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Geschichte der Russischen Revolution

Februarrevolution und Oktoberrevolution

von Leo Trotzki (Autor) Alexandra Ramm (Übersetzung)

2017 1097 Seiten

Leseprobe

Einleitung

Leo Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« gehört auch 80 Jahre nach ihrem Erscheinen zu den bedeutendsten Werken der historischen Literatur. Sie behandelt eine Epoche von ungeheurer Dynamik, die der Weltgeschichte innerhalb weniger Monate eine neue Richtung gab, das Leben von Millionen Menschen – nicht nur in dem riesigen Zarenreich, sondern auf der ganzen Welt – grundlegend veränderte und bis heute beein lusst.

Die Oktoberrevolution stellte, wie der britische Historiker Edward Hallett Carr feststellte, »die erste offene Herausforderung an das kapitalistische System dar, welches im Europa des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte. Dass sie sich auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkrieges ereignete, teilweise als Folge dieses Krieges, war mehr als ein Zufall. Dieser Krieg hatte der internationalen kapitalistischen Ordnung, wie sie vor 1914 bestanden hatte, einen tödlichen Stoß versetzt und die ihr eigene mangelnde Stabilität bloßgelegt. Man kann in dieser Revolution sowohl eine Folgeerscheinung wie eine Ursache des Niedergangs des Kapitalismus sehen.«[1]

Die spätere Degeneration und Auflösung des aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Arbeiterstaats mindert nicht deren historische Bedeutung. Nicht zufällig war Trotzki, derselbe Mann, der die Revolution an Lenins Seite angeführt hatte und sie im vorliegenden Band so meisterhaft beschreibt, auch der erste und beharrlichste Kritiker ihrer stalinistischen Degeneration. Will man den Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion verstehen, sind Trotzkis Werke trotz der zahlreichen, seither erschienenen Detailstudien unverzichtbar. Neben der »Geschichte der Russischen Revolution« gilt dies insbesondere für die »Verratene Revolution«, seine gründliche Analyse der Ursachen und der Bedeutung des Stalinismus.

Die vielfach geäußerte Behauptung, die Auflösung der Sowjetunion 1991 habe die durch die Oktoberrevolution begonnene historische Epoche beendet, sei gleichbedeutend mit dem historischen Triumph der kapitalistischen Gesellschaftsordnung oder kennzeichne sogar das »Ende der Geschichte«, hat sich als grotesker Irrtum erwiesen. Die heutige Weltlage ist durch eine tiefe Krise des globalen Finanzsystems, wachsende soziale Spannungen und zunehmende internationale Konflikte gekennzeichnet und erinnert stark an die Jahre, die der Oktoberrevolution vorausgingen. Das verleiht diesem Buch, das eine der größten revolutionären Erhebungen der Weltgeschichte schildert, heute wieder brennende Aktualität.

Trotzkis Schilderung der revolutionären Periode vom Februar bis zum Oktober 1917 ist in vieler Hinsicht einzigartig. Er versteht es, die Ereignisse spannend zu erzählen und sie sowohl in ihrer weltgeschichtlichen Bedeutung als auch aus der besonderen Geschichte Russlands heraus verständlich und geradezu miterlebbar darzustellen. Der historische und literarische Rang dieses Werks – ebenso wie seiner ein Jahr zuvor erschienenen Autobiografie »Mein Leben« – wurde damals von vielen Zeitgenossen anerkannt, selbst wenn sie Trotzkis politische Ansichten nicht teilten. In zahlreichen Artikeln, Büchern oder Briefen finden sich entsprechende Würdigungen.

So schrieb der bekannte amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson 1933 in The New Republic über Trotzki: »In der ›Geschichte der Russischen Revolution‹ stellt er seine Auffassung der Gesellschaft und ihrer Entwicklung meisterhaft dar. Ebenso wie Marx’ ›Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‹ lässt uns dieses Werk hinter dem Schattenspiel der Politik die Gruppeninteressen, kollektiven Bedürfnisse und Begehrlichkeiten erkennen, in deren Licht sich die Figuren auf der Leinwand abzeichnen, auch wenn sie ihnen selbst bisweilen gar nicht bewusst sind. Wer Trotzkis Darstellung der Geschichte gelesen hat, kann die Sprache, die Konventionen und die Ansprüche der parlamentarischen Politik, falls er sich je Illusionen darüber hingab, nie wieder mit den alten Augen sehen. Ihre Konturen verschwimmen, sie verblassen und lösen sich buchstäblich in Luft auf. Der Kampf um Ämter, das alte Spiel der parlamentarischen Debatte erscheinen müßig und überholt. An ihre Stelle tritt eine neue Wissenschaft der gesellschaftlichen Umgestaltung und Organisation, von deren Genauigkeit wir mit unseren althergebrachten politischen Programmen nur träumen konnten und die so tief in den Kulturbestand eines Volkes eindringen kann, wie dies bisher selbst in Nationen, die unter unseren ›demokratischen‹ Einrichtungen die beste politische Bildung genossen, nicht vorstellbar war.«[2]

Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der in seiner Jugend als »Roter Kämpfer« wie viele Linke der Weimarer Zeit innerhalb und außerhalb der KPD von Trotzkis politischen Ansichten recht wenig hielt, aber seine Schriften verschlang, schrieb in seiner Autobiografie »Ein Deutscher auf Widerruf«: »Ich las Trotzkis Bücher voller Bewunderung. Welch ein Schriftsteller!«![3] In seinem Buch »Außenseiter« widmet er Trotzki ein ganzes Kapitel. Darin heißt es: »Man liest ein Buch wie ›Mein Leben‹ oder das Kapitel über Zar und Zarin in Trotzkis ›Geschichte der Februarrevolution‹ ... als authentische Literatur, die sich nahezu von der besonderen Existenz ihres Verfassers unabhängig zu machen vermochte.«[4]

Der Dramatiker Bertolt Brecht bezeichnete Trotzki als »größten lebenden Schriftsteller«. Das berichtet Walter Benjamin in seiner Schilderung eines Gesprächs, das im Juni 1931 im Café du Centre im südfranzösischen Le Lavandou stattfand.[5] Brecht selbst hat eine Episode aus »Mein Leben« in einem Gedicht verarbeitet.[6]

Im Mai 1932 schrieb Benjamin, der sich eine Fußverletzung zugezogen hatte, seinem Freund Georg Scholem, er verbringe die Zeit mit Trotzkis Geschichte der Februarrevolution«: »Hat man einmal begonnen, so kann man ohnehin kaum aufstehen.«[7] An Gretel Karplus (die Frau von Theodor W. Adorno) teilte er im selben Monat mit: »Ich habe erst die Geschichte der Februarrevolution von Trotzki gelesen und bin jetzt im Begriff, seine Autobiografie zu beendigen. Seit Jahren glaube ich nichts mit so atemloser Spannung in mich aufgenommen zu haben. Ohne jede Frage müssen Sie beide Bücher lesen. Wissen Sie, ob der zweite Band der Geschichte der Revolution – Oktober – bereits erschienen ist?«[8] Im April 1933 schrieb er derselben Adressatin, dass er von dem »gewaltigen Bauernroman ... nun den Schlussband, den Oktober lese, wo die Meisterschaft von Kritrotz (sic) vielleicht noch größer als im ersten ist.[9] Auch weiteren Empfängern seiner Briefe empfiehlt er die Trotzki-Lektüre.

Der surrealistische Schriftsteller André Breton, der Trotzki 1938 in Mexiko besuchte und mit ihm und dem Maler Diego Rivera ein Manifest für die Freiheit der Kunst verfasste, bewundert Trotzkis Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und zu -fühlen. Seine größte Anziehungskraft bestehe aber in seiner »bedeutenden intellektuellen Begabung, die in Werken wie ›Mein Leben‹ oder ›Geschichte der Russischen Revolution‹ zu Tage tritt.«[10]

Der Ökonom Fritz Sternberg, Autor eines umfangreichen Buches über den Imperialismus, führte 1934 lange Diskussionen mit Trotzki. Den Kontakt hatte Trotzkis Sohn Leo Sedow vermittelt, der in Berlin Vorlesungen Sternbergs besucht hatte. Sternberg notierte: »Trotzki war einer der größten Männer unseres Jahrhunderts. Er war ein genialer Mann. Er war ein Mann der Aktion ... Trotzki war gleichzeitig ein großer Denker und ein genialer Schriftsteller, und das eigenartige – einzigartige – seiner Persönlichkeit ergab sich gerade daraus, dass er wie kein anderer im zwanzigsten Jahrhundert gleichzeitig ein Revolutionär, ein Feldherr, ein Denker und ein Schriftsteller war.«[11]

Der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger François Mauriac schrieb 1959 in seinen »Memoires intérieurs« über Trotzkis Autobiografie Mein Leben«: »Ich hatte in die Autobiografie von Trotski reingeschaut mit ein paar Hintergedanken, die, muss ich zugeben, nicht alle unschuldig waren. Die aktuelle Konjunktur in der UDSSR und das Abmontieren von Stalin hatte mich dazu gebracht dieses dicke Buch zu öffnen. Dieser außerordentliche politische Roman (denn nie wurde die Geschichte romanhafter) hat mich einen großen Schriftsteller entdecken lassen und, glaube ich, ein Meisterwerk.« An anderer Stelle heißt es: »Bei Trotzki gibt es eine offensichtliche Verführung. Zunächst wundert sich der bürgerliche Leser immer, dass ein Revolutionär gemeinsame Züge mit einem gemeinen Sterblichen aufweist. Von den ersten Seiten an wurde ich gefesselt, wie mich nur Tolstoi und Gorki gefesselt haben. Wäre Trotzki nicht Aktiver in einer marxistischen Revolution geworden, hätte er seinen Platz unter den Meistern der Literatur gefunden.«[12]

Historische Objektivität

Die »Geschichte der russischen Revolution« ist kein konventionelles Werk akademischer Historiker. Trotzki schildert Ereignisse, an denen er selbst in führender Position teilgenommen hat. Das macht sein Buch so einmalig. Es atmet die Authentizität und das Engagement des unmittelbar Beteiligten. Dennoch ist es weder ein autobiografisches noch ein Memoirenwerk. Trotzki unterstreicht das, indem er von sich selbst in der dritten Peron spricht. Sein Ziel umreißt er mit den Worten: »Die Geschichte der Revolution muss, wie jede Geschichte, vor allem berichten, was geschah und wie es geschah. Das allein jedoch genügt nicht. Aus dem Bericht selbst muss klar werden, weshalb es so und nicht anders geschah.«[13]

Der Umstand, dass Trotzki die Revolutionsgeschichte als unmittelbar Beteiligter schrieb, löste seit Erscheinen des Buches Debatten darüber aus, ob er die nötige Distanz und Objektivität bewahrt habe. Es wurde ihm vorgeworfen, er sei zu nahe an den Ereignissen gewesen, lasse die für einen Historiker notwendige Distanz und Objektivität vermissen, stelle die Fakten falsch oder einseitig dar und ergreife Partei, indem er die Interessen und die Psychologie der herrschenden Klassen so überaus deutlich darstelle und ihnen die historisch fortschrittliche Rolle der Unterdrückten entgegensetze. Trotzki selbst hat sich sowohl im Vorwort als auch später zu diesen Vorwürfen geäußert. Er habe objektiv aber nicht unparteiisch geschrieben, als Beteiligter, der sich der objektiven historischen Bedeutung des Geschehens, seines eigenen Handelns eingeschlossen, bewusst war.

Den Einwand, der Historiker müsse über den kämpfenden Lagern stehen, wies er zurück. Dies sei bei der Darstellung unversöhnlicher gesellschaftlicher Gegensätze nicht möglich und diene lediglich dazu, den wirklichen Standpunkt des Autors zu vertuschen. »Der ernste und kritische Leser bedarf keiner verlogenen Unvoreingenommenheit, … sondern der methodischen Gewissenhaftigkeit, die für ihre offenen, unverschleierten Sympathien und Antipathien eine Stütze in ehrlicher Erforschung der Tatsachen sucht, in der Feststellung ihres wirklichen Zusammenhanges, in der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit ihrer Folge. Dies ist die einzig mögliche historische Objektivität und dabei eine vollkommen ausreichende, denn sie wird überprüft und bestätigt nicht durch die guten Absichten des Historikers, für die obendrein er selbst einsteht, sondern durch die von ihm aufgedeckte Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses selbst.«[14]

Was die ehrliche Erforschung der Tatsachen betrifft, hat Trotzki die Fakten weder verfälscht noch einseitig ausgewählt. Im Gegensatz zu Stalin und seinen »Historiografen«, die sogar die Bilddokumente der Oktoberrevolution unterdrückten oder retouchierten, um ihre Herrschaft durch geschichtliche Fälschungen zu legitimieren, stützt sich seine Darstellung auf offizielle Dokumente und auf Erinnerungen, die nicht nur von Weggefährten, sondern auch von politischen Gegnern stammen. Die Zuverlässigkeit der Darstellung erweist sich gerade bei der Heranziehung »feindlicher« Quellen, wie der Erinnerungen von Suchanow oder Miljukow. Sie verleiht dem Text Glaubwürdigkeit und macht gleichzeitig die unterschiedlichen Klassenstandpunkte des Autors und der jeweils Zitierten deutlich.

Der Menschewist Theodor Dan hat zwar in einer langatmigen Rezension den Versuch unternommen, Trotzki Einseitigkeit, willkürliche Auswahl des herangezogenen Materials und einzelne »Fehler« nachzuweisen. Die angeblichen »Fehler« gehen aber im Wesentlichen auf Dans politische Gegnerschaft zu Trotzki und den Bolschewiki zurück. Seine »Richtigstellungen« präsentieren die historischen Ereignisse nicht »objektiver«, sondern sind eine ideologische Interpretation der »Fakten« aus Sicht eines Gegners der Oktoberrevolution.[15]

Das entscheidende Kriterium der Objektivität war für Trotzki, wie wir bereits gesehen haben, die Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses: »Die Geschehnisse können weder als Kette von Abenteuern betrachtet noch auf den Faden einer vorgefassten Moral aufgezogen werden. Sie müssen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchen. In der Aufdeckung dieser Gesetzmäßigkeit sieht der Autor seine Aufgabe.«[16] Unter historischen Gesetzen verstand er keine Postulate oder theoretischen Axiome, die dem objektiven Gang der Ereignisse übergestülpt werden, wie der Politikwissenschaftler Baruch Knei-Paz meint.[17] Er leitete sie materialistisch aus der Geschichte ab. Seine Rolle als marxistischer Denker, politischer Führer und Historiker ergänzten sich in dieser Frage ideal.

Ein Hauptmerkmal der russischen Revolution war der hohe Bewusstheitsgrad ihrer Führer, allen voran Lenins und Trotzkis. Sie ließen sich nicht von den Ereignissen treiben, sondern hatten die objektiven Triebkräfte und die soziale Dynamik der Revolution in jahrelanger Vorbereitungsarbeit theoretisch durchdacht und verstanden. Trotzki hatte die Klassendynamik der kommenden russischen Revolution seit zehn Jahren vorausgesehen. Gestützt auf die Erfahrungen der Revolution von 1905 war er zum Schluss gelangt, dass die Arbeiterklasse nicht beim demokratischen, bürgerlichen Stadium der Revolution stehen bleiben könne, sondern zur sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft übergehen müsse, um ihre elementaren demokratischen Rechte und Existenzbedingungen zu sichern. Diese Auffassung stand im Mittelpunkt seiner Theorie der permanenten Revolution, die er 1906 im Aufsatz »Ergebnisse und Perspektiven« darlegte. Sie wurde durch die Ereignisse des Jahres 1917 vollauf bestätigt. Nachdem Lenin im April nach Russland zurückgekehrt war, bildete sie die Grundlage der bolschewistischen Politik. Sie dient Trotzki auch als Leitfaden bei der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit der Revolution.

Im Gegensatz zu den Menschewiki, die das Schema der europäischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts einfach mechanisch auf Russland übertrugen, stützte sich Trotzki auf das Gesetzes der ungleichen und kombinierten Entwicklung: »Die Ungleichmäßigkeit, das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses, enthüllt sich am krassesten und am verwickeltsten am Schicksal verspäteter Länder. Unter der Knute äußerer Notwendigkeit ist die Rückständigkeit gezwungen, Sprünge zu machen. Aus dem universellen Gesetz der Ungleichmäßigkeit ergibt sich ein anderes Gesetz, das man mangels passenderer Bezeichnung das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen kann, im Sinne der Annäherung verschiedener Wegetappen, Verquickung einzelner Stadien, des Amalgams archaischer und neuzeitiger Formen. Ohne dieses Gesetz, selbstverständlich in seinem gesamten materiellen Inhalt genommen, vermag man die Geschichte Russlands wie überhaupt aller Länder zweiten, dritten und zehnten Kulturaufgebots nicht zu erfassen.«[18]

Die Besonderheit der russischen Revolution lag im Zusammenfallen des Bauernkriegs und des proletarischen Aufstands, die in den fortgeschrittenen europäischen Ländern Jahrhunderte auseinander lagen. »Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, hätte sie es zu lösen vermocht, das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz verschiedener historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Darin eben besteht das Jahr 1917.«[19]

Im Vorwort zum zweiten Band fasst Trotzki den besonderen Charakter der russischen Revolution in den Worten zusammen: »Russland hat seine bürgerliche Revolution so spät vollzogen, dass es gezwungen war, sie in die proletarische umzuwandeln. Mit anderen Worten: Russland war hinter den übrigen Ländern so weit zurückgeblieben, dass es, wenigstens auf gewissen Gebieten, diese überholen musste. Das mag widersinnig erscheinen. Indes ist die Geschichte voll von solchen Paradoxen. Das kapitalistische England hatte andere Länder so weit überholt, dass es gezwungen war, hinter diesen zurückzubleiben. Pedanten glauben, die Dialektik sei müßiges Gedanken-spiel. In Wirklichkeit reproduziert sie nur den Entwicklungsprozess, der in Widersprüchen lebt und sich bewegt.«[20]

Masse und Führung

Viele Historiker denunzieren die Oktoberrevolution bis heute als »Verschwörung« und »Putsch« einer kleinen Gruppe bolschewistischer Revolutionäre. Sie behaupten, ihre Protagonisten hätten eine friedliche, bürgerlich-demokratische Entwicklung Russlands verhindert und damit die Grundlage für die spätere stalinistische Diktatur gelegt.

Trotzkis Buch widerlegt diese Auffassung überzeugend. »Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke«, schreibt er und schildert minutiös, wie die Massen, denen die alte Ordnung unerträglich wird, den »Fachmännern« des geschichtlichen Handwerks – den Monarchen, Ministern, Bürokraten, Parlamentariern, Journalisten – das Heft aus der Hand nehmen.[21] Er untersucht den psychologischen Prozess, der sich unter dem Druck des Krieges und der Politik der provisorischen Regierung unter den Arbeitermassen vollzieht. Allmählich durchschauen sie die Machenschaften der ihnen feindlich gesonnenen politischen Kräfte, der Versöhnler und Opportunisten, und überzeugen sich von der Folgerichtigkeit der Politik der Bolschewiki. Sie verstehen, dass sie nur so ihre elementaren Interessen – Brot, Land und Frieden – verwirklichen können. Aus dem spontanen Zorn entwickelt sich nach und nach das Verständnis, dass die Politik der provisorischen Regierung in die Sackgasse führt. Die sozialistische Perspektive der Bolschewiki setzt sich durch und beginnt ihr Handeln anzuleiten.

Trotzkis Verständnis der Sozialpsychologie der Massen unterscheidet sich grundlegend von den Auffassungen der Frankfurter Schule – den Konzeptionen Max Horkheimers, Theodor Adornos und Herbert Marcuses –, die in den 1960er Jahren weite Verbreitung fanden. Für letztere ist die Massenpsychologie die Psychologie des Mobs, die Quelle reaktionärer Entwicklungen. Für Trotzki hingegen spielen die Massen keine reaktionäre, sondern eine fortschrittliche Rolle. Das heißt nicht, dass er die Probleme und Schwächen verschweigt, mit denen sie aufgrund der nicht selbst verschuldeten Rückständigkeit zu kämpfen haben. Er schildert die Sprünge, die sich im Bewusstsein der Massen vollziehen, gerade als Folge des Widerspruchs zwischen ihrem Konservativismus und der Reife der objektiven Lage.

Für Trotzki war die Oktoberrevolution zwar historisch unvermeidbar, ihr Sieg aber keineswegs vorherbestimmt. Ausschlaggebend für die revolutionäre Situation und letztlich auch des Bewusstseins der Akteure waren die objektiven Bedingungen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war aber das subjektive Handeln der revolutionären Führung entscheidend für den Sieg des Proletariats. Trotzki stellt das Verhältnis der Massen und ihrer Führer und die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte ebenso meisterhaft dar, wie die Entwicklung der objektiven Bedingungen.

Über Lenin schreibt er: »Die Rolle der Persönlichkeit tritt hier vor uns in wahrhaft gigantischem Maßstabe auf. Nur muss man diese Rolle richtig begreifen und die Persönlichkeit als ein Glied der historischen Kette betrachten. Lenins »plötzliche« Ankunft aus dem Auslande nach langer Abwesenheit, der wilde Lärm der Presse um seinen Namen, der Zusammenstoß Lenins mit allen Führern der eigenen Partei und sein schneller Sieg über sie – kurz die äußere Hülle der Ereignisse hat in diesem Falle stark zur mechanischen Gegenüberstellung von Person, Held, Genie, objektiven Verhältnissen, Masse, Partei beigetragen. In Wirklichkeit ist eine solche Gegenüberstellung völlig einseitig. Lenin war kein zufälliges Element der historischen Entwicklung, sondern Produkt der gesamten vergangenen russischen Geschichte. Er war tief in ihr verwurzelt. Gemeinsam mit den fortgeschrittenen Arbeitern hatte er während des vorangegangenen Vierteljahrhunderts ihren ganzen Kampf mitgemacht.«[22]

Was Trotzki hier so treffend beschreibt, gilt zweifellos nicht nur für Lenin, sondern auch für ihn selbst. Vergleicht man seine Darstellung mit der anderer Augenzeugen, wie etwa John Reed, so scheint er seine eigene Rolle bewusst hinter der Lenins zurückzustellen. Reed gibt die folgende begeisterte Darstellung von Trotzkis Wirkung als Redner: »Und dann stand Trotzki auf der Tribüne, selbstsicher, faszinierend, das ihm eigene sarkastische Lächeln um den Mund. Er sprach mit weithin schallender Stimme, die Masse zu sich emporreißend ... Und die Massen jubelten ihm zu, zu kühnem Wagen entflammt bei dem Gedanken, dass sie berufen sein sollten, die Vorkämpfer der Menschheit zu sein. Und von dem Augenblick an lebte in den aufständischen Massen, in all ihren Aktionen, etwas Bewusstes und Entschlossenes, was sie nie wieder verließ.«[23]

Trotzkis Begabung als Redner und Organisator beruhte auf denselben Fähigkeiten wie seine Meisterschaft in der Kunst des Aufstands, die er als Vorsitzender des Petersburger Sowjets und Leiter des militärischen Revolutionskomitees beherrschte und in ihrer praktischen Entfaltung im Buch höchst spannend beschreibt – auf seiner präzisen Analyse der objektiven Situation einschließlich der Interessen und der Psychologie der jeweiligen Akteure aller Klassen. Beides basierte auf seinem Gespür für die Bedürfnisse und das Bewusstsein der Massen und seiner Fähigkeit, die Absichten der Gegner zu begreifen und vorauszusehen.

Ein Stück Weltliteratur

Trotzkis »Geschichte der Russischen Revolution« ist nicht nur ein geniales historisches Werk, sondern auch ein Stück Weltliteratur, das so manches fiktive Werk in den Schatten stellt. Der Autor beschreibt vom heutigen Standpunkt aus lange zurückliegende Ereignisse und Personen, die – außer Historikern – nur wenige Menschen noch kennen und einordnen können. Aber seine Beschreibungen sind so spannend und kurzweilig, seine Charakteristiken so plastisch, dass sie wieder lebendig werden und erstaunliche Ähnlichkeiten zur heutigen Politprominenz aufweisen. Auch die herrschenden Klassen im alten Russland beschreibt Trotzki nicht in trockenen Abhandlungen. Die Schilderung der Ereignisse und der Personen ist von einer Lebendigkeit und Klarheit, die den Leser mitten ins Geschehen versetzt, ohne dass er den Kompass verliert, um sie historisch und gesellschaftlich einzuordnen. Sein Buch steht in der Tradition der großen russischen Erzähler, vergleichbar mit Tolstois »Krieg und Frieden«.

Wie Juliana Ranc[24]nachweist, hatte Trotzki zeitlebens ein großes Interesse an Literatur. Er setzte sich in seiner Jugend intensiv mit der klassischen und der Gegenwartsliteratur seiner Zeit auseinander und wollte selbst Schriftsteller werden. Er lebte sowohl während der Jahre seines ersten und zweiten Exils vor 1917 als auch nach seiner Verbannung aus der Sowjetunion 1927 fast ausschließlich von seiner Tätigkeit als Journalist und politischer Schriftsteller. So schrieb er glänzende Reportagen über den Balkankrieg und den Ersten Weltkrieg für russische Zeitungen.

Ein Beispiel für Trotzkis meisterhafte Ironie findet sich in seiner Schilderung der Auseinandersetzungen innerhalb der provisorischen Regierung:

»Zeretelli, ein unerschöpflicher Born von Gemeinplätzen, entdeckte, dass das Haupthindernis für eine Verständigung ›bislang im gegenseitigen Misstrauen bestand ... Dieses Misstrauen muss beseitigt werden‹. Außenminister Tereschtschenko errechnete, dass von den 197 Lebenstagen des Bestehens der revolutionären Regierung 56 auf Krisen verbraucht worden waren. Worauf die übrigen Tage verbraucht wurden, erklärte er nicht.«[25]

Wenn Trotzki anekdotenhaft einzelne Episoden erzählt, so illustrieren sie nicht nur die Ereignisse, sondern haben immer auch eine präzise Funktion für die Deutung der soeben dargestellten historischen Situation. Das macht seine Geschichte zu einem kaleidoskopartigen historischen Gemälde, wie sie in der Malerei der Renaissance üblich waren. Ein Beispiel dafür ist die Schilderung des Ausbruchs der Februarrevolution.

Obwohl die Arbeiterkomitees einschließlich der bolschewistischen in St. Petersburg beschlossen hatten, von einem Streik zurückzuhalten, kam es am internationalen Frauentag ganz anders: »Am andern Morgen jedoch traten den Direktiven zuwider die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken in den Ausstand und entsandten Delegierte zu den Metallarbeitern mit der Aufforderung, den Streik zu unterstützen. ›Schweren Herzens‹, schreibt Kajurow, gingen die Bolschewiki darauf ein, denen sich die menschewistischen und sozialrevolutionären Arbeiter anschlossen. Wenn aber Massenstreik, dann müsse man alle auf die Straße rufen und sich selbst an die Spitze stellen: Diesen Beschluss setzte Kajurow durch, und das Wyborger Komitee musste ihm beistimmen. ›Der Gedanke an eine Aktion reifte unter den Arbeitern schon längst, nur ahnte in diesem Augenblick niemand, welche Formen sie annehmen würde.‹ Merken wir uns dieses Zeugnis eines Teilnehmers, das für das Verständnis der Mechanik der Ereignisse sehr wichtig ist ... Die Tatsache bleibt also bestehen, dass die Februarrevolution von unten begann nach Überwindung der Widerstände der eigenen revolutionären Organisationen, wobei die Initiative von dem am meisten unterdrückten und unterjochten Teil des Proletariats, den Textilarbeiterinnen, unter denen, wie man sich denken kann, nicht wenig Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen wurde. Den letzten Anstoß gaben die immer länger werdenden Brotschlangen. Ungefähr 90.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten an diesem Tage. Die Kampfstimmung entlud sich in Demonstrationen, Versammlungen und Zusammenstößen mit der Polizei.«[26]

Ein weiteres Beispiel ist das Zusammentreffen einer Arbeiterdemonstration mit einem Kosakenregiment zu Beginn des Aufstands.[27] Auch die Beschreibung der armseligen konterrevolutionären Belegschaft des Winterpalais vor der Eroberung durch die Revolutionäre oder die Schilderung der Verhandlungen des Sowjetkongresses vom 3. Juni zeigen Trotzkis Fähigkeit, historisch herausragende Ereignisse ebenso witzig wie dramatisch und einprägsam zu beschreiben oder sie ironisch in ihrer Erbärmlichkeit zu karikieren.

Hervorzuheben ist auch sein Vergleich des Kongresses der Sowjetdiktatur vom 25. Oktober, des »demokratischsten aller Parlamente der Weltgeschichte«, mit dem Sowjetkongress nach der Februarrevolution: »Das Äußere des Kongresses gab ein Bild von seiner Zusammensetzung. Offizierachselstücke, Intellektuellenbrillen und Krawatten des ersten Kongresses waren fast völlig verschwunden. Ungeteilt herrschte die graue Farbe, in der Kleidung wie auf den Gesichtern. Alles war durch die Dauer des Krieges abgetragen. Viele städtische Arbeiter hatten sich Soldatenmäntel zugelegt. Die Schützengrabendelegierten sahen gar nicht malerisch aus: seit langem unrasiert, in alten, zerrissenen Mänteln, in schweren Pelzmützen, aus denen nicht selten Watte herausquoll über zerzaustem Haar. Grobe verwitterte Gesichter, schwere, rissige Hände, von Tabak gelbe Finger, abgerissene Knöpfe, herabhängende Mantelgurte, verschrumpfte, rotgelbe, längst nicht mehr geschmierte Stiefel. Die plebejische Nation hatte zum ersten Mal eine ehrliche, ungeschminkte Vertretung nach ihrem eigenen Ebenbild entsandt.«[28]

Unvergleichlich sind seine Charakterdarstellungen des Zaren und der Zarin wie ihres Anhangs, der Vertreter des Adels, der Großgrundbesitzer, der Geistlichkeit, der Beamten, der Offiziere, der Großbourgeoisie und der politischen Führer der »Liberalen« wie Miljutin, Rodsjanko und Gutschkow. Er beschreibt, wie all diese Leute eng mit dem imperialistischen Krieg verknüpft und davon abhängig sind, dass er weiter geführt wird. So enthalten seine Charakterdarstellungen der einzelnen Personen zugleich die historische Einschätzung ihres Wirkens.

Die Vertreter der Bourgeoisie befürworteten zwar Reformen und parlamentarische Demokratie, waren aber jederzeit zur Unterordnung unter den Zaren bereit, wenn es darum ging, die Ansprüche der Arbeiterklasse abzuwehren. Gleichzeitig machte ein beträchtlicher Teil der Bourgeoisie ungeheure Gewinne mit dem Krieg, während sich die Versorgung in den Städten immer mehr verschlechtert. »Dutzende und Hunderte von Millionen, die zu Milliarden anwuchsen, durch weitverzweigte Kanäle geleitet, berieselten reichlich die Industrie und stillten unterwegs noch eine Menge Appetite. In der Reichsduma und in der Presse wurden einige Kriegsgewinne für das Jahr 1915 bis 1916 bekannt gegeben: Die Gesellschaft des Moskauer liberalen Textilfabrikanten Rjabuschinski wies 75 Prozent Reingewinn aus; die Twerer Manufaktur sogar 111 Prozent; das Kupferwalzwerk Koljtschugin warf bei einem Grundkapital von 10 Millionen 12 Millionen Gewinn ab. Die Tugend des Patriotismus wurde in diesem Sektor im Überfluss und dabei unverzüglich belohnt.«[29] Als sich die Klassenauseinandersetzungen in den Monaten nach der Februarrevolution zuspitzten, waren diese Leute bereit, die demokratische Fassade fallen zu lassen, und verbündeten sich mit Kornilow, der das Ziel hatte, eine Militärdiktatur zu errichten.

Wunderbar ist auch die Darstellung Kerenskis, des letzten Chefs der Provisorischen Regierung, die haargenau mit dem Bild übereinstimmt, das man von Kerenski aus den Dokumentaraufnahmen der damaligen Zeit kennt. Den Charakter der Militärs trifft Trotzki mit den Worten: »Das Einzige, was die russischen Generale mit Schwung taten, war das Herausholen von Menschenfleisch aus dem Lande. Mit Rind und Schweinefleisch ging man unvergleichlich sparsamer um.«[30]

Nicht unbeteiligt am Erfolg der »Geschichte der Russischen Revolution« ist die Übersetzung von Alexandra Ramm-Pfemfert. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit dem Autor, der ihre Arbeit sehr schätzte und voll autorisiert hat, ist es offensichtlich gelungen, den Text so stimmig aus dem Russischen ins Deutsche zu übertragen, wie es bei solchen Werken nur selten gelingt. Das ging nicht ohne Konflikte ab. Der Briefwechsel zwischen Autor und Übersetzerin zeugt davon, wie um die präzise Übertragung so manchen Wortes oder Satzes gerungen wurde.[31] Nicht unterschätzt werden dürfen auch der Beitrag, den sie durch die Beschaffung von Quellenmaterial zu diesem Werk leistete, wobei sie große Findigkeit und Mut bewies, sowie ihre hartnäckigen Verhandlungen mit Verlagen und die vielfältige Unterstützung Trotzkis und seiner Familie. Dies war umso bedeutender, als Trotzki diese Zeit der schlimmsten Wirtschaftskrise mit den wenigen Angehörigen, die Stalins Verfolgung entkommen konnten, im erzwungenen Exil auf der türkischen Insel Prinkipo ohne Zugang zu Bibliotheken oder Archiven verbringen musste.

Marxistisches Erbe

Lenin und Trotzki hatten 1917 fest damit gerechnet, dass der sowjetische Arbeiterstaat bald Unterstützung durch das siegreiche Proletariat fortgeschrittener Länder erhalten werde. Doch die revolutionären Aufstände, die nach Kriegsende in Deutschland, Ungarn und anderen europäischen Ländern ausbrachen, wurden niedergeschlagen. Das forderte von der Sowjetunion einen schweren Tribut. Sie blieb isoliert. Die durch Krieg und Bürgerkrieg verschärfte ökonomische Rückständigkeit zwang die Bolschewiki zu marktwirtschaftlichen Zugeständnissen und ließ die Bürokratie in Staat und Partei anwachsen. Die konservative Bürokratie fand in Stalin ihren Führer und vertrieb nach und nach alle oppositionellen Strömungen aus der Partei, allen voran die Linke Opposition, die sich 1923 unter Trotzkis Führung gebildet hatte.

1929 gelangte die stalinistische Bürokratie zum Schluss, dass ihre Herrschaft sicherer sei, wenn sie ihren schärfsten Kritiker außer Landes bringe. Trotzki wurde deportiert. Stalin errichtete in der Sowjetunion ein Terrorregime, dem nach und nach fast die gesamte Führungsschicht der Oktoberrevolution sowie Hunderttausende revolutionäre Arbeiter, Intellektuelle, Ingenieure und Offiziere zum Opfer fielen. Trotzki selbst wurde am 20. August 1940 im mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten ermordet. Die Kommunistische Internationale verwandelte sich unter stalinistischer Führung in ein Werkzeug der sowjetischen Außenpolitik, die weltweit jede revolutionäre Initiative abwürgte. In Deutschland hatte sie der Kommunistischen Partei einen Kurs aufgezwungen, der die Arbeiterklasse spaltete und den Nationalsozialisten die Machtübernahme ermöglichte.

Trotzki konzentrierte seine letzten elf Lebensjahre im Exil darauf, das marxistische Erbe gegen die stalinistische Konterrevolution zu verteidigen und eine neue Internationale aufzubauen. Am 21. März 1935 bemerkte er in seinem Tagebuch: »... der Zusammenbruch zweier Internationalen hat ein Problem entstehen lassen, zu dessen Lösung kein einziger Führer dieser Internationalen auch nur im Geringsten geeignet ist. Im Vollbesitz schwerwiegender Erfahrungen, bin ich durch die besonderen Umstände meines persönlichen Schicksals mit diesem Problem konfrontiert. Gegenwärtig gibt es niemanden außer mir, der die Aufgabe erfüllen könnte, die neue Generation mit der Kenntnis der Methode der Revolution über die Köpfe der Führer der Zweiten und Dritten Internationale hinweg auszurüsten.«[32]

Die »Geschichte der russischen Revolution« fügt sich nahtlos in diese Arbeit ein. Angesichts der Flut von Geschichtsfälschungen, die mit offizieller Rückendeckung des sowjetischen Staatsapparats produziert wurden und in antikommunistischen Kreisen des Westens ein willkommenes Echo fanden, hielt es Trotzki für unverzichtbar, den wirklichen Verlauf und die Bedeutung der Oktoberrevolution auch kommenden Generationen zu überliefern. Trotz der schweren Schläge, die er selbst, seine Familie und die Vierte Internationale unter der doppelten Verfolgung durch Stalinismus und Faschismus erlitten, hielt er Zeit seines Lebens an seinem revolutionären Optimismus fest. Er war überzeugt, dass »die Gesetze der Geschichte stärker sind als die bürokratischen Apparate«.[33]

Die gegenwärtige Krise ruft ein wachsendes Interesse an Fragen der Geschichte hervor. Die sozialen Gegensätze haben wieder ein Ausmaß erreicht, das an die schlimmsten Zeiten des zaristischen Selbstherrschertums erinnert. Die Neuauflage von Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« führt einer Generation, die keine sozialen Kämpfe erlebt hat, die Klassendynamik einer Volkserhebung vor Augen. Sie zeigt die verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung und den Lernprozess der Massen, die sich vom unterdrückten, ausgebeuteten Kanonenfutter zum selbstständig handelnden historischen Subjekt erheben. Sie ist ein Handbuch der sozialen Revolution.

Um es mit Trotzkis eigenen Worten zu sagen: »Die Geschichte hätte keinen Wert, wenn sie uns nichts lehren würde. Die machtvolle Planmäßigkeit der russischen Revolution, die Kontinuierlichkeit ihrer Etappen, die Unüberwindlichkeit des Massenvorstoßes, die Vollendung der politischen Gruppierungen, die Prägnanz der Parolen, all das erleichtert aufs Äußerste das Verständnis für die Revolution im Allgemeinen und damit auch für die menschliche Gesellschaft. Denn man darf durch den gesamten Verlauf der Geschichte als erwiesen betrachten, dass eine von inneren Widersprüchen zerrissene Gesellschaft nicht nur ihre Anatomie, sondern auch ihre ›Seele‹ gerade in der Revolution restlos enthüllt.«[34]

Essen, den 5. Oktober 2009

Sybille Fuchs

[1] E. H. Carr: Die Russische Revolution, Lenin und Stalin 1917–1929, Stuttgart, 1980.

[2] Edmund Wilson: Trotsky, in The new Republic, 4. und 11. Januar 1933, S. 237.

[3] Hans Mayer. Ein Deutscher auf Widerruf, Erinnerungen. Bd. 1, Frankfurt am Main 1982, S. 157.

[4] Hans Mayer. Außenseiter, Frankfurt am Main, 1975, S. 434

[5] Zitiert nach Werner Hecht. Brecht Chronik 1898 –1956, Frankfurt 1997, S. 308.

[6] Bertolt Brecht. Die Bolschewiki entdecken im Sommer 1917 im Smolny, wo das Volk vertreten war: In der Küche. In: Gesammelte Werke, Bd. 8, Frankfurt 1967, S. 392.

[7] Walter Benjamin: Gesammelte Briefe, Bd. 4, Frankfurt, 1998, S. 97.

[8] Ebd., S. 97.

[9] Ders. Gesammelte Briefe, Bd. 4, Frankfurt, 1998, S. 187.

[10] Leo Trotzki 1897–1940. In den Augen von Zeitgenossen. Hamburg 1979, S. 168.

[11] Fritz Sternberg: Erinnerungen an Trotzki. In: Gewerkschaftliche Monatshefte. – 14. 1963, S. 711–722.

[12] François Mauriac, Memoires intérieurs, Paris 2006, S. 133.

[13] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[14] Ebd., S. 5.

[15] Theodor Dan. Zur Geschichte der Russischen Revolution. In: Die Gesellschaft. Internationale Revue für Sozialismus und Politik, Bd. 1. 1931. S. 440–455.

[16] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[17] Baruch Knei-Paz: The social and political thought of Leon Trotsky, Oxford 1978.

[18] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 9.

[19] Ebd., S. 47.

[20] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 7.

[21] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 1.

[22] Ebd.. S. 279 f.

[23] John Reed: 10 Tage, die die Welt erschütterten. Berlin 1977, S. 199; 201.

[24] Juliana Ranc in ihrem Buch Trotzki und die Literaten, Stuttgart 1997

[25] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 295.

[26] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 90 f.

[27] Ebd. S. 92 f.

[28] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 555.

[29] In der vorliegenden Ausgabe der »Februarrevolution« S. 25.

[30] Ebd., S. 20.

[31] Der Briefwechsel ist enthalten in: Juliana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2003.

[32] Leo Trotzki. Tagebuch im Exil, München 1962, S. 53.

[33] Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 86.

[34] In der Ausgabe der »Oktoberrevolution« S. 7.

Vorwort

In den ersten zwei Monaten des Jahres 1917 war Russland noch romanowsche Monarchie. Acht Monate später standen bereits die Bolschewiki am Ruder, über die zu Beginn des Jahres nur wenige etwas gewusst hatten und deren Führer im Augenblick der Machtübernahme noch unter Anklage des Landesverrats standen. In der Geschichte ist keine zweite ähnlich schroffe Wendung zu finden, besonders wenn man bedenkt, dass es sich um eine Nation von 150 Millionen Seelen handelt. Es ist klar, dass die Ereignisse des Jahres 1917, wie man sich zu ihnen auch stellen mag, verdienen, erforscht zu werden.

Die Geschichte der Revolution muss, wie jede Geschichte, vor allem berichten, was geschah und wie es geschah. Das allein jedoch genügt nicht. Aus dem Bericht selbst muss klar werden, weshalb es so und nicht anders geschah. Die Geschehnisse können weder als Kette von Abenteuern betrachtet noch auf den Faden einer vorgefassten Moral aufgezogen werden. Sie müssen ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchen. In der Aufdeckung dieser Gesetzmäßigkeit sieht der Autor seine Aufgabe.

Der unbestreitbarste Charakterzug der Revolution ist die direkte Einmischung der Massen in die historischen Ereignisse. In gewöhnlichen Zeitläufen erhebt sich der Staat, der monarchistische wie der demokratische, über die Nation; Geschichte vollziehen die Fachmänner dieses Handwerks: Monarchen, Minister, Bürokraten, Parlamentarier, Journalisten. Aber an jenen Wendepunkten, wo die alte Ordnung den Massen unerträglich wird, durchbrechen diese die Barrieren, die sie vom politischen Schauplatz trennen, überrennen ihre traditionellen Vertreter und schaffen durch ihre Einmischung die Ausgangsposition für ein neues Regime. Ob dies gut oder schlecht, wollen wir dem Urteil der Moralisten überlassen. Wir selbst nehmen die Tatsachen, wie sie durch den objektiven Gang der Entwicklung gegeben sind. Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke.

In der von einer Revolution erfassten Gesellschaft kämpfen Klassen gegeneinander. Es ist indes völlig offenkundig, dass die zwischen Beginn der Revolution und deren Ende vor sich gehenden Veränderungen in den ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft und in deren Klassensubstrat absolut nicht ausreichen zur Erklärung des Verlaufes der Revolution selbst, die in kurzer Zeitspanne jahrhundertealte Einrichtungen stürzt, neue schafft und wieder stürzt. Die Dynamik der revolutionären Ereignisse wird unmittelbar von den schnellen, gespannten und stürmischen Veränderungen der Psychologie der vor der Revolution herausgebildeten Klassen bestimmt.

Die Gesellschaft ändert nämlich ihre Einrichtungen nicht nach Maßgabe des Bedarfs, wie ein Handwerker seine Instrumente erneuert. Im Gegenteil, sie nimmt die über ihr hängenden Institutionen praktisch als etwas ein für allemal Gegebenes. Jahrzehntelang bildet die oppositionelle Kritik nur das Sicherheitsventil für die Massenunzufriedenheit und eine Bedingung für die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaftsordnung: Eine solche prinzipielle Bedeutung hat zum Beispiel die Kritik der Sozialdemokratie gewonnen. Es sind ganz besondere, vom Willen der Einzelnen und der Parteien unabhängige Bedingungen notwendig, die der Unzufriedenheit die Ketten des Konservativismus herunterreißen und die Massen zum Aufstand bringen.

Schnelle Veränderungen von Ansichten und Stimmungen der Massen in der revolutionären Epoche ergeben sich folglich nicht aus der Elastizität und Beweglichkeit der menschlichen Psyche, sondern im Gegenteil aus deren tiefem Konservativismus. Das chronische Zurückbleiben der Ideen und Beziehungen hinter den neuen objektiven Bedingungen, bis zu dem Moment, wo die letzteren in Form einer Katastrophe über die Menschen hereinbrechen, erzeugt eben in der Revolutionsperiode die sprunghafte Bewegung der Ideen und Leidenschaften, die den Polizeiköpfen als einfache Folge der Tätigkeit von »Demagogen« erscheint.

Die Massen gehen in die Revolution nicht mit einem fertigen Plan der gesellschaftlichen Neuordnung hinein, sondern mit dem scharfen Gefühl der Unmöglichkeit, die alte Gesellschaft länger zu dulden. Nur die führende Schicht der Klasse hat ein politisches Programm, das jedoch noch der Nachprüfung durch die Ereignisse und der Billigung durch die Massen bedarf. Der grundlegende politische Prozess der Revolution besteht eben in der Erfassung der sich aus der sozialen Krise ergebenden Aufgaben durch die Klasse und der aktiven Orientierung der Masse nach der Methode sukzessiver Annäherungen. Die einzelnen Etappen des revolutionären Prozesses, gefestigt durch die Ablösung der einen Parteien durch andere, immer extremere, drücken das anwachsende Drängen der Massen nach links aus, bis der Schwung der Bewegung auf objektive Hindernisse prallt. Dann beginnt die Reaktion: Enttäuschung einzelner Schichten der revolutionären Klasse, Wachsen des Indifferentismus und damit Festigung der Positionen der konterrevolutionären Kräfte. Dies ist wenigstens das Schema der alten Revolutionen.

Nur auf Grund des Studiums der politischen Prozesse in den Massen selbst kann man die Rolle der Parteien und Führer begreifen, die zu ignorieren wir am allerwenigsten geneigt sind. Sie bilden, wenn auch kein selbstständiges, so doch ein sehr wichtiges Element des Prozesses. Ohne eine leitende Organisation würde die Energie der Massen verfliegen wie Dampf, der nicht in einem Kolbenzylinder eingeschlossen ist. Die Bewegung erzeugt indes weder der Zylinder noch der Kolben, sondern der Dampf.

Die Schwierigkeiten, die sich dem Studium der Veränderungen des Massenbewusstseins in der Revolutionsepoche hindernd in den Weg stellen, sind ganz offensichtlich. Die unterdrückten Klassen machen Geschichte in Fabriken, Kasernen, in Dörfern, in den Straßen der Städte. Dabei sind sie am allerwenigsten gewohnt, sie niederzuschreiben. Perioden höchster Spannung sozialer Leidenschaften lassen überhaupt wenig Raum für Beschaulichkeit und Schilderung. Alle Musen – selbst die plebejische Muse des Journalismus, trotz ihrer derben Flanken – haben es während einer Revolution schwer. Und dennoch ist die Lage des Historikers keinesfalls hoffnungslos. Die Aufzeichnungen sind unvollständig, verstreut, zufällig. Doch im Lichte der Ereignisse selbst erlauben diese Bruchstücke nicht selten, Richtung und Rhythmus der unterirdischen Prozesse zu erraten. Ob recht oder schlecht, aber auf der Berechnung der Veränderungen des Massenbewusstseins begründet die revolutionäre Partei ihre Taktik. Der historische Weg des Bolschewismus zeigt, dass eine solche Berechnung, wenigstens in ihren gröbsten Zügen, möglich ist. Warum soll, was einem revolutionären Politiker im Strudel des Kampfes gelingt, nicht auch dem Historiker rückblickend gelingen?

Die im Bewusstsein der Massen sich vollziehenden Prozesse sind jedoch weder ursprünglich noch unabhängig. So sehr Idealisten und Eklektiker auch ungehalten sein mögen, das Bewusstsein wird doch durch das Sein bestimmt. In den historischen Bedingungen der Formierung Russlands, seiner Wirtschaft, seiner Klassen, seines Staates und der Beeinflussung durch andere Staaten mussten die Voraussetzungen für die Februarrevolution und ihre Ablösung durch die Oktoberrevolution enthalten gewesen sein. Insofern die Tatsache, dass das Proletariat zuerst in einem rückständigen Lande an die Macht gelangte, immer wieder als besonders rätselhaft erscheint, muss man von vornherein die Erklärung dieser Tatsache in der Eigenart dieses rückständigen Landes, das heißt in den Merkmalen, durch die es sich von anderen Ländern unterscheidet, suchen.

Die historischen Eigenarten Russlands und ihr spezifisches Gewicht sind in den ersten Kapiteln dieses Buches charakterisiert, die einen kurzen Abriss der Entwicklung der russischen Gesellschaft und ihrer inneren Kräfte enthalten. Wir möchten hoffen, dass der unvermeidliche Schematismus dieser Kapitel den Leser nicht abschrecken wird. Im weiteren Verlauf des Buches soll er den gleichen sozialen Kräften in lebendiger Handlung begegnen.

Diese Arbeit stützt sich in keiner Weise auf persönliche Erinnerungen. Der Umstand, dass der Autor Teilnehmer der Ereignisse war, enthob ihn nicht der Pflicht, seine Darstellung auf streng nachgeprüften Dokumenten aufzubauen. Der Autor dieses Buches spricht von sich, insofern er durch den Lauf der Ereignisse dazu gezwungen wird, in dritter Person. Und dies ist nicht einfach eine literarische Form: Der in einer Autobiografie oder in Memoiren unvermeidliche subjektive Ton wäre bei einer historischen Arbeit unzulässig.

Der Umstand jedoch, dass der Autor Teilnehmer des Kampfes war, erleichtert ihm natürlich das Verständnis nicht nur für die Psychologie der handelnden Kräfte, der individuellen und kollektiven, sondern auch für den inneren Zusammenhang der Ereignisse. Dieser Vorzug kann positive Resultate nur unter Beachtung einer Bedingung ergeben: sich nicht auf die Angaben des eigenen Gedächtnisses verlassen, nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen, nicht nur in Bezug auf Tatsachen, sondern auch in Bezug auf Motive und Stimmungen. Der Autor ist der Ansicht, dass er, insofern es von ihm abhing, diese Bedingungen beachtet hat.

Bleibt die Frage der politischen Stellung des Autors, der als Historiker auf demselben Standpunkt steht, den er als Teilnehmer der Ereignisse innehatte. Der Leser ist selbstverständlich nicht verpflichtet, die politischen Ansichten des Autors zu teilen, der seinerseits keine Veranlassung hat, sie zu verheimlichen. Aber der Leser hat das Recht, von einer historischen Arbeit zu fordern, dass sie nicht die Apologie einer politischen Position, sondern die innerlich begründete Darstellung des realen Prozesses der Revolution sei. Eine historische Arbeit entspricht nur dann vollkommen ihrer Bestimmung, wenn auf den Buchseiten die Ereignisse in ihrer ganzen natürlichen Zwangsläufigkeit abrollen.

Ist hierfür eine sogenannte historische »Unvoreingenommenheit« erforderlich? Niemand hat noch klar gesagt, worin sie zu bestehen habe. Die oft angeführten Worte Clemenceaus, dass man die Revolution en bloc, als Ganzes nehmen müsse, sind im besten Falle eine geistreiche Ausflucht: Wie kann man sich als Anhänger einer Gesamtheit erklären, deren Wesen in Zwiespältigkeit besteht? Clemenceaus Aphorismus ist teils von der Betretenheit über die allzu entschiedenen Vorfahren, teils von der Verlegenheit des Nachfahren vor deren Schatten diktiert.

Einer der reaktionären und darum Mode-Historiker des gegenwärtigen Frankreich, L. Madelein, der so salonfähig die Große Revolution, das heißt die Geburt der französischen Nation verleumdet hat, behauptet: »Der Historiker muss sich auf die Mauer der bedrohten Stadt stellen und gleichzeitig Belagerer und Belagerte überblicken«; nur so könne man angeblich die »ausgleichende Gerechtigkeit« erreichen. Die Arbeiten Madeleins beweisen jedoch, dass, wenn er auch auf die die zwei Lager trennende Mauer klettert, so nur in der Eigenschaft eines Zaunspähers der Reaktion. Es ist gut, dass es sich in diesem Falle um Lager der Vergangenheit handelt. Während der Revolution ist der Aufenthalt auf der Mauer mit großen Gefahren verbunden. Im Übrigen pflegen in unruhigen Augenblicken die Priester der »ausgleichenden Gerechtigkeit« gewöhnlich in ihren vier Wänden zu hocken und abzuwarten, auf wessen Seite der Sieg sein wird.

Der ernste und kritische Leser bedarf keiner verlogenen Unvoreingenommenheit, die ihm den Kelch der Versöhnung, mit gut abgestandenem Gift reaktionären Hasses auf dem Boden, darbietet, sondern der methodischen Gewissenhaftigkeit, die für ihre offenen, unverschleierten Sympathien und Antipathien eine Stütze in ehrlicher Erforschung der Tatsachen sucht, in der Feststellung ihres wirklichen Zusammenhanges, in der Aufdeckung der Gesetzmäßigkeit ihrer Folge. Dies ist die einzig mögliche historische Objektivität und dabei eine vollkommen ausreichende, denn sie wird überprüft und bestätigt nicht durch die guten Absichten des Historikers, für die obendrein er selbst einsteht, sondern durch die von ihm aufgedeckte Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses selbst.

Als Quellen dieses Buches dienten zahlreiche periodische Publikationen, Zeitungen und Zeitschriften, Memoiren, Protokolle und anderes, teilweise handschriftliches Material, in der Hauptsache aber vom Institut für die Geschichte der Revolution in Moskau und Leningrad bereits veröffentlicht. Wir haben es für überflüssig erachtet, im Text auf die einzelnen Quellen zu verweisen, da dies den Leser nur belasten würde. Von Büchern, die den Charakter eines Sammelwerkes historischer Arbeiten darstellen, haben wir insbesondere das zweibändige Werk »Abrisse zur Geschichte der Oktoberrevolution« (Moskau-Leningrad 1927) benutzt. Von verschiedenen Autoren stammend, sind die einzelnen Teile dieser »Abrisse« nicht gleichwertig, doch enthalten sie jedenfalls reichliches Tatsachenmaterial.

Die chronologischen Daten unseres Buches sind durchweg nach dem alten Stil angegeben, das heißt, sie bleiben hinter dem Welt- und auch dem heutigen Sowjetkalender um dreizehn Tage zurück. Der Autor war gezwungen, jenen Kalender anzuwenden, der zur Zeit der Revolution in Kraft war. Es würde allerdings keine Mühe machen, die Daten auf den neuen Stil zu bringen. Aber diese Operation müsste, während sie die einen Schwierigkeiten behebt, unvermeidlich neue, wesentlichere erzeugen. Der Sturz der Monarchie ist unter dem Namen »Februarrevolution« in die Geschichte eingegangen. Nach dem westlichen Kalender vollzog er sich jedoch im März. Die bewaffnete Demonstration gegen die imperialistische Politik der Provisorischen Regierung kam unter dem Namen »Apriltage« in die Geschichte, nach dem westlichen Kalender fand sie jedoch im Mai statt. Ohne bei anderen Zwischenereignissen und Daten zu verweilen, wollen wir noch bemerken, dass sich die Oktoberumwälzung nach der europäischen Zeitrechnung im November abgespielt hat. Also sogar der Kalender ist, wie wir sehen, von den Ereignissen gefärbt, und der Historiker kann die revolutionäre Zeitrechnung nicht mit Hilfe einfacher arithmetischer Regeln zurechtmachen. Der Leser möge bedenken, dass, bevor sie den byzantinischen Kalender stürzte, die Revolution die Institutionen stürzen musste, die sich an ihn klammerten.

L. Trotzki

Prinkipo

14. November 1930

Die Eigenarten der Entwicklung Russlands

Der grundlegende, beständigste Charakterzug der Geschichte Russlands ist dessen verspätete Entwicklung mit der sich daraus ergebenden ökonomischen Rückständigkeit, Primitivität der Gesellschaftsformen und dem tiefen Kulturniveau.

Die Bevölkerung der gigantischen, rauen, den östlichen Winden und asiatischen Eindringlingen geöffneten Ebene war von Natur aus zu weitem Zurückbleiben verurteilt. Der Kampf mit den Nomaden währte fast bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Der Kampf mit den Winden, die im Winter Frost, im Sommer Dürre bringen, ist auch heute noch nicht beendet. Die Landwirtschaft – die Grundlage der gesamten Entwicklung – schritt auf extensiven Wegen vorwärts: Im Norden wurden die Wälder abgeholzt und niedergebrannt, im Süden die Ursteppen aufgerissen; das Besitzergreifen von der Natur ging in die Breite, nicht in die Tiefe.

Während die westlichen Barbaren sich auf den Ruinen der römischen Kultur ansiedelten, wo viele alte Steine ihnen als Baumaterial dienten, fanden die Slawen des Ostens in der trostlosen Ebene keinerlei Erbe vor: Ihre Vorgänger hatten auf einer noch tieferen Stufe als sie selbst gestanden. Die westeuropäischen Völker, die bald an ihre natürlichen Grenzen stoßen mussten, schufen ökonomische und kulturelle Zusammenballungen: die gewerbetreibenden Städte. Die Bevölkerung der Ostebene zog sich beim ersten Anzeichen von Enge in die Wälder zurück oder wanderte an die Peripherie ab, in die Steppe. Die initiativ- und unternehmungslustigen Elemente der Bauernschaft wurden im Westen Städter, Handwerker, Kaufleute. Die aktiven und kühnen Elemente des Ostens wurden einesteils Händler, größtenteils jedoch Kosaken, Grenzsiedler, Kolonisatoren. Der im Westen intensive Prozess der sozialen Differenzierung wurde im Osten aufgehalten und durch den Expansionsprozess verwischt. »Der Zar der Moskowiter, obwohl christlich, herrscht über Menschen von faulem Geist«, schrieb Vico, der Zeitgenosse Peters I. Der »faule Geist« der Moskowiter war ein Abbild des langsamen Tempos der wirtschaftlichen Entwicklung, der Ungeformtheit der Klassenbeziehungen, der Armut der inneren Geschichte.

Die alten Zivilisationen Ägyptens, Indiens und Chinas besaßen einen ausreichend selbstgenügsamen Charakter und verfügten über ausreichende Zeit, um trotz tiefstehender Produktionskräfte ihre sozialen Beziehungen fast zur gleichen, bis ins einzelne gehenden Vollendung zu bringen, zu der die Handwerker dieser Länder ihre Erzeugnisse brachten. Russland lag nicht nur geografisch zwischen Europa und Asien, sondern auch sozial und historisch. Es unterschied sich vom europäischen Westen, aber auch vom asiatischen Osten und näherte sich während verschiedener Perioden in verschiedener Hinsicht bald dem einen, bald dem anderen. Der Osten brachte das tatarische Joch, das als wichtiges Element in den Aufbau des russischen Staates einging. Der Westen war ein noch gefährlicherer Feind, aber gleichzeitig Lehrer. Russland hatte keine Möglichkeit, sich in den Formen des Ostens herauszubilden, weil es gezwungen war, sich stets dem militärischen und ökonomischen Druck des Westens anzupassen.

Das Bestehen feudaler Beziehungen in Russland, von den alten Historikern verneint, kann man auf Grund neuer Forschungen als unbedingt nachgewiesen betrachten. Mehr noch: Die Grundelemente des russischen Feudalismus waren die gleichen wie im Westen. Aber schon allein die Tatsache, dass die feudale Epoche erst durch lange wissenschaftliche Streitigkeiten festgestellt werden musste, ist ein genügendes Zeugnis für die Unreife des russischen Feudalismus, seine Ungeformtheit und die Dürftigkeit seiner Kulturdenkmäler.

Ein rückständiges Land eignet sich die materiellen und geistigen Eroberungen fortgeschrittener Länder an. Das heißt aber nicht, dass es ihnen sklavisch folgt und alle Etappen ihrer Vergangenheit reproduziert. Die Theorie von der Wiederholung historischer Zyklen – Vico und dessen spätere Anhänger – stützt sich auf Beobachtungen des Kreislaufs alter, vorkapitalistischer Kulturen, zum Teil auch auf die ersten Erfahrungen der kapitalistischen Entwicklung. Eine gewisse Wiederholung der Kulturstadien an immer neuen Herden war tatsächlich mit dem provinziellen und episodischen Charakter des gesamten Prozesses verbunden. Der Kapitalismus bedeutet jedoch die Überwindung dieser Bedingungen. Er bereitete vor und verwirklichte in gewissem Sinne die Universalität und Permanenz der Menschheitsentwicklung. Das allein schließt die Wiederholungsmöglichkeit der Entwicklungsformen einzelner Nationen aus. Gezwungen, den fortgeschrittenen Ländern nachzueifern, hält das rückständige Land die Reihenfolge nicht ein: Das Privileg der historischen Verspätung – und ein solches Privileg besteht – erlaubt, oder richtiger gesagt, zwingt, sich das Fertige vor der bestimmten Zeit anzueignen, eine Reihe Zwischenetappen zu überspringen. Die Wilden vertauschen den Bogen gleich mit dem Gewehr, ohne erst den Weg durchzumachen, der in der Vergangenheit zwischen diesen Waffengattungen lag. Die europäischen Kolonisten in Amerika begannen die Geschichte nicht von neuem. Der Umstand, dass Deutschland oder die Vereinigten Staaten England ökonomisch überholt haben, war gerade durch die Verspätung ihrer kapitalistischen Entwicklung bedingt. Umgekehrt ist die konservative Anarchie in der britischen Kohlenindustrie, wie auch in den Köpfen MacDonalds und seiner Freunde, eine Quittung für die Vergangenheit, in der England zu lange die Rolle des kapitalistischen Hegemonen gespielt hat. Die Entwicklung einer historisch verspäteten Nation führt notgedrungen zu eigenartiger Verquickung verschiedener Stadien des historischen Prozesses. In seiner Gesamtheit bekommt der Kreislauf einen nicht planmäßigen, verwickelten, kombinierten Charakter.

Die Möglichkeit, Zwischenstufen zu überspringen, ist selbstverständlich keine absolute; ihr Ausmaß wird letzten Endes von der wirtschaftlichen und kulturellen Aufnahmefähigkeit des Landes bestimmt. Eine rückständige Nation drückt außerdem die Errungenschaften, die sie fertig von außen übernimmt, durch Anpassung an ihre primitivere Kultur hinab. Der Assimilationsprozess selbst bekommt dabei einen widerspruchsvollen Charakter. So brachte die Einführung der Elemente westlicher Technik und Ausbildung, vor allem auf dem Gebiete des Militär- und Manufakturwesens unter Peter I., die Verschärfung des Leibeigenschaftsrechtes als Grundform der Arbeitsorganisation mit sich. Europäische Rüstung und europäische Anleihen – das eine wie das andere zweifellos Produkte einer höheren Kultur – führten zur Befestigung des Zarismus, der seinerseits die Entwicklung des Landes hemmte.

Die geschichtliche Gesetzmäßigkeit hat nichts gemein mit pedantischem Schematismus. Die Ungleichmäßigkeit, das allgemeinste Gesetz des historischen Prozesses, enthüllt sich am krassesten und am verwickeltsten am Schicksal verspäteter Länder. Unter der Knute äußerer Notwendigkeit ist die Rückständigkeit gezwungen, Sprünge zu machen. Aus dem universellen Gesetz der Ungleichmäßigkeit ergibt sich ein anderes Gesetz, das man mangels passenderer Bezeichnung das Gesetz der kombinierten Entwicklung nennen kann, im Sinne der Annäherung verschiedener Wegetappen, Verquickung einzelner Stadien, des Amalgams archaischer und neuzeitiger Formen. Ohne dieses Gesetz, selbstverständlich in seinem gesamten materiellen Inhalt genommen, vermag man die Geschichte Russlands wie überhaupt aller Länder zweiten, dritten und zehnten Kulturaufgebots nicht zu erfassen. Unter dem Druck des reicheren Europa verschlang der Staat in Russland einen verhältnismäßig viel größeren Teil des Volksvermögens als die Staaten im Westen und verurteilte damit nicht nur die Volksmassen zu doppelter Armut, sondern schwächte auch die Grundlagen der besitzenden Klassen. Da er gleichzeitig die Hilfe der letzteren benötigte, forcierte und reglementierte der Staat deren Bildung. Infolgedessen konnten sich die bürokratisierten privilegierten Klassen niemals in ganzer Höhe aufrichten, und umso mehr näherte sich der Staat in Russland der asiatischen Despotie.

Das byzantinische Selbstherrschertum, das die Moskauer Zaren sich offiziell zu Beginn des 16. Jahrhunderts angeeignet hatten, zähmte mit Hilfe des Adels das feudale Bojarentum und unterwarf sich den Adel, ihm gleichzeitig die Bauern versklavend, um sich auf dieser Grundlage in den Petersburger Imperatorenabsolutismus zu verwandeln. Die Verspätung dieses Prozesses wird dadurch zur Genüge charakterisiert, dass das Leibeigenschaftsrecht, das im 16. Jahrhundert entstanden war, sich im 17. ausgebildet und seine Blüte im 18. Jahrhundert erreicht hatte, rechtlich erst 1861 abgeschafft wurde.

Die Geistlichkeit hat nach dem Adel bei der Herausbildung des zaristischen Selbstherrschertums keine geringe, aber eine völlig dienende Rolle gespielt. Die Kirche erhob sich in Russland niemals zu jener Kommandohöhe wie im katholischen Westen: Sie begnügte sich mit der Stellung eines geistlichen Knechtes beim Selbstherrschertum und rechnete sich dies als Verdienst ihrer Demut an. Bischöfe und Metropoliten besaßen Macht nur als Bevollmächtigte der weltlichen Gewalt. Die Patriarchen wechselten zusammen mit den Zaren. In der Petersburger Periode wurde die Abhängigkeit der Kirche vom Staate noch sklavischer. 200.000 Priester und Mönche bildeten im Wesentlichen einen Teil der Bürokratie, eine Art Glaubenspolizei. Als Gegenleistung wurden das Monopol der orthodoxen Geistlichkeit in Glaubensangelegenheiten, ihre Länder und Einkünfte von der allgemeinen Ordnungspolizei beschirmt.

Das Slawophilentum, dieser Messianismus der Rückständigkeit, begründete seine Philosophie damit, dass das russische Volk und dessen Kirche durch und durch demokratisch, das offizielle Russland aber eine von Peter angepflanzte deutsche Bürokratie sei. Marx sagte dazu: »Ganz wie die teutonischen Esel den Despotismus Friedrichs II. usw. auf die Franzosen wälzen, als wenn zurückgebliebene Knechte nicht immer zivilisierte Knechte brauchten, um dressiert zu werden.« Diese kurze Bemerkung erschöpft restlos nicht nur die alte Philosophie der Slawophilen, sondern auch die neuesten Offenbarungen der »Rassentümler«.

Die Kargheit nicht nur des russischen Feudalismus, sondern auch der ganzen altrussischen Geschichte fand ihren traurigsten Ausdruck im Mangel echt mittelalterlicher Städte als Handwerks- und Handelszentren. Das Handwerk hatte in Russland keine Zeit gehabt, sich vom Ackerbau zu trennen, bewahrte vielmehr den Charakter der Heimarbeit. Die altrussischen Städte waren Handels-, Verwaltungs-, Heeres- und Adels-Zentren, folglich konsumierend, nicht produzierend. Sogar die der Hansa verwandte Stadt Nowgorod, die das tatarische Joch nicht gekannt hatte, war nur eine Handels-, keine Gewerbestadt. Allerdings schuf die Verstreutheit der bäuerlichen Gewerbe in verschiedenen Bezirken das Bedürfnis nach einer Handelsvermittlung breiten Maßstabes. Doch vermochten die nomadischen Händler im öffentlichen Leben in keinem Falle jenen Platz einzunehmen, der im Westen der handwerklich-zünftigen und handelsgewerblichen Klein- und Mittelbourgeoisie zukam, die mit ihrer bäuerlichen Peripherie unzertrennlich verbunden waren. Die Hauptwege des russischen Handels führten überdies ins Ausland, sicherten die leitende Stellung seit alters her dem ausländischen Handelskapital und verliehen dem ganzen Umsatz, bei dem der russische Händler Mittler zwischen der westlichen Stadt und dem russischen Dorfe war, einen halb kolonialen Charakter. Diese Art ökonomischer Beziehung erfuhr eine weitere Entwicklung in der Epoche des russischen Kapitalismus und erreichte ihren höchsten Ausdruck im imperialistischen Kriege. Die Bedeutungslosigkeit der russischen Städte, die zur Entstehung des asiatischen Staatstypus am meisten beigetragen hat, schloss insbesondere die Möglichkeit der Reformation aus, das heißt der Ablösung der feudal-bürokratischen Orthodoxie durch irgendeine modernisierte Abart eines den Bedürfnissen der bürgerlichen Gesellschaft angepassten Christentums. Der Kampf gegen die Staatskirche ging nicht über die bäuerlichen Sekten, einschließlich der mächtigsten von ihnen, das altgläubige Schisma, hinaus.

Anderthalb Jahrzehnte vor der großen Französischen Revolution entbrannte in Russland die Bewegung der Kosaken, Bauern und leibeigenen Uraler Arbeiter, die nach dem Namen ihres Führers Pugatschow benannt wurde. Was hatte diesem grimmigen Volksaufstande gefehlt, um sich in eine Revolution zu verwandeln? Der dritte Stand. Ohne die Handwerkerdemokratie der Städte vermochte sich der Bauernkrieg ebenso wenig zu einer Revolution zu entwickeln, wie sich die Bauernsekten zu einer Reformation erheben konnten. Im Gegenteil, die Folge der Pugatschowschtschina war die Befestigung des bürokratischen Absolutismus, als des in schwierigen Stunden wieder bewährten Hüters der Adelsinteressen.

Die unter Peter formell begonnene Europäisierung des Landes wurde im Verlaufe des nächsten Jahrhunderts immer mehr zum Bedürfnis der herrschenden Klasse selbst, das heißt des Adels. Im Jahre 1825 griff die Adelsintelligenz, dieses Bedürfnis politisch verallgemeinernd, zur Militärverschwörung, mit dem Ziel der Einschränkung des Selbstherrschertums. Unter dem Druck der europäisch-bürgerlichen Entwicklung versuchte somit der fortschrittliche Adel, den fehlenden dritten Stand zu ersetzen. Doch wollte er das liberale Regime auf jeden Fall mit den Grundlagen seiner Standesherrschaft verquicken und fürchtete deshalb über alles, die Bauern aufzuwiegeln. Es ist nicht verwunderlich, dass die Verschwörung ein Unternehmen des glanzvollen, aber isolierten Offiziersstandes blieb, der sich dabei fast kampflos den Schädel einrannte. Dies war der Sinn des Dekabristenaufstandes.

Gutsherren, die Fabriken besaßen, waren die ersten ihres Standes, die sich der Ablösung der leibeigenen durch freie Arbeit geneigt zeigten. In die gleiche Richtung drückte der anwachsende Auslandsexport russischen Getreides. Im Jahre 1861 führte die adlige Bürokratie, gestützt auf die liberalen Gutsbesitzer, ihre Bauernreform durch. Der ohnmächtige bürgerliche Liberalismus bildete bei dieser Operation den gehorsamen Chor. Es ist überflüssig, zu sagen, dass der Zarismus Russlands grundlegendes Problem, das heißt die Agrarfrage, noch engherziger und diebischer löste als die preußische Monarchie im Laufe des nächsten Jahrzehnts Deutschlands grundlegendes Problem, das heißt dessen nationale Einigung. Die Lösung der Aufgabe einer Klasse durch die Hände einer anderen ist eben eine der kombinierten Methoden, die den rückständigen Ländern eigentümlich sind.

Am unbestrittensten jedoch enthüllt sich das Gesetz der kombinierten Entwicklung an Geschichte und Charakter der russischen Industrie. Spät entstanden, wiederholte sie die Entwicklung der fortgeschrittenen Länder nicht, sondern reihte sich in diese ein, indem sie deren neueste Errungenschaften der eigenen Rückständigkeit anpasste. War Russlands wirtschaftliche Evolution in ihrer Gesamtheit über die Epochen des Zunfthandwerks und der Manufaktur hinweggeschritten, so übersprangen einzelne Industriezweige eine Reihe von technisch-industriellen Etappen, die im Westen nach Jahrzehnten maßen. Infolgedessen entwickelte sich die russische Industrie zu gewissen Perioden in äußerst schnellem Tempo. Zwischen der ersten Revolution und dem Kriege stieg die russische Industrieproduktion annähernd um das Doppelte. Das erschien einigen russischen Historikern ein hinlänglicher Grund zu der Schlussfolgerung, dass man »von der Legende über Rückständigkeit und langsames Wachstum abkommen müsse«.[1] In Wirklichkeit wurde die Möglichkeit eines so schnellen Wachstums gerade durch die Rückständigkeit bestimmt, die sich – leider – nicht nur bis zum Augenblick der Liquidierung des alten Russland, sondern, als dessen Erbe, bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

Der grundlegende Gradmesser des ökonomischen Niveaus einer Nation ist die Produktivität der Arbeit, die ihrerseits vom spezifischen Gewicht der Industrie in der Gesamtwirtschaft des Landes abhängt. Am Vorabend des Krieges, als das zaristische Russland den Höhepunkt seines Wohlstandes erreicht hatte, war das Volkseinkommen pro Kopf acht- bis zehnmal geringer als in den Vereinigten Staaten, was nicht weiter verwunderlich ist, berücksichtigt man, dass vier Fünftel der selbstständig werktätigen Bevölkerung Russlands in der Landwirtschaft beschäftigt waren, während in den Vereinigten Staaten auf einen in der Landwirtschaft Beschäftigten 2,5 in der Industrie Beschäftigte gezählt wurden. Hinzugefügt sei noch, dass am Vorabend des Krieges in Russland auf hundert Quadratkilometer 0,4 Kilometer Eisenbahn, in Deutschland 11,7, in Österreich-Ungarn 7 kamen. Die anderen vergleichenden Koeffizienten sind nämlicher Art.

Aber gerade auf dem Gebiete der Wirtschaft tritt, wie bereits gesagt, das Gesetz der kombinierten Entwicklung am stärksten hervor. Während die bäuerliche Landwirtschaft in ihrer Hauptmasse bis zur Revolution fast auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts verblieben war, stand Russlands Industrie in Bezug auf Technik und kapitalistische Struktur auf der Stufe der fortgeschrittenen Länder und eilte diesen in mancher Beziehung sogar voraus. Kleine Betriebe mit einer Arbeiterzahl bis 100 Mann umfassten im Jahre 1914 in den Vereinigten Staaten 35 Prozent der gesamten Industriearbeiter, in Russland nur 17,8 Prozent. Bei einem ungefähr gleichen spezifischen Gewicht der mittleren und größeren Unternehmen mit 100 bis 1.000 Arbeitern betrugen in den Vereinigten Staaten Riesenunternehmen mit über 1.000 Arbeitern 17,8 Prozent der gesamten Arbeiterzahl, in Russland 41,4 Prozent. Für die wichtigsten Industriebezirke war dieser Prozentsatz noch höher: für den Petrograder 44,4 Prozent, für den Moskauer sogar 57,3 Prozent. Ähnliche Resultate ergeben sich, vergleicht man die russische Industrie mit der britischen oder deutschen. Diese Tatsache, die wir zum ersten Male im Jahre 1908 festgestellt haben, verträgt sich schlecht mit der Vorstellung von der ökonomischen Rückständigkeit Russlands. Indes widerlegt sie die Rückständigkeit nicht, sondern ist deren dialektische Ergänzung.

Die Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Bankkapital wurde in Russland wiederum so vollständig durchgeführt wie wohl kaum in einem anderen Lande. Doch bedeutete die Abhängigkeit der Industrie von den Banken gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom westeuropäischen Geldmarkt. Die Schwerindustrie (Metall, Kohle, Naphtha) befand sich fast restlos unter der Kontrolle des ausländischen Finanzkapitals, das sich ein Hilfs- und Vermittlungssystem von Banken in Russland geschaffen hatte. Die Leichtindustrie ging denselben Weg. Gehörten im Ganzen rund 40 Prozent des gesamten Aktienkapitals in Russland Ausländern, so war für die führenden Industriezweige dieser Prozentsatz noch bedeutend höher. Man kann ohne jede Übertreibung behaupten, dass sich die Kontrollpakete der Aktien der russischen Banken, Werke und Fabriken im Auslande befanden, wobei der Kapitalanteil Englands, Frankreichs und Belgiens fast doppelt so groß als der Deutschlands war.

Die Entstehungsbedingungen der russischen Industrie und deren Struktur bestimmten den sozialen Charakter der russischen Bourgeoisie und deren politisches Gesicht. Die außerordentliche Konzentration der Industrie bedeutete schon an sich, dass zwischen den kapitalistischen Spitzen und den Volksmassen keine Hierarchie von Übergangsschichten bestand. Dazu kommt, dass die Besitzer der wichtigsten Industrie-, Bank- und Transportunternehmen Ausländer waren, die nicht nur die aus Russland herausgeholten Gewinne, sondern auch ihren politischen Einfluss in ausländischen Parlamenten realisierten und den Kampf um den russischen Parlamentarismus nicht nur nicht förderten, sondern ihm häufig sogar entgegenwirkten: Es genügt, an die schändliche Rolle des offiziellen Frankreich zu denken. Dies waren die elementaren und unabwendbaren Ursachen der politischen Isoliertheit und des volksfeindlichen Charakters der russischen Bourgeoisie. War sie in der Morgenröte ihrer Geschichte zu unreif, die Reformation durchzusetzen, so erwies sie sich als überreif, als die Zeit für die Führung der Revolution gekommen war.

Entsprechend dem gesamten Entwicklungsgang des Landes wurde nicht das Zunfthandwerk, sondern die Landwirtschaft, nicht die Stadt, sondern das Dorf zum Reservoir, aus dem die russische Arbeiterklasse hervorging. Dabei entstand das russische Proletariat nicht allmählich, in Jahrhunderten, beschwert mit der Last der Vergangenheit wie in England, sondern sprunghaft, durch schroffe Wendung der Lage, der Verbindungen, der Beziehungen und durch jähen Bruch mit dem Gestern. Gerade dies in Verbindung mit dem konzentrierten Joch des Zarismus machte die russischen Arbeiter für die kühnsten Schlussfolgerungen des revolutionären Gedankens empfänglich, ähnlich wie die verspätete russische Industrie sich für das letzte Wort kapitalistischer Organisation empfänglich zeigte.

Die kurze Geschichte seiner Abstammung machte das russische Proletariat jedes Mal aufs Neue durch. Während sich in der metallverarbeitenden Industrie, besonders in Petersburg, eine Schicht erblicher Proletarier, die mit dem Dorfe endgültig gebrochen hatten, herauskristallisierte, überwog am Ural noch der Typus des Halbproletariers-Halbbauern. Der alljährliche Zustrom frischer Arbeitskraft aus den Dörfern in alle Industriebezirke erneuerte die Bindung des Proletariats mit seinem sozialen Reservoir.

Die politische Tatunfähigkeit der Bourgeoisie war unmittelbar bestimmt durch den Charakter ihrer Beziehungen zu Proletariat und Bauernschaft. Sie vermochte nicht das Proletariat zu führen, das ihr im Alltag feindlich gegenüberstand und sehr bald seine Aufgaben zu verallgemeinern lernte. Im gleichen Maße erwies sie sich aber zur Führung der Bauernschaft unfähig, da sie durch ein Netz gemeinsamer Interessen mit den Gutsbesitzern verbunden war und die Erschütterung des Eigentums in welcher Form auch immer fürchtete. Das Verspäten der russischen Revolution war folglich nicht nur eine Frage der Chronologie, sondern auch der sozialen Struktur der Nation.

England vollzog seine puritanische Revolution, als seine Gesamtbevölkerung 5½ Millionen nicht überstieg, wovon ½ Million auf London kam. In seiner Revolutionsepoche hatte Frankreich in Paris auch bloß ½ Million Einwohner bei 25 Millionen Gesamtbevölkerung. Russlands Bevölkerung betrug zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 150 Millionen, von denen mehr als 3 Millionen auf Moskau und Petrograd entfielen. Hinter diesen vergleichenden Zahlen verbergen sich große soziale Unterschiede. Weder das England des 17. noch das Frankreich des 18. Jahrhunderts haben das neuzeitige Proletariat gekannt. Indes zählte im Jahre 1905 die Arbeiterklasse Russlands auf allen Arbeitsgebieten, in Stadt und Land, nicht weniger als 10 Millionen Seelen, was zusammen mit den Familien über 25 Millionen ausmachte, das heißt mehr als die Gesamtbevölkerung Frankreichs in der Epoche der Großen Revolution. Von den gesicherten Handwerkern und unabhängigen Bauern der cromwellschen Armee – über die Sansculotten von Paris – bis zu den Industrieproletariern Petersburgs hatte die Revolution ihre soziale Mechanik, ihre Methoden und damit auch ihre Ziele tiefgehend verändert.

Die Ereignisse des Jahres 1905 waren ein Prolog der beiden Revolutionen von 1917: der Februar- und der Oktoberrevolution. Der Prolog enthielt alle Elemente des Dramas, bloß nicht bis ans Ende geführt. Der Russisch- Japanische Krieg hatte den Zarismus gelockert. Auf dem Hintergrunde der Massenbewegung jagte die liberale Bourgeoisie durch ihre Opposition der Monarchie Angst ein. Die Arbeiter organisierten sich unabhängig von der Bourgeoisie und im Gegensatz zu ihr in den Sowjets, die damals zum ersten Male ins Leben gerufen wurden. Unter der Parole: Boden! erhob sich die Bauernschaft der ganzen riesigen Fläche des Landes. Wie die Bauern neigten auch die revolutionären Truppenteile zu den Sowjets, die im Augenblick des höchsten Aufstieges der Revolution der Monarchie die Macht offen streitig machten. Das war das erste Auftreten sämtlicher revolutionärer Kräfte; sie besaßen noch keine Erfahrung, und es mangelte ihnen an Zuversicht. Die Liberalen prallten demonstrativ gerade in dem Augenblick vor der Revolution zurück, als sich herausstellte, dass es nicht genügte, den Zarismus zu lockern, dass man ihn außerdem noch umwerfen müsse. Der jähe Bruch der Bourgeoisie mit dem Volke, wobei sie schon damals bedeutende Kreise der demokratischen Intelligenz mit sich riss, erleichterte der Monarchie, die Armee zu spalten, treue Truppenteile auszusondern und über Arbeiter und Bauern blutiges Gericht zu halten. Wenn er auch manche Rippe einbüßte, ging der Zarismus aus der Prüfung von 1905 doch lebend und kräftig genug hervor.

Welche Veränderung der Kräfteverhältnisse brachte die historische Entwicklung in den elf Jahren, die den Prolog vom Drama trennen? Der Zarismus geriet während dieser Periode in einen noch größeren Gegensatz zu den Forderungen der historischen Entwicklung. Die Bourgeoisie wurde ökonomisch mächtiger, doch stützte sich diese Macht, wie wir gesehen haben, auf die höhere Konzentration der Industrie und die gesteigerte Rolle des Auslandskapitals. Unter der Wirkung der Lehren von 1905 war die Bourgeoisie noch konservativer und misstrauischer geworden. Das spezifische Gewicht der Klein- und Mittelbourgeoisie, schon früher unbeträchtlich, sank noch tiefer. Die demokratische Intelligenz besaß überhaupt keine irgendwie widerstandsfähige soziale Stütze. Sie konnte vorübergehend politischen Einfluss gewinnen, aber keine selbstständige Rolle spielen. Ihre Abhängigkeit vom bürgerlichen Liberalismus war ungemein gewachsen. Programm, Banner und Führung konnte der Bauernschaft unter diesen Umständen nur das junge Proletariat bieten. Die vor ihr auf diese Weise erstandenen grandiosen Aufgaben erzeugten ein unaufschiebbares Bedürfnis nach einer besonderen revolutionären Organisation, die die Volksmassen auf einmal erfassen und unter Führung der Arbeiterschaft zu revolutionärer Tat zu befähigen vermochte. So erhielten die Sowjets von 1905 gigantische Entfaltung im Jahre 1917. Dass die Sowjets – wir wollen es hier gleich sagen – nicht einfach eine Ausgeburt der historischen Verspätung Russlands, sondern vielmehr ein Produkt der kombinierten Entwicklung darstellen, beweist allein schon die Tatsache, dass das Proletariat des industriellsten Landes, Deutschlands, während des revolutionären Aufstieges von 1918/19 keine andere Organisationsform gefunden hat als die der Räte.

Unmittelbare Aufgabe der Revolution von 1917 war noch immer der Sturz der bürokratischen Monarchie. Doch zum Unterschiede von den alten bürgerlichen Revolutionen trat jetzt als entscheidende Kraft die neue Klasse hervor, entstanden auf Grundlage der konzentrierten Industrie, ausgerüstet mit einer neuen Organisation und neuen Kampfmethoden. Das Gesetz der kombinierten Entwicklung enthüllt sich uns hier in seinem weitestgehenden Ausdruck: Beginnend mit der Hinwegräumung der mittelalterlichen Fäulnis, bringt die Revolution nach einigen Monaten das Proletariat mit der Kommunistischen Partei an der Spitze zur Herrschaft.

Nach ihren ursprünglichen Aufgaben war die russische Revolution mithin eine demokratische Revolution. Doch stellte sie das Problem der politischen Demokratie auf neue Art. Während die Arbeiter unter Einbeziehung der Soldaten und zum Teil auch der Bauern das ganze Land mit Sowjets überzogen, feilschte die Bourgeoisie noch immer um die Frage der Einberufung oder Nichteinberufung der Konstituierenden Versammlung. Im Verlaufe der Darstellung der Ereignisse wird diese Frage in ihrer ganzen Konkretheit vor uns erstehen. Hier wollen wir nur den Platz bezeichnen, den die Sowjets in der historischen Reihenfolge revolutionärer Ideen und Formen einnehmen.

Mitte des 17. Jahrhunderts entfaltete sich die bürgerliche Revolution in England im Gewande der religiösen Reformation. Der Kampf um das Recht, nach einem eigenen Gebetbuch zu beten, identifizierte sich mit dem Kampf gegen König, Aristokratie, Kirchenfürsten und Rom. Die Presbyterianer und Puritaner waren tief davon überzeugt, dass sie ihre irdischen Interessen unter den unerschütterlichen Schutz der göttlichen Vorsehung gestellt hatten. Die Aufgaben, für die die neuen Klassen kämpften, verwuchsen in deren Bewusstsein mit dem Bibeltext und den Formen kirchlicher Gebräuche. Die Emigranten nahmen diese durch Blut gefestigte Tradition über den Ozean mit. Daher die seltene Zähigkeit der angelsächsischen Interpretation des Christentums Wir sehen, wie die Minister-«Sozialisten« Großbritanniens auch heute noch ihre Feigheit mit den gleichen magischen Texten begründen, aus denen die Männer des 17. Jahrhunderts Rechtfertigung für ihren Mut gesucht hatten.

In Frankreich, das die Reformation übergangen hatte, erlebte die katholische Kirche als Staatskirche die Revolution, die nicht in Bibeltexten, sondern in Abstraktionen der Demokratie Ausdruck und Rechtfertigung für die Aufgaben der bürgerlichen Gesellschaft fand. Wie groß der Hass der heutigen Lenker Frankreichs gegen das Jakobinertum auch sein mag, Tatsache bleibt, dass gerade dank der rauen Arbeit Robespierres sie alle Möglichkeiten behalten haben, ihre konservative Herrschaft mit jenen Formeln zu verhüllen, durch die einst die alte Gesellschaft gesprengt wurde.

Jede große Revolution hat neue Etappen der bürgerlichen Gesellschaft und neue Bewusstseinsformen ihrer Klassen zu verzeichnen. Wie Frankreich über die Reformation hinwegschritt, so hat Russland die formale Demokratie übergangen. Die russische revolutionäre Partei, der es bevorstand, ihren Stempel einer ganzen Epoche aufzupressen, suchte den Ausdruck für die Aufgaben der Revolution nicht in der Bibel, nicht im säkularisierten Christentum der »reinen« Demokratie, sondern in den materiellen Verhältnissen der Gesellschaftsklassen. Das Sowjetsystem gab diesen Verhältnissen den einfachsten, unverhülltesten, klarsten Ausdruck. Die Herrschaft der Werktätigen fand zum ersten Male ihre Verwirklichung in diesem System, das, wie auch seine nächsten historischen Schicksalswendungen sein mögen, ebenso unaustilgbar in das Bewusstsein der Massen eingedrungen ist wie seinerzeit das System der Reformation oder der reinen Demokratie.

[1] Die Behauptung stammt von Prof. M. N. Pokrowski. Siehe Anhang I.

Das zaristische Russland im Kriege

Die Beteiligung Russlands am Kriege war den Motiven und Zielen nach widerspruchsvoll. Der blutige Kampf ging im Wesentlichen um die Weltherrschaft. In diesem Sinne überstieg er Russlands Kraft. Russlands sogenannte Kriegsziele (die türkischen Meerengen, Galizien, Armenien) hatten provinziellen Charakter und konnten nur nebenbei gelöst werden, je nachdem sie mit den Interessen der entscheidenden Kriegsteilnehmer im Einklang standen.

Gleichzeitig aber konnte Russland als Großmacht der Rauferei der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder nicht fernbleiben, wie es sich in der vorangegangenen Epoche auch der Einführung von Fabriken, Eisenbahnen, Schnellfeuergeschützen und Flugzeugen nicht hatte verschließen können. Der unter den russischen Historikern der neuesten Schule nicht seltene Streit, in welchem Maße das zaristische Russland für die moderne imperialistische Politik reif gewesen war, verfällt häufig in Scholastik, denn sie betrachten Russland in der Weltarena isoliert, als selbstständigen Faktor. Indes war es nur das Glied eines Systems.

Indien beteiligte sich am Kriege dem Wesen und der Form nach als Kolonie Englands. Die Einmischung Chinas, formell eine »freiwillige«, war tatsächlich die Einmischung eines Sklaven in die Balgerei der Herren. Die Beteiligung Russlands lag irgendwo in der Mitte zwischen der Beteiligung Frankreichs und der Chinas. Russland bezahlte damit das Recht, mit fortgeschrittenen Ländern im Bunde zu sein, Kapital einzuführen und Prozente dafür zu zahlen, das heißt im Wesentlichen das Recht, eine privilegierte Kolonie seiner Verbündeten zu sein; aber gleichzeitig auch das Recht, die Türkei, Persien, Galizien, überhaupt alle Länder, die schwächer und rückständiger waren als es selbst, zu knebeln und zu plündern. Der zwiespältige Imperialismus der russischen Bourgeoisie trug in seinem Kern den Charakter einer Agentur anderer, gewaltigerer Weltmächte.

Das chinesische Kompradorentum ist das klassische Vorbild einer nationalen Bourgeoisie, gebildet nach dem Typus einer Vermittlungsagentur zwischen ausländischem Finanzkapital und einheimischer Wirtschaft. In der Welthierarchie der Staaten nahm Russland bis zum Kriege einen bedeutend höheren Platz als China ein. Welchen Platz es, ohne die Revolution, nach dem Kriege eingenommen haben würde, ist eine andere Frage. Doch zeigten das russische Selbstherrschertum einerseits und die russische Bourgeoisie andererseits die krassesten Züge des Kompradorentums: Sie lebten und nährten sich von der Verbindung mit dem ausländischen Imperialismus, dienten ihm und konnten sich, ohne sich auf ihn zu stützen, nicht halten. Allerdings haben sie sich letzten Endes auch mit seiner Unterstützung nicht zu behaupten vermocht. Die halbkompradorenhafte russische Bourgeoisie hatte imperialistische Weltinteressen im gleichen Sinne, wie ein prozentual beteiligter Agent die Interessen seines Herrn teilt.

Das Werkzeug des Krieges ist die Armee. Da jede Armee in der nationalen Mythologie für unbesiegbar gilt, sahen die herrschenden Klassen Russlands keinen Grund, für die zaristische Armee eine Ausnahme zu machen. In Wirklichkeit stellte sie nur gegen die halbbarbarischen Völker, die kleinen Nachbarn und Staaten, die sich in Auflösung befanden, eine ernstliche Macht dar; auf der europäischen Arena war sie lediglich innerhalb von Koalitionen wirksam; in der Verteidigung erfüllte sie ihre Aufgabe nur in Verbindung mit der unermesslichen Ausdehnung, der Bevölkerungsdünne und der Unpassierbarkeit der Wege. Ein Virtuose der Armee der leibeigenen Muschiks war Suworow. Die Französische Revolution, die einer neuen Gesellschaft und einer neuen Kriegskunst die Türen öffnete, sprach gleichzeitig das Todesurteil über die suworowsche Armee.

Die halbe Abschaffung der Leibeigenschaft und die Einführung der allgemeinen Militärpflicht modernisierten die Armee in den gleichen Grenzen wie das Land, das heißt, sie trugen in die Armee alle Gegensätze der Nation, der noch erst bevorstand, ihre bürgerliche Revolution durchzumachen. Zwar wurde die zaristische Armee nach westlichen Mustern aufgebaut und ausgerüstet, doch betraf es mehr die Form als das Wesen. Das Kulturniveau des Bauern-Soldaten stand zu dem Niveau der Kriegstechnik in keinem Verhältnis. Im Kommandobestand fanden Kulturlosigkeit, Faulheit und Diebeswesen der herrschenden Klassen Russlands ihren Ausdruck. Industrie und Transportverhältnisse enthüllten fortgesetzt ihre Unzulänglichkeit angesichts der konzentrierten Bedürfnisse der Kriegszeit. Die am ersten Kriegstage scheinbar sachgemäß ausgerüsteten Truppen erwiesen sich alsbald nicht nur ohne Waffen, sondern auch ohne Stiefel. Im Russisch-Japanischen Kriege hatte die zaristische Armee gezeigt, was sie wert war. In der Epoche der Konterrevolution hatte die Monarchie mit Hilfe der Duma die Militärlager aufgefüllt und die Armee an vielen Stellen ausgeflickt, darunter auch die Reputation ihrer Unbesiegbarkeit. Im Jahre 1914 kam die neue, viel schwerere Prüfung.

In Bezug auf Ausrüstung und Finanzen zeigt sich Russland im Kriege sogleich in sklavischer Abhängigkeit von seinen Verbündeten. Das ist nur der militärische Ausdruck seiner allgemeinen Abhängigkeit von den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Doch die Hilfe der Verbündeten rettet die Lage nicht. Der Mangel an Kampfvorräten, das Fehlen von Fabriken für deren Herstellung, das dünne Eisenbahnnetz für deren Zufuhr, übersetzen die Rückständigkeit Russlands in die allgemein verständliche Sprache der Niederlagen, die die russischen Nationalliberalen daran erinnern, dass ihre Ahnen die bürgerliche Revolution nicht vollendet hätten und die Nachkommen vor der Geschichte deshalb schuldig seien.

Die ersten Tage des Krieges waren auch die ersten Tage der Schmach. Nach einer Reihe von Teilkatastrophen brach im Frühling 1915 der allgemeine Rückzug herein. Ihre verbrecherische Unfähigkeit ließen die Generale an der friedlichen Bevölkerung aus. Riesenflächen wurden gewaltsam verwüstet. Die menschliche Heuschrecke mit Nagaikas ins Hinterland getrieben. Die äußere Zerstörung durch die innere vervollständigt.

Auf besorgte Fragen seiner Kollegen über die Lage an der Front antwortete der Kriegsminister, General Poliwanow, wörtlich: »Ich vertraue auf die unwegsamen Flächen, auf die uferlosen Sümpfe und auf die Gnade des heiligen Nikolaus Mirlikijski, des Schutzpatrons des heiligen Russland« (Sitzung vom 4. August 1915). Eine Woche später gestand General Russki den gleichen Ministern: »Die modernen Forderungen der Kriegstechnik gehen über unsere Kraft. Jedenfalls können wir es mit Deutschland nicht aufnehmen.« Das war keine Augenblicksstimmung. Der Offizier Stankewitsch gibt die Worte eines Korpsingenieurs so wieder: »Mit den Deutschen Krieg zu führen ist hoffnungslos, denn wir sind nicht imstande, etwas zu tun. Sogar die neuen Kampfmethoden verwandeln sich in Ursachen unserer Misserfolge.« Solche Urteile gibt es ohne Zahl.

Das Einzige, was die russischen Generale mit Schwung taten, war das Herausholen von Menschenfleisch aus dem Lande. Mit Rind- und Schweinefleisch ging man unvergleichlich sparsamer um. Die grauen Generalstabsnullen, Januschkewitsch unter Nikolai Nikolajewitsch, wie Alexejew unter dem Zaren, verstopften die Löcher mit neuen Aushebungen, trösteten sich und die Alliierten mit Zahlenkolonnen, wo man Kämpferkolonnen brauchte. Annähernd 15 Millionen Menschen wurden mobilisiert, die die Depots, Kasernen, Etappen füllten, herumlungerten, herumstampften, einander auf die Füße traten, verbitterten, fluchten. Waren diese menschlichen Massen für die Front eine vermeintliche Größe, so waren sie ein wirklicher Faktor des Zerfalls im Hinterlande. Etwa 5½ Millionen wurden als tot, verwundet und gefangen registriert. Die Zahl der Deserteure wuchs. Schon im Juli 1915 jammerten die Minister: »Armes Russland. Sogar seine Armee, die in vergangenen Zeiten die Welt mit Siegesdonner erfüllt hatte ... auch sie besteht nur, wie sich herausstellt, aus Feiglingen und Deserteuren.«

Die gleichen Minister, die mit Galgenhumor über den »Generalsrückzugmut« witzelten, verbrachten Stunden und Stunden über dem Problem: Soll man die Reliquien aus Kiew wegbringen oder nicht? Der Zar war der Meinung, man brauche es nicht, denn »die Deutschen werden nicht wagen, sie anzurühren, und wenn sie sie anrühren, desto schlimmer für die Deutschen«. Die Synode jedoch begann bereits mit der Ausfuhr: »Wenn wir die Stadt verlassen, nehmen wir unser Teuerstes mit.« Das geschah nicht zur Zeit der Kreuzzüge, sondern im 20. Jahrhundert, als die Berichte über die russischen Niederlagen radiotelegrafisch weitergegeben wurden.

Russlands Erfolge gegen Österreich-Ungarn wurzelten mehr in Österreich-Ungarn als in Russland. Die auseinanderfallende habsburgische Monarchie hatte schon längst Bedarf an einem Totengräber, ohne dabei von ihm hohe Qualifikationen zu verlangen. Russland hatte auch in der Vergangenheit Erfolg gegen innerlich in Auflösung befindliche Staaten wie die Türkei, Polen und Persien gehabt. Die Südwestfront der russischen Armee, gegen Österreich-Ungarn gewandt, kannte bedeutende Siege, was sie von den anderen Fronten unterschied. Hier taten sich einige Generale hervor, die zwar ihre militärische Begabung durch nichts bewiesen hatten, aber zumindest nicht vom Fatalismus unentwegt geschlagener Kriegsführer gezeichnet waren. Aus diesem Milieu gingen später einige weiße »Helden« des Bürgerkrieges hervor.

Alle suchten, wem die Schuld aufzubürden. Man beschuldigte kurzweg die Juden der Spionage. Man plünderte Menschen mit deutschen Namen. Der Generalstab des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch ließ den Gendarmerieoberst Mjassojedow als deutschen Spion, der er allem Anscheine nach nicht war, erschießen. Man verhaftete den Kriegsminister Suchomlinow, einen hohlen und unsauberen Menschen, unter der vielleicht nicht unbegründeten Anschuldigung des Verrates. Der britische Außenminister Grey sagte dem Vorsitzenden der russischen parlamentarischen Delegation: »Ihre Regierung ist sehr kühn, wenn sie sich entschließen kann, im Kriege den Kriegsminister des Verrates zu beschuldigen.« Die Stäbe und die Duma bezichtigten den Hof des Germanophilentums. Alle zusammen beneideten und hassten die Alliierten. Das französische Kommando schonte seine Armeen, indem es russische Soldaten vorschob. England kam nur langsam in Schwung. In Petrograder Salons und in den Frontstäben scherzte man lieblich: »England hat geschworen, standhaft durchzuhalten bis zum letzten Blutstropfen ... des russischen Soldaten.« Diese Späßchen sickerten nach unten und bis an die Front durch. »Alles für den Krieg!« sagten Minister, Deputierte, Generale, Journalisten. »Ja«, begann der Soldat im Schützengraben zu grübeln, »alle sind bereit bis zum letzten Tropfen ... meines Blutes zu kämpfen.«

Die russische Armee verlor im Kriege mehr Menschen als irgendein anderes am Völkerschlachten beteiligtes Heer, nämlich 2½ Millionen Seelen, etwa 40 Prozent der Verluste aller Ententearmeen. In den ersten Monaten starben die Soldaten unter den Geschossen ohne nachzudenken oder ohne viel nachzudenken. Doch sammelten sie täglich mehr Erfahrung, die bittere Erfahrung der »Gemeinen«, die man nicht zu führen versteht. Sie ermaßen den Wirrwarr der zwecklosen Verschiebungen seitens der Generale an den abgerissenen Sohlen und der Zahl der versäumten Mittagessen. Vom blutigen Brei der Menschen und Dinge ging das verallgemeinernde Wort aus: Wahnsinn, das in der Soldatensprache durch ein saftigeres Wort ersetzt wurde.

Am schnellsten löste sich die bäuerliche Infanterie auf. Die Artillerie, mit ihrem hohen Prozentsatz Industriearbeiter, zeichnet sich im Allgemeinen durch größere Aufnahmefähigkeit für revolutionäre Ideen aus: Das hatte sich im Jahre 1905 krass gezeigt. Wenn sich dagegen die Artillerie im Jahre 1917 konservativer als die Infanterie erwies, lag der Grund darin, dass durch die Infanterietruppenteile, wie durch ein Sieb, immer neue und immer weniger bearbeitete Menschenmassen gingen; die Artillerie aber, die unendlich geringere Verluste zu tragen hatte, behielt ihre alten Kader. Das Gleiche konnte man bei den anderen Spezialtruppen beobachten. Aber letzten Endes hielt auch die Artillerie nicht stand.

