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Warum die Russische Revolution studieren

1917 Band 1 - Die Februarrevolution und die Strategie der Bolschewiki

von Internationales Komitee der Vierten Internationale (Autor)

2017 292 Seiten

Leseprobe

Warum die Russische Revolution studieren

1917

Vortragsreihe des Internationalen Komitees der Vierten Internationale zum 100. Jahrestag

Band 1: Die Februarrevolution und die Strategie der Bolschewiki

Mehring Verlag

Vorwort

Dieses Buch, das in zwei Bänden erscheint, enthält Vorträge und Aufsätze über die Russische Revolution von 1917, das bedeutendste, historisch fortschrittlichste und vielschichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts.

Der vorliegende erste Band befasst sich mit den historischen Voraussetzungen der Revolution, mit den theoretischen Fragen, auf denen die Strategie der Bolschewiki beruhte, und mit den Ereignissen und Folgen der Februarrevolution, die die Zarenherrschaft stürzte und durch eine instabile »Doppelherrschaft« ersetzte. Der zweite Band wird auf den weiteren Verlauf der Russischen Revolution eingehen, insbesondere auf die Eroberung der Staatsmacht durch die Arbeiterklasse unter Führung der Bolschewistischen Partei in der Oktoberrevolution.

Dieser Band ist in drei Abschnitte unterteilt. Der erste enthält die politische Erklärung »Der Sozialismus zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution: 1917–2017« von David North und Joseph Kishore, die sich mit der »Überschneidung und Wechselwirkung von zeitgenössischer Politik und historischer Erfahrung« befasst. Der 100. Jahrestag der Russischen Revolution findet unter den Bedingungen einer politischen, geopolitischen und sozialen Krise des kapitalistischen Weltsystems statt, die sich rapide zuspitzt.

Der zweite Abschnitt besteht aus fünf Vorlesungen, die zwischen dem 11. März und dem 6. Mai 2017 im Abstand von jeweils zwei Wochen online vor einer weltweiten Zuhörerschaft gehalten wurden.

Die erste Vorlesung, »Warum die Russische Revolution studieren« von David North, erläutert den einzigartigen Charakter und die anhaltende Bedeutung der Revolution.

Die zweite Vorlesung, »Das Erbe von 1905 und die Strategie der Russischen Revolution« von Fred Williams, untersucht die weitreichenden Auswirkungen der Revolution von 1905, die Lenin als »Generalprobe« für 1917 bezeichnete.

Die dritte Vorlesung, »Krieg und Revolution: 1914–1917« von Nick Beams, analysiert die objektiven Widersprüche des Weltkapitalismus und des Imperialismus, die zum Krieg und zur Revolution führten. Beams erklärt, wie und warum der Weltkrieg die politische Strategie Lenins stark beeinflusste, die schließlich in der Machteroberung durch die Arbeiterklasse im Oktober 2017 gipfelte.

Die vierte Vorlesung, »Spontaneität und Bewusstsein in der Februarrevolution« von Joseph Kishore, befasst sich mit den Ursprüngen von Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die schließlich, nach Jahren heftiger Auseinandersetzungen, die strategische Grundlage der bolschewistischen Poli­tik im Jahr 1917 bildete.

Die fünfte Vorlesung, »Lenins Rückkehr nach Russland und die Aprilthesen« von James Cogan, zeichnet ein detailliertes Bild der politischen Konflikte, die nach Lenins Ankunft am Finnischen Bahnhof in Petrograd am 3. April 1917 innerhalb der Bolschewistischen Partei entbrannten.

Der dritte Abschnitt enthält den Vortrag »Philosophie und Politik in Zeiten von Krieg und Revolution«, den David North im Oktober 2016 an der Goethe-Universität in Frankfurt hielt. North erklärt darin, wie die negativen Auswirkungen anti­marxistischer Theorien, die von der Frankfurter Schule und der Postmoderne geprägt sind und international großen ­Einfluss auf angeblich »linke« Kreise ausüben, zur gegenwärtigen Krise des revolutionären politischen Denkens beigetragen haben.

Der Aufsatz »Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856–1918): Seine Stellung in der Geschichte des Marxismus« von David North und Wladimir Wolkow setzt sich kritisch mit dem Erbe des »Vaters des russischen Marxismus« auseinander. Der Aufsatz untersucht die Widersprüche von Plechanows Konzeption der russischen Revolution. Er sah die entscheidende Rolle der Arbeiterklasse im Kampf gegen den Zarismus voraus, war aber dagegen, dass die Arbeiterklasse den Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution durchbricht und versucht, in Russland die Diktatur des Proletariats zu errichten.

Den Abschluss des Buches bildet ein zweiteiliger Aufsatz von David North, »›Deutsches Gold‹ – die Wiederbelebung einer Geschichtslüge«. Sie entlarvt die Bemühungen, Lenin und die Bolschewistische Partei zu diskreditieren, die auch 100 Jahre nach der Revolution unvermindert anhalten.

Dem ganzen Band liegt die Auffassung zugrunde, dass die Lehren von 1917 für die heutige Zeit von enormer Bedeutung sind. David North sagt dazu in der ersten Vorlesung »Warum die Russische Revolution studieren«:

Kein einziges bedeutendes gesellschaftliches Problem kann im Rahmen des Kapitalismus gelöst werden. Ja, die Logik des Kapitalismus und des Nationalstaatensystems, das die Grundlage der imperialistischen Geopolitik darstellt, führt unweigerlich zu einem weiteren globalen Krieg, der diesmal mit Nuklearwaffen ausgefochten wird. Nichts kann die Katastrophe verhindern, außer der bewusste Kampf für den Weltsozialismus. Das ist der Hauptgrund, weshalb es notwendig ist, die Russische Revolution zu studieren.

Zu den Autoren

David North nimmt seit mehr als 40 Jahren eine führende Stellung im Internationalen Komitee der Vierten Internationale ein. Er hat zahlreiche Bücher zur marxistischen Theorie, zur Geschichte der internationalen trotzkistischen Bewegung und zur imperialistischen Geopolitik verfasst, darunter »Das Erbe, das wir verteidigen«, »Verteidigung Leo Trotzkis«, »Die Russische Revolution und das unvollendete Zwanzigste Jahrhundert«, »Die Frankfurter Schule, die Postmoderne und die Politik der Pseudolinken« und »Ein Vierteljahrhundert Krieg – Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990–2016«. North ist derzeit Vorsitzender der internationalen Redaktion der »World Socialist Web Site« und der Socialist Equality Party in den USA.

Fred Williams ist Mitglied der Socialist Equality Party in den USA.

Joseph Kishore ist seit deren Gründungskonferenz im Jahr 2008 Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party in den USA. Als Mitglied der amerikanischen Redaktion der »World Socialist Web Site« hat er zahlreiche Artikel zur politischen Krise und zum Aufbau der trotzkistischen Bewegung in den USA verfasst.

Nick Beams ist seit den frühen 1970er Jahren führendes Mitglied der trotzkistischen Bewegung. Er zählt zu den Gründern der australischen Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale und war von 1985 bis 2015 deren Nationaler Sekretär. Beams ist Mitglied der internationalen Redaktion der »World Socialist Web Site«. Als Experte für marxistische politische Ökonomie konzentriert er sich auf Fragen der Weltwirtschaft und der Finanzialisierung.

James Cogan ist seit über 25 Jahren in der trotzkistischen Bewegung aktiv. Seit 2015 ist er Nationaler Sekretär der australischen Socialist Equality Party. Auf der »World Socialist Web Site« schreibt er regelmäßig zu Fragen der internationalen Geopolitik und der imperialistischen Militärstrategie und -taktik.

Wladimir Wolkow ist ein russischer Trotzkist und Unterstützer des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.

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Zum Internationalen Komitee der Vierten Internationale

Das Internationale Komitee ist das Führungsorgan der Vierten Internationale, die 1938 von Leo Trotzki als Weltpartei der sozialistischen Revolution gegründet wurde. Sie war die Antwort auf den stalinistischen Verrat an dem internationalen sozialistischen Programm, an den Grundsätzen und der Strategie, die 1917 die Oktoberrevolution angeleitet hatten. Das Internationale Komitee veröffentlicht die »World Socialist Web Site« (www.wsws.org) und gibt den Sektionen der Vierten Internationale auf der ganzen Welt politische Orientierung.

Der Sozialismus zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution: 1917–2017[1]

Lenin und Trotzki auf dem Roten Platz anlässlich des zweiten Jahrestags der Russischen Revolution 1919

David North und Joseph Kishore

1. Ein Gespenst geht um in der Welt des Kapitalismus: das Gespenst der Russischen Revolution.

Vor genau einhundert Jahren kam es in Russland zu den Ereignissen von welthistorischer Bedeutung, die mit der Fe­bruarrevolution begannen und im Oktober 1917 ihren Höhepunkt erreichten: In »zehn Tagen, die die Welt erschütterten«, wurde die kapitalistische Provisorische Regierung gestürzt, und die Partei der Bolschewiki eroberte unter der Führung von Wladimir Lenin und Leo Trotzki die politische Macht. Der Sturz des Kapitalismus in einem Land mit 150 Millionen Einwohnern und die Gründung des ersten sozialistischen Arbeiterstaats der Geschichte sollten sich als das folgenreichste Ereignis des 20. Jahrhunderts erweisen. Die historische Perspektive, die Karl Marx und Friedrich Engels nur 70 Jahre zuvor im Kommunistischen Manifest von 1847 formuliert hatten, wurde in der Praxis bestätigt.

Der Aufstand der russischen Arbeiterklasse, die Millionen Bauern hinter sich führte, setzte nicht nur der Jahrhunderte währenden Herrschaft einer halbfeudalen autokratischen Dynastie ein Ende. Der gewaltige Sprung Russlands vom »Zar zu Lenin« – die Errichtung einer Regierung von Arbeiterräten (Sowjets) – bildete den Auftakt zur sozialistischen Weltrevolution und stärkte überall auf der Welt das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse und der vom Kapitalismus und Imperialismus unterdrückten Massen.

Die Russische Revolution erbrachte – mitten in der Schlächterei des Ersten Weltkriegs – den Beweis dafür, dass eine Welt jenseits des Kapitalismus, ohne Ausbeutung und Krieg, möglich ist. Die Ereignisse von 1917 und ihre Nachwirkungen prägten sich tief in das Bewusstsein der internationalen Arbeiterklasse ein und bildeten die wesentliche politische Inspiration für die revolutionären Kämpfe, die im 20. Jahrhundert weltweit ausbrachen.

2. Die Partei der Bolschewiki ging bei ihrem Kampf um die Macht 1917 von einer internationalen Perspektive aus. Sie war sich darüber bewusst, dass die objektive Grundlage für die sozialistische Revolution in Russland letztlich in den internationalen Widersprüchen des imperialistischen Weltsystems bestand, in erster Linie im Gegensatz zwischen dem archaischen Nationalstaatensystem und der starken Verflechtung der modernen Weltwirtschaft. Das Schicksal der Russischen Revolution hing daher von der Ausweitung der Arbeitermacht über die Grenzen Sowjetrusslands hinaus ab. Trotzki erklärte dies sehr deutlich:

Der Abschluss einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache für die Krisis der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperialistischen Kriege, andererseits die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: Sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten.[2]

3. Das Schicksal der Bolschewistischen Partei, der Sowjetunion und der sozialistischen Revolution im 20. Jahrhundert hing davon ab, welche Perspektive sich durchsetzen würde: der revolutionäre Internationalismus, den Lenin und Trotzki 1917 und in den Anfangsjahren der Sowjetunion vertreten hatten, oder das reaktionäre nationalistische Programm der stalinistischen Bürokratie, die der sowjetischen Arbeiterklasse die politische Macht entriss. Sie standen einander unvereinbar gegenüber. Stalins antimarxistische Perspektive des »Sozialismus in einem Land« bildete die Grundlage für die verheerende Misswirtschaft in der Sowjetunion und für die katastrophalen Niederlagen der Arbeiterklasse weltweit, die 1991 nach Jahrzehnten bürokratischer Diktatur in die Auflösung der Sowjetunion und die Restauration des Kapitalismus in Russland mündeten.

Doch mit dem Ende der UdSSR wurde weder die Russische Revolution noch die marxistische Theorie widerlegt. In Wirklichkeit hatte Leo Trotzki im Kampf gegen den stalinistischen Verrat an der Revolution vorausgesehen, wo das national ausgerichtete Programm des »Sozialismus in einem Land« enden werde. Die Vierte Internationale, die 1938 unter der Führung Trotzkis gegründet wurde, hatte ausdrücklich erklärt, dass die UdSSR nur vor der Zerstörung bewahrt werden könne, wenn die stalinistische Bürokratie gestürzt, die Sowjetdemokratie wiederhergestellt und der Kampf für den revolutionären Sturz des Weltkapitalismus wieder aufgenommen würde.

4. Die Führer des Imperialismus und ihre ideologischen Handlanger überschlugen sich im Dezember 1991 vor Begeisterung über die Auflösung der UdSSR. Dass keiner von ihnen diesen Ausgang vorausgesehen hatte, hinderte sie nicht daran, ihn für »unvermeidlich« zu erklären. In ihrer Unfähigkeit, über die eigene Nasenspitze hinaus zu sehen, schusterten sie sich Theorien zusammen, um das 20. Jahrhundert so umzuinterpretieren, wie es der Arroganz ihrer Klasse schmeichelte. Die Krönung des ganzen Schwachsinns, mit dem sich die herrschenden Eliten und ihre dienstbaren Professoren selbst beweihräucherten, war Francis Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte«. Ihm zufolge war die Oktoberrevolution lediglich eine zufällige Abweichung vom normalen und somit zeitlosen bürgerlich-kapitalistischen Lauf der Geschichte. Mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der bürgerlichen Demokratie hatte die Menschheit ihr höchstes und abschließendes Entwicklungsstadium erreicht. Nach der Auflösung der Sowjetunion war an eine Alternative zum Kapitalismus nicht mehr zu denken, schon gar nicht auf der Grundlage der Arbeitermacht und der sozialistischen Umgestaltung der Weltwirtschaft.

Der Historiker Eric Hobsbawm, der sich zeit seines Lebens zum Stalinismus bekannt hatte, schloss sich dieser Erkenntnis an, schrieb die Oktoberrevolution als bedauerlichen Unglücksfall ab und verbuchte alle revolutionären und konterrevolutionären Unruhen des 20. Jahrhunderts gleich mit unter dieser Kategorie. Die Jahre von 1914 (Ausbruch des Ersten Weltkriegs) bis 1991 (Auflösung der Sowjetunion) wertete er als irregeleitetes »Zeitalter der Extreme«, welches das »kurze 20. Jahrhundert« ausmachte. Hobsbawm erhob nicht den Anspruch, zu wissen, was die Zukunft bereithielt oder ob das 21. Jahrhundert lang oder kurz sein werde. Nur eines stand für ihn fest: Niemals werde es wieder eine sozialistische Revolution geben, die mit 1917 vergleichbar sei.

5. Seit Fukuyama das »Ende der Geschichte« verkündete, sind nun 25 Jahre vergangen. Nach ihrer vermeintlichen Erlösung von der Gefahr der sozialistischen Revolution hatte die herrschende Klasse Gelegenheit, zu zeigen, was der Kapitalismus leisten kann, wenn er die Welt nach Belieben ausplündern darf. Was ist das Ergebnis seiner Exzesse? Eine knappe Aufzählung lautet: die obszöne Bereicherung eines winzigen Bruchteils der Weltbevölkerung, eine ungeheure soziale Ungleichheit und Massenarmut, unaufhörliche Angriffskriege mit Millionen Toten, ständige Staatsaufrüstung und Abbau demokratischer Herrschaftsformen, Institutionalisierung von Mord und Folter als wesentliche Instrumente imperialistischer Außenpolitik und kultureller Niedergang allenthalben.

6. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion lässt sich nicht mehr leugnen, dass die gesamte Welt in eine tiefe wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Krise eingetreten ist. Alle ungelösten Widersprüche des letzten Jahrhunderts brechen mit explosiver Gewalt wieder an die Oberfläche der Weltpolitik. Die Ereignisse von 1917 gewinnen eine neue, starke zeitgenössische Bedeutung. In zahlreichen Publikationen weisen bürgerliche Kommentatoren ängstlich auf Parallelen zwischen der Weltlage 1917 und 2017 hin.

