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Zehn Tage, die die Welt erschütterten

von John Reed (Autor)

2017 274 Seiten

Leseprobe

I. Hintergrund

John Reed

John Reed

Gegen Ende September 1917 besuchte mich ein ausländischer Professor der Soziologie in Petrograd. Ihm war von Männern der Wirtschaft und von Intellektuellen erzählt worden, dass die Revolution im Abebben sei. Der Herr Professor schrieb darüber einen Artikel und durchreiste dann das Land; er besuchte Fabrikstädte und Dorfgemeinden, wo zu seinem großen Erstaunen die Revolution ihren Schritt eher zu beschleunigen schien. Unter den Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer öfter der Ruf: »Alles Land den Bauern!« »Alle Fabriken den Arbeitern!« Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so hätte er hören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem Frieden die Rede war …

Der Herr Professor war verwirrt; ohne Grund; beide Beobachtungen waren richtig. Die besitzenden Klassen wurden konservativer, die Volksmassen radikalisierten sich.

In den Reihen der Geschäftswelt und in der Intelligenz herrschte allgemein das Gefühl, dass die Revolution weit genug gegangen war und schon allzu lange währte; dass es an der Zeit sei, Ruhe zu schaffen. Dieser Auffassung waren auch die herrschenden »gemäßigten« sozialistischen Gruppen, die sozialpatriotischen Menschewisten und Sozialrevolutionäre, die die Provisorische Kerenski-Regierung unterstützten.

Am 14. Oktober erklärte das offizielle Organ der »gemäßigten« Sozialisten:

»Das Drama der Revolution hat zwei Akte: die Zerstörung der alten Ordnung und die Schaffung der neuen. Der erste Akt hat lange genug gedauert. Jetzt ist es an der Zeit, den zweiten zu beginnen und ihn so schnell als möglich zu Ende zu führen. Von einem großen Revolutionär stammt das Wort: ›Eilen wir uns, die Revolution zu beenden. Wer sie zu lange währen lässt, läuft Gefahr, um ihre Früchte zu kommen‹ …«

Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen waren dagegen der festen Überzeugung, dass der »erste Akt« noch lange nicht zu Ende gespielt war. An der Front stießen überall die Armeekomitees mit den Offizieren zusammen, die sich noch immer nicht gewöhnen konnten, die Soldaten als Menschen zu behandeln; im Hinterland wurden die von den Bauern gewählten Landkomitees eingesperrt, wo sie sich unterfingen, die von der Regierung angeordneten Landbestimmungen durchzuführen; und die Arbeiter in den Fabriken mussten einen schweren Kampf gegen schwarze Listen und Aussperrungen führen. Die zurückkehrenden politischen Verbannten wurden als »unerwünschte Bürger« vom Lande ausgeschlossen und in manchen Fällen wurden Menschen, die aus dem Auslande in ihre Dörfer zurückkehrten, wegen der im Jahre 1905 begangenen politischen Handlungen verfolgt und eingekerkert.

Auf die mannigfaltige Unzufriedenheit des Volkes hatten die »gemäßigten« Sozialisten nur eine Antwort: die Konstituierende Versammlung abzuwarten, die im Dezember zusammentreten sollte. Aber die Massen waren damit nicht zufrieden. Die Konstituierende Versammlung war gut und schön; doch es gab gewisse klar umrissene Dinge, um derentwillen die Russische Revolution gemacht worden war, für die die revolutionären Märtyrer, die in den Massengräbern des Marsfeldes lagen, ihr Blut verspritzt hatten; diese galt es zu verwirklichen, mit oder ohne Konstituierende Versammlung: Frieden, Land, Kontrolle der Arbeiter über die Industrie. Die Konstituierende Versammlung war bisher immer wieder vertagt worden – und würde wahrscheinlich noch einmal vertagt werden, solange vielleicht, bis das Volk ruhig genug geworden war, um auf einen Teil seiner Forderungen zu verzichten. Acht Monate Revolution waren bereits ins Land gegangen, und wenig genug zu sehen …

Inzwischen begannen die Soldaten, die Friedensfrage auf eigene Faust zu lösen, indem sie einfach desertierten; die Bauern brannten die Gutshäuser nieder und setzten sich in den Besitz der großen Güter; die Arbeiter streikten … Die Fabrikanten, Gutsbesitzer und Offiziere der Armee setzten ihren ganzen Einfluss ein, um jedes demokratische Zugeständnis zu verhindern …

Die Politik der Provisorischen Regierung schwankte zwischen wertlosen Reformen und brutaler Unterdrückung. Ein Befehl des sozialistischen Arbeitsministers ordnete an, dass die Arbeiterkomitees fortan nur nach Feierabend zusammentreten dürften. Bei den Truppen an der Front wurden die »Agitatoren« der oppositionellen politischen Parteien verhaftet, die radikalen Zeitungen verboten und die Todesstrafe gegen revolutionäre Propagandisten angewandt. Versuche wurden unternommen, die roten Garden zu entwaffnen. Kosaken wurden in die Provinzen geschickt, damit sie dort die Ordnung wiederherstellten …

Diese Maßnahmen wurden von den »gemäßigten« Sozialisten und ihren Führern im Ministerium, die die Zusammenarbeit mit den besitzenden Klassen für notwendig hielten, gutgeheißen. Die Volksmassen wandten sich in schnellem Tempo von ihnen ab und gingen zu den Bolschewiki über, die für Frieden, Land, für die Kontrolle der Arbeiter über die Industrie und für eine Regierung der Arbeiterklasse waren. Im September 1917 spitzten sich die Dinge zur Krise zu. Gegen den überwältigenden Willen des Landes gelang es Kerenski und den »gemäßigten« Sozialisten, eine Koalitionsregierung mit den besitzenden Klassen zu errichten; das Resultat war, dass die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das Vertrauen des Volkes endgültig verloren.

Ein Artikel im »Rabotschi Putj«, um die Mitte des Oktobers, unter dem Titel »Die sozialistischen Minister«, brachte die Meinung der Volksmassen über die »gemäßigten« Sozialisten wie folgt zum Ausdruck:

Hier eine Liste ihrer Leistungen:

Zeretelli: entwaffnete die Arbeiter mit Unterstützung des Generals Polowzew, brachte den revolutionären Soldaten eine Niederlage bei und stimmte der Todesstrafe in der Armee zu.

Skobelew: begann mit dem Versuch, eine hundertprozentige Steuer auf die Profite der Kapitalisten zu legen und endete – und endete mit dem Versuch, die Arbeiterkomitees in den Werkstätten und Fabriken aufzulösen.

Awksentjew: warf einige 100 Bauern ins Gefängnis, die Mitglieder der Landkomitees, und unterdrückte Dutzende von Arbeiter- und Soldatenzeitungen.

Tschernow: unterzeichnete das »Kaiserliche« Manifest, das die Auflösung des Finnischen Landtages anordnete.

Sawinkow: schloss ein offenes Bündnis mit dem General Kornilow. Wenn es diesem Retter des Landes nicht gelang, Petrograd zu verraten, so ist das auf Gründe zurückzuführen, die seinem Einfluss nicht unterlagen.

Sarudny: kerkerte mit Zustimmung Alexenskis und Kerenskis einige der besten Revolutionäre, Soldaten und Matrosen, ein.

Nikitin: handelte als ordinärer Polizist gegen die Eisenbahner.

Kerenski: Über den sagt man am besten gar nichts. Die Liste seiner Leistungen würde zu lang werden …

Ein Delegiertenkongress der Baltischen Flotte in Helsingfors beschloss eine Resolution, die wie folgt begann:

»Wir fordern die sofortige Beseitigung des politischen Abenteurers Kerenski, der die große Revolution und mit ihr die revolutionären Massen durch seine schamlosen politischen Erpressungen im Interesse der Bourgeoisie zugrunde richtet, aus den Reihen der Provisorischen Sozialistischen Regierung …«

Das unmittelbare Ergebnis alles dessen war der Aufstieg der Bolschewiki …

Seit dem März 1917, als der Ansturm der Arbeiter und Soldaten auf den Taurischen Palast die widerstrebende Kaiserliche Duma zwang, die Macht in Russland zu übernehmen, waren es die Massen des Volkes, die Arbeiter, Soldaten und Bauern, die jeden Wechsel im Fortgang der Revolution erzwangen. Sie stürzten das Ministerium Miljukows; ihr Sowjet war es, der der Welt die russischen Friedensvorschläge verkündete: »Keine Annexionen, keine Entschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker!« Und wieder, im Juli, war es die spontane Erhebung des unorganisierten Proletariats, das zum zweiten Male den Taurischen Palast stürmte und die Forderung erhob: Übernahme der Regierungsgewalt in Russland durch die Sowjets.

Die Bolschewiki, zu der Zeit eine kleine politische Sekte, stellten sich an die Spitze der Bewegung. Das Ergebnis des völligen Misserfolges der Erhebung war, dass sich die öffentliche Meinung gegen sie kehrte. Ihre führerlosen Massen fluteten in das Wyborg-Viertel zurück, dem St. Antoine von Petrograd. Dann folgte eine wilde Bolschewistenhetze: Hunderte wurden eingekerkert, darunter Trotzki, Frau Kollontai und Kamenew; Lenin und Sinowjew mussten sich verbergen, gehetzt von der Justiz; die bolschewistischen Zeitungen wurden unterdrückt. Provokateure und Reaktionäre wurden nicht müde, die Bolschewiki als deutsche Agenten zu bezeichnen, bis es in der ganzen Welt geglaubt wurde.

Aber die Provisorische Regierung konnte ihre Anklagen nicht beweisen; die Dokumente, die die prodeutsche Verschwörertätigkeit der Bolschewiki beweisen sollten, wurden als Fälschungen enthüllt. Und die Bolschewiki wurden, einer nach dem anderen, aus den Gefängnissen entlassen, ohne jeden Prozess, gegen nominelle oder ohne jede Bürgschaft, bis nur sechs Verhaftete übrig blieben. Die Bolschewiki stellten erneut die den Massen so wertvolle Losung auf: »Alle Macht den Sowjets!«, und sie taten das nicht aus Selbstsucht; zu der Zeit gehörte die Mehrheit in den Sowjets den »gemäßigten« Sozialisten, ihren wütendsten Gegnern.

Doch mehr noch, sie übernahmen die elementaren, einfachen Wünsche der Arbeiter, Soldaten und Bauern und schufen daraus ihr Aktionsprogramm. Und während die sozialpatriotischen Menschewisten und Sozialrevolutionäre sich verwirrten in der Politik des Kompromisses mit der Bourgeoisie, eroberten die Bolschewiki schnell die russischen Massen. Im Juli waren sie noch gehetzt und verachtet, im September waren die Arbeiter der Hauptstadt, die Matrosen der Baltischen Flotte und die Soldaten bereits fast ganz auf ihrer Seite. Die Kommunalwahlen, die im September in den großen Städten stattfanden, waren dafür bezeichnend; nur 18 Prozent der Gewählten waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre, gegenüber mehr als 70 Prozent im Juni …

Es bleibt ein Umstand, der geeignet ist, den nichtrussischen Beobachter zu verwirren: Das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets, die Zentralen Armee- und Flottenkomitees und die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften, vor allem die der Post- und Telegrafenarbeiter und der Eisenbahner, waren den Bolschewiki entschieden feindlich. Alle diese Zentralkomitees waren in der Mitte des Sommers oder sogar vorher gewählt worden, als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre noch eine ungeheure Anhängerschaft hatten; jetzt schoben sie Neuwahlen immer wieder hinaus oder verhinderten sie sogar. So hätte beispielsweise den Bestimmungen der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten gemäß der Allrussische Sowjetkongress zum September einberufen werden müssen; doch das Zentrale Exekutivkomitee wollte ihn nicht zusammentreten lassen, unter dem Vorwand, dass die Konstituierende Versammlung in spätestens zwei Monaten tagen würde, womit, so deuteten sie an, die Aufgabe der Sowjets erledigt wäre und sie abzutreten hätten. Mittlerweile eroberten die Bolschewiki im ganzen Lande einen nach dem andern der örtlichen Sowjets, die lokalen Gewerkschaftsorganisationen und die unteren Soldaten- und Matrosenmassen. Die Bauernsowjets blieben noch konservativ, weil in den rückständigen ländlichen Gebieten das politische Bewusstsein sich nur langsam entwickelte; außerdem hatte seit einer ganzen Generation die Agitation unter den Bauernmassen in den Händen der Sozialrevolutionäre gelegen … Doch selbst unter den Bauern begann sich ein revolutionärer Flügel zu bilden. Das zeigte sich klar im Oktober, als der linke Flügel der Sozialrevolutionäre sich abspaltete und eine neue politische Partei bildete, die Partei der Linken Sozialrevolutionäre.

Gleichzeitig waren allenthalben Anzeichen vorhanden, dass die Reaktion wieder Selbstvertrauen gewann. In der Troizki-Komödie in Petrograd wurde beispielsweise eine Burleske mit dem Titel »Die Sünden des Zaren« von einer Monarchistengruppe gestört, die die Schauspieler zu lynchen drohten, weil sie »den Zaren beleidigt« hatten. Gewisse Zeitungen begannen nach einem »russischen Napoleon« zu rufen.

Am 15. Oktober hatte ich eine Unterhaltung mit einem großrussischen Kapitalisten, Stefan Georgewitsch Lianosow, bekannt als der »russische Rockefeller«, seiner politischen Parteizugehörigkeit nach ein Kadett.

»Die Revolution«, sagte dieser, »ist eine Krankheit. Früher oder später werden die fremden Mächte intervenieren müssen, gerade so, wie man intervenieren muss, um ein krankes Kind zu heilen oder es laufen zu lehren. Natürlich wird das mehr oder weniger unangenehm sein, aber die Nationen müssen sich klar werden über die Gefahr des Bolschewismus in ihren eigenen Ländern, über die Gefährlichkeit so ansteckender Ideen, wie die der proletarischen Diktatur und der sozialen Weltrevolution … Es besteht eine Möglichkeit, dass diese Intervention nicht notwendig ist: Das Transportwesen ist zerstört, die Fabriken schließen ihre Tore und die Deutschen sind im Vormarsch. Der Hunger und die Niederlage möchten vielleicht das russische Volk zur Vernunft bringen …«

Herr Lianosow erklärte entschieden, dass die Kaufleute und Fabrikanten unter keinen Umständen sich mit der Existenz der Fabrikkomitees abfinden oder zugeben könnten, dass die Arbeiter irgendeinen Einfluss auf die Leitung der Industrie gewinnen.

»Was die Bolschewiki anbelangt, so könnte man mit ihnen auf zweierlei Art fertig werden: Die Regierung kann Petrograd räumen, dann den Belagerungszustand erklären, womit der Militärkommandant des Gebiets die Möglichkeit erhalten würde, mit diesen Herrschaften, ungehindert durch gesetzliche Formalitäten, abzurechnen … Oder aber, falls die Konstituierende Versammlung irgendwelche utopische Neigungen zeigen sollte, kann sie mit Waffengewalt auseinander getrieben werden …«

Der Winter rückte heran – der schreckliche russische Winter. Ich hörte Kapitalisten über ihn wie folgt sprechen: »Der Winter war immer Russlands bester Freund. Vielleicht wird er uns jetzt von der Revolution befreien.« An der frierenden Front fuhren die Armeen fort, zu hungern und zu sterben, ohne Begeisterung. Die Eisenbahnen brachen zusammen, die Lebensmittel wurden knapp, die Fabriken schlossen die Tore. Die verzweifelten Massen beschuldigten die Bourgeoisie, das Leben des Volkes zu sabotieren und die Niederlage an der Front zu organisieren. Riga war preisgegeben worden, unmittelbar nachdem der General Kornilow in aller Öffentlichkeit erklärt hatte: »Vielleicht ist Riga der Preis, den wir zahlen müssen, um das Land zum Bewusstsein seiner Pflicht zu bringen.«

Für Amerikaner mag es unglaublich klingen, dass der Klassenkampf sich dermaßen zuspitzen kann. Aber ich habe persönlich an der Nordfront mit Offizieren gesprochen, die offen den militärischen Zusammenbruch der Zusammenarbeit mit den Soldatenkomitees vorzogen. Der Sekretär der Petrograder Organisation der Kadettenpartei erzählte mir, dass der Zusammenbruch des ökonomischen Lebens des Landes ein Teil der Kampagne war, der die Revolution diskreditieren sollte. Ein Ententediplomat, dessen Namen ich zu verschweigen versprochen habe, bestätigte mir dies aus eigener Kenntnis. Ich weiß von gewissen Kohlenbergwerken in der Nähe von Charkow, die von ihren Besitzern in Brand gesteckt und unter Wasser gesetzt wurden, von Textilfabriken in Moskau, deren Ingenieure die Maschinen vor ihrer Flucht zerstört hatten, von hohen Eisenbahnbeamten, die von den Arbeitern dabei ertappt wurden, als sie die Lokomotiven zu zerstören im Begriff waren …

Ein großer Teil der besitzenden Klassen zog die Deutschen der Revolution vor – selbst der Provisorischen Regierung – und zögerte nicht, dies auszusprechen. In der russischen Familie, bei der ich wohnte, war der Gegenstand der Unterhaltung bei Tisch fast immer das Kommen der Deutschen, die Ordnung und Ruhe bringen würden … Ich verlebte einmal einen Abend im Hause eines Moskauer Kaufmanns; beim Tee fragten wir die elf Personen am Tisch, wen sie vorzögen, »Wilhelm oder die Bolschewiki«. Zehn stimmten für Wilhelm …

Die Spekulanten nützten die allgemeine Desorganisation aus, um Reichtümer aufzuhäufen, die sie in phantastischen Schwelgereien vergeudeten oder dazu verwendeten, die Staatsbeamten zu bestechen. Lebensmittel und Brennmaterial wurden versteckt oder im Geheimen nach Schweden verkauft. In den ersten vier Monaten der Revolution beispielsweise wurden die Lebensmittelreserven fast in voller Öffentlichkeit aus den großen städtischen Speichern Petrograds geplündert, bis von den Getreidevorräten, die für zwei Jahre bestimmt waren, kaum genug übrig war, um die Stadt einen Monat lang zu versorgen … Nach dem offiziellen Bericht des letzten Ernährungsministers in der Provisorischen Regierung wurde der Kaffee in Wladiwostok im Großeinkauf für zwei Rubel das Pfund gekauft, während die Konsumenten in Petrograd dreizehn Rubel bezahlen mussten. In den Speichern der großen Städte waren große Mengen an Lebensmitteln und Kleidung; aber nur die Reichen konnten sie kaufen.

Ich kannte in einer Provinzstadt eine Kaufmannsfamilie, die sich der Spekulation zugewandt hatte. Die drei Söhne hatten sich vom Militärdienst gedrückt. Der eine spekulierte in Lebensmitteln. Der zweite verkaufte im Geheimen Gold aus den Lena-Gruben an geheimnisvolle Interessenten in Finnland. Der dritte besaß die Aktienmehrheit in einer Schokoladenfabrik, die die örtlichen Genossenschaften versorgte – unter der Bedingung, dass die Genossenschaften ihm lieferten, was er brauchte. Während die Volksmassen auf ihre Brotkarten ein Viertelpfund Schwarzbrot erhielten, hatte er im Überfluss Weißbrot, Zucker, Tee, Kuchen und Butter … Das hinderte diese saubere Familie nicht, die erschöpften Soldaten, die an der Front infolge der Kälte, des Hungers nicht mehr kämpfen konnten, als »Feiglinge« zu beschimpfen, dass sie sich »schämten«, »Russen« zu sein … und dass sie, als die Bolschewisten große Mengen versteckter Vorräte entdeckten und beschlagnahmten, diese als »Räuber« bezeichneten.

Unter all dieser äußeren Aufregung arbeiteten die alten reaktionären Kräfte, die sich seit dem Sturze Nikolaus’ II. nicht geändert hatten, im Geheimen, still und sehr aktiv. Die Agenten der berüchtigten Ochrana waren noch immer in Funktion, für und gegen den Zaren, für und gegen Kerenski – je nachdem, von wem sie bezahlt wurden … Geheime Organisationen aller Art, wie die Schwarzhunderter, waren eifrig bemüht, in der einen oder andern Weise die Reaktion wiederherzustellen.