Während des Rückzuges aus Galizien wurde ein Geheimbefehl des Höchstkommandierenden erlassen: wegen Desertion und anderer Verbrechen die Soldaten mit Ruten zu peitschen. Der Soldat Pirejko erzählt: »Man begann die Soldaten wegen der nichtigsten Vergehen auszupeitschen, wie zum Beispiel wegen eigenmächtiger Entfernung von der Truppe für einige Stunden; mitunter peitschte man nur zu dem Zwecke, den Kriegsgeist zu heben.« Bereits am 17. September 1915 schrieb Kuropatkin, sich auf Gutschkow berufend: »Die Soldaten gingen mit Begeisterung in den Krieg. Jetzt sind sie müde und haben durch den ständigen Rückzug den Glauben an den Sieg verloren.« Ungefähr zur gleichen Zeit charakterisierte der Innenminister die in Moskau in den Lazaretten befindlichen 30.000 genesenden Soldaten: »Das ist eine gewalttätige Bande, die keine Disziplin anerkennt, skandaliert, sich mit den Schutzleuten in Schlägereien einlässt (kurz vorher war einer von Soldaten erschlagen worden), Verhaftete befreit und so weiter. Es unterliegt keinem Zweifel, dass im Falle von Unruhen diese Horde sich der Menge anschließen wird.« Der gleiche Soldat Pirejko schreibt: »Alle, ohne Ausnahme, interessierten sich nur für den Frieden ... Wer siegen wird und wie der Sieg sein wird – das interessierte die Armee am wenigsten. Sie brauchte Frieden um jeden Preis, denn sie war des Krieges müde.«

Eine Frau mit Beobachtungsgabe, S. Fedortschenko, hat als Krankenschwester die Gespräche, ja fast schon die Gedanken der Soldaten belauscht und kunstvoll auf losen Blättern niedergeschrieben. Das auf diese Weise entstandene Büchlein »Volk im Kriege« ermöglicht, einen Blick in jenes Laboratorium zu werfen, wo Bomben, Stacheldraht, Giftgase und Niedertracht der Behörden während vieler Monate das Bewusstsein einiger Millionen russischer Bauern bearbeiteten und wo neben menschlichen Knochen jahrhundertealte Vorurteile auseinanderkrachten. In vielen dieser urwüchsigen Soldatenaphorismen sind bereits Losungen des späteren Bürgerkrieges enthalten.

General Russki klagt im Dezember 1916, Riga sei das Unglück der Nordfront. Das sei, wie Dwinsk, ein »von Propaganda durchsetztes Nest«. General Brussilow bestätigte: Aus dem Rigaer Bezirk kämen die Truppenteile demoralisiert an, die Soldaten weigerten sich, zur Attacke vorzugehen, einen Kompanieführer habe man mit den Bajonetten aufgespießt, man hätte einige Mann erschießen müssen, und so weiter. »Der Boden für die endgültige Zersetzung der Armee war lange vor der Umwälzung vorhanden«, gesteht Rodsjanko, der mit Offizieren in Verbindung war und die Front wiederholt besucht hatte.

Die anfänglich zersplitterten revolutionären Elemente waren in der Armee fast spurlos untergetaucht. Doch mit dem Wachstum der allgemeinen Unzufriedenheit kamen sie an die Oberfläche. Das strafweise Verschicken streikender Arbeiter an die Front füllte die Reihen der Agitatoren auf und die Rückzüge schufen ihnen ein geneigtes Auditorium. »Die Armee im Hinterland und ganz besonders an der Front«, meldet die Ochrana, »ist voll von Elementen, die zum Teil fähig sind, eine aktive Kraft des Aufstandes zu werden, während die anderen nur imstande wären, die Unterdrückungsarbeit zu verweigern ...« Die Petrograder Gouvernementsgendarmerieverwaltung meldet im Oktober 1916 auf Grund des Berichtes eines Bevollmächtigten des Semstwoverbandes, dass die Stimmung in der Armee besorgniserregend, das Verhältnis zwischen Offizieren und Soldaten äußerst gespannt sei, sogar blutige Zusammenstöße vorkämen und man überall zu Tausenden Deserteuren begegne. »Jeder, der in die Nähe der Armee kommt, muss den vollen und überzeugenden Eindruck von der unbedingten moralischen Zersetzung der Truppen gewinnen.« Aus Vorsicht fügt der Bericht hinzu, dass man, obwohl vieles in diesen Äußerungen wenig glaubhaft erscheine, doch gezwungen sei, daran zu glauben, da viele von der aktiven Armee zurückgekehrte Ärzte Meldungen in gleichem Sinne erstattet hätten.

Die Stimmungen des Hinterlandes entsprachen den Stimmungen der Front. Auf einer Konferenz der Kadettenpartei im Oktober 1916 hob die Mehrzahl der Delegierten die Apathie und den Unglauben an einen siegreichen Kriegsausgang hervor – »in allen Bevölkerungsschichten, besonders jedoch im Dorfe und unter der städtischen Armut«. Am 30. Oktober 1916 schrieb der Direktor des Polizeidepartements in seiner Berichterstattung von der »überall und in allen Bevölkerungsschichten zu beobachtenden gewissen Kriegsmüdigkeit und der Sehnsucht nach baldigem Frieden, unter welchen Bedingungen immer er auch geschlossen werden würde ...«

Nach einigen Monaten werden alle diese Herrschaften, Deputierte und Polizisten, Generale und Semstwobevollmächtigte, Ärzte und frühere Gendarmen, einstimmig behaupten, die Revolution habe den Patriotismus in der Armee ertötet und die Bolschewiki den sicheren Sieg ihren Händen entrissen.

Als Chorführer des kriegerischen Patriotismus wirkten ohne Zweifel die konstitutionellen Demokraten (Kadetten). Nachdem er seine problematischen Bande mit der Revolution schon Ende 1905 zerrissen hatte, erhob der Liberalismus mit Einsetzen der Konterrevolution das Banner des Imperialismus. Das eine ergab sich aus dem anderen. Fehlt die Möglichkeit, das Land vom feudalen Gerümpel zu säubern, um der Bourgeoisie den herrschenden Platz zu sichern, bleibt nur ein Bündnis mit Monarchie und Adel, um dem Kapital einen besseren Platz in der Weltarena zu sichern. Wenn wahr ist, dass die Weltkatastrophe von verschiedenen Seiten vorbereitet worden und für ihre verantwortlichen Organisatoren bis zu einem gewissen Grade überraschend gekommen war, so ist ebenso unzweifelhaft, dass bei ihrer Vorbereitung der russische Liberalismus, als Inspirator der Außenpolitik der Monarchie, nicht die letzte Stelle eingenommen hatte. Den Krieg von 1914 begrüßten die Führer der russischen Bourgeoisie mit vollem Recht als ihren Krieg. In der feierlichen Sitzung der Reichsduma vom 26. Juli 1914 verkündete der Vertreter der Kadettenfraktion: »Wir stellen keine Bedingungen und Forderungen, wir legen einfach auf die Waage den festen Willen, den Gegner zu überwinden.« Die nationale Einigkeit wurde auch in Russland zur offiziellen Doktrin. Während der patriotischen Kundgebungen in Moskau erklärte der Oberzeremonienmeister, Graf Benkendorf, den Diplomaten: »Hier haben Sie die Revolution, die man uns in Berlin vorausgesagt hat!« »Dieser Gedanke«, erklärt der französische Gesandte Paléologue, »beherrscht offensichtlich alle.« Diese Menschen betrachten es als ihre Pflicht, Illusionen zu nähren und auszustreuen in einer Situation, die, wie es scheinen sollte, Illusionen absolut ausschloss.

Auf ernüchternde Lehren sollte man nicht lange warten. Schon gleich nach Kriegsbeginn rief einer der expansivsten Kadetten, der Advokat und Gutsbesitzer Roditschew, in der Sitzung des Zentralkomitees seiner Partei aus: »Ja glaubt ihr wirklich, dass man mit diesen Dummköpfen siegen kann!« Die Ereignisse zeigten, dass man mit Dummköpfen nicht siegen konnte. Nachdem er bereits zur guten Hälfte den Glauben an den Sieg verloren hatte, versuchte der Liberalismus das Beharrungsvermögen des Krieges zu einer Säuberung der Kamarilla auszunutzen und die Monarchie zu einem Pakt zu zwingen. Als Hauptmittel zu diesem Zweck dienten die gegen die Hofpartei gerichteten Beschuldigungen des Germanophilentums und der Vorbereitung eines Separatfriedens.

Im Frühling 1915, als die waffenlosen Truppen auf der ganzen Front sich im Rückzuge befanden, wurde in den Regierungssphären, nicht ohne Druck seitens der Alliierten, beschlossen, die Initiative der Privatindustrie heranzuziehen zur Arbeit für die Armee. Die zu diesem Zweck geschaffene »Besondere Beratung« umfasste neben den Bürokraten die einflussreichsten Industrieführer. Die bei Kriegsbeginn entstandenen Semstwo- und Städteverbände und die im Frühling 1915 gegründeten Kriegsindustriekomitees wurden Stützpunkte der Bourgeoisie im Kampfe um Sieg und Macht. Die Reichsduma sollte, indem sie sich auf diese Organisationen stützte, desto sicherer als Mittlerin zwischen Bourgeoisie und Monarchie auftreten.

Die breiten politischen Perspektiven lenkten jedoch die Blicke nicht ab von den folgenschweren Tagesaufgaben. Wie aus einem Hauptreservoir wurden aus der »Besonderen Beratung« Dutzende und Hunderte von Millionen, die zu Milliarden anwuchsen, durch weitverzweigte Kanäle geleitet, berieselten reichlich die Industrie und stillten unterwegs noch eine Menge Appetite. In der Reichsduma und in der Presse wurden einige Kriegsgewinne für das Jahr 1915 bis 1916 bekannt gegeben: Die Gesellschaft des Moskauer liberalen Textilfabrikanten Rjabuschinski wies 75 Prozent Reingewinn aus; die Twerer Manufaktur sogar 111 Prozent; das Kupferwalzwerk Koljtschugin warf bei einem Grundkapital von 10 Millionen 12 Millionen Gewinn ab. Die Tugend des Patriotismus wurde in diesem Sektor im Überfluss und dabei unverzüglich belohnt.

Spekulationen aller Art und Börsenspiel erreichten den Paroxysmus. Riesenvermögen entstanden aus dem Blutschaum. Der Mangel an Brot und Heizstoff in der Hauptstadt hinderte den Hofjuwelier Fabergé nicht, zu prahlen, er habe noch niemals so vorzügliche Geschäfte gemacht. Das Hoffräulein Wyrubowa erzählt, dass in keiner Saison so teure Kleider bestellt und so viele Brillanten gekauft wurden wie im Winter 1915–16. Die Nachtlokale waren überfüllt von Hinterlandshelden, legalen Deserteuren und sonstigen ehrenwerten Herrschaften, für die Front zu alt, aber noch jung genug für die Freuden des Lebens. Die Großfürsten waren nicht die Letzten unter den Teilnehmern am Festgelage während der Pest. Keiner hatte Angst, zuviel auszugeben. Von oben strömte ein ununterbrochener goldener Regen. Die

»Gesellschaft« hielt Hände und Taschen hin, die aristokratischen Damen schürzten die Röcke, alle patschten durch den Blutschlamm – Bankiers, Intendanten, Industrielle, Zaren- und Großfürstenballerinen, orthodoxe Hierarchen, Hoffräuleins, liberale Deputierte, Front- und Etappengenerale, radikale Advokaten, erlauchte Mucker beiderlei Geschlechts, zahlreiche Neffen und besonders Nichten. Alle beeilten sich mit dem Raffen und Prassen, vor Angst, der segensreiche Regen könnte aufhören, und alle wiesen den schmachvollen Gedanken an vorzeitigen Frieden mit Entrüstung zurück.

Gemeinsame Gewinne, äußere Niederlagen und innere Gefahren brachten die besitzenden Klassen einander näher. Die noch am Vorabend des Krieges uneinige Duma erhielt im Jahre 1915 ihre patriotisch-oppositionelle Mehrheit, die den Namen »progressiver Block« annahm. Als sein offizielles Ziel wurde selbstverständlich »die Befriedigung der durch den Krieg hervorgerufenen Bedürfnisse« proklamiert. Von links gingen in den Block nicht hinein die Sozialdemokraten und die Trudowiki (Bauernvertreter), von rechts offene Schwarzhundertgruppierungen. Alle übrigen Fraktionen der Duma: Kadetten, Progressisten, drei Gruppen Oktobristen, Zentrum und ein Teil der Nationalisten gehörten zum Block oder lehnten sich an ihn an, auch die nationalen Gruppen, wie Polen, Litauer, Muselmanen, Juden und so weiter. Um den Zaren nicht durch die Formel des verantwortlichen Ministeriums abzuschrecken, forderte der Block »eine vereinigte Regierung aus Personen, die das Vertrauen des Landes genießen«. Der Innenminister, Fürst Schtscherbatow, bezeichnete den progressiven Block schon damals als eine zeitweilige »Vereinigung, hervorgerufen durch die Gefahren der sozialen Revolution«. Um dies zu begreifen, war übrigens nicht viel Scharfsinn notwendig. Miljukow, der an der Spitze der Kadetten und damit auch des oppositionellen Blocks stand, sagte auf der Konferenz seiner Partei: »Wir schreiten über einen Vulkan ... Die Spannung hat die letzte Grenze erreicht ... es genügt ein unvorsichtig hingeworfenes Zündholz, um einen schrecklichen Brand zu entfachen ... Wie die Macht auch sein mag – gut oder schlecht –, aber mehr denn je ist jetzt eine feste Macht nötig.«

Die Hoffnung, der Zar werde unter der Last der Niederlagen zu Konzessionen bereit sein, war so groß, dass die liberale Presse im August eine fertige Liste des geplanten »Kabinetts des Vertrauens« veröffentlichte, mit dem Dumavorsitzenden Rodsjanko als Premierminister (nach einer anderen Version war für diese Rolle der Vorsitzende des Semstwoverbandes, Fürst Lwow, auserkoren), Gutschkow als Innenminister, Miljukow als Außenminister und so weiter. Die Mehrzahl dieser Personen, die für ein Bündnis mit dem Zaren gegen die Revolution vorgesehen waren, wurden anderthalb Jahre später Mitglieder der »revolutionären« Regierung. Solche Späße erlaubte sich die Geschichte mehr als einmal. Diesmal war der Scherz mindestens kurz.

Durch den Gang der Ereignisse nicht weniger erschrocken als die Kadetten, neigte die Mehrzahl der Minister des Kabinetts Goremykin zu einer Verständigung mit dem progressiven Block. »Eine Regierung, hinter der weder das Vertrauen des Trägers der obersten Macht steht, noch der Armee, der Städte, der Semstwos, des Adels, der Kaufleute oder der Arbeiter, kann nicht nur nicht arbeiten, sondern auch nicht existieren. Das ist eine offensichtliche Absurdität.« Mit solchen Worten schätzte Fürst Schtscherbatow im August 1915 jene Regierung ein, deren Innenminister er selbst war. »Man muss nur alles anständig einrichten und ein Schlupfloch offen lassen«, sagte der Außenminister Sasonow, »und die Kadetten werden als erste auf eine Verständigung eingehen: Miljukow ist der größte Bourgeois und fürchtet nichts mehr als die soziale Revolution. Wie überhaupt die Mehrzahl der Kadetten um ihr Kapital zittert.« Auch Miljukow seinerseits war der Meinung, der progressive Block werde in »manchem nachgeben« müssen. Beide Parteien waren somit bereit, mit sich handeln zu lassen, und alles schien wie geölt. Aber am 29. August reiste der Premier Goremykin – ein von Jahren und Würden beschwerter Bürokrat, ein alter Zyniker, der Politik zwischen zwei Grandes Patiencen machte und für alle Klagen die Ausrede hatte, dass der Krieg ihn »nichts angeht« – mit einem Bericht für den Zaren ins Hauptquartier und kehrte mit der Nachricht zurück, alles und alle müssten auf den Plätzen verbleiben, außer der widerspenstigen Duma, die am 3. September aufzulösen sei. Das Verlesen des Zarenukases über die Dumaauflösung wurde ohne ein Wort des Protestes angehört: Die Deputierten brachten ein »Hurra« auf den Zaren aus und gingen auseinander.

Wie aber konnte die Zarenregierung, die nach ihrem eigenen Geständnis nirgends eine Stütze hatte, sich danach noch über anderthalb Jahre halten? Vorübergehende Erfolge der russischen Truppen übten zweifellos ihre Wirkung, verstärkt durch die des segenspendenden goldenen Regens. Die Erfolge an der Front hörten zwar bald auf, aber die Gewinne im Hinterlande hielten an. Jedoch die Hauptursache für die Festigung der Monarchie zwölf Monate vor ihrem Sturze wurzelte in der scharfen Differenzierung der Volksunzufriedenheit. Der Chef der Moskauer Ochrana berichtete im Juli über die Zunahme rechter Stimmungen bei der Bourgeoisie unter dem Einfluss »der Angst vor der Möglichkeit revolutionärer Exzesse nach dem Kriege«. Eine Revolution während des Krieges hielt man, wie wir sehen, noch immer für ausgeschlossen. Obendrein waren die Industriellen »über das Anbändeln einiger Führer der Kriegsindustriekomitees mit dem Proletariat« besorgt. Die allgemeine Schlussfolgerung des Gendarmerieobersten Martynow, an dem die berufliche Lektüre der marxistischen Literatur nicht spurlos vorbeigegangen war, lautete, dass die Ursache einer gewissen Besserung der politischen Lage zu suchen sei »in der mehr und mehr fortschreitenden Differenzierung der Gesellschaftsklassen, welche die in der gegenwärtigen Zeit besonders fühlbaren scharfen Interessengegensätze aufdeckt«.

Die Dumaauflösung im September 1915 war eine direkte Herausforderung der Bourgeoisie und nicht der Arbeiter. Aber während die Liberalen unter allerdings nicht sehr begeisterten Hurrarufen auseinander gingen, antworteten die Arbeiter Petrograds und Moskaus mit Proteststreiks. Das kühlte die Liberalen noch mehr ab: Sie hatten am meisten Furcht vor der Einmischung des unerbetenen Dritten in ihren Familiendialog mit der Monarchie. Aber was blieb zu tun? Unter leisem Murren seines linken Flügels traf der Liberalismus die Wahl nach erprobtem Rezept: ausschließlich auf legalem Boden stehen und durch Erfüllung der patriotischen Funktionen die Bürokratie »gleichsam überflüssig« machen. Die Liste eines liberalen Ministeriums musste man jedenfalls zurücklegen.

Die Lage verschlechterte sich inzwischen automatisch. Im Mai 1916 trat die Duma wieder zusammen, aber niemand wusste eigentlich wozu. Zur Revolution aufzurufen, das lag am allerwenigsten in ihrer Absicht. Sonst aber hatte sie nichts zu sagen. »In dieser Session«, erinnert sich später Rodsjanko, »ging die Arbeit lau vonstatten, die Deputierten besuchten die Sitzungen unpünktlich ... Der ewige Kampf schien fruchtlos, die Regierung wollte von nichts hören, die Misswirtschaft nahm zu, und das Land ging dem Untergange entgegen.« Aus der Angst der Bourgeoisie vor der Revolution und aus der Ohnmacht der Bourgeoisie ohne Revolution schöpfte die Monarchie während des Jahres 1916 eine Art gesellschaftlicher Unterstützung.

Zum Herbst verschärfte sich die Lage noch mehr. Die Hoffnungslosigkeit des Krieges wurde für alle offenbar, die Entrüstung der Volksmassen drohte jeden Augenblick überzulaufen. Die Hofpartei weiter wegen »Germanophilentums« attackierend, erachteten es die Liberalen gleichzeitig als notwendig, die Friedenschancen abzutasten, ihren morgigen Tag vorzubereiten. Nur so lassen sich auch die Verhandlungen eines Führers des progressiven Blocks, des Deputierten Protopopow, mit dem deutschen Diplomaten Warburg im Herbst 1916 in Stockholm erklären. Eine Dumadelegation, die den Franzosen und Engländern Freundschaftsbesuche abstattete, hatte sich in Paris und London mühelos davon überzeugen können, dass die teuren Verbündeten die Absicht hegten, während des Krieges alle Lebenssäfte aus Russland auszupressen, um nach dem Siege das rückständige Land zum wichtigsten Feld ökonomischer Ausbeutung zu machen. Das geschlagene Russland im Schlepptau der siegreichen Entente hätte ein Kolonialrussland bedeutet. Es blieb den russischen besitzenden Klassen kein anderer Ausweg, als zu versuchen, sich aus den zu engen Umarmungen der Entente zu befreien und, den Antagonismus der zwei mächtigen Lager ausnutzend, einen eigenen Weg zum Frieden zu finden. Die Zusammenkunft des Vorsitzenden der Dumadelegation mit dem deutschen Diplomaten, als erster Schritt auf diesem Wege, bedeutete sowohl eine Drohung an die Adresse der Alliierten zu dem Zwecke, Konzessionen zu erlangen, als auch eine Abtastung der realen Möglichkeiten einer Annäherung an Deutschland. Protopopow handelte mit Zustimmung nicht nur der zaristischen Diplomatie – die Zusammenkunft selbst fand in Gegenwart des russischen Gesandten in Schweden statt –, sondern auch der gesamten Delegation der Reichsduma. Nebenbei verfolgten die Liberalen mit dieser Sondierung kein minder wichtiges inneres Ziel: Verlasse dich auf uns – deuteten sie dem Zaren an – und wir werden dir einen Separatfrieden besorgen, besser und sicherer als Stürmer. Nach dem Plan Protopopows, das heißt seiner Inspiratoren, sollte die russische Regierung die Alliierten »einige Monate zuvor« verständigen, dass sie gezwungen sei, den Krieg zu beenden, und dass Russland, falls die Alliierten sich weigern sollten, Friedensverhandlungen aufzunehmen, einen Separatfrieden mit Deutschland schließen müsse. In seiner schon nach der Revolution verfassten Beichte spricht Protopopow wie von etwas Selbstverständlichem: »Alle vernünftigen Menschen in Russland, darunter wohl sämtliche Führer der Partei der ›Volksfreiheit‹ (Kadetten), waren überzeugt, dass Russland nicht imstande sei, den Krieg fortzusetzen.«

Der Zar, dem Protopopow nach der Rückkehr über Reise und Verhandlungen Bericht erstattete, verhielt sich durchaus zustimmend zur Idee eines Separatfriedens. Nur sah er keinen Grund, die Liberalen zu dieser Sache hinzuzuziehen. Dass Protopopow sich beiläufig selbst der Hofkamarilla anschloss und mit dem progressiven Block brach, ist aus dem persönlichen Charakter dieses Gecken zu erklären, der sich, nach seinen eigenen Worten, in Zar und Zarin und gleichzeitig – in das unerwartet gekommene Ministerportefeuille des Inneren verliebt hatte. Doch die Episode des protopopowschen Verrats am Liberalismus ändert nicht im Geringsten den Sinn der liberalen Außenpolitik, als einer Vereinigung aus Habgier, Feigheit und Treubruch.

Am 1. November versammelte sich wieder die Duma. Die Spannung im Lande war unerträglich geworden. Man erwartete von der Duma entschlossene Schritte. Man musste etwas tun oder wenigstens sagen. Der progressive Block war wieder einmal gezwungen, zu parlamentarischen Enthüllungen zu greifen. Die wichtigsten Schritte der Regierung von der Tribüne herab aufzählend, fragte Miljukow jedes Mal: »Ist es Dummheit oder Verrat?« Hohe Töne verwandten auch die übrigen Deputierten. Die Regierung fand fast keine Verteidiger. Sie antwortete auf ihre Art: Die Dumareden zu drucken wurde untersagt. Darum fanden sie Absatz in Millionen von Exemplaren. Es gab keine Regierungskanzlei, weder im Hinterlande noch an der Front, in der man die verbotenen Reden nicht abschrieb, häufig mit Anmerkungen, die dem Temperament des Abschreibers entsprachen. Das Echo der Debatten vom 1. November war derart, dass die Enthüller selbst das Gruseln überkam.

Eine Gruppe äußerster Rechter, eingefleischter Bürokraten, inspiriert von Durnowo, dem Bezwinger der Revolution von 1905, überreichte in diesem Moment dem Zaren eine programmatische Denkschrift. Das Auge der reicherfahrenen Würdenträger, die eine ernste Polizeischule durchgemacht hatten, sah weit genug und manches nicht schlecht, und wenn ihre Heilrezepte untauglich waren, so nur, weil es gegen die Krankheiten des alten Regimes überhaupt kein Heilmittel gab. Die Autoren der Denkschrift traten gegen jegliche Konzessionen an die bürgerliche Opposition auf, nicht weil die Liberalen etwa zu weit gehen könnten, wie die vulgären Schwarzhundert wähnten, auf die die hohen Reaktionäre von oben herabblickten, nein, das Unglück sei, dass die Liberalen »so schwach, so uneinig und, man muss offen sagen, so unfähig sind, dass ihr Sieg ebenso kurz wie unsicher wäre«. Die Schwäche der wichtigsten oppositionellen Partei, der »konstitutionell-demokratischen« (kadettischen), sei schon durch ihren Namen gekennzeichnet: Sie nenne sich demokratisch, obwohl sie ihrem Wesen nach bürgerlich sei; während sie in hohem Maße die Partei der liberalen Gutsbesitzer darstelle, habe sie in ihr Programm die zwangsweise Bodenablösung aufgenommen. »Ohne diese Trümpfe aus fremdem Kartenspiel«, schrieben die Geheimräte, die ihnen gewohnte Bildersprache gebrauchend, »sind die Kadetten nichts anderes als eine zahlreiche Gesellschaft liberaler Advokaten, Professoren und Beamten verschiedener Ressorts – nichts mehr.« Anders – die Revolutionäre. Die Anerkennung der Bedeutung der revolutionären Parteien begleitet die Denkschrift mit Zähneknirschen: »Die Gefahr und die Macht dieser Parteien besteht darin, dass sie eine Idee, Geld (!), eine bereite und gut organisierte Masse besitzen.« Die revolutionären Parteien »dürfen auf die Sympathie der Mehrheit der Bauernschaft rechnen, die sogleich mit dem Proletariat gehen wird, wenn die revolutionären Führer ihr fremden Grund und Boden zeigen werden«. Was würde unter diesen Bedingungen die Errichtung eines verantwortlichen Ministeriums ergeben? »Die volle und endgültige Zerschlagung der Parteien der Rechten, das allmähliche Verschlingen der Mittelparteien – des Zentrums, der liberalen Konservativen, Oktobristen und Progressisten – durch die Kadettenpartei, die anfangs entscheidende Bedeutung bekäme. Doch den Kadetten würde das gleiche Schicksal drohen ... Und danach? Danach würde die revolutionäre Masse auf den Plan treten, die Kommune folgen, der Untergang der Dynastie, Pogrome auf die besitzenden Klassen und schließlich der Räuber-Muschik.« Man kann nicht leugnen, dass die reaktionär-polizeiliche Wut sich hier zu eigenartigem historischen Weitblick erhebt.

Das positive Programm der Denkschrift ist nicht neu, aber konsequent: eine Regierung aus unnachgiebigen Anhängern des Selbstherrschertums; Abschaffung der Duma; Belagerungszustand in beiden Hauptstädten; Vorbereitung der Kräfte zur Unterdrückung der Rebellion. Im Wesentlichen bildete denn auch dieses Programm die Grundlage der Regierungspolitik der letzten vorrevolutionären Monate. Doch setzte ihr Erfolg eine Macht voraus, die Durnowo im Winter 1905 in Händen hatte, die aber im Herbst 1917 bereits nicht mehr existierte. Die Monarchie versuchte deshalb, das Land verstohlen und stückweise zu ersticken. Das Ministerium wurde erneuert nach dem Prinzip der »eigenen« Leute, die dem Zaren und der Zarin bedingungslos ergeben waren. Doch diese »Eigenen«, vor allem der Überläufer Protopopow, waren nichtig und kläglich. Die Duma wurde nicht abgeschafft, aber wieder aufgelöst, die Verkündung des Belagerungszustandes in Petrograd bis zu dem Moment aufgespart, wo die Revolution bereits gesiegt hatte. Und die für die Unterdrückung der Meuterei bereitgehaltenen Militärkräfte wurden selbst von der Meuterei erfasst. Das alles zeigte sich bereits nach zwei bis drei Monaten.

Der Liberalismus machte inzwischen letzte Anstrengungen, die Lage zu retten. Alle Organisationen der Großbourgeoisie unterstützten die Novemberreden der Dumaopposition durch eine Reihe weiterer Erklärungen. Die herausforderndste war die Resolution des Städtebundes vom 9. Dezember:

»Unverantwortliche Verbrecher, wahnsinnige Fanatiker bereiten Russlands Niederlage, Schande und Knechtschaft vor.« Die Reichsduma wird aufgefordert, »solange nicht auseinander zu gehen, bis eine verantwortliche Regierung erreicht ist«. Sogar der Staatsrat, das Organ der Bürokratie und des Großbesitzes, sprach sich dafür aus, Menschen in die Regierung zu berufen, die das Vertrauen des Landes besitzen. Ein ähnliches Gesuch stellte der Kongress des vereinigten Adels: Die moosbedeckten Steine begannen zu reden. Doch nichts änderte sich. Die Monarchie ließ den Rest der Macht nicht aus den Händen.

Die letzte Session der letzten Duma wurde, nach Schwankungen und Verzögerungen, auf den 14. Februar 1917 angesetzt. Bis zum Ausbruch der Revolution verblieben weniger als zwei Wochen. Man erwartete Demonstrationen. In der »Rjetsch«, dem Organ der Kadetten, wurde, neben der Anzeige des Chefs des Petrograder Militärbezirks, des Generals Chabalow, über das Demonstrationsverbot, ein Brief Miljukows abgedruckt, der die Arbeiter vor »schlechten und gefährlichen Ratschlägen«, die »dunklen Quellen« entstammten, warnte. Trotz der Streiks verlief die Dumaeröffnung verhältnismäßig ruhig. Indem sie sich den Anschein gab, als interessiere sie die Regierungsfrage nicht mehr, beschäftigte sich die Duma mit einer akuten, aber rein praktischen Frage: der Ernährung. Die Stimmung sei flau gewesen, erinnerte sich später Rodsjanko, »man empfand die Ohnmacht der Duma und Müdigkeit vom vergeblichen Kampfe«. Miljukow wiederholte mehrmals, dass der progressive Block »mit dem Wort und nur mit dem Wort wirken wird«. In solcher Gestalt trat die Duma in den Strudel der Februarrevolution.

Proletariat und Bauernschaft

Das russische Proletariat machte seine ersten Schritte unter den politischen Bedingungen eines despotischen Staates. Gesetzlich verbotene Streiks, unterirdische Zirkel, illegale Proklamationen, Straßendemonstrationen, Zusammenstöße mit Polizei und Truppen – das war eine Schule, geschaffen aus der Verquickung der Bedingungen des sich schnell entwickelnden Kapitalismus und des seine Positionen langsam räumenden Absolutismus. Die Zusammenballung der Arbeiter in Riesenbetrieben, der konzentrierte Charakter des staatlichen Druckes, schließlich die Impulsivität des jungen und frischen Proletariats führten dazu, dass der politische Streik, im Westen so selten, in Russland die Hauptmethode des Kampfes wurde. Die Zahlen der Arbeiterstreiks seit Beginn dieses Jahrhunderts bilden den lehrreichsten Index der politischen Geschichte Russlands. Bei allem Bestreben, den Text nicht durch Zahlen zu belasten, ist es unmöglich, auf die Einfügung einer Tabelle der politischen Streiks in Russland für die Zeit vom Jahre 1903–1917 zu verzichten. Auf ihren einfachsten Ausdruck gebracht, beziehen sich die Angaben nur auf Betriebe, die der Fabrikinspektion unterstellt waren; Eisenbahnen, Bergwerksindustrie, Handwerks- und überhaupt Kleinbetriebe, ganz abgesehen von der Landwirtschaft, blieben dabei aus verschiedenen Gründen unberücksichtigt. Aber die periodischen Veränderungen der Streikkurve treten dadurch nicht minder deutlich hervor.

Wir haben vor uns eine in ihrer Art einzig dastehende Kurve der politischen Temperatur einer Nation, die eine große Revolution in ihrem Schoße trägt. In einem rückständigen Lande mit einem an Zahl geringen Proletariat – in den der Fabrikinspektion unterstellten Betrieben sind etwa 1½ Millionen Arbeiter im Jahre 1905, etwa 2 Millionen im Jahre 1917! – nimmt die Streikbewegung ein solches Ausmaß an, wie es vorher die Welt nirgendwo gekannt hatte. Bei der Schwäche der kleinbürgerlichen Demokratie, der Zersplitterung und politischen Blindheit der Bauernbewegung wird der revolutionäre Arbeiterstreik zu einem Mauerbrecher, den die erwachende Nation gegen das Bollwerk des Absolutismus richtet. 1.843.000 Teilnehmer an politischen Streiks während des einen Jahres 1905 – Arbeiter, die an mehreren Streiks teilgenommen haben, werden hier selbstverständlich wiederholt gezählt –, allein diese Zahl würde gestatten, auf der Tabelle mit dem Finger das Revolutionsjahr zu bezeichnen, selbst wenn wir nichts anderes über Russlands politischen Kalender wüssten.

Für das Jahr 1904, das erste Jahr des Russisch-Japanischen Krieges, zeigt die Fabrikinspektion im Ganzen nur 25.000 Streikende an. Im Jahre 1905 gab es politische und ökonomische Streikende zusammen 2.863.000, also 115mal soviel als im vorangegangenen Jahr. Dieser verblüffende Sprung bringt an sich auf den Gedanken, dass das Proletariat, durch den Gang der Ereignisse zur Improvisation einer solch unerhörten revolutionären Aktivität gezwungen, um jeden Preis aus seiner Tiefe eine Organisation hervorbringen musste, die dem Ausmaß des Kampfes und der Grandiosität der Aufgaben entsprach: Das waren eben die Sowjets, die, aus der ersten Revolution geboren, zu Organen des allgemeinen Streiks und des Kampfes um die Macht wurden.

Das im Dezemberaufstand 1905 niedergerungene Proletariat macht heroische Anstrengungen, einen Teil der eroberten Positionen im Laufe der nächsten zwei Jahre zu behaupten, die, wie die Streikziffern zeigen, sich noch unmittelbar an die Revolution anlehnen, aber doch schon Jahre der Ebbe sind. Die vier weiteren Jahre (1908–1911) treten im Spiegel der Streikstatistik als Jahre der siegreichen Konterrevolution auf. Die damit zusammenfallende industrielle Krise erschöpft das ohnehin leergeblutete Proletariat noch mehr. Die Tiefe des Niederganges ist proportional der Höhe des Aufstieges. Die Konvulsionen der Nation finden ihren Ausdruck in diesen einfachen Zahlen.

Die Belebung der Industrie, die im Jahre 1910 einsetzt, bringt die Arbeiter auf die Beine und gibt ihrer Energie einen neuen Anstoß. Die Zahlen der Jahre 1912–1914 wiederholen fast die Angaben über die Jahre 1905–1907, nur in umgekehrter Ordnung: nicht vom Aufstieg zum Niedergang, sondern vom Niedergang zum Aufstieg. Auf neuen, höheren historischen Grundlagen – es gibt jetzt mehr Arbeiter, und sie haben mehr Erfahrung – beginnt die neue revolutionäre Offensive. Das erste Halbjahr 1914 nähert sich nach der Zahl der politischen Streikenden merklich dem Kulminationsjahr der ersten Revolution. Doch der Krieg bricht aus und unterbindet jäh diesen Prozess. Die ersten Monate des Krieges sind durch politische Reglosigkeit der Arbeiterklasse gezeichnet. Doch schon im Frühling 1915 beginnt die Starre zu weichen. Es setzt ein neuer Zyklus politischer Streiks ein, der sich im Februar 1917 in den Aufstand der Arbeiter und Soldaten entlädt.

Die heftigen Fluten und Ebben des Massenkampfes verwandelten das russische Proletariat im Laufe einiger Jahre bis zur Unkenntlichkeit. Fabriken, die noch zwei, drei Jahre vorher wegen irgendeines vereinzelten Aktes polizeilicher Willkür einmütig in den Streik getreten waren, verloren jetzt das revolutionäre Gesicht und nahmen die ungeheuerlichsten Verbrechen der Behörden widerstandslos hin. Große Niederlagen entmutigten für lange. Die revolutionären Elemente verlieren die Macht über die Massen. Noch nicht erloschene Vorurteile und Aberglaube gewinnen in ihrem Bewusstsein die Oberhand. Die grauen Abkömmlinge des Dorfes verwässern inzwischen die Arbeiterreihen. Die Skeptiker schütteln ironisch die Köpfe. So geschah es in den Jahren 1907 bis 1911. Doch die molekularen Prozesse in den Massen heilen die psychischen Wunden der Niederlagen. Eine neue Wendung der Ereignisse oder ein unterirdischer ökonomischer Anstoß eröffnet einen neuen politischen Zyklus. Revolutionäre Elemente finden wieder ihr Auditorium. Der Kampf lebt auf höherer Stufe auf.

Zum Verständnis der beiden Hauptströmungen in der russischen Arbeiterklasse ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass der Menschewismus sich endgültig in den Jahren der Reaktion und der Ebbe formte, hauptsächlich gestützt auf die dünne Arbeiterschicht, die mit der Revolution gebrochen hatte, während der Bolschewismus, in der Periode der Reaktion grausam niedergeschlagen, sich in den Jahren vor dem Kriege auf dem Rücken der neuen revolutionären Flut schnell aufzurichten begann. »Am energischsten, verwegensten, zum unermüdlichen Kampf, Widerstand und zur dauernden Organisierung am befähigsten sind jene Elemente, Organisationen und Personen, die sich um Lenin konzentrieren«, mit diesen Worten beurteilte das Polizeidepartement die Arbeit der Bolschewiki in den dem Kriege vorangegangenen Jahren.

Im Juli 1914, als die Diplomaten den letzten Nagel in das Kreuz eintrieben, an das Europa geschlagen werden sollte, brodelte es in Petrograd wie in einem revolutionären Kessel. Der Präsident der Französischen Republik, Poincaré, musste unter dem letzten Widerhall des Straßenkampfes und den ersten Lauten patriotischer Kundgebungen den Kranz am Denkmal Alexanders III. niederlegen.

Würde die Offensivbewegung der Massen in den Jahren 1912 bis 1914 unmittelbar zum Sturze des Zarismus geführt haben, wenn der Krieg nicht eingeschnitten hätte? Man kann diese Frage wohl kaum mit Bestimmtheit beantworten. Der Prozess führte unabwendbar zur Revolution. Aber welche Etappen hätte er dabei durchschreiten müssen? Lauerte ihm nicht noch eine Niederlage auf? Welche Frist hätten die Arbeiter nötig gehabt, um die Bauern auf die Beine zu bringen und die Armee zu gewinnen? Nach all diesen Richtungen hin sind nur Vermutungen möglich. Der Krieg hatte jedenfalls anfänglich dem Prozess einen rückläufigen Gang verliehen, um ihn im folgenden Stadium umso mächtiger zu beschleunigen und ihm einen überwältigenden Sieg zu sichern.

Beim ersten Trommelschlag erstarb die revolutionäre Bewegung. Die aktivsten Arbeiterschichten wurden mobilisiert. Die revolutionären Elemente aus den Betrieben an die Front geworfen. Auf Streiks standen strenge Strafen. Die Arbeiterpresse war weggefegt. Die Gewerkschaften erdrosselt. In die Werkstätten ergossen sich zu Hunderttausenden Frauen, Jugendliche, Bauern. Politisch desorientierte der Krieg in Verbindung mit dem Zusammenbruch der Internationale die Massen außerordentlich und gestattete der Fabrikadministration, die den Kopf erhoben hatte, im Namen der Betriebe patriotisch aufzutreten, einen bedeutenden Teil der Arbeiter mitzureißen und die Kühneren und Entschlosseneren zu zwingen, sich abwartend zurückzuziehen. Der revolutionäre Gedanke glimmte nur noch in kleinen, stillgewordenen Kreisen. Sich »Bolschewik« zu nennen, wagte zu jener Zeit in den Betrieben niemand, hieß das doch, sich der Verhaftung oder Verprügelung durch rückständige Arbeiter aussetzen.

Die bolschewistische Dumafraktion, schwach in der personellen Zusammensetzung, zeigte sich im Augenblick des Kriegsbeginns nicht auf der Höhe. Gemeinsam mit den menschewistischen Deputierten brachte sie eine Deklaration ein, in der sie sich verpflichtete, »das kulturelle Wohl des Volkes gegen jeden Anschlag, woher er auch kommen möge, zu verteidigen«. Mit Beifall unterstrich die Duma diese Preisgabe der Position. Von den russischen Organisationen und Gruppen der Partei bezog keine einzige eine offen defätistische Stellung, wie sie Lenin im Auslande proklamierte. Indes erwies sich der Prozentsatz an Patrioten unter den Bolschewiki als geringfügig. Im Gegensatz zu den Narodniki und Menschewiki begannen die Bolschewiki bereits seit dem Jahre 1914 in den Massen schriftliche und mündliche Agitation gegen den Krieg zu entfalten. Die Dumadeputierten erholten sich bald von der Verwirrung und nahmen die revolutionäre Arbeit wieder auf, über die die Behörden dank einem weitverzweigten Provokationssystem sehr genau informiert waren. Es genügt zu sagen, dass von den sieben Mitgliedern des Petersburger Parteikomitees am Vorabend des Krieges drei im Dienste der Ochrana standen. So spielte der Zarismus mit der Revolution Katze und Maus. Im November wurden die bolschewistischen Deputierten verhaftet. Im ganzen Lande setzte ein Vernichtungsfeldzug gegen die Partei ein. Im Februar 1915 fand vor dem Obergerichtshof die Verhandlung gegen die Fraktion statt. Die Deputierten ließen in ihrem Benehmen Vorsicht walten. Kamenew, der theoretische Inspirator der Fraktion, grenzte sich von der defätistischen Position Lenins ab, ebenso Petrowski, der heutige Vorsitzende des Zentralkomitees in der Ukraine. Das Polizeidepartement stellte mit Befriedigung fest, dass das strenge Urteil über die Deputierten keinerlei Protestbewegung seitens der Arbeiter hervorgerufen habe.

Es schien, als hätte der Krieg die Arbeiterklasse ausgetauscht. In bedeutendem Maße war es auch so: In Petrograd war der Arbeiterbestand fast vierzigprozentig erneuert. Die revolutionäre Nachfolge wurde schroff unterbrochen. Was vor dem Kriege gewesen war, darunter auch die Dumafraktion der Bolschewiki, trat mit einem Male in den Hintergrund und versank fast in Vergessenheit. Aber unter der unsicheren Hülle von Ruhe, Patriotismus, teils sogar Monarchismus häuften sich in den Massen Stimmungen für eine neue Explosion an.

Im August 1915 berichteten die zaristischen Minister einander, dass die Arbeiter »überall Betrug, Verrat und Sabotage zugunsten der Deutschen wittern und eifrig nach Schuldigen unserer Misserfolge an der Front suchen«. Tatsächlich geht in dieser Periode die erwachende Massenkritik, teils aufrichtig, teils der Schutzfärbung wegen, nicht selten von der »Vaterlandsverteidigung« aus. Doch ist diese Idee nur Ausgangspunkt. Immer tiefere Gänge bahnt sich die Unzufriedenheit der Arbeiter, die die Werkführer, Schwarzhundertarbeiter, Kriecher vor der Administration zum Schweigen bringt und dem Arbeiterbolschewistenheer das Haupt zu erheben gestattet.

Von der Kritik gehen die Massen zu Taten über. Die Empörung findet einen Ausweg zu allererst in Lebensmittelunruhen, die mancherorts die Form lokaler Meutereien annehmen. Frauen, Greise, Jugendliche fühlen sich auf dem Markte oder auf der Straße sicherer und unabhängiger als die dienstpflichtigen Arbeiter in den Betrieben. In Moskau artet die Bewegung im Mai in einen Deutschenpogrom aus. Obwohl seine Teilnehmer hauptsächlich städtischer Janhagel sind, der unter dem Protektorat der Polizei sein Unwesen treibt, so beweist doch schon die Möglichkeit eines Pogroms im industriellen Moskau, dass die Arbeiter noch nicht so weit erwacht sind, um ihre Parolen und ihre Disziplin dem aus seinem Gleichgewicht herausgeschleuderten kleinen Stadtvolk aufzuzwingen. Sich über das ganze Land ausbreitend, beseitigen die Lebensmittelunruhen die Kriegshypnose und bahnen den Weg für Streiks.

Der Zustrom roher Arbeitskraft in die Betriebe und die gierige Jagd nach Kriegsgewinnen führten überall zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und zum Wiederaufleben brutalster Ausbeutungsmethoden. Zunehmende Teuerung drückt automatisch den Arbeitslohn herab. Ökonomische Streiks werden der unvermeidliche Reflex der Massen, und zwar ein umso heftigerer, je mehr er zurückgedrängt war. Die Streiks werden von Meetings, Verkündung politischer Resolutionen, Zusammenstößen mit der Polizei und nicht selten auch von Schießereien und Opfern begleitet.

Der Kampf erfasst zuallererst das zentrale Textilgebiet. Am 5. Juni gibt die Polizei eine Salve auf die Weber in Kostroma ab: 4 Tote, 9 Verwundete. Am 10. August schießen Truppen in Iwanowo-Wosnessensk auf Arbeiter: 16 Tote und 30 Verwundete. In die Bewegung der Textilarbeiter sind Soldaten des Platzbataillons verwickelt. Proteststreiks in verschiedenen Teilen des Landes sind die Antwort auf die Arbeitererschießungen von Iwanowo-Wosnessensk. Parallel entwickelt sich der ökonomische Kampf. Die Textilarbeiter marschieren nicht selten in den vordersten Reihen.

Im Vergleich zum ersten Halbjahr 1914 bedeutet die Bewegung, was Kraft des Ansturms und Klarheit der Parolen betrifft, einen großen Schritt rückwärts. Nicht verwunderlich: In den Kampf werden zu bedeutendem Teil Rohmassen hineingezogen bei völliger Zersplitterung der führenden Arbeiterschicht. Nichtsdestoweniger kündet sich schon in den ersten Streiks während des Krieges das Herannahen großer Kämpfe an. Justizminister Chwostow erklärte am 16. August: »Wenn jetzt keine bewaffneten Aktionen der Arbeiter stattfinden, so ausschließlich deshalb, weil sie keine Organisationen besitzen.« Noch deutlicher drückte sich Goremykin aus: »Die Frage liegt bei den Arbeiterführern nur am Fehlen der Organisation, die durch die Verhaftung der fünf Dumamitglieder zerschlagen wurde.« Der Innenminister fügte hinzu: »Die Dumamitglieder (Bolschewiki) darf man nicht amnestieren, sie sind das organisierende Zentrum der Arbeiterbewegung in ihren gefährlichsten Äußerungen.« Diese Menschen täuschten sich jedenfalls nicht darin, wo der wahre Feind war.

Während das Ministerium sogar im Augenblick höchster Verwirrung und Geneigtheit zu liberalem Entgegenkommen es als notwendig erachtete, der Arbeiterrevolution Schläge aufs Haupt, das heißt auf die Bolschewiki zu versetzen, bemühte sich die Großbourgeoisie, eine Arbeitsgemeinschaft mit den Menschewiki anzubahnen. Erschrocken über das Ausmaß der Streiks, machten die liberalen Industriellen den Versuch, den Arbeitern patriotische Disziplin aufzuerlegen, indem sie deren Wahlmänner in die Kriegsindustriekomitees einbezogen. Der Innenminister beklagte sich darüber, dass es sehr schwer sei, gegen Gutschkows Einfälle zu kämpfen: »Die ganze Sache segle unter patriotischer Flagge und im Interesse der Landesverteidigung.« Man muss jedoch feststellen, dass die Polizei selbst es vermied, die Sozialpatrioten zu verhaften, da sie in ihnen indirekte Kampfverbündete gegen Streiks und revolutionäre »Exzesse« erblickte. Auf dem übergroßen Vertrauen zur Macht des patriotischen Sozialismus gründete sich die Überzeugung der Ochrana, dass, solange der Krieg dauert, es keinen Aufstand geben werde. Bei den Wahlen zu den Kriegsindustriekomitees erwiesen sich die Vaterlandsverteidiger, mit dem energischen Metallarbeiter Gwosdjew an der Spitze – wir werden ihm später als Arbeitsminister in der Koalitionsregierung der Revolution begegnen – in der Minderheit. Sie benutzten jedoch die Unterstützung nicht nur der liberalen Bourgeoisie, sondern auch der Bürokratie, um die Boykottanhänger, geführt von den Bolschewiki, niederzuhalten und dem Petersburger Proletariat eine Vertretung in den Organen des Industriepatriotismus aufzuzwingen. Die Stellung der Menschewiki kam klar zum Ausdruck in einer Rede, mit der sich später einer ihrer Vertreter an die Industriellen im Komitee wandte: »Ihr müsst fordern, dass die heute bestehende bürokratische Regierung von der Bildfläche verschwindet und ihren Platz euch als den Erben des bestehenden Regimes überlässt.« Die junge politische Freundschaft wuchs nicht nur täglich, sondern stündlich. Nach der Umwälzung wird sie ihre reifen Früchte bringen.

Der Krieg richtete im unterirdischen Lager schreckliche Verwüstungen an. Eine zentralisierte Parteiorganisation besaßen die Bolschewiki nach der Verhaftung der Dumafraktion nicht. Die Lokalkomitees führten ein episodisches Dasein und waren häufig ohne Verbindung mit den Bezirken. Es arbeiteten nur vereinzelte Gruppen, Zirkel und Personen. Aber die einsetzende Belebung des Streikkampfes verlieh ihnen in den Betrieben Mut und Kraft. Allmählich fanden sie einander und stellten Bezirksverbindungen her.

Die unterirdische Arbeit erstand wieder. Im Polizeidepartement schrieb man später: »Die Leninisten, hinter denen in Russland die überwiegende Mehrheit der illegalen sozialdemokratischen Organisationen steht, haben seit Kriegsbeginn in ihren größeren Zentren (wie Petrograd, Moskau, Charkow, Kiew, Tula, Kostroma, Gouvernement Wladimir, Samara) eine bedeutende Anzahl revolutionärer Aufrufe herausgegeben mit der Forderung nach Kriegseinstellung, Sturz der bestehenden Regierung und Errichtung der Republik, wobei diese Arbeit als greifbare Resultate Arbeiterstreiks und Unruhen zur Folge hatte.«

Der traditionelle Gedenktag der Arbeiterprozession zum Winterpalais, der im Jahre vorher fast unbeachtet verlaufen war, ruft am 9. Januar 1916 einen umfangreichen Streik hervor. Die Streikbewegung wächst in diesen Jahren um das Doppelte an. Zusammenstöße mit der Polizei begleiten jeden größeren und hartnäckigeren Streik. Zu den Truppen verhalten sich die Arbeiter mit demonstrativem Wohlwollen, und die Ochrana registriert mehr als einmal diese besorgniserregende Tatsache.

Die Kriegsindustrie quoll auf, indem sie ringsum alle Hilfsmittel verschlang und ihre eigenen Grundlagen zu untergraben begann. Die Friedenszweige der Industrie waren im Absterben. Aus der Wirtschaftsregulierung wurde trotz allen Plänen nichts. Die Bürokratie, bei dem Widerstand der mächtigen Kriegsindustriekomitees bereits außerstande, die Sache in ihre Hände zu nehmen, war indes gleichzeitig nicht gewillt, der Bourgeoisie die regulierende Rolle zu überlassen. Das Chaos wuchs. Fähige Arbeiter wurden durch unfähige ersetzt. Die Kohlengruben, Fabriken und Werkstätten in Polen waren bald verloren. Während des ersten Kriegsjahres kam etwa ein Fünftel der gesamten Industriekräfte des Landes in Wegfall. Bis zu 50 Prozent der Gesamtproduktion gingen für die Bedürfnisse des Krieges und der Armee auf, darunter bis zu 75 Prozent der im Lande erzeugten Textilwaren. Der überlastete Transport war außerstande, den Fabriken das notwendige Heiz- und Rohmaterial zuzustellen. Der Krieg verschlang nicht nur das gesamte flüssige Nationaleinkommen, sondern ging auch ernstlich daran, das Grundkapital des Landes zu vergeuden.

Die Industriellen waren immer weniger zu Konzessionen an die Arbeiter bereit, während die Regierung jeden Streik in alter Weise mit strengen Repressalien beantwortete. All das stieß den Gedanken des Arbeiters vom Einzelnen zum Allgemeinen, von der Ökonomik zur Politik. »Es müssen alle auf einmal streiken.« So entsteht die Idee des Generalstreiks. Der Prozess der Radikalisierung der Massen spiegelt sich am überzeugendsten in der Streikstatistik wider. Im Jahre 1915 beteiligen sich an politischen Streiks zweieinhalbmal weniger Arbeiter als an ökonomischen Konflikten, im Jahre 1916 zweimal weniger; in den ersten zwei Monaten des Jahres 1917 erfassen politische Streiks bereits sechsmal soviel Arbeiter als ökonomische Streiks. Die Rolle Petrograds wird durch eine Ziffer gezeigt: Während der Kriegsjahre entfallen auf seinen Teil 72 Prozent der politisch Streikenden!

Im Feuer des Kampfes verbrennt nicht wenig alter Aberglaube. »Mit Schmerz« meldet die Ochrana: Wollte man den Forderungen des Gesetzes entsprechend reagieren, auf »alle Fälle frecher und offener Majestätsbeleidigung, die Zahl der Prozesse nach Paragraf 103 würde eine nie dagewesene Ziffer erreichen«. Allein das Bewusstsein der Massen bleibt dennoch hinter ihrer eigenen Bewegung zurück. Der schreckliche Druck des Krieges und des Zerfalls beschleunigt den Kampfprozess derart, dass breite Arbeitermassen bis zum Moment der Umwälzung keine Zeit finden, sich von vielen Ansichten und Vorurteilen, die sie aus dem Dorfe oder dem kleinbürgerlichen Hause der Stadt mitbrachten, zu befreien. Diese Tatsache wird den ersten Monaten der Februarrevolution ihren Stempel aufdrücken.

Gegen Ende 1916 steigen die Preise sprunghaft. Zu Inflation und Transportzerrüttung gesellt sich direkter Warenmangel. Der Verbrauch der Bevölkerung vermindert sich zu dieser Zeit um mehr als die Hälfte. Die Kurve der Arbeiterbewegung steigt schroff nach oben. Mit dem Oktober tritt die Bewegung in Petrograd in das entscheidende Stadium ein und vereinigt alle Arten der Unzufriedenheit: Petrograd nimmt den Anlauf zur Februarrevolution. Eine Versammlungswelle rollt durch die Betriebe. Die Themen sind: Ernährung, Teuerung, Krieg, Regierung. Es werden bolschewistische Flugblätter verteilt. Politische Streiks beginnen. Nach dem Verlassen der Betriebe finden improvisierte Demonstrationen statt. Es werden Fälle von Verbrüderung einzelner Betriebe mit Soldaten beobachtet. Ein stürmischer Proteststreik entbrennt gegen das Gericht über die revolutionären Matrosen der baltischen Flotte. Der französische Gesandte macht den Premier Stürmer auf die ihm bekannt gewordenen Tatsache aufmerksam, dass Soldaten auf die Polizei geschossen hätten. Stürmer beruhigt den Gesandten:

»Die Repression wird erbarmungslos sein.« Im November wird eine große Gruppe dienstpflichtiger Arbeiter aus den Petrograder Betrieben herausgezogen, um an die Front geschickt zu werden. Das Jahr endet in Sturm und Gewitter.

Die Lage mit dem Jahre 1905 vergleichend, kommt der Direktor des Polizeidepartements, Wassiljew, zu einem äußerst trostlosen Schluss: »Die oppositionellen Stimmungen haben einen enormen Umfang angenommen, wie sie ihn in der erwähnten Wirrnisperiode in den breiten Massen bei weitem nicht erreicht hatten.« Wassiljew baut nicht auf die Garnisonen. Sogar die Dorfpolizei scheint ihm nicht ganz verlässlich. Die Ochrana meldet die Belebung der Parole des Generalstreiks und die Gefahr der Auferstehung des Terrors. Die aus den Schützengräben ankommenden Soldaten und Offiziere sagen über die herrschende Lage: »Was ist da zu überlegen, abstechen muss man so einen Schuft. Wären wir da, wir würden nicht lange nachdenken«, und so weiter.

Schljapnikow, Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki, selbst ehemals Metallarbeiter, erzählt über die nervöse Stimmung der Arbeiter in jenen Tagen: »Irgendein Pfiff oder ein Lärm genügte, die Arbeiter glauben zu machen, es sei das Signal zur Arbeitseinstellung.« Dieses Detail ist gleichermaßen bemerkenswert als politisches Symptom wie als psychologischer Zug: Die Revolution sitzt bereits in den Nerven, bevor sie noch auf die Straße geht.

Die Provinz macht die gleichen Etappen durch, nur langsamer. Das Wachstum des Massencharakters der Bewegung und ihres Kampfgeistes verschiebt das Schwergewicht von den Textilarbeitern zu den Metallarbeitern, von den ökonomischen zu den politischen Streiks, aus der Provinz nach Petrograd. Die ersten zwei Monate des Jahres 1917 ergeben 575.000 politische Streikende, davon entfällt der Löwenanteil auf die Residenz. Obwohl die Polizei am Vorabend des 9. Januar einen neuen Streich gegen die Partei führte, streiken am Tage des blutigen Jubiläums in der Residenz 150.000 Arbeiter. Die Stimmung ist gespannt; die Metallarbeiter gehen voran, die Proletarier fühlen, dass es keinen Rückzug mehr gibt. In jedem Betrieb entsteht ein aktiver Kern, am häufigsten um die Bolschewiki. Streiks und Meetings finden während der zwei Februarwochen ununterbrochen statt. Am 8. Februar wurden Polizisten auf dem Putilowwerk »mit einem Hagel von Eisenstücken und Schlacken« empfangen. Am 14., dem Tage der Dumaeröffnung, streikten in Petrograd etwa 90.000 Arbeiter. Einige Betriebe wurden auch in Moskau stillgelegt. Am 16. beschlossen die Behörden in Petrograd, Brotkarten einzuführen. Diese Neuerung ging auf die Nerven. Am 19. sammelte sich vor den Lebensmittelgeschäften viel Volk, besonders Frauen, an, alle forderten Brot. Tags darauf wurden in einigen Stadtteilen die Bäckerläden geplündert. Das war bereits das Wetterleuchten des Aufstandes, der wenige Tage später ausbrach.

Die revolutionäre Kühnheit schöpfte das russische Proletariat nicht nur aus sich selbst. Schon seine Lage, die einer Minderheit der Nation, spricht dafür, dass es nicht imstande gewesen wäre, seinem Kampfe ein solches Ausmaß zu geben, und noch weniger, sich an die Spitze des Staates zu stellen, wenn es nicht eine mächtige Stütze in den Tiefen des Volkes gehabt haben würde. Diese Stütze sicherte ihm die Agrarfrage.

Die verspätete Halbbefreiung der Bauern im Jahre 1861 traf die Landwirtschaft fast auf der Stufe an, auf der sie zwei Jahrhunderte zuvor gestanden hatte. Die Beibehaltung des alten, bei der Reform zugunsten des Adels bestohlenen Fonds an Gemeindeland verschärfte unter den archaischen Bodenbearbeitungsmethoden automatisch die Übervölkerungskrise des Dorfes, die gleichzeitig die Krise der Dreifelderwirtschaft war. Die Bauernschaft fühlte sich umso mehr in einer Falle, als der Prozess sich nicht im 17., sondern im 19. Jahrhundert entwickelte, das heißt unter Bedingungen der weit vorgeschrittenen Geldwirtschaft, die an den Holzpflug Ansprüche stellte, die höchstens der Traktor befriedigen konnte. Auch hier sehen wir das Zusammentreffen verschiedener Stufen des historischen Prozesses und als Ergebnis eine außerordentliche Schärfe der Gegensätze.

Gelehrte, Agronomen und Nationalökonomen predigten, dass unter Bedingungen rationeller Bearbeitung das Land vollständig ausreichen würde, d.h. sie schlugen dem Bauer vor, den Sprung zur höheren technischen und kulturellen Stufe zu machen, ohne Gutsbesitzer, Urjadnik und Zaren zu nahe zu treten. Doch nie pflegte ein Wirtschaftsregime, und umso weniger das landwirtschaftliche, eines der starrsten, von der Bildfläche zu verschwinden, bevor es nicht alle seine Möglichkeiten erschöpft hatte. Ehe sich der Bauer gezwungen sah, zu intensiverer Wirtschaftskultur überzugehen, musste er den letzten Versuch einer Verbreiterung seiner Dreifelderwirtschaft machen. Doch war dies offensichtlich nur auf Kosten der nichtbäuerlichen Ländereien erreichbar. Erstickend in der Enge inmitten der Weiten des Landes, musste der Muschik unter der brennenden Knute des Fiskus und des Marktes unvermeidlich den Versuch machen, den Gutsbesitzer ein für allemal loszuwerden.

Die Gesamtzahl des nutzbaren Bodens in den Grenzen des europäischen Russland wurde am Vorabend der ersten Revolution auf 280 Millionen Desjatinen[1] geschätzt. Der Boden der Dorfgemeinden umfasste etwa 140 Millionen, die Kronländereien etwa 5 Millionen, Kirchen- und Klosterbesitz etwa 2½ Millionen Desjatinen. Von dem Privatbesitz an Boden entfielen auf 30.000 Großgrundbesitzer, von denen jedem über 500 Desjatinen gehörten, 70 Millionen Desjatinen, das heißt die gleiche Zahl, über die annähernd 10 Millionen Bauernfamilien verfügten. Diese Bodenstatistik bildete das fertige Programm des Bauernkrieges.

Den Gutsbesitzer zu liquidieren, war der ersten Revolution nicht gelungen. Es hatte sich nicht die gesamte Bauernmasse erhoben, die Bewegung im Dorfe fiel nicht mit der Bewegung in der Stadt zusammen, die Bauernarmee schwankte, stellte jedoch schließlich genügend Kräfte zur Verfügung, um die Arbeiter niederzuschlagen. Nachdem das Semjonowski-Garderegiment mit dem Moskauer Aufstand fertig geworden war, verwarf die Monarchie jeden Gedanken an eine Beschneidung des gutsherrlichen Bodens und ihrer eigenen selbstherrlichen Rechte.

Jedoch war die niedergeschlagene Revolution keinesfalls am Dorfe spurlos vorbeigegangen. Die Regierung hob die alten Ablösungen auf und eröffnete die Möglichkeit einer breiteren Übersiedlung nach Sibirien. Die erschrockenen Gutsbesitzer machten nicht nur beträchtliche Konzessionen bezüglich des Pachtzinses, sondern gingen auch zum verstärkten Ausverkauf ihrer Latifundien über. Diese Früchte der Revolution nutzten die wohlhabenderen Bauern, die in der Lage waren, gutsherrlichen Boden zu pachten und zu kaufen, erfolgreich aus.

Die breiteste Pforte, um aus der Bauernschaft kapitalistische Farmer auszusondern, öffnete jedoch das Gesetz vom 9. November 1906, die wichtigste Reform der siegreichen Konterrevolution. Indem es sogar der kleinen Bauernminderheit einer Gemeinde das Recht zuerkannte, gegen den Willen der Mehrheit aus dem Gemeindeland einzelne Stücke herauszuschneiden, wurde das Gesetz vom 9. November zu einem kapitalistischen Geschoss, das sich gegen die Dorfgemeinde richtete. Der Vorsitzende des Ministerrats, Stolypin, bezeichnete das Wesen der neuen Regierungspolitik in der Bauernfrage als »Einsatz auf die Starken«. Das bedeutete: die Oberschicht der Bauern auf die Aneignung von Gemeindeland durch Ankauf der »befreiten« Abschnitte zu stoßen und damit die neuen kapitalistischen Farmer in Ordnungsstützen zu verwandeln. Eine solche Aufgabe zu stellen war leichter, als sie zu lösen. Bei dem Versuch, die Bauern- durch die Kulakenfrage zu ersetzen, musste sich die Konterrevolution das Genick brechen.

Gegen den 1. Januar 1916 sicherten sich zweieinhalb Millionen Hofbesitzer als ihren Privatbesitz 17 Millionen Desjatinen. Zwei weitere Millionen Hofbesitzer forderten die Aussonderung von 14 Millionen Desjatinen. Das sah nach einem kolossalen Erfolg der Reform aus. Doch die ausgesonderten Bauernwirtschaften waren in ihrer Mehrzahl durchaus lebensunfähig und stellten nur das Material für eine natürliche Auslese dar. Während die wirtschaftlich rückständigsten Gutsbesitzer und kleinen Bauern intensiv verkauften, die einen ihre Latifundien, die anderen ihre Landfetzen, trat vorwiegend die neue Bauernbourgeoisie als Käufer auf. Die Landwirtschaft ging zweifellos in das Stadium des kapitalistischen Aufstiegs. Die Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte aus Russland wuchs in fünf Jahren (1908–1912) von 1 Milliarde Rubel auf 1½ Milliarden. Das bedeutete: Breite Bauernmassen wurden proletarisiert, und die Oberschicht des Dorfes warf immer mehr Brot auf den Markt.

Als Ersatz für die zwangsweise Gemeindebindung der Bauernschaft entwickelte sich die freiwillige Kooperative, der es im Laufe weniger Jahre gelang, verhältnismäßig tief in die Bauernmassen einzudringen, und die sofort Gegenstand liberaler und demokratischer Idealisierung wurde. Die reale Macht in der Kooperative besaßen jedoch nur die wohlhabenden Bauern, denen sie letzten Endes auch zum Vorteil gereichte. Die Volkstümlerintelligenz, die in der Bauernkooperative ihre Hauptkräfte konzentrierte, hatte schließlich ihre Liebe zum Volke auf ein solides bürgerliches Geleise geschoben. Damit wurde im Besonderen der Block der »antikapitalistischen« Partei der Sozialrevolutionäre mit der par excellence kapitalistischen Partei der Kadetten vorbereitet.

Während der Liberalismus den Schein einer Opposition in Bezug auf die Agrarpolitik der Reaktion wahrte, blickte er jedoch mit größter Hoffnung auf die kapitalistische Vernichtung der Dorfgemeinde. »Im Dorfe wächst eine mächtige Kleinbourgeoisie heran«, schrieb der liberale Fürst Trubetzkoi, »die ihrem gesamten Wesen und ihrer Zusammensetzung nach in gleicher Weise den Idealen des vereinigten Adels wie den sozialistischen Schwärmereien fremd gegenübersteht.«

Aber diese großartige Medaille hatte eine Kehrseite. Aus der Dorfgemeinde sonderte sich nicht nur eine »mächtige Kleinbourgeoisie«, sondern auch ihr Antipode aus. Die Zahl der Bauern, die ihre lebensunfähigen Anteile verkauft hatten, erreichte zu Kriegsbeginn eine Million, was nicht weniger als fünf Millionen Seelen proletarisierter Bevölkerung bedeutete. Einen reichlichen Explosivstoff bildeten auch die Millionen pauperisierter Bauern, denen nichts weiter übrigblieb, als sich an ihre Hungeranteile zu klammem. In der Bauernschaft wiederholten sich folglich jene Gegensätze, die in Russland die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes so früh untergraben hatten. Die neue Dorfbourgeoisie, die den alten und mächtigeren Besitzern eine Stütze hätte werden sollen, erwies sich den Kernmassen der Bauernschaft gegenüber ebenso feindlich wie die alten Besitzer dem Volke überhaupt. Ehe sie eine feste Ordnungsstütze wurde, benötigte die Bauernbourgeoisie selbst einer festen Stütze, um sich auf den eroberten Positionen halten zu können. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass die Agrarfrage in sämtlichen Reichsdumas ihre Schärfe behielt. Alle fühlten, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Der Bauerndeputierte Petritschenko erklärte einmal von der Dumatribüne aus: »Soviel ihr auch diskutieren mögt, einen anderen Erdball werdet ihr nicht schaffen. Folglich wird man uns diese Erde geben müssen.« Dieser Bauer war weder Bolschewik noch Sozialrevolutionär; im Gegenteil, das war ein Deputierter der Rechten, ein Monarchist.

Die Agrarbewegung, die wie der Streikkampf der Arbeiter am Ende des Jahres 1907 verstummte, lebt 1908 zum Teil wieder auf und steigert sich in den folgenden Jahren. Allerdings wird der Kampf hauptsächlich in das Innere der Gemeinde verlegt; darin bestand ja die politische Berechnung der Reaktion. Bewaffnete Zusammenstöße der Bauern bei der Aufteilung des Gemeindelandes sind nicht selten. Aber auch der Kampf gegen den Gutsbesitzer erstirbt nicht. Die Bauern stecken häufig Gehöfte, Ernte, Heu der Adligen in Brand und verschonen dabei auch die Siedler nicht, die sich gegen den Willen der Gemeindebauern ausgesondert hatten.

In diesem Zustande wurde die Bauernschaft vom Kriege überrascht. Die Regierung führte etwa zehn Millionen Arbeitskräfte und annähernd zwei Millionen Pferde aus dem Dorfe weg. Die schwachen Wirtschaften wurden noch schwächer. Die Zahl der nichtbestellenden Bauern nahm zu. Aber auch mit den Mittelbauern ging es in dem zweiten Kriegsjahre bergab. Die feindselige Haltung der Bauernschaft zum Kriege nahm von Monat zu Monat zu. Im Oktober 1916 berichtet die Petrograder Gendarmerieverwaltung, dass man im Dorfe an den Sieg im Krieg schon nicht mehr glaube: Nach den Worten der Versicherungsagenten, der Lehrer, Händler und so weiter »warten alle nur darauf, wann dieser verfluchte Krieg schließlich enden wird« ... Und mehr noch: »Überall werden politische Fragen diskutiert, werden gegen Gutsbesitzer und Kaufleute gerichtete Bestimmungen getroffen, Zellen verschiedenster Organisationen gebildet ... Ein vereinigendes Zentrum gibt es vorläufig nicht, es ist jedoch anzunehmen, dass die Bauern sich vermittels der Kooperativen, die stündlich in ganz Russland wachsen, vereinigen werden.« Manches darin ist übertrieben, manches haben die Gendarme vorweggenommen, aber das Wesentliche ist zweifellos richtig angegeben.

Die besitzenden Klassen konnten nicht übersehen, dass das Dorf seine Rechnung präsentieren werde, aber sie verscheuchten die düsteren Gedanken in der Hoffnung, irgendwie doch herauszukommen. Der wissbegierige französische Gesandte Paléologue unterhielt sich darüber in den Kriegstagen mit dem ehemaligen Landwirtschaftsminister Kriwoschein, dem ehemaligen Premier Kokowzew, dem Großgrundbesitzer Graf Bobrinski, dem Vorsitzenden der Reichsduma, Rodsjanko, dem Großindustriellen Putilow und mit anderen angesehenen Männern. Dabei wurde ihm Folgendes eröffnet: Für die Durchführung einer radikalen Bodenreform wäre die Arbeit eines ständigen Heeres von 300.000 Landvermessern für die Dauer von mindestens 15 Jahren nötig; aber in dieser Zeit würden die Bauernwirtschaften auf 30 Millionen angewachsen sein und folglich alle geleisteten Berechnungen sich als überholt erweisen. Die Bodenreform war mithin in den Augen der Gutsbesitzer, Würdenträger und Bankiers eine Quadratur des Kreises. Überflüssig zu sagen, dass solche mathematischen Skrupel dem Muschik völlig fremd waren. Er meinte, dass man zuallererst den Gutsherrn ausräuchern müsse, dann werde man schon sehen.

Wenn das Dorf in den Kriegsjahren verhältnismäßig ruhig blieb, so darum, weil seine aktiven Kräfte an der Front waren. Die Soldaten vergaßen den Acker nicht, wenigstens solange sie nicht an den Tod dachten, und die Gedanken des Muschiks an die Zukunft wurden in den Schützengräben vom Pulvergeruch durchtränkt. Aber dennoch würde die Bauernschaft, auch nachdem sie den Gebrauch der Waffen gelernt hatte, mit ihren Kräften allein niemals die agrar-demokratische, das heißt ihre eigene Revolution vollbracht haben. Sie brauchte eine Führung. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte sollte der Bauer seinen Führer in der Person des Arbeiters finden. Darin besteht der grundlegende und man könnte sagen erschöpfende Unterschied zwischen der russischen und allen vorangegangenen Revolutionen.

In England verschwand die Leibeigenschaft faktisch am Ende des 14. Jahrhunderts, das heißt zwei Jahrhunderte bevor sie in Russland entstand und viereinhalb Jahrhunderte, ehe sie dort abgeschafft wurde. Die Enteignung des Bodenbesitzes der Bauern erstreckt sich in England über die Reformation und zwei Revolutionen bis zum 19 Jahrhundert. Die kapitalistische Entwicklung, von außen nicht forciert, besaß somit Zeit genug, die selbstständige Bauernschaft zu liquidieren, lange bevor noch das Proletariat zum politischen Leben erwacht war.

In Frankreich zwang ihr Kampf mit dem königlichen Absolutismus, der Aristokratie und den Kirchenfürsten die Bourgeoisie in Gestalt ihrer verschiedenen Schichten, die radikale Agrarrevolution am Ende des 18. Jahrhunderts etappenweise zu vollziehen. Die selbstständige Bauernschaft wurde danach für lange Zeit die Stütze der bürgerlichen Ordnung und half im Jahre 1871 der Bourgeoisie, mit der Pariser Kommune fertigzuwerden.

In Deutschland erwies sich die Bourgeoisie zur revolutionären Lösung der Agrarfrage unfähig und lieferte im Jahre 1848 die Bauern ebenso an die Gutsbesitzer aus, wie Luther etwa drei Jahrhunderte zuvor sie während des Bauernkrieges an die Fürsten ausgeliefert hatte. Das deutsche Proletariat seinerseits war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts noch zu schwach, die Führung der Bauernschaft zu übernehmen. Die kapitalistische Entwicklung Deutschlands bekam infolgedessen eine genügende Frist, wenn auch keine so lange wie die Englands, um sich die Landwirtschaft, wie sie aus der unvollendeten bürgerlichen Revolution hervorgegangen war, zu unterwerfen. Die Bauernreform von 1861 wurde in Russland von der Adels- und Beamtenmonarchie unter dem Druck der Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft durchgeführt, jedoch bei völliger politischer Ohnmacht der Bourgeoisie. Der Charakter der Bauernbefreiung war derart, dass die forcierte kapitalistische Umgestaltung des Landes das Agrarproblem unvermeidlich in ein Problem der Revolution verwandeln musste. Die russischen Bourgeois erträumten eine Agrarentwicklung bald von französischem, bald dänischem, bald amerikanischem, von jedem beliebigen, nur nicht russischem Typ.

Jedoch kamen sie nicht auf den Gedanken, sich die französische Geschichte oder die amerikanische soziale Struktur anzueignen. Die demokratische Intelligenz stand trotz ihrer revolutionären Vergangenheit in der Entscheidungsstunde aufseiten der liberalen Bourgeoisie und der Gutsbesitzer, nicht aber auf der des revolutionären Dorfes. Nur die Arbeiterklasse vermochte sich unter diesen Umständen an die Spitze der Bauernrevolution zu stellen.

Das Gesetz der kombinierten Entwicklung verspäteter Länder – im Sinne der eigenartigen Verquickung von Elementen der Rückständigkeit mit jüngsten Faktoren – ersteht hier vor uns in seiner vollendeten Form und gibt gleichzeitig den Schlüssel zu dem wesentlichsten Rätsel der russischen Revolution. Wäre das Agrarproblem, als Erbe der Barbarei der alten russischen Geschichte, von der Bourgeoisie gelöst worden, hätte sie es zu lösen vermocht, das russische Proletariat hätte im Jahre 1917 keinesfalls an die Macht gelangen können. Um den Sowjetstaat zu verwirklichen, war die Annäherung und gegenseitige Durchdringung zweier Faktoren von ganz verschiedener historischer Natur notwendig: des Bauernkrieges, das heißt einer Bewegung, die für die Morgenröte der bürgerlichen Entwicklung charakteristisch ist, und des proletarischen Aufstandes, das heißt einer Bewegung, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Darin eben besteht das Jahr 1917.

[1] Alte russische Flächeneinheit (entspricht ungefähr einem Hektar).

Der Zar und die Zarin

Dieses Buch hat am allerwenigsten die Aufgabe, psychologische Untersuchungen als Selbstzweck anzustellen, durch die man jetzt nicht selten die soziale und historische Analyse zu ersetzen versucht. In unserem Gesichtsfelde stehen vor allem die großen bewegenden Kräfte der Geschichte, die einen überpersönlichen Charakter tragen. Eine von ihnen ist die Monarchie. Jedoch wirken alle diese Kräfte sich durch Menschen aus. Die Monarchie aber ist ihrem Wesen nach mit dem persönlichen Prinzip verbunden. Das rechtfertigt an sich das Interesse für die Person eines Monarchen, den der Gang der Entwicklung mit einer Revolution zusammenstoßen ließ. Wir hoffen – außerdem – in der weiteren Darstellung wenigstens teilweise zeigen zu können, wo in der Persönlichkeit das Persönliche aufhört – nicht selten viel früher, als es scheint – und wie oft das »besondere Merkmal« einer Person nichts weiter darstellt als den individuellen Kratzer einer höheren Gesetzmäßigkeit.

Seine Ahnen hinterließen Nikolaus II. als Erbschaft nicht nur das gewaltige Reich, sondern auch die Revolution. Sie bedachten ihn mit keiner einzigen Eigenschaft, die ihn befähigt hätte, ein Reich zu verwalten oder auch nur ein Gouvernement oder einen Kreis. Der historischen Brandung, die ihre Wogen immer näher an die Tore des Palastes heranwälzte, brachte der letzte Romanow eine dumpfe Teilnahmslosigkeit entgegen. Es war, als trenne sein Bewusstsein und seine Epoche eine durchsichtige, aber völlig undurchdringliche Sphäre.

Die Personen, die mit dem Zaren in Berührung gekommen waren, vermerkten nach dem Umsturz wiederholt, dass in den tragischsten Augenblicken seiner Regierung während der Übergabe Port Arthurs und des Unterganges der Flotte bei Zussima, zehn Jahre später, während des Rückzuges der russischen Truppen aus Galizien, und, nach weiteren zwei Jahren, in jenen Tagen, die dem Thronverzicht vorangingen, als rings um ihn alles bedrückt, erschrocken, erschüttert war, Nikolaus II. allein die Ruhe bewahrte. Wie bisher, erkundigte der Zar sich nach der Zahl der Werst, die er während seiner Reisen durch Russland zurückgelegt hatte, erinnerte sich an Episoden aus einstigen Jagden, an Anekdoten bei offiziellen Begegnungen; er zeigte überhaupt Interesse für den Kehricht seines Alltagslebens, während über ihm Donner rollten und Blitze zuckten. »Was ist das?« fragte sich einer seiner vertrauten Generale, »eine ungeheure, fast unwahrscheinliche Haltung, erreicht durch Erziehung? Glaube an eine göttliche Vorbestimmung der Ereignisse? Oder mangelnde Denkfähigkeit?« Die Antwort ist zur Hälfte schon in der Frage enthalten. Die sogenannte »gute Erziehung« des Zaren, seine Selbstbeherrschung auch unter den außerordentlichsten Umständen, lassen sich keinesfalls durch äußere Dressur allein erklären: Der Kern lag in der inneren Gleichgültigkeit, in der Dürftigkeit der seelischen Kräfte, in der Schwäche der Willensimpulse. Die Maske der Gleichgültigkeit, die man in gewissen Kreisen als »gute Erziehung« bezeichnet, verschmolz bei Nikolaus auf natürliche Weise mit dem ihm angeborenen Gesicht.

Das Tagebuch des Zaren ist wertvoller als alle Zeugenaussagen: Tagein, tagaus, jahrein, jahraus folgen auf diesen Blättern trostlose Eintragungen seelischer Leere. »Ging lange spazieren und tötete zwei Krähen. Trank Tee bei Tageslicht.« Ein Spaziergang zu Fuß, eine Kahnfahrt. Und wieder Krähen und wieder Tee. Alles an der Grenze der Physiologie. Die Erwähnung kirchlicher Feierlichkeiten geschieht im gleichen Tone wie die einer Zecherei.

In den Tagen vor der Eröffnung der Reichsduma, als das ganze Land in Konvulsionen erschauerte, schrieb Nikolaus: »14. April. Ging spazieren in einer leichten Hemdbluse und nahm die Spazierfahrten mit dem Paddelboot wieder auf. Trank Tee auf dem Balkon. Stana aß mit uns zu Mittag und fuhr mit uns spazieren. Habe gelesen.« Nicht ein Wort über den Gegenstand der Lektüre: ein sentimentaler englischer Roman oder ein Bericht des Polizeidepartements? »15. April. Nahm die Entlassung Wittes an. Marie und Dmitrij aßen mit uns. Haben[1] sie ins Schloss begleitet.«

An dem Tage, an dem die Auflösung der Duma beschlossen wurde und die hohen Würdenträger wie die Liberalen einen Angstparoxismus durchmachten, schrieb der Zar in sein Tagebuch: »7. Juli. Freitag. Ein sehr beschäftigter Morgen. Haben uns zum Frühstück mit den Offizieren um eine halbe Stunde verspätet ... Es war Gewitter und sehr schwül. Gingen zusammen spazieren. Empfing Goremykin; unterschrieb den Befehl zur Auflösung der Duma! Haben Mittag gegessen bei Olga und Petja. Den ganzen Abend gelesen.« Ein Ausrufungszeichen anlässlich der bevorstehenden Dumaauflösung ist der höchste Ausdruck seiner Gefühlsregungen.

Die Deputierten der auseinandergejagten Duma riefen das Volk auf, Steuerzahlungen und Militärpflicht zu verweigern. Eine Reihe militärischer Aufstände brach aus: in Sweaborg, in Kronstadt, auf den Schiffen, bei Armeeteilen; der revolutionäre Terror gegen hohe Beamte lebte in nie dagewesenem Maße auf. Der Zar schreibt: »9. Juli. Sonntag. Es ist geschehen! Die Duma ist heute aufgelöst worden. Beim Frühstück nach der Messe sah man viele lange Gesichter ... Das Wetter war herrlich. Trafen beim Spaziergange Onkel Mischa, der gestern aus Gatschina hierher übergesiedelt ist. Bis zum Mittagessen und den ganzen Abend ruhig gearbeitet. Fuhr Paddelboot.« Dass er ausgerechnet Paddelboot fuhr, ist vermerkt, womit aber er sich beschäftigte, ist nicht gesagt. Und so immer wieder.

Weiter, aus den gleichen schicksalsvollen Tagen: »14. Juli. Nachdem ich mich angezogen hatte, fuhr ich per Rad zur Badeanstalt und badete mit Genuss im Meere.« – »15. Juli. Zweimal gebadet. Es war sehr heiß. Aßen zu Mittag zu zweien. Das Gewitter ist vorüber.« – »19. Juli. Morgens gebadet. Empfang auf der Farm: Onkel Wladimir und Tschagin waren zum Frühstück da.« Aufstände und Dynamitexplosionen werden in einer einzigen Wertung gestreift – »Nette Ereignisse!« –, verblüffend durch eine niedrige Teilnahmslosigkeit, die sich nicht mal bis zum bewussten Zynismus entwickelt.

»Um 9.30 Uhr morgens fuhren wir zum Kaspischen Regiment ... Ging lange spazieren. Das Wetter war herrlich. Badete im Meere. Empfing nach dem Tee Lwow und Gutschkow.« Kein Wort darüber, dass dieser so ungewöhnliche Empfang zweier Liberaler mit dem Versuch Stolypins zusammenhing, in sein Ministerium oppositionelle Politiker einzubeziehen. Fürst Lwow, das spätere Haupt der Provisorischen Regierung, berichtete damals über den Empfang beim Zaren: »Ich hatte erwartet, den Kaiser vom Unglück niedergeschlagen vorzufinden, stattdessen kam ein lustiges, munteres Kerlchen in einem himbeerroten Blusenhemd zu mir heraus.«

Der geistige Horizont des Zaren reichte nicht weiter als der eines kleineren Polizeibeamten, mit dem Unterschiede, dass dieser immerhin die Wirklichkeit besser kannte und von Aberglauben weniger belastet war. Die einzige Zeitung, die Nikolaus während einer Reihe von Jahren las und aus der er seine Ideen schöpfte, war eine Wochenschrift, die Fürst Meschtscherski auf Staatskosten herausgab, ein niedriger, käuflicher, selbst im eigenen Kreise der reaktionären Bürokratencliquen verachteter Journalist. Seinen Horizont hat der Zar über zwei Kriege und zwei Revolutionen hinweg sich unverändert bewahrt: Zwischen seinem Bewusstsein und den Ereignissen stand stets trennend die undurchdringliche Sphäre der Gleichgültigkeit.

Nicht ohne Grund nannte man Nikolaus einen Fatalisten. Man muss nur hinzufügen, dass dieser Fatalismus das gerade Gegenteil eines aktiven Glaubens an seinen »Stern« war. Nikolaus selbst hielt sich vielmehr für einen Pechvogel. Sein Fatalismus war lediglich die Form eines passiven Selbstschutzes gegen die geschichtliche Entwicklung und ging Hand in Hand mit einer Willkür, die ihren psychologischen Motiven nach kleinlich, ihren Folgen nach ungeheuerlich war.

»Ich will, und darum muss es so sein«, schreibt Graf Witte, »diese Parole äußerte sich in allen Handlungen dieses willensschwachen Herrschers, der nur infolge seiner Schwäche all das getan hat, was seine Regierung charakterisierte – ein fortwährendes und in den meisten Fällen völlig zweckloses Vergießen mehr oder minder unschuldigen Blutes ...«

Man verglich Nikolaus manchmal mit seinem halbirrsinnigen Ururgroßvater Paul, der, mit Zustimmung des eigenen Sohnes, Alexander des »Gesegneten«, von einer Kamarilla erdrosselt wurde. Diese zwei Romanows gleichen sich tatsächlich in dem Misstrauen gegen alle, das aus ihrem Misstrauen gegen sich selbst erwuchs; in dem Argwohn einer allmächtigen Null; in dem Gefühl des Ausgestoßenseins, man könnte sagen, in dem Bewusstsein gekrönter Parias. Jedoch war Paul unvergleichlich farbiger. In seinem Wahnsinn war ein Element von Phantasie, wenn auch von unzurechnungsfähiger. An seinem Nachfahren ist alles farblos, ist kein greller Zug.

Nikolaus war nicht nur unbeständig, sondern auch treubrüchig. Die Schmeichler nannten ihn für seine Sanftmut gegen Hofleute: »Charmeur«. Besondere Freundlichkeit jedoch erwies der Zar jenen Würdenträgern, die er davonzujagen beschlossen hatte: Ein von ihm beim Empfang über alle Maßen bezauberter Minister konnte zu Hause den Entlassungsbrief vorfinden. Das war eine Art Rache für die eigene Minderwertigkeit.

Nikolaus wandte sich feindselig von allen Begabten und Bedeutenden ab. Es behagte ihm nur unter unfähigen, geistig minderwertigen Menschen, Scheinheiligen, Schwächlingen, zu denen er nicht emporzublicken brauchte. Er besaß Ehrgeiz, einen sogar raffinierten, aber nicht aktiven Ehrgeiz, der, ohne ein Körnchen Initiative nur der neidischen Selbstverteidigung diente. Seine Minister wählte er nach dem Prinzip des ständigen Abwärtsgleitens aus. Menschen von Geist und Charakter holte er nur in äußerstem Falle, wenn es keinen anderen Ausweg gab, etwa wie man einen Chirurgen zur Rettung des Lebens holt. So war es mit Witte und später mit Stolypin. Der Zar verhielt sich zu beiden mit schlecht verborgener Feindseligkeit. Sobald die zugespitzte Situation vorüber war, beeilte er sich, die Ratgeber loszuwerden, die ihm zu offensichtlich überlegen waren. Die Auswahl wirkte sich so systematisch aus, dass der Vorsitzende der letzten Duma, Rodsjanko, am 7. Januar 1917, als die Revolution an die Türen pochte, es wagen durfte, dem Zaren zu sagen: »Majestät, es ist kein einziger zuverlässiger und ehrlicher Mensch in Ihrer Umgebung geblieben, die Besten sind entfernt worden oder gegangen, es sind nur solche geblieben, die in schlechtem Rufe stehen.«

Alle Bemühungen der liberalen Bourgeoisie, mit dem Hof eine gemeinsame Sprache zu finden, scheiterten. Der unermüdliche, polternde Rodsjanko versuchte durch seine Vorträge den Zaren aufzurütteln. Vergeblich! Dieser überging schweigend nicht nur alle Argumente, sondern auch Anmaßungen und bereitete im Stillen die Auflösung der Duma vor. Der Großfürst Dmitrij, der damalige Liebling des Zaren und spätere Teilnehmer an der Ermordung Rasputins, klagte seinem Mitverschworenen, dem Fürsten Jussupow, dass der Zar im Hauptquartier mit jedem Tage gleichgültiger gegen seine ganze Umgebung werde. Nach Dmitrijs Meinung gäbe man dem Zaren irgendein Getränk ein, das dessen geistige Fähigkeiten abstumpfe. »Es gingen Gerüchte«, schreibt der liberale Historiker Miljukow seinerseits,

»dass der Zustand der geistigen und moralischen Apathie beim Zaren durch starken Genuss von Alkohol aufrechterhalten würde.« Das aber waren alles Erfindungen oder Übertreibungen. Der Zar brauchte nicht zu Narkotika zu greifen: Er hatte das tödliche »Getränk« schon im Blute. Nur waren dessen Wirkungen besonders verblüffend auf dem Hintergrunde der großen Ereignisse des Krieges und der inneren Krise, die zur Revolution geführt hat. Rasputin, der ein guter Psychologe war, pflegte vom Zaren kurz zu sagen, dass ihm »im Innern etwas fehlt«.

Dieser farblose, gleichmäßige, »gut erzogene« Mann war grausam. Es war aber nicht die aktive, historische Ziele verfolgende Grausamkeit eines Iwan des Schrecklichen oder Peter – was hatte Nikolaus II. mit diesen gemein! –, sondern die feige Grausamkeit eines Letztgeborenen, dem vor seinem Geschick bange war. Schon in der Morgenröte seiner Regierung lobte Nikolaus die »braven Fanagorier« für die Niederschießung von Arbeitern. Er »las mit Vergnügen«, wie man mit Nagaikas die »kurzgeschorenen« Studentinnen peitschte oder während der jüdischen Pogrome hilflosen Menschen die Schädel einschlug. Der Ausgestoßene auf dem Throne hatte stets eine Neigung für den Auswurf der Gesellschaft, für die Plünderer der Schwarzen Hundert; er zahlte ihnen nicht nur freigebig einen Sold aus der Staatskasse, sondern liebte es auch, sich mit ihnen über ihre Heldentaten zu unterhalten, ihnen Gnaden zu erweisen, besonders wenn sie zufällig bei einem Mord an dem einen oder anderen oppositionellen Deputierten erwischt worden waren. Witte, der während der Niederwerfung der ersten Revolution an der Spitze der Regierung stand, schreibt in seinen Memoiren: »Wenn nutzlose, grausame Ausschreitungen der Anführer von Strafexpeditionen dem Kaiser bekannt wurden, fanden sie seine Billigung, jedenfalls seinen Schutz.« In Beantwortung einer Forderung des baltischen Generalgouverneurs, einen gewissen Kapitänleutnant Richter zur Räson zu bringen, der »aus eigener Ermächtigung ohne jegliches Gerichtsverfahren auch Personen hinrichtete, die keinen Widerstand geleistet hatten«, schrieb der Zar auf den Bericht:

»Braver Kerl!« Solche Aufmunterungen gibt es ohne Zahl. Dieser »Charmeur« ohne Willen, ohne Ziel, ohne Phantasie war schrecklicher als alle Tyrannen der alten und der neuen Geschichte.

Der Zar stand unter dem ungeheuren Einfluss der Zarin, der mit den Jahren und mit den Schwierigkeiten stetig zunahm. Zusammen bildeten sie irgendwie ein Ganzes. Schon diese Verbindung zeigt, in welch hohem Maße unter dem Druck der Verhältnisse das Persönliche durch das Gruppenmäßige ergänzt wird. Vorerst aber muss man einiges über die Zarin sagen.

Maurice Paléologue, während des Krieges französischer Gesandter in Petrograd, ein feiner Psychologe für französische Akademiker und Portierfrauen, gibt ein sorgsam gelecktes Porträt der letzten Zarin: »Moralische Ruhelosigkeit, chronische Traurigkeit, grenzenlose Wehmut, wechselnde Abund Zunahme der Kräfte, quälende Gedanken über die jenseitige, unsichtbare Welt, Aberglaube – bilden denn nicht alle diese Züge, die an der Persönlichkeit der Zarin so scharf hervortreten, die charakteristischen Eigenschaften des russischen Volkes?« So seltsam das ist, in dieser süßlichen Lüge ist ein Körnchen Wahrheit. Nicht umsonst hat der russische Satiriker Saltykow die Minister und Gouverneure aus den Reihen der baltischen Barone »Deutsche mit russischer Seele« genannt: Zweifellos haben gerade die Fremden, die nichts mit dem Volke verband, den »echtrussischen« Administrator in Reinkultur hochgezüchtet.

Weshalb aber zollte das Volk, dessen Seele die Zarin, nach den Worten Paléologues, so vollkommen in sich aufgenommen hatte, ihr so unverhüllten Hass? Die Antwort ist einfach: Zur Rechtfertigung ihrer neuen Lage hatte sich diese Deutsche mit kühler Besessenheit alle Traditionen und Eingebungen des russischen Mittelalters, des dürftigsten und rauesten von allen, angeeignet, in einer Periode, in der das Volk gewaltige Anstrengungen machte, um sich von der eigenen mittelalterlichen Barbarei zu befreien. Diese hessische Prinzessin war buchstäblich vom Dämon des Selbstherrschertums erfüllt. Aus ihrem Krähwinkel zu den Höhen eines byzantinischen Despotismus emporgekommen, wollte sie von diesen um keinen Preis hinabsteigen. In dem orthodoxen Glauben fand sie die Mystik und die Magie, die ihrem neuen Schicksal angepasst waren. Sie glaubte umso fester an ihre Berufung, je unverhüllter die Abscheulichkeit des alten Regimes zutage trat. Von starkem Charakter und mit der Fähigkeit zu trockener, gefühlloser Exaltation, ergänzte die Zarin den willenlosen Zaren, indem sie ihn beherrschte.

Am 17. März 1916, ein Jahr vor der Revolution, als das zerrüttete Land sich bereits in der Zange der Niederlagen und Zerstörung wand, schrieb die Zarin ihrem Manne ins Hauptquartier: »... Du darfst keine Nachgiebigkeit zeigen, verantwortliches Ministerium und so weiter – alles, was sie wollen. Das muss Dein Krieg und Dein Friede sein, Deine Ehre und die unserer Heimat, keinesfalls die der Duma. Sie haben kein Recht, auch nur ein einziges Wort in diese Frage hineinzureden.« Das war jedenfalls ein geschlossenes Programm und gerade dieses Programm obsiegte über alle Schwankungen des Zaren.

Nach der Abreise Nikolaus’ zur Armee in seiner Eigenschaft des fiktiven Oberkommandierenden begann die Zarin offen über die inneren Angelegenheiten zu verfügen. Die Minister erstatteten ihr Bericht wie einer Regentin. Mit einer engen Kamarilla bildete sie eine Verschwörung gegen die Duma, gegen die Minister, gegen die Generale des Hauptquartiers, gegen die ganze Welt, teilweise auch gegen den Zaren. Den 6. Dezember 1916 schrieb die Zarin an den Zaren: »... da Du einmal gesagt hast, Du willst Protopopow behalten, wie wagt er (der Premier Trepow) gegen Dich zu sein, – schlag mal mit der Faust auf den Tisch, bleibe fest, sei der Herr, höre auf Dein hartes Weibchen und auf unseren Freund, vertraue uns.« Nach drei Tagen abermals: »Du weißt, dass Du im Recht bist, trage den Kopf hoch, befiehl Trepow, mit ihm zu arbeiten ... schlag mit der Faust auf den Tisch.« Diese Sätze scheinen wie erfunden. Sie sind jedoch den echten Briefen entnommen. Man könnte sie auch nicht erfinden.

Den 13. Dezember suggeriert die Zarin dem Zaren wieder: »Nur kein verantwortliches Ministerium, auf das jetzt alle versessen sind. Alles wird ruhiger und besser, man will aber Deinen Arm fühlen. Wie lange, Jahre schon, sagt man mir immer dasselbe: ›Russland liebt es, die Peitsche zu fühlen‹, das ist seine Natur!« Die rechtgläubige Hessin mit der Erziehung von Windsor und der Krone von Byzanz auf dem Haupte »verkörpert« nicht nur die russische Seele, sondern verachtet sie auch organisch: Seine Natur verlange die Peitsche, schreibt die russische Zarin dem russischen Zaren über das russische Volk, zweieinhalb Monate bevor die Monarchie in den Abgrund stürzt. Ihm an Charakterstärke überlegen, steht die Zarin geistig nicht über ihrem Mann, eher sogar unter ihm; mehr noch als er sucht sie die Gesellschaft von Einfältigen. Die enge langjährige Freundschaft, die den Zaren und die Zarin mit dem Hoffräulein Wyrubowa verbindet, zeigt das Maß der geistigen Größe des Selbstherrscherpaares. Wyrubowa nannte sich selber einen Dummkopf, und das war nicht Bescheidenheit. Witte, dem man ein scharfes Auge nicht absprechen kann, charakterisierte sie als »ein ganz gewöhnliches, dummes Petersburger Fräulein, nicht schön, einer Blase aus Butterteig ähnlich«. In Gesellschaft dieser Person, der betagte Würdenträger, Gesandte und Finanzleute, vor Ehrfurcht vergehend, den Hof machten und die immerhin gescheit genug war, die eigenen Taschen nicht zu vergessen, verbrachten Zar und Zarin ungezählte Stunden, berieten mit ihr Geschäfte, korrespondierten mit ihr und über sie. Sie war einflussreicher als die Reichsduma und selbst die Ministerien.

Aber die Wyrubowa war nur das Medium des »Freundes«, dessen Autorität über den dreien stand. »... das ist meine private Meinung«, schreibt die Zarin an den Zaren, »ich werde erfahren, was unser Freund denkt.« Die Meinung des Freundes ist nicht privat, sie entscheidet. »... Ich bleibe fest«, wiederholt die Zarin nach einigen Wochen, »aber höre auf mich, das heißt auf unseren Freund, und vertraue Dich uns in allem an ... Ich leide für Dich wie für ein zartes, weichherziges Kind, das der Leitung bedarf, aber auf schlechte Ratgeber hört, während der Mann, der von Gott gesandt, ihm sagt, was zu tun ist.«

»... Gebete und Hilfe unseres Freundes – dann wird alles gut gehen.«

»Wenn wir ihn nicht hätten, alles wäre längst zu Ende, davon bin ich fest überzeugt.«

Der Freund, der von Gott Gesandte, ist Grigorij Rasputin.

Während der ganzen Regierung Nikolaus’ und Alexandras brachte man Wahrsager und Fallsüchtige an den Hof, nicht nur aus ganz Russland, sondern auch aus anderen Ländern. Es gab besondere hochgestellte Lieferanten, die sich um das jeweilige Orakel gruppierten und neben dem Monarchen ein allmächtiges Oberhaus bildeten. Es mangelte hier nicht an alten Frömmlerinnen gräflichen Namens, an Würdenträgern, die sich nach Ämtern sehnten, an Finanzleuten, die ganze Ministerien pachteten. Die unpatentierte Konkurrenz vonseiten der Hypnotiseure und Zauberer eifersüchtig verfolgend, beeilten sich die Hierarchen der orthodoxen Kirche, eigene Wege in das zentrale Heiligtum der Intrige anzulegen. Witte nannte diese regierende Clique, an der er zweimal zerschellte, »die aussätzige Palastkamarilla«.

Je mehr sich die Dynastie isolierte und je verwahrloster der Monarch sich fühlte, umso größer wurde sein Bedürfnis nach jenseitiger Hilfe. Es gibt Wilde, die, um gutes Wetter hervorzurufen, ein an einem Strick befestigtes Brettchen in der Luft herumschwingen. Zar und Zarin nahmen Brettchen zu Hilfe für die mannigfaltigsten Zwecke. Im Zarenwaggon befand sich ein Betraum, ausstaffiert mit Heiligenbildern und -bildchen so wie anderen Kultgegenständen, die zuerst der japanischen Artillerie entgegengestellt worden waren und später der deutschen.

Das Niveau des Hofkreises hatte sich eigentlich von Generation zu Generation nicht sonderlich verändert. Unter Alexander II., dem »Befreier«, glaubten die Großfürsten aufrichtig an Hausgeister und Hexen. Unter Alexander III. war es nicht besser, nur ruhiger. »Die aussätzige Kamarilla« existierte stets, sie wechselte bloß die Zusammensetzung und erneuerte ihre Methoden. Nikolaus II. hatte die höfische Atmosphäre des wilden Mittelalters nicht geschaffen, sondern von seinen Ahnen übernommen. Das Land veränderte sich in diesen Jahrzehnten, die Aufgaben wurden komplizierter, die Kultur stieg, doch der Hof blieb weit zurück. Wenn auch die Monarchie unter den Schlägen der neuen Mächte Zugeständnisse machte, so hatte sie doch keine Zeit, sich innerlich zu modernisieren; im Gegenteil, sie schloss sich immer mehr ab, der Geist des Mittelalters verdichtete sich unter dem Druck der Feindschaft und Furcht, bis er den Charakter eines widerlichen Alpdruckes bekam, der sich auf das Land legte.

Am 1. November 1905, das heißt im kritischsten Augenblick der ersten Revolution, schreibt der Zar in sein Tagebuch: »Lernte einen Mann Gottes, Grigorij, aus dem Gouvernement Tobolsk kennen.« Das war Rasputin, ein sibirischer Bauer mit nicht verheilenden Schrammen am Kopfe, herrührend von Schlägen wegen Pferdediebstahls. Im rechten Augenblick aufgetaucht, fand der »Mann Gottes« bald hochgestellte Helfer, richtiger, sie fanden ihn, und so entstand eine neue regierende Clique, die die Zarin und durch sie den Zaren fest in ihre Hände bekam.

Seit dem Winter der Jahre 1913/14 sprach man in der Petersburger Gesellschaft bereits offen davon, dass alle höheren Ernennungen, Lieferungen und Aufträge von der Rasputinclique abhängig seien. Der »Starez« selbst verwandelte sich allmählich in eine Staatsinstitution. Er wurde sorgsam bewacht und von den rivalisierenden Ministerien nicht weniger sorgsam beobachtet. Die Spitzel des Polizeidepartements führten nach Stunden Tagebuch über sein Leben und versäumten nicht zu berichten, dass sich Rasputin beim Besuch seines Heimatdorfes Pokrowskoje betrunken auf der Straße mit seinem Vater blutig prügelte. Am gleichen Tage, dem 9. September 1915, schickte Rasputin zwei freundschaftliche Telegramme ab, eines nach Zarskoje Selo, der Zarin, das andere in das Hauptquartier, dem Zaren.

In epischer Sprache registrierten die Spitzel tagein tagaus die Völlereien des »Freundes«. »Kehrte heute um 5 Uhr morgens heim, stockbetrunken.«

»In der Nacht vom 25. zum 26. übernachtete bei Rasputin die Schauspielerin W.« »Ist mit der Fürstin D. (der Frau des Kammerjunkers beim Zarenhof) im Hotel Astoria angekommen ...« Gleich hierauf: »Kehrte aus Zarskoje Selo um 11 Uhr abends heim.« »Rasputin kam mit der Fürstin Sch. sehr betrunken nach Hause. Sie gingen bald zusammen weg.« Am Morgen oder am Abend des nächsten Tages eine Reise nach Zarskoje Selo. Auf die teilnehmende Frage des Spitzels, weshalb er heute so nachdenklich sei, antwortet der »Starez«: »Kann mich nicht entschließen, soll die Duma einberufen werden oder nicht.« Dann wieder: »Kehrte um 5 Uhr morgens heim, ziemlich betrunken.« So wurde monateund jahrelang auf drei Tasten immer die gleiche Melodie gespielt: »Ziemlich betrunken«, »sehr betrunken«, »stockbetrunken«. Diese staatswichtigen Nachrichten verband zu einer Einheit und bekräftigte mit seiner Unterschrift der Gendarmeriegeneral Globatschew.

