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Gab es eine Alternative? / Weltrevolution und Weltkrieg

Band 6

von Wadim S Rogowin (Autor) Hannelore Georgi (Übersetzung) Harald Schubärth (Übersetzung)

2001 0 Seiten

Leseprobe

Einführung

In diesem Buch werden politische Ereignisse beleuchtet, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der UdSSR und weltweit stattfanden.

Der erste Teil des Buches analysiert die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und geistig-ideologischen Prozesse in der UdSSR unmittelbar nach der großen Säuberung von 1936–1938, d.h. zu einem Zeitpunkt, als sich endgültig jene Gesellschaftsordnung herausgebildet hatte, die gewöhnlich als Stalinismus bezeichnet wird. Wir betrachten die Hauptbereiche des sozioökonomischen und des gesellschaftlich-politischen Lebens der UdSSR in den Vorkriegsjahren, erhalten so die Möglichkeit, die soziale Anatomie des stali­nistischen Regimes aufzuzeigen, und können die Merkmale, die mit Stalins Tod verschwanden, von jenen abgrenzen, die in etwas modifizierter Form in den darauf folgenden Jahrzehnten erhalten blieben und letztlich den Zerfall der UdSSR sowie die Restauration des Kapitalismus in den einstigen Unions­republiken bedingten.

Im zweiten Teil des Buches werden die internationalen politischen Ereignisse in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre untersucht. Ich möchte, ohne Wertungen dieser Ereignisse vorwegzunehmen, lediglich einige Gedanken über den Abschluss des sowjetisch-deutschen Vertrags äußern – ein Ereignis, das den weiteren Verlauf der Weltgeschichte für immer geprägt hat.

Bekanntermaßen gab es in der UdSSR bis zum Ende der achtziger Jahre ein strenges Tabu für jeden Versuch, die stalinistischen Wertungen des »Molotow-Ribbentrop-Paktes«, der eine grundlegende Wende in der sowjetischen Außenpolitik und der internationalen kommunistischen Bewegung bedeutete, zu revidieren. Die Situation schien sich 1989 zu ändern, als der I. Kongress der Volksdeputierten der UdSSR eine Kommission unter dem Vorsitz von Alexander Jakowlew bildete und diese beauftragte, eine politische und rechtliche Einschätzung des von Molotow und Ribbentrop am 23. August 1939 unterzeichneten Paktes vorzunehmen. Ein halbes Jahr später legte Jakowlew auf dem II. Kongress der Volksdeputierten die Ergebnisse der Kommission vor.

Wie in den vorangegangenen Bänden des Zyklus »Gab es eine Alternative zum Stalinismus in der UdSSR und der internationalen kommunistischen Bewegung?« polemisiere ich auch im vorliegenden Buch nicht direkt gegen die historischen Versionen und Mythen, die von früheren und heutigen Geschichtsfälschern konstruiert wurden. Eine Ausnahme mache ich bei dem genannten Vortrag Jakowlews, da es sich hier um ein gewissermaßen staatliches Dokument (die Hauptschlussfolgerungen wurden in einen vom damaligen höchsten Machtorgan der UdSSR gefassten Beschluss aufgenommen)und zugleich um das letzte Wort der sowjetischen Geschichtsschreibung handelte, noch dazu vom Hauptideologen der »Perestroika«.

Bei der Darlegung werden die gravierendsten Fehler, Erfindungen- und Verfälschungen aus Jakowlews Vortrag aufgezeigt. An dieser Stelle sei nur ein Beispiel genannt, das die »Methodologie« seiner Arbeit betrifft. Ohne eine klassenbezogene Analyse und soziale Wertung der wichtigsten historischen Ereignisse äußerte Jakowlew lediglich, bei der Unterzeichnung des Paktes seien »bestimmte Elemente tief im Innern des demokratischen Weltempfindens insgesamt« verletzt worden. Diese Verletzungen sah er im Zusammenhang damit, dass sich »die Vorkriegsereignisse in einem anderen Koordinatensystem (als heute – W.R.) entwickelten. Damals begriffen sich die Länder noch nicht als ein einheitlicher ›Menschheitsstrom‹; weder die gesamteuropäischen noch die weltweiten Ideale der Gerechtigkeit und des Humanismus hatten sich einen Weg in das gesellschaftliche und staatliche Bewusstsein gebahnt … Die Geschicke der Welt wurden durch separate Gruppen von Politikern und Politikastern entschieden, die ihre eigenen Ambitionen durchsetzen wollten und von den Massen isoliert waren.«[[1]]

All diese schwülstigen Phrasen sollten den Eindruck erwecken, dass die genannten negativen Tendenzen in den internationalen Beziehungen überwunden seien oder dass man zumindest dabei sei, sie im Zuge des von Gorbatschow und Jakowlew angestoßenen »neuen Denkens« zu überwinden. Heute können wir aufgrund der historischen Erfahrungen der neunziger Jahre mit Recht die folgenden Fragen aufwerfen: Von wem werden in unseren Tagen die »Geschicke der Welt« entschieden? Von welchen globalen oder regionalen »Idealen« wurden Fehdekriege wie im Kaukasus, in Tadschikistan oder in den nach dem Zerfall Jugoslawiens entstandenen Ländern inspiriert? Welches »Koordinatensystem« lag dem tschetschenischen Gemetzel zugrunde oder den Schüssen auf das russische Parlament, die von den führenden Repräsentanten der für »Demokratie« und einen »Rechtsstaat« eintretenden kapitalistischen Welt gebilligt wurden?

Unter Berücksichtigung aller historischen Erfahrungen unseres Jahrhunderts wird besonders deutlich, dass der Abschluss des sowjetisch-deutschen Paktes von 1939 eines der schlimmsten Verbrechen Stalins – und ein perfides politisches Komplott darstellte, das von zwei totalitären Diktaturen langfristig vorbereitet wurde. Im zweiten Teil des Buches zeige ich auf, wie die Pläne Stalins und Hitlers beiden der Unterzeichnung des Paktes vorausgehenden Geheimverhandlungen immer konkretere Konturen annahmen und wie die Verhandlungspartner nach und nach ihre Karten aufdeckten, indem sie von allgemeinen Formulierungen wie »Klärung der Beziehungen« zu einer offenen Darlegung ihrer Expansionspläne übergingen.

Die Vorbereitung des Paktes und sein Inhalt widerlegen anschaulich den Mythos von einer »ideologisierten« Außenpolitik Stalins, die angeblich den bolschewistischen Kurs auf eine internationale sozialistische Revolution fortsetzen würde. In Wirklichkeit ließ sich Stalin nicht von irgendwelchen ideologischen Motiven leiten, die sowieso niemals eine wesentliche Rolle in seiner Innen- und Außenpolitik spielten, sondern von rein geopolitischen Erwägungen. »Ideologisch« motiviert wurden die Verhandlungen, wie sich der Leser des vorliegenden Buches überzeugen kann, von nationalsozialistischen Politikern und Diplomaten, die mehrfach zu ihren sowjetischen Partnern sagten, dass Deutschland und die UdSSR als Staaten, die ihrem Geiste nach den westlichen Demokratien feindlich gegenüberstanden, »gemeinsame« Interessen hätten. Diese politische Demagogie verfolgte das Ziel, die Ähnlichkeit totalitärer Regime im Gegensatz zu »plutokratischen« Staaten zu betonen.

Eine sowjetisch-deutsche »Annäherung« war Stalins Ziel von dem Augenblick an, als Hitler an die Macht gelangte. Hitler fasste, seinen eigenen Worten zufolge, den »Entschluss, mit Stalin zu gehen«, im Herbst 1938.[[2]] Nicht unwichtig dafür war, dass er für die Persönlichkeit Stalins Begeisterung (siehe 18. Kapitel) und für die Oberhäupter der bürgerlich-demokratischen Staaten Verachtung empfand. »Die armseligen Würmer Daladier und Chamberlain habe ich in München erlebt. Sie werden zu feige sein anzugreifen«, sagte er am 22. August 1939 zu seinen Generälen.[[3]]

Natürlich war nicht nur der Wille zweier totalitärer Diktatoren ausschlaggebend für die Gruppierung der politischen Kräfte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das sowjetisch-deutsche Bündnis war möglich, weil im Mittelpunkt der damaligen Weltpolitik nicht die Widersprüche zwischen der UdSSR und ihrem kapitalistischen Umfeld standen, sondern die Widersprüche zwischen den kapitalistischen Hauptmächten, die durch die tiefe Krise des internationalen Kapitalismus in den dreißiger Jahren hervorgebracht worden waren. Die imperialistischen Widersprüche waren derart zugespitzt, dass sie die Bildung eines einheitlichen antisowjetischen Blocks der größten kapitalistischen Staaten ausschlossen.

Wie zahlreiche historische Dokumente belegen, drohte 1939, als Stalin seine endgültige Wahl zugunsten einer sowjetisch-deutschen Allianz getroffen und dadurch, nach Meinung von Historikern wie Jakowlew und Wolkogonow, den Überfall Deutschlands auf die UdSSR hinausgezögert hatte, der Sowjetunion keine unmittelbare Kriegsgefahr von deutscher Seite. Die politische und militärische Führung Deutschlands fühlte sich nicht auf einen Krieg gegen die UdSSR vorbereitet und hatte zu jener Zeit nicht einmal Pläne für einen solchen Krieg ausgearbeitet.

Die meisten in der Sowjetunion und im Ausland veröffentlichten Arbeiten über die Ursachen des Zweiten Weltkriegs konzentrieren sich auf die Pläne und Taten eines engen Kreises von Politikern und Diplomaten. Die Ereignisse in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung der dreißiger Jahre werden quasi ausgeklammert. Die Untersuchungen bürgerlicher Historiker ignorieren in der Regel die Arbeiten Trotzkis, in denen Gedanken über den sozialen Inhalt des heraufgezogenen und inzwischen begonnenen Krieges enthalten waren. Genauso wenig lassen sich in der bürgerlichen und erst recht in der sowjetischen Geschichtsschreibung Arbeiten finden, in denen bei der Analyse der politischen Ereignisse jener Jahre der permanente Kampf zwischen Stalin und der stalinisierten Komintern einerseits sowie Trotzki und der trotzkistischen Bewegung andererseits berücksichtigt wird. Im dritten Teil des vorliegenden Buches habe ich mir die Aufgabe gestellt, diese Lücke zu füllen und die enge Verbindung zwischen der stalinschen Innenpolitik, den in der diplomatischen Arena ablaufenden Ereignissen und dem in allen Teilen der Welt stattfindenden Kampf zwischen Stalinismus und Trotzkismus aufzuzeigen.

Ein nachdenkender und unvoreingenommener Leser, der das vorliegende Buch aufmerksam durchgearbeitet hat, wird die Bedeutung der im Titel benannten globalen historischen Alternative sicherlich richtig einschätzen können.

Anmerkungen im Originaltext

1 Pravda, 24.12.1989.

2 Ansprache Hitlers vor den Oberbefehlshabern, 22. August 1939. – In: Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918–1945 [im Weiteren: ADAP], Serie D, Band VII, Baden-Baden, 1956, S. 171.

3 Ebenda.

1. KAPITEL:
Die Wirtschaft

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre war die sozioökonomische Situation der UdSSR günstiger als im Jahrfünft zuvor. Während die realen Ergebnisse des ersten Fünfjahrplans weit unter den geplanten Kennziffern gelegen hatten, wurde im zweiten Fünfjahrplan in den Hauptpositionen eine annähernde Deckung erreicht. Der zweite Fünfjahrplan wurde übererfüllt bei der Produktion von Stahl, Traktoren und Lederschuhen, zu 84–95% erfüllt bei der Erzeugung von Elektroenergie, Gusseisen und Weißzucker. Nicht erreicht wurden die Planzahlen bei der Erzeugung von Kohle (72%), Papier (69%) und Getreide (76%). Die niedrigsten Ergebnisse erreichte man bei der Erzeugung von Zement (49% des Plans), Baumwollstoffen (34%), Erdöl (25%) und Güterwaggons (22%).[[1]]

Die Steigerung bei der Herstellung der wichtigsten Industriegüter während der ersten Fünfjahrpläne verdeutlichen die folgenden Zahlen.[[2]]

Eine besonders starke Entwicklung in den Jahren 1928–1940 nahmen die Energiewirtschaft und die Metallurgie. Auch entstanden eine ganze Reihe neuer Zweige: Flugzeugindustrie, Automobilindustrie, Aluminiumindustrie, die Herstellung von technischen Lagern, Traktoren- und Panzerbau. Im Entwicklungstempo der Industrie lag die UdSSR in jenen Jahren weit vor den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, die sich lange Zeit nicht von den Folgen der Weltwirtschaftskrise erholen konnten. 1937 betrug der Umfang der Industrieproduktion in der UdSSR 429% im Vergleich zu 1929, während es in den kapitalistischen Ländern nur 104% waren (USA 103%, England 124%, Italien 99%, Frankreich 82%).[[3]] Der Anteil der UdSSR an der Weltindustrieproduktion erreichte fast 10%. Nach dem Umfang der Industrieproduktion stieß die UdSSR an die erste Stelle in Europa vor und an die zweite in der Welt.

Weniger erfreulich sah es in der Landwirtschaft aus. In Geld ausgedrückt, lag die landwirtschaftliche Bruttoproduktion in den letzten Vorkriegsjahren nur 5% über den entsprechenden Kennziffern vom Ende der zwanziger Jahre. Dies wurde hauptsächlich durch eine erfolgreichere Entwicklung bei den gewerblichen Nutzpflanzen erreicht. Was hingegen diejenigen Bereiche betrifft, die das Land mit Lebensmitteln versorgen sollten, so sah es hier schlechter aus als Ende der zwanziger Jahre – und das bei einem Bevölkerungszuwachs von 20–25% Anfang der vierziger Jahre im Vergleich zur zweiten Hälfte der zwanziger Jahre. Die jährliche Pro-Kopf-Erzeugung von Getreide und tierischen Produkten lag Ende der dreißiger Jahre bei 85–90% des Jahresdurchschnitts während der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP).[[4]]

Sogar in absoluten Zahlen ausgedrückt, blieb die Getreideproduktion im zweiten Planjahrfünft hinter dem ersten zurück (4,556 Milliarden im Vergleich zu 4,6 Milliarden Pud[*]). Obwohl das Jahr 1937 hinsichtlich des Wetters und des Ernteertrags das günstigste in der gesamten Vorkriegszeit war, lag der mittlere Getreideertrag in den Jahren 1933–1937 unter dem der Jahre 1922–1928.[[5]]

Von 1938 bis 1940 stieg der durchschnittliche Jahresertrag des zur Lagerung bestimmten Getreides leicht an. Die besten Werte in diesem Zeitraum erreichte man 1940 (5,83 Mrd. Pud). Doch auch dies lag nur knapp über dem Ergebnis von 1913, als 5,253 Mrd. Pud Getreide erzeugt wurden.[[6]]

Noch komplizierter war die Situation in der Viehzucht. Zu Beginn der vierziger Jahre hatte dieser Bereich die in den Jahren der Kollektivierung durch die Massenschlachtungen von Vieh hervorgerufenen Verluste noch nicht wieder ausgeglichen. Der Bestand an Rindern, der in den Jahren 1929–1933 auf etwa die Hälfte (um 33 Millionen Rinder) gesunken war, erreichte zu Beginn des Jahres 1941 54,5 Millionen: 3,7 Millionen weniger als am 1. Januar 1929.[[7]] Die jährliche Pro-Kopf-Erzeugung bei Fleisch schwankte in den Jahren 1936–1940 zwischen 20 und 30kg, während sie Ende der zwanziger Jahre bei über 30kg gelegen hatte.[[8]]

Das Nationaleinkommen der UdSSR stieg nach offiziellen Angaben im Zeitraum 1928–1940 auf etwas mehr als das Fünffache, die Gesamtproduktion der Industrie auf das Sechseinhalbfache.[[9]] Einige russische Wirtschaftsfachleute von heute halten diese Zahlen für überhöht. Das könnte durchaus sein, denn die Angaben zur Erfüllung der Fünfjahrpläne erfolgten häufig nicht in Naturalkennziffern, sondern in Prozenten oder in Wertkennziffern, ohne Einbeziehung der Steigerung der Industriepreise. Jedoch auch nach den von Spezialisten der CIA in den USA (offensichtlich mit genaueren Methoden) angestellten Berechnungen stieg das Bruttosozialprodukt in der UdSSR im Zeitraum 1928–1940 jährlich durchschnittlich um 6,1%, was weit über den entsprechenden Kennziffern in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern lag.[[10]]

Dennoch war selbst in den modernisierten oder neu geschaffenen Zweigen der Schwer- und Rüstungsindustrie der UdSSR die Arbeitsproduktivität deutlich niedriger als in den USA und den Ländern Westeuropas, obwohl die technische Ausstattung aufgrund neuester Importtechnik der amerikanischen oder westeuropäischen kaum nachstand.

Selbst im zweiten, dem in den wichtigsten ökonomischen Kennziffern günstigsten Planjahrfünft, traten schwerwiegende Disproportionen beider Entwicklung der einzelnen Volkswirtschaftszweige auf. So stieg die durchschnittliche Zuwachsrate in der Stahlerzeugung von 8,2% im ersten Fünfjahreszeitraum auf 24,6% im zweiten, während sie bei der Zementproduktion von 17,1% auf 9,4% sank.[[11]]

Die größte Zuwachsrate erreichte die Industrieproduktion im Jahre 1936. In den darauffolgenden zwei Jahren fiel sie auf weniger als die Hälfte zurück. Noch stärker sank in diesen Jahren die Arbeitsproduktivität.

Im Zeitraum 1939/40 ging die Produktion der wichtigsten Industrieerzeugnisse zurück. 1939 sank im Vergleich zu 1938 die Erzeugung von Stahl, Gusseisen und Walzstahl. 1940 verringerte sich im Vergleich zu1939 die Automobilherstellung um 28% und die Traktorenherstellung um 25%.[[12]] Eine Hauptursache für den Wirtschaftsrückgang waren die Folgen der Massenrepressalien, von denen ein Großteil der Ingenieure und des Leitungspersonals in der Industrie betroffen war. 1940 waren im Hüttenwerk Makejewska insgesamt nur zwei Diplomingenieure und 31 Technikerverblieben, im riesigen Kombinat von Magnitogorsk acht Ingenieure und 66 Techniker. Alle übrigen Diplomspezialisten waren verhaftet worden und mussten durch Nichtfachleute ersetzt werden.[[13]] Infolge des Mangels an qualifizierten Fachleuten war die Fluktuation groß. 1940 hatten beispielsweise von 153 Leitern großer Abteilungen in der Hüttenindustrie 75 weniger als ein Jahr in dieser Funktion gearbeitet.[[14]] Dass unerfahrene und häufig auch nicht dafür ausgebildete Leute die Leitung von Industriebetrieben übernahmen, musste sich natürlich äußerst ungünstig auf die Stabilität und die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung auswirken.

Über die Haupttendenzen bei der Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft schrieb Leo Trotzki, dass die Haupterrungenschaft der Oktoberrevolution – die Nationalisierung des Eigentums an den Produktionsmitteln – ihre fortschrittliche Bedeutung wahre, da mit Hilfe der Planwirtschaft eine schnelle Entwicklung der Produktivkräfte – der Hauptfaktor der menschlichen Kultur – erreicht werden könne. Zwar verdiene die offizielle Statistik der UdSSR kein Vertrauen, da sie systematisch die Erfolge übertreibe und Misserfolge verheimliche. Dennoch könne man unmöglich leugnen, dass sich die Produktivkräfte in der Sowjetunion in einem solchen Tempo entwickelten, wie es bisher kein anderes Land der Welt gekannt habe. Dies festige das ökonomische Fundament des Sozialismus, den man nicht auf Rückständigkeit und Armut errichten könne.[[15]]

Somit hatte das Land in den 20 Jahren nach der Oktoberrevolution bei den technischen Vorbedingungen für den Sozialismus einen gewaltigen Schritt nach vorn getan. Dies war jedoch am wenigsten ein Verdienst der Bürokratie, die sich in einen beträchtlichen Hemmschuh für die Entwicklung der Produktivkräfte verwandelt hatte. Sie hatte die Demokratie im Partei, Staats und Wirtschaftsleben erstickt. Die Demokratie ist aber nicht irgendein abstraktes Prinzip, unbedeutend für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern der einzig mögliche Mechanismus zur erfolgreichen Entwicklung eines wahrhaft sozialistischen Wirtschaftssystems. Nur durch demokratische Diskussionen, durch die freie Erörterung unterschiedlicher wirtschaftlicher Alternativen kann man die effizientesten Wege einer Planwirtschaft bestimmen. Außerdemmuss« die sozialistische Wirtschaft … ihrem Wesen nach von den Interessen der Produzenten und den Bedürfnissen der Konsumenten geleitet werden. Diese Interessen und Bedürfnisse können ihren Ausdruck nur in einer hoch entwickelten Demokratie von Produzenten und Konsumenten finden«.[[16]] Die regierende Kaste der UdSSR könne, so Trotzki, eine solche Demokratie nicht zulassen, und zwar aus dem einfachen Grunde nicht, weil sie die einen wie die anderen unerbittlich ausraube. So bestimme also die Verteilung des Nationaleinkommens den Charakter des politischen Regimes, das seinerseits die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hemme.

[*] 1 Pud = 16, 38kg – d.Ü.

Anmerkungen im Originaltext

1 Nauka i izn’, 4/1989, S. 42.

2 Quelle: Narodnoe chozjajstvo SSSR v 1969g., S. 235–237; Narodnoe chozjajstvo SSSR v 1972g., S. 96–99, 170–175.

3 XX sezd Kommunistièeskoj partii Sovetskogo Sojuza. Stenografièeskij otèet. T.I. Moskva 1956, S. 11.

4 L.A. Gordon/Ë.V. Klopov: Èto ëto bylo? Razmy-Šlenija o predposylkach i itogach togo, èto sluèilos’ s nami v 3040e gody. Moskva 1989, S. 76.

5 Sel’skoe chozjajstvo SSSR. Statistièeskij sbornik. Moskva 1960, S. 196.

6 Istorièeskij archiv, 2/1994, S. 27.

7 Nauka i izn’, 4/1989, S. 42.

8 L.A. Gordon/Ë.V. Klopov: Èto ëto bylo?, S. 106.

9 Strana Sovetov za 50 let. Sbornik statistièeskich materialov. Moskva 1967, S. 29.

10 Al’ternativy, 4/1995, S. 27.

11 Nauka i izn’, 4/1989, S. 41.

12 Alexander Nekritsch/Pjotr Grigorenko: Genickschuss. Die Rote Armee am 22. Juni 1941, Wien 1969, S. 85.

13 V. Danilov: Fenomen pervych pjatiletok. – Gorizont, 5/1988, S. 36.

14 Voprosy istorii KPSS, 11/1964, S. 73.

15 Leo Trotzki: Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur. Band 1.2 (1936–1940), Hamburg 1988, S. 1134–1135.

16 Ebenda, S. 1135.

2. KAPITEL:
Der achtzehnte Parteitag der KPdSU (B) über die wirtschaftliche Hauptaufgabe der UdSSR

Trotzki warnte davor, dass die in der Zeit der Einführung kapitalistischer Technik in der UdSSR erreichte hohe Zuwachsrate in der Industrie unweigerlich sinke, wenn die bisherigen Methoden der Wirtschaftsleitung beibehalten würden. »Gigantische Fabriken nach fertigen westlichen Mustern kann man auch auf bürokratisches Kommando errichten, freilich dreimal so teuer. Aber je weiter der Weg geht, umso mehr läuft die Wirtschaft auf das Problem der Qualität hinaus, die der Bürokratie wie ein Schatten entgleitet. Die Sowjetproduktion scheint wie von einem grauen Stempel der Gleichgültigkeit gezeichnet. In einer nationalisierten Wirtschaft setzt Qualität Demokratie für Erzeuger und Verbraucher, Kritik und Initiativfreiheit voraus, d.h. Bedingungen, die mit einem totalitären Regime von Angst, Lüge und Kriecherei unvereinbar sind.«[[1]]

Ein qualitativer Fortschritt in der Wirtschaft ist undenkbar ohne selbstständiges technisches und kulturelles Schaffen, was bei einer bürokratischen Wirtschaftsverwaltung jedoch nicht möglich ist. Deren Geschwüre spürt man weniger in der Schwerindustrie, dafür aber zerfressen sie die Zweige, die unmittelbar die Bedürfnisse der Bevölkerung bedienen, und bereiten ein allgemeines Absinken des Tempos beim Wirtschaftswachstum vor.

Die Bürokratie, berauscht von den Erfolgen in der Industrie, hoffte jedoch, das erreichte Tempo auch in Zukunft bei zu behalten und sogar noch zu steigern. Auf dieser Grundlage wollte sie die ökonomische Hauptaufgabe der UdSSR lösen – die Überwindung des technisch-ökonomischen Rückstands gegenüber den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, d.h. des Rückstands bei der Pro-Kopf-Erzeugung von wichtigen Erzeugnissen der Industrie und Landwirtschaft.

Bereits der sechzehnte Parteitag (1930) stellte die Aufgabe, »in kürzester historischer Zeit die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder in technischökonomischer Hinsicht einzuholen und zu überholen«.[[2]] Im Bericht an den VI. Sowjetkongress (März 1931) konkretisierte Molotow den Begriff »kürzeste historische Zeit« und verkündete, die UdSSR müsse die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder innerhalb der nächsten zehn Jahre einholen und überholen.[[3]]

Die Stalinisten waren überzeugt, dass die Lösung dieser Aufgabe möglich wäre, zum Ersten, weil sich in den kapitalistischen Ländern die Produktivkräfte während der dreißiger Jahre nur langsam entwickelten und in einzelnen Jahren gar ein erheblicher Rückgang der Produktion zu verzeichnen war. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise 1929–1933 sank das Bruttosozialprodukt in den USA um ein Drittel und erreichte in den darauf folgenden Jahren kaum den Stand von 1929.[[4]] Ab Herbst 1937 wurden die reichsten kapitalistischen Länder von einer neuen Wirtschaftskrise erfasst. In den USA sank bis Ende 1937 die Industrieproduktion um ein Drittel. In Frankreich verringerte sich die Industrieproduktion in der zweiten Hälfte des Jahres 1937 auf 70% des Standes von 1929.[[5]]

Zum Zweiten verringerten die Wirtschaftserfolge der UdSSR den Abstand zwischen der Sowjetunion und den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern beim absoluten Umfang der Industrieproduktion beachtlich.

Die Tabelle zeigt einen Vergleich zwischen der UdSSR und den größten kapitalistischen Ländern bei der Herstellung einiger Industriegüter.[[6]]

Zu Beginn der vierziger Jahre hatte die Sowjetunion den absoluten Rückstand gegenüber den größten Staaten Westeuropas bei der Herstellung der wichtigsten Industriegüter überwunden. Bei der Erzeugung von Elektroenergie, Brennstoffen, Stahl und Zement übertraf sie 1940 die entsprechenden Kennziffern Deutschlands, Englands und Frankreichs bzw. rückte ganz dicht auf. Vom absoluten Umfang her wurden nur in den USA wesentlich mehr Industriegüter erzeugt als in der UdSSR.

Völlig anders dagegen sahen die Relationen zwischen der UdSSR und den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern aus, stellt man bei den gleichen Industriegütern die Pro-Kopf-Erzeugung gegenüber.

Vergleich zwischen der UdSSR und den kapitalistischen Ländern bei der Pro-Kopf-Erzeugung einiger Industriegüter (1937)[[7]]

Aus dieser Tabelle wird ersichtlich, dass die Pro-Kopf-Produktion wichtiger Industriegüter in der UdSSR nur ein Fünftel bis zwei Drittel dessen betrug, was die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder erreichten.

Stalin und seine Helfershelfer hielten es jedoch weiterhin für möglich, alle kapitalistischen Länder einzuholen und zu überholen (wiederum in »kürzester historischer Zeit«, wenngleich diese Zeit auch die folgenden zehn Jahre umfasste), wobei er die für das kapitalistische System charakteristischen Konjunkturschwankungen außer Acht ließ und sich an den höchsten Kennziffern orientierte, die irgendwann einmal von einem kapitalistischen Land erreicht worden waren. In seinem Bericht an den achtzehnten Parteitag merkte Stalin speziell an, dass man bei der Lösung der ökonomischen Hauptaufgabe der UdSSR nicht den Stand des Krisenjahres 1938 im Auge haben dürfe, als die USA insgesamt nur 18,8 Millionen Tonnen Gusseisen produzierten, sondern den Stand von 1929, als in den USA etwa 43 Millionen Tonnen Gusseisen gewonnen wurden. Deshalb orientierte er die sowjetische Wirtschaft auf die Erzeugung von jährlich 50–60 Millionen Tonnen Gusseisen, was das Dreieinhalb- bis Vierfache der Plankennziffer von 1940 bedeutete.[[8]]

In der Entschließung des Parteitags hieß es: »Jetzt können und müssen wir in der Praxis die ökonomische Hauptaufgabe der UdSSR stellen und lösen: auch in ökonomischer Hinsicht die am weitesten entwickelten Länder Europas und die Vereinigten Staaten von Amerika einholen und überholen und diese Aufgabe binnen nächster Zeit lösen.«[[9]] Zur Konkretisierung dieser Orientierung beauftragte der Rat der Volkskommissare Anfang 1941 die Staatliche Planungskommission, einen 15 Jahre umfassenden Generalplan zur Entwicklung der UdSSR mit verbindlichen staatlichen Plankennziffern aufzustellen, die es ermöglichen sollten, am Ende dieses Zeitraums »die wichtigsten kapitalistischen Länder bei der Pro-Kopf-Erzeugung von Roheisen, Stahl, Brennstoffen, Elektroenergie, Maschinen und anderen Produktionsmitteln sowie Konsumgütern zu überholen«.[[10]]

Ein weiteres Mal kam Stalin in seiner Rede vor Wählern im Februar 1946 auf die Lösung der ökonomischen Hauptaufgabe zu sprechen, als er für einige Industriegüter die Kennziffern nannte, die man in den nächsten 10 bis 15 Jahren erreichen müsse, um die führenden kapitalistischen Länder einzuholen und zu überholen. Und schließlich wurde dieses Thema weitere 15 Jahre später, auf dem zweiundzwanzigsten Parteitag der KPdSU, vorgebracht, als Chrustschow neue Planzahlen nannte, deren Erreichen 1980 ein Überholen der USA in der Wirtschaftsentwicklung möglich machen würde.

Alle diese unqualifiziert aufgestellten Berechnungen extrapolierten auf die Zukunft das relativ hohe Entwicklungstempo der UdSSR in bestimmten Zeiträumen und das relativ niedrige Entwicklungstempo der kapitalistischen Länder – ebenfalls während einzelner Zeiträume. Darüber hinaus ignorierten sie die von Trotzki bereits in den dreißiger Jahren aufgezeigten chronischen Krankheiten der sowjetischen Volkswirtschaft, die unvermeidlich zum Rückgang des Wirtschaftswachstums führen mussten.

Anmerkungen im Originaltext

1 Leo Trotzki: Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie?, Essen 1997, S. 297.

2 KPSS v rezoljucijach i rešenijach sezdov, konferencij i plenumov CK. Izd. 9, T. 4, S. 409.

3 Izvestija, 10.3.1931.

4 Al’ternativy, 4/1995, S. 28.

5 Weltgeschichte in zehn Bänden, Band 9, Berlin 1967, S. 392, 446.

6 Znanie – sila, 3/1988, S. 4.

7 Narodnoe chozjajstvo SSSR v 1960g. Moskva 1961, S. 188–189.

8 J. Stalin: Fragen des Leninismus, Berlin 1951, S. 696–697.

9 XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov). Stenografièeskij otèet. Moskva 1939, S. 18.

10 Pravda, 22.2.1941.

3. KAPITEL:
Die soziale Zusammensetzung und das Lebensniveau der sowjetischen Bevölkerung

Im Jahrzehnt vor dem Krieg änderte sich die soziale Zusammensetzung der sowjetischen Bevölkerung grundlegend. Dies kam vor allem im zahlenmäßigen Wachstum der Arbeiterklasse zum Ausdruck. Die Gesamtzahl der Arbeiter stieg von acht bis neun Millionen im Jahr 1928 auf 23 bis 24 Millionen im Jahr 1940, die Zahl der Industriearbeiter entsprechend von vier auf zehn Millionen.[[1]] Arbeiter und Angestellte (in diese Kategorie fielen auch die Angehörigen der Sowchosen) bildeten Ende der dreißiger Jahre mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung.

