dass es die Opposition einer Klasse ist, die keinen Ausweg mehr hat. Aber wie eine Petroleumlampe vor dem Erlöschen grell aufleuchtet, wenn auch blakend, so erlebt auch der Adel vor dem Erlöschen ein oppositionelles Aufflackern, das seinen Todfeinden den größten Dienst erweist. Das ist die Dialektik dieses Prozesses, die sich nicht nur mit der Theorie der Klassengesellschaft verträgt, sondern nur von dieser Theorie erklärt werden kann.

Agonie der Monarchie

Die Dynastie fiel bei der Erschütterung wie eine faule Frucht, noch bevor die Revolution Zeit gehabt hatte, an die Lösung ihrer nächsten Aufgaben heranzugehen. Das Bild der alten regierenden Klasse würde unvollendet bleiben, versuchten wir nicht zu zeigen, wie die Monarchie der Stunde ihres Sturzes begegnete.

Der Zar weilte im Hauptquartier, in Mohilew, wohin er sich zu begeben pflegte, nicht weil man seiner dort bedurfte, sondern um sich den Petrograder Behelligungen zu entziehen. Der Hofhistoriker, General Dubenski, der sich beim Zaren im Hauptquartier befand, trug in sein Tagebuch ein: »Ein stilles Leben hat hier begonnen. Alles wird beim Alten bleiben. Von ihm (dem Zaren) wird nichts kommen. Es können nur zufällige äußere Ursachen sein, die eine Veränderung erzwingen.« Am 24. schrieb die Zarin ins Hauptquartier wie stets auf Englisch: »Ich hoffe, dass man den Duma-Kedrinski (es handelt sich um Kerenski) aufhängen wird für seine schrecklichen Reden – das ist unbedingt notwendig. (Gesetz der Kriegszeit.) Und das wird ein Beispiel sein. Alle ersehnen und flehen Dich an, dass Du Deine Festigkeit zeigest.« Am 25. Februar traf ein Telegramm des Kriegsministers ein, dass in der Hauptstadt Streiks und Arbeiterunruhen ausgebrochen, aber entsprechende Maßnahmen getroffen seien; Ernstes wäre nicht zu befürchten. Mit einem Wort: Wieder einmal!

Die Zarin, die den Zaren stets lehrte, nicht nachzugeben, bemüht sich auch jetzt festzubleiben. Am 26. telegrafiert sie in offenkundiger Absicht, Nikolaus’ schwankenden Mut zu stärken: »In der Stadt herrscht Ruhe.« Aber im Abendtelegramm ist sie schon gezwungen einzugestehen: »In der Stadt sieht es gar nicht gut aus.« Im Briefe schreibt sie: »Man muss den Arbeitern offen sagen, dass sie keine Streiks machen sollen, wenn sie es aber tun werden, dann muss man sie zur Strafe an die Front schicken. Es sind gar keine Schießereien nötig, man braucht nur Ordnung und darf die Arbeiter nicht über die Brücken lassen.« Wahrhaftig, man braucht nicht viel: nur Ordnung! Und vor allem, die Arbeiter nicht ins Zentrum lassen, mögen sie in wütender Ohnmacht in ihren Stadtvierteln ersticken.

Am Morgen des 27. Februar rückte der General Iwanow mit einem Bataillon Georgier von der Front zur Hauptstadt ab; er war mit diktatorischen Vollmachten versehen, die er allerdings erst nach Besetzung von Zarskoje Selo bekannt geben sollte. »Man kann sich kaum eine ungeeignetere Person vorstellen«, schreibt in seinen Erinnerungen General Denikin, der sich späterhin selbst in militärischer Diktatur betätigte, »ein altersschwacher Mann, der sich in einer politischen Situation kaum auskannte und weder Kräfte, noch Energie, noch Willen, noch Strenge besaß.« Die Wahl war auf Iwanow gefallen, in Erinnerung an die erste Revolution: Elf Jahre vorher hatte er Kronstadt »gebändigt«. Diese Jahre waren aber nicht spurlos vergangen: Die Bändiger waren gebrechlich geworden, die Gebändigten erwachsen. Der Nord- und der Westfront wurde befohlen, Truppen zum Abmarsch nach Petrograd bereit zu halten. Es ist klar, man meinte, vorderhand sei noch Zeit genug. Iwanow selbst glaubte, alles werde schnell und gut enden, er hatte sogar nicht vergessen, seinen Adjutanten zu beauftragen, in Mohilew Lebensmittel für die Petrograder Bekannten einzukaufen.

Am 27. Februar, morgens, schickte Rodsjanko dem Zaren ein neues Telegramm, das mit den Worten schloss: »Die letzte Stunde ist gekommen, in der sich das Schicksal des Vaterlandes und der Dynastie entscheidet.« Der Zar sagte zu seinem Hofminister Frederiks: »Schon wieder schreibt mir dieser dicke Rodsjanko allerhand Unsinn, auf den ich ihm nicht einmal antworten werde.« Doch nein, es ist kein Unsinn! Und man wird antworten müssen. Gegen Mittag des 27. trifft im Hauptquartier ein Bericht von Chabalow ein über Meutereien in den Pawlowski-, Wolynski-, Litowskiund Preobraschenski-Regimentern. Der Bericht ersucht um zuverlässige Truppen von der Front. Eine Stunde später kommt ein Beruhigungstelegramm vom Kriegsminister: »Die am Morgen entstandenen Unruhen werden von den ihrer Pflicht treugebliebenen Kompanien und Bataillonen energisch unterdrückt ... Bin von einem baldigem Eintritt der Ruhe fest überzeugt ...« Nach 7 Uhr abends jedoch berichtet derselbe Belajew bereits: »Mit den wenigen ihrer Pflicht treugebliebenen Abteilungen die Meuterei der Truppen zu unterdrücken, gelingt nicht.« Er bittet um eiligen Abtransport wirklich zuverlässiger Truppenteile, und zwar in ausreichender Stärke »für gleichzeitiges Vorgehen in verschiedenen Stadtteilen.«

Der Ministerrat hielt an diesem Tage die Zeit für gekommen, aus eigener Machtvollkommenheit die vermeintliche Ursache alles Unheils aus seiner Mitte hinauszudrängen: den halb irrsinnigen Minister des Innern, Protopopow. Gleichzeitig setzte General Chabalow das geheim von der Regierung vorbereitete Dekret in Kraft, wonach auf Allerhöchsten Befehl über Petrograd der Belagerungszustand verhängt sei. Auf diese Weise wurde auch hier der Versuch unternommen, das Heiße mit dem Kalten zu kombinieren, ein wohl kaum vorbedachter, jedenfalls aber aussichtsloser Versuch. Es gelang nicht einmal, die Plakate mit der Proklamierung des Belagerungszustandes in der Stadt anzukleben: Der Stadthauptmann Balk besaß weder Kleister noch Pinsel. Diese Behörden konnten überhaupt nichts mehr zusammenkleistern, denn sie gehörten bereits dem Reiche der Schatten an.