In dieser Atmosphäre der Fäulnis, der halben Wahrheiten, ließ sich, tagaus, tagein, nur ein klarer Ton vernehmen, der Ruf der Bolschewiki: »Alle Macht den Räten!«, »Alle Macht den direkten Vertretern der Millionen und Abermillionen Arbeiter, Soldaten und Bauern!«, »Land, Brot!«, »Schluss mit dem sinnlosen Krieg!«, »Schluss mit der Geheimdiplomatie!«, »Schluss mit der Spekulation und dem Verrat!« … »Die Revolution ist in Gefahr und die Sache des Volkes der ganzen Welt!«

Der Kampf zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum, zwischen den Sowjets und der Regierung, der in den ersten Märztagen begonnen hatte, war seinem Gipfel nahe. Russland, das mit einem Satze aus dem tiefsten Mittelalter ins 20. Jahrhundert gesprungen war, bot der erstaunten Welt das Schauspiel des tödlichen Kampfes zweier Systeme der Revolution – der formal politischen und der sozialen.

Was für eine unglaubliche Lebenskraft offenbarte diese Russische Revolution, nach all den Monaten des Hungers und der Enttäuschung! Die Bourgeoisie hätte ihr Russland besser kennen sollen.

Blickt man zurück, so scheint das Russland vor dem Novemberaufstand einem andern Zeitalter anzugehören, fast unglaublich konservativ. So schnell haben wir uns dem neuen, schnelleren Leben angepasst. In dem Maße, wie das russische politische Leben sich radikalisierte, bis die Kadetten als Volksfeinde geächtet wurden, wurde Kerenski »ein Konterrevolutionär«; die »mittleren« sozialistischen Führer, Zeretelli, Dan, Liber und Awksentjew waren zu reaktionär für ihre Gefolgschaft, und Männer wie Viktor Tschernow, ja sogar Maxim Gorki, gehörten zum rechten Flügel …

Gegen Mitte Dezember 1917 besuchte eine Gruppe sozialrevolutionärer Führer privatim Sir George Buchanan, den britischen Gesandten, und sie baten ihn inständig, nichts davon zu erwähnen, dass sie bei ihm gewesen waren, weil sie als »zu weit rechts stehend« betrachtet wurden.

»Man bedenke«, sagte Buchanan, »dass noch vor einem Jahr die englische Regierung mir Anweisung gab, Miljukow nicht zu empfangen, weil er ein so gefährlicher Linker war.«

Der September und der Oktober sind die schlimmsten Monate im russischen Jahr, besonders in Petrograd. Aus einem trostlos grauen Himmel, der die kürzer werdenden Tage noch dunkler machte, strömte unaufhörlicher Regen. Der Schmutz in den Straßen lag knietief, schlüpfrig, schlimmer als gewöhnlich, infolge des völligen Zusammenbruchs der Stadtverwaltung. Aus dem Meerbusen von Finnland fegte ein feuchter Wind, die Straßen waren in kalten Nebel gehüllt. Des Nachts waren sowohl aus Gründen der Sparsamkeit wie aus Furcht vor den Zeppelinen die Straßen nur ganz unzureichend beleuchtet; in den privaten Wohnungen und Mietshäusern brannte das elektrische Licht von sechs Uhr bis Mitternacht, wollte man außer dieser Zeit Licht haben, so war man auf Kerzen angewiesen, die fast zwei Rubel das Stück kosteten. Dabei war es von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr vormittags finster. Überfälle und Einbrüche nahmen zu. In den Mietshäusern mussten die Männer jede Nacht mit geladenen Gewehren Wachdienst verrichten. Dies alles schon unter der Provisorischen Regierung.

Mit jeder Woche wurden die Lebensmittel knapper. Die tägliche Brotration fiel von anderthalb russischen Pfund auf drei Viertel, dann auf ein Viertel. Gegen Ende gab es eine Woche, wo Brot überhaupt nicht ausgegeben wurde. Auf Zucker hatte man Anrecht auf zwei Pfund im Monat, vorausgesetzt, dass man überhaupt welchen erhielt, was selten der Fall war. Eine Schokoladentafel oder ein Pfund Kandis, ohne jeden Geschmack, kostete allenthalben sieben bis zehn Rubel, mindestens einen Dollar. Milch gab es für die Hälfte der Säuglinge in der Stadt; die Mehrzahl der Hotels und Privathaushaltungen bekamen sie monatelang nicht zu Gesicht. In der Obstsaison wurden Äpfel und Birnen für etwas weniger als einen Rubel das Stück an den Straßenecken verkauft …

Um Milch und Brot, Zucker und Tabak musste man stundenlang im kalten Regen anstehen. Als ich einmal aus einer die ganze Nacht währenden Versammlung nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen anzustellen begannen … Carlyle hat in seiner Geschichte der Französischen Revolution das französische Volk als das Volk bezeichnet, das in der Kunst des Anstehens alle anderen Völker übertreffe. Russland hatte schon im Jahre 1915, unter der gesegneten Regierung Nikolaus’, Gelegenheit, sich in dieser Kunst zu üben, und dann, ohne Unterbrechung, bis zum Sommer 1917, wo das Anstehen um alle Dinge der gewöhnliche Zustand wurde.

Dabei hatten alle Theater Abend für Abend, auch des Sonntags, Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich in einem neuen Ballett im Marientheater, und alle tanzbegeisterten Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im Alexandrinentheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois »Der Tod Iwans des Schrecklichen« gegeben. Und bei dieser Vorstellung erinnere ich mich, einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule beobachtet zu haben, der in den Pausen jedes Mal aufstand und vor der leeren, ihrer Adler beraubten kaiserlichen Loge seine Ehrenbezeugungen machte. Das Kriwoje-Serkalo-Theater brachte eine prunkvolle Aufführung von Schnitzlers »Reigen«.

Obgleich die Eremitage und andere Gemäldegalerien nach Moskau überführt worden waren, gab es wöchentlich Gemäldeausstellungen. Scharen von Studentinnen liefen zu den Vorlesungen über Kunst, Literatur und Philosophie. Es war eine ausnehmend günstige Zeit für Theosophen. Und die Heilsarmee, die zum ersten Mal in Russland zugelassen war, bedeckte die Mauern mit Einladungen zu ihren Versammlungen, die die russischen Hörer amüsierten und in Erstaunen versetzten.

Wie immer in solchen Zeiten, ging das alltägliche Leben der Stadt seinen gewohnten Trott, die Revolution soweit wie möglich ignorierend. Die Poeten machten Verse – doch nicht über die Revolution. Die realistischen Maler malten Szenen aus der mittelalterlichen Geschichte Russlands – alles mögliche, nur nicht die Revolution. Die jungen Damen aus der Provinz kamen in die Hauptstadt, um Französisch zu lernen und ihre Stimme zu kultivieren, und die lustigen, jungen Offiziere trugen ihre goldverbrämten roten Uniformen und ihre kostbar ziselierten kaukasischen Säbel in den Salons der Hotels spazieren. Die Damen der Beamtenschaft trafen sich an den Nachmittagen zum Tee, wobei jede ihr goldenes oder silbernes, mit Edelsteinen besetztes Zuckerdöschen und einen halben Laib Brot in ihrem Muff mit sich brachte, – und wünschten sich den Zaren zurück, oder dass die Deutschen kommen sollten, oder irgendetwas, was das schwierige Dienstbotenproblem zu lösen geeignet war … Die Tochter eines meiner Bekannten bekam eines Nachmittags einen hysterischen Anfall, weil der weibliche Straßenbahnschaffner sie »Genossin« genannt hatte.

Um sie herum war das ganze große Russland in Bewegung, schwanger mit einer neuen sozialen Ordnung. Die Dienstboten, die man gewohnt war wie Tiere zu behandeln und mit einem Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar Schuhe kostete über 100 Rubel, und da die Löhne in der Regel nicht mehr als 35 Rubel im Monat betrugen, weigerten sich die Dienstboten, ihr Schuhzeug anzuziehen, wenn sie um Lebensmittel anstehen mussten. Aber – was weitaus schlimmer war – in dem neuen Russland durfte jeder Mann und jede Frau wählen; es gab Arbeiterzeitungen, die ganz neue und erstaunliche Dinge schrieben; es gab Sowjets und es gab Gewerkschaften. Die Droschkenkutscher hatten einen Verband; sie waren auch im Petrograder Sowjet vertreten. Und die Kellner und Hotelbediensteten waren organisiert und weigerten sich, Trinkgelder zu nehmen. An den Wänden der Restaurants klebten sie Zettel an, auf denen zu lesen stand: »Keine Trinkgelder!«, oder auch: »Die Tatsache, dass ein Mann seinen Lebensunterhalt verdient, indem er bei Tisch aufwartet, gibt niemandem das Recht, ihn durch Trinkgeldgeben zu beschimpfen.«

Petrograd, Festung »Schlüsselburg«

Petrograd, Festung »Schlüsselburg«

An der Front setzten sich die Soldaten mit den Offizieren auseinander und lernten es, sich mit Hilfe ihrer Komitees selbst zu regieren. In den Fabriken erlangten die Fabrikkomitees, diese einzigartigen russischen Organisationen, Erfahrung und Stärke, und kamen zum Bewusstsein ihrer historischen Mission durch den Kampf mit der alten Ordnung. Ganz Russland lernte lesen. Und was las es? Politik, Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte Wissen … In jeder Stadt, an der ganzen Front, hatte jede politische Partei ihre Zeitungen, manchmal mehrere. Hunderttausende von Flugblättern wurden von Tausenden von Organisationen verteilt, überschwemmten die Armee, die Dörfer, die Fabriken, die Straßen. Der Drang nach Wissen, solange unterdrückt, brach sich in der Revolution mit Ungestüm Bahn. Aus dem Smolny-Institut allein gingen in den ersten sechs Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen Literatur ins Land. Russland saugte den Lesestoff auf, unersättlich, wie heißer Sand das Wasser. Und es waren nicht Fabeln, die verschlungen wurden, keine Geschichtslügen, keine verwässerte Religion oder der billige Roman, der demoralisiert, – es waren soziale und ökonomische Theorien, philosophische Schriften, die Werke Tolstois, Gogols und Gorkis …

Und dann das gesprochene Wort: Vorlesungen, Debatten, Reden; in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen … Versammlungen in den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den Fabriken … Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow-Werke, 40.000 Mann stark, herausströmen zu sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten – wer immer etwas zu sagen hatte, so lange er reden wollte. Monate hindurch war in Petrograd, in ganz Russland jede Straßenecke eine öffentliche Tribüne. In den Eisenbahnen, in den Straßenbahnwagen, überall improvisierte Debatten, überall …

Und die Allrussischen Konferenzen und Kongresse, die die Menschen zweier Kontinente in Verbindung brachten – Kongresse der Sowjets, der Genossenschaften, der Semstwos, der Nationalitäten, der Priester, der Bauern, der politischen Parteien; die Demokratische Konferenz, die Moskauer Konferenz, der Rat der Russischen Republik. In Petrograd tagten ständig drei oder vier Kongresse. In den Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken, abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte …

Wir waren bei der Zwölften Armee an der Front, die eben von Riga gekommen war, wo hungernde und barfüßige Soldaten in dem Moder der Schützengräben dahinkrankten; kaum sahen sie uns, als sie auch schon aufsprangen, mit ihren mageren Gesichtern und ihren blaugefrorenen Gliedern, die durch ihre zerrissenen Kleider schimmerten. Und das Erste, was sie fragten, war: »Habt ihr was zu lesen?«

Wenn aber auch an äußeren und sichtbaren Zeichen der Wandlung kein Mangel war: z. B. die Statue der »Großen Katharina« vor dem Alexandrinentheater eine kleine rote Fahne in der Hand hielt und andere – etwas verblichen – von allen öffentlichen Gebäuden herabwehten; die kaiserlichen Insignien und Adler teils heruntergerissen, teils verdeckt waren; an Stelle der brutalen zaristischen Polizisten in den Straßen eine sanfte unbewaffnete Bürgermiliz patrouillierte, – so gab es dennoch zahllose wunderliche Anachronismen.

Beispielsweise existierte noch immer die Rangordnung, die Peter der Große Russland mit eiserner Hand aufgezwungen hatte. Fast jedermann, vom Schulbuben angefangen, hatte seine vorgeschriebene Uniform, mit den Abzeichen des Kaisers auf den Knöpfen und Achselstücken. Von fünf Uhr nachmittags an waren die Straßen gefüllt mit alten Herren in Uniform mit Aktenmappen, die von der Arbeit in den riesengroßen kasernengleichen Ministerien oder Regierungsinstitutionen kamen, wo ihre Tätigkeit darin bestehen mochte, auszurechnen, wie lange es währen würde, bis der Tod eines ihrer Vorgesetzten sie zum Rang eines Assessors oder Geheimrats aufsteigen lassen würde, mit der Aussicht auf Pensionierung mit einem einträglichen Ruhegehalt und womöglich mit dem St. Annenkreuz … Dem Senator Sokolow ist es passiert, in einem Moment, als die Revolution ihre höchste Welle erreicht hatte, dass er eines Tages zu einer Senatssitzung in Zivilkleidung erschien und nicht zugelassen wurde, weil er nicht die vorgeschriebene Livree des Zarendienstes trug.

Gegen diesen Hintergrund einer ganzen Nation in Gärung und Auflösung rollte die Erhebung der russischen Massen heran …

II. Der heraufziehende Sturm

Im September 1917 marschierte der General Kornilow auf Petrograd, um sich zum militärischen Diktator über Russland aufzuschwingen. Hinter ihm wurde plötzlich die Eisenfaust der Bourgeoisie sichtbar, die sich anschickte, mit verwegenem Schlag die Revolution niederzuschmettern. In die Verschwörung waren auch einige der sozialistischen Minister verwickelt. Kerenski selber war verdächtig. Sawinkow, von dem Zentralkomitee seiner Partei, den Sozialrevolutionären, aufgefordert, Aufklärung zu geben, weigerte sich und wurde ausgeschlossen. Soldatenkomitees verhafteten Kornilow, Generale wurden entlassen, Minister ihrer Ämter enthoben, und das Kabinett wurde gestürzt.

Kerenski machte den Versuch, eine neue Regierung zu bilden, mit Einschluss der Kadetten, der Partei der Bourgeoisie. Seine eigene Partei, die Sozialrevolutionäre, befahlen ihm den Ausschluss der Kadetten. Kerenski weigerte sich zu gehorchen und drohte mit seinem eigenen Rücktritt vom Kabinett, wenn die Sozialisten auf ihrer Forderung beständen. Indessen war die Aufregung der Volksmassen so groß, dass er sich – wenigstens für den Moment – nicht zu widersetzen wagte, und ein einstweiliges Direktorium von fünf der bisherigen Minister, mit Kerenski an der Spitze, übernahm die Macht bis zur endgültigen Regelung der Frage.

Die Kornilow-Affäre hatte alle sozialistischen Gruppen, von den Gemäßigten bis zu den Revolutionären, in einem leidenschaftlichen Impuls der Selbstverteidigung zusammengeführt. Es galt, das Auftauchen neuer Kornilows zu verhindern. Eine neue Regierung musste gebildet werden, die den der Revolution ergebenen Elementen verantwortlich war. So forderte denn das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets die Organisationen zur Beschickung einer »Demokratischen Konferenz« auf, die im September in Petrograd zusammentreten sollte.

Im Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets hatten sich von vornherein drei Richtungen bemerkbar gemacht. Die Bolschewiki forderten die Einberufung eines neuen (zweiten) Allrussischen Sowjetkongresses und die Übernahme der Macht durch die Sowjets. Das von Tschernow geführte Zentrum der Sozialrevolutionäre, die Linken Sozialrevolutionäre unter Führung von Kamkow und Spiridonowa, die Internationalistischen Menschewiki unter Martow und das Zentrum der Menschewiki, dessen Sprecher Bogdanow und Skobelew waren, traten für eine »rein sozialistische« Regierung ein. Zeretelli, Dan und Liber, die Führer der Rechten Menschewiki, und die Rechten Sozialrevolutionäre unter Awksentjew und Goz bestanden auf der Hinzuziehung der besitzenden Klassen bei der Bildung der neuen Regierung.

Im Petrograder Sowjet gelang es den Bolschewiki fast sofort, die Mehrheit zu gewinnen. Dem Beispiel Petrograds folgten schnell die Sowjets in Moskau, Kiew, Odessa und anderen Städten.

Aufs Höchste bestürzt, erklärten die das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets beherrschenden Menschewiki in einem Beschluss, dass die Gefahr Lenin mehr zu fürchten sei als die Gefahr Kornilow. Sie revidierten den für die Demokratische Konferenz aufgestellten Vertretungsmodus, indem sie den Genossenschaften und ähnlichen konservativen Organisationen eine größere Anzahl von Delegierten zusprachen. Selbst diese gesiebte Versammlung stimmte zuerst für eine Koalitionsregierung ohne die Kadetten. Nur Kerenskis offene Drohung mit dem Rücktritt und das Alarmgeschrei der »gemäßigten« Sozialisten, dass »die Republik in Gefahr sei«, erreichten, dass die Konferenz mit einer geringen Mehrheit sich zugunsten der Koalition mit der Bourgeoisie aussprach und der Errichtung einer Art beratenden Parlaments, ohne gesetzgebende Gewalt, zustimmte, das den Namen »Provisorischer Rat der Russischen Republik« erhielt.

Die neue Regierung wurde praktisch von den besitzenden Klassen beherrscht, und auch in dem neugeschaffenen »Rat der Russischen Republik« hatten diese eine unverhältnismäßig große Zahl von Sitzen inne.

Das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets hatte faktisch aufgehört, die Auffassungen der Sowjets zu vertreten. Es weigerte sich, den im September fälligen neuen Allrussischen Sowjetkongress einzuberufen, und war auch nicht gewillt, seine Einberufung durch andere zu dulden. Das offizielle Organ des Komitees, »Iswestija«, begann sogar anzudeuten, dass die Funktion der Sowjets beendet und ihre baldige Auflösung zu erwarten sei. Zur selben Zeit bezeichnete die neue Regierung als einen wesentlichen Teil ihrer Politik die Liquidierung aller »unverantwortlichen Organisationen«, womit die Sowjets gemeint waren.

Die Bolschewiki antworteten hierauf mit der Aufforderung an die allrussischen Sowjets, sich am 2. November in Petrograd zu versammeln und die Regierungsgewalt zu übernehmen. Gleichzeitig zogen sie ihre Vertreter aus dem Rate der Russischen Republik zurück, erklärend, dass sie es ablehnten, an einer »Regierung des Volksverrates« teilzunehmen.

Der Rücktritt der Bolschewiki ließ den unglückseligen Rat indes keineswegs zur Ruhe kommen. Die besitzenden Klassen, wieder im Besitz einer Machtposition, wurden arrogant. Die Kadetten erklärten, dass die Regierung nicht berechtigt gewesen sei, Russland zu einer Republik zu proklamieren. Sie forderten strenge Maßnahmen in Armee und Flotte zur Unterdrückung der Soldaten- und Matrosenkomitees und griffen die Sowjets heftig an. Auf der anderen Seite traten die Internationalistischen Menschewiki und die Linken Sozialrevolutionäre für den sofortigen Friedensschluss ein, für die Übergabe des Landes an die Bauern und für die Durchführung der Arbeiterkontrolle über die Industrie, was praktisch auf das Programm der Bolschewiki hinauslief.

Ich habe Martows Antwortrede an die Kadetten gehört. Todkrank wie er war, hielt er sich mit Mühe am Rednerpult aufrecht, und mit einer Stimme, so heiser, dass man ihn kaum zu hören vermochte, drohte er nach den rechten Bänken hinüber:

»Ihr schimpft uns Verräter; aber die wahren Verräter sind jene, die um ihrer egoistischen Interessen willen den Friedensschluss so lange hinauszögern möchten, bis von der russischen Armee nichts mehr übriggeblieben sein wird, und Russland nur noch ein Schacherobjekt der verschiedenen imperialistischen Gruppen ist.«

Zwischen diesen beiden Gruppen schwankten die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre – mit unwiderstehlicher Gewalt nach links getrieben durch den Druck der steigenden Unzufriedenheit der Massen. Eine tiefgehende Feindschaft teilte so den Rat in Gruppen, die miteinander auszusöhnen unmöglich war.

So war die Lage, als die langerwartete Ankündigung der Pariser Alliiertenkonferenz die brennende Frage der Außenpolitik auf die Tagesordnung setzte.

In der Theorie waren alle sozialistischen Parteien für den schnellstmöglichen Friedensschluss auf demokratischer Grundlage. Schon im Mai 1917 hatte der Petrograder Sowjet, damals noch unter menschewistischer und sozialrevolutionärer Führung, die berühmten russischen Friedensbedingungen proklamiert und die Alliierten aufgefordert, eine Konferenz einzuberufen, zur Besprechung der Kriegsziele. Diese Konferenz, für den August versprochen, wurde ein erstes Mal bis zum September, dann bis zum Oktober vertagt und sollte jetzt endgültig am 10. November stattfinden.