Im Zeitraum 1928–1940 verdoppelte sich die Zahl der Städter nahezu. Diese Zunahme war vor allem dadurch bedingt, dass der Bau neuer Industriebetriebe forciert wurde und die Bevölkerung vom Land in die Städte zog. In den dreißiger Jahren wurden aus der Landwirtschaft etwa 15 bis20 Millionen Menschen freigesetzt. Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten sank von 80% der arbeitenden Bevölkerung im Jahre 1928 auf 54% im Jahre 1940.[[2]]

Ein schnelles zahlenmäßiges Wachstum war bei der Intelligenz zu verzeichnen, besonders bei der ingenieurtechnischen. Die Zahl der in der Volkswirtschaft tätigen Spezialisten stieg von 0,5 Millionen im Jahre 1928 auf etwa 2,5 Millionen im Jahre 1940.[[3]]

Dabei verschlechterten sich allerdings die qualitativen Eigenschaften der Intelligenz, besonders die der »oberen« Schichten. Wie der deutsche Historiker Rauch feststellte, wurden in den dreißiger Jahren die allseitig gebildeten Angehörigen der Intelligenz und echten Volkstribune abgelöst durch wortkarge, rüde Organisatoren und Bürokraten. Im Unterschied zum Westen wurde nicht der Jurist oder Wirtschaftsfachmann zum typischen Vertreter im Bereich der Verwaltung, sondern der Ingenieur (bzw. jemand mit einer ingenieurtechnischen Ausbildung).

Symptome für eine Verbürgerlichung der Sowjetgesellschaft sah Rauch in der verstärkten Differenzierung innerhalb der sozialen Gruppe der Angestellten und insbesondere innerhalb der Offiziere – infolge der Einführung von Diensträngen, Uniformen und anderer Unterscheidungsmerkmale. Die neue Hierarchiestruktur brachte neue soziale Barrieren hervor, die in der Armee besonders zu spüren waren.[[4]]

Mitte der dreißiger Jahre wurden der Arbeiterklasse ihre Vergünstigungen im Bildungsbereich entzogen (bevorzugte Berücksichtigung bei der Immatrikulation an einer Hochschule). Diese Tendenz erreichte 1940 ihren Höhepunkt, als eine Gebühr für den Unterricht in den oberen Klassen der Mittelschule und in der Hochschule eingeführt wurde. Diese Maßnahme ließ den Bildungsstand der Arbeiterklasse langsamer wachsen und war der Beginn für die Reproduktion der Intelligenz aus sich heraus.

Der größte Teil der Arbeiter und Angestellten lebte weiterhin unter äußerst schweren Lebensbedingungen. Ihr Realeinkommen sank durch die inflationären Tendenzen, wie sie für die Zeit der forcierten Industrialisierung charakteristisch waren. ImZeitraum1928–1940 stiegen zwar sowohl die Preise als auch die Löhne, das Wachstum der Preise lag jedoch über dem der Löhne. Insgesamt betrugen die staatlichen Einzelhandelspreise im Jahre 1940 das Sechs- bis Siebenfache im Vergleich zu 1928, während der durchschnittliche Nominallohn der Arbeiter und Angestellten im gleichen Zeitraum nur auf das Fünf- bis Sechsfache stieg und 1940 300 bis 350 Rubel betrug.[[5]] Die Kaufkraft des Arbeitslohns war in den dreißiger Jahren also geringer als in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre.

Eine andere Kennziffer für den Rückgang des Lebensniveaus der Arbeiter und Angestellten war die Verschlechterung ihrer Wohnbedingungen. Die Gesamtfläche (Nutzfläche) an Wohnraum in den Städten und Siedlungen mit städtischem Charakter stieg von180 Millionen qm im Jahre 1913 auf 421 Millionen qm im Jahre 1940. Im gleichen Zeitraum wuchs die Einwohnerzahl in den Städten und Siedlungen mit städtischem Charakter von 28 Millionen auf 63 Millionen, d.h. etwa genauso schnell wie der Wohnraum. Im Ergebnis dessen entfielen 1940 auf jeden Städter etwas mehr als 6qm Nutzfläche und etwa 5qm Wohnfläche, d.h. annähernd genauso viel wie vor der Revolution und zwei Drittel im Vergleich zu Mitte der zwanziger Jahre.[[6]]

Noch niedriger war das Lebensniveau in den Dörfern, die Ende der dreißiger Jahre immer noch einen größeren Beitrag zum Nationaleinkommen leisteten als die Industrie.[[7]] Infolge der administrativen Maßnahmen zur Umverteilung von Mitteln aus den Dörfern in die Städte stieg das Marktaufkommen der Landwirtschaft beträchtlich. Der Anteil des Getreides, das außerhalb des Dorfes verwendet wurde, stieg von 15% im Jahre 1928 auf 40% im Jahre 1940, d.h. fast auf das 2,7-fache, während die Landbevölkerung nicht in der gleichen Proportion abnahm.[[8]] Somit hatte das ungelöste Lebensmittelproblem die ungünstigsten Auswirkungen auf die Lage der Dorfbewohner, die Ende der dreißiger Jahre mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes ausmachten.

1940 betrug selbst bei den Kolchosbauern, die im ganzen Jahr nichteinen einzigen Arbeitstag versäumten, die Entlohnung kaum 50 Rubel im Monat, und fügt man den Naturalienlohn hinzu, knapp über 100 Rubel. Die Einnahmen aus der individuellen Nebenwirtschaft lagen 20–30% über denen aus der Arbeit im Kolchos. Somit betrug das durchschnittliche Arbeitsentgelt für einen vollbeschäftigten Kolchosbauern also 200 Rubel.[[9]]

Anmerkungen im Originaltext

1 L.A. Gordon/Ë.V. Klopov: Èto ëto bylo?, S. 63.

2 Trud v SSSR. Moskva 1968, S. 20.

3 Narodnoe chozjajstvo SSSR. Statistièeskij sbornik. Moskva 1956, S. 193.

4 G. von Rauch: Wandlungen der sowjetischen Gesellschaftsstruktur. – In: »Geschichte«. H. 2, Stuttgart 1967, S. 641, 643.

5 L.A. Gordon/Ë.V. Klopov: Èto ëto bylo?, S. 98–99.

6 Ebenda, S. 110.

7 Istorija SSSR, 4/1990, S. 24.

8 L.A. Gordon/Ë.V. Klopov: Èto ëto bylo?, S. 80.

9 Ebenda, S. 100.

4. KAPITEL:
Stalinismus und Bauernschaft

Nachdem die Bürokratie 1934 die Bauernschaft nach faktisch sechs Jahren Bürgerkrieg auf dem Lande unterworfen hatte, setzte sie ihren beharrlichen Kampf gegen die Bauern fort, in dem sie ihnen einerseits gewisse Zugeständnisse machte und ihnen andererseits bereits gewährte Vergünstigungen versagte. Die Zeit der »Zugeständnisse« entfiel auf die Jahre 1937/38, als das ZK einige Beschlüsse über »Fehler« verabschiedet hatte, die von der Partei und Staatsführung der Gebiete Kalinin, Leningrad, Orenburg u. a. gegenüber den Kolchos- und Einzelbauern begangen worden waren. Diese Beschlüsse erwähnten »das große Ausmaß von Austritten und Ausschlüssen aus Kolchosen«; »Willkürmaßnahmen gegenüber Einzelbauern, die die Bauern in Zorn versetzt und in ihnen Aversionen gegen die Kolchosen geweckt haben«; die in vielen Kolchosen praktizierte Reduzierung des Hoflandes[*] auf eine Größe unterhalb der festgesetzten Norm; die Streichung der Möglichkeit für viele Bauern, Holz zu kaufen; die Aufstellung von Planvorgaben für die Aussaat, die mit den vorhandenen Bodenressourcen nicht zu schaffen waren, u.a.m. Alle diese Erscheinungen erklärte man mit bewusster Schädlingstätigkeit seitens ehemaliger Verantwortlicher der Partei und Staatsführung in den Regionen und Gebieten, die das Ziel verfolgt hätten, einen »verwahrlosten Zustand« der Landwirtschaft herbeizuführen.

Zur »Beseitigung der Folgen des Schädlingstums bei der Einrichtung der Kolchosen« und als »Hilfe für die Kolchosbauern« sahen die ZK-Beschlüsse vor, die Fläche des Hoflandes zu vergrößern und die Aussaatverpflichtungen für die Kolchosen etlicher Gebiete zu reduzieren. Parallel dazu wurde den Kolchos und Einzelbauern erlaubt, ihr Vieh ungehindert in den Wäldern weiden zu lassen, den Kolchosen einiger Gebiete wurden ihre Schulden bei der Rückzahlung ihrer für den Kauf von Getreide bestimmten Darlehen erlassen, und die Kolchosbauern wurden von ihren seit 1934 ausstehenden Strafzahlungen entbunden.

Gleichzeitig wurden auch für Einzelbauern, die in Kolchosen eintraten, Vergünstigungen eingeführt. Ihnen wurden alle Schulden aus den vergangenen Jahren erlassen. Sie sollten Hofland nach den für Kolchosbauern gültigen Normen erhalten.[[1]]

Im September 1938 wurden die nicht satzungsgebundenen Artels (für Spezialansiedler, d.h. »Entkulakisierte«, die in entlegene Landesteile deportiert wurden) an die allgemeine Satzung landwirtschaftlicher Artelsangebunden. Am 22. Dezember des gleichen Jahres verabschiedete der Rat der Volkskommissariate einen Beschluss, wonach an Spezialansiedler »bei mustergültiger Führung« Personalausweise ausgehändigt wurden und sie das Recht erhielten, ihren früheren Wohnsitz wieder an zu nehmen. Am Januar 1941 lebten in den Spezialsiedlungen 930.221 Personen, die fast unter den gleichen Bedingungen arbeiteten, wie sie im ganzen Land üblich waren.[[2]]

Dieses Entgegenkommen gegenüber der Bauernschaft rief deren verstärktes Interesse an ihrer Nebenwirtschaft hervor, wodurch ihre Aktivität bei der gesellschaftlichen Kolchosproduktion sank. Deshalb beschloss die stalinsche Führung bereits 1939, den »privateigentümlerischen« Tendenzen einen Schlag zu versetzen und auf administrativem Wege die Bauern stärker an die Kolchosen zu »fesseln«. Zu diesem Zweck wurde im Mai 1939einZKPlenumeinberufen, auf dem über »Maßnahmen zum Schutz von gesellschaftlichem Grund und Boden vor Misswirtschaft« beraten wurde. Diese Maßnahmen konzentrierten sich auf zwei Punkte: 1) die größenmäßige Beschränkung der in persönlicher Nutzung der Kolchos und Einzelbauern befindlichen Grundstücke; 2) die Festsetzung eines für die einzelnen Landesregionen differenzierten Minimums an Arbeitstagen,[**] das jeder Kolchosbauer abzuarbeiten hatte.

Stalin hielt auf dem Plenum zu dieser Frage ein Referat und schaltete sich bei anderen Rednern energisch ein. In der Diskussion sprachen hauptsächlich »Neulinge«, die erst wenige Monate dem ZK angehörten. Sie waren bemüht, die Weisheit Stalins zu unterstreichen, der mit seinem Referat, wie Stykow sagte, »uns, die auf unterer Ebene in der Praxis tätigen Parteiarbeiter, aus der Sackgasse, in der wir uns befunden haben, herausführte«.[[3]] Einige Redner verstiegen sich zu der Meinung, die Kolchosbauern würden die vom Zentralkomitee geplanten Maßnahmen mit Begeisterung aufnehmen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht war das Auftreten Suslows, Sekretär des Parteikomitees für die Region Ordshonikidse, der, um zu bestätigen, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen »absolut zurrechten Zeit« kämen, davon berichtete, wie er vor kurzem in mehreren Kolchosen gewesen sei und mit den Bauern über die bei ihnen durchzuführende Reduzierung ihres individuellen Hoflands gesprochen habe. Er gab wieder, was angeblich ein Bauer gesagt hatte, dem von seinen 1,39 Hektar Hofland nur 0,35 Hektar gelassen worden waren.

Da frage ich ihn also: »Nun, es tut Ihnen sicher leid, dass man Ihnen das Stück Land weggeschnitten hat?« Er sagt: »Wie soll ich’s ausdrücken, ich hatte schon Gewissensbisse … Man kam nach Hause, wollte ja im Kolchos arbeiten, aber die Frau schimpfte, wieso man sein eigenes Stück Land nicht bearbeitet. Und so hatte man auch zu Hause keine Ruhe.«[[4]]

Zu Beginn der Diskussion über das obligatorische Minimum an Arbeitstagen hatten sich einige Teilnehmer des Plenums für Vergünstigungen für Betagte und kinderreiche Frauen ausgesprochen. Doch Stalin hatte mit seinen Zwischenrufen deutlich seinen Missmut über derartige Vorschläge zu verstehen gegeben. So hatte beispielsweise Tschubin erklärt, das für Baumwolle anbauende Wirtschaften festgelegte Minimum von 100 Arbeitstagen sei für Frauen mit Kindern unter 12 Jahren zu schwer, und vorgeschlagen, für sie das Minimum auf 50–60 Arbeitstage zu beschränken. Im Anschluss daran kam es zu folgendem Dialog zwischen Stalin und Tschubin:

Stalin: (Dieser Vorschlag) wurde in der Kommission abgelehnt. Man darf die Frauen nicht abwerten.

Tschubin: Die Frau ist das Familienoberhaupt.

Stalin: Demzufolge also erst recht nicht.[[5]]

Stykow, der danach sprach, sagte: »Hier haben die Genossen das Alter erwähnt, aber ich kann eine ganze Reihe von Kolchosen aufzählen, in denen 80-Jährige Bauern arbeiten, die die Norm übererfüllen und 500 Arbeitstage schaffen.«[[6]]

Stalin rief ständig dazwischen, verlangte eine Verschärfung der vorgeschlagenen Maßnahmen und unterstützte alle Redner, die selbst eine solche Verschärfung vorschlugen. Als Stykow verkündete, man müsse »die Größe des Hoflands der Einzelbauern möglichst stark einschränken«, reagierte Stalin sofort: »Man bekommt von ihnen (den Einzelbauern – W.R.) ohnehin so viel Nutzen wie von einem Ziegenbock Milch. Den Einzelbauern ist ein Achtel Hektar Hofland zu belassen.«[[7]]

Die Entschließung des Plenums schrieb vor, eine Vermessung aller in persönlicher Nutzung von Kolchosbauern befindlichen Grundstücke vorzunehmen, daran anschließend »sämtlichen über die Norm hinausgehenden Boden« – die Norm war in der Satzung des jeweiligen landwirtschaftlichen Artels festgelegt – vom Hofland der Kolchosbauern abzutrennen und dem Kolchos zuzuschlagen, sämtlichen außerhalb des Hofes befindlichen persönlich genutzten Grund und Boden der Kolchosbauern einzuziehen und dem Kolchos zu zu sprechen so wie das persönlich genutzte Land der Einzelbauern auf ein Minimum zu reduzieren.

Die Entschließung ordnete auch direkte Repressivmaßnahmen an, beispielsweise gegen Kolchosbauern und -bäuerinnen, die innerhalb eines Jahres das vorgeschriebene Minimum an Arbeitstagen nicht schafften. Diese Personen sollten aus dem Kolchos ausgeschlossen werden und die Rechte von Kolchosbauern verlieren.

Noch härtere Maßnahmen waren gegen Kolchosvorsitzende vorgesehen, die zu ließen, dass Kolchosbauern oder auch kolchosfremde Personen Kolchoswiesen und -felder übertragen bekamen, um dort Heu für ihren Eigenbedarf zu mähen. Solche Vorsitzende waren aus dem Kolchos auszuschließen und vor Gericht zu stellen.

Versuche, Kolchosland zugunsten der Nebenwirtschaften von Kolchosbauern zu beschneiden, sowie eine Aufstockung des Hoflands über die fest gelegte Norm hinaus galten als Straftat. Die Sekretäre von Kreisparteikomitees, die Vorsitzenden von Kreisexekutivkomitees und andere Partei- und Staatsfunktionäre, die eine solche Praxis zuließen, waren ihres Amtes zu entheben, aus der Partei auszuschließen und vor Gericht zu stellen.[[8]]

[*]zur Führung einer privaten Nebenwirtschaft durch Arbeiter und Angestellte – d.Ü.

[**] Der Begriff »Arbeitstag« (»trudoden«) entspricht hier einer bestimmten Arbeitseinheit – d.Ü.

Anmerkungen im Originaltext

1 RCChIDNI, f. 17, op. 3, d. 993, l. 88, 89; d. 994, l. 55; d. 995, l. 32; d. 997, l. 4951.

2 Deportacija. – In: Kommunist 3/1991, S. 101; Istorija oteèestva: ljudi, idei, rešenija. Moskva 1991, S. 182.

3 RCChIDNI, f. 17, op. 2, d. 646, l. 61, 62.

4 Ebenda, l. 145147.

5 RCChIDNI, f. 17, op. 2, d. 652, l. 36.

6 RCChIDNI, f. 17, op. 2, d. 646, l. 74.

7 RCChIDNI, f. 17, op. 2, d. 654, l. 17.

8 Pravda, 28.5.1939.

5. KAPITEL:
Soziale Ungleichheit

Die offizielle Propaganda stellte natürlich die Situation des Sowjetvolks in einem günstigeren Licht dar, als es sich in Wirklichkeit verhielt. Trotzki bemerkte dazu, dass die soziale Reaktion immer gezwungen sei, sich zu maskieren und die wahre Lage der Dinge zu verzerren. Dies gelte besonders für den Stalinismus als Produkt des Kampfes der neuen Aristokratie gegen die Massen, die ihr zur Macht verholfen hatten. Deshalb nähmen Stalin und seine Apologeten, wenn sie das soziale Wesen des Regimes und das Lebensniveau der Bevölkerung charakterisierten, ständig Zuflucht zu Lüge und Fälschung.

Den Mechanismus dieser Fälschungen deckte Trotzki auf, als er den Abschnitt aus Stalins Referat auf dem achtzehnten Parteitag analysierte, in dem es um das Wachstum des Volkswohlstands ging. Wichtig sei nicht das gewesen, was Stalin gesagt habe, sondern das, was er verschwiegen habe. Verschwiegen hatte Stalin bereits manches zur sozialen Struktur der sowjetischen Gesellschaft. Er hatte behauptet, die Zahl der Arbeiter und Angestellten sei von 22 Millionen im Jahre 1933 auf 28 Millionen im Jahre 1938 gestiegen. Dazu schrieb Trotzki: »Die Kategorie der ›Angestellten‹ umfasst hier nicht nur die Beschäftigten eines Genossenschaftsladens, sondern auch die Mitglieder des Rats der Volkskommissare. Arbeiter und Angestellte sind hier wie immer in der Sowjetstatistik zusammengefasst, um nicht die numerische Größe der Sowjetbürokratie, ihr schnelles Anwachsen und vor allem das rasche Ansteigen ihrer Einkünfte zu enthüllen.«

Stalin hatte nichts zur Differenzierung der Bevölkerung hinsichtlich ihres Einkommens gesagt. Er hatte sich darauf beschränkt, Durchschnittslöhne anzuführen, also eine Methode angewendet, zu der »immer nur die minderwertigsten Apologeten der Bourgeoisie Zuflucht genommen (haben). In entwickelten Industrieländern ist man von dieser Methode fast völlig abge­kommen, weil man damit niemanden mehr täuschen kann. Dafür wurde sie zur beliebten Methode im Lande des verwirklichten Sozialismus, wo sich alle sozialen Beziehungen durch völlige Transparenz auszeichnen sollten. ›Sozialismus ist Buchhaltung‹, sagte Lenin. ›Sozialismus ist Betrug‹, lehrt Stalin.«[[1]]

Dieser Betrug zeigte sich ganz deutlich in Stalins Äußerungen über den jährlichen Lohnfonds, der sich seinen Worten zufolge in den fünf Jahren zwischen dem siebzehnten und dem achtzehnten Parteitag von 35 Milliarden auf 96 Milliarden Rubel, d.h. fast auf das Dreifache, erhöht hatte. Stalin sprach hier selbstverständlich vom Nominallohn und nicht vom Reallohn, der die Preisänderungen berücksichtigte. Hätte man Letzteren angeführt, wäre leicht zu erkennen gewesen, dass das Lebensniveau der Werktätigen in dem von Stalin genannten Zeitraum nur unbedeutendgestiegen war. Außerdem sagte Stalin kein Wort darüber, wie sich der jährliche Lohnfonds auf die einzelnen Kategorien der Arbeiter und Angestellten verteilte. Er teilte lediglich mit: »Der mittlere Jahreslohn der Industriearbeiter, der im Jahre 1933 1.513 Rubel betrug, hat sich auf 3.447 Rubel im Jahre 1938 erhöht.«[[2]] »Plötzlich wird nur noch von Arbeitern gesprochen; es ist aber nicht schwer nachzuweisen, dass es sich auch hier um Arbeiter und Angestellte handelt: Es genügt, den durchschnittlichen Jahreslohn (3.447 Rubel) mit der Gesamtzahl der Arbeiter und Angestellten (28 Millionen) zu multiplizieren, und wir erhalten die von Stalin genannte Jahreslohnsumme der Arbeiter und Angestellten, nämlich 96 Milliarden Rubel. Um die Lage der Arbeiter zu beschönigen, gestattet sich der ›Führer‹ die schäbigsten Verdrehungen, derer sich selbst der gewissenloseste bürgerliche Journalist schämen würde. Wenn wir die Kaufkraftveränderung des Geldes außer Acht lassen, bedeutet ein Durchschnittsjahreslohn von 3.447 Rubel folglich nur, dass bei Zusammenziehung der Löhne von ungelernten, qualifizierten und Stachanow-Arbeitern, von Ingenieuren, Trustdirektoren und Volkskommissaren der Industrie ein Jahresdurchschnittslohn von weniger als 3.500 Rubel pro Person herauskommt. Um wie viel ist in den letzten fünf Jahren der Lohn von Arbeitern, Ingenieuren und leitendem Personal gewachsen? Wie viel bekommt heutzutage ein ungelernter Arbeiter?[*] Darüber kein Wort.«

Trotzki verwies darauf, dass es ein schwerer Fehler wäre zu denken, dass in den von Stalin genannten Mittelwerten das gesamte Einkommen der höchsten »Angestellten«, d.h. der herrschenden Kaste, eingeschlossen wäre. »In Wirklichkeit erhalten sogenannte ›verantwortliche Mitarbeiter‹ zusätzlich zum offiziellen, vergleichsweise bescheidenen Gehalt geheime Einkünfte aus der Kasse des Zentralkomitees oder der örtlichen Komitees; Automobile stehen ihnen zur Verfügung …, prächtige Wohnungen, Datschen, Sanatorien und Krankenhäuser. Zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse oder ihrer Eitelkeit werden alle Arten von ›Sowjetpalästen‹ gebaut … All diese enormen Einkünfte (für den Staat sind es Ausgaben) gehen natürlich nicht in die von Stalin erwähnten 96 Milliarden ein. Davon abgesehen, wagte es Stalin jedoch nicht einmal, die Frage anzuschneiden, wie der legale Lohnfonds (96 Milliarden) zwischen Arbeitern und Angestellten, zwischen ungelernten und Stachanow-Arbeitern, zwischen einfachen und hohen Angestellten aufgeteilt wird. Zweifellos fällt der Löwenanteil am Zuwachs des offiziellen Lohnfonds an die Stachanow-Arbeiter bzw. in Form von Prämien an die Ingenieure. Wenn Stalin mit Durchschnittsziffern operiert, die an sich schon keinerlei Vertrauen verdienen; wenn er die Arbeiter und Angestellten in einer Kategorie zusammenfasst; wenn er die Spitzen der Bürokratie zu den Angestellten zählt; wenn er geheime Milliardenfonds verschweigt; wenn er ›vergisst‹, bei der Bestimmung des Durchschnittslohns die Angestellten zu erwähnen, und nur von den Arbeitern spricht, dann verfolgt er damit ein einfaches Ziel: die Arbeiter zu betrügen, die ganze Welt zu betrügen, und die gewaltigen und stetig anwachsenden Einkünfte der privilegierten Kaste zu verheimlichen.«[[3]]

Auf die soziale Struktur und die Lebensweise der sowjetischen Gesellschaft kam Stalin noch einmal zu sprechen, als er darlegte, wie sich die Funktionen des Sowjetstaats geändert hatten. Er verkündete: »An Stelle der Funktion der Unterdrückung erhielt der Staat die Funktion, das sozialistische Eigentum vor Dieben und Plünderern des Volksguts zu schützen.«[[4]] »Es erweist sich so«, kommentiert Trotzki diese Worte, »dass der Staat nicht wegen der ausländischen Spione, sondern auch wegen der einheimischen Diebe besteht. Deren Bedeutung ist offenbar so groß, dass sie die Existenz einer totalen Diktatur rechtfertigen und sogar als Begründung für eine neue Staatsphilosophie dienen. Wenn die einen Leute die anderen bestehlen, bedeutet das offenkundig, dass in der Gesellschaft nochbittere Not und erhebliche Ungleichheit herrschen, die zum Diebstahl anstiften. Hier kommen wir der Wurzel des Problems schon näher. Soziale Ungleichheit und Not sind sehr wichtige historische Faktoren, die an sich schon das Bestehen eines Staates erklären. Ungleichheit bedarf immer der Überwachung, Privilegien erfordern immer Absicherung und Übergriffe der Armen erfordern Bestrafung. Darin genau besteht die Funktion des Staates in der Geschichte!«

»Stalin muss über die soziale Natur seines Staates aus demselben Grund lügen«, fasste Trotzki seine Schlussfolgerungen zusammen, »aus dem er über den Lohn der Arbeiter lügen muss; in dem einen wie in dem anderen Fall tritt er als Repräsentant der privilegierten Parasiten auf. In einem Land, das die proletarische Revolution vollzogen hat, kann man nur dann die Ungleichheit kultivieren, eine Aristokratie schaffen und Privilegienanhäufen, wenn man die Massen in eine Flut von Lügen und immer ungeheuerlicher Unterdrückung stößt.«[[5]]

Diese Schlussfolgerungen wurden durch die gesamte nachfolgende Entwicklung des stalinschen Regimes bestätigt. Der Druck der sozialen Antagonismen, von denen die sowjetische Gesellschaft zerfressen wurde, erwies sich gegen Ende der Stalinzeit als so stark, dass Stalins Nachfolger nach dessen Tod auf dem Gebiet der Sozialpolitik zu beträchtlichen Zugeständnissen an die Volksmassen gezwungen waren. Von 1953 an wurden großangelegte Sozialprogramme und -reformen realisiert, die auf eine Verringerung der enormen Unterschiede im Lebensniveau der unterschiedlichen sozialen Gruppen in der Gesellschaft abzielten. Infolgedessen begann die privilegierte Stellung der Bürokratie und der in ihrem Lebensstandard an sie angenäherten sozialen Schichten (die Oberschichten der wissenschaftlichen, technischen und schöpferischen Intelligenz) zu bröckeln. Unter diesen Bedingungen war die Bürokratie, die ihre privilegierte Stellung behalten wollte, besonders empfänglich für Günstlingswirtschaft und andere Formen der Korruption. Korruption und Diebstahl von sozialistischem Eigentum als Massenerscheinung wurden zum Hauptfaktor für das Dahinsiechen des nachstalinschen Regimes. Es zeichnete sich ein neuer sozialer Widerspruch ab zwischen der Bürokratie, die weiterhin das Steuerrad der Macht in ihren Händen hielt und sich gierig an ihre offiziellen und inoffiziellen Privilegien klammerte, und den obersten Schichten der Intelligenz, die den Verlust ihrer materiellen Privilegien schmerzvoll wahrnahmen. Die Realeinkommen, die diese Schichten in Form von hohen Gehältern, Prämien und anderen Gaben seitens des herrschenden Regimes erhielten, begannen relativ zu sinken, da sich das Einkommen der niedrig und durchschnittlich bezahlten Kategorien von Werktätigen erhöhte und inflationäre Tendenzen wirksam wurden. Aus der Tatsache, dass die Kaufkraft des Rubels fiel und immer neue Mangelerscheinungen auftraten, zog die neue Schicht von Geschäftemachern der Schattenwirtschaft ihren Nutzen.

Die Restauration des Kapitalismus in den Republiken, die auf den Trümmern der UdSSR entstanden waren, bestätigten Trotzkis Prognose: »Der Widerspruch zwischen den Eigentumsformen und den Verteilungsnormen kann nicht endlos wachsen. Entweder werden die bürgerlichen Normen – so oder so – auch auf die Produktionsmittel übergreifen, oder es müssen umgekehrt die Verteilungsnormen mit dem sozialistischen Eigentum in Einklang gebracht werden.«[[6]] In die Praxis umgesetzt wurde gegen Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre die erste Variante aus dieser Prognose. Korrumpierte Elemente und Elemente der Schattenwirtschaft der »alten« Sozialstruktur waren das Milieu, aus dem sich die Klasse der neuen Bourgeoisie rekrutierte. Die Einkommen dieser Klasse wachsen synchron zu den immer neuen Angriffen auf die sozialen Interessen und das Lebensniveau des größten Teils der Bevölkerung.

An dieser Stelle sei erwähnt, wie sich Trotzki die Evolution der Verteilungsnormen in einer Gesellschaft vorstellte, die sich wirklich zum Sozialismus hin entwickelte. Sein Ideal lief selbstverständlich niemals darauf hinaus, dass »die gesamte Bevölkerung in Armut gleichgestellt« ist. Sein Gedankengang war prinzipiell anders und kann in den folgenden Thesen zusammengefasst werden: Die sozialistische Macht muss als strenge ökonomische Notwendigkeit »bürgerliche Verteilungsnormen« einführen und diese dann mit wachsendem gesellschaftlichem Reichtum durch sozialistische Gleichheit, d.h. konsequente Angleichung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen hinsichtlich ihres Wohlstands, ersetzen.

Ein solcher Weg wurde von keinem Staat, der sich sozialistisch nannte, versucht. In allen so genannten sozialistischen Staaten, die sich nach dem Muster und Vorbild der UdSSR entwickelten, entstanden neue Systeme von sozialer Ungleichheit und Privilegien, und dementsprechend starb die Hauptfunktion, wie sie ein jeder Staat hat – Schutz der Vermögensprivilegien einer Minderheit gegenüber der großen Mehrheit der Gesellschaft – nicht ab, sondern festigte sich. Dies bedingte die Dynamik der sozialen, ökonomischen und politischen Widersprüche, die letztlich zum Zusammenbruch der Staatsordnungen in der UdSSR und in den Ländern Osteuropas führte.

Die Rückkehr zu sozialistischen Organisationsprinzipien der Gesellschaft setzt voraus, dass man sich über Folgendes bewusst ist: Wenn man anerkennt, dass die Ungleichheit in der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus historisch notwendig ist, bleiben Fragen offen, wo die zulässigen Grenzen dieser Ungleichheit in jeder historischen Etappe liegen. Die Beantwortung dieser Fragen muss von den Interessen und vom Willen der Volksmassen abhängig gemacht werden, was wiederum nur auf dem Boden einer wahrhaft sozialistischen Demokratie möglich ist.

[*]Dieser Satz fehlt im deutschen Text – d.Ü.