Die Blüte des rasputinschen Einflusses währte sechs Jahre, die letzten Jahre der Monarchie. »Sein Leben in Petersburg«, erzählt Fürst Jussupow, bis zu einem gewissen Grade Teilnehmer dieses Lebens und später Rasputins Mörder, »verwandelte sich in ein ununterbrochenes Fest, in die wüste Orgie eines Zuchthäuslers, dem unverhofft das Glück in den Schoß gefallen war.« »In meinem Besitze befand sich«, schreibt der Dumavorsitzende Rodsjanko, »eine Unmenge Briefe von Müttern, deren Töchter dieser schamlose Wüstling missbraucht hatte.« Gleichzeitig verdankten der Petersburger Metropolit Pitirin und der kaum des Lesens und Schreibens kundige Erzbischof Warnawa ihre Ämter Rasputin. Durch ihn hielt sich auch lange Zeit der Oberprokureur des Heiligen Synods, Sabler, im Amte, auf Rasputins Wunsch und Willen wurde der Premier Kokowzew entlassen, der sich geweigert hatte, den »Starez« zu empfangen. Rasputin ernannte Stürmer zum Vorsitzenden des Ministerrats, Protopopow zum Minister des Innern, den neuen Oberprokureur des Synods, Rajew, und viele andere. Der Gesandte der Französischen Republik, Paléologue, bemühte sich um eine Zusammenkunft mit Rasputin, er küsste sich mit ihm und rief aus: »Voilà un véritable illuminé!«, um so der Zarin Herz für die Sache Frankreichs zu erobern. Der Jude Simanowitsch, des »Starez« Finanzagent, den die Kriminalpolizei als einen Spieler und Wucherer in ihren Listen führte, setzte mit Rasputins Hilfe durch, dass ein völlig ehrloses Subjekt, Dobrowolski, zum Justizminister ernannt wurde. »Sieh Dir die kleine Liste an«, schreibt die Zarin an den Zaren über die neuen Ernennungen, »unser Freund bittet, dass Du Dich über all dies mit Protopopow besprichst.« Nach zwei Tagen: »Unser Freund sagt, Stürmer könne noch einige Zeit Vorsitzender des Ministerrats bleiben.« Und wieder: »Protopopow verehrt ehrfurchtsvoll unsern Freund und wird gesegnet werden.«

An einem jener Tage, als die Spitzel die Zahl der Flaschen und Frauen registrierten, schrieb die Zarin wehmütig an den Zaren: »Rasputin wird beschuldigt, dass er Frauen geküsst habe, und so weiter. Lies die Apostel – sie haben alle zum Gruße geküsst.« Der Hinweis auf die Apostel hätte die Spitzel kaum zu überzeugen vermocht. In einem anderen Briefe geht die Zarin noch weiter: »Während des abendlichen Evangeliums habe ich soviel über unseren Freund nachdenken müssen: Wie doch die Buchgelehrten und Pharisäer Christus verfolgen und sich verstellen, als wären sie Vollkommenheiten ... Ja, wahrhaftig, es gilt kein Prophet in seinem Vaterlande.«

Der Vergleich Rasputins mit Christus war in diesem Kreise üblich und nicht zufällig. Die Angst vor den mächtigen Kräften der Geschichte war zu stark, als dass sich das Zarenpaar mit dem unpersönlichen Gott und dem körperlosen Schatten des Christus aus dem Evangelium begnügen konnte. Es bedurfte einer Wiederkunft des »Menschensohnes«. Die ausgestoßene, in Agonie liegende Monarchie fand in Rasputin einen Christus nach ihrem Ebenbilde.

»Hätte es Rasputin nicht gegeben«, sagte ein Mann des alten Regimes, der Senator Taganzew, »dann hätte man ihn erfinden müssen.« Diese Worte enthalten viel mehr, als ihr Autor geglaubt haben mag. Versteht man unter Hooliganentum den krassesten Ausdruck antisozialer, parasitärer Züge in den Tiefen der Gesellschaft, kann man die Rasputiniade mit vollem Recht als das gekrönte Hooliganentum auf seinem höchsten Gipfel bezeichnen.

[1] Es sind immer Zar und Zarin gemeint.

Die Idee der Palastrevolution

Weshalb denn haben die herrschenden Klassen, als sie Rettung vor der Revolution suchten, nichts unternommen, um sich vom Zaren und dessen Umgebung zu befreien? Sie haben wohl daran gedacht, doch sie wagten es nicht. Es fehlte ihnen der Glaube an ihre Sache und die Entschlossenheit. Die Idee einer Palastrevolution lag in der Luft, bis sie in der Staatsumwälzung unterging. Man muss bei diesem Punkte verweilen, um sich ein klares Bild von den gegenseitigen Beziehungen zwischen der Monarchie und den Spitzen des Adels, der Bürokratie und der Bourgeoisie am Vorabend der Explosion machen zu können.

Die besitzenden Klassen waren durch und durch monarchistisch: kraft ihrer Interessen, ihrer Traditionen und ihrer Feigheit. Aber sie wollten eine Monarchie ohne Rasputin. Die Monarchie gab ihnen zur Antwort: Nehmt mich, wie ich bin. Der Forderung nach einem anständigen Ministerium begegnete die Zarin damit, dass sie dem Zaren einen Apfel aus Rasputins Hand ins Hauptquartier sandte und verlangte, der Zar möge ihn zur Festigung seines Willens verzehren. »Erinnere Dich«, beschwor sie ihn, »dass sogar Monsieur Philippe (ein französischer Scharlatan und Hypnotiseur) gesagt hat, man dürfe keine Konstitution geben, denn das wäre Dein und Russlands Untergang ...« »Sei Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Kaiser Paul – zerdrücke alles unter Dir!«

Welch ekliges Gemisch aus Angst, Aberglauben und feindseliger Fremdheit gegen das Land! Es könnte allerdings scheinen, dass mindestens in den oberen Schichten die Zarenfamilie nicht gar so einsam war: Ist doch Rasputin stets von einem Gestirn vornehmer Damen umringt, und beherrscht doch das Schamanentum überhaupt die Aristokratie. Aber diese Mystik der Angst verbindet nicht, im Gegenteil, sie trennt. Jeder versucht, sich auf seine Art zu retten. Viele aristokratische Häuser haben ihre rivalisierenden Heiligen. Sogar auf den Petrograder Gipfeln ist die Zarenfamilie, wie verpestet, von einer Quarantäne des Misstrauens und der Feindschaft umgeben. Das Hoffräulein Wyrubowa schreibt in ihren Erinnerungen: »Ich ahnte tief und fühlte eine Feindseligkeit der ganzen Umgebung gegen die, die ich vergötterte, und ich fühlte, dass diese Feindseligkeit erschreckende Dimensionen annahm ...«

Auf purpurrotem Hintergrund des Krieges, unter vernehmbarem Getöse unterirdischer Stöße verzichteten die Privilegierten nicht eine Stunde auf die Freuden des Lebens, im Gegenteil, sie genossen sie wie im Rausch. Aber auf ihren Festgelagen erschien immer häufiger ein Skelett und drohte ihnen mit den Knöcheln seiner Finger. Dann wähnten sie, das ganze Unglück käme von dem abscheulichen Charakter der Alice, von der treubrüchigen Willenlosigkeit des Zaren, von der habgierigen Närrin Wyrubowa, vom sibirischen Christus mit den Schrammen auf dem Schädel. Wellen unerträglicher Ahnungen überliefen die herrschenden Klassen, krampfartige Zuckungen gingen von der Peripherie zum Zentrum, die verhasste Spitze in Zarskoje Selo immer stärker isolierend. In ihren im Allgemeinen äußerst verlogenen Erinnerungen hat die Wyrubowa recht krass den Ausdruck für den Zustand dieser Spitze gefunden: »... zum hundertsten Male fragte ich mich: Was ist mit der Petrograder Gesellschaft geschehen? Sind sie alle seelisch erkrankt oder von einer in Kriegszeiten wütenden Epidemie befallen? Es ist schwer, sich auszukennen, die Tatsache aber bleibt bestehen: Alle waren in einem anormal erregten Zustande.«

Zu denen, die die Besinnung verloren hatten, gehörte auch die umfangreiche Familie der Romanows, die ganze habgierige, schamlose, von allen gehasste Meute der Großfürsten und Großfürstinnen. Auf den Tod erschrocken, trachteten sie, sich aus dem sie umklammernden Ring zu befreien, versuchten, sich bei der frondierenden Aristokratie einzuschmeicheln, klatschten über das Zarenpaar, hetzten einander und ihre Umgebung auf. Die allerdurchlauchtigsten Onkel wandten sich an den Zaren mit ermahnenden Briefen, in denen hinter Ehrfurcht das Zähneknirschen zu spüren war.

Nach der Oktoberrevolution charakterisierte Protopopow zwar ziemlich plump, aber malerisch die Stimmung der obersten Schichten: »Selbst die höchsten Klassen frondierten vor der Revolution. In den Klubs und Salons der großen Welt übte man scharfe und missgünstige Kritik an der Politik der Regierung; man analysierte und begutachtete die Beziehungen, die sich in der Zarenfamilie herausgebildet hatten; verbreitete anekdotische Erzählungen über das Oberhaupt des Staates; schrieb Verse; viele Großfürsten besuchten offen solche Zusammenkünfte, und ihre Anwesenheit verlieh den karikaturenhaften Erfindungen und bösartigen Übertreibungen in den Augen des Publikums besondere Zuverlässigkeit. Das Bewusstsein der Gefährlichkeit dieses Spieles erwachte bis zum letzten Augenblick nicht.«

Besondere Schärfe verlieh den Gerüchten über eine Palastkamarilla die Beschuldigung der Deutschfreundlichkeit und sogar der direkten Verbindung mit dem Feinde. Der vorlaute und nicht sehr gründliche Rodsjanko erklärt direkt: »Die Verbindung und die Analogie der Bestrebungen sind derart logisch klar, dass es mindestens für mich keine Zweifel geben kann an dem Zusammenwirken des deutschen Stabes und des rasputinschen Kreises. Das unterliegt keinem Zweifel.« Der bloße Hinweis auf die »logische« Klarheit schwächt den kategorischen Ton dieses Zeugnisses sehr ab. Für die Verbindung der Rasputinleute mit dem deutschen Stab waren auch nach der Revolution keinerlei Beweise zu entdecken. Anders verhält es sich mit dem sogenannten »Germanophilentum«. Es handelte sich natürlich nicht um nationale Sympathien oder Antipathien der deutschstämmigen Zarin, des Premiers Stürmer, der Gräfin Kleinmichel, des Hofministers, Graf Frederiks, und anderer Herren mit deutschen Namen. Die zynischen Memoiren der alten Intrigantin Kleinmichel zeigen mit bemerkenswerter Krassheit, welch übernationaler Charakter die Spitzen der Aristokratie aller Länder Europas auszeichnete, die miteinander durch Bande der Verwandtschaft, Erbschaften, Verachtung gegen alles unter ihnen Stehende und, last but not least, durch kosmopolitische Libertinagen in alten Schlössern, fashionablen Bädern und an europäischen Höfen verknüpft waren. Bedeutend realer waren die organischen Antipathien des Hofgesindes gegen die katzbuckelnden Advokaten der Französischen Republik und die Sympathien der Reaktionäre teutonischen wie slawischen Namens für den echt preußischen Geist des Berliner Regimes, der ihnen so lange Zeit mit seinem gewichsten Schnurrbart, seinen Feldwebelmanieren und seiner selbstbewussten Dummheit imponiert hatte.

Aber auch das war nicht für die Frage entscheidend. Die Gefahr ergab sich aus der Logik der Situation selbst, denn der Hof konnte nichts anderes tun, als in einem Separatfrieden Rettung suchen, und zwar umso dringlicher, je bedrohlicher die Lage wurde. Der Liberalismus war, wie wir später noch sehen werden, in der Person seiner Führer bestrebt, die Chance des Separatfriedens für sich zu reservieren, in Verbindung mit der Perspektive, an die Macht zu gelangen. Und gerade deshalb führte er eine wilde chauvinistische Agitation, das Volk betrügend und den Hof terrorisierend. Die Kamarilla wagte nicht, in einer so heiklen Frage vorzeitig ihr wahres Antlitz zu zeigen, und war sogar gezwungen, den allgemeinen patriotischen Ton nachzuahmen, während sie gleichzeitig den Boden für einen Separatfrieden abtastete.

Das Oberhaupt der Polizei, General Kurlow, der zur rasputinschen Kamarilla gehörte, bestreitet natürlich in seinen Erinnerungen die deutschen Verbindungen und Sympathien seiner Gönner, aber er fügt gleich hinzu:

»Man kann Stürmer keinen Vorwurf daraus machen, dass er der Meinung war, der Krieg mit Deutschland sei das größte Unglück für Russland gewesen und habe keine ernsten politischen Grundlagen für sich gehabt.« Man darf nur nicht vergessen, dass der Mann, der diese interessante »Meinung« gehabt hat, das Oberhaupt einer Regierung war, die gegen Deutschland Krieg führte. Der letzte zaristische Innenminister, Protopopow, hatte am Vorabend seines Eintritts in die Regierung in Stockholm Verhandlungen mit einem deutschen Diplomaten geführt und darüber dem Zaren Bericht erstattet. Rasputin selbst hat nach den Worten desselben Kurlow »den Krieg mit Deutschland als ein großes Unglück für Russland betrachtet«. Schließlich schrieb die Kaiserin am 5. April 1916 an den Zaren: »... sie dürfen es nicht wagen zu behaupten, dass Er irgendetwas Gemeinsames mit den Deutschen hat, Er ist gut und großherzig gegen alle, wie Christus, gleichviel zu welcher Religion ein Mensch gehört; so muss ein wahrer Christ sein.«

Gewiss konnten sich an diesen wahren Christen, der aus dem Zustand der Betrunkenheit nie herauskam, neben Falschspielern, Wucherern und aristokratischen Kupplern auch ausgesprochene Spione herangemacht haben. »Verbindungen« solcher Art sind nicht ausgeschlossen. Die oppositionellen Patrioten aber stellten die Frage breiter und präziser: Sie beschuldigten die Zarin direkt des Verrates. In seinen viel später geschriebenen Erinnerungen bekundet der General Denikin: »In der Armee sprach man laut, ohne Rücksicht auf Ort und Zeit, von der beharrlichen Forderung der Zarin nach einem Separatfrieden, von ihrem Verrat an dem Feldmarschall Kitchener, über dessen Reise sie angeblich den Deutschen Mitteilung gemacht hätte und so weiter. Dieser Umstand war von größter Bedeutung für die Stimmung in der Armee, in Bezug auf deren Haltung gegenüber Dynastie und Revolution.« Der gleiche Denikin erzählt, dass General Alexejew nach der Umwälzung auf die direkte Frage betreffs des Verrates der Kaiserin »unbestimmt und unwillig« geantwortet habe, man hätte bei der Sichtung der Papiere der Zarin eine Karte mit genauer Aufzeichnung der Truppen der gesamten Front vorgefunden, und dies hätte auf ihn, Alexejew, einen sehr deprimierenden Eindruck gemacht ... »Nicht ein Wort mehr«, fügt Denikin vielsagend hinzu, »er wechselte das Gesprächsthema.« Ob die Zarin die geheimnisvolle Karte wirklich besessen hat, lässt sich nicht feststellen, jedenfalls waren die unbeholfenen Generale offensichtlich nicht abgeneigt, einen Teil der Verantwortung für ihre Niederlagen auf die Zarin abzuwälzen. Die Gerüchte über Verrat des Hofes schlichen durch die Armee zweifellos hauptsächlich von oben nach unten, von den schwachköpfigen Stäben aus.

Wenn aber die Zarin, der sich der Zar in allem unterwirft, an Wilhelm Kriegsgeheimnisse und sogar die Häupter der verbündeten Heeresführer verrät, was bleibt dann anderes als ein Strafgericht über das Zarenpaar? Und da andererseits der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch als das Haupt der Armee und der antideutschen Partei galt, war er gleichsam von Amts wegen für die Rolle des obersten Gönners der Palastrevolution vorbestimmt. Das war auch der Grund, weshalb der Zar auf Drängen Rasputins und der Zarin den Großfürsten absetzte und das Oberkommando selbst in die Hand nahm. Aber die Zarin hatte sogar vor einer Zusammenkunft des Neffen mit dem Onkel bei Übergabe der Geschäfte Angst: »Seelchen, sei vorsichtig«, schreibt sie dem Zaren ins Hauptquartier, »lass Dich nicht von Nikolascha durch irgendwelche Versprechungen oder sonst was fangen, denk daran, dass Grigorij Dich vor ihm und seinen bösen Leuten gerettet hat ... erinnere Dich im Namen Russlands, was sie vorhatten: Dich zu verjagen (das ist kein Klatsch, Orlow hatte schon alle Papiere fertig) und mich ins Kloster ...«

Der Bruder des Zaren, Michail, sagte zu Rodsjanko: »Die ganze Familie ist sich dessen bewusst, wie schädlich Alexandra Feodorowna ist. Den Bruder und sie umgeben ausschließlich Verräter. Alle anständigen Menschen haben sich entfernt. Aber was ist in diesem Falle zu tun?« Freilich, was war in diesem Falle zu tun?

Die Großfürstin Maria Pawlowna bestand in Gegenwart ihrer Söhne darauf, dass Rodsjanko die Initiative der »Beseitigung« der Zarin auf sich nähme. Rodsjanko schlug vor, dies Gespräch als nicht stattgefunden zu betrachten, sonst müsste er aus Eidespflicht dem Zaren melden, dass die Großfürstin dem Dumavorsitzenden den Vorschlag gemacht habe, die Kaiserin zu beseitigen. So verwandelte der schlagfertige Kammerherr die ganze Frage nach der Ermordung der Zarin in einen netten Salonscherz.

Das Ministerium selbst stand zeitweise in scharfer Opposition zum Zaren. Schon im Jahre 1915, anderthalb Jahre vor der Umwälzung, wurden bei den Regierungssitzungen Reden geführt, die noch heute unglaublich erscheinen. Der Kriegsminister Poliwanow sagt: »Die Situation retten kann nur eine der Gesellschaft gegenüber versöhnliche Politik. Die gegenwärtigen schwankenden Dämme können die Katastrophe nicht abwenden.« Der Marineminister Grigorowitsch: »Es ist kein Geheimnis, dass die Armee uns misstraut und auf eine Änderung wartet.« Der Minister des Auswärtigen, Sasonow: »Die Popularität des Zaren und seine Autorität in den Augen der Volksmassen ist stark erschüttert.« Der Minister des Inneren, Fürst Schtscherbatow: »Wir sind alle zusammen ungeeignet, Russland in dieser sich herausbildenden Situation zu verwalten ... Es ist entweder eine Diktatur oder eine versöhnliche Politik notwendig« (Sitzung vom August 1915). Schon konnte weder das eine noch das andere helfen, weder das eine noch das andere war durchführbar. Der Zar entschloss sich nicht zu einer Diktatur, lehnte eine versöhnliche Politik ab und nahm die Demission der Minister, die sich als ungeeignet bezeichneten, nicht an. Ein höherer Beamter gibt in seinen Aufzeichnungen zu den Reden der Minister folgenden kurzen Kommentar: Man wird wohl an der Laterne hängen müssen.

Bei einer solchen Stimmung ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sogar in den bürokratischen Kreisen von der Notwendigkeit einer Palastrevolution sprach, als dem einzigen Mittel, der heraufziehenden Revolution vorzubeugen. »Hätte ich die Augen verbunden gehabt«, erinnert sich ein Teilnehmer dieser Debatten, »ich hätte glauben können, mich in Gesellschaft eingefleischter Revolutionäre zu befinden.«

Ein Gendarmerieoberst, der mit der besonderen Aufgabe betraut war, im Süden Russlands die Armee zu inspizieren, entwarf in seinem Bericht ein düsteres Bild: Durch Propaganda, insbesondere mit dem Argument der Deutschfreundlichkeit der Kaiserin und des Zaren, sei die Armee für eine Palastrevolution vorbereitet. »Derartige Gespräche wurden in Offizierskasinos offen geführt und fanden seitens des höheren Kommandos keine Zurückweisung.« Protopopow gibt seinerseits folgendes Zeugnis ab: »Eine beträchtliche Anzahl von Personen aus dem höheren Kommandobestand sympathisierte mit der Umwälzung; einzelne Personen standen in Verbindung und unter Einfluss des sogenannten progressiven Blocks.«

Der später zur Berühmtheit gelangte Admiral Koltschak sagte nach Zertrümmerung seiner Truppen durch die Rote Armee vor der Untersuchungskommission der Sowjets aus, dass er mit zahlreichen oppositionellen Mitgliedern der Duma in Verbindung gestanden und deren Hervortreten begrüßt habe, da er sich »gegen die Macht, die vor der Revolution existierte, ablehnend verhielt«. In die Pläne der Palastrevolution war Koltschak jedoch nicht eingeweiht.

Nach der Ermordung Rasputins und den in Verbindung damit erfolgten Ausweisungen von Großfürsten begann die vornehme Gesellschaft besonders laut von der Notwendigkeit der Palastrevolution zu sprechen. Fürst Jussupow erzählt, zu dem im Palaste inhaftierten Großfürsten Dmitrij seien Offiziere einiger Regimenter gekommen und hätten ihm verschiedene Pläne für eine entscheidende Aktion unterbreitet, »auf die er natürlich nicht eingehen konnte«.

Auch die verbündete Diplomatie galt als an der Verschwörung beteiligt, zumindest in der Person des britischen Gesandten. Dieser unternahm, zweifellos auf Initiative der russischen Liberalen, im Januar 1917, nachdem er sich der Sanktion seiner Regierung versichert hatte, den Versuch, Nikolaus zu beeinflussen. Der Zar hörte ihn aufmerksam und höflich an, dankte ihm und – begann von anderen Dingen zu sprechen. Protopopow unterrichtete Nikolaus über die Beziehungen Buchanans zu den Hauptführern des progressiven Blocks und schlug vor, die Überwachung der englischen Gesandtschaft einzurichten. Nikolaus soll diesen Vorschlag nicht gebilligt haben mit der Begründung, die Überwachung eines Gesandten sei »den internationalen Traditionen widersprechend«. Indessen berichtet Kurlow ohne Umschweife, dass »die polizeilichen Überwachungsorgane täglich Verbindungen zwischen der Kadettenpartei Miljukows und der englischen Gesandtschaft registrierten«. Die internationalen Traditionen haben also nichts verhindert. Aber auch deren Verletzung hat nicht viel geholfen: Die Palastverschwörung wurde dennoch nicht aufgedeckt.

Hat sie in der Tat existiert? Das ist durch nichts bewiesen. Sie war zu ausgedehnt, diese »Verschwörung«, erfasste zu zahlreiche und allzu verschiedenartige Kreise, um eine Verschwörung zu sein. Sie hing in der Luft als Stimmung der Spitzen der Petersburger Gesellschaft, als wirre Vorstellung einer Rettung, als Losung der Verzweiflung. Aber sie verdichtete sich nicht bis zum Grade eines praktischen Planes.

Der höhere Adel hatte im 18. Jahrhundert nicht nur einmal praktische Korrekturen an der Thronfolge vorgenommen, indem er unbequeme Kaiser hinter Schloss und Riegel setzte oder erdrosselte: Zuletzt wurde eine solche Operation im Jahre 1801 an Paul vorgenommen. Man kann folglich nicht sagen, dass eine Palastrevolution der Tradition der russischen Monarchie widersprochen hätte: Im Gegenteil, sie bildete ein unentbehrliches Element dieser Tradition. Doch die Aristokratie fühlte sich schon längst nicht mehr sicher im Sattel. Die Ehre, den Zaren und die Zarin zu erdrosseln, trat sie an die liberale Bourgeoisie ab. Deren Führer aber bewiesen nicht viel größere Entschlossenheit.

Nach der Revolution hat man wiederholt auf die liberalen Kapitalisten Gutschkow und Tereschtschenko und auf den ihnen nahestehenden General Krymow verwiesen, als auf den Herd der Verschwörung. Gutschkow und Tereschtschenko haben das selbst bestätigt, wenn auch unbestimmt. Der ehemalige Freiwillige der Burenarmee gegen England, Duellant Gutschkow, der Liberale mit den Sporen, musste der »öffentlichen Meinung« als die für eine Verschwörung geeignetste Person erscheinen. Beileibe doch nicht der wortreiche Professor Miljukow! Gutschkow kehrte zweifellos in Gedanken wiederholt zu einem guten und kurzen Schlag zurück, bei dem ein Garderegiment die Revolution ersetzt und ihr vorbeugt. Schon Witte hatte in seinen »Erinnerungen« Gutschkow, den er hasste, als einen Anhänger der jungtürkischen Methoden zur Erledigung eines unbequemen Sultans denunziert. Aber Gutschkow, der auch in seinen jungen Jahren jungtürkischen Mut zu beweisen versäumt hatte, war inzwischen stark gealtert. Und was die Hauptsache ist: Der Gesinnungsgenosse Stolypins konnte den Unterschied zwischen den russischen Verhältnissen und den alttürkischen unmöglich übersehen und musste sich fragen, ob ein Palastumsturz, statt der Revolution vorzubeugen, nicht zu jenem letzten Stoß werden könnte, der die Lawine ins Rollen bringt, und ob das Heilmittel sich nicht verderbenbringender erweisen würde als die Krankheit selbst?

In der Literatur, die der Februarrevolution gewidmet ist, wird von der Vorbereitung des Palastumsturzes wie von einer feststehenden Tatsache gesprochen. Miljukow äußert sich folgendermaßen: »Im Februar sollte es schon zu seiner Verwirklichung kommen.« Denikin verlegt die Verwirklichung auf den März. Beide erwähnen den »Plan«, den Zarenzug unterwegs anzuhalten, die Thronentsagung zu fordern und im Falle einer Weigerung, die man für unvermeidlich hielt, die »physische Beseitigung« des Zaren vorzunehmen. Miljukow fügt ergänzend hinzu, dass die Führer des progressiven Blocks, die an der Verschwörung unbeteiligt und über deren Vorbereitungen nicht »genau« informiert gewesen wären, in Voraussicht eines wahrscheinlichen Umsturzes im engeren Kreise darüber diskutiert hätten, wie die Umwälzung im Falle eines Erfolges am besten auszunutzen wäre. Einige marxistische Untersuchungen der letzten Jahre nehmen ebenfalls die Version von der praktischen Vorbereitung einer Umwälzung gutgläubig hin. An diesem Beispiel kann man, nebenbei bemerkt, beobachten, wie leicht und fest Legenden sich einen Platz in der historischen Wissenschaft erobern.

Als wichtigster Beweis für die Verschwörung wird nicht selten die farbige Erzählung Rodsjankos angeführt, die aber gerade ein Beweis dafür ist, dass es keine Verschwörung gegeben hat. Im Januar 1917 kam General Krymow von der Front in die Hauptstadt und klagte Dumamitgliedern gegenüber, dass es so nicht weitergehen könne. »Falls ihr euch zu diesem äußersten Mittel (einem Zarenwechsel) entschließt, werden wir euch unterstützen.« Falls ihr euch entschließt! ... Der Oktobrist Schidlowski rief wütend aus: »Man kann ihn nicht schonen und bemitleiden, wenn er Russland zugrunde richtet.« Im lärmenden Streit wurden die tatsächlichen oder vermeintlichen Worte Brussilows angeführt: »Falls man gezwungen sein sollte, zwischen dem Zaren und Russland zu wählen – gehe ich mit Russland.« Falls man gezwungen sein sollte! Der junge Millionär Tereschtschenko trat als unbeugsamer Zarenmörder auf. Der Kadett Schingarew sagte: »Der General hat Recht. Ein Umsturz ist notwendig ... Wer aber wird sich dazu entschließen?« Darum handelt es sich eben: Wer wird sich dazu entschließen? Das ist der Kern der Angaben Rodsjankos, der selbst gegen den Umsturz aufgetreten war. Während der wenigen weiteren Wochen ist der Plan offenbar nicht fortgeschritten. Davon, den Zarenzug aufzuhalten, wurde gesprochen; es ist aber nicht zu entdecken, wer die Operation durchführen sollte.

Der russische Liberalismus unterstützte, als er noch jünger war, durch Geld und Sympathien die Terroristen in der Hoffnung, sie würden mit ihren Bomben die Monarchie in die Arme des Liberalismus treiben. Den eigenen Kopf zu riskieren, war keiner dieser würdigen Herren gewohnt. Die Hauptrolle jedoch spielte nicht so sehr persönliche wie Klassenangst: Jetzt ist es schlimm – erwogen sie –, dass es aber nur nicht schlimmer werde! Jedenfalls, wenn Gutschkow-Tereschtschenko-Kryrnow ernstlich an einen Umsturz gedacht, das heißt für seine praktische Vorbereitung Kräfte und Mittel mobilisiert haben würden, so wäre dies nach der Revolution jedenfalls mit voller Bestimmtheit und Genauigkeit festzustellen gewesen, denn die Teilnehmer, besonders die jungen Exekutoren, deren nicht wenig gebraucht worden wären, hätten keine Veranlassung gehabt, die »beinah« vollbrachte Heldentat zu verschweigen: Nach dem Februar hätte sie ihre Karriere nur gesichert. Solche Enthüllungen aber hat es nicht gegeben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass es sich für Gutschkow und Krymow um nichts anderes gehandelt hat als um patriotische Stoßseufzer bei Wein und Zigarren. Die leichtsinnigen Frondeure der Aristokratie wie die schwerfälligen Oppositionellen der Plutokratie brachten den Mut nicht auf, den Gang der ungünstigen Vorsehung durch eine Tat zu korrigieren.

Einer der phrasenhaftesten und hohlsten Liberalen, Maklakow, wird im Mai 1917 in einer Privatberatung der Duma, die – zusammen mit der Monarchie – von der Revolution beiseite geschoben ist, rufen: »Wenn unsere Nachkommen diese Revolution verfluchen werden, so werden sie auch uns verfluchen, die wir es nicht verstanden haben, ihr rechtzeitig durch eine Umwälzung von oben zuvorzukommen!« Noch später, bereits in der Emigration, wird, nach Maklakow, auch Kerenski wehklagen: »Ja, das privilegierte Russland hat es versäumt, durch einen rechtzeitigen Coup d’État von oben (von dem man so viel gesprochen und auf den man sich so viel [?] vorbereitet hatte) die elementare Staatsexplosion abzuwenden.«

Diese zwei Ausrufe vollenden das Bild, indem sie zeigen, dass die studierten Flachköpfe auch dann noch, als die Revolution alle ihre unbändigen Kräfte entfesselt hatte, zu glauben fortfuhren, ein »rechtzeitiger« Wechsel der dynastischen Spitze hätte die Revolution abzuwenden vermocht!

Für den »großen« Palastumsturz hatte die Entschlossenheit nicht ausgereicht. Aber aus ihm erwuchs der Plan des kleinen Umsturzes. Die liberalen Verschwörer wagten nicht, den Hauptakteur der Monarchie zu beseitigen; die Großfürsten beschlossen deshalb, seinen Souffleur wegzuräumen: In der Ermordung Rasputins erblickten sie das letzte Mittel zur Rettung der Dynastie.

Der mit einer Romanow vermählte Fürst Jussupow zog den Großfürsten Dmitrij Pawlowitsch und den monarchistischen Deputierten Purischkewitsch zu der Aktion hinzu. Man bemühte sich, auch den Liberalen Maklakow einzubeziehen, wohl um dem Morde einen »allnationalen« Anstrich zu geben. Der berühmte Advokat wich wohlweislich aus, versah jedoch die Verschwörer mit Gift. Ein höchst stilvolles Detail! Nicht ohne Grund rechneten die Verschwörer damit, dass das romanowsche Automobil nach dem Morde die Wegschaffung der Leiche erleichtern würde: Das großfürstliche Wappen fand Verwendung. Das Weitere spielte sich im Plane einer auf schlechten Geschmack berechneten kinematografischen Inszenierung ab.

In der Nacht vom 16. zum 17. Dezember wurde Rasputin, den man zu einem Trinkgelage verlockt hatte, in der jussupowschen Villa ermordet.

Außer der engeren Kamarilla und den mystischen Anbeterinnen nahmen die regierenden Klassen die Ermordung Rasputins wie einen Rettungsakt auf. Den mit Hausarrest bedachten Großfürsten, dessen Hände, nach dem Ausdruck des Zaren, von Bauernblut – wenn auch ein Christus, so doch ein Bauer! – besudelt waren, besuchten mit dem Ausdruck der Sympathie alle Mitglieder des Kaiserlichen Hauses, die sich in Petersburg aufhielten. Der Zarin leibliche Schwester, die verwitwete Großfürstin Sergius, teilte telegrafisch mit, dass sie für die Mörder bete und sie für ihre patriotische Tat segne. Solange kein Verbot bestand, Rasputin zu erwähnen, veröffentlichten die Zeitungen begeisterte Artikel. In den Theatern versuchte man Demonstrationen zu Ehren der Mörder zu veranstalten. In den Straßen gratulierten Passanten einander. »In Privathäusern, Offiziersklubs, in Restaurants«, schreibt Fürst Jussupow, »trank man auf unsere Gesundheit; aus den Betrieben schrien uns die Arbeiter ›hurra!‹ zu.« Es ist allerdings anzunehmen, dass die Arbeiter nicht getrauert haben, als sie von der Ermordung Rasputins erfuhren. Ihre »Hurra«-Rufe aber hatten mit den Hoffnungen auf eine Wiederbelebung der Dynastie nichts zu tun.

Die rasputinsche Kamarilla verstummte abwartend. Vor aller Welt geheim, setzten Zar und Zarin, die Zarentöchter und Wyrubowa Rasputin bei; neben der Leiche des heiligen Freundes, des von Großfürsten ermordeten ehemaligen Pferdediebes, musste die Zarenfamilie sich selbst wie verstoßen fühlen. Aber auch der begrabene Rasputin fand keine Ruhe. Als Nikolaus und Alexandra Romanow schon als Gefangene galten, warfen Soldaten von Zarskoje Selo sein Grab auf und öffneten den Sarg. Neben dem Kopfe des Ermordeten lag ein Heiligenbild mit der Aufschrift: Alexandra, Olga, Tatjana, Maria, Anastasia, Anja. Die Provisorische Regierung schickte einen Bevollmächtigten, um die Leiche aus irgendeinem Grunde nach Petrograd schaffen zu lassen. Die Menge widersetzte sich und der Bevollmächtigte musste die Leiche an Ort und Stelle verbrennen.

Nach der Ermordung des »Freundes« bestand die Monarchie insgesamt noch zehn Wochen. Diese kurze Frist aber gehörte ihr. Rasputin war nicht mehr, doch sein Schatten herrschte weiter. Allen Erwartungen der Verschwörer zum Trotz, begann das Zarenpaar nach der Ermordung mit verstärkter Kraft die verächtlichsten Mitglieder der rasputinschen Bande auszuzeichnen. Um Rasputin zu rächen, wurde ein berüchtigter Lump zum Justizminister ernannt. Einige Großfürsten verbannte man aus der Hauptstadt. Man erzählte, Protopopow betreibe Spiritismus, um den Geist Rasputins herbeizurufen. Die Schlinge der Ausweglosigkeit zog sich noch enger zusammen.

Die Ermordung Rasputins hatte große Folgen, aber ganz andere als die, mit denen ihre Teilnehmer und Inspiratoren gerechnet hatten. Sie hatte die Krise nicht gemildert, sondern zugespitzt. Von der Ermordung sprach man überall: in den Schlössern, in den Stäben, in den Betrieben und in den Bauernhütten. Die Schlussfolgerung drängte sich von selbst auf: Sogar die Großfürsten haben gegen die aussätzige Kamarilla keine anderen Mittel als Gift und Revolver. Der Dichter Alexander Block schrieb über die Ermordung Rasputins: »Die Kugel, die mit ihm Schluss machte, traf die herrschende Dynastie mitten ins Herz.«

Schon Robespierre erinnerte die Gesetzgebende Versammlung daran, dass die Opposition des Adels, indem sie die Monarchie geschwächt, die Bourgeoisie und hinterher auch die Volksmassen in Schwung gebracht hatte. Robespierre warnte gleichzeitig, dass die Revolution im übrigen Europa sich nicht so schnell entwickeln werde wie in Frankreich, weil die privilegierten Klassen der anderen Länder, durch das französische Beispiel belehrt, die Initiative der Revolution nicht auf sich nehmen würden. Indem er diese bemerkenswerte Analyse gab, hatte sich Robespierre jedoch mit seiner Vermutung getäuscht, dass der französische Adel durch seine oppositionelle Verirrung dem Adel der anderen Länder ein für allemal eine Lektion erteilt habe. Russland hat im Jahre 1905 und besonders im Jahre 1917 erneut bewiesen, dass eine gegen Selbstherrschertum und halbe Leibeigenschaft, mithin gegen den Adel gerichtete Revolution bei ihren ersten Schritten eine systemlose, widerspruchsvolle, aber immerhin äußerst wirksame Förderung findet, nicht nur seitens des Durchschnittsadels, sondern auch seiner privilegierten Spitzen, sogar einschließlich der Angehörigen der Dynastie. Diese bemerkenswerte historische Tatsache könnte als Gegensatz zu der Klassentheorie der Gesellschaft erscheinen, in Wirklichkeit jedoch widerspricht sie nur deren vulgärer Auffassung.

Eine Revolution bricht aus, wenn alle Antagonismen der Gesellschaft die höchste Spannung erreicht haben. Das aber gerade macht die Situation sogar für die Klassen der alten Gesellschaft, das heißt für jene, die dem Untergange geweiht sind, unerträglich. Ohne den biologischen Analogien mehr Gewicht beizumessen, als sie es verdienen, ist es dennoch angebracht, daran zu erinnern, dass der Akt der Geburt in einem gewissen Augenblick in gleicher Weise für den Organismus der Mutter wie für den der Frucht unabwendbar wird. In der Opposition der privilegierten Klassen äußert sich die Unvereinbarkeit ihrer traditionellen gesellschaftlichen Lage mit den Bedürfnissen für das Weiterbestehen der Gesellschaft. Der regierenden Bürokratie beginnt alles aus den Händen zu gleiten. Die Aristokratie, die sich im Mittelpunkt des allgemeinen Hasses fühlt, schiebt die Schuld auf die Bürokratie.

Diese beschuldigt die Aristokratie, und dann richten sie gemeinsam oder getrennt ihre Unzufriedenheit gegen die monarchische Krönung ihrer Macht.

Der aus dem Dienste in Adelskörperschaften für einige Zeit als Minister herbeigerufene Fürst Schtscherbatow sagte: »Sowohl Samarin wie ich sind ehemalige Gouvernement-Adelsmarschälle. Niemand hat uns bisher als Linke betrachtet und auch wir betrachten uns nicht als solche. Aber beide können wir eine Lage im Staate nicht begreifen, bei der der Monarch und seine Regierung sich mit der gesamten vernünftigen Öffentlichkeit (von den revolutionären Intrigen lohnt sich nicht zu sprechen) – mit den Adligen, den Kaufleuten, den Städten, den Semstwos, sogar mit der Armee – in radikalem Widerspruch befinden. Wenn man mit unserer Meinung oben nicht rechnen will, ist es unsere Pflicht, abzutreten.«

Der Adel sieht die Ursache allen Übels darin, dass die Monarchie blind geworden ist oder die Vernunft verloren hat. Der privilegierte Stand glaubt nicht, dass es überhaupt keine Politik mehr geben kann, die die alte Gesellschaft mit der neuen versöhnt; mit anderen Worten, der Adel kann sich mit seinem Geschick nicht abfinden und verwandelt seine Todesangst in eine Opposition gegen die heiligste Kraft des alten Regimes, das heißt gegen die Monarchie. Die Schärfe und das Unverantwortliche der aristokratischen Opposition erklären sich aus der historischen Verzärtelung der Spitzen des Adels und aus ihrer unerträglichen Furcht vor der Revolution; das Systemlose und Widerspruchsvolle der adeligen Fronde damit, dass es die Opposition einer Klasse ist, die keinen Ausweg mehr hat. Aber wie eine Petroleumlampe vor dem Erlöschen grell aufleuchtet, wenn auch blakend, so erlebt auch der Adel vor dem Erlöschen ein oppositionelles Aufflackern, das seinen Todfeinden den größten Dienst erweist. Das ist die Dialektik dieses Prozesses, die sich nicht nur mit der Theorie der Klassengesellschaft verträgt, sondern nur von dieser Theorie erklärt werden kann.

Agonie der Monarchie

Die Dynastie fiel bei der Erschütterung wie eine faule Frucht, noch bevor die Revolution Zeit gehabt hatte, an die Lösung ihrer nächsten Aufgaben heranzugehen. Das Bild der alten regierenden Klasse würde unvollendet bleiben, versuchten wir nicht zu zeigen, wie die Monarchie der Stunde ihres Sturzes begegnete.

Der Zar weilte im Hauptquartier, in Mohilew, wohin er sich zu begeben pflegte, nicht weil man seiner dort bedurfte, sondern um sich den Petrograder Behelligungen zu entziehen. Der Hofhistoriker, General Dubenski, der sich beim Zaren im Hauptquartier befand, trug in sein Tagebuch ein: »Ein stilles Leben hat hier begonnen. Alles wird beim Alten bleiben. Von ihm (dem Zaren) wird nichts kommen. Es können nur zufällige äußere Ursachen sein, die eine Veränderung erzwingen.« Am 24. schrieb die Zarin ins Hauptquartier wie stets auf Englisch: »Ich hoffe, dass man den Duma-Kedrinski (es handelt sich um Kerenski) aufhängen wird für seine schrecklichen Reden – das ist unbedingt notwendig. (Gesetz der Kriegszeit.) Und das wird ein Beispiel sein. Alle ersehnen und flehen Dich an, dass Du Deine Festigkeit zeigest.« Am 25. Februar traf ein Telegramm des Kriegsministers ein, dass in der Hauptstadt Streiks und Arbeiterunruhen ausgebrochen, aber entsprechende Maßnahmen getroffen seien; Ernstes wäre nicht zu befürchten. Mit einem Wort: Wieder einmal!

Die Zarin, die den Zaren stets lehrte, nicht nachzugeben, bemüht sich auch jetzt festzubleiben. Am 26. telegrafiert sie in offenkundiger Absicht, Nikolaus’ schwankenden Mut zu stärken: »In der Stadt herrscht Ruhe.« Aber im Abendtelegramm ist sie schon gezwungen einzugestehen: »In der Stadt sieht es gar nicht gut aus.« Im Briefe schreibt sie: »Man muss den Arbeitern offen sagen, dass sie keine Streiks machen sollen, wenn sie es aber tun werden, dann muss man sie zur Strafe an die Front schicken. Es sind gar keine Schießereien nötig, man braucht nur Ordnung und darf die Arbeiter nicht über die Brücken lassen.« Wahrhaftig, man braucht nicht viel: nur Ordnung! Und vor allem, die Arbeiter nicht ins Zentrum lassen, mögen sie in wütender Ohnmacht in ihren Stadtvierteln ersticken.

Am Morgen des 27. Februar rückte der General Iwanow mit einem Bataillon Georgier von der Front zur Hauptstadt ab; er war mit diktatorischen Vollmachten versehen, die er allerdings erst nach Besetzung von Zarskoje Selo bekannt geben sollte. »Man kann sich kaum eine ungeeignetere Person vorstellen«, schreibt in seinen Erinnerungen General Denikin, der sich späterhin selbst in militärischer Diktatur betätigte, »ein altersschwacher Mann, der sich in einer politischen Situation kaum auskannte und weder Kräfte, noch Energie, noch Willen, noch Strenge besaß.« Die Wahl war auf Iwanow gefallen, in Erinnerung an die erste Revolution: Elf Jahre vorher hatte er Kronstadt »gebändigt«. Diese Jahre waren aber nicht spurlos vergangen: Die Bändiger waren gebrechlich geworden, die Gebändigten erwachsen. Der Nord- und der Westfront wurde befohlen, Truppen zum Abmarsch nach Petrograd bereit zu halten. Es ist klar, man meinte, vorderhand sei noch Zeit genug. Iwanow selbst glaubte, alles werde schnell und gut enden, er hatte sogar nicht vergessen, seinen Adjutanten zu beauftragen, in Mohilew Lebensmittel für die Petrograder Bekannten einzukaufen.

Am 27. Februar, morgens, schickte Rodsjanko dem Zaren ein neues Telegramm, das mit den Worten schloss: »Die letzte Stunde ist gekommen, in der sich das Schicksal des Vaterlandes und der Dynastie entscheidet.« Der Zar sagte zu seinem Hofminister Frederiks: »Schon wieder schreibt mir dieser dicke Rodsjanko allerhand Unsinn, auf den ich ihm nicht einmal antworten werde.« Doch nein, es ist kein Unsinn! Und man wird antworten müssen. Gegen Mittag des 27. trifft im Hauptquartier ein Bericht von Chabalow ein über Meutereien in den Pawlowski-, Wolynski-, Litowskiund Preobraschenski-Regimentern. Der Bericht ersucht um zuverlässige Truppen von der Front. Eine Stunde später kommt ein Beruhigungstelegramm vom Kriegsminister: »Die am Morgen entstandenen Unruhen werden von den ihrer Pflicht treugebliebenen Kompanien und Bataillonen energisch unterdrückt ... Bin von einem baldigem Eintritt der Ruhe fest überzeugt ...« Nach 7 Uhr abends jedoch berichtet derselbe Belajew bereits: »Mit den wenigen ihrer Pflicht treugebliebenen Abteilungen die Meuterei der Truppen zu unterdrücken, gelingt nicht.« Er bittet um eiligen Abtransport wirklich zuverlässiger Truppenteile, und zwar in ausreichender Stärke »für gleichzeitiges Vorgehen in verschiedenen Stadtteilen.«

Der Ministerrat hielt an diesem Tage die Zeit für gekommen, aus eigener Machtvollkommenheit die vermeintliche Ursache alles Unheils aus seiner Mitte hinauszudrängen: den halb irrsinnigen Minister des Innern, Protopopow. Gleichzeitig setzte General Chabalow das geheim von der Regierung vorbereitete Dekret in Kraft, wonach auf Allerhöchsten Befehl über Petrograd der Belagerungszustand verhängt sei. Auf diese Weise wurde auch hier der Versuch unternommen, das Heiße mit dem Kalten zu kombinieren, ein wohl kaum vorbedachter, jedenfalls aber aussichtsloser Versuch. Es gelang nicht einmal, die Plakate mit der Proklamierung des Belagerungszustandes in der Stadt anzukleben: Der Stadthauptmann Balk besaß weder Kleister noch Pinsel. Diese Behörden konnten überhaupt nichts mehr zusammenkleistern, denn sie gehörten bereits dem Reiche der Schatten an.

Der Hauptschatten des letzten zaristischen Ministeriums war der siebzigjährige Fürst Golizyn, der früher irgendwelche wohltätigen Institutionen der Zarin verwaltet hatte und von ihr in der Periode des Krieges und der Revolution auf den Posten eines Regierungschefs erhoben worden war. Wenn die Freunde diesen, nach der Bezeichnung des liberalen Barons Nolde »gutmütigen russischen Herrn, den alten Schwächling«, fragten, weshalb er ein so mühevolles Amt auf sich genommen habe, erwiderte Golizyn: »Um eine angenehme Erinnerung mehr zu besitzen.« Dieses Ziel hat er jedenfalls nicht erreicht. Über das Befinden der letzten russischen Regierung in jenen Stunden erzählt ein Bericht Rodsjankos: Bei der ersten Nachricht von dem Marsch der Massen zum Mariinski-Palais, wo die Sitzungen des Ministeriums stattfanden, wurden unverzüglich alle Lichter im Gebäude gelöscht. Die Staatslenker wollten nur eines: dass die Revolution sie unbeachtet lassen sollte. Das Gerücht erwies sich jedoch als erfunden, es kam zu keinem Überfall, und als man wieder Licht machte, hockte manch Mitglied der zaristischen Regierung »zu seiner eigenen Verwunderung« unter dem Tisch. Welche Erinnerungen sie dort gesammelt haben mögen, ist nicht festgestellt worden.

Aber auch Rodsjankos Befinden war offenbar nicht auf der Höhe. Nach langwieriger und vergeblicher telefonischer Suche nach der Regierung klingelte der Dumavorsitzende wieder mal bei Fürst Golizyn an. Dieser meldet sich: »Bitte, sich in keinerlei Angelegenheiten mehr an mich zu wenden, ich habe demissioniert.« Auf diesen Bescheid hin ließ sich Rodsjanko, wie sein ihm ergebener Sekretär erzählt, schwer in den Sessel fallen und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen ... »Mein Gott, wie schrecklich! ... Keine Regierung ... Anarchie ... Blut ...«, und er weinte leise. Beim Versinken des altersschwachen Gespenstes der zaristischen Macht fühlte sich Rodsjanko unglücklich, verlassen, verwaist. Wie weit war er in dieser Stunde von dem Gedanken entfernt, dass er morgen die Revolution »vertreten« würde!

Die telefonische Antwort Golizyns ist damit zu erklären, dass der Ministerrat am Abend des 27. endgültig seine Unfähigkeit, mit der entstandenen Lage fertigzuwerden, bekannt und dem Zaren empfohlen hatte, an die Spitze der Regierung eine Person zu stellen, die das allgemeine Vertrauen besitze. Der Zar antwortete Golizyn: »Betreffs Personenwechsel halte ich einen solchen unter den gegebenen Umständen für unzulässig. Nikolaus.« Auf welche Umstände wartete er denn noch? Gleichzeitig forderte der Zar, »energischste Maßnahmen« zur Unterdrückung der Meuterei zu treffen. Das war leichter gesagt als getan.

Am nächsten Tage, dem 28., sinkt schließlich auch der Mut der ungezähmten Zarin. »Zugeständnisse sind notwendig«, telegrafiert sie an Nikolaus, »die Streiks dauern an. Viele Truppen sind auf die Seite der Revolution übergegangen. Alice.« Es bedurfte des Aufstandes der gesamten Garde, der gesamten Garnison, um die hessische Beschützerin des Selbstherrschertums zu der Einsicht zu bringen, »Zugeständnisse sind notwendig«. Jetzt dämmert es auch dem Zaren, dass der »dicke Rodsjanko« ihm keinen Unsinn mitgeteilt hatte. Nikolaus beschließt, zu seiner Familie zu reisen. Möglich, dass die Generale des Hauptquartiers, denen es ein wenig ungemütlich wurde, ihn etwas schoben.

Der Zarenzug fuhr anfangs ohne Zwischenfall. Wie stets, empfingen ihn Polizeibeamte und Gouverneure. Weitab vom Wirbelsturm der Revolution, im gewohnten Waggon, umgeben vom gewohnten Gefolge, verlor der Zar offenbar wieder das Gefühl der dicht heranrückenden Lösung. Am 28., um 3 Uhr nachmittags, als sein Schicksal durch den Lauf der Ereignisse bereits besiegelt ist, schickt er der Zarin aus Wjasma ein Telegramm: »Herrliches Wetter. Ich hoffe, Ihr fühlt Euch gut und ruhig. Von der Front sind viele Truppen gesandt. Zärtlich liebend, Niki.« Statt der Zugeständnisse, auf die nun die Zarin drängt, sendet der zärtlich liebende Zar Truppen von der Front. Aber trotz des »herrlichen Wetters« muss der Zar einige Stunden später höchstpersönlich mit dem revolutionären Orkan zusammengeraten. Der Zug kam bis zur Station Wischera, weiter ließen ihn die Eisenbahner nicht:

»Die Brücke ist zerstört.« Wahrscheinlich hat das Gefolge selbst diese Ausrede erfunden, um die Situation zu beschönigen. Nikolaus versucht – oder man versucht ihn – über Bologoje zu fahren, mit der Nikolajewskaer Eisenbahn; doch auch hier ließ man den Zug nicht passieren. Das war anschaulicher als alle Telegramme aus Petrograd. Der Zar war vom Hauptquartier abgeschnitten und fand den Weg nicht in seine Residenz. Mit den einfachen Eisenbahner-«Figuren« erklärte die Revolution dem König Schach!

General Dubenski, der den Zaren auch im Zuge begleitete, vermerkt in seinem Tagebuch: »Alle sind sich dessen bewusst, dass diese nächtliche Wendung in Wischera eine historische Nacht bedeutet ... Mir ist es völlig klar, dass die Frage der Konstitution entschieden ist; sie wird bestimmt eingeführt werden ... Alle sprechen nur davon, dass man mit ihnen, mit den Mitgliedern der Provisorischen Regierung, handelseinig werden müsse.« Vor dem heruntergelassenen Streckensignal, hinter dem die Todesgefahr lauert, sind jetzt Graf Frederiks, Fürst Dolgoruki, Herzog von Leuchtenberg, kurz, all die hohen Herrschaften, für die Konstitution. Sie denken nicht mehr an einen Kampf. Man müsse nur verhandeln, das heißt versuchen, wieder zu betrügen, wie im Jahre 1905.

Während so der Zug herumirrte, ohne einen Weg zu finden, schickte die Zarin ein Telegramm nach dem anderen an den Zaren, in denen sie auf seine eilige Rückkehr drang. Sie erhielt aber die Telegramme vom Telegrafenamt zurück mit dem Blaustiftvermerk: »Aufenthaltsort des Adressaten unbekannt.« Die Telegrafenbeamten konnten den russischen Zaren nicht ausfindig machen.

Regimenter mit Musik und Fahnen marschierten zum Taurischen Palais. Die Gardebesatzung erschien unter dem Kommando des Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch, der, wie die Gräfin Kleinmichel bezeugt, mit einem Male eine revolutionäre Haltung zeigte. Die Wachposten zogen sich zurück. Der Hofstaat verließ das Schloss: »Es rettete sich, wer konnte«, schreibt die Wyrubowa in ihren Erinnerungen. Im Schlosse wanderten Gruppen revolutionärer Soldaten umher und besahen alles mit heißhungriger Neugier. Bevor die oben sich noch über das »Was nun?« klargeworden waren, hatten die unten das Zarenpalais schon in ein Museum umgewandelt.

Der Zar, dessen Aufenthalt unbekannt ist, wendet nach Pskow um, zum Stabe der Nordfront, die unter dem Kommando des alten Generals Russki steht. Im Gefolge des Zaren löst ein Vorschlag den anderen ab. Der Zar zögert. Er rechnet noch immer mit Tagen und Wochen, als die Revolution schon nach Minuten zählt.

Der Dichter Block charakterisierte den Zaren in den letzten Monaten der Monarchie folgendermaßen: »Eigensinnig, aber willenlos, nervös, aber gegen alles abgestumpft, um den Glauben an die Menschen gebracht, zerrüttet, aber überlegt in seinen Worten, war er seiner selbst nicht mehr Herr. Er hörte auf, die Lage zu begreifen, machte keinen klaren Schritt mehr und begab sich völlig in die Hände derer, die er selbst an die Macht gestellt hatte.« Wie erst müssen sich die Züge der Willenlosigkeit und der Zerrüttung, der Ängstlichkeit und des Misstrauens in den letzten Februar- und den ersten Märztagen verstärkt haben!

Nikolaus raffte sich nun endlich auf, an den ihm verhassten Rodsjanko ein Telegramm zu senden – offenbar ist dies aber dann doch nicht abgeschickt worden –, in dem er ihn, um des Heiles der Heimat willen, mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraute, unter dem Vorbehalt, Außen-, Kriegs- und Marineminister selbst zu ernennen. Der Zar möchte mit »ihnen« noch handeln: marschieren doch »zahlreiche Truppen« gegen Petrograd!

General Iwanow erreichte tatsächlich unbehindert Zarskoje Selo: Die Eisenbahner hatten sich wahrscheinlich doch nicht entschließen können, es auf einen Zusammenstoß mit dem Bataillon Georgier ankommen zu lassen. Allerdings gestand der General später, er sei unterwegs drei- bis viermal gezwungen gewesen, gegen die sich auflehnenden Soldaten »väterlichen Zwang« anzuwenden. Er ließ sie knien. Die Ortsbehörden erklärten dem »Diktator« gleich nach dessen Ankunft in Zarskoje Selo, dass ein Zusammenstoß der Georgier mit den Truppen die Zarenfamilie gefährden würde. Man hatte einfach Angst um sich und empfahl dem »Exekutor«, ohne erst die Truppen auszuladen, die Rückreise anzutreten.

Der General Iwanow stellte an den anderen »Diktator«, Chabalow, zehn Fragen, die ihm präzis beantwortet wurden. Wir führen sie in vollem Wortlaut an, denn sie verdienen es:

Die Fragen Iwanows:

  1. Welche Truppenteile halten Ordnung, und welche erlauben sich Gemeinheiten?
  2. Welche Bahnhöfe werden bewacht?
  3. In welchen Stadtteilen wird die Ordnung aufrechterhalten?
  4. Welche Behörden üben in diesen Stadtteilen die Macht aus?
  5. Arbeiten sämtliche Ministerien?
  6. Welche Polizeibehörden stehen im Augenblick zu Ihrer Verfügung?
  7. Welche technischen und wirtschaftlichen Institutionen des Kriegsamtes unterstehen Ihrem Befehl?
  8. Welche Mengen von Proviant haben Sie zu ihrer Verfügung?
  9. Sind viele Waffen, Artillerie- und Kriegsvorräte in die Hände der Rebellen gefallen?
  10. Welche Militärbehörden und Stäbe stehen zu Ihrer Verfügung?

Die Antworten Chabalows:

  1. Unter meinem Befehl stehen im Gebäude der Admiralität vier Kompanien der Garde, fünf Schwadronen und Hundertschaften, zwei Batterien; alle übrigen Truppen sind auf die Seite der Revolutionäre übergegangen oder bleiben nach Übereinkunft mit diesen neutral. Einzelne Soldaten und Banden treiben sich in der Stadt herum und entwaffnen Offiziere.
  2. Alle Bahnhöfe sind in den Händen der Revolutionäre und werden von diesen streng bewacht.
  3. Die ganze Stadt ist in der Gewalt der Revolutionäre, das Telefon arbeitet nicht, eine Verbindung mit den Stadtteilen gibt es nicht.
  4. Kann ich nicht beantworten.
  5. Die Minister sind von den Revolutionären verhaftet.
  6. Keine.
  7. Keine.
  8. Ich habe keinen Proviant zu meiner Verfügung. Am 25. Februar war in der Stadt ein Vorrat von 5.600.000 Pud Mehl.
  9. Alle Artilleriewerke sind in den Händen der Revolutionäre.
  10. Zu meiner Verfügung steht der Chef des Kreisstabes persönlich; mit den übrigen Kreisverwaltungen fehlt die Verbindung.

Nach einer so unzweideutigen Beleuchtung der Situation war General Iwanow »einverstanden«, mit seiner unausgeladenen Staffel zur Station »Dno« zurückzukehren. »Auf diese Weise«, schlussfolgert eine der leitenden Personen des Hauptquartiers, General Lukomski, »wurde aus der Kommandierung des Generals Iwanow mit diktatorischen Vollmachten nichts als ein Skandal.«

Übrigens trug der Skandal einen stillen Charakter, er ging unbemerkt in den Wogen der Ereignisse unter. Der Diktator schickte, wie wohl anzunehmen ist, die Lebensmittel an seine Bekannten in Petrograd und hatte eine längere Unterredung mit der Zarin: Sie verwies auf ihre selbstaufopfernde Arbeit in den Lazaretten und beklagte sich über die Undankbarkeit der Armee und des Volkes.

Unterdessen laufen über Mohilew nach Pskow Nachrichten, eine schwärzer als die andere. Die in Petrograd verbliebene persönliche Wache Seiner Majestät, aus der jeder Soldat einzeln der Zarenfamilie mit Namen bekannt und von ihr verhätschelt war, erscheint in der Reichsduma und bittet um Erlaubnis, jene Offiziere zu verhaften, die sich geweigert, am Aufstand teilzunehmen. Der Vizeadmiral Kurosch berichtet, er sehe keine Möglichkeit, Maßnahmen zur Niederschlagung des Aufstandes in Kronstadt zu treffen, denn er könne für keinen einzigen Truppenteil garantieren. Admiral Nepenin telegrafiert, die Baltische Flotte anerkenne das Provisorische Komitee der Reichsduma. Der Moskauer Oberkommandierende, Mrosowski, berichtet: »Die Mehrzahl der Truppen ist mitsamt der Artillerie zu den Revolutionären übergegangen, in deren Gewalt sich somit die Stadt befindet. Der Stadthauptmann und dessen Gehilfen haben sich aus der Stadthauptmannschaft entfernt.« Entfernt bedeutet: Sie hatten Reißaus genommen.

Dem Zaren wurde all dies am Abend des 1. März gemeldet. Bis tief in die Nacht hinein wurde für und wider ein verantwortliches Ministerium geredet. Endlich, um 2 Uhr nachts, gab der Zar die Zustimmung. Seine Umgebung atmete erleichtert auf. Da man es als selbstverständlich ansah, dass damit das Problem der Revolution gelöst sei, gab man gleichzeitig Befehl, die Truppenteile, die gegen Petrograd marschierten, um dort den Aufstand niederzuschlagen, an die Front zurückzuführen. Russki beeilte sich, bei Morgengrauen Rodsjanko die frohe Kunde zu übermitteln. Doch die Uhr des Zaren ging stark nach. Rodsjanko, den im Taurischen Palais bereits Demokraten, Sozialisten, Soldaten und Arbeiterdeputierte bedrängten, antwortete Russki:

»Was Sie vorschlagen, genügt nicht, die Frage der Dynastie steht auf dem Spiel ... Die Truppen gehen überall auf die Seite der Duma und des Volkes über und fordern den Thronverzicht zugunsten des Sohnes unter der Regentschaft Michail Alexandrowitschs.« Die Truppen dachten allerdings weder daran den Sohn noch Michail Alexandrowitsch zu fordern. Rodsjanko schrieb hier einfach den Truppen und dem Volke die Losung zu, mit der die Duma noch immer hoffte, der Revolution Einhalt gebieten zu können. Wie dem auch sei, das Zugeständnis des Zaren kam zu spät: »Die Anarchie erreichte ein solches Maß, dass ich (Rodsjanko) gezwungen war, heute nacht eine Provisorische Regierung zu ernennen. Das Manifest kam leider zu spät ...« Diese majestätischen Worte beweisen, dass der Dumavorsitzende inzwischen Zeit gefunden hatte, die über Golizyn vergossenen Tränen zu trocknen. Der Zar las die Unterhaltung Rodsjankos mit Russki und schwankte, las sie wieder und wartete ab. Jetzt aber schlugen die Heeresführer Alarm: Die Sache betraf ein wenig auch sie!

General Alexejew veranstaltete in der Nacht gewissermaßen ein Plebiszit unter den Oberkommandierenden der Fronten. Es ist gut, dass moderne Revolutionen sich unter Teilnahme des Telegrafen vollziehen und so die ersten Regungen und der Widerhall der Machthaber auf Papierstreifen für die Geschichte erhalten bleiben. Die Verhandlungen der zaristischen Feldmarschälle in der Nacht vom 1. zum 2. März bilden ein unvergleichliches menschliches Dokument. Soll der Zar verzichten oder nicht? Der Oberkommandierende der Westfront, General Evert, wollte seine Entschließung erst treffen, nachdem die Generale Russki und Brussilow sich geäußert haben würden. Der Oberkommandierende der rumänischen Front, General Sacharow, verlangte, dass man ihm vorerst die Beschlüsse aller übrigen Oberkommandierenden mitteile. Nach langem Zögern erklärte dieser glorreiche Kämpe, seine heiße Liebe zum Monarchen erlaube es ihm nicht, sich mit einem so »niederträchtigen Vorschlag« abzufinden; nichtsdestoweniger empfahl er dem Zaren »heulend«, »zur Vermeidung noch niederträchtigerer Zumutungen« auf den Thron zu verzichten. Generaladjutant Evert setzte eindringlich die Notwendigkeit der Kapitulation auseinander: »Ich treffe alle Maßnahmen, damit die Nachrichten über die gegenwärtige Lage in den Hauptstädten nicht in die Armee dringen, um die sonst unvermeidlichen Unruhen zu unterbinden. Mittel, der Revolution in den Hauptstädten Einhalt zu gebieten, gibt es nicht.« Der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch flehte von der kaukasischen Front aus den Zaren kniefällig an, das »Übermaß« auf sich zu nehmen und dem Thron zu entsagen; ein ähnliches Flehen kam von den Generälen Alexejew, Brussilow und vom Admiral Nepenin. Russki seinerseits befürwortete mündlich das Gleiche. Ehrfurchtsvoll richteten die Generale sieben Revolverläufe gegen die Schläfe des vergötterten Monarchen. Aus Angst, den Augenblick eines Ausgleiches mit der neuen Macht zu verpassen, und nicht minder aus Angst vor ihren eigenen Truppen gaben die Heerführer, gewohnt, ihre Positionen zu räumen, dem Zaren und Obersten Kriegsherrn einmütig den Rat: kampflos von der Szene zu verschwinden. Das war nun nicht mehr das ferne Petrograd, gegen das man, wie es schien, Truppen schicken konnte, sondern es war die Front, von der man die Truppen entnehmen sollte.

Nachdem der Zar diesen mit solchem Nachdruck versehenen Bericht entgegengenommen hatte, entschloss er sich, auf den Thron zu verzichten, den er bereits nicht mehr besaß. Man verfertigte ein der Situation geziemendes Telegramm an Rodsjanko: »Es gibt kein Opfer, das ich zum wirklichen Wohle und zur Rettung des teuren Mütterchens Russland nicht bringen würde. Deshalb bin ich bereit, auf den Thron zugunsten meines Sohnes zu verzichten, der bis zu seiner Volljährigkeit bei mir verbleibt, bei gleichzeitiger Regentschaft meines Bruders, des Großfürsten Michail Alexandrowitsch Nikolaus.« Aber auch dieses Telegramm wurde nicht abgesandt, da die Nachricht eintraf, die Deputierten Gutschkow und Schulgin seien von der Hauptstadt nach Pskow unterwegs. Das war eine neue Veranlassung, den Entschluss zu vertagen. Der Zar befahl, ihm das Telegramm zurückzugeben. Er hatte offenbar Angst, zuviel zu bieten, und wartete noch immer auf tröstliche Nachrichten, richtiger gesagt, er hoffte auf ein Wunder. Die beiden Deputierten empfing der Zar um 12 Uhr in der Nacht vom 2. zum 3. März. Kein Wunder geschah und es war nicht mehr möglich auszuweichen. Der Zar erklärte plötzlich, er könne sich von seinem Sohne nicht trennen – welche wirren Hoffnungen gingen dabei durch seinen Kopf? –, und unterschrieb den Thronverzicht zugunsten seines Bruders. Gleichzeitig wurden Dekrete an den Senat betreffs Ernennung des Fürsten Lwow zum Vorsitzenden des Ministerrats und Nikolai Nikolajewitschs zum Obersten Kriegsherrn unterzeichnet. Die Familienbefürchtungen der Zarin fanden damit gleichsam ihre Bestätigung: Der verhasste »Nikolascha« kehrte, zusammen mit den Verschwörern, zur Macht zurück. Gutschkow wähnte wohl ernsthaft, die Revolution würde sich mit dem Kaiserlichen Kriegsherrn abfinden. Dieser nahm die Ernennung ebenfalls für bare Münze. Er versuchte einige Tage hindurch sogar, irgendwelche Befehle zu erteilen und zur Erfüllung der patriotischen Pflicht zu ermahnen. Doch die Revolution hat ihn schmerzlos ausgeschieden.

Um den Schein eines frei gefassten Entschlusses zu wahren, wurde das Abdankungsmanifest mit 3 Uhr nachmittags gezeichnet, unter dem Vorwand, die Entscheidung des Zaren, dem Thron zu entsagen, sei ursprünglich um diese Stunde gefasst worden. Aber den »Entschluss« vom Tage, der den Thron an den Sohn, nicht an den Bruder übergab, war ja, in der Hoffnung auf eine günstige Wendung des Rades, faktisch zurückgenommen worden. Doch daran erinnerte niemand. Der Zar machte noch den letzten Versuch, Haltung zu zeigen vor den verhassten Deputierten, die ihrerseits die Fälschung des historischen Aktes, das heißt den Volksbetrug, zuließen. Die Monarchie entfernte sich vom Schauplatz unter Wahrung ihres Stils. Aber auch ihre Nachfolger blieben sich treu. Ihre Nachsicht betrachteten sie wahrscheinlich als Großmut des Siegers gegen den Besiegten.

Von dem unpersönlichen Stil seines Tagebuches etwas abweichend, trägt Nikolaus am 2. März ein: »Am Morgen kam Russki und las mir ein ganz langes Telefongespräch mit Rodsjanko vor. Nach dessen Worten sei die Lage in Petrograd derart, dass ein Ministerium aus Mitgliedern der Reichsduma ohnmächtig wäre, etwas zu tun, denn es würde bekämpft werden von der Sozialdemokratischen Partei in der Gestalt des Arbeiterkomitees. Mein Thronverzicht sei notwendig. Russki übermittelte dieses Gespräch ins Hauptquartier an Alexejew und an alle Oberkommandierenden. Um 12.30 Uhr trafen die Antworten ein. Um Russland zu retten und die Truppen an der Front festzuhalten, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen. Ich willigte ein und aus dem Hauptquartier wurde ein Entwurf des Manifestes geschickt. Abends trafen aus Petrograd Gutschkow und Schulgin ein, mit denen ich eine Unterredung hatte und denen ich das unterzeichnete, abgeänderte Manifest übergab. Um 1 Uhr reiste ich schweren Herzens aus Pskow ab; ringsherum Verrat, Feigheit, Betrug.«

Die Erbitterung Nikolaus’ war, wie man zugeben muss, nicht unbegründet. Noch am 28. Februar hatte General Alexejew allen Oberkommandierenden der Fronten telegrafiert: »Uns allen obliegt die heilige Pflicht vor Kaiser und Heimat, in den Truppen der aktiven Armee die Treue zu Pflicht und Eid aufrechtzuerhalten.« Und zwei Tage später rief Alexejew die gleichen Oberkommandierenden der Armee auf, die Treue zu »Pflicht und Eid« zu verletzen. Im Kommandobestand fand sich nicht einer, der sich für seinen Zaren einsetzte. Alle sputeten sich, auf das Schiff der Revolution umzusteigen, in der festen Zuversicht, dort bequeme Kajüten vorzufinden.

Generale und Admirale nahmen die zaristischen Abzeichen herunter und steckten sich rote Bänder an. Man erzählte später nur von einem Gerechten, irgendeinem Korpskommandanten, der beim Ablegen des neuen Eides an Herzschlag verschied. Es ist jedoch nicht erwiesen, dass sein Herz an verletztem Monarchismus brach und nicht aus anderen Gründen. Die zivilen Würdenträger brauchten, schon ihrer Stellung nach, nicht mehr Mut zu zeigen als die Militärs. Jeder rettete sich, wie er konnte.

Aber die Uhr der Monarchie ging entschieden nicht im gleichen Takt mit der Uhr der Revolution. Am 3. März, bei Sonnenaufgang, wird Russki wieder zum Apparat geholt. Rodsjanko und Fürst Lwow fordern, das Zarenmanifest zurückzuhalten, es habe sich wiederum als verspätet erwiesen. Mit der Thronbesteigung Alexejs – berichten die neuen Herren ausweichend – würde man sich vielleicht abfinden – wer? –, die Thronbesteigung Michails hingegen sei völlig unannehmbar. Nicht ohne Bosheit drückte Russki sein Bedauern darüber aus, dass die Deputierten der Duma, die gestern hier weilten, über Ziel und Aufgabe ihrer Reise nicht hinreichend informiert gewesen waren. Aber auch die Deputierten fanden eine Ausrede. »Es loderte für alle unerwartet eine solche Soldatenmeuterei auf, wie ich sie nie gesehen habe«, erklärte der Kammerherr dem General Russki, als habe er sein Lebtag nichts anderes getan, als Soldatenmeutereien beobachtet. »Die Proklamierung Michails zum Kaiser würde bedeuten, Öl ins Feuer zu gießen, und es würde eine erbarmungslose Vernichtung all dessen anheben, was nur zu vernichten möglich ist.« Wie es sie alle doch gepackt hat, wie es sie schüttelt, rüttelt, herumwirbelt!

Die Generalität schluckt schweigend auch diese neue »niederträchtige Anmaßung« der Revolution. Nur Alexejew erleichtert sich das Herz in einer telegrafischen Nachricht an die Oberkommandierenden: »Die linken Parteien und die Arbeiterdeputierten üben auf den Dumavorsitzenden einen gewaltigen Druck aus, in den Berichten Rodsjankos fehlt die nötige Offenheit und Aufrichtigkeit.« Nur Aufrichtigkeit vermissten die Generale in jenen Stunden!

Aber da hat sich’s der Zar nochmals überlegt. Bei seiner Ankunft aus Pskow in Mohilew händigt er seinem früheren Generalstabschef Alexejew zur Weiterbeförderung nach Petrograd ein Blatt Papier aus mit der Einwilligung, den Thron an den Sohn abzutreten. Diese Kombination erschien ihm doch wohl als die annehmbarste. Nach dem Bericht Denikins ging Alexekew mit dem Telegramm davon ... sandte es jedoch nicht ab. Er betrachtete anscheinend jene zwei Manifeste als ausreichend, die bereits an Armee und Volk bekannt gegeben waren. Der ungleiche Pendelschlag entstand dadurch, dass nicht nur der Zar und dessen Berater, sondern auch die Dumaliberalen langsamer dachten als die Revolution.

Am 8. März, vor seiner endgültigen Abreise aus Mohilew, schrieb der formell bereits verhaftete Zar einen Appell an die Truppen, der mit den Worten schloss: »Wer jetzt an Frieden denkt, wer ihn wünscht, verrät sein Vaterland, ist ein Hochverräter!« Das war ein ihm von irgendwem eingegebener Versuch, die Beschuldigung des Germanophilentums den Händen der Liberalen zu entreißen. Der Versuch blieb ohne Folgen: Man wagte nicht mehr, den Appell zu veröffentlichen.

So endete eine Regierung, die eine ununterbrochene Kette von Misserfolgen, Unglück, Unheil und Verbrechen war, beginnend mit der Katastrophe auf Chodynka, während der Krönungsfeierlichkeiten, über Erschießungen Streikender und aufständischer Bauern, über den Russisch-Japanischen Krieg, über die schreckliche Niederschlagung der Revolution von 1905, über zahllose Hinrichtungen, Strafexpeditionen und nationale Pogrome hinweg, abschließend mit der wahnwitzigen und infamen Beteiligung Russlands an dem wahnwitzigen und infamen Weltkrieg.

Nach seiner Ankunft in Zarskoje Selo, wo er zusammen mit seiner Familie im Schlosse gefangengehalten wurde, sagte, nach den Worten der Wyrubowa, der Zar leise vor sich hin »Es gibt unter Menschen keine Gerechtigkeit.« Indes sind gerade diese Worte unwiderlegbares Zeugnis dafür, dass es eine historische Gerechtigkeit gibt, wenn sie sich auch manchmal verspätet.

Die Ähnlichkeit des letzten Zarenpaares der Romanows mit dem französischen Königspaar aus der Epoche der Großen Revolution drängt sich von selbst auf. In der Literatur wurde bereits darauf verwiesen, doch nur flüchtig und ohne aus dieser Ähnlichkeit Schlüsse zu ziehen. Diese Ähnlichkeit ist indes keinesfalls so zufällig, wie es auf den ersten Blick erscheint, und gibt wertvolles Material für Folgerungen.

Voneinander durch fünfviertel Jahrhunderte getrennt, stellen Zar und König in gewissen Augenblicken zwei Akteure dar, die die gleiche Rolle spielen. Passiver, lauernder, aber rachsüchtiger Treubruch bilden die hervorstechendste Eigenschaft beider, mit dem Unterschiede, dass sie sich bei Ludwig hinter einer zweifelhaften Gutmütigkeit verbarg, während sie bei Nikolaus Umgangsform war. Beide machten den Eindruck von Menschen, die ihr Gewerbe belastet, die aber gleichzeitig nicht gewillt sind, auch nur das kleinste Teilchen ihrer Rechte, von denen sie keinen Gebrauch machen können, abzutreten. Die Tagebücher beider, sogar im Stil oder im Fehlen des Stiles verwandt, enthüllen in gleicher Weise eine drückende seelische Leere.

Die Österreicherin und die Deutsche aus Hessen wiederum bilden ihrerseits eine Symmetrie. Die Königinnen erheben sich über die Könige nicht nur ihrem physischen, sondern auch ihrem moralischen Wuchse nach. Marie Antoinette ist weniger fromm als Alexandra Feodorowna und zum Unterschiede von dieser den Vergnügungen heiß ergeben Beide hassen in gleicher Weise das Volk, ertragen den Gedanken an Zugeständnisse nicht, misstrauen in gleicher Weise dem Mut ihrer Männer und betrachten sie von oben herab, Antoinette mit einem Schatten von Verachtung, Alexandra mit Mitleid.

Wenn Autoren, die dem Petersburger Hof nähergekommen waren, uns in ihren Memoiren versichern, dass Nikolaus, wäre er eine Privatperson gewesen, in guter Erinnerung geblieben wäre, dann reproduzieren sie einfach das alte Klischee der wohlwollenden Gutachten über Ludwig XVI., wodurch sie uns aber weder in Bezug auf die Geschichte noch in Bezug auf die menschliche Natur sonderlich bereichern.

Wir haben bereits gehört, wie sich Fürst Lwow entrüstete, als er während der tragischen Ereignisse der ersten Revolution anstatt eines niedergeschlagenen Zaren ein »lustiges, munteres Kerlchen in himbeerroter Hemdbluse« vorfand. Ohne es zu wissen, hatte der Fürst das Gutachten des Gouverneurs Morris reproduziert, der im Jahre 1790 in Washington über Ludwig schrieb:

»Was kann man von einem Menschen erwarten, der in seiner Lage immer guten Mutes isst, trinkt, schläft und lacht; von diesem netten Kerl, der lustiger ist als sonst einer?«

Wenn Alexandra Feodorowna drei Monate vor dem Sturz der Monarchie prophezeit: »Alles wendet sich zum Guten, die Träume unseres Freundes besagen so viel!«, wiederholt sie nur Marie Antoinette, die einen Monat vor dem Sturze des Königtums schreibt: »Ich fühle frischen Mut in mir, und etwas sagt mir, dass wir bald glücklich und gerettet sein werden.« Untergehend sehen beide rosige Träume.

Einige Elemente der Ähnlichkeit tragen selbstverständlich zufälligen Charakter und besitzen nur das Interesse historischer Anekdoten. Unermesslich wichtiger sind jene Züge, die durch die gewaltige Macht der Verhältnisse aufgepfropft oder geradezu aufgedrängt wurden und ein grelles Licht werfen auf das Verhältnis zwischen Persönlichkeit und objektiven Faktoren der Geschichte.

»Er konnte nicht wollen – das ist der hervorragende Zug seines Charakters«, sagte ein reaktionärer französischer Historiker von Ludwig. Diese Worte scheinen wie über Nikolaus geschrieben. Beide konnten nicht wollen. Dafür aber konnten beide nicht-wollen. Doch was hätten denn eigentlich diese letzten Vertreter einer hoffnungslos verlorenen historischen Sache noch »wollen« können?

»Er hörte gewöhnlich zu, lächelte, aber nur selten entschloss er sich zu etwas. Sein erstes Wort war in der Regel nein.« Über wen ist’s? Wiederum über Capet. Aber dann war doch das ganze Verhalten Nikolaus’ ein durchgehendes Plagiat! Beide gehen dem Abgrunde zu »mit über die Augen geschobener Krone«. Ist es denn leichter, einem Abgrund, dem man doch nicht entrinnen kann, mit offenen Augen entgegenzugehen? Was würde sich in der Tat geändert haben, wenn sie die Krone in den Nacken geschoben hätten?

Man könnte den Berufspsychologen empfehlen, ein Lesebuch der parallelen Äußerungen von Nikolaus und von Ludwig, von Alexandra und von Antoinette und deren Nächsten über sie zusammenzustellen. An Material wäre kein Mangel, und das Ergebnis würde ein äußerst lehrreiches historisches Zeugnis zugunsten der materialistischen Psychologie sein: Gleichartige (selbstverständlich nicht gleiche) Reize ergeben unter gleichartigen Bedingungen gleichartige Reflexe. Je mächtiger der Reizerreger ist, umso schneller überwindet er die individuellen Besonderheiten. Auf Kitzeln reagieren die Menschen verschieden, auf glühendes Eisen gleichartig. Wie der Dampfhammer eine Kugel und einen Würfel in gleicher Weise in eine Scheibe verwandelt, so platten unter dem Druck zu großer und unabwendbarer Ereignisse auch widerstrebende »Individualitäten« ab, verlieren ihre Umrisse.

Ludwig und Nikolaus waren Letztgeborene von Dynastien, die stürmisch gelebt hatten. Eine gewisse Ausgeglichenheit des einen und des anderen, die Ruhe und die »Heiterkeit« in schwierigen Augenblicken, waren anerzogene Äußerungen der Dürftigkeit ihrer inneren Kräfte, der Schwäche der nervösen Entladungen, der Armseligkeit der geistigen Ressourcen. Moralische Kastraten, waren beide jeglicher Phantasie und schöpferischer Fähigkeit bar, besaßen gerade noch so viel Geist, um ihre Trivialität zu fühlen, und hegten feindseligen Neid gegen alles Begabte und Bedeutende. Beide hatten das Schicksal, ein Land zu regieren unter Bedingungen tiefer innerer Krisen und des revolutionären Erwachens des Volkes. Beide wehrten sich gegen das Eindringen neuer Ideen und den Ansturm feindlicher Mächte. Unentschlossenheit, Heuchelei und Verlogenheit waren bei beiden weniger der Ausdruck persönlicher Schwäche als vielmehr einer völligen Unmöglichkeit, sich auf den ererbten Positionen zu behaupten.

Und wie verhielt es sich mit den Frauen? In noch höherem Grade als Antoinette wurde Alexandra durch die Ehe mit dem unbeschränkten Herrscher eines mächtigen Landes auf die höchsten Gipfel der Träumereien einer Prinzessin, und noch dazu einer so provinziellen wie der hessischen, emporgehoben. Beide waren bis zum Rand vom Bewusstsein ihrer hohen Mission erfüllt. Antoinette mehr auf frivole Art, Alexandra im Geiste der protestantischen Heuchelei, übersetzt in die kirchlich-slawische Sprache. Misserfolge der Regierung und wachsende Unzufriedenheit des Volkes erschütterten erbarmungslos jene phantastische Welt, welche diese fanatischen, aber letzten Endes doch nur hühnerhaft kleinen Gehirne sich aufgebaut hatten. Daher die wachsende Erbitterung, die nagende Feindseligkeit gegen ein fremdes Volk, das sich vor ihnen nicht gebeugt hatte; Hass gegen solche Minister, die auch nur im Geringsten dieser feindlichen Welt, das heißt dem Lande Rechnung tragen wollten; Entfremdung sogar vom eigenen Hofe und ewiges Gekränktsein durch den Ehemann, der die in der Brautzeit erweckten Hoffnungen nicht erfüllt hat.

Historiker und Biografen psychologischer Richtung suchen und entdecken nicht selten rein Persönliches und Zufälliges dort, wo nur eine Brechung großer historischer Kräfte in einer Persönlichkeit stattfindet. Es ist dies derselbe Sehfehler wie bei den Hofleuten, die in dem letzten russischen Zaren einen geborenen »Pechvogel« erblickten. Er selbst glaubte ebenfalls, dass er unter einem ungünstigen Stern geboren sei. In Wirklichkeit ergaben sich seine Misserfolge aus den Widersprüchen zwischen den alten Zielen, die ihm seine Ahnen vererbt hatten, und den neuen historischen Bedingungen, in die er hineingestellt war. Wenn die Alten sagten, Jupiter raube dem den Verstand, den er vernichten wolle, sprachen sie in der Form des Aberglaubens nur das Ergebnis tiefer historischer Beobachtungen aus. Die Worte Goethes: »Vernunft wird Unsinn« enthalten den gleichen Gedanken von dem unpersönlichen Jupiter der historischen Dialektik, der überlebten historischen Institutionen den Sinn raubt und deren Verteidiger zu Misserfolg verurteilt. Die Rollentexte der Romanows und der Capets waren durch die Entwicklung des historischen Dramas vorgeschrieben. Den Akteuren blieben höchstens die Nuancen der Interpretation übrig. Das Missgeschick Nikolaus’ wie Ludwigs wurzelte nicht in ihrem persönlichen Horoskop, sondern in dem historischen Horoskop der ständisch-bürokratischen Monarchie. Sie waren vor allem Letztgeborene des Absolutismus. Ihre moralische Nichtigkeit, die sich aus ihrem dynastischen Epigonentum ergab, verlieh diesem einen besonders unheilvollen Charakter.

Man könnte erwidern: Hätte Alexander III. weniger getrunken, er hätte viel länger gelebt, die Revolution wäre mit einem völlig andersgearteten Zaren zusammengestoßen, und eine Parallele mit Ludwig XVI. wäre nicht gegeben. Ein solcher Einwand aber berührt das oben Dargestellte nicht im Geringsten. Wir beabsichtigen ja nicht, die Bedeutung des Persönlichen in der Mechanik des historischen Prozesses oder die Bedeutung des Zufälligen im Persönlichen wegzuleugnen. Es ist nur nötig, dass man die historische Persönlichkeit mit all ihren Besonderheiten nicht als eine bloße Aufzählung psychologischer Züge nimmt, sondern als eine aus bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen entstandene und auf diese reagierende lebendige Realität. Wie eine Rose nicht aufhört zu duften, weil ein Naturwissenschaftler darauf hinweist, durch welche Ingredienzien des Bodens und der Atmosphäre sie sich ernährt, so beraubt auch die Aufdeckung der gesellschaftlichen Wurzeln einer Persönlichkeit diese nicht ihres Aromas oder ihres Gestankes.

Gerade die oben angestellte Erwägung über eine längere Lebensdauer Alexanders III. kann dazu beitragen, dasselbe Problem von der anderen Seite zu beleuchten. Wir wollen annehmen, dass ein Alexander III. sich im Jahre 1904 nicht in einen Krieg mit Japan eingelassen hätte. Damit allein wäre die erste Revolution hinausgeschoben worden. Bis zu welchem Zeitpunkt? Es ist möglich, dass die Revolution von 1905, das heißt die erste Kraftprobe, das erste Loch im System des Absolutismus, eine einfache Einleitung zu der zweiten, der republikanischen, und zu der dritten, der proletarischen Revolution gebildet haben würde. Aber darüber sind nur mehr oder weniger interessante Mutmaßungen möglich. Es ist jedenfalls unbestreitbar, dass die Revolution sich nicht aus dem Charakter Nikolaus’ II. ergeben hat und dass nicht Alexander III. ihre Aufgaben gelöst hätte. Es genügt, daran zu erinnern, dass sich nirgendwo und niemals der Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Regime ohne gewaltsame Erschütterungen vollzog. Gestern erst sahen wir dies in China, heute beobachten wir es in Indien. Das Äußerste, was man sagen kann, ist, dass die eine oder die andere Politik einer Monarchie, die eine oder die andere Persönlichkeit des Monarchen die Revolution zu beschleunigen oder zu verzögern und ihrem äußeren Verlauf einen gewissen Stempel aufzudrücken imstande ist.

Mit welch wütender und ohnmächtiger Beharrlichkeit versuchte der Zarismus noch in seinen allerletzten Monaten, Wochen und Tagen sich zu behaupten, während die Partie bereits hoffnungslos verloren war. Fehlte es Nikolaus selbst an Willen, so ersetzte die Zarin den Mangel. Rasputin war das Werkzeug der Beeinflussung für eine Clique, die verzweifelt um ihre Selbsterhaltung kämpfte. Sogar in diesem engen Maßstabe wird die Person des Zaren von einer Gruppe absorbiert, die ein Stück Vergangenheit und deren letzte Konvulsionen darstellt. Die »Politik« der Spitze in Zarskoje Selo bestand angesichts der Revolution aus Reflexen eines zu Tode gehetzten und ermatteten Raubtieres. Verfolgt man in der Steppe auf einem schnellen Automobil lange einen Wolf, dann bricht das Tier schließlich zusammen und bleibt entkräftet liegen. Probiert aber, ihm ein Halsband anzulegen, es wird versuchen, euch zu zerfleischen oder mindestens zu verletzen. Bleibt ihm in seiner Lage anderes übrig?

Ja, wähnten die Liberalen. Anstatt rechtzeitig mit der privilegierten Bourgeoisie ein Abkommen zu treffen und so die Revolution abzuwenden – also lautet die Anklageschrift des Liberalismus gegen den letzten Zaren –, verweigerte Nikolaus hartnäckig jedes Zugeständnis, zögerte sogar in den allerletzten Tagen, schon unter dem Messer, wo jede Minute zählte, feilschte mit dem Schicksal und versäumte so die letzte Möglichkeit. Das klingt alles sehr überzeugend. Wie schade nur, dass der Liberalismus, der so unfehlbare Mittel für die Errettung der Monarchie wusste, für sich solche Mittel nicht fand.

Es wäre unsinnig, zu behaupten, der Zarismus habe niemals und unter keinen Umständen Zugeständnisse gemacht. Er hat sie gemacht, soweit es seine Selbsterhaltung erforderte. Nach den Niederlagen auf der Krim führte Alexander II. eine halbe Befreiung der Bauernschaft durch und eine Reihe liberaler Reformen auf dem Gebiete des Semstwo, der Justiz, der Presse, der Lehranstalten und so weiter. Der Zar selbst erklärte damals den Leitgedanken seiner Reformen folgendermaßen: die Bauern von oben befreien, damit sie sich nicht von unten befreien. Unter dem Drucke der ersten Revolution gab Nikolaus II. eine halbe Konstitution. Stolypin machte dem bäuerlichen Gemeindebesitz den Garaus, um die Arena der kapitalistischen Kräfte zu erweitern. Alle diese Reformen hatten für den Zarismus jedoch nur insofern einen Sinn, als die Teilzugeständnisse das Ganze, das heißt die Grundlagen der ständischen Gesellschaft und der Monarchie selbst unversehrt ließen. Sobald die Folgen der Reformen diese Grenzen zu überschreiten drohten, wich die Monarchie unverzüglich zurück. Alexander II. verübte in der zweiten Hälfte seiner Regierung Diebstahl an den Reformen der ersten Hälfte. Alexander III. ging auf dem Wege der Konterreformen noch weiter. Nikolaus II. machte im Oktober 1905 vor der Revolution einen Rückzug, löste sodann die von ihm selbst geschaffene Duma wiederholt auf und vollzog, sobald die Revolution erlahmt war, einen Staatsstreich. Im Laufe von drei Vierteln eines Jahrhunderts – rechnet man seit den Reformen Alexander II. geht ein bald unterirdischer, bald offener Kampf der geschichtlichen Kräfte, der weit über die persönlichen Eigenschaften einzelner Zaren hinausragt und mit dem Sturz der Monarchie endet. Nur in dem geschichtlichen Rahmen dieses Prozesses kann man den Platz für einzelne Zaren, deren Charaktere und »Biografien« finden.

Auch der selbstherrlichste aller Despoten ähnelt recht wenig einer »freien« Individualität, die willkürlich den Ereignissen ihren Stempel aufdrückt. Er ist stets nur der gekrönte Agent der privilegierten Klassen, die die Gesellschaft nach ihrem Bilde formen. Haben diese Klassen ihre Mission nicht erschöpft, dann steht auch die Monarchie fest und ist selbstsicher. Dann verfügt sie über einen zuverlässigen Machtapparat und über eine unbeschränkte Auswahl an Exekutoren, weil die fähigsten Menschen noch nicht in das Lager des Feindes übergegangen sind. Dann kann der Monarch persönlich oder vermittels seiner Günstlinge zum Träger großer und fortschrittlicher historischer Aufgaben werden. Anders, wenn die Sonne der alten Gesellschaft sich endgültig dem Untergange zuneigt: Aus Organisatoren des nationalen Lebens verwandeln sich die privilegierten Klassen in eine parasitäre Wucherung; mit dem Verlust ihrer führenden Funktion verlieren sie das Bewusstsein ihrer Mission und den Glauben an ihre Kräfte; die Unzufriedenheit mit sich selbst verwandeln sie in die Unzufriedenheit mit der Monarchie; die Dynastie wird isoliert; der Kreis der ihr bis zu Ende ergebenen Menschen verengt sich; ihr Niveau sinkt; die Gefahren aber nehmen unterdes zu; die neuen Kräfte bedrängen; die Monarchie büßt die Fähigkeit zu irgendeiner schöpferischen Initiative ein; sie verteidigt sich, kämpft, beginnt den Rückzug – ihre Handlungen bekommen den Automatismus primitiver Reflexe. Diesem Schicksal entging auch die halbasiatische Despotie der Romanows nicht.

Betrachtet man den in Agonie liegenden Zarismus sozusagen im vertikalen Querschnitt, dann erscheint Nikolaus als die Achse einer Clique, deren Wurzeln in die hoffnungslos verdammte Vergangenheit zurückgehen. Im horizontalen Querschnitt der historischen Monarchie gesehen, ist Nikolaus das letzte Glied einer dynastischen Kette. Seine nächsten Ahnen, die zu ihrer Zeit ebenfalls den Kollektiven der Sippe, der Stände, der Bürokratie angehörten, wenn auch größeren, haben verschiedene Mittel und Methoden der Verwaltung ausprobiert, um das alte soziale Regime vor dem drohenden Schicksal zu bewahren, und haben trotzdem Nikolaus ein chaotisches Reich vermacht, in dessen Leib die Revolution reifte. Wenn ihm eine Wahl gelassen war, so nur zwischen den verschiedenen Wegen des Unterganges.

Der Liberalismus träumte von einer Monarchie nach britischem Muster. Hat sich aber der Parlamentarismus an der Themse auf friedlich evolutionärem Wege entwickelt, oder ist er etwa die Frucht der »freien« Einsicht eines einzelnen Monarchen? Nein, er hat sich als Abschluss eines Kampfes herausgebildet, der Jahrhunderte gedauert und in dem einer der Könige sein Haupt am Kreuzwege lassen musste.

Die hier skizzierte historisch-psychologische Gegenüberstellung der Romanows und der Capets kann man mit vollem Erfolg auf das britische Königspaar aus der Epoche der ersten englischen Revolution ausdehnen. Karl I. wies im Wesentlichen die gleichen Züge auf, mit denen die Memoirenschreiber und Historiker mehr oder minder begründet Ludwig XVI. und Nikolaus II. bedenken. »Karl bleibt passiv«, schreibt Montague, »gab dort nach, wo er keinen Widerstand zu leisten vermocht hätte, griff, wenn auch unwillig, zur Täuschung und gewann weder Popularität noch Vertrauen.« »Er war kein stumpfer Mensch«, sagt ein anderer Historiker über Karl Stuart, »doch fehlte ihm Charakterstärke ... Die Rolle des bösen Verhängnisses in seinem Leben spielte seine Frau, Henriette von Frankreich, die Schwester Ludwigs XIII., von den Ideen des Absolutismus noch tiefer durchdrungen als Karl ...« Wir wollen die Charakteristik dieses dritten – in chronologischer Reihenfolge ersten – Königspaares, das von der nationalen Revolution zermalmt wurde, nicht detaillieren. Vermerkt sei nur, dass auch in England der Hass sich vor allem gegen die Königin als eine Französin und Papistin konzentrierte, die des Techtelmechtels mit Rom, der Verschwörung mit den aufrührerischen Irländern und der Intrigen am französischen Hof beschuldigt wurde.

England aber hatte immerhin Jahrhunderte zu seiner Verfügung. Es war der Pionier der bürgerlichen Zivilisation. Es stand nicht unter dem Joch anderer Nationen, im Gegenteil, hielt eher diese unter seinem Joch. Es beutete die ganze Welt aus. Das milderte die inneren Widersprüche, häufte Konservativismus an, sorgte für Überfluss und Stetigkeit der Fettablagerungen in Form der parasitären Schicht der Lords, der Monarchie, der Lordkammer und der Staatskirche. Infolge der historisch ganz besonders bevorzugten Entwicklung des bürgerlichen England ist der mit Elastizität verbundene Konservativismus aus den Institutionen in die Sitten übergegangen. Darüber sich zu begeistern haben manche kontinentalen Philister von der Art des russischen Professors Miljukow oder des Austromarxisten Otto Bauer bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört. Aber gerade jetzt, wo England, in der ganzen Welt bedrängt, die letzten Hilfsquellen seiner ehemaligen Vorzugsstellung vergeudet, verliert sein Konservativismus die Elastizität und verwandelt sich, selbst in Gestalt der Labouristen, in die unbändigste Reaktion. Angesichts der indischen Revolution findet der »Sozialist« MacDonald keine anderen Methoden als jene, die Nikolaus II. der russischen Revolution entgegenstellte. Nur ein Blinder kann übersehen, dass Großbritannien gigantischen revolutionären Erschütterungen entgegengeht, wobei die Trümmer seines Konservativismus, seiner Weltherrschaft und seiner heutigen Staatsmaschinerie spurlos untergehen werden. Nicht im Geringsten schlechter und nicht weniger von Blindheit geschlagen als seinerzeit Nikolaus, bereitet MacDonald diese Erschütterungen vor. Wie wir sehen, ist dies ebenfalls keine schlechte Illustration zur Frage nach der Rolle der »freien« Persönlichkeit in der Geschichte!

Wie aber sollte Russland mit seiner verspäteten Entwicklung, als Nachhut aller europäischen Nationen, mit dem dürftigen ökonomischen Fundament unter den Füßen, einen »elastischen Konservativismus« der gesellschaftlichen Formen – offenbar den besonderen Bedürfnissen des professoralen Liberalismus und dessen linken Schattens, des reformistischen Sozialismus, entsprechend – herausgebildet haben? Russland war zu lange zurückgeblieben, – und als der Weltimperialismus es mit seiner Schraube erfasste, war es gezwungen, seine politische Geschichte in einem sehr zusammengedrängten Lehrkursus durchzunehmen. Wenn Nikolaus dem Liberalismus entgegengekommen wäre und Stürmer durch Miljukow ersetzt hätte, die Entwicklung der Ereignisse wäre in der Form etwas anders geworden, aber nicht in ihrem Wesen. Hatte doch einst Ludwig gerade diesen Weg in der zweiten Etappe der Revolution beschritten, indem er die Gironde an die Regierung berief: Das hat aber weder Ludwig selbst, noch später die Gironde vor der Guillotine bewahrt. Die angehäuften sozialen Widersprüche mussten nach außen explodieren und explodierend die Aufräumungsarbeit zu Ende führen. Vor dem Ansturm der Volksmassen, die ihre Unbill und Plagen, ihre Demütigungen, Leidenschaften, Hoffnungen, Illusionen und Ziele endlich in die offene Arena hinausgetragen hatten, konnten die Kombinationen der Spitzen der Monarchie und des Liberalismus nur von episodischer Bedeutung sein und allenfalls die Reihenfolge der Ereignisse, vielleicht auch deren Zahl beeinflussen, nicht aber die Gesamtentwicklung des Dramas und noch weniger dessen unerbittliche Lösung.

Fünf Tage (23. bis 27. Februar 1917)

Der 23. Februar war internationaler Frauentag. In sozialdemokratischen Kreisen war geplant, ihn in üblicher Weise, durch Versammlungen, Reden und Flugblätter, auszuzeichnen. Keinem kam in den Sinn, dass der Frauentag zum ersten Tag der Revolution werden sollte. Nicht eine einzige Organisation rief an diesem Tage zu Streiks auf. Mehr noch, die bolschewistische Organisation, und zwar eine der aktivsten, das Komitee des durchweg proletarischen Wyborger Bezirks, hielt entschieden vor Streiks zurück. Nach dem Zeugnis Kajurows, eines der Arbeiterführer dieses Bezirkes, war die Stimmung der Massen sehr gespannt, jeder Streik drohte in einen offenen Zusammenstoß umzuschlagen Da aber das Komitee der Ansicht war, die Zeit für Kampfhandlungen sei noch nicht gekommen, die Partei noch nicht genügend gefestigt, die Arbeiter hätten mit den Soldaten zu wenig Verbindungen, beschloss es, nicht zum Streik aufzurufen, sondern Vorbereitungen zu treffen für ein Hervortreten in einer unbestimmten Zukunft. Diese Linie vertrat das Komitee am Vorabend des 23. Februar und es schien, dass alle sie billigten. Am andern Morgen jedoch traten den Direktiven zuwider die Textilarbeiterinnen einiger Fabriken in den Ausstand und entsandten Delegierte zu den Metallarbeitern mit der Aufforderung, den Streik zu unterstützen.

»Schweren Herzens«, schreibt Kajurow, gingen die Bolschewiki darauf ein, denen sich die menschewistischen und sozialrevolutionären Arbeiter anschlossen. Wenn aber Massenstreik, dann müsse man alle auf die Straße rufen und sich selbst an die Spitze stellen: Diesen Beschluss setzte Kajurow durch, und das Wyborger Komitee musste ihm beistimmen. »Der Gedanke an eine Aktion reifte unter den Arbeitern schon längst, nur ahnte in diesem Augenblick niemand, welche Formen sie annehmen würde.« Merken wir uns dieses Zeugnis eines Teilnehmers, das für das Verständnis der Mechanik der Ereignisse sehr wichtig ist.

Es galt von vornherein für unzweifelhaft, dass im Falle einer Demonstration die Soldaten aus den Kasernen gegen die Arbeiter auf die Straße geführt werden würden. Was wäre die Folge gewesen? Es ist Krieg, die Behörden sind zu Späßen nicht aufgelegt. Andererseits – der »Reservist« im Kriege ist nicht der alte Soldat der Kaderarmee. Ist er so gefährlich? Dieses Thema wurde in revolutionären Kreisen zwar viel besprochen, doch mehr abstrakt, denn niemand, buchstäblich niemand – das darf man auf Grund des gesamten vorhandenen Materials kategorisch behaupten – dachte damals daran, dass der 23. Februar zum Ausgangspunkte des entscheidenden Angriffs auf den Absolutismus werden sollte. Die Rede war von einer Demonstration mit unbestimmten, jedenfalls aber beschränkten Perspektiven.

Die Tatsache bleibt also bestehen, dass die Februarrevolution von unten begann nach Überwindung der Widerstände der eigenen revolutionären Organisationen, wobei die Initiative von dem am meisten unterdrückten und unterjochten Teil des Proletariats, den Textilarbeiterinnen, unter denen, wie man sich denken kann, nicht wenig Soldatenfrauen waren, spontan ergriffen wurde. Den letzten Anstoß gaben die immer länger werdenden Brotschlangen. Ungefähr 90.000 Arbeiterinnen und Arbeiter streikten an diesem Tage. Die Kampfstimmung entlud sich in Demonstrationen, Versammlungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Die Bewegung entwickelte sich im Wyborger Bezirk mit seinen großen Betrieben, von wo sie auf die Petersburger Seite übersprang. In den übrigen Stadtteilen gab es nach dem Zeugnis der Ochrana keine Streiks und keine Demonstrationen. An diesem Tage zog man bereits Truppenteile, wenn auch in geringer Zahl, zur Unterstützung der Polizei heran, es kam aber nicht zu Zusammenstößen mit ihnen. Eine große Menge Frauen, und zwar nicht nur Arbeiterinnen, zog zur Stadtduma mit der Forderung nach Brot. Das war dasselbe, wie von einem Bock Milch zu verlangen. Es tauchten in verschiedenen Stadtteilen rote Banner auf, deren Aufschriften besagten, dass die Werktätigen Brot wollen, das Selbstherrschertum und den Krieg aber nicht mehr wollen. Der Frauentag verlief erfolgreich, mit Schwung und ohne Opfer. Was er aber in sich barg, das ahnte am Abend noch niemand.