Der Hauptschatten des letzten zaristischen Ministeriums war der siebzigjährige Fürst Golizyn, der früher irgendwelche wohltätigen Institutionen der Zarin verwaltet hatte und von ihr in der Periode des Krieges und der Revolution auf den Posten eines Regierungschefs erhoben worden war. Wenn die Freunde diesen, nach der Bezeichnung des liberalen Barons Nolde »gutmütigen russischen Herrn, den alten Schwächling«, fragten, weshalb er ein so mühevolles Amt auf sich genommen habe, erwiderte Golizyn: »Um eine angenehme Erinnerung mehr zu besitzen.« Dieses Ziel hat er jedenfalls nicht erreicht. Über das Befinden der letzten russischen Regierung in jenen Stunden erzählt ein Bericht Rodsjankos: Bei der ersten Nachricht von dem Marsch der Massen zum Mariinski-Palais, wo die Sitzungen des Ministeriums stattfanden, wurden unverzüglich alle Lichter im Gebäude gelöscht. Die Staatslenker wollten nur eines: dass die Revolution sie unbeachtet lassen sollte. Das Gerücht erwies sich jedoch als erfunden, es kam zu keinem Überfall, und als man wieder Licht machte, hockte manch Mitglied der zaristischen Regierung »zu seiner eigenen Verwunderung« unter dem Tisch. Welche Erinnerungen sie dort gesammelt haben mögen, ist nicht festgestellt worden.

Aber auch Rodsjankos Befinden war offenbar nicht auf der Höhe. Nach langwieriger und vergeblicher telefonischer Suche nach der Regierung klingelte der Dumavorsitzende wieder mal bei Fürst Golizyn an. Dieser meldet sich: »Bitte, sich in keinerlei Angelegenheiten mehr an mich zu wenden, ich habe demissioniert.« Auf diesen Bescheid hin ließ sich Rodsjanko, wie sein ihm ergebener Sekretär erzählt, schwer in den Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen ... »Mein Gott, wie schrecklich! ... Keine Regierung ... Anarchie ... Blut ...«, und er weinte leise. Beim Versinken des altersschwachen Gespenstes der zaristischen Macht fühlte sich Rodsjanko unglücklich, verlassen, verwaist. Wie weit war er in dieser Stunde von dem Gedanken entfernt, dass er morgen die Revolution »vertreten« würde!

Die telefonische Antwort Golizyns ist damit zu erklären, dass der Ministerrat am Abend des 27. endgültig seine Unfähigkeit, mit der entstandenen Lage fertigzuwerden, bekannt und dem Zaren empfohlen hatte, an die Spitze der Regierung eine Person zu stellen, die das allgemeine Vertrauen besitze. Der Zar antwortete Golizyn: »Betreffs Personenwechsel halte ich einen solchen unter den gegebenen Umständen für unzulässig. Nikolaus.« Auf welche Umstände wartete er denn noch? Gleichzeitig forderte der Zar, »energischste Maßnahmen« zur Unterdrückung der Meuterei zu treffen. Das war leichter gesagt als getan.

Am nächsten Tage, dem 28., sinkt schließlich auch der Mut der ungezähmten Zarin. »Zugeständnisse sind notwendig«, telegrafiert sie an Nikolaus, »die Streiks dauern an. Viele Truppen sind auf die Seite der Revolution übergegangen. Alice.« Es bedurfte des Aufstandes der gesamten Garde, der gesamten Garnison, um die hessische Beschützerin des Selbstherrschertums zu der Einsicht zu bringen, »Zugeständnisse sind notwendig«. Jetzt dämmert es auch dem Zaren, dass der »dicke Rodsjanko« ihm keinen Unsinn mitgeteilt hatte. Nikolaus beschließt, zu seiner Familie zu reisen. Möglich, dass die Generale des Hauptquartiers, denen es ein wenig ungemütlich wurde, ihn etwas schoben.

Der Zarenzug fuhr anfangs ohne Zwischenfall. Wie stets, empfingen ihn Polizeibeamte und Gouverneure. Weitab vom Wirbelsturm der Revolution, im gewohnten Waggon, umgeben vom gewohnten Gefolge, verlor der Zar offenbar wieder das Gefühl der dicht heranrückenden Lösung. Am 28., um 3 Uhr nachmittags, als sein Schicksal durch den Lauf der Ereignisse bereits besiegelt ist, schickt er der Zarin aus Wjasma ein Telegramm: »Herrliches Wetter. Ich hoffe, Ihr fühlt Euch gut und ruhig. Von der Front sind viele Truppen gesandt. Zärtlich liebend, Niki.« Statt der Zugeständnisse, auf die nun die Zarin drängt, sendet der zärtlich liebende Zar Truppen von der Front. Aber trotz des »herrlichen Wetters« muss der Zar einige Stunden später höchstpersönlich mit dem revolutionären Orkan zusammengeraten. Der Zug kam bis zur Station Wischera, weiter ließen ihn die Eisenbahner nicht:

»Die Brücke ist zerstört.« Wahrscheinlich hat das Gefolge selbst diese Ausrede erfunden, um die Situation zu beschönigen. Nikolaus versucht – oder man versucht ihn – über Bologoje zu fahren, mit der Nikolajewskaer Eisenbahn; doch auch hier ließ man den Zug nicht passieren. Das war anschaulicher als alle Telegramme aus Petrograd. Der Zar war vom Hauptquartier abgeschnitten und fand den Weg nicht in seine Residenz. Mit den einfachen Eisenbahner-«Figuren« erklärte die Revolution dem König Schach!

General Dubenski, der den Zaren auch im Zuge begleitete, vermerkt in seinem Tagebuch: »Alle sind sich dessen bewusst, dass diese nächtliche Wendung in Wischera eine historische Nacht bedeutet ... Mir ist es völlig klar, dass die Frage der Konstitution entschieden ist; sie wird bestimmt eingeführt werden ... Alle sprechen nur davon, dass man mit ihnen, mit den Mitgliedern der Provisorischen Regierung, handelseinig werden müsse.« Vor dem heruntergelassenen Streckensignal, hinter dem die Todesgefahr lauert, sind jetzt Graf Frederiks, Fürst Dolgoruki, Herzog von Leuchtenberg, kurz, all die hohen Herrschaften, für die Konstitution. Sie denken nicht mehr an einen Kampf. Man müsse nur verhandeln, das heißt versuchen, wieder zu betrügen, wie im Jahre 1905.

Während so der Zug herumirrte, ohne einen Weg zu finden, schickte die Zarin ein Telegramm nach dem anderen an den Zaren, in denen sie auf seine eilige Rückkehr drang. Sie erhielt aber die Telegramme vom Telegrafenamt zurück mit dem Blaustiftvermerk: »Aufenthaltsort des Adressaten unbekannt.« Die Telegrafenbeamten konnten den russischen Zaren nicht ausfindig machen.