Anmerkungen im Originaltext

1 Leo Trotzki: Schriften 1, Band 1.2, S. 1192–1193.

2 J. Stalin: Fragen des Leninismus, S. 705.

3 Leo Trotzki: Schriften 1, Band 1.2, S. 1193–1194.

4 J. Stalin: Fragen des Leninismus, S. 727–728.

5 Leo Trotzki: Schriften 1, Band 1.2, S. 1192, 1194.

6 Leo Trotzki: Verratene Revolution, S. 270.

6. KAPITEL:
Gesellschaftliche Sitten

Die alltägliche Not der übergroßen Bevölkerungsmehrheit im Land und die krasse materielle Ungleichheit führten zu einem Kampf um die notwendigen Konsumgüter, der darin zum Ausdruck kam, dass Diebstahl an der Tagesordnung war, Gesetze und Festlegungen umgangen sowie Staat und Verbraucher betrogen wurden. Die Bürokratie, die in diesem Kampf als Richter, Kontrolleur und Bestrafender auftrat, versank selbst immer tiefer in Korruption. 1939 schrieb Trotzki: »Selbstverständlich gibt es in der Wissenschaft, der Technik, der Wirtschaft, der Armee und selbst im bürokratischen Apparat überall ehrliche und der Sache ergebene Menschen. Aber genau sie sind gefährlich. Gegen sie braucht man eine Auswahl besonders gerissener Kerle, eine Ordensgemeinschaft hundertprozentiger Stalin-Anhänger, eine Hierarchie von sozial Verfemten und Ausgestoßenen. Diese Leute sind dressiert auf Lüge, auf Fälschung, auf Betrug. Eine Idee, die über ihren persönlichen Interessen stünde, haben sie nicht. Kann man etwa von Menschen, denen die Fälschung zur legitimen Arbeitstechnik in ihrem Dienst geworden ist, erwarten und verlangen, dass sie für ihre persönlichen Ziele keine Fälschung einsetzen? Das widerspräche allen Gesetzen der Natur.«[[1]]

Trotzki betonte, dass die offiziellen Privilegien der Bürokratie, die sich weder durch die Prinzipien des Sozialismus noch durch die Landesgesetze rechtfertigen ließen, nichts anderes seien als Diebstahl. »Neben diesem legalisierten Diebstahl gibt es noch zusätzlich illegalen Diebstahl, über den Stalin hinwegsehen muss, weil die Diebe seine wichtigsten Stützen sind. Der bonapartistische Staatsapparat ist folglich ein Organ zum Schutz der bürokratischen Diebe und Räuber des Volkseigentums …

Unterschlagung und Diebstahl, die Haupteinnahmequellen der Bürokratie, stellen kein Ausbeutungssystem im wissenschaftlichen Sinne des Wortes dar. Aber von der Interessenlage der Volksmassen her sind sie unermesslich schlimmer als jede ›organische‹ Ausbeutung. Im wissenschaftlichen Sinn des Wortes ist die Bürokratie keine besitzende Klasse. Aber sie trägt in verzehnfachtem Maße alle Laster einer besitzenden Klasse in sich … Zum Schutz des systematischen Diebstahls der Bürokratie muss ihr Apparat zu systematischer Gewalttat Zuflucht nehmen. Alles das macht das System des bonapartistischen Gangstertums aus.«[[2]]

Heute erscheinen die Worte über den »zusätzlichen illegalen Diebstahl« der Bürokratie, bezogen auf die Realität der dreißiger Jahre, vielleicht übertrieben. So sehen selbst einige seriöse Erforscher des ideellen Erbes Trotzkis dessen Hinweis auf die »Straffreiheit der Bürokratie« und »alle Arten von Verkommenheit und Verfall«, die sich aus der »auf Gewalt begründeten Geschlossenheit der Partei« ergeben. Sie beziehen derartige Erscheinungen erst auf die sechziger bis achtziger Jahre und bezeichnen sie als »Phänomen der Breshnew-Zeit«.[[3]]

Eine unvoreingenommene historische Analyse lässt jedoch erkennen, dass die Korruption in der sowjetischen Gesellschaft durchaus nicht erst in der Regierungszeit Breshnews aufkam. Bereits in den zwanziger Jahren rief die Korrumpierung eines Teils der Partei- und Staatsbürokratie, die aus den inneren Widersprüchen der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) ihren Nutzen zog, in Arbeiter- und Kommunistenkreisen aktiven Protest und Besorgnis hervor. Während jedoch damals die Hinterzieher von Staatseigentum und die Bestechlichen sowohl von der Partei als auch vor Gericht bestraft wurden, widmete in den nachfolgenden Jahren die Staatsmacht, die ihre Anstrengungen auf die Unterdrückung oppositioneller Gedanken und überhaupt jeglichen Andersdenkens konzentrierte, dem Kampf gegen die Korruption immer weniger Aufmerksamkeit. Außerdem rückten an die Stelle der vormals herrschenden, in den Jahren des großen Terrors fast vollständig ausgerotteten Schicht Personen, denen es in der Regel an ethischen Prinzipien und moralischen Hemmungen fehlte und die deshalb besonders empfänglich für verschiedene Arten von Korruption waren. Schon 1937 stellte die menschewistische Zeitschrift »Sozialistitscheskij westnik« [»Sozialistischer Bote«] ganz richtig fest, dass »jene privilegierte Schicht, die Stalin liebevoll aufzieht und auf die er sich stützt, gerade zu wimmelt von ›Nutznießern der Revolution‹, Räubern und Raffern, die bereit sind, sich an jeden ›Sieger‹ zu verkaufen.«[[4]] In diesen Kreisen standen Vetternwirtschaft, gegenseitige Unterstützung aus Eigennutz und Begünstigung in voller Blüte.

Lenin hatte mehrfach betont, dass die Hauptschwierigkeit bei der Errichtung des Sozialismus darin bestehe, dass er von Menschen errichtet werden müsse, die in ihrem Moralbewusstsein, ihren Sitten und Gewohnheiten das Erbe der alten Welt mit sich trügen. Und genau auf diese Seiten des moralischen Antlitzes oder der »menschlichen Natur«, vergiftet durch die Jahrtausende lange Herrschaft der Ausbeutungsverhältnisse, stützte sich der Stalinismus. Ständig übte er totalitären Druck auf die Persönlichkeit aus und zwang die Menschen zu lügen, zu heucheln, aktiv oder passiv (beispielsweise durch eine Abstimmung bei Massenkundgebungen und Versammlungen) die ungeheuerlichsten Aktionen des herrschenden Regimes zu unterstützen. Dieses Verhalten führte dazu, dass das moralische Erbe der alten Welt wieder erstand und triumphierte, häufig in übertriebenen Formen, die die schlechten Seiten der bürgerlichen Gesellschaft noch übertrafen. In diesem Sinne konnte niemand moralisch sauber bleiben, und das um so weniger, je erfolgreicher der Betreffende nach Karriere und Aufstieg strebte.

Zahlreiche treffende Beobachtungen zu den gesellschaftlichen Sitten und insbesondere zum moralischen Verfall der »Elite«, deren sittliches und geistiges Niveau unter dem »Landesdurchschnitt« lag, enthalten die Tagebuchaufzeichnungen des Akademiemitglieds W.I. Wernadski:

1939. 11. April. Eine Zeit lang dachte ich, die bestehende Unterdrückung und der Despotismus könnten nicht gefährlich für die Zukunft werden. Jetzt sehe ich, dass dadurch alles zersetzt und vernichtet werden kann, was an Neuem und Gutem hervorgebracht wird. Die drastisch gesunkene geistige Kraft der Kommunistischen Partei, ihr im Vergleich zum Durchschnitt meiner Kreise deutlich niedrigerer Stand bei Intellekt, Moral und Überzeugung erzeugt Zweifel an der Stabilität der aufkommenden Situation.

5. Oktober. Es frappiert die »profitorientierte« Einstellung der an die Spitze der Massen rückenden Kommunisten. Sich gut kleiden, gut essen, wohnen – auch alle bürgerlichen Bestrebungen erleben einen deutlichen Aufschwung. Sie unterstützen sich gegenseitig. Das wird sich in der realen Staats und Gesellschaftsordnung zeigen, die sich herausbildet. Sämtlicher Abschaum geht in die Partei.

23. Oktober. Zu viele schtschedrinsche Gestalten sind jetzt in der Partei und erhalten Macht. Dann platzen ihre krummen Geschäfte, und sie werden bestraft, aber ihre Sache machen sie weiter. Ein Großteil des »Schädlingstums« kommt daher.

1940. 1. Januar. Sie (die Machtbehörden) beklagen, dass es schwer wäre, Leute zu finden. In Wirklichkeit hängt die Auswahl wie nie zuvor von der »Vertrauenswürdigkeit« ab. Und dann werden, wie immer in solchen Fällen, »Allianzen« gebildet, die sich gegenseitig unterstützen. Einmal habe ich zu Krshishanowski gesagt: »Wo nehmt ihr bloß diese gogolschen und schtschedrinschen Gestalten her?!«

1941. 21. Januar. Modern ist jetzt der Kurs, der in der Akademie der Wissenschaften gefahren wird – konform zur ausgeprägten Verrohung des Lebens und zur krassen Missachtung der Menschenwürde, wie es jetzt bei uns im Zusammenhang mit der Unfähigkeit der Staatsmaschinerie immer stärker Sitte wird … Der auf Gewaltanwendung beruhende Kommunismus nimmt zu und zerfrisst de facto die Staatsstruktur. Alles ist durchdrungen von Spionage( d.h. von Beschattung durch NKWD-Agenten – W.R.). Überall mehren sich die Fälle von Diebstahl. Die Verkäufer in Lebensmittelgeschäften stehlen allerorts. Man schickt sie in die Verbannung – wenige Jahre später kehren sie zurück, und das Ganze beginnt von vorn.

4. Februar. Druck, Bespitzelung und Formalismus durch Ignoranten und Dummköpfe, eine besondere Art von »Geschäftemachern« – junge Staatsdiener, von denen die einen aus Überzeugung handeln und die anderen auf Gewalt setzen.

Besondere Beunruhigung löste bei Wernadski der »trotz talentierter und arbeitender Menschen existente Verfall in der Wissenschaft« aus, den er durch »Fäulnis des Zentrums« und die »verantwortungslose Rolle der Parteiorganisation an der Akademie« erklärte, »die aus jungen Leuten besteht, deren sämtliche Bestrebungen auf ein ›besseres‹ Leben – auf Erhalt von Geld, ganzgleich, wie, gerichtet sind«. Für die Parteifunktionäre sei ein »deutlich niedrigeres wissenschaftliches Niveau, die Verteilung des Kuchens und der ausgesprochen bürgerliche Wunsch, mehr Geld zubekommen, charakteristisch. Wir alle sehen und wissen das. Intrigen sind eine typische Erscheinung unter den Parteileuten, bedauerlicherweise auch zum großen Schaden für den Staat.«[[5]]

Moralischer Verfall und das Streben nach einem »fröhlichen Leben« traten bei den »Rekruten des Jahres 1937« sogar in den Kriegsjahren zutage. In diesem Zusammenhang sei ein Beispiel angeführt, das von Interesse ist, weil es auch das Verhalten des jungen Breshnew betrifft.

Im Jahre 1942 richtete der Politleiter Aison, der vor seinem Wechsel an die Front im Gebietsparteikomitee Dnepropetrowsk gearbeitet hatte, an das ZK der KPdSU(B) eine Meldung über die »Heldentaten« eines gewissen Gruschewoi, Zweiter Sekretär des Gebietskomitees. Wie daraus hervorging, hatte Gruschewoi, als er von Dnepropetrowsk in das damals im Hinterland gelegene Stalingrad umzog, die Teppiche aus dem Gebietskomitee, einen Sack mit Leder und zwei Mädchen mitgenommen, die er sich unterwegs, ohne dass es ihm vor den Reisegefährten peinlich gewesen wäre, in sein Schlafabteil holte. Ende November 1941 kamen der Stellvertretende Chef der Politischen Verwaltung der Front Breshnew und der frühere Sekretär des Gebietskomitees Dnepropetrowsk Kutschmi nach Stalingrad, wo Gruschewoi als Bevollmächtigter des Militärrats der Südfront tätig war. Über dieses Ereignis schrieb Gruschewoi in seinen Memoiren: »Die Begegnung verlief sehr herzlich, freudvoll … L.I. Breshnew … gab sowohl unserer Operativgruppe als auch den Genossen, die in Betrieben arbeiteten, viele nützliche Ratschläge.«[[6]]

In Aisons Schreiben ergibt sich ein anderes Bild: »Man traf sich, veranstaltete Trinkgelage, und Gruschewoi stellte ihnen (Breshnew und Kutschmi) Anja und Katja zur Verfügung … Die Trinkgelage fanden regelmäßig statt. Als Breshnew dann nach seinen Sauforgien wieder abreiste, rief er mich zu sich und sagte, ich solle meine Zunge im Zaum halten.«

Bei der Prüfung von Aisons Meldung konstatierte das ZK der KP(B) der Ukraine: »Die Angaben über das taktlose Benehmen des Gen. Gruschewoi haben sich im Wesentlichen bestätigt«, verschob jedoch die weitere Bearbeitung« im Zusammenhang damit, dass Gruschewoi derzeit in der Roten Armee dient und es deshalb unmöglich ist, dieses Problem in seinem Beisein zu behandeln«.[[7]] Gruschewoi und Breshnew entgingen einer Bestrafung und setzten ihren Aufstieg auf der Karriereleiter erfolgreich fort. Während Breshnews Regierungszeit wurde Gruschewoi Generaloberst und Kandidat für das ZK der KPdSU.

In den Nachkriegsjahren entwickelten sich Wirtschaftskriminalität und Korruption der Bürokratie zu einem der Faktoren für die soziale Spaltung der Gesellschaft. Eine anschauliche Beschreibung erfahren diese Erscheinungen in den Werken von W. Dudinzew, W. Owetschkin, W. Panowa und anderen sowjetischen Schriftstellern der fünfziger Jahre sowie in den Romanen »Leben und Schicksal« von W. Grossmann, »Krebsstation« und »Im ersten Kreis« von A. Solschenizyn, in denen die Realität des Spätstalinismus retrospektiv dargestellt wird.

Die Veränderungen in den sozialen Eigenschaften der 1937 rekrutierten Apparatschiki erreichten in den Jahren der Stagnation ihre stärkste Ausprägung. In dieser Zeit setzte sich der Apparat, der Partei und Land regierte, hauptsächlich aus Personen zusammen, die nach den Repressalien der dreißiger Jahre an die Macht gekommen waren. Diese Generation, die die erste Generation der sowjetischen Bürokratie ablöste, hatte ein neues Stadium politischer, moralischer und allgemeiner Zersetzung durchlaufen. Sie nutzten den »Liberalismus« der Innenpolitik Breshnews für ihre eigennützigen Zwecke aus und fühlten sich an keine moralischen Gesetze gebunden, da ihre politische Erziehung, die die Ausführung der unmoralischsten Aktionen verlangte, absolut nicht zur Herausbildung eines inneren Maßstabs für soziales Verhalten beitrug. Der bürokratische Apparat, in dem keine Vertreter des moralischen Erbes der Oktoberrevolution mehr verblieben waren, verwuchs zu einem großen Teil mit kriminellen Elementen und Geschäftemachern der Schattenwirtschaft und beteiligte sich auch selbstaktiv an der zügellosen Unterschlagung von Staatseigentum. Das erklärt die Enttäuschung der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit über die Partei und hatte schließlich deren ungehinderte Liquidierung im Jahre 1991 zur Folge.

Anmerkungen im Originaltext

1 Bjulleten’ oppozicii, 75–76/1939, S. 32.

2 Leo Trotzki: Schriften 1, Band 1.2, S. 1194.

3 V. Kozlov/E. Plimak: Koncepcija sovetskogo termidora. – In: Znamja, 7/1990, S. 169.

4 Socialistièeskij vestnik, 3/1937, S. 4.

5 Nezavisimaja gazeta, 9. 6. 1992.

6 K. Gruševoj: Togda, v sorok pervom. Moskva 1977, S. 297.

7 Argumenty i fakty, 36/1995.

7. KAPITEL:
Das politische Regime: die Partei

In der heutigen Geschichtspublizistik wird häufig eine Parallele gezogen zwischen der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Partei. Dabei wies jedoch die Entwicklung dieser Parteien tiefe Unterschiede auf. Hitler hatte seine Partei selbst geschaffen, und infolge dessen blieb die Zusammensetzung ihrer Funktionäre und einfachen Mitglieder nach der Vernichtung der Röhm’schen SS-Gruppe im Jahre 1934 stabil. Stalin hatte die bolschewistische Partei vom leninschen Regime »geerbt«, was ihn veranlasste, ständige Kadersäuberungen durchzuführen, bis hin zur fast vollständigen Ausrottung in den Jahren des großen Terrors. Insgesamt repressierte Stalin mehr Kommunisten als die faschistischen Diktatoren Hitler, Mussolini, Franco und Salazar in ihren Ländern zusammengenommen.

Was von der leninschen Partei nach der großen Säuberung übrig geblieben war, belegen die folgenden Zahlen. Anfang 1939 hatte die Partei 1.589.000 Mitglieder und 889.000 Kandidaten. Von den Mitgliedern waren 0,3% (etwa 4.800 Personen) vor 1917 eingetreten, 1% (16.000 Personen) 1917, und 7% (111.000 Personen) 1918–1920.[[1]] 1941 gab es nur noch 6% der Parteimitglieder, die zu Lebzeiten Lenins eingetreten waren.[[2]]

Genauso aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den Delegierten des siebzehnten und des achtzehnten Parteitags. Von den Delegierten des siebzehnten Parteitags (1934) mit beschließender Stimme waren 80% in den Jahren der Illegalität und des Bürgerkriegs in die Partei eingetreten, d.h. bis Ende 1920. Auf dem achtzehnten Parteitag (1939) gab es von dieser Kategorie nur noch 19,4%. 1934 betrug der Anteil der »Illegalen« an den Delegierten 22% und der 1917 eingetretenen Mitglieder 17,7%, 1939 hingegen waren es nur noch 2,4% bzw. 2,6%.[[3]]

Auch die altersmäßige Zusammensetzung der Delegierten änderte sich gravierend. Die Hälfte der Delegierten mit beschließender Stimme auf dem achtzehnten Parteitag waren 35 Jahre und jünger. Im Alter von 36 bis 40 Jahren waren 32%, von 40 bis 50 Jahren 15,5%, älter als 50 Jahre 3%.[[4]]

Spürbar waren auch die Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung der Partei. Sie resultierten nicht nur aus den Massenrepressalien, sondern auch aus den neuen Aufnahmebedingungen (Arbeiter wurden nicht mehrbevorzugt aufgenommen), wie sie im vom achtzehnten Parteitag verabschiedeten Parteistatut festgelegt worden waren. Am 28. Mai1941 verschickte die Abteilung Organisation und Instruktion des Zentralkomitees einen Bericht an die ZK-Sekretäre, in dem es hieß, im Zeitraum 1939–1940 seien 1.321.500 Personen in die Partei aufgenommen worden, von denen 20% Arbeiter waren, 20% Kolchosbauern und 60% »Angestellte und Sonstige«. Von den 3.222.600 Mitgliedern und Kandidaten zum Januar 1941waren 18,2% Arbeiter (der Beschäftigung nach), 13% Bauern, 62,4% Angestellte, 6,4% Lernende und Sonstige. Unter den Arbeitern sank der Anteil von Parteikandidaten und Parteimitgliedern im Zeitraum1933–1940 von 8% auf 2,9%, während der Anteil unter den Angestellten von 16,7% auf 19,2% stieg. Obwohl in diesem Zeitraum die Zahl der Arbeiter insgesamt um 25,8% zunahm, fiel die Zahl der Arbeiter unter den Kommunisten von 1.312.000 auf 584.800 ab (das zeigt indirekt, dass die Arbeiter von den Parteisäuberungen 1933–1936 und den Massenrepressalien 1937/38 besonders betroffen waren). 1941 kam ein Kommunist auf 35 Arbeiter bzw. fünf Angestellte.[[5]] Unter den kommunistischen Angestellten gab es besonders viele Verwaltungsangestellte, Militärangehörige und Angehörige der Straforgane.

F. Dan, einer der Menschewistenführer, schrieb 1938 zu den Veränderungen, die in den Jahren des großen Terrors in der Partei vor sich gingen: »Es sieht so aus, als würde sich vor unseren Augen ein Prozess abspielen, in dem sich der gesamte alte Bolschewismus, der stalinsche wie der antistalinsche, ohne Überreste selbst verschlingt und vom Schauplatz der Geschichte verschwindet. Es sieht so aus, als sei der wahre Sieger und Triumphator letztendlich jene neue, ›junge‹ Generation der Sowjetbürokratie, der revolutionäre Traditionen und revolutionäre Ideale fremd sind und die nur eines will: … das vererbbare Recht auf das ›fröhliches Leben in Wohlstand‹, das sie sich ergattert haben und in dem für sie der ganze Sinn der grandiosen Revolution steckt, mit ›festen Gesetzesnormen‹ verankern und auch für ihre Nachkommen sichern.«[[6]]

Akademiemitglied Wernadski bestätigte dies in seinem Tagebuch und hielt mehrfach fest, dass Stalin »aus Rachegefühl oder Angst« »die besten Leute seiner Partei« vernichtet habe. 1941 schrieb Wernadski von einer Verschmelzung der Partei mit den Straforganen, die einen »Auswuchs, einen Wundbrand darstellen, der die Partei zerfrisst – aber ohne dies kann sie im realen Leben nicht auskommen. Im Ergebnis dessen – Millionen gefangene Sklaven, darunter neben kriminellen Elementen auch die Elite der Nation und die Elite der Partei.«

Während des Krieges nahm Wernadski diese Gedanken noch einmal auf. Er schrieb: »Die Besten der Partei, die die Revolution durch geführt haben, und die Besten des Landes« seien entweder hingerichtet oder befänden sich in Gefängnissen und Lagern. Infolgedessen sei das kulturelle Niveau der Partei stark abgefallen, woraus die »großen Misserfolge unserer Machtorgane« resultierten. »Das Durchschnittsniveau der Kommunisten – sowohl in moralischer wie auch in intellektueller Hinsicht – liegt unter dem der Parteilosen … Die dadurch hervorgebrachten Verluste lassen sich nicht ersetzen, da die realen Lebensbedingungen einen kolossalen Zustrom an Dieben hervorrufen, die sich weiterhin in die Partei einschleichen und deren Niveau in der Umgebung, in der ich mich gewöhnlich bewege, eindeutig unter dem der Parteilosen liegt.«[[7]]

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre waren die einfachen Kommunisten endgültig von der Mitwirkung an der Leitung von Angelegenheiten des Staates und der Gesellschaft sowie an der Gestaltung der Parteipolitik ausgeschlossen. L.A. Onikow zeigte mehrfach unter Bezug auf statistische Quellen, dass die Machtfunktionen von diesem Zeitpunkt an bis zur Auflösung der KPdSU im Jahre 1991 lediglich von 0,3% der Parteimitglieder ausgeübt wurden, nämlich von den Mitgliedern des Büros der Parteikomitees, beginnend bei den Stadtbezirkskomitees und endend mit dem Apparat des ZK der KPdSU.[[8]]

Es sei hinzugefügt, dass markante und herausragende Persönlichkeiten de facto keine Möglichkeit hatten, in diese herrschende Schicht einzudringen, da alle Apparatschiki ständig überprüft wurden im Hinblick auf ihre bedingungslose Zuverlässigkeit, auf ihre persönliche Treue zu dem jeweiligen »Führer«, auf Konformismus und Katzbuckelei vor den übergeordneten Parteifunktionären. Bereits 1935 legte Babel in einem Gespräch mit Ehrenburg seine Ansichten über die Situation in der Partei dar: »Die Zeit der Diskussionen, die Zeit der intelligenten Menschen mit analytischem Verstand ist zu Ende.«[[9]] Nach der großen Säuberung 1936–1938 brachte der Parteiapparat fünfeinhalb Jahrzehnte lang keine einzige Persönlichkeit hervor, die in der Lage gewesen wäre, selbstständig und kreativ zu denken, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen sowie realistische und kühne Aufgaben für die Zukunft zu stellen. Daraus erklärt sich insbesondere der Fehlschlag der »Perestroika«, die ursprünglich als »Erneuerung« und »Wiedergeburt« des Sozialismus gedacht gewesen war.

Ende der dreißiger Jahre hatten sich in den Händen des Parteiapparats die wichtigsten staatlichen Leitungsfunktionen konzentriert. Während es Anfang der zwanziger Jahre unter den fünf Abteilungen des ZK keine gab, die staatliche Funktionen ausgeübt hätte, wurden 1934 auf Beschluss des siebzehnten Parteitags der KPdSU (B) im ZK und in den Parteikomitees der Gebiete und Regionen erstmals Abteilungen für die einzelnen Wirtschaftsbranchen (Industrie, Verkehrswesen usw.) gebildet. In den Vorkriegsjahren wurden alle Behörden für Verteidigung, Volkswirtschaft und Kultur dem ZK der KPdSU (B) direkt unterstellt.

Die Hauptfunktionen der Legislative und der Exekutive wurden dem Politbüro übertragen, das sich in eine Art »Überregierung« verwandelt hatte. Bereits 1933 schrieb Trotzki, die wichtigsten ökonomischen und politischen Aufgaben würden in Geheimkabinetten gelöst, im Politbüro, dies aber bestehe »aus mittelmäßigen Bürokraten, trunken von der der Partei entrissenen Macht. Sie haben den Boden unter den Füßen verloren und sind vor allem auf die Erhaltung ihres eigenen, hohlen Prestiges bedacht.«[[10]] Die meisten Mitglieder des Politbüros Ende der dreißiger Jahre waren im Zuge des Kampfes gegen legale und illegale Oppositionsgruppen von Stalin mehrfach auf ihre persönliche Treue überprüft worden. Deshalb war der Anteil der in den Jahren des großen Terrors repressierten Politbüromitglieder weitaus geringer als der Anteil der repressierten ZK-Mitglieder, Apparatschiki und einfachen Kommunisten. Nach dem achtzehnten Parteitag veränderte sich die Zusammensetzung des Politbüros nur unwesentlich. Zwei (Shdanow und Chrustschow) wurden von Kandidaten zu Mitgliedern und zwei (Berija und Schwernik) gehörten erstmals als Kandidaten zum Politbüro.

In das engste Umfeld Stalins trat Ende der dreißiger Jahre nur ein Neuling ein – Schtscherbakow, der dann 1941 zum Kandidaten des Politbüros gewählt wurde. In den Kriegsjahren bekleidete Schtscherbakow mehr Posten als irgendein anderer von Stalins Helfershelfern. Er war gleichzeitig Sekretär des ZK, Sekretär des Moskauer Stadtkomitees und des Moskauer Gebietskomitees, Chef der Politischen Verwaltung der Roten Armee, stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung und Leiter des Sowjetischen Informationsbüros.

Ab Mitte der dreißiger Jahre nahm die Rolle des Politbüros als kollektives Machtorgan stetig ab. »Ich kann mich nicht daran erinnern«, schrieb Chrustschow, »dass damals, als ich 1939 nach dem achtzehnten Parteitag Politbüromitglied war, regelmäßige Sitzungen durchgeführt wurden.«[[11]] 1934 hatten 18 Politbürositzungen (unter Beteiligung der Mitglieder und Kandidaten des ZK sowie der Mitglieder des jeweiligen Büros der Kommissionen für Partei und Staatskontrolle) stattgefunden, 1935 sechzehn, 1936 sieben, 1937 sieben, 1938 fünf, 1939 und 1940 jeweils zwei.[[12]] Die weitaus meisten Politbürobeschlüsse (insgesamt wurden jedes Jahr Tausende Beschlüsse gefasst) wurden durch allgemeine Umfrage verabschiedet.

Anmerkungen im Originaltext

1 XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov), S. 147–148.

2 Pravda, 13.10.1989.

3 XVII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov). Stenografièeskij otèet. Moskva 1934, S. 303. XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov), S. 148.

4 XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov), S. 149.

5 Izvestija CK KPSS, 5/1990, S. 199–201.

6 F. Dan: Novaja bojnja v Moskve. U poslednej èerty. – Socialistièeskij vestnik, 5/1938, S. 5.

7 Literaturnaja gazeta, 16.3.1988.

8 L.A. Onikov: KPSS: Anatomija raspada. Moskva 1996, S. 75, 91, 169.

9 S. Povarcov: Prièina smerti – rasstrel: chronika poslednich dnej Isaaka Babelja. Moskva 1996, S. 130.

10 Leo Trotzki: Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur. Band 1.1 (1929–1936), Hamburg 1988, S. 415.

11 Voprosy istorii, 3/1990, S. 73.

12 Ermittelt nach: Stalinskoe Politbjuro v 30e gody. Sbornik dokumentov. Moskva 1995, S. 231–254.

8. KAPITEL:
Das politische Regime: Staat und Bürokratie

Die soziale und politische Doktrin des Marxismus ließ sich immer auf zwei Hauptthesen zurückführen:

  1. In der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus bildet sich eine egalitäre Gesellschaft heraus, in der ein hoher Beamter für seine Arbeit nicht mehr verdienen darf als ein Facharbeiter.
  2. Im Zuge der Hinwendung zu sozialer Gleichheit bilden sich in der Gesellschaft harmonische soziale Beziehungen heraus, die den Weg zum Absterben des Staates freimachen, d.h. der staatliche Zwang nimmt drastisch ab, und es kommt zu einem Aufblühen der Bürgerrechte sowie geistiger und politischer Freiheiten.

Diese Thesen mehrfach konkretisierend, schrieb Trotzki: »Die Diktatur des Proletariats ist nur eine zeitweilige Einrichtung, darum für die Werktätigen notwendig, um mit dem Widerstand der Ausbeuter fertig zu werden und die Ausbeutung abzuschaffen. In der klassenlosen Gesellschaft muss der Staat als Gewaltapparat allmählich absterben und durch die freie Selbstverwaltung von Produzenten und Konsumenten ersetzt werden. »In diesem Zusammenhang betonte er, dass der Sowjetstaat Mitte der zwanziger Jahre in völligen Widerspruch zu den im 1919 verabschiedeten zweiten Parteiprogramm festgelegten Prinzipien geraten und zwanzig Jahre nach der Oktoberrevolution »ein extrem zentralisierter, despotischer und blutiger Apparat der Gewalt und Unterdrückung« geworden sei.[[1]]

Er charakterisierte den Stalinismus als starke bürokratische Reaktion gegen die proletarische Diktatur, die sich in einem rückständigen und isolierten Land konsolidiert hatte: »Die Oktoberrevolution vernichtete die Privilegien, führte Krieg gegen die soziale Ungleichheit, ersetzte die Bürokratie durch die Selbstverwaltung der Arbeiter, schaffte die Geheimdiplomatie ab, erstrebte die völlige Durchsichtigkeit aller sozialen Verhältnisse. Der Stalinismus führte die widerwärtigsten Privilegien wieder ein, verlieh der Ungleichheit einen provokatorischen Charakter, erstickte die Selbsttätigkeit der Massen in einem Polizeiabsolutismus, machte aus der Verwaltung ein Monopol für die Kremloligarchie und erneuerte den Machtfetischismus in einer Art und Weise, wie es sich die absolute Monarchie nicht hätte träumen lassen.«[[2]]

Über die erneuerte Gesellschaft erhob sich allmählich eine Bürokratie, deren soziales Wesen sich grundlegend von dem in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern unterschied. Trotzki hob mehrfach hervor, dass man die sowjetische Bürokratie nicht für eine neue Klasse halten dürfe, da jede Klasse mit bestimmten Eigentumsformen verbunden sei. Der Bürokratie in der UdSSR fehle es an diesen sozioökonomischen Merkmalen, sie besitze keine eigenständigen vermögensbedingten Wurzeln. Dies widerspreche jedoch in keiner Weise der Tatsache, dass die Regierung der sowjetischen Bürokratie weniger demokratisch sei als die politische Herrschaft der vermögenden Klassen in den bürgerlich-demokratischen Ländern. »Im Unterschied zur bürgerlichen Gesellschaft, wo die vermögende und gebildete regierende Klasse über unzählige Kontrollmittel gegenüber ihrer Administration verfügt, wendet die sowjetische Bürokratie, von der das Proletariat politisch expropriiert wird, die Gesetze der Macht unkontrolliert und uneingeschränkt an.«[[3]] Durch ihre inkompetente Kommandoführung vergeude sie sinnlos einen Großteil des nationalen Reichtums und werde so zu einem Hemmschuh bei der Entwicklung der Produktivkräfte.