Am nächsten Tage flaut die Bewegung nicht nur nicht ab, sondern wächst enorm an. Etwa die Hälfte der Industriearbeiter Petrograds streikt am 24. Februar. Die Arbeiter erscheinen morgens in den Betrieben, gehen jedoch nicht an die Arbeit, sondern veranstalten Versammlungen und bilden Züge, die in das Stadtzentrum marschieren. Neue Stadtbezirke und neue Gruppen der Bevölkerung werden in die Bewegung hineinbezogen. Die Parole »Brot« wird verdrängt und überdeckt von den Parolen »Nieder mit dem Selbstherrschertum«, »Nieder mit dem Krieg«. Ununterbrochene Demonstrationen auf dem Newski-Prospekt: Zuerst kompakte Arbeitermassen, revolutionäre Lieder singend, später erscheint die bunte städtische Menge, in ihr die blauen Mützen der Studenten. »Das spazierende Publikum benahm sich uns gegenüber wohlwollend, aus einigen Lazaretten winkten uns Soldaten zu.« Ob sich viele klar darüber waren, was das mit den demonstrierenden Arbeitern sympathisierende Zuwinken der kranken Soldaten in sich barg? Allerdings attackierten die Kosaken die Menge ununterbrochen, wenn auch nicht erbittert; ihre Pferde waren schaumbedeckt; die Demonstranten wichen auseinander, schlossen sich jedoch gleich wieder zusammen. Angst herrschte in der Menge nicht. »Die Kosaken versprechen, nicht zu schießen«, ging es von Mund zu Mund. Offenbar ließen die Arbeiter sich mit einzelnen Kosaken in Gespräche ein. Später aber tauchten schimpfend halbbetrunkene Dragoner auf, ritten in die Menge hinein und schlugen mit den Lanzen auf die Köpfe. Die Demonstranten hielten aus aller Kraft stand, ohne auseinanderzulaufen. »Man wird nicht schießen.« Man schoss tatsächlich nicht.

Ein liberaler Senator beobachtete in den Straßen die leeren Trams – oder war es am nächsten Tag, und das Gedächtnis hatte ihn im Stich gelassen? –, manche mit zerschlagenen Scheiben, andere umgeworfen, quer über die Schienen auf der Erde. Er gedachte der Julitage 1914, des Vorabends des Krieges. »Es schien, als wiederhole sich der alte Versuch.« Den Senator hatte sein Blick nicht getäuscht – die Fortsetzung war unverkennbar: Die Geschichte erfasste die Enden des durch den Krieg zerrissenen revolutionären Fadens und verband sie durch einen Knoten.

Den ganzen Tag ergossen sich Volksmassen aus einem Stadtteil in den anderen, wurden von der Polizei energisch auseinandergetrieben, von Kavallerie-, teils auch Infanterieabteilungen aufgehalten und zurückgedrängt. Neben den Rufen »Nieder mit der Polizei« erscholl immer häufiger ein

»Hurra!« auf die Kosaken. Das war bezeichnend. Gegen die Polizei war die Menge von wildem Hass erfüllt. Die berittenen Schutzleute empfing man mit Pfiffen, Steinen und Eisstücken. Anders gingen die Arbeiter an die Soldaten heran. An Kasernen, neben Wachtposten, Patrouillen und Sperrketten standen Gruppen von Arbeitern und Arbeiterinnen; es flogen freundschaftliche Worte hin und her. Das war eine neue Etappe, sie war die Folge der anwachsenden Streiks und der Konfrontierung der Arbeiter mit der Armee. Eine solche Etappe ist in jeder Revolution unvermeidlich. Aber sie wirkt jedes Mal neu und tritt auch in der Tat jedes Mal auf neue Art auf: Menschen, die über sie gelesen und sogar geschrieben haben, erkennen sie von Angesicht zu Angesicht nicht.

In der Reichsduma erzählte man an diesem Tage, der ganze SnamenskiPlatz, der ganze Newski-Prospekt und alle anliegenden Straßen seien von einer ungeheuren Volksmenge überflutet und man beobachte eine ganz ungewöhnliche Erscheinung: Die revolutionäre, nicht die patriotische Menge habe die Kosaken und die mit Musik marschierenden Regimenter mit »Hurra«-Rufen empfangen. Auf die Frage, was dies alles bedeute, antwortete der erstbeste Passant einem Deputierten: »Ein Polizist hat eine Frau mit der Nagaika geschlagen, die Kosaken griffen ein und vertrieben die Polizei.« Ob es tatsächlich so gewesen ist oder anders, kann niemand nachprüfen. Die Menge jedenfalls glaubte, es sei so passiert, es sei wahrscheinlich. Dieser Glaube war nicht vom Himmel gefallen, er entstammte der vorangegangenen Erfahrung und musste darum ein Pfand des Sieges werden.

Die gesamte Belegschaft von Erikson, einem der fortgeschrittensten Betriebe des Wyborger Stadtteiles, zog nach einer am frühen Morgen abgehaltenen Versammlung in Stärke von 2.500 Mann zum Sampsonjewski-Prospekt und stieß an einer engen Stelle auf Kosaken. Mit der Brust der Pferde sich den Weg bahnend, dringen zuerst die Offiziere in die Menge ein. Hinter ihnen, in der ganzen Breite der Straße, reiten die Kosaken. Ein entscheidender Augenblick! Aber behutsam, in schmalem Bande, folgen die Reiter durch den von den Offizieren gebahnten Korridor. »Einige von ihnen lächelten«, erinnert sich Kajurow, »und der eine zwinkerte den Arbeitern gut zu.« Nicht umsonst hat der Kosak gezwinkert. Die Arbeiter sind kühner geworden, von einer den Kosaken freundlichen und nicht feindlichen Kühnheit, und stecken damit ein wenig die Letzteren an. Der Zwinkernde fand Nachahmer. Trotz der erneuten Versuche der Offiziere schlängelten sich die Kosaken durch die Menge, ohne offen die Disziplin zu verletzen, aber auch ohne die Menge mit Nachdruck auseinanderzutreiben. Das wiederholte sich drei-, viermal und brachte die Parteien einander noch näher. Die Kosaken begannen einzeln auf Fragen der Arbeiter zu antworten und sogar flüchtige Gespräche anzuknüpfen. Von der Disziplin blieb nur eine dünne, durchsichtige Hülle übrig, die bald, gar bald zu reißen drohte. Die Offiziere beeilten sich, den Zug von der Menge zu lösen, ließen den Gedanken, die Arbeiter auseinanderzutreiben, fallen und stellten die Kosaken als Sperre quer über die Straße auf, um die Demonstranten nicht nach dem Zentrum durchzulassen. Aber auch das half nicht: Wie befohlen am Platze stehend, hinderten die Kosaken die Arbeiter nicht, unter die Pferde zu »tauchen«. Die Revolution wählte ihre Wege nicht willkürlich: Bei ihren ersten Schritten rückte sie zum Siege vor unter dem Bauche des Kosakenpferdes. Eine bemerkenswerte Episode! Und bemerkenswert das Auge des Erzählers, dem alle Windungen des Prozesses fest im Gedächtnis blieben. Kein Wunder: Der Erzähler war Anführer und hinter ihm mehr als 2.000 Mann: Das Auge des Kommandeurs, der die feindlichen Nagaikas oder Kugeln zu befürchten hat, blickt scharf.

Der Umschwung in der Armee hatte sich gleichsam zuallererst bei den Kosaken geäußert, den ewigen Ordnungsstützen und Strafexekutoren. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Kosaken revolutionärer waren als die anderen Truppen. Im Gegenteil, diese wohlbestallten Landeigentümer auf ihren Pferden, die ihre besonderen Kosakenrechte hoch einschätzten, den einfachen Bauern verachteten, dem Arbeiter misstrauten, bargen in sich viele Elemente des Konservativismus. Aber gerade deshalb waren die durch den Krieg hervorgerufenen Veränderungen an ihnen am krassesten erkennbar. Außerdem wurden gerade sie dauernd hin und her gezerrt, sie vorgeschickt, mit der Brust gegen das Volk gestellt, sie entnervt und vor allen anderen Prüfungen ausgesetzt. Das alles hatten sie, zum Teufel, satt, sie wollten heim und zwinkerten: Macht, was ihr könnt, hindern werden wir euch nicht. Jedoch das alles waren nur vielsagende Symptome. Die Armee war noch Armee, durch Disziplin gebunden, und die wichtigsten Fäden noch in den Händen der Monarchie. Die Arbeitermassen unbewaffnet. Die Führer dachten noch nicht an die entscheidende Lösung.

An diesem Tage kam in der Sitzung des Ministerrats neben anderen Fragen auch die der Unruhen in der Hauptstadt zur Sprache. Streik? Demonstration? Nicht das erste Mal. Alles vorgesehen. Anordnungen getroffen. Übergang zur Tagesordnung.

Worin bestanden sie eigentlich, die Anordnungen? Obwohl im Laufe des 23. und 24. Februar 28 Polizisten verprügelt worden sind – eine bestechende Genauigkeit der Buchführung! –, greift der Chef des Militärbezirks, General Chabalow, beinahe Diktator, noch nicht zur Schusswaffe. Nicht aus Gutmütigkeit: Alles war vorgesehen und berechnet, auch für das Schießen sollte die Zeit kommen.

Die Revolution kam nur im Moment überraschend. Allgemein gesagt hatten beide Pole, der revolutionäre und der regierende, sich sorgfältig auf sie vorbereitet, Jahre hindurch, immerwährend sich auf sie vorbereitet. Was die Bolschewiki betrifft, so war ihre gesamte Tätigkeit nach 1905 nichts anderes als eine Vorbereitung auf die zweite Revolution. Aber auch die Tätigkeit der Regierung war zum überwiegenden Teile eine Vorbereitung auf die Unterdrückung der neuen Revolution. Dieses Gebiet der Regierungsarbeit hatte im Herbst 1916 einen besonders planmäßigen Charakter erhalten. Eine Kommission unter dem Vorsitz Chabalows hatte Mitte Januar 1917 die Ausarbeitung eines höchst genauen Planes zur Niederschlagung eines neuen Aufstandes beendet. Die Stadt war in sechs Bezirke mit je einem Polizeimeister zerlegt, die Bezirke wiederum in Rayons. An die Spitze der gesamten bewaffneten Macht war der Kommandeur der Gardereservetruppen, General Tschebykin, gestellt; die Regimenter den Rayons zugeteilt; in jedem der sechs Polizeibezirke das Kommando über Polizei, Gendarmerie und Truppen besonderen Stabsoffizieren übertragen. Die Kosakenreiterei unterstand dem persönlichen Befehl Tschebykins, für Operationen größeren Maßstabes. Die Reihenfolge der Niederwerfungsmaßnahmen war so vorgesehen: Zuerst geht die Polizei allein vor, dann treten die Kosaken mit Nagaikas auf den Schauplatz, und nur im ernsten Notfalle werden Truppen mit Gewehren und Maschinengewehren aufgeboten. Und dieser Plan, der nur eine Erweiterung der Erfahrung von 1905 darstellt, wurde in den Februartagen tatsächlich angewandt. Das Übel lag nicht an mangelnder Voraussicht, auch nicht an den Fehlern des Planes selbst, sondern am Menschenmaterial. Hier drohte ein großer Versager.

Formell stützte sich der Plan auf die gesamte Garnison, die 150.000 Mann zählte; in Wirklichkeit aber wurde mit etwa 10.000 Mann gerechnet: Außer den Schutzleuten, von denen es 3.500 gab, verließ man sich fest auf die Lehrkommandos. Dies ist mit dem Charakter der damaligen Petrograder Garnison zu erklären, die fast ausschließlich aus Reservetruppenteilen bestand, vor allem aus den 14 Reservebataillonen der Garderegimenter, die sich an der Front befanden. Außerdem gehörten zur Garnison: ein Reserve-Infanterieregiment, ein Radfahrer-Reservebataillon, eine Reserve-Panzerwagendivision, kleinere Sappeur- und Artillerietruppenteile und zwei Regimenter Donkosaken. Das war sehr viel, zu viel. Die aufgeschwemmten Reservetruppenteile bestanden aus Menschenmassen, die entweder fast keinen militärischen Drill durchgemacht oder aber sich bereits von ihm befreit hatten. So war eigentlich die gesamte Armee.

Chabalow hielt peinlichst an dem von ihm ausgearbeiteten Plan fest. Am ersten Tage, dem 23., trat ausschließlich Polizei in Aktion. Am 24. schickte man hauptsächlich Kavallerie vor, die aber nur mit Nagaikas und Lanzen operierte. Das Einsetzen von Infanterie und Feuerwaffen machte man von der weiteren Entwicklung der Ereignisse abhängig. Die Ereignisse aber ließen nicht auf sich warten.

Am 25. verbreitete sich der Streik noch mehr. Nach den Regierungsangaben beteiligten sich an ihm an diesem Tage 240.000 Arbeiter. Die rückständigeren Schichten folgen der Avantgarde, es streiken bereits viele kleinere Betriebe, die Trams bleiben stehen, die Handelsunternehmen ruhen. Im Laufe des Tages schließen sich die Schüler der höheren Lehranstalten dem Streik an. Viele Zehntausende von Menschen strömen gegen Mittag vor der Kathedrale und in den anliegenden Straßen zusammen. Es werden Versuche gemacht, Versammlungen unter freiem Himmel abzuhalten. Es kommt zu bewaffneten Zusammenstößen mit der Polizei. Beim Denkmal Alexanders III. treten Redner auf. Die berittene Polizei eröffnet das Feuer. Ein Redner stürzt verwundet nieder. Schüsse aus der Menge töten einen Polizeiwachtmeister, verwunden einen Polizeimeister und einige Polizisten. Die Gendarmen werden mit Flaschen, Petarden und Handgranaten beworfen. Der Krieg hat diese Kunst gelehrt. Die Soldaten verhalten sich passiv, mitunter auch feindselig gegen die Polizei. In der Menge erzählt man sich erregt, dass die Kosaken, als die Polizisten am Denkmal Alexanders III. die Schießerei eröffneten, eine Salve auf die berittenen Pharaonen (Spitzname für die Schutzleute) abgegeben hätten und diese flüchten mussten. Das ist sicherlich keine Legende, die man in Umlauf gesetzt hat, um sich Mut zu machen, denn die Episode wird in verschiedenen Variationen von verschiedenen Seiten bestätigt.

Der Arbeiterbolschewik Kajurow, einer der echten Führer in jenen Tagen, erzählt, wie die Demonstranten an einem Platz, dicht bei einer Kosakenstreife, vor den Nagaikas der berittenen Polizei auseinanderliefen und wie er, Kajurow, und noch einige Arbeiter, den Flüchtenden nicht folgten, sondern die Hüte zogen und an die Kosaken mit den Worten herantraten:

»Brüder Kosaken, helft den Arbeitern im Kampfe um ihre friedlichen Forderungen, ihr seht, wie die Pharaonen mit uns hungernden Arbeitern verfahren. Helft uns!« Dieser bedacht demütige Ton, diese Hüte in den Händen – welch feine psychologische Berechnung, welch unnachahmliche Geste! Jede Geschichte der Straßenkämpfe und revolutionären Siege ist voll solcher Improvisationen. Nur gehen sie im Wirbel der großen Ereignisse unter, den Geschichtsschreibern bleibt die Hülse der Gemeinplätze. »Die Kosaken sahen sich seltsam an«, fährt Kajurow fort, »kaum hatten wir Zeit, beiseite zu treten, als sie sich ins Gemenge stürzten. Nach einigen Minuten hob die Menge am Bahnhofstor einen Kosaken auf ihren Händen hoch, der vor ihren Augen mit dem Säbel einen Polizeibeamten niedergehackt hatte.«

Die Polizei verschwand bald völlig von der Bildfläche, das heißt, sie begann aus dem Hinterhalt zu operieren. Dagegen erschienen Soldaten mit umgehängten Gewehren. Die Arbeiter riefen ihnen sorgenvoll zu: »Kameraden, seid ihr wahrhaftig gekommen, der Polizei zu helfen?« Die Antwort war ein barsches »Weitergehen!«. Ein erneuter Versuch, ins Gespräch zu kommen, endete in gleicher Weise. Die Soldaten sind düster, etwas wurmt sie, auch sie ertragen es nicht mehr, wenn die Frage den Kern ihrer Not trifft.

Die Entwaffnung der Pharaonen wird unterdes allgemeine Parole. Die Polizei ist der grimmige, unversöhnliche, verhasste und hassende Feind. Sie zu gewinnen – davon kann keine Rede sein. Die Polizisten muss man schlagen oder erschlagen. Etwas ganz anderes ist das Heer. Die Menge vermeidet auf jede Weise feindselige Zusammenstöße mit ihm, im Gegenteil, sie sucht die Soldaten zu gewinnen, zu überzeugen, herüberzuziehen, zutraulich zu machen, sich mit ihnen zu vereinen. Trotz den, wenn auch vielleicht etwas übertrieben günstigen Gerüchten über das Verhalten der Kosaken ist die Menge vor ihnen auf der Hut. Der Kavallerist ragt hoch über die Menge, und seine Seele ist von der Seele der Demonstranten durch vier Pferdebeine getrennt. Eine Gestalt, auf die man von unten emporblicken muss, erscheint immer gewichtig und bedrohlich. Die Infanterie steht da, gleich nebenan auf dem Pflaster, ist näher und erreichbarer. An sie bemüht sich die Masse dicht heranzukommen, ihr in die Augen zu blicken, sie mit ihrem heißen Atem zu umgeben. Eine große Rolle in den Beziehungen zwischen Arbeitern und Soldaten spielen die Frauen, die Arbeiterinnen. Kühner als die Männer bedrängen sie die Soldatenkette, greifen mit den Händen an die Gewehre, flehen, befehlen fast: »Wendet eure Bajonette weg, schließt euch uns an!« Die Soldaten sind erregt, beschämt, sehen sich unruhig an, schwanken, irgendeiner fasst als erster Mut – und die Bajonette erheben sich über die Schultern der Bedränger, die Barriere ist niedergerissen, ein freudiges, dankbares »Hurra!« erschüttert die Luft, die Soldaten werden umringt, überall Wortwechsel, Vorwürfe, Mahnrufe – die Revolution hat wieder einen Schritt vorwärts gemacht.

Aus dem Hauptquartier schickt Nikolaus einen telegrafischen Befehl an Chabalow, »gleich morgen« die Unruhen zu unterdrücken. Der Wille des Zaren entspricht dem weiteren Glied des chabalowschen »Planes«, so dass das Telegramm nur ein Anstoß mehr ist. Morgen sollen die Truppen ihr Wort sprechen. Ist es nicht zu spät? Das kann man vorläufig noch nicht sagen. Die Frage ist gestellt, aber längst nicht entschieden. Die Nachsicht der Kosaken, das Schwanken einzelner Infanterieketten sind nur vielverheißende Episoden, vom vieltausendfachen Echo der empfänglichen Straße wiederholt. Dies ist genügend, um die revolutionäre Menge zu begeistern, aber zu wenig für den Sieg. Umso mehr, als es auch Episoden entgegengesetzten Charakters gibt. In der zweiten Hälfte des Tages eröffnete, angeblich als Antwort auf Revolverschüsse aus der Menge, ein Zug Dragoner das erste Feuer auf die Demonstranten am Gostinyi Dwor: Nach dem Bericht Chabalows an das Hauptquartier gab es drei Tote und zehn Verwundete. Eine ernste Warnung! Gleichzeitig sprach Chabalow die Drohung aus, alle reklamierten Arbeiter an die Front zu schicken, falls sie die Arbeit nicht bis zum 28. aufnehmen sollten. Der General stellt ein dreitägiges Ultimatum, für die Revolution eine größere Frist, als sie benötigt, um Chabalow zu stürzen und die Monarchie dazu. Aber das wird man erst nach dem Siege erfahren. Am Abend des ahnt noch niemand, was der nächste Tag in seinem Schoße birgt. Versuchen wir, die innere Logik der Ereignisse uns klarer darzustellen.

Unter der Flagge des »Frauentages« begann am 23. der lange herangereifte und lange zurückgehaltene Aufstand der Petrograder Arbeitermassen. Die erste Stufe des Aufstandes war der Streik. Während dreier Tage dehnte er sich immer mehr aus und wurde faktisch zu einem Generalstreik. Dies allein stärkte das Sicherheitsgefühl der Massen und trug sie vorwärts. Der Streik nahm immer mehr einen Angriffscharakter an, begleitet von Demonstrationen, die die revolutionären Massen mit den Truppen zusammenstoßen ließen. Das hob die Aufgabe in ihrer Gesamtheit auf eine höhere Ebene, wo die Frage durch die bewaffnete Macht entschieden wird. Die ersten Tage brachten eine Reihe von Teilerfolgen, jedoch mehr symptomatischen als materiellen Charakters.

Ein revolutionärer Aufstand, der sich auf einige Tage erstreckt, kann sich nur in dem Falle siegreich entwickeln, wenn er von Stufe zu Stufe sich steigert und immer neue Fortschritte aufweist. Ein Stillstand in der Entwicklung der Erfolge ist gefährlich, längeres Treten auf einem Fleck verhängnisvoll. Aber auch Erfolge an sich genügen nicht; es ist nötig, dass die Menge rechtzeitig von ihnen erfährt und Zeit hat, sie zu bewerten. Man kann den Sieg in einem Augenblick verpassen, wo man nur den Arm auszustrecken braucht, um ihn zu ergreifen. Das ist in der Geschichte schon vorgekommen.

Die ersten drei Tage waren Tage ununterbrochener Steigerung und Verschärfung des Kampfes. Gerade aus diesem Grunde aber nahm die Bewegung eine Höhe an, wo symptomatische Erfolge nicht mehr ausreichten. Die gesamte aktive Masse ging auf die Straße. Mit der Polizei wurde sie erfolgreich und mühelos fertig. Die Truppen waren in den letzten zwei Tagen bereits in die Ereignisse hineingezogen worden, am zweiten Tage die Kavallerie, am dritten auch die Infanterie. Sie drängten zurück, sperrten den Weg, übten manchmal Nachsicht, griffen aber fast nie zu den Feuerwaffen. Oben überstürzte man sich nicht, den Plan abzuändern, teils weil man die Ereignisse unterschätzte – der Fehler im Sehvermögen der Reaktion ergänzte symmetrisch den Fehler der Revolutionsführer –, teils weil man der Truppen nicht sicher war. Aber gerade der dritte Tag zwang die Regierung, infolge der Steigerung des Kampfes wie infolge des Zarenbefehls, die Truppen ernsthaft einzusetzen. Die Arbeiter, besonders ihre fortgeschrittene Schicht, begriffen dies, umso mehr, als die Dragoner am Tage vorher bereits geschossen hatten. Die Frage erhob sich nun in ihrem vollen Umfange vor beiden Parteien.

In der Nacht zum 26. Februar verhaftete man in mehreren Stadtteilen etwa 100 Personen, die verschiedenen revolutionären Parteien angehörten, darunter auch fünf Mitglieder des Petrograder Komitees der Bolschewiki. Das zeigte gleichfalls, dass die Regierung zum Angriff übergegangen war. Was wird es heute geben? Wie werden nach der gestrigen Schießerei die Arbeiter heute erwachen? Und die Hauptsache: Was werden die Truppen tun? Die Morgenröte des 26. Februar erglühte im Nebel von Ungewissheit und schwerer Besorgnis.

Infolge der Verhaftung des Petrograder Komitees ging die Leitung der gesamten Arbeit in der Stadt an den Wyborger Bezirk über. Vielleicht ist es auch besser so. Die obere Führung der Partei verspätet sich hoffnungslos. Erst am Morgen des 25. hat das Büro des Zentralkomitees der Bolschewiki endlich beschlossen, ein Flugblatt herauszugeben mit dem Aufruf zum allrussischen Generalstreik. Aber im Moment des Erscheinens dieses Flugblattes – wenn es überhaupt erschienen ist – steht der Generalstreik in Petrograd schon vor der Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes. Die Führung schaut von oben zu, schwankt und bleibt zurück, das heißt führt nicht. Sie trottet hinter der Bewegung her.

Je näher an die Betriebe, umso größer die Entschlossenheit. Heute jedoch, am 26., ist auch in den Bezirken Alarm. Hungrig, müde, durchfroren, eine ungeheure historische Verantwortung auf den Schultern, versammeln sich die Wyborger Führer außerhalb der Stadt, in Gemüsegärten, um ihre Tageseindrücke auszutauschen und eine gemeinsame Marschroute zu entwerfen ... wofür? Für eine neue Demonstration? Wohin aber kann eine unbewaffnete Demonstration führen, wenn die Regierung entschlossen ist, bis aufs Letzte zu gehen? Diese Frage bohrt im Bewusstsein. »Es schien nur eines sicher: Der Aufstand wird liquidiert.« Wir hören hier die Stimme des uns bereits bekannten Kajurow, aber im ersten Moment scheint uns, es sei nicht seine Stimme. So tief war das Barometer vor dem Sturm gefallen.

In den Stunden, wo das Schwanken sogar die den Massen am nächsten stehenden Revolutionäre erfasst, ist die Bewegung selbst im Grunde schon viel weiter gegangen, als es ihre Teilnehmer dünkt. Bereits am Vorabend, dem 25. Februar, war der Wyborger Stadtteil vollständig in den Händen der Aufständischen. Die Polizeireviere waren zerstört, einzelne Polizeibeamte niedergemacht, die Mehrzahl hielt sich verborgen. Die Stadthauptmannschaft hatte die Verbindung mit einem bedeutenden Teil der Hauptstadt gänzlich verloren. Am Morgen des 26. zeigt sich, dass nicht nur der Wyborger Teil, sondern auch Peski fast dicht bis zum Litejny-Prospekt von den Aufständischen besetzt sind. Mindestens schildern die Polizeiberichte die Lage so. In gewissem Sinne traf das zu, obwohl sich die Aufständischen darüber selbst nicht ganz klar waren: Die Polizei verließ ihre Höhlen in vielen Fällen, noch bevor sie einer Bedrohung seitens der Arbeiter ausgesetzt war. Doch davon abgesehen, konnte die Säuberung der Fabrikbezirke von Polizei in den Augen der Arbeiter nicht von entscheidender Bedeutung sein: Hatten doch die Truppen ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Der Aufstand wird »liquidiert«, ging es den Kühnsten der Kühnen durch den Kopf. Indes war er in voller Entfaltung.

Der 26. Februar war ein Sonntag, die Fabriken geschlossen, und dies hinderte, morgens am Umfang des Streiks die Kraft des Massensturms zu messen. Dazu kam, dass sich die Arbeiter an diesem Tage nicht wie an den vorangegangenen Tagen in den Betrieben versammeln konnten, was die Demonstration erschwerte. Am Morgen herrschte auf dem Newski-Prospekt Stille. In diesen Stunden telegrafierte die Zarin an den Zaren: »In der Stadt herrscht Ruhe.« Doch die Ruhe währt nicht lange. Allmählich sammeln sich die Arbeiter und bewegen sich aus allen Vorstädten nach dem Zentrum. Man lässt sie nicht über die Brücken. Die Massen strömen über das Eis: Es ist ja noch Februar und die ganze Newa eine Eisbrücke. Die Beschießung der Menge auf dem Eis genügt nicht, sie aufzuhalten. Die Stadt ist wie verwandelt. Überall Patrouillen, Sperrketten, Streifen Berittener. Die Zugänge zum Newski werden besonders scharf überwacht. Dauernd ertönen Salven aus unsichtbaren Hinterhalten. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten wächst. Nach verschiedenen Richtungen bewegen sich die Wagen der Ersten Hilfe. Woher geschossen wird, und wer schießt, ist nicht immer zu erkennen. Zweifellos hat die Polizei nach der ernsten Lektion, die sie erhalten hat, beschlossen, sich der Gefahr nicht mehr offen auszusetzen. Sie schießt aus Fenstern, Balkontüren, hinter Säulen versteckt, von Dachböden. Es entstehen Hypothesen, die schnell zu Legenden werden. Man erzählt, zur Abschreckung der Demonstranten seien viele Soldaten in Polizeiuniformen gesteckt worden. Man erzählt, Protopopow habe unzählige Maschinengewehrposten auf Dächern untergebracht. Eine nach der Revolution geschaffene Kommission hat solche Posten nicht nachweisen können. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Jedenfalls trat die Polizei an diesem Tage in den Hintergrund. In der Tat tritt endgültig Militär auf den Plan. Es wird ihm strengstens befohlen, zu schießen, und die Soldaten, hauptsächlich die Lehrkommandos, das heißt die Regimentsschulen für Unteroffiziere, schießen. Nach offiziellen Meldungen gab es an diesem Tage an die vierzig Tote und ebensoviel Verwundete, nicht gezählt jene, die von der Menge weggeführt oder weggetragen wurden. Der Kampf geht in ein entscheidendes Stadium über. Wird die Masse vor dem Blei in ihre Viertel zurückweichen? Nein, sie weicht nicht zurück. Sie will ihr Ziel erreichen.

Schrecken überkommt das beamtete, bürgerliche, liberale Petrograd. Der Vorsitzende der Reichsduma, Rodsjanko, fordert an diesem Tage die Entsendung zuverlässiger Truppen von der Front; dann »überlegt« er sich’s und empfiehlt dem Kriegsminister Belajew, die Menge nicht durch Feuer, sondern durch kaltes Wasser aus Schläuchen der Feuerwehr auseinanderzutreiben. Nach einer Beratung mit General Chabalow antwortet Belajew, dass Wasserduschen eine umgekehrte Wirkung erzielen, »gerade weil sie erregen«. So unterhielten sich Liberale, Würdenträger und Polizei über die Vorzüge einer kalten oder heißen Dusche für das aufständische Volk. Die Polizeimeldungen von diesem Tage besagen, dass die Feuerwehrschläuche nicht ausreichten. »Während der Unruhen konnte man als allgemeine Erscheinung beobachten, dass die tobenden Haufen ein äußerst herausforderndes Verhalten gegen die Truppen an den Tag legten; auf die Aufforderung auseinanderzugehen, antwortete die Menge mit Steinen und von der Straße aufgelesenen Eisstücken. Wurden Schreckschüsse in die Luft abgegeben, dann zerstreute sich die Menge nicht nur nicht, sondern nahm solche Salven mit Gelächter auf. Erst nach Abgabe scharfer Schüsse mitten in die Menge hinein gelang es, die Ansammlungen zu zerstreuen, deren Teilnehmer jedoch in den meisten Fällen sich in den nächstliegenden Höfen versteckten und wieder auf der Straße erschienen, sobald das Schießen verstummte.« Diese polizeiliche Übersicht lässt die außerordentlich hohe Temperatur der Massen erkennen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die Menge von sich aus begonnen hat, das Militär, waren es auch die Lehrkommandos, mit Steinen und Eis zu bombardieren: Dies widerspricht völlig der Psychologie der Aufständischen und ihrer klugen Taktik in Bezug auf die Armee. Um die Massenmorde nachträglich zu rechtfertigen, sind die Farben der Berichte nicht ganz den Tatsachen entsprechend gewählt und verteilt. Das Wesentliche aber ist richtig und krass wiedergegeben: Die Masse will nicht mehr weichen, sie widersetzt sich mit optimistischer Wut, bleibt auf den Straßen auch nach den tödlichen Salven, klammert sich nicht an das Leben, sondern an das Pflaster, an die Steine, an das Eis. Die Menge ist nicht bloß erbittert, sie ist verwegen. Und dies, weil sie, trotz der Erschießungen, den Glauben an die Truppen nicht verloren hat. Sie rechnet mit einem Sieg und will ihn um jeden Preis erringen.

Der Druck der Arbeiter auf die Armee verstärkt sich, dem Druck der Behörden auf die Armee entgegen. Die Petrograder Garnison gerät endgültig in den Brennpunkt der Ereignisse. Die abwartende Periode, die drei Tage währte, in der es der Hauptmasse der Garnison möglich war, wohlwollende Neutralität gegen die Aufständischen zu bewahren, ist zu Ende. »Schieße auf den Feind!« befiehlt die Monarchie. »Schieße nicht auf deine Brüder und Schwestern!« rufen die Arbeiter und Arbeiterinnen, und nicht nur das: »Geh mit uns!« So spielt sich auf den Straßen und Plätzen, an den Brücken, an den Toren der Kasernen ein ununterbrochener, bald dramatischer, bald unsichtbarer, aber immer verzweifelter Kampf ab um die Seele des Soldaten. In diesem Kampf, in dieser engen Berührung der Arbeiter und Arbeiterinnen mit den Soldaten unter unausgesetztem Geknatter der Gewehre und Maschinengewehre entschied sich das Schicksal der Macht, des Krieges und des Landes.

Die Niedermetzelung von Demonstranten verstärkt die Unsicherheit in den Reihen der Führer. Gerade der Schwung der Bewegung beginnt gefährlich zu erscheinen. Sogar in der Sitzung des Wyborger Komitees, am Abend des 26., das heißt zwölf Stunden vor dem Siege, ist die Rede davon, ob es nicht Zeit sei, zum Abbruch des Generalstreiks aufzurufen. Das mag seltsam erscheinen. Aber es ist viel leichter, den Sieg einen Tag nach dem Erringen zu erkennen als tags zuvor. Übrigens wechselt häufig die Stimmung unter den Stößen der Ereignisse und Gerüchte. Sinkender Mut und wachsende Zuversicht lösen einander schnell ab. Persönlichen Mut besitzen die Kajurows und Tschugurins genügend, aber mitunter drückt sie die Verantwortung für die Massen schwer. Unter den Arbeitern selbst gibt es weniger Schwankungen. Über deren Stimmung meldet der gut unterrichtete Agent der Ochrana, Schurkanow, der in der bolschewistischen Organisation eine bedeutende Rolle gespielt hat, seiner Behörde: »Da die Truppen die Menge nicht hinderten«, schrieb der Provokateur, »sondern in einzelnen Fällen sogar Maßnahmen zur Paralysierung der Polizeiaktionen trafen, wuchs in den Massen das Gefühl der Straffreiheit, und heute, nach zwei Tagen ungehinderten Umhergehens in den Straßen, nachdem die revolutionären Kreise die Parolen ›Nieder mit dem Krie‹g‹ und ›Nieder mit dem Selbstherrschertum‹ aufgestellt haben, hat sich im Volke der Glaube festgesetzt, die Revolution habe begonnen, der Erfolg sei den Massen sicher, die Regierung ohnmächtig, die Bewegung zu unterdrücken, da die Truppen aufseiten des Volkes ständen, der entscheidende Sieg sei nahe, weil die Truppen heute oder morgen offen auf die Seite der revolutionären Streitkräfte übergehen würden, die entfesselte Bewegung werde nicht mehr innehalten, sondern ununterbrochen wachsen, bis zum völligen Siege und zum Staatsumsturz.« In ihrer Knappheit und Krassheit eine hervorragende Charakteristik! Der Bericht ist ein höchst wertvolles historisches Dokument. Das wird die siegreichen Arbeiter natürlich nicht hindern, seinen Autor zu erschießen.

Die Provokateure, deren Zahl ungeheuer ist, besonders in Petrograd, fürchten mehr als sonst den Sieg der Revolution. Sie verfolgen ihre Politik: Bei den bolschewistischen Beratungen verteidigt Schurkanow die radikalsten Handlungen, in den Berichten an die Ochrana vertritt er die Notwendigkeit energischer Anwendung der Waffen. Vielleicht war Schurkanow zu diesem Zwecke sogar bemüht, den Offensivgeist der Arbeiter zu übertreiben. Im Wesentlichen aber hat er Recht: Die Ereignisse werden bald seine Beurteilung als richtig bestätigen.

Schwanken und Rätselraten herrschte bei den Spitzen beider Lager, denn niemand konnte von vornherein das Kräfteverhältnis ermessen. Die äußeren Anzeichen haben endgültig aufgehört, als Gradmesser zu dienen: Eines der Hauptmerkmale der revolutionären Krise besteht eben in dem scharfen Gegensatz zwischen dem Bewusstsein und den alten Formen der gesellschaftlichen Beziehungen. Das neue Kräfteverhältnis nistete geheimnisvoll im Bewusstsein der Arbeiter und Soldaten. Und gerade der Übergang der Regierung zur Offensive, hervorgerufen durch die vorangegangene Offensive der revolutionären Massen, leitete das neue Kräfteverhältnis aus dem potentiellen in den aktiven Zustand über. Erwartungsvoll und gebieterisch schaute der Arbeiter dem Soldaten in die Augen, dieser aber wandte unsicher und unruhig den Blick ab: Das bedeutete, der Soldat war seiner selbst nicht mehr gewiss. Der Arbeiter ging nun mutiger an ihn heran. Der Soldat verharrte in finsterem, doch nicht feindseligem, eher schuldbewusstem Schweigen, manchmal – immer häufiger – antwortete er mit scheinbarer Strenge, um zu verbergen, wie unruhig das Herz in seiner Brust schlug. So vollzog sich der Umschwung. Der Soldat schüttelte sein Soldatentum offensichtlich von sich ab. Dabei erkannte er sich anfangs selbst nicht. Die Vorgesetzten sagten, die Revolution mache den Soldaten trunken; dem Soldaten hingegen schien es, als erwache er aus dem Opiumrausch der Kaserne. So bereitete sich der entscheidende Tag vor: der 27. Februar.

Allein schon am Vorabend ereignete sich ein Vorfall, der trotz seines episodischen Charakters die Ereignisse des 26. Februar in neuem Lichte zeigt: Am Abend meuterte die 4. Kompanie der Leibgarde des Pawlowski-Regiments. In der schriftlichen Meldung eines Polizeiaufsehers wird als Ursache des Aufstandes ganz kategorisch angegeben: »Empörung über das Lehrkommando des gleichen Regiments, das während des Wachdienstes auf dem Newski in die Menge geschossen hat.« Wer hat die 4. Kompanie davon benachrichtigt? Darüber ist zufällig eine Mitteilung erhalten geblieben. Gegen zwei Uhr mittags kam zu den Kasernen des Pawlowski-Regiments ein Haufe Arbeiter gelaufen, die, einander erregt unterbrechend, über die Schießerei auf dem Newski berichteten. »Sagt den Kameraden, dass auch die Pawlowsker auf uns schießen, wir haben auf dem Newski Soldaten in eurer Uniform gesehen.« Das war ein bitterer Vorwurf, ein flammender Mahnruf.

»Alle waren bewegt und blass.« Der Same war nicht auf Stein gefallen. Gegen sechs Uhr verließ die 4. Kompanie eigenmächtig die Kaserne unter dem Kommando eines Unteroffiziers – wer war es? Sein Name ging spurlos in den Hunderten und Tausenden ebensolcher heroischer Namen unter – und begab sich zum Newski, um ihr Lehrkommando wegzuholen. Das ist keine Soldatenmeuterei madigen Specks wegen, das ist ein Akt hoher revolutionärer Initiative. Unterwegs hatte die Kompanie einen Zusammenstoß mit einer berittenen Polizeistreife; sie schoss, tötete einen Schutzmann und ein Pferd, verwundete einen Schutzmann und ein Pferd. Der weitere Weg der Aufständischen durch den Wirbel der Straße ist nicht aufzuspüren. Die Kompanie kehrte in die Kaserne zurück und brachte das ganze Regiment auf die Beine. Aber inzwischen waren die Waffen beiseite gebracht worden; nach einigen Mitteilungen gelang es jedoch den Soldaten, in den Besitz von 30 Gewehren zu kommen. Bald wurden sie von Soldaten des Preobraschenski-Regiments umzingelt, 19 Mann verhaftet und in die Festung gebracht; der Rest ergab sich. Nach einer anderen Version fehlten am Abend beim Appell 21 Mann mit Gewehren. Ein gefährliches Leck! Die 21 Soldaten werden die ganze Nacht Verbündete und Beschützer suchen. Retten kann sie nur der Sieg der Revolution. Von ihnen werden die Arbeiter Zuverlässiges über das Vorgefallene erfahren. Das ist kein schlechtes Vorzeichen für die morgigen Kämpfe.

Nabokow, einer der angesehensten liberalen Führer, dessen glaubwürdig klingende Memoiren stellenweise wie ein Tagebuch seiner Partei und seiner Klasse anmuten, kehrte um ein Uhr nachts von einem Besuch heim durch dunkle, lauernde Straßen, »besorgt und mit düsteren Vorahnungen«. Möglich, dass ihm an einer Straßenkreuzung ein entlaufener Pawlowsker begegnete. Sie gingen hastig aneinander vorbei: Sie hatten sich nichts zu sagen. In den Arbeitervierteln und in den Kasernen wachten oder berieten sich die Einen, während die Anderen den Halbschlaf des Biwaks schliefen und fieberhaft vom morgigen Tag träumten. Dort fand der entlaufene Pawlowsker Unterkunft.

Wie dürftig sind die Aufzeichnungen über die Massenkämpfe in den Februartagen, kärglich selbst im Vergleich mit den nicht übermäßig zahlreichen Aufzeichnungen über die Oktoberkämpfe. Im Oktober leitete die Aufständischen tagaus, tagein die Partei; in ihren Artikeln, Aufrufen, Protokollen ist doch mindestens die Reihenfolge der Kämpfe festgehalten. Anders im Februar. Eine Leitung der Massen von oben gab es fast nicht. Die Zeitungen schwiegen, denn es war Streik. Ohne sich umzuschauen, machten die Massen selbst ihre Geschichte. Ein lebendiges Bild der Ereignisse, die in den Straßen abrollten, zu schaffen, ist fast unmöglich. Es ist schon viel, wenn man ihre allgemeine Aufeinanderfolge und innere Gesetzmäßigkeit wiederherstellen kann.

Die Regierung, die den Machtapparat noch nicht verloren hatte, überblickte die Ereignisse im Ganzen noch schlechter als die linken Parteien, die, wie wir wissen, alles andere als auf der Höhe waren. Nach den »erfolgreichen« Erschießungen vom 26. fassten die Minister für einen Augenblick Mut. Am frühen Morgen des 27. meldet Protopopow beruhigend, dass, nach den vorliegenden Berichten, »ein Teil der Arbeiter beabsichtigt, die Arbeit wiederaufzunehmen«. Die Arbeiter aber dachten nicht im Entferntesten daran, zur Werkbank zurückzukehren. Die Erschießungen und Misserfolge des gestrigen Tages haben die Massen nicht entmutigt. Wie ist das zu erklären? Offenbar überwog irgendein Plus das Minus. Indem sie sich über die Straßen ergießt, mit dem Feinde zusammenstößt, die Soldaten an den Schultern rüttelt, unter den Bäuchen der Pferde hindurchkriecht, angreift, auseinanderläuft, an den Straßenecken Tote zurücklässt, ab und zu Waffen erobert, Nachrichten weitergibt, Gerüchte auffängt, wird die aufständische Masse zu einem Kollektivwesen mit unzähligen Augen, Ohren und Fühlern. In der Nacht von der Arena des Kampfes in die Fabrikviertel zurückgekehrt, verarbeitet die Masse die Tageseindrücke und zieht, das Kleinliche und Zufällige aussiebend, das schwerwiegende Fazit. In der Nacht zum 27. sah dieses Fazit ungefähr so aus, wie es der Provokateur Schurkanow seinen Vorgesetzten meldete.

Am Morgen strömen die Arbeiter wieder in den Betrieben zusammen und beschließen in gemeinsamen Versammlungen, den Kampf fortzusetzen. Am eifrigsten sind, wie immer, die Wyborger. Aber auch in den anderen Bezirken verlaufen die Meetings unter großer Begeisterung. Fortsetzung des Kampfes! Aber was bedeutet das heute? Der Generalstreik hatte sich in revolutionäre Demonstrationen gewaltiger Massen aufgelöst und die Demonstrationen hatten zu Zusammenstößen mit den Truppen geführt. Den Kampf fortsetzen bedeutet heute, zum bewaffneten Aufstand aufrufen. Aber diesen Ruf erhebt keiner. Er wächst unabwendbar aus den Ereignissen hervor, doch ist er von der revolutionären Partei durchaus nicht auf die Tagesordnung gestellt.

Die Kunst der revolutionären Führung besteht in kritischen Augenblicken zu neun Zehntel darin, die Masse belauschen zu können, so wie Kajurow die Bewegung der Kosakenaugenbraue abgeguckt hat, nur in viel breiterem Maßstabe. Die unübertreffliche Fähigkeit, die Masse zu belauschen, bildete die große Macht Lenins. Lenin aber war nicht in Petrograd. Die legalen und halblegalen »sozialistischen« Stäbe, die Kerenski, Tschcheïdse, Skobelew und all jene, die sie umschwirrten, konnten nur Warnungen aufbringen und die Bewegung hemmen. Aber auch der zentrale bolschewistische Stab, der aus Schljapnikow, Saluzki und Molotow bestand, verblüfft durch Hilflosigkeit und Mangel jeglicher Initiative. Tatsächlich waren die Bezirke und die Kasernen sich selbst überlassen. Der erste Aufruf an die Truppen wurde am von einer sozialdemokratischen Organisation herausgegeben, die den Bolschewiki nahestand. Dieser Aufruf, der einen reichlich unentschlossenen Charakter trug (es fehlte darin sogar die Aufforderung, auf die Seite des Volkes überzugehen), wurde vom Morgen des 27. an in allen Stadtbezirken verbreitet. »Jedoch« – bezeugt ein Führer dieser Organisation, Jurenjew –, »das Tempo der revolutionären Ereignisse war derart, dass unsere Parolen bereits hinter ihm zurückblieben. In dem Moment, als die Flugblätter in die Soldatenmasse eindrangen, vollzog sie ihren Aufbruch.« Was das bolschewistische Zentrum betrifft, so schrieb Schljapnikow erst am Morgen des 27., auf Veranlassung Tschugurins, eines der besten Arbeiterführer der Februartage, einen Aufruf an die Soldaten. Wurde er gedruckt? Bestenfalls erreichte auch er die Soldaten schon beim Aufbruch. Die Ereignisse des 27. Februar zu beeinflussen, war er nicht mehr imstande. Man muss als Regel feststellen: Die Führer blieben in jenen Tagen umso weiter zurück, je höher sie standen.

Doch der Aufstand, den niemand bei Namen nennt, wird trotzdem auf die Tagesordnung gestellt. Alle Sinne der Arbeiter sind auf die Armee gerichtet. Wird es uns gelingen, sie in Bewegung zu bringen? Vereinzelte Agitation genügt heute nicht mehr. Die Wyborger veranstalten vor der Kaserne des Moskauer Regimentes ein Meeting. Das Unternehmen misslang: Ist es denn für einen Offizier oder einen Feldwebel schwer, das Maschinengewehr in Tätigkeit zu setzen? Die Arbeiter wurden durch grausames Feuer auseinandergetrieben. Ein gleicher Versuch wurde bei der Kaserne des Reserveregiments unternommen. Und auch dort das gleiche: Zwischen Arbeiter und Soldaten stellten sich Offiziere mit Maschinengewehren. Die Arbeiterführer rasten, suchten nach Waffen, forderten sie von der Partei. Sie erhielten zur Antwort: Waffen sind bei den Soldaten, holt sie bei ihnen. Dies wussten sie ohnehin. Aber wie sie holen? Wird heute nicht alles jäh scheitern? So rückte der kritische Punkt des Kampfes immer näher. Entweder wird das Maschinengewehr den Aufstand hinwegfegen, oder der Aufstand in Besitz des Maschinengewehrs kommen.

In seinen Erinnerungen erzählt Schljapnikow, die Hauptfigur des damaligen Petersburger Zentrums der Bolschewiki, wie er die Forderung der Arbeiter nach Waffen, wenigstens Revolvern, ablehnte und auf die Waffen in den Kasernen verwies. Er wollte auf diese Weise blutige Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Soldaten vermeiden und den ganzen Einsatz auf die Agitation stellen, das heißt auf die Gewinnung der Soldaten durch Wort und Beispiel. Wir kennen keine anderen Angaben, die diese, eher von Wankelmut als von Weitblick zeugende Aussage eines angesehenen Führers jener Tage bestätigt oder widerlegt hätten. Einfacher wäre gewesen, zuzugeben, dass die Führer keine Waffen besaßen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Schicksal jeder Revolution auf einer bestimmten Etappe durch den Umschwung in der Stimmung der Armee entschieden wird. Über eine zahlreiche, disziplinierte, gut bewaffnete und fachmännisch geleitete Militärmacht könnten unbewaffnete oder kaum bewaffnete Volksmassen keinen Sieg erringen. Aber jede tiefgehende nationale Krise kann in diesem oder jenem Grade unmöglich nicht auch die Armee erfassen; so bildet sich, zusammen mit den Bedingungen einer wahrhaften Volksrevolution, die Möglichkeit – allerdings nicht die Gewähr – ihres Sieges heraus. Der Übergang der Armee auf die Seite der Aufständischen vollzieht sich jedoch nicht automatisch und kann nicht die Folge der Agitation allein sein. Die Armee ist uneinheitlich und ihre antagonistischen Elemente werden durch den Terror der Disziplin zusammengehalten. Noch am Vorabend der entscheidenden Stunde wissen revolutionäre Soldaten oft nicht, welche Macht sie darstellen und wie groß die Möglichkeiten ihres Einflusses sind. Uneinheitlich sind allerdings auch die Arbeitermassen. Aber sie besitzen unermesslich größere Möglichkeiten, im Prozess der Vorbereitung des entscheidenden Zusammenstoßes ihre Reihen nachzuprüfen. Streiks, Versammlungen, Demonstrationen sind sowohl Akte des Kampfes als auch dessen Gradmesser. Nicht die gesamte Masse nimmt an Streiks teil. Nicht alle Streikenden sind kampfbereit. In den zugespitztesten Augenblicken sind auf der Straße nur die Entschlossensten. Die Schwankenden, Müden oder Rückständigen sitzen zu Hause. So vollzieht sich die revolutionäre Auslese von selbst, die Menschen werden durch das Sieb der Ereignisse gesondert. Anders verhält es sich mit der Armee. Die revolutionären Soldaten, die sympathisierenden, die schwankenden, die feindlich gesinnten – alle sind an den Zwang der Disziplin gebunden, deren Fäden bis zum letzten Augenblick in der Faust des Offiziers konzentriert bleiben. Die Soldaten werden noch immer täglich in »erste« und »zweite« Reihen eingeteilt, wie aber sind sie in Meuternde und Gehorsame einzuteilen?

Der psychologische Moment des Überschwenkens der Soldaten auf die Seite der Revolution wird durch einen langen molekularen Prozess vorbereitet, der, wie alle Naturprozesse, seinen kritischen Punkt hat. Doch wie ihn bestimmen? Ein Truppenteil kann für den Anschluss an das Volk völlig reif sein, aber von außen den nötigen Anstoß nicht erhalten. Die revolutionäre Leitung glaubt noch nicht an die Möglichkeit, die Armee auf ihrer Seite zu haben, und geht am Sieg vorbei. Nach einem solchen herangereiften, aber nicht verwirklichten Aufstand, kann sich bei den Truppen eine Reaktion vollziehen: Die Soldaten verlieren die in ihrem Innern aufgeflammte Hoffnung, beugen den Nacken wieder unter das Joch der Disziplin und werden dann bei einer neuen Begegnung mit den Arbeitern, besonders auf Distanz, gegen die Aufständischen sein. Dieser Prozess birgt viele unwägbare oder schwer wägbare Größen, sich kreuzende Ströme, kollektive Suggestionen und Autosuggestionen. Aber von diesem komplizierten Geflecht materieller und psychischer Kräfte hebt sich mit unwiderstehlicher Grelle die eine Schlussfolgerung ab: In ihrer Masse sind die Soldaten umso fähiger, die Bajonette zur Seite zu wenden oder mit ihnen zum Volke überzugehen, je mehr sie sich davon überzeugen, dass die Aufständischen sich wirklich erhoben haben; dass es nicht nur eine Demonstration ist, nach der man wieder in die Kaserne wird zurückkehren und Antwort stehen müssen; dass es ein Kampf auf Leben und Tod ist; dass das Volk zu siegen imstande ist, wenn man sich ihm anschließt, und dass dies nicht nur Straffreiheit sichern, sondern das ganze Dasein erleichtern wird. Mit anderen Worten, den Stimmungswechsel bei den Soldaten können die Aufständischen nur in dem Falle hervorrufen, wenn sie selbst wirklich bereit sind, den Sieg um jeden Preis, folglich auch mit ihrem Blute, an sich zu reißen. Diese höchste Entschlossenheit aber kann und will niemals waffenlos sein.

Die kritische Stunde der Berührung der vordrängenden Masse mit den ihr den Weg sperrenden Soldaten hat ihre kritische Minute: Dann, wenn die graue Barriere noch nicht auseinandergefallen ist, noch Schulter an Schulter steht, aber bereits schwankt und der Offizier unter Sammlung seiner letzten Entschlossenheit den Befehl »Feuer« gibt. Schreie der Menge, Aufheulen des Schreckens und Drohungen übertönen die Stimme des Kommandos, – doch nur zur Hälfte. Die Gewehre wogen, die Menge drängt nach vorn. Da richtet der Offizier den Lauf seines Revolvers auf den verdächtigsten Soldaten. Aus der entscheidenden Minute hebt sich die entscheidende Sekunde heraus. Die Vernichtung des kühnsten Soldaten, auf den unwillkürlich die Blicke aller übrigen gerichtet sind, der Schuss eines Unteroffiziers aus dem dem Toten entrissenen Gewehr in die Menge – und die Barriere schließt sich, die Gewehre gehen von selbst los, die Menge in die Nebenstraßen und Höfe wegfegend. Aber wie viele Male seit dem Jahre 1905 ist es anders gekommen: Im kritischen Augenblick, als der Offizier den Hahn abzudrücken sich anschickt, kommt ihm ein Schuss aus der Menge zuvor, die ihre Kajurows und Tschugurins hat. Dies entscheidet nicht nur das Schicksal des Zusammenpralls, sondern das Schicksal des Tages, vielleicht des ganzen Aufstandes.

Die Aufgabe, die Schljapnikow sich gestellt hatte: Die Arbeiter vor feindlichen Zusammenstößen mit den Truppen zu bewahren, indem man den Aufständischen keine Schusswaffen in die Hand gibt, ist überhaupt undurchführbar. Bevor es tatsächlich bis zu einem Zusammenprall mit den Truppen kam, gab es zahllose Geplänkel mit der Polizei. Der Straßenkampf begann mit der Entwaffnung der verhassten »Pharaonen«, deren Revolver in den Besitz der Aufständischen übergingen. An sich eine schwache Waffe, fast ein Spielzeug gegenüber den Gewehren, Maschinengewehren und Kanonen des Feindes. Sind aber diese wirklich in den Händen des Feindes? Um dies nachprüfen zu können, verlangten die Arbeiter eben Waffen. Die Frage wird auf dem psychologischen Gebiet entschieden. Aber auch beim Aufstande sind die psychischen Prozesse von den sachlichen nicht zu trennen. Der Weg zum Soldatengewehr geht über den Revolver, den man dem »Pharao« abnimmt.

Die Erlebnisse der Soldaten in jenen Stunden waren weniger aktiv als die Erlebnisse der Arbeiter, aber nicht weniger tief. Wir wollen nochmals daran erinnern, dass die Garnison vorwiegend aus vieltausendköpfigen Reservebataillonen bestand, die zur Auffüllung der Frontregimenter bestimmt waren. Diesen Menschen, in ihrer Mehrzahl Familienväter, stand bevor, in die Schützengräben zu gehen, wiewohl der Krieg bereits verloren, das Land ruiniert war. Sie wollten den Krieg nicht, sie wollten nach Hause, zu ihrer Wirtschaft zurück. Sie wussten sehr gut, was am Hofe sich abspielte, und fühlten nicht die geringste Anhänglichkeit für die Monarchie. Sie hatten keine Lust, gegen die Deutschen zu kämpfen und noch weniger gegen die Petrograder Arbeiter. Sie hassten die regierende Klasse der Residenz, die sich während des Krieges dem Wohlleben hingab. Unter ihnen waren Arbeiter mit revolutionärer Vergangenheit, die all diesen Stimmungen einen verallgemeinernden Ausdruck zu geben wussten.

Die Soldaten von ihrer tiefen, aber noch nicht nach außen gedrungenen revolutionären Unzufriedenheit zu offenen, aufrührerischen Taten zu bringen oder, fürs erste, wenigstens zu aufrührerischer Verweigerung von Taten, – das war die Aufgabe. Am dritten Tage des Kampfes büßten die Soldaten endgültig die Möglichkeit ein, noch weiterhin in der Position wohlwollender Neutralität gegen die Aufständischen zu verharren. Nur zufällige Bruchteile sind uns darüber erhalten geblieben, was sich in jenen Stunden des Zusammentreffens der Arbeiter mit den Soldaten abgespielt hat. Wir hörten schon, wie bitter die Arbeiter sich tags zuvor bei dem Pawlowski-Regiment über das Vorgehen des Lehrkommandos beklagten. Solche Szenen, solche Gespräche, Vorwürfe und Beschwörungen gab es an allen Enden der Stadt. Den Soldaten blieb keine Zeit mehr zum Schwanken. Man hatte sie gestern gezwungen zu schießen, man wird sie heute wieder dazu zwingen. Die Arbeiter ergeben sich nicht, weichen nicht zurück, unter dem Hagel des Bleies wollen sie das Ihrige erringen. Arbeiterinnen, Frauen, Mütter, Schwestern, Geliebte sind mit ihnen. Das ist ja nun die Stunde, von der man so oft flüsternd in verborgenen Winkeln sprach: »Ja, wenn doch alle gemeinsam ...« Und im Augenblick der höchsten Qual, der unerträglichsten Angst vor dem werdenden Tag, im Augenblick des würgenden Hasses gegen jene, die ihnen die Henkerrolle aufzwingen, ertönen in den Kasernen die ersten Stimmen des offenen Aufruhrs; und in diesen Stimmen, die namenlos geblieben sind, erkennt die ganze Kaserne voll Erleichterung und Begeisterung sich selbst. So brach über das Land der Tag des Unterganges der romanowschen Monarchie herein.

Morgens, in der Versammlung bei dem unermüdlichen Kajurow, wo ungefähr vierzig Vertreter aus Fabriken und Betrieben anwesend waren, sprach sich die Mehrzahl für die Fortsetzung des Kampfes aus. Die Mehrzahl, doch nicht alle. Es ist bedauerlich, dass man die genaue Mehrheit nicht feststellen kann. Aber in jenen Stunden stand der Sinn nicht nach Protokollen. Im Übrigen kam der Beschluss verspätet: Die Versammlung wurde durch die berauschende Nachricht vom Aufstande der Soldaten und der Öffnung der Gefängnisse unterbrochen. »Schurkanow küsste sich mit allen Anwesenden.« Der Kuss des Judas, zum Glück nicht vor der Kreuzigung.

Eines nach dem anderen meuterten am Morgen – vor dem Ausmarsch aus der Kaserne –, die Reservegardebataillone, in Fortsetzung dessen, was die 4. Kompanie des Pawlowski-Regimentes tags zuvor begonnen hatte. In den Dokumenten, Aufzeichnungen und Erinnerungen hat dieses grandiose Ereignis der Menschheitsgeschichte nur blasse und verschwommene Spuren hinterlassen. Die unterdrückten Massen erzählen, selbst wenn sie sich auf die höchsten Gipfel historischer Leistung erheben, nur wenig von sich und noch weniger schreiben sie es nieder. Und der hinreißende Triumph des Sieges verwischt dann die Arbeit des Gedächtnisses. Nehmen wir also das, was vorhanden ist.

Zuerst erhoben sich die Soldaten des Wolynski-Regiments. Bereits um sieben Uhr morgens alarmierte der Bataillonskommandeur telefonisch den General Chabalow, um ihm die bedrohliche Nachricht zu geben, das Lehrkommando, das heißt der speziell für Ruhestiftung vorgesehene Truppenteil, weigere sich, auszurücken der Kommandant sei ermordet oder habe sich vor versammelter Mannschaft selbst erschossen; die zweite Version wurde übrigens bald fallengelassen. Nachdem sie die Brücken hinter sich verbrannt hatten, waren die Wolyner bestrebt, die Basis des Aufstandes zu verbreitern: Das war jetzt für sie die einzige Rettung. Sie stürzten in die benachbarten Kasernen der Litowski- und Preobraschenski-Regimenter, um die Soldaten »rauszuholen«, wie Streikende von Betrieb zu Betrieb gehen, um die Arbeiter herauszuholen. Nach einiger Zeit erhielt Chabalow die Meldung, die Wolyner gäben die Gewehre nicht nur nicht ab, wie es der General befohlen, sondern sie hätten gemeinsam mit den Preobraschenskern und Litowskern und, was noch schlimmer war, »vereinigt mit den Arbeitern« die Kasernen der Gendarmeriedivision demoliert. Das besagte, dass die gestrige Erfahrung des Pawlowski-Regiments nicht verlorengegangen war: Die Aufständischen fanden Führer und gleichzeitig einen Aktionsplan.

In den frühen Morgenstunden des 27. schien den Arbeitern die Lösung der Aufgaben des Aufstandes unermesslich ferner, als sie in Wirklichkeit war. Richtiger gesagt, sie sahen fast noch die ganze Aufgabe vor sich, während diese schon zu neun Zehntel hinter ihnen lag. Der revolutionäre Ansturm der Arbeiter auf die Kasernen fiel zusammen mit dem bereits begonnenen revolutionären Ausmarsch der Soldaten auf die Straße. Im Laufe des Tages verschmolzen diese zwei mächtigen Ströme in eins, um zuerst Dach, dann Mauern und schließlich Fundament des alten Gebäudes fortzuspülen und abzutragen.

Tschugurin erschien als einer der ersten im Quartier der Bolschewiki mit einem Gewehr in der Hand und einem Patronengürtel über den Schultern, »ganz beschmutzt, aber strahlend und siegreich«. Wie konnte man da nicht strahlen! Die Soldaten gehen mit dem Gewehr in der Hand zu uns über! An manchen Orten war es den Arbeitern bereits gelungen, sich mit den Soldaten zu vereinigen, in die Kasernen einzudringen und dort Gewehre und Patronen zu erhalten. Gemeinsam mit dem entschlossensten Teil der Soldaten entwarfen die Wyborger einen Aktionsplan: Eroberung der Polizeireviere, in denen sich bewaffnete Schutzleute verschanzt haben, Entwaffnung aller Polizeibeamten, Befreiung der Arbeiter, die in den Polizeirevieren festgehalten werden, und der politischen Gefangenen aus den Gefängnissen; Niederschlagung der Regierungstruppen in der Stadt selbst und Vereinigung mit den noch nicht auf die Beine gebrachten Truppenteilen und mit den Arbeitern der übrigen Stadtbezirke.

Das Moskauer-Regiment schloss sich nicht ohne inneren Kampf dem Aufstand an. Es ist verwunderlich, dass es solche Kämpfe in den Regimentern überhaupt so wenig gegeben hat. Die monarchische Oberschicht fiel kraftlos um vor der Soldatenmasse und verkroch sich entweder in den Löchern oder beeilte sich, die Farbe zu wechseln. »Um zwei Uhr mittags«, schreibt Koroljew, ein Arbeiter aus der Fabrik »Arsenal«, »nach dem Ausmarsch des Moskauer-Regiments, bewaffneten wir uns ... Wir nahmen jeder einen Revolver und ein Gewehr, bildeten aus den an uns herangetretenen Soldaten Gruppen (einige von ihnen ersuchten uns, das Kommando zu übernehmen und ihnen zu sagen, was sie zu tun hätten) und begaben uns in die Tichwinskajastraße, ein Polizeirevier auszuheben.« Die Arbeiter waren, wie man sieht, nicht eine Minute in Verlegenheit, den Soldaten zu zeigen, »was zu tun« sei.

Freudige Siegesnachrichten lösten einander ab: Man ist im Besitze von Panzerwagen! Mit ihren roten Bannern jagen sie in den Bezirken allen jenen Schrecken ein, die sich noch nicht unterworfen haben. Jetzt braucht man nicht mehr unter den Bäuchen der Kosakenpferde herumzukriechen! Die Revolution reckt sich in ihrem ganzen Wuchse hoch!

Gegen zwölf Uhr mittags wurde Petrograd wieder zum Schauplatz kriegerischer Aktionen. Gewehr- und Maschinengewehrgeknatter ertönte überall. Wer schießt und wo geschossen wird, ist nicht immer zu unterscheiden. Klar war eines: Es beschossen sich Vergangenheit und Zukunft. Es gab auch nicht selten unnötiges Geschieße: Jugendliche feuern aus Revolvern, die auf so unerwartete Weise in ihre Hände geraten sind. Das Arsenal ist ausgeraubt: »Man sagt, allein an Brownings wurden mehrere zehntausend erbeutet.« Von den brennenden Gebäuden des Bezirksgerichts und der Polizeireviere steigen Rauchsäulen zum Himmel. An einigen Punkten verdichten sich die Zusammenstöße und Schießereien zu wahren Schlachten. Zu den Baracken am Sampsonjewski-Prospekt, in denen eine Radfahrertruppe untergebracht ist, von der ein Teil vor dem Tore sich zusammendrängt, kommen Arbeiter. »Was steht ihr da, Kameraden?« Die Soldaten lächeln – »lächeln nicht gut«, berichtet ein Teilnehmer – und schweigen, die Offiziere aber befehlen den Arbeitern grob, weiterzugehen. Die Radfahrer sowohl wie die Kavalleristen zeigten sich in der Februar- wie in der Oktoberrevolution als die konservativsten Armeeteile. Vor dem Zaune sammeln sich bald Arbeiter und revolutionäre Soldaten. Man muss das verdächtige Bataillon herausholen! Jemand sagt, man habe bereits nach Panzerwagen geschickt, anders seien die Radfahrer wohl kaum zu bezwingen, da sie sich befestigt und Maschinengewehre aufgestellt hätten. Aber der Masse fällt das Warten schwer: Sie ist unruhig und ungeduldig, und sie hat mit ihrer Ungeduld Recht. Auf beiden Seiten fallen Schüsse. Der Bretterzaun, der die Soldaten von der Revolution trennt, ist hinderlich. Die Angreifer beschließen, den Zaun umzulegen; ein Teil wird niedergerissen, ein Teil in Brand gesteckt. Die Baracken, etwa 20 an der Zahl, stehen entblößt da. In zwei, drei von ihnen sind die Radfahrer untergebracht. Die leeren Baracken werden auf der Stelle angezündet. Sechs Jahre später wird sich Kajurow entsinnen: »Die lodernden Baracken und der sie umgebende niedergerissene Zaun, das Knattern der Maschinengewehre und Gewehre, die erregten Gesichter der Belagerer, das herbeirasende Lastauto voll bewaffneter Revolutionäre und schließlich der auftauchende Panzerwagen mit den glänzenden Geschützläufen – ein großartiges, unvergessliches Bild.« Mit diesen Baracken und Zäunen brannte das alte zaristische Russland der Polizei, der Leibeigenschaft und der Popen, es ging im Feuer und Rauch auf, es krepierte im Schlucker des Maschinengewehrgeknatters. Wie sollten da Kajurow, die Dutzende, Hunderte und Tausende Kajurows nicht gejubelt haben. Der eingetroffene Panzerwagen gab einige Kanonenschüsse auf die Baracken ab, in denen sich die Offiziere und Radfahrer festgesetzt hatten. Der Leiter der Verteidigung fiel, die Offiziere rissen Achselstücke und Abzeichen ab und flüchteten durch die angrenzenden Gemüsegärten, die Übrigen ergaben sich. Das war wohl der wichtigste Zusammenstoß dieses Tages.

Der militärische Aufstand nahm unterdes epidemischen Charakter an. Es meuterten an diesem Tage nur jene Truppenteile nicht, die dazu nicht Zeit fanden. Gegen Abend schlossen sich die Soldaten des Semjonowski- Regiments an, das durch bestialisches Niederschlagen des Moskauer Aufstandes im Jahre 1905 berühmt geworden war: Die elf Jahre waren nicht spurlos vergangen! Gemeinsam mit den Jägern entwaffneten die Semjonowsker noch spät abends das Ismajlowski-Regiment, das die Vorgesetzten in den Kasernen eingeschlossen hielten: Dieses Regiment, das am 3. Dezember 1905 den ersten Petersburger Sowjet umringt und verhaftet hatte, galt schon damals als eines der rückständigsten. Die zaristische Garnison der Residenz, die 150.000 Soldaten zählte, kroch auseinander, zerschmolz, verschwand. Nachts existierte sie nicht mehr.

Chabalow, der am Morgen die Kunde von dem Aufstand der Regimenter vernimmt, versucht noch, Widerstand zu leisten, indem er eine kombinierte Abteilung von etwa 1.000 Mann mit den drakonischsten Instruktionen gegen die Aufständischen marschieren lässt. Doch das Schicksal dieser Abteilung nimmt einen geheimnisvollen Verlauf. »Es beginnt etwas Unwahrscheinliches sich in diesen Tagen abzuspielen«, erzählt der unvergleichliche Chabalow nach dem Umsturz, »... die Abteilung ist ausgerückt, ausgerückt mit mutigen, entschlossenen Offizieren (die Rede ist vom Obersten Kutjepow), aber ... ergebnislos.« Die nach dieser Abteilung ausgesandten Kompanien verschwinden gleichfalls spurlos. Der General beginnt auf dem Schlossplatz Reserveabteilungen zu formieren, aber »es gab keine Patronen, und man konnte sie nirgendwo auftreiben«. Das alles sind dokumentarische Angaben Chabalows vor der Untersuchungskommission der Provisorischen Regierung. Wohin verschwanden denn all diese Ordnungstruppen? Dies ist nicht schwer zu erraten: Sie gingen, kaum ausgerückt, im Aufstande unter. Arbeiter, Frauen, Jugendliche, meuternde Soldaten umringten die chabalowschen Abteilungen von allen Seiten, da sie sie entweder als die Ihrigen betrachteten oder zu solchen machen wollten, und ließen sie nicht anders vorwärts als zusammen mit der großen, unübersehbaren Menge. Gegen diese fest an ihnen klebende, nichts mehr fürchtende, unerschöpfliche, alles durchdringende Masse zu kämpfen war ebenso wenig möglich wie im Teige zu fechten.

Gleichzeitig mit den Meldungen über Meutereien immer neuer Regimenter erging der Ruf nach zuverlässigen Truppenteilen zur Niederschlagung des Aufstandes, zum Schutze der Telefonstation, des Litauischen Schlosses, des Mariinski-Palais’ und anderer, noch geheiligterer Stätten. Chabalow versuchte telefonisch, aus Kronstadt zuverlässige Truppen anzufordern, aber der Kommandant antwortete ihm, er sei selbst um das Schicksal der Festung in Sorge. Chabalow wusste noch nicht, dass der Aufstand auch die benachbarten Garnisonen erfasst hatte. Der General versuchte, oder tat wenigstens so, als versuche er, sich im Winterpalais zu verschanzen, der Plan wurde aber sofort als undurchführbar aufgegeben und das letzte Häuflein »treuer« Truppen in die Admiralität verlegt. Dort traf der Diktator endlich Sorge, das wichtigste und unaufschiebbarste Werk zu tun: Die zwei letzten Regierungsakte – den Rücktritt Protopopows »wegen Krankheit« und die Erklärung des Belagerungszustandes – in Druck zu geben. Mit dem Belagerungszustand hieß es sich allerdings beeilen, denn schon nach wenigen Stunden hob die Armee Chabalows die »Belagerung« Petrograds wieder auf und lief aus der Admiralität auseinander. Nur in Unkenntnis der Lage hat die Revolution am Abend des 27. den mit schrecklichen Vollmachten ausgerüsteten, aber gar nicht mehr schrecklichen General nicht verhaftet. Das wurde ohne Schwierigkeiten am nächsten Tag getan.

War das wirklich der ganze Widerstand des furchtbaren kaiserlichen Russland angesichts der tödlichen Gefahr? Ja, beinahe der ganze, trotz der großen Erfahrung in Exekutionen gegen das Volk und der sorgfältigst ausgearbeiteten Pläne. Die später zur Besinnung gekommenen Monarchisten erklärten die Leichtigkeit des Februarsieges des Volkes mit dem besonderen Charakter der Petrograder Garnison. Der gesamte weitere Verlauf der Revolution widerlegt jedoch diese Behauptung. Es ist richtig, dass bereits zu Beginn des schicksalsvollen Jahres die Kamarilla dem Zaren den Gedanken von der Notwendigkeit einer Erneuerung der Petrograder Garnison einzuflüstern versucht hatte. Mühelos ließ sich der Zar davon überzeugen, dass die Gardekavallerie, die als besonders ergeben galt, »lange genug im Feuer gestanden« hätte und eine Ruhepause in den Petrograder Kasernen verdiene. Allein nach ehrfurchtsvollen Vorstellungen seitens der Front willigte der Zar ein, vier Gardekavallerieregimenter durch drei Gardematrosenequipagen zu ersetzen. Nach der protopopowschen Version wurde dieser Wechsel angeblich ohne Wissen des Zaren vorgenommen, mit einer treubrüchigen Absicht des Kommandos: »Die Matrosen sind aus Arbeitern ausgewählt und stellen das revolutionäre Element in der Armee dar.« Das ist aber reiner Unsinn. Es ist einfach so, dass die höheren Gardeoffiziere, besonders der Kavallerie, zu gute Karriere an der Front machten, um Sehnsucht nach dem Hinterlande zu verspüren. Außerdem dachten sie wohl nicht ohne Angst an die ihnen vorbehaltenen Unterdrückungsfunktionen an der Spitze von Regimentern, die an der Front ganz anders geworden, als sie am Standort, in der Residenz, gewesen waren. Wie die Ereignisse an der Front bald zeigten, unterschied sich zu dieser Zeit die Gardekavallerie nicht von der übrigen Reiterei, während die in die Residenz übergeführten Gardematrosen sich beim Februarumsturz keinesfalls durch eine aktive Rolle auszeichneten. Die ganze Sache lag daran, dass das Gewebe des Regimes endgültig verfault und an ihm kein heiler Faden geblieben war ...

Im Laufe des 27. Februars wurden ohne Opfer aus zahlreichen Gefängnissen der Residenz die politischen Gefangenen befreit, darunter die patriotische Gruppe des Kriegsindustriekomitees, die seit dem 26. Januar verhaftet war, und die Mitglieder des Petrograder Komitees der Bolschewiki, die Chabalow 40 Stunden vorher festgenommen hatte. Die politische Absonderung vollzieht sich an Ort und Stelle, jenseits des Gefängnistores: Die Menschewikipatrioten begeben sich in die Duma, wo Rollen und Posten verteilt werden, die Bolschewiki gehen in die Bezirke, zu den Arbeitern und Soldaten, um gemeinsam mit ihnen die Eroberung der Residenz zu vollenden. Man darf dem Feinde keine Atempause gewähren. Mehr als irgendeine andere Sache muss man eine Revolution bis ans Ende führen.

Wer auf den Gedanken gekommen war, die aufständischen Regimenter zum Taurischen Palais zu dirigieren, lässt sich nicht beantworten. Diese politische Marschroute ergab sich aus der ganzen Situation. Zum Taurischen Palais, als dem Sammelpunkt der oppositionellen Information, strebten natürlicherweise alle Elemente des Radikalismus, die mit den Massen nicht verbunden waren. Es ist höchst wahrscheinlich, dass gerade diese Elemente, die am 27. plötzlich einen Zustrom neuer Lebenskräfte verspürten, als Anführer der meuternden Garde auftraten. Diese Rolle war ehrenvoll und beinahe schon ungefährlich. Das Palais Potemkin war seiner ganzen Lage nach sehr geeignet als Zentrum der Revolution. Nur eine Straße trennte den Taurischen Garten von einem ganzen Militärstädtchen, wo die Gardekasernen lagen und verschiedene Kriegsämter untergebracht waren. Allerdings galt dieser Stadtteil während einer Reihe von Jahren sowohl bei der Regierung wie bei den Revolutionären als militärische Hochburg der Monarchie. Er war es auch. Jetzt aber verwandelte sich alles. Vom Gardesektor ging die Soldatenrevolte aus. Die aufständischen Truppen hatten nur eine Straße zu überqueren, um in den Garten des Taurischen Palais zu gelangen, den wieder nur ein Straßenblock von der Newa trennte. Hinter der Newa aber liegt der Wyborger Bezirk, der Dampfkessel der Revolution: Die Arbeiter brauchten nur die Alexanderbrücke oder, wenn diese auseinandergenommen, das Eis der Newa zu passieren, um in die Gardekasernen oder in das Taurische Palais zu gelangen. So schloss sich dieses verschiedenartige und seiner Abstammung nach gegensätzliche nordöstliche Dreieck Petersburgs: Garde, Potemkin-Palais und die Riesenbetriebe fest zu einem Heerlager der Revolution zusammen.

In den Räumen des Taurischen Palais werden verschiedene Zentren geschaffen oder in Aussicht genommen, darunter auch der Generalstab des Aufstandes. Man kann nicht sagen, dass dieser einen sehr ernsten Charakter trug. Die »revolutionären« Offiziere, das heißt Offiziere, die in ihrer Vergangenheit durch irgendetwas, und sei es auch durch ein Missverständnis, mit der Revolution verbunden gewesen waren, den Aufstand jedoch wohlbehalten verschlafen hatten, suchen nach seinem Sieg sich eiligst in Erinnerung zu bringen oder stellen sich, aufgefordert, »in den Dienst der Revolution«. Tiefsinnig betrachten sie die Lage und schütteln pessimistisch die Köpfe. Diese aufgeregten, oft unbewaffneten Soldatenmassen seien ja nicht kampffähig. Es gäbe weder Artillerie noch Maschinengewehre, noch Verbindungen, noch Kommandeure. Dem Feinde würde ein fester Truppenteil genügen! Im Augenblick behindern die revolutionären Haufen allerdings jede planmäßige Operation in den Straßen. In der Nacht aber entfernen sich die Arbeiter, die Einwohner verstummen, die Stadt wird leer. Greift Chabalow dann mit einem festen Truppenteil die Kasernen an, kann er sich als Herr der Lage erweisen. Nebenbei gesagt, taucht dieser Gedanke später in verschiedenen Variationen auf allen Etappen der Revolution auf. »Gebt mir ein sicheres Regiment«, wird ein flinker Oberst in seinem Winkel sagen, »und ich fege im Nu diesen ganzen Unrat weg.« Einige, wie wir noch sehen werden, machten auch den Versuch. Aber alle werden die Worte Chabalows wiederholen müssen: »Die Abteilung ist ausgerückt mit mutigen Offizieren, aber ... ergebnislos.«

Woher auch sollten die Ergebnisse kommen? Die unerschütterlichsten aller Abteilungen waren die Polizisten, die Gendarme und zum Teil noch die Lehrkommandos einiger Regimenter. Sie erwiesen sich aber als kläglich vor dem Ansturm wahrhafter Volksmassen, wie sich acht Monate später, im Oktober, die Bataillone des Georgjewski-Regiments und die Junkerschulen als ohnmächtig erweisen werden. Wo sollte die Monarchie die rettende Truppe hernehmen, die bereit und fähig gewesen wäre zu einem langwierigen und hoffnungslosen Zweikampfe mit der Zweimillionenstadt? Die Revolution erscheint dem in Worten unternehmungslustigen Obersten schutzlos, weil sie noch schrecklich chaotisch ist: überall planlose Bewegungen, sich kreuzende Ströme, Menschenstrudel, erstaunte, gleichsam jäh betäubte Gestalten, zerknüllte Uniformen, gestikulierende Studenten, Soldaten ohne Gewehre, Gewehre ohne Soldaten, in die Luft schießende Jugendliche, tausendstimmiger Lärm, Fluten wildester Gerüchte, grundlose Ängste, grundlose Freuden; es braucht sich, scheint es, nur ein einziger Säbel über diesem Chaos zu erheben, und alles wird restlos auseinanderstieben. Das aber ist ein großer Sehfehler. Das Chaos ist nur scheinbar. Darunter vollzieht sich unaufhaltsam eine Kristallisierung der Massen um neue Achsen. Die ungezählten Mengen sind sich noch selbst nicht ganz im Klaren, was sie wollen, dafür aber sind sie von brennendem Hass gegen das erfüllt, was sie nicht länger wollen. Hinter ihrem Rücken ist ein nie wieder ungeschehen zu machender Einsturz erfolgt. Ein Zurück gibt es nicht. Auch wenn eine Macht vorhanden wäre, sie auseinanderzutreiben, sie wären in einer Stunde wieder beisammen, und der zweite Ansturm würde wütender und blutiger geworden sein. Seit den Februartagen ist die Atmosphäre in Petrograd so glühend heiß, dass jeder feindliche Truppenteil, der in diesen gewaltigen Herd gerät oder sich ihm auch nur nähert, von seinem Atem versengt wird, – sich verwandelt, die Sicherheit verliert, sich paralysiert fühlt und sich den Siegern kampflos auf Gnade und Ungnade ergibt. Davon wird sich morgen General Iwanow überzeugen, den der Zar mit einem Bataillon Georgierkavallerie von der Front gesandt hat. Nach fünf Monaten wird das gleiche Schicksal General Kornilow ereilen. Nach acht Monaten – Kerenski.

In den vorangegangenen Tagen schienen in den Straßen die Kosaken die nachgiebigsten zu sein; das kam daher, dass sie am meisten herumgezerrt wurden. Als es aber zum offenen Aufstand kam, rechtfertigte die Reiterei noch einmal ihre konservative Reputation, indem sie hinter der Infanterie zurückblieb. Am 27. bewahrte sie noch den Schein abwartender Neutralität. Wenn auch Chabalow nicht mehr auf sie hoffte, die Revolution war vor ihr noch immer auf der Hut.

Ein Rätsel blieb einstweilen noch die Peter-Paul-Festung auf der von der Newa umspülten Insel gegenüber dem Winterpalais und den Schlössern der Großfürsten. Hinter den Mauern war – oder schien – die Garnison der Festung gegen Einflüsse der äußeren Welt am meisten geschützt. Eine ständige Artillerie gab es in der Festung nicht, wenn man von der altertümlichen Kanone absieht, die täglich den Petrogradern die Mittagsstunde verkündete.

Heute aber sind auf den Mauern, gegen die Brücke gerichtet, Feldgeschütze aufgestellt. Was bereitet sich dort vor? Im Taurischen Stab zerbricht man sich nachts darüber den Kopf, was man mit der Peter-Paul-Festung beginnen solle, während man sich in der Festung mit der Frage abquält; was die Revolution mit ihr vorhabe. Am Morgen wird sich das Rätsel lösen. »Unter der Bedingung der Unantastbarkeit des Offiziersbestandes« wird die Festung dem Taurischen Palais übergeben. Nachdem sie sich über die Lage klar geworden waren, was nicht gar so schwer war, beeilten sich die Festungsoffiziere, dem unvermeidlichen Gang der Ereignisse zuvorzukommen.

Gegen Abend des 27. ziehen Soldaten, Arbeiter, Studenten und Bürger zum Taurischen Palais. Hier hofft man die zu finden, die alles wissen, hier glaubt man Neues erfahren zu können, Direktiven zu erhalten. Ins Palais werden haufenweise von allen Seiten Waffen zusammengetragen und in einem Raum aufgestapelt, der sich in ein Arsenal verwandelt. In der Nacht hat unterdessen der revolutionäre Stab im Taurischen Palais sich ans Werk gemacht. Er sendet Kommandos aus zur Bewachung der Bahnhöfe und Patrouillen in alle Richtungen, aus denen eventuell Gefahr drohen könnte. Willig und widerspruchslos, wenn auch in völliger Unordnung, erfüllen die Soldaten die Befehle der neuen Macht. Sie fordern aber jedes Mal eine schriftliche Order: Die Initiative stammt wohl von den Überresten des Kommandobestandes oder von den Militärschreibern. Aber sie haben Recht: Man muss unverzüglich Ordnung in das Chaos bringen. Der revolutionäre Stab wie der eben entstandene Sowjet besitzen noch keinerlei Stempel. Der Revolution steht erst bevor, die bürokratische Wirtschaft einzuführen. Im Laufe der Zeit wird sie es tun, leider bis zum Überfluss.

Die Revolution beginnt nach den Feinden zu suchen. In der Stadt werden Verhaftungen vorgenommen; »eigenmächtig«, werden die Liberalen vorwurfsvoll sagen. Aber die ganze Revolution ist eigenmächtig. Ins Taurische Palais werden unaufhörlich Gefangene eingeliefert: der Vorsitzende des Staatsrates, Minister, Schutzleute, Ochranaagenten, eine »germanophile« Gräfin, Gendarmerieoffiziere haufenweise. Einige Würdenträger, wie Protopopow, kommen von selbst, um sich verhaften zu lassen: Das ist sicherer.

»Die Wände des Saales, die einst von Ruhmeshymnen auf den Absolutismus ertönten, vernahmen heute nur Seufzer und Weinen«, wird später die freigelassene Gräfin erzählen. »Nebenan lässt sich ein gefangener General kraftlos in einen Stuhl sinken. Einige Dumamitglieder bieten mir liebenswürdig eine Tasse Tee an. Der tief in seiner Seele erschütterte General sagt erregt: ›Gräfin, wir sind Zeugen des Unterganges eines großen Landes!‹»

Das große Land, das gar nicht daran dachte, unterzugehen, schritt, mit den Stiefeln stampfend, mit den Kolben polternd, die Luft mit Rufen erschütternd und auf manchen Fuß tretend, an den Menschen von gestern vorbei. Revolutionen pflegten sich stets durch Unhöflichkeit auszuzeichnen: wohl deshalb, weil die herrschenden Klassen sich nicht rechtzeitig die Mühe gaben, das Volk an gute Manieren zu gewöhnen.

Das Taurische Palais wird vorübergehend Hauptquartier, Regierungszentrum, Arsenal und Gefängnisverlies der Revolution, die noch nicht Schweiß und Blut von ihrem Antlitz abgewischt hat. Hier, in diesen Strudel, schleichen sich auch die unternehmungslustigen Feinde ein. Zufällig wird ein verkleideter Gendarmerieoberst entdeckt, der in der Ecke seine Aufzeichnungen macht – nicht etwa für die Geschichte, sondern für die Feldgerichte. Soldaten und Arbeiter wollen gleich auf der Stelle mit ihm Schluss machen. Doch die Männer vom »Stab« nehmen sich seiner an und führen ihn behutsam aus der Menge. Die Revolution ist zu dieser Zeit noch gutmütig, vertrauensvoll, weichherzig. Sie wird erst nach einer Reihe von Verrat, Betrug und blutigen Prüfungen erbarmungslos werden.

Die erste Nacht der siegreichen Revolution ist von Unruhe erfüllt. Improvisierte Kommissare der Bahnhöfe und anderer Punkte, in ihrer Mehrzahl zufällige Intellektuelle mit persönlichen Beziehungen, aufdringliche Wichtigtuer, entfernte Bekannte der Revolution – Unteroffiziere, besonders aus der Arbeiterschicht, wären viel nützlicher gewesen! –, beginnen nervös zu werden, wittern überall Gefahr, verwirren die Soldaten und telefonieren unaufhörlich ins Taurische Palais nach Verstärkungen. Dort herrscht ebenfalls Aufregung, auch dort wird dauernd telefoniert, Verstärkungen werden ausgesandt, die den Bestimmungsort meist nicht erreichen. »Wer Befehle erhält«, erzählt ein Mitglied des nächtlichen Stabs im Taurischen, »führt sie nicht aus, wer handelt – handelt ohne Befehle ...«

Ohne Befehle handeln die Arbeiterviertel. Die revolutionären Obleute, die ihre Betriebe auf die Straße führten, Polizeireviere besetzten, die Regimenter aus den Kasernen herausholten und die Nester der Konterrevolution aushoben, eilen nicht ins Taurische, in die Stäbe, in die leitenden Zentren, im Gegenteil, ironisch und misstrauisch weisen sie mit dem Kopf in jene Richtung: Schon flattern die Herrchen herbei, um das Fell des nicht von ihnen erlegten und noch nicht völlig erlegten Bären zu teilen. Die Arbeiter-Bolschewiki wie die Arbeiter der anderen linken Parteien verbringen ihre Tage in den Straßen, die Nächte in den Bezirksstäben, halten die Verbindung mit den Kasernen aufrecht, bereiten den morgigen Tag vor. In der ersten Nacht nach dem Siege setzen sie die Arbeit fort, die sie die letzten fünf Tage getan haben. Sie bilden das junge Knochengerüst der Revolution, die, wie jede Revolution, an ihrem Anfang noch zu ungefestigt ist.

Nabokow, das uns bereits bekannte Mitglied des Kadettenzentrums, der in dieser Zeit als legalisierter Deserteur dem Generalstab angehörte, begab sich am 27., wie stets, zum Dienst in die Kanzlei und blieb dort, ohne etwas von den Ereignissen zu wissen, bis 3 Uhr nachmittags. Am Abend hörte man in der Morskaja-Straße Schüsse. Nabokow vernahm sie in seiner Wohnung, Panzerwagen rasten vorbei, vereinzelte Soldaten und Matrosen liefen die Mauern entlang durch die Straße, – der ehrwürdige Liberale beobachtete das durch die Seitenfenster seines Erkers. »Das Telefonamt arbeitete weiter, und die Nachrichten über die Tagesereignisse wurden mir, wenn ich mich recht entsinne, von meinen Freunden mitgeteilt. Zur gewohnten Stunde gingen wir schlafen.« Dieser Mann wird bald einer der Inspiratoren der Revolutionären (!) Provisorischen Regierung sein, in Gestalt ihres Geschäftsführers. Auf der Straße wird morgen ein unbekannter Greis, irgendein Bürobeamter oder vielleicht Lehrer an ihn herantreten, wird den Hut ziehen und sprechen: »Dank für alles, was Sie für das Volk getan haben.« Und mit bescheidenem Stolz wird Nabokow selbst es uns erzählen.

Wer leitete den Februaraufstand?

Die Advokaten und Journalisten der durch die Revolution betroffenen Klassen haben nachträglich nicht wenig Tinte verbraucht, um zu beweisen, dass im Februar eigentlich eine Weiberrebellion stattgefunden habe, die dann von der Soldatenmeuterei überdeckt wurde; das eben habe man für eine Revolution ausgegeben. Ludwig XVI. wollte seinerzeit ebenfalls glauben, die Einnahme der Bastille sei eine Rebellion, doch man hat ihm ehrfurchtsvoll beigebracht, dass es eine Revolution sei. Jene, die bei einer Revolution verlieren, sind selten geneigt, ihr ihren rechten Namen zuzugestehen, denn dieser ist, trotz aller Bemühungen wütender Reaktionäre, im historischen Gedächtnis der Menschheit mit der Aureole der Befreiung von alten Ketten und Vorurteilen umgeben. Die Privilegierten aller Jahrhunderte und deren Lakaien haben unentwegt versucht, die Revolution, die sie gestürzt hatte, zum Unterschiede von den früheren, als Wirren, Meuterei oder Pöbelrebellion zu proklamieren. Klassen, die sich überlebt haben, zeichnen sich nie durch Erfindungsgeist aus.

Kurz nach dem 27. Februar unternahm man Versuche, die Februarrevolution mit dem jungtürkischen Militärstreich zu vergleichen, von dem, wie wir wissen, man in den oberen Schichten der russischen Bourgeoisie nicht wenig geträumt hatte. Dieser Vergleich war jedoch derart trostlos, dass er sogar in einem bürgerlichen Blatte eine ernste Zurückweisung fand. TuganBaranowski, Nationalökonom, der in seiner Jugend die marxsche Schule durchgemacht hatte, eine russische Spielart von Sombart, schrieb den 10. März in der Birschewyje Wedomosti:

»Die türkische Revolution bestand in einer siegreichen Erhebung der Armee, die von den Führern vorbereitet und verwirklicht worden war. Die Soldaten waren nur gehorsame Vollstrecker der Absichten ihrer Offiziere. Aber jene Garderegimenter, die am 27. den russischen Thron umgestürzt haben, waren ohne ihre Offiziere erschienen ... Nicht die Armee, sondern die Arbeiter haben den Aufstand begonnen. Nicht Generale, sondern Soldaten sind zur Reichsduma marschiert. Die Soldaten haben die Arbeiter unterstützt, nicht in gehorsamer Ausführung der Befehle ihrer Offiziere, sondern, weil ... sie sich blutsverwandt fühlten mit den Arbeitern, als einer Klasse ebenso werktätiger Menschen wie sie selbst. Die Bauern und die Arbeiter – das sind die zwei sozialen Klassen, die die russische Revolution vollbrachten.«

Diese Worte bedürfen weder einer Berichtigung noch Ergänzung. Die weitere Entwicklung der Revolution hat ihren Sinn zur Genüge bestätigt und bekräftigt.

Der letzte Februartag war in Petrograd der erste Tag nach dem Siege: ein Tag der Begeisterung, der Umarmungen, freudiger Tränen, wortreicher Ergüsse, doch zugleich der Tag der letzten Schläge gegen den Feind. In den Straßen knatterten noch Schüsse. Man erzählte, Protopopows »Pharaonen«, über den Sieg des Volkes nicht unterrichtet, schössen noch weiter von den Dächern. Von unten feuerte man gegen Dachböden, Bodenfenster und Kirchtürme, wo man bewaffnete Phantome des Zarismus vermutete. Um 4 Uhr nachmittags wurde die Admiralität besetzt, wo sich die letzten Reste von dem versteckt hielten, was einst Staatsmacht war. Revolutionäre Organisationen und improvisierte Gruppen nahmen in der Stadt Verhaftungen vor. Das Schlüsselburger Zuchthaus wurde ohne einen Schuss genommen. Es schlossen sich der Revolution immer neue und neue Regimenter an: in der Residenz und in der Umgebung.

Der Umsturz in Moskau war nur ein Widerhall des Aufstandes in Petrograd. Die gleichen Stimmungen bei Arbeitern und Soldaten, nur im Ausdruck nicht so krass. Etwas linkere Stimmungen bei der Bourgeoisie. Eine noch größere Schwäche der revolutionären Organisationen als in Petrograd. Als die Ereignisse an der Newa ihren Anfang nahmen, hielt die Moskauer radikale Intelligenz Beratungen ab, was zu tun sei, und kam zu keinem Entschluss. Erst am 27. Februar begannen in den Moskauer Fabrikbetrieben Streiks, danach folgten Demonstrationen. Die Offiziere sagten den Soldaten in den Kasernen, auf den Straßen meutere Gesindel, das man zur Räson bringen müsse. »Aber jetzt«, erzählt der Soldat Schischilin, »verstanden die Soldaten das Wort Gesindel verkehrt!« Gegen 2 Uhr nachmittags erschienen vor dem Gebäude der Stadtduma aus verschiedenen Regimentern zahlreiche Soldaten, die Wege suchten, sich der Revolution anzuschließen. Am nächsten Tage wuchsen die Ausstände an. Massen zogen mit Fahnen zur Duma. Der Soldat der Automobil-Kompanie, Muralow, ein alter Bolschewik, Agronom von Beruf, ein großmütiger und tapferer Riese, führte den ersten geschlossenen und disziplinierten Truppenteil zur Duma, der das Radio und andere Punkte besetzte. Acht Monate später wird Muralow die Truppen des Moskauer Militärbezirks kommandieren.

Die Gefängnisse wurden geöffnet. Der gleiche Muralow brachte einen Lastwagen mit befreiten politischen Gefangenen. Die Hand an der Mütze, fragte der Polizeiaufseher den Revolutionär, ob man auch Juden herauslassen solle. Der soeben aus dem Zuchthaus befreite Dserschinski, der die Arrestantenkleider noch nicht gewechselt hatte, trat im Gebäude der Duma auf, wo sich bereits der Sowjet formierte. Der Artillerist Dorofejew wird später erzählen, wie die Arbeiter der Konfektfabrik Siou am 1. März mit Fahnen in der Kaserne der Artilleriebrigade erschienen, sich mit den Soldaten zu verbrüdern, und wie viele sich vor Freude nicht fassen konnten und weinten. Es gab in der Stadt vereinzelte Schüsse aus dem Hinterhalt, im Allgemeinen aber weder bewaffnete Zusammenstöße noch Opfer: Für Moskau stand Petrograd ein.

In einer Reihe von Provinzstädten begann die Bewegung erst am 1. März, nachdem der Umsturz auch in Moskau bereits vollzogen war. In Twer begaben sich die Arbeiter aus den Betrieben in Demonstrationszügen zu den Kasernen und marschierten, zusammen mit den Soldaten, durch die Straßen der Stadt. Damals sang man noch die Marseillaise und nicht die Internationale. In Nischni-Nowgorod versammelten sich Tausende von Menschen beim Gebäude der Stadtduma, das in den meisten Städten die Rolle des Taurischen Palais spielte. Nach der Rede des Bürgermeisters setzten sich die Arbeiter mit roten Fahnen in Bewegung, die Politischen aus den Gefängnissen zu befreien. Von 21 Truppenteilen der Garnison gingen schon bis zum Abend 18 freiwillig zur Revolution über. In Samara und Saratow fanden Meetings statt, wurden Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet. In Charkow richtete sich der Polizeimeister, der Zeit gefunden hatte, am Bahnhof über den Umsturz Erkundigungen einzuziehen, in seinem Wagen vor der erregten Menge hoch und schrie aus voller Lunge, die Mütze in der Luft schwenkend: »Es lebe die Revolution, hurra!« Jekaterinoslaw erhielt die Kunde aus Charkow. An der Spitze der Manifestation schritt der Gehilfe des Polizeimeisters, den langen Säbel mit der Hand stützend, wie es bei Paraden an Zarentagen üblich gewesen. Als es endgültig klar war, dass die Monarchie sich nicht mehr erheben werde, begann man in den Regierungsämtern in aller Stille die Zarenporträts herunterzunehmen und auf dem Boden zu verstecken. Solche Anekdoten, wahre und erfundene, gab es nicht wenig in den liberalen Kreisen, die noch den Geschmack an dem scherzhaften Ton in Bezug auf die Revolution nicht verloren hatten. Die Arbeiter wie die Soldatengarnisonen erlebten die Ereignisse auf ganz andere Art.

Von einer Reihe anderer Provinzstädte (Pskow, Orel, Rybinsk, Pensa, Kasan, Zarizyn usw.) vermerkt die Chronik unter dem 2. März: »Man erfuhr von dem vollzogenen Umsturz und die Bevölkerung schloss sich der Revolution an.« Dieser Bericht gibt, trotz seines summarischen Charakters, das Geschehene im Wesentlichen richtig wieder.

In das Dorf flossen die Nachrichten über die Revolution aus den nächsten Städten teils durch die Behörden, hauptsächlich durch die Märkte, die Arbeiter und die Urlauber. Das Dorf nahm den Umsturz langsamer und weniger enthusiastisch auf als die Stadt, aber nicht minder tief: Es verband ihn mit Krieg und Land.

Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass Petrograd die Februarrevolution vollbrachte. Das übrige Land schloss sich ihm an. Nirgends außer in Petrograd gab es Kampf. Im ganzen Lande fanden sich keine Bevölkerungskreise, Parteien, Institutionen oder Truppenteile, die es gewagt hätten, zum Schutze des alten Regimes aufzustehen. Das beweist, wie unbegründet das spätere Gerede der Reaktionäre war, wonach das Schicksal der Monarchie ein anderes geworden, wenn die Gardekavallerie in Petrograd gewesen wäre oder wenn Iwanow eine zuverlässige Brigade von der Front gebracht hätte. Weder im Hinterlande noch an der Front war eine Brigade oder ein Regiment zu finden, bereit, sich für Nikolaus II. zu schlagen.

Der Umsturz vollzog sich auf Initiative und durch die Kraft einer Stadt, die etwa ein Fünfundsiebzigstel der gesamten Bevölkerung Russlands umfasste. Wenn man will, kann man sagen, der größte demokratische Akt vollzog sich auf die undemokratischste Weise. Das ganze Land war vor eine vollendete Tatsache gestellt. Der Umstand, dass man in der Perspektive mit der konstituierenden Versammlung rechnete, ändert daran nichts, denn die Fristen und die Art der Einberufung der Nationalvertretung wurden von Organen bestimmt, die aus dem siegreichen Petrograder Aufstand hervorgegangen waren. Das wirft ein grelles Licht auf die Frage der Funktion demokratischer Formen im Allgemeinen und während revolutionärer Epochen im Besonderen. Dem juridischen Fetischismus des Volkswillens haben Revolutionen stets schwere Schläge zugefügt, und zwar umso erbarmungsloser, je tiefer, kühner, demokratischer diese Revolutionen waren.

Es ist oft genug davon gesprochen worden, besonders in Bezug auf die Große Französische Revolution, dass die äußerste Zentralisierung der Monarchie später der revolutionären Residenz gestattete, für das ganze Land zu denken und zu handeln. Diese Erklärung ist oberflächlich. Wenn die Revolution zentralistische Tendenzen aufweist, so nicht als Nachahmung der gestürzten Monarchie, sondern infolge der unausweichlichen Bedürfnisse der neuen Gesellschaft, die sich mit Partikularismus nicht vertragen. Wenn die Residenz in der Revolution eine so dominierende Rolle spielt und in gewissen Momenten gleichsam den Willen der Nation in sich konzentriert, dann eben deshalb, weil sie die wesentlichsten Tendenzen der neuen Gesellschaft am krassesten ausdrückt und zu Ende führt. Die Provinz empfindet die Schritte der Residenz als ihre eigenen, aber bereits in die Tat umgesetzten Absichten. Die initiative Rolle der Zentren ist nicht eine Verletzung des Demokratismus, sondern seine dynamische Verwirklichung. Jedoch fiel in großen Revolutionen der Rhythmus dieser Dynamik niemals mit dem Rhythmus der formalen, repräsentativen Demokratie zusammen. Die Provinz schließt sich den Handlungen des Zentrums an, nur mit Verspätung. Bei der eine Revolution charakterisierenden schnellen Entwicklung der Ereignisse führt dies zu scharfen, mit Methoden der Demokratie nicht zu lösenden Krisen des revolutionären Parlamentarismus. In allen wirklichen Revolutionen zerschlug sich die Nationalvertretung unvermeidlich den Kopf an der Dynamik der Revolution, deren Hauptherd die Residenz war. So im 17. Jahrhundert in England, im 18. in Frankreich und im 20. in Russland. Die Rolle der Residenz wird nicht durch die Traditionen des bürokratischen Zentralismus, sondern durch die Lage der führenden revolutionären Klasse bestimmt, deren Avantgarde sich naturgemäß in der Hauptstadt konzentriert: Das trifft in gleicher Weise für die Bourgeoisie wie für das Proletariat zu.