Regimenter mit Musik und Fahnen marschierten zum Taurischen Palais. Die Gardebesatzung erschien unter dem Kommando des Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch, der, wie die Gräfin Kleinmichel bezeugt, mit einem Male eine revolutionäre Haltung zeigte. Die Wachposten zogen sich zurück. Der Hofstaat verließ das Schloss: »Es rettete sich, wer konnte«, schreibt die Wyrubowa in ihren Erinnerungen. Im Schlosse wanderten Gruppen revolutionärer Soldaten umher und besahen alles mit heißhungriger Neugier. Bevor die oben sich noch über das »Was nun?« klargeworden waren, hatten die unten das Zarenpalais schon in ein Museum umgewandelt.

Der Zar, dessen Aufenthalt unbekannt ist, wendet nach Pskow um, zum Stabe der Nordfront, die unter dem Kommando des alten Generals Russki steht. Im Gefolge des Zaren löst ein Vorschlag den anderen ab. Der Zar zögert. Er rechnet noch immer mit Tagen und Wochen, als die Revolution schon nach Minuten zählt.

Der Dichter Block charakterisierte den Zaren in den letzten Monaten der Monarchie folgendermaßen: »Eigensinnig, aber willenlos, nervös, aber gegen alles abgestumpft, um den Glauben an die Menschen gebracht, zerrüttet, aber überlegt in seinen Worten, war er seiner selbst nicht mehr Herr. Er hörte auf, die Lage zu begreifen, machte keinen klaren Schritt mehr und begab sich völlig in die Hände derer, die er selbst an die Macht gestellt hatte.« Wie erst müssen sich die Züge der Willenlosigkeit und der Zerrüttung, der Ängstlichkeit und des Misstrauens in den letzten Februar- und den ersten Märztagen verstärkt haben!

Nikolaus raffte sich nun endlich auf, an den ihm verhassten Rodsjanko ein Telegramm zu senden – offenbar ist dies aber dann doch nicht abgeschickt worden –, in dem er ihn, um des Heiles der Heimat willen, mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraute, unter dem Vorbehalt, Außen-, Kriegs- und Marineminister selbst zu ernennen. Der Zar möchte mit »ihnen« noch handeln: marschieren doch »zahlreiche Truppen« gegen Petrograd!

General Iwanow erreichte tatsächlich unbehindert Zarskoje Selo: Die Eisenbahner hatten sich wahrscheinlich doch nicht entschließen können, es auf einen Zusammenstoß mit dem Bataillon Georgier ankommen zu lassen. Allerdings gestand der General später, er sei unterwegs drei- bis viermal gezwungen gewesen, gegen die sich auflehnenden Soldaten »väterlichen Zwang« anzuwenden. Er ließ sie knien. Die Ortsbehörden erklärten dem »Diktator« gleich nach dessen Ankunft in Zarskoje Selo, dass ein Zusammenstoß der Georgier mit den Truppen die Zarenfamilie gefährden würde. Man hatte einfach Angst um sich und empfahl dem »Exekutor«, ohne erst die Truppen auszuladen, die Rückreise anzutreten.

Der General Iwanow stellte an den anderen »Diktator«, Chabalow, zehn Fragen, die ihm präzis beantwortet wurden. Wir führen sie in vollem Wortlaut an, denn sie verdienen es:

Die Fragen Iwanows:

  1. Welche Truppenteile halten Ordnung, und welche erlauben sich Gemeinheiten?
  2. Welche Bahnhöfe werden bewacht?
  3. In welchen Stadtteilen wird die Ordnung aufrechterhalten?
  4. Welche Behörden üben in diesen Stadtteilen die Macht aus?
  5. Arbeiten sämtliche Ministerien?
  6. Welche Polizeibehörden stehen im Augenblick zu Ihrer Verfügung?
  7. Welche technischen und wirtschaftlichen Institutionen des Kriegsamtes unterstehen Ihrem Befehl?
  8. Welche Mengen von Proviant haben Sie zu ihrer Verfügung?
  9. Sind viele Waffen, Artillerie- und Kriegsvorräte in die Hände der Rebellen gefallen?
  10. Welche Militärbehörden und Stäbe stehen zu Ihrer Verfügung?

Die Antworten Chabalows:

  1. Unter meinem Befehl stehen im Gebäude der Admiralität vier Kompanien der Garde, fünf Schwadronen und Hundertschaften, zwei Batterien; alle übrigen Truppen sind auf die Seite der Revolutionäre übergegangen oder bleiben nach Übereinkunft mit diesen neutral. Einzelne Soldaten und Banden treiben sich in der Stadt herum und entwaffnen Offiziere.
  2. Alle Bahnhöfe sind in den Händen der Revolutionäre und werden von diesen streng bewacht.
  3. Die ganze Stadt ist in der Gewalt der Revolutionäre, das Telefon arbeitet nicht, eine Verbindung mit den Stadtteilen gibt es nicht.
  4. Kann ich nicht beantworten.
  5. Die Minister sind von den Revolutionären verhaftet.
  6. Keine.
  7. Keine.
  8. Ich habe keinen Proviant zu meiner Verfügung. Am 25. Februar war in der Stadt ein Vorrat von 5.600.000 Pud Mehl.
  9. Alle Artilleriewerke sind in den Händen der Revolutionäre.
  10. Zu meiner Verfügung steht der Chef des Kreisstabes persönlich; mit den übrigen Kreisverwaltungen fehlt die Verbindung.

Nach einer so unzweideutigen Beleuchtung der Situation war General Iwanow »einverstanden«, mit seiner unausgeladenen Staffel zur Station »Dno« zurückzukehren. »Auf diese Weise«, schlussfolgert eine der leitenden Personen des Hauptquartiers, General Lukomski, »wurde aus der Kommandierung des Generals Iwanow mit diktatorischen Vollmachten nichts als ein Skandal.«

Übrigens trug der Skandal einen stillen Charakter, er ging unbemerkt in den Wogen der Ereignisse unter. Der Diktator schickte, wie wohl anzunehmen ist, die Lebensmittel an seine Bekannten in Petrograd und hatte eine längere Unterredung mit der Zarin: Sie verwies auf ihre selbstaufopfernde Arbeit in den Lazaretten und beklagte sich über die Undankbarkeit der Armee und des Volkes.

Unterdessen laufen über Mohilew nach Pskow Nachrichten, eine schwärzer als die andere. Die in Petrograd verbliebene persönliche Wache Seiner Majestät, aus der jeder Soldat einzeln der Zarenfamilie mit Namen bekannt und von ihr verhätschelt war, erscheint in der Reichsduma und bittet um Erlaubnis, jene Offiziere zu verhaften, die sich geweigert, am Aufstand teilzunehmen. Der Vizeadmiral Kurosch berichtet, er sehe keine Möglichkeit, Maßnahmen zur Niederschlagung des Aufstandes in Kronstadt zu treffen, denn er könne für keinen einzigen Truppenteil garantieren. Admiral Nepenin telegrafiert, die Baltische Flotte anerkenne das Provisorische Komitee der Reichsduma. Der Moskauer Oberkommandierende, Mrosowski, berichtet: »Die Mehrzahl der Truppen ist mitsamt der Artillerie zu den Revolutionären übergegangen, in deren Gewalt sich somit die Stadt befindet. Der Stadthauptmann und dessen Gehilfen haben sich aus der Stadthauptmannschaft entfernt.« Entfernt bedeutet: Sie hatten Reißaus genommen.