Zu den Folgen der bürokratischen Wirtschaftsführung bemerkte Trotzki: »Die gegenwärtige Regierung hat die Demokratie in Sowjet, Partei, Gewerkschaften und Genossenschaften durch Behördendirektiven ersetzt. Aber eine Bürokratie, selbst wenn sie durchweg aus Genies bestünde, könnte von ihren Kanzleien aus nicht das notwendige Gleichgewicht aller Wirtschaftszweige garantieren, d.h. die notwendige Entsprechung von Produktion und Konsum. Das, was in der Sprache der stalinistischen Justiz ›Sabotage‹ genannt wird, ist in Wirklichkeit die unglückselige Folge bürokratischer Kommandomethoden. Disproportion, Verschwendung und Durcheinander, die immer weiter um sich greifen, drohen die Grundlagen der Planwirtschaft zu erschüttern. Die Bürokratie sucht starrsinnig nach ›Schuldigen‹. Das ist in den meisten Fällen der geheime Sinn der sowjetischen Prozesse gegen Saboteure.«[[4]]

Es ist durchaus kein Zufall, dass die Besten des Landes zu »Saboteuren« und »Schädlingen« gestempelt wurden. »Alle progressiven und schöpferischen Elemente, die wirklich den Interessen der Wirtschaft, der Volksbildung oder der nationalen Verteidigung treu ergeben sind, geraten unausweichlich in Konflikt mit der herrschenden Oligarchie«, schrieb Trotzki. »So war es seinerzeit unter dem Zarismus, so geschieht es in unvergleichlich schnellerem Tempo unter dem Regime Stalins. Wirtschaft, Kultur und die Armee brauchen Menschen mit Initiative, Aufbauwillen und Kreativität. Der Kreml braucht pflichttreue Erfüllungsgehilfen, zuverlässige und erbarmungslose Agenten. Diese Typen menschlichen Verhaltens – Agent und Schöpfer – stehen sich in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber.«[[5]]

Trotzki unterschied zwei Funktionen des Leitungssystems: Herrschaft und Verwaltung. Jedes Leitungssystem benötigt zuverlässige Administratoren. In diesem Sinne kann man von Administrations- (oder Organisations-)talent sprechen. Die Unterdrückung von Initiative und Kreativität jedoch, über die fähige Leitungskader durchaus verfügten, führte dazu, dass nicht selten administrative Methoden, wie sie jeder Staat anwendet, wirkungs los blieben. Mit anderen Worten, unter der Herrschaft Stalins gerieten die zwei Hauptfunktionen des Leitungssystems in scharfen Gegensatz zueinander. Um eine gute Verwaltung zu gewährleisten, ist es »notwendig, die totalitäre Herrschaft zu liquidieren. Um die Herrschaft aufrechtzuerhalten, muss man selbstständige, fähige Administratoren vernichten.«[[6]]

Trotzki verwies mehrfach auf die grundsätzliche Falschheit der »stalinschenVerfassung«, die er als bürokratische Farce und »provinzielles Plagiat von Goebbels Ideen«[[7]] bezeichnete. Insbesondere bezog sich das auf die Heuchelei über die in dieser Verfassung verkündeten »demokratischsten Wahlen in der Welt«. »Hitler und Goebbels haben schon verschiedentlich das Gleiche getan – mit denselben Methoden. Man muss nur lesen, was die sowjetische Presse über Hitlers Volksabstimmungen geschrieben hat, um das Geheimnis von Stalins ›Erfolg‹ zu verstehen. Totalitäre Parlamentserfahrungen zeugen nur für das eine: Wenn man alle Parteien, darunter auch die eigene, vernichtet, wenn man die Gewerkschaften erstickt, die Presse, das Radio und das Kino der Gestapo oder der GPU unterwirft, Arbeit und Brot nur an Gehorsame oder Schweigsame vergibt und jedem Wähler die Pistole auf die Brust setzt, dann erreicht man ›einmütige‹ Wahlen.«[[8]]

Diesen Gedanken führte Trotzki weiter aus: »Der Kern der Sowjetverfassung, ›der demokratischsten der Welt‹, besteht darin, dass jeder Bürger verpflichtet ist, zu bestimmten Zeiten für einen einzigen von Stalin oder seinen Agenten benannten Kandidaten zustimmen. Presse, Radio, Propaganda, Agitation und Volksbildung befinden sich fest in den Händen der herrschenden Clique. Nach offiziellen Angaben sind nicht weniger als eine halbe Million Mitglieder während der letzten fünf Jahre aus der Partei ausgeschlossen worden (heute kann man auf der Grundlage der in den letzten Jahren offen gelegten Angaben mit Sicherheit sagen, dass diese Zahl aufgrund mangelnder Informationen von Trotzki im Vergleich zum tatsächlichen Ausmaß der Repressalien gegen die Kommunisten viel zu gering angesetzt wurde – W.R.). Wie viele von ihnen erschossen, ins Gefängnis und ins Konzentrationslager geworfen oder nach Sibirien verschickt worden sind, wissen wir nicht genau. In jedem Fall handelt es sich jedoch um einige Hunderttausend Parteimitglieder, die das Schicksal von Parteilosenteilen. Es wäre schwierig, diesen Millionen, ihren Familien, Verwandten und Freunden weiß zu machen, dass der stalinsche Staat abstirbt. Er erdrosselt andere, aber selbst stirbt er keineswegs ab. Im Gegenteil, die staatliche Unterdrückung hat ein in der Menschheitsgeschichte unbekanntes, mörderisches Ausmaß erreicht.«[[9]]

Denkt man über Trotzkis Aussagen zum Sowjetstaat nach und sucht man nach Analogien zum stalinschen Regime, kommen einem unwillkürlich Marx’Arbeit« Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« und die darin enthaltene Einschätzung des Regimes in Frankreich in den Sinn.

»Die Staatsmaschinerie«, schrieb Marx, »hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, dass an ihrer Spitze … ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter (genügt) … Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demütigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Atem stocken macht. Es fühlt sich wie entehrt.«[[10]] Eine gewisse Ähnlichkeit zur Einschätzung der stalinschen Bürokratie enthält Marx’ Aussage, Bonaparte sei gezwungen, »neben den wirklichen Klassen der Gesellschaft eine künstliche Kaste zu schaffen, für welche die Erhaltung seines Regimes zur Messer und Gabelfrage wird«.[[11]] Letztendlich gab Marx eine klare Bewertung jenes politischen Regimes, das im 20. Jahrhundert als totalitär bezeichnet und von Trotzki mit dem Begriff »bürokratischer Absolutismus« versehen werden sollte. »Man begreift sogleich, dass in einem Land wie Frankreich, wo die Exekutivgewalt über ein Beamtenheer von mehr als einer halben Million von Individuen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen und Existenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält, wo der Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von ihren allgemeinsten Daseinsweisen bis zur Privatexistenz der Individuen umstrickt, kontrolliert, maßregelt, überwacht und bevormundet, wo dieser Parasitenkörper durch die außerordentlichste Zentralisation eine Allgegenwart, Allwissenheit, eine beschleunigte Bewegungsfähigkeit und Schnellkraft gewinnt, die nur in der hülflosen Unselbstständigkeit, in der zerfahrenen Unförmlichkeit des wirklichen Gesellschaftskörpers ein Analogon finden, dass in einem solchen Lande die Nationalversammlung … jeden wirklichen Einfluss verloren gab …«[[12]] Diese Worte treffen voll und ganz auch auf den Sowjetstaat mit seiner gesetzgebenden und repräsentativen Gewalt zu.

Aus diesen Analogien heraus lässt sich erklären, dass Trotzki bei der Einschätzung des politischen Regimes Stalins häufig den Begriff »Bonapartismus« gebrauchte. Eine der markantesten Arbeiten Trotzkis, der Artikel »Bonapartistische Staatsphilosophie«, war eine Reaktion auf Stalins Referat auf dem achtzehnten Parteitag, dessen Kernpunkt Trotzki in der »Verkündung einer neuen Staatstheorie« sah. Im Gegensatz zur Lehre von Marx, Engels und Lenin über das allmähliche Absterben des Staates in der sozialistischen Gesellschaft wurde hier die »Theorie« von der verstärkten Rolle des Staates aufgestellt, die nicht nur für den Sozialismus gelte, sondern sogar für den Kommunismus, den man, laut einer im Referat gemachten »Entdeckung« Stalins, ebenfalls in einem einzelnen Land errichten könne. Wie Trotzki hervorhob, »wurde die Verwirklichung des Sozialismus proklamiert. Der offiziellen Version zufolge befindet sich das Land auf dem Wege zum vollendeten Kommunismus. Wer daran zweifelt, der wird von Berija überzeugt.[*] Doch zeigt sich hier eine grundlegende Schwierigkeit. Folgt man Marx, Engels und Lenin, so ist der Staat die Organisation der Klassenherrschaft … Welche Bedeutung hat aber der Staat in einem Land, in dem die Klassen beseitigt sind? Über diese Fragen haben sich die Weisen des Kreml nicht zum ersten Mal den Kopf zerbrochen … Es war immerhin nötig, sich den Anschein einer theoretischen Erklärung des stalinschen Absolutismus zu verschaffen.«

Auf dem siebzehnten Parteitag hatten Stalin und Molotow verkündet, der Staat sei notwendig für den Kampf gegen die »Überreste« der alten herrschenden Klassen und insbesondere gegen die »Splitter« des Trotzkismus, die zwar »unbedeutend«, dafür aber aufs Äußerste »erbittert« seien. Deshalb erfordere der Kampf gegen sie höchste Wachsamkeit und Unerbittlichkeit. »Diese Theorie«, schrieb Trotzki, »überraschte vor allem durch ihre Dummheit. Warum war für den Kampf mit den kraftlosen ›Überresten‹ ein totalitärer Staat notwendig, während sich für den Sturz der herrschenden Klassen selbst die Sowjetdemokratie als gänzlich hinreichend erwiesen hatte? Diese Frage ist nie beantwortet worden.«

Mit der Theorie des siebzehnten Parteitags musste auch deshalb aufgeräumt werden, weil die nachfolgenden fünf Jahre der Ausrottung der »Splitter des Trotzkismus« gewidmet waren. »Das ging so weit, dass sich Stalin auf dem letzten Parteitag zur Beschwichtigung seines eigenen Apparats zu dem Versprechen gezwungen sah, künftig keine summarischen Säuberungen mehr durchzuführen. Das war natürlich eine Lüge: Der bonapartistische Staat wird auch in Zukunft gezwungen sein, die Gesellschaft nicht nur geistig, sondern auch physisch zu verschlingen. Das kann Stalin jedoch nicht offen eingestehen. Er schwört, dass es keine neuen Säuberungen geben wird. Wenn dem so ist, dass die ›Splitter des Trotzkismus‹ zusammen mit den ›Überresten‹ endgültig beseitigt worden sind, dann stellt sich doch die Frage: Gegen wen ist ein Staat eigentlich notwendig?«[[13]]

Auf dem achtzehnten Parteitag antwortete Stalin auf diese Frage folgendermaßen: Die Notwendigkeit des Staates resultiere aus der kapitalistischen Einkreisung und den daraus für das Land des Sozialismus erwachsenden Gefahren. Was die Armee, die Straforgane und den Abwehrdienst anbelange, so »ist nun ihre Spitze nicht nach dem Innern des Landes gerichtet, sondern nach außen, gegen die äußeren Feinde«.[[14]]

»Aber Stalins neue Theorie«, bemerkte Trotzki, »ist nur so weit wahr, wie sie die alte Theorie widerlegt; ansonsten ist sie völlig wertlos.«[[15]] Besonders deutlich geht das aus Stalins Worten über die Funktionen der Straforgane und des Abwehrdienstes hervor, »die notwendig sind zur Aufdeckung und Bestrafung von Spionen, Mördern und Schädlingen, die von ausländischen Spionagediensten in unser Land geschickt wurden«.[[16]] In diesem Zusammenhang erhob sich die Frage, welche Stellung die Mehrheit der Sowjetbürger gegenüber den Spionen, Terroristen und Saboteuren einnahm. Derartige Elemente benötigten schließlich einen Unterschlupf und ein sympathisierendes Milieu. Stalin hatte in seinem Referat mehrfach über die innere Solidarität und die sattsam bekannte »monolithische Geschlossenheit« der sowjetischen Gesellschaft gesprochen. »Je größer die Solidarität in einer Gesellschaft und je größer ihre Verbundenheit mit einem bestehenden Regime ist«, schrieb Trotzki, »umso weniger Raum bleibt für antisoziale Elemente. Wie ist dann aber zu erklären, dass in der UdSSR, wenn man Stalin Glauben schenkt, überall Verbrechen begangen werden, wie es sie selbst in der verfaulenden bürgerlichen Gesellschaft nicht gibt? Die Bösartigkeit der imperialistischen Staaten alleine reicht dazu nicht aus. Die Aktivität von Mikroben wird nicht so sehr durch ihre Virulenz als vielmehr durch die Widerstandskraft eines lebenden Organismus bestimmt. Auf welche Weise können die Imperialisten in einer› monolithischen ›sozialistischen Gesellschaft eine solche Unzahl von Agenten, dazu noch in den exponiertesten Stellungen, finden? … Wenn die sozialistische Gesellschaft so sehr an innerer Elastizität verloren hat, dass sie nur noch durch einen allmächtigen, universalen und totalitären Geheimdienst zu retten ist, muss es sehr schlecht um sie stehen. Wenn an der Spitze des Geheimdienstes gar solche Halunken wie Jago dastehen, die man erschießen muss, oder solche wie Jeshow, die man mit Schimpf und Schande verjagen muss, worauf kann man dann noch Hoffnungen setzen? Auf Berija? Auch ihm schlägt bald die Stunde!«

Trotzki wies darauf hin, dass das NKWD in Wirklichkeit nicht Spione und imperialistische Agenten vernichte, sondern die politischen Gegner der herrschenden Clique. Was zwinge die Bürokratie dazu, ihre wirklichen Ziele zu verschleiern und ihre revolutionären Gegner als ausländische Spione auszugeben? Die imperialistische Einkreisung erkläre diese Lügen nicht. »Die Gründe dafür müssen innerer Art sein, d.h. der Struktur der Sowjetgesellschaft entspringen.[[17]]

[*]Davon, dass dieser sarkastische Satz Trotzkis in der Realität fast genau so zutraf, zeugen die Erinnerungen des Trotzkisten M. Baitalski über den Verlauf der »Gespräche« während seiner Verhöre im NKWD: »Der exzellenteste meiner Untersuchungsführer … hielt stundenlange Reden. Die Zuhörerschaft bestand aus mir allein. Da es zu seinem Charakter gehörte, mit Schimpfwörtern um sich zu werfen, hörte sich die Vorlesung so an: ›Verstehst du‹, sagte er, an seinen einzigen Zuhörer gewandt, ›was Kommunismus ist (an dieser Stelle folgt der typisch russische Mutterfluch)? Der Kommunismus – deine Seele soll verrecken – ist unser edelstes Ziel. Wir können nicht alle Schweinehunde wie dich in die kommunistische Gesellschaft lassen, hol’s der Teufel …‹ In diesem Stil ging es weiter, aber mit weitaus saftigeren Worten, als es meine schwache Feder hier dargestellt hat. Man verließ sein gemütliches Arbeitszimmer hundertprozentig überzeugt – er war ein gescheiter Redner. Er wusste, was der Trotzkismus war, kannte sowohl dessen Theorie als auch die Praxis, und er kämpfte gegen ihn und siegte.« (M. Bajtal’skij: Tetradi dlja vnukov. Manuskript, das im Privatarchiv R.A. Medwedews lagert, S. 90).

Anmerkungen im Originaltext

1 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1137.

2 Leo Trotzki, Ihre Moral und unsere. In: Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens, Essen 2001, S. 231.

3 Bjulleten’ oppozicii, 77–78/1939, S. 13.

4 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1136.

5 Ebenda, S. 1147.

6 Ebenda.

7 L.D. Trockij: Portrety revoljucionerov. Moskva 1991, S. 140.

8 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1141.

9 Ebenda, S. 1186–1187.

10 Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Band 8, Berlin 1972, S. 197.

11 Ebenda, S. 202.

12 Ebenda, S. 150.

13 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1188–1189.

14 J. Stalin: Fragen des Leninismus, S. 728.

15 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1190.

16 J. Stalin: Fragen des Leninismus, S. 728.

17 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1191.

9. KAPITEL:
Das politische Regime und die sozialen Beziehungen

Trotzki leitete den totalitären Charakter des stalinistischen politischen Regimes aus den in der UdSSR bestehenden sozialen Beziehungen ab, vor allem aus den Beziehungen im Bereich der Verteilung. Er betonte, dass es oberflächlich sei, würde man das existierende Regime aus der persönlichen Herrschsucht Stalins erklären, und schrieb: »Macht ist nichts Körperloses. Macht gibt die Möglichkeit, über materielle Werte zu verfügen und sie sich anzueignen.« Die Bürokratie müsse, nachdem sie die Macht der Arbeiterklasse usurpiert habe, sich noch mit den Traditionen und Errungenschaften der Oktoberrevolution (nationalisiertes Eigentum und Planwirtschaft) einrichten, missbrauche diese Errungenschaften jedoch um der eigenen Interessenwillen, die im direkten Gegensatz zu den Interessen des Volkes und zur sozialistischen Entwicklung des Landes stehen. Trotzki, für den als Hauptprinzip des Sozialismus die völlige soziale Gleichheit galt, wies daraufhin, dass diese Gleichheit nicht mit einem einzigen Sprung erreicht werden könne. Im derzeitigen Entwicklungsstadium der UdSSR sei die Beibehaltung eines differenzierten Arbeitslohns von der Entwicklung der Produktivkräfte diktiert und fungiere als »bürgerliches Instrument des sozialistischen Fortschritts«. Entscheidende Bedeutung für die Beurteilung des sozialen Wesens einer Gesellschaft habe jedoch nicht die Statik, sondern die Dynamik der sozialen Beziehungen, d.h. die Hauptentwicklungsrichtungen der Gesellschaft: Gehe die Entwicklung in Richtung Gleichheit oder in Richtung Privilegierung? Die Antwort auf diese Frage lasse keinen Raum für irgendwelche Zweifel. Die soziale Differenzierung in der sowjetischen Gesellschaft habe längst die Grenzen ökonomischer Notwendigkeit überschritten. »Der Übergangscharakter des gegenwärtigen Systems erklärt die Ungleichheit, rechtfertigt aber in keiner Weise die ungeheuerlichen, offenen und geheimen Privilegien, die sich die von niemandem kontrollierten Spitzen der Bürokratie angeeignet haben.«[[1]] Diese materiellen Privilegien wüchsen lawinenartig. In ihrer Angst vor Isolierung versuche die Bürokratie, sich in Form der Arbeiter- und Kolchosaristokratie eine soziale Stütze zu schaffen.

Die Hauptursache für die totalitäre Entartung des Sowjetstaates sah Trotzki darin, dass sich die sowjetische Gesellschaft »nicht zum Sozialismus hin entwickelt, sondern in Richtung auf eine Wiedergeburt sozialer Unterschiede. Wenn die Entwicklung auf diesem Wege noch weiter fortgeht, wird sie unweigerlich … zur Liquidierung der Planwirtschaft und zur Wiederherstellung des kapitalistischen Eigentums führen.«[[2]]

Als Gegenargument dazu wurde gewöhnlich die These von Marx angeführt, dass auf den ersten Stufen der sozialistischen Gesellschaft soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit unvermeidlich wären. Trotzki bezeichnete dieses Argument als »von allen gemieteten Advokaten Stalins abgenutzte Phrase« und schrieb weiter, es läge auf der Hand, »dass es in dem ersten Stadium des Sozialismus keine vollständige Gleichheit geben kann, dass dies die Aufgabe des Kommunismus ist. Nicht darin besteht jedoch die Frage; sie besteht darin, dass zusammen mit dem Wachsen der Allmacht der Bürokratie die Ungleichheit in der ungeheuerlichsten Weise wächst … In der UdSSR vermindert sich die Ungleichheit nicht, sie verschärft sich, und zwar nicht täglich, sondern stündlich. Das Wachstum der sozialen Ungleichheit kann man unmöglich anders als durch revolutionäre Maßnahmen gegen die neue Aristokratie aufhalten. Das allein ist der Inhalt unserer Position.«[[3]]

Die in den Jahren der ersten Fünfjahrpläne erreichten Wirtschaftserfolge der UdSSR stabilisierten die herrschende bürokratische Schicht, die in diesem Zeitraum in ihren Händen solchen Reichtum und eine derartige Macht konzentrierte wie keine andere Klasse zuvor. Trotzki äußerte mehrfach, dass »die oberste Schicht der Bürokratie etwa den gleichen Lebensstil hat wie die Bourgeoisie in den Vereinigten Staaten und anderen kapitalistischen Ländern«,[[4]] während die Masse der Werktätigen zu unvergleichlich schlechteren Lebensbedingungen verurteilt sei als die entsprechenden Bevölkerungsgruppen in ökonomisch entwickelten kapitalistischen Ländern. Damit habe sich die Bürokratie« in immer stärkeren Gegensatz zur Bevölkerung gesetzt, die drei Revolutionen und den Sturz der zaristischen Monarchie, des Adels und der Bourgeoisie mitgetragen hat. Die Sowjetbürokratie vereint nun gewissermaßen in sich selbst die Charakterzüge all der gestürzten Klassen, doch ohne deren soziale Wurzeln oder Traditionen. Sie kann ihre ungeheuerlichen Privilegien nur durch organisierten Terror verteidigen, und sie kann ihren Terror nur durch lügenhafte Anklagen und Fälschungen rechtfertigen.«[[5]]

Gegen Ende der dreißiger Jahre hatte sich in der Gesellschaft der UdSSR eine feste soziale Rangordnung herausgebildet, die durch eine Vielzahl von Rängen, Titeln und Orden untermauert war und einen bestimmten Kastengeist kultivierte. Dies zog beträchtliche Veränderungen in der gesellschaftlichen Denkweise und Moral nach sich. In den neuen privilegierten Gruppen entstand allmählich das Gefühl sozialer Exklusivität und Geringschätzung gegenüber den niederen Schichten.

Während Stalin gnadenlos die erste Generation der Bolschewiki mit ihrem Moralprinzip »Nicht besser als andere leben« auszulöschen bestrebt war, festigte er zugleich mit Hilfe plumper materieller Bestechung eine Geisteshaltung, die genau auf das Gegenteil zielte: »Unbedingt besser als andere leben«, die Bereitschaft, dafür jegliche moralischen Kompromisse einzugehen und tagtäglich Verrat am eigenen Gewissen zu üben. Nadeschda Mandelstam berichtete in ihren Memoiren, wie diese Orientierung im Bewusstsein und Verhalten der privilegierten Gruppen zum Ausdruck kam: »DieMenschen waren stolz auf ihre großen Rationen, auf ihre Rechte und hüteten vor allen anderen sorgfältig das Geheimnis, wie viel sie erhielten.«[[6]]

Doch bei alldem konnte der Stalinismus, der sich als Erbe der leninschen Politik ausgab, nicht offen zugeben, dass seine Sozialpolitik auf die Festigung einer sozialen Differenzierung in der Gesellschaft und die Herausbildung klar umrissener vertikaler und horizontaler Grenzen gerichtet war. Ein spezifisches Merkmal der Sowjetbürokratie war das Bestreben, ihr soziales Antlitz, ihre realen Einkommen und Privilegien zu verbergen. Ihre privilegierte materielle Situation tarnte die Bürokratie durch ideologische Trugbilder über die »führende Rolle der Arbeiterklasse« und die »führende Rolle der Partei«, die verschleiern sollten, dass sie die Macht der Partei und der Arbeiterklasse längst an sich gerissen hatte.

Im Unterschied zu den kapitalistischen Regimen, die die Privilegien einer Minderheit offen konsolidieren und schützen, war der Stalinismusbestrebt, die Lebensweise der herrschenden und der protegierten Schichten vor den Nichtprivilegierten hinter einem Schleier von Schweigen und Geheimhaltung zu verbergen. In diesem Sinne hat Solschenizyn Recht, wenn er sagt: »Es dürfte die Spionomanie nicht bloß ein engstirniger Fimmel des großen Stalin gewesen sein. Sie kam allen zupass, die in den privilegierten Stand eintraten. Sie wurde die natürliche Rechtfertigung für die bereits in Mode kommende allgemeine Vergeheimnissung, für das Informationsverbot, die verschlossenen Türen, das Propusk-System,[*] die abgeschirmten Datschen und die heimlichen Kaufläden. Die Panzerwand der Spionomanie war undurchdringlich, das Volk konnte nicht hinüber schauen, es sollte auch nicht sehen, wie die Bürokratie intrigiert, faulenzt und Fehlentscheidungen produziert, was sie isst und wie sie sich amüsiert.«[[7]]

Mit allen Mitteln der Propaganda wurde dem Massenbewusstsein eindringlich der Mythos suggeriert, dass Stalin und seine Helfershelfer im Alltag ein bescheidenes oder gar asketisches Leben geführt hätten. Zahlreiche Fakten, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, belegen jedoch das genaue Gegenteil: Die herrschende Kaste und vor allem Stalin selbst waren versessen auf die ihnen frei zur Verfügung stehenden materiellen Güter. Das Streben nach uneingeschränktem Luxus im Alltag übertrug sich von Stalin und seinem engsten Umfeld auf die nachfolgenden Generationen der Parteielite, die im Unterschied zur alten Bolschewistengarde keineswegs bereit waren, die materiellen Sorgen und Entbehrungen mit dem Volk zu teilen.

Die gravierenden Unterschiede zwischen den privilegierten Gruppen und den meisten sowjetischen Menschen, die einen kümmerlichen Arbeitslohn erhielten, unter unerträglichen Wohnbedingungen hausten und selbst mit den notwendigsten Gebrauchsgütern nur spärlich versorgt wurden, sowie das Entstehen von Luxusoasen inmitten der Volksarmut mussten vom »Volksinstinkt« (Engels),[**] der die Ungerechtigkeit der bestehenden Ordnung in tuiti verfasste, einfach mit Empörung aufgenommen werden. Noch eindringlicher war der soziale Protest unter den Kommunisten, die den sozialen und moralischen Prinzipien der Oktoberrevolution treu geblieben waren. Die ausschweifenden politischen Massenrepressalien entsprangen zu einem Großteil dem Bestreben, selbst die kleinsten Anzeichen dieses Protests zu unterdrücken und den Teil der Partei vollständig auszulöschen, der – wenngleich auch nicht öffentlich – die sozialen Grundsätze des Stalinismus ablehnte. Diese Repressalien wie auch das stalinsche Regime insgesamt wurden von jenen Gruppen unterstützt, die die im Ergebnis des stalinschen Terrors entstandenen Lücken in den obersten Hierarchieebenen der Sozialstruktur auffüllten und Stalin für ihre Privilegien mit bedingungslosem Gehorsam und gedankenloser Ausführung auch der unheilvollsten politischen Aktionen dankten.

Die politische Prinzipienlosigkeit, die in den Jahren der Zwangskollektivierung und des großen Terrors sogar zahlreiche Altbolschewiki zeigten, muss als Fortsetzung der moralischen Prinzipienlosigkeit und Entartung im Alltag verstanden werden: Die Zuwendungen von oben machten willfährig und erschienen als etwas gesetzmäßig Zustehendes.

Stalin, der auf die niedersten Instinkte der menschlichen Natur setzte, erkannte sehr wohl, dass die »zustehenden«, fest an die jeweilige Hierarchiestufe gebundenen Privilegien in den bevorzugten Gruppen das Gefühl sozialer Gerechtigkeit ersticken würden. Die auf Privilegien beruhende Sozialordnung brachte auf den unteren Stufen der Sozialstruktur ständig Menschen hervor, die bestrebt waren, sich das »Recht« auf Privilegien zu verdienen. Die von Stalin weit offen gehaltenen Tore waren entscheidend für eine solche »soziale Mobilität« und ermöglichten es, dass in den Jahren 1937/38 die früher herrschende Schicht vollständig durch eine neue Generation ersetzt werden konnte, der es an den sittlichen Normen und Verboten, wie sie für die alte Parteigarde charakteristisch waren, fehlte.

Die wichtigste privilegierte Schicht – die Bürokratie – war personell von oben bis unten erneuert worden. Doch als soziale Schicht hatte sie nicht nur Bestand, sondern konnte ihre Stärke und ihren Einfluss erheblich festigen. Wenngleich in den Jahren der großen Säuberung viele neue Bürokraten aus den unteren Schichten gekommen waren, hatte sich die Kluft zwischen dem Volk und der herrschenden Schicht nicht verringert, sondern vergrößert. Die neue Bürokratengeneration unterschied sich von der vorausgehenden durch ihre Überzeugung von der Unerschütterlichkeit ihrer Position sowie durch eine weitaus größere Korruption.

Auf diese Generation trifft Engels’ Bemerkung von den »deklassierten Bürgerlichen« zu, die aus karrieristischen Erwägungen heraus der deutschen sozialdemokratischen Partei beigetreten waren. »Diese Herren machen alle in Marxismus, aber sie gehören zu der Sorte, … von denen Marx sagte: ›Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!‹ Und wahrscheinlich würde er von diesen Herren das sagen, was Heine von seinen Nachahmern sagte: Ich habe Drachen gesät und Flöhe geerntet.«[[8]]

[*]Propusk, russisch für Passierschein – d.Ü.

[**] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Marx-Engels-Werke Bd. 20, S. 138.

Anmerkungen im Originaltext

1 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.1, S. 482–483.

2 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1137.

3 Ebenda, S. 1152–1153.

4 Bjulleten’ oppozicii, 82–83/1940, S. 8.

5 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1146.

6 Nadeschda Mandelstam: Das Jahrhundert der Wölfe. Eine Autobiographie, Frankfurt am Main 1991, S. 119.

7 Alexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG, Band 1, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 68.

8 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Band 37, Berlin 1967, S. 450.

10. KAPITEL:
Die Armee

Stalins Repressalien untergruben alle Bereiche der Landesverteidigung. Betroffen waren vor allem die Kommandeure der Armee, die in den Jahren des Bürgerkriegs rekrutiert worden waren, anschließend eine Ausbildung erhalten und sich in den nachfolgenden 15 Jahren weiter qualifiziert hatten. Im Zeitraum 1937–1941 wurden neun stellvertretende Volkskommissare für Verteidigung, zwei Volkskommissare für die Seekriegsflotte, vier Befehlshaber der Luftstreitkräfte sowie alle Befehlshaber der Militärbezirke und Flotten erschossen.[[1]]

Der Militärrat beim Volkskommissariat für Verteidigung, dem 1935 85 der angesehensten Befehlshaber angehört hatten, war praktisch zerschlagen: 68 waren erschossen worden, zwei hatten Selbstmord verübt, zwei waren in einem Lager gestorben und vier waren zu unterschiedlicher Haftdauer verurteilt worden.[[2]] Im Oktober 1938 bestätigte der Rat der Volkskommissare die neue Zusammensetzung des Militärrats, der nunmehr aus 111 Personenbestand, von denen 90% das erste Mal zu diesem Gremium gehörten.[[3]] Kurze Zeit später wurden einige von ihnen ebenfalls ermordet.