»Bolshiness is back«, warnt Adrian Wooldridge im Ausblick des »Economist« auf das kommende Jahr. »Die Ähnlichkeiten mit der Welt, welche die Russische Revolution hervorbrachte, sind zu deutlich, um sich sicher zu fühlen.« Er schreibt: »Die einhundertjährigen Jubiläen unserer Zeit sind wenig erfreulich. Erst 2014 dasjenige des Ersten Weltkriegs, der die freiheitliche Ordnung zerstörte. Dann 2016 dasjenige der Schlacht an der Somme, einer der blutigsten Kämpfe der Militärgeschichte. Und 2017 sind es einhundert Jahre seit der Machteroberung Lenins in Russland.«[3]

Ausgerechnet Fukuyama bezeichnet die Vereinigten Staaten, die er einst als Krone der bürgerlichen Demokratie vergötterte, heute als »gescheiterten Staat«. »Das politische System Amerikas funktioniert nicht mehr«, schreibt er.[4] Es sei »in den letzten Jahrzehnten zerfallen, da gut organisierte Eliten ihre Interessen durch Vetokratie gesichert haben«. Abschließend warnt Fukuyama: »Es ist nicht auszuschließen, dass wir gerade einen politischen Umbruch erleben, der am Ende mit dem Zusammenbruch des Kommunismus vor einer Generation vergleichbar sein wird.«[5]

7. Für den Weltkapitalismus war 2016 ein Jahr der Hölle. Alle Strukturen der Weltpolitik, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und im Anschluss daran geschaffen wurden, befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls. Die Weltpolitik wird vom Widerspruch zwischen der unaufhaltsamen wirtschaftlichen Globalisierung und den Grenzen des Nationalstaats getrieben. Der Zusammenbruch der Europäischen Union beschleunigte sich 2016, was in der Brexit-Abstimmung und im Wachstum nationalistischer Parteien der extremen Rechten besonders deutlich wurde.

Hinzu kam im vergangenen Jahr die unaufhörliche Verschärfung der militärischen Spannungen. Dies ging so weit, dass in zahllosen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen offen über die Möglichkeit – und sogar die Wahrscheinlichkeit – eines Dritten Weltkriegs gesprochen wurde. Die unzähligen regionalen Krisenherde rund um die Welt steuern auf eine zunehmend direkte und offene Konfrontation der großen Atommächte zu. Man kann nicht vorhersagen, wer gegen wen antreten wird. Werden die USA erst gegen China vorgehen, oder müssen sie diesen Konflikt aufschieben, bis sie mit ­Russland abgerechnet haben? Diese Frage ist aktuell Gegenstand einer hitzigen strategischen Debatte und eines Konflikts innerhalb der Spitzen des amerikanischen Staats. Selbst unter den engsten Verbündeten der Nachkriegszeit brechen unter dem Druck geopolitischer und wirtschaftlicher Konkurrenz Interessengegensätze auf. Deutschland versucht, seine ­wirtschaftliche Stärke in militärische Macht umzumünzen und die letzten Reste des »Pazifismus« abzuschütteln, den es nach der Zeit des Nationalsozialismus zur Schau getragen hatte.

8. Ihren schärfsten Ausdruck findet die Krise des globalen Kapitalismus in seinem Zentrum, den Vereinigten Staaten von Amerika. Mehr als jedes andere Land hatten die USA erwartet, von der Auflösung der UdSSR zu profitieren. Präsident Bush der Erste hatte sofort den Anbruch einer »neuen Weltordnung« verkündet, in der den USA die Rolle des unanfechtbaren Hegemonen zufalle. Mit ihrer einmaligen Militärmacht würden die USA den »unipolaren Moment« ausnutzen, um die Welt in ihrem Interesse neu zu ordnen. Mit einem neuen »amerikanischen Jahrhundert« gaben sich diese Leute nicht zufrieden, sie träumten gleich von mehreren Jahrhunderten! Ein führender Stratege der Außenpolitik, Robert Kaplan, fasste dies in die Worte:

Je erfolgreicher unsere Außenpolitik, desto mehr wird Amerika in der Welt bewirken können. Und desto größer ist demnach die Wahrscheinlichkeit, dass künftige Historiker im Rückblick auf das 21. Jahrhundert die USA nicht nur als Republik, sondern auch als Weltreich betrachten, wenn es sich auch von Rom und anderen Weltreichen der Geschichte unterscheidet. In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten, wenn die USA dereinst nicht nur auf 43, sondern auf 100 oder sogar 150 Präsidenten zurückblicken, die wie die Herrscher früherer Weltreiche – des römischen, des byzantinischen und des osmanischen – in einer langen Reihe vor uns stehen, dann wird der Vergleich mit der Antike womöglich noch näher liegen. Insbesondere Rom ist ein Vorbild als Hegemonialmacht, die in einer aus den Fugen geratenen Welt mit verschiedenen Mitteln für ein gewisses Maß an Ordnung sorgt.[6]

9. Kaplans Ode an das Weltreich, entstanden 2002, ist ein Zeugnis des wahnhaften Geisteszustands, der die amerikanische herrschende Klasse befallen hatte, als sie den »Krieg gegen den Terror« ausrief und 2003 den zweiten Einmarsch im Irak vorbereitete. Auf dem Weg Richtung Abgrund gaukelte sie sich goldene Berge vor. Der »unipolare Moment« erwies sich als äußerst kurzes historisches Zwischenspiel, und das neue »amerikanische Jahrhundert« hatte keine zehn Jahre Bestand.

Bei ihrer euphorischen Reaktion auf die Auflösung der Sowjetunion unterlief der amerikanischen herrschenden Klasse eine fatale Fehleinschätzung der historischen Lage. Die herrschenden Eliten bildeten sich ein, sie könnten nun – da die Gefahr einer sowjetischen Vergeltung gebannt war – durch den Einsatz militärischer Gewalt den Verlust der wirtschaftlichen Vormachtstellung der USA rückgängig machen, der sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatte. Diese Fehlkalkulation bildete die Grundlage für eine massive Eskalation ihrer Militär­operationen rund um die Welt, die zu einer Katastrophe nach der anderen geführt haben. Fünfzehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat der »Krieg gegen den Terror« im Nahen Osten ein Chaos hinterlassen, das im kläglichen Scheitern des von den USA betriebenen Regimewechsels in Syrien gipfelte.

10. Zu den militärischen Katastrophen des letzten Vierteljahrhunderts gesellt sich die geschwächte Stellung der USA in der Weltwirtschaft, die sich in einer Verschlechterung des Lebensstandards breiter Bevölkerungsmassen niederschlägt. Laut einem aktuellen Bericht der Ökonomen Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman ist der Anteil des Brutto-Nationaleinkommens, das auf die untere Bevölkerungshälfte entfällt, in den USA von 20 Prozent im Jahr 1980 auf heute 12 Prozent gesunken, während – genau umgekehrt – der Anteil des oberen 1 Prozent von 12 auf 20 Prozent gestiegen ist. Seit vier Jahrzehnten stagnieren die Realeinkommen der unteren Hälfte, während die Einkommen des oberen 1 Prozent um 205 Prozent und diejenigen des oberen 0,001 Prozent um sage und schreibe 636 Prozent gestiegen sind.

Die jüngere Generation der Amerikaner erstickt in Schulden und verdient nicht genug, um eine Familie zu gründen oder aus dem Elternhaus auszuziehen. Während 1970 noch 92 Prozent der Dreißigjährigen mehr verdienten als ihre Eltern in einem vergleichbaren Alter, waren es 2014 nur noch 51 Prozent. Millionen Amerikanern fehlt es an einer angemessenen Gesundheitsversorgung. 2015 ist zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren die Lebenserwartung insgesamt gesunken, was auf einen erschreckenden Anstieg der Todesfälle infolge von Selbstmord, Drogenmissbrauch und anderen Auswirkungen der sozialen Krise zurückzuführen ist.

11. Je mehr die soziale Ungleichheit in Amerika zunimmt, desto schwieriger wird es für seine Ideologen, den Anschein von Demokratie aufrechtzuerhalten. Eine der wesentlichen Funktionen der Identitätspolitik – die auf Hautfarbe, ethnische Herkunft, Geschlecht und Sexualität abstellt – besteht darin, von den tiefen Klassenspaltungen innerhalb der USA abzulenken. Doch mit der Wahl Donald Trumps kam die Realität in ihrer nackten Abscheulichkeit zum Vorschein: die Herrschaft einer Oligarchie. Trump ist beileibe nicht als eine Art Bestie in eine Gesellschaft eingedrungen, die bis zum Wahltag zwar mit Fehlern behaftet, aber im Grunde anständig war. Trump – eine Kreuzung aus allen kriminellen und verkommenen Machenschaften der Immobilien-, Finanz-, Glücksspiel- und Unterhaltungsbranche – ist das wahre Gesicht der amerikanischen herrschenden Klasse.

12. Die bevorstehende Regierung Trump ist ihren Zielen und ihrer Zusammensetzung nach als Aufstand der Oligarchie zu werten. Nicht selten stemmt sich eine zum Untergang verurteilte Gesellschaftsklasse dem Gang der Geschichte entgegen, indem sie versucht, sich die Macht und die Privilegien zurückzuholen, die ihr vermeintlich seit Langem streitig gemacht wurden. Sie möchte den Zustand wiederherstellen, der (und sei es nur in ihrer Einbildung) herrschte, bevor gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen an den Grundlagen ihrer Herrschaft zu nagen begannen. Charles I. hatte die Einberufung des Parlaments in England elf Jahre lang verhindert, bevor 1640 die Revolution ausbrach. Mit der Einberufung der Generalstände 1789, die sich als Auftakt zur Französischen Revolution erwies, hatte der Adel die Privilegien wieder festigen wollen, die seit 1613 untergraben worden waren. Dem Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten ging der Versuch der Herrschenden in den Südstaaten voraus, die Sklaverei auf das gesamte Land auszudehnen. Der Beschuss von Fort Sumter im April 1861 war im Grunde der Beginn eines Aufstands der Sklavenhalter.

Trumps Versprechen, Amerika wieder zu alter Größe zu verhelfen, bedeutet in der Praxis die Abschaffung der letzten Reste aller fortschrittlichen Sozialreformen, die in Jahrzehnten durch Massenkämpfe errungen wurden und die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse erträglich machten. In Trumps Vorstellungswelt bedeutet »Amerikas Größe« die Rückkehr in die 1890er Jahre, als der Oberste Gerichtshof die Einkommenssteuer für kommunistisch und verfassungswidrig erklärte. Die Einführung der Einkommenssteuer 1913 und die gesamte folgende Sozialgesetzgebung, mit der die Ausbeutung der Arbeiter, der breiteren Öffentlichkeit und der Umwelt begrenzt wurde, sind in Trumps Augen ein Angriff auf das Recht der Reichen, nach Belieben Geld zu scheffeln. Mit der Finanzierung des staatlichen Bildungswesens und der Einführung von Mindestlohn, Sozialversicherung, Medicare, Medicaid und anderen Sozialprogrammen wurden gewisse Mittel von den Reichen abgezweigt. Trump, der ein Kabinett aus Milliardären und Multimillionären zusammenstellt, sieht sich als Chef einer Regierung von den Reichen, durch die Reichen und für die Reichen.

Neben seinen reichen Kumpanen hat Trump eine Kabale ehemaliger Generäle und offener Faschisten in sein Kabinett und zu seinen wichtigsten Beratern berufen. Sie sollen eine Außenpolitik betreiben, mit der die globalen Interessen des US-Imperialismus ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt werden. Das ist die wahre Bedeutung der Parole »America First«. Gerade aufgrund des Verlusts ihrer wirtschaftlichen Dominanz nimmt die imperialistische Agenda der USA einen außer­ordentlich brutalen Charakter an. Die Demokratische Partei – diese korrupte Allianz von Wall Street und staatlichen Geheimdiensten – hat sich auf Trumps angebliche »Nachgiebigkeit« gegenüber Russland eingeschossen. Zu dieser Sorge besteht kein Anlass. Die Trump-Regierung wird den Konflikt mit allen Ländern fortführen und eskalieren, deren geopolitische und/oder wirtschaftliche Interessen denjenigen der USA entgegenstehen.

13. Sowohl auf internationaler Ebene als auch im eigenen Land steht Trumps Politik für einen heftigen Rechtsruck der kapitalistischen herrschenden Eliten. Parallel zu seinem Aufstieg wächst der politische Einfluss des Front National in Frankreich, der AfD in Deutschland, der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien und der UK Independence Party, die sich für den Brexit stark machte. In Deutschland nutzt die herrschende Klasse den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin aus, um die von der AfD angeführte Hetze gegen Flüchtlinge zu verschärfen. Der politische und wirtschaftliche Kern dieses Prozesses liegt im Charakter des Imperialismus, wie ihn Lenin erklärte:

Dass der Imperialismus parasitärer oder faulender Kapitalismus ist, zeigt sich vor allem in der Tendenz zur Fäulnis, die jedes Monopol auszeichnet, wenn Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht. Der Unterschied zwischen der republikanisch-demokratischen und der monarchistisch-­reaktionären imperialistischen Bourgeoisie verwischt sich gerade deshalb, weil die eine wie die andere bei lebendigem Leibe verfault …[7]

Alle großen imperialistischen Mächte bereiten sich auf Krieg vor. Ihre Staaten vertreten riesige Konzerne und Banken im Kampf um Ressourcen, Handelsrouten und Märkte. Gleichzeitig wird durch das Schüren von Nationalismus die gewaltsame Niederschlagung von Klassenkämpfen in jedem Land vorbereitet.

14. Dieselbe kapitalistische Krise, die den imperialistischen Krieg hervorbringt, führt auch zur politischen Radikalisierung der Arbeiterklasse und zur Entwicklung der sozialistischen Revolution. Trump wird ein Land regieren, das von tiefen und unlösbaren Klassengegensätzen zerrissen wird. Ähnliche Zustände herrschen auf der ganzen Welt. Eine aktuelle Studie stellt fest, dass ein Viertel der Bevölkerung Europas, 118 Millionen Menschen, von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen ist. Die Armutsquote liegt in Spanien bei 28,6 Prozent und in Griechenland bei 35,7 Prozent. Diese Länder sind Opfer brutaler Kürzungsmaßnahmen, die von der Europäischen Union und den Banken diktiert werden. Die Zahl der arbeitslosen jungen Menschen ist 2016 zum ersten Mal seit 2013 wieder gestiegen, und zwar auf 71 Millionen. In Venezuela kam es aufgrund von Massenarmut und Hyperinflation zu Hungeraufständen. In China schlägt sich die wachsende Militanz der Arbeiterklasse in einer starken Zunahme von Streiks und anderen Protestformen nieder. In Russland weicht der Schock der kapitalistischen Restauration und die dadurch bedingte Demoralisierung der Arbeiterklasse einer neuen Bereitschaft zu sozialen Kämpfen. Die extreme soziale Ungleichheit und die Kleptokratie des kapitalistischen Regimes unter Putin stoßen auf wachsenden Widerstand.

15. Bislang hat die politische Rechte mithilfe chauvinistischer Demagogie die soziale Unzufriedenheit ausgenutzt, die in der Arbeiterklasse und breiten Schichten der Mittelklasse herrscht. Doch die anfänglichen Erfolge dieser reaktionären Parteien waren nur möglich aufgrund des politischen Zynismus, Betrugs und Bankrotts der Organisationen der vorgeblichen »Linken«: der Sozialdemokraten, Stalinisten, Gewerkschaftsbürokraten und einer ganzen Batterie kleinbürgerlicher antimarxistischer Parteien wie die Grünen, die Linke in Deutschland, Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien. Hinzu kommen zahlreiche Organisationen, die sich auf den Staatskapitalismus oder Pablismus stützen, beispielsweise die International Socialist Organization (ISO) in den USA und die Nouveau Parti anti­capitaliste (NPA) in Frankreich. Diese reaktionären Organisationen der Mittelklasse richten ihre gesamte politische Energie darauf, den Marxismus zu fälschen, um die Arbeiterklasse in die Irre zu leiten und am Kampf gegen den Kapitalismus zu hindern.

16. Doch der Druck der Ereignisse treibt die Arbeiterklasse nach links. Unter den Milliarden Arbeitern und Jugendlichen auf der ganzen Welt breiten sich Wut und Kampfbereitschaft aus. Es gibt sowohl Anzeichen für eine Wiederkehr des Klassenkampfs wie für ein neu erwachendes Interesse am Sozialismus und Marxismus. In den USA stimmten bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei 13 Millionen Menschen für den angeblichen Sozialisten Bernie Sanders – nicht wegen seiner opportunistischen Politik, sondern weil er die »Milliardärsklasse« verurteilte und zu einer »politischen Revolution« aufrief. Diese Entwicklung ist Teil eines internationalen Prozesses, der durch das Wesen des globalen Kapitalismus selbst bestimmt wird. Je mehr der Klassenkampf an Stärke und politischer Bewusstheit gewinnt, desto mehr wird er die Grenzen von Nationalstaaten überschreiten. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale stellte bereits 1988 fest: »Es ist schon immer eine Grundaussage des Marxismus gewesen, dass der Klassenkampf nur der Form nach national, seinem Wesen nach aber international ist. Unter den gegebenen neuen Merkmalen der kapitalistischen Entwicklung muss jedoch auch die Form des Klassenkampfs einen internationalen Charakter annehmen.«[8]

17. Vertrauen in das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse ist jedoch kein Grund für politische Selbstgefälligkeit. Es wäre unverantwortlich, darüber hinwegzusehen, dass der politische Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse bei Weitem nicht dem fortgeschrittenen Stadium der internationalen Krise des Kapitalismus entspricht. Hierin liegt unbestreitbar eine große Gefahr. Ohne sozialistische Revolution steht das Überleben der Menschheit in Frage. Die grundlegende politische Aufgabe unserer Epoche besteht darin, die Kluft zwischen der objektiven sozioökonomischen Wirklichkeit und dem subjektiven politischen Bewusstsein zu schließen. Kann dies gelingen?