Dem Zaren wurde all dies am Abend des 1. März gemeldet. Bis tief in die Nacht hinein wurde für und wider ein verantwortliches Ministerium geredet. Endlich, um 2 Uhr nachts, gab der Zar die Zustimmung. Seine Umgebung atmete erleichtert auf. Da man es als selbstverständlich ansah, dass damit das Problem der Revolution gelöst sei, gab man gleichzeitig Befehl, die Truppenteile, die gegen Petrograd marschierten, um dort den Aufstand niederzuschlagen, an die Front zurückzuführen. Russki beeilte sich, bei Morgengrauen Rodsjanko die frohe Kunde zu übermitteln. Doch die Uhr des Zaren ging stark nach. Rodsjanko, den im Taurischen Palais bereits Demokraten, Sozialisten, Soldaten und Arbeiterdeputierte bedrängten, antwortete Russki:

»Was Sie vorschlagen, genügt nicht, die Frage der Dynastie steht auf dem Spiel ... Die Truppen gehen überall auf die Seite der Duma und des Volkes über und fordern den Thronverzicht zugunsten des Sohnes unter der Regentschaft Michail Alexandrowitschs.« Die Truppen dachten allerdings weder daran den Sohn noch Michail Alexandrowitsch zu fordern. Rodsjanko schrieb hier einfach den Truppen und dem Volke die Losung zu, mit der die Duma noch immer hoffte, der Revolution Einhalt gebieten zu können. Wie dem auch sei, das Zugeständnis des Zaren kam zu spät: »Die Anarchie erreichte ein solches Maß, dass ich (Rodsjanko) gezwungen war, heute nacht eine Provisorische Regierung zu ernennen. Das Manifest kam leider zu spät ...« Diese majestätischen Worte beweisen, dass der Dumavorsitzende inzwischen Zeit gefunden hatte, die über Golizyn vergossenen Tränen zu trocknen. Der Zar las die Unterhaltung Rodsjankos mit Russki und schwankte, las sie wieder und wartete ab. Jetzt aber schlugen die Heeresführer Alarm: Die Sache betraf ein wenig auch sie!

General Alexejew veranstaltete in der Nacht gewissermaßen ein Plebiszit unter den Oberkommandierenden der Fronten. Es ist gut, dass moderne Revolutionen sich unter Teilnahme des Telegrafen vollziehen und so die ersten Regungen und der Widerhall der Machthaber auf Papierstreifen für die Geschichte erhalten bleiben. Die Verhandlungen der zaristischen Feldmarschälle in der Nacht vom 1. zum 2. März bilden ein unvergleichliches menschliches Dokument. Soll der Zar verzichten oder nicht? Der Oberkommandierende der Westfront, General Evert, wollte seine Entschließung erst treffen, nachdem die Generale Russki und Brussilow sich geäußert haben würden. Der Oberkommandierende der rumänischen Front, General Sacharow, verlangte, dass man ihm vorerst die Beschlüsse aller übrigen Oberkommandierenden mitteile. Nach langem Zögern erklärte dieser glorreiche Kämpe, seine heiße Liebe zum Monarchen erlaube es ihm nicht, sich mit einem so »niederträchtigen Vorschlag« abzufinden; nichtsdestoweniger empfahl er dem Zaren »heulend«, »zur Vermeidung noch niederträchtigerer Zumutungen« auf den Thron zu verzichten. Generaladjutant Evert setzte eindringlich die Notwendigkeit der Kapitulation auseinander: »Ich treffe alle Maßnahmen, damit die Nachrichten über die gegenwärtige Lage in den Hauptstädten nicht in die Armee dringen, um die sonst unvermeidlichen Unruhen zu unterbinden. Mittel, der Revolution in den Hauptstädten Einhalt zu gebieten, gibt es nicht.« Der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch flehte von der kaukasischen Front aus den Zaren kniefällig an, das »Übermaß« auf sich zu nehmen und dem Thron zu entsagen; ein ähnliches Flehen kam von den Generälen Alexejew, Brussilow und vom Admiral Nepenin. Russki seinerseits befürwortete mündlich das Gleiche. Ehrfurchtsvoll richteten die Generale sieben Revolverläufe gegen die Schläfe des vergötterten Monarchen. Aus Angst, den Augenblick eines Ausgleiches mit der neuen Macht zu verpassen, und nicht minder aus Angst vor ihren eigenen Truppen gaben die Heerführer, gewohnt, ihre Positionen zu räumen, dem Zaren und Obersten Kriegsherrn einmütig den Rat: kampflos von der Szene zu verschwinden. Das war nun nicht mehr das ferne Petrograd, gegen das man, wie es schien, Truppen schicken konnte, sondern es war die Front, von der man die Truppen entnehmen sollte.

Nachdem der Zar diesen mit solchem Nachdruck versehenen Bericht entgegengenommen hatte, entschloss er sich, auf den Thron zu verzichten, den er bereits nicht mehr besaß. Man verfertigte ein der Situation geziemendes Telegramm an Rodsjanko: »Es gibt kein Opfer, das ich zum wirklichen Wohle und zur Rettung des teuren Mütterchens Russland nicht bringen würde. Deshalb bin ich bereit, auf den Thron zugunsten meines Sohnes zu verzichten, der bis zu seiner Volljährigkeit bei mir verbleibt, bei gleichzeitiger Regentschaft meines Bruders, des Großfürsten Michail Alexandrowitsch Nikolaus.« Aber auch dieses Telegramm wurde nicht abgesandt, da die Nachricht eintraf, die Deputierten Gutschkow und Schulgin seien von der Hauptstadt nach Pskow unterwegs. Das war eine neue Veranlassung, den Entschluss zu vertagen. Der Zar befahl, ihm das Telegramm zurückzugeben. Er hatte offenbar Angst, zuviel zu bieten, und wartete noch immer auf tröstliche Nachrichten, richtiger gesagt, er hoffte auf ein Wunder. Die beiden Deputierten empfing der Zar um 12 Uhr in der Nacht vom 2. zum 3. März. Kein Wunder geschah und es war nicht mehr möglich auszuweichen. Der Zar erklärte plötzlich, er könne sich von seinem Sohne nicht trennen – welche wirren Hoffnungen gingen dabei durch seinen Kopf? –, und unterschrieb den Thronverzicht zugunsten seines Bruders. Gleichzeitig wurden Dekrete an den Senat betreffs Ernennung des Fürsten Lwow zum Vorsitzenden des Ministerrats und Nikolai Nikolajewitschs zum Obersten Kriegsherrn unterzeichnet. Die Familienbefürchtungen der Zarin fanden damit gleichsam ihre Bestätigung: Der verhasste »Nikolascha« kehrte, zusammen mit den Verschwörern, zur Macht zurück. Gutschkow wähnte wohl ernsthaft, die Revolution würde sich mit dem Kaiserlichen Kriegsherrn abfinden. Dieser nahm die Ernennung ebenfalls für bare Münze. Er versuchte einige Tage hindurch sogar, irgendwelche Befehle zu erteilen und zur Erfüllung der patriotischen Pflicht zu ermahnen. Doch die Revolution hat ihn schmerzlos ausgeschieden.