Einen großen Verlust musste die Parteiorganisation der Roten Armee hinnehmen. Zum1. April 1940 hatte die Armee 210.784 Parteimitglieder – dreieinhalbmal so viel wie 1937. Von diesen waren 66,1% jünger als 30 Jahre, 38,5% im Alter von 30 bis 40 Jahren und nur 3,4% älter als 40 Jahre.[*] 34,3% der Kommunisten in der Armee waren in den Jahren 1938/39 Mitglied geworden, 31,3% im Zeitraum 1931–1937, 30% im Zeitraum 1921–1930 und nur 4,4% (etwa 10.000 Personen) vor 1921, d.h. in den Jahren der Illegalität und des Bürgerkriegs.[[4]]

Immense Verluste durch die Massenrepressalien erlitt der sowjetische militärische Nachrichtendienst. Im Zeitraum 1937–1940 wurden drei Leiter der Hauptverwaltung für Aufklärung (GRU) der Roten Armee – J.K. Bersin, P. Urizki und I.I. Proskurow –, nahezu alle stellvertretenden Leiter der Verwaltung sowie die meisten Abteilungsleiter verhaftet und erschossen.

Während in der ersten Hälfte 1937 die an Stalin, Molotow und Woroschilow gerichteten Spezialmeldungen des Auslandsnachrichtendienstes von leitenden Mitarbeitern der GRU unterzeichnet worden waren, trugen gegen Ende des gleichen Jahres selbst die an Stalin gerichteten Schreiben nur die Unterschriften von einfachen Mitarbeitern des geheimdienstlichen Apparats – allehöheren Mitarbeiter waren in Haft. In den Jahren1937/38 wurden die meisten sowjetischen Geheimdienstler nach Moskaubeordert und repressiert. Infolgedessen erhielten die »Instanzen« 1938 127 Tage lang keine einzige Meldung des Nachrichtendienstes.[[5]]

Im Januar 1939 waren nach der Zerschlagung der Berliner Residentur nur zwei von 16 Mitarbeitern übrig geblieben. Bis September arbeiteten sie ohne Residenten, danach wurde A. Kobulow, ein junger Helfershelfer Berijas, der keinerlei Erfahrung in geheimdienstlicher Arbeit mitbrachte, zum Residenten ernannt.[[6]]

Ähnlich war die Situation auch in der Pariser Residentur. Von dort wurden, wie es in einer Mitteilung vom November 1939 an die Führung des militärischen Nachrichtendienstes hieß, »sämtliche Kader sowohl der ›legalen‹ als auch der geheimen Apparate nach Hause geschickt«.[[7]]

Über den Pogrom von Stalins Agenten in der sowjetischen Botschaft in Bulgarien schrieb F. Raskolnikow, dieser sei von der sogenannten »inneren Linie« des ROWS (Allgemeiner Russischer Kämpferbund), d.h. vom Geheimdienst einer paramilitärischen weißgardistischen Emigrantenorganisation, inspiriert worden. Diese Organisation habe durch einen Hauptmann Foss »den Agenten Jeshows fingierte Dokumente untergeschoben, die die ehrlichen Mitarbeiter der diplomatischen Mission kompromittierten, … und die Zerschlagung unserer Botschaft in Bulgarien erreicht – angefangen vom Kraftfahrer M. I. Kasakow bis hin zum Militärattaché W. T. Suchorukow«.[[8]] Besonders schwere Folgen hatte das Vorgehen gegen Suchorukow.

Dieser hatte eine geheime antifaschistische Organisation gegründet, der führende militärische Repräsentanten fast aller Balkanstaaten angehörten und die sich die Aufgabe gestellt hatte, der deutschen Expansion auf dem Balkan entgegenzuwirken. In direktem Auftrag des deutschen Geheimdienstes, der mit dem ROWS zusammen arbeitete, schob Foss den sowjetischen Organen ein gefälschtes Papier über Kontakte Suchorukows zum deutschen Geheimdienst unter. Diese Meldung fiel auf fruchtbaren Boden, da im Oktober 1936 der Chef der Sonderabteilung des NKWD M.I. Gai an Woroschilow berichtet hatte: »1924, als die Akademie ihre Absolventen der Orientalistik-Fakultät, an der Suchorukow studiert hatte, verabschiedet hatte, wurde Suchorukow zu Trotzki gerufen und hatte mit ihm eine Unterredung. Trotzki zu Ehren nannte Suchorukow seinen Sohn Lew.«[[9]]

Suchorukow wurde in die Sowjetunion zurückbeordert und repressiert. Nicht einmal nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, als die Vertreter seiner Organisation den aktiven Kampf gegen den Faschismus aufgenommen hatten, entließ man ihn aus dem Lager. Auf freien Fuß gelangte er erst 1956.

Im Gebäude des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes gibt es ein »Kabinett zum Ruhme der Tschekisten«, in dem eine Gedenktafel mit den Namen der herausragendsten sowjetischen Geheimdienstler angebracht ist. Nahezu die gesamte obere Hälfte der Liste bilden Namen von Personen, die in den Vorkriegsjahren repressiert wurden.

1937 wurden viele ausländische Kommunisten verfolgt, die aus Überzeugung die geheimdienstliche Arbeit in ihren Ländern leiteten. Der großen Säuberung zum Opfer fiel beispielsweise der deutsche Kommunist Hans Kippenberger, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter, der gemeinsam mit Walter Kriwitzki das Netz des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes in Westeuropa geknüpft hatte.

Die Leiter des Nachrichtendienstes versuchten mehrfach, Stalin auf die schweren Folgen aufmerksam zu machen, die die Zerschlagung der stalinschen Residentur im Ausland mit sich bringe. 1938 meldete der Leiter der Abteilung der GRU: »Die Rote Armee hat de facto keinen Nachrichtendienst mehr. Am Vorabend höchstwichtiger Ereignisse haben wir ›weder Augen noch Ohren‹. »Kurz vor seiner Verhaftung teilte Proskurow mit: »Mehr als die Hälfte des Personalbestands des Nachrichtendienstes ist repressiert worden.«[[10]]

Ähnlich war die Situation auch bei der von der Auslandsabteilung des NKWD (ab 1940 NKGB) betreuten Residentur. Im Bericht über die Arbeit der 1. Verwaltung des NKGB im Zeitraum 1939 bis April 1941 hieß es: »Zu Beginn des Jahres 1939 wurden infolge dessen, dass die Leitung der damaligen Auslandsabteilung als feindlich entlarvt worden war, fast alle Residenten aus dem Ausland zurückbeordert und aus dem Dienst entlassen. Die meisten von ihnen wurden danach verhaftet, und der übrige Teil wurde einer Überprüfung unterzogen. Von einer geheimdienstlichen Arbeit im Ausland konnte bei dieser Situation überhaupt keine Rede sein. Die Aufgabe bestand darin, neben dem Apparat der Abteilung selbst auch den Apparat der Auslandsresidentur zu schaffen.«[[11]]

Im Zeitraum 1937–1939 wurde alles beseitigt, was in den vorangegangenen Jahren in den westlichen Militärbezirken für groß angelegte Partisaneneinsätze geschaffen worden war. Man vernichtete die verdeckten Stützpunkte der Partisanen. Von Tausenden gut ausgebildeten Partisanenkommandeuren und Spezialisten für die Kriegsführung im Hinterland des Feindes überstanden nur einzelne die Massenrepressalien unversehrt.

Infolge dessen wurden in den ersten Kriegsjahren in die besetzten Gebiete Partisanengruppen gebracht, die fast keine Ausbildung hatten, nur gering bewaffnet waren und häufig nicht einmal über Nachrichtentechnik verfügten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die meisten dieser Gruppen von den Deutschen vernichtet wurden.

Die Massenrepressalien, von denen ein Großteil des leitenden und des ingenieurtechnischen Personals der mit der Entwicklung von Militärtechnik befassten Betriebe und Forschungsinstitute betroffen waren, verzögerten die Herstellung neuer Waffenarten beträchtlich. So wurden beispielsweise der Chef des Instituts für Raketentechnik, Klejmenow, erschossen und viele Mitarbeiter dieses Instituts repressiert. Darunter befand sich auch S. P. Koroljow, der am 27. September 1938 zu zehn Jahren Gefängnishaft verurteilt wurde. In den Jahren 1939/40 baten die Helden der Sowjetunion und Abgeordneten des Obersten Sowjets der UdSSR W.S. Grisodubowa und M.M. Gromow in einem Schreiben an Berija und Ulrich um eine Überprüfung des Falles Koroljow. Am13. April 1940 wurde der Fall einer Revision unterzogen. Am 16. Juni des gleichen Jahres wurde Koroljow zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt, kurze Zeit später jedoch in ein Technisches Sonderbüro beim NKWD überstellt, damit man seine beruflichen Fähigkeiten nutzen konnte. Für seine herausragenden Verdienste bei der Entwicklung neuer Technik wurde er vorzeitig entlassen und die Vorstrafe gestrichen. Die Rehabilitierung Koroljows erfolgte erst 1957, als er bereits Chefkonstrukteur für Raumfahrttechnik war.[[12]]

Da das Institut für Raketentechnik de facto vernichtet war, gelang es den Deutschen, die Sowjetunion bei der Herstellung von Raketentechnik weit zu überflügeln (die erfolgreiche Forschung und Entwicklung der UdSSR auf diesem Gebiet brach 1937/38 ab). 1944 erhielt die deutsche Armee ferngesteuerte V-Flugzeuge und ballistische V2-Raketen, während die Rote Armee bis Kriegsende über nichts Ähnliches verfügte. 1963 sagte Koroljow in einem Gespräch mit einem TASS-Korrespondenten: »Wir haben beträchtlich an Zeit verloren und auch mehrere hervorragende Mitarbeiter – und deshalb haben wir es nicht geschafft, bis zum Kriegsbeginn ein Düsenflugzeug und Langstreckenraketen zu bauen. Das waren schreckliche, schwere Jahre.«[[13]]

Mit theoretischen und praktischen Arbeiten zur Funkpeilung begann die UdSSR früher als die USA und England. 1937 verhaftete man jedoch den Erfinder der ersten Radargeräte Ostschepkow, den Leiter der Arbeiten auf diesem Gebiet I. Smirnow sowie viele ihrer Mitarbeiter. Daher fehlten der Roten Armee bei Kriegsbeginn einige wichtige Arten von Radargeräten, die dann in England und den USA gekauft werden mussten.[[14]]

Vielen der neuen Führungskräfte und Kommandeuren der Roten Armee mangelte es an Kenntnissen über die Grundlagen der modernen Kriegstechnik und Kriegskunst, die von Tuchatschewski und anderen inzwischen hingerichteten Befehlshabern erarbeitet und während der Kriegsmanöver von 1935/36 in der Praxis erprobt worden waren. Marschall Jeremenko, der als Kadett an diesen Manövern teilgenommen hatte, schrieb in seinen Memoiren: »Die Anfangsphase des Krieges hat gezeigt, dass die Sache eine völlig andere Wendung genommen hätte, wenn wir strikt nach den in diesen Manövern herausgearbeiteten Prinzipien hätten handeln können.«[[15]]

Während 1935/36 die Rote Armee noch als stärkste in der Welt gegolten hatte, kamen ausländische Militärexperten nach dem Prozess gegen acht hochrangige Armeebefehlshaber (Juni 1937) zu dem Schluss, dass die Massenrepressalien zur inneren Zersetzung der Roten Armee und zur Schwächung ihrer Stoßkraft führen würden, da die neuen, für die Repressierten nachgerückten Kommandeure nicht über die entsprechenden militärischen Erfahrungen und Kenntnisse verfügten. In einem Geheimbericht, den der stellvertretende Chef des Generalstabs der tschechoslowakischen Armee, Bohuslaw-Fiala, am 9. November an den Chef des militärischen Geheimdienstes schickte, hieß es: »Während sich unser Oberkommando anfangs weigerte, die Liquidierung Tuchatschewskis und der obersten sowjetischen Kommandoführung als schweren Verlust für die Rote Armee zu betrachten, und nach dem Beginn der großen Säuberung überzeugt war, dass ›die russische Armee eine finstere Etappe durchlebt, aber immer noch eine große Stärke aufweist‹, kehrte unsere Delegation, die das Ausbildungsniveau der Roten Armee studieren sollte, mit einer alarmierenden Bilanz zurück, die die finstersten Erwartungen noch übertraf.«[[16]]

Auch Hitler glaubte, dass die Rote Armee erheblich geschwächt sei. Noch im Juli 1936 hatte er in seiner Vierjahresplan-Denkschrift geschrieben, der Marxismus habe sich »durch seinen Sieg in Russland eines der größten Reiche der Welt als Ausgangsbasis für seine weiteren Operationen geschaffen … Die militärischen Machtmittel dieses Angriffswillens steigern sich da bei in rapider Schnelligkeit von Jahr zu Jahr. Man vergleiche mit der heute tatsächlich geschaffenen Roten Armee die Annahmen des Militärs vor zehn oder fünfzehn Jahren, um die gefährlichen Ausmaße dieser Entwicklung ermessen zu können.«[[17]]

Nach 1937 sprach Hitler nicht mehr von einer sowjetischen Militärmacht. Keitel zufolge ging Hitler bei seiner Hoffnung auf einen Blitzkrieg davon aus, »dass Stalin ja seine erste Garnitur höchster militärischer Führer 1937ausgemerzt hatte, also fähige Köpfe im Nachwuchs noch fehlten«.[[18]]

Die Autoren des »Barbarossa«-Plans beriefen sich ebenfalls auf eine drastische Schwächung der Roten Armee, die in der »Schwerfälligkeit der Kommandeure aller Ränge, der Treue zu einem für heutige Ausbildungsverhältnisse ungenügenden System, der Angst vor Verantwortung und einem überall spürbaren Mangel an Organisiertheit« bestehe.[[19]]

Der englische Historiker Alan Bullock betonte in seinem Buch »Hitler und Stalin«: »Die Sowjetunion stand Ende der dreißiger Jahre wesentlich schwächer da als noch vier oder fünf Jahre zuvor. Zu Beginn der dreißiger Jahre hatten die Sowjets mehr Flugzeuge und Panzer gebaut als jede andere Macht. Während der erste Fünfjahresplan einen Rückgang der Verteidigungsausgaben gebracht hatte, vollzog sich im Rahmen des zweiten ein rasanter Anstieg, von 1,42 Millionen Rubel 1933 auf 23,2 Millionen 1938. »Mitte der dreißiger Jahre war die Rote Armee« die einzige nationale Streitmacht in Europa, die der deutschen Wehrmacht ebenbürtig war. Sie stützte sich auf eine eigene Rüstungsindustrie, eine Rohstoffbasis, die eine praktisch totale Selbstversorgung ermöglichte, und auf das größte Volk der Welt.«

Die Schwächung der Roten Armee erklärt Bullock vor allem aus den Säuberungen, deren Tragweite sich seiner Meinung nach nicht allein an der großen Zahl der repressierten erfahrenen Offiziere bemesse, sondern auch daran, dass sie einen vernichtenden Schlag gegen die Qualität der sowjetischen Militärführung darstellten. Zu den ersten Opfern der Säuberung gehörten die Kommandeure, »die sich am eifrigsten für neue Ideen eingesetzt und dadurch den Argwohn Stalins erregt hatten. Danach lag die Führung der Roten Armee in den Händen von Männern, die Paul Kennedy als ›politisch zuverlässig, aber geistig rückständig‹ charakterisiert hat.«

Die Schlussfolgerungen westlicher Historiker verallgemeinernd, meint Bullock, Stalin habe in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre weiterhin Mittel in die Vermehrung und Bewaffnung seiner Streitkräfte gesteckt, wobei er den Anteil der Verteidigungsausgaben am Staatshaushalt von 16,5% 1937 auf 32,6% 1940 hochgeschraubt habe. Diese Kriegsvorbereitungen seien jedoch in vielem zunichte gemacht worden, denn »der Geist der Erneuerung, den die Armeeführung vor den Säuberungen propagiert hatte, war tot; blinder Gehorsam war an seine Stelle getreten. Mit Ausnahme Schaposchnikows, der im Mai 1937 zum Stabschef berufen wurde, zeichnete sich die neue Führung der Roten Armee ›entweder durch Mittelmäßigkeit oder durch Mangel an Erfahrung‹ aus, wie John Ericksones formuliert hat. Dies offenbarte sich in der mangelhaften Auswertung der im Spanischen Bürgerkrieg gesammelten Erfahrungen, was nicht zuletzt zu der Entscheidung führte, die sieben motorisierten Armeekorps aufzulösen. Die Folge war, dass die Rote Armee ihren Vorsprung in der Entwicklung der bis dahin größten Bomberflotte aller Zeiten einbüßte.«

Bullock ist der Meinung, dass sich die Folgen von Stalins Untergrabung der sowjetischen Streitkräfte auf dessen Innen- und Außenpolitik ausgewirkt hätten. »Für Stalin war die Erkenntnis, dass es einige Jahre dauern würde, bis die Rote Armee sich erholt haben und die erhöhten Militärausgaben Früchte in Gestalt gesteigerter Kampfkraft tragen würden, ein wichtiger Gesichtspunkt. In den Jahren 1938 und 1939 bestimmte dies maßgeblich seine Außenpolitik und förderte insbesondere seine Entscheidung für den Hitler-Stalin-Pakt.«[[20]]

Die tragischen Folgen der Säuberung unter den militärischen Kadern begriff Stalin schon durch die Erfahrungen der lokalen militärischen Operationen am Chassan-See (1938) und am Chalchyn-Gol (1939).[**] Doch auch hier, ebenso wie nach dem sowjetisch-finnischen Krieg, wollte er die Schuld seinen »engsten Mitstreitern« zuschieben. In einem Gespräch mit Shukow über die Ereignisse am Chalchyn. Gol äußerte er sich erzürnt über Woroschilow: »Da hat er geprahlt, versichert, behauptet, dass wir auf einen Schlag dreifach zurückschlagen würden, hat gesagt, alles ist gut, alles ist in Ordnung, alles ist vorbereitet, Genosse Stalin, und dann stellt sich heraus …«[[21]]

Nach dem sowjetisch-finnischen Krieg entschloss sich Stalin, das Korps von Generälen und Offizieren zu verstärken, indem er einen Teil der in Gefängnissen oder Lagern gefangen gehaltenen Kommandeure frei ließ und wieder in ihre ehemaligen Positionen einsetzte. Doch die allgemeine Situation im Land führte dazu, dass weiterhin ein gewisses Misstrauen diesen Menschen gegenüber herrschte. Konstantin Simonow schilderte in seinem Roman »Man wird nicht als Soldat geboren« das Schicksal des Haupthelden, General Serpilins, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg aus einem Lager entlassen und in die Truppe zurück versetzt worden war:«Die Menschen seiner Umgebung freuten sich, dass der an ihm begangene Fehler korrigiert worden war. Aber er sah ab und zu auch Gesichter, auf denen geschrieben stand: ›Du bist zurückgekehrt, also sei dankbar. Du bist für uns ein Einzelfall, nichts weiter. Doch die Gedanken, die sich aus deiner Rückkehr ergeben, sind so gefährlich, dass man darüber nachdenken sollte: War es sinnvoll, dich zurückzuholen?Du bist zwar unschuldig, sonst wärst du nicht herausgekommen, aber von einem höheren Gesichtspunkt aus ist es noch die Frage, was wichtiger ist!‹«[[22]]

In machen Fällen wirkten sich die schlimmen Hafterlebnisse der verurteilten Kommandeure so stark aus, dass sie ihre früheren Kampf- und Willenseigenschaften für immer verloren. In Konstantin Simonows Novelle »Pantelejew« gibt es einen Oberst Baburow, der nach dem ersten Misserfolg seines Regiments unfähig ist, vernünftig zu handeln, Selbstmord begeht und sein Regiment dem Schicksal überlässt. Zur Erklärung dieses Verhaltens schrieb Simonow: »Baburin war durchaus nicht von Natur aus ein Feigling. Während des Bürgerkriegs hatte er an Gefechten teilgenommen und besaß sogar eine Ehrenwaffe, doch 1937 kam man plötzlich und verhaftete ihn, den Militärkommissar von Kertsch … Als Baburin verhaftet war und man von ihm verlangte, er solle seine Mittäterschaft an einer Verschwörung zugeben, von der er keinerlei Ahnung hatte, bekam er Angst für sein ganzes Leben. Er bekam Angst vor allem, wessen ihn irgendjemand irgendwann würde beschuldigenkönnen. Er bekam Angst vor jeder Verantwortung, die man ihm richtiger- oder fälschlicherweise zuschreiben könnte. Es gab Menschen, die noch ganz andere Dinge aushielten und dabei nicht zerbrachen, ja sich nicht einmal krümmten, doch er war keiner von den Starken. Und als man ihn nach zwei Jahren Gefängnis entließ und sagte, er sei unschuldig, litt er, vom Aussehen her ein gesunder Mann, an der schrecklichsten aller menschlichen Krankheiten – er hatte Angst vor seinen eigenen Handlungen. Und jetzt, im vierten Kriegsjahr, nachdem man ihm ein Regiment gegeben hatte, zerschlugen die Faschisten gleich im ersten Kampf seine Division und waren plötzlich auf der Krim. Er erschrak davor so stark, dass keine vernünftigen Argumente ihn zwingen konnten, trotz seiner Angst verantwortlich zu handeln.«[[23]]

Natürlich waren solche Personen unter den entlassenen Generälen und Offizieren in der Minderheit und die meisten demonstrierten während des Krieges hohe kämpferische Qualitäten. Doch der Zustrom rehabilitierter Kommandeure brach schon in den ersten Kriegsmonaten wieder ab. Simonow beschreibt in seinem Roman »Man wird nicht als Soldat geboren« Serpilins Gedanken dazu: »An der Front gab es in den verschiedensten Dienststellungen viele, die wie er kurz oder unmittelbar vor dem Krieg die Freiheit wiedererlangt hatten … Die einen erreichten es, dass sie im Kampf fielen, mit den anderen ging es bergauf: Vier von ihnen befehligten Armeen, und einer wurde sogar Oberbefehlshaber einer Front. Doch offensichtlich beeilte sich niemand, hieraus Schlussfolgerungen zu ziehen. In der letzten Zeit hatte er keinen einzigen neuen Namen gehört: Die zurückgekehrt waren, kämpften an der Front, und die noch saßen, blieben, wo sie waren … Die Lager waren noch immer voller Menschen, die bereit waren, jeden Tropfen ihres Blutes für die Sowjetmacht zu opfern. Es war unmöglich, das aus dem Gedächtnis zu löschen, doch darüber laut zu sprechen hätte sinnlosen Selbstmord bedeutet.«[[24]]

Unter den Kommandeuren, die in den Lagern bleiben mussten, gab es viele mit außergewöhnlichen militärischen Fähigkeiten und Kenntnissen.

Lew Rasgon berichtet in seinem Buch »Nichts als die reine Wahrheit« von zwei Korpskommandeuren, denen er in einem Lager begegnet war. Einer der beiden war S. N. Bogomjagkow, der 1917 als Oberstleutnant in der Zarenarmee gedient und nach dem Überwechseln zur Roten Armee den Bürgerkrieg als Divisionschef mit zwei Rotbannerorden beendet hatte. Nach der Militärakademie schaffte es Bogomjagkow bis zum Stabschef der »Besonderen Fernöstlichen Armee« – dies war der zweitwichtigste Posten in einem der größten und wichtigsten Militärbezirke. Der andere Korpskommandeur, N.W. Lissowski, hatte sein Studium an der Militärakademie noch vor der Oktoberrevolution abgeschlossen und war gleich nach Gründung der Roten Armee in diese eingetreten. Lange Jahre hatte er als Chef der Operativen Abteilung gearbeitet, anschließend wurde er Generalstabschef. »Lissowski (hatte) sich fast sein ganzen Leben lang mit unserer Westfront befasst … Alles, was im Jahre neununddreißig vor sich ging und danach, nahm er wie etwas Persönliches auf. Er war der festen Überzeugung, dass der Krieg mit Deutschland unausweichlich sei, und hielt unseren territorialen Zuwachs nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom militärischen Standpunkt aus für ein Unglück. Lang und breit erläuterte er Bogomjagkow, dass man auf dem ehemaligen polnischen Gebiet gut den Kampf fortsetzen könne, aber dass man ihn sehr schwer eröffnen könne. Auf die Theorie des ›geringen Blutvergießens auf fremdem Boden ›reagierte er mit dem saftigen Fluch eines alten Gardisten.«

Nach dem 22. Juni 1941 »verfärbte er sich schwarzgrau im Gesicht … Entgegen seiner sehr zurückhaltenden, abwartenden Art sagte er für unsere Armee kolossale militärische Misserfolge voraus. Als nach einem Monat vollständiger Isolation wieder Radios und Zeitungen bei uns auftauchten, konnten wir uns davon überzeugen, dass alle Voraussagen Lissowskis mit schrecklicher Folgerichtigkeit eingetreten waren. Ziemlich präzise sagte er die Hauptstoßrichtung der Deutschen voraus. Im Frühjahr 1942 zeichnete er mir mit fast absoluter Genauigkeit die zukünftige Stoßrichtung der deutschen Armeen in Richtung Süden und Südosten auf. Es lag etwas Gespenstisches darin, dass dieser hochqualifizierte Mann, der sich das ganze Leben auf diesen Krieg vorbereitet hatte, in einem gottverlassenen Lagpunkt saß und fingierte Normen aufstellte. Dabei saß sein ehemaliger Schüler und Untergebener Wassilewski im Generalstab! Lissowski schrieb außer seinen zahlreichen Bittbriefen, dass man ihn in jeder beliebigen Eigenschaft an die Front versetzen möge, einen Brief nach dem anderen an Wassilewski und Schaposchnikow, schmuggelte sie an der Zensur vorbei mit Hilfe von freien Angestellten. Unmöglich, dass nicht einer dieser Briefe den Adressaten erreicht haben soll! Lissowski saß weiter seine Zeit ab. Er hat sie voll abgesessen, bekam nicht einen Tag geschenkt!«[[25]]

Die neue militärische Führung, die an die Stelle der Repressionsopfer gerückt war, stand um einige Niveaustufen unter ihren Vorgängern. Da in den Jahren 1937–1939 drei Marschälle erschossen worden waren, beförderte man im Mai 1940 Timoschenko, Schaposchnikow und Kulik zu Marschällen. Den Anforderungen dieses Ranges entsprachen allerdings nur Schaposchnikow und in geringerem Maße Timoschenko, der 1942 auf zweitrangige Posten in der Militärführung abgeschoben wurde. Kulik zeigte sich in den Kriegsjahren auf militärischem Gebiet extrem unfähig, darüber hinaus war er noch geschwätzig und immer mit allem unzufrieden, deshalb wurde er 1942 aus dem ZK entfernt, 1945 aus der Partei ausgeschlossen, 1947 verhaftet und 1950 erschossen.[[26]]

Aufgrund ihres Ehrgeizes, ihrer gegenseitigen Abneigung und Feindseligkeit konnte die neue Militärführung nicht abgestimmt handeln. »Als Gamarnik, Tuchatschewski und die anderen am Werk waren, die wirklich Ahnung von Politik, Wirtschaft und Kampftechnik der Armee hatten, ging es auch ohne Woroschilow vorwärts«, konstatierte Chrustschow in seinen Memoiren. »Als man sie jedoch vernichtet hatte und Leute wie Mechlis, Schtschadenko und Kulikan ihre Stelle rückten, die ihrer Ämter nicht würdig waren, verwandelte sich das Volkskommissariat für Verteidigung, ehrlich gesagt, in ein Irrenhaus oder einen Zwinger tollwütiger Hunde, wenn man die Chefs in Betracht zieht. Einmal … zerrte mich Timoschenko buchstäblich am Ärmel zu einer Sitzung des Hauptmilitärrats der Roten Armee … Offenbar wollte er, das sich als Mitglied des Militärrats des KOWO (Militärischer Sonderbezirk Kiew) mir diesen Hundezwinger ansehen sollte, wie sie sich gegenseitig an der Gurgel packten und wegen Nichtigkeiten in der Luftzerrissen, die wichtigen Angelegenheiten aber links liegen ließen … Aber vielleicht passte ja diese Befehdung Stalin auch in sein Konzept?«[[27]]

Da die Leitung des Volkskommissariats spürte, dass die Truppen nur schwach geführt wurden, nahm sie häufig Versetzungen von Kommandeuren vor. Selbst nach Abschluss der Massenrepressalien von 1937/38 bis 1941 wurden in einigen Militärbezirken bis zu fünf oder sieben Kommandeure abgelöst.[[28]]

Nach der großen Säuberung war die Moral der Kommandeure drastisch gesunken. In einem Bericht des Chefs der Politverwaltung der Roten Armee Mechlis an den ZK-Sekretär Shdanow hieß es, 1938 sei von den Parteiorganisationen der Armee und den Parteikommissionen gegen 19.794 Personen eine Parteistrafe verhängt worden, 1939 gegen 10.814. Dabei habe sich die Struktur der angeblichen Straftaten und Vergehen grundlegend geändert. Während es sich 1938 hauptsächlich um politische Anschuldigungen gehandelt habe, seien 1939 Dienstvergehen (4.261 Personen) und moralische Zersetzung (3.138 Personen) an die vorderste Stelle gerückt. Die meisten der nach diesen Paragraphen zur Verantwortung Gezogenen gehörten zur Führungsebene.[[29]]

Parallel dazu erzeugte die seit der Zeit des großen Terrors bestehende Richtlinie, wonach die Unterstellten ihre Kommandeure als »Volksfeinde« »entlarven« sollten, die Tendenz, alle Nachlässigkeiten und Fehler mit Schädlingstum zu erklären. In diesem Zusammenhang kam es, wie es im gleichen Dokument hieß, zu »absurden Vorfällen«. So diskutierte beispielsweise die Parteiorganisation einer Transportkompanie über den Zustand der Pferde und verfasste folgendes Schreiben: »Die Pferde befinden sich bei uns in einem schlechten Zustand, die Ställe sind nicht abgedeckt, der Hafer wird auf den Fußboden geschüttet, die Pferde werden krank und bekommen Juckreiz, haben wir vielleicht unter den Kommandeuren in unserer Kompanie Volksfeinde?«[[30]]

Zur Desorganisierung der Armee trugen neben den Massenrepressalien auch die in den Vorkriegsjahren durchgeführten »Reformen« bei, vor allem die 1937 erfolgte Wiedereinführung des Status »Kriegskommissar«. »Das System der Kommissare, erstmalseingeführt, als die Rote Armee aus dem Nichts aufgebaut wurde«, schrieb Trotzki, »bedeutete zwangsläufig ein System des Doppelkommandos. Die Unannehmlichkeiten und Gefahren einer solchen Einrichtung waren schon damals augenfällig, aber sie wurden als ein kleineres und außerdem zeitweiliges Übel angesehen … Die Kommandeure, die in ihrer Mehrheit aus den Rängen der alten Offiziere und Feldwebel kamen, fanden sich unter den neuen Umständen nur schlecht zurecht, und die Besten von ihnen wandten sich von sich aus um Rat und Unterstützung an die Kommissare. Wenn es auch nicht ohne Reibungen und Konflikte blieb, so führte die Doppelleitung zu jenen Zeiten doch zu einer freundschaftlichen Zusammenarbeit.«

Völlig anders waren die Folgen bei der erneuten Einführung des Doppelkommandos in einer Zeit, als die meisten Kommandeure aus der Roten Armee hervorgegangen waren und sich mit den Jahren Autorität erworben hatten. Unter diesen Bedingungen erhielten die neuen Kommissare »das Kommando nur, weil sie die ›Wachsamkeit‹ verkörpern, d.h. Polizeiaufsicht über die Armee. Die Kommandeure entwickeln ihnen gegenüber einen berechtigten Hass. Das System der Doppelführung wird somit zu einem Kampf zwischen politischer Polizei und Armee, wobei die Zentralmacht auf Seiten der Polizei steht.«[[31]]

Diese Worte Trotzkis finden ihre Bestätigung in den besten Werken der sowjetischen Literatur über den Krieg, wie z.B. in W. Grossmanns Roman »Leben und Schicksal«. Dort wird sehr deutlich der Konflikt zwischen dem Panzerkorpskommandanten Nowikow und dem ständig denunzierende Berichte über ihn einreichenden Divisionskommissar Getmanow gezeigt.