Die Provisorische Regierung hatte zwei Vertreter vorgeschlagen, den General Alexejew, einen reaktionären Militär, und Tereschtschenko, den Minister des Auswärtigen. Die Sowjets erwählten Skobelew zu ihrem Sprecher und entwarfen ein Manifest, den berühmten »Nakas« (Instruktionen). Die Provisorische Regierung lehnte Skobelew und seinen Nakas ab. Die Gesandten der Alliierten protestierten, und zu guter Letzt erklärte Bonar Law im englischen Unterhaus in Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Anfrage kühl: »Soweit mir bekannt, wird die Pariser Konferenz die Kriegsziele überhaupt nicht diskutieren, sondern nur die Methoden der Kriegführung …«

Die konservative russische Presse jubelte, wohingegen die Bolschewiki riefen: »Da seht ihr, wohin die Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit Ihrer Kompromisstaktik gelangt sind!«

Mittlerweile waren an der Tausende Kilometer weiten Front die Millionen Soldaten der russischen Armeen in Bewegung geraten. Höher und höher gingen die Wogen der Erregung, immer neue Delegationen fluteten in die Hauptstadt, mit dem Ruf: Friede, Friede!

Ich ging eines Abends nach dem jenseits des Flusses gelegenen Zirkus »Modern«, in eine der großen Volksversammlungen, die, jeden Abend zahlreicher, in der ganzen Stadt veranstaltet wurden. In dem schmucklosen Amphitheater, von fünf winzigen, an einem dünnen Draht herabhängenden Glühlampen unzureichend erleuchtet, drängten sich von der Arena bis hoch unterm Dach, unübersehbare Massen von Soldaten, Matrosen, Arbeitern und Frauen, alle mit gespanntester Aufmerksamkeit lauschend, als ob es um ihr Leben ging. Ein Soldat redete von der 548. Division:

»Die an der Spitze verlangen von uns immer neue Opfer und Opfer, aber wir müssen sehen, dass die, die im Besitze sind, völlig ungeschoren bleiben.

Wir führen Krieg gegen die Deutschen. Würde es uns einfallen, die Arbeiten unseres Stabes deutschen Generalen anzuvertrauen? Stehen wir nicht auch mit den Kapitalisten im Kriege, und doch laden wir diese ein, an unserer Regierung teilzunehmen.

Der Soldat will wissen, wofür er kämpfen soll. Für Konstantinopel oder für ein freies Russland? Für die Demokratie oder für die kapitalistischen Räuber? Wenn man ihm beweisen kann, dass er die Revolution verteidigt, dann wird er hingehen und kämpfen, auch ohne die Todesstrafe, mit der man ihn zwingen will.

Wenn das Land den Bauern gehören wird, die Fabriken den Arbeitern, wenn die Sowjets die Macht ausüben werden, dann haben wir etwas zu verteidigen, und dann werden wir auch kämpfen!«

Ein Vertreter der 8. Armee:

»Wir sind schwach, unsere Kompanien zählen nur noch wenige Mann. Wir brauchen Lebensmittel und Stiefel und Verstärkung, oder die Schützengräben werden bald verlassen sein. Frieden oder Verstärkung … Die Regierung muss den Krieg beendigen oder der Armee zu Hilfe kommen …«

Dann ein Redner, der für die Sibirische Artillerie sprach:

»Die Offiziere lehnen es ab, mit unsern Komitees zu arbeiten, sie verraten uns an den Feind, sie verhängen über unsere Agitatoren die Todesstrafe; und die konterrevolutionäre Regierung unterstützt sie. Wir glaubten, dass die Revolution den Frieden bringen wird. Jetzt aber verbietet uns die Regierung, von solchen Dingen auch nur zu reden, während sie uns gleichzeitig hungern lässt und uns die Munition nicht liefert, die wir brauchen, wenn wir kämpfen sollen …«

Überall in den Kasernen, in den Fabriken, an jeder Straßenecke zu den Massen redende Soldaten, alle die Beendigung des Krieges fordernd und erklärend, dass die Truppen die Schützengräben zu verlassen und nach Hause zu gehen entschlossen seien, wenn die Regierung keine ernstlichen Anstrengungen machen würde, um zum Frieden zu gelangen.

Dazu kamen aus Europa Gerüchte über einen Friedensschluss auf Kosten Russlands.

Die allgemeine Unzufriedenheit wurde noch gesteigert durch die Nachrichten über die Behandlung der russischen Truppen in Frankreich. Die Erste Brigade hatte dort versucht, ihre Offiziere durch Soldatenkomitees zu ersetzen, wie das ihre Kameraden zu Hause getan hatten, und sich geweigert, einem Befehl Folge zu leisten, der sie nach Saloniki beorderte. Sie verlangte, nach Russland geschickt zu werden. Man hatte die Brigade daraufhin eingeschlossen und ausgehungert, dann unter Artilleriefeuer genommen, wobei viele Soldaten getötet wurden.

Am 29. Oktober hörte ich in dem weißmarmornen, rotdekorierten Saal des Marienpalastes die von dem erschöpften und nach Frieden lechzenden Lande mit Ungeduld erwartete Erklärung Tereschtschenkos über die Außenpolitik der Regierung.

Diese äußerst sorgfältig vorbereitete, ganz unverbindliche Rede brachte indessen nichts als die sattsam bekannten Phrasen über die Zerschmetterung des deutschen Militarismus mit Hilfe der Alliierten, über das Staatsinteresse Russlands, über die durch Skobelews Nakas verursachten Verlegenheiten. Der Schluss war bezeichnend:

»Russland ist mächtig, es wird mächtig bleiben, was auch geschehen mag. Wir müssen Russland verteidigen. Wir müssen zeigen, dass wir die Vorkämpfer eines großen Ideals sind und Kinder einer großen Nation.«

Befriedigt war niemand. Den Reaktionären war es um eine starke imperialistische Politik zu tun, und die demokratischen Parteien wollten die Garantie haben, dass die Regierung nichts unversucht lassen würde, um zum Frieden zu gelangen.

Hier ein Artikel aus »Rabotschi i Soldat«, dem Organ des bolschewistischen Petrograder Sowjets:

Was die Regierung den Schützengräben zu sagen hat!

Der schweigsamste unserer Minister, Herr Tereschtschenko, hat endlich die Sprache gefunden, um den Schützengräben das Folgende mitzuteilen:

1. Wir sind auf das Engste verbündet mit unseren Alliierten (nicht mit den Völkern, sondern mit den Regierungen).

2. Es ist zwecklos für die Demokratie, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Winterfeldzuges zu diskutieren. Darüber entscheiden die Regierungen unserer Verbündeten.

3. Die Julioffensive war nützlich, und sie war eine sehr glückliche Sache. (Kein Wort über die Folgen!)

4. Es ist nicht wahr, dass sich unsere Verbündeten nicht um uns sorgen. Der Minister ist im Besitz sehr wichtiger Erklärungen. (Erklärungen? Wie ist’s mit den Taten? Das Verhalten der britischen Flotte? Die Unterredung des englischen Königs mit dem landesflüchtigen konterrevolutionären General Gurkow? Alles dies ließ der Minister unerwähnt.)

5. Der Nakas Skobelews taugt nichts; unsere Verbündeten wollen davon nichts wissen, auch die russischen Diplomaten wollen ihn nicht. In der Alliierten-Konferenz müssen alle eine Sprache sprechen.

Und das ist alles? – Das ist alles. Wo ist der Ausweg? – Vertrauen zu den Alliierten und zu Tereschtschenko! Wann wird der Friede kommen? – Wenn die Alliierten es erlauben!

Das die Antwort der Regierung auf die Frage der Schützengräben nach dem Frieden.

Da tauchte – vorläufig noch in unklaren Umrissen – im Hintergrund der russischen Politik eine gefährliche Macht auf: die Kosaken.

Kaledin, der Ataman der Donkosaken, von der Provisorischen Regierung wegen seiner Beteiligung an dem Kornilow-Abenteuer seines Postens enthoben, weigerte sich zu gehen, und von drei riesigen Armeen umgeben, lagerte er intrigierend und drohend bei Nowotscherkask. So groß war seine Macht, dass die Regierung seiner Gehorsamsverweigerung gegenüber die Augen verschließen musste. Ja, mehr als das, sie sah sich gezwungen, den »Rat des Verbandes der Kosakenarmeen« anzuerkennen und die neugebildeten Kosakensektionen der Sowjets für ungesetzlich zu erklären.

In der ersten Oktoberhälfte erschien eine Kosakendelegation bei Kerenski, die in arrogantem Ton die Niederschlagung der gegen Kaledin gerichteten Anklagen forderte und dem Ministerpräsidenten den Vorwurf machte, zu nachgiebig gegenüber den Sowjets gewesen zu sein. Kerenski erklärte sich bereit, Kaledin ungeschoren zu lassen. Außerdem soll er sich wie folgt geäußert haben: »In den Augen der Sowjetführer bin ich ein Despot und Tyrann … Die Provisorische Regierung hängt nicht nur nicht von den Sowjets ab, sie bedauert im Gegenteil, dass diese überhaupt existieren.«

Gleichzeitig erschien eine andere Kosakenmission bei dem englischen Gesandten und hatte die Kühnheit, mit ihm als Vertreter des »freien Kosakenvolkes« zu verhandeln.

Im Don-Gebiet war eine Art Kosakenrepublik gebildet worden. Das Kuban-Gebiet proklamierte sich als unabhängiger Kosakenstaat. Die Sowjets von Rostow am Don und Jekaterinburg waren von bewaffneten Kosaken auseinander gejagt und der Hauptsitz des Bergarbeiterverbandes in Charkow überfallen worden. In allen diesen Manifestationen zeigte die Kosakenbewegung ihren antisozialistischen und militaristischen Charakter. Ihre Führer waren Adlige und große Gutsbesitzer von der Art Kaledins, Kornilows, des Generals Dutow, Karaulows und Bardijes, sie hatten die Unterstützung der mächtigen Kaufleute und Bankiers Moskaus …

Das alte Russland begann mit großer Schnelligkeit auseinander zu fallen. In Finnland, in Polen, in der Ukraine und Weißrussland wuchs die nationalistische Bewegung und wurde kühner. Die unter dem Einfluss der besitzenden Klassen stehenden lokalen Regierungen forderten Autonomie und weigerten sich, den Anordnungen Petrograds Folge zu leisten. In Helsingfors lehnte der finnische Senat es ab, der Provisorischen Regierung Geld zu leihen, proklamierte die Selbstständigkeit Finnlands und verlangte die Zurückziehung der russischen Truppen. Die bürgerliche Rada in Kiew zog die Grenzen der Ukraine so weit, dass sie die reichsten Agrargebiete Südrusslands, östlich bis zum Ural hin, umfassten, und begann mit der Aufstellung einer eigenen Armee. Ihr Premier Winnetschenko arbeitete auf einen Sonderfrieden mit Deutschland hin, und die Provisorische Regierung war hilflos. Sibirien, der Kaukasus forderten ihre besonderen Konstituierenden Versammlungen, und in allen diesen Ländern begann ein verzweifelter Kampf zwischen den Regierungen und den lokalen Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Die Verwirrung wurde mit jedem Tage größer. Die Soldaten desertierten zu Hunderttausenden und begannen in ungeheuren Wellen plan- und ziellos über das Land zu fluten. Die Bauern der Gouvernements Tambow und Twer, des langen Wartens auf das ihnen versprochene Land müde und in Verzweiflung gebracht durch die Gewaltmaßregeln der Regierung, brannten die Gutshäuser nieder und massakrierten die Gutsbesitzer. In Moskau, Odessa und in den Kohlenbergwerken des Don-Beckens wüteten mächtige Streiks und Aussperrungen. Der Transport war lahmgelegt, die Armee hungerte, und in den großen Städten gab es kein Brot.

Die Regierung, hin- und hergerissen zwischen den reaktionären und demokratischen Parteien, konnte nichts tun, und wo sie gezwungenermaßen eingriff, geschah es stets im Interesse der besitzenden Klassen. Sie bot die Kosaken auf, um die Bauern zur Raison zu bringen und die Streiks niederzuschlagen. In Taschkent unterdrückten die Behörden den Sowjet. In Petrograd hatte sich der Wirtschaftsrat, dessen Aufgabe es sein sollte, das zerstörte Wirtschaftsleben des Landes wiederherzustellen, zwischen den feindlichen Kräften von Kapital und Arbeit festgefahren und wurde von Kerenski aufgelöst. Die Militärs des alten Regimes, die von den Kadetten gestützt wurden, forderten strenge Maßnahmen, um die Disziplin in Armee und Flotte wiederherzustellen. Umsonst wiesen der Marineminister, Admiral Werderewski, und der Kriegsminister, General Werchowski, darauf hin, dass nur eine neue, freiwillige, auf der Zusammenarbeit mit den Soldaten- und Matrosenkomitees basierte demokratische Disziplin die Armee und Flotte retten könnte. Ihre Vorschläge wurden nicht beachtet.

Die Reaktion war offenbar darauf aus, die Volksmassen zu provozieren. Der Kornilow-Prozess rückte näher und näher; immer unverhüllter nahm die bürgerliche Presse für den General Partei. Sie sprach von ihm als von dem »großen russischen Patrioten«. Burzews Zeitung »Obschtscheje Delo« erhob offen den Ruf nach einer Diktatur »Kornilow-Kaledin-Kerenski«.

Mit Burzew, einem kleinen, gebückt gehenden Mann, mit einem Gesicht voller Runzeln und kurzsichtigen Augen hinter dicken Brillengläsern, struppigem Haar und ergrautem Bart, hatte ich eines Tages eine Unterredung in der Pressegalerie des Rates der Republik.

»Hören Sie mir zu, junger Mann! Was Russland braucht, ist ein starker Mann. Wir sollten unser Denken endlich von der Revolution freimachen und auf die Deutschen konzentrieren. Politische Pfuscher haben Kornilow gestürzt; aber hinter diesen Pfuschern stehen deutsche Agenten. Ah! Kornilow hätte gewinnen sollen …«

Auf der äußersten Rechten traten die Organe der kaum verhüllten Monarchisten, Purischkewitschs »Narodny Tribun«, »Nowaja Rus«, »Shiwoje Slowo«, offen für die Ausrottung der revolutionären Demokratie ein.

Am 23. Oktober fand im Golf von Riga eine Seeschlacht mit einem deutschen Geschwader statt. Unter dem Vorwand, dass Petrograd in Gefahr sei, bereitete die Regierung die Räumung Petrograds vor. Zuerst sollten die großen Munitionswerke verlegt und über das ganze Russland verteilt werden; dann wollte die Regierung selber nach Moskau gehen. Die Bolschewiki wiesen sofort darauf hin, dass die Regierung die rote Hauptstadt nur preisgebe, um die Revolution zu schwächen. Man hatte Riga an die Deutschen verkauft; jetzt sollte Petrograd verraten werden!

Die bürgerliche Presse jubelte. »In Moskau«, so erklärte das Kadettenblatt »Rjetsch«, »wird die Regierung in einer ruhigeren Atmosphäre arbeiten können, ohne fortwährend von Anarchisten gestört zu werden.« Rodsjanko, der Führer des rechten Flügels der Kadetten, erklärte im »Utro Rossii«, dass die Einnahme Petrograds durch die Deutschen ein Segen wäre, da diese die Sowjets zerstören und die revolutionäre Baltische Flotte erledigen würden.

Angesichts des Protestes der Volksmassen musste die Regierung ihren Plan, Petrograd zu verlassen, jedoch aufgeben.

Währenddem hing, einer von Blitzen durchzuckten Gewitterwolke gleich, drohend über Russland der Kongress der Sowjets, bekämpft nicht nur von der Regierung, sondern auch von allen »gemäßigten« Sozialisten. Die zentralen Armee- und Marinekomitees, die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften, die Bauernsowjets, vor allem aber das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets selbst, sparten keine Mühe, um das Zustandekommen des Kongresses zu verhindern.

Der Telegraf arbeitete, Delegierte wurden im Lande umhergeschickt, mit Anweisungen für die Komitees der lokalen Sowjets, für die Armeekomitees, die Wahlen für den Kongress einzustellen oder zu verzögern. Feierliche öffentliche Resolutionen gegen den Kongress wurden gefasst, Erklärungen, dass die demokratischen Elemente sich der Abhaltung des Kongresses in so unmittelbarer Nähe des Datums der Konstituierenden Versammlung widersetzten; Vertreter der Frontsoldaten, der Semstwoverbände, der Bauern, des Verbandes der Kosakenarmeen, des Offiziersbundes, der »Ritter des Heiligen Georg«, der »Todesbataillone« – alle waren sie vereinigt in einem einzigen großen Protest … Im Rat der Russischen Republik gab es nicht eine Stimme, die sich für den Kongress einsetzte. Der ganze, von der russischen Märzrevolution geschaffene Apparat funktionierte, um die Abhaltung des Sowjetkongresses zu verhindern.

Dem gegenüber stand der vorläufig noch formlose Wille des Proletariats – der Arbeiter, gemeinen Soldaten und armen Bauern. Viele der lokalen Sowjets waren bereits bolschewistisch; daneben bestanden die Organisationen der industriellen Arbeiter, die Fabrik- und Werkstattkomitees, die revolutionären Armee- und Marineorganisationen. In einigen Orten hielten die Massen, an der regulären Wahl ihrer Sowjetdelegierten gehindert, Rumpfversammlungen ab, in denen sie aus ihrer Mitte heraus einen bestimmten, der nach Petrograd zu gehen hatte. In anderen jagten sie die alten, Obstruktion treibenden Komitees auseinander und bildeten neue. Die Kruste, die sich an der Oberfläche der seit Monaten schlummernden, revolutionären Glut gebildet hatte, kam in Bewegung und begann bedenklich zu krachen. Nur eine solche spontane Massenbewegung konnte den Allrussischen ­Sowjetkongress bringen.

Und die bolschewistischen Redner schleuderten Tag für Tag in allen Kasernen und Fabriken die heftigsten Anklagen gegen die »Regierung des Bürgerkrieges«. Eines Sonntags fuhren wir auf einem, über Ozeane von Schmutz rumpelnden ungefügen Dampfstraßenbahnwagen, an steif dastehenden Fabriken und riesigen Kirchen vorbei, zum Obuchowski Sawod, einer staatlichen Munitionsfabrik jenseits des Schlüsselburg-Prospekts.

Die Versammlung fand zwischen den ungeputzten Mauern eines mächtigen, im Bau unterbrochenen Hauses statt. Wohl an zehntausend dunkel gekleidete Männer und Frauen drängten sich um eine rotdrapierte Tribüne, saßen auf Balken oder Steinhaufen oder thronten auf hohen Gerüsten, voll grimmiger Entschlossenheit und ihren Willen mit Donnerstimme hinausschreiend. Durch den trüben, wolkenschweren Himmel brach dann und wann die Sonne, durch die leeren Fensteröffnungen einen rötlichen Schimmer über die zu uns aufgekehrten einfachen Gesichter gießend.

Lunatscharski, eine schmächtige, studentenhafte Erscheinung, mit einem sensitiven Künstlerantlitz, setzte auseinander, warum die Sowjets unter allen Umständen die Macht übernehmen müssten. Niemand anders könne die Revolution gegen ihre Feinde schützen, die mit Vorbedacht das Land und die Armee zugrunde richteten und einem neuen Kornilow das Feld bereiteten.