Um den Schein eines frei gefassten Entschlusses zu wahren, wurde das Abdankungsmanifest mit 3 Uhr nachmittags gezeichnet, unter dem Vorwand, die Entscheidung des Zaren, dem Thron zu entsagen, sei ursprünglich um diese Stunde gefasst worden. Aber den »Entschluss« vom Tage, der den Thron an den Sohn, nicht an den Bruder übergab, war ja, in der Hoffnung auf eine günstige Wendung des Rades, faktisch zurückgenommen worden. Doch daran erinnerte niemand. Der Zar machte noch den letzten Versuch, Haltung zu zeigen vor den verhassten Deputierten, die ihrerseits die Fälschung des historischen Aktes, das heißt den Volksbetrug, zuließen. Die Monarchie entfernte sich vom Schauplatz unter Wahrung ihres Stils. Aber auch ihre Nachfolger blieben sich treu. Ihre Nachsicht betrachteten sie wahrscheinlich als Großmut des Siegers gegen den Besiegten.

Von dem unpersönlichen Stil seines Tagebuches etwas abweichend, trägt Nikolaus am 2. März ein: »Am Morgen kam Russki und las mir ein ganz langes Telefongespräch mit Rodsjanko vor. Nach dessen Worten sei die Lage in Petrograd derart, dass ein Ministerium aus Mitgliedern der Reichsduma ohnmächtig wäre, etwas zu tun, denn es würde bekämpft werden von der Sozialdemokratischen Partei in der Gestalt des Arbeiterkomitees. Mein Thronverzicht sei notwendig. Russki übermittelte dieses Gespräch ins Hauptquartier an Alexejew und an alle Oberkommandierenden. Um 12.30 Uhr trafen die Antworten ein. Um Russland zu retten und die Truppen an der Front festzuhalten, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Ich willigte ein und aus dem Hauptquartier wurde ein Entwurf des Manifestes geschickt. Abends trafen aus Petrograd Gutschkow und Schulgin ein, mit denen ich eine Unterredung hatte und denen ich das unterzeichnete, abgeänderte Manifest übergab. Um 1 Uhr reiste ich schweren Herzens aus Pskow ab; ringsherum Verrat, Feigheit, Betrug.«

Die Erbitterung Nikolaus’ war, wie man zugeben muss, nicht unbegründet. Noch am 28. Februar hatte General Alexejew allen Oberkommandierenden der Fronten telegrafiert: »Uns allen obliegt die heilige Pflicht vor Kaiser und Heimat, in den Truppen der aktiven Armee die Treue zu Pflicht und Eid aufrechtzuerhalten.« Und zwei Tage später rief Alexejew die gleichen Oberkommandierenden der Armee auf, die Treue zu »Pflicht und Eid« zu verletzen. Im Kommandobestand fand sich nicht einer, der sich für seinen Zaren einsetzte. Alle sputeten sich, auf das Schiff der Revolution umzusteigen, in der festen Zuversicht, dort bequeme Kajüten vorzufinden.

Generale und Admirale nahmen die zaristischen Abzeichen herunter und steckten sich rote Bänder an. Man erzählte später nur von einem Gerechten, irgendeinem Korpskommandanten, der beim Ablegen des neuen Eides an Herzschlag verschied. Es ist jedoch nicht erwiesen, dass sein Herz an verletztem Monarchismus brach und nicht aus anderen Gründen. Die zivilen Würdenträger brauchten, schon ihrer Stellung nach, nicht mehr Mut zu zeigen als die Militärs. Jeder rettete sich, wie er konnte.

Aber die Uhr der Monarchie ging entschieden nicht im gleichen Takt mit der Uhr der Revolution. Am 3. März, bei Sonnenaufgang, wird Russki wieder zum Apparat geholt. Rodsjanko und Fürst Lwow fordern, das Zarenmanifest zurückzuhalten, es habe sich wiederum als verspätet erwiesen. Mit der Thronbesteigung Alexejs – berichten die neuen Herren ausweichend – würde man sich vielleicht abfinden – wer? –, die Thronbesteigung Michails hingegen sei völlig unannehmbar. Nicht ohne Bosheit drückte Russki sein Bedauern darüber aus, dass die Deputierten der Duma, die gestern hier weilten, über Ziel und Aufgabe ihrer Reise nicht hinreichend informiert gewesen waren. Aber auch die Deputierten fanden eine Ausrede. »Es loderte für alle unerwartet eine solche Soldatenmeuterei auf, wie ich sie nie gesehen habe«, erklärte der Kammerherr dem General Russki, als habe er sein Lebtag nichts anderes getan, als Soldatenmeutereien beobachtet. »Die Proklamierung Michails zum Kaiser würde bedeuten, Öl ins Feuer zu gießen, und es würde eine erbarmungslose Vernichtung all dessen anheben, was nur zu vernichten möglich ist.« Wie es sie alle doch gepackt hat, wie es sie schüttelt, rüttelt, herumwirbelt!

Die Generalität schluckt schweigend auch diese neue »niederträchtige Anmaßung« der Revolution. Nur Alexejew erleichtert sich das Herz in einer telegrafischen Nachricht an die Oberkommandierenden: »Die linken Parteien und die Arbeiterdeputierten üben auf den Dumavorsitzenden einen gewaltigen Druck aus, in den Berichten Rodsjankos fehlt die nötige Offenheit und Aufrichtigkeit.« Nur Aufrichtigkeit vermissten die Generale in jenen Stunden!

Aber da hat sich’s der Zar nochmals überlegt. Bei seiner Ankunft aus Pskow in Mohilew händigt er seinem früheren Generalstabschef Alexejew zur Weiterbeförderung nach Petrograd ein Blatt Papier aus mit der Einwilligung, den Thron an den Sohn abzutreten. Diese Kombination erschien ihm doch wohl als die annehmbarste. Nach dem Bericht Denikins ging Alexekew mit dem Telegramm davon ... sandte es jedoch nicht ab. Er betrachtete anscheinend jene zwei Manifeste als ausreichend, die bereits an Armee und Volk bekannt gegeben waren. Der ungleiche Pendelschlag entstand dadurch, dass nicht nur der Zar und dessen Berater, sondern auch die Dumaliberalen langsamer dachten als die Revolution.

Am 8. März, vor seiner endgültigen Abreise aus Mohilew, schrieb der formell bereits verhaftete Zar einen Appell an die Truppen, der mit den Worten schloss: »Wer jetzt an Frieden denkt, wer ihn wünscht, verrät sein Vaterland, ist ein Hochverräter!« Das war ein ihm von irgendwem eingegebener Versuch, die Beschuldigung des Germanophilentums den Händen der Liberalen zu entreißen. Der Versuch blieb ohne Folgen: Man wagte nicht mehr, den Appell zu veröffentlichen.