Als der Februarsieg feststand, ging man an das Zählen der Opfer. In Petrograd wurden ermittelt: 1443 Tote und Verwundete, darunter 869 Militärpersonen, davon 60 Offiziere. Verglichen mit der Zahl der Opfer einer beliebigen Schlacht der großen Metzelei sind diese erheblichen Zahlen verschwindend gering. Die liberale Presse verkündete die Februarrevolution als eine unblutige. In den Tagen allgemeiner Auflösung der Gefühle und gegenseitigen Amnestierens der patriotischen Parteien unternahm es niemand, die Wahrheit festzustellen. Albert Thomas, der Freund alles Siegreichen, sogar siegreicher Aufstände, schrieb damals von der »allersonnigsten, allerfestlichsten, allerunblutigsten russischen Revolution«. Allerdings war er der Hoffnung, sie würde zur Verfügung der französischen Börse bleiben. Aber schließlich hatte nicht Thomas das Pulver erfunden. Am 27. Juni 1789 rief Mirabeau: »Welches Glück, diese große Revolution wird ohne Morde und ohne Tränen auskommen! ... Die Geschichte hat zu lange nur von Raubtiertaten berichtet ... Wir dürfen hoffen, die Geschichte der Menschen zu beginnen.« Als alle drei Stände sich in der Nationalversammlung vereinigt hatten, schrieben die Vorfahren Albert Thomas’: »Die Revolution ist beendet, sie hat keinen Tropfen Blut gekostet.« Und man muss zugeben, dass es in jener Periode tatsächlich noch kein Blut gegeben hatte. Anders in den Februartagen. Doch die Legende von der unblutigen Revolution erhielt sich hartnäckig, da es dem Bedürfnis des liberalen Bourgeois entsprach, die Sache so darzustellen, als sei ihm die Macht von selbst zugefallen.

Wenn aber die Februarrevolution auch nicht unblutig gewesen ist, so muss man doch staunen über die geringe Zahl an Opfern, sowohl im Augenblick des Umsturzes als auch besonders in der ersten nachfolgenden Periode. War es doch eine Abrechnung für Sklaverei, Verfolgungen, Hohn und niederträchtige Misshandlungen, denen die Volksmassen Russlands jahrhundertelang ausgesetzt gewesen waren! Matrosen und Soldaten rechneten zwar hie und da mit ihren schlimmsten Schindern in Gestalt von Offizieren ab. Doch war die Zahl solcher Vergeltungen verschwindend im Vergleich mit der Zahl der alten blutigen Kränkungen. Die Massen streiften ihre Gutmütigkeit erst bedeutend später ab, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass die herrschenden Klassen alles zurückzuzerren und die Revolution, die sie nicht vollbracht hatten, für sich auszunutzen suchten, wie sie sich stets die Güter des Lebens, die sie nicht erzeugten, anzueignen pflegten.

Tugan-Baranowski hat Recht, wenn er sagt, die Februarrevolution hätten die Arbeiter und Bauern vollbracht, die Letzteren in der Person des Soldaten. Es bleibt aber die große Frage bestehen, wer hat den Umsturz geleitet? Wer hat die Arbeiter auf die Beine gebracht? Wer die Soldaten auf die Straße geführt? Nach dem Siege wurden diese Fragen Gegenstand von Parteikämpfen. Am einfachsten suchte man sie durch die Universalformel zu lösen: Keiner hat die Revolution geleitet, sie vollzog sich von selbst. Diese »Elementar«-Theorie kam nicht nur jenen Herrschaften sehr gelegen, die gestern noch in aller Ruhe administriert, gerichtet, angeklagt, verteidigt, gehandelt oder kommandiert hatten, heute aber Eile zeigten, sich der Revolution anzubiedern, sondern auch vielen Berufspolitikern und gewesenen Revolutionären, die, nachdem sie die Revolution verschlafen hatten, nun glauben wollten, sie unterschieden sich in dieser Hinsicht nicht von allen anderen.

In seiner kuriosen »Geschichte der russischen Wirren« erzählt General Denikin, der ehemalige Höchstkommandierende der Weißen Armee, über den 27. Februar: »An diesem entscheidenden Tage gab es keine Führer, es gab nur entfesselte Elemente. In ihrem zornigen Lauf konnte man weder Ziel, noch Plan, noch Parolen erkennen.« Der gelehrte Historiker Miljukow schürft nicht tiefer als der General, der eine Schwäche für das Schrifttum hat. Bis zum Umsturz hatte der liberale Führer jeden Gedanken an eine Revolution für eine Eingebung des deutschen Stabes erklärt. Die Lage wurde aber nach dem Umsturz, der die Liberalen an die Macht brachte, verzwickter. Jetzt bestand Miljukows Aufgabe nicht mehr darin, die Revolution mit der Ehrlosigkeit der hohenzollernschen Initiative zu behaften, sondern, im Gegenteil, den Revolutionären die Ehre der Initiative abzusprechen. Der Liberalismus adoptierte vollständig die Theorie vom elementaren und unpersönlichen Charakter des Umsturzes. Mit Sympathie beruft sich Miljukow auf den Halbliberalen, Halbsozialisten Stankewitsch, einen Privatdozenten, der Regierungskommissar beim Hauptquartier des Oberkommandos geworden war. »Die Masse kam von selbst in Bewegung, einem unbewussten, inneren Drange gehorchend ...«, schreibt Stankewitsch über die Februartage.

»Mit welcher Parole sind die Soldaten aufgetreten? Wer führte sie, als sie Petrograd eroberten, als sie das Bezirksgericht niederbrannten? Nicht eine politische Idee, nicht eine revolutionäre Parole, nicht eine Verschwörung, nicht eine Rebellion, sondern die elementare Bewegung, die mit einem Male die alte Macht restlos einäscherte.« Das Elementare erhält hier fast einen mystischen Charakter.

Der gleiche Stankewitsch gibt eine sehr wertvolle Zeugenaussage: »Ende Januar hatte ich Gelegenheit, in einem sehr intimen Kreise Kerenski zu treffen ... Gegenüber der Möglichkeit eines Volksaufstandes verhielten sich alle ausgesprochen ablehnend, aus Furcht, die einmal ausgebrochene Massenbewegung des Volkes könnte in linksradikales Fahrwasser geraten, und dieses würde außerordentliche Schwierigkeiten für die Kriegsführung schaffen.« Die Ansichten des Kerenskikreises unterschieden sich im Wesentlichen nicht von denen der Kadetten. Nicht von dort konnte die Initiative ausgehen.

»Die Revolution schlug wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein«, sagt der Vertreter der sozialrevolutionären Partei, Sensinow. »Wollen wir offen sein: Sie kam als eine große und freudige Überraschung auch für uns, Revolutionäre, die lange Jahre für sie gearbeitet und sie stets erwartet hatten.«

Nicht viel besser verhielt sich die Sache mit den Menschewiki. Ein Journalist der bürgerlichen Emigrantenkreise berichtet über seine Begegnung in der Tram am 24. Februar mit Skobeljew, dem späteren Minister der revolutionären Regierung. »Dieser Sozialdemokrat, einer der Führer der Bewegung, sagte mir, die Unruhen trügen den Charakter von Plünderungen, die man unterdrücken müsse. Das hinderte Skobeljew nicht, einen Monat später zu behaupten, er und seine Freunde hätten die Revolution gemacht.« Die Farben sind hier sicherlich dick aufgetragen. Doch im Wesentlichen ist die Position der legalen Sozialdemokraten, der Menschewiki, ziemlich der Wirklichkeit entsprechend wiedergegeben.

Schließlich sagt ein späterer Führer des linken Flügels der Sozialrevolutionäre, Mstislawski, der dann zu den Bolschewiki überging, von dem Februarumsturz: »Die Revolution hat uns, damalige Parteileute, wie die törichten Jungfrauen des Evangeliums schlafend überrascht.« Es ist hierbei unwesentlich, wieweit sie Jungfrauen ähnelten, geschlafen haben sie tatsächlich alle.

Wie aber war es mit den Bolschewiki? Das ist uns zum Teil schon bekannt. Hauptleiter der unterirdischen bolschewistischen Organisation in Petrograd waren damals drei Männer: die ehemaligen Arbeiter Schljapnikow und Saluzki und der ehemalige Student Molotow. Schljapnikow, der längere Zeit im Auslande gelebt und mit Lenin in naher Verbindung gestanden hatte, war der politisch reifere und aktivere der drei, die das Büro des Zentralkomitees bildeten. Doch bestätigen die Erinnerungen Schljapnikows selbst am besten, dass das Trio den Ereignissen nicht gewachsen war. Bis zur allerletzten Stunde glaubten die Führer, es handle sich nur um eine revolutionäre Kundgebung, um eine von vielen, nicht aber um einen bewaffneten Aufstand. Der uns bereits bekannte Kajurow, einer der Leiter des Wyborger Bezirkes, behauptet kategorisch: »Direktiven aus den Parteizentren waren absolut nicht zu verspüren ... Das Petrograder Komitee war verhaftet und der Vertreter des Zentralkomitees, Genosse Schljapnikow, war ohnmächtig, Weisungen für den nächsten Tag zu geben.«

Die Schwäche der unterirdischen Organisationen war die unmittelbare Folge des politischen Vernichtungsfeldzuges, der der Regierung dank der zu Beginn des Krieges herrschenden patriotischen Stimmung ganz besondere Erfolge gebracht hatte. Jede Organisation, darunter auch die revolutionäre, besitzt die Tendenz, hinter ihrer sozialen Basis zurückzubleiben. Die unterirdischen Organisationen der Bolschewiki hatten sich zu Beginn des Jahres 1917 von Niedergeschlagenheit und Zersplitterung noch immer nicht erholt, während in den Massen die Pestluft des Patriotismus jäh der revolutionären Empörung Platz machte.

Um ein klareres Bild von der Lage der revolutionären Führung zu erhalten, musste man sich vergegenwärtigen, dass die autoritärsten Revolutionäre, die Führer der linken Parteien, sich in der Emigration und zum Teil auch in Gefängnissen und Verbannung befanden. Je gefährlicher eine Partei für das alte Regime gewesen war, umso grausamer enthauptet zeigte sie sich zu Beginn der Revolution. Die Narodniki hatten eine Dumafraktion, geführt von dem parteilosen Radikalen Kerenski. Der offizielle Führer der Sozialrevolutionäre, Tschernow, befand sich in der Emigration. Die Menschewiki verfügten in der Duma über eine Parteifraktion mit Tschcheïdse und Skobeljew an der Spitze. Martow lebte als Emigrant im Auslande. Dan und Zeretelli in der Verbannung. Um die linken Fraktionen, Narodniki und Menschewiki, gruppierte sich ein großer Teil sozialistischer Intellektueller mit revolutionärer Vergangenheit. Daraus entstand so etwas wie ein politischer Stab, nur in der Art, dass er erst nach dem Siege fähig war, sich zu zeigen. Die Bolschewiki hatten keine Dumafraktion: Fünf Arbeiterdeputierte, in denen die zaristische Regierung das organisierende Zentrum der Revolution sah, waren seit den ersten Kriegsmonaten verhaftet. Lenin war in der Emigration, mit ihm Sinowjew. Kamenew, wie auch die damals nur wenig bekannten führenden Praktiker Swerdlow, Rykow, Stalin, in der Verbannung. Der polnische Sozialdemokrat Dserschinski, der damals noch nicht zu den Bolschewiki gehörte, befand sich in der Katorga. Die zufällig anwesenden Führer hielten weder sich noch andere für fähig, eine leitende Rolle in den revolutionären Ereignissen zu spielen, besonders da sie gewohnt waren, nur unter unbestritten autoritärer Führung zu handeln.

Wenn aber schon die bolschewistische Partei den Aufständischen keine autoritäre Leitung zu sichern vermochte, so konnte bei den übrigen politischen Organisationen davon nicht einmal die Rede sein. Dies unterstützte die verbreitete Meinung vom elementaren Charakter der Februarrevolution. Nichtsdestoweniger ist sie tief irrig, im besten Falle inhaltslos.

Der Kampf dauerte in der Residenz nicht eine und nicht zwei Stunden, sondern fünf Tage. Die Führer waren bestrebt, ihn einzudämmen. Die Massen antworteten mit verschärftem Ansturm und drangen vorwärts. Sie hatten gegen sich den alten Staat, hinter dessen traditioneller Fassade man noch eine mächtige Kraft vermutete, die liberale Bourgeoisie mit Reichsduma, Semstwound Stadtverbänden, Kriegsindustrie-Organisationen, Akademien, Universitäten und weitverzweigter Presse; schließlich zwei starke sozialistische Parteien, die dem Druck von unten patriotischen Widerstand entgegensetzten. In der Partei der Bolschewiki hatte der Aufstand die ihm am nächsten stehende, aber enthauptete Organisation, mit zersplitterten Kadern und schwachen illegalen Zellen. Dennoch entbrannte die Revolution, die in jenen Tagen niemand erwartet hatte, und als man oben glaubte, die Bewegung erlösche bereits, sicherte sie sich in schroffem Aufstieg und mächtigen Konvulsionen den Sieg.

Woher diese beispiellose Kraft der Beharrlichkeit und des Ansturmes? Es genügt nicht, auf die Erbitterung zu verweisen. Erbitterung allein wäre zu wenig gewesen. So sehr die Petrograder Arbeiter während der Kriegsjahre durch menschliches Rohmaterial auch verwässert worden waren, so besaßen sie immerhin große revolutionäre Erfahrung. In ihrer Beharrlichkeit und in ihrem Ansturm war, trotz fehlender Leitung und der Gegenwirkung von oben, eine nicht immer ausgesprochene, aber auf Lebenserfahrung begründete Kräftebewertung und selbstständige strategische Berechnung.

Am Vorabend des Krieges ging die revolutionäre Schicht der Arbeiter mit den Bolschewiki und führte die Masse hinter sich. Mit Beginn des Krieges änderte sich die Lage schroff: Die konservativen Zwischenschichten erhoben den Kopf und rissen einen bedeutenden Teil der Klasse mit sich, die revolutionären Elemente wurden isoliert und verstummten. Im Verlauf des Krieges änderte sich die Situation, anfangs langsam, dann, nach den Niederlagen, schneller und radikaler. Aktive Unzufriedenheit ergriff die gesamte Arbeiterklasse. Zwar war sie bei großen Kreisen noch patriotisch gefärbt, doch hatte das mit dem berechnenden, feigen Patriotismus der besitzenden Klassen nichts gemein, die alle inneren Fragen bis nach dem Siege vertagten. Gerade der Krieg, seine Opfer, seine Schrecken und seine Schande ließen nicht nur die alten, sondern auch die neuen Arbeiterschichten mit dem zaristischen Regime zusammenstoßen, mit neuer Schärfe anprallen und zu der Schlussfolgerung kommen: Man darf es nicht länger dulden! Diese Schlussfolgerung war allgemein, sie verband die Massen und verlieh ihnen die gewaltige Kraft des Vorstoßes.

Die Armee quoll auf, Millionen Arbeiter und Bauern in sich aufnehmend. Jeder hatte beim Militär die Seinen: einen Sohn, einen Mann, einen Bruder oder einen anderen Nächsten. Die Armee war nicht mehr wie vor dem Kriege vom Volke abgezäunt. Man kam jetzt mit Soldaten viel mehr zusammen, man begleitete sie, wenn sie zur Front abmarschierten, man lebte mit ihnen, wenn sie auf Urlaub kamen, man unterhielt sich mit ihnen in den Straßen, in den Trams über die Front, man besuchte sie in den Lazaretten. Arbeiterviertel, Kaserne, Front und zum großen Teil auch das Dorf wurden miteinander verbundene Gefäße. Die Arbeiter wussten, was der Soldat dachte und fühlte. Sie führten endlose Gespräche über den Krieg, über Menschen, die sich am Kriege bereicherten, über Generale, über Regierung, über Zar und Zarin. Der Soldat sagte über den Krieg: Verflucht sei er! Der Arbeiter antwortete über die Regierung: Verflucht seien sie alle! Der Soldat sagte: Weshalb schweigt ihr hier, im Zentrum? Der Arbeiter antwortete: Mit leeren Händen ist nichts zu machen, schon im Jahre 1905 haben wir uns an der Armee blutig gestoßen. Der Soldat, grübelnd: Wenn sich doch alle auf einmal erhöben! Der Arbeiter: Ja, eben alle auf einmal. Solche Gespräche wurden vor dem Kriege von einzelnen geführt und hatten einen konspirativen Charakter. Jetzt sprach man überall so, bei jedem Anlass und fast offen, mindestens in den Arbeitervierteln.

Der zaristischen Ochrana gelang manchmal eine gute Sondierung. Zwei Wochen vor der Revolution berichtete ein Petrograder Spitzel, der mit dem Spitznamen Krestjaninow unterzeichnete, in seinem Rapport über ein Gespräch in der Tram, die einen Arbeitervorort kreuzte. Ein Soldat habe erzählt, aus seinem Regiment seien acht Mann in die Katorga verschickt worden, weil sie sich im Herbst geweigert hätten, auf die Arbeiter der NobelWerke zu schießen, und auf die Polizisten schossen. Dieses Gespräch wurde ganz offen geführt, da Polizisten und Spitzel es in den Arbeitervierteln vorzogen, unbemerkt zu bleiben. »Wir werden mit ihnen abrechnen«, schloss der Soldat. Der Rapport lautet weiter: »Ein Arbeiter sagte: ›Dazu muss man sich organisieren, damit alle wie einer sind.‹ Der Soldat antwortete: ›Darüber braucht man sich keine Sorgen zu machen, bei uns ist schon längst organisiert ... Sie haben genug Blut getrunken, die Menschen leiden an der Front, sie aber fressen sich hier dicke Fratzen an ...‹ Besondere Vorfälle haben sich nicht ereignet. 10. Februar 1917. Krestjaninow.« Ein unvergleichliches Spitzel-Epos! »Besondere Vorfälle haben sich nicht ereignet.« Sie werden sich ereignen, und zwar bald: Die Unterhaltung in der Tram verzeichnet ihr unausbleibliches Nahen.

Den elementaren Charakter des Aufstandes illustriert Mstislawski durch ein bemerkenswertes Beispiel: Als der »Verband der Offiziere des 27. Februar«, der gleich nach dem Umsturz entstanden war, durch eine Umfrage festzustellen versuchte, wer als erster das Wolynski-Regiment auf die Straße geführt, kamen sieben Angaben über sieben Initiatoren dieser entscheidenden Aktion. Es ist höchst wahrscheinlich, möchten wir unsererseits hinzufügen, dass ein Teilchen der Initiative tatsächlich mehreren Soldaten gehörte; wobei nicht ausgeschlossen ist, dass der Hauptinitiator in den Straßenkämpfen fiel, seinen Namen ins Dunkel mitnehmend. Dies aber schmälert das historische Gewicht seiner namenlosen Initiative nicht. Wichtiger ist noch eine andere Seite der Sache, die uns über die Mauern der Kaserne hinausführt. Der Aufstand der Gardebataillone, der zur Überraschung der liberalen und legal-sozialistischen Kreise entbrannte, kam gar nicht unerwartet für die Arbeiter. Ohne deren Aufstand wäre auch das Wolynski-Regiment nicht auf die Straße gegangen. Der Zusammenstoß der Arbeiter mit den Kosaken, den der Advokat von seinem Fenster aus beobachtet und von dem er telefonisch einem Deputierten Mitteilung gemacht hatte, erschien beiden wie die Episode eines unpersönlichen Prozesses: Die Heuschrecken der Fabriken sind mit den Heuschrecken der Kaserne zusammengeprallt. Anders aber erschien die Sache dem Kosaken, der es gewagt, dem Arbeiter zuzublinzeln, wie dem Arbeiter, der sofort entschied, der Kosak »hat gut geblinzelt« ... Das molekulare Ineinanderdringen von Armee und Volk ging ununterbrochen vor sich. Die Arbeiter verfolgten die Temperatur der Armee und fühlten sofort das Nahen des kritischen Punktes. Das verlieh auch dem Ansturm der auf den Sieg vertrauenden Massen diese unwiderstehliche Kraft.

Hier müssen wir die treffende Bemerkung eines liberalen Würdenträgers anführen, der versuchte, das Fazit seiner Februarbeobachtungen zu ziehen:

»Es ist üblich zu sagen: Die Bewegung hat elementar begonnen, die Soldaten sind von selbst auf die Straße gegangen. Ich kann dem keinesfalls zustimmen. Was will auch das Wörtchen ›elementar‹ besagen? ... Die ›Urzeugung‹ ist in der Soziologie noch unmöglicher als in der Naturwissenschaft. Weil kein revolutionärer Führer von Namen der Bewegung sein Etikett anhängen kann, wird sie nicht unpersönlich, sondern nur namenlos.« Diese Fragestellung, die unvergleichlich ernster ist als die Hinweise Miljukows auf deutsche Agenten und russische Elementargewalten, gehört einem ehemaligen Staatsanwalt, der im Amte eines zaristischen Senators der Revolution begegnete. Vielleicht hat gerade die Gerichtserfahrung Sawadski erlaubt, zu der Einsicht zu kommen, dass der revolutionäre Aufstand weder auf Kommando ausländischer Agenten, noch als unpersönlicher Naturprozess entstehen konnte.

Der gleiche Autor führt zwei Episoden an, die es ihm ermöglichten, gleichsam durch das Schlüsselloch ins Laboratorium des Revolutionsprozesses zu blicken. Am Freitag, den 24. Februar, als oben noch keiner einen Umsturz für die nächsten Tage erwartete, bog die Tram, in der der Senator saß, plötzlich mit solchem Krach, dass die Scheiben zitterten und eine zerbrach, vom Litejny-Prospekt in eine Nebenstraße ein und blieb stehen. Der Schaffner forderte alle auf auszusteigen. »Der Wagen wird nicht weiterfahren.« Die Passagiere protestierten, schimpften, mussten aber aussteigen.

»Ich sehe noch jetzt das Gesicht des sich ausschweigenden Schaffners: bösentschlossen, irgendein Wolfsgesicht.« Der Trambahnverkehr stockte überall, soweit der Blick reichte. Dieser entschlossene Schaffner, an dem der liberale Würdenträger schon das »Wolfsgesicht« sah, muss ein hochentwickeltes Pflichtbewusstsein besessen haben, um auf der Straße des kaiserlichen Petrograds, während des Krieges, ganz allein den mit Beamten gefüllten Wagen zum Stehen zu bringen. Genau solche Schaffner haben den Wagen der Monarchie zum Stehen gebracht, ungefähr mit den gleichen Worten: »Der Wagen wird nicht weiterfahren!«, und die Bürokratie ausgesetzt, ohne in der Eile große Unterschiede zwischen Gendarmeriegeneralen und liberalen Senatoren zu machen. Der Schaffner vom Litejny-Prospekt war ein bewusster Faktor der Geschichte. Und man musste ihn vorher erzogen haben.

Während des Brandes des Bezirksgerichts drückte ein liberaler Jurist, aus dem Kreise desselben Senators, auf der Straße sein Bedauern darüber aus, dass das Laboratorium der Gerichtsexpertise und das Notariatsarchiv vernichtet werden. Ein älterer Mann von düsterem Aussehen, dem Äußeren nach ein Arbeiter, erwiderte mürrisch: »Wir werden die Häuser und das Land verteilen können, auch ohne dein Archiv!« Wahrscheinlich ist die Episode literarisch abgerundet worden. Doch solcherart ältere Arbeiter, die die nötige Abfuhr zu geben wussten, gab es in der Menge nicht wenig. Sie selbst hatten keine Beziehung zur Brandstiftung des Bezirksgerichts: Jedenfalls aber konnten solche »Exzesse« sie keineswegs schrecken. Sie bewaffneten die Massen nicht nur mit den nötigen Ideen gegen die zaristische Polizei, sondern auch gegen die liberalen Juristen, die die größte Angst davor hatten, dass im Feuer der Revolution die Notariatsakten des Eigentums verbrennen könnten. Diese namenlosen rauen Politiker der Fabrik und der Straße waren nicht vom Himmel gefallen: Man musste sie erzogen haben.

Die Ereignisse der letzten Februartage registrierend, bezeichnete auch die Ochrana die Bewegung als »elementar«, das heißt als ohne planmäßige Leitung von oben; doch fügte sie gleich hinzu: »Bei der allgemeinen Bearbeitung des Proletariats durch Propaganda.« Diese Bewertung trifft den Kern: Die berufsmäßigen Kämpfer gegen die Revolution hatten, bevor sie die Zellen der befreiten Revolutionäre besetzten, das Antlitz des sich abwickelnden Prozesses schärfer erkannt als die Führer des Liberalismus.

Die Mystik des Elementaren erklärt nichts. Um die Situation richtig einzuschätzen und den Moment des Ausholens gegen den Feind zu bestimmen, war es notwendig, dass die Masse, ihre führende Schicht, ihre eigenen Ansprüche an die historischen Ereignisse stellte und eigene Kriterien besaß, sie einzuschätzen. Mit anderen Worten, es war nicht die Masse an sich, sondern es war die Masse der Petrograder und der russischen Arbeiter im Allgemeinen notwendig, die die Revolution von 1905 erlebt hatte und den Moskauer Dezemberaufstand von 1905, der an dem Semjonowski-Garderegiment zerschellte; es war notwendig, dass unter dieser Masse Arbeiter zerstreut waren, die über die Erfahrung von 1905 nachgedacht, die konstitutionellen Illusionen der Liberalen und Menschewiki kritisiert, die Perspektive der Revolution sich angeeignet, Dutzende Male das Problem der Armee überlegt, aufmerksam verfolgt hatten, was in ihrer Umgebung vorging, die fähig waren, aus ihren Beobachtungen revolutionäre Schlüsse zu ziehen und sie den anderen zu vermitteln. Schließlich war notwendig, dass sich bei den Truppenteilen der Garnison fortgeschrittene Soldaten fanden, die in ihrer Vergangenheit von revolutionärer Propaganda erfasst oder mindestens berührt worden waren.

In jeder Fabrik, in jeder Werkstatt, in jeder Kompanie, in jeder Teestube, im Lazarett, in der Etappe und sogar in dem entvölkerten Dorfe ging eine molekulare Arbeit des revolutionären Gedankens vor sich. Überall gab es Deuter der Ereignisse, hauptsächlich Arbeiter, die man ausfragte, was es Neues gäbe, und von denen man das nötige Wort erwartete. Diese Häupter waren häufig sich selbst überlassen, nährten sich von Bruchteilen revolutionärer Verallgemeinerungen, zu denen sie auf verschiedenen Wegen kamen; selbst in liberalen Zeitungen lasen sie, was sie brauchten, zwischen den Zeilen heraus. Ihr Klasseninstinkt war durch politisches Kriterium geschärft, und führten sie auch nicht immer ihre Ideen zu Ende, so arbeitete ihr Gedanke doch unablässig und beharrlich stets in der gleichen Richtung. Elemente der Erfahrung, der Kritik, der Initiative, der Selbstaufopferung durchdrangen die Masse und bildeten die innere, dem oberflächlichen Blick unerreichbare, aber nichtsdestoweniger entscheidende Mechanik der revolutionären Bewegung als eines bewussten Prozesses.

Den hochmütigen Politikern des Liberalismus und des gezähmten Sozialismus erscheint gewöhnlich alles, was in den Massen geschieht, als instinktiver Prozess, wie wenn es sich um einen Ameisenhaufen oder Bienenstock handele. Tatsächlich war der Gedanke, der tief in den Arbeitern bohrte, viel kühner, weitsichtiger und bewusster als jener Ideenwust, mit dem die gebildeten Klassen sich die Zeit vertrieben. Und mehr noch, dieser Gedanke war auch wissenschaftlich begründeter: nicht nur, weil er in großem Maße durch die Methoden des Marxismus befruchtet war, sondern vor allem, weil er sich dauernd von der lebendigen Erfahrung der Massen nährte, denen es bevorstand, bald die revolutionäre Arena zu betreten. Die Wissenschaftlichkeit des Gedankens besteht darin, dass er den objektiven Prozessen entspricht und diese Prozesse zu beeinflussen und zu lenken fähig ist. Besaßen denn die Ideen der regierenden Kreise, die sich an der Apokalypse inspirierten und an die Träume Rasputins glaubten, auch nur im Geringsten diese Eigenschaften? Oder waren etwa die Ideen des Liberalismus wissenschaftlich begründet, der da hoffte, dass das rückständige Russland, indem es an dem Gemetzel der kapitalistischen Giganten teilnahm, fähig werden würde, gleichzeitig den Sieg und den Parlamentarismus zu erringen? Oder vielleicht war das geistige Leben der Intellektuellenkreise wissenschaftlich, die sich sklavisch dem von Kind auf altersschwachen Liberalismus anpassten, wobei sie ihre scheinbare Selbstständigkeit durch längst abgestandene Redensarten schützten? Wahrhaftig, hier herrschte das Reich geistiger Starrheit, der Gespenster, des Aberglaubens, der Fiktionen, wenn man will, das Reich der

»Elementargewalt«. Haben wir mithin nicht durchaus das Recht, die liberale Philosophie der Februarrevolution völlig umzukehren? Ja, wir haben das Recht zu sagen: Während die offizielle Gesellschaft, dieser ganze vielstöckige Überbau der herrschenden Klassen, Schichten, Gruppen, Parteien und Cliquen, tagein, tagaus in Trägheit und Automatismus lebte, sich die Zeit mit Resten abgenutzter Ideen vertrieb, taub gegen die unabwendbaren Forderungen der Entwicklung, sich von Gespenstervisionen blenden ließ und nichts voraussah, – vollzog sich in den Arbeitermassen ein selbstständiger und tiefer Prozess des Anwachsens nicht nur des Hasses gegen die Herrschenden, sondern auch der kritischen Erkenntnis von deren Ohnmacht, der Anhäufung von Erfahrung und schöpferischer Einsicht, die mit dem revolutionären Aufstand und seinem Siege abschloss.

Auf die oben gestellte Frage: Wer hat den Februaraufstand geleitet, können wir folglich mit genügender Bestimmtheit antworten: die aufgeklärten und gestählten Arbeiter, die hauptsächlich von der Partei Lenins erzogen worden waren. Aber wir müssen dabei hinzufügen: Diese Leitung genügte, um dem Aufstande den Sieg zu sichern, doch reichte sie nicht aus, um die Führung der Revolution von Anfang an in die Hände der proletarischen Avantgarde zu legen.

Das Paradoxon der Februarrevolution

Der Aufstand hatte gesiegt. Aber wem übergab er die der Monarchie entrissene Macht? Hier kommen wir zum zentralen Problem des Februarumsturzes: Wie und weshalb geriet die Macht in die Hände der liberalen Bourgeoisie?

Den am 23. Februar begonnenen Unruhen maßen die Dumakreise und die bürgerliche »Gesellschaft« keine Bedeutung bei. Die liberalen Deputierten und die patriotischen Journalisten versammelten sich wie sonst in den Salons, diskutierten über Triest und Fiume und betonten immer wieder die Bedeutung der Dardanellen für Russland. Während der Ukas über die Auflösung der Duma bereits unterschrieben war, beriet die Dumakommission noch immer dringlich die Frage der Übergabe des Ernährungswesens an die städtische Selbstverwaltung. Weniger als zwölf Stunden vor dem Aufstande der Gardebataillone hörte die »Gesellschaft Slawischer Gemeinschaft« friedlich den Jahresbericht an. »Erst als ich aus dieser Versammlung zu Fuß heimkehrte«, erwähnt einer der Deputierten, »verblüffte mich irgendeine unheimliche Stille und Leere in den sonst so belebten Straßen.« Eine unheimliche Leere bildete sich um die alten herrschenden Klassen und beklemmte auch schon die Herzen ihrer morgigen Nachfolger.

Am 26. wurde der Ernst der Bewegung sowohl der Regierung wie den Liberalen klar. An diesem Tage werden zwischen Ministern und Dumamitgliedern Verhandlungen über ein Abkommen geführt, dessen Schleier die Liberalen auch später nie gelüftet haben. Protopopow gab bei seiner Vernehmung an, die Führer des Dumablocks hätten, wie zuvor, die Ernennung neuer Minister aus Personen, die das Vertrauen der Gesellschaft genießen, gefordert. »Diese Maßnahme würde das Volk vielleicht beruhigen.« Doch der 26. brachte, wie uns bekannt, eine gewisse Stockung in der Entwicklung der Revolution, und die Regierung fühlte sich für einen kurzen Moment fester. Als Rodsjanko bei Golizyn erschien, um ihn zum Rücktritt zu bewegen, wies der Premier als Antwort auf eine auf dem Tisch liegende Mappe hin, die das fertige Dekret über die Dumaauflösung enthielt, mit der Unterschrift Nikolaus’, aber ohne Datum. Das Datum trug Golizyn ein. Wie konnte sich die Regierung im Augenblick des wachsenden Druckes der Revolution zu einem solchen Schritt entschließen? Darüber hatte sich bei der regierenden Bürokratie schon längst eine feste Konzeption herausgebildet: »Ob wir mit dem Block gehen werden oder nicht, das ist der Arbeiterbewegung gegenüber belanglos. Mit dieser Bewegung kann man mit anderen Mitteln fertig werden, und bisher ist das Ministerium des Innern mit ihr noch immer fertig geworden.« So sprach Goremykin schon im August 1915. Andererseits rechnete die Bürokratie damit, dass die Duma im Falle einer Auflösung sich zu keinerlei kühnen Schritten entschließen würde. Der Innenminister, Fürst Schtscherbatow, sagte, gleichfalls schon im August 1915, als die Auflösung der unzufriedenen Duma erwogen wurde: »Die Dumamitglieder werden sich wohl kaum zu offenem Ungehorsam entschließen. Sind sie doch in ihrer übergroßen Mehrzahl Feiglinge, die um ihre Haut zittern.« Der Fürst drückte sich nicht sehr wählerisch, aber schließlich und endlich doch treffend aus. Im Kampfe gegen die liberale Opposition fühlte die Bürokratie also hinlänglich festen Boden unter den Füßen.

Am Morgen des 27. versammelten sich die durch die anwachsenden Ereignisse beunruhigten Deputierten zur fälligen Sitzung. Die Mehrzahl erfuhr erst hier, dass die Duma aufgelöst sei. Das war umso unerwarteter gekommen, als noch am Vorabend friedliche Verhandlungen geführt worden waren. »Trotzdem«, schreibt mit Stolz Rodsjanko, »unterwarf sich die Duma dem Gesetz, immer noch hoffend, einen Ausweg aus der verwickelten Lage zu finden; sie fasste keinerlei Beschlüsse darüber, etwa, nicht auseinanderzugehen oder gewaltsam zur Sitzung zusammenzukommen.« Die Deputierten versammelten sich zu einer Privatberatung, in der sie sich gegenseitig ihre Ohnmacht beichteten. Nicht ohne Schadenfreude erinnerte später der gemäßigte Liberale Schidlowski an den durch den linken Kadetten Nekrassow, den späteren Kampfgenossen Kerenskis, eingebrachten Antrag: »Errichtung einer militärischen Diktatur durch Übertragung der gesamten Macht auf einen populären General.« Währenddessen unternahmen die Hauptlenker des progressiven Blocks, die bei der Privatberatung der Duma fehlten, einen praktischen Rettungsversuch. Sie machten dem nach Petrograd herbeigerufenen Großfürsten Michail den Vorschlag, die Diktatur zu übernehmen, den Ministerrat zur Demission zu »zwingen« und vom Zaren über die direkte Leitung die »huldvolle« Ernennung eines verantwortlichen Ministeriums zu fordern. In den Stunden, wo die ersten Garderegimenter sich erhoben, machten die Führer der liberalen Bourgeoisie den letzten Versuch, mit Hilfe einer dynastischen Diktatur den Aufstand zu unterdrücken und gleichzeitig auf Kosten der Revolution eine Verständigung mit der Monarchie zu treffen. Die »Unentschlossenheit des Großfürsten«, beklagt sich Rodsjanko, »trug dazu bei, dass der günstige Moment verpasst wurde«.

Wie leicht die radikale Intelligenz an das, was sie ersehnte, geglaubt hat, bezeugt der parteilose Sozialist Suchanow, der zu jener Zeit im Taurischen Palais eine gewisse politische Rolle zu spielen begann. »Man teilte mir die hervorragendste politische Neuigkeit der Morgenstunden dieses unvergesslichen Tages mit«, erzählt er in seinen umfangreichen Erinnerungen, »das Dekret über die Dumaauflösung sei veröffentlicht, und die Duma habe es mit der Weigerung auseinanderzugehen beantwortet und ein Provisorisches Komitee gewählt.« Das schreibt ein Mann, der das Taurische Palais fast nicht verlassen hat und dort die bekannten Deputierten bei den Knöpfen festhielt. Gleich Rodsjanko erklärt Miljukow in seiner »Geschichte der Revolution« kategorisch: »Es wurde dort nach einer Reihe heißer Reden beschlossen, nicht aus Petrograd abzureisen, keinesfalls aber ist der Beschluss gefasst worden, die Reichs-Duma als Institution dürfe nicht auseinandergehen, wie die entstandene Legende lautet.« »Nicht auseinanderzugehen« hätte bedeutet, irgendeine wenn auch verspätete Initiative zu ergreifen. »Nicht abzureisen« bedeutete, die Hände in Unschuld zu waschen und abzuwarten, welche Richtung die Ereignisse nehmen würden. Für die Vertrauensseligkeit Suchanows gibt es allerdings mildernde Umstände. Das Gerücht, die Duma habe den revolutionären Beschluss gefasst, sich dem Zarenukas zu widersetzen, wurde in aller Hast von den Dumajournalisten durch ihr Informationsbulletin verbreitet, der damals infolge des Streiks einzigen Publikation. Da der Aufstand im Laufe des Tages gesiegt hatte, beeilten sich die Deputierten keinesfalls, den Irrtum richtig zu stellen, sondern unterstützten die Illusionen ihrer linken Freunde: An die Feststellung der Wahrheit gingen sie erst in der Emigration. Eine scheinbar nebensächliche, doch äußerst bedeutsame Episode. Die revolutionäre Rolle der Duma am Tage des 27. Februar war eine vollkommene Mythe, geboren aus der politischen Leichtgläubigkeit der radikalen Intellektuellen, die die Revolution erfreut und erschreckt hatte und die den Glauben an die Fähigkeit der Massen, die Sache zu Ende zu führen, nicht besaßen und bestrebt waren, so schnell wie möglich bei der Großbourgeoisie Anschluss zu finden.

In den Memoiren der Deputierten, die der Dumamehrheit angehörten, ist glücklicherweise ein Bericht darüber erhalten geblieben, wie die Duma der Revolution begegnete. Nach der Erzählung des Fürsten Mansyrew, eines rechten Kadetten, befanden sich unter den Deputierten, die sich am 27. in großer Zahl versammelt hatten, weder Mitglieder des Präsidiums noch Parteiführer noch Häupter des progressiven Blocks: Diese wussten bereits von der Dumaauflösung und vom Aufstande und zogen es vor, so lange wie möglich den Kopf nicht herauszustecken; außerdem führten sie anscheinend gerade in diesen Stunden Verhandlungen mit dem Großfürsten Michail über die Diktatur. »In der Duma herrschte allgemeine Verwirrung und Kopflosigkeit«, sagt Mansyrew. »Selbst die erregten Debatten verstummten, stattdessen vernahm man nur Seufzer und kurze Repliken, wie etwa: ›Weit ist’s gekommen‹, oder aber offene Angsteingeständnisse um die eigene Person.« So berichtet ein gemäßigter Deputierter, der lauter als alle anderen geseufzt hat. Schon gegen die zweite Stunde, als die Führer gezwungen waren, in der Duma zu erscheinen, brachte der Sekretär des Präsidiums die frohe, aber unbegründete Botschaft: »Die Unruhen werden bald unterdrückt sein, es sind Maßnahmen getroffen.« Es ist möglich, dass mit den Maßnahmen die Unterhandlungen über die Diktatur gemeint waren. Doch die Duma ist bedrückt und wartet auf das erlösende Wort des Führers des progressiven Blocks. »Wir können im Augenblick schon allein deshalb keine Entschließungen treffen«, erklärte Miljukow, »weil uns das Ausmaß der Unruhen ebenso wenig bekannt ist wie die Tatsache, auf wessen Seite die Mehrheit der Petrograder Truppen, der Arbeiter und der öffentlichen Organisationen steht. Man muss genaue Auskünfte über all dies einziehen und erst dann die Lage besprechen, jetzt ist es verfrüht.« Um 2 Uhr mittags des 27. Februar ist es dem Liberalismus noch immer »verfrüht«! »Auskunft einziehen« bedeutete, sich die Hände waschen und den Ausgang des Kampfes abwarten. Aber Miljukow hatte seine Rede noch nicht beendet, die er übrigens begonnen hatte, um mit nichts zu enden, als Kerenski in höchster Erregung in den Saal hereinstürzte: Gewaltige Volks- und Soldatenmengen ziehen zum Taurischen Palais, verkündete er, sie wollen die Duma auffordern, die Macht zu übernehmen! ... Der radikale Deputierte weiß genau, was die gewaltigen Volksmassen fordern. In Wirklichkeit ist er es selbst, Kerenski, der zum ersten Mal verlangt, dass die Duma, die im Stillen noch immer auf eine Unterdrückung des Aufstandes hofft, die Macht übernehme. Die Mitteilung Kerenskis ruft »allgemeines Erstaunen und ratlose Blicke« hervor. Aber noch ist er nicht fertig, als ihn ein in hellem Schrecken hereinstürmender Dumadiener unterbricht: Die vordersten Reihen der Soldaten ständen vor dem Palais, die Wache an der Einfahrt habe ihnen den Zutritt verweigert, der Chef der Wache sei schwer verwundet. Eine Minute nachher ergibt sich, die Soldaten sind bereits im Palais. Später wird man in Reden und Artikeln erzählen, die Soldaten seien gekommen, die Duma zu begrüßen und ihr den Eid abzulegen. Im Augenblick aber ist alles in tödlicher Panik. Das Wasser steht an der Kehle. Die Führer tuscheln. Man muss Zeit gewinnen. In aller Eile stellt Rodsjanko den ihm eingeflüsterten Antrag, ein Provisorisches Komitee zu wählen. Zustimmende Rufe. Aber alle möchten sich schnellstens aus dem Staube machen, ihr Sinn steht nicht nach Wahlen. Der nicht minder als die anderen erschrockene Vorsitzende schlägt vor, den Ältestenrat mit der Bildung des Komitees zu beauftragen. Wiederum zustimmende Rufe einiger noch im Saale Verbliebener: Die Mehrzahl ist bereits verschwunden. Das war die erste Reaktion der vom Zaren aufgelösten Duma auf den Sieg des Aufstandes.

Inzwischen schuf die Revolution im selben Gebäude, aber in seinem weniger prunkvollen Teil, ein anderes Organ. Die revolutionären Führer brauchten es nicht zu erfinden. Die Erfahrung der Sowjets von 1905 hatte sich für immer ins Bewusstsein der Arbeiter eingeprägt. Bei jedem Aufstieg der Bewegung, sogar im Kriege, lebte fast automatisch die Idee der Sowjets auf. Und obwohl das Verständnis für die Rolle der Sowjets bei Bolschewiki und Menschewiki verschieden tief war – die Sozialrevolutionäre entbehrten überhaupt beständiger Einstellungen –, war es, als ob die Form der Organisation selbst außerhalb jeder Diskussion stünde. Die aus dem Gefängnis befreiten Menschewiki, Mitglieder des Kriegsindustrie-Komitees, trafen sich im Taurischen Palais mit Führern der Gewerkschaften und der Kooperativen des gleichen rechten Flügels, wie auch mit den menschewistischen Dumadeputierten Tschcheïdse und Skobeljew, und bildeten an Ort und Stelle ein provisorisches Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten, das im Laufe des Tages hauptsächlich durch gewesene Revolutionäre ergänzt wurde, die zwar die Verbindung mit den Massen verloren, aber doch einen »Namen« behalten hatten. Das Exekutivkomitee, das auch Bolschewiki in seinen Bestand einbezog, rief die Arbeiter auf, unverzüglich Deputierte zu wählen. Die erste Sitzung war für den Abend im Taurischen Palais anberaumt. Sie fand tatsächlich um 9 Uhr abends statt; sie sanktionierte die Zusammensetzung des Exekutivkomitees und ergänzte dieses durch offizielle Vertreter aller sozialistischen Parteien. Doch nicht hierin lag die Bedeutung der ersten Versammlung der Vertreter des siegreichen Proletariats der Residenz. In der Sitzung traten Delegierte der aufständischen Regimenter mit Begrüßungsworten auf. Unter ihnen waren auch die grauen Soldaten, denen die Revolution gleichsam Kontusionen beigebracht hatte und die noch kaum die Zunge bewegen konnten. Gerade sie aber fanden Worte, die kein Tribun zu finden vermocht hätte. Das war eine der pathetischsten Szenen der Revolution, die nun ihre Kraft zu fühlen begann, die Unzählbarkeit der erwachten Massen, die Grandiosität der Aufgaben, den Stolz auf die eigenen Erfolge, den jubelnden Herzensschauer vor dem morgigen Tag, der noch herrlicher werden müsse als der heutige. Die Revolution entbehrt noch ihres Rituals, die Straße liegt noch im Rauch, die Massen wissen die neuen Lieder noch nicht, die Sitzung verläuft in Unordnung, uferlos wie ein Fluss bei Hochwasser, der Sowjet verschluckt sich am eigenen Enthusiasmus. Die Revolution ist bereits mächtig, aber noch von kindlicher Naivität.

In dieser ersten Sitzung wird beschlossen, die Garnison und die Arbeiter zu einem gemeinsamen Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten zu vereinigen. Wer schlug diesen Beschluss zuerst vor? Er wird von verschiedenen, oder richtiger gesagt, von allen Seiten gekommen sein, als Widerhall jener Verbrüderung zwischen Arbeitern und Soldaten, die an diesem Tage das Schicksal der Revolution entschieden hat. Dabei muss jedoch vermerkt werden, dass, nach den Worten Schljapnikows, die Sozialpatrioten anfänglich gegen das Hineinziehen der Armee in die Politik protestiert hatten. Vom Moment seiner Entstehung an beginnt der Sowjet in Gestalt des Exekutivkomitees als Regierungsmacht zu handeln. Er wählt eine provisorische Ernährungskommission und überträgt ihr die Sorge um die Aufständischen und um die Garnison überhaupt. Er stellt an seine Seite einen provisorischen revolutionären Stab – alles heißt in diesen Tagen provisorisch –, von dem wir bereits gesprochen haben. Um die Finanzmittel der Verfügung der Beamten der alten Regierung zu entziehen, beschließt der Sowjet, Reichsbank, Reichsschatzamt, Münze und Ausgabestelle für Staatspapiere sofort durch revolutionäre Wachen zu besetzen. Die Aufgaben und die Funktionen des Sowjets wachsen unter dem Druck der Massen ununterbrochen. Die Revolution bekommt ihr unbestreitbares Zentrum. Die Arbeiter, Soldaten und bald auch die Bauern werden sich von nun an nur noch an den Sowjet wenden – er wird in ihren Augen der Mittelpunkt aller Hoffnungen und aller Behörden, die Verkörperung der Revolution selbst sein. Doch auch Vertreter der besitzenden Klasse werden, wenn auch zähneknirschend, beim Sowjet Schutz, Weisungen und Entscheidung bei Konflikten suchen. Jedoch schon in den ersten Stunden des Sieges, als die neue Revolutionsgewalt sich mit märchenhafter Schnelligkeit und unüberwindlicher Kraft herausbildete, blickten jene Sozialisten, die an die Spitze des Sowjets gelangt waren, besorgt um sich, auf der Suche nach dem echten »Herrn«. Sie betrachteten es als selbstverständlich, dass die Macht an die Bourgeoisie übergehen müsse. Hier beginnt die Verknüpfung des wichtigsten politischen Knotens des neuen Regimes: Einer der Fäden führt in das Zimmer des Exekutivkomitees der Arbeiter und Soldaten, der andere in den Raum, wo das Zentrum der bürgerlichen Parteien sitzt.

Um drei Uhr nachmittags, als der Sieg in der Hauptstadt schon völlig feststand, wählte der Ältestenrat aus den Parteien des progressiven Blocks unter Hinzuziehung von Tschcheïdse und Kerenski das »Provisorische Komitee der Dumamitglieder«. Tschcheïdse lehnte ab, Kerenski wand sich hin und her. Der Name des Komitees wies vorsorglich darauf hin, dass es sich nicht um ein offizielles Organ der Reichsduma handle, sondern um ein privates Organ zur Beratung der Dumamitglieder. Die Führer des progressiven Blocks hatten nur eine Frage zu Ende gedacht: wie sich vor Verantwortung schützen, ohne sich die Hände zu binden. Die Aufgabe des Komitees war mit sorgfältiger Zweideutigkeit formuliert worden: »Herstellung der Ordnung, und Verkehr mit Ämtern und Personen.« Kein Wort davon, welche Ordnung die Herren herzustellen und mit welchen Ämtern sie zu verkehren gedachten. Sie streckten den Arm noch nicht offen nach dem Fell des Bären aus: wie, wenn er noch nicht ganz tot, sondern nur schwer verwundet ist? Erst um elf Uhr abends des 27. Februar, erst als – nach dem Eingeständnis Miljukows – »der ganze Umfang der revolutionären Bewegung sichtbar wurde, entschloss sich das Provisorische Komitee, einen weiteren Schritt zu tun und die Macht, die den Händen der Regierung entfallen war, in seine Hände zu nehmen«. Unmerklich verwandelte sich das neue Organ aus einem Komitee der Dumamitglieder in ein Komitee der Duma: Zur Sicherung der staatsrechtlichen Nachfolge gibt es kein besseres Mittel als die Fälschung. Aber Miljukow verschweigt die Hauptsache: Die Führer des im Laufe des Tages gebildeten Exekutivkomitees hatten bereits Zeit gefunden, sich zum Provisorischen Komitee zu begeben und dieses dringendst zu ersuchen, die Macht zu übernehmen. Dieser freundschaftliche Stoß hatte seine Wirkung. Nachträglich legte Miljukow den Entschluss des Dumakomitees dahin aus, dass die Regierung sich angeblich anschickte, zuverlässige Truppen gegen die Aufständischen zu entsenden, »und es drohte in den Straßen der Residenz zu wahren Schlachten zu kommen«. In Wirklichkeit verfügte die Regierung schon über keinerlei Truppen mehr, der Umsturz war bereits vollzogen. Rodsjanko schrieb später: »Die Duma wäre«, hätte sie die Übernahme der Macht abgelehnt, »in ihrer Gesamtheit von den meuternden Truppen verhaftet und niedergemacht worden und die Herrschaft sogleich an die Bolschewiki übergegangen.« Das ist natürlich eine sinnlose Übertreibung, ganz im Geiste des achtbaren Kammerherrn; jedoch spiegelt sie unverfälscht die Stimmung der Duma wider, die die Einhändigung der Macht als einen Akt politischer Vergewaltigung empfand.

Bei dieser Stimmung fiel ein Beschluss nicht leicht. Besonders heftig schwankte Rodsjanko, immer die andern aushorchend: »Was wird es sein – Aufruhr oder kein Aufruhr?« Der monarchistische Deputierte Schulgin antwortete ihm, nach seiner eigenen Wiedergabe: »Es ist keinerlei Aufruhr. Nehmen Sie als getreuer Untertan ruhig an ... wenn die Minister davongelaufen sind, muss sie doch jemand ersetzen ... Es sind zwei Auswege möglich: Alles wird sich zum Guten wenden, der Kaiser wird eine neue Regierung ernennen und wir ihm die Macht zurückgeben. Wird sich’s aber nicht zum Guten wenden, dann werden, wenn wir sie nicht nehmen, andere die Macht ergreifen, jene, die bereits irgendwelche Schufte in den Fabriken gewählt haben ...« Man braucht an den Pöbeleien des reaktionären Gentleman gegen die Arbeiter keinen Anstoß zu nehmen: Die Revolution hat diesen Herren fest auf den Fuß getreten. Die Moral ist klar: Siegt die Monarchie, – werden wir zu ihr stehen, siegt die Revolution, – wollen wir uns bemühen, sie zu bestehlen.

Die Beratung währte lange. Die demokratischen Führer warteten erregt auf den Beschluss. Endlich trat Miljukow aus dem Zimmer Rodsjankos heraus. Er hatte ein feierliches Aussehen. An die Sowjetdelegation herantretend, verkündete er: »Der Entschluss ist gefasst, wir übernehmen die Macht« ... »Ich fragte nicht, wer ist das – wir«, schreibt begeistert Suchanow, »ich fragte nichts mehr. Doch fühlte ich sozusagen mit meinem ganzen Wesen die neue Lage. Ich fühlte, wie das Schiff der Revolution, durch die Willkür der Naturgewalten in dieser Stunde von den Böen hin und her geworfen, seine Segel hochrichtete und Widerstandsfähigkeit und Gesetzmäßigkeit inmitten des furchtbaren Sturmes und Schwankens wiedergewann.« Welch geschraubte Form für das prosaische Bekenntnis sklavischer Abhängigkeit der kleinbürgerlichen Demokratie vom kapitalistischen Liberalismus! Und welch mörderisches Verkennen der politischen Perspektive: Die Übergabe der Macht an die Liberalen wird dem Staatsschiff nicht nur keine Widerstandsfähigkeit verleihen, sondern, im Gegenteil, sie wird von Stund an die Quelle der Herrschaftslosigkeit der Revolution, des größten Chaos, der Erbitterung der Massen, des Zusammenbruchs der Front und späterhin der äußersten Erbitterung des Bürgerkrieges.

Blickt man zurück auf vergangene Jahrhunderte, erscheint einem die Tatsache der Machtübernahme durch die Bourgeoisie hinlänglich gesetzmäßig: In allen früheren Revolutionen kämpften auf den Barrikaden Arbeiter, Handwerksgehilfen, zum Teil auch Studenten, Soldaten gingen zu ihnen über, die Macht aber nahm dann die solide Bourgeoisie an sich, die, unter Wahrung aller Vorsicht, den Barrikadenkampf von den Fenstern aus verfolgt hatte. Die Februarrevolution von 1917 jedoch unterscheidet sich von allen früheren Revolutionen durch einen unvergleichlich höheren sozialen Charakter und hohes politisches Niveau der revolutionären Klasse, durch das feindselige Misstrauen der Aufständischen gegen die liberale Bourgeoisie, demzufolge im Augenblick des Sieges ein neues revolutionäres Machtorgan erstand: der Sowjet, der sich auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützte. Unter diesen Umständen verlangt der Übergang der Macht in die Hände der politisch isolierten und unbewaffneten Bourgeoisie eine Erklärung.

Vor allem muss man das Kräfteverhältnis näher besehen, das sich als Ergebnis des Umsturzes herausgebildet hatte. Vielleicht war die Sowjetdemokratie kraft der objektiven Umstände gezwungen, zugunsten der Großbourgeoisie auf die Macht zu verzichten? Die Bourgeoisie selbst war nicht dieser Ansicht. Wir wissen bereits, dass sie von der Revolution nicht nur die Macht nicht erwartet hatte, sondern im Gegenteil in ihr eine tödliche Gefahr für die eigene soziale Lage voraussah. »Die gemäßigteren Parteien haben die Revolution nicht nur nicht gewollt«, schrieb Rodsjanko, »sie haben sich vor ihr einfach gefürchtet. Insbesondere war die Partei der Volksfreiheit (›Kadetten‹), die auf dem linken Flügel der gemäßigten Gruppen stand und die meisten Berührungspunkte mit den revolutionären Parteien des Landes hatte, durch die heranrückende Katastrophe mehr als alle anderen beunruhigt.« Die Erfahrung von 1905 sagte den Liberalen eindringlich genug, dass der Sieg der Arbeiter und Bauern sich für die Bourgeoisie nicht weniger gefahrvoll gestalten kann als für die Monarchie. Man sollte meinen, der Gang des Februaraufstandes hätte diese Voraussicht nur bekräftigen können. So ungeformt in vieler Hinsicht die politischen Ideen der revolutionären Massen in jenen Tagen auch sein mochten, so war doch die Trennungslinie zwischen den Werktätigen und der Bourgeoisie unversöhnlich gezogen.

Der den liberalen Kreisen nahestehende Privatdozent Stankewitsch, kein Feind, sondern ein Freund des progressiven Blocks, charakterisiert in folgenden Zügen die Stimmung der liberalen Kreise am zweiten Tage nach dem Umsturz, den zu verhindern sie nicht vermocht hatten: »Offiziell feierte und rühmte man die Revolution, schrie den Freiheitskämpfern ›Hurra‹ zu, schmückte sich mit roten Bändern und marschierte unter roten Fahnen ... Aber im Innern, in Gesprächen untereinander, war man entsetzt, erschüttert, fühlte man sich gekettet an ein feindliches Element, das irgendeinen unbekannten Weg ging. Unvergesslich bleibt die Figur Rodsjankos, dieses massigen und vornehmen Herrn, als er unter Wahrung seiner erhabenen Würde, aber mit dem erstarrten Ausdruck tiefen Leidens und der Verzweiflung auf dem blassen Gesicht, in den Korridoren des Taurischen Palais durch die Haufen ausgelassener Soldaten schritt. Offiziell hieß es: ›Die Soldaten sind gekommen, die Duma in ihrem Kampfe gegen die Regierung zu unterstützen‹, faktisch aber war die Duma seit dem ersten Tage erledigt. Der gleiche Ausdruck war auf den Gesichtern aller Mitglieder des Provisorischen Dumakomitees und jener Kreise, die sie umgaben. Man sagt, Vertreter des progressiven Blocks hätten zu Hause vor ohnmächtiger Verzweiflung hysterisch geweint.« Dieses lebendige Zeugnis ist wertvoller als alle soziologischen Untersuchungen über das Kräfteverhältnis. Nach seinem eigenen Bericht erschauerte Rodsjanko vor ohnmächtiger Empörung beim Anblick dessen, als irgendwelche Soldaten, »unbekannt auf wessen Befehl«, Verhaftungen von Würdenträgern des alten Regimes vornahmen und diese in die Duma brachten. Der Kammerherr geriet in die Rolle eines Gefängnischefs in Bezug auf Menschen, mit denen er zwar gewisse Meinungsverschiedenheiten hatte, die aber für ihn immerhin Menschen seines Kreises blieben. Der ob dieser »Willkür« niedergeschmetterte Rodsjanko lud den verhafteten Schtscheglowitow in sein Arbeitszimmer ein, doch die Soldaten weigerten sich entschieden, den ihnen verhassten Würdenträger auszuliefern. »Als ich meine Autorität durchzusetzen versuchte«, erzählt Rodsjanko, »bildeten die Soldaten einen Kreis um ihren Gefangenen und zeigten mit herausfordernden frechen Mienen auf ihre Gewehre; dann wurde Schtscheglowitow ohne weiteres irgendwohin abgeführt.« Kann man krasser die Worte Stankewitschs bestätigen, wonach die Regimenter, die angeblich zur Unterstützung der Duma gekommen waren, diese in Wirklichkeit erledigten?

Dass die Macht von der ersten Stunde an bei dem Sowjet war, darüber konnten die Dumamitglieder weniger als sonst jemand im Zweifel sein. Der Oktobristen-Deputierte Schidlowski, einer der Führer des progressiven Blocks, schreibt in seinen Erinnerungen: »Vom Sowjet wurden alle Post- und Telegrafenämter besetzt, das Radio, alle Petrograder Bahnhöfe, alle Druckereien, so dass man ohne seine Erlaubnis weder ein Telegramm abschicken, noch aus Petrograd verreisen, noch einen Aufruf drucken konnte.« Diese unzweideutige Charakteristik des Kräfteverhältnisses muss man nur in einer Hinsicht klären: Die »Eroberung« der Post- und Telegrafenämter, der Eisenbahnen, Druckereien und so weiter durch den Sowjet bedeutet nur, dass die Arbeiter und Angestellten dieser Betriebe sich keinem, außer dem Sowjet, unterwerfen wollten. Die Klage Schidlowskis wird, wie es besser nicht möglich ist, durch eine Episode illustriert, die sich in der Hitze der Verhandlungen über die Regierung zwischen den Führern des Sowjets und der Duma abspielte. Die gemeinsame Sitzung wurde durch die dringende Mitteilung unterbrochen, Rodsjanko werde aus Pskow, wo sich nach seinen Irrfahrten auf den Eisenbahnstrecken der Zar nun befand, an die direkte Telefonleitung berufen. Der allmächtige Dumavorsitzende erklärte, er wolle nicht allein zum Telegrafenamt fahren. »Die Herren Arbeiter- und Soldatendeputierten mögen mir einen Schutz mitgeben oder mit mir fahren, sonst wird man mich dort im Telegrafenamt verhaften.« – »Nun ja! Ihr habt die Macht und die Gewalt«, fuhr er aufgeregt fort, »ihr könnt mich natürlich verhaften lassen ... Vielleicht werdet ihr uns alle verhaften, wir wissen es nicht!« ... Dies geschah am 1. März, kaum 48 Stunden nachdem das Provisorische Komitee, an dessen Spitze Rodsjanko stand, die Macht »übernommen« hatte.

Wie aber kamen unter diesen Umständen die Liberalen dennoch zur Regierung? Wer – und was – hatte sie ermächtigt, eine Regierung zu bilden als Resultat jener Revolution, die sie gefürchtet, der sie entgegengewirkt und die sie zu unterdrücken gesucht hatten, die von den ihnen feindlichen Massen vollzogen worden war, und zwar mit solcher Entschiedenheit und Kühnheit, dass der Sowjet der Arbeiter und Soldaten, der aus dem Aufstand hervorging, als natürlicher und unbestrittener Herr der Lage erschien?

Hören wir jetzt die andere Seite an, jene, die die Macht abgegeben hat. »Das Volk neigte keinesfalls zur Duma«, schreibt Suchanow über die Februartage, »es interessierte sich nicht für sie und dachte nicht daran, sie – politisch oder technisch – zum Zentrum der Bewegung zu machen.« Dieses Geständnis ist umso beachtenswerter, als sein Autor in den nächsten Stunden alle seine Kräfte darauf verwenden wird, dem Komitee der Reichsduma die Macht auszuliefern. »Miljukow begriff vortrefflich«, sagt ferner Suchanow über die Verhandlungen vom 1. März, »dass es vollständig in der Macht des Exekutivkomitees stand, der Regierung der Großbourgeoisie die Gewalt zu übertragen oder sie ihr nicht zu übertragen«. Kann man sich kategorischer ausdrücken? Kann eine politische Situation klarer gekennzeichnet sein? Und trotzdem erklärt Suchanow in völligem Widerspruch zur Situation und zu sich selbst: »Eine Macht, die den Zarismus ablöst, kann nur eine bürgerliche Macht sein ... Auf diese Lösung muss der Kurs gehalten werden. Andernfalls wird der Umsturz misslingen und die Revolution zugrunde gehen.« Die Revolution wird zugrunde gehen – ohne Rodsjanko!

Das Problem des lebendigen Verhältnisses der sozialen Kräfte wird hier durch ein vorgefasstes Schema und eine ausgeklügelte Terminologie ersetzt: Das eben ist der Kern des intellektuellen Doktrinarismus. Und wir werden später sehen, dass dieser Doktrinarismus keinesfalls platonischer Art war: Er erfüllte eine vollkommen reale politische Funktion, wenn auch mit verbundenen Augen.

Wir haben nicht zufällig Suchanow zitiert. In dieser ersten Periode war der Inspirator des Exekutivkomitees nicht dessen Vorsitzender, Tschcheïdse, ein ehrlicher und beschränkter Provinziale, sondern eben Suchanow, einer, der, allgemein gesprochen, für die revolutionäre Führung am wenigsten geeignet war. Halb-Narodnik, Halb-Marxist, eher gewissenhafter Beobachter als Politiker, mehr Journalist als Revolutionär, mehr Räsoneur als Journalist, war er nur fähig, sich so lange an eine revolutionäre Konzeption zu halten, bis es hieß, sie in die Tat umzusetzen. Passiver Internationalist während des Krieges, entschied er am ersten Tage der Revolution, man müsse so schnell wie möglich die Macht und den Krieg der Bourgeoisie zuschieben. Theoretisch, das heißt mindestens seinem Bedürfnis, wenn nicht der Befähigung nach, eine Sache mit der anderen zu verbinden, stand er über den damaligen Mitgliedern des Exekutivkomitees. Doch seine Hauptkraft bestand in der Fähigkeit, die organischen Züge dieser bunten und trotzdem einheitlichen Sippe in die Sprache des Doktrinarismus zu übersetzen: Unglaube an die eigenen Kräfte, Angst vor der Masse und hochmütig-ehrfurchtsvolles Verhältnis zur Bourgeoisie. Lenin nannte Suchanow einen der besten Vertreter des Kleinbürgertums. Das ist aber auch das Schmeichelhafteste, was man über ihn sagen kann.

Man darf nun nicht vergessen, dass es dabei vor allem um das Kleinbürgertum eines neuen kapitalistischen Typus geht: um die Handels-, Industrie- und Bankangestellten, um die Beamten des Kapitals einerseits und um die Arbeiterbürokratie andererseits, das heißt um jenen neuen Mittelstand, in dessen Namen der nicht unbekannte deutsche Sozialdemokrat Eduard Bernstein Ende des vorigen Jahrhunderts eine Revision der revolutionären Konzeption von Marx unternahm. Um die Frage zu beantworten, wie die Arbeiter- und Bauernrevolution die Macht an die Bourgeoisie abgetreten hat, muss man in die politische Kette ein Zwischenglied einführen: die kleinbürgerlichen Demokraten und Sozialisten vom Typus Suchanow, die Journalisten und Politiker des neuen Mittelstandes, die die Massen lehrten, dass die Bourgeoisie der Feind sei, sich aber selbst am meisten davor fürchteten, die Massen vom Kommando dieses Feindes zu lösen. Der Widerspruch zwischen dem Charakter der Revolution und dem Charakter der aus ihr entstandenen Regierung ist mit dem widerspruchsvollen Charakter der neuen kleinbürgerlichen Schicht zu erklären, die zwischen den revolutionären Massen und der kapitalistischen Bourgeoisie stand. Im Verlauf der weiteren Ereignisse der Revolution wird sich uns die politische Rolle der kleinbürgerlichen Demokratie des neuen Typus ganz erschließen. Vorläufig begnügen wir uns mit wenigen Worten.

Am Aufstand beteiligt sich unmittelbar die Minderheit der revolutionären Klasse, wobei die Kraft dieser Minderheit darin besteht, dass die Mehrheit sie unterstützt, mindestens mit ihr sympathisiert. Aus der aktiven und kampfbereiten Minderheit treten unter dem feindlichen Feuer unvermeidlich die revolutionärsten und aufopferungsfähigsten Elemente hervor. Es ist natürlich, dass in den Februarkämpfen die bolschewistischen Arbeiter an erster Stelle standen. Die Lage verändert sich aber mit dem Siege, und zwar in dem Augenblick, wo seine politische Festigung beginnt. Zu den Wahlen für die Organe und Institutionen der siegreichen Revolution werden aufgerufen und strömen herbei unermesslich breitere Massen als jene, die mit der Waffe in der Hand gekämpft hatten. Das bezieht sich nicht nur auf allgemein demokratische Institutionen, wie Stadtduma und Semstwo, oder später die Konstituierende Versammlung, sondern auch auf Klassenorgane, wie die Sowjets der Arbeiterdeputierten. Die überwältigende Mehrzahl der Arbeiter, Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Parteilose, unterstützte die Bolschewiki im Augenblick des unmittelbaren Zusammenpralls mit dem Zarismus. Jedoch begriff nur eine kleine Minderheit der Arbeiter, worin sich die Bolschewiki von den anderen sozialistischen Parteien unterschieden. Gleichzeitig aber zogen alle Arbeiter eine scharfe Trennungslinie zwischen sich und der Bourgeoisie. Das entschied die politische Situation nach dem Siege. Die Arbeiter wählten Sozialisten, das heißt solche, die nicht nur gegen die Monarchie, sondern auch gegen die Bourgeoisie waren. Sie machten dabei fast keinen Unterschied zwischen den drei sozialistischen Parteien. Da aber die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre über unvergleichlich größere Intellektuellen-Kader verfügten, die ihnen von allen Seiten zuströmten und eine riesige Reserve von Agitatoren stellten, ergaben die Wahlen, sogar in Fabriken und Betrieben, ein großes Übergewicht der Menschewiki und Sozialrevolutionäre.

In gleicher Richtung, nur mit noch unermesslich größerer Kraft, ging der Druck der erwachten Armee. Am fünften Tage des Aufstands schloss die Petrograder Garnison sich den Arbeitern an. Nach dem Siege sollte sie berufen sein, die Sowjets zu wählen. Vertrauensvoll gaben die Soldaten ihre Stimmen jenen, die für die Revolution und gegen die monarchistischen Offiziere waren und dies laut auszusprechen vermochten: Das waren Einjährig-Freiwillige, Schreiber, Feldscher, junge Kriegsoffiziere aus Intellektuellenkreisen, kleine Militärbeamte, das heißt die untere Schicht des gleichen »neuen Mittelstandes«. Seit dem März waren sie fast sämtlich in die Partei der Sozialrevolutionäre eingetreten, die durch ihre geistige Formlosigkeit der zwischenstuflichen sozialen Lage dieser Elemente und ihrer politischen Beschränktheit am besten entsprach. Die Vertretung der Garnison war folglich unvergleichlich gemäßigter und bürgerlicher als die Soldatenmasse selbst. Die aber erkannte diesen Unterschied nicht; er musste sich erst aus der Erfahrung der nächsten Monate ergeben. Die Arbeiter wiederum wollten sich den Soldaten so eng wie möglich anschließen, um das blutig erkaufte Bündnis zu festigen und die Revolution sicherer zu bewaffnen. Da nun im Namen der Armee vorwiegend neugebackene Sozialrevolutionäre sprachen, musste das die Autorität dieser Partei und die ihrer Verbündeten, der Menschewiki, in den Augen der Arbeiter steigern. So entstand in den Sowjets die Vorherrschaft dieser zwei versöhnlerischen Parteien. Es genügt, darauf zu verweisen, dass in der ersten Zeit sogar im Sowjet des Wyborger Bezirks die führende Rolle menschewistischen Arbeitern gehörte. Der Bolschewismus brodelte in jener Periode erst tief im Schoße der Revolution. Die offiziellen Bolschewiki aber bildeten damals sogar im Petrograder Sowjet eine verschwindende Minderheit, die sich außerdem über ihre Aufgaben nicht sehr im Klaren war.

So entstand das Paradoxon der Februarrevolution: die Macht in Händen demokratischer Sozialisten. Sie hatten sie keinesfalls zufällig, durch einen blanquistischen Anschlag erobert; nein, sie war ihnen von den siegreichen Volksmassen öffentlich übertragen worden. Diese Massen verweigern der Bourgeoisie nicht nur Vertrauen und Unterstützung, sondern unterscheiden sie auch nicht von Adel und Bürokratie. Ihre Waffen stellen sie ausschließlich den Sowjets zur Verfügung. Indessen bildet die einzige Sorge der so leicht an die Spitze der Sowjets gelangten Sozialisten die Frage: Wird die politisch isolierte, den Massen verhasste, der Revolution durch und durch feindliche Bourgeoisie bereit sein, aus unseren Händen die Macht zu übernehmen? Ihre Zustimmung muss um jeden Preis gewonnen werden; da aber die Bourgeoisie offensichtlich nicht auf ihr bürgerliches Programm verzichten kann, so müssen wir »Sozialisten« auf unser Programm verzichten und über Monarchie, Krieg, Land und Boden schweigen – damit die Bourgeoisie nur ja das Geschenk der Macht annimmt. Während die »Sozialisten« diese Operation vornehmen, fahren sie, wie zum Hohn über sich selbst, fort, die Bourgeoisie nicht anders denn als Klassenfeind zu bezeichnen. In den Ritualformen des Gottesdienstes wird auf diese Weise ein Akt herausfordernder Gotteslästerung begangen. Der bis ans Ende geführte Klassenkampf ist ein Kampf um die Staatsmacht. Die wesentliche Eigenschaft einer Revolution besteht darin, den Klassenkampf bis zu Ende zu führen. Die Revolution ist eben der unmittelbare Kampf um die Macht. Unsere »Sozialisten« aber sind nicht darum besorgt, die Macht dem sogenannten Klassenfeind zu entreißen, der sie nicht besitzt und sie aus eigener Kraft nicht erobern kann, – sondern darum, ihm die Macht um jeden Preis auszuhändigen. Ist das etwa kein Paradoxon? Es erschien umso verblüffender, als die Erfahrung der deutschen Revolution von 1918 damals noch nicht existierte und die Menschheit noch nicht Zeuge der gewaltigen und unvergleichlich erfolgreicheren Operation der gleichen Art gewesen war, die der »neue Mittelstand«, der die deutsche Sozialdemokratie führt, vollbrachte.

Wie erklärten die Versöhnler ihr Verhalten? Das eine Argument war doktrinärer Art: Da die Revolution eine bürgerliche ist, dürfen sich die Sozialisten durch die Machtergreifung nicht kompromittieren – mag die Bourgeoisie für sich selbst einstehen. Das klang sehr unversöhnlich. In Wirklichkeit maskierte das Kleinbürgertum mit seiner angeblichen Unversöhnlichkeit nur seine Kriecherei vor Reichtum, Bildung, Geltung. Das Recht der Großbourgeoisie auf die Macht betrachteten die Kleinbürger als deren Urrecht, unabhängig vom Kräfteverhältnis. Dem lag fast die gleiche instinktive Bewegung zugrunde, die einen kleinen Kaufmann oder einen Lehrer zwingt, auf dem Bahnhof oder im Theater ehrerbietig beiseite zu treten, um ... Rothschild vorzulassen. Die doktrinären Argumente dienten nur zur Kompensation des Bewusstseins eigener Minderwertigkeit. Schon nach zwei Monaten, als es sich herausstellte, dass die Bourgeoisie aus eigener Kraft die ihr abgetretene Macht keinesfalls halten würde, schoben die Versöhnler ihre »sozialistischen« Vorurteile beiseite und traten in ein Koalitionsministerium ein. Nicht, um die Bourgeoisie von dort zu verdrängen, sondern im Gegenteil, um sie zu retten. Und nicht gegen deren Willen, sondern auf deren Antrag, der wie ein Befehl klang: Die Bourgeoisie drohte den Demokraten, im Falle einer Weigerung ihnen die Macht an den Kopf zu werfen.

Das zweite Argument für die Ablehnung der Macht hatte einen praktischeren Anschein, ohne im Wesentlichen viel ernster zu sein. Der uns bereits bekannte Suchanow berief sich in erster Linie auf das »Zerstäubtsein« der russischen Demokratie: »In den Händen der Demokratie befanden sich damals keine einigermaßen festen und einflussreichen Organisationen – weder Partei-, noch Gewerkschafts-, noch Selbstverwaltungsorgane.« Das klingt wie Hohn! Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten erwähnt mit keinem Wort der Sozialist, der im Namen der Sowjets auftrat. Indes entstanden die Sowjets dank der Tradition von 1905 wie aus der Erde gestampft und waren sofort unvergleichlich mächtiger als alle anderen Organisationen, die später versuchten, mit ihnen zu rivalisieren (Munizipalitäten, Kooperative, teils auch Gewerkschaften). Was die Bauernschaft betrifft, eine ihrer Natur nach zersplitterte Klasse, so war sie gerade infolge des Krieges und der Revolution mehr denn je organisiert: Der Krieg versammelte die Bauern in der Armee, und die Revolution verlieh der Armee einen politischen Charakter! Nicht weniger als acht Millionen Bauern waren in Kompanien und Schwadronen vereinigt, die sofort ihre revolutionären Vertretungen geschaffen hatten und durch deren Vermittlung jeden Moment auf einen telefonischen Anruf hin auf die Beine gebracht werden konnten. Ähnelt das einem »Zerstäubtsein«?

Man könnte allerdings einwenden, dass der Demokratie im Augenblick der Entscheidung der Machtfrage die Haltung der Armee an der Front noch unbekannt gewesen sei. Wir wollen nicht die Frage berühren, ob auch der geringste Grund für die Befürchtung (oder Hoffnung) bestand, die durch den Krieg erschöpften Frontsoldaten könnten bereit sein, die imperialistische Bourgeoisie zu unterstützen. Die Tatsache genügt, dass diese Frage in den nächsten zwei, drei Tagen gelöst wurde, also in der Zeit, die die Versöhnler hinter den Kulissen mit der Vorbereitung einer bürgerlichen Regierung verbrachten. »Der Umsturz war am 3. März glücklich vollzogen«, gesteht Suchanow. Trotzdem sich die ganze Armee den Sowjets angeschlossen hatte, stießen ihre Führer die Macht mit aller Kraft von sich: Sie fürchteten diese Macht umso mehr, je vollständiger sie sich in ihren Händen konzentrierte.

Aber weshalb denn? Weshalb fürchteten sich Demokraten, »Sozialisten«, die sich unmittelbar auf Menschenmassen stützten, wie sie keine Demokratie in der Geschichte gekannt hat, und zwar Massen mit bedeutender Erfahrung, diszipliniert und bewaffnet, in Sowjets organisiert, – weshalb fürchtete diese allmächtige, wie es scheinen sollte, unverwüstliche Demokratie, die Macht zu übernehmen? Dieses auf den ersten Blick knifflige Rätsel ist so zu lösen, dass die Demokratie ihrer eigenen Stütze nicht vertraute, sich vor den Massen fürchtete, die Dauerhaftigkeit deren Vertrauens bezweifelte und hauptsächlich Angst vor »Anarchie« hatte, das heißt davor, dass sie nach Übernahme der Macht zugleich mit dieser Macht ein Spielball der sogenannten entfesselten Elemente werden könnte. Mit anderen Worten, die Demokratie fühlte sich im Augenblick des revolutionären Aufstiegs nicht berufen, Führerin des Volkes zu sein, sondern nur linker Flügel der bürgerlichen Ordnung, deren zu den Massen ausgestreckter Fühler. Sozialistisch nannte sie sich und hielt sich sogar dafür, um nicht nur vor den Massen, sondern auch vor sich selbst ihre tatsächliche Rolle zu verschleiern: Ohne diese Selbsttäuschung wäre sie nicht in der Lage gewesen, diese Rolle auszuführen. So löst sich das grundlegende Paradoxon der Februarrevolution.

Am Abend des 1. März kamen die Vertreter des Exekutivkomitees, Tschcheïdse, Steklow, Suchanow und andere, zur Sitzung des Dumakomitees, um die Bedingungen zu besprechen für die Unterstützung der neuen Regierung durch die Sowjets. Das Programm der Demokraten ignorierte die Fragen des Krieges, der Republik, des Land und Bodens, des Achtstundentags völlig und lief nur auf eine einzige Forderung hinaus: den linken Parteien Agitationsfreiheit zu gewähren. Ein Beispiel der Selbstlosigkeit für Völker und Jahrhunderte: Sozialisten, in deren Händen die gesamte Macht war und von denen es abhing, den anderen Agitationsfreiheit zu gewähren oder nicht, traten ihre Macht an die »Klassenfeinde« ab unter der Bedingung, dass diese ihnen Agitationsfreiheit zusicherten. Rodsjanko fürchtete sich, zum Telegrafenamt zu gehen, und sprach zu Tschcheïdse und Suchanow: »Ihr habt die Macht, ihr könnt uns alle verhaften.« Tschcheïdse und Suchanow antworteten ihm: »Nehmt die Macht, aber verhaftet uns nur nicht wegen Propaganda.« Studiert man die Verhandlungen der Versöhnler mit den Liberalen und all die Episoden aus den gegenseitigen Beziehungen des linken und des rechten Flügels des Taurischen Palais in jenen Tagen, so scheint einem, als benutze eine Gruppe Provinzschauspieler auf einer gewaltigen Bühne, auf der ein historisches Volksdrama spielt, ein freies Eckchen und eine kleine Pause, um ein banales Vaudeville mit Verkleidungen zu geben.

Die Führer der Bourgeoisie waren, man muss ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf Derartiges nicht gefasst gewesen. Sie hätten die Revolution wohl weniger gefürchtet, wenn sie mit einer solchen Politik ihrer Führer gerechnet hätten. Sie würden sich allerdings auch in diesem Falle verrechnet haben, doch dann gemeinsam mit jenen. Aus der Befürchtung heraus, die Bourgeoisie könnte auch unter den angebotenen Bedingungen die Macht ablehnen, stellt Suchanow das bedrohliche Ultimatum: »Die entfesselten Elemente können nur wir bändigen, niemand sonst ... Es gibt nur einen Ausweg: unsere Bedingungen annehmen.« Mit anderen Worten: Akzeptiert das Programm, das ja euer Programm ist; wir aber versprechen euch dafür, die Massen, die uns die Macht anvertraut haben, zu bändigen. Arme Bändiger der Naturgewalten!

Miljukow war erstaunt. »Er dachte nicht daran«, schreibt Suchanow, »seine Genugtuung und seine angenehme Überraschung zu verbergen.« Als aber die Sowjetdelegierten, um ihren Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, hinzufügten, ihre Bedingungen seien »endgültig«, wurde Miljukow sentimental und machte ihnen mit dem Satz Mut: »Ja, ich hörte ihnen zu und dachte darüber nach, wie weit unsere Arbeiterbewegung seit dem Jahre 1905 vorwärtsgeschritten ist ...« In diesem Tone eines gutmütigen Krokodils unterhielt sich die hohenzollernsche Diplomatie in Brest-Litowsk mit den Delegierten der Ukrainer Rada, deren staatsmännischer Reife die nötige Anerkennung zollend, bevor sie sie verschluckte. Dass die Bourgeoisie die Sowjetdemokratie nicht verschluckt hat, ist weder Suchanows Verdienst noch Miljukows Schuld.

Die Bourgeoisie erhielt hinter dem Rücken des Volkes die Macht. Sie besaß in den werktätigen Klassen keine Stütze. Doch zusammen mit der Macht bekam sie aus zweiter Hand so etwas wie einen Stützpunkt. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, von der Masse emporgehoben, händigten von sich aus der Bourgeoisie das Vertrauensmandat aus. Betrachtet man diese Operation im Querschnitt der formalen Demokratie, dann entsteht das Bild einer Zweiklassenwahl, bei der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in der technischen Rolle eines Mittelgliedes auftreten, das heißt als Kadettenwähler. Nimmt man die Frage aber politisch, dann muss man sagen, die Versöhnler haben das Vertrauen der Massen getäuscht, indem sie an die Macht jene beriefen, gegen die sie gewählt worden waren. Und endlich vom tieferen sozialen Standpunkt aus betrachtet, stellt sich die Frage so dar: Die kleinbürgerlichen Parteien, die unter den Bedingungen des Alltags außerordentlich anspruchsvoll und selbstzufrieden waren, bekamen, sobald die Revolution sie auf die Gipfel der Macht gehoben hatte, Angst vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit und beeilten sich, den Vertretern des Kapitals das Steuer zu überlassen. In diesem Prostrationsakt offenbarte sich jäh die erschreckende Haltlosigkeit des neuen Mittelstandes und seine beschämende Abhängigkeit von der Großbourgeoisie. Im Bewusstsein oder bloß in der Vorahnung, dass sie die Macht ohnehin nicht lange zu halten imstande sein würden, sondern diese bald an rechts oder links abgeben müssten, beschlossen die Demokraten, es sei schon besser, sie heute den soliden Liberalen, als morgen den extremen Vertretern des Proletariats abzugeben. Auch in dieser Beleuchtung hört die Rolle der Versöhnler, trotz ihrer sozialen Bedingtheit, nicht auf, eine den Massen gegenüber treubrüchige zu sein.

Nachdem sie ihr Vertrauen den Sozialisten geschenkt hatten, sahen sich die Arbeiter und Soldaten, unerwartet für sie selbst, politisch expropriiert. Sie begriffen es nicht, waren beunruhigt, wussten aber nicht gleich einen Ausweg. Von ihren eigenen Beauftragten wurden sie durch Argumente betäubt, auf die sie zwar keine Antwort bereit hatten, die aber all ihren Gefühlen und Absichten widersprachen: Die revolutionären Tendenzen der Massen fielen schon im Augenblick des Februarumsturzes nicht zusammen mit den versöhnlerischen Tendenzen der kleinbürgerlichen Parteien. Die Proletarier und Bauern gaben ihre Stimmen den Menschewiki und den Sozialrevolutionären nicht als Versöhnlern, sondern als Feinden des Zaren, des Gutsbesitzers und des Kapitalisten. Doch indem sie sie wählten, schufen sie eine Scheidewand zwischen sich und ihren Zielen. Sie konnten jetzt nicht mehr vorrücken, ohne auf die von ihnen selbst errichtete Scheidewand zu stoßen und ohne diese zuvor niederzureißen. Das war das erstaunliche qui pro quo, das in den Klassenbeziehungen enthalten war, wie sie durch die Februarrevolution aufgedeckt wurden.

Dem Hauptparadoxon gesellte sich sogleich eine Ergänzung hinzu. Die Liberalen erklärten sich nur unter der Bedingung bereit, die Macht aus den Händen der Sozialisten zu übernehmen, wenn sich die Monarchie bereit erklären würde, die Macht aus ihren Händen entgegenzunehmen.

Während Gutschkow mit dem uns bereits bekannten Monarchisten Schulgin zur Rettung der Dynastie nach Pskow reiste, wurde das Problem der konstitutionellen Monarchie Mittelpunkt der Verhandlungen der zwei Komitees des Taurischen Palais. Miljukow bemühte sich, die Demokraten, die ihm die Macht auf der flachen Hand darbrachten, zu überzeugen, die Romanows könnten jetzt keine Gefahr mehr sein, Nikolaus müsse natürlich abgesetzt werden, dagegen aber könnte der Zarewitsch Alexej unter der Regentschaft Michails das Wohl des Landes sichern: »Der eine ein krankes Kind, der andere ein ganz dummer Mensch.« Fügen wir noch die Charakteristik bei, die der liberale Monarchist Schidlowski von dem Kandidaten für den Zarenthron gab: »Michail Alexandrowitsch entzog sich auf jede Weise jeglicher Einmischung in die Staatsgeschäfte und widmete sich restlos dem Pferdesport.« Eine seltsame Empfehlung, wollte man sie vor den Massen wiederholen. Nach der Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes proklamierte Danton im Jakobinerklub, dass ein Mann, der schwachsinnig, nicht mehr König sein könne. Die russischen Liberalen dagegen glaubten, ein schwachsinniger Monarch sei die beste Zierde des konstitutionellen Regimes. Das war allerdings ein ungezwungenes Argument, berechnet auf die Psychologie der linken Einfaltspinsel, doch auch für diese zu plump. Den breiten Kreisen der liberalen Bürger wurde suggeriert, Michail sei »Anglomane«, ohne genau anzugeben, ob die Rede um Pferderennen oder um Parlamentarismus ging. Hauptsache bleibt, man hat ein »gewohntes Machtsymbol«, sonst könnte das Volk sich einbilden, die Zeit der Herrschaftslosigkeit sei gekommen.

Die Demokraten hörten zu, staunten höflich und versuchten zu überreden ... die Republik zu proklamieren? Nein, nur die Frage nicht vorwegzunehmen. Punkt 3 der Bedingungen des Exekutivkomitees lautete: »Die Provisorische Regierung darf keinerlei Schritte unternehmen, die die zukünftige Regierungsform im Voraus festlegen.« Miljukow machte aus der Frage der Monarchie ein Ultimatum. Die Demokraten waren verzweifelt. Da aber kamen die Massen zu Hilfe. Auf den Meetings im Taurischen Palais wollte niemand, weder die Arbeiter noch die Soldaten, einen Zaren, und es gab kein Mittel, ihnen diesen aufzuzwingen. Trotzdem versuchte Miljukow, gegen den Strom zu schwimmen und über die Köpfe der linken Verbündeten hinweg Thron und Dynastie zu retten. In seiner »Geschichte der Revolution« verzeichnet er zurückhaltend selbst, dass gegen Abend des 2. März die durch seine Mitteilung von der Regentschaft Michails hervorgerufene Aufregung »sich bedeutend steigerte«. Viel farbiger schildert Rodsjanko den Effekt, den die monarchistischen Manöver der Liberalen bei den Massen auslösten. Kaum aus Pskow mit dem Verzichtsakt Nikolaus’ zugunsten Michails zurückgekehrt, begab sich Gutschkow auf Verlangen der Arbeiter vom Bahnhof in die Eisenbahnwerkstätten, schilderte das Vorgefallene, las den Verzichtsakt vor und schloss mit den Worten: »Es lebe Kaiser Michail!« Das Resultat war ein völlig unerwartetes. Der Redner wurde, nach Rodsjankos Bericht, von den Arbeitern unverzüglich verhaftet, angeblich sogar unter Androhung der Erschießung. »Mit großer Mühe gelang es, ihn mit Hilfe der Wachkompanie des nächsten Regiments zu befreien.« Wie stets, übertreibt Rodsjanko in manchen Punkten, doch die Darstellung ist im Wesentlichen richtig. Das Land hatte die Monarchie so radikal erbrochen, dass sie dem Volk nicht mehr durch die Kehle gehen wollte. Die revolutionären Massen ließen den Gedanken an einen neuen Zaren nicht mehr aufkommen!

Angesichts dieser Konjunktur rückten die Mitglieder des Provisorischen Komitees eines nach dem andern von Michail ab, nicht endgültig, sondern »bis zur Konstituierenden Versammlung«: Da werde man schon sehen. Nur Miljukow und Gutschkow verteidigten die Monarchie bis zuletzt und machten weiterhin ihre Beteiligung am Kabinett davon abhängig. Was tun? Die Demokraten meinten, man könne ohne Miljukow keine bürgerliche Regierung bilden und ohne bürgerliche Regierung die Revolution nicht retten. Es folgten endlose Wortwechsel und Unterredungen. In der Vormittagssitzung des 3. März obsiegte im Provisorischen Komitee fast durchgehend die Überzeugung, es sei notwendig, »den Großfürsten zur Abdankung zu bewegen« – er wurde mithin schon als Zar betrachtet! Der linke Kadett Nekrassow hatte bereits den Text der Abdankung fertig. Da aber Miljukow sich hartnäckig widersetzte, fand man nach neuem leidenschaftlichen Streit schließlich eine Lösung: »Beide Parteien bringen dem Großfürsten ihre motivierten Ansichten vor und überlassen, ohne in weitere Diskussionen einzugehen, dem Großfürsten die Entscheidung.« Auf diese Weise wurde der »ganz dumme Mensch«, dem sein durch den Aufstand gestürzter älterer Bruder, in Widerspruch selbst zu den dynastischen Statuten, den Thron unterzuschieben versucht hatte, zum Schiedsrichter über die Frage der Staatsform des revolutionären Landes. So unglaublich das scheinen mag, dieser Wettstreitprozess um das Schicksal des Staates hat stattgefunden. Um den Großfürsten zu bewegen, sich des Thrones halber von den Ställen loszureißen, versicherte ihm Miljukow, es bestehe durchaus die Möglichkeit, außerhalb Petrograds eine Militärmacht zu sammeln zur Verteidigung seiner Rechte. Mit anderen Worten, kaum die Macht aus den Händen der Sozialisten erhalten, trat Miljukow mit dem Plan eines monarchistischen Staatsstreiches hervor. Doch nach Beendigung der Für- und Widerreden, deren es nicht wenige gab, erbat sich der Großfürst Bedenkzeit. Michail lud Rodsjanko in ein Nebenzimmer ein und stellte ihm unvermittelt die Frage: Können die neuen Herrscher ihm nur die Krone oder auch den Kopf garantieren? Der unvergleichliche Kammerherr antwortete, er könne dem Monarchen nur versprechen, wenn nötig, mit ihm zusammen zu sterben. Dazu verstand sich der Prätendent keinesfalls. Als er nach Umarmungen mit Rodsjanko zu den ihn erwartenden Deputierten hinaustrat, erklärte Michail Romanow »ziemlich fest«, er verzichte auf das ihm angebotene hohe, aber gefahrvolle Amt. Da sprang Kerenski, der bei diesen Verhandlungen das Gewissen der Demokratie verkörperte, begeistert vom Stuhl auf mit den Worten: »Hoheit, Sie sind ein edler Mann!« und schwor, er werde dies von nun an überall verkünden. »Das Pathos Kerenskis«, kommentiert Miljukow trocken, »harmonierte schlecht mit der Prosa des getroffenen Entschlusses.« Das lässt sich nicht bestreiten. Für Pathos bot der Text dieses Zwischenspiels allerdings keinen Raum. Der oben angestellte Vergleich mit einer Posse im Winkel einer antiken Arena muss durch den Hinweis ergänzt werden, dass die Bühne durch einen Wandschirm in zwei Teile geteilt war: In dem einen bettelten die Revolutionäre die Liberalen an, die Revolution zu retten, in dem anderen flehten die Liberalen die Monarchie an, den Liberalismus zu retten.

Die Vertreter des Exekutivkomitees waren aufrichtig darüber erstaunt, dass ein so aufgeklärter und weitsichtiger Mann wie Miljukow sich irgendeiner Monarchie wegen widerspenstig zeigte und sogar bereit war, auf die Macht zu verzichten, wenn man ihm nicht einen Romanow dazu gäbe. Miljukows Monarchismus war jedoch weder doktrinärer noch romantischer Art; im Gegenteil, er ergab sich aus der nackten Berechnung der erschrockenen Besitzenden. In ihrer Nacktheit bestand eben ihre hoffnungslose Schwäche. Der Geschichtsschreiber Miljukow konnte sich allerdings darauf berufen, dass der Führer der französischen revolutionären Bourgeoisie, Mirabeau, seinerzeit ebenfalls bestrebt war, die Revolution mit dem König auszusöhnen. Der Kern war auch dort Angst der Besitzenden um den Besitz: Es war vorsichtiger, ihn durch die Monarchie zu decken, so wie die Monarchie sich mit der Kirche deckte.

Doch besaß die Tradition der königlichen Macht in Frankreich im Jahre 1789 noch die Anerkennung des ganzen Volkes, abgesehen davon, dass Europa ringsum noch monarchistisch war. Sich an den König haltend, stand die französische Bourgeoisie auf dem gleichen Boden mit dem Volke, mindestens in dem Sinne, dass sie dessen Vorurteile gegen diese ausnutzte. Ganz anders war die Lage im Jahre 1917 in Russland. Abgesehen von den Katastrophen und Havarien des monarchistischen Regimes in verschiedenen Ländern, war schon im Jahre 1905 die russische Monarchie selbst in nicht wiedergutzumachender Weise angeschlagen worden. Nach dem 9. Januar verfluchte der Pope Gapon den Zaren und dessen »Schlangenbrut«. Der Sowjet der Arbeiterdeputierten des Jahres 1905 stand offen auf republikanischem Boden. Die monarchistischen Gefühle der Bauernschaft, auf die der Zarismus lange Zeit gebaut hatte und mit denen die Bourgeoisie ihren Monarchismus deckte, erwiesen sich einfach als nicht existierend. Die kriegerische Konterrevolution, die später den Kopf erheben wird, sagt sich bereits seit Kornilow, wenn auch heuchlerisch, so umso demonstrativer, von der Zarenmacht los: So wenig monarchistische Wurzeln waren im Volke geblieben. Doch die gleiche Revolution von 1905, die den Monarchismus derart tödlich traf, untergrub auch für immer die schwankenden republikanischen Tendenzen der »fortgeschrittenen« Bourgeoisie. Einander widersprechend, ergänzten sich diese zwei Prozesse. Von den ersten Stunden der Februarrevolution an ihren Untergang fühlend, griff die Bourgeoisie nach einem Strohhalm. Sie brauchte die Monarchie nicht deshalb, weil diese der Glaube war, den sie mit dem Volke gemein hatte; im Gegenteil, die Bourgeoisie hatte dem Glauben des Volkes nichts mehr entgegenzuhalten vermocht als das gekrönte Phantom. Die »gebildeten« Klassen Russlands haben die Arena der Revolution nicht als Verkünder eines rationellen Staates betreten, sondern als Verteidiger mittelalterlicher Institutionen. Da sie weder im Volke noch in sich selbst eine Stütze hatten, suchten sie sie oben, über sich. Archimedes wollte die Erde umwälzen, wenn man ihm einen Stützpunkt gäbe. Miljukow dagegen suchte einen Stützpunkt, um das Stückchen gutsherrlicher Erde vor einer Umwälzung zu bewahren. Er fühlte sich dabei den verschrumpftesten zaristischen Generalen und den Hierarchen der rechtgläubigen Kirche näher als den zahmen Demokraten, die um nichts so besorgt waren wie um das Wohlwollen der Liberalen. Ohnmächtig, die Revolution niederzuringen, entschloss sich Miljukow fest, sie zu überlisten. Er war vieles zu schlucken bereit: bürgerliche Freiheiten für die Soldaten, demokratische Munizipalitäten, die Konstituierende Versammlung, aber alles nur unter der einen Bedingung: dass man ihm den archimedischen Punkt in Form der Monarchie belasse. Er beabsichtigte, die Monarchie allmählich, Schritt für Schritt, zu der Achse zu machen, um die sich die Generalität, die aufgefrischte Bürokratie, die Fürsten der Kirche, die Besitzenden, alle mit der Revolution Unzufriedenen gruppieren könnten, und mit dem »Symbol« beginnend, für das Volk einen realen monarchischen Zaum zu schaffen, in dem Maße, wie es durch die Revolution ermüden würde. Nur Zeit gewinnen! Ein anderer Führer der Kadettenpartei, Nabokow, erklärte später, welcher Hauptvorteil durch die Thronannahme Michails erreicht worden wäre:

»Die fatale Frage der Einberufung der Konstituierenden Versammlung während des Krieges wäre beseitigt gewesen.« Diese Worte muss man sich merken: Der Kampf um die Fristen der Konstituierenden Versammlung nahm in der Zeit zwischen dem Februar und dem Oktober einen großen Platz ein, wobei die Kadetten ihre Absicht, die Einberufung der Volksvertretung hinauszuziehen, kategorisch leugneten, in Wirklichkeit jedoch beharrlich und hartnäckig eine Verschleppungspolitik verfolgten. Aber sie mussten sich dabei auf sich selbst stützen: Die monarchische Deckung war ihnen letzten Endes nicht zuteil geworden. Nach der Desertion Michails konnte sich Miljukow auch an einem Strohhalm nicht mehr festhalten.

Die neue Macht

Vom Volke getrennt, mit dem ausländischen Finanzkapital viel enger verbunden als mit den werktätigen Massen des eigenen Landes, der siegreichen Revolution feind, verspätet auf den Plan getreten, konnte die russische Bourgeoisie im eigenen Namen nicht ein einziges Argument zugunsten ihrer Machtansprüche geltend machen. Eine Begründung aber war unbedingt notwendig, denn die Revolution unterwirft nicht nur die vererbten Rechte einer unbarmherzigen Nachprüfung, sondern auch die neuen Ansprüche. Am wenigsten war der Vorsitzende des Provisorischen Komitees, Rodsjanko, der in den ersten Tagen nach dem Umsturz an die Spitze des revolutionären Landes gelangt war, fähig, für die Massen überzeugende Argumente vorzubringen.

Kammerpage unter Alexander II., Offizier des Kavalleriegarderegiments, Gouvernement-Adelsmarschall, Kammerherr Nikolaus’ I., durch und durch Monarchist, reicher Gutsbesitzer und Semstwoführer, Mitglied der Oktobristenpartei, Deputierter der Reichsduma, war Rodsjanko später zu deren Vorsitzendem gewählt worden. Das geschah, nachdem Gutschkow, der als »Jungtürke« am Hofe verhasst war, seine Vollmachten niedergelegt hatte: Die Duma hoffte durch Vermittlung des Kammerherrn leichter zum Herzen des Monarchen Zutritt zu erlangen. Rodsjanko tat, was er konnte: Offenherzig versicherte er dem Zaren, der Dynastie ergeben zu sein, erbat als Gnade, dem Thronfolger vorgestellt zu werden, und empfahl sich diesem als »der größte und dickste Mann Russlands«. Trotz all dieser byzantinischen Gaukeleien gelang es dem Kammerherrn nicht, den Zaren für eine Konstitution zu gewinnen, und die Zarin nannte Rodsjanko in ihren Briefen kurz einen Schuft. Während des Krieges bereitete der Dumavorsitzende dem Zaren zweifellos nicht wenige unangenehme Minuten, wenn er ihn bei persönlichen Vorträgen durch schwungvolle Überredungsversuche, patriotische Kritik und düstere Prophezeiungen in die Ecke drängte. Rasputin sah in Rodsjanko einen persönlichen Feind. Der der Hofbande nahestehende Kurlow spricht von der Rodsjanko eigentümlichen »Frechheit bei unzweifelhafter Beschränktheit«. Witte äußerte sich über den Dumavorsitzenden nachsichtiger, aber nicht viel günstiger: »Kein dummer Mensch, recht verständig; doch die Haupteigenschaft Rodsjankos besteht nicht in seinem Verstand, sondern in seiner Stimme: Eer hat einen vorzüglichen Bass.« Rodsjanko versuchte zuerst, die Revolution mit Hilfe der Feuerspritze zu besiegen; weinte dann, als er erfuhr, die Regierung des Fürsten Golizyn sei auf und davon gelaufen; er lehnte die Macht, die die Sozialisten ihm antrugen, entsetzt ab; beschloss später, sie anzunehmen, aber nur als getreuer Untertan, um bei der ersten Gelegenheit dem Monarchen den verlorenen Gegenstand wieder zurückzugeben. Es ist nicht Rodsjankos Schuld, dass diese Möglichkeit sich nicht geboten hat. Dafür brachte die Revolution, mit Hilfe der gleichen Sozialisten, dem Kammerherrn die breite Möglichkeit, vor den aufständischen Regimentern seinen polternden Bass wirken zu lassen. Schon am 27. Februar hielt der Kavalleriegarderittmeister a.D. Rodsjanko folgende Ansprache an das Kavallerieregiment, das ins Taurische Palais gekommen war: »Rechtgläubige Krieger, hört meinen Rat. Ich bin ein alter Mann, ich werde euch nicht betrügen, hört auf die Offiziere, sie werden euch nichts Schlechtes lehren und werden in vollem Einverständnis mit der Reichsduma handeln. Es lebe das heilige Russland!« Eine solche Revolution anzunehmen, waren alle Gardeoffiziere bereit. Nur die Soldaten waren stutzig: Wozu war es dann nötig gewesen, sie zu machen? Rodsjanko fürchtete sich vor den Soldaten, vor den Arbeitern; Tschcheïdse und andere Linke hielt er für deutsche Agenten, und an die Spitze der Revolution gestellt, sah er sich alle Augenblicke um, ob der Sowjet ihn nicht verhaften wolle.

Die Figur Rodsjankos ist ein wenig lächerlich, aber nicht zufällig: Der Kammerherr mit dem vorzüglichen Bass verkörperte das Bündnis der zwei regierenden Klassen Russlands, Gutsbesitzer und Bourgeoisie, mitsamt der ihnen angeschlossenen fortschrittlichen Geistlichkeit: Rodsjanko selbst war sehr gottesfürchtig und des Kirchengesanges kundig; und die liberalen Bürger, unabhängig von ihrer Einstellung zur Orthodoxie, betrachteten das Bündnis mit der Kirche zur Erhaltung von Ruhe und Ordnung für ebenso notwendig wie das Bündnis mit der Monarchie.