Ein Soldat sprach, von der rumänischen Front, abgemagert, voll bebender Leidenschaft: »Kameraden, wir hungern an der Front, wir frieren, wir sterben und wissen nicht wofür. Ich bitte die amerikanischen Kameraden, es in Amerika zu sagen, dass wir Russen unsere Revolution bis zum Tode verteidigen werden. Wir werden alles daransetzen, unsere Feste zu halten, bis die Massen der ganzen Welt sich erheben werden, um uns zu Hilfe zu eilen. Sagt den amerikanischen Arbeitern, dass sie aufstehen mögen zum Kampfe für die soziale Revolution!«

Petrowski redete, hart, unerbittlich:

»Jetzt ist keine Zeit für Worte, jetzt muss gehandelt werden. Die ökonomische Situation ist schlecht, aber wir müssen uns daran gewöhnen. Sie versuchen uns auszuhungern, im Frost umkommen zu lassen. Sie wollen uns provozieren. Aber sie sollen wissen, dass sie darin zu weit gehen können – dass, wenn sie es wagen sollten, an die Organisationen des Proletariats zu rühren, wir sie vom Antlitz der Erde wegfegen werden!«

Die bolschewistische Presse wuchs plötzlich an. Neben den zwei Parteizeitungen, »Rabotschi Putj« und »Soldat«, erschien eine neue Zeitung für die Bauern, »Derewenskaja Bednota« (Dorfarmut), die in einer Auflage von einer halben Million herauskam, und am 17. Oktober »Rabotschi i Soldat«. Dessen Leitartikel fasste den bolschewistischen Standpunkt wie folgt zusammen:

Ein viertes Kriegsjahr wird die Vernichtung der Armee und des Landes bedeuten … Petrograd ist bedroht … Die Konterrevolution freut sich über das Unglück des Volkes … Die zur Verzweiflung gebrachten Bauern gehen zum offenen Aufstand über; die Großgrundbesitzer und die Regierungsbehörden schicken blutige Strafexpeditionen gegen sie aus; Fabriken und Bergwerke werden geschlossen, den Arbeitern droht der Hungertod … Die Bourgeoisie und ihre Generale wollen eine blinde Disziplin in der Armee wiederherstellen … Von der Bourgeoisie unterstützt, bereiten sich die Kornilowisten offen darauf vor, den Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung zu verhindern …

Die Kerenski-Regierung ist gegen das Volk. Sie wird das Land zugrunde richten … Wir stehen aufseiten des Volkes und bei dem Volk – bei den besitzlosen Klassen, den Arbeitern, Soldaten und Bauern. Das Volk kann nur durch die Vollendung der Revolution gerettet werden … Und zu diesem Zweck muss die gesamte Macht in die Hände der Sowjets übergehen …

Wir treten für folgende Forderungen ein:

Alle Macht den Sowjets, in der Hauptstadt sowohl wie in der Provinz.

Sofortiger Waffenstillstand an allen Fronten. Ein ehrlicher Friede zwischen den Völkern.

Die großen Güter – ohne Entschädigung – in die Hände der Bauern.

Kontrolle der Arbeiter über die industrielle Produktion.

Eine auf ehrliche Weise gewählte Konstituierende Versammlung.

Hier noch eine interessante Stelle aus demselben Organ der Bolschewiki, die in der ganzen Welt als deutsche Agenten bezeichnet wurden:

Der deutsche Kaiser, an dessen Händen das Blut von Millionen Gefallener klebt, will seine Armee gegen Petrograd schicken. Man muss an die deutschen Arbeiter appellieren, an die Soldaten und Bauern, die den Frieden nicht weniger wünschen als wir, dass sie aufstehen mögen gegen diesen verdammten Krieg!

Das kann jedoch nur eine revolutionäre Regierung tun, die wirklich im Namen der Arbeiter, Soldaten und Bauern Russlands spricht, die über die Köpfe der Diplomaten hinweg sich direkt an die deutschen Truppen wendet, die die deutschen Schützengräben mit Proklamationen in deutscher Sprache überschwemmen würde … Unsere Flieger würden diese Proklamationen in ganz Deutschland abwerfen …

Im Rate der Republik vertiefte sich der Riss mit jedem Tage mehr.

»Die besitzenden Klassen«, erklärte Karelin für die Linken Sozialrevolutionäre, »sind bestrebt, den revolutionären Staatsapparat auszunützen, um Russland an den Kriegswagen der Alliierten zu binden. Die revolutionären Parteien sind entschiedene Gegner dieser Politik …«

Der alte Nikolai Tschaikowski, der Vertreter der Volkssozialisten, sprach gegen die Übergabe des Landes an die Bauern und stellte sich auf die Seite der Kadetten:

»In der Armee muss sofort die straffste Disziplin hergestellt werden … Ich habe seit dem Beginn des Krieges nicht aufgehört zu erklären, dass ich es als ein Verbrechen betrachte, soziale und wirtschaftliche Reformen durchzuführen, solange der Krieg währt. Wir begehen jetzt dieses Verbrechen. Trotzdem bin ich kein Gegner dieser Reformen; denn ich bin Sozialist.«

Von links antworten ihm heftige Zurufe: »Wir glauben Ihnen nicht.« Rechts findet er mächtigen Beifall.

Für die Kadetten erklärte Adschemow, dass es nicht notwendig sei, den Soldaten zu sagen, wofür sie kämpften, da jeder Soldat wissen müsse, dass es vor allem darauf ankomme, die Feinde Russlands aus dem Lande zu jagen.

Kerenski selber erschien zweimal, um einen leidenschaftlichen Appell für die nationale Einheit an die Kammer zu richten, einmal sogar am Schluss seiner Rede in Tränen ausbrechend. Er wurde mit Eiseskälte angehört und oft durch ironische Zwischenrufe unterbrochen.

Das Smolny-Institut, der Hauptsitz des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets und des Petrograder Sowjets, lag einige Kilometer außerhalb der Stadt, am Ufer der mächtigen Newa. Ich fuhr dorthin in einer Art Omnibus, der in schneckengleichem Tempo und knarrend über das miserable und schmutzige Pflaster der kolossal belebten Straße holperte. Am Ende der Fahrt erhob sich in wunderbarer Grazie die rauchblaue, mit mattem Gold verzierte Kuppel des Smolny-Klosters; daneben die an eine Kaserne erinnernde Fassade des Smolny-Instituts, 600 Fuß lang und drei mächtige Stockwerke hoch, über dem Eingang noch immer riesengroß das in Stein gehauene kaiserliche Wappen.

Unter dem alten Regime eine berühmte Hofdamenschule für die Töchter des russischen Adels und unter dem Patronat der Zarin selber stehend, wurde das Institut nach der Umwälzung von den revolutionären Organisationen der Arbeiter und Soldaten übernommen. In seinem Innern befinden sich über 100 große Zimmer, weiß und schmucklos. Kleine weiße Emailleschildchen weisen den Vorübergehenden darauf hin, welcher Bestimmung einst die einzelnen Zimmer dienten. »Damenklassenzimmer Nr. 4«, lese ich, oder »Büro für das Lehrpersonal« usw. Darüber aber hängen mit ungeschickten Schriftzeichen Tafeln, die Merkmale der neuen Ordnung: »Zentralkomitee des Petrograder Sowjets«, »Zentrales Exekutivkomitee der Sowjets und Büro des Auswärtigen«, »Verband Sozialistischer Soldaten«, »Zentralkomitee der Allrussischen Gewerkschaften«, »Fabrik- und Werkstättenkomitees«, »Zentrales Armeekomitee«, »Zentralbüros und Fraktionszimmer der Politischen Parteien«.

In den langen, gewölbten, von wenigen elektrischen Birnen erhellten Korridoren geschäftig hin- und hereilende Soldaten und Arbeiter, einige tief gebeugt unter der Last riesiger Bündel Zeitungen, Proklamationen, Propagandaschriften aller Art; mit dem Aufklappen ihrer schweren Stiefel ein tiefes, unaufhörliches Getöse auf dem hölzernen Fußboden verursachend. Überall Plakate: »Kameraden! Im Interesse eurer Gesundheit, achtet auf Reinlichkeit!« In jeder Etage, auf allen Treppenabsätzen, lange Tische mit Flugschriften und Literatur der verschiedenen politischen Parteien, zum Verkauf ausliegend.

Der im Erdgeschoss gelegene, sehr geräumige aber niedrige Speisesaal des einstigen Klosters diente auch jetzt seinem alten Zweck. Für zwei Rubel kaufte ich einen Bon, der mir Anrecht auf ein Mittagessen gab, und schloss mich einer wohl 1.000 Personen langen Reihe an, um Schritt für Schritt den großen Serviertischen näher zu kommen, wo 20 Männer und Frauen aus mächtigen Kesseln Kohlsuppe, Fleisch, ganze Berge Kascha (Brei) und Stücke schwarzen Brotes verteilten. Für fünf Kopeken gab es einen Zinnbecher Tee. Einem zur Hand stehenden Korb entnahm man einen fettigen Holzlöffel … An den hölzernen Tischen drängten sich auf ihren Bänken hungrige Proletarier, ihr Brot verzehrend, diskutierend und mit derben Späßen den weiten Raum erfüllend.

In der oberen Etage war ein weiterer Essraum für das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets reserviert, wenngleich hinging, wer wollte. Hier gab es dick mit Butter belegtes Brot und Tee in unbeschränkten Mengen.

Im Südflügel befand sich in der zweiten Etage der große Sitzungssaal, der ehemalige Ballsaal des Instituts. Ein prächtiger, ganz in Weiß gehaltener Raum, von weißglasierten Leuchtern mit Hunderten elektrischer Lampen erhellt und durch zwei Reihen massiver Säulen geteilt; an dem einen Ende eine Balustrade, von zwei hohen, vielverzweigten Leuchtern flankiert, dahinter ein goldener Rahmen, aus dem man das Porträt des Zaren herausgeschnitten hatte.

Den Saal durchquerend gelangte man in einen Vorraum, wo sich das Büro der Mandatsprüfungskommission für den Sowjetkongress befand. Hier stand ich, die neuankommenden Delegierten musternd: bärtige Soldaten, Arbeiter in schwarzen Blusen, einige wenige langhaarige Bauern. Das den Dienst versehende Mädchen, ein Mitglied der Plechanow-Gruppe, lächelte verächtlich. »Wie verschieden sind diese Leute von den Delegierten des ersten Kongresses«, bemerkte sie. »Sehen Sie nur, wie roh und unwissend sie aussehen. Das sind die dunkelsten Schichten des russischen Volkes …« Sie hatte Recht. Russland war bis zum Grunde aufgewühlt, und das Unterste war zuoberst gekehrt. Das Mandatsprüfungskomitee, noch von dem alten Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets eingesetzt, wies einen nach dem andern der Delegierten als nicht ordnungsgemäß gewählt zurück. Aber Karachan vom Zentralkomitee der Bolschewiki lächelte nur: »Unbesorgt, wenn die Zeit herankommt, werden wir schon sehen, dass ihr eure Sitze bekommt.«

»Rabotschi i Soldat« schrieb:

»Die Aufmerksamkeit der Delegierten zum Allrussischen Kongress sei auf die Versuche gewisser Mitglieder des ›Organisationskomitees‹ gelenkt, das Stattfinden des Kongresses zu hintertreiben, indem sie behaupten, dass er nicht stattfinden werde und dass die Delegierten gut daran tun würden, Petrograd zu verlassen … Schenkt diesen Lügen keinen Glauben … Große Tage nahen heran …«

Da es mittlerweile zweifellos war, dass der Kongress bis zum 2. November nicht vollständig beisammen sein würde, vertagte man seine Eröffnung auf den 7. November. Das ganze Land war jetzt aber in Bewegung, und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ihre Niederlage einsehend, änderten plötzlich ihre Taktik und gaben ihren Provinzialorganisationen telegrafische Anweisungen, so viel gemäßigte sozialistische Delegierte zum Kongress zu wählen, wie sie noch in der Lage sein würden. Gleichzeitig berief das Exekutivkomitee der Bauernsowjets einen außerordentlichen Bauernkongress für den 13. Dezember, der selbstständig zu allen eventuellen Aktionen der Arbeiter und Soldaten Stellung nehmen sollte.

Die Frage war: Was werden die Bolschewiki tun? Gerüchte liefen um, dass sie eine bewaffnete Demonstration der Arbeiter und Soldaten planten. Die bürgerliche und reaktionäre Presse sagte einen Aufstand voraus, und forderte von der Regierung die Verhaftung des Petrograder Sowjets oder zum Mindesten die Verhinderung des Kongresszusammentritts. Blätter wie die »Nowaja Rus« gingen bis zur Aufforderung zu einem allgemeinen Bolschewistengemetzel.

Gorkis Blatt »Nowaja Schisn« zeigte auf, wie sowohl die reaktionäre als auch die Regierungspresse die Bolschewiki zur Gewalt provozierten. Indessen konnte seiner Meinung nach der Aufstand nur einem neuen Kornilow nützlich sein, und er forderte die Bolschewiki auf, die umlaufenden Gerüchte zu dementieren. Im menschewistischen »Den« (Der Tag) veröffentliche Potressow einen sensationell aufgemachten Bericht mit einer Karte als angebliche Enthüllung des geheimen bolschewistischen Kriegsplans.

Wie durch Zauberei waren alle Straßenzüge mit Warnungen, Proklamationen, Aufrufen der Zentralkomitees der »gemäßigten« und konservativen Parteien und des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets bedeckt, die die Demonstration verurteilten und die Arbeiter und Soldaten dringend aufforderten, den Hetzern keine Folge zu leisten. Hier ein solcher Aufruf der Militärabteilung der Sozialrevolutionären Partei:

»Wieder gehen in der Stadt Gerüchte um über eine beabsichtigte bewaffnete Demonstration. Wo ist die Quelle dieser Gerüchte? Welche Organisation ermächtigt diese Agitatoren, den Aufstand zu predigen? Die Bolschewiki leugneten auf eine im Zentralen Exekutivkomitee an sie gerichtete Frage, dass sie irgendetwas damit zu tun hätten … Doch diese Gerüchte bergen eine große Gefahr in sich. Es kann leicht geschehen, dass einzelne unverantwortliche Hitzköpfe, die keine rechte Vorstellung von der geistigen Verfassung der Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern haben, die Arbeiter und Soldaten auf die Straße rufen und sie zu einer Erhebung aufhetzen … In dieser fürchterlichen Zeit, die das revolutionäre Russland durchlebt, kann jede Erhebung leicht zum Bürgerkrieg führen und das Ergebnis die Zerstörung aller mit so viel Arbeit aufgebauten Organisationen des Proletariats sein … Die konterrevolutionären Verschwörer wollen die Erhebung ausnützen, um die Revolution zu zerstören, im Interesse Wilhelms die Front zu öffnen und die Konstituierende Versammlung zu verhindern … Bleibt auf euren Posten! Geht nicht auf die Straße!«

Am 28. Oktober sprach ich in dem Korridor des Smolny Kamenew, einen kleinen Mann mit rötlichem Spitzbart und gallischer Beweglichkeit. Er war noch keineswegs sicher, ob genug Delegierte zum Kongress erscheinen würden: »Sollte der Kongress zustande kommen, dann wird er auch die überwältigende Mehrheit des Volkes repräsentieren. Und ist die Mehrheit eine bolschewistische, wie ich überzeugt bin, dass sie es sein wird, dann werden wir die Übernahme der Macht durch die Sowjets fordern, und die Provisorische Regierung wird zurücktreten müssen.«

Wolodarski, ein hochgewachsener blasser Jüngling mit einer Brille und ungesunder Gesichtsfarbe, war in seinen Äußerungen bestimmter. »Liber, Dan und die andern Kompromissler sabotieren den Kongress. Sollte es ihnen gelingen, sein Zusammentreten zu verhindern, nun – dann werden wir real genug sein, nicht von ihm abzuhängen.«

In meinen Papieren finde ich unter dem 28. Oktober folgende, den Zeitungen vom gleichen Tage entnommene Notizen:

»Mogilew (Generalstabsquartier). Konzentrierung treuer Garderegimenter, der ›Wilden Division‹, der Kosaken und der Todesbataillone.

Die Junker (Offiziersschüler) von Pawlowsk, Zarskoje Selo und Peterhof von der Regierung nach Petrograd beordert. Ankunft der Junker von Oranienbaum in der Stadt.

Teilweise Stationierung der Panzerwagendivision der Petrograder Garnison im Winterpalast.

Auf Befehl Trotzkis Auslieferung einiger tausend Gewehre an die Delegierten der Petrograder Arbeiter durch die Staatliche Waffenfabrik in Sestrorezk.

Annahme einer Resolution in einer Versammlung der Stadtmiliz des unteren Liteini-Viertels, die die Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets fordert.«

Das sind nur einige Proben von den verwirrenden Ereignissen jener fiebrigen Tage, da jeder ahnte, dass sich etwas vorbereitete, aber niemand wusste was.

In einer Sitzung des Petrograder Sowjets im Smolny, in der Nacht des 30. Oktober, brandmarkte Trotzki die Behauptungen der bürgerlichen Presse, dass der Sowjet den bewaffneten Aufstand plane, als »einen Versuch der Reaktion, den Sowjetkongress zu diskreditieren und zu verhindern … Der Petrograder Sowjet«, erklärte er, »hat keine Aktion angeordnet. Sollte dies notwendig werden, werden wir es tun, und wir werden die Unterstützung der Petrograder Garnison haben … Sie (die Regierung) bereitet die Konterrevolution vor; wir werden darauf mit einer Offensive antworten, die erbarmungslos und entscheidend sein wird.«

Es ist richtig, dass der Petrograder Sowjet keine bewaffnete Demonstration angeordnet hatte, aber das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei diskutierte die Frage des Aufstandes.

Am 23. Oktober tagte das Zentralkomitee die ganze Nacht. Anwesend waren alle Intellektuellen der Partei, die Führer und die Delegierten der Petrograder Arbeiter und der Garnison. Von den Intellektuellen waren nur Lenin und Trotzki für den Aufstand. Selbst die Militärfachleute lehnten ihn ab. Es wurde eine Abstimmung vorgenommen und der Aufstand verworfen.

Da aber erhob sich mit wutverzerrten Zügen ein Arbeiter: »Ich spreche für das Petrograder Proletariat«, stieß er rau hervor. »Macht was ihr wollt. Aber das eine sage ich euch, wenn ihr gestattet, dass die Sowjets auseinandergejagt werden, dann sind wir mit euch fertig.« Einige Soldaten schlossen sich dieser Erklärung an … Eine zweite Abstimmung wurde vorgenommen und – der Aufstand beschlossen.

Der rechte Flügel der Bolschewiki unter Rjasanow, Kamenew und Sinowjew fuhr trotzdem fort, gegen die bewaffnete Erhebung zu polemisieren. Am Morgen des 31. Oktober erschien im »Rabotschi Putj« der erste Teil von Lenins »Brief an die Genossen«, eine der kühnsten politischen Propagandaschriften, die die Welt je gesehen. Als Text die Einwendungen Kamenews und Rjasanows nehmend, trug Lenin hier alle Argumente zusammen, die zugunsten des Aufstandes sprachen.

»Entweder müssen wir«, schrieb er, »unsere Losung ›Alle Macht den Sowjets‹ preisgeben, oder wir müssen den Aufstand machen. Einen mittleren Weg gibt es nicht …«

Am selben Nachmittag hielt in dem Rat der Republik der Kadettenführer Miljukow eine scharfe Rede, in der er den »Nakas« Skobelews als »prodeutsch« bezeichnete und erklärte, dass die »Revolutionäre Demokratie« im Begriff sei, Russland zugrunde zu richten. Er machte sich über Teresch­tschenko lustig und sprach es offen aus, dass er die deutsche Diplomatie der russischen vorziehe. Während seiner ganzen Rede herrschte auf den linken Bänken wilder Tumult.

Die Regierung ihrerseits konnte sich der Bedeutung des Erfolges der bolschewistischen Propaganda nicht verschließen. Am 29. entwarf eine gemeinsame Kommission der Regierung und des Rates der Republik in aller Hast zwei neue Gesetze, deren eines die vorübergehende Übergabe des Landes an die Bauern bestimmte, während das andere die Einleitung einer energischen auswärtigen Friedenspolitik bedeuten sollte. Einen Tag darauf beseitigte Kerenski die Todesstrafe in der Armee. Am selben Nachmittag erfolgte die feierliche Eröffnung der ersten Sitzung der »Kommission zur Festigung des Republikanischen Regimes und Bekämpfung der Konterrevolution und Anarchie«, die allerdings in der ferneren Entwicklung nicht die geringsten Spuren hinterlassen hat … Am folgenden Morgen interviewte ich, zusammen mit zwei anderen Journalisten, Kerenski – das letzte Mal, dass dieser Journalisten empfing.

»Das russische Volk«, meinte er bitter, »leidet unter seiner ökonomischen Ermattung und den Enttäuschungen, die die Alliierten ihm bereiteten! Die Welt gibt sich dem Wahn hin, dass die Russische Revolution zu Ende sei. Irre man sich nicht. Die Russische Revolution steht erst an ihrem Beginn.« Worte, prophetischer, als er es selber geahnt haben mochte.

Am 30. Oktober fand eine die ganze Nacht währende ungemein stürmische Sitzung des Petrograder Sowjets statt, auf der ich zugegen war. Die »gemäßigten« sozialistischen Intellektuellen, Offiziere, Armeekomitees, das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets waren zahlreich erschienen. Gegen sie erhoben sich, leidenschaftlich und einfach, die Arbeiter, Bauern und niederen Soldaten.

Ein Bauer berichtete von den Unruhen in Twer, die, wie er sagte, durch die Verhaftungen der Landkomitees verursacht waren. »Dieser Kerenski«, rief er, »ist nichts anderes als ein Schild für die Grundbesitzer, die wissen, dass auf der Konstituierenden Versammlung wir uns das Land irgendwie nehmen werden, und die diese darum unmöglich machen wollen.«

Ein Maschinist von den Putilow-Werken schilderte, wie die Direktion die Abteilungen, eine nach der andern, schließe, unter dem Vorwande, dass man weder Feuerung noch Rohmaterialien habe, währenddem die Fabrikkomitees riesige Mengen an Materialien entdeckt hätten, die versteckt worden waren.