So endete eine Regierung, die eine ununterbrochene Kette von Misserfolgen, Unglück, Unheil und Verbrechen war, beginnend mit der Katastrophe auf Chodynka, während der Krönungsfeierlichkeiten, über Erschießungen Streikender und aufständischer Bauern, über den Russisch-Japanischen Krieg, über die schreckliche Niederschlagung der Revolution von 1905, über zahllose Hinrichtungen, Strafexpeditionen und nationale Pogrome hinweg, abschließend mit der wahnwitzigen und infamen Beteiligung Russlands an dem wahnwitzigen und infamen Weltkrieg.

Nach seiner Ankunft in Zarskoje Selo, wo er zusammen mit seiner Familie im Schlosse gefangengehalten wurde, sagte, nach den Worten der Wyrubowa, der Zar leise vor sich hin »Es gibt unter Menschen keine Gerechtigkeit.« Indes sind gerade diese Worte unwiderlegbares Zeugnis dafür, dass es eine historische Gerechtigkeit gibt, wenn sie sich auch manchmal verspätet.

Die Ähnlichkeit des letzten Zarenpaares der Romanows mit dem französischen Königspaar aus der Epoche der Großen Revolution drängt sich von selbst auf. In der Literatur wurde bereits darauf verwiesen, doch nur flüchtig und ohne aus dieser Ähnlichkeit Schlüsse zu ziehen. Diese Ähnlichkeit ist indes keinesfalls so zufällig, wie es auf den ersten Blick erscheint, und gibt wertvolles Material für Folgerungen.

Voneinander durch fünfviertel Jahrhunderte getrennt, stellen Zar und König in gewissen Augenblicken zwei Akteure dar, die die gleiche Rolle spielen. Passiver, lauernder, aber rachsüchtiger Treubruch bilden die hervorstechendste Eigenschaft beider, mit dem Unterschiede, dass sie sich bei Ludwig hinter einer zweifelhaften Gutmütigkeit verbarg, während sie bei Nikolaus Umgangsform war. Beide machten den Eindruck von Menschen, die ihr Gewerbe belastet, die aber gleichzeitig nicht gewillt sind, auch nur das kleinste Teilchen ihrer Rechte, von denen sie keinen Gebrauch machen können, abzutreten. Die Tagebücher beider, sogar im Stil oder im Fehlen des Stiles verwandt, enthüllen in gleicher Weise eine drückende seelische Leere.

Die Österreicherin und die Deutsche aus Hessen wiederum bilden ihrerseits eine Symmetrie. Die Königinnen erheben sich über die Könige nicht nur ihrem physischen, sondern auch ihrem moralischen Wuchse nach. Marie Antoinette ist weniger fromm als Alexandra Feodorowna und zum Unterschiede von dieser den Vergnügungen heiß ergeben Beide hassen in gleicher Weise das Volk, ertragen den Gedanken an Zugeständnisse nicht, misstrauen in gleicher Weise dem Mut ihrer Männer und betrachten sie von oben herab, Antoinette mit einem Schatten von Verachtung, Alexandra mit Mitleid.

Wenn Autoren, die dem Petersburger Hof nähergekommen waren, uns in ihren Memoiren versichern, dass Nikolaus, wäre er eine Privatperson gewesen, in guter Erinnerung geblieben wäre, dann reproduzieren sie einfach das alte Klischee der wohlwollenden Gutachten über Ludwig XVI., wodurch sie uns aber weder in Bezug auf die Geschichte noch in Bezug auf die menschliche Natur sonderlich bereichern.

Wir haben bereits gehört, wie sich Fürst Lwow entrüstete, als er während der tragischen Ereignisse der ersten Revolution anstatt eines niedergeschlagenen Zaren ein »lustiges, munteres Kerlchen in himbeerroter Hemdbluse« vorfand. Ohne es zu wissen, hatte der Fürst das Gutachten des Gouverneurs Morris reproduziert, der im Jahre 1790 in Washington über Ludwig schrieb:

»Was kann man von einem Menschen erwarten, der in seiner Lage immer guten Mutes isst, trinkt, schläft und lacht; von diesem netten Kerl, der lustiger ist als sonst einer?«

Wenn Alexandra Feodorowna drei Monate vor dem Sturz der Monarchie prophezeit: »Alles wendet sich zum Guten, die Träume unseres Freundes besagen so viel!«, wiederholt sie nur Marie Antoinette, die einen Monat vor dem Sturze des Königtums schreibt: »Ich fühle frischen Mut in mir, und etwas sagt mir, dass wir bald glücklich und gerettet sein werden.« Untergehend sehen beide rosige Träume.

Einige Elemente der Ähnlichkeit tragen selbstverständlich zufälligen Charakter und besitzen nur das Interesse historischer Anekdoten. Unermesslich wichtiger sind jene Züge, die durch die gewaltige Macht der Verhältnisse aufgepfropft oder geradezu aufgedrängt wurden und ein grelles Licht werfen auf das Verhältnis zwischen Persönlichkeit und objektiven Faktoren der Geschichte.

»Er konnte nicht wollen – das ist der hervorragende Zug seines Charakters«, sagte ein reaktionärer französischer Historiker von Ludwig. Diese Worte scheinen wie über Nikolaus geschrieben. Beide konnten nicht wollen. Dafür aber konnten beide nicht-wollen. Doch was hätten denn eigentlich diese letzten Vertreter einer hoffnungslos verlorenen historischen Sache noch »wollen« können?

»Er hörte gewöhnlich zu, lächelte, aber nur selten entschloss er sich zu etwas. Sein erstes Wort war in der Regel nein.« Über wen ist’s? Wiederum über Capet. Aber dann war doch das ganze Verhalten Nikolaus’ ein durchgehendes Plagiat! Beide gehen dem Abgrunde zu »mit über die Augen geschobener Krone«. Ist es denn leichter, einem Abgrund, dem man doch nicht entrinnen kann, mit offenen Augen entgegenzugehen? Was würde sich in der Tat geändert haben, wenn sie die Krone in den Nacken geschoben hätten?

Man könnte den Berufspsychologen empfehlen, ein Lesebuch der parallelen Äußerungen von Nikolaus und von Ludwig, von Alexandra und von Antoinette und deren Nächsten über sie zusammenzustellen. An Material wäre kein Mangel, und das Ergebnis würde ein äußerst lehrreiches historisches Zeugnis zugunsten der materialistischen Psychologie sein: Gleichartige (selbstverständlich nicht gleiche) Reize ergeben unter gleichartigen Bedingungen gleichartige Reflexe. Je mächtiger der Reizerreger ist, umso schneller überwindet er die individuellen Besonderheiten. Auf Kitzeln reagieren die Menschen verschieden, auf glühendes Eisen gleichartig. Wie der Dampfhammer eine Kugel und einen Würfel in gleicher Weise in eine Scheibe verwandelt, so platten unter dem Druck zu großer und unabwendbarer Ereignisse auch widerstrebende »Individualitäten« ab, verlieren ihre Umrisse.