Der ehrwürdige Monarchist, der von Verschwörern, Rebellen und Tyrannenmördern die Macht empfangen hatte, sah in jenen Tagen erbärmlich aus. Die übrigen Mitglieder des Komitees fühlten sich nicht viel besser. Manche von ihnen zeigten sich im Taurischen Palais überhaupt nicht, da sie die Lage für nicht genügend geklärt hielten. Die Weisesten gingen auf Zehenspitzen um den Scheiterhaufen der Revolution herum, husteten vom Rauche und sagten sich: Mag es ausbrennen; dann werden wir versuchen, etwas fertig zu braten. Als das Komitee sich bereit erklärte, die Macht anzunehmen, entschloss es sich nicht gleich, das Ministerium zu bilden. »Abwartend, bis der Augenblick für die Regierungsbildung eintreten wird«, wie Miljukow sich ausdrückt, beschränkte sich das Komitee auf die Ernennung von Kommissaren aus Dumamitgliedern für die hohen Regierungsämter: Das ließ noch die Möglichkeit zum Rückzuge offen.

In das Innenministerium wurde der unbedeutende, doch vielleicht weniger als die anderen ängstliche Deputierte Karaulow entsandt, der am 1. März einen Haftbefehl erließ gegen alle Beamten der öffentlichen und der geheimen Polizei und des Gendarmeriekorps. Diese schreckliche revolutionäre Geste hatte einen rein platonischen Charakter, da die Polizei schon vor allen Befehlen verhaftet worden war und das Gefängnis für sie den einzigen Zufluchtsort vor einem Strafgericht darstellte. Viel später erblickte die Reaktion in dem Akt Karaulows den Beginn allen weiteren Unheils.

Zum Kommandanten von Petrograd wurde Oberst Engelhardt ernannt, Gardeoffizier, Rennstall- und Großgrundbesitzer. Anstatt den »Diktator« Iwanow, der von der Front zur Bändigung der Residenz eingetroffen war, zu verhaften, schickte Engelhardt einen reaktionären Offizier als Stabschef zu dessen Verfügung: Schließlich waren es ja die eigenen Leute.

In das Justizministerium wurde die Leuchte der Moskauer liberalen Advokatur entsandt, der beredte und hohle Maklakow, der vor allem den reaktionären Bürokraten zu verstehen gab, dass er nicht wünsche, Minister von Gnaden der Revolution zu sein, und »mit einem Blick auf den hereintretenden Genossen Kurier« auf französisch sagte: »Le danger est à gauche.«

Die Arbeiter und Soldaten brauchten kein Französisch zu kennen, um in all diesen Herren ihre grimmigsten Feinde zu fühlen.

Rodsjanko polterte jedoch nicht lange an der Spitze des Komitees. Seine Kandidatur zum Vorsitzenden der revolutionären Regierung erledigte sich von selbst: Der Mittler zwischen Besitz und Monarchie war zu offensichtlich ungeeignet zum Mittler zwischen Besitz und Revolution. Doch trat er nicht von der Bühne ab, ohne hartnäckig versucht zu haben, als Gegengewicht zum Sowjet die Duma wieder zu beleben und im Zentrum aller Vereinigungsexperimente der bürgerlich-gutsherrlichen Konterrevolution zu verharren. Wir werden von ihm noch hören.

Am 1. März schritt das Provisorische Komitee zur Bildung eines Ministeriums, wobei es die gleichen Leute ernannte, die die Duma seit 1915 wiederholt dem Zaren als Männer empfohlen hatte, die das Vertrauen des Landes besäßen: Es waren Großagrarier und Industrielle, oppositionelle Dumadeputierte, Führer des progressiven Blocks. Tatsache ist, dass der von den Arbeitern und Soldaten vollzogene Umsturz sich in der Zusammensetzung der revolutionären Regierung mit einer Ausnahme überhaupt nicht widerspiegelte. Die Ausnahme war Kerenski. Die Schwingungsweite Rodsjanko-Kerenski ist die offizielle Schwingungsweite der Februarrevolution.

Kerenski trat in das Ministerium ein gleichsam als deren bevollmächtigter Gesandter. Sein Verhalten zur Revolution war jedoch das Verhalten eines Provinzadvokaten, der in politischen Prozessen auftritt. Kerenski war kein Revolutionär, er hatte sich nur an der Revolution gerieben. Als er, dank seiner legalen Lage, in die vierte Duma gelangte, wurde er der Vorsitzende der grauen, jedes Gesichts entbehrenden Fraktion der Trudowiki, die die anämische Frucht einer politischen Kreuzung zwischen Liberalismus und Narodnikitum darstellte. Er besaß weder theoretische Vorbereitung, noch politische Schulung, noch Fähigkeit zu verallgemeinerndem Denken, noch politischen Willen. Alle diese Eigenschaften ersetzten flüchtige Aufnahmefähigkeit, leichte Entzündbarkeit und jene Rednergabe, die nicht auf Verstand oder Willen wirkt, sondern auf die Nerven. Sein Auftreten in der Duma im Geiste deklamatorischen Radikalismus, für den es an Anlässen nicht mangelte, machten Kerenski wenn nicht populär, so doch bekannt. Im Kriege hielt er als Patriot, gemeinsam mit den Liberalen, allein schon den Gedanken an eine Revolution für verderbenbringend. Er erkannte die Revolution an, als sie gekommen war und ihn, am Scheine seiner Popularität festgehakt, so mühelos nach oben hob. Der Umsturz identifizierte sich für ihn natürlicherweise mit der neuen Macht. Das Exekutivkomitee hatte jedoch beschlossen, die Macht müsse in einer bürgerlichen Revolution dem Bürgertum gehören. Diese Formel erschien Kerenski schon allein deshalb falsch, weil sie vor ihm die Türen des Ministeriums zuschlug. Kerenski war begründeterweise davon überzeugt, dass sein Sozialismus die bürgerliche Revolution so wenig behindern könne, wie diese seinen Sozialismus beeinträchtigen. Das provisorische Dumakomitee beschloss zu versuchen, den radikalen Deputierten vom Sowjet loszureißen, und erreichte dies ohne Schwierigkeiten, indem es ihm das Justizportefeuille anbot, auf das Maklakow bereits verzichtet hatte. Kerenski fing in den Couloirs Freunde ab und befragte sie: nehmen oder nicht nehmen? Die Freunde zweifelten nicht, dass er entschlossen war zu nehmen. Suchanow, der zu jener Zeit Kerenski wohlwollte, entdeckte an ihm, allerdings nach späteren Erinnerungen, die Überzeugung von irgendeiner seiner harrenden Mission ... »und höchste Gereiztheit gegen alle, die diese Mission noch nicht erraten hatten«. Schließlich empfahlen die Freunde, darunter auch Suchanow, Kerenski, das Portefeuille anzunehmen: So sei es immerhin sicherer; durch einen der Unseren könnte man erfahren, was dort, bei den schlauen Liberalen, geschieht. Aber während die Führer des Exekutivkomitees im Stillen Kerenski zu diesem Sündenfall stießen, zu dem es ihn ohnehin aus allen Kräften zog, verweigerten sie ihm die offizielle Sanktion. Suchanow erinnerte Kerenski daran, dass das Exekutivkomitee sich ja bereits geäußert habe und dass es »nicht ungefährlich« sei, die Frage noch einmal im Sowjet aufzurollen, da dieser einfach antworten könnte: »Die Macht muss der Sowjetdemokratie gehören.« Dies ist der wörtliche Bericht Suchanows – eine unglaubliche Mischung von Naivität und Zynismus. Der Inspirator des ganzen Mysteriums der Machtschöpfung gesteht hier offen, dass die Stimmung des Petrograder Sowjets bereits am 2. März für die formelle Übernahme der Macht gewesen war, die ihm faktisch seit dem 27. Februar gehörte, und dass die sozialistischen Führer nur hinter dem Rücken der Arbeiter und Soldaten, ohne deren Wissen und gegen deren wirklichen Willen, die Macht zugunsten der Bourgeoisie expropriieren konnten. Der Schacher der Demokraten mit den Liberalen gewinnt in der Erzählung Suchanows alle notwendigen juridischen Merkmale eines Verbrechens gegen die Revolution, und zwar einer Geheimverschwörung gegen die Herrschaft des Volkes und dessen Rechte.

Anlässlich der Ungeduld Kerenskis tuschelten die Führer des Exekutivkomitees, dass es sich für einen Sozialisten nicht schicke, offiziell ein Zipfelchen der Macht aus den Händen der Dumamitglieder entgegenzunehmen, die soeben aus den Händen der Sozialisten die gesamte Macht empfangen hatten. Kerenski möge es lieber auf seine eigene Verantwortung tun. Wahrhaftig, diese Herren fanden mit untrüglichem Instinkt aus jeder Situation einen möglichst verzwickten und falschen Ausweg. Kerenski jedoch wollte nicht in der Jacke eines radikalen Deputierten in die Regierung gehen; er brauchte den Mantel eines Bevollmächtigten der siegreichen Revolution. Um nicht auf Widerstand zu stoßen, wandte er sich um die Sanktion weder an die Partei, zu der er sich bekannte, noch an das Exekutivkomitee, als dessen stellvertretender Vorsitzender er galt. Ohne die Führer darauf vorbereitet zu haben, nahm er in der Plenarsitzung des Sowjets, der in den ersten Tagen noch ein chaotisches Meeting darstellte, das Wort zu einer außerordentlichen Erklärung, und in einer Rede, die die einen als wirr, die anderen als hysterisch bezeichneten, was allerdings miteinander nicht in Widerspruch steht, forderte er für sich das Vertrauen, sprach von seiner allgemeinen Bereitschaft, für die Revolution zu sterben, und von der unmittelbaren Bereitschaft, das Portefeuille des Justizministers anzunehmen. Es genügte die Erwähnung der Notwendigkeit einer vollständigen politischen Amnestie und eines Gerichtes über die zaristischen Würdenträger, um bei der unerfahrenen und von keinem geleiteten Versammlung stürmischen Applaus hervorzurufen. »Diese Farce«, schrieb später Schljapnikow, »löste bei vielen tiefe Entrüstung und Ekel gegen Kerenski aus.« Aber niemand widersprach ihm: Nachdem sie die Macht der Bourgeoisie ausgeliefert hatten, vermieden es die Sozialisten, wie wir wissen, diese Frage vor den Massen zu stellen. Eine Abstimmung fand nicht statt. Kerenski beschloss, den Applaus als Vertrauensmandat zu deuten. Auf seine Weise hatte er Recht. Der Sowjet war zweifellos für den Eintritt der Sozialisten in das Ministerium, weil er darin einen Schritt zur Liquidierung der bürgerlichen Regierung erblickte, mit der er sich keinen Augenblick abfinden konnte. So oder so, die offizielle Machtdoktrin umstoßend, nahm Kerenski am 2. März den Posten des Justizministers an. »Mit seiner Ernennung«, erzählt der Oktobrist Schidlowski, »war er sehr zufrieden und ich erinnere mich sehr gut, wie er im Raume des Provisorischen Komitees, in einen Stuhl gelehnt, leidenschaftlich davon sprach, auf welch unerreichbar hohes Piedestal er Russlands Justiz stellen werde.« Das hat er in der Tat einige Monate später im Prozess gegen die Bolschewiki bewiesen.

Der Menschewik Tschcheïdse, dem die Liberalen, geleitet von allzu durchsichtiger Berechnung und der internationalen Tradition, im schwierigen Augenblick das Arbeitsministerium aufzwingen wollten, lehnte kategorisch ab und blieb Vorsitzender des Sowjets der Deputierten. Weniger glänzend als Kerenski, war Tschcheïdse doch aus ernsterem Material gemacht. Die Achse der Provisorischen Regierung, wenn auch nicht formell ihr Haupt, wurde Miljukow, der unbestrittene Führer der Kadettenpartei. »Miljukow war mit seinen übrigen Ministerkollegen überhaupt nicht zu vergleichen«, schrieb der Kadett Nabokow, nachdem er bereits mit Miljukow gebrochen hatte, »sowohl als geistige Kraft, wie als Mann von ungeheurem, fast unerschöpflichem Wissen und weitem Horizont.« Suchanow, der Miljukow für den Zusammenbruch des russischen Liberalismus persönlich verantwortlich machte, schrieb gleichzeitig: »Miljukow war damals die zentrale Figur, Herz und Hirn aller bürgerlichen politischen Kreise ... Ohne ihn würde es in der ersten Periode der Revolution keine bürgerliche Politik gegeben haben.« Bei all ihrer übermäßigen Geschraubtheit kennzeichnen diese Aussprüche die unbestrittene Überlegenheit Miljukows vor den übrigen Politikern der russischen Bourgeoisie. Seine Stärke bestand in dem, was auch seine Schwäche ausmachte: Vollständiger und vollkommener als die anderen drückte er in der Sprache der Politik das Schicksal der russischen Bourgeoisie aus, das heißt ihre historische Ausweglosigkeit. Wenn die Menschewiki jammerten, Miljukow habe den russischen Liberalismus zugrunde gerichtet, so kann man mit mehr Recht behaupten, der Liberalismus habe Miljukow zugrunde gerichtet.

Trotz seines für die imperialistischen Zwecke aufgewärmten Neoslawismus blieb Miljukow stets ein bürgerlicher Westler. Das Ziel seiner Partei sah er im Siege der europäischen Zivilisation in Russland. Doch je weiter, umso mehr fürchtete er sich vor jenen revolutionären Wegen, die die Westvölker gegangen waren. Von seinem Westlertum blieb daher nichts als ein ohnmächtiger Neid auf den Westen.

Die englische und die französische Bourgeoisie hatten die neue Gesellschaft nach ihrem eigenen Ebenbilde errichtet. Die deutsche ist später gekommen, und sie musste lange Zeit bei dem Haferabsud der Philosophie sitzen. Die Deutschen haben das Wort »Weltanschauung« ausgedacht, das weder die Engländer noch die Franzosen besitzen: Während die westlichen Nationen eine neue Welt schufen, beschauten die Deutschen sie. Aber die in Bezug auf politische Tätigkeit so dürftige deutsche Bourgeoisie schuf die klassische Philosophie – und dies ist keine geringe Einlage. Die russische Bourgeoisie kam noch später. Zwar hatte sie das deutsche Wort »Weltanschauung« ins Russische übersetzt, sogar in mehreren Varianten, aber damit zeigte sie nur noch krasser zugleich mit ihrer politischen Impotenz ihre tödliche philosophische Dürftigkeit. Sie importierte Ideen wie auch Technik, richtete für die letztere hohe Zölle ein und für die ersteren eine Quarantäne der Angst. Diesen Zügen seiner Klasse politischen Ausdruck zu geben, war Miljukow berufen.

Ehemaliger Moskauer Geschichtsprofessor, Autor bedeutender wissenschaftlicher Arbeiten, später Begründer der aus dem Bunde liberaler Gutsbesitzer und dem Bund linker Intellektueller zusammengeschlossenen Kadettenpartei, war Miljukow des unerträglichen, teils herrenhaften, teils intellektuellen Zuges jenes politischen Dilettantismus völlig bar, der die Mehrzahl der russischen liberalen Politiker kennzeichnet. Miljukow nahm seinen Beruf sehr ernst, und schon das allein hob ihn hervor.

In der Regel schämten sich die russischen Liberalen bis zum Jahre 1905, Liberale zu sein. Ein Anflug von Narodnikitum und später von Marxismus diente ihnen lange als unentbehrliche Schutzfarbe. In dieser schamhaften, im Wesen oberflächlichen Kapitulation ziemlich breiter bürgerlicher Kreise, darunter auch einer Reihe jüngerer Industrieller vor dem Sozialismus, zeigte sich der Mangel innerer Sicherheit einer Klasse, die rechtzeitig genug gekommen war, um Millionen in ihren Händen zu konzentrieren, aber zu spät, um sich an die Spitze der Nation zu stellen. Die bärtigen Väter, reichgewordene Bauern und Krämer, häuften Besitz an, ohne über ihre gesellschaftliche Rolle nachzudenken. Die Söhne absolvierten die Universitäten in der Periode der vorrevolutionären Ideengärung, und als sie versuchten, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, zögerten sie, sich unter das in fortgeschrittenen Ländern bereits verbrauchte, verblasste und geflickte Banner des Liberalismus zu stellen. Eine Zeit lang gaben sie einen Teil ihrer Seele und sogar ein Teilchen ihrer Einkünfte den Revolutionären hin. In noch höherem Maße betrifft das die Vertreter der freien Berufe: Zu einem großen Teil machten sie in ihren jungen Jahren eine Periode sozialistischer Sympathien durch. Professor Miljukow aber hatte niemals an den Masern des Sozialismus gelitten. Er war ein organischer Bourgeois und schämte sich dessen nicht.

Allerdings gab Miljukow in der ersten Epoche der Revolution nicht ganz die Hoffnung auf, vermittels der gezähmten sozialistischen Parteien sich auf die revolutionären Massen stützen zu können. Witte erzählt, auf eine Forderung, die er bei der Bildung seines konstitutionellen Kabinetts im Oktober 1905 an die Kadetten stellte: »den revolutionären Schwanz abzuhacken«, hätten ihm diese geantwortet, sie könnten ebenso wenig auf die bewaffneten Kräfte der Revolution verzichten wie Witte selbst auf die Armee. Im Kern der Sache war das schon damals Hochstapelei: Um ihren Preis zu steigern, schreckten die Kadetten Witte mit den Massen, vor denen sie selbst Angst hatten. Gerade auf Grund der Erfahrung des Jahres 1905 hatte Miljukow sich überzeugt: So stark die liberalen Sympathien der sozialistischen Gruppen der Intelligenz auch sein mochten, die wahren Kräfte der Revolution, die Massen, werden ihre Waffen niemals der Bourgeoisie ausliefern und, je besser sie bewaffnet, eine umso größere Gefahr für diese bilden. Indem er offen proklamierte, die rote Fahne sei ein roter Lappen, beendete Miljukow mit sichtbarer Erleichterung den Roman, den er eigentlich niemals ernstlich begonnen hatte.

Die Losgelöstheit der sogenannten »Intelligenz« vom Volke war eines der traditionellen Themen der russischen Journalistik, wobei die Liberalen, im Gegensatz zu den Sozialisten, unter Intelligenz alle »gebildeten«, das heißt besitzenden Klassen verstanden. Nachdem diese Losgelöstheit während der ersten Revolution sich den Liberalen in so katastrophaler Weise offenbart hatte, lebten die Ideologen der »gebildeten« Klassen gleichsam in ständiger Erwartung des Jüngsten Gerichts. Ein liberaler Schriftsteller, ein an die Konventionen der Politik nicht gebundener Philosoph, hat die Angst vor den Massen mit einer Besessenheit ausgesprochen, die an die reaktionäre Epilepsie Dostojewskis erinnert. »So wie wir sind, können wir nicht nur nicht an eine Verschmelzung mit dem Volke denken – fürchten müssen wir es, mehr als alle Hinrichtungen der Regierung, und jene Macht segnen, die uns durch ihre Bajonette und Gefängnisse vor der Volkswut schützt.« Konnten die Liberalen bei einem solchen politischen Selbstgefühl davon träumen, die revolutionäre Nation zu leiten? Die ganze Politik Miljukows ist vom Stempel der Hoffnungslosigkeit gezeichnet. Im Augenblick der nationalen Krise denkt die von ihm geführte Partei nur daran, wie dem Schlage auszuweichen, nicht aber, wie ihn zu führen.

Als Schriftsteller ist Miljukow schwerfällig, weitschweifig und ermüdend. Nicht anders auch als Redner. Dekorativ ist er nicht. Das könnte ein Plus sein, wenn die engherzige Politik Miljukows nicht so offensichtlich der Maskierung bedurft oder wenn er mindestens die objektive Deckung einer großen Tradition besessen hätte: Doch er besaß nicht einmal die kleine. Die offizielle Politik in Frankreich, die Quintessenz bürgerlichen Egoismus und Verräterei, hat zwei mächtige Stützen: Tradition und Rhetorik. Miteinander multipliziert umgeben sie jeden bürgerlichen Politiker, selbst ein so prosaisches Faktotum des Großkapitals wie Poincaré, mit einer schützenden Hülle. Es ist nicht Miljukows Schuld, dass er keine pathetischen Vorfahren besaß und gezwungen war, die Politik des bürgerlichen Egoismus an der Grenze zwischen Europa und Asien durchzuführen.

»Neben den Sympathien für Kerenski«, lesen wir in den Erinnerungen des Sozialrevolutionärs Sokolow über die Februarrevolution, »existierte von Anfang an eine große, unverhüllte und in ihrer Art seltsame Antipathie gegen Miljukow. Mir war und ist es auch jetzt noch unverständlich, weshalb dieser ehrwürdige Politiker so unpopulär war.« Hätten die Philister den Grund ihrer Begeisterung für Kerenski und ihres Unwillens gegen Miljukow begreifen können, sie hätten aufgehört, Philister zu sein. Der Spießbürger liebte Miljukow deshalb nicht, weil dieser zu prosaisch und nüchtern, ohne Beschönigung, das politische Wesen der russischen Bourgeoisie wiedergab. Sich in dem miljukowschen Spiegel betrachtend, sah der Bürger, dass er grau, eigennützig, feige war, und er fühlte sich, wie das üblich ist, durch den Spiegel beleidigt.

Miljukow, dem die unzufriedenen Grimassen des liberalen Bürgers nicht verborgen blieben, sagte seinerseits ruhig und sicher: »Der Spießer ist dumm.« Er brachte diese Worte ohne Gereiztheit vor, fast zärtlich, als wollte er sagen: »Wenn mich der Spießer heute noch nicht versteht, schadet es nichts, er wird es später.« In Miljukow lebte die gut fundierte Gewissheit, dass der Bürger ihn nicht verraten und ihm, der Logik der Dinge gehorchend, folgen werde, denn ihm blieb kein anderer Weg. Und tatsächlich: Nach dem Februarumsturz folgten alle bürgerlichen Parteien, sogar, wenn auch schimpfend und mitunter fluchend, die rechten, dem Führer der Kadetten.

Anders verhielt es sich mit dem demokratischen Politiker sozialistischer Färbung, mit einem Suchanow. Das war kein gewöhnlicher Spießer, im Gegenteil, ein Berufspolitiker, in seinem kleinen Handwerk ziemlich gewitzigt.

»Gescheit« konnte dieser Politiker nicht erscheinen, denn zu augenfällig war der ständige Widerspruch zwischen dem, was er wollte, und dem, was er erreichte. Aber er klügelte, verwirrte, langweilte. Um ihn zum Mitgehen zu bewegen, musste man ihn täuschen, indem man ihm nicht nur seine volle Selbstständigkeit zubilligte, sondern ihn sogar des unmäßigen Kommandierens, der Eigenmächtigkeit beschuldigte. Das schmeichelte ihm und versöhnte ihn mit der Rolle des Handlangers. Im Gespräch mit ebendiesen sozialistischen Schlaubergern warf Miljukow den Satz hin: »Der Spießer ist dumm.« Das war eine feine Schmeichelei: »Gescheit sind nur wir zwei.« In Wirklichkeit zog Miljukow gerade in diesem Moment seinen demokratischen Freunden einen Ring durch die Nase. Mit diesem Ring sind sie später auch gestürzt worden.

Die persönliche Unpopularität erlaubte Miljukow nicht, sich an die Spitze der Regierung zu stellen: Er übernahm die auswärtigen Angelegenheiten, die auch in der Duma seine Spezialität gewesen waren.

Kriegsminister der Revolution wurde der uns bereits bekannte Moskauer Großindustrielle Gutschkow, in seiner Jugend Liberaler, mit einem Einschlag ins Abenteuerliche, später Vertrauensperson der Großbourgeoisie bei Stolypin in der Periode der Niederschlagung der ersten Revolution. Die Auflösung der zwei ersten Dumas, in denen die Kadetten geherrscht hatten, führte zum Staatsstreich vom 3. Juni 1907, der das Ziel hatte, das Wahlrecht zugunsten der Partei Gutschkows abzuändern, die dann in den zwei letzten Dumas bis zur Revolution die Führung auch behielt. Im Jahre 1911 in Kiew bei der Enthüllung eines Denkmals für Stolypin, der von einem Terroristen getötet worden war, legte Gutschkow schweigend einen Kranz nieder und verneigte sich tief bis zur Erde: Das war eine Geste im Namen einer Klasse. In der Duma widmete sich Gutschkow hauptsächlich den Fragen der »Kriegsmacht« und ging bei der Vorbereitung des Krieges Hand in Hand mit Miljukow. Als Vorsitzender des Zentralen Kriegsindustriekomitees vereinigte er die Industriellen unter dem Banner der patriotischen Opposition, wobei er gleichzeitig die Häupter des progressiven Blocks, einschließlich Rodsjanko, keinesfalls hinderte, ihre Hände an Militärlieferungen zu wärmen. Eine revolutionäre Empfehlung für Gutschkow war die mit seinem Namen verbundene halbe Legende von der Vorbereitung der Palastrevolution. Der ehemalige Polizeichef behauptete darüber hinaus, Gutschkow »erlaubte sich, in Privatgesprächen höchst beleidigende Epitheta in Bezug auf den Monarchen. anzuwenden«. Das ist durchaus wahrscheinlich. Doch bildete Gutschkow in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Die gottesfürchtige Zarin hasste Gutschkow, sparte in ihren Briefen nicht mit groben Schmähungen an seine Adresse und sprach die Hoffnung aus, er werde an »einem hohen Baume« aufgehängt werden. Übrigens hatte die Zarin dafür viele vorgesehen. So oder so: Jener Mann, der sich vor dem Henker der ersten Revolution bis zur Erde verneigt hatte, wurde Kriegsminister der zweiten.

Zum Ackerbauminister wurde der Kadett Schingarew ernannt, ein Provinzarzt, der später Dumadeputierter geworden war. Seine nächsten Gesinnungsgenossen aus der Partei hielten ihn für eine ehrliche Mittelmäßigkeit oder, wie Nabokow sich ausdrückte, für »einen russischen Provinzintellektuellen, gemessen nicht mit dem Staats-, sondern einem Gouvernementsoder Kreismaßstab«. Der unbestimmte Radikalismus der Jugendjahre hatte längst Zeit gehabt, sich zu verflüchtigen, und Schingarews Hauptsorge wurde, den besitzenden Klassen seine Staatsreife zu zeigen. Obwohl das alte Programm der Kadetten von der »zwangsweisen Enteignung des gutsherrlichen Bodens nach einer gerechten Abschätzung« sprach, nahm doch keiner der Gutsbesitzer dieses Programm ernst, besonders jetzt nicht, in den Jahren der Kriegsinflation, und Schingarew sah seine Hauptaufgabe darin, die Lösung des Agrarproblems zu verschleppen und die Bauern mit dem Trugbild der Konstituierenden Versammlung zu vertrösten, die die Kadetten nicht einberufen wollten. An den Fragen des Grund und Bodens und des Krieges stand der Februarrevolution bevor, sich das Genick zu brechen; Schingarew half dabei, wie er nur konnte.

Das Portefeuille der Finanzen erhielt ein junger Mann namens Tereschtschenko. Wo haben sie den hergenommen? fragte man sich verwundert im Taurischen Palais. Unterrichtete Personen erklärten, er sei Besitzer von Zuckerfabriken, Gütern, Wäldern und anderen unzähligen Reichtümern, die man auf etwa 80 Millionen Goldrubel schätzte, Vorsitzender des Kriegsindustriekomitees in Kiew, mit guter französischer Aussprache und überdies Kenner des Balletts. Man fügte noch vielsagend hinzu, Tereschtschenko habe als Vertrauter Gutschkows fast an der großen Verschwörung teilgenommen, die Nikolaus II. absetzen sollte. Die Revolution, die die Verschwörung vereitelt hatte, half Tereschtschenko.

Während der fünf Februartage, als sich in den kalten Straßen der Hauptstadt Revolutionskämpfe abspielten, huschte einige Mal wie ein Schatten die Figur des Liberalen aus hohem Hause an uns vorbei – der Sohn des ehemaligen zaristischen Ministers Nabokow, eine in ihrer selbstzufriedenen Korrektheit und egoistischen Engherzigkeit fast symbolische Gestalt. Die entscheidenden Tage des Aufstandes hatte Nabokow zwischen den vier Wänden der Kanzlei oder der Familie »in dumpfer und sorgenvoller Erwartung« verbracht. Jetzt war er Geschäftsführer der Provisorischen Regierung, faktisch Minister ohne Portefeuille. In der Berliner Emigration, wo ihn die unsinnige Kugel eines Weißgardisten tötete, hinterließ er nicht uninteressante Aufzeichnungen über die Provisorische Regierung. Möge ihm dies als Verdienst gebucht werden.

Doch wir vergaßen, den Premier zu erwähnen, den übrigens in ernsten Momenten seiner kurzen Amtstätigkeit alle vergaßen. Als am 2. März Miljukow bei einem Meeting im Taurischen Palais die neue Regierung empfahl, nannte er Fürst Lwow »die Verkörperung der vom zaristischen Regime verfolgten russischen Öffentlichkeit«. Später, in seiner »Geschichte der Revolution«, vermerkt Miljukow vorsichtig, »an die Spitze der Regierung wurde der den meisten Mitgliedern des Provisorischen Komitees wenig bekannte« Fürst Lwow gestellt. Der Historiker bemüht sich hier, den Politiker der Verantwortung für die Wahl zu entheben. In Wirklichkeit zählte der Fürst schon längst zur Kadettenpartei, zu ihrem rechten Flügel. Nach der Auflösung der ersten Duma, auf der berühmten Deputiertentagung in Wyborg, die sich mit dem rituellen Aufruf des beleidigten Liberalismus an die Bevölkerung wandte, keine Steuern zu zahlen, war Fürst Lwow zwar anwesend, unterschrieb aber den Aufruf nicht. Nabokow erzählt in seinen Erinnerungen, der Fürst wäre gleich nach Ankunft in Wyborg erkrankt, wobei seine Krankheit »der Erregung zugeschrieben wurde, in der er sich befand«. Offenbar war der Fürst für revolutionäre Erschütterungen nicht geschaffen. Sehr gemäßigt, duldete Fürst Lwow, kraft seiner politischen Gleichgültigkeit, die nach politischer Weitherzigkeit aussah, in allen von ihm geleiteten Organisationen linke Intellektuelle, ehemalige Revolutionäre, sozialistische Patrioten, die sich vor dem Kriege drückten. Sie arbeiteten nicht schlechter als die anderen Beamten, stahlen nicht und brachten dem Fürsten gleichzeitig eine Art Popularität ein. Ein Fürst, ein reicher Mann und Liberaler – das imponierte dem Durchschnittsbürger. Man hatte deshalb Fürst Lwow schon unter dem Zaren für den Premierposten vorgemerkt. Alles in allem muss man zugeben, das Regierungshaupt der Februarrevolution war zwar ein erlauchter, aber ein notorisch leerer Fleck. Rodsjanko wäre jedenfalls farbenprächtiger gewesen.

Die Chronik der legendären Geschichte des russischen Staates beginnt mit der Erzählung, wie Abgesandte der slawischen Stämme sich zu den skandinavischen Fürsten begaben mit der Bitte: »Kommt, besitzt und regiert uns.« Die unglückseligen Vertreter der sozialistischen Demokratie verwandelten die historische Legende in eine wahre Begebenheit, nicht im 19., sondern im 20. Jahrhundert, nur mit dem Unterschiede, dass sie sich nicht an überseeische, sondern an inländische Fürsten wandten. So gerieten als Resultat des siegreichen Aufstandes der Arbeiter und Soldaten an die Macht einige schwerreiche Gutsbesitzer und Industrielle, durch nichts bemerkenswerte, politische Dilettanten ohne Programm, mit einem Fürsten an der Spitze, der keine Aufregungen vertrug.

Die Zusammensetzung der Regierung rief bei den verbündeten Gesandtschaften, in den bürgerlichen und bürokratischen Salons, wie in den breiteren Schichten des mittleren Bürgertums, und teils auch des Kleinbürgertums, Befriedigung hervor. Fürst Lwow, der Oktobrist Gutschkow, der Kadett Miljukow – diese Namen klangen beruhigend. Der Name Kerenski veranlasste vielleicht die Alliierten zu einer Grimasse, aber er schreckte sie nicht. Die Weiterblickenden begriffen: Im Lande ist immerhin Revolution; bei einem so sicheren Deichselpferd wie Miljukow kann ein mutwilliges Beipferd nur nützlich sein. So musste der französische Gesandte Paléologue denken, der russische Metaphern liebte.

Unter den Arbeitern und Soldaten erweckte die Zusammensetzung der Regierung von Anfang an feindliche Gefühle, bestenfalls dumpfes Staunen. Die Namen Miljukow oder Gutschkow konnten keine Zustimmung hervorrufen, weder in der Fabrik noch in der Kaserne. Dafür sind nicht wenige Zeugnisse vorhanden. Der Offizier Mstislawski berichtet von der düsteren Sorge der Soldaten darüber, dass die Macht vom Zaren an einen Fürsten übergegangen sei: Hat es sich gelohnt, deshalb Blut zu vergießen? Stankewitsch, der zum intimen Kerenski-Kreise gehörte, machte am 3. März einen Rundgang durch sein Sappeurbataillon, von Kompanie zu Kompanie, und pries die neue Regierung an, die er selbst für die bestmögliche hielt und von der er mit großer Begeisterung sprach. »Aber man fühlte im Auditorium eine Kühle.« Nur wenn der Redner Kerenski erwähnte, »entflammten« die Soldaten »in wahrer Befriedigung«. Zu dieser Zeit hatte bereits die öffentliche Meinung der Spießbürger der Residenz Kerenski in einen Haupthelden der Revolution verwandelt. Die Soldaten wollten in höherem Maße als die Arbeiter in Kerenski ein Gegengewicht zur bürgerlichen Regierung sehen und wunderten sich nur darüber, dass er dort allein war. Doch Kerenski war kein Gegengewicht, sondern eine Ergänzung, eine Deckung, eine Verzierung. Er verteidigte die gleichen Interessen wie Miljukow, nur beim Aufblitzen von Magnesium.

Wie war die reale Konstitution des Landes nach der Aufrichtung der neuen Macht?

Die monarchistische Reaktion verkroch sich in die Löcher. Sobald nur die ersten Wasser der Sintflut zurückwichen, gruppierten sich die Besitzenden aller Arten und Richtungen um das Banner der Kadettenpartei, die mit einem Male die einzige nichtsozialistische Partei und gleichzeitig die äußerste Rechte in der offenen Arena geworden war.

Die Massen strömten in Scharen zu den Sozialisten, die im Bewusstsein des Volkes mit den Sowjets verschmolzen waren. Nicht nur die Arbeiter und Soldaten der großen Garnisonen des Hinterlandes, sondern auch all das bunte Kleinvolk der Städte: Handwerker, Straßenverkäufer, kleine Beamte, Droschkenkutscher, Portiers, Hausangestellte aller Art mieden die Provisorische Regierung mit deren Kanzleien und suchten eine nähere, zugänglichere Macht. In immer größerer Zahl kamen Bauernabgesandte ins Taurische Palais. Die Massen ergossen sich in die Sowjets wie in ein Triumphtor der Revolution. Alles, was außerhalb der Sowjets blieb, fiel von der Revolution gleichsam ab und schien einer anderen Welt zugehörig. So war es auch: Außerhalb der Sowjets blieb die Welt der Besitzenden, in der sich jetzt alle Farben zu einem graurosa Schutzkolorit vermengten.

Nicht die ganze werktätige Masse wählte die Sowjets, nicht mit einem Male erwachte sie, nicht alle Schichten der Unterdrückten wagten gleich zu glauben, dass der Umsturz auch sie betraf. Im Bewusstsein vieler regte sich nur schwerfällig unartikulierte Hoffnung. Den Sowjets wandte sich alles Aktive in den Massen zu, und während der Revolution siegt mehr denn je die Aktivität; da nun die Massenaktivität von Tag zu Tag wuchs, so erweiterte sich die Basis der Sowjets ununterbrochen. Dies war auch die einzige reale Basis der Revolution.

Im Taurischen Palais gab es zwei Hälften: Duma und Sowjet. Das Exekutivkomitee drängte sich ursprünglich in irgendwelchen engen Kanzleien, durch die ein ununterbrochener Menschenstrom flutete. Die Dumadeputierten waren bemüht, sich in ihren Paraderäumen als die Herren zu fühlen. Doch bald trug das Hochwasser der Revolution die Schranken hinweg. Trotz der ganzen Unentschlossenheit seiner Führer verbreiterte sich der Sowjet unaufhaltsam, während die Duma immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Das neue Kräfteverhältnis brach sich allenthalben Bahn.

Die Deputierten im Taurischen Palais, die Offiziere in ihren Regimentern, die Kommandeure in ihren Stäben, die Direktoren und Administratoren der Betriebe, Eisenbahnen, Telegrafenämter, die Gutsbesitzer oder Verwalter auf den Gütern, alle fühlten sich von den ersten Tagen der Revolution an unter der feindseligen und rastlosen Kontrolle der Masse. Der Sowjet war in den Augen dieser Masse der organisierte Ausdruck ihres Misstrauens gegen all jene, die sie unterdrückt hatten. Die Setzer durchforschten eifrig den Text der Artikel, die sie zu setzen hatten, die Eisenbahnarbeiter beobachteten besorgt und wachsam die Militärzüge, die Telegrafisten lasen sich auf neue Art in die Telegramme hinein, die Soldaten sahen sich bei jeder verdächtigen Bewegung des Offiziers an, die Arbeiter warfen den als Schwarzhundertmann bekannten Meister aus dem Betrieb hinaus und hielten ein scharfes Auge auf den liberalen Direktor. Die Duma wurde von den ersten Stunden der Revolution und die Provisorische Regierung von ihren ersten Tagen an zum Reservoir, in das die Klagen und Beschwerden der Oberschichten der Gesellschaft, deren Proteste gegen »Exzesse«, ihre wehmütigen Beobachtungen und düsteren Vorahnungen zusammenströmten.

»Ohne die Bourgeoisie können wir den Staatsapparat nicht erobern«, meinte der sozialistische Kleinbürger mit einem ängstlichen Blick auf die Verwaltungsgebäude, aus denen mit leeren Augenhöhlen das Skelett des alten Staates starrte. Man fand einen Ausweg darin, dass man dem durch die Revolution enthaupteten Apparat irgendwie einen liberalen Kopf aufsetzte. Neue Minister begaben sich in die zaristischen Ministerien, nahmen dort Besitz von dem Apparat der Schreibmaschinen, Telefone, Kuriere, Stenotypistinnen und Beamten und überzeugten sich tagtäglich, dass die Maschine leer läuft.

Kerenski erinnerte sich später, wie die Provisorische Regierung »am dritten Tage der allrussischen Anarchie die Macht in ihre Hände nahm, als es auf der ganzen Fläche der russischen Erde nicht nur keine Macht gab, sondern buchstäblich kein einziger Schutzmann übrig geblieben war«. Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die Millionenmassen leiteten, zählen nicht: Das sind doch nur Elemente der Anarchie. Die Verwahrlosung des Landes wird durch das Verschwinden des Schutzmannes charakterisiert. In diesem Glaubensbekenntnis des allerlinksten Ministers liegt der Schlüssel zur gesamten Politik der Regierung.

Die Gouverneurposten wurden, auf Verfügung des Fürsten Lwow, durch Vorsitzende der Gouvernementsemstwoverwaltungen besetzt, die sich nicht viel von ihren Vorgängern unterschieden; nicht selten waren es Gutsbesitzer von der Art der alten Leibeigenenherren, die sogar in den Gouverneuren Jakobiner erblickten. An die Spitze der Kreise kamen die Vorsitzenden der Kreissemstwoverwaltungen. Unter der frischen Bezeichnung

»Kommissare« erkannte die Bevölkerung ihre alten Feinde. »Dieselben alten Popen, nur unter hochtrabenden Namen«, wie einst Milton von der ängstlichen Reformation der Presbyterianer sagte. Die Gouvernement- und Kreiskommissare bemächtigten sich der Schreibmaschinen, Schreibmaschinistinnen und Beamten der Gouverneure und Isprawniks, um sich davon zu überzeugen, dass diese ihnen keinerlei Macht vererbt hatten. Das Leben in den Gouvernements und in den Kreisen konzentrierte sich um die Sowjets. Auf diese Weise durchsetzte die Doppelherrschaft alles von oben bis unten. Aber die örtlichen Sowjetleiter, die gleichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki, waren doch simpler und warfen durchaus nicht immer die Macht, die sich ihnen aus der ganzen Situation heraus von selbst aufdrängte, von sich. Infolgedessen bestand die Tätigkeit der Provinzkommissare hauptsächlich in Beschwerden über die völlige Unmöglichkeit, ihre Vollmachten geltend zu machen.

Am Tage nach der Bildung des liberalen Ministeriums fühlte die Bourgeoisie, dass sie die Macht nicht erlangt, sondern im Gegenteil verloren hatte. Bei der ganzen phantastischen Willkür der rasputinschen Clique bis zum Umsturze hatte deren reale Macht einen beschränkten Charakter. Der Einfluss der Bourgeoisie auf die Staatsgeschäfte war gewaltig. Auch Russlands Beteiligung am Kriege war in höherem Maße eine Angelegenheit der Bourgeoisie als der Monarchie. Die Hauptsache aber bestand darin, dass die zaristische Macht den Besitzenden die Fabriken, Ländereien, Banken, Häuser und Zeitungen gesichert hatte und mithin in der lebenswichtigsten Frage ihre Regierung gewesen war. Die Februarrevolution veränderte die Lage nach zwei einander entgegengesetzten Richtungen: Sie händigte der Bourgeoisie feierlichst die äußerlichen Machttribute aus, nahm ihr aber gleichzeitig jenen Teil der realen Herrschaft, die sie vor der Revolution besessen hatte. Die gestrigen Angestellten des Semstwoverbandes, wo Fürst Lwow der Gebieter war, und des Kriegsindustriekomitees, wo Gutschkow kommandierte, wurden heute unter dem Namen Sozialrevolutionäre und Menschewiki die Herren der Lage im Lande und an der Front, in Stadt und Dorf, ernannten Lwow und Gutschkow zu Ministern und stellten ihnen dabei Bedingungen, wie wenn sie sie als Gehilfen dingen wollten.

Andererseits konnte das Exekutivkomitee, nachdem es die bürgerliche Regierung geschaffen hatte, sich nicht, dem biblischen Gott gleich, entschließen, kundzutun, die Schöpfung sei gut. Im Gegenteil, es beeilte sich, sofort die Distanz zwischen sich und dem Werke seiner Hand zu vergrößern, indem es erklärte, die neue Macht nur insoweit unterstützen zu wollen, als diese treu der demokratischen Revolution dienen würde. Die Provisorische Regierung war sich dessen durchaus bewusst, dass sie ohne die Unterstützung der offiziellen Demokratie sich nicht eine Stunde würde halten können; diese Unterstützung war ihr indes nur als Lohn für gutes Benehmen versprochen, das heißt für die Durchführung von Aufgaben, die ihr fremd waren und deren Lösung die Demokratie selbst eben noch ausgewichen war. Die Regierung wusste niemals, bis zu welchen Grenzen sie ihre Macht, die halb Konterbande war, äußern dürfte. Nicht immer konnten ihr dies die Häupter des Exekutivkomitees von vornherein sagen, denn auch ihnen war es schwer zu erraten, bei welcher Grenze die Unzufriedenheit in den eigenen Reihen als Abbild des Unwillens der Massen durchbrechen würde. Die Bourgeoisie tat so, als hätten die Sozialisten sie betrogen. Die Sozialisten ihrerseits fürchteten, die Liberalen würden durch ihre vorzeitigen Ansprüche die Massen erregen und die ohnehin schwierige Lage verschlechtern. »insoweit – wie« –, diese Zweideutigkeit drückte der ganzen Voroktoberperiode ihren Stempel auf, indem sie die juristische Formel für die innere Lüge wurde, die im Zwitterregime der Februarrevolution enthalten war.

Um auf die Regierung einen Druck auszuüben, wählte das Exekutivkomitee eine besondere Kommission, die es höflicher-, aber lächerlicherweise »Kontaktkommission« nannte. Die Bildung der revolutionären Macht war also offiziell auf den Prinzipien der gegenseitigen Überredung aufgebaut. Der nicht unbekannte mystische Schriftsteller Mereschkowski konnte einen Präzedenzfall für ein solches Regime nur im Alten Testament finden: Die Zaren Israels hielten sich Propheten. Die biblischen Propheten jedoch, wie auch der Prophet des letzten Romanow, empfingen wenigstens ihre Eingebungen unmittelbar vom Himmel und die Zaren wagten keine Widerrede: Das sicherte die Einheitlichkeit der Macht. Ganz anders die Propheten des Sowjets: Sie predigten nur unter der Eingebung der eigenen Beschränktheit. Die liberalen Minister aber waren der Meinung, es könne überhaupt nichts Gutes von dem Sowjet kommen. Tschcheïdse, Skobeljew, Suchanow und andere gingen zu der Regierung und redeten ihr lang und breit zu nachzugeben; die Minister sträubten sich; die Delegierten kehrten zum Exekutivkomitee zurück; übten hier einen Druck mittels der Autorität der Regierung aus; traten wieder in Verbindung mit den Ministern und – begannen wieder vom Anfang. Diese komplizierte Mühle mahlte nichts aus.

In der Kontaktkommission beklagten sich alle. Besonders Gutschkow jammerte vor den Demokraten über Unordnung in der Armee, hervorgerufen durch das Gewährenlassen des Sowjets. Manchmal vergoss der Kriegsminister der Revolution »in direktem und buchstäblichen Sinne ... Tränen, mindestens wischte er sich eifrig die Augen mit dem Taschentuch«. Er meinte nicht ohne Grund, die Tränen der Gesalbten zu trocknen, sei die direkte Funktion der Propheten.

Am 9. März telegrafierte General Alexejew, der an der Spitze des Hauptquartiers stand, an den Kriegsminister: »Das deutsche Joch ist nahe, wenn wir dem Sowjet weiter nachgeben.« Gutschkow antwortete ihm höchst weinerlich: Die Regierung verfügt leider über keine reale Macht, in den Händen des Sowjets sind Truppen, Eisenbahn, Post und Telegraf. »Man kann geradezu sagen, die Provisorische Regierung existiert nur, solange der Sowjet es zulässt.«

Eine Woche nach der anderen verging, die Lage aber besserte sich nicht im Geringsten. Als die Provisorische Regierung Anfang April Dumadeputierte an die Front sandte, schärfte sie ihnen zähneknirschend ein, keine Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjetdelegierten erkennen zu lassen. Die liberalen Deputierten fühlten sich während der ganzen Reise gleichsam unter Eskorte, doch waren sie sich bewusst, dass sie sonst, trotz all ihren hohen Vollmachten, nicht nur nicht vor den Soldaten erscheinen, sondern auch keinen Platz im Wagen finden könnten. Dieses prosaische Detail aus den Erinnerungen des Fürsten Mansyrew ergänzt vorzüglich den Briefwechsel Gutschkows mit dem Hauptquartier über das Wesen der Februarkonstitution. Ein reaktionärer Witzbold charakterisierte nicht ohne Berechtigung die Lage folgendermaßen: »Die alte Regierung sitzt in der Peter-Paul-Festung und die neue unter Hausarrest.«

Besaß denn die Provisorische Regierung keine andere Stütze außer der fragwürdigen Hilfe der Sowjetführer? Wo waren die besitzenden Klassen hingeraten? Eine begründete Frage. In ihrer Vergangenheit mit der Monarchie verbunden, hatten es die besitzenden Klassen nach der Umwälzung eilig, sich um eine neue Achse zu gruppieren. Der Rat für Industrie und Handel, die Vertretung des vereinigten Kapitals des gesamten Landes, hatte sich bereits am 2. März »vor der großen Tat der Reichsduma verbeugt« und sich »völlig zur Verfügung« ihres Komitees gestellt. Die Semstwos und die Stadtdumas beschritten denselben Weg. Am 10. März rief sogar der Rat des vereinigten Adels, die Stütze des Thrones, in der Sprache pathetischer Feigheit das ganze russische Volk auf, »sich um die Provisorische Regierung, als die heute einzige gesetzliche Macht in Russland, zusammenzuschließen«. Fast zu gleicher Zeit begannen die Institutionen und Organe der besitzenden Klassen die Doppelherrschaft zu tadeln und schoben, zuerst schüchtern, dann immer kühner, die Verantwortung für die Unordnung den Sowjets zu. Hinter den Herren her zogen die Spitzen der Angestellten, die Vereinigungen der liberalen Berufe, die Staatsbeamten. Von der Armee trafen in den Stäben fabrizierte Telegramme, Denkschriften und Resolutionen gleichen Charakters ein. Die liberale Presse eröffnete eine Kampagne »für die Einheitsregierung«, die in den weiteren Monaten den Charakter eines Trommelfeuers gegen die Sowjetführer annahm. Alles zusammen sah äußerst imposant aus. Die große Anzahl der Organisationen, bekannte Namen, Resolutionen, Artikel, der entschiedene Ton, all das wirkte unfehlbar auf die empfänglichen Lenker des Exekutivkomitees. Nichtsdestoweniger stand hinter der dräuenden Parade der besitzenden Klassen keine ernsthafte Macht.

»Und die Macht des Besitzes?« erwiderten den Bolschewiki die kleinbürgerlichen Sozialisten. Besitz ist das Verhältnis zwischen Menschen. Er stellt eine riesige Macht dar, solange er allgemeine Anerkennung findet, die durch das Zwangssystem, das sich Recht und Staat nennt, aufrechterhalten wird. Aber darin bestand ja das Wesen der Lage, dass der alte Staat jäh zusammengebrochen und von den Massen hinter das gesamte alte Recht ein Fragezeichen gestellt war. In den Fabriken betrachteten sich die Arbeiter immer mehr als die Herren, den Herrn aber als den ungebetenen Gast. Noch weniger sicher fühlten sich die Gutsbesitzer auf dem Lande, von Angesicht zu Angesicht mit den finsteren, hasserfüllten Bauern, fern von der Macht, an deren Existenz die Gutsbesitzer, der weiten Entfernung halber, anfangs noch glaubten. Aber die Besitzenden, der Möglichkeit beraubt, über ihren Besitz zu verfügen und sogar, ihn zu schützen, hörten auf, wahre Besitzer zu sein, und wurden stark erschrockene Spießbürger, die ihrer Regierung keine Hilfe leisten konnten, denn sie selbst bedurften ihrer am meisten. Gar bald begannen sie, die Regierung ihrer Schwäche wegen zu verfluchen. Doch in der Gestalt der Regierung verfluchten sie nur ihr eigenes Schicksal.

Indes machten sich Exekutivkomitee und Ministerium in gemeinsamer Tätigkeit gleichsam zur Aufgabe nachzuweisen, dass während einer Revolution die Kunst des Regierens in wortreichem Zeitvergeuden besteht. Bei den Liberalen war es Sache bewusster Berechnung. Ihrer festen Überzeugung nach verlangten alle Fragen eine Vertagung, außer der einen: Ablegung des Treueids für die Entente.

Miljukow machte seine Kollegen mit den Geheimverträgen bekannt. Kerenski überhörte sie. Es scheint, nur der Oberprokureur des Heiligen Synods, der an Überraschungen reiche Lwow, des Premiers Namensvetter, aber nicht Fürst, empörte sich stürmisch und bezeichnete die Verträge sogar als »räuberisch und schwindelhaft«, womit er sicherlich bei Miljukow ein nachsichtiges Lächeln (»der Spießer ist dumm«) und den Antrag hervorgerufen haben mag, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Die offizielle Regierungsdeklaration versprach die Einberufung der Konstituierenden Versammlung in kürzester Frist, die aber absichtlich nicht festgesetzt wurde. Von der Staatsform war keine Rede: Die Regierung hoffte noch, das verlorene Paradies der Monarchie wiederherstellen zu können. Doch bestand der wirkliche Sinn der Deklaration in der Verpflichtung, den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen und »unentwegt die mit den Alliierten geschlossenen Vereinbarungen zu erfüllen«. Hinsichtlich des bedrohlichsten Problems im Dasein des Volkes hatte sich die Revolution scheinbar nur deshalb vollzogen, um zu erklären: Alles bleibt beim Alten. Da die Demokraten der Anerkennung der neuen Macht seitens der Entente eine mystische Bedeutung beimaßen – der Kleinhändler ist nichts, solange die Bank ihn nicht als kreditfähig anerkennt –, so schluckte das Exekutivkomitee schweigend die imperialistische Deklaration vom 6. März. »Kein einziges offizielles Organ der Demokratie«, wehklagte Suchanow ein Jahr später, »... reagierte öffentlich auf den Akt der Provisorischen Regierung, der unsere Revolution vor dem Antlitz des demokratischen Europa gleich bei ihrer Geburt entehrt hat.«

Am 8. kam endlich aus dem Ministerlaboratorium das Dekret über die Amnestie heraus. Zu dieser Zeit waren bereits die Türen der Gefängnisse im ganzen Lande vom Volke geöffnet worden, politische Verbannte kehrten zurück im dichten Strom von Versammlungen, Enthusiasmus, Militärmusik, Reden und Blumen. Das Amnestiedekret klang wie ein verspätetes Echo der Kanzleien. Am 12. wurde die Abschaffung der Todesstrafe proklamiert. Vier Monate später die Todesstrafe für Soldaten wieder eingeführt. Kerenski hatte versprochen, die Rechtspflege auf eine nie dagewesene Höhe zu heben. In der Hitze hatte er tatsächlich den Antrag desExekutivkomitees zur Annahme gebracht, der Vertreter von Arbeitern und Soldaten als Mitglieder der Friedensgerichte einführte. Das war die einzige Maßnahme, in der man den Pulsschlag der Revolution verspürte und die darum bei allen Eunuchen der Justiz Entsetzen hervorrief. Damit aber endete die Sache. Der unter Kerenski einen hohen Ministerposten innehabende Advokat Demjanow, ebenfalls »Sozialist«, beschloss, nach seinen eigenen Worten, sich an das Prinzip zu halten, alle alten Beamten auf ihren Plätzen zu belassen: »Die Politik der revolutionären Regierung darf niemanden ohne Notwendigkeit kränken.« Das war im Wesentlichen die Regel der gesamten Provisorischen Regierung, die am meisten Angst hatte, jemand aus der Mitte der herrschenden Klassen zu kränken, sogar die zaristische Bürokratie. Nicht nur die Richter, sondern auch die Staatsanwälte des Zarismus blieben auf ihren Posten. Gewiss, die Massen konnten sich darob gekränkt fühlen. Das aber ging die Sowjets an: Die Massen blieben außerhalb des Gesichtsfeldes der Regierung.

Etwas wie einen frischen Strahl brachte nur der bereits erwähnte temperamentvolle Oberprokureur Lwow hinein, der offiziell über die »Idioten und Schufte«, die im Heiligen Synod saßen, berichtete. Nicht ohne Besorgnis lauschten die Minister diesen saftigen Charakteristiken, der Synod aber blieb als Staatsinstitution und die Orthodoxie als Staatsreligion weiter bestehen. Sogar die Zusammensetzung des Synods blieb erhalten: Die Revolution darf sich’s mit keinem verderben.

Die Mitglieder des Staatsrates, treue Diener zweier oder dreier Kaiser, fuhren fort zu tagen oder zumindest ihr Gehalt zu beziehen. Diese Tatsache gewann bald symbolische Bedeutung. In den Fabriken und Kasernen protestierte man laut. Das Exekutivkomitee war erregt. Die Regierung verwendete zwei Tage auf die Beratung über Schicksal und Gehalt der Mitglieder des Staatsrates und konnte zu keinem Entschluss kommen. Wie sollte man auch ehrwürdige Männer beunruhigen, unter denen zudem nicht wenige gute Bekannte waren?

Die rasputinschen Minister saßen noch in der Festung, aber die Provisorische Regierung beeilte sich bereits, den ehemaligen Ministern eine Pension auszusetzen. Das klang wie eine Verhöhnung oder wie eine Stimme aus dem Jenseits. Die Regierung jedoch wollte sich’s mit ihren Vorgängern nicht verderben, wenn man diese auch ins Gefängnis gesetzt hatte.

Die Senatoren schlummerten weiter in ihren betressten Uniformen und als der von Kerenski neu ernannte linke Senator Sokolow es wagte, im schwarzen Gehrock zu erscheinen, wurde er einfach aus der Sitzung entfernt: Die zaristischen Senatoren fürchteten sich vor einem Streit mit der Februarrevolution nicht, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass deren Regierung zahnlos war.

Die Ursache für den Zusammenbruch der Märzrevolution in Deutschland erblickte einst Marx darin, dass sie »nur die politische Spitze reformierte, während sie alle Schichten unterhalb dieser Spitze unangetastet ließ – die alte Bürokratie, die alte Armee, die alten, im Dienste des Absolutismus geborenen, erzogenen und ergrauten Richter«. Die Sozialisten vom Typus Kerenskis suchten Rettung darin, worin Marx die Ursache des Unterganges sah. Die menschewistischen Marxisten gingen mit Kerenski, nicht mit Marx. Das einzige Gebiet, auf dem die Regierung Initiative und revolutionäres Tempo an den Tag legte, war die Gesetzgebung für Aktiengesellschaften: Ein Reformdekret wurde bereits am 17. März erlassen. Nationale Beschränkungen wie die des Glaubens wurden erst drei Tage später abgeschafft. In der Regierung gab es nicht wenige Personen, die unter dem alten Regime an nichts weiter als an den Mängeln des Aktienwesens gelitten hatten.

Die Arbeiter forderten ungeduldig den Achtstundentag. Die Regierung stellte sich taub auf beiden Ohren. Jetzt sei doch Krieg, alle müssten sich für das Wohl des Vaterlandes aufopfern. Überdies sei es Sache des Sowjets: Möge er die Arbeiter beruhigen.

Noch bedrohlicher stand die Bodenbesitzfrage. Hier musste unbedingt etwas geschehen. Von den Propheten angetrieben, verfügte der Ackerbauminister Schingarew die Schaffung von lokalen Landkomitees, vorsichtigerweise ohne deren Funktionen und Aufgaben zu bestimmen. Die Bauern bildeten sich ein, die Komitees müssten ihnen Land geben. Die Gutsbesitzer waren der Ansicht, die Komitees hätten den Besitz zu schützen. So zog sich um den Hals des Februarregimes von Anfang an die bäuerliche Schlinge zusammen, unerbittlicher als alle anderen.

Der offiziellen Doktrin gemäß wurden alle Fragen, die die Revolution aufgeworfen hatte, bis zur Konstituierenden Versammlung vertagt. Konnten denn die untadeligen konstitutionellen Demokraten dem Volkswillen vorgreifen, nachdem es ihnen – ach! – nicht gelungen war, Michail Romanow rittlings auf diesen Willen zu setzen? Die Vorbereitung der zukünftigen Nationalvertretung wurde indes mit so bürokratischer Solidität und berechneter Saumseligkeit getroffen, dass die Konstituierende Versammlung sich in ein Trugbild verwandelte. Erst am 25. März, fast einen Monat nach dem Umsturz – ein Monat Revolution! –, ordnete die Regierung zur Ausarbeitung eines Wahlgesetzes die Bildung eines schwerfälligen Besonderen Ausschusses an. Doch trat dieser nicht in Funktion. In seiner durch und durch unwahren »Geschichte der Revolution« teilt Miljukow verlegen mit, dass infolge verschiedener Verzögerungen »der Besondere Ausschuss unter der ersten Regierung seine Arbeit nicht begonnen hat«. Die Verschleppungen gehörten zur Konstitution des Ausschusses und zu seinen Pflichten. Die Aufgabe bestand darin, die Konstituierende Versammlung auf bessere Zeiten zu verzögern: bis zum Siege, zum Frieden oder zum kornilowschen Kalender.

Die russische Bourgeoisie, die zu spät zur Welt gekommen war, hasste die Revolution tödlich. Ihrem Hass fehlte jedoch die Kraft. Es hieß abwarten und manövrieren. Da sie die Möglichkeit nicht besaß, die Revolution niederzuwerfen und zu ersticken, hoffte die Bourgeoisie darauf, sie zu ermatten.

Doppelherrschaft

Worin besteht das Wesen der Doppelherrschaft? Man darf an dieser Frage nicht vorbeigehen, deren Beleuchtung wir in der historischen Literatur bisher nicht begegnet sind. Indes ist die Doppelherrschaft ein eigenartiger Zustand der gesellschaftlichen Krise, der durchaus nicht nur für die russische Revolution von 1917 allein charakteristisch ist, wenn er auch hier am deutlichsten beobachtet werden konnte.

Antagonistische Klassen existierten in der Gesellschaft stets und die von der Macht ausgeschlossene Klasse ist unvermeidlich bestrebt, den Staatskurs in diesem oder jenem Grade in ihre Richtung zu lenken. Das bedeutet jedoch noch keinesfalls, dass in der Gesellschaft eine Doppel- oder Vielherrschaft besteht. Der Charakter eines politischen Regimes wird unmittelbar bestimmt von dem Verhältnis der unterdrückten Klassen zu den herrschenden. Die Einzelherrschaft, die notwendige Bedingung der Widerstandsfähigkeit eines jeden Regimes, kann nur so lange bestehen, wie es der herrschenden Klasse gelingt, ihre ökonomischen und politischen Formen als die einzig möglichen der ganzen Gesellschaft aufzuzwingen.

Die gleichzeitige Herrschaft des Junkertums und der Bourgeoisie – in der hohenzollernschen oder in der republikanischen Form – ist, so stark zeitweilig die Konflikte zwischen den beiden Partnern der Macht auch sein mögen, noch keine Doppelherrschaft: Sie haben eine gemeinsame soziale Basis, ihre Zusammenstöße drohen nicht den Staatsapparat zu spalten. Das Regime der Doppelherrschaft entsteht nur aus dem unversöhnlichen Zusammenprall der Klassen, ist demzufolge nur in einer revolutionären Epoche möglich und bildet eines ihrer wesentlichen Elemente.

Die politische Mechanik der Revolution besteht in dem Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen. Die gewaltsame Umwälzung an sich kommt gewöhnlich innerhalb einer kurzen Frist zustande. Aber keine historische Klasse erhebt sich aus der unterdrückten Lage zur herrschenden mit einem Male, sozusagen über Nacht, mag es auch die Nacht einer Revolution sein. Sie muss schon am Vorabend in Bezug auf die offiziell herrschende Klasse eine höchst unabhängige Stellung eingenommen haben; mehr noch, sie muss die Hoffnungen der Zwischenklassen und -schichten, der mit dem Bestehenden Unzufriedenen, aber für eine selbstständige Rolle Unfähigen, auf sich konzentriert haben. Die historische Vorbereitung einer Umwälzung führt in der vorrevolutionären Periode zu einer solchen Situation, in der die Klasse, die das neue Gesellschaftssystem zu verwirklichen berufen ist, ohne bereits Herr im Lande zu sein, faktisch einen bedeutenden Teil der Staatsmacht in Händen hält, während der offizielle Staatsapparat noch im Besitz der alten Machthaber verbleibt. Dieses ist der Ausgangspunkt der Doppelherrschaft in einer jeden Revolution.

Doch das ist nicht ihre einzige Form. Falls die neue Klasse, die durch die Revolution, die sie nicht gewollt, an die Macht gestellt wird, eine alte, historisch verspätete Klasse ist; falls sie sich etwa vor ihrer offiziellen Krönung verbraucht hat; falls sie, zur Macht gekommen, ihren Widerpartner bereits hinreichend reif, den Arm nach dem Staatssteuer ausgestreckt, vorfindet, – dann führt die politische Umwälzung zum Ersatz der einen Doppelherrschaft mit sehr schwankendem Gleichgewicht durch eine andere, mitunter noch weniger widerstandsfähige. Im Siege über die »Anarchie« der Doppelherrschaft besteht eben auf jeder neuen Etappe die Aufgabe der Revolution oder – der Konterrevolution.

Die Doppelherrschaft setzt die Teilung der Macht in gleiche Hälften oder überhaupt irgendein formales Gleichgewicht der beiden Mächte nicht nur nicht voraus, sondern schließt sie, allgemein gesprochen, völlig aus. Das ist keine konstitutionelle, sondern eine revolutionäre Tatsache. Sie beweist, dass die Störung des sozialen Gleichgewichts den Staatsüberbau bereits gespalten hat. Eine Doppelherrschaft entsteht dort, wo feindliche Klassen sich auf bereits ihrem Wesen nach miteinander nicht zu vereinbarende staatliche Organisationen stützen – eine im Ableben und eine im Entstehen begriffene –, die auf dem Gebiet der Staatsleitung einander auf jedem Schritt bedrängen. Der Teil der Macht, der hierbei jeder der kämpfenden Klassen zufällt, wird vom Kräfteverhältnis und dem Gang des Kampfes bestimmt.

Ein solcher Zustand kann seinem ganzen Wesen nach nicht beständig sein. Die Gesellschaft verlangt Konzentration der Macht und strebt in Gestalt der herrschenden Klasse, oder in diesem Falle, der zwei halbherrschenden Klassen, unversöhnlich dahin. Die Spaltung der Macht kündet nichts anderes an als den Bürgerkrieg. Jedoch bevor sich die rivalisierenden Klassen und Parteien zu diesem entschließen, können sie, besonders wenn sie die Einmischung einer dritten Macht fürchten, gezwungen sein, das System der Doppelherrschaft ziemlich lange zu dulden und sogar gewissermaßen zu sanktionieren. Aber doch wird es unvermeidlich gesprengt werden. Der Bürgerkrieg verleiht der Doppelherrschaft einen augenfälligen, und zwar einen territorialen Ausdruck: Indem sich jede Macht einen befestigten Punkt schafft, führt sie den Kampf um das übrige Territorium, das nicht selten eine Doppelherrschaft in Form des aufeinanderfolgenden Einfalls der beiden kriegführenden Mächte erduldet, bis eine von ihnen sich endgültig festsetzt.

Die englische Revolution des 17. Jahrhunderts zeigt, gerade weil sie eine große Revolution war, die die Nation bis in die Tiefen aufwühlte, ein deutliches Abwechseln von Doppelherrschaftregimes, mit scharfen Übergängen von dem einen zum anderen, in Form des Bürgerkrieges.

Zuerst stehen der Königsmacht, die sich auf die privilegierten Klassen oder die Oberschichten dieser Klassen, Aristokraten und Bischöfe, stützt, Bourgeoisie und dieser nahestehende Schichten des kleinen Landadels gegenüber. Die Regierung der Bourgeoisie ist das Presbyterianer-Parlament, das sich auf die Londoner City stützt. Der andauernde Kampf dieser zwei Regimes wird im offenen Bürgerkrieg entschieden. Zwei Regierungszentren, London und Oxford, schaffen sich ihre Armeen, die Doppelherrschaft nimmt eine territoriale Form an, wenn auch die territorialen Abgrenzungen, wie stets im Bürgerkriege, sehr schwankend sind. Das Parlament obsiegt. Der König ist gefangen und harrt seines Geschicks.

Es könnte scheinen, die Bedingungen für die Einzelherrschaft der presbyterianischen Bourgeoisie seien im Entstehen. Aber bevor noch die Königsmacht gebrochen ist, verwandelt sich die Armee des Parlaments in eine selbstständige politische Kraft. Sie vereinigt in ihren Reihen die Independenten, fromme und entschlossene Kleinbürger, Handwerker und Ackerbauer. Die Armee mischt sich machtvoll in das öffentliche Leben ein, aber nicht einfach als bewaffnete Gewalt, auch nicht als Prätorianergarde, sondern als politische Vertretung einer neuen Klasse, die sich der reichen und wohlhabenden Bourgeoisie entgegenstellt. Dementsprechend schafft die Armee ein neues Staatsorgan, das sich über das militärische Kommando erhebt: den Rat der Soldaten und Offiziersdeputierten (»Agitatoren«). Es beginnt eine neue Periode der Doppelherrschaft: die des presbyterianischen Parlaments und der Independenten-Armee. Die Doppelherrschaft führt zum offenen Zusammenstoß. Die Bourgeoisie erweist sich als ohnmächtig, der »mustergültigen Armee« Cromwells, das heißt den bewaffneten Plebejern, eine eigene Armee entgegenzustellen. Der Konflikt endet mit einer Säuberung des presbyterianischen Parlaments mit Hilfe des Independentensäbels. Vom Parlament bleibt nur Spreu, es wird die Diktatur Cromwells errichtet. Die unteren Schichten der Armee versuchen unter Leitung der Leveller, des äußersten linken Flügels der Revolution, der Herrschaft der militärischen Spitzen, der Granden der Armee ihr eigenes, wahrhaft plebejisches Regime entgegenzustellen. Doch die neue Doppelherrschaft kommt nicht zur Entwicklung: Die Levellers, die untere Schicht der Kleinbürger, haben noch keinen eigenen historischen Weg und können ihn auch noch nicht haben. Cromwell wird mit den Gegnern bald fertig. Es entsteht für eine Reihe von Jahren ein neues, allerdings keinesfalls widerstandsfähiges politisches Gleichgewicht.

In der großen Französischen Revolution konzentriert die Konstituierende Versammlung, deren Rückgrat die oberste Schicht des dritten Standes ist, die Macht in ihren Händen, jedoch ohne dem König seine Vorrechte völlig zu nehmen. Die Periode der Konstituierenden Versammlung ist die Periode scharfer Doppelherrschaft, die mit der Flucht des Königs nach Varennes endet und formell erst mit der Gründung der Republik liquidiert wird.

Die erste französische Konstitution (1791), aufgebaut auf der Fiktion der voneinander völlig unabhängigen gesetzgebenden und ausführenden Gewalt, verschleierte in Wirklichkeit, oder suchte vor dem Volke zu verschleiern, die tatsächliche Doppelherrschaft: der Bourgeoisie, die sich nach der Einnahme der Bastille durch das Volk endgültig in der Nationalversammlung verschanzt hatte, und der alten Monarchie, die sich noch auf die Spitzen des Adels, des Klerus, der Bürokratie und der Militärs stützte, nicht zu reden von ihren Hoffnungen auf eine ausländische Intervention. In diesem widerspruchsvollen Regime lag die Unvermeidlichkeit seines Zusammenbruchs. Ein Ausweg konnte nur gefunden werden entweder in der Vernichtung der bürgerlichen Vertretung mit den Kräften der europäischen Reaktion oder in der Guillotine für den König und die Monarchie. Paris und Koblenz mussten ihre Kräfte messen.

Aber noch bevor es zu Krieg und Guillotine kommt, tritt auf die Bühne die Pariser Kommune, die sich auf die unteren Schichten des dritten Standes der Stadt stützt und den offiziellen Vertretern der bürgerlichen Nation die Herrschaft immer kühner streitig macht. Es entsteht eine neue Doppelherrschaft, deren erste Äußerungen wir bereits im Jahre 1790 wahrnehmen, zu einer Zeit, wo die Mittel- und Großbourgeoisie noch in Administrationen und Munizipalitäten festsitzt. Welch erstaunliches – und gleichzeitig niedrig verleumdetes! – Bild der Bemühungen der plebejischen Schichten, aus der Tiefe emporzusteigen, aus den sozialen Kellern und Katakomben, und jene verbotene Arena zu betreten, wo Menschen in Perücken und Culotten die Schicksale der Nation entscheiden. Es schien, als sei das Fundament selbst, getreten von den Füßen der aufgeklärten Bourgeoisie, lebendig geworden und in Bewegung geraten; aus der formlosen Masse erhoben sich menschliche Häupter, streckten sich schwielige Hände in die Höhe, heisere, aber mutige Stimmen wurden vernehmbar! Die Pariser Distrikte, die Bastarde der Revolution, begannen ihr eigenes Leben zu leben. Sie wurden anerkannt – sie nicht anzuerkennen war unmöglich! – und in Sektionen umgewandelt. Aber unentwegt rissen sie die Schranken der Legalität nieder, erhielten Zustrom frischen Blutes von unten und öffneten, dem Gesetz zuwider, den Entrechteten, Armen, den Sansculotten Zutritt in ihre Reihen. Gleichzeitig bieten die Landmunizipalitäten dem bäuerlichen Aufstand Deckung gegen die bürgerliche Gesetzlichkeit, die den Feudalbesitz begönnert. So erhebt sich unter den Füßen der zweiten Nation die dritte.

Die Pariser Sektionen verhielten sich anfangs der Kommune gegenüber, in der noch die ehrenwerte Bourgeoisie herrschte, oppositionell. Durch einen kühnen Vorstoß eroberten die Sektionen sie am 10. August 1792. Von nun an bildete die revolutionäre Kommune einen Gegensatz zur Gesetzgebenden Versammlung und später zum Konvent, die beide hinter dem Gang und den Aufgaben der Revolution zurückblieben, die die Ereignisse registrierten, aber nicht machten, weil sie nicht die Energie, die Kühnheit, die Einmütigkeit jener neuen Klasse besaßen, die inzwischen aus den Tiefen der Pariser Distrikte aufgestiegen war und einen Stützpunkt in den zurückgebliebensten Dörfern gefunden hatte. In gleicher Weise, wie die Sektionen die Kommune eroberten, eroberte die Kommune durch einen neuen Aufstand den Konvent. Jede dieser Etappen war von der scharf umrissenen Doppelherrschaft charakterisiert, deren beide Flügel bestrebt waren, eine einheitliche und starke Macht aufzurichten, der rechte Flügel auf dem Wege der Verteidigung, der linke auf dem des Angriffes. Das sowohl die Revolution wie die Konterrevolution kennzeichnende Bedürfnis nach einer Diktatur entspringt den unerträglichen Widersprüchen der Doppelherrschaft. Ihr Übergang von einer Form zur anderen wird auf dem Wege des Bürgerkrieges vollzogen. Große Revolutionsetappen, das heißt Verschiebungen der Macht an neue Klassen oder Schichten, fallen dabei ganz und gar nicht zusammen mit den Zyklen der Vertretungskörperschaften, die hinter der Dynamik der Revolution einherschreiten als verspätete Schatten. Zwar verschmilzt schließlich die revolutionäre Diktatur der Sansculotten mit der Diktatur des Konvents – aber welches? –, des durch die Hand des Terrors von den Girondisten, die noch gestern ihn beherrschten, gesäuberten, beschnittenen, der Herrschaft der neuen sozialen Kraft angepassten Konvents. So erhebt sich über die Stufen der Doppelherrschaft im Laufe von vier Jahren die französische Revolution zu ihrem Höhepunkt. Mit dem 9. Thermidor beginnt sie wiederum über die Stufen der Doppelherrschaft hinabzusteigen. Und wieder geht der Bürgerkrieg dem Abstieg voran, wie er früher den Aufstieg begleitete. So sucht die neue Gesellschaft ein neues Gleichgewicht der Kräfte.

Die russische Bourgeoisie, die gegen die rasputinsche Bürokratie kämpfte und gleichzeitig mit ihr zusammenarbeitete, hatte im Kriege ihre politischen Positionen sehr stark gefestigt. Indem sie die Niederlagen des Zarismus ausbeutete, konzentrierte sie mittels der Semstwo- und Stadtverbände und der Kriegsindustriekomitees eine bedeutende Macht in ihren Händen, verfügte selbstständig über gewaltige Staatsmittel und stellte im Grunde genommen eine Parallelregierung dar. Während des Krieges beklagten sich die zaristischen Minister, Fürst Lwow versorge die Armee, ernähre und heile sie und errichte sogar Friseurgeschäfte für Soldaten. »Man muss damit Schluss machen oder aber die ganze Macht in seine Hände geben«, sagte schon 1915 Minister Kriwoschejin. Er hat damals noch nicht geahnt, dass Fürst Lwow nach anderthalb Jahren tatsächlich »die ganze Macht« bekommen würde, nur nicht aus den Händen des Zaren, sondern aus denen Kerenskis, Tschcheïdses und Suchanows. Doch am Tage, nachdem dies geschehen war, entstand eine neue Doppelherrschaft: Neben der gestrigen liberalen Halbregierung, heute formell gesetzlichen, erwuchs die inoffizielle, aber umso realere Regierung der werktätigen Massen in Gestalt der Sowjets. Mit diesem Augenblick beginnt die russische Revolution ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung zu werden.

Worin besteht nun die Eigenart der Doppelherrschaft der Februarrevolution? Bei den Ereignissen des 17. und 18. Jahrhunderts bildete die Doppelherrschaft jedes Mal eine natürliche Kampfetappe, die sich den Beteiligten durch das zeitliche Kräfteverhältnis aufdrängte, wobei jede der Parteien bestrebt war, die Doppelherrschaft durch die eigene Einzelherrschaft zu ersetzen. In der Revolution von 1917 sehen wir, wie die offizielle Demokratie die Doppelherrschaft bewusst und vorbedacht schafft und sich mit allen Kräften dagegen stemmt, die Macht allein zu übernehmen. Die Doppelherrschaft entsteht – so mag es auf den ersten Blick scheinen – nicht als Resultat des Kampfes der Klassen um die Macht, sondern als Resultat des freiwilligen »Abtretens« der Macht durch die eine Klasse an die andere. Insofern die russische »Demokratie« einen Ausweg aus der Doppelherrschaft suchte, sah sie ihn im eigenen Rücktritt von der Macht. Ebendieses nannten wir das Paradoxon der Februarrevolution.

Eine gewisse Analogie kann man eventuell in dem Verhalten der deutschen Bourgeoisie in Bezug auf die Monarchie im Jahre 1848 finden. Doch ist diese Analogie nicht vollständig. Die deutsche Bourgeoisie wollte zwar um jeden Preis auf der Grundlage einer Verständigung die Macht mit der Monarchie teilen, doch war sie nicht restlos im Besitze der Macht und wollte sie auch keinesfalls völlig der Monarchie abtreten. »Die preußische Bourgeoisie war nomineller Besitzer der Herrschaft, sie zweifelte keinen Augenblick, dass die Mächte des alten Staates ohne Hinterhalt sich ihr zu Gebote gestellt und in ebenso viele devote Ableger ihrer eigenen Allmacht verwandelt hätten« (Marx und Engels). Die russische Demokratie von 1917, die seit dem ersten Augenblick des Umsturzes die ganze Macht innehatte, strebte nicht einfach danach, sie mit der Bourgeoisie zu teilen, sondern dieser den Staat vollständig auszuliefern. Das könnte wohl bedeuten, dass die offizielle russische Demokratie im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts Zeit gehabt hatte, sich politisch stärker zu zersetzen als die deutsche liberale Bourgeoisie der Mitte des 19. Es ist dies auch völlig gesetzmäßig, denn es bildet die Kehrseite jenes Aufstieges, den in diesen Jahrzehnten das Proletariat erlebte, das den Platz der Handwerker Cromwells und der Sansculotten Robespierres eingenommen hat.

Betrachtet man aber die Sache tiefer, so zeigt die Doppelherrschaft der Provisorischen Regierung und des Exekutivkomitees den Charakter einer bloßen Widerspiegelung. Prätendent auf die neue Macht konnte nur das Proletariat sein. Zaghaft sich auf die Arbeiter und Soldaten stützend, waren die Versöhnler gezwungen, der doppelten Buchführung der Zaren und der Propheten Beihilfe zu leisten. Die Doppelherrschaft der Liberalen und Demokraten spiegelte nur die vorläufig unterirdische Doppelherrschaft der Bourgeoisie und des Proletariats wider. Wenn die Bolschewiki die Versöhnler von der Spitze der Sowjets verdrängen werden – was nach einigen Monaten geschieht –, dann wird die unterirdische Doppelherrschaft nach außen dringen, und dies wird der Vorabend der Oktoberrevolution sein. Bis zu diesem Augenblick wird die Revolution in der Welt politischer Widerspiegelungen leben. Sich durch die Kannegießerei der sozialistischen Intelligenz brechend, verwandelte sich die Doppelherrschaft aus einer Etappe des Klassenkampfes in eine regulative Idee. Gerade das stellte sie ins Zentrum der theoretischen Diskussion. Nichts geht verloren. Der widerspiegelnde Charakter der Februar-Doppelherrschaft erlaubte uns, jene Etappen der Geschichte besser zu verstehen, in denen die Doppelherrschaft als vollblütige Episode im Kampfe zweier Regime hervortritt. So ermöglicht das reflektierte und kraftlose Licht des Mondes, wichtige Schlussfolgerungen über das Sonnenlicht zu machen.

In der unermesslich höheren Reife des russischen Proletariats bestand eben, verglichen mit den Stadtmassen der alten Revolutionen, die grundlegende Eigenart der Russischen Revolution, die anfangs zum Paradoxon einer halb gespenstischen Doppelherrschaft geführt und dann den Abschluss der realen Doppelherrschaft zugunsten der Bourgeoisie verhindert hat. Denn die Frage stand so: Entweder erobert die Bourgeoisie tatsächlich den alten Staatsapparat und erneuert ihn für ihre eigenen Ziele, wobei die Sowjets verschwinden müssen, oder die Sowjets werden zur Grundlage eines neuen Staates, wobei sie nicht nur den alten Apparat, sondern auch die Herrschaft jener Klassen, denen er gedient, liquidieren. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre hielten den Kurs auf die erste Lösung. Die Bolschewiki auf die zweite. Die unterdrückten Klassen, denen es, nach Marats Worten, in der Vergangenheit an Wissen, Fertigkeit und Führung gefehlt hat, um das von ihnen begonnene Werk zu Ende zu bringen, waren in der Russischen Revolution des 20. Jahrhunderts mit dem einen, dem anderen und dem dritten ausgerüstet. Es siegten die Bolschewiki.

Ein Jahr nach ihrem Siege wiederholte sich die gleiche Frage, bei einem anderen Kräfteverhältnis, in Deutschland. Die Sozialdemokratie hielt den Kurs auf Errichtung der demokratischen Macht der Bourgeoisie und Liquidierung der Sowjets. Luxemburg und Liebknecht nahmen den Weg auf die Diktatur der Sowjets. Es siegten die Sozialdemokraten. Hilferding und Kautsky in Deutschland, Max Adler in Österreich schlugen vor, Demokratie und Sowjetsystem zu »kombinieren« und die Arbeitersowjets in die Verfassung einzubeziehen. Das hätte bedeutet, den potentiellen oder offenen Bürgerkrieg in einen Bestandteil des Staatsregimes zu verwandeln. Eine kuriosere Utopie lässt sich nicht ausdenken. Zu ihrer einzigen Rechtfertigung dient in deutschen Landen vielleicht die alte Tradition: Schon die Württemberger Demokraten von 1848 wollten eine Republik mit einem Herzog an der Spitze.

Widerspricht die Erscheinung der Doppelherrschaft, bisher nicht genügend bewertet, der marxschen Staatstheorie, die die Regierung als das Exekutivkomitee der herrschenden Klasse ansieht? Das wäre dasselbe, als wollte man sagen: Widerspricht das Schwanken der Preise unter dem Einfluss von Nachfrage und Angebot der Werttheorie? Widerlegt die Selbstaufopferung des Weibchens, das sein Junges verteidigt, die Theorie vom Kampf ums Dasein? Nein, in diesen Erscheinungen finden wir nur eine komplizierte Kreuzung der gleichen Gesetze. Wenn der Staat die Organisation der Klassenherrschaft ist, die Revolution aber die Ablösung der herrschenden Klasse, so muss der Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen notwendigerweise widerspruchsvolle Staatszustände schaffen, vor allem in Form der Doppelherrschaft. Das Verhältnis der Klassenkräfte ist keine mathematische Größe, die sich von vornherein berechnen lässt. Wenn das alte Regime aus dem Gleichgewicht geschleudert ist, kann das neue Verhältnis der Kräfte sich ergeben nur als Resultat ihrer gegenseitigen Nachprüfung im Kampf. Das eben ist die Revolution.

Es könnte scheinen, dass diese theoretische Exkursion uns von den Ereignissen des Jahres 1917 abgelenkt hat. In Wirklichkeit führt sie uns zu ihrem innersten Kern. Gerade um das Problem der Doppelherrschaft drehte sich der dramatische Kampf der Parteien und Klassen. Nur von der theoretischen Warte herab kann man sie ganz übersehen und richtig begreifen.

Das Exekutivkomitee

Was am 27. Februar im Taurischen Palais unter dem Namen Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten entstanden war, hatte im Wesentlichen wenig mit diesem Namen gemein. Der Sowjet der Arbeiterdeputierten von 1905, der Stammvater des Systems, war aus dem Generalstreik erwachsen. Er repräsentierte unmittelbar die Massen im Kampfe. Die Streikführer wurden Deputierte des Sowjets. Die Auswahl des Personenbestandes vollzog sich im Feuer. Das führende Organ wurde zur weiteren Leitung des Kampfes vom Sowjet gewählt. Gerade das Exekutivkomitee von 1905 war es gewesen, das den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung gestellt hatte.

Die Februarrevolution siegte, dank dem Aufstand der Regimenter, bevor noch die Arbeiter Sowjets geschaffen hatten. Das Exekutivkomitee bildete sich eigenmächtig vor dem Sowjet, unabhängig von den Betrieben und Regimentern, nach dem Siege der Revolution. Wir sehen hier die klassische Initiative der Radikalen, die beim revolutionären Kampfe abseits stehen, aber bereit sind, seine Früchte zu ernten. Die wirklichen Arbeiterführer verließen die Straßen noch nicht, sie entwaffneten die einen, bewaffneten die anderen, befestigten den Sieg. Die Weiterblickenden unter ihnen waren durch die Nachrichten von der Entstehung irgendeines Sowjets der Arbeiterdeputierten im Taurischen Palais sogleich beunruhigt. Wie die liberale Bourgeoisie in Erwartung der Palastrevolution, die irgendwer vollziehen sollte, im Herbst 1916 eine Reserveregierung vorbereitet hatte, um sie im Falle des Gelingens dem neuen Zaren aufzudrängen, so hatten auch die radikalen Intellektuellen im Augenblick des Februarsieges ihre Reserve-Unterregierung gebildet. Und da sie alle, wenigstens in der Vergangenheit, mit der Arbeiterbewegung in Verbindung gewesen und mit deren Traditionen sich zu decken geneigt waren, gaben sie ihrem Kinde den Namen Exekutivkomitee des Sowjets. Das war eine jener halb beabsichtigten Fälschungen, an denen die Geschichte, darunter auch die Geschichte der Volksaufstände, reich ist. Bei einer revolutionären Wendung der Ereignisse und einem Riss in der Nachfolge greifen jene »gebildeten« Schichten, denen es bevorsteht, sich der Macht anzuschließen, willig zu Namen und Symbolen, die mit den heroischen Erinnerungen der Massen verbunden sind. Worte verschleiern oft das Wesen der Dinge, besonders, wenn dies die Interessen einflussreicher Schichten erfordern. Die riesige Autorität des Exekutivkomitees stützte sich schon am Tage seiner Entstehung auf seine angebliche Nachfolge des Sowjets von 1905.

Das von der ersten chaotischen Versammlung des Sowjets bestätigte Komitee übte dann entscheidenden Einfluss aus sowohl auf die Zusammensetzung des Sowjets wie auf dessen Politik. Dieser Einfluss war umso konservativer, als es eine natürliche Auslese revolutionärer Vertreter, die durch die glühende Atmosphäre des Kampfes gewährleistet wird, nicht mehr gab. Der Aufstand lag bereits im Rücken, alle berauschten sich am Siege, machten Anstalten, sich auf neue Weise einzurichten, die Seelen waren weich, teils auch die Köpfe. Es waren Monate neuer Konflikte und Kämpfe nötig, unter neuen Bedingungen und der sich daraus ergebenden Menschenumschichtung, damit die Sowjets aus Organen, die den Sieg nachträglich gekrönt hatten, zu wahrhaften Organen des Kampfes und der Vorbereitung eines neuen Aufstandes wurden. Wir heben diese Seite der Sache umso mehr hervor, als sie bis jetzt völlig im Schatten geblieben ist.

Jedoch nicht nur die Entstehungsbedingungen des Exekutivkomitees und des Sowjets bestimmten deren gemäßigten und versöhnlerischen Charakter; es waren tiefere und nachhaltigere Ursachen vorhanden, die sich in gleicher Richtung auswirkten.

Soldaten gab es in Petrograd über 150.000 Mann. Arbeiter und Arbeiterinnen aller Kategorien mindestens die vierfache Zahl. Und trotzdem kamen auf zwei Arbeiterdelegierte im Sowjet fünf Soldatendelegierte. Die Normen der Vertretung hatten einen sehr dehnbaren Charakter, man kam den Soldaten auf jede Weise entgegen. Während die Arbeiter einen Vertreter auf tausend wählten, schickten kleinere Truppenteile häufig zwei. Das graue Soldatentuch wurde der Grundton des Sowjets.

Aber auch die Zivilisten waren lange nicht alle durch Arbeiter gewählt worden. Nicht wenige Menschen gerieten auf persönliche Einladung hin, durch Protektion oder einfach durch ihre Verschlagenheit in den Sowjet, radikale Advokaten und Ärzte, Studenten, Journalisten, die verschiedene problematische Gruppen und am häufigsten den eigenen Ehrgeiz vertraten. Diese offenbare Verfälschung des Charakters des Sowjets wurde von den Leitern gerne geduldet, die nicht abgeneigt waren, die allzu herbe Essenz der Fabriken und Kasernen mit dem lauwarmen Wässerchen des gebildeten Spießertums zu verdünnen. Viele dieser zufällig Daherkommenden, Abenteuersüchtigen, Usurpatoren und an die Tribüne gewöhnten Schwätzer verdrängten mit der Autorität ihrer Ellenbogen für lange die schweigsamen Arbeiter und die unentschlossenen Soldaten.

Wenn sich die Sache schon in Petrograd so verhielt, kann man sich leicht vorstellen, wie es in der Provinz aussah, wo der Sieg ganz ohne Kampf gekommen war. Das ganze Land wimmelte von Soldaten. Die Garnisonen von Kiew, Helsingfors und Tiflis standen zahlenmäßig hinter Petrograd nicht zurück, in Saratow, Samara, Tambow, Omsk standen je 70.000 bis 80.000 Soldaten, in Jaroslaw, Jekaterinoslaw, Jekaterinburg je 60.000, in einer ganzen Reihe von Städten je 50.000, 40.000 und 30.000. Die Sowjetvertretung war in den verschiedenen Orten verschieden aufgebaut, wies aber überall den Soldaten eine privilegierte Stellung zu. Politisch wurde dies hervorgerufen durch das Bestreben der Arbeiter selbst, den Soldaten so weit wie möglich entgegenzukommen. Ebenso gern erwiesen die Führer den Offizieren Entgegenkommen. Außer der bedeutenden Zahl der Leutnants und Fähnriche, die in der ersten Zeit von Soldaten gewählt wurden, bewilligte man häufig, vor allem in der Provinz, dem Kommandobestand besondere Vertreter. Im Resultat hatte das Militär in vielen Sowjets die überwältigende Mehrheit. Die Soldatenmassen, die noch keine Zeit gehabt hatten, sich eine politische Physiognomie anzueignen, bestimmten durch ihre Vertreter die Physiognomie der Sowjets.

Jede Vertretung birgt ein Element des Missverständnisses in sich. Es ist besonders groß am Tage nach einem Umsturz. Als Deputierte politisch unbeholfener Soldaten figurierten in der ersten Zeit den Soldaten und der Revolution völlig fremde Personen, allerhand Intellektuelle und Halbintellektuelle, die sich in den Hinterlandsgarnisonen versteckt hielten und deshalb als extreme Patrioten auftraten. So entstand das Auseinanderklaffen der Stimmung der Kaserne und der der Sowjets. Der Offizier Stankewitsch, dem die Soldaten seines Bataillons nach dem Umsturze finster und misstrauisch begegneten, konnte in der Soldatensektion erfolgreich zum akuten Thema, über Disziplin, sprechen. »Warum sind die Stimmungen im Sowjet«, fragte er sich, »milder und angenehmer als beim Bataillon?« Diese naive Ahnungslosigkeit beweist zum Überfluss, wie schwer es für die wahren Gefühle der unteren Schichten ist, sich einen Weg nach oben zu bahnen.

Nichtsdestoweniger begannen die Meetings der Soldaten und Arbeiter schon seit dem 3. März vom Sowjet zu fordern, unverzüglich die Provisorische Regierung der liberalen Bourgeoisie zu beseitigen und die Macht selbst in die Hand zu nehmen. Die Initiative gehörte auch hier dem Wyborger Bezirk. Konnte es auch eine Forderung geben, die den Massen verständlicher und näher gewesen wäre? Aber diese Agitation brach bald ab: nicht nur deshalb, weil die Vaterlandsverteidiger sie scharf zurückwiesen; schlimmer war, dass die bolschewistische Führung in der ersten Märzhälfte sich faktisch vor dem Regime der Doppelherrschaft beugte. Außer den Bolschewiki aber konnte niemand die Machtfrage auf die Spitze treiben. Die Wyborger Führer mussten den Rückzug antreten. Die Petrograder Arbeiter schenkten indes der neuen Regierung nicht eine Stunde Vertrauen und betrachteten sie nicht als die ihre. Doch horchten sie wachsam auf die Soldaten, bemüht, sich zu ihnen nicht zu schroff in Widerspruch zu stellen. Die Soldaten dagegen, die eben die ersten Sätze der Politik silbenweise entzifferten, trauten zwar nach Bauernart den Herren nicht, horchten aber aufmerksam auf ihre Vertreter, die ihrerseits ehrerbietig auf die autoritativen Häupter des Exekutivkomitees horchten; was die Letzteren betrifft, so taten sie nichts anderes, als auf den Puls der liberalen Bourgeoisie zu horchen. Auf diesem Horchen von unten nach oben hielt sich eben alles – bis auf weiteres.

Doch die Stimmungen der unteren Schichten brachen nach außen und die künstlich abgesetzte Machtfrage drängte sich jedes Mal vor, wenn auch in maskierter Form. »Die Soldaten wissen nicht, auf wen zu hören«, klagten Bezirke und Provinz, auf diese Weise die Unzufriedenheit mit der Doppelherrschaft dem Exekutivkomitee bekannt gebend. Die Delegationen der Baltischen und der Schwarzmeer-Flotte erklären am 16. März, sie seien bereit, der Provisorischen Regierung in dem Maße Rechnung zu tragen, in dem diese mit dem Exekutivkomitee zusammengehen werde. Mit anderen Worten, sie hatten vor, mit ihr überhaupt nicht zu rechnen. Je weiter, umso beharrlicher klingt diese Note. »Armee und Bevölkerung haben nur den Anordnungen des Sowjets Folge zu leisten«, bestimmt das 172. Reserveregiment und formuliert sogleich das umgekehrte Theorem: »Befehlen der Provisorischen Regierung, die den Beschlüssen des Sowjets widersprechen, ist nicht Folge zu leisten.« Mit gemischten Gefühlen von Befriedigung und Besorgnis sanktionierte das Exekutivkomitee diesen Zustand. Mit Zähneknirschen duldete ihn die Regierung. Beiden blieb nichts anderes übrig.

Schon Anfang März entstehen Sowjets in allen wichtigeren Städten und Industriezentren. Von dort aus verbreiten sie sich während der nächsten Wochen über das ganze Land. Das Dorf beginnen sie erst im April–Mai zu erfassen. Im Namen der Bauernschaft spricht anfangs hauptsächlich die Armee.

Das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets erhielt natürlicherweise gesamtstaatliche Bedeutung. Die übrigen Sowjets richteten sich nach der Residenz und fassten einer nach dem andern Beschlüsse über die bedingte Unterstützung der Provisorischen Regierung. Obwohl sich in den ersten Monaten die Beziehungen zwischen dem Petrograder Sowjet und denen der Provinz reibungslos herausbildeten, ohne Konflikte und ernstliche Missverständnisse, ergab sich die Notwendigkeit einer gesamtstaatlichen Organisation aus der ganzen Lage. Einen Monat nach der Niederwerfung des Selbstherrschertums wurde die erste Konferenz der Sowjets einberufen, sie war unvollständig und in ihrer Zusammensetzung einseitig. Obwohl von den 185 vertretenen Organisationen zwei Drittel den lokalen Sowjets gehörten, waren es doch vorwiegend Soldatensowjets; zusammen mit den Vertretern der Frontorganisationen hatten die Delegierten der Armee, hauptsächlich Offiziere, die erdrückende Mehrheit. Es ertönten Reden vom Krieg bis zum siegreichen Ende und Zurechtweisungen an die Adresse der Bolschewiki, trotz deren mehr als maßvollem Benehmen. Die Konferenz ergänzte das Petrograder Exekutivkomitee durch 16 konservative Provinzler und legte so seinen gesamtstaatlichen Charakter fest.

Der rechte Flügel war noch mehr gefestigt worden. Von nun an schreckte man die Unzufriedenen immer häufiger mit der Provinz. Die Bestimmung über die Regelung der Zusammensetzung des Petrograder Sowjets, angenommen noch am 14. März, wurde fast nicht durchgeführt. Beschlüsse würden ja doch nicht vom lokalen Sowjet gefasst, sondern vom Allrussischen Exekutivkomitee. Die offiziellen Führer nahmen eine fast unnahbare Position ein. Wichtigere Beschlüsse wurden im Exekutivkomitee, richtiger in seinem regierenden Kern getroffen, nach vorheriger Übereinkunft mit dem Kern der Regierung. Der Sowjet stand beiseite. Man behandelte ihn wie ein Meeting: »Nicht dort, nicht in den Vollversammlungen wird die Politik gemacht, und alle diese ›Plenums‹ haben nicht die geringste praktische Bedeutung« (Suchanow). Die selbstzufriedenen Vollstrecker der Geschicke waren der Ansicht, die Sowjets hätten, nachdem sie ihnen die Führung anvertraut, eigentlich ihre Rolle erfüllt. Die nächste Zukunft wird zeigen, dass dem nicht so war. Die Masse kann sehr geduldig sein, aber sie ist keineswegs Lehm, den man nach Belieben kneten kann. Und in revolutionären Epochen lernt sie schnell. Darin besteht eben die wesentliche Stärke der Revolution.

Um die weitere Entwicklung der Ereignisse besser zu verstehen, muss man bei der Charakteristik jener zwei Parteien verweilen, die seit dem Beginn der Revolution einen engen Block geschlossen hatten, in den Sowjets, den demokratischen Munizipalitäten, auf den Kongressen der sogenannten revolutionären Demokratie herrschten und sogar ihre, allerdings mehr und mehr dahinschmelzende Mehrheit hinüberretteten bis zur Konstituierenden Versammlung, die zum letzten Abglanz ihrer entschwundenen Macht wurde, wie die Abendröte auf einem Berggipfel noch leuchtet von der untergegangenen Sonne.

Kam die russische Bourgeoisie zu spät, um demokratisch zu sein, so wollte sich die russische Demokratie aus demselben Grunde als sozialistisch betrachten. Die demokratische Ideologie hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts hoffnungslos verausgabt. An der Grenze des 20. war für die russische radikale Intelligenz, wollte sie Zugang zu den Massen finden, eine sozialistische Färbung notwendig. Das ist die allgemeine historische Ursache, die zur Entstehung der Mittelparteien führte: der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre. Jede von ihnen hatte indes ihre eigene Genealogie und ihre eigene Ideologie.

Die Ansichten der Menschewiki erwuchsen auf marxistischer Basis. Infolge der nämlichen historischen Verspätung Russlands wurde hier der Marxismus anfänglich nicht so sehr Kritik der kapitalistischen Gesellschaft wie Begründung der Unvermeidlichkeit der bürgerlichen Entwicklung des Landes. Die Geschichte hat, als sie es brauchte, die kastrierte Theorie der proletarischen Revolution geschickt dazu benutzt, um mit ihrer Hilfe breite Kreise muffiger Narodniki-Intellektueller in bürgerlichem Geiste zu europäisieren. Den Menschewiki wurde in diesem Prozess ein großer Platz zugewiesen. Den linken Flügel der bürgerlichen Intelligenz bildend, verbanden sie diese mit den gemäßigtsten Zwischenschichten jener Arbeiter, die zur legalen Arbeit in der Duma und in den Gewerkschaften neigten.

Die Sozialrevolutionäre hingegen bekämpften, ihm teilweise erliegend, theoretisch den Marxismus. Sie hielten sich für die Partei, die das Bündnis zwischen Intelligenz, Arbeitern und Bauern verwirklichte, selbstverständlich unter Leitung der kritischen Vernunft. Auf ökonomischem Gebiet stellten ihre Ideen einen unverdaulichen Mischmasch verschiedener historischer Schichtungen dar, die die Gegensätze in den Daseinsbedingungen der Bauernschaft und die des in schneller kapitalistischer Entwicklung befindlichen Landes widerspiegelten. Die zukünftige Revolution dachten sich die Sozialrevolutionäre weder als bürgerlich noch als sozialistisch, sondern als »demokratisch«: Den sozialen Inhalt ersetzten sie durch eine politische Formel. Sie zeichneten sich auf diese Weise einen Weg vor zwischen Bourgeoisie und Proletariat, folglich auch die Rolle eines Schiedsrichters über beide. Nach dem Februar konnte es scheinen, die Sozialrevolutionäre seien einer solchen Stellung sehr nahe gekommen.

Noch von der ersten Revolution her hatten sie Wurzeln in der Bauernschaft. In den ersten Monaten des Jahres 1917 machte sich die gesamte Dorfintelligenz die traditionelle Formel der Narodniki zu eigen: »Land und Freiheit.« Zum Unterschiede von den Menschewiki, die stets eine reine Stadtpartei geblieben waren, schienen die Sozialrevolutionäre im Dorf eine mächtige Stütze gefunden zu haben. Noch mehr, sie hatten auch in der Stadt die Vorherrschaft: sowohl in den Sowjets durch die Soldatensektionen, wie in den ersten demokratischen Munizipalitäten, wo sie die absolute Stimmenmehrheit besaßen. Die Macht der Partei schien unbegrenzt. In Wirklichkeit war es nur eine politische Verirrung. Eine Partei, für die alle stimmen, außer jener Minderheit, welche weiß, für wen sie zu stimmen hat, ist keine Partei, wie die Sprache, in der die Säuglinge aller Länder sprechen, keine nationale Sprache ist. Die Partei der Sozialrevolutionäre trat auf als die feierliche Bezeichnung für all das, was an der Februarrevolution unreif, ungeformt und wirr war. Jeder, der von der vorrevolutionären Vergangenheit keine genügenden Gründe geerbt hatte, für Kadetten oder Bolschewiki zu stimmen, stimmte für die Sozialrevolutionäre. Doch die Kadetten standen im geschlossenen Lager der Besitzenden. Die Bolschewiki aber waren noch gering an Zahl, unverständlich und sogar furchterweckend. Die Wahl der Sozialrevolutionäre bedeutete die Wahl der Revolution im Großen und Ganzen und verpflichtete zu nichts. In den Städten bedeutete sie das Bestreben der Soldaten, sich der Partei anzunähern, die zu den Bauern steht, das Bestreben des rückständigen Teiles der Arbeiter, sich näher an die Soldaten zu halten, das Bestreben des städtischen Kleinvolkes, sich von den Soldaten und Bauern nicht zu entfernen. In jener Periode war die Mitgliedskarte des Sozialrevolutionärs vorübergehend eine Anweisung auf das Recht, die Institutionen der Revolution zu betreten, und behielt ihre Kraft bis zum Austausch gegen eine andere Karte von ernsterem Charakter. Nicht zu Unrecht wurde von der großen Partei, die alles und alle erfasste, gesagt, sie sei nur eine grandiose Null.

Bereits seit der ersten Revolution leiteten die Menschewiki die Notwendigkeit eines Bündnisses mit den Liberalen aus dem bürgerlichen Charakter der Revolution ab und stellten dieses Bündnis über die Zusammenarbeit mit der Bauernschaft, als einem unzuverlässigen Verbündeten. Die Bolschewiki dagegen bauten die ganze Perspektive der Revolution auf dem Bündnis von Proletariat und Bauernschaft gegen die liberale Bourgeoisie. Da die Sozialrevolutionäre sich vor allem für eine Bauernpartei hielten, so hätte man, könnte es scheinen, in der Revolution ein Bündnis zwischen Bolschewiki und Narodniki als Gegengewicht zum Bündnis der Menschewiki und liberalen Bourgeoisie erwarten dürfen. In Wirklichkeit sehen wir in der Februarrevolution die entgegengesetzte Gruppierung: Menschewiki und Sozialrevolutionäre treten in engstem Bündnis auf, das durch ihren Block mit der liberalen Bourgeoisie ergänzt wird. Die Bolschewiki sind auf dem offiziellen Feld der Politik völlig isoliert.