18. Diese Frage lässt sich nur auf der Grundlage der geschichtlichen Erfahrung beantworten. Aus den großen Unruhen des 20. Jahrhunderts sticht ein Beispiel hervor, in dem sich die Arbeiterklasse den Aufgaben gewachsen zeigte, die ihr von der Geschichte gestellt wurden: die Oktoberrevolution von 1917. Um die großen Probleme unserer Epoche anzugehen, müssen wir dieses historische Ereignis studieren und uns die Lehren daraus aneignen.

In diesem Jubiläumsjahr der Russischen Revolution kommt es auf einer ganz grundlegenden Ebene zu einer Überschneidung und Wechselwirkung von zeitgenössischer Politik und historischer Erfahrung. Die Revolution von 1917 ging aus der imperialistischen Katastrophe des Ersten Weltkriegs hervor. Die politische Dynamik, die nach dem Sturz des Zarismus einsetzte, machte die Partei der Bolschewiki zur einflussreichsten Kraft in der Arbeiterklasse. Doch die Rolle der Bolschewiki 1917 war das Ergebnis eines langen und schwierigen Kampfs für die Entwicklung sozialistischen Bewusstseins in der Arbeiterklasse und für die Ausarbeitung einer richtigen politischen Perspektive.

19. Die wesentlichen Aspekte dieses Kampfs waren: 1) die Verteidigung und Weiterentwicklung des dialektischen und historischen Materialismus im Gegensatz zum philosophischen Idealismus und antimarxistischen Revisionismus als theoretische Grundlage der politischen Aufklärung und der revolutionären Praxis der Arbeiterklasse; 2) der unnachgiebige Kampf gegen zahlreiche Formen des Opportunismus und Zentrismus, die den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse behinderten oder untergruben und 3) die sich über Jahre erstreckende Ausarbeitung der strategischen Perspektive, von der sich die Partei der Bolschewiki beim Kampf um die Macht 1917 leiten ließ. Der entscheidende Fortschritt, der die Strategie der Bolschewiki in den Monaten vor dem Sturz der provisorischen Regierung voranbrachte, bestand im Hinblick auf den letztgenannten Punkt darin, dass Lenin die Theorie der permanenten Revolution übernahm, die Trotzki im vorangegangenen Jahrzehnt ausgearbeitet hatte.

20. Mit dem Sieg der sozialistischen Revolution im Oktober 1917 wurde der Beweis erbracht, dass die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse vom Aufbau einer marxistischen Partei in dieser Klasse abhängt. Wie groß und stark eine Massenbewegung der Arbeiterklasse auch sein mag, ihr Sieg über den Kapitalismus setzt die bewusste politische Führung einer marxistisch-trotzkistischen Partei voraus. Es gibt keinen anderen Weg zum Sieg der sozialistischen Revolution.

Von der Einsicht in diese unabdingbare politische Aufgabe wird sich das Internationale Komitee der Vierten Internationale im Jubiläumsjahr leiten lassen. Da das Interesse an marxistischer Theorie und Politik mit der Entwicklung des internationalen Klassenkampfs zunimmt, wird das Internationale Komitee alles in seiner Macht Stehende tun, um Wissen über die Russische Revolution zu verbreiten und neue Schichten der Arbeiterklasse, die durch die Krise politisch erwachen und radikalisiert werden, in den »Lehren des Oktobers« auszubilden.

Zum Auftakt des Jahres 2017 rufen wir die vielen Tausend Leser der »World Socialist Web Site« auf, sich dem revolutionären Kampf aktiv anzuschließen, der Vierten Internationale beizutreten und sie als Weltpartei der sozialistischen Revolution aufzubauen. Das ist die beste und wirkungsvollste Art, das 100. Jubiläum der Russischen Revolution und den Sieg im Oktober 1917 zu feiern.

[1] Veröffentlicht auf der World Socialist Web Site am 3. Januar 2017.

[2] Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 2016, S. 264 f.

[3] http://www.theworldin.com/edition/2017/article/12579/bolshiness-back, aufgerufen am 17.8.2017 (aus dem Englischen).

[4] Francis Fukuyama, »A few steps to overcome America’s ›vetocracy‹«, in: San Francisco Chronicle, 14.9.2016 (aus dem Englischen).

[5] Francis Fukuyama, »America the failed state«, auf: http://www.prospectmagazine.co.uk/magazine/America-the-failed-state-Donald-trump, aufgerufen am 17.8.2017 (aus dem Englischen).

[6] Robert Kaplan, Warrior Politics: Why Leadership Demands a Pagan Ethos, New York 2002, S. 153 (aus dem Englischen).

[7] Wladimir I. Lenin, »Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus«, in: Werke, Bd. 23, Berlin 1957, S. 103.

[8] Die kapitalistische Weltkrise und die Aufgaben der Vierten Internationale, Essen 1988, S. 7.

Warum die Russische Revolution studieren[1]

Versammlung streikender Arbeiter in den Petrograder Putilow-Werken während der Februarrevolution 1917

David North

Dies ist der erste von fünf Vorträgen, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale aus Anlass des einhundertsten Jahrestags der Russischen Revolution von 1917 präsentiert. Sein Titel lautet: »Warum die Russische Revolution studieren.« Auch wenn es auf Kosten der Spannung geht, möchte ich diese Frage nicht zum Schluss, sondern gleich zu Beginn meines Vortrags beantworten.

Ich nenne deshalb einleitend zehn Gründe, die Russische Revolution zu studieren:

Grund 1: Die Russische Revolution war das wichtigste, folgenreichste und progressivste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Ungeachtet des tragischen Schicksals der Sowjetunion, die durch die Verrätereien und Verbrechen der stalinistischen Bürokratie zerstört wurde, hatte kein anderes Ereignis des letzten Jahrhunderts ähnlich weitreichende Auswirkungen auf das Leben Hunderter Millionen Menschen in aller Welt.

Grund 2: Die Russische Revolution, die in der Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewistische Partei im Oktober 1917 gipfelte, markierte ein neues Stadium der Weltgeschichte. Mit dem Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung wurde der Beweis erbracht, dass eine Alternative zum Kapitalismus kein utopischer Traum ist, sondern eine reale Möglichkeit, die durch den bewussten politischen Kampf der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann.

Grund 3: Die Oktoberrevolution war der praktische Beweis für die materialistische Geschichtsauffassung, die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. Die Errichtung der Sowjetmacht unter der Führung der Bolschewistischen Partei bestätigte ein wesentliches Element der Geschichtstheorie von Marx: »dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt«.[2]

Grund 4: Die objektive Entwicklung der Russischen Revolution bestätigte die strategische Perspektive, die zwischen 1906 und 1907 von Leo Trotzki entwickelt und als Theorie der permanenten Revolution bekannt wurde. Trotzki sah voraus, dass die demokratische Revolution in Russland – der Sturz der zaristischen Autokratie, die Zerstörung aller halbfeudalen Überbleibsel in den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen und die Abschaffung nationaler Unterdrückung – nur durch die Machteroberung der Arbeiterklasse verwirklicht werden konnte. Die demokratische Revolution, in welcher der Arbeiterklasse in Opposition zur Kapitalistenklasse die führende Rolle zukam, werde rasch in eine sozialistische Revolution übergehen.

Grund 5: Die Machteroberung der Bolschewistischen Partei im Oktober 1917 und die erstmalige Errichtung eines Arbeiterstaats beflügelten das Klassenbewusstsein und das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen auf der ganzen Welt. Die Russische Revolution war der Anfang vom Ende des alten Systems der Kolonialherrschaft, das der Imperialismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geschaffen hatte. Sie radikalisierte die internationale Arbeiterklasse und setzte eine weltweite revolutionäre Bewegung der unterdrückten Massen in Gang. Die ­bedeutenden sozialen Errungenschaften der internationalen Arbeiterklasse – einschließlich der Gründung von Industriegewerkschaften in den USA in den 1930er Jahren, der Nieder­lage Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg, der Sozialstaatspolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und der schrittweisen Entkolonialisierung – waren Folgen der Russischen Revolution.

Grund 6: Im Kampf gegen den imperialistischen Krieg erbrachte die Bolschewistische Partei in Theorie und Praxis den Beweis, dass der sozialistische Internationalismus die wesentliche Grundlage für die revolutionäre Strategie und den praktischen Kampf um die Macht darstellt. Da die Russische Revolution ein Ergebnis der globalen Widersprüche des Kapitalismus war, hing ihr Schicksal von der Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution ab. Wie Trotzki erklärte:

Der Abschluss einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache für die Krisis der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperia­listischen Kriege, andererseits die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische ­Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: Sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Sieg der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten.[3]

Es fällt schwer zu glauben, dass diese Sätze vor 88 Jahren geschrieben wurden. Vor dem Hintergrund der zunehmenden geopolitischen Spannungen weltweit und dem Chaos, in dem die Europäische Union versinkt, könnte man meinen, Trotzkis Bemerkungen über »imperialistische Kriege« und »die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa« seien in der heutigen Online-Ausgabe von »Le Monde« oder der »Financial Times« erschienen. Die bleibende Bedeutung und Aktualität von Trotzkis Feststellungen zeigt, dass die historischen Probleme, mit denen er sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte, einhundert Jahre später noch immer nicht gelöst sind.

Grund 7: Die Russische Revolution verdient ein gründliches Studium als entscheidendes Stadium in der Entwicklung der wissenschaftlichen Gesellschaftstheorie. Mit der historischen Leistung der Bolschewiki von 1917 wurde der innere Zusammenhang zwischen der Philosophie des wissenschaftlichen Materialismus und der revolutionären Praxis bewiesen und auf eine neue Stufe gehoben.

Die Entwicklung der Bolschewistischen Partei bewies die Aussage, die Lenin in »Was tun?« getroffen hatte: »Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.«[4] Wie Lenin unablässig betonte, ist der Marxismus die höchste Form des philosophischen Materialismus, der die Errungenschaften des klassischen deutschen Idealismus, insbesondere Hegels, kritisch überarbeitete und aufhob (nämlich die dialektische Logik und die Erkenntnis, dass die historisch entwickelte gesellschaftliche Praxis einen aktiven Beitrag zur Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit leistet).

Lenins unnachgiebige Verteidigung des philosophischen Materialismus und der materialistischen Geschichtsauffassung ist in seinen nahezu dreißig Jahre (1895 bis 1922) umspannenden veröffentlichten Schriften dokumentiert. Sie ist Ausdruck seiner tiefen theoretischen Überzeugung, dass es die höchste Aufgabe der Menschheit sei, die »objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen, um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen«.[5] Die Machteroberung der Arbeiterklasse im Oktober 1917 war der bislang unübertroffene Höhepunkt des Strebens der Menschheit, ihr Bewusstsein, ausgedrückt im politischen Handeln der Arbeiterklasse, der »objektiven Logik der wirtschaftlichen Evolution« anzupassen.

Grund 8: Die Entwicklung des Bolschewismus als politische Tendenz und seine herausragende Rolle in den stürmischen Ereignissen des Jahres 1917 bestätigten die grundlegende Bedeutung des Kampfs der Marxisten gegen den Opportunismus und seinen politischen Zwilling, den Zentrismus. Lenins Kampf gegen den politischen Opportunismus der Menschewiki in Russland und gegen den Verrat, den die Zweite Internationale beim Ausbruch des imperialistischen Kriegs 1914 am sozialistischen Internationalismus begangen hatte, war bestimmend für die politische Identität der Partei, die 1917 den Kampf um die Macht führte.

Gestützt auf die materialistische Geschichtsauffassung deckte Lenin die gesellschaftlichen und politischen Interessen auf, die im Kampf unterschiedlicher politischer Strömungen zum Ausdruck kamen. Auf dieser Grundlage erkannte er, dass der Opportunismus – insbesondere der Zweiten Internationale – die materiellen Interessen einer privilegierten Arbeiterschicht und bestimmter Teile der Mittelklasse zum Ausdruck brachte, die mit dem Imperialismus im Bunde standen.

Grund 9: Die Bolschewiki haben der Arbeiterklasse vor Augen geführt, was eine wirklich revolutionäre Partei ausmacht und weshalb sie für den Sieg der sozialistischen Revolution eine unverzichtbare Rolle spielt. Ein sorgfältiges Studium des Verlaufs der Revolution 1917 beweist ohne jeden Zweifel, dass das Bestehen der Bolschewistischen Partei, mit Lenin und Trotzki an der Spitze, den Ausschlag für den Sieg der sozialistischen Revolution gab. Die Bewegung der russischen Arbeiterklasse, die von einem revolutionären Aufstand der Bauernschaft unterstützt wurde, nahm 1917 gigantische Dimensionen an. Und doch erweist es sich bei realistischer Betrachtung der Ereignisse jenes Jahres als ausgeschlossen, dass es der Arbeiterklasse ohne die Führung der Bolschewistischen Partei möglich gewesen wäre, die Macht zu erobern. Als wesentliche Bilanz aus dieser Erfahrung erklärte Trotzki später: »Die Rolle und die Verantwortung der Führung in einer revolutionären Epoche ist enorm.«[6] Diese Schlussfolgerung ist in der heutigen historischen Situation ebenso gültig wie 1917.

Grund 10: Der Verlauf der Ereignisse von Februar/März bis Oktober/November 1917 ist nicht nur von historischem Interesse. Die Erfahrung dieser entscheidenden Monate birgt außerordentlich wertvolle und bleibende Erkenntnisse über strategische und taktische Probleme, die sich der Arbeiterklasse bei einem abermaligen, unvermeidbaren Aufschwung revolutionärer Kämpfe stellen werden. Wie Trotzki 1924 schrieb: »Zum Studium der Gesetze und Methoden der proletarischen Revolution gibt es bis heute keine wichtigere und tiefere Quelle als unser Oktober-Experiment.«[7]

Die Verbrechen des Stalinismus – einer antimarxistischen, nationalistischen bürokratischen Reaktion gegen Programm und Prinzipien des Bolschewismus – entwerten nicht die Oktoberrevolution und ihre echten Errungenschaften, einschließlich der Erfolge des Sowjetstaats in den 74 Jahren seines Bestehens. In der heutigen, neuen Periode einer globalen Krise des kapitalistischen Systems ist ein abermaliges Studium der Russischen Revolution und ihrer Lehren eine unabdingbare Voraussetzung dafür, einen Ausweg aus der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sackgasse unserer Zeit zu finden.

Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs

Dies ist der erste von fünf Vorträgen. Ich gehe davon aus, dass die weiteren Vorträge in den nächsten zwei Monaten die Gründe, die ich für ein sorgfältiges Studium der Russischen Revolution genannt habe, weiter ausführen und bestätigen werden.

Diese Woche vor genau einhundert Jahren, am 8. März 1917, wurden in Petrograd, der Hauptstadt des russischen Reichs, aus Anlass des internationalen Frauentags Versammlungen und Demonstrationen abgehalten. Da in Russland noch der Julianische Kalender in Kraft war, der 13 Tage hinter dem in fast allen anderen Ländern verwendeten Gregorianischen Kalender zurückblieb, war das Datum aus damaliger Sicht der 23. Februar 1917. (In diesem Vortrag werde ich mich, wenn von Ereignissen innerhalb Russlands die Rede ist, nach dem damals dort verwendeten Kalender richten.)

Als die Proteste begannen, dauerte der Krieg zwischen den europäischen Großmächten – Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen und Frankreich, Großbritannien und Russland auf der anderen Seite – bereits zwei Jahre und sieben Monate.

Von August 1914 bis Anfang März 1917 hatten die Regierungen aller kriegführenden Länder, ob sie nun von Parlamenten oder Monarchien regiert wurden, mit kaltblütiger Grausamkeit Menschenleben vergeudet. Das gesamte Jahr 1916 hindurch wurden die Schlachtfelder Europas mit Blut getränkt. In der Schlacht von Verdun, die 303 Tage dauerte (vom 21. Februar bis zum 18. Dezember 1916), wurden rund 715.000 französische und deutsche Soldaten verwundet oder getötet. Das waren 70.000 Opfer jeden Monat. Insgesamt starben bei Verdun 300.000 Soldaten.

Zur gleichen Zeit fand in Frankreich an der Somme eine weitere furchtbare Schlacht statt. An ihrem ersten Tag, dem 1. Juli 1916, verlor die britische Armee mehr als 57.000 Soldaten. Zum Ende der Schlächterei am 18. November 1916 waren mehr als eine Million britische, französische und deutsche Soldaten gefallen oder verwundet.