Die zweite »Militärreform« beinhaltete eine wesentliche Erhöhung des Solds für die Kommandeure, was nach Stalins Plan der Staatsmacht Gehorsam und Ergebenheit sichern sollte. Auf dem achtzehnten Parteitag der KPdSU(B)führte Woroschilow als Beleg für die« Fürsorge der Partei« gegenüber der Armee eine Tabelle an, die zeigte, dass die Besoldung der Offiziere und Generäle im Zeitraum 1934–1939 durchschnittlich um 286% gestiegen war. Je höher der Rang, desto mehr stieg der Sold.[[32]]

Solcherart »Reformen« veränderten von Grund auf den sozialen Charakter der Roten Armee. Dazu bemerkte Trotzki, dass die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution angenommen hatten, die Streitkräftewürden nach dem Prinzip einer Volksmiliz organisiert werden. »Nur eine solche Armeeorganisation, die das Volk zum bewaffneten Herrn seines Schicksals macht, entspricht der Natur der sozialistischen Gesellschaft. Der Übergang von der kasernierten zu einer Milizarmee wurde im Verlauf der ersten zehn Jahre systematisch vorbereitet. Aber in dem Augenblick, als die Bürokratie endgültig jede Äußerung der Selbstständigkeit der Arbeiterklasse unterdrückte, machte sie die Armee offen zum Werkzeug ihrer Herrschaft. Das Milizsystem wurde vollkommen abgeschafft. Die Zweimillionenarmee hat jetzt einen reinen Kasernenhofcharakter. Die Offizierskaste mit Generälen und Marschällen ist wieder hergestellt. Aus einem Werkzeug sozialistischer Verteidigung ist die Armee zum Instrument zur Wahrung der Privilegien der Bürokratie geworden.«[[33]]

Trotzki schrieb: »Fortschritt des Landes ist unmöglich ohne allgemeines Wachstum der Kultur – das heißt ohne Selbstständigkeit für jeden einzelnen, ohne freie Kritik und freie Forschung.« »Diese elementaren Bedingungen des Fortschritts sind für die Armee noch weit wichtiger als für die Wirtschaft, da in der Armee der reale oder fiktive Gehalt statistischer Daten mit Blut geprüft wird. Aber die politische Ordnung der UdSSR hat sich endgültig dem Drillsystem eines Strafbataillons angenähert.«[[34]]

[*] Die Summe der Prozentzahlen liegt über 100%. In der Iswestija findet sich ein Hinweis, dass die Zahlen in dieser falschen Form bereits in der dem ZK damals vorgelegten Originalquelle bzw. Aufstellung zu finden sind. – d. Hg.

[**] Angriffe japanischer Truppen und Kämpfe mit der Roten Armee vom 29. Juli bis 11. August 1938 am Chassan-See und von Mai bis September 1939 am Fluss Chalchyn-Gol im Fernen Osten. – d. Hg.

Anmerkungen im Originaltext

1 I.G. Pavlenko: Razmyšlenija o sud’be polkovodca. Moskva 1989, S. 15.

2 Izvestija CK KPSS, 4/1989, S. 80.

3 Istorièeskij archiv, 4/1997, S. 69, 73.

4 Izvestija CK KPSS, 3/1990, S. 195.

5 Oèerki istorii rossijskoj vnešnej razvedki. T. 3, Moskva 1997, S. 17.

6 Archivy raskryvajut tajny … Me dunarodnye voprosy: sobytija i ljudi. Moskva 1991, S. 335.

7 Oèerki istorii rossijskoj vnešnej razvedki. T. 3, S. 66.

8 F.F. Raskol’nikov: O vremeni i o sebe, Leningrad 1989, S. 546.

9 D.A. Volkogonov: Stalin. Politièeskij portret. Kn. 2, Moskva 1996, S. 53.

10 D.A. Volkogonov: Trockij. Kn. 2, Moskva 1992, S. 202.

11 Oèerki istorii rossijskoj vnešnej razvedki, S. 16–17.

12 Istoènik, 1/1997, S. 80.

13 Pravda, 20.12.1994.

14 P.K. Ošèepkov: izn’ i meèta, Moskva 1965, S. 76–77.

15 A.I. Eremenko: V naèale vojny, Moskva 1965, S. 8.

16 Politièeskoe obrazovanie, 5/1989, S. 56.

17 Zitiert nach: Alan Bullock: Hitler und Stalin. Parallele Leben, Berlin 1991, S. 733.

18 Walter Görlitz (Hg.): Generalfeldmarschall Keitel. Verbrecher oder Offizier? Erinnerungen, Briefe, Dokumente des Chefs OKW, Göttingen/Berlin/Frankfurt 1961, S. 245.

19 V. Dašièev: Bankrotstvo sistemy germanskogo fašizma, Moskva 1973, t. 2, S. 91.

20 Alan Bullock: Hitler und Stalin, S. 732, 733, 735.

21 Voennoistorièeskij urnal, 9/1987, S. 50.

22 Konstantin Simonow: Man wird nicht als Soldat geboren, Berlin 1965, S. 115.

23 Konstantin Simonov: Ju nye povesti, Moskva 1962, S. 81–83.

24 Konstantin Simonow: Man wird nicht als Soldat geboren, S. 114–115.

25 Lew Rasgon: Nichts als die reine Wahrheit, Berlin 1992, S. 67–68.

26 Izvestija CK KPSS, 9/1989, S. 107.

27 Voprosy istorii, 12/1991, S. 64. Vgl. auch: Chruschtschow erinnert sich, Reinbek 1971, S. 170, 174.

28 Daugava, 5/1989, S. 66.

29 Izvestija CK KPSS, 3/1990, S. 195.

30 Ebenda.

31 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1147–1148.

32 XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov), S. 198.

33 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1137.

34 Ebenda, S. 1146.

11. KAPITEL:
Der Terror nach der »Jeshowstschina«

Ende 1938 war das Ausmaß der großen Säuberung so stark spürbar, dass sich sogar einige Führungskräfte, die von der Säuberungswelle nach oben gespült worden waren, bei Stalin über die im NKWD herrschende Willkür beschwerten. So schrieb am 23. Oktober 1938 der Sekretär des Stalingrader Gebietsparteikomitees Tschujanow an Stalin, dass Jewduschenko, der Chef einer NKWD-Kreisabteilung, einen Fall über konterrevolutionäre Tätigkeit der staatlichen und der Parteiführung des Kreises konstruiert habe. Bei der Behandlung dieser Frage im Büro des Gebietskomitees war festgestellt worden und Jewduschenko hatte das selbst zu gegeben, dass alle Anschuldigungen gegen die Partei- und Staatsfunktionäre Verleumdungen darstellten und durchphysische Gewalt erzwungen worden waren. Tschujanow hielt sich allerdings an die von Stalin aufgestellten Spielregeln und führte die Ausschreitungen darauf zurück, dass an der Spitze der NKWD-Gebietsverwaltung der »Ende September entlarvte und verhaftete Feind Scharow (stand), der im alten Büro des KPdSU-Gebietskomitees, des Stalingrader Stadtkomitees und des Astrachaner Gebiets- sowie Stadtkomitees Feinde gedeckt hatte, die im Verlaufe der Parteikonferenz entlarvt und festgenommen wurden«.[[1]]

Am 17. November 1938 verabschiedeten das ZK und der Rat der Volkskommissare den Geheimbeschluss »Über Verhaftungen, die staatsanwaltschaftliche Aufsicht und die Untersuchungsführung«. Darin war die Rede von »großen Mängeln und Auswüchsen in der Arbeit der NKWD-Organe und der Staatsanwaltschaft«. Drei Wochen später erschien die Meldung: »Gen. N.I. Jeshow ist entsprechend seiner Bitte von seinen Pflichten als Volkskommissar für Inneres entbunden worden. Er bekleidet weiterhin das Amt des Volkskommissars für Wassertransportwesen. Als Volkskommissar für Inneres der UdSSR wurde L. P. Berija bestätigt.«[[2]]

Obwohl Berija nicht einmal Kandidat des Politbüros war, bewirkte seine »Übersiedlung nach Moskau … auch Veränderungen im bisherigen Leben Stalins und seiner Umgebung … Mir war aufgefallen, dass Stalin und Berija sehr freundschaftlich miteinander verkehrten. Mir fiel auf, dass selbst Leute in Stalins Umgebung, die in Partei und Staat höhere Funktionen als Berija innehatten, sich nach ihm richteten, diensteifrig waren und sich anbiederten, was besonders auf Kaganowitsch zutraf. Nur Molotow hat sich nicht derart erniedrigt.«[[3]]

Die Ablösung Jeshows durch Berija wurde im Volk als Beendigung des Massenterrors aufgefasst, zumal in den unmittelbar folgenden Monaten die Anzahl der Verhaftungen drastisch sank und mehrere zehntausend Häftlinge aus den Lagern und Untersuchungsgefängnissen entlassen wurden. Anfang 1939 unterzeichnete Berija mehrere Befehle, die anordneten, örtliche NKWD-Mitarbeiter zu verhaften und vor Gericht zu stellen, weil sie grundlos Verhaftungen vorgenommen und ungesetzliche, brutale Untersuchungsmethoden angewendet hatten.

L.P. Berija

Porträt von L. P. Berija

Ende 1938 kam es auch im ZK zu einigen Veränderungen. Mehrere Sekretäre von Gebietskomitees der Partei wurden wegen »zu harten Vorgehens gegen ehrliche Mitarbeiter« ihres Amtes enthoben. Es wurde beschlossen, dass die NKWD-Organe ihre Repressalien gegen Parteimitglieder mit den Parteikomitees abstimmen mussten.

Auch die Einstellung gegenüber den Familienangehörigen Repressierter erfuhr eine leichte Verbesserung. Am 23. Januar 1939 richtete der Erste Sekretär des ZK des Komsomol Michailow ein Schreiben an Stalin, indem er die Praxis, den Jungen und Mädchen, deren Eltern repressiert waren, »pauschal die Aufnahme in den Komsomol zu verweigern«, als »äußerst schädlich und geeignet, bei jenem Teil der Jugend, der ehrlich für das Volk arbeiten will, Erbitterung hervorzurufen«, bezeichnete. Auf diesem Dokument vermerkte Stalin: »Richtig!«[[4]]

Auf dem achtzehnten Parteitag der KPdSU (B) wurden die Massenrepressalien im Bericht Shdanows über Veränderungen im Parteistatut angesprochen – ohne jeden Zusammenhang mit dem Thema des Berichts. Shdanow führte zahlreiche Beispiele an, die belegten, welch schreckliche Massenpsychose Partei und Land in den Jahren der großen Säuberung ergriffen hatte. Dabei wurden solche Beispiele vorgetragen, die im Saal Heiterkeit hervorrufen mussten. So berichtete Shdanow unter »allgemeiner Heiterkeit« davon, dass in einem Kreis der Region Krasnojarsk ein Denunziant am Werke war, der sich »eine Liste mit speziellen Rubrikengemacht hat: ›großer Feind‹, ›kleiner Feind‹, ›sehr kleiner Feind‹, ›ganz kleiner Feind‹«. »Starke Heiterkeit« löste auch Shdanows Mitteilung über einen Denunzianten aus, der in einem seiner »Entlarvungsberichte« an das Gebietskomitee der Partei eine Bitte geäußert hatte: »Ich habe im Kampf gegen die Feinde meine Kräfte verausgabt, und deshalb bitte ich um eine Reise in einen Kurort.«

Als handle es sich um ein erheiterndes Kuriosum, sprach Shdanow da von, dass einige Parteimitglieder »zur Rückversicherung die Hilfe von medizinischen Einrichtungen in Anspruch genommen haben«, und verlas eine »Bescheinigung, die ein Bürger ausgehändigt bekam«: »Der Gen. Soundso kann aufgrund seines Gesundheits- und Bewusstseinszustands von keinem Klassenfeind für dessen Ziele benutzt werden. Psychiatrie des Oktober-Stadtbezirks Kiew (Unterschrift).«[[5]]

In der Diskussion zu Shdanows Referat wurden viele Beispiele genannt, wie »gegen ehrliche bolschewistische Kader zu hart vorgegangen wurde«. Man berichtete beispielsweise, dass der Bevollmächtige des ZK der KP Belorusslands Semzew in einen Kreis der Republik gefahren sei, wo er befohlen habe, den Sekretär des Kreiskomitees zu verhaften, und den übrigen Mitgliedern des Kreiskomitees eine Liste übergeben habe, welche Kommunisten aus der Partei ausgeschlossen werden müssten. Gegen Abend dieses Tages waren 17 Personen ausgeschlossen. Semzew selbst nahm ihnen den Parteiausweis weg. In einer Parteigruppe blieb nur ein einziger übrig, und Semzew erklärte ihm, er werde später ausgeschlossen, weil jetzt keiner mehr da sei, der für seinen Ausschluss stimmen könne. Anschließend versiegelte er das Gebäude des Kreiskomitees, nahm dessen Mitgliedern die Schlüssel und Dienstsiegel ab und gab sie in der Kreisabteilung des NKWD ab. Dann fuhr er davon. Auf diese Weise hatte er das Kreiskomitee der Partei liquidiert.[[6]]

In einem Stadtbezirkskomitee von Kiew waren spezielle Kommissionen gebildet worden, die Belastungsmaterial gegen die Parteimitglieder und -kandidaten sammeln sollten. Diese Kommissionen sammelten 1.014 verleumderische Anzeigen. In einem anderen Stadtbezirk wurden belastende Anzeigen gegen 63% der Mitglieder der dortigen Parteiorganisation eingereicht, und in der Parteiorganisation der Akademie der Wissenschaften, wo 130 Kommunisten registriert waren, wurden belastende Anzeigen gegen 111 Personen abgegeben.[[7]]

Die Delegierten führten in ihren Redebeiträgen krasse Beispiele für den Übereifer auf der Suche nach »Volksfeinden« an. Unter anderem war von einer Anzeige an das Gebietsparteikomitee die Rede, die mit »Sbreshewski« unterschrieben war und Anschuldigungen gegen eine Gruppe von Funktionären des Parteiapparats enthielt. Bei der Überprüfung der Anzeige zeigte sich, dass es in diesem Gebiet überhaupt niemanden gab, der diesen Familiennamen trug, und die Anzeige von einem gewissen Semid geschrieben worden war, der als Abteilungsleiter in einem der ländlichen Kreiskomitees der Partei arbeitete. Als dieser »Informant« auf frischer Tat ertappt wurde, stellte sich heraus, dass er nicht einmal von der Existenz mancher der von ihm in der Anzeige genannten Personen überzeugt war.[[8]]

In einem Leningrader Betrieb reichte jemand eine große Anzahl von Anzeigen gegen Kommunisten ein und beschuldigte jeweils mindestens 20 Personen – Arbeitskollegen und Mitbewohner der gleichen Wohnung. Er schrieb sogar, dass seine Wohnungsnachbarn miteinander flüsterten und das hieße, dass sie etwas vor der Partei verbergen wollten.

Noch frappierender war die auf dem Parteitag vorgebrachte Tatsache, dass im Leningrader Industrieinstitut ein Parteimitglied, nachdem es 19 Anzeigen und »Mitteilungen« erstattet hatte, die zwanzigste gegen sich selbst schrieb. Darin teilte er mit, dass sein Onkel ein Volksfeind gewesen und von den NKWD-Organen repressiert worden sei. »Bei der Überprüfung der Anzeige vor Ort stellte sich heraus, dass dieser Onkel überhaupt kein Volksfeind war und auch nicht von den NKWD-Organen repressiert worden war. Er war ganz einfach krank geworden und gestorben (Heiterkeit).«[[9]]

Mit Heiterkeit nahmen die Delegierten die Gründe auf, weshalb man Kommunisten aus der Partei ausschloss. So berichtete Boizow, dass in einer Parteigruppe ein gewisser Pirogow ausgeschlossen worden sei, weil er im Politikzirkel gesagt habe, dass Iwan der Schreckliche ein kluger Zar gewesen sei. »In der Gruppe begann man zu diskutieren: Wie soll denn das zusammenpassen, Iwan der Schreckliche – ein Zar – soll plötzlich klug gewesen sein? Alle Zaren sind Dummköpfe, Iwan der Schreckliche auch; und wenn Pirogow ihn lobt, dann muss man Pirogow aus der Partei ausschließen (Heiterkeit).«[[10]] Lachen löste auch die Mitteilung aus, dass der Parteikandidat Mogilner ausgeschlossen worden sei, weil er angeblich an seinem neugeborenen Kind ein religiöses Ritual (Be­schnei­dung) vollzogen habe. »Die Denunzianten wussten jedoch nicht, dass Mogilner keinen Sohn, sondern eine Tochter bekommen hatte.«[[11]]

Natürlich bedeutete die Aufdeckung von »Überspitzungen« nicht das Ende der Brutalitäten durch die NKWD-Organe. Im Gegenteil, als ab Januar 1939 Leiter der örtlichen Parteiorganisationen NKWD-Mitarbeitern die Folterung von Inhaftierten vorwarfen, richtete Stalin ein Schreiben an die Sekretäre der Parteikomitees auf Republiks und Gebietsebene sowie an die Volkskommissare und die Chefs der NKWD-Gebietsverwaltungen, in dem er »klarlegte«, dass die Anwendung physischer Gewalt mit Erlaubnis des ZK zugelassen sei und diese Methode »auch weiterhin … angewendet werden sollte«.[[12]] Diese Direktive diente den »Organen« bis zu Stalins Tod als Handlungsgrundlage. Am 17. Juni 1947 meldete der Minister für Staatssicherheit Abakumow an Stalin: »Gegen die durch die Ermittlungen überführten Spione, Diversanten, Terroristen und anderen aktiven Feinde des sowjetischen Volkes, die sich unverschämterweise weigern, ihre Komplizen zu verraten, und keine Aussagen über ihre verbrecherische Tätigkeit machen, wenden die MGB-Organe entsprechend den Weisungen des ZK der KPdSU (B) vom 10. Januar 1939 Maßnahmen körperlicher Einwirkung an.«[[13]]

Von dieser »Weisung« ließen sich auch die örtlichen Parteifunktionäre leiten, die die Tätigkeit des NKWD »kontrollierten«. Der ehemalige stellvertretende Milizchef der NKWD-Verwaltung Iwanowo, Schrejder, berichtet in seinen Memoiren, dass 1939 der erst jüngst ernannte Sekretär dieses Gebietskomitees, Sedin, an Verhören von ehemals leitenden Mitarbeitern des Gebietskomitees teilgenommen habe, bei denen diese die von ihnen unter Schlägen erpressten Geständnisse widerriefen. Dennoch zeichnete Sedin im Anschluss daran die »Erschießung« und anderen Urteile ab. Über die Reaktion Sedins auf Mitteilungen von Gefangenen über die Grausamkeiten ihrer Gefängniswärter berichtete Schrejder am eigenen Beispiel: Einmal betrat ein Mann den Raum, in dem Schrejder gerade vernommen wurde, »etwa 40 Jahre alt, stämmig, frisch rasiert und vor Gesundheit und Wohlergehen strotzend … Auf Sedins Brust prangte der Lenin-Orden.« Schrejder, überzeugt, dass der neue Sekretär des Gebietskomitees in seiner Angelegenheit Gerechtigkeit herstellen würde, zeigte Sedin die Wunden von seinen Folterungen. »›Was demonstrieren Sie mir Ihre Wunden‹, sagte Sedin mit unzufriedenem Gesichtsausdruck. ›Alexej Maximowitsch Gorki hat doch gesagt: Wenn sich der Feind nicht ergibt, wird er vernichtet!‹«[[14]]

Nach Jeshows Absetzung gingen die Verhaftungen weiter, wenngleich auch weniger intensiv. Verhaftet wurden unter anderem herausragende sowjetische Kulturfunktionäre wie Michael Kolzow, ehemals einer der treuesten Stalin-Anhänger. Louis Aragon zitierte in seinem Buch »Spiegelbilder« (»La mise à mort«) einen Satz, den Kolzow vor seiner Abreise aus Paris zu ihm gesagt hatte: »Denkt daran, … erinnert euch an das letzte Wort, das ihr von mir vernommen habt – denkt daran, dass Stalin immer Recht hat[[15]]

Offenbar war die Verhaftung Kolzows, der in Spanien als Emissär Stalins tätig war, darauf zurückzuführen, dass er über die dort von Stalins Agenten verübten Verbrechen zu viel wusste. Kolzow hielt sich zwar in Spanien gehorsam an alle Weisungen Stalins, zeigte jedoch mitunter Eigeninitiative und besuchte sogar einmal als lateinamerikanischer Korrespondent getarnt das Stabsquartier der POUM (siehe Kapitel 24). Obwohl Kolzow von seinem Besuch nur den engsten Freunden erzählt und dabei ununterbrochen »gegen die POUM-Leute gewütet«[[16]] hatte, musste die Tatsache, dass er unmittelbaren Kontakt zu den POUM-Funktionären hatte, bei Stalin die heftigsten Reaktionen hervorrufen. Einige Archivdokumente lassen den Schluss zu, dass Kolzow sofort nach seiner Ankunft in Spanien rund um die Uhr beschattet wurde. Anfang 1937 meldeten Geheimagenten der Komintern, dass ein gewisser Rudolf Selke, der 1928 die KPD verlassen hatte und »als grimmiger Feind der Sowjetmacht und der Kommunistischen Internationale in Erscheinung trat«, ein Amt im Propagandaministerium der Provinz Valencia erhalten habe – »dank der Vermittlung durch Gen. Kolzow … Die Angaben über eine Verbindung zwischen Rudolf Selke und Kolzow wurden von einem TASS-Vertreter und Gen. Kantorowicz – dem Redakteur der Zeitschrift ›LeVolontaire de la Liberté‹ – bestätigt.«[[17]]

Kolzows Verhaftung kam für ihn selbst und auch für andere Schriftsteller völlig unerwartet. Der Schriftsteller A. Awdejenko erinnert sich, dass Kolzow am 12. Dezember 1938 im Schriftstellerklub einen Vortrag über den »Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)« hielt. Dort schilderte Kolzow, »wie das Land zukünftig vom Sozialismus zum Kommunismus übergehen werde. Zuerst werde man für die Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln nichts mehr bezahlen müssen. Dann werde das Brot nichts mehr kosten. Danach würden auch die anderen Lebensmittel nach Bedarf ausgegeben werden – im Austausch gegen gewissenhafte Arbeitund nicht mehr gegen Geld.«

Nachdem Vortrag gab Kolzow ein Essen für seine Freunde. »Ich habe ihn in jener Stunde gesehen«, schrieb Awdejenko. »Er war fröhlich, scherzte, lachte, erzählte Dinge über Spanien, die man nicht in der Zeitung lesen konnte. Das Essen endete um Mitternacht, vielleicht auch später. Wir alle begleiteten unter lautem Reden Kolzow zu seinem Auto. Tags darauf, als ich in die Redaktion kam, erfuhr ich, dass man Kolzow verhaftet hatte.«[[18]]

Der Fall Kolzow stand in gewisser Weise mit dem Fall Meyerhold im Zusammenhang, wenngleich die Verhaftung des Letzteren erst ein halbes Jahr später erfolgte. Davon zeugt ein Bericht A. Fadejews, den sein Freund, der Literaturkritiker Selinski, wiedergab.

Anfang 1939 hatte Fadejew bei einer literarischen Versammlung in Kiew einige positive Worten über den damals schon in Ungnade gefallenen Meyerhold geäußert. Nach seiner Rückkehr nach Moskau beorderte ihn Stalin zu sich und gab ihm die Aussagen Kolzows und des 1938 erschossenen Generals Below zu lesen (Ehrenburg zufolge war Below ein enger Freund Meyerholds). In den Aussagen beider hieß es, Meyerhold sei Mitglied einer Verschwörergruppe und Resident eines ausländischen Geheimdienstes gewesen. Als Fadejew mit dem Lesen zu Ende war, sagte Stalin: »Jetzt verstehen Sie, hoffe ich, wen Sie mit Ihren Worten unterstützt haben. Und Meyerhold, wenn Sie gestatten, beabsichtigen wir zu verhaften.«

»Kannst du dir vorstellen, was in mir vorging, als ich das hörte?« sagte Fadejew zu Selinski. »Und gar, als wir uns danach trafen! Meyerhold wurde erst fünf Monate nach diesem Vorkommnis verhaftet. Er kam oft in den Verband (der Schriftsteller), grüßte mich und wollte mich zur Begrüßung küssen, aber ich wusste solche Dinge über ihn, dass ich ihn nicht mehr ansehen konnte.«[[19]]

Meyerhold wurde im Juni 1939 verhaftet. Die Ursache war vielleicht der verschleppte Hass Stalins auf ihn, weil Meyerhold in freundschaftlichen Beziehungen zu Trotzki gestanden und diesem 1923 sogar eines seiner Stücke gewidmet hatte. Die Hauptaufgabe im Fall Meyerhold bestand darin, trotzkistischen Einfluss in der sowjetischen Kunst zu suchen. Als »Trotzkisten« werden in seiner Akte u.a. Ehrenburg, Pasternak, Schostakowitsch, Ochlopkow und Schebalin bezeichnet. Etwa den gleichen Personenkreis finden wir in der Akte Babel.

Meyerholds Briefen an verschiedene Instanzen zufolge war er während der Ermittlungen besonders grausam gefoltert worden. Am 3. Dezember 1939 schrieb er an Berija, seine Verhaftung und die Verhöre hätten ihn« in eine tiefe Depression gestürzt, die so weit reicht, dass ich sogar die Gewalt über mich verloren habe, eine Depression, die eine ungeheuerliche Abstumpfung des Bewusstseins ausgelöst hat … Ich habe mich selbst verleumdet (habe mich dermaßen unnatürlicher Dinge bezichtigt, dass es Ihnen einfach auffallen muss, wenn Sie, was ich hoffe, meine Akte lesen), ich habe Menschen verleumdet, die absolut unschuldig sind … Ich habe die körperlichen Schmerzen nicht ausgehalten und erst recht nicht die moralischen Beleidigungen der Untersuchungsführer gegen mich … Ich war wie im Fieberwahn und habe die Urteilsschreiben blind gegengezeichnet.«

W.E. Meyerhold im Gefängnis

Porträt von W. E. Meyerhold im Gefängnis

Am 13. Dezember wandte sich Meyerhold mit einer Erklärung an den Staatsanwalt der UdSSR, in der er die von ihm erzwungenen Falschaussagen widerrief, die »eine Folge davon waren, dass gegen mich, einen 65 Jahre alten (noch dazu nervösen und kranken) Mann, während der gesamten Ermittlungen solche Maßnahmen der physischen und moralischen Einwirkung angewendet wurden, wie ich sie nicht aushalten konnte, und so begann ich meine Antworten auf die Fragen des Untersuchungsführers mit ungeheuerlichen Erfindungen zu überladen. Ich log, der Untersuchungsführer schrieb es auf und verschärfte diese Erfindungen noch, manche Antworten diktierte er statt meiner der Stenografin selbst, und ich habe das alles unterschrieben … Die ganze Zeit hing über mir die Gefahr, die oben genannten Verhörmaßnahmen könnten sich wiederholen (›Wenn du lügst, werden wir dich dreimal so stark schlagen‹).« Da diese Erklärungen keinerlei Reaktion auslösten, wandte sich Meyerhold am 2. und 13. Januar 1940 schriftlich an Molotow. Der große Künstler beschreibt in diesen Briefen die in der Praxis des NKWD üblichen Misshandlungen, die er über sich ergehen lassen musste: »Mein Nervengewebe liegt, wie sich herausstellte, ganz dicht an der Hautoberfläche, und meine Haut ist zart und sensibel wie bei einem Kind; meine Augen zeigten sich in der Lage (unter unerträglichen physischen und moralischen Schmerzen), ganze Tränenströme zu vergießen. Mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden liegend, entdeckte ich meine Fähigkeit, mich zu winden und zu krümmen und zu winseln wie ein Hund, den sein Herr mit der Peitsche schlägt … Man hat mich hier geschlagen – einen 65 Jahre alten Mann: legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden und schlug mir mit einem Gummiknüppel auf die Fersen und den Rücken; als ich auf dem Stuhl saß, schlug man mir mit dem gleichen Knüppel auf die Beine (von oben, mit großer Kraft), von den Knien an aufwärts. An den darauf folgenden Tagen, als diese Stellen an den Beinen ausgedehnte Blutergüsse aufwiesen, schlug man mir erneut mit diesem Knüppel auf diese rotblaugelben Flecken, wobei der Schmerz so stark war, dass es mir schien, als würde man auf die schmerzenden sensiblen Stellen kochendes Wasser gießen (vor Schmerz schrie und weinte ich). Man schlug mich mit dem Knüppel auf den Rücken und mit den Händen, weit ausgeholt, ins Gesicht … Vor Hunger (ich konnte nichts essen), Schlaflosigkeit (drei Monate lang) und Herzanfällen des Nachts sowie Hysterieanfällen (ich vergoss Tränenströme, zitterte wie im Fieber) gab ich auf, niedergedrückt, abgemagert, um zehn Jahre gealtert … Über mir hing ein Damoklesschwert: Der Untersuchungsführer drohte ständig: ›Wenn du nicht schreibst (d.h. dir etwas ausdenkst), werden wir dich wieder schlagen, unberührt lassen wir nur den Kopf und die rechte Hand, alles Übrige verwandeln wir in einen formlosen, blutüberströmten, mit Schnittwunden übersäten Körper.‹«

In seinem Bestreben, Molotows Vertrauen zu erlangen, wählte der gequälte Meyerhold derbe Worte, um seinen Hass auf Trotzki zum Ausdruck zu bringen. »Gemeinsam mit der Partei verfluche ich den Judas Trotzki! … Von Trotzkismus in der Kunst zu sprechen ist einfach lächerlich. Ein ausgesprochen geriebener Kerl und politischer Abenteurer, jemand wie Trotzki, der nur zu gemeiner Diversion und hinterhältigem Mord imstande ist, der keinerlei politisches Programm hat, ein Schwachsinniger, kann den Künstlern kein Programm vorgeben.«[[20]]

Man braucht wohl nicht zu erwähnen, dass dieser Brief keine Wirkung hatte und auch nicht haben konnte. Meyerhold und Kolzow wurden am ­Februar 1940 erschossen. Das gleiche Schicksal hatte Babel eine Woche zuvor ereilt.

Viele Menschen, die man während Berijas »Tauwetter« entlassen hatte, wurden kurze Zeit später erneut verhaftet. So wurde beispielsweise der frühere Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Ungarns, Kürschner, nach 26 Monaten Gefängnishaft im März 1940 freigelassen und sein Fall eingestellt. Drei Monate später verhaftete man ihn jedoch erneut und verurteilte ihn durch Beschluss des Sonderkonsiliums vom 10. September 1940 zu acht Jahren Lagerhaft wegen angeblicher »Beteiligung an einer von EKKI-Mitglied und Akademiemitglied Varga geführten Organisation der Rechten und Trotzkisten«.[[21]] Varga dagegen wurde niemals verhaftet und arbeitete weiter in seinen Ämtern in der Komintern und der Akademie der Wissenschaften.