Diese auf den ersten Blick unerklärliche Tatsache ist in Wirklichkeit ganz gesetzmäßig. Die Sozialrevolutionäre waren keinesfalls eine Bauernpartei, trotz der allgemeinen Sympathien des Dorfes für ihre Parolen. Der grundlegende Kern der Partei, jener, der ihre wirkliche Politik bestimmte und aus seiner Mitte Minister und Beamte stellte, war viel mehr mit den liberalen und radikalen Kreisen der Stadt verbunden als mit den rebellierenden Bauernmassen. Dieser führende Kern, der infolge des Zustroms von karrieristischen Märzsozialrevolutionären ungeheurer angeschwollen war, bekam Todesangst vor dem Schwung der Bauernbewegung, die unter sozialrevolutionären Parolen ging. Die neugebackenen Narodniki wünschten freilich den Bauern alles Gute, aber den roten Hahn wollten sie nicht. Der Schrecken der Sozialrevolutionäre vor dem aufständischen Dorf geht parallel mit dem Schrecken der Menschewiki vor dem Vorstoß des Proletariats; in seiner Gesamtheit war der demokratische Schreck ein treues Abbild der vollkommen realen Gefahr, die die Bewegung der Unterdrückten den besitzenden Klassen brachte und diese zu einem einigen Lager bürgerlich-gutsherrlicher Reaktion zusammenschweißte. Der Block der Sozialrevolutionäre mit der Regierung des Gutsbesitzers Lwow kennzeichnete ihren Bruch mit der Agrarrevolution, wie der Block der Menschewiki mit den Industriellen und Bankiers vom Typ der Gutschkow, Tereschtschenko und Konowalow deren Bruch mit der proletarischen Bewegung gleichkam. Das Bündnis zwischen Menschewiki und Sozialrevolutionären bedeutete unter diesen Umständen nicht die Zusammenarbeit von Proletariat und Bauernschaft, sondern eine Koalition von Parteien, die zugunsten eines Blocks mit den besitzenden Klassen mit Proletariat und Bauernschaft gebrochen hatten.

Aus dem Dargelegten ist klar, wie fiktiv der Sozialismus der beiden demokratischen Parteien war; aber das heißt noch nicht, dass ihr Demokratismus echt war. Im Gegenteil, gerade die Saftlosigkeit des Demokratismus erforderte eben die sozialistische Maskierung. Das russische Proletariat führte den Kampf um Demokratie in unversöhnlichem Antagonismus zur liberalen Bourgeoisie. Die demokratischen Parteien, die im Blocke mit der liberalen Bourgeoisie waren, mussten unvermeidlich mit dem Proletariat in Konflikt geraten. Dies sind die sozialen Wurzeln des weiteren erbitterten Kampfes zwischen den Versöhnlern und den Bolschewiki.

Führt man die oben umrissenen Prozesse auf ihre nackte Klassenmechanik zurück, deren sich die Teilnehmer und sogar die Führer der beiden Versöhnlerparteien allerdings nicht restlos bewusst wurden, so entsteht etwa folgende Verteilung der historischen Funktionen. Die liberale Bourgeoisie vermochte bereits nicht mehr die Massen zu gewinnen. Darum fürchtete sie die Revolution. Aber die Revolution war für die bürgerliche Entwicklung notwendig. Von der Großbourgeoisie trennten sich zwei Abteilungen ab, die aus deren jüngeren Brüdern und Söhnen bestanden. Die eine Abteilung begab sich zu den Arbeitern, die andere zu den Bauern. Sie trachteten, die einen wie die anderen an sich zu ziehen, indem sie aufrichtig und leidenschaftlich zu beweisen suchten, sie seien Sozialisten und der Bourgeoisie feind. Auf diese Weise gewannen sie tatsächlich bedeutenden Einfluss im Volke. Aber sehr bald waren die Auswirkungen ihrer Ideen ihnen über den Kopf gewachsen. Die Bourgeoisie empfand die tödliche Gefahr und gab das Alarmsignal. Die von ihr abgetrennten Abteilungen, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, beantworteten einmütig den Zuruf des Familienältesten. Über die alten Meinungsverschiedenheiten hinwegschreitend, stellten sie sich Schulter an Schulter auf und stürzten, den Massen den Rücken zugekehrt, der bürgerlichen Gesellschaft zu Hilfe.

Sogar verglichen mit den Menschewiki verblüfften die Sozialrevolutionäre durch Schwammigkeit und Welkheit. Den Bolschewiki erschienen sie in allen wichtigen Augenblicken einfach als Kadetten dritter Sorte. Den Kadetten galten sie als drittklassige Bolschewiki. Den Platz der zweiten Sorte nahmen in beiden Fällen die Menschewiki ein. Die schwankende Basis und die Formlosigkeit der Ideologie führten zu einer entsprechenden Menschenauslese: Alle sozialrevolutionären Führer trugen den Stempel der Unfertigkeit, Oberflächlichkeit und sentimentalen Unzuverlässigkeit. Man kann ohne jede Übertreibung sagen: Ein Durchschnittsbolschewik bewies in der Politik, das heißt in den Klassenbeziehungen, mehr Scharfsinn als die berühmtesten sozialrevolutionären Führer.

Bar fester Kriterien, neigten die Sozialrevolutionäre zu ethischen Imperativen. Man braucht nicht zu beweisen, dass moralische Prätentionen sie nicht hinderten, in der großen Politik kleine Gaunereien zu begehen, was im Allgemeinen charakteristisch ist für Mittelparteien ohne feste Basis, klare Doktrin und wahren sittlichen Kern.

Im Blocke der Menschewiki und Sozialrevolutionäre gehörte der führende Platz den Menschewiki, trotz der fraglos zahlenmäßigen Überlegenheit der Sozialrevolutionäre. In dieser Rollenverteilung äußerte sich auf ihre Weise die Hegemonie der Stadt über das Dorf, das Übergewicht der städtischen Kleinbourgeoisie über die ländliche, schließlich die geistige Überlegenheit der »marxistischen« Intelligenz über die Intelligenz, die sich an die echtrussische Soziologie hielt und auf die Dürftigkeit der alten russischen Geschichte stolz war.

In den ersten Wochen nach dem Umsturz hatte, wie wir wissen, keine der linken Parteien in der Hauptstadt ihren wirklichen Stab. Die allgemein anerkannten Führer der sozialistischen Parteien befanden sich in der Emigration. Die Führer zweiten Ranges waren vom Fernen Osten nach dem Zentrum unterwegs. Das erzeugte bei den zeitweiligen Häuptern eine behutsame und abwartende Stimmung, die sie näher aneinanderstieß. Nicht eine der leitenden Gruppen führte in jenen Wochen ihre Gedanken zu Ende. Der Kampf der Parteien im Sowjet trug einen äußerst friedlichen Charakter: Es war, als ginge es um Schattierungen innerhalb ein und derselben »revolutionären Demokratie«. Allerdings vollzog die Leitung der Sowjets mit der Ankunft Zeretellis aus der Verbannung (19. März) eine schroffe Wendung nach rechts, in die Richtung der direkten Verantwortung für die Regierung und den Krieg. Doch auch die Bolschewiki schwenkten Mitte März unter dem Einfluss der aus der Verbannung angekommenen Kamenew und Stalin schroff nach rechts, so dass die Distanz zwischen der Sowjetmehrheit und der linken Opposition Anfang April wohl geringer war als Anfang März. Die eigentliche Differenzierung begann etwas später. Man kann sogar ihr genaues Datum nennen: den 4. April, den Tag nach der Ankunft Lenins in Petrograd.

Die Partei der Menschewiki hatte an den Spitzen ihrer verschiedenen Richtungen eine Reihe hervorragender Gestalten, aber nicht einen revolutionären Führer. Der äußerste rechte Flügel, vertreten durch die alten Lehrer der russischen Sozialdemokratie, Plechanow, Wera Sassulitsch, Deutsch, stand schon unter dem Selbstherrschertum auf der patriotischen Position. Gerade am Vorabend der Februarrevolution schrieb Plechanow, der sich jämmerlich selbst überlebte, in einer amerikanischen Zeitung, Streiks und andere Kampfesarten der Arbeiter in Russland wären jetzt ein Verbrechen. Breitere Kreise der alten Menschewiki, darunter Gestalten wie Martow, Dan, Zeretelli, zählten sich zum Lager von Zimmerwald und lehnten die Verantwortung für den Krieg ab. Doch der Internationalismus der linken Menschewiki wie der der linken Sozialrevolutionäre war in den meisten Fällen eine Deckung für ihre demokratisch-oppositionelle Stellung. Die Februarrevolution versöhnte die Mehrheit dieser »Zimmerwalder« mit dem Krieg, in dem sie von nun an die Verteidigung der Revolution entdeckten. Mit der größten Entschlossenheit betrat diesen Weg Zeretelli, der Dan und andere hinter sich herzog. Martow, der den Beginn des Krieges in Frankreich erlebte und erst am 9. Mai aus dem Ausland eintraf, konnte nicht übersehen, dass seine gestrigen Gesinnungsgenossen nach der Februarrevolution dort angelangt waren, wo Guesde, Sembat und andere im Jahre 1914 begonnen hatten, als sie die Verteidigung der bürgerlichen Republik gegen den deutschen Absolutismus auf sich nahmen. Sich an die Spitze des linken Flügels der Menschewiki stellend, dem es nicht gelang, sich zu irgendeiner ernsten Rolle in der Revolution zu erheben, blieb Martow in Opposition zu der Politik Zeretelli-Dan, wobei er gleichzeitig der Annäherung der linken Menschewiki an die Bolschewiki entgegenwirkte. Im Namen des offiziellen Menschewismus trat Zeretelli auf, hinter dem eine unbestrittene Mehrheit stand: Die vorrevolutionären Patrioten vereinigten sich mühelos mit den Patrioten des Februaraufgebots. Plechanow hatte allerdings seine eigene, ganz chauvinistische Gruppe, die außerhalb der Partei und sogar außerhalb des Sowjets stand. Martows Fraktion, die die gemeinsame Partei nicht verließ, hatte keine eigene Zeitung, wie sie auch keine eigene Politik besaß. Wie stets während großer historischer Ereignisse, verlor Martow hoffnungslos den Kopf und hing in der Luft. Im Jahre 1917, wie im Jahre 1905, hat die Revolution diesen hervorragenden Menschen fast nicht bemerkt.

Zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets und später des Zentral-Exekutivkomitees wurde fast automatisch der Vorsitzende der menschewistischen Dumafraktion, Tschcheïdse. Er war bestrebt, den ganzen Vorrat seiner Gewissenhaftigkeit in seine Pflichten hineinzutragen, wobei er seine stete Unsicherheit durch eine simple Scherzhaftigkeit verschleierte. Auf ihm lag der unauslöschliche Stempel seiner Provinz. Das bergige Georgien, das Land der Sonne, der Weingärten, Bauern und des Kleinadels, mit einem geringen Prozent von Arbeitern, hat eine breite Schicht linker Intellektueller hervorgebracht, die, geschmeidig, temperamentvoll, sich jedoch in ihrer erdrückenden Mehrheit nicht über den kleinbürgerlichen Horizont erhob. In alle vier Dumas schickte Georgien Menschewiki als Deputierte, und in allen vier Fraktionen spielten seine Deputierten die Rolle von Führern. Georgien wurde die Gironde der Russischen Revolution. Beschuldigte man die Girondisten des 18. Jahrhunderts des Föderalismus, so endeten die Girondisten Georgiens, die mit der Verteidigung des einen und unteilbaren Russlands begonnen hatten, beim Separatismus.

Die markanteste Figur, die die georgische Gironde hervorgebracht hat, war zweifellos der ehemalige Deputierte der zweiten Duma, Zeretelli, der sogleich nach seiner Ankunft aus der Verbannung nicht nur das Haupt der Menschewiki, sondern der gesamten damaligen Sowjetmehrheit wurde. Weder Theoretiker noch Journalist, aber hervorragender Redner, war und blieb Zeretelli der Radikale von südfranzösischem Typus. Unter den Bedingungen parlamentarischer Routine würde er sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt haben. Doch er war in einer revolutionären Epoche geboren und hatte sich in seiner Jugend mit einer Dosis Marxismus vergiftet. Jedenfalls entwickelte er bei revolutionären Ereignissen von allen Menschewiki den größten Schwung und das Bestreben, konsequent zu sein. Gerade deshalb hat er mehr als die anderen zum Zusammenbruch des Februarregimes beigetragen. Tschcheïdse unterwarf sich ihm ganz, wenn er auch in gewissen Augenblicken Angst bekam vor dessen doktrinärer Geradlinigkeit, die den gestrigen revolutionären Zuchthäusler den konservativen Vertretern der Bourgeoisie annäherte.

Der Menschewik Skobeljew, der seine frische Popularität der Stellung als Deputierter der letzten Duma verdankte, machte, nicht nur infolge seines jugendlichen Aussehens, den Eindruck eines Studenten, der auf einer Hausbühne die Rolle eines Staatsmannes spielt. Skobeljew spezialisierte sich auf das Löschen von »Exzessen«, Beseitigung lokaler Konflikte und überhaupt auf praktische Verkleisterung der Risse der Doppelherrschaft, bis er im Mai in der unglückseligen Rolle eines Arbeitsministers in die Koalitionsregierung geriet.

Eine einflussreichere Figur unter den Menschewiki war Dan, ein alter Parteiarbeiter, der stets als die zweite Person nach Martow galt. Wenn Sitten und Geist der deutschen Sozialdemokratie der Niedergangsepoche dem Menschewismus überhaupt in Fleisch und Blut eingegangen waren, so schien Dan nachgerade ein Mitglied der deutschen Parteileitung zu sein, ein Ebert kleineren Formats. Der deutsche Dan hat ein Jahr später in Deutschland erfolgreich jene Politik durchgeführt, die dem russischen Ebert in Russland misslungen war. Der Grund lag allerdings nicht in den Menschen, sondern in den Verhältnissen.

War die erste Geige im Orchester der Sowjetmehrheit Zeretelli, so spielte auf schriller Klarinette mit blutunterlaufenen Augen Liber aus aller Lungenkraft. Das war ein Menschewik aus dem jüdischen Arbeiterbund (Bund), mit langer revolutionärer Vergangenheit, sehr aufrichtig, sehr temperamentvoll, sehr beredt, sehr beschränkt und leidenschaftlich bestrebt, sich als unbeugsamer Patriot und eiserner Staatsmann zu zeigen. Liber verzehrte sich buchstäblich in Hass gegen die Bolschewiki.

Die Phalanx menschewistischer Führer kann man mit dem ehemaligen ultralinken Bolschewiken Wojtinski abschließen, einem angesehenen Teilnehmer der ersten Revolution, der die Katorga hinter sich hatte und im März auf dem Boden des Patriotismus mit der Partei brach. Nachdem er sich den Menschewiki angeschlossen hatte, wurde Wojtinski, wie es sich gehört, professioneller Bolschewikenfresser. Ihm fehlte nur das Temperament, um in der Hetze gegen seine früheren Gesinnungsgenossen es mit Liber aufnehmen zu können.

Der Stab der Narodniki war ebenso wenig einheitlich, aber bei weitem nicht so bedeutend und farbig. Die sogenannten Volkssozialisten, die die äußerste rechte Flanke bildeten, führte der alte Emigrant Tschajkowski, der in seinem kämpferischen Chauvinismus Plechanow glich, ohne dessen Talente oder dessen Vergangenheit zu besitzen. Neben ihm stand die alte Breschko-Breschkowskaja, die die Sozialrevolutionäre Großmutter der russischen Revolution nannten, die sich aber eifrig als Taufmutter der russischen Konterrevolution vordrängte. Der betagte Anarchist Kropotkin, der aus seiner Jugend eine Schwäche für die Narodniki behalten hatte, benutzte den Krieg, um all das zu desavouieren, was er fast ein halbes Jahrhundert gelehrt hatte: Der Staatsverneiner unterstützte die Entente, und wenn er die russische Doppelherrschaft verurteilte, so nicht im Namen der Herrschaftslosigkeit, sondern im Namen der Alleinherrschaft der Bourgeoisie. Diese Alten spielten jedoch eher eine dekorative Rolle, wenn auch Tschajkowski später, im Kriege gegen die Bolschewiki, an der Spitze einer der weißen Regierungen stand, die von Churchill ausgehalten wurden.

Den ersten Platz unter den Sozialrevolutionären, allen anderen weit voran, aber nicht in der Partei, sondern über der Partei, nahm Kerenski ein, ein Mann ohne jegliche Parteivergangenheit. Wir werden im Weiteren mehr als einmal dieser von der Vorsehung erkorenen Figur zu begegnen haben, deren Stärke in der Periode der Doppelherrschaft die Verbindung der Schwächen des Liberalismus mit den Schwächen der Demokratie bildete. Der formelle Eintritt in die Partei der Sozialrevolutionäre änderte nichts an Kerenskis verächtlichem Verhalten zu Parteien im Allgemeinen: Er hielt sich für den unmittelbar Auserwählten der Nation. Aber auch die sozialrevolutionäre Partei hatte ja zu jener Zeit aufgehört, eine Partei zu sein, und war eine grandiose, wahrhaft nationale Null. In Kerenski fand sie den ihr adäquaten Führer.

Der spätere Ackerbauminister und dann auch Vorsitzende der Konstituierenden Versammlung, Tschernow, war zweifellos die repräsentativste Figur der alten sozialrevolutionären Partei und galt nicht zufällig als deren Inspirator, Theoretiker und Führer. Mit bedeutenden, aber nicht zu einer Einheit verbundenen Kenntnissen, eher ein Bücherkundiger als ein gebildeter Mensch, hatte Tschernow stets eine unbeschränkte Auswahl passender Zitate zu seiner Verfügung, die lange auf die Phantasie der russischen Jugend gewirkt hatten, ohne sie viel zu lehren. Nur auf eine einzige Frage hatte dieser redselige Führer keine Antwort: Wen und wohin führt er? Die eklektischen Formeln Tschernows, aufgeputzt mit Moral und Verschen, vereinigten bis zu einer bestimmten Zeit das bunteste Publikum, das in allen kritischen Stunden nach verschiedenen Richtungen hin zerrte. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn Tschernow seine Methode der Parteibildung selbstzufrieden dem leninschen »Sektierertum« gegenüberstellte.

Tschernow kam fünf Tage nach Lenin in Petrograd an: England hatte ihn schließlich durchgelassen. Auf die vielen Begrüßungen im Sowjet antwortete der Führer der größten Partei mit der längsten Rede, über die sich Suchanow, ein halber Sozialrevolutionär, folgendermaßen äußerte: »Nicht ich allein, sondern auch viele sozialrevolutionäre Parteipatrioten runzelten die Stirn und schüttelten die Köpfe: Was singt er da so unangenehm, was macht er für seltsame Grimassen und verdreht die Äuglein und spricht endlos ungereimtes Zeug.« Die gesamte weitere Tätigkeit Tschernows in der Revolution entwickelte sich im Grundton seiner ersten Rede. Nach einigen Versuchen, sich Kerenski und Zeretelli von links entgegenzustellen, ergab sich Tschernow, von allen Seiten eingeklemmt, kampflos, säuberte sich von seinem Zimmerwaldismus der Emigration, ging in die Kontaktkommission und später in die Koalitionsregierung. Alles, was er tat, traf daneben. Er beschloss daher auszuweichen. Stimmenthaltung wurde für ihn die Form des politischen Daseins. Seine Autorität schmolz von April bis Oktober noch schneller als die Reihen seiner Partei. Bei allem Unterschied zwischen Tschernow und Kerenski, die einander hassten, wurzelten beide gänzlich in der vorrevolutionären Vergangenheit, in der alten russischen morschen Gesellschaft, in der saftlosen und prätentiösen Intelligenz, die darauf brannte, die Volksmassen zu belehren, zu bevormunden, ihnen Wohltaten zu erweisen, aber völlig unfähig war, sie anzuhören, zu begreifen und von ihnen zu lernen. Ohne dieses aber gibt es keine revolutionäre Politik.

Awksentjew, den die Partei auf die höchsten Posten der Revolution erhob – Vorsitzender des Exekutivkomitees der Bauerndeputierten, Minister des Innern, Vorsitzender des Vorparlaments –, stellte schon eine völlige Karikatur auf einen Politiker dar: Bezaubernder Literaturlehrer des Mädchengymnasiums in Orel – das ist alles, was man von ihm sagen kann. Allerdings – seine politische Tätigkeit war bei weitem bösartiger als seine Person.

Eine große Rolle, aber mehr hinter den Kulissen, spielte in der Fraktion der Sozialrevolutionäre und im regierenden Sowjetkern Goz. Terrorist aus einer bekannten revolutionären Familie, war Goz weniger anspruchsvoll und sachlicher als seine näheren politischen Freunde. Jedoch in der Eigenschaft eines sogenannten »Praktikers« beschränkte er sich auf die Angelegenheiten der Küche und überließ die großen Fragen den anderen. Man muss übrigens hinzufügen, dass er weder Redner noch Schriftsteller war und sein wichtigstes Hilfsmittel persönliche Autorität bildete, die er mit Jahren Zwangsarbeit erkauft hatte.

Wir haben im Wesentlichen alle genannt, die man aus dem führenden Kreis der Narodniki nennen könnte. Es folgen nur noch ganz zufällige Gestalten, wie etwa Filippowski, bezüglich dessen niemand erklären konnte, wie er denn eigentlich auf den obersten Gipfel des Februarolymps geraten war: Es bleibt nur anzunehmen, dass dabei die entscheidende Rolle seine Seeoffiziersuniform gespielt hat.

Neben den offiziellen Führern der zwei herrschenden Parteien gab es im Exekutivkomitee nicht wenig »Wilde«, Einzelgänger, in der Vergangenheit Teilnehmer der Bewegung auf deren verschiedenen Etappen, Menschen, die längst vor der Umwälzung vom Kampfe zurückgetreten waren und die jetzt, nach hastiger Rückkehr unter das Banner der siegreichen Revolution, sich nicht beeilten, ins Parteijoch zu gehen. In allen Grundfragen gingen die Wilden die Linie der Sowjetmehrheit. In der ersten Zeit gehörte ihnen sogar die führende Rolle. Aber in dem Maße, wie die offiziellen Führer aus Verbannung und Emigration zurückkehrten, wurden die Parteilosen auf die zweite Stelle verdrängt, die Politik bekam Form, das Parteimäßige trat in seine Rechte.

Die Gegner des Exekutivkomitees aus dem Lager der Reaktion haben später mehr als einmal auf die Übermacht der Fremdstämmigen im Komitee verwiesen: Juden, Georgier, Letten, Polen usw. Obwohl die Fremdstämmigen im Verhältnis zur ganzen Mitgliedermasse des Exekutivkomitees einen durchaus niedrigen Prozentsatz ausmachten, nahmen sie zweifellos im Präsidium, in verschiedenen Kommissionen, unter den Referenten usw. einen sehr sichtbaren Platz ein. Da die Intelligenz der unterdrückten Nationalitäten, hauptsächlich in den Städten konzentriert, reichlich die revolutionären Reihen füllte, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Zahl der Fremdstämmigen unter der älteren Generation der Revolutionäre besonders ansehnlich war. Ihre Erfahrung, obwohl nicht immer von hoher Qualität, machte sie unentbehrlich bei Errichtung der neuen gesellschaftlichen Formen. Ganz abgeschmackt sind aber die Versuche, die Politik der Sowjets und den Verlauf der gesamten Revolution aus der angeblichen Übermacht der Fremdstämmigen abzuleiten. Der Nationalismus enthüllt auch in diesem Falle Verachtung für die wirkliche Nation, das heißt das Volk, indem er es in der Periode seines großen nationalen Erwachens als einen völligen Tölpel in fremden und zufälligen Händen schildert. Weshalb aber und wie konnten die Fremdstämmigen eine solche wundertätige Macht über die eingeborenen Millionen erlangen? In der Tat stellt die Masse der Nation im Moment einer einschneidenden historischen Wendung nicht selten jene Elemente in ihren Dienst, die noch gestern unterdrückt waren und deshalb mit höchster Bereitschaft den neuen Aufgaben Ausdruck geben. Nicht die Fremdstämmigen führen die Revolution, sondern die Revolution benutzt die Fremdstämmigen. So geschah es sogar bei großen Reformen von oben. Die Politik Peters I. hörte nicht auf, national zu sein, als sie von den alten Wegen abbog und Fremdstämmige und Ausländer in ihren Dienst zog. Die Meister der Deutschen Vorstadt und die holländischen Schiffer drückten in jener Periode die Bedürfnisse der nationalen Entwicklung Russlands besser aus als die russischen Popen, die ehemals von den Griechen herangeschleppt worden waren, oder die Moskauer Bojaren, die ebenfalls über die fremdländische Vergewaltigung klagten, obwohl sie selber von Fremden abstammten, die den russischen Staat gebildet hatten. Jedenfalls verteilte sich die fremdstämmige Intelligenz im Jahre 1917 auf die gleichen Parteien wie die echtrussische, litt an den gleichen Gebrechen und beging dieselben Fehler, wobei gerade die Fremdstämmigen unter den Menschewiki und Sozialrevolutionären mit besonderem Eifer für die Verteidigung und Einheit Russlands paradierten.

So sah das Exekutivkomitee aus, das oberste Organ der Demokratie. Zwei Parteien, die ihre Illusionen verloren, aber die Vorurteile behalten hatten, mit einem Führerstab, der unfähig war, vom Wort zur Tat überzugehen, gelangten an die Spitze der Revolution, die berufen war, Jahrhunderte alte Ketten zu brechen und die Grundsteine einer neuen Gesellschaft zu legen. Die gesamte Tätigkeit der Versöhnler wurde eine Kette qualvoller Widersprüche, die die Volksmassen entkräfteten und die Konvulsionen des Bürgerkrieges vorbereiteten.

Die Arbeiter, die Soldaten, die Bauern nahmen die Ereignisse ernst. Sie meinten, dass die von ihnen geschaffenen Sowjets unverzüglich an die Beseitigung jener Nöte schreiten müssten, die die Revolution geboren hatten. Alle kamen zu den Sowjets. Jeder brachte, was ihn schmerzte. Und wen schmerzte nichts? Man verlangte Beschlüsse, erhoffte Hilfe, erwartete Gerechtigkeit, forderte Vergeltung. Fürsprecher, Beschwerdeführer, Bittsteller, Entlarver glaubten, dass nun endlich die feindliche Macht durch eine eigene ersetzt war. Das Volk vertraut dem Sowjet, das Volk ist bewaffnet, also ist der Sowjet die Regierung. So verstanden sie die Sache – und hatten sie etwa nicht Recht? Ein ununterbrochener Strom von Soldaten, Arbeitern, Soldatenfrauen, Kleinhändlern, Bediensteten, Müttern, Vätern öffnete und schloss die Türe, suchte, fragte, weinte, forderte, zwang Maßnahmen zu treffen – manchmal genau bezeichnend welche – und verwandelte den Sowjet tatsächlich in eine revolutionäre Macht. »Das war durchaus nicht im Interesse und passte keinesfalls in die Pläne des Sowjets selbst«, klagt der uns bekannte Suchanow, der selbstverständlich »nach Kräften gegen diesen Prozess ankämpfte«. Ob mit Erfolg? Ach, er ist gezwungen, gleich zu gestehen:

»Der Sowjetapparat begann unwillkürlich, automatisch, gegen den Willen des Sowjets die offizielle Staatsmaschinerie zu verdrängen, die immer mehr im Leerlauf ging.« Was aber taten die Doktrinäre der Kapitulation, die Mechaniker des Leerlaufs? »Man war gezwungen, sich damit abzufinden und einzelne Funktionen der Regierung zu übernehmen«, gesteht Suchanow melancholisch, »und gleichzeitig die Fiktion aufrechtzuerhalten, als hätte das Mariinski-Palais die Leitung.« Das ist es, womit sich diese Leute in einem verelendeten Lande beschäftigten, das in den Flammen des Krieges und der Revolution stand: Durch maskeradenhafte Maßnahmen schützten sie das Prestige einer Regierung, die das Volk organisch ausgeschieden hatte. Möge die Revolution umkommen, aber es lebe die Fiktion! Gleichzeitig jedoch stieg die Macht, die diese Männer zur Türe hinausjagten, durchs Fenster zu ihnen zurück, wobei sie sie jedes Mal überraschte und in eine lächerliche oder unwürdige Lage versetzte.

Noch in der Nacht zum 28. Februar hatte das Exekutivkomitee die monarchistische Presse geschlossen und für Zeitungen Erlaubnispflicht eingeführt. Proteste ertönten. Am lautesten schrien die, die gewohnt waren, allen den Mund zu verstopfen. Nach einigen Tagen stieß das Komitee wieder mit der Frage der Pressefreiheit zusammen: Das Erscheinen reaktionärer Zeitungen erlauben oder nicht erlauben? Es entstanden Meinungsverschiedenheiten. Doktrinäre vom Typ Suchanow waren für absolute Pressefreiheit. Tschcheïdse war anfangs nicht einverstanden: Wie dürfe man die Waffen dem Todfeinde zur unkontrollierbaren Verwendung überlassen? Es war, nebenbei gesagt, keinem in den Sinn gekommen, die Entscheidung der Frage der Regierung anheimzustellen. Das wäre auch gegenstandslos gewesen: Die Druckereiarbeiter erkannten nur die Verfügungen des Sowjets an. Den 5. März bestätigte das Exekutivkomitee: Die rechte Presse ist zu schließen, das Erscheinen neuer Zeitungen ist von der Genehmigung des Sowjets abhängig zu machen. Aber schon am 10. wurde die Verordnung unter dem Ansturm der bürgerlichen Kreise wieder aufgehoben. »Drei Tage genügten, um zur Vernunft zu kommen«, triumphiert Suchanow. Ein unbegründeter Triumph! Die Presse steht nicht über der Gesellschaft. Ihre Existenzbedingungen geben in der Revolution den Gang der Revolution selbst wieder. Wenn diese den Charakter des Bürgerkrieges annimmt oder anzunehmen droht, wird keines der kämpfenden Lager die Existenz der feindlichen Presse auf dem Gebiete ihres Einflusses zulassen, wie es auch nicht die Kontrolle über Arsenale, Eisenbahnen oder Druckereien freiwillig aus der Hand gibt. Im revolutionären Kampfe ist die Presse nur eine der Waffengattungen. Das Recht auf das Wort steht jedenfalls nicht über dem Recht auf das Leben. Die Revolution jedoch eignet sich auch dieses an. Man kann als Gesetz aufstellen, revolutionäre Regierungen sind umso liberaler, umso duldsamer, umso »großmütiger« gegen die Reaktion, je nichtiger ihr Programm, je mehr sie mit der Vergangenheit verknüpft, je konservativer ihre Rolle ist. Und umgekehrt: Je grandioser die Aufgaben sind, je größer die Zahl der erworbenen Rechte und Interessen, die durch sie verletzt werden, umso konzentrierter ist die revolutionäre Macht, umso unverhüllter ihre Diktatur. Mag das nun gut oder schlecht sein, aber gerade auf diesen Wegen ist die Menschheit bisher vorwärtsgeschritten.

Der Sowjet hatte recht, als er die Kontrolle über die Presse in seinen Händen behalten wollte. Weshalb aber hat er so leicht darauf verzichtet? Weil er überhaupt auf einen ernsten Kampf verzichtet hatte. Er schwieg sich aus über Frieden, über Grund und Boden, sogar über die Republik. Nachdem er der konservativen Bourgeoisie die Macht übergeben hatte, blieb ihm weder Anlass, die rechte Presse zu fürchten, noch die Möglichkeit, gegen sie zu kämpfen. Dafür aber begann die Regierung mit Hilfe des Sowjets bereits nach wenigen Monaten erbarmungslos gegen die linke Presse vorzugehen. Zeitungen der Bolschewiki wurden eine nach der anderen geschlossen.

Am 7. März deklamierte Kerenski in Moskau: »Nikolaus II. ist in meinen Händen ... Ein Marat der Russischen Revolution werde ich niemals sein ... Nikolaus II. wird sich unter meiner persönlichen Überwachung nach England begeben ...« Damen warfen Blumen, Studenten klatschten Beifall. Die Massen aber horchten auf. Noch nie hatte eine ernste Revolution, das heißt eine solche, die was zu verlieren hatte, den gestürzten Monarchen ins Ausland gelassen. Von den Arbeitern und Soldaten gingen ununterbrochen Forderungen ein: die Romanows zu verhaften. Das Exekutivkomitee fühlte, dass man in diesem Punkte nicht spaßen dürfe. Es wurde beschlossen, die Angelegenheit der Romanows müsse der Sowjet in seine Hände nehmen: Damit war offen anerkannt, dass die Regierung kein Vertrauen verdiene. Das Exekutivkomitee gab an alle Eisenbahnstrecken den Befehl, Romanow nicht durchzulassen: Das war es, warum der Zarenzug unterwegs umherirrte. Eines der Exekutivkomiteemitglieder, der Arbeiter Gwosdjew, ein rechtsstehender Menschewik, wurde entsandt, Nikolaus zu verhaften.

Kerenski war desavouiert und mit ihm die Regierung. Sie trat aber nicht zurück, sondern unterwarf sich stillschweigend. Schon am 9. März berichtete Tschcheïdse dem Exekutivkomitee, die Regierung hätte von dem Gedanken, Nikolaus nach England zu schicken, »Abstand« genommen. Die Zarenfamilie wurde im Winterpalais der Haft unterworfen. So stahl das Exekutivkomitee sich selbst die Macht unter dem Kissen hervor. Von der Front aber kamen immer eindringlichere Forderungen: den ehemaligen Zaren in die Peter-Paul-Festung überzuführen.

Revolutionen bedeuteten stets Besitzumschichtungen, nicht nur im Wege der Gesetzgebung, sondern auch im Wege von Expropriationen durch die Massen. Die Agrarrevolution vollzog sich in der Geschichte überhaupt nie anders: Die legale Reform ging beständig in Begleitung des roten Hahnes. In den Städten war die Rolle der Expropriation kleiner: Bürgerliche Revolutionen hatten nicht die Aufgabe, den bürgerlichen Besitz zu erschüttern. Doch gab es wohl kaum eine Revolution, in der die Massen nicht für allgemeine Zwecke von Gebäuden Besitz ergriffen hätten, die den Feinden des Volkes gehörten. Gleich nach der Februarumwälzung tauchten Parteien aus der Illegalität hervor, entstanden Gewerkschaftsverbände, wurden ununterbrochen Meetings abgehalten, alle Stadtbezirke hatten ihre Sowjets – alle brauchten Räume. Die Organisationen nahmen Besitz von unbewohnten Villen der zaristischen Minister oder von leerstehenden Palästen der Zarenballerinen. Die Betroffenen erhoben Beschwerde, oder die Behörden griffen aus eigener Initiative ein. Da die Aneigner aber im Grunde die Macht besaßen, die offizielle Macht hingegen ein Gespenst war, so waren die Staatsanwälte letzten Endes gezwungen, sich an das Exekutivkomitee zu wenden mit dem Ersuchen um Wiederherstellung der verletzten Rechte der Ballerinen, deren unkomplizierte Funktionen von den Mitgliedern der Dynastie aus den Volksmitteln hoch bezahlt worden waren. Wie es sich gehört, setzte man die Kontaktkommission in Bewegung, die Minister tagten, das Exekutivkomitee beriet, es wurden Delegationen zu den Aneignern geschickt – die Sache zog sich monatelang hin.

Suchanow teilt mit, als »Linker« hätte er an sich nichts gegen die radikalsten gesetzgebenden Eingriffe in den Privatbesitz gehabt, dafür aber wäre er »ein heftiger Feind jeglicher gewaltsamer Aneignungen«. Mit solchen Kniffen verhüllten die linken Pechvögel ihren Bankrott. Eine wahrhaft revolutionäre Regierung wäre zweifellos imstande gewesen, durch ein rechtzeitiges Dekret über Requisitionen von Räumlichkeiten die Zahl der chaotischen Besitzergreifungen auf ein Minimum herabzusetzen. Doch die linken Versöhnler hatten die Macht an die Eigentumsfanatiker abgetreten, um hinterher den Massen vergeblich Achtung vor revolutionärer Gesetzlichkeit zu predigen ... unter freiem Himmel. Petrograds Klima begünstigt Platonismus nicht.

Die Brotschlangen gaben der Revolution den letzten Antrieb. Sie waren auch die erste Gefährdung des neuen Regimes. Schon in der konstituierenden Sitzung des Sowjets war beschlossen worden, eine Ernährungskommission zu schaffen. Die Regierung machte sich wenig Sorgen darüber, wie die Hauptstadt zu ernähren sei. Sie war nicht abgeneigt, sie durch Hunger zu zähmen. Das Ernährungsproblem fiel auch späterhin dem Sowjet zu. Zu seiner Verfügung standen Nationalökonomen und Statistiker mit einiger praktischer Erfahrung, die früher im Dienste wirtschaftlicher und administrativer Organe der Bourgeoisie gewesen waren. In den meisten Fällen waren das Menschewiki des rechten Flügels, wie Gromann und Tscherewanin, oder ehemalige weit nach rechts gerückte Bolschewiki, wie Basarow und Awilow. Aber kaum von Angesicht zu Angesicht vor das Ernährungsproblem der Hauptstadt gestellt, waren sie durch die ganze Situation gezwungen, radikalste Maßnahmen zur Bändigung der Spekulation und zur Organisierung des Marktes vorzuschlagen. In einer Reihe von Sitzungen des Sowjets wurde ein ganzes System von Maßnahmen »des Kriegssozialismus« bestätigt, das die Proklamierung aller Brotvorräte als Staatsgut, Festsetzung von Höchstpreisen für Brot entsprechend ebensolchen Preisen für Industrieprodukte, staatliche Produktionskontrolle und geordneten Warenaustausch mit dem Dorfe zum Inhalt hatte. Die Führer des Exekutivkomitees wechselten besorgte Blicke; da sie nichts vorzuschlagen wussten, schlossen sie sich den radikalen Resolutionen an. Die Mitglieder der Kontaktkommission übermittelten sie dann verlegen der Regierung. Die Regierung versprach, die Sache zu studieren. Aber weder Fürst Lwow noch Gutschkow noch Konowalow hatten Lust zu kontrollieren, zu requirieren, sich selbst und ihre Freunde einzuschränken. Alle wirtschaftlichen Verfügungen des Sowjets zerschellten an dem passiven Widerstand des Staatsapparates, soweit sie nicht durch die lokalen Sowjets eigenmächtig verwirklicht wurden. Die einzige praktische Maßnahme, die der Petrograder Sowjet auf dem Gebiete der Ernährung durchgeführt hatte, bestand in der Einschränkung des Konsumenten durch eine feste Ration: anderthalb Pfund Brot für physische Arbeiter, ein Pfund für die übrigen. Allerdings brachte diese Einschränkung noch fast keine Änderungen in das reale Ernährungsbudget der Hauptstadtbevölkerung: – ein Pfund beziehungsweise anderthalb Pfund – es lässt sich leben. Das Elend täglichen Hungerns steht noch bevor. Die Revolution wird gezwungen sein, jahre-, nicht monate-, sondern jahrelang den Riemen am eingefallenen Leibe enger und enger zu ziehen. Sie wird diese Prüfung ertragen. Im Augenblick quält sie nicht Hunger, sondern die Ungewissheit, die Unbestimmtheit des Kurses, die Unsicherheit vor dem morgigen Tag. Ökonomische Schwierigkeiten, verschärft durch 32 Kriegsmonate, klopfen an Türen und Fenster des neuen Regimes. Zerrüttung des Transports, Mangel an verschiedenen Arten von Rohstoffen, Abgenutztheit eines großen Teiles des Inventars, bedrohliche Inflation, Desorganisation des Warenumsatzes, das alles erfordert kühne und unaufschiebbare Maßnahmen. Während sie auf der ökonomischen Linie zu diesen gelangten, machten die Versöhnler die Durchführung politisch unmöglich. Jedes Wirtschaftsproblem, dem sie sich verschlossen, verwandelte sich in eine Verurteilung der Doppelherrschaft, und jeder Beschluss, den sie unterzeichnet hatten, verbrannte ihnen unerträglich die Finger.

Zu einer großen Nachprüfung der Kräfte und Beziehungen wurde die Frage des Achtstundentages. Der Aufstand hat gesiegt, doch der Generalstreik geht weiter. Die Arbeiter sind ernstlich der Meinung, die Änderung des Regimes müsse eine Änderung auch in ihr Schicksal bringen. Das erregt sofort Besorgnis bei den neuen Herrschern, Liberalen wie Sozialisten. Patriotische Parteien und Zeitungen erheben den Ruf: »Soldaten in die Kasernen, Arbeiter an die Werkbank!« Also bleibt alles beim Alten? fragen die Arbeiter. Bis auf weiteres, antworten verlegen die Menschewiki. Doch die Arbeiter begreifen: Wenn es nicht sofort Änderungen gibt, später erst recht nicht. Die Sache mit den Arbeitern zu regeln, überlässt die Bourgeoisie den Sozialisten. Sich darauf berufend, dass der errungene Sieg »die Position der Arbeiterklasse in ihrem revolutionären Kampfe in genügendem Maße gesichert hat« – und in der Tat: Stehen nicht liberale Gutsbesitzer an der Macht? –, beschließt das Exekutivkomitee am 5. März, die Arbeit im Petrograder Rayon wieder aufzunehmen. Arbeiter an die Werkbank! So stark war die Macht des gepanzerten Egoismus der gebildeten Klassen, der Liberalen gemeinsam mit ihren Sozialisten. Diese Menschen glaubten, dass Millionen Arbeiter und Soldaten, die sich unter dem unerbittlichen Druck von Unzufriedenheit und Hoffnung zum Aufstand erhoben hatten, sich nach dem Siege gehorsam mit den alten Lebensbedingungen bescheiden würden. Aus Geschichtsbüchern hatten diese Führer die Überzeugung gewonnen, so sei es auch in früheren Revolutionen geschehen. Aber nein, so war es sogar in der Vergangenheit nie gewesen. Wurden die Werktätigen in den alten Stall zurückgetrieben, so nur auf Umwegen, durch eine Reihe von Niederlagen und Überlistungen. Die grausame soziale Kehrseite politischer Umwälzungen hatte Marat scharf empfunden. Deshalb ist er auch von den offiziellen Geschichtsschreibern so verleumdet worden. »Die Revolution wird vollzogen und gestützt nur von den unteren Klassen der Gesellschaft, von all den Elenden, die der schamlose Reichtum als Canaille verachtet und die von den Römern, mit dem diesen eigenen Zynismus, einst Proletarier genannt wurden«, schrieb Marat einen Monat vor dem Umsturz des 10. August 1792. Was gibt nun die Revolution den Elenden? »Nachdem die Bewegung anfangs einen gewissen Erfolg erreicht hat, erweist sie sich schließlich als besiegt; es fehlt ihr stets noch an Wissen, Festigkeit, Mitteln, Waffen, Führern, an einem bestimmten Aktionsplan; sie bleibt schutzlos gegen die Verschwörer, welche Erfahrung, Geschicklichkeit und Schlauheit besitzen.« Ist es da verwunderlich, dass Kerenski kein Marat der Russischen Revolution sein wollte?

Einer der ehemaligen russischen Industriekapitäne, W. Auerbach, erzählt mit Entrüstung, dass »die Hefe die Revolution etwa wie einen Karneval verstanden hat: Das Dienstmädchen, zum Beispiel, verschwand für ganze Tage, ging mit roten Schleifen spazieren, fuhr Auto, kehrte erst gegen Morgen heim; um sich zu waschen und wieder auf den Bummel zu gehen«. Es ist bemerkenswert, dass der Entlarver, der es unternimmt, die demoralisierende Wirkung der Revolution zu zeigen, das Benehmen des Dienstmädchens in jenen Zügen schildert, die, vielleicht außer der roten Schleife, am besten das Alltagsleben einer bürgerlichen Patrizierin wiedergeben. Ja, die Unterdrückten nehmen die Revolution wie einen Festtag auf, oder wie den Vorabend eines Festtages, und die erste Regung der durch sie geweckten Haussklavinnen besteht eben darin, das Joch der täglichen, erniedrigenden, beklemmenden, ausweglosen Unfreiheit abzuschwächen. Die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit konnte und wollte sich nicht bloß mit den roten Schleifen allein, als Siegessymbol für andere, abfinden. In den Betrieben Petrograds herrschte Erregung. Eine nicht geringe Anzahl von Betrieben widersetzte sich offen den Beschlüssen des Sowjets. An die Werkbänke zu gehen sind die Arbeiter freilich bereit, denn sie sind dazu gezwungen; doch unter welchen Bedingungen? Die Arbeiter forderten den Achtstundentag. Die Menschewiki beriefen sich auf das Jahr 1905, wo die Arbeiter auf dem Wege der Gewalt den Achtstundentag einzuführen versucht und eine Niederlage erlitten hatten: »Der Kampf auf zwei Fronten – gegen Reaktion und Kapitalisten – geht über die Kräfte des Proletariats.« Das war ihre zentrale Idee. Allgemein gesprochen, anerkannten die Menschewiki für die Zukunft die Unvermeidlichkeit eines Bruches mit der Bourgeoisie. Doch dies rein theoretische Bekenntnis verpflichtete sie zu nichts. Sie meinten, man dürfe den Bruch nicht forcieren. Da aber die Bourgeoisie nicht durch leidenschaftliche Phrasen der Redner und Journalisten in das Lager der Reaktion zurückgeworfen wird, sondern durch die selbstständige Bewegung der werktätigen Klassen, widersetzten sich die Menschewiki aus allen Kräften dem ökonomischen Kampfe der Arbeiter und Bauern. »Für die Arbeiterklasse«, lehrten sie, »stehen jetzt nicht die sozialen Fragen auf dem ersten Platz. Sie erkämpft sich jetzt die politische Freiheit.« Worin jedoch diese spekulative Freiheit bestand, konnten die Arbeiter nicht begreifen. Sie wollten vor allem etwas Freiheit für ihre Muskeln und Nerven. Und sie bedrängten die Unternehmer. Welche Ironie: Gerade am 10. März, als die menschewistische Zeitung schrieb, der Achtstundentag stehe jetzt nicht auf der Tagesordnung, erklärte die Vereinigung der Fabrikanten, die am Vorabend bereits gezwungen gewesen war, mit dem Sowjet in offizielle Verhandlungen zu treten, ihre Zustimmung zur Einführung des Achtstundentages und zur Bildung von Fabrikkomitees. Die Industriellen bewiesen mehr Weitsicht als die Strategen des Sowjets. Das ist nicht verwunderlich: In den Fabriken standen die Unternehmer von Angesicht zu Angesicht den Arbeitern gegenüber, die mindestens in der Hälfte der Petrograder Betriebe, darunter vorwiegend der größten, nach achtstündiger Arbeit einmütig die Werkbänke verließen. Sie nahmen sich selbst, was ihnen Regierung und Sowjet versagten. Als die liberale Presse gerührt die Geste der russischen Industriellen vom 10. März 1917 mit der Geste des französischen Adels vom 4. August 1789 verglich, war sie der historischen Wahrheit viel näher, als sie es selbst geglaubt haben mag: Ähnlich den Feudalen am Ende des 18. Jahrhunderts handelten die russischen Kapitalisten unter den Schlägen des Zwanges und hofften durch eine vorübergehende Konzession in die Lage zu kommen, später das Verlorene wieder einzuholen. Unter Verletzung der offiziellen Lüge gestand ein kadettischer Publizist offen: »Zum Unglück der Menschewiki haben die Bolschewiki die Vereinigung der Fabrikanten durch Terror bereits gezwungen, sich mit der sofortigen Einführung des Achtstundentages einverstanden zu erklären.« Worin der Terror bestand, wissen wir schon. Die Arbeiterbolschewiki nahmen in dieser Bewegung zweifellos den ersten Platz ein. Und wiederum ging, wie in den entscheidenden Tagen des Februar, die erdrückende Mehrheit der Arbeiter mit ihnen.

Mit sehr gemischten Gefühlen registrierte der von den Menschewiki geleitete Sowjet den gewaltigen Sieg, der eigentlich gegen ihn errungen worden war. Die beschämten Führer mussten jedoch einen Schritt weitergehen und der Provisorischen Regierung vorschlagen, noch vor der Konstituierenden Versammlung ein Dekret über den Achtstundentag für das ganze Land zu erlassen. Nach einer Übereinkunft mit den Unternehmern weigerte sich aber die Regierung, in Erwartung besserer Tage, die ihr ohne jeglichen Nachdruck gestellte Forderung zu erfüllen.

Im Moskauer Bezirk begann der gleiche Kampf, nur nahm er einen schleichenderen Charakter an. Auch hier verlangte, entgegen dem Widerstande der Arbeiter, der Sowjet die Wiederaufnahme der Arbeit. In einer der größten Fabriken erhielt die Resolution gegen den Abbruch des Streiks 7.000 von 13.000 Stimmen. So ungefähr reagierten auch die anderen Betriebe. Am 10. März wiederholte der Sowjet den Beschluss, wonach die Arbeiter sofort in die Betriebe zurückgehen sollten. Obwohl daraufhin in den meisten Fabriken die Arbeit aufgenommen wurde, entbrannte fast überall der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstages. Die Arbeiter korrigierten ihre Führer durch die Tat. Der sich lange sträubende Moskauer Sowjet war schließlich, am 21. März, gezwungen, durch einen eigenen Beschluss den Achtstundentag einzuführen. Die Industriellen unterwarfen sich unverzüglich. In der Provinz dauerte der Kampf noch bis in den April hinein. Fast überall bremsten die Sowjets anfangs die Bewegung und wirkten ihr entgegen; später traten sie, unter dem Druck der Arbeiter, mit den Unternehmern in Verhandlung; wo diese ihre Zustimmung verweigerten, waren die Sowjets gezwungen, den Achtstundentag eigenmächtig zu dekretieren. Welche Bresche im System!

Die Regierung hielt sich absichtlich beiseite. Inzwischen wurde, dirigiert von den liberalen Führern, eine wütende Kampagne gegen die Arbeiter eröffnet. Um sie mürbe zu machen, beschloss man, die Soldaten gegen sie aufzuhetzen. Eine Verkürzung des Arbeitstages bedeutet doch Schwächung der Front. Dürfe man etwa während des Krieges nur an sich denken? Würden etwa in den Schützengräben die Stunden gezählt? Wenn die besitzenden Klassen den Weg der Demagogie beschreiten, machen sie vor nichts Halt. Die Agitation nahm einen wüsten Charakter an und wurde bald in die Schützengräben übertragen. Der Soldat Pirejko gesteht in seinen Fronterinnerungen, dass die Agitation, hauptsächlich von neugebackenen Sozialisten aus dem Offiziersstande geführt, nicht ohne Wirkung blieb. »Aber das ganze Pech des Offiziersstandes, der es versuchte, die Soldaten gegen die Arbeiter aufzuhetzen, bestand darin, dass sie Offiziere waren. Zu frisch war noch in der Erinnerung eines jeden Soldaten, was früher der Offizier für ihn bedeutet hatte.« Den schärfsten Charakter nahm die Arbeiterhetze in der Hauptstadt an. Im Verein mit dem Kadettenstab fanden die Industriellen unbeschränkte Mittel und Kräfte für die Agitation in der Garnison. »Um den 20. herum«, erzählt Suchanow, »konnte man an allen Straßenecken, in den Trams, an jedem öffentlichen Platz Arbeiter und Soldaten in wütendem Wortgefecht miteinander antreffen.« Es kam auch zu Schlägereien. Die Arbeiter begriffen die Gefahr und wandten sie geschickt ab. Es genügte ihnen, zu diesem Zwecke die Wahrheit zu erzählen, die Zahlen der Kriegsgewinne zu nennen, den Soldaten die Betriebe und Werkstätten mit ihrem Maschinenlärm, höllischen Flammen der Öfen zu zeigen – ihre ewige Front, an der sie ungezählte Opfer brachten. Auf Initiative der Arbeiter begannen regelmäßige Besuche der Betriebe durch Garnisonteile, besonders jener Betriebe, die für die Landesverteidigung arbeiteten. Der Soldat sah und hörte, der Arbeiter zeigte und erklärte. Die Besuche endeten mit feierlichen Verbrüderungen. Die sozialistischen Zeitungen veröffentlichten zahlreiche Resolutionen von Truppenteilen über deren unverbrüchliche Solidarität mit den Arbeitern. Um die Mitte des Monats April verschwand der Konfliktgegenstand restlos aus den Spalten der Zeitungen. Die bürgerliche Presse verstummte. So errangen die Arbeiter nach dem ökonomischen einen politischen und moralischen Sieg.

Die mit dem Kampf um den Achtstundentag verbundenen Ereignisse waren für die ganze weitere Entwicklung der Revolution von großer Bedeutung. Die Arbeiter gewannen einige freie Stunden in der Woche für Lektüre, Versammlungen, aber auch für Gewehrübungen, die mit der Schaffung der Arbeitermiliz einen geordneten Charakter bekamen. Nach einer so krassen Lehre fingen die Arbeiter an, sich die Sowjetleiter näher zu besehen. Die Autorität der Menschewiki hatte eine ernstliche Einbuße erlitten. Die Bolschewiki befestigten sich in den Betrieben, teils auch in den Kasernen. Der Soldat wurde aufmerksamer, nachdenklicher, vorsichtiger; er begriff, dass ihm jemand auflauere. Die verräterische Absicht der Demagogie wandte sich gegen deren Inspiratoren. Statt Entfremdung und Feindschaft entstand eine innigere Zusammenschweißung der Arbeiter und Soldaten.

Trotz des Kontaktidylls hasste die Regierung den Sowjet, seine Führer, seine Bevormundung. Sie bewies es bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. Da der Sowjet reine Regierungsfunktionen ausübte, und zwar auf eigenes Ersuchen der Regierung, sobald es hieß, die Massen im Zaume zu halten, kam das Exekutivkomitee um einen bescheidenen Unkostenzuschuss ein. Die Regierung lehnte ab und beharrte, trotz wiederholten Drängens des Sowjets, bei ihrer Weigerung: Sie könne einer »Privatorganisation« keine Staatsmittel bewilligen. Der Sowjet schwieg. Das Budget des Sowjets belastete die Arbeiter, die nicht müde wurden, Geldsammlungen für die Bedürfnisse der Revolution zu veranstalten.

Indes wahrten beide Parteien, Liberale und Sozialisten, den Schein restloser gegenseitiger Freundschaft. Auf der Allrussischen Konferenz der Sowjets wurde das Vorhandensein einer Doppelmacht für eine Erfindung erklärt. Kerenski versicherte den Delegierten der Armee, zwischen Regierung und Sowjet bestehe völlige Einigkeit über Aufgaben und Ziele. Nicht minder eifrig bestritten Zeretelli, Dan und andere Sowjethäupter die Existenz der Doppelherrschaft. Mit Hilfe der Lüge suchte man ein Regime zu festigen, das auf Lüge aufgebaut war.

Doch schwankte das Regime seit den ersten Wochen. Die Führer waren unermüdlich in organisatorischen Kombinationen: Sie versuchten, sich gegen die Massen auf zufällige Vertreter zu stützen, auf die Soldaten gegen die Arbeiter, auf neue Dumas, Semstwos, Kooperationen gegen die Sowjets, auf die Provinz gegen die Residenz und zum Schluss auf die Offiziere gegen das Volk.

Die Sowjetform enthält keinerlei mystische Kraft. Sie ist durchaus nicht von den Fehlern einer jeden Vertretungsform frei, die unvermeidlich bleiben, solange diese selbst unvermeidlich ist. Aber ihre Stärke besteht darin, dass sie diese Fehler auf das Äußerste herabmindert. Man kann mit Bestimmtheit sagen – und die Erfahrung wird das bald bestätigen –, dass jede andere die Massen atomisierende Vertretung in der Revolution deren wirklichen Willen unvergleichlich schlechter und mit weitaus größerer Verspätung zum Ausdruck gebracht haben würde. Von allen revolutionären Vertretungsformen ist der Sowjet die biegsamste, unmittelbarste und klarste. Aber, doch ist es nur eine Form. Sie kann nicht mehr geben, als die Massen in jedem gegebenen Augenblick fähig sind, in sie hineinzulegen. Dafür aber kann sie den Massen das Verständnis für die begangenen Fehler und deren Richtigstellung erleichtern. Darin eben bestand eine der wichtigsten Bürgschaften für die Entwicklung der Revolution.

Wie aber waren die politischen Perspektiven des Exekutivkomitees? Es ist fraglich, ob einer seiner Führer bis zu Ende durchdachte Perspektiven besaß. Suchanow versicherte später, dass, nach seinem Plan, die Macht nur für eine kurze Frist an die Bourgeoisie abgetreten werden sollte, bis die Demokratie, stärker geworden, diese Macht umso sicherer übernehmen könne. Doch diese an sich naive Konstruktion hat einen durchsichtig retrospektiven Charakter. Jedenfalls wurde sie seinerzeit von niemandem formuliert. Unter der Leitung Zeretellis hörten zwar die Schwankungen des Exekutivkomitees nicht auf, wurden aber in ein System gebracht. Zeretelli verkündete offen, ohne eine feste bürgerliche Macht drohe der Revolution der unabwendbare Untergang. Die Demokratie müsse sich darauf beschränken, auf die liberale Bourgeoisie zu drücken, und sich hüten, durch eine unvorsichtige Handlung sie in das Lager der Reaktion zu stoßen; im Gegenteil, sie müsse die liberale Bourgeoisie, insoweit diese die Errungenschaften der Revolution festigen werde, unterstützen. Letzten Endes musste dieses unbestimmte Regime auf eine bürgerliche Republik mit den Sozialisten als parlamentarische Opposition hinauslaufen.

Einen Stein des Anstoßes bildete für die Führer weniger die Perspektive als das laufende Aktionsprogramm. Die Versöhnler versprachen den Massen, auf dem Wege des »Drucks« von der Bourgeoisie eine demokratische Innen- und Außenpolitik zu erkämpfen. Zweifellos haben in der Geschichte die herrschenden Klassen mehr als einmal unter dem Druck der Volksmassen Konzessionen gemacht. Aber der »Druck« bedeutete letzten Endes die Drohung, die herrschende Klasse von der Macht zu verdrängen und deren Platz einzunehmen. Gerade diese Waffe jedoch hatte die Demokratie nicht in den Händen. Sie selbst hatte freiwillig die Macht der Bourgeoisie ausgeliefert. Bei Ausbruch von Konflikten drohte nicht die Demokratie mit der Wegnahme der Macht, sondern umgekehrt die Bourgeoisie schreckte mit ihrem Verzicht auf die Macht. So lag der Haupthebel der Druckmechanik in den Händen der Bourgeoisie. Das erklärt auch, weshalb die Regierung bei ihrer ganzen Ohnmacht allen ernsten Bestrebungen der Sowjetspitzen mit Erfolg Widerstand leisten konnte.

Mitte April erwies sich sogar das Exekutivkomitee als ein zu breites Organ für die politischen Sakramente des führenden Kernes, der sein Gesicht endgültig den Liberalen zugewandt hatte. Es wurde ein Büro abgesondert, ausschließlich aus rechten Vaterlandsverteidigern. Von nun an machte man große Politik im eigenen Kreise. Alles schien ins Geleise zu kommen und sich zu festigen. Zeretelli herrschte in den Sowjets uneingeschränkt. Kerenski stieg höher und höher. Aber gerade in diesem Moment begannen unten, bei den Massen, die ersten beunruhigenden Anzeichen deutlich sichtbar zu werden. »Es ist erstaunlich«, schreibt Stankewitsch, der dem Kreise Kerenskis nahestand, »dass gerade in dem Augenblick, als das Komitee sich organisierte, als das Büro, gewählt ausschließlich aus Parteien der Vaterlandsverteidigung, die Verantwortung für die Arbeit übernahm, dass gerade zu dieser Zeit das Komitee aus seinen Händen die Leitung der Massen verlor, die sich von ihm abwandten.« Erstaunlich? Nein, nur gesetzmäßig.

Armee und Krieg

Schon in den der Revolution vorangegangenen Monaten war die Disziplin in der Armee merklich ins Wanken geraten. Man kann nicht wenige Klagen von Offizieren aus jener Zeit finden: Die Soldaten benähmen sich ungebührlich gegen die Vorgesetzten, die Behandlung der Pferde, des Fiskusgutes, sogar der Waffen, sei unter jeder Kritik, in den Militärzügen herrsche Unordnung. Nicht überall war die Sache gleich schlecht. Doch bewegte sie sich überall in der gleichen Richtung: dem Zerfall zu.

Nun kam die Erschütterung durch die Revolution hinzu. Der Aufstand der Petrograder Garnison vollzog sich nicht nur ohne den Offiziersstand, sondern gegen ihn. In den kritischen Stunden versteckten die Kommandeure einfach die Köpfe. Der Oktobristendeputierte Schidlowski unterhielt sich am 27. Februar mit Offizieren des Preobraschenski-Regiments, offenbar in der Absicht, deren Einstellung zur Duma herauszufühlen, aber er traf bei den Gardearistokraten völliges Unverständnis für die Geschehnisse, was übrigens vielleicht zur Hälfte Verstellung war: Waren es doch alles erschrockene Monarchisten. »Wie groß war meine Verwunderung«, berichtet Schidlowski, »als ich am nächsten Morgen auf der Straße das gesamte Preobraschenski-Regiment, in mustergültiger Ordnung in Reih und Glied marschierend, mit einem Orchester an der Spitze, ohne einen einzigen Offizier erblickte ...« Allerdings kamen einige Truppenteile ins Taurische Palais mit ihren Kommandeuren, genauer gesagt, sie führten diese mit sich. Die Offiziere fühlten sich bei diesem Festzug in der Lage von Gefangenen. Gräfin Kleinmichel, die als Verhaftete diese Szenen beobachtet hat, drückt sich bestimmter aus: Die Offiziere ähnelten Hammeln, die man zur Schlachtbank führt.

Nicht die Februarrevolution hat die Trennung zwischen Soldaten und Offizieren geschaffen, sie hat sie nur aufgedeckt. Im Bewusstsein der Soldaten war der Aufstand gegen die Monarchie zuallererst ein Aufstand gegen die Vorgesetzten. »Seit dem Morgen des 28. Februar«, erinnert sich der Kadett Nabokow, der in jenen Tagen Offiziersuniform trug, »war es gefährlich, auszugehen, weil man den Offizieren die Achselstücke herunterriss.« So sah der erste Tag des neuen Regimes in der Garnison aus!

Die erste Sorge des Exekutivkomitees war, die Soldaten mit den Offizieren zu versöhnen. Das bedeutete nichts anderes, als die Truppenteile wieder den alten Kommandeuren zu unterstellen. Die Rückkehr der Offiziere zu den Regimentern sollte, nach Suchanows Worten, die Armee vor »allgemeiner Anarchie oder der Diktatur der finsteren und zersetzenden Soldateska« bewahren. Wie die Liberalen, fürchteten diese Revolutionäre die Soldaten und nicht die Offiziere. Indes erwarteten die Arbeiter gemeinsam mit der »finsteren Soldateska« alles Übel gerade von Seiten der glanzvollen Offiziere. Die Versöhnung war deshalb nicht von Dauer.

Stankewitsch schildert das Verhalten der Soldaten gegenüber den nach der Umwälzung zu ihnen zurückgekehrten Offizieren in folgenden Zügen: »Es stellte sich heraus, dass die Soldaten, die unter Verletzung der Disziplin nicht nur ohne Offiziere, sondern ... in vielen Fällen trotz der Offiziere die Kasernen verlassen und jene Vorgesetzten, die ihre Pflicht erfüllten, sogar getötet, ein großes Heldenstück der Befreiung vollbracht hatten. Wenn dies eine Heldentat war und die Offiziere es jetzt selbst behaupteten, weshalb haben sie dann nicht selbst die Soldaten auf die Straße geführt – für sie wäre es doch leichter und gefahrloser gewesen? Jetzt, nach der Tatsache des Sieges, schließen sie sich der Heldentat an. Ob aber aufrichtig und für lange?« Diese Worte sind umso lehrreicher, als ihr Autor selbst zu jenen »linken« Offizieren gehörte, die nicht mal daran gedacht hatten, die Soldaten auf die Straße zu führen.

Am Morgen des 28. klärte auf dem Sampsonjewski-Prospekt der Kommandeur einer Genieabteilung seine Soldaten auf: »Die allen verhasste Regierung ist gestürzt«, eine neue sei gebildet, mit dem Fürsten Lwow an der Spitze, folglich müsse man in alter Weise den Offizieren gehorchen. »Und jetzt – bitte jeder auf seinen Platz in die Kasernen. Einige Soldaten riefen: »Zu Befehl«, die Mehrzahl blickte verwirrt drein: Das ist alles? Diese Szene hatte Kajurow zufällig beobachtet. Es ging ihm durch und durch. »Gestatten Sie mir das Wort, Herr Kommandeur« ... Und ohne die Erlaubnis abzuwarten, stellte Kajurow die Frage: »Ist denn wegen der Ablösung des einen Gutsbesitzers durch den anderen drei Tage lang in den Straßen Petrograds Arbeiterblut geflossen?« Kajurow hatte auch hier den Stier bei den Hörnern gepackt. Die von ihm gestellte Frage bildete den Kampfinhalt der nächsten Monate. Der Antagonismus zwischen Soldat und Offizier war die Widerspiegelung der Feindschaft zwischen Bauer und Gutsbesitzer.

In der Provinz stellten die Kommandeure, die offenbar inzwischen Instruktionen erhalten hatten, die Ereignisse nach einem und demselben Muster dar: Der Kaiser habe sich in Sorge um das Land erschöpft und sei gezwungen gewesen, die Last der Regierung seinem Bruder zu übertragen. Man las auf den Gesichtern der Soldaten, klagt ein Offizier aus einem entlegenen Winkel der Krim: Nikolaus oder Michail – alles einerlei. Als jedoch der gleiche Kommandeur gezwungen war, am nächsten Morgen dem Bataillon den Sieg der Revolution mitzuteilen, waren die Soldaten, nach seinen Worten, wie umgewandelt. Ihre Fragen, Gesten, Blicke zeugten klar von der »beharrlichen, langwierigen Arbeit, die jemand an diesen finsteren, grauen, des Denkens ungewohnten Hirnen vollbracht hatte«. Welche Kluft zwischen den Offizieren, deren Gehirne sich so mühelos dem letzten Petrograder Telegramm anpassten, und diesen Soldaten, die zwar schwer, aber ehrlich ihr Verhältnis zu den Ereignissen bestimmten, sie selbstständig auf der schwieligen Hand wägend!

Das oberste Kommando, das die Umwälzung formell anerkannt hatte, beschloss, die Revolution überhaupt nicht an die Front durchzulassen. Der Stabschef des Hauptquartiers befahl den Oberkommandierenden der Fronten: Falls auf den ihnen unterstellten Territorien revolutionäre Delegationen auftauchen sollten, die General Alexejew der Kürze halber Banden nannte, sie unverzüglich gefangen zu nehmen und an Ort und Stelle vor ein Feldgericht zu stellen. Am nächsten Tage verlangte der gleiche General im Namen »Seiner Hoheit«, des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, von der Regierung »Einstellung alles dessen, was heute in den Armeebezirken des Hinterlandes geschieht«, mit anderen Worten – der Revolution.

Das Kommando verschleppte es solange wie möglich, die aktive Armee über die Umwälzung zu unterrichten, weniger aus Treue für die Monarchie als aus Angst vor der Revolution. An einigen Fronten errichtete man wahre Quarantänen: Briefe aus Petrograd wurden nicht durchgelassen, ankommende Personen festgehalten, so stahl das alte Regime von der Ewigkeit einige überzählige Tage. Die Kunde von der Umwälzung erreichte die Kampflinie nicht vor dem 5.–6. März, aber in welcher Gestalt? Wir haben es schon ungefähr vernommen: Zum Höchstkommandierenden sei der Großfürst ernannt, der Zar habe zum Wohle des Vaterlandes auf den Thron verzichtet, sonst sei alles beim Alten. In viele Schützengräben, vielleicht in die meisten, gelangten die Nachrichten von der Revolution früher durch die Deutschen als aus Petrograd. Konnten bei den Soldaten da noch Zweifel bestehen, dass das gesamte Kommando eine Verschwörung zur Unterdrückung der Wahrheit gebildet hatte? Und konnten die Soldaten auch nur für einen Pfifferling jenen Offizieren Glauben schenken, die sich nach ein bis zwei Tagen rote Schleifchen ansteckten?

Der Stabschef der Schwarzmeerflotte erzählt, die Nachricht von den Ereignissen in Petrograd habe angeblich auf die Matrosen anfangs keinen merklichen Eindruck gemacht. Sobald aber aus der Hauptstadt die ersten sozialistischen Zeitungen angekommen waren, »veränderte sich die Stimmung der Kommandos im Nu, es begannen Meetings, aus den Löchern krochen verbrecherische Agitatoren heraus«. Der Admiral begriff einfach nichts von dem, was sich vor seinen Augen abspielte. Nicht die Zeitungen hatten den Stimmungswechsel hervorgerufen. Sie zerstreuten nur die Zweifel der Matrosen über den Ernst der Umwälzung und erlaubten ihnen, offen ihre wahren Gefühle zu zeigen, ohne Angst vor Strafe seitens der Vorgesetzten. Der gleiche Autor charakterisiert das politische Gesicht der Offiziere der Schwarzmeerflotte, darunter auch sein eigenes, durch einen Satz: »Die Mehrzahl der Offiziere glaubte, das Vaterland werde ohne Zaren zugrunde gehen.« Die Demokraten glaubten, das Vaterland werde ohne die Rückkehr solcher Leuchten zu den finsteren Matrosen zugrunde gehen.

Der Kommandobestand der Armee und der Flotte sonderte bald zwei Phalangen ab: Die eine versuchte, ihre Posten zu behalten, indem sie sich bei der Revolution anbiederte, in die sozialrevolutionäre Partei eintrat; ein Teil von ihnen versuchte später sogar, bei den Bolschewiki unterzukriechen. Die anderen dagegen bäumten sich auf, versuchten, der neuen Ordnung Widerstand zu leisten, doch schon beim nächsten scharfen Konflikt zerschellten sie und wurden von der Soldatenüberschwemmung weggespült. Gruppierungen dieser Art sind so natürlich, dass sie sich in allen Revolutionen wiederholen. Die unversöhnlichen Offiziere der französischen Monarchie, jene, die, nach dem Ausdruck eines von ihnen, »gekämpft hatten, solange sie konnten«, litten weniger unter dem Ungehorsam der Soldaten als unter der Liebedienerei der adeligen Kollegen. Schließlich wurde die Mehrzahl des alten Kommandobestandes abgedrängt, unterdrückt, und nur ein kleiner Teil stellte sich um und assimilierte sich. Der Offiziersstand teilte nur in dramatischerer Form das Schicksal jener Klassen, denen er entstammte.

Die Armee stellt überhaupt ein Abbild der Gesellschaft dar, der sie dient, mit dem Unterschiede, dass sie den sozialen Beziehungen einen konzentrierteren Charakter verleiht, deren positive und negative Züge in ihr extremsten Ausdruck finden. Es ist kein Zufall, dass in Russland der Krieg nicht einen Militär von Namen hervorgebracht hat. Der höchste Kommandobestand ist von einem aus seiner Mitte recht krass charakterisiert worden.

»Viel Abenteurertum, viel Unbildung, viel Egoismus, Intrigen, Karrierismus, Habsucht, Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit«, schreibt General Salesski, »aber sehr wenig Kenntnisse, Begabungen, Bereitschaft, sich oder auch nur seinen Komfort oder seine Gesundheit zu riskieren.« Nikolai Nikolajewitsch, der erste Höchstkommandierende, zeichnete sich nur durch hohen Wuchs und allerdurchlauchtigste Grobheit aus. Die Stärke des Generals Alexejew, einer grauen Mittelmäßigkeit, des höheren Militärschreibers der Armee, war fester Hosenboden. Kornilow, den mutigen Draufgänger, hielten sogar seine Verehrer für einen Einfaltspinsel; Werchowski, Kerenskis Kriegsminister, äußerte sich später über Kornilow: ein Löwenherz mit einem Hammelkopf. Brussilow und Admiral Koltschak überragten wohl die anderen an Intelligenz, aber auch nur das. Denikin war nicht ohne Charakter, im Übrigen aber ganz und gar ein Durchschnittsgeneral, der fünf oder sechs Bücher gelesen hatte. Danach folgten die Judenitsch, Dragomirow, Lukomski, mit und ohne Französisch, gewöhnliche Trinker, starke Trinker, aber völlige Nullen.

Im Offizierskorps war allerdings nicht nur das adelige, sondern auch das bürgerliche und demokratische Russland stark vertreten. Der Krieg ergoss in die Reihen der Armee zu Zehntausenden die kleinbürgerliche Jugend, als Offiziere, Kriegbeamte, Ärzte, Ingenieure. Diese Kreise, die fast durchweg für den Krieg bis zum Siege waren, empfanden die Notwendigkeit irgendwelcher weitgehender Maßnahmen, unterwarfen sich jedoch letzten Endes den reaktionären Oberschichten, unter dem Zarismus – aus Angst, nach der Umwälzung – aus Überzeugung, – wie sich die Demokratie im Hinterlande der Bourgeoisie unterwarf. Der versöhnlerische Teil der Offiziere teilte später das unselige Geschick der Versöhnlerparteien, mit dem Unterschiede, dass sich die Situation an der Front unvergleichlich schärfer gestaltete. Im Exekutivkomitee konnte man sich lange Zeit durch Zweideutigkeiten halten, unter den Augen der Soldaten war das schwieriger.

Missgunst und Reibungen zwischen demokratischen und aristokratischen Offizieren, die nicht imstande waren, die Armee zu erneuern, trugen in diese nur noch ein weiteres Element der Zersetzung hinein. Die Physiognomie der Armee bestimmte das alte Russland, und das war durch und durch die Physiognomie der Leibeigenschaft. Die Offiziere hielten in alter Weise für den besten Soldaten den gehorsamen, urteilslosen Bauernjungen, in dem das Bewusstsein der menschlichen Persönlichkeit noch nicht erwacht war. Dies bildete die »nationale« suworowsche Tradition der russischen Armee, die sich auf primitiven Ackerbau, Leibeigenschaft und Dorfgemeinde stützte. Im 18. Jahrhundert vermochte Suworow aus diesem Material noch Wunder zu schaffen. Leo Tolstoi idealisierte mit der Vorliebe eines Gutsherrn in seinem Platon Karatajew den alten Typ des russischen Soldaten, der sich widerstandslos der Natur, der Willkür und dem Tode unterwirft (»Krieg und Frieden«); Die Französische Revolution, die den glanzvollen Durchbruch des Individualismus auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit ermöglichte, hat über die suworowsche Kriegskunst ein Kreuz gemacht. Im Verlaufe des 19. wie des 20. Jahrhunderts, in der ganzen Epoche zwischen der französischen und der russischen Revolution, wurde die zaristische Armee, als eine Leibeigenenarmee, ständig geschlagen. Der auf diesem »nationalen« Boden herangebildete Kommandobestand zeichnete sich durch Verachtung für die Person des Soldaten aus, durch passiven Mandarinengeist, Unwissen in seinem Handwerk, völligen Mangel heroischen Elements und vollendetes Diebswesen. Die Autorität des Offiziersstandes stützte sich auf äußere Rangabzeichen, auf ein Ritual von Ehrenbezeigungen, ein System von Repressalien und sogar eine besonders festgelegte Sprache, die niederträchtige Mundart der Sklaverei – »Zu Befehl«, »Melde gehorsamst« –, in der der Soldat mit dem Offizier sprechen musste. Indem sie die Revolution in Worten akzeptierten und der Provisorischen Regierung den Eid leisteten, unterschoben die zaristischen Marschälle einfach ihre eigenen Sünden der gefallenen Dynastie. Gnädig stimmten sie dem zu, dass Nikolaus zum Sündenbock für die ganze Vergangenheit gemacht wurde. Aber weiter – nicht einen Schritt! Wie sollten sie auch begreifen, dass das moralische Wesen der Revolution in der Vergeistigung jener Menschenmasse bestand, auf deren geistiger Unbeweglichkeit ihr ganzes Wohlergehen beruhte. Der zum Befehlshaber der Front ernannte Denikin erklärte Minsk: »Ich akzeptiere die Revolution ganz und vorbehaltlos. Doch betrachte ich die Revolutionierung der Armee und das Hineintragen von Demagogie in ihre Reihen als verderblich für das Land.« Eine klassische Formel des Generalsstumpfsinns! Was die Durchschnittsgenerale betrifft, so verlangten sie, nach dem Ausdruck Salesskis, nur eines: »Rührt nur uns nicht an – alles andere ist uns gleichgültig!« Die Revolution jedoch konnte sie nicht unangerührt lassen. Abkömmlinge privilegierter Klassen, konnten sie nichts gewinnen, aber vieles verlieren. Ihnen drohte nicht nur der Verlust der Kommandoprivilegien, sondern auch des Bodenbesitzes. Unter dem Deckmantel der Loyalität gegen die Provisorische Regierung entfesselten die reaktionären Offiziere einen umso erbitterteren Kampf gegen die Sowjets. Als sie sich davon überzeugten, dass die Revolution unaufhaltsam in die Soldatenmassen und die Erbgüter drang, erblickten sie darin einen unerhörten Treubruch – seitens Kerenskis, Miljukows und sogar Rodsjankos. Von den Bolschewiken nicht erst zu sprechen.

Die Existenzbedingungen der Kriegsflotte bargen in viel höherem Maße als die der Armee ständig lebendige Keime des Bürgerkrieges in sich. Das Leben der Matrosen in den Stahlkisten, in die man sie gewaltsam für einige Jahre hineinpferchte, unterschied sich sogar in der Verpflegung wenig vom Leben der Zuchthäusler. Und daneben die Offiziere, meist aus privilegierten Kreisen, die den Seedienst freiwillig zu ihrem Beruf erwählt hatten, das Vaterland mit dem Zaren, den Zaren mit sich identifizierten und im Matrosen den wertlosesten Bestandteil des Kriegsschiffes erblickten. Zwei einander fremde und verschlossene Welten lebten in enger Berührung, ohne einander aus den Augen zu lassen. Die Schiffe der Flotte hatten ihren Standort in industriellen Hafenstädten mit großer Arbeiterzahl, die für Bau und Reparaturen der Schiffe notwendig war. Dazu gab es unter dem Maschinenpersonal und dem technischen Dienst auf den Schiffen selbst nicht wenig qualifizierte Arbeiter. Das waren die Bedingungen, die die Kriegsflotte in eine revolutionäre Mine verwandelten. In den Umwälzungen und militärischen Aufständen aller Länder bildeten die Matrosen den explosivsten Stoff; fast stets pflegten sie bei der ersten Gelegenheit mit ihren Offizieren grausam abzurechnen. Die russischen Matrosen bildeten keine Ausnahme.

In Kronstadt war die Umwälzung von einem blutigen Racheausbruch gegen die Kommandeure begleitet, die aus Entsetzen vor der eigenen Vergangenheit versucht hatten, die Revolution vor den Matrosen zu verbergen. Als eines der ersten Opfer fiel der Flottenkommandierende, Admiral Wieren, der wohlverdienten Hass genoss. Ein Teil des Kommandobestandes wurde von den Matrosen verhaftet. Die in Freiheit belassenen Offiziere wurden entwaffnet.

In Helsingfors und Sweaborg ließ Admiral Nepenin bis zur Nacht des 4. März keine Nachrichten aus dem aufständischen Petrograd durch und bedrohte Matrosen und Soldaten mit Repressalien. Umso wütender entbrannte hier der Aufstand, der einen Tag und eine Nacht dauerte. Viele Offiziere wurden verhaftet. Die verhasstesten ließ man unter das Eis schwimmen.

»Urteilt man nach Skobeljews Erzählung über das Verhalten der Vorgesetzten in Helsingfors und bei der Flotte«, schreibt der mit der »finsteren Soldateska« keinesfalls nachsichtige Suchanow, »so muss man sich nur wundern, dass die Exzesse hier so geringfügig waren.«

Aber auch bei den Landtruppen blieb es nicht ohne blutige Abrechnung, die sich in einigen Zwischenräumen abspielte. Anfangs war es Rache für die Vergangenheit, für die niederträchtigen Peinigungen der Soldaten. An Erinnerungen, brennend wie Wunden, bestand kein Mangel. Seit 1915 war in der zaristischen Armee offiziell die Disziplinarstrafe der Auspeitschung eingeführt. Die Offiziere ließen eigenmächtig Soldaten, nicht selten Familienväter, auspeitschen. Aber es ging nicht immer bloß um die Vergangenheit. Auf der Allrussischen Sowjetkonferenz berichtete der Referent über die Lage in der Armee, dass noch in der Zeit vom 15. bis 17. März in der aktiven Armee Befehle über die Anwendung körperlicher Strafen gegen Soldaten erlassen wurden. Ein von der Front zurückgekehrter Dumadeputierter erzählte, Kosaken hätten ihm in Abwesenheit der Offiziere erklärt: »Sie sprechen da von einem Befehl (offenbar der berühmte ›Befehl Nr. 1‹, von dem noch die Rede sein wird). Er ist gestern angekommen und heute hat mich der Kommandant in die Fresse geschlagen.« Die Bolschewiki bemühten sich ebenso häufig wie die Versöhnler, die Soldaten von Exzessen zurückzuhalten. Doch blutige Vergeltungen waren ebenso unvermeidlich wie der Rückstoß nach dem Schuss. Jedenfalls hatten die Liberalen keinen anderen Grund, die Februarrevolution unblutig zu nennen, als den, dass sie ihnen die Macht gebracht hatte.

Einige Offiziere verstanden es, scharfe Konflikte heraufzubeschwören, der roten Schleifen wegen, die in den Augen der Soldaten das Symbol des Bruches mit der Vergangenheit waren. Aus diesem Anlass wurde der Kommandeur des Sumaer Regiments getötet. Ein Korpskommandeur, der die neu eingetroffenen Reserven aufgefordert hatte, die roten Schleifen abzunehmen, wurde von den Soldaten verhaftet und auf die Hauptwache gebracht. Nicht wenige Zusammenstöße gab es auch wegen der Zarenporträts, die man aus den öffentlichen Räumen nicht entfernte. War das Ergebenheit für die Monarchie? In den meisten Fällen nur Unglaube an den Bestand der Revolution und persönliche Rückversicherung. Die Soldaten aber sahen nicht ohne Grund hinter den Porträts das lauernde Gespenst des alten Regimes.

Nicht überlegte Maßnahmen von oben, sondern stürmische Bewegungen von unten begründeten das neue Regime in der Armee. Die Disziplinargewalt der Offiziere war weder abgeschafft noch eingeschränkt; sie erledigte sich im Laufe der ersten Märzwochen einfach von selbst. »Es war klar«, sagt der Stabschef der Schwarzmeerflotte, »hätte ein Offizier es unternommen, einem Matrosen eine Disziplinarstrafe aufzuerlegen, es wären keine Kräfte vorhanden gewesen, diese Strafe durchzuführen.« Darin besteht eines der Merkmale einer wahren Volksrevolution.

Mit dem Wegfall der Disziplinargewalt offenbarte sich unverhüllt die praktische Unzulänglichkeit der Offiziere. Stankewitsch, dem man weder Beobachtungsgabe noch Interesse für das Kriegshandwerk absprechen kann, gibt auch in dieser Hinsicht ein vernichtendes Urteil über den Kommandobestand: Die Ausbildung vollzog sich immer noch nach den alten Statuten, die den Erfordernissen des Krieges absolut nicht entsprachen.

»Solche Übungen waren nur Proben auf Geduld und Gehorsam der Soldaten.« Die Offiziere waren selbstverständlich bestrebt, die Schuld für die eigene Unzulänglichkeit auf die Revolution abzuwälzen.

Mit erbarmungsloser Abrechnung schnell bei der Hand, neigten die Soldaten auch leicht zu kindlicher Vertrauensseligkeit und selbstaufopfernder Dankbarkeit. Für einen flüchtigen Augenblick erschien der Deputierte Filonenko, Geistlicher und Liberaler, den Frontsoldaten als Träger der Befreiungsideen und Seelenhirte der Revolution. Alte kirchliche Vorstellungen vermischten sich wundersam mit dem neuen Glauben. Die Soldaten trugen den Geistlichen auf Händen, hoben ihn hoch über die Köpfe, setzten ihn behutsam in den Schlitten, und er durfte später, vor Begeisterung sich überschlagend, in der Duma berichten: »Wir konnten nicht voneinander Abschied nehmen. Sie küssten uns Hände und Füße.« Dem Deputierten schien es, als genieße die Duma bei der Armee ungeheure Autorität. In Wirklichkeit besaß Autorität die Revolution, und sie war es, die ihren blendenden Abglanz auf einzelne zufällige Figuren warf.

Die symbolische Säuberung, die Gutschkow an den Spitzen der Armee vorgenommen hatte – Absetzung einiger Dutzend Generale –, konnte die Soldaten nicht befriedigen und erzeugte gleichzeitig unter den höheren Offizieren einen Zustand der Unsicherheit. Jeder fürchtete, sich nicht zu bewähren, die Mehrzahl schwamm mit der Strömung, versuchte, sich einzuschmeicheln, – und machte die Faust in der Tasche. Noch schlimmer war es um den mittleren und den unteren Offiziersstand bestellt, der mit den Soldaten von Angesicht zu Angesicht zu tun hatte. Hier fand eine Säuberung seitens der Regierung überhaupt nicht statt. Auf der Suche nach legalen Wegen schrieben die Artilleristen einer Frontbatterie an das Exekutivkomitee und die Reichsduma über ihren Kommandeur: »Brüder ... wir bitten ergebenst unseren inneren Feind Wantschechasa zu entfernen.« Da sie keine Antwort bekamen, gingen die Soldaten in der Regel mit eigenen Mitteln vor: Gehorsamsverweigerung, Hinausdrängung, sogar Verhaftungen. Erst dann schreckte die Behörde auf, entfernte die Verhafteten oder Verprügelten, manchmal versuchte sie auch, die Soldaten zu bestrafen, häufiger ließ sie sie straflos, um die Sache nicht noch mehr zu verwickeln. Das schuf eine unerträgliche Lage für die Offiziere, ohne Klarheit in die Lage der Soldaten zu bringen.

Sogar viele aktive Offiziere, die das Schicksal der Armee ernst nahmen, betonten die Notwendigkeit einer Generalsäuberung des Kommandobestandes: Anders war, nach ihrer Versicherung, eine Erneuerung der Kampffähigkeit der Truppenteile undenkbar. Die Soldaten brachten den Dumadeputierten nicht weniger überzeugende Argumente vor. Waren sie früher beleidigt worden, so mussten sie bei den Vorgesetzten Beschwerde führen, die gewöhnlich unbeachtet blieb. Was wäre jetzt zu tun? Es seien doch die alten Vorgesetzten geblieben, und auch das Schicksal der Beschwerden werde also das alte bleiben. »Diese Frage war sehr schwer zu beantworten«, gesteht ein Deputierter. Indes umfasste diese einfache Frage das ganze Schicksal der Armee und bestimmte deren Zukunft voraus.

Man darf sich die Wechselbeziehungen in der Armee nicht als einheitlich auf dem gesamten Territorium des Landes, bei allen Waffengattungen und Truppenteilen, vorstellen. Nein, die Mannigfaltigkeit war sehr beträchtlich. Reagierten die Matrosen der Baltischen Flotte bei der ersten Kunde von der Revolution mit einem Strafgericht an den Offizieren, so nahmen nebenan, in der Garnison von Helsingfors, die Offiziere noch Anfang April in den Soldatensowjets leitende Positionen ein, und bei Paraden trat hier im Namen der Sozialrevolutionäre ein achtunggebietender General auf. Solche Gegensätze von Hass und Vertrauensseligkeit gab es nicht wenig. Aber dennoch bildete die Armee ein System verbundener Gefäße, und die politischen Stimmungen der Soldaten und Matrosen gravitierten nach einer Ebene.

Die Disziplin hielt sich noch einigermaßen aufrecht, solange die Soldaten mit schnellen und entschiedenen Maßnahmen rechneten. »Als aber die Soldaten sahen, dass – nach den Worten eines Frontdelegierten – alles beim Alten blieb, das alte Joch, Sklaverei und Finsternis, der alte Hohn, – begannen Unruhen.« Die Natur, die nicht darauf verfallen ist, die Mehrzahl der Menschheit mit Buckeln zu versorgen, hat zum Unglück die Soldaten mit einem Nervensystem versehen. Revolutionen dienen dazu, von Zeit zu Zeit an dieses doppelte Verfehlen zu erinnern.

Wie an der Front, führten auch im Hinterlande zufällige Anlässe leicht zu Konflikten. Den Soldaten war »gleich allen anderen Bürgern« das Recht des freien Besuches von Theatern, Versammlungen, Konzerten usw. eingeräumt worden. Viele Soldaten deuteten das als Recht unentgeltlichen Theaterbesuches. Der Minister setzte ihnen auseinander, dass man die »Freiheit« im bildlichen Sinne verstehen müsse. Aufständische Volksmassen jedoch haben noch niemals Neigung zu Platonismus oder Kantianismus bewiesen.

Das abgenutzte Gewebe der Disziplin zerriss erst allmählich, zu verschiedenen Zeitpunkten, in verschiedenen Garnisonen und verschiedenen Truppenteilen. Dem Kommandeur schien nicht selten, in seinem Regiment oder in seiner Division sei alles wohlbestellt gewesen bis zur Ankunft der Zeitungen oder eines Agitators von außen. In Wirklichkeit vollzog sich eine Arbeit tiefschürfender und unabwendbarer Kräfte.

Der liberale Deputierte Januschkewitsch brachte von der Front die Verallgemeinerung mit, die Desorganisation zeige sich am stärksten in den »grünen« Truppenteilen dort, wo es Bauern gäbe. »In den revolutionären Truppenteilen kommt man mit den Offizieren sehr gut aus.« In der Tat hielt sich die Disziplin am längsten auf den zwei Polen: bei der privilegierten Kavallerie, bestehend aus wohlhabenderen Bauern, und bei der Artillerie, überhaupt bei den technischen Truppen, mit einem hohen Prozentsatz von Arbeitern und Intellektuellen. Am längsten widerstanden die Kosaken, – Bodenbesitzer, die vor der Agrarrevolution, bei welcher die Mehrzahl von ihnen nur verlieren, nicht aber gewinnen konnte, Angst hatten. Einzelne Kosakentruppenteile haben auch nach der Umwälzung mehr als einmal Unterdrückungsarbeit geleistet. Im Allgemeinen aber bestand der ganze Unterschied nur im Tempo und in den Fristen der Zersetzung.

Der dumpfe Kampf hatte seine Fluten und Ebben. Die Offiziere versuchten, sich anzupassen. Die Soldaten begannen, wieder abzuwarten. Doch durch die vorübergehenden Milderungen, durch die Tage und Wochen der Kampfpause erreichte der soziale Hass, der die Armee des alten Regimes zersetzte, immer höhere Spannung. Immer häufiger zuckte er in tragischem Wetterleuchten auf. In Moskau fand in einem Zirkus eine Versammlung von Kriegsinvaliden, Soldaten und Offizieren, statt. Der Redner, ein Krüppel, sprach von der Tribüne herab scharf für die Offiziere. Da erhob sich ein Protestlärm, Poltern mit Füßen, Stöcken und Krücken. »Ist es denn lange her, ihr Herren Offiziere, dass ihr die Soldaten mit Ruten und Fäusten gedemütigt habt?« Verwundete, kontusionierte, verkrüppelte Menschen standen wie eine Wand gegeneinander, verstümmelte Soldaten gegen verstümmelte Offiziere, Mehrheit gegen Minderheit, Krücken gegen Krücken. Diese wie ein Alpdruck wirkende Szene in der Arena des Zirkus enthielt bereits die künftige Wildheit des Bürgerkrieges.

Über allen Beziehungen und Widersprüchen in der Armee wie im Lande schwebte die eine Frage, die man mit dem kurzen Wort Krieg bezeichnete. Vom Baltischen bis zum Schwarzen Meer, vom Schwarzen bis zum Kaspischen und weiter in das Innere Persiens, auf der unübersehbaren Front, standen 68 Infanterie- und 9 Kavalleriekorps. Was sollte mit ihnen nun werden? Was mit dem Kriege?

Auf dem Gebiete der Kriegsausrüstung war die Armee zu Beginn der Revolution bedeutend gefestigt worden. Die einheimische Produktion für den Kriegsbedarf war gestiegen, gleichzeitig hatte sich über Murmansk und Archangelsk die Zufuhr an Kriegsmaterial seitens der Alliierten verstärkt, besonders für die Artillerie. Gewehre, Kanonen und Geschosse gab es in unvergleichlich größerer Zahl als in den ersten Kriegsjahren. Man ging an die Zusammenstellung von neuen Infanteriedivisionen. Die Genietruppen wurden erweitert. Aus diesem Grund versuchten einige der verkrachten Feldherren später den Nachweis zu führen, dass Russland am Vorabend des Sieges gestanden und nur die Revolution ihn verhindert habe. Zwölf Jahre vorher hatten Kuropatkin und Linewitsch mit der gleichen Begründung behauptet, Witte habe sie gehindert, die Japaner zu zertrümmern. In Wirklichkeit war Russland zu Beginn des Jahres 1917 von einem Siege weiter entfernt als je. Neben der gesteigerten Kriegsausrüstung zeigte sich Ende 1916 bei der Armee scharfer Mangel an Lebensmitteln; Typhus und Skorbut verschlangen mehr Opfer als die Schlachten. Die Zerrüttung des Transports erschwerte immer stärker die Truppenverschiebungen, und das allein schon machte strategische Kombinationen zunichte, die mit bedeutenden Umgruppierungen der Truppenmassen verbunden waren. Schließlich verurteilte der große Mangel an Pferden die Artillerie oft zum Stillstand. Doch lag die Hauptsache nicht darin: Hoffnungslos war der moralische Zustand der Armee. Man kann ihn so formulieren: Die Armee als Armee gab es nicht mehr. Niederlagen, Rückzüge, Abscheulichkeiten der Regierenden hatten den Geist der Truppen völlig erschüttert. Das war nicht durch administrative Maßnahmen gutzumachen, wie man auch nicht das Nervensystem des Landes verändern konnte. Der Soldat blickte jetzt auf den Haufen der Geschosse mit gleichem Ekel wie auf einen Haufen wurmigen Fleisches: All das schien ihm überflüssig, unbrauchbar, Betrug und Diebstahl. Der Offizier konnte ihm nichts Überzeugendes sagen und wagte nicht mehr, ihm die Zähne einzuschlagen. Der Offizier wähnte sich selbst vom oberen Kommando betrogen und fühlte sich gleichzeitig nicht selten für die Oberen vor dem Soldaten verantwortlich. Die Armee war unheilbar krank. Sie war noch fähig, in der Revolution ihr Wort zu sprechen. Für den Krieg aber existierte sie nicht mehr. Niemand glaubte an den Sieg, Offiziere so wenig wie Soldaten. Niemand mehr wollte kämpfen, weder die Armee, noch das Volk.

Allerdings sprach man noch in den hohen Kanzleien, wo man ein eigenes Leben lebte, automatisch von großen Operationen, von der Frühlingsoffensive, der Eroberung der türkischen Meerengen. In der Krim stellte man für diesen Zweck sogar ein großes Detachement zusammen. Offizielle Nachrichten besagten, für die Landung seien die besten Elemente der Armee ausersehen. Aus Petrograd schickte man Gardetruppen. Nach der Darstellung des Offiziers jedoch, der am 25. Februar, das heißt zwei Tage vor der Umwälzung, sie auszubilden begann, war das Reservematerial unter jeder Kritik. Nicht die geringste Kampflust war in diesen gleichgültigen blauen, braunen und grauen Augen ... »All ihre Gedanken und ihre Wünsche waren einzig und allein – Friede.«

Solcher und ähnlicher Zeugnisse gibt es nicht wenige. Die Revolution hat nur an den Tag gebracht, was vor ihr entstanden war. Die Parole »Nieder mit dem Krieg« wurde deshalb eine der Hauptparolen der Februartage. Sie ging aus von den Frauendemonstrationen, von den Arbeitern des Wyborger Bezirks und den Gardekasernen.

Anfang März, bei den Rundreisen der Deputierten an der Front, wurde ihnen von Soldaten, besonders der älteren Jahrgänge, immer wieder die Frage gestellt: »Und was sagt man über den Boden?« Die Deputierten antworteten ausweichend, die Bodenfrage werde in der Konstituierenden Versammlung gelöst werden. Doch da ertönte eine Stimme, die den geheimen Gedanken aller verriet: »Was Boden! Wenn ich nicht mehr da sein werde, brauche ich auch keinen Boden.« Das war der Ausgangspunkt des Soldatenprogramms der Revolution: zuerst Frieden, dann Boden.

Auf der Allrussischen Sowjetkonferenz, Ende März, wo es nicht wenig patriotische Phrasen gab, berichtete ein Delegierter, der unmittelbar die Soldaten der Schützengräben vertrat, mit großer Aufrichtigkeit, wie die Front die Nachricht von der Revolution aufgenommen hatte: »Alle Soldaten sagten: Gott sei Dank, vielleicht wird es jetzt bald Frieden geben.« Die Schützengräben beauftragten diesen Delegierten, der Konferenz mitzuteilen: »Wir sind bereit, unser Leben für die Freiheit hinzugeben, aber dennoch, Genossen, wollen wir das Ende des Krieges.« Das war eine lebendige Stimme der Wirklichkeit, besonders in der zweiten Hälfte der Botschaft. »Gedulden, – wir wollen’s schon ein wenig, aber, dass die oben sich mit dem Frieden beeilen!«

Die zaristischen Truppen in Frankreich, das heißt in einer für sie völlig fremden Umgebung, waren von denselben Gefühlen bewegt und machten die gleichen Zersetzungsetappen durch wie die Armee in der Heimat. »Als wir hörten, dass der Zar abgedankt habe«, erklärte in der Fremde ein älterer Soldat, ein bäuerlicher Analphabet, einem Offizier, »so dachten wir uns gleich, nun heißt es auch Schluss mit dem Kriege ... Hat uns doch der Zar in den Krieg geschickt ... Was nützt mir Freiheit, wenn ich weiter in den Schützengräben faulen muss?« Diese echte Soldatenphilosophie ist nicht von außen hineingetragen worden: Solch einfache und überzeugende Worte kann kein Agitator ausdenken.

Die Liberalen und die halbliberalen Sozialisten versuchten nachträglich, die Revolution als einen patriotischen Aufstand darzustellen. Am 11. März erklärte Miljukow französischen Journalisten: »Die russische Revolution wurde gemacht, um die Hindernisse, die auf dem Wege zum Siege Russlands standen, zu beseitigen.« Hier geht Heuchelei Hand in Hand mit Selbstbetrug, obwohl, wie man annehmen kann, dabei immerhin die Heuchelei größer ist. Aufrichtige Reaktionäre sahen klarer. Von Struve, Panslawist deutscher Abstammung, Rechtgläubiger lutherischer und Monarchist marxistischer Herkunft, bezeichnete, wenn auch in der Sprache reaktionären Hasses, so doch genauer die wahren Quellen der Umwälzung. »Soweit an der Revolution Volksmassen, besonders Soldatenmassen beteiligt waren«, schrieb er, »war sie kein patriotischer Ausbruch, sondern eine eigenmächtige pogromartige Demobilisierung und direkt gegen die Fortsetzung des Krieges gerichtet, das heißt, sie wurde des Kriegsabbruchs wegen unternommen.«

Neben einem richtigen Gedanken enthalten diese Worte jedoch auch eine Verleumdung. Die pogromartige Demobilisierung erwuchs in Wirklichkeit aus dem Kriege selbst. Die Revolution hat sie nicht geschaffen, sondern im Gegenteil sogar unterbrochen. Die am Vorabend der Revolution außerordentlich häufige Desertion ließ in den ersten Wochen nach der Umwälzung nach. Die Armee wartete ab. In der Hoffnung, die Revolution werde Frieden bringen, war der Soldat bereit, die Front mit seiner Schulter noch zu stützen: Andernfalls könnte ja die neue Regierung auch den Frieden nicht schließen.

»Die Soldaten äußern die bestimmte Ansicht«, berichtet am 23. März der Chef einer Grenadierdivision, »dass wir uns nur verteidigen, nicht aber angreifen können.« Militärische Rapporte und politische Berichte wiederholen diesen Gedanken in verschiedenen Variationen. Der Fähnrich Krylenko, ein alter Revolutionär und später Oberstkommandierender bei den Bolschewiki, bezeugt, dass die Soldaten in jener Zeit die Frage des Krieges durch die Formel lösten: »Die Front halten, keinen Angriff unternehmen.« In einer feierlichen, aber völlig aufrichtigen Sprache hieß das auch, die Freiheit verteidigen.

»Man darf die Bajonette nicht in die Erde stecken!« Unter dem Einfluss verworrener und widerspruchsvoller Stimmungen weigerten sich die Soldaten in jener Zeit nicht selten, die Bolschewiki auch nur anzuhören. Sie glaubten, vielleicht unter dem Einfluss einzelner ungeschickter Reden, die Bolschewiki kümmerten sich nicht um die Verteidigung der Revolution und könnten die Regierung hindern, Frieden zu schließen. Darin bekräftigten die sozialpatriotischen Zeitungen und Agitatoren sie je länger umso mehr. Aber wenn sie auch mitunter die Bolschewiki am Sprechen hinderten, lehnten die Soldaten doch von den ersten Tagen der Revolution an jeden Gedanken an eine Offensive entschieden ab. Den Hauptstadtpolitikern erschien dies als eine Art Missverständnis, das man durch gebührenden Druck auf die Soldaten beseitigen könnte. Die Agitation für die Fortsetzung des Krieges wuchs in außerordentlichem Umfange an. Die bürgerliche Presse schilderte in Millionen von Exemplaren die Aufgaben der Revolution im Lichte des Krieges bis zum Siege. Die Versöhnler sangen bei dieser Agitation mit, anfangs leise, dann kühner. Der Einfluss der Bolschewiki, sehr schwach im Augenblick der Umwälzung, verkleinerte sich noch, als die Tausende Arbeiter, die wegen Streiks an die Front geschickt worden waren, die Reihen der Armee verließen. Das Streben nach Frieden fand auf diese Weise fast keinen offenen und klaren Ausdruck gerade dort, wo es am gespanntesten war. Den Kommandeuren und Kommissaren, die tröstende Illusionen suchten, ermöglichte diese Situation, sich über den wirklichen Stand der Dinge hinwegzutäuschen. In Artikeln und Reden aus jener Zeit gibt es häufig Behauptungen, die Soldaten verweigerten die Offensive angeblich ausschließlich aus falscher Deutung der Formel »ohne Annexionen und Kontributionen« heraus. Die Versöhnler wurden nicht müde zu beweisen, dass der Verteidigungskrieg den Angriff nicht ausschließe, ihn manchmal sogar erfordere. Als ob es um diese Scholastik ging! Eine Offensive bedeutete Wiederaufnahme des Krieges. Das abwartende Halten der Front bedeutete Waffenstillstand. Die soldatische Theorie und Praxis des Verteidigungskrieges war die Form der stillschweigenden und späterhin auch offenen Verständigung mit den Deutschen: »Lasst uns in Ruhe, und wir werden euch in Ruhe lassen.« Mehr vermochte die Armee dem Krieg schon nicht zu geben.