An der Ostfront standen sich russische Verbände auf der einen und deutsche und österreichische Truppen auf der anderen Seite gegenüber. Im Juni 1916 eröffnete das Zarenregime eine Offensive, die von General Brussilow befehligt wurde. Als sie im September vorbei war, hatte die russische Armee 500.000 bis eine Million Gefallene zu verzeichnen. Unzählige Historiker haben in den letzten einhundert Jahren die Gewalttätigkeit der Russischen Revolution und die angebliche Unmenschlichkeit der Bolschewiki angeprangert. Diese Moralisten sehen in ihrem Elfenbeinturm geflissentlich darüber hinweg, dass, noch bevor die Revolution ein einziges Opfer gefordert hatte, nahezu zwei Millionen russische Soldaten in dem Krieg gestorben waren, den die zaristische Selbstherrschaft mit glühender Unterstützung der russischen Bourgeoisie vom Zaun gebrochen hatte.

Niemand konnte vorhersehen, dass sich die Proteste, die für den 23. Februar geplant waren, als Auftakt zur Revolution erweisen würden. Aber dass der Krieg zur Revolution führen würde, war durchaus vorausgesagt worden. Schon 1915 hatte Trotzki in »Der Krieg und die Internationale« geschrieben: »Das Proletariat, das durch die Schule des Krieges gegangen ist, wird beim ersten ernsten Hindernis innerhalb des eigenen Landes das Bedürfnis empfinden, die Sprache der Gewalt zu brauchen.«[8] Lenin war bei der Antikriegspolitik der Bolschewiki davon ausgegangen, dass die Widersprüche des imperialistischen Weltsystems, die den Krieg hervorgerufen hatten, auch zur sozialistischen Revolution führen würden.

In einem Vortrag, den er am 22. Januar 1917 in Zürich hielt – zum 12. Jahrestag des Blutsonntags in St. Petersburg, an dem sich die Revolution von 1905 entzündet hatte – ermahnte Lenin seine kleine Zuhörerschaft:

Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Gräuel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen überall revolutionäre Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie überhaupt ohne größte Erschütterungen keinen Ausweg finden können.[9]

Und doch, wie so häufig zu Beginn großer historischer Ereignisse, sahen die namenlosen Teilnehmer, die am 23. Februar zu Demonstrationen zusammenkamen, die Folgen ihres Handelns nicht voraus. Wie sollten sie auch auf die Idee kommen, dass sie an jenem Donnerstagmorgen der Menschheitsgeschichte eine neue Wendung geben würden?

In diesem Stadium des Kriegs hatte sich die gesellschaftliche Krise in Russland derart zugespitzt, dass Arbeiterstreiks und andere Proteste nichts Ungewöhnliches waren. Erst am 9. Januar war Petrograd von einem gewaltigen Streik erschüttert worden, an dem sich 140.000 Arbeiter aus mehr als 100 Fabriken beteiligten. Am 14. Februar gab es einen weiteren großen Streik von 84.000 Arbeitern. Aber es war immer noch nicht absehbar, dass sich die Spannungen rapide bis zum Ausbruch einer echten Revolution aufbauen würden. Nikolaj Suchanow, ein linker Menschewik und Autor hoch interessanter Memoiren über die Ereignisse von 1917, berichtet von zwei jungen Sekretärinnen, die sich in seinem Büro über die wachsenden Unruhen unterhielten. Er war verblüfft, als sich folgendes Gespräch entspann: »›Wissen Sie was‹, erklärte plötzlich eine der jungen Damen, ›ich meine, das ist doch der Beginn der Revolution!‹ …« Diese jungen Damen hatten keine Ahnung von Revolutionen, dachte Suchanow. »Revolution! – das war doch zu unwahrscheinlich. Jeder wusste, dass das fern der Wirklichkeit war, nur ein Traum. Der Traum von Generationen. Der Traum langer, schwerer Jahrzehnte … Und ohne den jungen Damen zu glauben, wiederholte ich mechanisch laut: – Ja, das ist der Beginn der Revolution.«[10]

Der Beginn der Februarrevolution

Wie sich herausstellte, hatten diese politisch ungeschulten jungen Frauen mehr Realitätssinn als der erfahrene, aber zutiefst skeptische Menschewik. Am 22. Februar sperrte die Geschäftsleitung der riesigen Putilow-Werke 30.000 Arbeiter aus. Vor dem Hintergrund brodelnder Klassenspannungen und dem grauenhaften Krieg begannen am nächsten Tag die Proteste zum internationalen Frauentag.

Sie wurden nicht im Namen der »99 Prozent« ausgerufen, wie die heutige kleinbürgerliche Pseudolinke ihre wohlsituierte Basis definiert – und damit die völlig Verarmten mit denen in einen Topf wirft, deren Vermögen in die Millionen geht.

Die Menschen, die im Februar 1917 in Petrograd auf die Straße gingen, entstammten der Arbeiterklasse der Hauptstadt und vertraten deren Interessen. Ihnen ging es in der Politik nicht um Fragen des individuellen Lifestyles, sondern um die Probleme ihrer Klasse. Sie riefen: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit den hohen Preisen! Nieder mit dem Hunger! Brot für die Arbeiter!«[11] Die Frauen marschierten vor die Fabriktore und riefen die Arbeiter auf, sie zu unterstützen. Am Abend befanden sich mehr als 100.000 Arbeiter im Ausstand.

Als sich die Proteste in den nächsten Tagen ausweiteten, zeichnete sich allmählich ab, dass die Zarenherrschaft ins Wanken geriet. Auch zunehmende Polizeigewalt hatte die Demonstrationen nicht aufhalten können. Die Arbeiterklasse spürte, dass die Soldaten, die zur Wiederherstellung der Ordnung herbeigeholt worden waren, immer mehr Sympathie für die Proteste zeigten und zögerten, den Befehlen ihrer Kommandeure zu gehorchen. Am vierten Tag hatte sich die Arbeiterklasse den Sturz des Regimes auf die Fahnen geschrieben. Die mörderische Gewalt der Polizei, die mit Maschinengewehren auf die Demonstranten schoss und Hunderte niedermähte, stieß auf unversöhnlichen Widerstand.

Das Ergebnis dieses Kampfs hing nun von den Regimentern ab, die in Petrograd stationiert waren. Trotzkis Schilderung der Verbrüderung zwischen Arbeitern und Soldaten wird von heutigen Historikern bestätigt. Professor Rex Wade schreibt über die Februarrevolution:

Die Soldaten von 1917 waren nicht dieselben, die die Revolution von 1905 niedergeschlagen hatten. Es handelte sich zumeist um neue Rekruten, die nur teilweise an militärische Disziplin gewöhnt waren. Viele stammten aus der Gegend von Petrograd … Vom 23. bis 26. Februar fanden Hunderte Gespräche zwischen diesen Soldaten und den Menschenmengen statt, in denen Erstere von Letzteren an ihre gemeinsamen Interessen erinnert wurden, an die allgemeine Ungerechtigkeit, an das Leiden der Bevölkerung (einschließlich der Familien der Soldaten) und an den gemeinsamen Wunsch nach einem Ende des Kriegs. Die Erfahrung, auf die Menge zu schießen, hatte sie schwer getroffen. In vielen Einheiten wurde hitzig über die Ereignisse diskutiert.[12]

Die Verbrüderung blieb nicht ohne Folgen für die militärische Disziplin. Um Max Eastmans brillanten Kommentar zum Dokumentarfilm »Zar zu Lenin« zu zitieren: »Und zum ersten Mal in der Geschichte ließen die Soldaten den Zaren im Stich. Anstatt die Ordnung mit Waffengewalt wiederherzustellen, schlossen sie sich dem Volk an und steigerten die Unordnung.«

»Spontaneität«, Marxismus und Klassenbewusstsein

In späteren Darstellungen der Revolution haben Memoirenschreiber, Journalisten und Historiker den Massenaufstand vom Februar in Gegensatz zum Oktoberaufstand unter der Führung der Bolschewiki gestellt. Allzu oft zielte diese Gegenüberstellung darauf ab, die Bedeutung der bewussten Führung herabzumindern und die Schlussfolgerung zu suggerieren oder zu vertreten, dass eine politisch bewusste Führung die Moral des revolutionären Handelns verdirbt. Das Vorhandensein einer Führung wird mit einer politischen Verschwörung gleichgesetzt, die den normalen und legitimen Lauf der Ereignisse stört.

Das Wort »spontan« soll den Eindruck erwecken, es sei segensreich, wenn politisches Bewusstsein fehlt und das Handeln der Massen lediglich von ihren vagen revolutionären Instinkten bestimmt wird. Historische Tatsache ist jedoch, dass die Februarrevolution 1917 durch diese Vorstellung einer unbewussten »Spontaneität« mystifiziert, verzerrt und verfälscht wird. Natürlich haben die russische Arbeiterklasse und die Masse der Soldaten, die oftmals aus der Bauernschaft stammten, die Folgen ihres Handelns nicht klar vorausgesehen und ließen sich nicht von einer ausgearbeiteten revolutionären Strategie leiten.

Und doch besaßen die arbeitenden Massen ein hinreichendes Maß an gesellschaftlichem und politischem Bewusstsein, das sich in vielen Jahrzehnten direkter und vermittelter Erfahrungen herausgebildet hatte und sie befähigte, die Ereignisse vom Februar einzuschätzen, Schlussfolgerungen aus ihnen zu ziehen und Entscheidungen zu treffen.

Ihr Denken war stark geprägt von einer Kultur, die sich unter der Last einer viehischen Unterdrückung herausgebildet hatte und ebenso viele soziale und persönliche Tragödien wie bewundernswerte Beispiele heroischer Selbstaufopferung kannte.

Als Lenin 1920 die Ursprünge des Bolschewismus rekapitulierte, verwies er auf den langen Kampf, in der Arbeiterklasse eine sozialistische politische Kultur und Bewegung zu verwurzeln, die die breite Masse der unterdrückten Bevölkerung erreichen konnte.

Im Laufe ungefähr eines halben Jahrhunderts, etwa von den vierziger und bis zu den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, suchte das fortschrittliche Denken in Russland, unter dem Joch des unerhört barbarischen und reaktionären Zarismus, begierig nach der richtigen revolutionären Theorie und verfolgte mit erstaunlichem Eifer und Bedacht jedes »letzte Wort« Europas und Amerikas auf diesem Gebiet. Den Marxismus als die einzig richtige revolutionäre Theorie hat sich Russland wahrhaft in Leiden errungen, durch ein halbes Jahrhundert unerhörter Qualen und Opfer, beispiellosen revolutionären Heldentums, unglaublicher Energie und hingebungsvollen Suchens, Lernens, praktischen Erprobens, der Enttäuschungen, des Überprüfens, des Vergleichens mit den Erfahrungen Europas. Dank dem vom Zarismus aufgezwungenen Emigrantenleben verfügte das revolutionäre Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über eine solche Fülle von internationalen Verbindungen, über eine so vortreffliche Kenntnis aller Formen und Theorien der revolutionären Bewegung der Welt wie kein anderes Land auf dem Erdball.[13]

In den 35 Jahren, die der Februarrevolution vorangingen, entwickelte sich die Arbeiterbewegung Russlands in enger und ständiger Interaktion mit den sozialistischen Organisationen. Diese Organisationen mit ihren Flugblättern, Zeitungen, Vorträgen, Schulungen, ihren legalen und illegalen Aktivitäten spielten im gesellschaftlichen, kulturellen und theoretischen Leben der Arbeiterklasse eine enorme Rolle.

Die Entwicklung der russischen Arbeiterklasse von den frühen 1880er Jahren über den Aufstand von 1905 bis hin zum Ausbruch der Februarrevolution ist undenkbar ohne diese allgegenwärtige Präsenz von Sozialismus und Marxismus. Die Pionierarbeit Plechanows, Axelrods und Potresows war nicht vergebens. Gerade die sich über viele Jahrzehnte erstreckende Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Erfahrung der Arbeiterklasse und der marxistischen Theorie, verkörpert im unnachgiebigen Bemühen der Kader der revolutionären Bewegung, schuf und nährte das hohe theoretische und politische Niveau des sogenannten »spontanen« Bewusstseins der Massen im Februar 1917.

Die direkte und entscheidende Rolle klassenbewusster Arbeiter bei der Organisation und Führung der Februarbewegung bis zum Sturz der Autokratie wurde durch sorgfältige historische Forschungen bestätigt. Trotzkis Antwort auf die Frage: »Wer leitete den Februaraufstand?« hat sich als völlig richtig erwiesen: »die aufgeklärten und gestählten Arbeiter, die hauptsächlich von der Partei Lenins erzogen worden waren.« Doch Trotzki fügte sofort hinzu: »… Diese Leitung genügte, um dem Aufstande den Sieg zu sichern, doch reichte sie nicht aus, um die Führung der Revolution von Anfang an in die Hände der proletarischen Avantgarde zu legen.«[14]

Die Entstehung der »Doppelherrschaft«

Am Nachmittag des 27. Februar, einem Montag, war die Dynastie der Romanows, die Russland seit 1613 regiert hatte, von der Massenbewegung der Arbeiter und Soldaten hinweggefegt worden. Mit der Zerstörung der alten Staatsmacht stellte sich sofort die Frage, welches politische System die Autokratie ersetzen sollte. Die Vertreter der russischen Bourgeoisie, verwirrt und verängstigt, kamen im Taurischen Palais zusammen. Sie gründeten einen vorläufigen Duma-Ausschuss, der sich kurz darauf als Provisorische Regierung konstituierte. Die Bourgeoisie, die über die Massenbewegung zu Tode erschrocken war, wollte vor allem die Revolution so schnell wie möglich unter Kontrolle bekommen, die materiellen Interessen der Reichen und der Besitzer von Privateigentum so gut es ging schützen und den imperialistischen Krieg fortsetzen.

Zur gleichen Zeit traten im selben Gebäude die gewählten Vertreter des Volkes in einem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten zusammen, um die Interessen der revolutionären Massen zu verteidigen und zu vertreten. Mit diesem Instrument der realen und potenziellen Arbeitermacht zog die russische Arbeiterklasse die Lehren aus der Revolution von 1905. Während der St. Petersburger Sowjet von 1905 – unter seinem Vorsitzenden Leo Trotzki – erst in den letzten Wochen der Arbeitermassenbewegung auf deren Höhepunkt entstand, wurde der Petrograder Sowjet schon in der ersten Woche der Revolution von 1917 gebildet.

Die Klassenspaltung der russischen Gesellschaft, die durch den Sturz der autokratischen Zarenherrschaft noch nicht überwunden war, brachte eine Doppelherrschaft hervor. Die Existenz zweier rivalisierender Regierungen, die für unversöhnliche Klasseninteressen einstanden, schuf eine instabile Situation. Trotzki fasste die Bedeutung dieses eigenartigen Phänomens in die Worte: »Die Spaltung der Macht kündet nichts anderes an als den Bürgerkrieg.«[15]

In den nächsten acht Monaten entwickelte sich die Revolution in Form eines Konflikts zwischen der bürgerlichen Provisorischen Regierung und dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Hätte der Ausgang dieses Kampfs nur von der arithmetischen Berechnung der gegnerischen Kräfte abgehangen, dann hätte es keine acht Monate gebraucht, um eine Entscheidung herbeizuführen.

Die Provisorische Regierung war von Anfang an praktisch machtlos. Ihre Autorität hing nahezu vollständig von der Unterstützung ab, die ihr die politischen Führer des Sowjets gewährten – in erster Linie Menschewiki und Sozialrevolutionäre. Sie beharrten darauf, dass es sich bei dem Umsturz in Russland um eine rein bürgerlich-demokratische Revolution handelte, dass ein sozialistischer Sturz des Kapitalismus nicht auf der Tagesordnung stand und dass daher der Sowjet – als Vertreter der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft – die Macht nicht in die eigenen Hände nehmen konnte.

In den ersten Wochen nach der siegreichen Februarrevolution gab es keine Opposition gegen diese fügsame Haltung, die das Exekutivkomitee des Sowjets einnahm. Selbst die Bolschewistische Partei beugte sich – da sich Lenin noch im Exil befand und die Führung in den Händen von Kamenew und Stalin lag – der Unterstützung der Provisorischen Regierung und damit der fortgesetzten Kriegsbeteiligung Russlands. Diese politische Anpassung wurde fortgesetzt, bis Lenin am 4. April nach Russland zurückkehrte.

Lenins Rückkehr nach Petrograd

Lenins Rückkehr nach Russland und seine Ankunft am Finnländischen Bahnhof in Petrograd gehören zu den dramatischsten Ereignissen der Weltgeschichte. Als die Revolution ausbrach, befand er sich in der Schweiz, wo er in der Ziegelgasse in der Altstadt von Zürich eine kleine Wohnung gemietet hatte. Die Umstände der Reise Lenins vom Züricher Hauptbahnhof nach Petrograd sollten im Verlauf der Revolution zu einer wichtigen Frage werden. Unter den Bedingungen des Kriegs konnte er nur nach Russland gelangen, wenn er durch Deutschland fuhr. Lenin war völlig klar, dass reaktionäre Chauvinisten ein Geschrei anstimmen würden, wenn er durch ein Land reisen würde, das sich im Krieg mit Russland befand. Doch die Zeit drängte. In seiner Abwesenheit ließ sich die Bolschewistische Partei in den Dunstkreis der menschewistischen Sowjetführer hineinziehen, die eine kompromisslerische Politik gegenüber der Provisorischen Regierung vertraten. Lenin handelte aus, dass er in einem »plombierten Zug« durch Deutschland fahren durfte, sodass jeder Kontakt zwischen ihm und Vertretern der deutschen Staatsmacht ausgeschlossen war.