»Das ist eine Provokation«, sagte er. »Man will uns aushungern oder zur Gewalt treiben!«

Ein Soldat begann mit den Worten: »Kameraden! Ich überbringe euch Grüße von dorther, wo Männer ihre eigenen Gräber schaufeln und diese Schützengräben nennen.«

Dann erhob sich, von mächtigem Beifallssturm begrüßt, ein langer, hagerer, noch junger Soldat. Es war Tschudnowski, als in den Julikämpfen gefallen gemeldet und jetzt mit einem Male von den Toten auferstanden:

»Die Soldatenmassen trauen ihren Offizieren nicht mehr. Sogar die Armeekomitees, die es ablehnten, unsern Sowjet zusammenzuberufen, haben uns verraten. Die Massen der Soldaten bestehen auf dem Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung genau an dem Tag, für den sie einberufen war. Die es wagen sollten, sie hinauszuschieben, werden ihre Strafe finden, und nicht nur platonisch – die Armee hat auch Kanonen.«

Er berichtete von der im Augenblick in der Fünften Armee geführten Wahlkampagne für die Konstituante. »Die Offiziere, und besonders die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, tun alles, um die Wahltätigkeit der Bolschewiki unmöglich zu machen. Man verbietet die Verbreitung unserer Zeitungen in den Schützengräben und verhaftet unsere Redner.«

Ihm folgte ein Offizier und menschewistischer Sozialpatriot, Delegierter des Witebsker Sowjets. »Es handelt sich hier nicht darum, in wessen Händen die Macht liegt. Nicht die Regierung ist das Problem, sondern der Krieg … und der muss gewonnen werden, bevor an irgendeine Änderung zu denken ist.« (Lärm und ironischer Beifall.) »Die bolschewistischen Agitatoren sind Demagogen.« (Allgemeines Gelächter.) »Lasst uns nur einen Augenblick den Klassenkampf vergessen.« Weiter kam er jedoch nicht. Ein Sturm brach los und er musste abtreten.

Petrograd bot in jenen Tagen ein eigenartiges Schauspiel. Die Komiteeräume in den Fabriken von Waffen starrend. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen von Kurieren. Überall exerzierende Rote Garden. In allen Kasernen Abend für Abend Versammlungen und tagsüber heiße Diskussionen. Die Straßen, gegen den Abend zu sich mit riesigen Menschenmassen füllend, die den Newski auf und nieder fluteten und sich um die herauskommenden Zeitungen rissen. Raubanfälle mehrten sich in einem Maße, dass es gefährlich war, sich in die Nebenstraßen zu wagen. Auf der Sadowaja sah ich eines Nachmittags, wie eine Volksmenge von einigen 100 Menschen einen beim Stehlen erwischten Soldaten niederschlug und zu Tode trampelte. Geheimnisvolle Individuen strichen um die in der Kälte stundenlang nach Brot und Milch anstehenden, vor Frost zitternden Frauen herum, tuschelnd, dass die Juden die Lebensmittel auf die Seite brächten und dass, während das Volk hungere, die Sowjetmitglieder im Luxus schwelgten.

Das Smolny-Institut wurde aufs Schärfste bewacht. Niemand konnte hinein und heraus, der keinen Passierschein hatte. In allen Komiteeräumen herrschte geschäftiges Leben den ganzen Tag hindurch, und auch des Nachts waren dort Hunderte von Arbeitern und Soldaten, auf dem nackten Boden schlafend, wo immer sich ein Plätzchen bot.

In der Stadt taten sich zahllose Spielklubs auf, die bis zum Morgengrauen in Betrieb waren, wo der Champagner in Strömen floss und Einsätze von 20.000 Rubeln keine Seltenheit waren. Im Zentrum, in den Cafés sich drängende, auf den Straßen promenierende Dirnen, juwelen- und pelzgeschmückt.

Monarchistenverschwörungen, Schmuggler, deutsche Spione, die ihre Unternehmungen vorbereiteten.

Und in dem kalten Regen, unter einem unfreundlichen grauen Himmel, die große Stadt, herzklopfend schneller und schneller dem – Ungewissen zueilend.

III. Am Vorabend

Wo immer ein revolutionäres Volk einer schwachen Regierung gegenübersteht, kommt unausbleiblich früher oder später der Moment, wo jede Handlung der Regierung die Massen erbittert und jede Unterlassung ihre Verachtung weckt.

Der Plan, Petrograd preiszugeben, hatte einen Sturm zur Folge; Kerenskis öffentliche Erklärung, dass die Regierung eine derartige Absicht nie gehabt hätte, wurde mit einem Hohngelächter beantwortet.

In Charkow akzeptierte eine Versammlung von 30.000 organisierten Bergarbeitern den Grundsatz der IWW: »Die arbeitenden und die besitzenden Klassen haben nichts miteinander gemein.« Kosaken jagten die Bergarbeiter auseinander; einige wurden von den Bergwerksbesitzern ausgesperrt, der Rest proklamierte den Generalstreik. Der Minister für Handel und Industrie, Konowalow, gab seinem Gehilfen Orlow unbeschränkte Vollmacht, der Schwierigkeiten mit allen ihm gutdünkenden Mitteln Herr zu werden. Die Bergarbeiter hassten Orlow. Aber das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets bestätigte seine Ernennung nicht nur, sondern lehnte auch ab, die Zurückberufung der Kosaken aus dem Donezkbecken zu verlangen.

Dazu kam die Sprengung des Sowjets in Kaluga. Die Bolschewiki hatten dort die Mehrheit erlangt und einige politische Gefangene freigesetzt. Die Stadtduma rief mit Zustimmung des Regierungskommissars Truppen aus Minsk herbei, die den Sowjethauptsitz mit Artillerie beschossen. Die Bolschewiki kapitulierten. Während sie das Gebäude verließen, wurden sie plötzlich von Kosaken überfallen unter dem Ruf: »So werden wir es mit allen bolschewistischen Sowjets machen, die von Petrograd und Moskau nicht ausgenommen!« Der Zwischenfall hatte eine durch ganz Russland wogende zornige Erregung zur Folge.

In Petrograd ging gerade ein Bezirkssowjetkongress für Nordrussland zu Ende, den der Bolschewik Krylenko präsidierte. Der Kongress sprach sich mit überwältigender Mehrheit für die Übernahme der Macht durch den Allrussischen Sowjetkongress aus. Er grüßte die in den Kerkern schmachtenden Bolschewiki, ihnen Mut zurufend, da die Stunde ihrer Befreiung nahe sei. Zur selben Zeit erklärte sich der Erste Allrussische Kongress der Fabrik- und Werkstättenkomitees mit Entschiedenheit für die Sowjets. Ein Beschluss dieses Kongresses erklärte:

»Die Arbeiterklasse, die sich politisch von der Zarenherrschaft befreit hat, will den Sieg der Demokratie auch in der Sphäre der Produktion herbeiführen. Diese kommt am besten zum Ausdruck in der Kontrolle der Arbeiter über die industrielle Produktion, die in der Atmosphäre wirtschaftlichen Zerfalls, den die verbrecherische Politik der herrschenden Klassen verschuldete, auf natürliche Weise erwachsen ist …«

Der Verband der Eisenbahner forderte den Rücktritt Liwerowskis, des Verkehrsministers …

Im Namen des Zentralen Exekutivkomitees bestand Skobelew darauf, dass der Nakas der Alliiertenkonferenz vorgelegt werden müsse, und protestierte formell gegen die Entsendung Tereschtschenkos nach Paris, Tereschtschenko bot seinen Rücktritt an …

Der General Werchowski, außerstande, seine Reorganisation der Armee durchzuführen, kam nur in langen Zwischenräumen zu den Kabinettssitzungen …

Am 3. November kam Burzews »Obschtscheje Delo« mit großen Schlagzeilen heraus:

Bürger! Rettet das Vaterland!

Ich erfahre eben, dass gestern, in einer Sitzung des Ausschusses für die Nationale Verteidigung, der Kriegsminister, General Werchowski, einer der Hauptschuldigen für den Sturz Kornilows, den Vorschlag der Unterzeichnung eines Sonderfriedens, unabhängig von den Alliierten, gemacht hat.

Das ist der Verrat Russlands!

Tereschtschenko erklärte, dass die Provisorische Regierung es abgelehnt habe, den Vorschlag Werchowskis auch nur zu prüfen.

»Man könnte meinen«, erklärte Tereschtschenko, »wir wären in einem Irrenhause.«

Die Mitglieder der Kommission waren über die Worte des Generals erstaunt.

Der General Alexejew weinte.

Nein! Das ist nicht Wahnsinn! Das ist Schlimmeres. Das ist der direkte Verrat Russlands!

Kerenski, Tereschtschenko und Nekrassow müssen unverzüglich auf die Worte Werchowskis antworten.

Bürger, wacht auf!

Russland soll verkauft werden! Rettet es!

In Wirklichkeit hatte Werchowski darauf hingewiesen, dass man die Alliierten zwingen müsse, einen Friedensvorschlag zu machen, weil die russische Armee nicht länger kämpfen könne …

Sowohl in Russland wie im Auslande war die Sensation ungeheuer. Werchowski erhielt »unbeschränkten Krankenurlaub« und trat aus der Regierung aus. »Obschtscheje Delo« wurde unterdrückt.

Aufruf des Petrograder Sowjets an die Kosaken

Aufruf des Petrograder Sowjets an die Kosaken

Zum Sonntag, den 4. November, war eine riesige Veranstaltung geplant, ein so genannter »Tag des Petrograder Sowjets«, mit Massenversammlungen in der ganzen Stadt, nach außen hin zum Zwecke der Sammlung von Geld für die Organisation und die Presse, in Wahrheit eine Demonstration, bestimmt, die Macht der revolutionären Massen zu zeigen. Plötzlich wurde bekannt, dass am gleichen Tage auch die Kosaken einen »Krestni Chod« (Kreuzprozession) zu veranstalten beabsichtigten, zu Ehren des Heiligen von 1812, dessen wunderbares Eingreifen die Vertreibung Napoleons aus Moskau ermöglicht haben soll. Eine ungeheure elektrische Spannung lag in der Luft. Ein Funke konnte den Bürgerkrieg entfachen.

Der Petrograder Sowjet veröffentlichte ein Manifest, betitelt:

An unsere Brüder, die Kosaken!

Man hetzt euch Kosaken gegen uns Arbeiter und Soldaten auf. Dieser Plan des Brudermordes ist das Werk unseres gemeinsamen Feindes, der Unterdrücker und bevorrechteten Klassen – der Generale, Bankiers, Grundbesitzer, der früheren Beamten und Zarendiener. Sie hassen uns bitter, die Spekulanten, Kapitalisten, Fürsten, der Adel, die Generale, mit Einschluss eurer Kosakengenerale. Sie sind jeden Moment bereit, den Petrograder Sowjet auseinander zu jagen und die Revolution niederzuschlagen.

Irgendeine Seite hat zum 4. November eine religiöse Kosakenprozession organisiert. Es ist eine persönliche Angelegenheit jedes einzelnen, ob er dorthin gehen will oder nicht. Wir sind entfernt, uns da einzumischen oder jemand zu hindern. Wir warnen euch aber, Kosaken! Seid achtsam, dass unter dem Vorwand einer Kreuzesprozession eure Kaledine euch nicht gegen die Arbeiter und Soldaten hetzen!

Die Prozession wurde eiligst abgesagt. In den Fabriken, in den Arbeiterquartieren propagierten die Bolschewiki ihre Parole: »Alle Macht den Räten«, während die Agenten der Schwarzhunderter unaufhörlich zur Abschlachtung der Juden, Geschäftsinhaber und der sozialistischen Führer hetzten.

Auf der einen Seite die monarchistische Presse, blutige Unterdrückungsmaßregeln fordernd, auf der andern Lenins mächtige Stimme, den nicht länger hinausschiebbaren Aufstand predigend.

Auch der bürgerlichen Presse war nicht wohl. Die »Birschewija Wedomosti« (Börsenzeitung) nannte die bolschewistische Propaganda einen Angriff auf die elementarsten Grundlagen der Gesellschaft: die persönliche Sicherheit und die Achtung vor dem Privateigentum.

Am wütendsten gebärdeten sich jedoch die »gemäßigten« sozialistischen Blätter. »Die Bolschewiki sind die gefährlichsten Feinde der Revolution«, schimpften der »Delo Naroda« und der menschewistische »Den«, »die Regierung darf nichts unterlassen, um sich und uns zu verteidigen«. Das Blatt Plechanows »Jedinstwo« (Einigkeit) wies die Regierung auf die Tatsache hin, dass die Arbeiter sich bewaffneten, und forderte die allerstrengsten Maßnahmen gegen die Bolschewiki.

Die Regierung wurde von Tag zu Tag hilfloser. Selbst die Stadtverwaltung hörte auf zu funktionieren. Die Spalten der Morgenzeitungen waren voll von Nachrichten über verwegene Raubanfälle und Morde. Den Banditen geschah absolut nichts.

Andererseits begannen die Arbeiter einen Sicherheitsdienst zu organisieren. Bewaffnete Patrouillen durchstreiften die Stadt, die den Kampf mit dem Verbrechertum aufnahmen und Waffen beschlagnahmten, wo sie welche fanden.

Am 1. November erließ der General Polkownikow, der Petrograder Stadtkommandant, folgende Proklamation:

Ungeachtet der für das Vaterland angebrochenen schweren Tage hören die unverantwortlichen Aufrufe zu bewaffneten Demonstrationen nicht auf, in Petrograd zu zirkulieren, und Räuberei und Anarchie nehmen täglich zu.

Dieser Zustand der Dinge desorganisiert das Leben der Bürger und hindert die Arbeit der Regierung und der Stadtverwaltung.

Im vollen Bewusstsein meiner Verantwortung und Pflicht gegenüber dem Vaterlande bestimme ich:

1. Jede militärische Einheit hat ihren besonderen Instruktionen gemäß in ihrem Unterbringungsgebiet die Stadtverwaltung, die Kommissare und die Miliz kräftig zu unterstützen und die Regierungsinstitutionen zu verteidigen.

2. Zusammen mit den Distriktskommandeuren und Vertretern der Stadtmiliz sind Patrouillen zu organisieren und Maßnahmen zur Verhaftung der Verbrecher und Deserteure zu treffen.

3. Alle Personen, die in den Kasernen zu bewaffneten Demonstrationen und Metzeleien auffordern, sind zu verhaften und an das Hauptquartier des Zweiten Stadtkommandanten auszuliefern.

4. Jede bewaffnete Demonstration oder Zusammenrottung ist mit Waffengewalt im Keime zu ersticken.

5. Den Kommissaren ist alle erdenkliche Hilfe zum Zwecke der Verhinderung unbefugter Haussuchungen und Verhaftungen zu leisten.

6. Dem Stab des Petrograder Militärdistrikts ist über alle sich im Distrikt abspielenden Vorkommnisse Bericht zu erstatten.

An alle Armeekomitees und Organisationen richte ich die Aufforderung, die Kommandeure bei der Ausführung der ihnen aufgetragenen Aufgaben zu unterstützen.

Im Rate der Republik gab Kerenski die Erklärung ab, dass die Regierung die bolschewistischen Vorbereitungen mit Aufmerksamkeit verfolge, dass sie aber stark genug sei, um keinerlei Demonstrationen fürchten zu müssen. Er klagte »Nowaja Rus« und »Rabotschi Putj« an, die gleiche Wühlarbeit zu leisten. »Sie sind«, sagte er, »nur die zwei Seiten derselben Propaganda, deren Endzweck die von den reaktionären Mächten so heißersehnte Gegenrevolution ist. Aber«, fügte er hinzu, »die Regierung ist durch die bestehende Freiheit der Presse gehindert, gegen die gedruckten Lügen ihrer Feinde vorzugehen«.[1]

Am 2. November waren erst 15 Kongressdelegierte in Moskau angekommen. Am nächsten Tage waren es 100 und am übernächsten 175, davon 103 Bolschewiki. 400 Delegierte mussten mindestens zusammenkommen, und bis zum Eröffnungstermin waren es nur noch vier Tage.

Ich habe einen großen Teil dieser Zeit im Smolny zugebracht. Dort hineinzugelangen war nicht mehr leicht. Die Außeneingänge waren von doppelten Postenketten bewacht, und auch, wenn man das Hauptportal hinter sich hatte, war man noch nicht drinnen, sondern musste sich einer langen Reihe schon wartender Leute anschließen, die, immer vier und vier, eingelassen wurden, nachdem sie einem peinlich genauen Verhör über ihre Identität und Geschäfte unterzogen worden waren. Pässe wurden ausgestellt und das Passsystem alle paar Stunden geändert, um den zahllosen Spionen das Durchschlüpfen unmöglich zu machen.

Eines Tages kam ich gerade dazu, als Trotzki und seine Frau von einem Soldaten angehalten wurden. Trotzki suchte in allen seinen Taschen, fand aber seinen Pass nicht. »Macht nichts«, sagte er endlich, »Sie kennen mich ja. Mein Name ist Trotzki.«

»Wenn Sie keinen Pass haben, kommen Sie nicht hinein«, versetzte hartnäckig der Soldat. »Namen bedeuten mir gar nichts.«

»Aber ich bin der Präsident des Petrograder Sowjets.«

»Wenn Sie eine so wichtige Persönlichkeit sind, dann müssen Sie doch auch irgendein Papier bei sich haben.«

Trotzki verlor die Ruhe nicht. »Lassen Sie mich den Kommandanten sehen«, sagte er. Der Soldat widerstrebte, brummend, dass es nicht angehe, um jeden x-Beliebigen den Kommandanten zu behelligen. Schließlich rief er den Wachhabenden herbei. Dem setzte Trotzki seinen Fall auseinander, dabei wiederholend, dass er Trotzki sei.

Passierschein von John Reed für das Smolny-Institut

Linke Spalte:

Revolutionäres Militärkomitee
beim
Petrograder Sowjet der A. u. S. D.
Büro d. Kommandeurs,
16. Nov. 1917
Nr. 955;
Smolny-Institut
Stempel: Exekutivkomitee der Petrograder Arbeiter- und Soldatendeputierten.
Rev. Militärkomitee

Rechte Seite:

Passierschein
Dieser Passierschein ermächtigt seinen Inhaber,
den Korrespondenten der Sozialistischen Presse in Amerika, John Reed,
zum freien Eintritt in das Smolny-Institut
und ist gültig bis zum 1. Dezember.
Der Kommandant
gez. F. Dsershinski

»Trotzki?« Der Soldat kratzte sich den Kopf. »Den Namen habe ich schon mal gehört«, meinte er endlich. »Ich denke, es wird seine Richtigkeit haben, Sie können hineingehen, Genosse.«

Im Korridor traf ich Karachan vom bolschewistischen Zentralkomitee, der mir in einigen Strichen die zu bildende neue Regierung charakterisierte:

»Eine lockere Organisation, die in vollem Einklang mit dem Willen des Volkes handelt, wie er in den Sowjets seinen Ausdruck findet, und den lokalen Gewalten volle Aktionsfreiheit lässt. Zur Zeit sind die lokalen Gewalten in der Betätigung ihres demokratischen Willens durch die Provisorische Regierung genau so behindert, wie früher durch die Zarenregierung. Die Initiative der neuen Gesellschaft muss von unten kommen. Die Form der Regierung wird der Verfassung der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei entsprechen. Das neue Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets wird das Parlament sein und häufig zusammentretenden Allrussischen Sowjetkongressen Rechnung zu legen haben. An der Spitze der verschiedenen Ministerien werden nicht, wie bisher, einzelne Minister, sondern Kollegien stehen. Die Ministerien sollen den Sowjets direkt verantwortlich sein.«

Am 30. Oktober hatte ich eine Unterredung mit Trotzki. Ich traf ihn in einem im Dachgeschoss des Smolny gelegenen kleinen, völlig kahlen Zimmer, in dem sich nur ein einfacher Tisch und ein paar Stühle befanden. Ich stellte einige wenige Fragen, und Trotzki sprach schnell und ununterbrochen länger als eine Stunde. Den wesentlichen Inhalt dessen, was er sagte, führe ich hier mit seinen eigenen Worten an:

»Die Provisorische Regierung ist absolut machtlos. Es herrscht die Bourgeoisie; nur wird diese Herrschaft von einer Scheinkoalition mit den Sozialpatrioten verdeckt. Jetzt während der Revolution, häufen sich die Aufstände der Bauern, die des Wartens auf das ihnen versprochene Land müde sind, und auch bei den übrigen werktätigen Klassen des ganzen Landes zeigt sich die gleiche tiefe Unzufriedenheit. Die Bourgeoisie kann ihre Herrschaft nur mittels des Bürgerkrieges aufrechterhalten. Die Kornilow-Methode ist die einzige, deren sie sich bedienen kann. Aber ihr geht die Kraft aus. Die Armee ist mit uns. Die Kompromissler und Pazifisten, Sozialrevolutionäre und Menschewiki, haben allen Kredit bei den Volksmassen verloren; denn der Kampf zwischen Bauern und Grundherren, Arbeitern und Kapitalisten, Soldaten und Offizieren ist heute schärfer und unversöhnlicher denn je. Nur die vereinte Aktion der Volksmassen, der Sieg der proletarischen Diktatur, kann die Revolution vollenden und das Volk retten.