Die Soldaten fielen auf die kriegerischen Ermahnungen umso weniger herein, als die reaktionären Offiziere unter dem Schein der Vorbereitung der Offensive sich offensichtlich bemühten, die Zügel stramm zu ziehen. Ein unter Soldaten üblicher Satz war: »Das Bajonett gegen den Deutschen, den Kolben gegen den inneren Feind.« Das Bajonett bedeutete hier jedenfalls Verteidigung. An die Meerengen dachten die Soldaten in den Schützengräben nicht. Die Friedenssehnsucht bildete eine mächtige, unterirdische Strömung, die bald nach außen dringen sollte.

Ohne zu leugnen, dass in der Armee schon vor der Revolution negative Erscheinungen »beobachtet« worden waren, versuchte Miljukow dennoch längere Zeit nach der Umwälzung zu behaupten, die Armee wäre fähig gewesen, die ihr von der Entente vorgeschriebenen Aufgaben zu erfüllen. »Die bolschewistische Propaganda«, schrieb er in der Eigenschaft eines Historikers, »drang nicht sogleich an die Front. Den ersten Monat oder die ersten anderthalb Monate nach der Revolution blieb die Armee gesund.« Die ganze Frage wird in der Ebene der Propaganda betrachtet, als wäre mit dieser der historische Prozess erschöpft. Unter dem Schein des verspäteten Kampfes gegen die Bolschewiki, denen er eine mystische Kraft zuschreibt, führt Miljukow einen Kampf gegen Tatsachen. Wir haben bereits gesehen, wie es mit der Armee in Wirklichkeit bestellt war. Jetzt wollen wir sehen, wie die Kommandeure selbst ihre Kampffähigkeit in den ersten Wochen und sogar Tagen nach der Umwälzung einschätzten.

Am 6. März teilt der Oberstkommandierende der Nordfront, General Russki, dem Exekutivkomitee mit, die Soldaten verweigerten den Vorgesetzten vollständig den Gehorsam; die Ankunft populärer Führer an der Front sei unbedingt notwendig, um irgendwie Beruhigung in die Armee zu bringen.

Der Chef des Stabes der Schwarzmeerflotte erzählt in seinen Erinnerungen: »Seit den ersten Tagen der Revolution war es mir klar geworden, dass man den Krieg nicht weiterführen könne, dass er verloren sei.« Der gleichen Ansicht war, nach seinen Worten, auch Koltschak, und wenn er im Amte des Frontkommandierenden verblieb, so nur, um die Offiziere gegen Gewalttaten zu schützen.

Graf Ignatjew, der einen hohen Kommandoposten bei der Garde innehatte, schrieb im März an Nabokow: Man muß sich klar Rechenschaft darüber geben, dass der Krieg zu Ende ist, dass wir nicht mehr kämpfen können und nicht kämpfen werden. Kluge Männer müssten ein Mittel ersinnen, den Krieg schmerzlos zu liquidieren, andernfalls naht eine Katastrophe ... Gutschkow sagte damals zu Nabokow, er erhalte Briefe solcher Art in Massen.

Einzelne, sehr seltene, äußerlich günstigere Urteile werden in der Regel durch ergänzende Erklärungen umgestoßen. »Der Wunsch der Truppen nach einem Sieg ist geblieben«, berichtet der Kommandierende der 2. Armee, Danilow, »bei einzelnen Truppenteilen sogar gewachsen.« Aber er vermerkt sogleich: »Die Disziplin ist gesunken ... Es ist wünschenswert, Offensivaktionen so lange zu vertagen, bis die zugespitzte Situation vorüber sein wird (ein bis drei Monate).« Danach ein überraschender Nachtrag: »Von dem Nachschub kommen nur 50 Prozent an; wenn sie weiter so hinschmelzen und sich so undiszipliniert benehmen sollten, ist mit einer erfolgreichen Offensive nicht zu rechnen.«

»Zu Defensivaktionen ist die Division durchaus fähig«, meldet der wackere Befehlshaber der 51. Infanteriedivision – und fügt sofort hinzu: »Es ist unbedingt notwendig, die Armee von dem Einfluss der Soldaten- und Arbeiterdeputierten zu befreien.« Das jedoch war nicht so einfach!

Der Befehlshaber der 182. Division meldete dem Korpskommandeur: »Mit jedem Tag entstehen immer häufiger Missverständnisse, eigentlich wegen Nichtigkeiten, aber bedrohlichen Charakters; die Soldaten, und noch mehr die Offiziere, werden immer nervöser gemacht.«

Hier handelt es sich noch immer um vereinzelte, wenn auch zahlreiche Zeugnisse. Aber am 18. März fand im Hauptquartier eine Beratung der höheren Kommandos über den Zustand der Armee statt. Die Schlussfolgerungen der zentralen Verwaltungen stimmten überein. »Die Mannschaftsauffüllung durch Abgabe der nötigen Zahl an die Front ist in den nächsten Monaten unmöglich, denn bei allen Reservetruppenteilen herrscht Gärung. Die Armee macht eine Krankheit durch. Die Beziehungen zwischen Offizieren und Soldaten in Ordnung zu bringen, wird wahrscheinlich erst in zwei bis drei Monaten gelingen. (Die Generale begreifen nicht, dass die Krankheit nur noch fortschreiten wird.) Gegenwärtig bemerkt man ein Sinken des Mutes bei den Offizieren, Gärung bei den Truppen, beträchtliche Desertionen. Die Schlagfähigkeit der Armee ist gemindert und es ist schwer damit zu rechnen, dass die Truppen in dieser Zeit vorwärtsgehen würden.« Schlussfolgerung: »Heute die für den Frühling vorgemerkten aktiven Operationen durchzuführen, ist unmöglich.«

In den folgenden Wochen verschlimmert sich die Lage schnell, wofür sich die Beweise endlos mehren.

Ende März schreibt der Kommandierende der 5. Armee, General Dragomirow, an General Russki: »Die Kampfstimmung ist gesunken. Den Soldaten fehlt nicht nur jede Lust zum Angriff, sondern auch das einfache Ausharren in der Verteidigung ist bis zu einem Grade hinabgemindert, der den Ausgang des Krieges bedroht ... Die Politik, die alle Schichten der Armee breit erfasst hat, ... zwingt die Masse der Truppen nur das eine zu wünschen – Abbruch des Krieges und Heimkehr.«

General Lukomski, eine der Stützen des reaktionären Hauptquartiers, sattelte, unzufrieden mit der neuen Ordnung, zu Beginn der Revolution zum Korpskommandeur um und fand, nach seinem Bericht, dass die Disziplin sich nur noch bei den Artillerieund den Genietruppen hielte, in denen es viel Kaderoffiziere und -soldaten gab. »Was die drei Infanteriedivisionen betrifft, so waren sie auf dem Wege zum völligen Zerfall.«

Die Desertion, die unter dem Einfluss der Hoffnungen nach dem Umsturz abgenommen hatte, nahm unter dem Einfluss der Enttäuschung wieder zu. In einer Woche, vom 1. bis zum 7. April, desertierten, nach den Mitteilungen General Alexejews, etwa 8000 Soldaten der Nord- und Westfront.

»Mit großem Erstaunen«, schrieb er an Gutschkow, »lese ich die Berichte unverantwortlicher Männer über die ›vorzügliche‹ Stimmung in der Armee. Wozu? Die Deutschen werden wir nicht täuschen, und für uns ist es ein verhängnisvoller Selbstbetrug.«

Man muss sich merken, dass es vorläufig noch nirgendwo einen Hinweis auf die Bolschewiki gibt: Die Mehrzahl der Offiziere hatte sich kaum diesen seltsamen Namen gemerkt. Ist in den Rapporten von den Ursachen der Zersetzung in der Armee die Rede, so nennt man Zeitungen, Agitatoren, Sowjets, die »Politik« überhaupt, mit einem Wort, die Februarrevolution.

Man begegnet noch einzelnen optimistischen Befehlshabern, die da hoffen, es werde noch alles gut werden. Es gab allerdings mehr solche, die absichtlich die Augen vor den Tatsachen verschlossen, um der neuen Macht keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Wie auch umgekehrt eine bedeutende Zahl der Kommandeure, besonders der höheren, bewusst die Anzeichen des Zerfalls übertrieb, um von der Regierung entschiedene Maßnahmen zu erreichen, die sie aber selbst nicht bei Namen nennen konnten oder wollten. Das wesentliche Bild bleibt unbestritten. Die Umwälzung fand eine kranke Armee vor und kleidete den Prozess ihres unabwendbaren Zerfalls in politische Formen, die mit jeder Woche eine immer unbarmherzigere Deutlichkeit bekamen. Die Revolution steigerte nicht nur die leidenschaftliche Sehnsucht nach Frieden aufs Höchste, sondern auch den Hass der Soldatenmasse gegen den Kommandobestand und die herrschenden Klassen überhaupt. Mitte April erstattete Alexejew persönlich der Regierung Bericht über die Stimmung der Armee, wobei er sichtlich mit Farben nicht sparte. »Ich erinnere mich gut«, schreibt Nabokow, »welches Gefühl des Grauens und der Hoffnungslosigkeit mich erfasste.« Es ist anzunehmen, dass bei dieser Berichterstattung, die sich ja nur auf die ersten sechs Wochen nach der Revolution beziehen kann, auch Miljukow anwesend war; es ist sehr wahrscheinlich, dass gerade er Alexejew auftreten ließ, um seinen Kollegen und durch sie den sozialistischen Freunden Angst einzujagen. Gutschkow hatte tatsächlich danach eine Unterredung mit Vertretern des Exekutivkomitees.

»Es haben katastrophale Verbrüderungen begonnen«, klagte er. »Es sind Fälle von offenem Ungehorsam registriert worden. Befehle werden zuerst in Armeeorganisationen und auf offenen Meetings diskutiert. Von aktiven Operationen will man in solchen Truppenteilen nichts hören ... Wenn Menschen hoffen, es werde morgen Frieden sein«, sagte nicht unberechtigt Gutschkow, »dann kann man nicht erwarten, dass sie heute geneigt sein werden, ihren Kopf zu lassen.« Daraus zog der Kriegsminister die Schlussfolgerung: »Man muss aufhören, laut vom Frieden zu sprechen.« Da aber gerade die Revolution die Menschen gelehrt hat, laut auszusprechen, was sie früher nur für sich gedacht, so bedeutete das: Man muss die Revolution ersticken.

Der Soldat hatte freilich auch am ersten Kriegstage weder sterben noch kämpfen wollen. Aber er hatte es ebenso nicht gewollt, wiedas Artilleriepferd nicht ein schweres Geschütz durch den Morast ziehen will. So wenig wie das Pferd hatte er gedacht, sich der ihm aufgebürdeten Last entledigen zu können. Zwischen seinem Willen und den Kriegsereignissen bestand keine Beziehung. Die Revolution hatte ihm diese Beziehung eröffnet. Für Millionen von Soldaten bedeutete sie das Recht auf ein besseres Leben, vor allem das Recht auf Leben überhaupt, das Recht, sein Leben vor Kugeln und Geschossen zu schützen und gleichzeitig auch sein Gesicht vor der Offiziersfaust. In diesem Sinne ist auch oben gesagt, dass der grundlegende psychologische Prozess in der Armee im Erwachen der Persönlichkeit bestand. In dem vulkanischen Ausbruch des Individualismus, der nicht selten anarchische Formen annahm, sahen die gebildeten Klassen Verrat an der Nation. Während sich in Wirklichkeit die Nation in dem stürmischen Auftreten der Soldaten, in ihren ungezähmten Protesten, sogar in ihren blutigen Exzessen aus dem rohen unpersönlichen prähistorischen Material erst formierte. Die der Bourgeoisie so verhasste Überschwemmung des Massenindividualismus war durch den Charakter der Februarrevolution hervorgerufen worden, und zwar als einer bürgerlichen Revolution.

Doch das war nicht ihr einziger Inhalt. Denn außer dem Bauern und seinem Sohn, dem Soldaten, war auch der Arbeiter an der Revolution beteiligt. Er fühlte sich längst als Persönlichkeit, ging in den Krieg nicht nur mit Hass gegen diesen, sondern auch mit dem Gedanken des Kampfes gegen ihn, und die Revolution bedeutete für den Arbeiter nicht nur die nackte Tatsache des Sieges, sondern auch den teilweisen Triumph seiner Ideen. Die Niederwerfung der Monarchie war für ihn nur die erste Stufe, und er hielt sich bei ihr nicht auf, anderen Zielen zueilend. Für ihn bestand die ganze Frage darin, wie weit Soldat und Bauer ihn unterstützen werden. »Was nützt mir Boden, wenn ich nicht mehr sein werde?« fragte der Soldat. »Was nützt mir Freiheit«, sprach er dem Arbeiter nach, vor den für ihn verschlossenen Türen des Theaters, »wenn die Schlüssel zur Freiheit bei den Herren sind?« So leuchteten durch das unübersichtliche Chaos der Februarrevolution hindurch bereits die stählernen Umrisse des Oktobers.

Die Regierenden und der Krieg

Was gedachten die Provisorische Regierung und das Exekutivkomitee mit diesem Krieg und dieser Armee zu beginnen?

Vor allem muss man die Politik der liberalen Bourgeoisie begreifen, da diese die erste Geige spielte. Äußerlich blieb die Politik des Liberalismus aggressiv-patriotisch, annexionistisch, unversöhnlich. In Wirklichkeit war sie widerspruchsvoll, treubrüchig und wurde schnell defätistisch.

»Auch wenn es keine Revolution gegeben hätte, der Krieg wäre dennoch verloren und wahrscheinlich ein Separatfrieden geschlossen worden«, schrieb später Rodsjanko, dessen Urteile sich nicht durch Selbstständigkeit auszeichneten, gerade deshalb aber die Durchschnittsmeinung der liberalkonservativen Kreise gut ausdrückten. Der Aufstand der Gardebataillone kündete den besitzenden Klassen nicht den äußeren Sieg an, sondern die innere Niederlage. Die Liberalen konnten sich darüber umso weniger Illusionen machen, als sie die Gefahr vorausgesehen und nach Kräften gegen sie gekämpft hatten. Der unerwartete revolutionäre Optimismus Miljukows, der die Umwälzung als eine Stufe zum Siege erklärte, war eigentlich die letzte Zuflucht der Verzweiflung. Die Frage nach Krieg und Frieden hatte für die Liberalen zu drei Vierteln aufgehört, eine selbstständige Frage zu sein. Sie fühlten, dass es ihnen nicht gegeben sein würde, die Revolution für den Krieg auszunutzen. Umso gebieterischer erstand vor ihnen die andere Aufgabe: den Krieg gegen die Revolution auszunutzen.

Die Fragen der internationalen Lage Russlands nach dem Kriege: Schulden und neue Anleihen, Kapital- und Absatzmärkte, standen selbstverständlich auch jetzt vor den Führern der russischen Bourgeoisie. Aber nicht diese Fragen bestimmten unmittelbar ihre Politik. Heute ging es nicht um die Sicherung der vorteilhaftesten internationalen Bedingungen für das bürgerliche Russland, sondern um Rettung des bürgerlichen Regimes selbst, wenn auch um den Preis einer weiteren Schwächung Russlands. »Zuerst muss man gesunden«, sagte die schwer verwundete Klasse, »und erst später die Angelegenheiten in Ordnung bringen.« Gesunden bedeutete, mit der Revolution fertigwerden.

Die Aufrechterhaltung der Kriegshypnose und der chauvinistischen Stimmungen gab der Bourgeoisie die einzige Möglichkeit eines politischen Bandes mit den Massen, vor allem mit der Armee, gegen die sogenannten Vorwärtstreiber der Revolution. Die Aufgabe bestand darin, den vom Zarismus vererbten Krieg, mit den bisherigen Verbündeten und Zielen, dem Volke als einen neuen Krieg, als Verteidigung der revolutionären Errungenschaften und Hoffnungen, darzustellen. Es hätte genügt, dies zu erreichen – aber wie? –, und der Liberalismus rechnete fest damit, gegen die Revolution jene ganze Organisation der patriotischen öffentlichen Meinung richten zu können, die ihm gestern gegen die rasputinsche Clique Dienste geleistet hat. Wenn es nicht gelungen war, die Monarchie als die höchste Instanz gegen das Volk zu retten, dann musste man sich umso mehr an die Alliierten halten: Für die Dauer des Krieges bildete die Entente jedenfalls eine unvergleichlich mächtigere Appellationsinstanz, als es die eigene Monarchie hätte sein können.

Die Fortsetzung des Krieges sollte die Aufrechterhaltung des alten militärischen und bürokratischen Apparates rechtfertigen, die Vertagung der Konstituierenden Versammlung, die Unterwerfung des revolutionären Landes unter die Front, das heißt unter die Generalität, die sich mit der liberalen Bourgeoisie zusammengeschlossen hatte. Alle inneren Fragen, vor allem die Agrarfrage und die gesamte soziale Gesetzgebung, vertagte man bis zum Ende des Krieges, dieses wiederum bis zum Siege, an den die Liberalen nicht glaubten. Krieg bis zur Ermattung des Feindes verwandelte sich in Krieg zur Ermattung der Revolution. Mag sein, dass dies kein fertiger, im Voraus in offiziellen Sitzungen beratener und erwogener Plan war. Aber das war auch nicht nötig. Der Plan ergab sich aus der gesamten vorangegangenen Politik des Liberalismus und aus der durch die Revolution geschaffenen Lage.

Gezwungen, den Weg des Krieges zu gehen, hatte Miljukow selbstverständlich keine Veranlassung, auf den Beuteanteil zu verzichten. Waren doch die Hoffnungen auf den Sieg der Alliierten ganz realer Natur und mit dem Eintritt Amerikas in den Krieg erheblich gestiegen. Allerdings war die Entente eines, und Russland ein anderes. Die Führer der russischen Bourgeoisie hatten während des Krieges begreifen gelernt, dass der Sieg der Entente über die Zentralmächte bei der ökonomischen und militärischen Schwäche Russlands unvermeidlich zu einem Sieg über Russland werden müsse, das bei allen denkbaren Möglichkeiten geschlagen und geschwächt aus dem Krieg herausgehen würde. Dennoch beschlossen die liberalen Imperialisten, vor dieser Perspektive bewusst die Augen zu schließen. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Gutschkow hatte in seinem Kreise offen erklärt, dass nur ein Wunder Russland retten könne, und die Hoffnung auf ein Wunder bilde sein, des Kriegsministers, Programm. Miljukow brauchte für die Innenpolitik den Mythos des Sieges. In welchem Maße er selber an ihn glaubte, ist unwesentlich. Aber hartnäckig behauptete er: Konstantinopel müsse uns gehören. Dabei verfuhr er mit dem ihm eigenen Zynismus. Am 20. März versuchte der russische Außenminister die Botschafter der Alliierten zu überreden, Serbien zu verraten, um mit diesem Preise den Verrat Bulgariens an die Zentralmächte zu erkaufen. Der französische Gesandte runzelte die Stirn. Miljukow aber bestand auf »der Notwendigkeit, von sentimentalen Erwägungen in dieser Frage abzusehen« und unter anderem auch von jenem Neoslawismus, den er seit der Niederwerfung der ersten Revolution gepredigt hatte. Nicht umsonst schrieb Engels noch im Jahre 1882 an Bernstein: »Worauf läuft die ganze russische panslawistische Scharlatanerie hinaus? Auf die Einnahme von Konstantinopel – auf weiter nichts.«

Die noch gestern gegen die Hofkamarilla erhobenen Beschuldigungen des Germanophilentums und sogar der Käuflichkeit durch Deutschland wurden heute mit ihrer vergifteten Spitze gegen die Revolution gerichtet. Je weiter, umso kühner, lauter und frecher klang diese Note in den Reden und Artikeln der Kadettenpartei. Bevor er an die Eroberung der türkischen Gewässer ging, trübte der Liberalismus die Quellen und vergiftete die Brunnen der Revolution.

Bei weitem nicht alle liberalen Führer haben in der Frage des Krieges eine unversöhnliche Position eingenommen, jedenfalls nicht sogleich nach der Umwälzung. Viele befanden sich noch in der Atmosphäre der vorrevolutionären Stimmungen, die mit der Perspektive des Separatfriedens verbunden waren. Einzelne führende Kadetten erzählten es später ganz offenherzig. Nabokow hatte, nach seinem eigenen Geständnis, bereits am 7. März mit Regierungsmitgliedern Besprechungen über einen Separatfrieden. Einige Mitglieder des Kadettenzentrums versuchten kollektiv, ihren Führer von der Unmöglichkeit der Fortsetzung des Krieges zu überzeugen. »Mit der ihm eigenen kalten Präzision bemühte sich Miljukow, nach den Worten des Barons Nolde, zu beweisen, dass die Ziele des Krieges erreicht werden müssten.« General Alexejew, der sich um diese Zeit den Kadetten näherte, unterstützte Miljukow und behauptete, »die Armee kann in Bewegung gebracht werden«. Sie in Bewegung zu bringen, fühlte sich wohl dieser Generalstabsorganisator allen Unheils berufen.

Mancher Naivere unter den Liberalen und Demokraten begriff den Kurs Miljukows nicht und hielt diesen selbst für den Ritter der Treue gegen die Alliierten, für den Don Quichotte der Entente. Welcher Unsinn! Nachdem die Bolschewiki die Macht übernommen hatten, zögerte Miljukow nicht eine Minute, sich in das von den Deutschen besetzte Kiew zu begeben und seine Dienste der Hohenzollernregierung anzubieten, die sich allerdings nicht übereilte, davon Gebrauch zu machen. Miljukows nächstes Ziel dabei war, für den Kampf gegen die Bolschewiki das nämliche deutsche Gold zu erhalten, mit dessen Gespenst er vorher die Revolution zu beschmutzen gesucht hatte. Miljukows Appell an Deutschland schien im Jahre 1918 vielen Liberalen ebenso unverständlich wie in den ersten Monaten des Jahres 1917 sein Programm der Zerschmetterung Deutschlands. Doch waren es nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Im Begriffe, die Alliierten, wie früher Serbien, zu verraten, verriet Miljukow weder sich selbst noch seine Klasse. Er verfolgte ein und dieselbe Politik und es war nicht seine Schuld, wenn sie nicht schön aussah. Ob er nun unter dem Zarismus die Wege zum Separatfrieden abtastete, um der Revolution auszuweichen, ob er den Krieg bis ans Ende forderte, um mit der Februarrevolution fertigzuwerden, ob er später ein Bündnis mit den Hohenzollern suchte, um die Oktoberrevolution zu stürzen, Miljukow blieb stets in gleicher Weise den Interessen der Besitzenden treu. Wenn er ihnen nicht helfen konnte und jedes Mal an eine neue Wand anrannte, so deshalb, weil seine Auftraggeber sich in einer Sackgasse befanden.

Was Miljukow in der ersten Zeit nach der Umwälzung besonders gefehlt hat, war ein feindlicher Angriff, ein guter deutscher Schlag gegen den Schädel der Revolution. Zum Unglück waren die Monate März und April aus klimatischen Gründen für Operationen größeren Maßstabs an der russischen Front ungünstig gewesen. Und die Hauptsache war, dass die Deutschen, deren Lage immer schwieriger wurde, nach großen Schwankungen beschlossen hatten, die russische Revolution ihren inneren Prozessen zu überlassen. Nur der General Linsingen bewies den 20.–21. März am Stochod Privatinitiative. Sein Erfolg erschreckte die deutsche Regierung und erfreute gleichzeitig die russische. Mit der gleichen Unverschämtheit, mit der das Hauptquartier unter dem Zaren den geringsten Erfolg übertrieben hatte, bauschte es jetzt die Niederlage am Stochod auf. Ihm folgte die liberale Presse. Fälle von Rückzügen, Panik und Verlusten der russischen Truppen wurden mit dem gleichen Behagen ausgemalt wie früher Gefangene und Trophäen. Bourgeoisie und Generalität gingen sichtbar auf die Position des Defätismus über. Linsingen aber wurde auf einen Befehl von oben her zurückgehalten und die Front erstarrte wieder in Frühlingsschlamm und Abwarten.

Die Absicht, sich gegen die Revolution auf den Krieg zu stützen, hätte nur unter der Bedingung Chancen auf Erfolg haben können, wenn die Mittelparteien, hinter denen die Volksmassen hergingen, bereit gewesen wären, die Rolle der Transmission der liberalen Politik auf sich zu nehmen. Die Idee des Krieges mit der Idee der Revolution zu verbinden, ging über die Kraft des Liberalismus: Noch gestern predigte er, die Revolution bedeute die Katastrophe des Krieges. Es war nötig, diese Aufgabe der Demokratie zuzuschieben. Doch durfte man freilich das »Geheimnis« vor ihr nicht enthüllen. Man durfte sie nicht in den Plan einweihen, sondern musste sie ködern. Man musste an ihren Vorurteilen, ihrer Prahlerei mit der Staatsweisheit, ihrer Angst vor Anarchie, ihrer abergläubischen Anbetung der Bourgeoisie einhaken.

In den ersten Tagen wussten die Sozialisten – wir sind gezwungen, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre der Kürze halber so zu nennen – nicht, was sie mit dem Kriege anfangen sollten. Tschcheïdse seufzte: »Wir haben die ganze Zeit hindurch gegen den Krieg gesprochen, wie kann ich denn jetzt zur Fortsetzung des Krieges aufrufen?« Am 10. März beschloss das Exekutivkomitee, Franz Mehring ein Begrüßungstelegramm zu schicken. Mit dieser kleinen Demonstration versuchte der linke Flügel sein nicht sehr anspruchsvolles sozialistisches Gewissen zu beruhigen. Über den Krieg selbst fuhr der Sowjet fort zu schweigen. Die Führer fürchteten in dieser Frage einen Konflikt mit der Provisorischen Regierung heraufzubeschwören und die Honigwochen des »Kontaktes« zu trüben. Nicht weniger Angst hatten sie vor Meinungsverschiedenheiten in der eigenen Mitte. Es gab unter ihnen Landesverteidiger und Zimmerwalder. Die einen wie die anderen überschätzten ihre Meinungsverschiedenheiten. Breite Kreise der revolutionären Intelligenz hatten während des Krieges eine gründliche bürgerliche Umwandlung durchgemacht. Der offene oder verschleierte Patriotismus verband die Intelligenz mit den regierenden Klassen und trennte sie von den Massen. Das Banner von Zimmerwald, mit dem sich der linke Flügel umhüllte, verpflichtete wenig, hinderte aber immerhin, seine patriotische Solidarität mit der rasputinschen Clique zu entblößen. Nun aber war das romanowsche Regime gestürzt. Russland war ein demokratisches Land geworden. Seine in allen Farben schimmernde Freiheit hob sich grell vom Polizeihintergrunde des in der Militärdiktatur eingeklemmten Europa ab. Sollen wir etwa unsere Revolution nicht gegen den Hohenzollern schützen? schrien die alten und die neuen Patrioten, die sich an die Spitze des Exekutivkomitees gestellt hatten. Die Zimmerwalder vom Typus Suchanow und Steklow beriefen sich unsicher darauf, der Krieg sei imperialistisch geblieben: Erklären doch die Liberalen, die Revolution müsse die vom Zaren vorgemerkten Annexionen sichern. »Wie kann ich da jetzt zur Fortsetzung des Krieges aufrufen?« beunruhigte sich Tschcheïdse. Da aber die Zimmerwalder selbst die Initiatoren der Machtübergabe an die Liberalen gewesen waren, hingen ihre Einwendungen in der Luft. Nach einigen Wochen Schwankens und Sträubens war mit Zeretellis Hilfe der erste Teil des miljukowschen Planes glücklich gelöst: Schlechte Demokraten, die sich für Sozialisten hielten, spannten sich in das Geschirr des Krieges ein und bemühten sich, unter der Knute der Liberalen aus allen ihren schwachen Kräften den Sieg zu sichern ... der Entente über Russland, Amerikas über Europa.

Die Hauptfunktion der Versöhnler bestand darin, die revolutionäre Energie der Massen auf die Leitung des Patriotismus umzuschalten. Sie strebten einerseits danach, die Kampffähigkeit der Armee wiederzubeleben – das war schwer; sie versuchten andererseits, die Regierungen der Entente zu bewegen, auf den Raub zu verzichten – das war lachhaft. In beiden Richtungen gingen sie von Illusionen zu Enttäuschungen und von Fehlern zu Demütigungen. Wir wollen die ersten Wegweiser auf diesem Pfade verzeichnen.

In den Stunden seiner kurzwährenden Größe hatte Rodsjanko Zeit gefunden, einen Befehl zu erlassen, wonach die Soldaten sofort in die Kasernen zurückzukehren und ihren Offizieren Gehorsam zu leisten hätten. Die dadurch hervorgerufene Erregung der Garnison zwang den Sowjet, eine seiner ersten Sitzungen der Frage des weiteren Schicksals der Soldaten zu widmen. In der heißen Atmosphäre jener Stunden, im Chaos der Sitzung, die eher einem Meeting glich, unter dem direkten Diktat der Soldaten, die von den abwesenden Führern nicht behindert werden konnten, entstand der berühmte »Befehl Nr. 1«, das einzige würdige Dokument der Februarrevolution, die Freiheitscharta der revolutionären Armee. Seine kühnen Paragrafen, die den Soldaten den organisierten Ausweg auf eine neue Bahn wiesen, verfügten: bei allen Truppenteilen Wahlkomitees zu schaffen; Soldatenvertreter in den Sowjet zu wählen; bei allen politischen Auftritten, sich dem Sowjet und den eigenen Komitees unterzuordnen; die Waffen unter Kontrolle der Kompanie- und Bataillonskomitees zu halten und sie »unter keinen Umständen den Offizieren auszuliefern«; im Dienste strenge militärische Disziplin, außerhalb des Dienstes alle Bürgerrechte; Ehrenbezeigungen und Titulierungen der Offiziere außerhalb des Dienstes werden abgeschafft; grobes Benehmen gegen Soldaten, insbesondere die Anrede mit »Du« ist verboten und so weiter.

Dies waren die Schlussfolgerungen der Petrograder Soldaten aus ihrer Teilnahme an der Umwälzung. Hätten es auch andere sein können? Sich zu widersetzen, wagte niemand. Während der Ausarbeitung des »Befehls« waren die Häupter der Sowjets durch erhabenere Sorgen abgelenkt: Sie führten Verhandlungen mit den Liberalen. Dieses ermöglichte ihnen, sich auf ihr Alibi zu berufen, als sie gezwungen waren, sich vor der Bourgeoisie und dem Kommandobestand zu rechtfertigen.

Gleichzeitig mit dem »Befehl Nr. 1« schickte das Exekutivkomitee, das Zeit gefunden hatte, sich zu besinnen, in die Druckerei als Gegengift einen Appell an die Soldaten, der unter dem Scheine der Verurteilung der Selbstjustiz gegen Offiziere Unterordnung gegenüber dem alten Kommandobestand forderte. Die Setzer weigerten sich einfach, dieses Dokument zu setzen. Die demokratischen Autoren waren vor Empörung außer sich: Wohin führt das? Es wäre jedoch falsch anzunehmen, die Setzer härten blutige Strafgerichte gegen die Offiziere angestrebt. Der Aufruf zur Unterordnung am Tage nach dem Umsturz schien ihnen gleichbedeutend mit dem Öffnen der Tore für die Konterrevolution. Gewiss, die Setzer hatten ihre Befugnisse überschritten. Doch sie fühlten sich nicht nur als Setzer. Es ging ihrer Meinung nach um den Kopf der Revolution.

In jenen ersten Tagen, als das Schicksal der zu den Regimentern zurückkehrenden Offiziere sowohl Soldaten wie Arbeiter äußerst heftig erregte, hatte die »interrayonale« sozialdemokratische Organisation, die den Bolschewiki nahestand, die heikle Frage mit revolutionärer Kühnheit gestellt.

»Damit euch der Adel und die Offiziere nicht betrügen können«, lautete der von ihr erlassene Aufruf an die Soldaten, »wählt selbst Zug-, Kompanieund Regimentskommandeure. Nehmt nur die Offiziere auf, die ihr als Freunde des Volkes kennt.« Aber was geschah? Die den Verhältnissen völlig entsprechende Proklamation wurde sofort vom Exekutivkomitee beschlagnahmt, und Tschcheïdse bezeichnete sie in seiner Rede als Provokation. Wie wir sehen, scheuten sich die Demokraten gar nicht, die Pressefreiheit einzuschränken, wenn es galt, Schläge nach links auszuteilen. Glücklicherweise war ihre eigene Freiheit genügend eingeschränkt. Während die Arbeiter und Soldaten das Exekutivkomitee als ihr höchstes Organ unterstützten, korrigierten sie in allen wichtigsten Momenten die Politik der Leitung durch unmittelbare Einmischung.

Schon nach wenigen Tagen versuchte das Exekutivkomitee durch einen »Befehl Nr. 2« den ersten zu widerrufen, indem es seine Gültigkeit auf den Petrograder Militärbezirk einschränkte. Vergeblich! Der »Befehl Nr. 1« war nicht zu erschüttern, denn er hatte nichts erfunden, sondern nur das bekräftigt, was im Hinterlande und an der Front nach außen drängte und Anerkennung verlangte. Den Soldaten von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehend, deckten sich sogar die liberalen Deputierten bei Fragen und Vorwürfen mit dem »Befehl Nr. 1«. In der großen Politik aber wurde der mutige Befehl zum Hauptargument der Bourgeoisie gegen die Sowjets. Die geschlagenen Generale hatten nunmehr in dem »Befehl Nr. 1« das Haupthindernis entdeckt, das ihnen verwehrt habe, die deutschen Truppen zu zerschmettern. Als Ursprungsort des Befehls wurde Deutschland bezeichnet. Die Versöhnler wurden nicht müde, sich für das Getane zu rechtfertigen, und erregten die Soldaten, indem sie versuchten, mit der rechten Hand das zu nehmen, was der linken entglitten war.

Inzwischen verlangte im Sowjet bereits die Mehrheit der Deputierten Wählbarkeit der Kommandeure. Die Demokraten wurden unruhig. Suchanow, der keine besseren Argumente finden konnte, schreckte damit, die Bourgeoisie, der die Macht übergeben war, würde auf Wählbarkeit nicht eingehen. Die Demokraten versteckten sich ungeniert hinter Gutschkows Rücken. Bei diesem Spiel nahmen die Liberalen den gleichen Platz ein, den beim Spiel des Liberalismus die Monarchie einnehmen sollte. »Als ich vom Podium zu meinem Platze ging«, erzählt Suchanow, »stieß ich auf einen Soldaten, der mir den Weg versperrte und, vor meinen Augen mit den Fäusten fuchtelnd, wutentbrannt gegen die Herren wetterte, die niemals in der Soldatenhaut gesteckt hätten.« Nach diesem »Exzess« lief unser Demokrat, der seine Fassung endgültig verloren hatte, Kerenski zu suchen, und erst mit dessen Hilfe »wurde die Frage dann irgendwie verwischt«. Diese Menschen taten nichts anderes, als Fragen zu verwischen.

Zwei Wochen lang war es ihnen gelungen, so zu tun, als bemerkten sie den Krieg nicht. Schließlich wurde ein weiteres Hinausschieben unmöglich. Den 14. März brachte das Exekutivkomitee im Sowjet den von Suchanow geschriebenen Entwurf eines Manifestes »An die Völker der ganzen Welt« ein. Die liberale Presse nannte sehr bald dieses Dokument, das die rechten und linken Versöhnler vereinigte, den »Befehl Nr. 1 auf dem Gebiet der Außenpolitik«. Doch diese schmeichelhafte Bezeichnung war ebenso unwahrhaftig wie das Dokument, auf das sie sich bezog. Der »Befehl Nr. 1« war eine ehrliche, direkte Antwort der unteren Schichten auf jene Fragen, die die Revolution vor der Armee aufgerichtet hatte. Das Manifest vom 14. März war eine treubrüchige Antwort der oberen Schichten auf Fragen, die ihnen von den Soldaten und Arbeitern ehrlich gestellt worden waren.

Das Manifest drückte allerdings das Streben nach Frieden aus, und zwar nach einem demokratischen, ohne Annexionen und Kontributionen. Aber diese Phraseologie hatten die Imperialisten des Westens lange vor der Februarrevolution anzuwenden gelernt. Gerade im Namen eines gesicherten, ehrlichen, »demokratischen« Friedens schickte sich Wilson in jenen Tagen an, in den Krieg einzutreten. Der fromme Asquith gab im Parlament eine gelehrte Klassifizierung der Annexionen, aus der sich unzweifelhaft ergab, dass alle jene Annexionen als unsittlich zu verurteilen waren, die den Interessen Großbritanniens widersprachen. Was die französische Diplomatie betrifft, so bestand ihr ganzes Wesen darin, der Gier des Krämers und Wucherers einen möglichst freiheitlichen Ausdruck zu verleihen. Das Sowjetdokument, dem man eine gewisse simple Aufrichtigkeit der Beweggründe nicht absprechen kann, geriet fatalerweise auf das ausgefahrene Gleis der offiziellen französischen Heuchelei. Das Manifest versprach »standhaft unsere eigene Freiheit zu verteidigen« gegen den ausländischen Militarismus. Gerade damit aber gingen die französischen Sozialpatrioten seit August 1914 krebsen. »Es ist für die Völker die Zeit gekommen, über die Frage des Krieges und des Friedens selbst zu entscheiden«, verkündete das Manifest, deren Verfasser soeben im Namen des russischen Volkes die Lösung dieser Frage der Großbourgeoisie überlassen hatten. Die Arbeiter Deutschlands und Österreich-Ungarns forderte das Manifest auf: »Weigert euch, ein Werkzeug der Eroberungen und Vergewaltigungen in den Händen der Könige, Gutsbesitzer und Bankiers zu sein!« In diesen Worten lag die Quintessenz der Lüge, denn die Häupter des Sowjets dachten nicht daran, ihr eigenes Bündnis mit den Königen von Großbritannien, Belgien, mit dem Kaiser von Japan, mit den Gutsbesitzern und Bankiers, ihren eigenen sowohl wie denen der Ententeländer, zu zerreißen. Nachdem sie die Leitung der Außenpolitik an Miljukow abgetreten hatten, der sich vor kurzem noch anschickte, Ostpreußen in ein russisches Gouvernement zu verwandeln, riefen die Führer des Sowjets die deutschen und österreich-ungarischen Arbeiter auf, dem Beispiel der russischen Revolution zu folgen. Die theatralische Verurteilung des Krieges änderte nichts: Auch der Papst beschäftigte sich damit. Mit Hilfe pathetischer Phrasen, gerichtet gegen die Schatten von Bankier, Gutsbesitzer und König, verwandelten die Versöhnler die Februarrevolution in ein Werkzeug der realen Könige, Gutsbesitzer und Bankiers. Schon in seinem Begrüßungstelegramm an die Provisorische Regierung bewertete Lloyd George die russische Revolution als einen Beweis dafür, dass »der gegenwärtige Krieg in seinem Wesen ein Kampf um Volksregierung und Freiheit ist«. Das Manifest vom 14. März solidarisierte sich »in seinem Wesen« mit Lloyd George und leistete der militaristischen Propaganda in Amerika wertvolle Hilfe. Dreifach Recht hatte die Zeitung Miljukows, als sie schrieb, dass »der Aufruf, der mit so typischen pazifistischen Tönen beginnt, im Wesentlichen auf die uns mit allen unseren Verbündeten gemeinsame Ideologie hinausläuft«. Wenn die russischen Liberalen trotzdem mehr als einmal das Manifest wütend angriffen und die französische Zensur es überhaupt nicht passieren ließ, so war das von der Angst vor jener Deutung hervorgerufen, die diesem Dokument die revolutionären, aber noch vertrauensseligen Massen gaben.

Das von einem Zimmerwalder verfasste Manifest kennzeichnete den prinzipiellen Sieg des patriotischen Flügels. In der Provinz griffen die Sowjets das Signal auf. Die Losung »Krieg dem Kriege« wurde als unzulässig erklärt. Sogar am Ural und in Kostroma, wo die Bolschewiki stark waren, erhielt das patriotische Manifest einstimmige Billigung. Nicht verwunderlich: Hatten doch auch im Petrograder Sowjet die Bolschewiki diesem verlogenen Dokument keinen Widerstand geleistet.

Nach einigen Wochen war man gezwungen, eine Teilzahlung auf den Wechsel zu leisten. Die Provisorische Regierung gab eine Kriegsanleihe heraus, die allerdings »Freiheitsanleihe« genannt wurde. Zeretelli wies nach, dass, da die Regierung »im Großen und Ganzen« ihren Verpflichtungen nachkomme, die Demokratie die Anleihe unterstützen müsse. Im Exekutivkomitee vereinigte der oppositionelle Flügel mehr als ein Drittel der Stimmen auf sich. Doch im Plenum des Sowjets stimmten am 22. April gegen die Anleihe nur 112 von annähernd 2.000 Deputierten. Daraus zog man manchmal den Schluss: Das Exekutivkomitee sei linker als der Sowjet. Das war aber falsch. Der Sowjet war nur ehrlicher als das Exekutivkomitee. Ist der Krieg die Verteidigung der Revolution, dann muss man Geld für den Krieg geben, muss man die Anleihe unterstützen. Das Exekutivkomitee war nicht revolutionärer, sondern verschlagener. Es lebte von Zweideutigkeiten und Ausreden. Die von ihm geschaffene Regierung unterstützte es »im Großen und Ganzen« und übernahm die Verantwortung für den Krieg nur »insofern wie«. Diese kleinen Schlauheiten waren den Massen fremd. Die Soldaten konnten weder kämpfen »insofern wie« noch sterben »im Großen und Ganzen«.

Um den Sieg des Staatsgedankens über die Wahnideen zu festigen, wurde General Alexejew, der am 5. März geplant hatte, die Propagandistenbanden zu erschießen, am 1. April offiziell an die Spitze der bewaffneten Macht gestellt. Von nun an war alles in Ordnung. Der Inspirator der Außenpolitik des Zarismus, Miljukow, war Minister des Auswärtigen. Der Befehlshaber der Armee unter dem Zaren, Alexejew, Oberkommandierender der Revolution. Die Nachfolgeschaft war damit vollständig hergestellt.

Gleichzeitig waren die Sowjetführer durch die Logik der Lage gezwungen, die Maschen des Netzes aufzulösen, das sie selbst geflochten. Die offizielle Demokratie hatte eine Todesangst vor jenen Kommandeuren, die sie duldete und stützte. Sie konnte nicht anders, als diesen eine Kontrolle entgegenzustellen, wobei sie bestrebt war, sie in den Soldaten zu verankern und gleichzeitig möglichst unabhängig von diesen zu machen. In der Sitzung vom 6. März erklärte das Exekutivkomitee es als wünschenswert, bei allen Truppenteilen und militärischen Ämtern eigene Kommissare einzuführen. So entstand eine dreifache Verbindung: Die Truppenteile delegierten ihren Vertreter in den Sowjet; das Exekutivkomitee schickte seine Kommissare in die Truppenteile und schließlich wurde an die Spitze jedes Truppenteils ein gewähltes Komitee gestellt, das so etwas wie eine untere Zelle des Sowjets bildete.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Kommissare bestand in der Überwachung der politischen Zuverlässigkeit der Stäbe und des Kommandobestandes. »Das demokratische Regime hat bald das selbstherrliche übertroffen«, entrüstet sich Denikin und fügt prahlend gleich hinzu, wie geschickt sein Stab die chiffrierte Korrespondenz der Kommissare mit Petrograd abfing und ihm übermittelte. Monarchisten und Verteidigern der Leibeigenschaft auf die Finger zu schauen – was kann es Empörenderes gehen? Etwas anderes ist, die Korrespondenz der Kommissare mit der Regierung zu stehlen. Wie es auch mit der Moral bestellt gewesen sein mag, die inneren Beziehungen des leitenden Armeeapparates treten in aller Krassheit hervor: Beide Parteien fürchten einander und überwachen sich feindselig. Sie verbindet nur die gemeinsame Angst vor den Soldaten. Selbst die Generale und Admirale, wie ihre weiteren Pläne und Hoffnungen auch gewesen sein mochten, sahen klar, dass es ihnen ohne demokratische Deckung nicht gut gehen würde. Die Bestimmungen über die Komitees bei der Flotte wurden von Koltschak ausgearbeitet. Er rechnete damit, sie später zu erdrosseln. Da man aber heute keinen Schritt ohne die Komitees machen konnte, kam Koltschak beim Hauptquartier um deren Bestätigung ein. In ähnlicher Weise schickte General Markow, einer der späteren weißen Heerführer, Anfang April an das Ministerium einen Entwurf betreffend die Einsetzung von Kommissaren zur Überwachung der Loyalität des Kommandobestandes. So brachen unter dem Ansturm der Revolution die »uralten Gesetze der Armee«, das heißt die Traditionen des militärischen Bürokratismus, wie Strohhalme zusammen.

Die Soldaten gingen vom anderen Ende an die Komitees heran und schlossen sich um sie zusammen gegen den Kommandobestand. Und wenn auch die Komitees die Kommandeure gegen die Soldaten schützen, so doch nur bis zu einer bestimmten Grenze. Die Lage des Offiziers, der mit dem Komitee in Konflikt geraten war, wurde unerträglich. So entstand das ungeschriebene Gesetz der Soldaten, die Befehlshaber absetzen zu können. An der Westfront mussten nach Denikins Bericht bis Anfang Juli an die 60 alte Befehlshaber, vom Korpskommandeur bis zum Regimentskommandeur, abtreten. Ähnliche Absetzungen erfolgten auch innerhalb der Regimenter.

Inzwischen ging im Kriegsministerium, im Exekutivkomitee, in den Sitzungen der Kontaktkommission eine mühselige Kanzleiarbeit vonstatten, die die Aufgabe hatte, »vernünftige« Formen der Beziehungen in der Armee zu schaffen und die Autorität der Vorgesetzten zu heben durch Herabminderung der Bedeutung der Armeekomitees auf eine untergeordnete, hauptsächlich wirtschaftliche Rolle. Aber während die erhabenen Führer mit dem Schatten eines Besens den Schatten der Revolution säuberten, entfalteten sich die Komitees zu einem mächtigen zentralisierten System, das bis zum Petrograder Exekutivkomitee hinaufreichte und diesem organisatorisch die Macht über die Armee sicherte. Diese Macht nutzte jedoch das Exekutivkomitee hauptsächlich dazu aus, um die Armee mittels der Kommissare und der Komitees wieder in den Krieg einzuspannen. Die Soldaten sind immer häufiger gezwungen, über die Frage nachzudenken, wie es denn komme, dass die von ihnen gewählten Komitees häufig nicht das aussprechen, was sie, die Soldaten, denken, sondern das, was von ihnen, den Soldaten, die Vorgesetzten wünschen.

Die Schützengräben schicken in immer größerer Zahl Deputierte in die Hauptstadt, um zu erfahren, was denn los sei. Seit Anfang April besteht eine ununterbrochene Verbindung mit der Front, jeden Tag finden im Taurischen Palais Kollektivbesprechungen statt, die von draußen ankommenden Soldaten bewegen schwer ihre Hirne in dem Bemühen, sich in den Geheimnissen der Politik des Exekutivkomitees zurechtzufinden, das auf keine ihrer Fragen klare Antwort geben kann. Die Armee geht mühselig auf die Position der Sowjets über, um sich umso klarer von der Unzulänglichkeit der Sowjetleitung zu überzeugen.

Die Liberalen, die nicht wagen, sich dem Sowjet offen entgegenzustellen, versuchen dennoch einen Kampf um die Armee zu führen. Als politisches Band mit ihr muss natürlich der Chauvinismus herhalten. In einer der Unterredungen mit Abgesandten aus den Schützengräben verteidigte der kadettische Minister Schingarew den Befehl Gutschkows gegen die »übermäßige Nachsicht« mit den Gefangenen, verweisend auf die »deutschen Gräueltaten«. Der Minister fand nicht die geringste Zustimmung. Die Versammlung sprach sich entschieden für die Erleichterung des Schicksals der Gefangenen aus. Das waren die gleichen Männer, die die Liberalen beständig der Exzesse und Gräueltaten beschuldigten. Aber die graue Frontmasse hatte ihre Maßstäbe. Sie betrachtete es als erlaubt, Rache zu nehmen an einem Offizier für Quälereien der Soldaten; aber sie betrachtete es als eine Niedrigkeit, Rache zu nehmen an einem gefangenen deutschen Soldaten wegen tatsächlicher oder angeblicher Gräueltaten Ludendorffs. Die ewigen Normen der Moral blieben, ach, diesen knorrigen und verlausten Bauern fremd.

Aus den Versuchen der Bourgeoisie, die Armee in ihre Hände zu bekommen, entstand auf der Delegiertenkonferenz der Westfront vom 7.–10. April zwischen den Liberalen und den Versöhnlern ein übrigens nicht zur Entfaltung gelangter Wettstreit. Die erste Konferenz einer der Fronten sollte die entscheidende politische Nachprüfung der Armee werden und beide Parteien schickten ihre besten Kräfte nach Minsk. Der Sowjet: Zeretelli, Tschcheïdse, Skobeljew, Gwosdjew; die Bourgeoisie: Rodsjanko höchstselbst, den Kadettendemosthenes Roditschjew und andere. Leidenschaftliche Spannung herrschte in dem überfüllten Theatergebäude zu Minsk und verbreitete sich von dort aus wellenartig über die Stadt. Die Berichte der Delegierten ergaben ein Bild dessen, was ist. An der ganzen Front geht die Verbrüderung vor sich, die Soldaten ergreifen immer kühner die Initiative, das Kommando vermag an Repressalien nicht einmal zu denken. Was konnten da die Liberalen sagen? Angesichts dieses leidenschaftlichen Auditoriums verzichteten sie sogleich auf den Gedanken, ihre Resolutionen denen der Sowjets entgegenzustellen. Sie beschränkten sich auf patriotische Töne in ihren Begrüßungsreden und wurden bald völlig hinweggespült. Die Schlacht war von den Demokraten ohne Kampf gewonnen. Sie brauchten die Massen nicht gegen die Bourgeoisie zu führen, sondern mussten sie zurückhalten. Die Losung des Friedens, zweideutig mit der Losung der Verteidigung der Revolution im Geiste des Manifestes vom 14. März verflochten, beherrschte den Kongress. Die Sowjetresolution über den Krieg wurde mit 610 gegen 8 Stimmen bei 46 Stimmenthaltungen angenommen. Die letzte Hoffnung der Liberalen, dem Hinterland die Front, dem Sowjet die Armee entgegenstellen zu können, zerstob in Asche. Doch auch die demokratischen Führer kehrten vom Kongress zurück, mehr verängstigt als begeistert über ihren Sieg. Sie hatten die Geister erblickt, die die Revolution erweckt hatte, und sie fühlten, dass sie diesen Geistern nicht gewachsen waren.

Die Bolschewiki und Lenin

Am 3. April kam aus der Emigration Lenin in Petrograd an. Erst mit diesem Moment beginnt die bolschewistische Partei mit voller, und was noch wichtiger, mit eigener Stimme zu sprechen.

Der erste Monat der Revolution war für den Bolschewismus eine Zeit der Fassungslosigkeit und Schwankungen. Im Manifest des Zentralkomitees der Bolschewiki, verfasst gleich nach dem Siege des Aufstandes, hieß es, »die Arbeiter der Fabriken und Werkstätten wie auch die aufständischen Truppen müssen sofort ihre Vertreter in die revolutionäre Provisorische Regierung wählen«. Das Manifest war im offiziellen Organ des Sowjets ohne Kommentare und Widerreden abgedruckt worden, als betreffe es nur eine akademische Frage. Doch auch die leitenden Bolschewiki verliehen ihrer Losung rein demonstrative Bedeutung. Sie handelten nicht wie Vertreter einer proletarischen Partei, die sich zum selbstständigen Kampf um die Macht vorbereitet, sondern als linker Flügel der Demokratie, der, seine Prinzipien verkündend, die Absicht hat, während einer unbestimmt langen Zeit die Rolle der loyalen Opposition zu spielen.

Suchanow behauptet, dass in der Sitzung des Exekutivkomitees vom 1. März im Zentrum der Beratungen nur die Bedingungen der Machtübergabe standen: Gegen die Tatsache der Bildung einer bürgerlichen Regierung selbst hätte sich keine einzige Stimme erhoben, ungeachtet dessen, dass im Exekutivkomitee von den 39 Mitgliedern 11 zu den Bolschewiki und den diesen Nahestehenden zählten, darunter drei Mitglieder des Zentrums, Salutzki, Schljapnikow und Molotow.

Am nächsten Tage stimmten im Sowjet, nach dem Bericht Schljapnikows selbst, von den anwesenden 400 Deputierten im ganzen 19 Mann gegen die Übergabe der Macht an die Bourgeoisie, während die bolschewistische Fraktion bereits an die 40 Mann zählte. Die Abstimmung an sich verlief vollkommen unbemerkt, in formell-parlamentarischer Ordnung, ohne klare Gegenvorschläge seitens der Bolschewiki, ohne Kampf und ohne jegliche Agitation in der bolschewistischen Presse.

Am 4. März beschloss das Büro des Zentralkomitees eine Resolution über den konterrevolutionären Charakter der Provisorischen Regierung und die Notwendigkeit, den Kurs auf die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu halten. Das Petrograder Komitee, das nicht ohne Grund diese Resolution als akademisch bezeichnete, da sie überhaupt nicht sagte, was im Augenblick zu tun sei, ging an das Problem vom entgegengesetzten Ende heran. »Der vom Sowjet angenommenen Resolution über die Provisorische Regierung Rechnung tragend«, erklärte es, »der Macht der Provisorischen Regierung nicht entgegenzuwirken, insofern wie ...« Im Wesentlichen war es die Position der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, nur auf die zweite Schützengrabenlinie zurückverlegt. Die offen opportunistische Resolution des Petrograder Komitees widersprach nur der Form nach der Position des Zentralkomitees, deren akademischer Charakter nichts anderes bedeutete als die politische Versöhnung mit der vollzogenen Tatsache.

Die Bereitschaft, sich schweigend oder mit einem Vorbehalt vor der Regierung der Bourgeoisie zu verneigen, fand keineswegs ungeteilte Sympathie in der Partei. Die bolschewistischen Arbeiter stießen sogleich auf die Provisorische Regierung wie auf eine feindliche Feste, die sich plötzlich auf ihrem Wege erhob. Das Wyborger Komitee führte tausendköpfige Versammlungen von Arbeitern und Soldaten durch, die fast einstimmig Resolutionen über die Notwendigkeit der Machtergreifung durch den Sowjet annahmen. Ein aktiver Teilnehmer dieser Agitation, Dingelstedt, bezeugt: »Es gab kein Meeting, keine Arbeiterversammlung, die unsere Resolutionen dieses Inhalts abgelehnt haben würde, wenn nur irgendjemand dagewesen wäre, sie einzubringen.« Menschewiki und Sozialrevolutionäre fürchteten sich in der ersten Zeit, mit ihrer Fragestellung die Macht betreffend vor einem Arbeiter- und Soldatenauditorium offen aufzutreten. Die Resolution der Wyborger wurde in Anbetracht ihres Erfolges gedruckt und plakatiert. Das Petrograder Komitee aber belegte diese Resolution mit einem direkten Verbot, und die Wyborger mussten nachgeben.

In der Frage des sozialen Inhalts der Revolution und der Perspektiven ihrer Entwicklung war die Position der bolschewistischen Leitung nicht minder verworren. Schljapnikow berichtet: »Wir waren mit den Menschewiki darin einig, dass wir den Moment eines revolutionären Bruches der Feudal- und Leibeigenschaftsverhältnisse durchleben und dass diese durch verschiedene, den bürgerlichen Verhältnissen eigene ›Freiheiten‹ abgelöst werden.« Die »Prawda« schrieb in ihrer ersten Nummer: »Die Grundaufgabe ist ... Einführung des demokratisch-republikanischen Regimes.« In seiner Weisung an die Arbeiterdeputierten verkündete das Moskauer Komitee: »Das Proletariat ist bestrebt, die Freiheit für den Kampf um den Sozialismus – das Endziel – zu erlangen.« Der traditionelle Hinweis auf das »Endziel« unterstreicht zur Genüge die historische Distanz in Bezug auf den Sozialismus. Weiter ging niemand. Die Befürchtung, die Grenzen der demokratischen Revolution zu überschreiten, diktierte die Politik des Abwartens, der Anpassung und des faktischen Rückzuges vor den Versöhnlern.

Wie drückend die politische Charakterlosigkeit des Zentrums sich auf die Provinz auswirkte, ist nicht schwer zu begreifen. Begnügen wir uns mit dem Zeugnis eines Leiters der Saratower Organisation: »Unsere Partei, die an dem Aufstand aktiv beteiligt gewesen war, hatte offenbar den Einfluss auf die Massen verloren und er wurde von den Menschewiki und Sozialrevolutionären aufgefangen. Welches die Parolen der Bolschewiki waren, wusste niemand ... Ein sehr unangenehmes Bild.«

Die linken Bolschewiki, vor allem die Arbeiter, waren aus allen Kräften bestrebt, die Quarantäne zu durchbrechen. Doch auch sie wussten nicht, wie den Argumenten vom bürgerlichen Charakter der Revolution und den Gefahren der Isolierung für das Proletariat zu parieren. Mit innerer Überwindung unterwarfen sie sich den Direktiven der Leitung. Verschiedene Strömungen im Bolschewismus prallten vom ersten Tag an ziemlich heftig aneinander, aber nicht eine führte ihre Gedanken zu Ende. Die »Prawda« spiegelte diesen verworrenen und schwankenden Ideenzustand der Partei wider, ohne eine Einheit hineinzubringen. Die Lage wurde noch verwickelter Mitte März, nach der Ankunft Kamenews und Stalins aus der Verbannung, die das Steuer der offiziellen Parteipolitik schroff nach rechts warfen.

Bolschewik fast seit der Entstehung des Bolschewismus, stand Kamenew stets auf dem rechten Flügel der Partei. Nicht ohne theoretische Vorbereitung und politischen Instinkt, mit großer Erfahrung im russischen Fraktionskampfe und einem Vorrat an politischen Beobachtungen im Westen, griff er besser als viele andere Bolschewiki Lenins Gesamtideen auf, aber nur, um ihnen in der Praxis eine möglichst friedliche Deutung zu geben. Weder Selbstständigkeit des Entschlusses noch Initiative der Tat durfte man von ihm erwarten. Hervorragender Propagandist, Redner, kein glänzender, aber ein nachdenklicher Journalist, war Kamenew besonders wertvoll für Verhandlungen mit anderen Parteien und sogar für die Erforschung anderer Gesellschaftskreise, wobei er von solchen Exkursionen stets ein Teilchen parteifremder Stimmungen mitbrachte. Diese Eigenschaften Kamenews traten derart klar zutage, dass sich fast niemand in Bezug auf seine politische Figur täuschte. Suchanow vermerkt an ihm das Fehlen »scharfer Kanten«: Er »muss stets ins Schlepptau genommen werden, und wenn er sich mitunter auch widersetzt, so doch nicht heftig«. In gleichem Sinne schreibt auch Stankewitsch: Die Beziehungen Kamenews zu den Gegnern »waren so milder Art, dass es schien, als schämte er sich selbst über die Unversöhnlichkeit seiner Position: Im Komitee war er zweifellos nicht Feind, sondern nur Opposition.« Dem ist fast nichts hinzuzufügen.

Stalin stellte, sowohl seiner psychologischen Verfassung wie dem Charakter seiner Parteiarbeit nach, einen ganz anderen Bolschewikentypus dar: den des festen, theoretisch und politisch primitiven Organisators. Blieb Kamenew in der Eigenschaft eines Publizisten eine Reihe von Jahren mit Lenin in der Emigration, wo sich der Herd der theoretischen Arbeit der Partei befand, so war Stalin als sogenannter Praktiker ohne theoretischen Horizont, ohne breite politische Interessen und ohne Kenntnis fremder Sprachen, vom russischen Boden nicht zu trennen. Solche Arbeiter tauchten im Auslande nur vorübergehend auf, um Instruktionen zu erhalten, über weitere Aufgaben sich zu verständigen und wieder nach Russland zurückzukehren. Stalin zeichnete sich unter den Praktikern durch Energie, Beharrlichkeit und Erfindungsgabe für Kulissenkombinationen aus. Wenn Kamenew aus seiner Natur heraus sich der praktischen Folgerungen des Bolschewismus »schämte«, so neigte im Gegenteil Stalin dazu, einmal erfasste praktische Folgerungen ohne jede Milderung zu verteidigen, mit einer Mischung von Beharrlichkeit und Grobheit.

Ungeachtet der Gegensätzlichkeit ihrer Charaktere haben Kamenew und Stalin nicht zufällig zu Beginn der Revolution eine gemeinsame Position eingenommen: Sie ergänzten einander. Revolutionäre Konzeption ohne revolutionären Willen ist dasselbe wie eine Uhr mit zerbrochener Feder: Der politische Zeiger Kamenews blieb stets hinter den revolutionären Aufgaben zurück. Doch das Fehlen einer breiten politischen Konzeption verurteilt den willensstärksten Politiker zur Unentschiedenheit beim Eintreten großer und komplizierter Ereignisse. Der Empiriker Stalin ist fremden Einflüssen ausgesetzt nicht von seiten des Willens, sondern des Denkens. So brachten der Publizist ohne Entschlusskraft und der Organisator ohne Horizont im März ihren Bolschewismus bis hart an die Grenze des Menschewismus. Stalin zeigte sich dabei noch weniger befähigt als Kamenew, im Exekutivkomitee, in das er eintrat, als Vertreter der Partei eine selbstständige Position zu entwickeln. In den Protokollen wie in der Presse ist nicht ein Antrag, eine Erklärung, ein Protest enthalten, in denen Stalin, im Gegensatz zur Kriecherei der »Demokratie« vor dem Liberalismus, dem bolschewistischen Standpunkt Ausdruck verliehen hätte. Suchanow sagt in seinen »Aufzeichnungen«: »Bei den Bolschewiki tauchte außer Kamenew zu dieser Zeit im Exekutivkomitee Stalin auf ... Während seiner bescheidenen Tätigkeit im Exekutivkomitee machte (er) – nicht nur auf mich – den Eindruck eines grauen Flecks, der manchmal trübe und spurlos schimmerte. Mehr ist über ihn eigentlich nicht zu sagen.« Wenn Suchanow Stalin im Großen und Ganzen sichtlich unterschätzt, so charakterisiert er doch richtig dessen politische Gesichtslosigkeit im versöhnlerischen Exekutivkomitee.

Am 14. März wurde das Manifest »An die Völker der ganzen Welt«, das die Februarrevolution im Interesse der Entente deutete und den Triumph des neuen, republikanischen Sozialpatriotismus französischer Marke darstellte, im Sowjet einstimmig angenommen. Das war zweifellos ein Sieg Kamenew-Stalin, der offensichtlich ohne großen Kampf erreicht worden war. Die »Prawda« schrieb darüber als von einem »bewussten Kompromiss zwischen den verschiedenen im Sowjet vertretenen Strömungen«. Es hätte nur hinzugefügt werden müssen, dass der Kompromiss einen offenen Bruch mit der Strömung Lenins bedeutete, die im Sowjet überhaupt nicht vertreten war.

Das Mitglied der ausländischen Redaktion des Zentralorgans, Kamenew, das Mitglied des Zentralkomitees, Stalin, und der Dumadeputierte Muranow, ebenfalls aus Sibirien zurückgekehrt, schoben die alte, zu »linke« Redaktion der »Prawda« beiseite und nahmen, auf ihre problematischen Rechte gestützt, am 15. März die Zeitung in ihre Hände. Im Programmartikel der neuen Redaktion wurde verkündet, die Bolschewiki würden die Provisorische Regierung entschieden unterstützen, »insofern sie gegen Reaktion und Konterrevolution kämpft«. In der Frage des Krieges sprachen sich die neuen Leiter nicht weniger kategorisch aus: Solange die deutsche Armee ihrem Kaiser gehorcht, müsste der russische Soldat »fest auf seinem Posten stehen, Kugel mit Kugel und Geschoss mit Geschoss beantworten«. »Nicht das inhaltlose ›Nieder mit dem Krieg‹ ist unsere Losung. Unsere Losung ist – der Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziele, sie zu zwingen ... mit einem Versuch hervorzutreten, alle kämpfenden Länder zur sofortigen Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bewegen ... Bis dahin bleibt aber jeder auf seinem Kampfposten!« Idee wie Formulierung sind durch und durch im Geiste der Landesverteidigung. Das Programm des Druckes auf die imperialistische Regierung mit dem Ziele, diese zur friedlichen Handlungsweise »zu bewegen«, war das Programm Kautskys in Deutschland, Jean Longuets in Frankreich, MacDonalds in England, keinesfalls aber das Programm Lenins, der zur Niederwerfung der imperialistischen Herrschaft aufrief. In ihrer Verteidigung vor der patriotischen Presse ging die »Prawda« noch weiter: »Jeglicher ›Defätismus‹», schrieb sie, »oder richtiger das, was die nicht sehr wählerische Presse unter dem Schutze der zaristischen Zensur mit diesem Namen brandmarkte, starb in dem Augenblick, als in den Straßen Petrograds das erste revolutionäre Regiment erschien.« Das war direkt Abgrenzung gegen Lenin. Der »Defätismus« war keinesfalls eine Erfindung der feindlichen Presse unter dem Schutze der Zensur, er wurde von Lenin mit der Formel gegeben: »Die Niederlage Russlands ist das kleinere Übel.« Das Erscheinen des ersten revolutionären Regiments und sogar der Sturz der Monarchie änderte an dem imperialistischen Charakter des Krieges nichts.

»Der Tag des Erscheinens der ersten Nummer der umgestalteten ›Prawda‹ – am 15. März –«, erzählt Schljapnikow, »war ein Triumphtag für die Landesverteidiger. Das ganze Taurische Palais, von den Geschäftemachern des Komitees der Reichsduma bis zum Herzen der revolutionären Demokratie – dem Exekutivkomitee–, waren von der einen Neuigkeit erfüllt: dem Siege der gemäßigten, vernünftigen Bolschewiki über die Extremen. Im Exekutivkomitee selbst empfing man uns mit giftigem Lächeln ... Als diese Nummer der ›Prawda‹ in die Fabriken gelangte, rief sie unter den Mitgliedern unserer Partei und den mit ihr Sympathisierenden tiefes Erstaunen hervor und höhnende Freude bei den Gegnern ... Die Empörung in den Bezirken war groß, und als die Proletarier erfuhren, dass die ›Prawda‹ von drei aus Sibirien angekommenen früheren Leitern des Blattes eigenmächtig übernommen worden sei, verlangten sie deren Ausschluss aus der Partei.«

Die »Prawda« war bald gezwungen, einen scharfen Protest der Wyborger abzudrucken: »Wenn sie (die Zeitung) nicht das Vertrauen der Arbeiterviertel verlieren will, so muss und wird sie das Licht des revolutionären Bewusstseins tragen, so grell es den bürgerlichen Eulen auch sein mag.« Proteste von unten veranlassten die Redaktion, etwas vorsichtiger in den Ausdrücken zu sein, nicht aber die Politik zu ändern. Sogar Lenins erster Artikel, der inzwischen aus dem Auslande angekommen war, berührte das Bewusstsein der Redaktion nicht. Der Kurs ging auf der ganzen Linie nach rechts. »In unserer Agitation«, erzählt Dingelstedt, ein Vertreter des linken Flügels, »mussten wir dem Prinzip der Doppelherrschaft Rechnung tragen ... und die Unvermeidlichkeit dieses Umweges jener Arbeiter- und Soldatenmasse nachzuweisen suchen, die während eines halben Monats intensiven politischen Lebens in einem ganz anderen Begriff ihrer Aufgaben erzogen worden war.« Die Politik der Partei im ganzen Lande glich sich naturgemäß der »Prawda« an. In vielen Sowjets wurden jetzt Resolutionen über grundlegende Fragen einstimmig angenommen: Die Bolschewiki beugten sich einfach der Sowjetmehrheit. Auf der Sowjetkonferenz des Moskauer Bezirks schlossen sich die Bolschewiki der Resolution der Sozialpatrioten über den Krieg an. Schließlich stimmten die Bolschewiki auf der Allrussischen Konferenz der Vertreter von 82 Sowjets in Petrograd, Ende März und Anfang April, für die offizielle, von Dan befürwortete Resolution über die Macht. Diese merkwürdige politische Annäherung an die Menschewiki lag im Wesen der breit herausgebildeten Vereinigungstendenzen. In der Provinz vereinigten sich Bolschewiki und Menschewiki in gemeinsamen Organisationen. Die Fraktion Kamenew-Stalin verwandelte sich immer mehr in die linke Flanke der sogenannten revolutionären Demokratie und schloss sich der Mechanik des parlamentarischen Hinter-den-Kulissen-«Drucks« auf die Bourgeoisie an, diesen durch einen Druck hinter den Kulissen auf die Demokratie ergänzend.

Der ausländische Teil des Zentralkomitees und die Redaktion des Zentralorgans »Sozialdemokrat« bildeten das geistige Zentrum der Partei. Lenin, mit Sinowjew als Helfer, trug die ganze leitende Arbeit. Äußerst verantwortliche Sekretärpflichten erfüllte Lenins Frau, Krupskaja. In der praktischen Arbeit stützte sich dieses kleine Zentrum auf die Hilfe einiger Dutzend zu den Bolschewiki gehörender Emigranten. Die Abgetrenntheit von Russland wurde im Kriege umso unerträglicher, je enger die Militärpolizei der Entente ihre Kreise zog. Der Ausbruch der Revolution, den man lange und gespannt erwartet hatte, kam überraschend. England lehnte kategorisch die Durchlassung der Emigranten-Internationalisten, über die es sorgfältigst Listen führte, nach Russland ab. Lenin raste im Züricher Käfig, nach einem Ausweg suchend. Unter Hunderten von Plänen, die einander ablösten, gab es auch den, auf den Pass eines taubstummen Skandinaviers zu reisen. Gleichzeitig lässt Lenin keine Gelegenheit vorübergehen, seine Stimme aus der Schweiz hören zu lassen. Schon am 6. März telegrafiert er über Stockholm nach Petrograd: »Unsere Taktik: restloses Misstrauen, keinerlei Unterstützung der neuen Regierung; Kerenski misstrauen wir besonders; Bewaffnung des Proletariats die einzige Garantie; unverzüglich Wahlen in die Petrograder Duma; keine Annäherung an andere Parteien.« Bloß die Erwähnung der Wahlen für die Duma, statt für den Sowjet, hatte in dieser ersten Direktive episodischen Charakter und kam bald in Wegfall; die übrigen Punkte, mit telegrafischer Bestimmtheit ausgedrückt, geben schon vollständig die allgemeine Richtung der Politik wieder. Gleichzeitig beginnt Lenin, an die »Prawda« seine »Briefe aus der Ferne« zu senden, die, auf Bruchteile ausländischer Informationen gestützt, eine fertige Analyse der revolutionären Situation enthalten. Die Nachrichten der ausländischen Presse ermöglichen ihm bald den Schluss, dass die Provisorische Regierung unter direkter Beihilfe nicht nur Kerenskis, sondern auch Tschcheidses die Arbeiter mit Erfolg betrügt, indem sie den imperialistischen Krieg für einen Landesverteidigungskrieg ausgibt. Am 17. März schickt Lenin durch Vermittlung der Freunde in Stockholm einen von Sorge erfüllten Brief. »Unsere Partei würde sich für ewig mit Schande bedecken, politisch umbringen, wenn sie auf einen solchen Betrug einginge ... Ich werde sogar einen sofortigen Bruch, mit wem auch immer aus unserer Partei, vorziehen, als dem Sozialpatriotismus nachgeben ...« Nach dieser dem Anschein nach unpersönlichen, jedoch auf bestimmte Personen berechneten Drohung beschwört Lenin: »Kamenew muss begreifen, dass auf ihm welthistorische Verantwortung ruht.« Kamenew wird deshalb genannt, weil es sich um prinzipielle Fragen der Politik handelt. Würde Lenin die praktische Kampfaufgabe meinen, er würde eher an Stalin denken. Doch gerade in jenen Stunden, als Lenin bestrebt war, durch das rauchende Europa hindurch die Spannkraft seines Willens nach Petrograd zu leiten, schwenkte Kamenew unter Mitwirkung Stalins schroff in die Richtung zum Sozialpatriotismus ab.

All die Pläne von Schminke, Perücken, fremden und falschen Pässen fielen einer nach dem anderen als undurchführbar weg. Gleichzeitig trat immer konkreter die Idee der Reise durch Deutschland hervor. Dieser Plan erschreckte die Mehrzahl der Emigranten, und zwar nicht nur die Patrioten. Martow und andere Menschewiki wagten nicht, sich der kühnen Initiative Lenins anzuschließen, und fuhren fort, vergeblich an die Türen der Entente zu klopfen. Vorwürfe wegen der Reise durch Deutschland wurden später sogar von vielen Bolschewiken erhoben, infolge der Schwierigkeiten, die der »plombierte Wagen« für die Agitation geschaffen hatte. Lenin schloss von Anfang an die Augen nicht vor den späteren Schwierigkeiten. Krupskaja schrieb kurz vor der Abreise aus Zürich: »Gewiss werden die Patrioten in Russland ein Geheul anstimmen, aber man muss darauf gefasst sein.« Die Frage stand so: entweder in der Schweiz bleiben oder durch Deutschland reisen. Andere Wege gab es überhaupt nicht. Konnte Lenin da auch nur einen überflüssigen Augenblick zweifeln? Genau einen Monat später mussten Martow, Axelrod und andere Lenins Spuren folgen.

In der Organisierung dieser ungewöhnlichen Reise durch feindliches Land während des Krieges äußern sich die grundlegenden Züge Lenins als Politiker: Kühnheit des Vorhabens und umsichtige Sorgfalt der Durchführung. In diesem großen Revolutionär lebte ein pedantischer Notar, der jedoch seinen Platz kannte und zur Aufnahme seines Akts in dem Moment schritt, wo dies der Sache der Vernichtung sämtlicher Notariatsakte dienen konnte. Äußerst sorgfältig ausgearbeitete Bedingungen der Reise durch Deutschland bildeten die Basis eines eigenartigen internationalen Vertrages zwischen der Redaktion der Emigrantenzeitung und dem Reiche der Hohenzollern. Lenin forderte für die Durchfahrt volle Exterritorialität: keine Kontrolle über die personale Zusammensetzung der Durchreisenden, ihrer Pässe und ihres Gepäcks, kein Mensch durfte unterwegs den Wagen betreten (daher die Legende vom »plombierten« Wagen). Ihrerseits verpflichtete sich die Emigrantengruppe, in Russland auf die Freilassung einer entsprechenden Anzahl von Zivilgefangenen, Deutschen und Österreichern, zu dringen.

Gemeinsam mit einigen ausländischen Revolutionären wurde eine Deklaration ausgearbeitet. »Die russischen Internationalisten, die ... sich jetzt nach Russland begeben, um dort der Sache der Revolution zu dienen, werden uns helfen, die Proletarier der anderen Länder, insbesondere die Proletarier Deutschlands und Österreich-Ungarns, zur Erhebung gegen ihre Regierungen zu bringen.« So lautete das Protokoll, das von Loriot und Guilbeaux für Frankreich, Paul Levi für Deutschland, Platten für die Schweiz, von den schwedischen linken Deputierten und anderen mehr unterschrieben wurde. Unter diesen Bedingungen und Vorsichtsmaßregeln reisten Ende März 30 russische Emigranten aus der Schweiz ab, selbst unter den Frachten des Krieges eine Fracht von außerordentlicher Explosivkraft.

In dem Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter erinnerte Lenin an die Erklärung des Zentralorgans der Bolschewiki vom Herbst 1915: Sollte die Revolution in Russland eine republikanische Regierung an die Macht bringen, die den imperialistischen Krieg fortsetzen will, werden die Bolschewiki gegen die Verteidigung des republikanischen Vaterlandes sein. Heute ist diese Situation eingetreten. »Unsere Losung: keine Unterstützung der Regierung Gutschkow-Miljukow.« Mit diesen Worten betrat jetzt Lenin das Territorium der Revolution.

Die Mitglieder der Provisorischen Regierung sahen jedoch keinen Grund zur Beunruhigung. Nabokow erzählt: »In einer Märzsitzung der Provisorischen Regierung, in der Pause, vor der Fortsetzung eines Gesprächs über die anwachsende bolschewistische Propaganda, erklärte Kerenski, wie üblich hysterisch kichernd: ›Wartet nur, Lenin selbst ist unterwegs, da wird es erst richtig beginnen‹ ...« Kerenski hatte Recht: Das Richtige sollte erst beginnen. Doch sahen die Minister, nach den Worten Nabokows, keinen Grund zu Beunruhigung: »Allein die Tatsache, sich an Deutschland gewandt zu haben, wird Lenins Autorität dermaßen untergraben, dass man ihn nicht zu fürchten haben wird.« Wie üblich, waren die Minister auch hier sehr scharfsichtig. Freunde und Schüler reisten nach Finnland, Lenin abzuholen. »Kaum hatte er das Coupé betreten und Platz genommen«, erzählt Raskolnikow, ein junger Seeoffizier und Bolschewik, »fiel Wladimir Iljitsch auch schon über Kamenew her: ›Was wird bei euch in der ›Prawda‹ geschrieben? Wir haben einige Nummern gesehen und tüchtig auf euch geschimpft‹ ...« Das war die Begegnung nach einigen Jahren der Trennung. Doch das hinderte nicht, dass sie herzlich war.

Unter Mitwirkung der Militärischen Organisation mobilisierte das Petrograder Komitee einige tausend Arbeiter und Soldaten für den festlichen Empfang Lenins. Eine befreundete Panzerwagendivision ordnete für diesen Zweck alle vorhandenen Panzerautos ab. Das Komitee beschloss, in Begleitung der Panzerwagen zum Bahnhof zu gehen: Die Revolution hatte bereits die Leidenschaft für diese massigen Ungeheuer geweckt, die in den Straßen der Stadt auf seiner Seite zu haben so vorteilhaft ist.

Die Beschreibung des offiziellen Empfanges, der im sogenannten Zarenzimmer des Finnländischen Bahnhofs stattfand, bildete eine sehr lebendige Seite der vielbändigen und sonst recht schläfrigen Aufzeichnungen Suchanows. »Ins Zarenzimmer kam oder richtiger stürzte Lenin herein, im runden Hut, mit erfrorenem Gesicht und – einem prächtigen Bukett in der Hand. Als er bis zur Mitte des Zimmers gelaufen war, blieb er plötzlich vor Tschcheïdse stehen, als sei er auf ein ganz unerwartetes Hindernis gestoßen.

Da trug Tschcheïdse, ohne sein bisheriges mürrisches Aussehen zu verändern, folgende nicht nur in Geist und Text, sondern auch im Ton einer Belehrung gehaltene ›Begrüßungs‹-Rede vor: ›Genosse Lenin, im Namen des Petersburger Sowjets und der gesamten Revolution begrüßen wir Sie in Russland ... Aber wir sind der Ansicht, dass die Hauptaufgabe der revolutionären Demokratie jetzt in der Verteidigung unserer Revolution gegen alle Anschläge, von innen wie von außen, besteht ... Wir hoffen, dass Sie gemeinsam mit uns diese Ziele verfolgen werden.‹ Tschcheïdse schwieg. Ich war außer mir vor Überraschung ... Lenin aber wusste sichtlich gut, wie sich all dem gegenüber zu verhalten. Er stand da mit einem Ausdruck, als betreffe all das Geschehene ihn nicht im Geringsten: Er blickte nach allen Seiten, betrachtete die Gesichter ringsum und sogar die Decke des ›Zaren‹zimmers, ordnete sein Bukett (das recht wenig mit seiner ganzen Figur harmonierte), und dann, von der Delegation des Exekutivkomitees schon völlig abgewandt, ›antwortete‹ er: ›Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin glücklich, in eurer Person die siegreiche russische Revolution zu begrüßen, euch als die Avantgarde der proletarischen Weltarmee zu begrüßen ... Die Stunde ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden ... Die russische Revolution, von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution! ...‹»

Suchanow hat Recht, – das Bukett harmonierte schlecht mit Lenins Figur, es behinderte ihn zweifellos und beengte ihn durch die Deplaziertheit auf dem grauen Hintergrunde der Ereignisse. Überhaupt liebte Lenin Blumen nicht im Bukett. Doch noch viel mehr musste ihn dieser offizielle heuchlerisch-belehrende Empfang im Paradezimmer des Bahnhofs beengen. Tschcheïdse war besser als seine Begrüßungsrede. Er fürchtete Lenin ein wenig. Doch war ihm sicher eingeflößt worden, man müsse diesen »Sektierer« von Anfang an zurechtweisen. Als Ergänzung zu der Rede Tschcheïdses, die das traurige Niveau der Führung demonstrierte, verfiel ein junger Flottenequipagekommandeur, der im Namen der Matrosen sprach, darauf, den Wunsch zu äußern, Lenin möge Mitglied der Provisorischen Regierung werden. So empfing die Februarrevolution, zerfahren, wortreich und einfältig noch den Mann, der in der festen Absicht gekommen war, ihr Sinn und Willen einzuflößen. Schon diese ersten Eindrücke, die mitgebrachte Besorgnis verzehnfachend, riefen ein schwer zurückzuhaltendes Protestgefühl hervor. Nur schnell die Ärmel hochkrempeln! Appellierend von Tschcheïdse an die Matrosen und Arbeiter, von der Vaterlandsverteidigung an die internationale Revolution, von der Provisorischen Regierung an Liebknecht, machte Lenin auf dem Bahnhof nur eine kleine Probe seiner ganzen weiteren Politik durch.

Und dennoch hatte diese plumpe Revolution den Führer sogleich und fest in ihren Schoß aufgenommen. Die Soldaten verlangten, dass Lenin auf einem Panzerwagen Platz nähme, und es blieb ihm nichts übrig, als diese Forderung zu erfüllen. Die herabgesunkene Nacht gestaltete den Zug besonders imposant. Bei gelöschten Lichtern der übrigen Panzerwagen durchschnitt der Scheinwerfer des Autos, in dem Lenin fuhr, grell die Finsternis. Der Lichtstrahl entriss dem Dunkel der Straßen die erregten Scharen der Arbeiter, Soldaten und Matrosen, der gleichen, die die größte Umwälzung vollbracht hatten, die Macht aber zwischen den Fingern entgleiten ließen. Das Militärorchester musste unterwegs mehrere Male schweigen, um Lenin die Möglichkeit zu geben, vor immer neuen und neuen Hörern seine Bahnhofsrede zu variieren. »Der Triumph war glänzend«, sagt Suchanow, »und sogar recht symbolisch.«

Im Kschesinskaja-Palais, dem bolschewistischen Stab im Atlasnest der Hofballerina – diese Vermischung muss der stets wachen Ironie Lenins Spaß gemacht haben –, begannen die Begrüßungen von neuem. Das war schon zuviel. Lenin erduldete die Ströme von Lobreden wie ein ungeduldiger Passant den Regen unter einem zufälligen Tor. Er fühlte die aufrichtige Freude über seine Ankunft heraus, aber es ärgerte ihn, dass diese Freude so redselig war. Der ganze Ton der offiziellen Begrüßungen kam ihm nachgeahmt, affektiert vor, mit einem Wort, der kleinbürgerlichen Demokratie entlehnt, deklamatorisch, sentimental und falsch. Er sah, dass die Revolution, die ihre Aufgaben und Wege noch nicht bestimmt, aber bereits ihre ermüdende Etikette geschaffen hatte. Er lächelte gutmütig-vorwurfsvoll, blickte auf die Uhr und gähnte wohl von Zeit zu Zeit ungezwungen. Noch waren die letzten Begrüßungsworte nicht verklungen, als der ungewöhnliche Gast über dieses Auditorium mit einem reißenden Strom leidenschaftlicher Gedanken herfiel, die sehr häufig wie Geißelhiebe klangen. In jener Periode war die Stenographiekunst dem Bolschewismus noch nicht geläufig. Niemand machte Notizen, alle waren zu stark vom Geschehen ergriffen. Die Rede ist nicht erhalten geblieben, es blieb nur der allgemeine Eindruck von ihr in den Erinnerungen der Zuhörer, aber auch er unterlag der Bearbeitung der Zeit: Die Begeisterung wurde vergrößert, die Angst verkleinert. In Wirklichkeit war der Eindruck der Rede, selbst bei den Allernächsten, vorwiegend gerade der der Angst. Alle gewohnten Formeln, die während des Monats, wie es schien, durch endlose Wiederholungen unerschütterliche Festigkeit gewonnen hatten, explodierten eine nach der andern vor den Augen des Auditoriums. Die kurze leninsche Replik auf dem Bahnhof, hingeworfen über den Kopf des fassungslosen Tschcheïdse, wurde hier zu einer zweistündigen Rede entwickelt, unmittelbar an die Petrograder Kader des Bolschewismus gerichtet.

Zufällig war in dieser Versammlung als Gast, eingelassen durch Kamenews Gutmütigkeit – Lenin duldete solche Nachsicht nicht –, der parteilose Suchanow anwesend. Diesem Umstand verdanken wir die von einem Außenstehenden stammende, halb feindliche, halb begeisterte Schilderung der ersten Begegnung Lenins mit den Petrograder Bolschewiki.

»Unvergesslich ist mir die donnerähnliche Rede, die nicht allein mich, einen zufällig hierher geratenen Häretiker, erschütterte und verblüffte, sondern auch alle Rechtgläubigen. Ich behaupte, niemand hatte so etwas erwartet. Es schien, als hätten sich alle Elemente aus ihren Höhlen erhoben, und der Geist der Vernichtung, der keine Grenzen, keine Zweifel, keine menschlichen Schwierigkeiten, keine menschlichen Berechnungen kennt, schwebte im Saale der Kschesinskaja über den Häuptern der verzauberten Schüler.«

Menschliche Berechnungen und Schwierigkeiten, das sind für Suchanow hauptsächlich die Schwankungen des Redaktionskreises um die »Nowaja Schisn«, beim Tee bei Maxim Gorki. Die Berechnungen Lenins waren tieferer Natur. Nicht Elemente schwebten im Saale, sondern der menschliche Gedanke, vor den Elementen nicht erschrocken, sondern bestrebt, sie zu begreifen, um sie zu beherrschen. Aber immerhin: Der Eindruck ist grell wiedergegeben.

»Als ich mit den Genossen hierher fuhr«, sagte Lenin nach Suchanows Wiedergabe, »dachte ich, man würde uns vom Bahnhof direkt in die Peter-Paul-Festung bringen. Wie wir sehen, sind wir sehr weit davon entfernt. Doch wollen wir die Hoffnung nicht verlieren, dass das an uns nicht vorbeigehen wird, dass wir es nicht werden vermeiden können.« Während für die anderen die Entwicklung der Revolution gleichbedeutend mit der Befestigung der Demokratie war, führte für Lenin die nächste Perspektive direkt in die Peter-Paul-Festung. Das klang wie ein unheilkündender Scherz. Doch dachte Lenin, und gemeinsam mit ihm die Revolution, durchaus nicht daran zu scherzen.

»Die Agrarreform auf gesetzgebendem Wege«, klagt Suchanow, »schleuderte er ebenso weg wie die übrige feste Politik des Sowjets. Er verkündete die organisierte Aneignung des Landes durch die Bauern, ohne auf irgendwelche Staatsmacht ... zu warten.«

»Wir brauchen keine parlamentarische Republik, wir brauchen keine bürgerliche Demokratie, wir brauchen keinerlei Regierung außer den Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Landarbeiterdeputierten!«

Gleichzeitig grenzte sich Lenin schroff gegen die Sowjetmehrheit ab, diese in das feindliche Lager verweisend. »Dies allein genügte in jener Zeit, dass den Zuhörern schwindlig wurde!«

»Nur die Zimmerwalder Linke steht auf der Wacht der proletarischen Interessen und der Weltrevolution«, gibt Suchanow empört die leninschen Gedanken wieder. »Die Übrigen sind die gleichen Opportunisten, die gute Worte sprechen, in der Tat aber ... die Sache des Sozialismus und der Arbeitermassen verraten.«

»Entschieden geißelte er die Taktik, die die leitenden Parteigruppen und einzelne Genossen bis zu seiner Ankunft verfolgt hatten«, ergänzt Raskolnikow Suchanow. »Hier waren die verantwortlichsten Parteiarbeiter vertreten. Aber auch ihnen kam die Rede Iljitschs als eine wahre Offenbarung. Sie hatte den Rubikon gezogen zwischen der Taktik des gestrigen und des heutigen Tages.« Der Rubikon war, wie wir sehen werden, nicht auf einmal gezogen worden.

Diskussionen über das Referat gab es nicht: Alle waren zu betäubt, und jeder wollte erst seine Gedanken sammeln. »Ich ging auf die Straße hinaus«, schließt Suchanow, »ich hatte das Gefühl, als wäre ich in dieser Nacht mit Ketten auf den Kopf geschlagen worden. Klar war nur das eine: Nein, mit Lenin habe ich, der Wilde, keinen gemeinsamen Weg!« Allerdings!

Am nächsten Tage präsentierte Lenin der Partei eine kurze schriftliche Darstellung seiner Ansichten, die, unter dem Namen »Thesen vom 4. April«, eines der wichtigsten Dokumente der Revolution geworden sind. Die Thesen gaben einfache Gedanken in einfachen, allen verständlichen Worten wieder. Die Republik, die aus dem Februaraufstand hervorgegangen ist, ist nicht unsere Republik, und der Krieg, den sie führt, nicht unser Krieg. Die Aufgabe der Bolschewiken besteht darin, die imperialistische Regierung zu stürzen. Doch hält diese sich durch die Unterstützung der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die sich auf das Vertrauen der Volksmassen stützen. Wir sind in der Minderheit. Unter diesen Bedingungen kann von Gewalt unsererseits nicht die Rede sein. Man muss die Massen lehren, den Versöhnlern und Landesverteidigern zu misstrauen. »Man muss geduldig aufklären.« Der Erfolg einer solchen Politik, die sich aus der gesamten Situation ergibt, ist gesichert und wird uns zur Diktatur des Proletariats führen, also folglich über die Grenzen des bürgerlichen Regimes hinaus. Wir wollen restlos mit dem Kapital brechen, seine Geheimverträge veröffentlichen und die Arbeiter der ganzen Welt zum Bruch mit der Bourgeoisie und zur Liquidierung des Krieges aufrufen. Wir beginnen die internationale Revolution. Nur ihr Erfolg wird unseren Erfolg festigen und den Übergang zum sozialistischen Regime sichern.

Lenins Thesen wurden in seinem eigenen und nur in seinem Namen veröffentlicht. Die zentralen Parteiinstitutionen begegneten ihnen mit Feindseligkeit, die nur durch Fassungslosigkeit gemildert war. Niemand – weder eine Organisation, noch eine Gruppe, noch eine Person – schloss sich ihnen durch Unterschrift an. Sogar Sinowjew, der gemeinsam mit Lenin aus dem Auslande angekommen war, wo sich seine Gedanken im Laufe von zehn Jahren unter Lenins unmittelbarem und täglichem Einfluss geformt hatten, trat schweigend beiseite. Und dieser Abgang kam dem Lehrer, der seinen nächsten Schüler nur zu gut kannte, nicht unerwartet. Wenn Kamenew Propagandist und Popularisator war, so war Sinowjew Agitator und sogar, nach Lenins Ausdruck, nur Agitator. Um Führer zu sein, fehlte ihm vor allem Verantwortungsgefühl. Aber nicht nur dies. Sein jeder inneren Disziplin bares Denken ist zu theoretischer Arbeit völlig unfähig und geht auf in der formlosen Intuition des Agitators. Dank einem besonders geschärften Instinkt, erfasste er stets im Fluge die ihm notwendigen Formulierungen, das heißt solche, die auf die Massen die effektvollste Wirkung erleichterten. Als Journalist wie als Redner blieb er unveränderlich Agitator, mit dem Unterschiede, dass in den Artikeln hauptsächlich seine schwachen Seiten hervortreten, während in der mündlichen Rede die starken überwiegen. Verwegener und ungezähmter in der Agitation als sonst jemand von den Bolschewiki, ist Sinowjew noch weniger als Kamenew zu revolutionärer Initiative fähig. Er ist unentschlossen wie alle Demagogen. Aus der Arena fraktioneller Zusammenstöße in die Arena der unmittelbaren Massenkämpfe hinübergetreten, trennte sich Sinowjew fast unwillkürlich von seinem Lehrer.

In den letzten Jahren hat es nicht an Versuchen gefehlt zu beweisen, dass die Aprilkrise der Partei eine flüchtige und fast zufällige Verwirrung gewesen sei. Doch alle zerstäuben sie zu Asche bei der ersten Berührung mit den Tatsachen.[1]

Schon das, was wir über die Tätigkeit der Partei im Laufe des März wissen, deckt uns den tiefsten Gegensatz zwischen Lenin und der Petrograder Parteileitung auf. Gerade im Augenblick des Eintreffens Lenins erreichte der Gegensatz höchste Spannung. Gleichzeitig mit der Allrussischen Konferenz der Vertreter von 82 Sowjets, wo Kamenew und Stalin für die von den Sozialrevolutionären und Menschewiki eingebrachte Resolution über die Macht stimmten, fand in Petrograd die Parteikonferenz der aus ganz Russland zusammengekommenen Bolschewiki statt. Für die Charakteristik der Stimmungen und Meinungen der Partei, richtiger ihrer Oberschicht, wie sie aus dem Krieg hervorgegangen war, ist die Konferenz, an deren Schluss Lenin eintraf von ganz besonderem Interesse. Die Lektüre der Protokolle, die bis auf den heutigen Tag nicht veröffentlicht worden sind, ruft nicht selten Zweifel hervor: Soll tatsächlich die Partei, von diesen Delegierten vertreten, in sieben Monaten mit eiserner Hand die Macht ergreifen?

Nach der Umwälzung war schon ein Monat vergangen – für einen Krieg wie für eine Revolution eine lange Frist. In der Partei aber waren noch die Ansichten über die grundlegenden Fragen der Revolution nicht geklärt. Extreme Patrioten, von der Art Wojtinskis, Eliawas und anderer, beteiligten sich an der Konferenz Seite an Seite mit denen, die sich für Internationalisten hielten. Der Prozentsatz der offenen Patrioten, unvergleichlich geringer als bei den Menschewiki, war immerhin bedeutend. Die Konferenz in ihrer Gesamtheit ließ die Frage unentschieden: Spaltung mit den eigenen Patrioten oder Vereinigung mit den Patrioten des Menschewismus. In den Pausen zwischen den Sitzungen der bolschewistischen Konferenz fanden gemeinsame Sitzungen von Bolschewiki und Menschewiki, Delegierten der Sowjetkonferenz, statt, um die Frage des Krieges zu erörtern. Der wütendste menschewistische Patriot, Liber, erklärte auf dieser gemeinsamen Konferenz:

»Die frühere Teilung in Bolschewiki und Menschewiki muss beiseite gestellt und es soll nur von unserer Stellung zum Kriege gesprochen werden.« Der Bolschewik Wojtinski zögerte nicht, seine Bereitschaft zu proklamieren, jedes Wort Libers zu unterschreiben. Alle zusammen, Bolschewiki und Menschewiki, Patrioten und Internationalisten, suchten eine gemeinsame Formel für ihre Stellung zum Kriege.

Die Ansichten der bolschewistischen Konferenz fanden ihren zweifellos adäquatesten Ausdruck in Stalins Referat über die Stellung zur Provisorischen Regierung. Es ist nötig, hier den zentralen Gedanken des Referats wiederzugeben, das, wie die Protokolle im Ganzen, bis heute nirgendwo veröffentlicht wurde. »Die Macht ist auf zwei Organe aufgeteilt, von denen aber keines die volle Macht innehat. Reibungen und Kampf zwischen ihnen bestehen und müssen bestehen. Die Rollen sind verteilt. Der Sowjet hat faktisch die Initiative revolutionärer Umgestaltungen ergriffen. Der Sowjet ist der revolutionäre Führer des aufständischen Volkes, ein die Provisorische Regierung kontrollierendes Organ. Die Provisorische Regierung dagegen hat faktisch die Rolle des Befestigers der Errungenschaften des revolutionären Volkes übernommen. Der Sowjet mobilisiert und kontrolliert die Kräfte. Die Provisorische Regierung dagegen erfüllt widerstrebend und irrend die Rolle des Befestigers jener Errungenschaften des Volkes, die dieses sich bereits faktisch genommen hat. Dieser Zustand hat positive, aber auch negative Seiten: Es ist für uns jetzt nicht von Vorteil, die Ereignisse zu forcieren, indem wir den Prozess der Abstoßung bürgerlicher Schichten beschleunigen, die sich in der Folge unvermeidlich von uns trennen müssen.«

Das Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat stellt der Referent, der sich über die Klassen erhebt als einfache Arbeitsteilung dar. Die Arbeiter und Soldaten vollbringen die Revolution, Gutschkow und Miljukow »festigen« sie. Wir erkennen hier die traditionelle Konzeption des Menschewismus, eine schlechte Kopie der Ereignisse des Jahres 1789. Gerade den Führern des Menschewismus ist dieses inspektorhafte Herangehen an den historischen Prozess eigen, die Erteilung von Befehlen an verschiedene Klassen und die gönnerhafte Kritik an deren Ausführung. Der Gedanke, dass es unvorteilhaft sei, den Rückzug der Bourgeoisie von der Revolution zu beschleunigen, war stets das höchste Kriterium der gesamten Politik der Menschewiki gewesen. In der Tat bedeutete es: Abstumpfung und Schwächung der Massenbewegung, um die liberalen Verbündeten nicht abzuschrecken. Schließlich deckten sich Stalins Folgerungen in Bezug auf die Provisorische Regierung völlig mit der zweideutigen Formel der Versöhnler: »Sofern die Provisorische Regierung die Schritte der Revolution festigt, ist sie zu unterstützen; sofern sie konterrevolutionär ist, ist eine Unterstützung der Provisorischen Regierung unzulässig.«

Das Referat Stalins wurde am 29. März gehalten. Am nächsten Tage entwarf der offizielle Berichterstatter der Sowjetkonferenz, der parteilose Sozialdemokrat Steklow, zur Verteidigung der gleichen bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung in der Hitze der Ekstase ein solches Bild von der Tätigkeit der »Befestiger« der Revolution – Widerstand gegen soziale Reformen, Neigung zur Monarchie, Begönnerung konterrevolutionärer Kräfte, annexionistische Appetite –, dass die Konferenz der Bolschewiki vor der Formel der Unterstützung beunruhigt zurückprallte. Der rechte Bolschewik Nogin erklärte: »Das Referat Steklows hat einen neuen Gedanken hineingebracht: Es ist offenbar, dass jetzt nicht von einer Unterstützung, sondern vom Widerstand die Rede sein muss.« Skrypnik kam ebenfalls zu dem Schluss, nach dem Referat von Steklow »hat sich vieles verändert: Von der Unterstützung der Regierung kann nicht mehr gesprochen werden. Es geht eine Verschwörung der Provisorischen Regierung gegen Volk und Revolution.« Stalin, der tags zuvor ein idyllisches Bild der »Arbeitsteilung« zwischen Regierung und Sowjet gemalt hatte, sah sich gezwungen, den Punkt über Unterstützung zu streichen. Die kurzen und sehr wenig tiefen Diskussionen drehten sich um die Frage: Ist die Provisorische Regierung »insofern wie«, oder sind nur ihre revolutionären Aktionen zu unterstützen. Der Delegierte von Saratow, Wassiljew, erklärte nicht ohne Grund: »Die Stellung zur Provisorischen Regierung ist bei allen die gleiche.« Krestinski formulierte die Situation noch krasser: »In praktischen Schritten gibt es zwischen Stalin und Wojtinski keine Meinungsverschiedenheiten.« Obwohl Wojtinski sogleich nach der Konferenz zu den Menschewiki überging, hatte Krestinski gar nicht so Unrecht: Indem Stalin die offene Erwähnung der Unterstützung zurücknahm, strich er die Unterstützung an sich nicht. Prinzipiell die Frage zu stellen, versuchte nur Krassikow, einer jener alten Bolschewiki, die für eine Reihe von Jahren die Partei verlassen hatten und jetzt, von Lebenserfahrung recht belastet, versuchten, in ihre Reihen zurückzukehren. Krassikow fürchtete sich nicht, den Stier bei den Hörnern zu packen: Beabsichtigt ihr etwa, die Diktatur des Proletariats aufzurichten? fragte er ironisch. Die Konferenz jedoch ging an der Ironie und an der Frage selbst, als nicht der Beachtung wert, vorüber. Die Resolution der Konferenz rief die revolutionäre Demokratie auf, die Provisorische Regierung »zum energischen Kampfe für die völlige Liquidierung des alten Regimes« zu bewegen, das heißt, sie wies der proletarischen Partei die Rolle einer Gouvernante der Bourgeoisie zu.

Am nächsten Tage kam der Antrag Zeretellis über die Vereinigung von Bolschewiki und Menschewiki zur Beratung. Stalin verhielt sich dem Antrag gegenüber absolut positiv: »Wir müssen darauf eingehen. Es ist notwendig, unsere Vorschläge über die Linie der Vereinigung festzulegen. Eine Vereinigung auf der Linie Zimmerwald-Kienthal ist möglich.« Molotow, von Kamenew und Stalin wegen zu radikaler Richtung der Zeitung aus der Redaktion der »Prawda« entfernt, trat mit dem Einwand auf: Zeretelli wolle die gemischtesten Elemente vereinigen, nenne sich selbst auch einen Zimmerwalder, die Vereinigung auf dieser Linie sei falsch. Stalin jedoch blieb bei seiner Meinung: »Man darf nicht vorauseilen«, sagte er, »und den Meinungsverschiedenheiten vorgreifen. Ohne Meinungsverschiedenheiten gibt es kein Parteileben. Innerhalb der Partei werden wir die kleinen Meinungsverschiedenheiten austragen.« Der ganze Kampf, den Lenin in den Jahren des Krieges gegen Sozialpatriotismus und dessen pazifistische Maskierung geführt hatte, war wie ausgelöscht. Im September 1916 schrieb Lenin mit besonderem Nachdruck an Schljapnikow nach Petrograd: »Versöhnlertum und Vereinigungsidee sind für die Arbeiterpartei in Russland das Schädlichste, nicht nur Idiotie, sondern Ruin der Partei ... Verlassen können wir uns nur auf jene, die den ganzen Betrug der Idee der Vereinigung und die ganze Notwendigkeit des Bruches mit dieser Kumpanei (Tschcheïdse & Co.) in Russland begriffen haben.« Diese Warnung blieb unverstanden. Die Meinungsverschiedenheiten mit Zeretelli, dem Führer des regierenden Sowjetblocks, wurden von Stalin für »kleine« Meinungsverschiedenheiten erklärt, die man innerhalb einer gemeinsamen Partei austragen könne. Dieses Kriterium gibt die beste Bewertung der damaligen Ansichten Stalins.

Details

Seiten
1097
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783886347872
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355420
Schlagworte
Russland Russische Revolution Revolution Oktoberrevolution Februarrevolution 1917 Lenin Trotzki Marxismus Kerenski Zar

Autoren

  • Leo Trotzki (Autor)

  • Alexandra Ramm (Übersetzung)

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Titel: Geschichte der Russischen Revolution