Kaum hatte Lenin vom Ausbruch der Revolution in Russland erfahren, begann er mit der Ausarbeitung einer unversöhnlichen revolutionären Opposition gegen die Provisorische Regierung. Seine erste Reaktion auf die Revolution ist in einer Reihe detaillierter Stellungnahmen dokumentiert, die als »Briefe aus der Ferne« bekannt wurden.

Die Politik, die Lenin in den ersten Tagen der Revolution vertrat, basierte auf seiner Analyse des imperialistischen Kriegs und war die Fortsetzung des revolutionären Antikriegsprogramms, für das er auf der Zimmerwalder Konferenz vom September 1915 gekämpft hatte. Dort hatte er darauf beharrt, dass der imperialistische Krieg zu einer sozialistischen Revolution führen werde. Seine Parole, dass der imperialistische Krieg in einen Bürgerkrieg verwandelt werden müsse, war die programmatische Konkretisierung dieser Perspektive. Durch den Sturz der zaristischen Autokratie sah Lenin seine Analyse bestätigt. Der Aufstand in Russland war kein isoliertes nationales Ereignis, sondern das erste Stadium des Aufstands der europäischen Arbeiterklasse gegen den imperialistischen Krieg und damit der Auftakt zur sozialistischen Weltrevolution.

Mit seiner Analyse der russischen Ereignisse im internationalen Kontext des Weltkriegs stellte sich Lenin in Gegensatz nicht nur zu den menschewistischen Führern des Sowjets, sondern auch zu großen Teilen der bolschewistischen Parteiführung in Petrograd. Die Führer der Menschewiki argumentierten, dass die russische Kriegsbeteiligung durch den Sturz des Zaren einen anderen Charakter angenommen habe. Es handele sich nun um demokratisch legitimierte Landesverteidigung.

Die erste Reaktion der Bolschewistischen Partei, die von untergeordneten Führern ihrer Petrograder Organisation formuliert wurde, bestand in einer Bekräftigung der unversöhnlichen Ablehnung des Kriegs, für die Lenin in Zimmerwald gekämpft hatte. Erneut forderten sie die Verwandlung des imperialistischen Kriegs in einen Bürgerkrieg. Doch als hochrangige Führer aus dem sibirischen Exil in Petrograd eintrafen, änderte sich die politische Linie der Partei.

Die Ankunft Kamenews und Stalins Mitte März hatte nahezu sofort eine dramatische politische Wende zur Folge. Kamenew trat für die Landesverteidigung ein, die den Krieg rechtfertigte, und veröffentlichte mit Stalins Unterstützung in der »Prawda«, dem Organ der Bolschewiki, am 15. März eine Erklärung, in der es hieß: »Wenn Armeen einander gegenüberstehen, wäre es die größte politische Blindheit, eine von ihnen aufzufordern, die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen … Ein freies Volk bleibt unerschütterlich auf seinem Posten und beantwortet Kugel um Kugel.«[16]

Die »Aprilthesen«

Suchanow hat Lenins Rückkehr nach Russland lebhaft beschrieben. Die Bolschewistische Partei bereitete ihrem heimkehrenden Führer einen rauschenden Empfang. Die Führer des Sowjets, die wussten, dass Lenins jahrelange revolutionäre Arbeit sein Ansehen unter den fortgeschrittenen Arbeitern Petrograds enorm gesteigert hatte, sahen sich gezwungen, an der offiziellen Willkommensfeier teilzunehmen. Als Lenin aus dem Zug stieg, wurde ihm ein wunderschöner Strauß roter Rosen überreicht, der wenig mit seiner Erscheinung harmonierte. Offensichtlich froh, in der Hauptstadt der Revolution angekommen zu sein, begab sich Lenin schnell in die Wartehalle des Finnländischen Bahnhofs. Dort traf er auf eine mürrische Delegation von Sowjetvertretern, angeführt vom Sowjetvorsitzenden, dem aus Georgien stammenden Nikolaj Tschcheïdse. Dessen mit steifem Lächeln vorgetragene Willkommensrede konzentrierte sich darauf, Lenin aufzufordern, die Einheit der Linken nicht zu stören. Lenin beachtete die Rede kaum, als betreffe sie ihn nicht, berichtet Suchanow. Er starrte an die Decke, suchte im Publikum nach bekannten Gesichtern und ordnete die Blumen des Straußes, den er immer noch in den Händen hielt. Kaum hatte Tschcheïdse seine düsteren Bemerkungen abgeschlossen, donnerte Lenin los:

Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin glücklich, in eurer Person die siegreiche Russische Revolution zu begrüßen, euch als die Avantgarde der proletarischen Weltarmee zu begrüßen … Der imperialistische Raubkrieg ist der Beginn eines Bürgerkriegs in ganz Europa … Die Stunde ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden … Die Morgenröte der sozialistischen Weltrevolution hat schon begonnen … In Deutschland brodelt es … Der gesamte europäische Kapitalismus kann jederzeit zusammenbrechen. Die Russische Revolution, von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution![17]

Suchanow schildert den überwältigenden Eindruck von Lenins Worten:

Das war äußerst interessant! Uns, die wir gänzlich in der undankbaren Routinearbeit der Revolution versunken waren, … erschien vor unseren Augen plötzlich ein strahlendes, blendendes, fremdartiges Licht, das uns für alles blind machte, was bis dahin unser Leben ausgemacht hatte … Lenins Stimme, die uns unmittelbar aus dem Eisenbahnwagen entgegenschallte, war eine Stimme »von außen her«. Zu uns in die Revolution drang ein zwar ihrem »Kontext« nicht widersprechender, auch nicht dissonanter, aber doch ein neuer, scharfer, etwas betäubender Ton.[18]

Sich seiner eigenen Reaktion auf Lenins Worte entsinnend, gesteht Suchanow ein, »dass Lenin im Kern der Sache tausendmal recht hatte«, als er »den Beginn der sozialistischen Weltrevolution konstatierte« und »die unlösbaren Bande zwischen dem Weltkrieg und dem Zusammenbruch des imperialistischen Systems aufzeigte …«.[19] Suchanow, ein typischer Vertreter der ambivalenten politischen Haltung, die selbst die am weitesten links stehenden Elemente unter den Menschewiki teilten, hielt es jedoch nicht für möglich, Lenins Perspektive, so richtig sie auch sein mochte, zur Grundlage des praktischen revolutionären Handelns zu machen.

Lenin begab sich vom Empfang am Finnländischen Bahnhof zu einem kurzen Mittagessen mit seinen alten Genossen und dann zu einer Versammlung. Dort skizzierte er in einem informellen, etwa zweistündigen Vortrag die Grundzüge dessen, was in ausgearbeiteter Form als »Aprilthesen« in die Geschichte eingehen sollte. Lenin erklärte, dass die demokratische Revolution nur auf der Grundlage einer sozialistischen Revolution verteidigt und vollendet werden könne. Voraussetzung sei die Ablehnung des imperialistischen Kriegs, der Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung und die Übergabe der Staatsmacht an die Sowjets.

Suchanow, dem es gelungen war, als Nichtparteimitglied Zugang zur Versammlung zu bekommen, schrieb über den Vortrag:

Ich denke, dass Lenin nicht damit rechnete, sein ganzes Credo und sein gesamtes Programm für die sozialistische Weltrevolution in seiner Antwort darlegen zu müssen. Die Rede war wahrscheinlich in erheblichem Maße eine Improvisation und zeichnete sich darum weder durch sonderliche Kompaktheit noch durch einen ausgearbeiteten Plan aus. Man spürte jedoch, dass Lenin von all den Ideen seit Langem beherrscht wurde und dass er sie schon mehr als einmal vertreten hatte …

Lenin setzte natürlich bei der »sozialistischen Weltrevolution« an, die als Ergebnis des Weltkrieges auszubrechen im Begriff sei. Die Krise des Imperialismus, die sich im Krieg äußerte, könne nur durch den Sozialismus beendet werden. Der imperialistische Krieg werde zwangsläufig in einen Bürgerkrieg umschlagen; er könne nur durch einen Bürgerkrieg, nur durch eine sozialistische Weltrevolution beendet werden.[20]

Lenins Strategie stand nun im Einklang mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Sein politisches Programm stützte sich nicht vorrangig auf eine Einschätzung der nationalen Bedingungen und Möglichkeiten, wie sie sich in Russland darboten. Die entscheidende Frage für die Arbeiterklasse war nicht, ob sich der Kapitalismus im Rahmen des russischen Nationalstaats weit genug entwickelt habe, um den Übergang zum Sozialismus zu ermöglichen. Sondern die russische Arbeiterklasse befand sich in einer historischen Lage, in der ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Kämpfen der europäischen Arbeiterklasse gegen den imperialistischen Krieg und seine Ursache, das kapitalistische System, verbunden war.

Trotzkis Rückkehr nach Russland

Nachdem Lenin den Widerstand in seiner eigenen Partei überwunden hatte, waren die Bolschewiki in der Lage, den Kampf gegen den politischen Einfluss der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre aufzunehmen. Diese Bemühungen erhielten durch Trotzkis Rückkehr im Mai starke Unterstützung. Trotzkis Ankunft in Petrograd war verzögert worden, weil ihn die britischen Behörden im kanadischen Halifax an Bord des Schiffes, das von New York nach Russland fuhr, verhaftet und einen Monat lang in ein Kriegsgefangenenlager gesperrt hatten. Aufgrund der Proteste, die sich in Russland gegen Trotzkis illegale Verhaftung erhoben, sah sich die Provisorische Regierung gezwungen, von den Briten seine Freilassung zu verlangen.

Doch weder die Provisorische Regierung noch die Sowjetführer waren über Trotzkis Ankunft erfreut. Sie erwarteten nicht, dass er beruhigend auf die sich radikalisierenden Arbeiter einwirken würde. Suchanow erinnert sich: »Als er noch außerhalb der Bolschewistischen Partei stand, zirkulierten unzählige Gerüchte über ihn, er sei noch ›schlimmer als Lenin‹.«[21]

Die früheren Meinungsverschiedenheiten mit Lenin waren nun überwunden, und Trotzki wurde Mitglied der Bolschewistischen Partei. Er übernahm sofort eine führende Rolle unmittelbar hinter Lenin. Viele der engsten Verbündeten Trotzkis, die in der Petrograder Interdistrikt-Gruppe (Meschrajonzi) aktiv waren, folgten seinem Beispiel, traten den Bolschewiki bei und sollten in der Oktoberrevolution, dem Bürgerkrieg und der Sowjetregierung eine führende Rolle spielen. Stalin sollte schließlich die meisten herausragenden Vertreter der Meschrajonzi ermorden, die in den 1930er Jahren noch lebten.

Die Provisorische Regierung konnte keine der Hoffnungen erfüllen, die die Februarrevolution geweckt hatte. Nicht bereit, ihre eigenen imperialistischen Ziele aufzugeben, und abhängig vom britischen, französischen und amerikanischen Imperialismus, weigerte sich die Provisorische Regierung, den Krieg zu beenden. Unter Missachtung der Stimmungen der Massen begann die Kerenski-Regierung im Juni eine militärische Offensive, die in einem Desaster endete. Die Agitation der Bolschewistischen Partei, die die Sowjetführer aufforderte, mit der Provisorischen Regierung zu brechen und die Macht in die eigenen Hände zu nehmen, stieß auf wachsende Unterstützung. Je mehr das Prestige der Bolschewistischen Partei wuchs, desto fieberhafter versuchten die Provisorische Regierung, die kapitalistische Presse und die führenden Menschewiki und Sozialrevolutionäre, Lenin zu verleumden und zu diskreditieren.

Auf die Unterdrückung von Demonstrationen gegen die Regierung in den »Julitagen« folgte eine wütende Kampagne gegen die Bolschewistische Partei und insbesondere gegen Lenin. Der Umstand, dass er auf dem Rückweg nach Russland durch Deutschland gereist war, diente als Grundlage für eine Verleumdungskampagne, die die politischen Voraussetzungen für Lenins Ermordung schaffen sollte.

Staat und Revolution

Am 7. Juli ordnete die Provisorische Regierung Lenins Verhaftung an. Lenin, der sehr genau wusste, dass ihn seine Häscher bereits vor der Einlieferung ins Gefängnis ermorden würden, tauchte ab. In den folgenden beiden Monaten, während seiner erzwungenen Abwesenheit aus Petrograd, schrieb er »Staat und Revolution«. Im Vorwort des Buches erklärte er:

Die Frage des Staates gewinnt gegenwärtig besondere Bedeutung sowohl in theoretischer als auch in praktisch-politischer Hinsicht. Der imperialistische Krieg hat den Prozess der Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in staatsmonopolistischen Kapitalismus außerordentlich beschleunigt und verschärft … Die unerhörten Gräuel und Unbilden des sich in die Länge ziehenden Krieges machen die Lage der Massen unerträglich und steigern ihre Empörung. Sichtbar reift die internationale proletarische Revolution heran. Die Frage nach ihrem Verhältnis zum Staat gewinnt praktische Bedeutung.[22]

In diesem bemerkenswerten Werk führt Lenin, wie er es nannte, historische »Ausgrabungen« durch, um die wahre Lehre von Marx und Engels vom Staat wieder herzustellen – vom Staat als Organ der Klassenherrschaft, als Organ zur Unterdrückung der einen Klasse durch die andere. Der Staat existiert nur, weil es Klassengegensätze gibt und weil diese unversöhnlich sind. Lenin wendet sich gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologen, die »Marx in der Weise ›verbessern‹, dass der Staat sich als Organ der Klassenversöhnung erweist«.[23]

Lenin betrachtete »Staat und Revolution« als äußerst wichtiges Werk. Er erließ Anweisungen, dass seine Veröffentlichung im Falle seines frühzeitigen Tods höchste Priorität habe.

Doch Lenin blieb am Leben. Ab September wandte sich die politische Lage scharf nach links. Bedroht durch einen konterrevolutionären Putsch des Generals Kornilow sahen sich die Sowjetführer gezwungen, die Massen zu mobilisieren und zu bewaffnen. Trotzki, der seit Juli im Gefängnis saß, wurde freigelassen. Angesichts des massenhaften Widerstands der Arbeiterklasse, bei dessen Organisierung die Bolschewiki eine entscheidende Rolle spielten, desertierten Kornilows Soldaten und der Putschversuch scheiterte.

»Alle Macht den Sowjets«

Kerenski, der vor dem Putsch heimlich mit Kornilow zusammengearbeitet hatte, war politisch diskreditiert. Während sich Lenin weiterhin versteckte, wuchs die Unterstützung für die Bolschewistische Partei rasch an, die die Parole »Alle Macht den Sowjets« ausgab. Große Teile der Arbeiterklasse wandten den Menschewiki den Rücken zu, die sich weiterhin weigerten, mit der Provisorischen Regierung zu brechen und der Übergabe der Staatsmacht an die Sowjets zuzustimmen.

Als sich die wirtschaftliche und politische Krise im September weiter verschärfte und sich ein allgemeiner Bauernaufstand über Russland ausbreitete, rief Lenin das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei auf, konkrete organisatorische Vorbereitungen für einen Aufstand zur Eroberung der Macht zu treffen. Am 10. Oktober kam Lenin heimlich nach Petrograd und nahm an einem Treffen des Zentralkomitees teil, das eine Resolution zugunsten eines Aufstands verabschiedete. Es gab jedoch innerhalb der Partei weiterhin beträchtlichen Widerstand gegen den Versuch, die Provisorische Regierung zu stürzen, und auch gegen die Ausarbeitung eines strategischen Plans für den Aufstand.

Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Vortrags im Einzelnen auf den Aufstand der Bolschewiki einzugehen. Dazu wäre eine sorgfältige Untersuchung der schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten erforderlich, die in den Tagen vor der Macht­eroberung innerhalb der bolschewistischen Führung aufkamen. Trotzkis »Lehren des Oktober« und seine »Geschichte der Russischen Revolution« stellen die Konflikte innerhalb der Bolschewistischen Partei und deren politische und historische Bedeutung in einer Weise dar, die in ihrem Verständnis des Wechselspiels zwischen objektiven und subjektiven Faktoren im revolutionären Prozess bis heute unübertroffen ist.

Eine wichtige Frage zur Oktoberrevolution muss jedoch hier angesprochen werden. Die Behauptung, der Sturz der Provisorischen Regierung im Oktober sei ein Putsch von Verschwörern gewesen, die keine nennenswerte Unterstützung unter den Massen gehabt hätten, ist von politischen Gegnern der Bolschewiki und reaktionären Historikern ein ganzes Jahrhundert lang endlos wiederholt und in unzähligen Varianten neu aufbereitet worden. Kein Geringerer als Kerenski, der erst 1970 starb und sich sozusagen selbst um ein halbes Jahrhundert überlebte, beharrte bis zu seinem Tod im Alter von 89 Jahren darauf, dass seine Regierung das Opfer einer ruchlosen, kriminellen Verschwörung geworden sei.