Ludwig und Nikolaus waren Letztgeborene von Dynastien, die stürmisch gelebt hatten. Eine gewisse Ausgeglichenheit des einen und des anderen, die Ruhe und die »Heiterkeit« in schwierigen Augenblicken, waren anerzogene Äußerungen der Dürftigkeit ihrer inneren Kräfte, der Schwäche der nervösen Entladungen, der Armseligkeit der geistigen Ressourcen. Moralische Kastraten, waren beide jeglicher Phantasie und schöpferischer Fähigkeit bar, besaßen gerade noch so viel Geist, um ihre Trivialität zu fühlen, und hegten feindseligen Neid gegen alles Begabte und Bedeutende. Beide hatten das Schicksal, ein Land zu regieren unter Bedingungen tiefer innerer Krisen und des revolutionären Erwachens des Volkes. Beide wehrten sich gegen das Eindringen neuer Ideen und den Ansturm feindlicher Mächte. Unentschlossenheit, Heuchelei und Verlogenheit waren bei beiden weniger der Ausdruck persönlicher Schwäche als vielmehr einer völligen Unmöglichkeit, sich auf den ererbten Positionen zu behaupten.

Und wie verhielt es sich mit den Frauen? In noch höherem Grade als Antoinette wurde Alexandra durch die Ehe mit dem unbeschränkten Herrscher eines mächtigen Landes auf die höchsten Gipfel der Träumereien einer Prinzessin, und noch dazu einer so provinziellen wie der hessischen, emporgehoben. Beide waren bis zum Rand vom Bewusstsein ihrer hohen Mission erfüllt. Antoinette mehr auf frivole Art, Alexandra im Geiste der protestantischen Heuchelei, übersetzt in die kirchlich-slawische Sprache. Misserfolge der Regierung und wachsende Unzufriedenheit des Volkes erschütterten erbarmungslos jene phantastische Welt, welche diese fanatischen, aber letzten Endes doch nur hühnerhaft kleinen Gehirne sich aufgebaut hatten. Daher die wachsende Erbitterung, die nagende Feindseligkeit gegen ein fremdes Volk, das sich vor ihnen nicht gebeugt hatte; Hass gegen solche Minister, die auch nur im Geringsten dieser feindlichen Welt, das heißt dem Lande Rechnung tragen wollten; Entfremdung sogar vom eigenen Hofe und ewiges Gekränktsein durch den Ehemann, der die in der Brautzeit erweckten Hoffnungen nicht erfüllt hat.

Historiker und Biografen psychologischer Richtung suchen und entdecken nicht selten rein Persönliches und Zufälliges dort, wo nur eine Brechung großer historischer Kräfte in einer Persönlichkeit stattfindet. Es ist dies derselbe Sehfehler wie bei den Hofleuten, die in dem letzten russischen Zaren einen geborenen »Pechvogel« erblickten. Er selbst glaubte ebenfalls, dass er unter einem ungünstigen Stern geboren sei. In Wirklichkeit ergaben sich seine Misserfolge aus den Widersprüchen zwischen den alten Zielen, die ihm seine Ahnen vererbt hatten, und den neuen historischen Bedingungen, in die er hineingestellt war. Wenn die Alten sagten, Jupiter raube dem den Verstand, den er vernichten wolle, sprachen sie in der Form des Aberglaubens nur das Ergebnis tiefer historischer Beobachtungen aus. Die Worte Goethes: »Vernunft wird Unsinn« enthalten den gleichen Gedanken von dem unpersönlichen Jupiter der historischen Dialektik, der überlebten historischen Institutionen den Sinn raubt und deren Verteidiger zu Misserfolg verurteilt. Die Rollentexte der Romanows und der Capets waren durch die Entwicklung des historischen Dramas vorgeschrieben. Den Akteuren blieben höchstens die Nuancen der Interpretation übrig. Das Missgeschick Nikolaus’ wie Ludwigs wurzelte nicht in ihrem persönlichen Horoskop, sondern in dem historischen Horoskop der ständisch-bürokratischen Monarchie. Sie waren vor allem Letztgeborene des Absolutismus. Ihre moralische Nichtigkeit, die sich aus ihrem dynastischen Epigonentum ergab, verlieh diesem einen besonders unheilvollen Charakter.

Man könnte erwidern: Hätte Alexander III. weniger getrunken, er hätte viel länger gelebt, die Revolution wäre mit einem völlig andersgearteten Zaren zusammengestoßen, und eine Parallele mit Ludwig XVI. wäre nicht gegeben. Ein solcher Einwand aber berührt das oben Dargestellte nicht im Geringsten. Wir beabsichtigen ja nicht, die Bedeutung des Persönlichen in der Mechanik des historischen Prozesses oder die Bedeutung des Zufälligen im Persönlichen wegzuleugnen. Es ist nur nötig, dass man die historische Persönlichkeit mit all ihren Besonderheiten nicht als eine bloße Aufzählung psychologischer Züge nimmt, sondern als eine aus bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen entstandene und auf diese reagierende lebendige Realität. Wie eine Rose nicht aufhört zu duften, weil ein Naturwissenschaftler darauf hinweist, durch welche Ingredienzien des Bodens und der Atmosphäre sie sich ernährt, so beraubt auch die Aufdeckung der gesellschaftlichen Wurzeln einer Persönlichkeit diese nicht ihres Aromas oder ihres Gestankes.

Gerade die oben angestellte Erwägung über eine längere Lebensdauer Alexanders III. kann dazu beitragen, dasselbe Problem von der anderen Seite zu beleuchten. Wir wollen annehmen, dass ein Alexander III. sich im Jahre 1904 nicht in einen Krieg mit Japan eingelassen hätte. Damit allein wäre die erste Revolution hinausgeschoben worden. Bis zu welchem Zeitpunkt? Es ist möglich, dass die Revolution von 1905, das heißt die erste Kraftprobe, das erste Loch im System des Absolutismus, eine einfache Einleitung zu der zweiten, der republikanischen, und zu der dritten, der proletarischen Revolution gebildet haben würde. Aber darüber sind nur mehr oder weniger interessante Mutmaßungen möglich. Es ist jedenfalls unbestreitbar, dass die Revolution sich nicht aus dem Charakter Nikolaus’ II. ergeben hat und dass nicht Alexander III. ihre Aufgaben gelöst hätte. Es genügt, daran zu erinnern, dass sich nirgendwo und niemals der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Regime ohne gewaltsame Erschütterungen vollzog. Gestern erst sahen wir dies in China, heute beobachten wir es in Indien. Das Äußerste, was man sagen kann, ist, dass die eine oder die andere Politik einer Monarchie, die eine oder die andere Persönlichkeit des Monarchen die Revolution zu beschleunigen oder zu verzögern und ihrem äußeren Verlauf einen gewissen Stempel aufzudrücken imstande ist.