Die Sowjets sind die denkbar vollkommenste Vertretung des Volkes, vollkommen in ihrer revolutionären Erfahrung wie in ihren Ideen und Zielen. Direkt basiert auf der Armee in den Schützengräben, den Arbeitern in den Fabriken, den Bauern auf ihren Feldern, sind sie das Rückgrat der Revolution.

Das Resultat des Versuchs, eine Macht ohne die Sowjets zu schaffen, hat nur absolute Machtlosigkeit zur Folge gehabt. In den Korridoren des Rates der Russischen Republik werden zur Zeit alle möglichen gegenrevolutionären Pläne ausgeheckt. Der Vorkämpfer der Gegenrevolution ist die Kadettenpartei, während die Sache des Volkes von den Sowjets vertreten wird. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es ernstzunehmende politische Gruppen nicht. Es ist der Endkampf. Die bürgerliche Gegenrevolution sammelt alle ihre Kräfte und wartet auf den Moment, um gegen uns loszuschlagen. Unsere Antwort wird entscheidend sein. Wir werden das im März begonnene und während der Kornilow-Affäre fortgesetzte Werk vollenden.«

Über die auswärtige Politik der neuen Regierung sagte er:

»Unsere erste Handlung wird ein Aufruf zum sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes an allen Fronten sein. Wir werden sofort eine Völkerkonferenz vorschlagen, deren Aufgabe die Diskussion eines Friedensschlusses auf demokratischer Grundlage zu sein hat. Inwieweit dieser Friedensschluss demokratisch sein wird, hängt von dem Maß der sich in Europa auswirkenden revolutionären Energie ab. Die Errichtung einer Sowjetregierung hier in Russland wird ein mächtiger Faktor für die Beschleunigung des Friedensschlusses in Europa sein: Denn diese Regierung wird sich mit ihrem Waffenstillstandsvorschlag an die Völker unmittelbar und direkt, über die Köpfe ihrer Regierungen hinweg, wenden. Im Moment des Friedensschlusses wird der Druck der Russischen Revolution sich gegen Annexionen und Kriegsentschädigungen, für die Selbstbestimmung der Völker und für die Errichtung einer föderativen Republik von Europa auswirken. Ich sehe Europa am Ende dieses Krieges neu geschaffen, nicht von Diplomaten, sondern vom Proletariat. Die Föderative Republik von Europa – das ist es, was werden muss. Nationale Autonomie genügt nicht mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen. Bleibt Europa auch weiterhin in nationale Gruppen zersplittert, dann beginnt der Imperialismus sein Werk von Neuem. Nur eine föderative Republik von Europa kann der Welt den Frieden geben. Im Augenblick jedoch, ohne das aktive Eingreifen der Massen in Europa, sind diese Ziele nicht zu verwirklichen.«

Während alle Welt erwartete, die Bolschewiki eines Morgens plötzlich auf der Straße erscheinen zu sehen, um jeden niederzuschießen, der einen weißen Kragen umhatte, ging der Aufstand in Wirklichkeit ganz anders, sehr natürlich und in aller Öffentlichkeit vor sich.

Die Provisorische Regierung plante die Entsendung der Petrograder Garnison an die Front.

Derselben Petrograder Garnison von zirka 60.000 Mann, die einen so großen Anteil an dem Siege der Revolution gehabt hatte. Die Petrograder Truppen waren es gewesen, die die Kämpfe der Märztage entschieden, die die Sowjets der Soldatendeputierten geschaffen und Kornilow von den Toren der Stadt verjagt hatten.

Jetzt waren sie zum großen Teil Bolschewiki. Als die Provisorische Regierung sich mit dem Gedanken trug, Petrograd preiszugeben, war es die Petrograder Garnison, die erklärte: »Wenn ihr unfähig seid, die Hauptstadt zu verteidigen, so schließt Frieden. Könnt ihr den Frieden nicht schließen, dann tretet zurück und macht einer Volksregierung Platz, die beides vermag.«

Es lag auf der Hand, dass das Schicksal jedes Aufstandsversuchs von der Haltung der Petrograder Truppen abhing. Der Plan der Regierung war, die bisherigen Garnisonregimenter durch ihr ergebene Truppen, Kosaken, Todesbataillone usw. zu ersetzen. Die Armeekomitees, die »gemäßigten« Sozialisten, das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets unterstützten dieses Vorhaben der Regierung. Eine ausgedehnte Agitation wurde an der Front und in Petrograd in Szene gesetzt, die vor allem mit der Behauptung arbeitete, dass die Petrograder Truppen seit nun schon acht Monaten in den Kasernen der Stadt ein gemächliches Leben führten, während ihre Kameraden in den Schützengräben starben und hungerten.

Bis zu einem gewissen Grade traf es sicher zu, dass die Garnisonregimenter nur geringe Lust verspürten, ihr verhältnismäßig angenehmes Leben gegen die Mühsalen eines Winterfeldzuges zu vertauschen. Entscheidend für ihre Weigerung zu gehen waren jedoch andere Gründe. Der Petrograder Sowjet misstraute der Regierung, und von der Front kamen Hunderte von Delegierten der breiten Soldatenmassen, die erklärten: »Es ist wahr, wir brauchen Verstärkung; wichtiger aber ist uns, Petrograd und die Revolution in guten Händen zu wissen. Hütet ihr die Heimat, Genossen! Wir werden die Front halten.«

Am 25. Oktober diskutierte das Zentralkomitee des Petrograder Sowjets in geschlossener Sitzung die Errichtung eines besonderen Militärkomitees, um die ganze Frage zur Entscheidung zu bringen. Am nächsten Tag nahm die Soldatensektion des Petrograder Sowjets die Wahl dieses Komitees vor, das sofort den Boykott der Bourgeoiszeitungen aussprach und das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets aufs Schärfste verurteilte, weil es sich dem Sowjetkongress widersetzte. Am 29. schlug in öffentlicher Sitzung des Petrograder Sowjets Trotzki die formelle Anerkennung des Revolutionären Militärkomitees durch den Sowjet vor. »Wir müssen«, sagte er, »unsere besondere Organisation schaffen, um kämpfen zu können und, wenn notwendig, zu sterben.« Es wurde ein Beschluss gefasst, zwei Delegationen an die Front zu entsenden, und zwar eine vom Sowjet und eine von der Garnison, zu Unterhandlungen mit den Soldatenkomitees und dem Generalstab.

In Pskow wurde die Sowjetdelegation von dem Kommandeur der Nordfront, General Tschermissow, empfangen, der kurz und bündig erklärte, dass er die Petrograder Garnison an die Front kommandiert und dem nichts hinzuzufügen habe. Das Garnisonkomitee durfte Petrograd nicht verlassen.

Eine Delegation der Soldatensektion des Petrograder Sowjets forderte die Zulassung eines Vertreters der Sektion in den Petrograder Distriktsstab. Das wurde abgelehnt. Das gleiche Schicksal hatte ein Antrag des Petrograder Sowjets, der verlangte, dass alle herausgehenden Befehle die Gegenzeichnung der Soldatensektion zu tragen hätten. Man erklärte den Delegierten schroff: »Für uns existiert nur das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets. Euch erkennen wir nicht an. Wir werden euch einsperren, sobald ihr euch gegen die Gesetze vergeht.«

Am 30. beschloss eine Delegiertenversammlung sämtlicher Petrograder Regimenter folgende Resolution:

»Die Petrograder Garnison erkennt die Provisorische Regierung nicht mehr an. Unsere Regierung ist der Petrograder Sowjet. Wir folgen nur den Befehlen des im Auftrage des Petrograder Sowjets handelnden Revolutionären Militärkomitees.«

Den lokalen Truppeneinheiten wurde anbefohlen, auf Instruktionen vonseiten der Soldatensektion des Petrograder Sowjets zu warten.

Am nächsten Tage berief das Zentrale Exekutivkomitee eine eigene Versammlung ein, die hauptsächlich von Offizieren besucht war. Ein Komitee wurde gewählt, zur Zusammenarbeit mit dem Stab, und für sämtliche Quartiere der Stadt wurden besondere Kommissare ernannt.

Ein am 3. im Smolny abgehaltenes großes Soldatenmeeting erklärte:

»Die Petrograder Garnison begrüßt die Errichtung des Revolutionären Militärkomitees und ist gewillt, dasselbe in allen seinen Aktionen rückhaltlos zu unterstützen und nichts zu unterlassen, um Front und Heimat im Interesse der Revolution aufs Engste zusammenzuschließen.

Die Garnison erklärt weiter, dass sie zusammen mit dem Petrograder Proletariat die revolutionäre Ordnung in Petrograd aufrechterhalten wird. Jeder Versuch einer Provokation seitens der Kornilow-Anhänger oder der Bourgeoisie wird erbarmungslos niedergeschlagen werden.«

Seiner Macht bewusst, richtete jetzt das Revolutionäre Militärkomitee an den Petrograder Stab die schroffe Aufforderung, sich seinem Befehl zu unterstellen. Sämtlichen Druckereien wurde verboten, Aufrufe und Proklamationen irgendwelcher Art zu drucken, die nicht die Autorisation des Komitees hätten. Bewaffnete Kommissare beschlagnahmten im Kronwersk-Arsenal große Mengen Waffen und Munition und hielten einen Schiffstransport mit 10.000 Bajonetten an, die für Nowotscherkask, dem Hauptquartier Kaledins, bestimmt waren.

Die Regierung, ihre gefährliche Lage endlich erkennend, versprach Straflosigkeit, wenn das Komitee sich auflösen würde. Es war zu spät. Am 5. überbrachte, von Kerenski selbst geschickt, Malewski dem Petrograder Sowjet das Angebot der Zulassung einer Vertretung des Sowjets im Petrograder Stab. Das Revolutionäre Militärkomitee akzeptierte. Eine Stunde später wurde das Angebot von dem amtierenden Kriegsminister, dem General Manikowski, widerrufen.

Am Dienstagmorgen wurde die Stadt durch das Erscheinen eines Plakates in Aufregung versetzt, das die Unterschrift trug: »Revolutionäres Militär­komitee beim Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten.«

An die Bevölkerung Petrograds! Bürger!

Die Gegenrevolution erhebt ihr verbrecherisches Haupt.

Die Kornilow-Leute mobilisieren ihre Kräfte zum vernichtenden Schlage gegen den Allrussischen Sowjetkongress und die Konstituierende Versammlung. Daneben besteht die Gefahr der Aufhetzung der Petrograder Bevölkerung durch die Pogromisten zu Unruhen und Blutvergießen. Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldaten-Deputierten übernimmt selbst die Aufrechterhaltung der revolutionären Ordnung in der Stadt gegen alle Anschläge der Konterrevolution und Pogromisten.

Die Petrograder Garnison wird keinerlei Gewalttätigkeiten oder Störung der öffentlichen Ordnung zulassen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Hooligans und Agenten der Schwarzhunderter sofort zu verhaften und den Sowjetkommissaren in den nächstgelegenen Kasernen zuzuführen. Jeder Versuch dunkler Elemente, in den Straßen Petrograds Unruhe zu stiften, gleichgültig, ob es sich um Räuberei oder Provozierung von Kämpfen handelt, hat den Tod der Verbrecher zur Folge.

Bürger! Bewahrt absolute Ruhe und Selbstbeherrschung. Die Sache der Ordnung und der Revolution liegt in starken Händen.

Das Plakat enthielt außerdem eine Liste der Regimenter, bei denen sich Kommissare des Revolutionären Militärkomitees befanden.

Am 3. fand, ebenfalls hinter verschlossenen Türen, eine weitere, historisch bedeutungsvolle Sitzung der bolschewistischen Führer statt. Von Salkind in Kenntnis gesetzt, wartete ich im Korridor an der Tür und als Wolodarski kam, hörte ich von ihm, was vorging.

Lenin redete: »Der 6. November ist zu zeitig. Wir benötigen für die Erhebung eine allrussische Basis. Am 6. November werden noch nicht alle Delegierte des Kongresses erschienen sein. Der 8. November wäre dagegen zu spät. Bis dahin wird sich der Kongress konstituiert haben, und für eine umfangreiche, organisierte Körperschaft ist es schwer, schnell und entscheidend zu handeln. Wir müssen am 7. in Aktion treten, wenn der Kongress zusammentritt, damit wir ihm sagen können: »Hier ist die Macht. Was denkt ihr damit zu tun?«

Währenddem saß in einem der oberen Zimmer ein Mensch mit langem Haar und hagerem Gesicht, ein ehemaliger Zarenoffizier und späterer Revolutionär, der lange in der Verbannung gelebt hatte: ein gewisser Owsejenko, allgemein Antonow gerufen, Mathematiker und Schachkünstler, damit beschäftigt, sorgfältig ausgearbeitete Pläne für die Einnahme der Hauptstadt zu entwerfen.

Aber auch die Regierung traf ihre Vorbereitungen. In aller Stille beorderte sie aus den allerverschiedensten Divisionen die ihr am meisten ergebenen Regimenter nach Petrograd. Der Winterpalast wurde von der »Junkerartillerie« besetzt, und in den Straßen Petrograds zeigten sich – zum ersten Male seit den Julitagen – Kosakenpatrouillen. Polkownikow erließ Order über Order, die unbarmherzigste Ahndung jeder Widersetzlichkeit androhend. Der Unterrichtsminister Kischkin, das meistgehasste Mitglied der Regierung, wurde zum Außerordentlichen Kommissar ernannt, um in Petrograd die Ordnung aufrechtzuerhalten; er nahm sich als Gehilfen zwei nicht weniger unbeliebte Männer, Rutenberg und Paltschinski. In Petrograd, Kronstadt und Finnland wurde der Belagerungszustand verhängt.

Am Montagmorgen – es war der 5. – ging ich zum Marienpalast, um zu sehen, was im Rate der Republik vor sich ging. Hitzige Debatten über Tereschtschenkos Außenpolitik. Sämtliche Diplomaten waren da, mit Ausnahme des italienischen Gesandten, der, wie allgemein gesagt wurde, durch die Katastrophe von Karst (Erfolge der Deutschen und Österreicher am ­Isonzo) völlig niedergeschlagen war.

Als ich eintrat, verlas gerade der Linke Sozialrevolutionär Karelin einen Leitartikel aus der Londoner »Times«, in dem es hieß, dass es gegen den Bolschewismus nur ein Mittel gebe: die Kugel. Zu den Kadetten gewendet rief er: »Genau so denken auch Sie.«

»Sehr richtig, sehr richtig!«, schallte es ihm von rechts entgegen.

»Ich kenne Ihre Meinung«, replizierte Karelin hitzig, »nur fehlt Ihnen der Mut, es zu versuchen.«

Dann sprach Skobelew, den Sowjetnakas verteidigend. Ihm folgte Tere­schtschenko, von der Linken mit dem heftigen Ruf: »Abdanken, abdanken!« empfangen.

Er meinte, dass die Delegierten der Regierung und des Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets in Paris einen gemeinsamen Standpunkt vertreten müssten – der natürlich sein eigener sein sollte. Zum Schluss einige wenige Worte über die Wiederherstellung der Disziplin in der Armee, über die Weiterführung des Krieges bis zum Siege … allgemeiner Tumult … und dann, gegen den Widerspruch der lärmenden Linken, Übergang zur einfachen Tagesordnung.

Leer gähnten die Bänke der Bolschewiki, die mit ihrem Austritt aus dem Rate der Republik soviel Leben mit sich genommen hatten. Und während ich die Stufen des Palastes hinunterschritt, konnte ich mich trotz des mitangehörten hitzigen Streitens des Eindrucks nicht erwehren, dass keine wirkliche Stimme aus der Außenwelt diese hohen und kalten Mauern zu durchdringen vermochte, dass die Provisorische Regierung an derselben Klippe »Krieg oder Friede« zu scheitern verurteilt war, die schon dem Kabinett Miljukow den Untergang gebracht hatte. Während mir der Pförtner meinen Mantel umhing, brummte er vor sich hin: »Ich möchte wissen, was aus dem armen Russland noch werden soll – Menschewiki, Bolschewiki, Trudowiki, Ukraine, Finnland, deutsche Imperialisten, englische Imperialisten! In meinem ganzen fünfundvierzigjährigen Leben habe ich nicht so viel Worte gehört, wie hier an diesem Ort.«

Im Korridor traf ich Professor Schazki, einen Menschen mit rattenähnlichem Gesicht, in elegantem Überrock, sehr einflussreich in den Beratungen der Kadettenpartei. Ich befragte ihn um seine Meinung über die vielbesprochenen Demonstrationen der Bolschewiki. Geringschätzig lächelnd zuckte er die Achseln:

»Das ist ja Rindvieh – Kanaille. Sie werden es nicht wagen, und – wenn sie es sollten, werden wir sie schnell heimschicken. Von unserem Standpunkt aus wäre dies gar nicht ungünstig; denn sie würden sich dabei zugrunde richten und in der Konstituierenden Versammlung machtlos sein.

Wenn es Sie übrigens interessiert, will ich Ihnen den Plan einer Regierungsform schildern, den wir der Konstituierenden Versammlung vorzulegen gedenken. Ich bin, wie Sie ja wissen, der Präsident einer Kommission, die, in Gemeinschaft mit der Provisorischen Regierung, ein Verfassungsprojekt ausarbeiten soll. Wir werden, wie Sie in den Vereinigten Staaten, eine aus zwei Kammern bestehende gesetzgebende Versammlung haben. Die untere Kammer wird nach dem Grundsatz der Territorialvertretung zusammengesetzt sein, während sich das Oberhaus aus den Vertretern der freien Berufe, der Semstwos, der Genossenschaften und Gewerkschaften zusammensetzen wird.«

Draußen wehte ein feuchtkalter Westwind, der, zusammen mit dem die Schuhe durchdringenden Straßenschmutz frösteln machte. Langbemäntelt und steif zogen zwei Kompanien Junker vorüber und schwenkten in die Morskaja ein, in rauem Chor eines der alten Soldatenlieder singend, wie sie unter dem Zaren üblich waren. An der nächsten Straßenkreuzung fiel mir auf, dass die Leute der Stadtmiliz beritten waren und in funkelnd neuen Halftern Pistolen trugen. Um sie herum kleine Gruppen von Passanten, sie stumm anstarrend. An der Ecke des Newski kaufte ich eine Flugschrift von Lenin: »Werden die Bolschewiki die Macht behaupten?« und zahlte mit einer der Marken, deren man sich zu der Zeit zum Wechseln bediente. Schwerfällig krochen die gewohnten Straßenbahnwagen vorbei, zum Brechen voll von den sogar an den Außenseiten der Wagen an den unmöglichsten Stellen sich anklammernden Soldaten und Bürgern. Längs des Bürgersteigs in Reihen Deserteure, Zigaretten und Sonnenblumenkerne zum Verkauf anbietend.

Den Newski hinauf in dem trüben Zwielicht sich um die neuesten Zeitungen reißende Menschenhaufen und Gruppen, bemüht, die zahllosen Aufrufe und Proklamationen zu entziffern, mit denen jedes irgendwie geeignete Plätzchen beklebt war: vom Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets, vom Bauernsowjet, von den »gemäßigten« sozialistischen Parteien, den Armeekomitees – alle die Arbeiter und Soldaten mit Drohungen und Bitten beschwörend, zu Hause zu bleiben und die Regierung zu unterstützen.

Ein Panzerauto, langsam auf- und niederfahrend, unaufhörlich hupend. An jeder Straßenecke, auf jedem offenen Platz undurchdringliche Menschenmassen, diskutierende Soldaten und Studenten. Dann die Dunkelheit sich mit großer Schnelligkeit herabsenkend, und in weiten Zwischenräumen aufflammende Straßenlaternen. Und immer noch fluteten in endlosen Wogen die Menschenmassen.