Weshalb die Bolschewiki siegten

Die Verunglimpfung der Oktoberrevolution als Putsch, der keinerlei Massenunterstützung gehabt habe, ist von zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen widerlegt worden. Besonders umfassend und beeindruckend sind in dieser Hinsicht die Werke des amerikanischen Historikers Alexander Rabinowitch, der sein Lebenswerk der Erforschung der Russischen Revolution widmete. Im Vorwort zu »Die Sowjetmacht. Das erste Jahr«, seinem 2007 veröffentlichten dritten Buch zu diesem Thema, schreibt Professor Rabinowitch über die beiden vorangehenden Bände:

The Bolsheviks Come to Power und Prelude to Revolution widersprachen gängigen Vorstellungen von der Oktoberrevolution, sah man doch im Westen die Oktoberrevolution gemeinhin als eine Art Militärputsch, den eine kleine, verschworene Bande revolutionärer Fanatiker unter der genialen Führung Lenins angezettelt hatte. Demgegenüber ergaben meine Nachforschungen, dass die Bolschewistische Partei in Petrograd 1917 zu einer Massenpartei herangewachsen war und keineswegs eine monolithische Bewegung darstellte, die sich im Gleichschritt hinter Lenin eingereiht hätte. Ihre Führung bestand vielmehr aus einem linken, einem zentristischen und einem gemäßigten Flügel, die alle dazu beitrugen, eine revolutionäre Strategie und Taktik zu entwickeln. Weiter zeigte sich, dass der Erfolg, der der Partei nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 im Kampf um die Macht beschieden war, folgenden ausschlaggebenden Faktoren zuzuschreiben war: der organisatorischen Flexibilität der Partei, ihrer Offenheit und Aufgeschlossenheit für die Anliegen der Bevölkerung sowie ihren engen und sorgsam gepflegten Verbindungen zu Fabrikarbeitern, Soldaten der Petrograder Garnison und den Matrosen der Baltischen Flotte. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Oktoberrevolution in Petrograd weniger eine militärische Operation war, sondern eher ein allmählicher Prozess auf dem Boden einer in der Bevölkerung tief verwurzelten politischen Kultur sowie einer weit verbreiteten Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Februarrevolution, kombiniert mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft der Versprechen der Bolschewiki – sofortiger Friede, Brot, Land für die Bauern und Basisdemokratie durch Mehrparteiensowjets.[24]

Professor Rabinowitch wuchs in einer Familie auf, die enge persönliche Beziehungen zu führenden Menschewiki pflegte. Er selbst kannte Irakli Zereteli, den Führer der menschewistischen Fraktion im Petrograder Sowjet, persönlich. Er hatte die menschewistische Version der Geschichte viele Male gehört. Aber seine eigenen wissenschaftlichen Forschungen führten Professor Rabinowitch zu Schlussfolgerungen, die den Erklärungen der Menschewiki für ihre Niederlage im Jahr 1917 widersprachen.

Die kapitalistisch-imperialistische Reaktion
auf die Oktoberrevolution

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution verstand weder die russische noch die internationale Bourgeoisie das volle Ausmaß der Ereignisse in Petrograd. Die herrschenden Eliten reagierten, als wäre der bolschewistische Sieg ein Albtraum, aus dem sie bald wieder erwachen würden. Am 9. November (Washingtoner Zeit), weniger als 48 Stunden nach dem Sturz der Provisorischen Regierung, meldete die »New York Times«: »Washington und Botschaftsvertreter erwarten, dass die Herrschaft der Bolschewiki kurz sein wird.« Die »Times« versicherte ihren Lesern:

Man ist hier der Meinung, die russische Lage sei nicht so düster, wie in Meldungen aus Petrograd dargestellt. Vertreter des Außenministeriums und der russischen Botschaft sind übereinstimmend der Meinung, die gegenwärtige Kontrolle der Petrograder Regierung durch das revolutionäre Militärkomitee der Bolschewiki könne nicht lange dauern … Ein hoher Beamter sagte heute, seiner Meinung nach werde das Ergebnis eher positiv als negativ sein, weil es einem starken Mann die Möglichkeit biete, aufzusteigen und die Lage unter seine Kontrolle zu bringen.

Aber der starke Mann, den die Regierung von Präsident Wood­row Wilson erwartet hatte, trat nicht auf, und nach einer Woche wich das optimistische Vertrauen, die Revolution werde bald im Blut ertränkt, empörter Wut. Am 16. November veröffentlichte die »Times« unter dem Titel »Die Bolschewiki« einen Leitartikel, der Kerenski vorwarf, er »spiele« mit den Revolutionären und sei von dem Kornilow-Putsch zurückgeschreckt. Hasserfüllt fuhr der Leitartikel fort:

Auch wenn Kerenski versagt hat, könnte bald jemand anderes auftreten, der stark genug ist, den destruktiven Bolschewiki die Macht aus den Händen zu reißen. Sie werden sie nicht auf Dauer halten können, weil sie erbärmlich ignorant und oberflächlich sind, politische Kinder, ohne das geringste Verständnis für die gewaltigen Kräfte, mit denen sie spielen. Es sind Männer, die, außer dass sie nicht auf den Mund gefallen sind, keine Befähigung für ihre herausgehobene Stellung haben. Überließe man sie lange genug sich selbst, würde ihre bloße Inkompetenz sie vernichten, auch wenn sie dann vielleicht durch andere abgelöst würden, die genauso schlecht sind. So geschah es während der Französischen Revolution, einem Kaleidoskop, in dem eine Riege von redegewandten Stümpern und Ignoranten die andere an der Regierung ablöste, eine schlimmer als die andere, bis Inkompetenz und Ignoranz zur völligen Zerstörung führten.

Und was hatten die Bolschewiki in den Stunden und Tagen nach dem Sturz der Provisorischen Regierung getan, um den Zorn der »New York Times« und der Vertreter des internationalen kapitalistischen Imperialismus zu entfachen, für den sie spricht? Als Erstes beschlossen die Bolschewiki ein Dekret über den Frieden, das alle kriegführenden Parteien aufforderte, Verhandlungen über ein Ende des Kriegs ohne Annexionen und Kontributionen aufzunehmen. Zweitens verabschiedete die neue Sowjetregierung ein Dekret über Grund und Boden, in dem es heißt: »Das Recht auf Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, verpachtet, verpfändet oder auf irgendeine andere Weise veräußert werden.«[25]

Die Stellung der Oktoberrevolution
in der Weltgeschichte

So begann die größte soziale Revolution der Weltgeschichte. Es hatte andere Revolutionen gegeben: die Englische Revolution von 1640–1649, die Amerikanische Revolution von 1776–1783, die Französische Revolution von 1789–1794 und die zweite Amerikanische Revolution von 1861–1865. Dass keine von ihnen die Ideale verwirklichte, die sie verkündet hatte, oder auch nur in die Nähe kam, sie zu verwirklichen, tut ihrer Bedeutung als Meilensteine der historischen Entwicklung der Menschheit keinen Abbruch. Nichts ist derart abstoßend wie das Bemühen der Vertreter der Postmoderne, die Opfer zu diskreditieren, die vergangene Generationen im Bemühen um eine bessere Welt gebracht haben. Marxistische Sozialisten haben nicht die geringste Sympathie für diese Art von kleinbürgerlichem Zynismus. Während wir die historischen Schranken der Bemühungen von Revolutionären früherer Epochen verstehen, zollen wir ihnen Respekt.

Welthistorisch betrachtet verkörpert die Russische Revolution die höchste und bisher unübertroffene Anstrengung der Menschheit, die Ursachen von Ungerechtigkeit und menschlichem Elend zu identifizieren und zu beenden. Die Oktoberrevolution erreichte eine Übereinstimmung des menschlichen Bewusstseins mit der objektiven Notwendigkeit, wie es sie bisher nicht gegeben hatte. Das fand nicht nur in den Entscheidungen und im Handeln ihrer politischen Führung Ausdruck. Wenn man die Oktoberereignisse nur vom Standpunkt des Handelns ihrer Führer, selbst der größten unter ihnen, wahrnimmt, missversteht man die Bedeutung der Revolution. In einer Revolution machen die Massen Geschichte.

Als die Arbeiterklasse die Provisorische Regierung stürzte, tat sie dies aufgrund eines weitgehenden Verständnisses der Gesetze der sozioökonomischen Entwicklung. »Die Wissenschaftlichkeit des Gedankens besteht darin«, schrieb Trotzki, »dass er den objektiven Prozessen entspricht und diese Prozesse zu beeinflussen und zu lenken fähig ist.«[26] In diesem grundlegenden Sinne erreichten Denken und Praxis von Millionen Menschen ein wissenschaftliches Niveau. Die wissenschaftliche Theorie erfasste die Massen und wurde zur materiellen Kraft. Die Arbeiterklasse machte sich daran, ein archaisches sozioökonomisches System abzuschaffen, die Anarchie des kapitalistischen Marktes zu beenden und bewusste Planung in die Organisation des Wirtschaftslebens einzuführen. In den 1920er und 1930er Jahren, als es in Amerika noch Intellektuelle gab, die demokratische Grundsätze verteidigten und eine kritische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft einnahmen, wurde die historische Bedeutung des »sowjetischen Experiments«, wie es damals genannt wurde, weitgehend anerkannt.

1931 besprach der liberale amerikanische Philosoph John Dewey in der »New Republic« mehrere Bücher über die Sowjet­union. Dewey bemerkte: »Russland ist eine Herausforderung für Amerika, nicht aufgrund der einen oder anderen Eigenschaft, sondern weil wir keinen gesellschaftlichen Mechanismus haben, um die technologischen Mechanismen zu kontrollieren, denen wir unser Schicksal anvertraut haben.« Er äußerte Sympathie für die marxistische Aussage, dass »es möglich ist, gesellschaftliche Erscheinungen zu kontrollieren, so dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dem menschlichen Willen untergeordnet werden kann«. Dann zitierte er zustimmend eine Kritik des Kapitalismus, die der damals prominente Liberale George S. Counts in seinem Buch »The Soviet Challenge to America« formuliert hatte:

In ihrer gegenwärtigen Form ist die Industriegesellschaft ein Ungeheuer ohne Seele und innere Bedeutung. Es ist ihr gelungen, die einfacheren Kulturen der Vergangenheit zu zerstören, aber nicht, eine eigene Kultur zu entwickeln, die des Namens wert wäre … Ob dieser Zustand des moralischen Chaos die zeitweilige Fehlentwicklung einer Übergangsepoche ist oder das unvermeidliche Produkt einer Gesellschaft, deren Organisationsprinzip der private Gewinn ist, zählt zu den wichtigsten Fragen unserer Zeit.[27]

Das Schicksal der Russischen Revolution – von der Oktoberrevolution 1917 bis zur Auflösung der Sowjetunion – ist die wichtigste und komplexeste historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Die Probleme, mit denen sie kämpfte, bestehen nicht nur fort, sie sind größer denn je zuvor. Hundert Jahre nach der Russischen Revolution von 1917 bewegt sich der Kapitalismus auf eine Katastrophe zu. Es ist offensichtlich, dass die Krise der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur, wie Professor Counts es ausdrückt, »die zeitweilige Fehlentwicklung einer Übergangsepoche« ist. Das Weiterbestehen dieser historisch überkommenen wirtschaftlichen Organisationsform – basierend auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und Rohstoffen und auf der brutalen Ausbeutung der großen Masse der Menschheit im Interesse von Unternehmensprofiten und privatem Reichtum – ist nicht nur das Haupthindernis für den menschlichen Fortschritt. Ihr Weiterbestehen wird rasch unvereinbar mit dem Fortbestehen des menschlichen Lebens. Kein einziges bedeutendes gesellschaftliches Problem kann im Rahmen des Kapitalismus gelöst werden. Ja, die Logik des Kapitalismus und des Nationalstaatensystems, das die Grundlage der imperialistischen Geopolitik darstellt, führt unweigerlich zu einem weiteren globalen Krieg, der diesmal mit Nuklearwaffen ausgefochten wird. Nichts kann die Katastrophe verhindern außer der bewusste Kampf für den Weltsozialismus. Das ist der Hauptgrund, warum es notwendig ist, die Russische Revolution zu studieren.

[1] Dieser Vortrag wurde am 11. März 2017 gehalten.

[2] Karl Marx/Friedrich Engels, Marx an Joseph Weydemeyer in New York«, in: MEW, Bd. 28, Berlin 1963, S. 508.

[3] Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 2016, S. 264 f.

[4] W. I. Lenin, »Was tun?«, in: Werke, Bd. 5, Berlin 1955, S. 379.

[5] W. I. Lenin, »Materialismus und Empiriokritizismus«, in: Werke, Bd. 14, Berlin 1955, S. 328–329.

[6] Leo Trotzki, »Klasse, Partei und Führung«, in: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1931–39, Bd. 2, Frankfurt 1976, S. 342.

[7] Leo Trotzki, Die Lehren des Oktober, Dortmund 1978, S. 17.

[8] Leo Trotzki, »Der Krieg und die Internationale«, in: Europa im Krieg, Essen 1998, S. 451.

[9] W. I. Lenin, »Ein Vortrag über die Revolution von 1905«, in: Werke, Bd. 23, Berlin 1975, S. 261.

[10] Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow, 1917. Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 15, 18.

[11] Rex A. Wade, The Russian Revolution 1917, Cambridge 2000, S. 31 (aus dem Englischen).

[12] Ebd., S. 39 (aus dem Englischen).

[13] W. I. Lenin, »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus«, in: Werke, Bd. 31, Berlin 1966, S. 10.

[14] Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution. Februarrevolution, Essen 2010, S. 133.

[15] Ebd., S. 178.

[16] R. Craig Nation, War Against War, Durham und London 1989, S. 175 (aus dem Englischen).

[17] Zitiert in: Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution. Februarrevolution, Essen 2010, S. 251, und Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow, 1917. Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 281.

[18] N. N. Suchanow, ebd., S. 281–282.

[19] Ebd., S. 282.

[20] Ebd., S. 288.

[21] N. N. Sukhanov, The Russian Revolution 1917, Bd. II, New York 1962, S. 360 (aus dem Englischen).

[22] W. I. Lenin, »Staat und Revolution«, in: Werke, Bd. 25, Berlin 1972, S. 395.

[23] Ebd., S. 399.

[24] Alexander Rabinowitch, Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen 2010, S. x. (The Bolsheviks Come to Power ist 2012 unter dem Titel Die So­wjetmacht. Die Revolution der Bolschewiki 1917 ebenfalls in deutscher Sprache beim Mehring Verlag erschienen.)

[25] »100 Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte«, http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru& dokument =0006_bod&object=abstract&st=&l=de, aufgerufen am 17.8.2017.

[26] Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution. Februarrevolution, Essen 2010, S. 132.

[27] Zitiert in: John Dewey, Volume 6: 1931–1932, Essays, Reviews and Miscellany, Carbondale und Edwardsville 1989, S. 266 (aus dem Englischen).

Das Erbe von 1905 und die Strategie der Russischen Revolution[1]

Studentenstreik an der Universität von St. Petersburg 1905

Fred Williams

Lenin hat 1905 als »Generalprobe« für die Revolution von 1917 bezeichnet. Trotzki sprach von einem »großartigen Vorspiel«, und das war die Revolution von 1905 in der Tat. In einem Artikel, den die »World Socialist Web Site« kürzlich wieder veröffentlicht hat, greift Trotzki diesen Gedanken auf und betont, dass Arbeiter die Revolution 1905 studieren und Lehren aus ihr ziehen müssen.

Das Russische Reich wurde 1905 von einem absolutistischen Gewaltherrscher, Zar Nikolaus II., beherrscht. Er regierte auf der Grundlage von Erlassen und stützte sich bei der Verwaltung seiner gewaltigen Staatsmaschinerie auf eine Schicht von Adligen und Bürokraten. Darüber hinaus verfügte der Zar über ein riesiges Militär, für dessen Unterhalt ein beträchtlicher Teil des Volksvermögens aufgewandt wurde.

Es gab zu dieser Zeit in Russland keine Meinungsfreiheit. Es gab auch keine Pressefreiheit, stattdessen herrschte strenge Zensur. Es gab keine Versammlungsfreiheit, ja nicht einmal das Recht, Bittschriften an den Zaren zu richten. Es war illegal, eine Bittschrift an den Zaren auch nur einzureichen, nur eine Handvoll Adliger in den Ministerien hatte dazu das Recht. Es gab kein Streikrecht und kein Recht, Gewerkschaften zu bilden. Es gab kein Parlament, kein Wahlrecht, keinen Achtstundentag. Für die meisten Arbeiter dauerte der durchschnittliche Arbeitstag im ausgehenden 19. Jahrhundert rund vierzehn Stunden oder – wenn sie Glück hatten – zwölf Stunden. Im Jahr 1897 beschränkte der Zar den Arbeitstag großzügig auf elfeinhalb Stunden, doch viele Betriebe hielten sich nicht daran. Bei den kleinsten Verstößen mussten Arbeiter mit Geldstrafen rechnen. Wenn sie fünfzehn Minuten zu spät zur Arbeit kamen, kostete sie das den ganzen Tageslohn. Für Fehler bei der Produktion mussten sie noch mehr zahlen. Dabei gehörten ihre Löhne zu den niedrigsten in ganz Europa.