Mit welch wütender und ohnmächtiger Beharrlichkeit versuchte der Zarismus noch in seinen allerletzten Monaten, Wochen und Tagen sich zu behaupten, während die Partie bereits hoffnungslos verloren war. Fehlte es Nikolaus selbst an Willen, so ersetzte die Zarin den Mangel. Rasputin war das Werkzeug der Beeinflussung für eine Clique, die verzweifelt um ihre Selbsterhaltung kämpfte. Sogar in diesem engen Maßstabe wird die Person des Zaren von einer Gruppe absorbiert, die ein Stück Vergangenheit und deren letzte Konvulsionen darstellt. Die »Politik« der Spitze in Zarskoje Selo bestand angesichts der Revolution aus Reflexen eines zu Tode gehetzten und ermatteten Raubtieres. Verfolgt man in der Steppe auf einem schnellen Automobil lange einen Wolf, dann bricht das Tier schließlich zusammen und bleibt entkräftet liegen. Probiert aber, ihm ein Halsband anzulegen, es wird versuchen, euch zu zerfleischen oder mindestens zu verletzen. Bleibt ihm in seiner Lage anderes übrig?

Ja, wähnten die Liberalen. Anstatt rechtzeitig mit der privilegierten Bourgeoisie ein Abkommen zu treffen und so die Revolution abzuwenden – also lautet die Anklageschrift des Liberalismus gegen den letzten Zaren –, verweigerte Nikolaus hartnäckig jedes Zugeständnis, zögerte sogar in den allerletzten Tagen, schon unter dem Messer, wo jede Minute zählte, feilschte mit dem Schicksal und versäumte so die letzte Möglichkeit. Das klingt alles sehr überzeugend. Wie schade nur, dass der Liberalismus, der so unfehlbare Mittel für die Errettung der Monarchie wusste, für sich solche Mittel nicht fand.

Es wäre unsinnig, zu behaupten, der Zarismus habe niemals und unter keinen Umständen Zugeständnisse gemacht. Er hat sie gemacht, soweit es seine Selbsterhaltung erforderte. Nach den Niederlagen auf der Krim führte Alexander II. eine halbe Befreiung der Bauernschaft durch und eine Reihe liberaler Reformen auf dem Gebiete des Semstwo, der Justiz, der Presse, der Lehranstalten und so weiter. Der Zar selbst erklärte damals den Leitgedanken seiner Reformen folgendermaßen: die Bauern von oben befreien, damit sie sich nicht von unten befreien. Unter dem Drucke der ersten Revolution gab Nikolaus II. eine halbe Konstitution. Stolypin machte dem bäuerlichen Gemeindebesitz den Garaus, um die Arena der kapitalistischen Kräfte zu erweitern. Alle diese Reformen hatten für den Zarismus jedoch nur insofern einen Sinn, als die Teilzugeständnisse das Ganze, das heißt die Grundlagen der ständischen Gesellschaft und der Monarchie selbst unversehrt ließen. Sobald die Folgen der Reformen diese Grenzen zu überschreiten drohten, wich die Monarchie unverzüglich zurück. Alexander II. verübte in der zweiten Hälfte seiner Regierung Diebstahl an den Reformen der ersten Hälfte. Alexander III. ging auf dem Wege der Konterreformen noch weiter. Nikolaus II. machte im Oktober 1905 vor der Revolution einen Rückzug, löste sodann die von ihm selbst geschaffene Duma wiederholt auf und vollzog, sobald die Revolution erlahmt war, einen Staatsstreich. Im Laufe von drei Vierteln eines Jahrhunderts – rechnet man seit den Reformen Alexander II. geht ein bald unterirdischer, bald offener Kampf der geschichtlichen Kräfte, der weit über die persönlichen Eigenschaften einzelner Zaren hinausragt und mit dem Sturz der Monarchie endet. Nur in dem geschichtlichen Rahmen dieses Prozesses kann man den Platz für einzelne Zaren, deren Charaktere und »Biografien« finden.

Auch der selbstherrlichste aller Despoten ähnelt recht wenig einer »freien« Individualität, die willkürlich den Ereignissen ihren Stempel aufdrückt. Er ist stets nur der gekrönte Agent der privilegierten Klassen, die die Gesellschaft nach ihrem Bilde formen. Haben diese Klassen ihre Mission nicht erschöpft, dann steht auch die Monarchie fest und ist selbstsicher. Dann verfügt sie über einen zuverlässigen Machtapparat und über eine unbeschränkte Auswahl an Exekutoren, weil die fähigsten Menschen noch nicht in das Lager des Feindes übergegangen sind. Dann kann der Monarch persönlich oder vermittels seiner Günstlinge zum Träger großer und fortschrittlicher historischer Aufgaben werden. Anders, wenn die Sonne der alten Gesellschaft sich endgültig dem Untergange zuneigt: Aus Organisatoren des nationalen Lebens verwandeln sich die privilegierten Klassen in eine parasitäre Wucherung; mit dem Verlust ihrer führenden Funktion verlieren sie das Bewusstsein ihrer Mission und den Glauben an ihre Kräfte; die Unzufriedenheit mit sich selbst verwandeln sie in die Unzufriedenheit mit der Monarchie; die Dynastie wird isoliert; der Kreis der ihr bis zu Ende ergebenen Menschen verengt sich; ihr Niveau sinkt; die Gefahren aber nehmen unterdes zu; die neuen Kräfte bedrängen; die Monarchie büßt die Fähigkeit zu irgendeiner schöpferischen Initiative ein; sie verteidigt sich, kämpft, beginnt den Rückzug – ihre Handlungen bekommen den Automatismus primitiver Reflexe. Diesem Schicksal entging auch die halbasiatische Despotie der Romanows nicht.

Betrachtet man den in Agonie liegenden Zarismus sozusagen im vertikalen Querschnitt, dann erscheint Nikolaus als die Achse einer Clique, deren Wurzeln in die hoffnungslos verdammte Vergangenheit zurückgehen. Im horizontalen Querschnitt der historischen Monarchie gesehen, ist Nikolaus das letzte Glied einer dynastischen Kette. Seine nächsten Ahnen, die zu ihrer Zeit ebenfalls den Kollektiven der Sippe, der Stände, der Bürokratie angehörten, wenn auch größeren, haben verschiedene Mittel und Methoden der Verwaltung ausprobiert, um das alte soziale Regime vor dem drohenden Schicksal zu bewahren, und haben trotzdem Nikolaus ein chaotisches Reich vermacht, in dessen Leib die Revolution reifte. Wenn ihm eine Wahl gelassen war, so nur zwischen den verschiedenen Wegen des Unterganges.

Der Liberalismus träumte von einer Monarchie nach britischem Muster. Hat sich aber der Parlamentarismus an der Themse auf friedlich evolutionärem Wege entwickelt, oder ist er etwa die Frucht der »freien« Einsicht eines einzelnen Monarchen? Nein, er hat sich als Abschluss eines Kampfes herausgebildet, der Jahrhunderte gedauert und in dem einer der Könige sein Haupt am Kreuzwege lassen musste.

Autoren

  • Leo Trotzki

  • Alexandra Ramm

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Titel: Geschichte der Russischen Revolution