Die Stadt war in höchster nervöser Spannung. Jeder scharfe Laut ließ sie auffahren. Aber noch immer kein Zeichen von den Bolschewiki; die Soldaten blieben in ihren Kasernen, die Arbeiter in ihren Fabriken. Wir gingen in ein Kino in der Nähe der Kasan-Kathedrale, wo ein blutiger italienischer Film von Leidenschaft und Intrige gezeigt wurde. In den vorderen Reihen saßen einige Soldaten und Matrosen, die in kindlicher Verwunderung auf die Leinwand starrten, unfähig, den Sinn und die Notwendigkeit von so viel Aufregung und Blutvergießen zu begreifen.

Von hier aus eilte ich zum Smolny. Im Zimmer Nummer 10 tagte in Permanenz das Revolutionäre Militärkomitee, unter dem Vorsitz eines achtzehnjährigen jungen Menschen, Lasimir mit Namen. Er drückte mir im Vorbeigehen, fast schüchtern, die Hand.

»Eben ist die Besatzung der Peter-Paul-Festung zu uns übergegangen«, erzählte er mit einem vergnügten Grinsen, »und vor kaum einer Minute erhielten wir von einem von der Regierung nach Petrograd beorderten Regiment die Nachricht, dass es zu uns stehe. Die Soldaten hatten Verdacht geschöpft. Sie hielten ihren Zug in Gatschina an und sandten eine Delegation aus, um zu hören, was los sei. ›Was habt ihr uns zu sagen,‹ fragten sie, ›wir haben soeben eine Resolution beschlossen, die sich für die Übergabe der ganzen Macht an die Sowjets erklärt.‹ Die Antwort des Revolutionären Militärkomitees lautete: ›Brüder! Wir grüßen euch im Namen der Revolution. Bleibt wo ihr seid, bis ihr weitere Instruktionen erhaltet!‹«

Sämtliche Telefonleitungen waren, wie er mir sagte, zerschnitten. Aber mit den Kasernen und Fabriken war vermittels Feldtelefonapparaten eine provisorische Verbindung hergestellt worden.

Ununterbrochen kamen und gingen Kuriere und Kommissare. Vor der Tür warteten wohl ein Dutzend Freiwillige, bereit, die Anordnungen des Komitees sofort in die entferntesten Stadtviertel zu tragen. Einer von ihnen, in der Uniform eines Leutnants, sagte zu mir auf französisch: »Alles ist bereit. Ein Druck auf den Knopf, und wir marschieren.«

Ich sah Podwoiski, einen mageren bärtigen Zivilisten, den Strategen des Aufstandes, dann Antonow, unrasiert, mit filzigem Kragen und wie betrunken von allzu langem Wachen, den untersetzten Soldaten Krylenko mit seinem stets lächelnden, breiten Gesicht, heftig gestikulierend und ununterbrochen redend, und endlich die Riesengestalt des Matrosen Dybenko, bärtig und gelassen. Das waren die Männer jener Stunden und der, die noch in der Zukunft lagen.

Unten, in dem Büro der Fabrikkomitees, unterzeichnete Seratow unermüdlich Anweisungen für das Staatsarsenal auf Lieferung von Waffen an die Arbeiter – pro Fabrik 150 Gewehre. In einer Reihe warteten etwa 40 Delegierte, um die Anweisungen sofort in Empfang zu nehmen.

Im Saal stieß ich auf einige der unteren Bolschewikiführer. Einer wies auf seinen Revolver. »Das Spiel beginnt«, sagte er bleichen Antlitzes, »ob wir wollen oder nicht. Die andere Seite weiß, dass sie mit uns Schluss machen muss oder selber unterzugehen hat.«

Der Petrograder Sowjet tagte ununterbrochen Tag und Nacht. In den großen Saal eintretend, hörte ich noch den Schluss einer Rede Trotzkis.

»Man stellt uns die Frage«, sagte er, »ob wir eine Demonstration beabsichtigen. Ich kann auf diese Frage eine klare Antwort geben. Der Petrograder Sowjet fühlt, dass die Stunde gekommen ist, wo die Macht in die Hände der Sowjets überzugehen hat. Die Übergabe der Regierungsgewalt wird der Allrussische Sowjetkongress besorgen. Ob eine bewaffnete Demonstration notwendig sein wird, hängt … von denen ab, die sich dem Willen des Allrussischen Kongresses widersetzen wollen.

Wir wissen, dass unsere, den Leuten des Provisorischen Kabinetts anvertraute Regierung eine erbärmliche und hilflose Regierung ist, die es so schnell wie möglich hinwegzufegen gilt, um Platz zu machen für eine wirkliche Volksregierung. Aber wir sind bemüht – auch jetzt noch, heute noch, Gewalt zu vermeiden. Wir hoffen, dass der Allrussische Sowjetkongress die Macht und Autorität, die auf der organisierten Freiheit des Volkes beruht, in seine Hände nehmen wird. Sollte indes die Regierung die kurze Zeit – die 24, 48 oder 72 Stunden – die sie noch zu leben hat, zu einem Angriff gegen uns verwenden, dann werden wir mit dem Gegenangriff antworten, und dann gilt für uns: ›Hieb für Hieb‹ und ›Stahl für Eisen‹.«

Unter lebhaftem Beifall teilte er dann mit, dass sich die Linken Sozialrevolutionäre zur Entsendung einer Vertretung in das Revolutionäre Militär­komitee bereit erklärt hätten.

Als ich um 3 Uhr morgens den Smolny verließ, bemerkte ich, dass das Haupttor von zwei Schnellfeuergeschützen flankiert war. Die Eingänge und die nächsten Straßenecken wurden von starken Soldatenpatrouillen bewacht. Plötzlich kam der in der amerikanischen Arbeiterbewegung gut bekannte Bill Schatow die Stufen heraufgestürmt, rufend: »Es geht los. Kerenski hat Junker geschickt, um unsere Zeitungen ›Soldat‹ und ›Rabotschi Putj‹ zu schließen. Aber unsere Truppen sind bereits hinunter, um die Regierungssiegel abzureißen, und jetzt sind wir dabei, Abteilungen loszuschicken, die die Büros der bürgerlichen Zeitungen besetzen sollen.« Er klopfte mir vergnügt auf die Schulter und rannte ins Haus.

Am 6. morgens hatte ich mit dem Zensor zu tun, der sein Büro im Ministerium des Auswärtigen hatte. Überall, an allen Wänden, hysterische Aufrufe ans Volk, »ruhig« zu bleiben. Polkownikow erließ Befehl auf Befehl:

»Ich befehle allen militärischen Einheiten und Abteilungen, in ihren Kasernen zu bleiben bis auf weitere Befehle vonseiten des Bezirksstabes … Alle Offiziere, die ohne Befehl ihrer Vorgesetzten handeln, werden wegen Meuterei vors Kriegsgericht gestellt. Ich verbiete hiermit die Ausführung von Befehlen jeder anderen Organisation durch die Soldaten …«

Am Morgen berichteten die Blätter, dass die Regierung die Zeitungen »Nowaja Rus«, »Shiwoje Slowo«, »Rabotschi Putj« und »Soldat« verboten und die Verhaftung der Führer des Petrograder Sowjets und des Revolutionären Militärkomitees angeordnet habe.

Als ich den Palastplatz kreuzte, kamen in scharfem Trab mehrere Batterien Junkerartillerie durch das Rote Tor gezogen und nahmen vor dem Palast Aufstellung. Das mächtige rote Gebäude des Generalstabs war ungewöhnlich belebt. Vor dem Tor hielten Panzerautos, und Automobile mit Offizieren kamen und gingen. Der Zensor war aufgeregt wie ein kleiner Junge in einer Zirkusvorstellung. Wie er mir sagte, war Kerenski zum Rat der Republik gegangen, um seinen Rücktritt anzubieten. Ich stürmte nach dem Marienpalast und kam noch gerade zurecht, um den Schluss der leidenschaftlichen und ziemlich konfusen Rede Kerenskis zu hören, mit der er seine eigene Politik zu verteidigen suchte und die heftigsten Anklagen gegen seine Gegner schleuderte:

»Ich zitiere hier die charakteristischsten Stellen aus einer ganzen Reihe von Artikeln, die im ›Rabotschi Putj‹ Uljanow-Lenin veröffentlicht hat, ein Hochverräter, der sich gegenwärtig verborgen hält, und den aufzufinden wir uns bemühen … Dieser Hochverräter hört nicht auf, das Proletariat und die Petrograder Garnison zur Wiederholung der Versuche vom 16. bis 18. Juli aufzuhetzen, und ist der hartnäckigste Befürworter eines sofortigen bewaffneten Aufstandes … Neben ihm haben andere bolschewistische Führer in zahlreichen Versammlungen zur sofortigen bewaffneten Erhebung aufgefordert. Insbesondere ist der Tätigkeit des derzeitigen Präsidenten des Petrograder Sowjets, Bronstein-Trotzki, Beachtung zu schenken.

Ich muss feststellen …, dass die Schreibweise einer ganzen Reihe von Artikeln im ›Rabotschi Putj‹ und ›Soldat‹ sich absolut nicht unterscheidet von der der ›Nowaja Rus‹ … Wir haben es hier nicht mit der Bewegung einer politischen Partei zu tun, sondern mit der Ausbeutung der politischen Unwissenheit und verbrecherischen Instinkte eines Teiles der Bevölkerung, mit einer Organisation, deren Ziel es ist, in Russland um jeden Preis Zerstörung und Plünderung zu provozieren; denn angesichts des gegebenen geistigen Zustandes der Massen wird jede Aktion in Petrograd die schrecklichsten Metzeleien auslösen, die den Namen des freien Russland mit ewiger Schande bedecken werden …

… Nach dem Eingeständnis Uljanow Lenins selbst befindet sich der extrem-linke Flügel der Sozialdemokraten in Russland in einer sehr günstigen Lage. (Kerenski zitierte hier das folgende Zitat aus einem leninschen Artikel):

… Die deutschen Genossen haben nur einen Liebknecht, sie sind ohne Zeitungen, ohne Versammlungsfreiheit, ohne Sowjet … Sie haben gegen sich die erbitterte Feindschaft aller Gesellschaftsklassen – und doch versuchen die deutschen Genossen zu handeln; sollen wir, mit unseren Dutzenden von Zeitungen, mit unserer Versammlungsfreiheit, mit unserer Mehrheit in den Sowjets, sollen wir, die bestgestellten internationalen Proletarier der ganzen Welt, uns weigern, die deutschen Revolutionäre und aufständischen Organisationen zu unterstützen? …«

Kerenski fuhr fort:

»Die Organisatoren des Aufstandes erkennen also ausdrücklich an, dass wir jetzt die vollkommensten Bedingungen für die Freiheit des Handelns für jede politische Partei haben, in diesem Russland, das regiert wird von einer Provisorischen Regierung, an deren Spitze nach der Meinung dieser Partei, ›ein Usurpator steht, ein Mann, der sich an die Bourgeoisie verkauft hat‹, mit einem Wort der Ministerpräsident Kerenski …

… Die Organisatoren des Aufstandes kommen nicht dem deutschen Proletariat zu Hilfe, sondern den deutschen herrschenden Klassen, und sie öffnen die russische Front den Eisenfäusten Wilhelms und seiner Freunde … Für die Provisorische Regierung ist es gleichgültig, was für Motive diese Leute leiten, ob sie bewusst handeln oder unbewusst. In vollem Bewusstsein meiner Verantwortlichkeit nenne ich dieses Vorgehen einer russischen politischen Partei den Verrat an Russland!

Ich stelle mich entschieden auf den Standpunkt der Rechten und fordere die sofortige Einleitung einer Untersuchung und die Vornahme der notwendigen Verhaftungen. (Stürmische Unterbrechungen auf der Linken.) Hören Sie mir zu« – rief er mit mächtiger Stimme – »in dem Moment, da bewusster oder unbewusster Verrat die Sicherheit des Staates gefährdet, sind die Mitglieder der Provisorischen Regierung – und ich mit ihnen – entschlossen, eher zu sterben, als das Leben, die Ehre und Unabhängigkeit Russlands zu verraten.

Ich bin nicht hierher gekommen, um zu bitten, sondern um meiner festen Überzeugung Ausdruck zu geben, dass die unsere junge Freiheit verteidigende Provisorische Regierung – dass der neue, einer herrlichen Zukunft entgegengehende russische Staat die einmütige Unterstützung aller finden werden, mit Ausnahme höchstens jener, die nie gewagt haben, der Wahrheit ins Antlitz zu schauen …

… Die Provisorische Regierung hat niemals die Freiheit der Staatsbürger, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen, angetastet … Jetzt aber, in dieser Stunde, erklärt die Provisorische Regierung: Jene Gruppen und Parteien, die es gewagt haben, ihre Hand gegen den freien Willen des russischen Volkes zu erheben und die damit drohen, die Front den Deutschen zu öffnen, müssen mit Entschlossenheit liquidiert werden. Möge Petrograds Bevölkerung wissen, dass sie eine feste Gewalt finden wird. Vielleicht werden noch in letzter Stunde Vernunft, Bewusstsein und Ehre in dem Herzen derer den Sieg davontragen, die sie noch nicht völlig verloren haben …«

Während dieser ganzen Rede herrschte in dem Saal ein ohrenbetäubender Lärm. Nachdem der Ministerpräsident geendet und blassen Gesichts und von Schweiß durchnässt mit seinem Gefolge von Offizieren den Saal verlassen hatte, traten die Redner der Linken und des Zentrums auf, einer nach dem andern heftige Angriffe gegen die vor Wut schäumende Rechte schleudernd. Sogar die Sozialrevolutionäre, durch den Mund von Goz:

»Die Politik der Bolschewiki ist gewiss demagogisch und verbrecherisch, sie beutet die Unzufriedenheit der Volksmassen aus. Aber es gibt eine ganze Reihe Forderungen der Volksmassen, die bis heute noch nicht erfüllt sind … Die Frage des Friedens, die Landfrage und die Frage der Demokratisierung der Armee sollten in einer Weise gestellt werden, dass kein Soldat, Bauer oder Arbeiter den geringsten Zweifel hätte, dass die Regierung fest und unerschütterlich daran arbeitet, alle diese Fragen zu lösen …

Wir Menschewiki denken nicht daran, eine Regierungskrise herbeizuführen, und wir sind bereit, die Provisorische Regierung mit unserer ganzen Energie zu verteidigen, bis zu unserm letzten Blutstropfen – wenn nur die Provisorische Regierung auf alle diese brennenden Fragen die klaren und präzisen Worte finden wird, die das Volk mit Ungeduld erwartet …«

Dann Martow, empört:

»Die Worte des Ministerpräsidenten, der sich erlaubte, vom Pöbel zu sprechen gegenüber einer Bewegung von, wenn auch irregeleiteten Teilen des Proletariats und der Armee, sind eine einzige Aufhetzung zum Bürgerkrieg.«

Die Abstimmung ergab die Annahme der von der Linken vorgeschlagenen Tagesordnung. Das bedeutete praktisch ein Misstrauensvotum.

1. Die seit einigen Tagen vorbereitete bewaffnete Demonstration hat den Staatsstreich zum Ziel, sie droht den Bürgerkrieg zu provozieren, sie schafft Bedingungen, die Pogrome und die Konterrevolution begünstigen; die Mobilisierung konterrevolutionärer Kräfte, wie der Schwarzhunderter, die die Einberufung der Konstituierenden Versammlung unmöglich machen wird, wird eine militärische Katastrophe, den Untergang der Revolution herbeiführen, sie wird das ökonomische Leben des Landes lahmen und Russland zugrunde richten.

2. Die Bedingungen, die diese Agitation begünstigen, wurden sowohl geschaffen durch die Verzögerung dringender Maßnahmen wie durch objektive Bedingungen, die der Krieg und die allgemeine Unordnung verursachten. Es ist daher vor allem notwendig, sofort ein Dekret zu erlassen, das das Land den bäuerlichen Landkomitees übergibt; in den Fragen der Außenpolitik ist ein energisches Vorgehen vonnöten, indem den Alliierten der Vorschlag gemacht wird, ihre Friedensbedingungen bekannt zu geben und Friedensverhandlungen zu beginnen.

3. Zum Kampf gegen die monarchistischen Manifestationen und Pogrome ist es unerlässlich, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um diese Bestrebungen zu unterdrücken, und zu diesem Zwecke in Petrograd einen Öffentlichen Sicherheitsausschuss zu schaffen, der aus Vertretern der Stadtverwaltung und den Organen der revolutionären Demokratie zusammengesetzt ist und im Einvernehmen mit der Provisorischen Regierung handelt …

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre stimmten dieser Resolution zu.

Kerenski ließ Awksentjew zum Winterpalast kommen, um von ihm zu hören, wie die Abstimmung gemeint war. Für den Fall, dass es ein Misstrauensvotum sein sollte, bat er Awksentjew, die Bildung eines neuen Kabinetts in die Hand zu nehmen. Und die Dan, Goz und Awksentjew spielten hier ihre Kompromisslerrolle zum letzten Male. Sie erklärten Kerenski, dass die Abstimmung nicht als eine Kritik der Regierung gedacht war.

An der Ecke der Morskaja und des Newski hielten Trupps von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett sämtliche passierenden Privatautomobile an, setzten die Insassen auf die Straße und dirigierten die Wagen nach dem Winterpalast. Eine große Menschenmenge hatte sich angesammelt und sah dabei zu. Niemand wusste, zu wem die Soldaten gehörten, ob es Regierungstruppen waren oder Truppen des Revolutionären Militärkomitees. Die gleichen Vorgänge spielten sich vor der Kasan-Kathedrale ab. Hier wurden die Wagen den Newski hinaufdirigiert. Einige fünf oder sechs Matrosen kamen daher, mit Gewehren bewaffnet, übermütig lachend, und begannen eine Unterhaltung mit zwei von den Soldaten. An den Mützen hatten sie Bänder mit den Namen der beiden führenden bolschewistischen Kreuzer »Aurora« und »Sarja Swobody« (Morgenröte der Freiheit). Ich hörte, wie einer von ihnen sagte: »Die Kronstädter kommen.« Das war dasselbe, als wenn 1792 in den Straßen von Paris jemand gesagt hatte: »Die Marseiller kommen.« In Kronstadt befanden sich 25.000 Matrosen, alles überzeugte Bolschewiki und den Tod nicht scheuend.

»Rabotschi i Soldat« war eben heraus, mit einer die ganze Vorderseite füllenden Proklamation:

Soldaten, Arbeiter, Bürger!

Die Feinde des Volkes haben gestern Abend die Offensive begonnen. Von den Kornilowisten im Stabe wird versucht, aus den Vororten Junker- und Freiwilligenbataillone zusammenzuziehen. Die Oranienbaumjunker und die Freiwilligen von Zarskoje Selo haben sich geweigert zu kommen. Ein hochverräterischer Anschlag ist gegen den Petrograder Sowjet geplant. Der Kampf der Gegenrevolutionäre richtet sich gegen den am Vorabend seiner Eröffnung stehenden Allrussischen Sowjetkongress, gegen die Konstituierende Versammlung, gegen das Volk. Der Petrograder Sowjet schützt die Revolution. Die Leitung der Maßnahmen gegen die Verschwörer liegt beim Revolutionären Militärkomitee. Die gesamte Garnison und das Petrograder Proletariat sind bereit, die Feinde des Volkes niederzuschlagen.

Das Revolutionäre Militärkomitee bestimmt:

1. Alle Komitees der Regimenter, Divisionen und Kriegsschiffe, zusammen mit den Sowjetkommissaren und allen revolutionären Organisationen, tagen ununterbrochen und konzentrieren in ihrer Hand alle Nachrichten über die Pläne der Verschwörer.

2. Kein Soldat darf seine Division ohne Erlaubnis des Komitees verlassen.

3. Es sind sofort von jeder militärischen Einheit ein Delegierter, von jedem Stadtbezirkssowjet fünf Delegierte zum Smolny zu entsenden.

4. Sämtliche Mitglieder des Petrograder Sowjets und alle Delegierten zum Allrussischen Kongress sind aufgefordert, sofort zu einer Außerordentlichen Sitzung im Smolny zu erscheinen.

Die Konterrevolution erhebt ihr verbrecherisches Haupt. Den Errungenschaften und Hoffnungen der Soldaten und Arbeiter droht eine große Gefahr.

Aber die Kräfte der Revolution sind weit stärker als die ihrer Feinde.

Die Sache des Volkes ist in starken Händen. Die Verschwörer werden zerschmettert werden.

Kein Zögern mehr und keine Zweifel! Festigkeit, Ausdauer, Disziplin, Entschlossenheit!

Es lebe die Revolution!

Das Revolutionäre Militärkomitee.