Das Russische Reich war nicht einheitlich russisch. Menschen russischer Nationalität machten nur etwa 50 Prozent der Bevölkerung aus. Bis zu 150 nachweisbare Nationalitäten waren in moderner Zeit von der Nationalitätenfrage betroffen. Bekannt sind vor allem einige der größeren. So lebten Polen im Russischen Reich. Polen war Ende des 18. Jahrhunderts aufgeteilt worden. Unter der zaristischen Herrschaft wurden Polen zur Russifizierung gezwungen: In den Schulen wurden sie nicht in Polnisch, sondern in Russisch unterrichtet. Dasselbe galt für Finnen, da Finnland ebenfalls Teil des Reiches war, und für die jüdische Bevölkerung, die zu den unterdrücktesten Nationalitäten im Russischen Reich dieser Zeit gehörte.

Die jüdische Bevölkerung zählte rund fünf Millionen Menschen und durfte nur im sogenannten Ansiedlungsrayon leben. Viele Berufswege blieben ihr versperrt. Es gab Quoten für die Aufnahme an Universitäten, und natürlich hatten Juden kein Wahlrecht. Nach der Ermordung von Zar Alexander II. im Jahr 1881 kam es zu einer Welle von antijüdischen Pogromen. Bewaffnete Schlägerbanden, die unter der direkten Leitung der Polizei agierten oder von dieser geduldet wurden, fielen in jüdische Viertel ein, töteten und folterten Menschen, raubten ihre Häuser aus und zerstörten ihre Geschäfte. Am Ende kamen sie in der Regel unbescholten davon. Zwei besonders berüchtigte Pogrome fanden vor der Revolution von 1905 in Kischinew statt, das im heutigen Moldawien liegt.

Russland bestand überwiegend aus Bauern. Die meisten Bauern konnten weder lesen noch schreiben und waren verarmt. Sie lebten in 500.000 Dörfern und Weilern über das ganze Land verstreut. Die Vereinzelung der Bauernschaft warf große politische Probleme auf, wie Trotzki schrieb: Wie kann man Menschen vereinen, die über ein derart großes Land verstreut sind?

Die soziale Struktur der Bauernschaft war nicht homogen. Es gab extrem reiche Bauern und sogar Großgrundbesitzer, die oft der Kapitalistenklasse nahestanden. Es gab extrem arme Bauern, die absolut nichts besaßen und Landarbeitern ähnelten. Sie mussten ihre Arbeitskraft an Kapitalisten oder andere, reichere Bauern verkaufen. Es gab eine relativ kleine Schicht von rund 60.000 extrem reichen, oft adeligen Grundbesitzern. Sie verfügten über gleich viel Land wie 100 Millionen Bauern. Die Lage des Adels verschlechterte sich Ende des 19. Jahrhunderts, und er begann, sein Land an die Bourgeoisie zu verkaufen, was gesellschaftliche Spannungen auslöste. Dennoch war er viel reicher als die überwältigende Mehrheit der Bauern.

Im Jahr 1861 wurden die Leibeigenen, deren Lage in vielerlei Hinsicht derjenigen von Sklaven glich, aus der Leibeigenschaft entlassen. Doch diese Bauernbefreiung war extrem begrenzt. Sie brachte eine enorme Schuldenlast mit sich. In vielen Fällen mussten »befreite« Bauern 48 Jahre lang Schulden abzahlen. Sie mussten sehr hohe Steuern entrichten und lebten im Elend. Sie wollten dringend eine Neuverteilung des Landes und einen Erlass ihrer Schulden.

Die Industrie begann im ausgehenden 19. Jahrhundert relativ rasch zu wachsen. Sie wurde größtenteils über ausländische Kredite finanziert, die in erster Linie aus Großbritannien und Frankreich und in geringerem Maße auch aus Deutschland kamen. Dies führte zum Phänomen der, wie Trotzki es nannte, »ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung«. Russland lag zwar hinter den weiter fortgeschrittenen westlichen Ländern zurück, doch britische oder französische Kapitalisten, die in Russland investierten, importierten Kapital und die modernste Technik, die größten Fabriken und die neuesten Maschinen. Auf diese Weise übersprang Russland mehrere Zwischenstufen der Entwicklung, die andere Länder durchgemacht hatten. Dies führte zu einer hohen Konzentration von Arbeitern in Fabriken mit über tausend Arbeitern, einer höheren Konzentration als in den USA, die als Vorbild für den Bau derart großer Fabriken galten. So entstand ein junges Proletariat, das gerade vom Lande gekommen war und nun in der Textil-, Metall-, Bergbau- oder Tabakindustrie arbeitete. Das Proletariat lebte zusammengedrängt in Industriezentren, die sich meist am Stadtrand befanden und nicht organisch in den Städten gewachsen waren.

Die drei bis fünf Millionen Arbeiter in den großen Industriezentren von St. Petersburg, Moskau, Iwanowo, Kiew und anderen Städten produzierten die Hälfte des nationalen Einkommens, ebenso viel wie der Landwirtschaftssektor. So war das Proletariat zwar numerisch klein, doch seine Rolle in der russischen Wirtschaft war immens. Sein relatives soziales und wirtschaftliches Gewicht war riesig.

Die erste Eisenbahnstrecke war 1851 eröffnet worden und verlief zwischen Moskau und St. Petersburg. Abgesehen davon herrschte, wie Trotzki es ausdrückte, »die Tradition der vierhundertjährigen Wegelosigkeit«. Die Straßen in Russland waren fürchterlich. Während der Regenzeit im Frühjahr oder Herbst, oder wenn der Schnee schmolz, waren sie praktisch unpassierbar. Der Schlamm reichte bisweilen bis zu den Hüften, so dass man kaum vorwärts kam. Daher waren die Eisenbahnstrecken die wichtigste Verbindung zwischen den Städten und den Industriezentren.

Im Jahr der Revolution 1905 umfasste das Eisenbahnpersonal, das eine entscheidende politische Rolle spielte, etwa 667.000 Arbeiter. Das ist eine Armee von Arbeitern.

Es gab einige Liberale, die oft in den so genannten Semstwos zu finden waren, einer Form der Lokalregierung in vorwiegend ländlichen Gebieten, die für Straßen, Bildung und Gesundheitsversorgung verantwortlich waren. Sie hatten wenig politische Macht und waren nicht sehr zahlreich. Auch die kleinbürgerlichen Liberalen in den Städten waren zahlenmäßig gering und hatten wenig politischen Einfluss.

Viele Menschen lebten in Erwartung einer Revolution, die den Zar stürzen und eine bürgerliche Republik errichten sollte. Träume vom Sozialismus schienen hingegen in weiter Ferne zu liegen, besonders im Vergleich zu den wirtschaftlich weiter fortgeschrittenen Ländern in Westeuropa.

Dennoch war »Das Kapital« von Marx 1872 ins Russische übersetzt worden (es war eine der ersten Übersetzungen dieses Werks überhaupt). Es schlüpfte durch die zaristische Zensur, weil diese in dem Werk nur eine trockene Ansammlung von Wirtschaftsstatistiken sah.

Die Volkstümler-Bewegung, die bis in die 1870er Jahre vorherrschte, strebte nach einem Sozialismus auf der Grundlage der Dorfgemeinschaft und des kollektiven Eigentums auf dem Land, in der Hoffnung, so die Entwicklung des Kapitalismus umgehen zu können. Im Jahr 1881 schrieben die Volkstümler sogar an Marx und fragten ihn, was in Russland zu erwarten sei und ob man darauf hoffen dürfe, dass hier der Sozialismus auf der Grundlage der Dorfgemeinschaft entstehen würde.

Die erste Gruppe russischer Marxisten wurde 1883 in Genf von sechs Revolutionären, die sich im Exil befanden, unter Führung von Georgi Plechanow gebildet. Plechanow übersetzte wichtige Werke, verfasste Schriften, die Marx bekannt machten, und beteiligte sich an der Arbeit der Zweiten Internationale in Europa, die 1889 gegründet wurde. In diesem Jahr äußerte Plechanow den Satz: »Die revolutionäre Bewegung in Russland wird nur als Arbeiterbewegung siegen, oder sie wird überhaupt nicht siegen.«[2] Vielen seiner Kritiker erschien das absurd, da die Arbeiterklasse der Bauernschaft numerisch weit unterlegen war.

Einige kleinere Arbeitergruppen wurden in den 1870er und 1880er Jahren gegründet, darunter der Nordrussische Arbeiterbund und der Südrussische Arbeiterbund.

Der nächste wichtige Schritt erfolgte im Jahr 1895 mit der Gründung des »Kampfbunds zur Befreiung der Arbeiterklasse« in St. Petersburg. Zu seinen führenden Mitgliedern gehörten Wladimir Uljanow, der später unter dem Namen Lenin Führer der Bolschewistischen Partei wurde, und Julius Martow, später ein führender Menschewik.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung des Kampfbunds war der Textilarbeiterstreik in St. Petersburg, der Hauptstadt des Russischen Reiches, im Mai–Juni 1896. Der Kampfbund leistete in vielen Fabriken politische Arbeit und verfügte über Kontakte. Kurz nach seiner Gründung brach eine Streikwelle von Textilarbeitern aus. Sie erreichte nahezu das Ausmaß eines Generalstreiks und gab der weiteren Entwicklung der Arbeiterbewegung in Russland einen riesigen Anstoß.

Das blieb nicht auf St. Petersburg beschränkt. Der Kampfbund verfügte in vielen Städten über Mitglieder und Kontakte, verteilte Literatur und Flugblätter und war regelmäßig aktiv. Ein Thema, mit dem ich mich hier befassen möchte, lautet: »Wer organisierte die Arbeiterklasse? Wie gelangte die Arbeiterklasse zur Revolution?« Die Arbeit, die hier in den 1890er Jahren geleistet wurde, die Arbeit Plechanows seit 1883 und die Arbeit der Revolutionäre in den großen Städten waren unverzichtbare Faktoren, die schließlich zur Revolution führten.

Wir dürfen nicht vergessen, dass alle diese Aktivitäten illegal waren. Man konnte keine öffentliche Versammlung abhalten. Wenn man den Ersten Mai feiern wollte, und das war eine der jährlich stattfindenden Veranstaltungen, musste man sich beispielsweise in einem Wäldchen oder am Flussufer treffen. Man konnte keinen Saal mieten, stattdessen fand man vielleicht ein leeres Warenlager. Überall war die Polizei, überall waren Spitzel. Wenn jemand eine Rede hielt, hatte er vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten Zeit, bevor die Kosaken und die Polizei zugriffen. Oft wurden Leute erschossen. Man konnte verhaftet werden. Als Arbeiter in einem Betrieb konnte man seinen Job verlieren. Die Arbeit dieser frühen Revolutionäre war zu ihrer Zeit vollkommen illegal. Lenin war bereits im Dezember 1895 verhaftet worden. Wenn man verhaftet wurde, legte die Geheimpolizei (Ochrana) eine Akte an, verschaffte sich ein Foto und bewahrte diese Akte so lange wie möglich auf.

Im Jahr 1898 fand der Gründungskongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP) in Minsk statt. Anwesend waren neun Delegierte, die alle innerhalb weniger Tage verhaftet wurden.

Im Dezember 1900 wurde im Ausland die sozialdemokratische Zeitung »Iskra« (Der Funke) gegründet. Sie wurde auf illegalem Weg nach Russland geschmuggelt, um den Aufbau einer landesweiten Partei der Arbeiterklasse zu unterstützen. Das war keine geringe Leistung. Es war enorm schwierig, die Zeitung in München oder einer der großen europäischen Städte drucken zu lassen und sie dann in hoher Auflage nach Russland zu schmuggeln. Die Sache wurde dadurch erschwert, dass überall die Geheimpolizei lauerte. Sie hatte die sozialdemokratische Bewegung durchsetzt. So kam später heraus, dass der Mann, der einige Jahre lang dafür verantwortlich war, die »Iskra« nach Russland zu schmuggeln, selbst ein Polizeiagent war. Er kannte alle Termine, Adressen und Kontakte.

Obwohl Russland während des gesamten 19. Jahrhunderts als Bollwerk der Reaktion galt, stellte einer der weitsichtigsten Marxisten, Karl Kautsky, 1902 fest, dass in dem großen Reich etwas Neues im Gange war. Er schrieb damals: »Russland, das so viele revolutionäre Anregungen von dem Westen empfangen [hat], ist vielleicht jetzt daran, auch seinerseits revolutionäre Anregungen zu geben.«[3]

Der zweite Parteitag der RSDAP fand im Juli und August 1903 in Brüssel und London statt (ihn auf legale Weise in Russland durchzuführen, war nicht möglich). Bei diesem Parteitag kam es zu einer Spaltung in die zwei großen Fraktionen, die Bolschewiki und die Menschewiki. Viele Parteimitglieder betrachteten diese Spaltung als etwas Vorübergehendes und verstanden ihre Ursachen nicht ganz. So meinte beispielsweise Trotzki, das politische Zerwürfnis könne schließlich überwunden und die Partei wieder vereint werden.

Als Trotzki später die Atmosphäre in Russland am Vorabend von 1905 beschrieb, warf er einen Blick zurück auf den zweiten Parteitag. Er erinnerte an den berühmten Streik, der im November 1902 Rostow erschüttert hatte, und an die Julitage 1903, die den gesamten industriellen Süden ergriffen und die zukünftigen Aktionen des Proletariats angekündigt hatten.

Bereits während der Tagung des Parteikongresses war der ganze Süden Russlands von einer mächtigen Streikwelle erfasst. Bauernunruhen häuften sich. Die Universitäten waren in Gärung. Der russisch-japanische Krieg hatte für eine Weile die Bewegung aufgehalten; aber der militärische Zusammenbruch des Zarismus wurde bald zu einem gewaltigen Motor der Revolution. Die Presse wurde immer mutiger, terroristische Akte häuften sich, die Liberalen kamen in Bewegung, es begann die Bankettkampagne. Die grundlegenden Fragen der Revolution wurden akut.[4]

Ich werde in diesem Vortrag nicht lange auf den Terrorismus eingehen, will aber kurz erklären, was Trotzki mit »terroristischen Akten« meinte. Zwischen 1893 und 1917 haben Terroristen, die größtenteils aus der alten Volkstümler-Bewegung und Organisationen wie der Narodnaja Wolja (Der Volkswille) kamen und von denen sich später viele der Sozialrevolutionären Partei anschlossen, etwa 12.000 Beamte des zaristischen Regimes getötet. Es gab Attentate, bei denen ein Student oder junger Arbeiter auf einen Gouverneur, Polizeichef oder hohen Beamten zuging und ihn niederschoss. In anderen Fällen zündete der Täter eine Bombe und tötete das Opfer und sich selbst. Dabei wurden einige sehr prominente Figuren umgebracht. 1904 sprengte ein junger Sozialrevolutionär Innenminister Plehwe in die Luft, der die gesamten Aktivitäten der Polizei in Russland leitete. Der Onkel des Zaren erlag einem Attentat. Andere Vertreter des Regimes überlebten Attentate, darunter der notorische stellvertretende Innenminister Dimitri Trepow, doch sie lebten in permanenter Angst, ermordet zu werden. Die Bolschewistische Partei und die Menschewiki lehnten den individuellen Terrorismus als Taktik ab. Ihrer Ansicht nach konnte man den Zaren so nicht stürzen. War ein zaristischer Beamter umgebracht worden, wurde er durch einen anderen ersetzt, der vielleicht noch brutaler war. Aber in dem gesamten Zeitraum, den wir hier besprechen, war der Terrorismus ein weitverbreitetes Phänomen.

Trotzki erwähnt auch den Russisch-Japanischen Krieg, der im Februar 1904 ausgebrochen war. Die Ära der imperialistischen Kriege hatte spätestens 1898 mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg begonnen. Dazu gehörte auch der brutale Überfall der USA auf die Philippinen und der Burenkrieg in Südafrika (1899–1902), wo Großbritannien als imperialistischer Räuber wütete. Das Russische Reich wollte bei diesen imperialistischen Kriegen, die der Plünderung und territorialen Expansion dienten, nicht abseits stehen und hatte dabei Polen, die Türkei, Persien (Iran), China und Japan im Blick. Da sowohl Russland als auch Japan Ansprüche auf die Mandschurei, Korea und die weitere Aufteilung Chinas erhoben (bei der bereits Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die USA im Wettstreit miteinander lagen), wollte der Zar Japan im Krieg besiegen und hoffte auf leichte Beute.