Entgegen häufig anzutreffenden Vorstellungen, die allgemeine Angst habe bewirkt, dass um die Familien Repressierter ein großer Bogen gemacht und sie wie Aussätzige behandelt würden und dass sich selbst in Gesprächen mit vertrauten Menschen niemand gegen die Massenrepressalien äußere, gab es im Land oft Sympathiebekundungen für die Opfer des stalinschen Terrors. Am 10. September vermerkte Akademiemitglied Wernadski in seinem Tagebuch: »Jetzt hört man die Leute Gedanken äußern, wie sie noch vor kurzem unmöglich waren, obwohl die Gefahr, denunziert zu werden, immer noch groß ist. In Maly Jaroslawez hat vor ein paar Tagen eine Chirurgin Selbstmord verübt, die ganz in ihrer Sache aufgegangen war. Ihr Mann, Komsomolze, war zunächst verbannt und dann erschossen worden. Sie hinterließ einen Brief, dass sie nach dem Tod ihres Mannes von Einsamkeit gequält worden sei und keinen Ausweg zum Besseren gesehen habe. Der Brief endete mit den Worten an Stalin: ›Ich danke dem Gen. Stalin für das glückliche Leben.‹ Als man den Brief gelesen hatte, verbot man dem gesamten Personal, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten, und straffte die Trauerfeier. Doch ihre Patienten überschütteten den Sarg mit Blumen und begleiteten sie bis zum Grab.«[[22]]

Bei seiner Entlassung und Rehabilitierung bzw. nach Verbüßung seiner Strafe musste der Betreffende die schriftliche Verpflichtung abgeben, dass er über das, was im Gefängnis und im Lager mit ihm selbst passiert war oder was er dort beobachtet hatte, Stillschweigen bewahren werde. Informationen über das Schicksal Repressierter wurden dennoch nicht nur innerhalb der Sowjetunion bekannt, sondern auch im Ausland. Am 20. März 1937 schrieb Victor Serge an Trotzki über das Schicksal der sowjetischen Trotzkisten: »Es ist völlig klar, dass es keine Verbannung mehr gibt. Alle sitzen hinter Schloss und Riegel (und sollte es noch eine Verbannung für Trotzkisten geben, dann an den hoffnungslosesten Orten wie etwa Turuchansk). Klar ist außerdem, dass in den Konzentrationslagern und Isolationsgefängnissen verzweifelte Kämpfe, tödliche Hungerstreiks und die unterschiedlichsten Misshandlungen auftreten. Es ist klar, dass es in den russischen Gefängnissen noch niemals ein solches Grauen gegeben hat!«[[23]]

Die faschistische Propaganda nutzte die Informationen über Erschießungen und über die Situation der sowjetischen politischen Gefangenen geschickt für sich aus. Bereits 1938 wurden durch die Bemühungen Deutschlands und Italiens in verschiedenen Ländern »Antikomintern-Ausstellungen« organisiert, auf denen Dokumente über den stalinschen Terror in der UdSSR und in Spanien zu sehen waren.[[24]]

1934 wurde der frühere leitende Mitarbeiter des Volkskommissariats für Holzindustrie Karl Albrecht, ein Deutscher, der 1932 verhaftet worden war, wieder freigelassen. Es gelang ihm, in die deutsche Botschaft zu flüchten und um politisches Asyl zu bitten. Im April 1934 durfte er die Sowjetunion verlassen und nach Deutschland zurückkehren. Dort schrieb Albrecht zwei Bücher: »Butyrka-Gefängnis. Zelle 99« und »Der verratene Sozialismus«. Diese Bücher wurden von der Nazi-Propaganda in deutschen Truppeneinheiten, die auf sowjetischem Gebiet kämpften, zahlreich in Umlauf gesetzt.[[25]]

Anmerkungen im Originaltext

1 V.F. Nekrasov: Trinadcat’ »eleznych« narkomov, Moskva 1995, S. 229–230.

2 Izvestija, 8.12.1938.

3 Vladimir F. Nekrassow: Berija. Henker in Stalins Diensten. Ende einer Karriere, Berlin 1992, S. 294.

4 V.A. Kumanev: 30e gody v sud’bach oteèestvennoj intelligencii, Moskva 1991, S. 145.

5 XVIII sezd Vsesojuznoj Kommunistièeskoj partii (bol’ševikov), S. 521–522.

6 Ebenda, S. 569.

7 Ebenda, S. 595.

8 Ebenda.

9 Ebenda, S. 575.

10 Ebenda, S. 563.

11 Ebenda, S. 569.

12 Dokumente aus dem Jahre 1956, Berlin 1990, S. 34–35.

13 Istoènik, 6/1994, S. 114.

14 M. Šrejder: NKVD iznutri. Zapiski èekista, Moskva 1995, S. 187, 206–207.

15 Louis Aragon: Spiegelbilder, Berlin 1968, S. 60.

16 Michail Kol’cov, kakim on byl, Moskva 1989, S. 446.

17 RCChIDNI, f. 545, op. 2, d. 145, l. 55, 72.

18 Znamja, 4/1989, S. 91–92.

19 Voprosy literatury, 6/1989, S. 160–161.

20 Vernite mne svobodu! Memorial’nyj sbornik dokumentov iz archivov byvšego KGB, Moskva 1997, S. 226–230.

21 Komintern i vtoraja mirovaja vojna. Èast’ I, Moskva 1994, S. 488–490.

22 Nezavisimaja gazeta, 9.6.1992.

23 Trotsky Archives: Houghton Library. The Harvard University (im Weiteren: Trotzki-Archiv), Nr. 5026. In englischer Übersetzung abgedruckt in: D.J. Cotterill: The Serge-Trotsky-Papers, London-Boulder 1994, S. 106.

24 1939 god. Uroki istorii, Moskva 1990, S. 112.

25 Roy Medwedew: Das Urteil der Geschichte. Stalin und Stalinismus. Band 2, Berlin 1992, S. 156; siehe auch Karl Albrecht: Die verratene Revolution. Berlin-Leipzig 1938.

12. KAPITEL:
Die Nationalitätenpolitik

Zu den gravierenden Unterschieden zwischen der Nationalitätenpolitik des Bolschewismus und der des Stalinismus schrieb Trotzki 1938: »Die Oktoberrevolution hat das Recht einer jeden Nation nicht nur auf eigenständige kulturelle Entwicklung, sondern auch auf staatliche Eigenständigkeit verkündet. In Wirklichkeit hat die Bürokratie die Sowjetunion in ein neues Gefängnis der Völker verwandelt. Zwar bestehen Nationalsprache und Nationalschule weiter; auf diesem Gebiet kann auch der mächtigste Despotismus das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Aber die Sprachen der verschiedenen Nationalitäten sind nicht Mittel ihrer eigenständigen Entwicklung, sondern Mittel der bürokratischen Befehlsgewalt über sie. Die Regierungen der nationalen Republiken werden natürlich von Moskau, genauer gesagt von Stalin ernannt. Aber es ist eine merkwürdige Sache: Dreißig dieser Regierungen (von Unions- und Autonomen Republiken – W.R.) erweisen sich plötzlich als ›Volksfeinde‹ und Agenten eines ausländischen Staates. Hinter dieser Beschuldigung, die sogar aus dem Munde Stalins und Wyschinskis allzu plump und albern klingt, verbirgt sich in Wirklichkeit der Umstand, dass die Beamten, auch wenn sie vom Kreml eingesetzt worden sind, in den nationalen Republiken in Abhängigkeit von lokalen Bedingungen und Stimmungen geraten und allmählich vom oppositionellen Geist gegen den ersticken den Zentralismus Moskaus angesteckt werden. Sie beginnen, davon zu träumen oder zu reden, dass man den ›geliebten Führer‹ ersetzen und den Schraubstock lockern müsse. Das ist die wirkliche Ursache dafür, dass man vor kurzem alle nationalen Republiken der UdSSR ihrer Spitze beraubt hat.«[[1]]

In den dreißiger Jahren war unter den Kommunisten und der parteilosen Intelligenz in den Autonomen und Unionsrepubliken häufig eine oppositionelle Einstellung gegen die Russifizierung zu finden. Dieser Protest gegen den extremen Zentralismus und den Großmachtchauvinismus wurde von Stalin als »bürgerlicher Nationalismus« gewertet und den Kommunisten der einheimischen Nationalität in diesen Republiken als zusätzlicher Punkt zur Last gelegt. In jeder Republik konstruierte man künstlich außer »rechtstrotzkistischen« auch bürgerlichnationalistische Organisationen, die angeblich eine Abspaltung ihrer Republik von der UdSSR anstrebten. In allen Republiken wurde ein Großteil der schöpferischen Intelligenz ausgerottet. Dieser sozialethnische Genozid erstreckte sich auch auf die Völker, deren Schicht von Intellektellen sich erst in den Jahren der Sowjetmacht herausgebildet hatte.

Für die Nationalitätenpolitik des Stalinismus ist charakteristisch, dass niemals auch nur ein führender Repräsentant einer Unionsrepublik (mit Ausnahme der Ukraine) zum Politbüro gehörte. Drei der ukrainischen Parteifunktionäre (Kosior, Tschubar und Postyschew) wurden Mitte der dreißiger Jahre aus der Ukraine abberufen, kurze Zeit später verhaftet und erschossen. Unversehrt blieb nur Petrowski, der allerdings sämtliche Ämter verlor.

Mit den Maßnahmen gegen die Partei und Staatsfunktionäre sowie die Kulturschaffenden der Republiken ging die Zerstörung der nach der Oktoberrevolution entstandenen Einrichtungen einer kulturellnationalen Autonomie einher. Am 17. Dezember 1937 verabschiedete das ZK drei Beschlüsse über die Auflösung der entsprechenden Behörden und Dienststellen, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht entstanden waren. Indem Beschluss »Über die Beseitigung der nationalen Rayons und Dorfsowjets«, die in Gebieten mit einer dichten Besiedlung der jeweiligen nationalen Minderheit existierten, hieß es, viele dieser Rayons (deutsche, finnische, koreanische, bulgarische usw.) seien »von Volksfeinden zu schädlichen Zweckengegründet« worden.[[2]] Der Beschluss »Über die russischen Zeitungen in der Ukraine« verfügte die drastische Erhöhung des Anteils der russischen Presse und gleichzeitig die Einstellung der in Kiew in deutscher und bulgarischer Sprache erscheinenden Zeitungen.[[3]] In dem Beschluss »Über die Nationalschulen« wurde die »Existenz besonderer Nationalschulen (finnischer, estnischer, deutscher, englischer, griechischer u.a.)« für schädlich erklärt. Parallel zu den Schulen sollten auch die nationalen pädagogischen Fachschulen, Bildungshäuser und anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen geschlossen werden.[[4]]

Am 13. März 1938 verabschiedeten ZK und Rat der Volkskommissare einen Beschluss, nach dem es nun obligatorisch war, indenSchulendernationalenRepublikendierussischeSprachezuerlernen. Nadeschda Krupskaja wandte sich gegen die groben Methoden, mittels derer dieser Unterricht ein geführt werden sollte. Sie schrieb an Stalin: »Ich halte es für schädlich, wenn im ersten Schuljahr Schreiben und Lesen nicht nur in der Muttersprache, sondern auch noch in der russischen Sprache unterrichtet wird, für schädlich halte ich auch die Einführung einer einheitlichen Fibel für alle Nationalitäten, einer Fibel, die aus dem Russischen übersetzt wurde.« In ihrem Brief machte N. Krupskaja Stalin auf das Wiedererstehen des Antisemitismus und anderer Erscheinungen einer negativen Einstellung gegenüber Vertretern kleiner Nationalitäten aufmerksam, die in den ersten Jahren der Sowjetmacht spürbar abgenommen hatten. Sie schrieb, im Alltag begänne »der Großmachtchauvinismus etwas seine Hörner zu zeigen … Unter den Kindern ist das Schimpfwort ›Jud‹ aufgekommen, und ein kleines Mädchen sagt: ›Großvater, ich will keine Lettin sein.‹«[[5]] Auf diese alarmierenden Hinweise zeigte Stalin keinerlei Reaktion.

Mit besonderem Nachdruck wurden Tendenzen eines Großmachtchauvinismus in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ideologisch verbreitet. Dies fand seinen Ausdruck insbesondere in einer Glorifizierung der russischen Fürsten, Zaren und Generäle, die in solchen Kriegen Siege errungen hatten, in denen die Grenzen des russischen Staates erweitert werden sollten. Besondere Beachtung unter den Zaren fanden Iwan IV., genannt »Der Schreckliche«, und Peter I., die Stalin als Vorbilder für die »erforderliche« Grausamkeit gegenüber »Verrätern« galten.

Zur offenen Wiedergeburt des großrussischen Nationalismus in der sowjetischen Presse schrieb Trotzki: »Die offizielle Ideologie des heutigen Kreml beschwört die Heldentaten des Fürsten Alexander Newski und den Heroismus der Armee eines Suworowo der eines Kutusow und verschließt die Augen davor, dass sich dieser ›Heroismus‹ auf Versklavung und Unwissenheit der Volksmassen stützte und dass genau aus diesem Grunde die alte russische Armee nur im Kampf gegen noch rückständigere asiatische Völker oder schwache und im Zerfall begriffene angrenzende Staaten im Westen siegreich war. Bei einem Zusammenstoß mit fortgeschritteneren Ländern Europas hingegen erwies sich das tapfere Zarenheer als unfähig … Was mit alldem die Themidorianer und Bonapartisten zu schaffen haben? Sie brauchen nationale Fetische.[[6]]

Dieser Gedanke klang auch in F. Raskolnikows »Offenem Brief an Stalin« an, der dem Kremldiktator vorwarf, er habe einen »Kult um die russischen Geschichtshelden Alexander Newski, Dmitri Donskoj, Suworow und Kutusow« begründet, »in der Hoffnung, diese würden Ihnen in einem künftigen Krieg mehr helfen als die hingerichteten Marschälle und Generäle«.[[7]]

Bei der Propagierung von über den Klassen stehenden Werten kam der offiziellen Geschichtsschreibung eine große Rolle zu. Über deren Entwicklung in den Vorkriegsjahren schrieb Trotzki: »Die Revision der Vergangenheit vollzog sich in einem so rasant schnellen Tempo, dass die Autoritäten von gestern zerbröckelten. Der höchstoffizielle Historiker Pokrowski wurde nach seinem Tode zum Volksfeind erklärt, da er sich nicht ehrerbietig genug gegenüber der Geschichte Russlands gezeigt hatte. Es begann eine Rehabilitierung nicht nur des alten nationalen Patriotismus, sondern auch der militärischen Tradition. Es begannen Forschungen über die russische Militärdoktrin und die Rehabilitierung russischer Strategen, inbegriffen auch die von 1914.«[[8]]

Analoge Tendenzen beschrieb auch G. Fedotow, einer der ehrlichsten und klügsten Publizisten unter den Emigranten, der die stalinsche »Generallinie« als »Linie zur Nationalisierung der Revolution, d.h. Linie des Nationalsozialismus« charakterisierte. »An dieser Linie entlang«, schrieb er, »verläuft die gesamte Innenpolitik, da sie von einer bestimmten Ideologie zeugt. Die Rehabilitation der russischen Geschichte, vornehmlich der militärischen, setzt sich fort. Die Zeitungen sind voller Beschreibungen von Militärmuseen: eine Ausstellung über die Schlacht auf dem Eis des Peipussees, eine Ausstellung über Kutusow … Ein starker Schlag wird dem Separatismus der Randgebiete durch die Restauration der russischen Sprache als Staatssprache versetzt.«[[9]]

Die »Rehabilitierung« der russischen militärischen Vergangenheit wurde auch in der sowjetischen Kunst betrieben. Dabei demonstrierte Stalin nicht selten die Herleitung seiner Großmachtbestrebungen aus den Traditionen des zaristischen Russlands. So veranstaltete er beispielsweise eine exzentrische Show, eine Art »Theater im Theater« bei der Premiere der Oper »Iwan Sussanin« im Bolschoi-Theater am 2. April 1939. Dieses Ereignis beschrieb J.S. Bulgakowa in ihrem Tagebuch nach den Worten ihres Mannes, der bei der Premiere im Zuschauersaal gesessen hatte. M. Bulgakow sah eine Art Zeichen der Zeit darin, dass »die Regierung vor dem Epilog aus der normalen Regierungsloge in die mittlere große (die frühere Zarenloge) umgezogen sei und sich von dort aus die Oper zu Ende angesehen hätte. Als das Publikum das sah, fing es an zu klatschen, der Applaus hielt die ganze musikalische Pause vor dem Epilog an. Auch als der Vorhang wieder hoch ging, wurde geklatscht, und besonders am Ende, in dem Moment, wo Minin und Posharski zu Pferde auf der Bühne erscheinen. Der Applaus wurde immer stärker und verwandelte sich schließlich in grandiose Ovationen, wobei die Regierung der Bühne zu applaudierte und die Bühne der Regierung, und das Publikum sowohl den einen als auch den anderen.«[[10]]

Stalins Chauvinismus blieb auch bei den Naziführern nicht unbemerkt. Goebbels beschrieb 1940 in seinem Tagebuch eine Unterredung zwischen Hit­ler und einem gewissen Colin Ross, der die UdSSR besucht hatte, und fasste seine Eindrücke von diesem Gespräch zusammen. Er führte den Natio­nalismus, Antisemitismus und Terror Stalins zusammen und sah in diesen Merkmalen der stalinschen Politik einen Grund für die Aufrechterhaltung des politischen Bündnisses zwischen der Sowjetunion und Deutschland.

»Russland schildert Roß [sic! – d.Ü.] als ein geradezu trostloses Land«, schrieb er. »Kein Lachen, keine Freude. Trotzdem genieße Stalin Popularität. Er sei eben die einzige Hoffnung. Nachfolger Peters des Großen.

Vertreter des Panslawismus. Es wird wohl so sein, dass wir diese Slawen als Germanen nie verstehen werden. Stalin ist für den Russen ein Väterchen. Und dass er alljährlich wie ein sorgsamer Gärtner an seiner Hecke die überschießenden Zweige abschneidet, d.h. die Generäle und Journalisten liquidiert, das liegt so im Bolschewismus … Obwohl Stalin allmählich auch die Juden liquidiert? Vielleicht nennt er sie nur, um die Welt zu täuschen, Trotzkisten. Wer weiß? Jedenfalls sind wir nun mit Russland verbunden. Wir haben bisher nur Vorteile davon gehabt. Der Führer hat Stalin in einem Filmgesehen, und da war er ihm gleich sympathisch. Da hat eigentlich die deutsch-russische Koalition begonnen.«[[11]]

Hitlers Diplomaten verhehlten vor ihren sowjetischen Kollegen nicht, dass die neuen Tendenzen in der sowjetischen nationalstaatlichen Politik und Ideologie zur sowjetisch-deutschen Annäherung beitrugen. In einem Sondierungsgespräch am 26. Juli 1939 mit Astachow, dem zeitweiligen Geschäftsträger der UdSSR, sprach der Legationsrat des deutschen Auswärtigen Amts, Schnurre, von einer Abschwächung der ideologischen Widersprüche zwischen der UdSSR und Deutschland und führte dies auf die Veränderungen in der Politik und Ideologie der sowjetischen Führung während der letzten Jahre zurück:

»Die Komintern sei in ihrer Bedeutung weit hinter das Politbüro zurückgetreten, wo jetzt eine ganz andere Politik gemacht werde als zu jener Zeit, als die Komintern vorherrschend gewesen sei. Die Verschmelzung des Bolschewismus mit der nationalen Geschichte Russlands, die sich in der Verherrlichung großer russischer Männer und Taten zeige (Feier der Schlacht von Poltawa, Peter der Große, Schlacht auf dem Peipussee, Alexander Newski) habe das internationale Gesicht des Bolschewismus, wie wir es sehen, docheinigermaßengewandelt, zumal Stalin die Weltrevolution ad calenda sgraecas vertagt habe. Wir sähen bei dieser Sachlage heute Möglichkeiten (zur Verbesserung der sowjetisch-deutschen Beziehungen – W.R.), die wir früher nicht gesehen hätten.«[[12]] Die Ruhmeshymnen über die Siege russischer Waffen gegen Fremdländische(u.a. auch gegen die teutonischen »Hundesöhne von Rittern«) schien den Nazis eine harmlose Angelegenheit zu sein, da Stalin ja von einer revolutionären internationalistischen Politik und der Ideologie des Bolschewismus Abstand genommen hatte.

Die chauvinistischen Stimmungen in der UdSSR nahmen in den vierziger Jahren merklich zu, nach dem Stalin 1945 die russische als die »führende Nation« der Sowjetunion bezeichnet hatte. Obgleich diese Stimmungen nach dem Tod Stalins etwas zurückgingen, beeinflussten sie bis zum Zerfall der UdSSR immer noch die Kaderpolitik und die Denkweise der »Kader«. Derartige Tendenzen mussten unter der einheimischen Bevölkerung in den Autonomen und Unionsrepubliken eine Gegenreaktion hervorrufen: Es häuften sich antirussische und separatistische Stimmungen. Beim Zusammenbruch der Sowjetunion spielten diese nationalen Gegensätze, die während der »Perestroika« zutage getreten waren, keine geringe Rolle. Stark beeinflusst von nationalistischen Stimmungen waren auch die heutigen führenden Repräsentanten der Republiken, die auf den Trümmern der UdSSR entstanden – frühere Parto­kraten, bei denen, wie sich zeigte, die internationalistischen kommunistischen Überzeugungen nur ein Lippenbekenntnis waren. In Russland lebten Groß­machtbestrebungen, der Drang nach einer starken Staatsmacht und »Na­tio­nalpatriotismus« wieder auf, die auch heute nicht nur in offen reak­tionären Organisationen, sondern auch in einigen sich kommunistisch nennenden Parteien vorherrschendes Gedankengut sind. Diese Tendenz korrespondiert mit der »Renaissance des Stalinismus« in den Arbeiten sowohl einiger russischer Emigranten (beispielsweise A. Sinowjew) als auch früherer ideologischer Parteiapparatschiki (beispielsweise R. Kosolapow).

Anmerkungen im Originaltext

1 Leo Trotzki: Schriften 1, Band 1.2, S. 1139–1140.

2 RCChIDNI, f. 17, op. 3, d. 994, l. 15.

3 Ebenda, l. 14.

4 Ebenda, l. 15.

5 Izvestija CK KPSS, 3/1989, S. 179.

6 Bjulleten’ oppozicii, 70/1938, S. 4.

7 F. Raskol’nikov: O vremeni i o sebe, S. 546.

8 L.D. Trockij: Stalin. T. II, Moskva 1990, S. 272.

9 G.P. Fedotov: Polnoe sobranie statej v šesti tomach. T. IV, Paris 1988, S. 186.

10 Jelena S. Bulgakowa: Margarita und der Meister; Tagebücher, Erinnerungen. Berlin 1993, S. 340–341.

11 Die Tagebücher von Josef Goebbels (hg. von Elke Fröhlich), Teil I, Band 7, München 1998, S. 350.

12 Gerhart Hass: 23. August 1939. Der HitlerStalinPakt. Dokumentation, Berlin 1990, S. 138.

13. KAPITEL:
Stalin und der Stalinismus aus der Sicht der weißen Emigration

Die Ideologie und selbst die Terminologie der heutigen »Nationalpatrioten« wurde nicht von diesen selbst erfunden. Sie entstammt Arbeiten von Vertretern des reaktionärsten Flügels der russischen Emigration der dreißiger Jahre. Es waren eben diese Emigranten, die die chauvinistischen Tendenzen der stalinschen Politik jener Jahre genau erkannten und offen billigten. Die Zeitung »Bodrost« [»Frische«] und andere Presseorgane der Jungrussen – russischer Faschisten – veröffentlichten begeisterte Lobeshymnen auf Stalin, der das »sozialistische Vaterland in das wahre Russland und den sozialistischen Aufbau in einen Kampf um die russische Macht verwandelt« habe.[[1]] »In seinem Bestreben, die Macht in seinen Händen festzuhalten«, hieß es in einem Leitartikel der Zeitung, »wurde Stalin zu einem offenen und durchaus unverkennbaren Verräter und Schädling am Marxismus, der sich den Erfordernissen der Nation und des Lebens geschickt angepasst hat. Stalin ist bestrebt, aus dem Führer der kommunistischen Partei zu einem Führer des Volkes, der Nation zu werden. Darin besteht die Bedeutung dessen, was jetzt in Russland abläuft.«[[2]]

Zu analogen Schlussfolgerungen gelangten auch andere Publizisten nationalistischer Couleur, die die Veränderungen in der sowjetischen Politik und Ideologie unter dem Gesichtspunkt der Gegenüberstellung von Stalin und Trotzki analysierten. »Wenngleich Stalin, wie die Trotzkisten ganz richtig feststellen«, schrieb die Zeitung »Sowremennye sapiski« [»Zeitgenössische Notizen«], »den Sozialismus in Russland nicht errichtet hat, so steht doch andererseits außer Zweifel, dass die Politik Stalins, nachdem sie sich aus dem Globalen auf russischen Boden herabließ, reeller und weniger abenteuerlich ge­worden ist als die Politik Trotzkis mit seiner Idee der permanenten Revolution im globalen Maßstab.«[[3]]

Eine noch detailliertere Ausarbeitung erfuhr das Thema in einer anderen rechtsradikalen Emigrantenzeitschrift, »Tretja Rossija« [»Das dritte Russland«], durch einen ausführlichen Artikel von Baranezki: »Stalin und die Opposition«. Der Autor brachte darin sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass die Stalin-Anhänger »nicht versuchen, den sich gerade vollziehenden und durch sie von oben gesteuerten Umbruch, der … entscheidende Bedeutung für die gesamte russische Revolution hat, ideologisch zu begreifen.« Den Kern dieses Umbruchs sah er darin, dass eine »Gruppe von Staatsmännern (die ›stalinsche Bürokratie‹, wie die Trotzkisten sagen würden)« die Macht errungen habe. Unter diesem Gesichtspunkt bewertete Baranezki den »Zweikampf zwischen Trotzki, quasi dem Objekt des Umbruchs, und Stalin, dem Träger desselben«: Dieser Zweikampf sei von großer Bedeutung »für das Schicksal sowohl der Revolution selbst als auch Russlands und in gewissem Sinne auch für die Menschheit von heute insgesamt«.[[4]]

Bei seiner Einschätzung der prinzipiellen Unterschiede zwischen Stalin und Trotzki erging sich Baranezki in wütenden Schmähreden gegen Trotzki – einen »unverbesserlichen marxistischen Buchstabengelehrten und eingeschworenen Feind Russlands und des russischen Volkes«, der »eine Zeit lang fast zum Bannerträger einiger russischer Kräfte der nationalen Volksbefreiung geworden wäre«.[[5]] Trotzkis »Hauptschuld« bestand für den Autor darin, dass er »für eine ›permanente‹ Beibehaltung jenes Zustands eintritt, den er gemeinsam mit Lenin herbeigeführt hat und der die exakte Ausführung der Rezepte von Marx und Engels sein soll«.[[6]]

Im Weiteren äußerte der Autor einen interessanten Gedanken, der, um mit Lenins Worten zu sprechen, den »Klassenstandpunkt des Feindes« zum Ausdruck brachte: »Eigentlich ist jeder Kommunist ein potenzieller Trotzkist. Und der wirkliche (nicht nur sichtbare) Abschluss des Kampfes gegen den Trotzkismus kann nur erreicht werden, wenn zugleich auch die Kommunistische Partei als solche bezwungen wird. Stalin und seine Staatsmänner haben zunehmend weniger Feinde außerhalb der Kommunistischen Partei und zunehmend mehr – noch dazu die gefährlichsten – innerhalb … Andererseits sind Stalin und die Stalin-Anhänger – und darin stimmen wir durchaus mit den Trotzkisten überein – wirklich schlechte, ›zweifelhafte‹ Kommunisten.«[[7]]

In der Sprache seiner Klasse formulierte Baranezki: »Die Revolution wird vom Pöbel – in geistigem und sozialem Sinne – begonnen … und von der ›Aristokratie‹ (bei uns nennt man sie ›angesehene Leute‹) zu Ende geführt.« Der Führer der »neuen Aristokratie« sei »Stalin – ein Staatsmann durch und durch«. Darin bestehe sein »Hauptmerkmal«.[[8]]

Die »allgemeine Beurteilung der Person und der Rolle Stalins« laufe, Bara­nezki zufolge, darauf hinaus, dass er ein »Revolutionär von oben war, ein Reformator großen Ausmaßes, wie Iwan der Schreckliche, der die alte regierende Schicht der Bojaren ausgerottet und eine neue geschaffen hat, wie Peter der Große, Alexander II., in anderen Ländern Napoleon, Cromwell oder im Altertum Julius Cäsar«.[[9]] Doch selbst diese Analogien schienen Baranezki nicht ausreichend für die Bewertung der historischen Rolle Stalins, wenn dieser weiterhin den von ihm gewählten Weg – den Weg der »nationalen Wiedergeburt Russlands« als Gegengewicht zur Weltrevolution – beschreiten werde. »Stalin könnte ein Volksheld im wirklichen und höchsten Sinne dieses Wortes werden, der wahre Retter Russlands in diesem höchst kritischen Moment der russischen Geschichte, wenn er den Mut fände, jene ihm von der Geschichte auferlegte Mission bis zu Ende zu führen … Doch auch das, was er bereits in Sachen Patriotismus der Völker Russlands getan hat, wird ihm Russland, ungeachtet aller anderen Dinge, niemals vergessen.«[[10]]

Baranezki schrieb, die Weißemigranten müssten »den Vorrang entschieden und vorbehaltlos Stalin und nicht Trotzki geben«, denn er sah den »strategischen Unterschied« zwischen Stalin und Trotzki darin, dass der »marxistische Don Quichotte, Trotzki, weiterhin, der unverkennbaren Realität und dem gesunden Menschenverstand zum Trotz, an die ›proletarische Weltrevolution‹ glaubt, der Realist Stalin dagegen – vorerst zwar noch inkonsequent und unentschlossen – versucht, über die nationale Selbstbestätigung des russischen Volkes eine Brücke in die Zukunft zu finden«.[[11]]

Jeder unvoreingenommene Leser wird mir sicher zustimmen, dass man, würde man den Namen des Autors und die Entstehungszeit des Artikels nicht kennen, die meisten Passagen heutigen »nationalpatriotischen« Publikationen zuordnen könnte, darunter auch solchen, die sich als kommunistisch bezeichnen.

Anmerkungen im Originaltext

1 Bodrost’, Paris, 2/1934.

2 Bodrost’, 44/1935.

3 Sovremennye zapiski, Paris, 63/1937, S. 402.

4 Tret’ja Rossija, 8/1938, S. 25, 33.

5 Ebenda, S. 31.

6 Ebenda, S. 30.

7 Ebenda, S. 35–36.

8 Ebenda, S. 32–33.

9 Ebenda, S. 30.

10 Ebenda, S. 31, 37.

11 Ebenda, S. 26, 37.

14. KAPITEL:
Antisemitismus

In den ersten Jahren der Revolution schien es den Bolschewiki, als sei in Russland, das durch seine Judenpogrome und die offene Tätigkeit zahlreicher reaktionärer Organisationen zweifelhaften Ruhm erlangt hatte, die Judenfrage für immer und vollständig gelöst. Ihnen erschien der Gedanke absurd, dass man bei der Besetzung von Führungspositionen die Nationalität der be­tref­fenden Personen beachten und in diesem Zusammenhang bestimmte »Quoten« aufstellen müsse. Lenin hielt Trotzkis Meinung, dass in der ersten Regierung der jungen Sowjetrepublik kein einziger Jude vertreten sein dürfe, für eine Marotte.[[1]]

Die weißgardistische Propaganda nutzte verstärkt die Tatsache aus, dass in leitenden Positionen der Verwaltung, der Wirtschaft und der Armee nicht wenige Juden saßen – wie im Übrigen auch andere »Fremdstämmige »: Vertreter kleinerer Völkerschaften, die während des Zarismus unterdrückt waren und sich deshalb aktiv am revolutionären Kampf beteiligt hatten. Dem stand die bolschewistische Propaganda entgegen, die die Werktätigen davon überzeugen wollte, dass sie ihre Feinde nicht in anderen Nationen, sondern in anderen Klassen, Unterdrückerklassen, sehen sollten, die das russische Volk gegen die Juden und sonstige »Fremdstämmige« aufhetzen würden.

Von den bolschewistischen Führern war wohl nur Trotzki der Meinung, dass der Bazillus des Antisemitismus, wie generell die in den Massen tief verwurzelten Vorurteile und Voreingenommenheiten, nicht schnell und spurlos verschwände, wenn sich die Gesellschafts- und Staatsordnung ändere. Sie würden noch lange Zeit im Bewusstsein des rückständigen Teils der Bevölkerung verhaftet bleiben. Dies fand in den Jahren des legalen Kampfes gegen die Opposition seine Bestätigung, als Stalin und seine Leute den Antisemitismus zur Verunglimpfung von Trotzki, Sinowjew und Kamenew sowie weniger bekannter jüdischer Oppositioneller benutzten. Während die offiziellen Agitatoren diese Linie in verschleierter Form vertraten, brachen bei Diskussionen auf Massenkundgebungen häufig offen antisemitische Einstellungen durch. In den illegalen Bulletins der linken Opposition aus den Jahren 1927/28 – einer Art Samisdat – lassen sich Dutzende von Beispielen finden, in denen antisemitische Ausfälle gegen Oppositionelle erwähnt werden.