Im Smolny tagte ununterbrochen der Petrograder Sowjet. Die Delegierten waren zum Umfallen müde, sie schliefen während der Tagung ein, um sich dann plötzlich wieder aufzuraffen und erneut an der Debatte teilzunehmen. Trotzki, Kamenew, Wolodarski sprachen sechs, acht und zwölf Stunden am Tag.

In dem im ersten Stock gelegenen Zimmer Nr. 18 hielten die bolschewistischen Delegierten ihre Besprechungen. Eine raue Stimme – den Redner selbst konnte ich in der Menge nicht sehen – sagte: »Die Kompromissler meinen, wir seien isoliert. Lasst euch nichts einreden. Wenn es losgehen wird, werden wir sie mit uns mitreißen, und wenn sie nicht wollen, dann werden sie selber ihre Anhänger verlieren und isoliert dastehen.«

Ein Blatt Papier in die Höhe haltend, rief er: »Da seht, sie kommen schon. Soeben ist ein Schreiben der Menschewiki und Sozialrevolutionäre eingelaufen, in dem diese erklären, dass sie unsere Aktion zwar verurteilen, dass sie sich aber der Sache des Proletariats nicht widersetzen wollen, falls die Regierung uns angreift.« (Jubelnder Beifall.)

Als der Abend kam, füllte sich der große Saal mit Soldaten und Arbeitern. Das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets hatte sich endlich entschlossen, die Delegierten des neuen Sowjetkongresses offiziell zu empfangen, obwohl dieser Kongress seinen Sturz und möglicherweise den Zusammenbruch der von ihm errichteten Ordnung bedeutete. Indessen hatten in dieser Versammlung nur die Mitglieder des Zentralen Exekutivkomitees Stimmrecht.

Es war schon nach Mitternacht, als Goz die Versammlung eröffnete und Dan unter allgemeiner Spannung und bedrohlicher Stille das Wort ergriff:

»Tragische Stunden sind es, die wir durchleben. Vor den Toren Petrograds steht der Feind, und während die demokratischen Mächte bemüht sind, die Verteidigung zu organisieren, erwarten uns blutige Kämpfe in den Straßen Petrograds selbst, droht der Hunger nicht nur unsere einheitliche Regierung, sondern die Revolution zu vernichten.

Die Massen sind krank und erschöpft. Die Revolution interessiert sie nicht. Schlagen die Bolschewiki los, so wird dies das Ende der Revolution sein. (Zurufe: ›Das ist eine Lüge.‹) Die Gegenrevolution wartet nur darauf, um gleichzeitig mit den Bolschewiki den Aufruhr ins Land zu tragen und ein großes Blutbad anzurichten. Kommt es zu bewaffneten Demonstrationen, dann ade, Konstituierende Versammlung! (Zurufe: ›Lügner! Schämen Sie sich!‹)

Es ist unerträglich, dass die Petrograder Garnison sich den Befehlen des Stabes nicht unterordnet … Ihr müsst den Befehlen des Stabes und des von euch gewählten Zentralen Exekutivkomitees gehorchen. Alle Macht den Sowjets – das würde den Tod bedeuten! Räuber und Diebe warten nur auf den Augenblick, wo sie ungehindert plündern und mordbrennen können … Die Parole ›Hinein in die Häuser, nehmt euch die Stiefel und Kleider der Bourgeois‹ … (Tumult. Rufe: ›Niemals wurde eine solche Parole ausgegeben. Lüge! Lüge!‹) … Nun, es mag in anderer Weise beginnen, das Ende würde aber bestimmt so sein!

Das Zentrale Exekutivkomitee hat absolute Vollmacht zu handeln … Wir fürchten den Kampf nicht … Das Zentrale Exekutivkomitee wird die Revolution bis zum letzten Blutstropfen verteidigen …«

Wilder anhaltender Tumult, den Dan, mit der Faust aufs Pult schlagend, mit aller Kraft zu überschreien versucht: »Die dazu auffordern, begehen ein Verbrechen!«

Eine Stimme: »Das Verbrechen begingt ihr, als ihr die Macht nahmt und sie an die Bourgeoisie ausliefertet!«

Goz, heftig die Präsidentenglocke schwingend: »Ruhe, oder ich lasse Sie hinaussetzen!«

Die Stimme: »Das versuchen Sie nur!« (Beifall und Zischen.)

»Nun zu unserer Politik in der Frage des Friedens.« (Gelächter.) »Leider kann Russland die Fortsetzung des Krieges nicht länger ertragen. Der Friede wird geschlossen werden, aber nicht ein dauernder Friede – nicht ein demokratischer Friede … Wir haben heute im Rat der Republik, um Blutvergießen zu vermeiden, eine Tagesordnung angenommen, die die Übergabe des Landes an die Landkomitees und sofortige Friedensverhandlungen fordert …« (Gelächter und Rufe: »Zu spät!«)

Dann bestieg, von minutenlangem tosenden Beifallssturm begrüßt, für die Bolschewiki Trotzki die Tribüne. Mit boshafter Ironie:

»Dans Taktik zeigt in der Tat, dass die Massen – die großen, stumpfen, indifferenten Massen – mit ihm sind.« (Große Heiterkeit.) Zum Präsidenten gewendet, wuchtig: »Als wir erklärten, dass das Land den Bauern gegeben werden müsse, da waren Sie dagegen. Wir sagten den Bauern: ›Wenn sie euch das Land nicht geben wollen, nehmt es euch selbst.‹ Die Bauern sind unserm Rat gefolgt, und jetzt wollen Sie sich einsetzen für Dinge, die wir vor sechs Monaten schon taten.

Kerenskis neuer Befehl über die Aufhebung der Todesstrafe in der Armee ist ihm nicht von seinen eigenen Idealen diktiert worden. Es war die Petrograder Garnison, die ihn überzeugte, indem sie sich weigerte, ihm weiterhin zu gehorchen.

Die Geschichte der letzten sieben Monate zeigt, dass die Massen den Menschewiki nicht mehr folgen. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre besiegten die Kadetten; aber als sie die Macht erobert hatten, haben sie sie an die Kadetten ausgeliefert.

Dan meint, ihr hättet kein Recht, einen Aufstand zu machen. Nun, ich sage euch: Die Revolte ist das Recht aller Revolutionäre. Wenn sich die niedergedrückten Massen erheben, so ist das ihr Recht.«

Auf Trotzki folgte Liber, mit Ach-Rufen und ironischem Lachen empfangen: »Engels und Marx haben gesagt, dass das Proletariat kein Recht habe, die Macht zu ergreifen, solange es nicht reif ist. In einer bürgerlichen Revolution, wie die jetzige eine ist, bedeutet die Machtergreifung durch das Proletariat das tragische Ende der Revolution. Trotzki muss als sozialdemokratischer Theoretiker selbst bekämpfen, was er hier verteidigt.« (Rufe: »Schluss! Herunter mit ihm!«)

Der nächste Redner war Martow, durch fortgesetzte Zwischenrufe unterbrochen: »Die Internationalisten sind nicht gegen die Übergabe der Macht an die Demokratie; aber sie verwerfen die Methoden der Bolschewiki. Der jetzige Moment ist für die Machtergreifung nicht geeignet.«

Darauf noch einmal Dan, heftigen Protest gegen das Vorgehen des Revolutionären Militärkomitees erhebend, das einen Kommissar in die Redaktion der »Iswestija« entsandt hatte, der die Zeitung zensieren sollte. Allgemeine wilde Erregung, in der Martow vergebens versucht, sich Gehör zu verschaffen. Im ganzen Saal hatten sich die Delegierten der Armee und der Flotte von ihren Sitzen erhoben, schreiend, dass ihre Regierung der Sowjet sei.

Inmitten dieser Konfusion wurde von Ehrlich (Sozialrevolutionär) eine Resolution eingebracht, die 1. die Arbeiter und Soldaten beschwor, die Ruhe zu bewahren und den Aufforderungen zu Demonstrationen keine Folge zu leisten, 2. die sofortige Bildung eines Sicherheitsausschusses für notwendig erklärte und 3. die sofortige Einbringung eines Gesetzes über die Übergabe des Landes an die Bauern und die unverzügliche Einleitung von Friedensverhandlungen verlangte.

Da aber sprang Wolodarski von seinem Platze auf, mit brutaler Energie erklärend, dass am Vorabend des Sowjetkongresses das Zentrale Exekutivkomitee nicht befugt sei, sich die Funktionen dieses Kongresses anzumaßen. Das Komitee sei in Wirklichkeit erledigt und die Resolution nur ein Trick, ihm die entglittene Macht wieder in die Hände zu spielen.

»Wir werden«, sagte er, »uns an dieser Abstimmung nicht beteiligen.« Die Bolschewiki verließen hierauf den Saal, und die Resolution wurde angenommen.

Gegen vier Uhr früh traf ich in der Vorhalle Sorin mit einem Gewehr.

»Wir marschieren«, sagte er ernst, aber augenscheinlich befriedigt. »Wir haben den Vizejustizminister und den Kultusminister festgesetzt; sie sind unten im Keller. Ein Regiment ist weg, um die Telefonzentrale zu besetzen, ein anderes ist zur Telegrafenagentur und ein drittes zur Staatsbank. Auch die Rote Garde ist unterwegs.

Als wir auf die Smolny-Treppe hinaustraten, sahen wir die Rote Garde vorüberziehen: Junge Burschen in Arbeiterkleidern, mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten, aufgeregt miteinander sprechend.

Plötzlich, die Stille unterbrechend, westwärts fernes Gewehrfeuer. Das waren die Junker, die die Newa-Zugbrücken zu öffnen versuchten, um den Arbeitern und Soldaten des Wyborg-Viertels die Vereinigung mit den Sowjetkräften im Zentrum der Stadt unmöglich zu machen. Die Kronstädter Matrosen waren jetzt dabei, sie wieder zu schließen.

Hinter uns lag der Smolny, hell erleuchtet und summend wie ein riesiger Bienenkorb.

Revolutionäre Regimenter demonstrieren in Petrograd gegen die Provisorische Regierung

Revolutionäre Regimenter demonstrieren in Petrograd gegen die Provisorische Regierung

Anmerkungen

[1] Das war nicht ganz aufrichtig. Die Provisorische Regierung hatte schon vorher, im Juli, die bolschewistischen Zeitungen unterdrückt und plante dies auch jetzt wieder.

IV. Der Sturz der provisorischen Regierung

Mittwoch, 7. November. Ich hatte mich sehr spät erhoben. Vom Peter-Paul schlug bereits die Mittagglocke, als ich den Newski hinunterschritt. Der Tag war kalt und ungemütlich. Vor den geschlossenen Türen der Staatsbank standen Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett.

»Wozu gehört ihr«, fragte ich, »zur Regierung?«

»Die Regierung ist futsch.« Slawa Bogu (Gott sei Dank). Das war alles, was ich herausbekam.

Die Straßenbahnen liefen wie gewöhnlich, nicht nur innen überfüllt, sondern auch außen behangen mit Männern, Frauen und kleinen Jungen, die sich anklammerten, wo nur ein Plätzchen sich fand. Die Läden waren geöffnet, und die Straßen schienen sogar weniger unruhig als am Abend vorher. Die Mauern der Häuser hatten sich über Nacht mit unzähligen gegen den Aufstand gerichteten Plakaten bedeckt: »An die Bauern, an die Frontsoldaten, an die Petrograder Arbeiter.« Einer dieser Aufrufe lautete wie folgt:

Von der Petrograder Stadtduma!

Die Stadtduma bringt den Bürgern zur Kenntnis, dass sie in ihrer Außerordentlichen Sitzung vom 6. November einen Sicherheitsausschuss gebildet hat, der sich zusammensetzt aus Mitgliedern der Zentralduma und den Stadtbezirksdumas, sowie Vertretern der folgenden revolutionären demokratischen Organisationen: Zentrales Exekutivkomitee der Sowjets, Allrussisches Exekutivkomitee der Bauerndeputierten, Zentroflot, Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten (!), Gewerkschaftsrat u. a.

Zu erreichen sind die Mitglieder des Sicherheitsausschusses im Hause der Stadtduma. Telefon Nr. 15-40, 223-77, 130-36.

7. November 1917

Dies war (mir wurde das erst später klar) die Kriegserklärung der Duma an die Bolschewiki.

Ich kaufte eine Nummer des »Rabotschi Putj«, wie es schien, die einzige Zeitung, die zu haben war, und etwas später aus zweiter Hand, von einem Soldaten, ein Exemplar des »Den«. Das in großem Format in der beschlagnahmten Druckerei der »Ruskaja Wolja« (Russischer Wille; eine reaktionäre Zeitung) hergestellte bolschewistische Blatt enthielt auf der Vorderseite in großen Lettern die Parolen: »Alle Macht den Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern! Friede, Land, Brot!« Der Leitartikel war von Sinowjew gezeichnet, der sich, wie Lenin, verborgen halten musste. Er begann:

»Jeder Soldat und jeder Arbeiter, jeder wahre Sozialist und jeder ehrliche Demokrat begreift, dass es heute nur zwei Möglichkeiten gibt.

Entweder – die Macht verbleibt in den Händen der Bourgeoisie und der Grundbesitzer, das hieße: Unterdrückung der revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern, oder die revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern übernehmen die Macht, das wäre die völlige Zerschmetterung der Grundbesitzertyrannei, die Niederlage der Kapitalisten, sofortiger Vorschlag eines gerechten Friedens. Die Bauern würden das Land erhalten, die Hungernden Brot, der wahnsinnige Krieg ginge zu Ende.«

Der »Den« enthielt – allerdings sehr unvollständige – Nachrichten über die Ereignisse der letzten bewegten Nacht: »Besetzung der Telefonzentrale, der Telegrafenagentur und des Baltischen Bahnhofes durch die Bolschewiki! Die Peterhofjunker außerstande, nach Petrograd zu kommen! Die Kosaken unentschlossen! Verhaftung einiger Minister! Erschießung Meyers, des Chefs der Stadtmiliz. Verhaftungen, Gegenverhaftungen! Handgemenge zwischen Soldaten, Junkern und Rotgardisten!«

An der Ecke der Morskaja traf ich den Hauptmann Gomberg, Sekretär der Militärsektion der menschewistischen Sozialpatrioten. Auf meine Frage, ob der Aufstand wirklich stattgefunden habe, zuckte er müde die Achseln: »Tschort snajet. (Weiß der Teufel.) Vielleicht gelingt es den Bolschewiki in der Tat, sich der Macht zu bemächtigen; aber sie werden sich keine drei Tage halten können. Es fehlen ihnen die Männer, die fähig wären, die Regierungsgeschäfte zu führen. Vielleicht ist es ganz gut, sie den Versuch machen zu lassen. Sie werden umso schneller abwirtschaften.«

Das Militärhotel an der Ecke des St. Isaakplatzes war von bewaffneten Matrosen umstellt. Im Vorraum des Hotels viele elegante junge Offiziere, aufgeregt auf und niederschreitend oder miteinander flüsternd. Die Matrosen ließen niemand heraus.

Plötzlich ein Gewehrschuss, darauf das Geknatter einer ganzen Salve. Ich rannte hinaus. Am Marienpalast, dem Sitze des Rates der Republik, schien sich etwas ereignet zu haben. Eine lange Reihe Soldaten zog sich quer über den riesigen Platz, mit schussfertigen Gewehren, zum Dache des Gebäudes hinaufschauend.

»Provokazija, sie haben auf uns geschossen«, schrie einer, während ein anderer zur Tür lief.

An der Westecke des Palastes stand ein Panzerauto, rotbeflaggt und mit roten, noch frischen Schriftzeichen: »SRSD« (Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten). Auf dem Isaakplatz wurden Geschütze zusammengezogen. An der Mündung der Nowaja Uliza (Neue Straße) erhob sich, die Passage versperrend, eine Barrikade aus Kisten, Fässern, einer alten Matratze, einem umgestürzten Wagen. Am Ende des Moika-Ufers lag, den Zugang hindernd, ein großer Haufen geschnittenen Holzes. Auch an der ganzen Front des Hauses entlang waren Holzklötze, die von einem in der Nachbarschaft lagernden Stapel stammten, zu einer Brustwehr aufgeschichtet.

»Erwarten Sie denn hier Kämpfe«, fragte ich.

»Das wird bald losgehen«, antwortete aufgeregt ein Soldat. »Gehen Sie weg, Genosse. Sie werden sonst zu Schaden kommen.«

Vor dem Tor des Palastes eine Ansammlung von Matrosen und Soldaten, denen ein Matrose von dem Ende des Rates der Russischen Republik erzählte: »Wir gingen hinein, postierten an allen Ausgängen unsere Kameraden, und dann ging ich zu dem den Vorsitz führenden Gegenrevolutionär hin und sagte einfach: ›Schluss mit dem Rat. Geht schnell nach Hause.‹«

Die Umstehenden lachten. Alle möglichen Ausweispapiere schwingend, gelang es mir, bis zur Tür der Pressegalerie vorzudringen. Dort aber hielt mich ein riesiger Matrose an, der, als ich ihm meinen Pass zeigte, lächelnd sagte: »Lieber Genosse, wenn Sie Sankt Michael selber wären, könnten Sie doch nicht passieren.« Durch die Scheiben der Tür bemerkte ich das wutverzerrte Gesicht und die gestikulierenden Arme eines dort eingeschlossenen französischen Korrespondenten.

Passkontrolle durch revolutionäre Soldaten

Passkontrolle durch revolutionäre Soldaten

Nicht weit entfernt stand, von einem Haufen Soldaten umringt, ein kleiner graubärtiger Mann in der Uniform eines Generals, mit vor Erregung hochrotem Gesicht.

»Ich bin General Alexejew«, schrie er, »als Ihr vorgesetzter Offizier und Mitglied des Rates der Republik fordere ich Sie auf, mich passieren zu lassen.« Der Posten kratzte sich den Kopf, im Unklaren, was er machen sollte. Er rief einen sich nähernden Offizier heran, der sehr aufgeregt wurde, als er sah, wen er vor sich hatte, und stramm militärisch grüßte, noch ehe er begriff, was er tat.

»Exzellenz«, stammelte er in der unter dem alten Regime üblichen Manier, »der Zutritt zum Palast ist strikt untersagt, und ich habe keine Befugnis – –.«

Ein Automobil kam vorüber. Ich erkannte den im Wagen sitzenden Goz, der die Situation scheinbar sehr belustigend fand und laut lachte. Dann ein zweites Auto, auf dem Vordersitz bewaffnete Soldaten, im Wageninnern verhaftete Mitglieder der Provisorischen Regierung. Plötzlich sah ich Peters, ein lettisches Mitglied des Revolutionären Militärkomitees, über den Platz gelaufen kommen.

»Ich denke, Sie hatten alle diese Herrschaften schon gestern Abend festgesetzt«, sagte ich, auf das Auto weisend.

»Ach«, antwortete er, mit einer unzufriedenen Grimasse, »diese Dummköpfe haben sie wieder laufen lassen, noch ehe wir es verhindern konnten.«

Den Woskresenski-Prospekt hinunter waren gewaltige Scharen Matrosen aufmarschiert, dahinter, soweit das Auge reichte, Soldaten.

Wir gingen durch den Admiralteiski zum Winterpalast. Sämtliche Zugänge zum Schlossplatz waren von Wachen besetzt, die niemand passieren ließen, und quer über den ganzen westlichen Teil des Platzes zog sich ein Truppenkordon, von einem Haufen aufgeregter Bürger umlagert. Mit Ausnahme einiger weiter entfernter Soldaten, die aus dem Schlosshof Holz zu holen schienen, um es an der Vorderseite zu einer Art Brustwehr aufzustapeln, war alles ruhig.

Es war nicht möglich, herauszubekommen, ob die Wachen zur Regierung gehörten oder zu den Sowjets. Unsere im Smolny ausgestellten Passierscheine nützten uns indessen nichts, und so näherten wir uns der Linie von einer andern Seite, mit wichtiger Miene unsere amerikanischen Pässe vorweisend und erklärend, dass wir in amtlichen Geschäften kämen und – schlüpften durch. Drinnen die gleichen alten Palastdiener in ihren mit gelben Knöpfen besetzten blauen Uniformen mit rot- und goldverzierten Kragen, uns höflich unsere Hüte und Mäntel abnehmend. Wir gingen nach oben. In den dunklen, trüben, ihrer Wandbekleidung beraubten Korridoren einige wenige alte Bediente, vor Kerenskis Tür ein junger Offizier, der, seinen Schnurrbart kauend, auf und nieder schritt. Wir fragten, ob wir den Ministerpräsidenten sprechen könnten. Sich höflich verbeugend und die Hacken zusammenschlagend, sagte er auf französisch:

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  • John Reed (Autor)

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Titel: Zehn Tage, die die Welt erschütterten