Um eine Militärbasis für die Verwirklichung dieser Pläne zu bekommen, hatte Russland China 1895 gezwungen, Port Arthur zu verpachten. Es baute Port Arthur zu einer Festung und einem angeblich uneinnehmbaren Marinestützpunkt aus. Eine Eisenbahnlinie verband Port Arthur mit Harbin im Nordosten Chinas. Die transsibirische Eisenbahn war damals noch nicht fertiggestellt, und der Korridor über die Mandschurei war alles andere als gesichert.

Doch in den ersten Tagen des Krieges brachte die japanische Marine der russischen Flotte erhebliche Verluste bei. Nach einer über 300 Tage währenden Belagerung fiel Port Arthur an die Japaner. Der Großteil der russisch-pazifischen Flotte wurde im Hafen zerstört, und zwar nicht in einer Seeschlacht, sondern durch Beschuss von den umliegenden Hügeln.

Der Verlust von Port Arthur rief in Russland beträchtliche Unruhe hervor. Der Zar und sein Militär galten zunehmend als korrupt und inkompetent. In der Arbeiterklasse und sogar in einigen liberalen Kreisen breitete sich die Agitation gegen den Krieg aus.

Das nächste Ereignis, das zur Revolution von 1905 führte, erscheint auf den ersten Blick eher unbedeutend. Vier Arbeiter der Putilow-Werke, den Metallbetrieben am Stadtrand von St. Petersburg, wurden entlassen. Als die Verhandlungen über ihre Wiedereinstellung scheiterten, brach am 3. Januar 1905 ein Streik aus.

Wie der führende Menschewik Fjodor Dan später schrieb: »Niemand hätte erwarten können, dass dieser Streik, der sich selbst anfangs nur das bescheidene Ziel der Wiedereinstellung von vier Arbeitern setzte, die von der Fabrikleitung entlassen worden waren, innerhalb von nur etwa einer Woche die gesamte Hauptstadt erfassen und sich zu einer gigantischen politischen Bewegung des Petersburger Proletariats entwickeln würde.«[5]

Nach einer Woche, am Sonntag, den 9. Januar, fand eine Massendemonstration statt. Der Pope Gapon führte eine Prozession von 150.000 bis 200.000 Bittstellern an, unter ihnen viele Arbeiter, Studenten, Frauen und Kinder, die »Väterchen Zar« um Hilfe bitten wollten. Sie forderten unter anderem: Achtstundentag, Versammlungsfreiheit für Arbeiter und Land für die Bauern, Meinungs- und Pressefreiheit, Trennung von Kirche und Staat, ein Ende des Krieges und Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, um die Grundlagen für eine neue, parlamentarische Republik zu legen.

Als die Demonstration den Platz vor dem Winterpalast erreichte, wo der Zar residierte, wurde sie jedoch nicht von Zar Nikolaus II., sondern von Gewehrsalven der zaristischen Truppen und der Polizei empfangen. Die Demonstrationszüge kamen aus vielen Teilen der Stadt und liefen auf dem Platz vor dem Palast zusammen. Kosaken preschten in die Menge und metzelten mit ihren Säbeln zahlreiche Opfer nieder. Viele Menschen wurden erschossen. Es gibt keine genauen Zahlen, aber etwa 1.000 Personen wurden getötet und 2.000 oder mehr verwundet. Viele Leichen wurden weggeschleppt. Die Polizei warf sie in Massengräber. Die genauen Opferzahlen wurden nie festgestellt. Der 9. Januar ging als »Blutsonntag« in die Geschichte ein.

Das Massaker erschütterte ganz Russland. In vielen Industrieregionen traten Arbeiter in den Streik. Studenten besetzten viele Universitäten. Es gab eine Welle von riesigen Demonstrationen und Streiks in Georgien, Baku, Odessa, Iwanowo, Lodz (in Polen), Nischni Nowgorod, Sormowo und anderen Städten. Selbst in Militäreinheiten kam es zu Demonstrationen, die bis ins Frühjahr, den Sommer und den Herbst von 1905 andauerten, allerdings waren sie nicht sehr weit verbreitet.

Vertreter der bürgerlich-liberalen Intelligenz verurteilten den Zaren als Schlächter. Die Liberalen waren gegen den Absolutismus, doch mangelte es ihnen an der politischen Kraft oder am Willen, den Zaren zu stürzen.

In den kommenden Monaten schwoll die Streikwelle an und wieder ab. Von den vielen hundert Streiks ist einer besonders erwähnenswert. In Iwanowo, einer kleinen Stadt mit großen Textilfabriken rund 150 Meilen von Moskau entfernt, traten die Arbeiter in einen der längsten Streiks, der über hundert Tage dauerte. Im Laufe dieses Streiks, an dem sich Zehntausende Arbeiter beteiligten, entwickelte sich eine neue Organisationsform: der Sowjet oder Rat. Er wurde von den Arbeitern gewählt, um den Streik zu führen und alle Forderungen vorzutragen. Die meisten waren wirtschaftlicher Art, aber es gab auch Rufe nach dem Sturz des Zaren, der Einberufung einer Konstituierenden Versammlung und andere politische Forderungen. Die Arbeiter in Iwanowo konnten später die Ehre für sich beanspruchen, den ersten Sowjet Russlands gebildet zu haben, den ersten Arbeiterrat. Das ist so, doch eine weit bedeutendere Rolle spielte der Petersburger Sowjet, der im Oktober 1905 gegründet wurde.

Auch in anderen Teilen des Reiches kam es zu Massendemonstrationen, so in Lettland im Mai 1905.

Noch während des Streiks in Iwanowo trafen weitere schlechte Nachrichten von der Front ein. Der Zar glaubte immer noch, dass seine Marine die japanische Flotte schlagen könne. Doch da der Großteil der russischen Pazifikflotte vernichtet worden war, wurde im Oktober 1904 die Baltische Flotte angewiesen, nach Port Arthur zu fahren. Sie war von Oktober bis Mai unterwegs und legte eine Strecke von 33.000 Kilometern zurück. Unterwegs erreichte sie die Nachricht von der katastrophalen Schlacht bei Mukden (Februar–März 1905), in der die russische Armee 90.000 Soldaten verlor. Trotz der schlechten Moral an Bord fuhren die Schiffe weiter. Admiral Roschdestwenski sah sich gezwungen, mehrere Matrosen zu erhängen, die mit einer Meuterei die Umkehr erzwingen wollten. Sie wussten, dass sie zur Niederlage verurteilt waren, doch der Admiral befahl weiterzufahren und ließ mehrere Meuterer hinrichten.

Da das eigentliche Ziel, Port Arthur, mittlerweile gefallen war, mussten die Schiffe auf Wladiwostok im Norden Kurs nehmen. Als sie die Meerengen von Tsushima erreichten, einer Insel in der Nähe Japans, stießen sie auf die japanische Marine, die die Flotte vernichtete. Die Russen verloren acht Kampfschiffe, viele kleinere Boote und über 5.000 Matrosen. Von der gesamten Flotte blieben am Ende nur drei große Schiffe übrig. So wurde die russische Flotte am 27. und 28. Mai 1905 binnen weniger Stunden weitgehend ausgelöscht. Demgegenüber verloren die Japaner nur drei Torpedo-Boote und 116 Mann. Das war ein enormer Schock für große Teile der russischen Bevölkerung. Wie hatte es zu einer solchen Katastrophe kommen können?

Trotzki verfasste anlässlich der Katastrophe von Tsushima ein Flugblatt, das in St. Petersburg verteilt wurde. Hier einige Ausschnitte daraus:

Schluss mit der schändlichen Schlächterei!

Nach der Schlacht bei der Insel Tsushima existiert die russische Flotte nicht mehr. Die russischen Kampfschiffe sind schmählich zugrunde gegangen und haben Tausende unserer Brüder, Opfer der Verbrechen des Zarismus, mit sich auf den Grund des Pazifischen Ozeans gerissen … Die so teuer erkaufte russische Flotte ist nicht mehr. Jeder ihrer Masten, jeder Bolzen war das Blut und der Schweiß des arbeitenden Volkes. Jedes Kampfschiff ist das Ergebnis vieler Jahre Arbeit von Bauernfamilien. All dies ist nun weg, alles ist versunken in den Tiefen des Meeres: die unglücklichen Männer und der nutzlose Reichtum, den sie mit ihren Händen geschaffen haben …

Schluss mit der abscheulichen Schlächterei! Dieser Ruf, erhoben von politisch bewussten Arbeitern am allerersten Tage des Krieges, muss nun von allen Arbeitern, allen ehrlichen Bürgern fest unterstützt werden.

Nieder mit dem Schuldigen für diese schändliche Schlächterei – der zaristischen Regierung!

Nieder mit den blutigen Schlächtern!

Wir fordern Frieden und Freiheit![6]

Das nächste Ereignis, das große Wellen schlug, war im Juni 1905 die Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin in Odessa, die Sergej Eisenstein 1925 in einem Film verewigte. Während des gesamten Jahres 1905 blieb die Armee und Marine dem Zaren gegenüber loyal. Dass es nun auf einem der besten Schiffe der Schwarzmeer-Flotte zur Meuterei kam, provozierte in zaristischen Kreisen Ängste, andere Teile des Militärs könnten diesem Beispiel folgen. Die meisten Matrosen der Potemkin kamen ungeschoren davon, als das Schiff an den anderen der Flotte vorbei zum rumänischen Hafen Constanța fuhr.

Das nächste große Ereignis dieses revolutionären Jahres war der Generalstreik im Oktober, der weitgehend ungeplant ausbrach. Die Führer der Arbeiterparteien hatten einen großen Streik für Januar 1906 geplant, zum Jahrestag des Blutsonntags. Doch ein einfacher Streik in einer Druckerei in Moskau setzte die Ereignisse viel früher in Bewegung.

Trotzki beschreibt den Ablauf der Ereignisse in seinem Buch »Die Russische Revolution 1905« folgendermaßen:

Am 19. September streikten die Setzer in der Druckerei von Sytin in Moskau. Sie verlangten eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Arbeitslohnes für je 1.000 Buchstaben, die Interpunktionszeichen nicht ausgenommen; dieses geringfügige Ereignis eröffnete nicht mehr und nicht weniger als den allrussischen politischen Streik, denselben Streik, der, wegen Interpunktionszeichen entstanden, den Absolutismus zur Strecke brachte.[7]

Nun jagte ein Ereignis das nächste:

Am Abend des 24. September streikte man bereits in 50 Druckereien … Es streikten die Moskauer Bäckereiarbeiter …

Am 2. Oktober fassten die Petersburger Setzer den Beschluss, ihre Solidarität mit den Moskauer Kollegen durch einen dreitägigen Demonstrationsstreik zum Ausdruck zu bringen …

Eine Delegiertenversammlung der Druckerei-, Maschinenbau-, Tischlerei-, Tabak- und vieler anderer Arbeiter beschließt, einen allgemeinen Delegiertenrat aller Moskauer Arbeiter ins Leben zu rufen …

Der 7. Oktober brachte die Entscheidung … [Es] trat die Moskau-Kasan-Bahn in den Streik, [gefolgt von anderen Moskauer Bahnstrecken] …

Am 9. Oktober werden in einer außerordentlichen Sitzung des Petersburger Delegiertenkongresses der Eisenbahnangestellten die allgemeinen Losungen des Eisenbahnerstreikes formuliert und allen Eisenbahnlinien auf telegrafischem Wege mitgeteilt: Achtstundentag, bürgerliche Freiheiten, Amnestie [für politische Gefangene], Konstituierende Versammlung …

Über die ökonomischen Forderungen des Berufs erheben sich die revolutionären Forderungen der Klasse. Die engen beruflichen und lokalen Rahmen sprengend, fängt der Streik an, sich als Revolution zu fühlen – und das verleiht ihm eine ungeahnte Entschlossenheit …

Es streikte die gesamte Eisenbahnerarmee – eine Dreiviertelmillion Menschen![8]

Am 13. Oktober wurde der Petersburger Arbeiterdelegiertenrat (Sowjet) gebildet. Das Ausmaß des Streiks war atemberaubend. Praktisch jede große Stadt war lahmgelegt, die Eisenbahnen waren zum Erliegen gebracht, die Telegrafen- und Postämter befanden sich in den Händen der Arbeiter.

In anderen Teilen des Reiches fanden riesige Demonstrationen statt: Im Oktober in Warschau (Polen) und in Taschkent in Zentralasien (dem heutigen Usbekistan). Auch in Finnland gab es eine Massendemonstration. Alle drei Regionen widersetzten sich der Russifizierungspolitik des Zaren, die ich vorhin erwähnt habe. Doch dieser hielt wie immer an der offiziellen zaristischen Politik fest: »Selbstherrschaft, Nationalismus (großrussischer Chauvinismus) und Orthodoxie (Russisch-Orthodoxe Kirche)« – wenn nötig mithilfe des Bajonetts.

Mit dem Generalstreik stellte die Arbeiterklasse ihre enorme Macht unter Beweis. Aber wie konnte ein Streik zur Revolution führen? Wer konnte einen landesweiten Aufstand organisieren und leiten? Hier ist die Gründung des Petersburger Sowjets von entscheidender Bedeutung: Er verkörperte in Keimform eine künftige Arbeiterregierung.

Trotzki weist darauf hin, dass man einen Generalstreik nicht auf unbegrenzte Dauer fortführen kann. Wenn die Eisenbahnen lahmliegen, bewegt sich nichts. Wenn die Telegrafenämter geschlossen sind, gibt es keine Kommunikation. Bleiben die Bäckereien geschlossen, wird kein Brot gebacken. Wie lange können die Menschen das durchhalten? Ohne Brot, ohne Kommunikation, ohne sich von einer Stadt in die andere zu bewegen?

Trotzki beschrieb den Sowjet in seinem Buch »Die Russische Revolution 1905«:

Die Geschichte des Petersburger Delegiertenrates – das ist die Geschichte von 50 Tagen. Am 13. Oktober fand die konstituierende Versammlung des Rates statt und am 3. Dezember wurde die Sitzung des Rates durch Regierungstruppen gesprengt. An der ersten Sitzung nahmen nur einige Dutzend Personen teil. Mitte November stieg die Mitgliederzahl der Delegierten auf 562, darunter 6 Frauen.[9]

Was die Delegierten betrifft, so wurden alle Fabriken aufgerufen, einen Delegierten für 500 Arbeiter zu wählen. Diese Regel wurde nicht ganz streng befolgt. In einer großen Fabrik von, sagen wir, 20.000 Arbeitern gab es einen Vertreter für 500 Arbeiter. Arbeitete man in einer Fabrik mit 200 bis 300 Arbeitern und erreichte die Marke von 500 nicht, konnte man trotzdem einen Delegierten schicken. Trotzki fährt fort:

Sie vertraten insgesamt 147 Fabriken und Industrieetablissements, 34 Werkstätten und 16 Gewerkschaften. Das Hauptkontingent der Delegierten – 351 Personen – stellten die Metallarbeiter; sie spielten im Rat eine ausschlaggebende Rolle. Die Textilarbeiter hatten 57 Delegierte entsandt, die Druckerei- und Papierarbeiter 32, die Handelsangestellten 12, die Büroangestellten und die Pharmazeuten 7. Als Ministerium des Rates fungierte das Exekutivkomitee; es wurde am 30. Oktober im Bestande von 31 Mitgliedern gewählt, 22 davon waren Delegierte, die übrigen 9 gewählte Parteivertreter – 6 von den Sozialdemokraten, 3 von den Sozialrevolutionären …

Der Rat organisierte die Arbeitermassen, leitete ihre politischen Streiks und Demonstrationen, bewaffnete die Arbeiter, schützte die Bevölkerung vor Pogromen.[10]

Der Zar begann in dieser Zeit damit, seine reaktionären Kräfte zu mobilisieren und die Pogromspezialisten zu ermutigen, die Arbeiter anzugreifen.

Wenn einerseits die Arbeiter selbst und andererseits die reaktionäre Presse den Rat die »proletarische Regierung« nannten, so entsprach dies der Tatsache, dass der Rat in Wirklichkeit eine revolutionäre Regierung darstellte. Der Rat realisierte die Gewalt, soweit ihm durch die revolutionäre Macht der Arbeiter die Möglichkeit dazu gegeben wurde; er kämpfte unmittelbar um die Gewalt, soweit sie sich noch in den Händen der militärisch-polizeilichen Monarchie befand.[11]

In diesem Machtkampf musste jemand nachgeben. Die zaristischen Kräfte konnten den Sowjet unmöglich tolerieren. Am 17. Oktober veröffentlichte der Zar sein berühmtes (oder berüchtigtes) Manifest, das in den Augen der Adligen eine schockierende Kapitulation vor dem Generalstreik darstellte. Doch es war auch trügerisch.

Details

Seiten
292
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783886348374
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377467
Schlagworte
Revolution 1917 Plechanow Februarrevoltion Russland Bolschewiki Krieg Lenin Trotzki

Autor

  • Internationales Komitee der Vierten Internationale (Autor)

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Titel: Warum die Russische Revolution studieren