Swetlana Allilujewa zeigt in ihren Erinnerungen eindeutig den Zusammenhang zwischen dem Kampf gegen die linke Opposition und dem Wiederaufleben des Antisemitismus. »In der Sowjetunion war nur im ersten Jahrzehnt nach der Revolution der Antisemitismus in Vergessenheit geraten, doch seit der Verbannung Trotzkis und der Liquidierung der alten Parteimitglieder in den Jahren der ›Säuberungen‹ (viele von diesen waren Juden gewesen), entstand der Antisemitismus auf neuer Grundlage, und zwar vor allem in der Partei. Mein Vater unterstützte den Antisemitismus nicht nur, er selbst hatte ihn aufgebracht. In der Sowjetunion, wo der Antisemitismus im Kleinbürgertum und in der Bürokratie immer noch tief verwurzelt war, verbreitete er sich allseits mit der Schnelligkeit einer Seuche.«[[2]] An späterer Stelle auf dieses Thema zurückkommend, schrieb S. Allilujewa, nach der Bekanntschaft mit I. Deutschers politischer Biographie Stalins sei ihr die gewaltige Rolle deutlich geworden, »welche Trotzki in der Partei und in der Revolution gespielt hatte; da ich den Charakter meines Vaters gut kannte, wurde mir auch die Wurzel seines Antisemitismus klar. Sein Antisemitismus rührte unbedingt aus dem langjährigen Kampf gegen Trotzki und dessen Anhänger her und hatte sich allmählich aus einem politischen Hass in ein Gefühl des Rassenhasses gegen alle Juden ohne Ausnahme verwandelt.«[[3]]

1938 schrieb Trotzki: »Es ist schwer, in der Geschichte ein Beispiel von Reaktion zu finden, die nicht durch Antisemitismus gefärbt wurde. Dieses eigenartige historische Gesetz wird gegenwärtig in der Sowjetunion voll und ganz bestätigt … Wie könnte es auch anders sein? Der bürokratische Zentralismus ist ohne Chauvinismus undenkbar, und der Antisemitismus war für den Chauvinismus immer der Weg des geringsten Widerstands.« In diesem Zusammenhang verwies Trotzki auf den englischen Journalisten Eugene Lyons, der lange Jahre in Moskau verbracht hatte und in seinem Buch[*] zeigte, »dass die Bürokratie systematisch, wenn auch in versteckter Form, antisemitische Vorurteile zur Festigung ihrer Herrschaft ausgenutzt hat«.[[4]]

Die Ideen der Oktoberrevolution hatten natürlich einen sehr großen Einfluss, so dass sich der unterschwellig eingeschleuste Antisemitismus in den Massen lange Zeit nicht festsetzen konnte. Nadeschda Mandelstam schrieb, dass sie Ende der dreißiger Jahre, als sie in einer Fabrik arbeitete und ein Zimmer bei »einfachen Leuten« mietete, in Arbeiterkreisen auch nicht dem leisesten Anflug antisemitischer Stimmungen begegnet sei. »Ich habe nie verheimlicht, Jüdin zu sein, und in all diesen Familien – bei sieben Arbeitern, Kolchosarbeitern, kleinen Angestellten – behandelte man mich immer wie eine der ihren. Nie habe ich dort solche Dinge erlebt wie an den Hochschulen der Nachkriegszeit, wo es auch heute noch nach Judenhass riecht. Das Schlimmste ist Halbbildung, und in einer halbgebildeten Umgebung findet sich immer ein Nährboden für Faschismus, Chauvinismus und Hass auf die Intelligenzija.«[[5]]

In den dreißiger Jahren gab es für Juden keine Aufnahmebeschränkungen an Hochschulen, wissenschaftlichen und künstlerischen Einrichtungen usw. wie in den vierziger Jahren und später. Doch unter den 1937/38 aufgestiegenen neuen Kadern im Partei- und Staatsapparat gab es nur vereinzelt Juden, allenfalls wenige Dutzend (es ist unbekannt, ob damals spezielle Weisungen in dieser Hinsicht existierten, aber das in den Jahren der großen Säuberung aufgekommene allgemeine Misstrauen gegenüber »Fremdstämmigen« beeinflusste diesen Prozess zweifellos). Außerdem überwogen unter den »Rekruten des Jahres 1937« Vertreter »halbgebildeter Kreise«, und diese waren antisemitisch eingestellt.

In zahlreichen Memoiren wird beschrieben, wie der Antisemitismus Ende der dreißiger Jahre von oben gepflegt wurde. Der Literaturkritiker B. Runin schrieb beispielsweise, er habe 1939 in der Redaktion der »Prawda« eine »interessante Metamorphose« bemerkt. Mitte der dreißiger Jahre »hatten an den Türen der ›Prawda‹-Büros auffällig viele jüdische Familiennamen gestanden. Nun waren es weit weniger, und die neuen Schilder kündeten vielsagend davon, dass sich inzwischen ein Personalwechsel vollzogen hatte oder dass mancher der Bewohner einer ›Prawda‹-Bürozelle es vorgezogen hatte, sich ein Pseudonym zuzulegen. Dies war ein Zeichen der Zeit.«[[6]]

Die gleiche Tendenz, die sich »während unserer kurzen Liaison mit Hitler-Deutschland« noch verstärkt hatte, beschreibt auch die Journalistin R. Lert. »Eben damals«, erinnerte sie sich, »verschwanden aus der ›Prawda‹ und ›Iswestija‹ die Namen bekannter Auslandsberichterstatter wie Jeruchimowitsch und Gutner und statt ihrer tauchten Pseudonyme wie I. Jermaschow und B. Gutnow auf.«

R. Lert berichtet auch von ernsteren Erscheinungsformen des Antisemitismus, die in der Kaderpolitik zu beobachten waren. So runzelte beispielsweise bei der Diskussion über die Kandidatur eines Mädchens mit einem jüdischen Familiennamen, das Sekretär des Komsomolkomitees im Gebiet Moskau werden sollte, jemand die Stirn und sagte: »Konnte man denn in Moskau keine geeignete russische Komsomolzin finden?«[[7]]

Davon, wie sich derartige Tendenzen während des Krieges ausweiteten, zeugen Wassili Grossmanns Roman »Leben und Schicksal« sowie inzwischen nicht mehr der Geheimhaltung unterliegende Dokumente aus dem Archiv des ZK der KPdSU. So schickte in den schwersten Tagen, als sich die sowjetischen Truppen im Sommer 1942 auf dem Rückzug befanden, der Leiter der Verwaltung Agitation und Propaganda des ZK der KPdSU (B) Alexandrow einen Bericht an die ZK-Sekretäre, in dem es hieß: »Mehrere Jahre lang wurde in allen Bereichen der Kunst die Nationalitätenpolitik der Partei entstellt.« Die »Entstellung« sah Alexandrow darin, dass »die Verwaltung des Komitees für Kunst und die oberste Leitungsebene von Einrichtungen russischer Kunst mit Nichtrussen (vorwiegend Juden) besetzt sind«. Zur Bestätigung des Gesagten enthielt der Bericht jüdische Namen von Personen, die eine »leitende administrative und kreative Tätigkeit« im Komitee für Kunst, am Bolschoi-Theater bzw. am Moskauer Konservatorium ausführten, und es war von einer »Übermacht der Juden« in der Musikkritik sowie in den Abteilungen für Literatur und Kunst zentraler Zeitungen die Rede. Alexandrow schlug vor, »in einer Reihe von Einrichtungen bereits jetzt eine teilweise Erneuerung der leitenden Kader vorzunehmen«.[[8]] Im Juli 1943 wandte sich Alexandrow mit einem weiteren Schreiben an die ZK-Sekretäre, in dem er akribisch die jüdischen Namen der »leitenden Mitarbeiter« am Bolschoi-Theater aufzählte und Kandidaten russischer Nationalität nannte, durch welche diese seiner Meinung nach ersetzt werden sollten.[[9]] Zu einem etwas früheren Zeitpunkt hatte der Vorsitzende des Komitees für Filmkunst Bolschakow in einem Schreiben an Schtscherbakow empfohlen, die von S. Eisenstein für die Rolle der »russischen Fürstin Jefrosinja« in dem Film »Iwan der Schreckliche« vorgesehene Schauspielerin Ranewskaja durch eine andere zu ersetzen, da »die semitischen Gesichtszüge der Ranewskaja sehr deutlich zutage treten, besonders bei Großaufnahmen«.[[10]]

Im Herbst 1944 wurde eine Beratung mit den Mitgliedern des Politbüros und des Sekretariats des ZK, den ersten Sekretären der Republiks- und der Gebietskomitees sowie Führungskräften der Verteidigungsindustrie, der Armee und des MGB einberufen. Auf dieser Beratung hielt Stalin die Eröffnungsrede, in der er sich für eine »vorsichtige« Besetzung von führenden Ämtern in Partei- und Staatsorganen mit Juden aussprach. Deutlicher äußerte sich Malenkow, der zu »erhöhter Wachsamkeit« gegenüber jüdischen Kadern aufrief. Kurze Zeit nach dieser Beratung erhielten die Parteikomitees eine von Malenkow unterzeichnete Anweisung mit einer Auflistung derjenigen Dienststellungen, die nach Möglichkeit nicht mit Juden besetzt werden sollten.[[11]]

An dieser Stelle sei betont, dass selbst in den Nachkriegsjahren, als der Antisemitismus in der UdSSR Staatspolitik wurde, dies nicht in offener Form zum Ausdruck kam wie im faschistischen Deutschland, sondern durch Begriffe wie »Zionismus«, »Kosmopolitismus« u.a. bemäntelt wurde. Dieser staatliche Antisemitismus existierte lange Jahre und auch nach Stalins Tod noch in etwas abgeschwächter Form, doch dann war der gewöhnliche Antisemitismus in die verschiedensten Schichten der sowjetischen Gesellschaft eingedrungen und die spezifische »Glasnost« und »Freiheit« der »Perestroika«- bzw. »Reform«-Zeit kam insbesondere darin zum Ausdruck, dass sich offen reaktionäre, faschistische oder halbfaschistische Organisationen bildeten und Publikationen mit deren üblichem Feindbild erschinen.

[*]Assignment in Utopia, New York 1937 – d.Ü.

Anmerkungen im Originaltext

1 Voprosy istorii KPSS, 5/1990, S. 36.

2 Swetlana Allilujewa: Das erste Jahr, Wien-München-Zürich 1969, S. 141.

3 Ebenda, S. 154–155.

4 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1140.

5 Nadeschda Mandelstam: Das Jahrhundert der Wölfe, S. 393.

6 B. Runin: Moe okru enie. Zapiski sluchajno ucelevšego, Moskva 1995, S. 73.

7 R.B. Lert: Na tom stoju, Moskva 1991, S. 249–250.

8 Rodina, 6–7/1991, S. 74.

9 Rodina, 11–12/1991, S. 18.

10 Rodina, 6–7/1991, S. 74.

11 R.A. Medvedev: Oni okru ali Stalina. Nesostojavšijsja naslednik Stalina, – Junost’, 9/1989, S. 73.

15. KAPITEL:
Zwei Arten von Sozialbewusstsein

Die Veränderungen in der offiziellen Ideologie der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre standen im Zusammenhang mit der Abkehr Stalins von der Konzeption der Weltrevolution. Stalin selbst trat allerdings von Zeit zu Zeit mit einer öffentlichen Erklärung über seine Treue zur internationalistischen Doktrin des Bolschewismus in Erscheinung. Im Februar 1938 legte er seine Ansichten dazu in einem Antwortschreiben an den Komsomolzen Iwanow dar. Iwanow hatte die Schwierigkeiten beschrieben, die ihm dadurch entstanden waren, dass er im Politikunterricht seine Gedanken zum Sieg des Sozialismus in einem einzelnen Land geäußert hatte. Obwohl Iwanow in seinem Vortrag von den Thesen Stalins ausgegangen war, hatte man ihm wegen der Darlegung dieser scholastischen »Theorie« des Stalinismus »Trotzkismus« vorgeworfen.

In seinem Brief an Iwanow schrieb Stalin: »Sie haben natürlich Recht, Genosse Iwanow, Ihre ideologischen Gegner aber (damit waren die Komsomol-Apparatschiki gemeint, die Iwanow wegen »trotzkistischer« Ansichten aus dem Komsomol ausgeschlossen hatten – W.R.) haben Unrecht.« Mit diesen Worten begann Stalin wieder einmal, seine kasuistischen Ansichten zu dieser Frage darzulegen.

Ohne sich um eine gute Ausdrucksweise zu bemühen, schrieb Stalin, »dass diese Frage zwei verschiedene Probleme enthält«. Das erste davon sei das »Problem der inneren Beziehungen unseres Landes«, das »wir schon gelöst [haben]«, da der Sozialismus »bereits im Wesentlichen aufgebaut« sei. Den »Aufbau der vollständigen sozialistischen Gesellschaft« müsse man vom zweiten Problem trennen – dem »Problem der äußeren Beziehungen unseres Landes, d. h. … [dem] Problem der vollständigen Sicherung unseres Landes gegen die Gefahr der militärischen Intervention und der Restaurierung«. Die Lösung dieses Problems, die den »endgültigen« (im Unterschied zum »vollständigen«) Sieg des Sozialismus bedeute, könne nur »durch die Vereinigung der ernsten Anstrengungen des internationalen Proletariats mit den noch ernsthafteren Anstrengungen unseres ganzen Sowjetvolkes« erreicht werden. Die Wege dieser »Vereinigung« beschrieb Stalin äußerst abstrakt: »Man muss die internationalen proletarischen Beziehungen der Arbeiterklasse in der UdSSR mit der Arbeiterklasse der bourgeoisen Länder verstärken und festigen. Man muss die politische Hilfe der Arbeiterklasse der bourgeoisen Länder für die Arbeiterklasse unseres Landes für den Fall eines Kriegsüberfalls auf unser Land organisieren.« Wie er sich eine solche »Organisierung« dachte, erklärte Stalin nicht, dafür zitierte er aus seinen Reden der zwanziger Jahre, denen zufolge die »unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus« die »Unterstützung unserer Revolution seitens der Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg der Arbeiter zumindest in einigen Ländern« sei.[[1]]

Dieser stilistisch schlechte und scholastische Artikel wurde von einem Teil der Auslandspresse als Ausdruck der Rückkehr Stalins zur Idee der Weltrevolution interpretiert. In einigen nationalsozialistischen Publikationen fanden sich sogar Sätze, wie: »Stalin hat seine Maske abgeworfen. Stalin hat gezeigt, dass er sich in seinen Zielen nicht von Trotzki unterscheidet.«

Trotzki zeigte auf, dass dies eine Illusion war, und verwies darauf, dass zu Lebzeiten Lenins die Hilfe des westeuropäischen Proletariats für die Sowjetunion als internationale Revolution verstanden wurde: »1938 bedeutete sie nunmehr die politische und militärische Zusammenarbeit der Komintern mit denjenigen bürgerlichen Regierungen, die der UdSSR im Falle eines Krieges direkte oder indirekte Unterstützung geben können.«[[2]]

Innerhalb von 15 Jahren hatte sich in der Außenpolitik der Sowjetunion eine radikale Wende vollzogen: »Nur aus Trägheit oder mit irgendwelchen Hintergedanken beschuldigt die bürgerliche Reaktion Stalin weiterhin, Inspirator der Weltrevolution zu sein. In Wirklichkeit ist der Kreml Stütze der konservativen Ordnung geworden. Die Periode, in der die Moskauer Regierung das Schicksal der Sowjetrepublik mit dem Schicksal des Weltproletariats und der unterdrückten Völker des Ostens verknüpft hat, liegt weit zurück.«[[3]]

Ähnliche Gedanken (in modifizierter Form) äußerte G. Fedotow, der fähigste Analytiker unter den russischen Emigranten. Er bezeichnete Stalins Brief an Iwanow als »für das naive europäische Arbeiterpublikum gedachten Bluff«, der Stalin das »Mitgefühl der betrogenen Arbeiterklasse – der wichtigsten Kraft im demokratischen Lager« sichern sollte.[[4]] Fedotow spottete über diejenigen Funktionäre unter den Emigranten, die glaubten, das »Wesen des stalinschen Regimes liege in seiner unausrottbaren, fest verwurzelten Ideologie des Marxismus-Leninismus. Alle verdächtigen Stalin, er rechne auf eine Weltrevolution, er verrate Russland an die Spanier, Chinesen oder ich weiß nicht wen. Welche Blindheit! Was kann wohl mehr außer Zweifel stehen als Stalins Verrat an der Revolution in Europa?! Als der Verrat am republikanischen Spanien, der Verrat an den tschechischen Kommunisten?! Man denkt, wenn der Tyrann Russland würgt, dann wäre das unbedingt im Interesse der Internationale. Man denkt einzig und allein deshalb so, weil man sich das radikale bel nur in Gestalt der Internationale vorstellen kann und nicht darauf kommt, dass der Dienst für die Internationale auch Selbstverleugnung und Opferbereitschaft verlangt – jene Tugenden, zu denen Stalin nicht imstande ist … Stalin ist wie auch die Zaren im Petersburg des achtzehnten Jahrhunderts vor allem der Hausherr Russlands. Aber ein raubgieriger Hausherr, ein Barbar, ein Tölpel, der um seiner Kapricen willen oder auf Grund seiner Dummheit das Ackerland zugrunde richtet und auslaugt. Zum naturgegebenen Barbarentum muss man sich noch Furcht vorstellen. Der Kampf um die persönliche Sicherheit, um die Machterhaltung geht für den Tyrannen über alles.«

Fedotow, der die Losung »Nieder mit Stalin!« als »einzige gesamtnationale Losung für das versklavte Russland« ansah, fügte hinzu: »Zu sagen: ›Nieder mit dem Kommunismus!‹ hat keinen Sinn, denn dies ist jetzt das Programm der Stalin-Anhänger selbst.«[[5]]

Stalin ersetzte zwar die internationalistische Politik des Bolschewismus durch eine Großmachtpolitik, verkündete jedoch seine Distanzierung von den Grundprinzipien des Bolschewismus nicht öffentlich. Im Gegenteil, die »internationalistische« Seite der offiziellen Ideologie fand ihre äußerliche Bekräftigung während des spanischen Bürgerkriegs 1936–1939. Doch die chauvinistische Ideologie mit ihrem Großmachtstreben drängte die früheren bolschewistischen Formulierungen immer mehr in den Hintergrund. Infolgedessen war Ende der dreißiger Jahre nicht nur die offizielle ideologische Doktrin, sondern auch das Massenbewusstsein quasi in zwei Teile gespalten: auf der einen Seite die offiziell nicht »abgeschafften« Ideen des Internationalismus und auf der anderen die immer stärker in den Vordergrund rückenden Ideen eines Großmachtstrebens und der Angst vor Fremdem. Diese gegensätzlichen ideologischen Prinzipien in ihrer »Reinform« bildeten polare Arten von sozialem Bewusstsein heraus, die in der sowjetischen Wirklichkeit in merkwürdiger Weise nebeneinander existierten.

Den unversöhnlichen Konflikt zwischen Vertretern dieser beiden Bewusstseinsarten schildert Konstantin Simonow in seiner Novelle »Lewaschow« in aller Deutlichkeit.

Die Novelle spielt im Sommer 1942, Hauptpersonen sind zwei Politfunktionäre: der Divisionskommissar Bastrjukow und der ihm unterstellte Regimentskommissar Lewaschow. Bastrjukow ist ein ausgesprochener Stalinist, der die schnell wechselnden Losungen der offiziellen Propaganda ohne nachzudenken auf Treu und Glauben aufnimmt und vor dem Krieg aufrichtig an einen schnellen und leichten Sieg der sowjetischen Truppen geglaubt hatte. Als er mit dem unaufhaltsamen Zurückweichen und dem Chaos während des zweiten großen Rückzugs der Roten Armee konfrontiert wird und in den offiziellen Meldungen und Anweisungen keine Erklärung dafür findet, wagt er, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, selbstständig zu denken. Dabei streitet er jedoch die Postulate des Stalinismus nicht ab, sondern entwickelt sie gewissermaßen weiter und führt sie zu einem logischen Ende. Erschüttert durch die Ereignisse, neigt er dazu, die Schuld für die schmachvollen Niederlagen auf »unsere falsche Erziehung vor dem Krieg« zu schieben, genauer gesagt, auf diejenigen Aspekte der Erziehung, die mit dem Internationalismus im Zusammenhang standen. Diese Gedanken scheinen ihm so unstrittig zu sein, dass er beschließt, sie Lewaschow mitzuteilen.

»Im Bürgerkrieg«, sagte er, »war man natürlich im Prinzip noch grün hinter den Ohren … Man dachte, die Weltrevolution stünde schon vor der Tür! In den internationalen Bataillonen waren Magyaren und Österreicher und auch Finnen. Bei uns im Reserveregiment war Mikkelainen Stabschef, der wurde dann eingesperrt, war Spion, wie sich herausstellte. Man dachte, die Internationale gäbe es bis ans Lebensende, aber wo sind denn jetzt diese Österreicher und die Magyaren und die Finnen? Alle kämpfen gegen uns! Da hast du die Weltrevolution! Gut, dass man in der Zeitung die Losung ›Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‹ gestrichen hat (dies geschah zu Beginn des Krieges in allen Armeezeitungen – W.R.). ›Tod den deutschen Okkupanten!‹ – und basta, Punkt, aus, mehr braucht es nicht. Klar und verständlich! Ich war froh, als ich das gelesen habe!« Doch Bastrjukow war bei der Offenbarung seiner innersten Gedanken an den Falschen geraten. Der junge Lewaschow in seiner Naivität hatte sich seine bolschewistischen Ideen und seine Treue zu den Idealen der Oktoberrevolution erhalten, die von der offiziellen Propaganda zwar nicht besonders akzentuiert, aber auch nicht offen geschmäht wurden. Die von Bastrjukow vertretene »Ideologie« löste auf der Stelle seinen Widerspruch aus.

»Und was denken Sie nun über die Weltrevolution, Genosse Regimentskommissar?«, fragte Lewaschow, von seinen eigenen Gedanken bis aufs Äußerste aufgewühlt.

»Ich denke überhaupt nicht an sie«, fiel ihm Bastrjukow ins Wort.

»Warum liefern denn die Faschisten einen so starken Kampf? Weil sie nicht denken, sondern nur eines wissen: Kämpfe und basta! Und wie sind wir erzogen? Dieses darf man, jenes nicht! Wir fragen uns verwundert: Wie ist das nur alles gekommen? Warum hat die Arbeiterklasse in Deutschland das nicht verhindert? … Schließlich haben wir uns so lange darüber gewundert, bis wir ein Drittel Russlands abgegeben hatten! Meine Meinung ist: Wenn wir früher etwas weniger von diesem Internationalismus gehabt hätten, würden wir jetzt stärker kämpfen! Umso mehr, als die Zeit gezeigt hat, dass jeder zweite Ausländer, auch wenn er einen Parteiausweis in der Tasche hat, ein Spion ist!«[*]

Lewaschow bekam bei diesen Worten einen Kloß im Hals … »Nein, du lügst«, dachte er, verletzt in seinen heiligsten Gefühlen, die ihn sich als Kommunisten fühlen ließen, der er auch tatsächlich war. »Du lügst, ich bin korrekt erzogen worden, auch wenn du sagst, dass ich ein Drittel Russlands abgegeben habe, du dagegen …«

»Wie steht es denn nun mit der Weltrevolution, Genosse Regimentskommissar«, fragte er mit bedrohlicher Ruhe, immer noch mit sich kämpfend. »Wird sie Ihrer Meinung nach irgendwann kommen oder nicht?«

»Ist doch egal, das finden wir später noch heraus«, antwortete Bastrjukow, der Lewaschows Zustand nicht bemerkte, mit der Sturheit eines Betrunkenen.

Und nun vergaß Lewaschow, der bisher nur mit Mühe an sich gehalten hatte, mit einem Schlag alles, woran er sich unterwegs und hier noch erinnern konnte.

»Und Sie wollen Regimentskommissar sein?« zischte er Bastrjukow wütend ins Gesicht. »Ich würde gerne sehen, wie Sie anfangen zu reden, wenn Sie zu den Faschisten in Gefangenschaft geraten. Vielleicht wären Sie auch mit einem Russland ohne Bolschewiki einverstanden, wenn ihnen die Weltrevolution so egal ist.«

»Rede nur, aber pass auf, was du sagst!«, erhob sich Bastrjukow.

»Aufstehen!«

Aber Lewaschow stand bereits.

»Sie haben mich außerhalb des Dienstes gerufen, zu einer freimütigen Aussprache«, sagte er, diesmal wieder in ruhigem Tonfall. »Da sage ich Ihnen in aller Freimütigkeit: Ein Panikmacher sind Sie und ein Schweinehund, aber kein Kommissar. Und irgendwann wird man Ihnen das auch so in Ihre Dienstpapiere schreiben: ist zu entlassen, da er ein Schweinehund ist!«[[6]]

In diesem Dialog fällt auf, dass sowohl Bastrjukow als auch Lewaschow ihre verborgensten Gedanken äußern, die nicht in jeder Hinsicht mit den üblichen propagandistischen Klischees übereinstimmen. Bastrjukow, über mehr Informationen verfügend und lebenserfahrener, bringt das wahre Wesen der stalinschen Ideologie zum Ausdruck, das von den Verkündern dieser Ideologie zum Teil verschwiegen wurde. Dabei stützt er sich in gewissem Grade auf die reale politische Praxis, beispielsweise darauf, dass 1938 auf einen geheimen Befehl Woroschilows alle Personen aus der Armee entfernt wurden, die Nationalitäten angehörten, welche ihre Staatsgebilde außerhalb der UdSSR hatten (darunter auch die von Bastrjukow erwähnten Finnen, Österreicher und »Magyaren«). Unfähig zu selbstständigem politischem Denken, kann Bastrjukow nicht verstehen, dass die grausamen Repressalien gegen »Fremdstämmige« und Stalins Annexionspolitik der Jahre 1939/40 in der Folge zu einer Geschlossenheit der feindlichen Armeen geführt haben. Er sieht nur, dass sich die offiziellen Prognosen, wie sie sich zum Beispiel in dem Film »Wenn morgen der Krieg ausbricht« widerspiegeln – dort erringt die Rote Armee im Krieg blitzartige Siege –, nicht bestätigen. Sein eigenständiges Denken reicht nur zu einem kleinen Vorwärtsschritt im Vergleich zur offiziellen Doktrin: Er äußert sich verbittert über den internationalistischen Geist und die internationalistische Erziehung, zeigt Gleichgültigkeit und Geringschätzung gegenüber der Idee einer Weltrevolution, lehnt also offen die bolschewistische Mentalität ab, die dann von der stalinschen Propaganda in den Kriegsjahren endgültig beiseite geworfen wurde.

Die Neigung von Menschen wie Bastrjukow, gedankenlos alles auszuführen, was ihnen aufgetragen wurde, und ihr Eifer bei der Suche nach »Feinden« halfen ihnen in den Jahren der Massenrepressalien, die Stufen der Karriereleiter schnell nach oben zu klettern. Doch auch Lewaschows Bemerkung, Bastrjukow werde sich in der Gefangenschaft möglicherweise als Verräter erweisen, ist nicht unbegründet. Bekanntlich befanden sich, obwohl Hitler auf die Vernichtung der in Gefangenschaft geratenen Kommissare orientierte, unter den Generälen und Offizieren der Wlassow-Armee Politfunktionäre, die in der Vergangenheit im Rang nicht unter Bastrjukow gestanden hatten.

Entgegen Lewaschows Erwartungen machten in der stalinistischen und poststalinistischen Sowjetunion gerade Leute wie Bastrjukow Karriere. So paradox es auch erscheinen mag, in ihrem Hass auf den Internationalismus waren sich die »Kader« und ein Großteil der Dissidenten aus den siebziger und achtziger Jahren sowie der späteren »Demokraten«, die die internationalistischen Ideen der Häme preisgaben, einig. Heute setzen die Ideologen dieser Strömung die bolschewistische Orientierung auf die Weltrevolution und die geopolitischen Aktionen Stalins und seiner Nachfolger, bis hin zur Intervention in Afghanistan, gleich.

[*] Zu diesen »Schlussfolgerungen« führten Bastrjukow nicht nur seine eigenen Beobachtungen in den Jahren des großen Terrors, sondern auch jene Angst vor Fremden, das Misstrauen und die Verdächtigungen jedem Ausländer gegenüber, wie sie in der offiziellen Propaganda nach und nach verbreitet und durch die Terrorpraxis des NKWD »bestätigt« wurden. Charakteristisch in diesem Sinne ist die Meldung von Dietrich, dem Leiter der Dienststelle für Erfassung, Registrierung und Überprüfung der Kader der Vertretung des ZK der Kommunistischen Partei Deutschland beim EKKI, an das ZK der KPD. Er zitiert in diesem Schreiben den Parteisekretär eines Rüstungsbetriebes, der zur Frau eines verhafteten emigrierten Kommunisten gesagt hatte: »Sie als Mitglied der KPdSU (B) hätten wissen müssen, dass alle Deutschen in der UdSSR Spione sind … Gerade diejenigen, die in (Hitlers) Konzentrationslagern saßen, sind von den Faschisten als Spione in die Sowjetunion geschickt worden.« Dietrich fügte hinzu, dass derartige An­schul­digungen in der sowjetischen Zeitschrift »Journal de Moscou« veröffentlicht würden, wo in einem Leitartikel gestanden habe: »Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass … jeder deutsche Bürger, der im Ausland lebt, ein Agent der Gestapo ist.« (»Istorièeskij archiv«, 2/1992, S. 119).

Anmerkungen im Originaltext

1 J.W. Stalin: Werke. Band 14, Dortm und 1976, S. 168–174.

2 Bjulleten’ oppozicii, 65/1938, S. 7.

3 Leo Trotzki: Schriften 1. Band 1.2, S. 1140.

4 G.P. Fedotov: Polnoe sobranie statej v šesti tomach. T. IV, S. 187.

5 Ebenda, S. 214–215.

6 Konstantin Simonov: Ju nye povesti, S. 173–176.

16. KAPITEL:
Die geistige Kultur

Eine anschauliche Darstellung der Situation unter den Kulturschaffenden in der Sowjetunion der dreißiger Jahre gab F.F. Raskolnikow in seinem »Offenen Brief an Stalin«. Raskolnikow war der einzige Vertreter der alten leninschen Garde, der durch das Zusammentreffen mehrerer objektiver und subjektiver Umstände zum »Nichtrückkehrer« wurde. Seine Worte spiegelten zweifellos die Ansichten seines sozialen Milieus wider: »Indem Sie heuchlerisch die Intelligenzija als ›Salz der Erde‹ bezeichneten, … haben Sie die Kunst unter einen Druck gesetzt, unter dem sie keine Luft bekommt, dahinsiecht und ausstirbt. Die Raserei der von Ihnen in Schrecken versetzten Zensur und die verständliche Schüchternheit der Redakteure, die für alles ihren Kopf hinhalten müssen, haben zur Erstarrung und Lähmung der sowjetischen Literatur geführt. Der Schriftsteller wird nicht gedruckt, der Dramatiker kann seine Stücke nicht am Theater inszenieren, der Kritiker kann seine Meinung nicht äußern, wenn sie nicht durch einen staatlichen Stempel sanktioniert ist … Sie haben den sowjetischen Wissenschaftlern, besonders den Geisteswissenschaftlern, das Minimum an wissenschaftlicher Freiheit genommen, ohne das eine kreative Tätigkeit unmöglich wird. Anmaßende Ignoranten intrigieren und lassen die Wissenschaftler in den Universitäten, Laboratorien und Instituten nicht arbeiten.«[[1]]

Im Bereich der Kultur war das stalinistische Regime vor allem durch Lügen gekennzeichnet, die in ihrem Ausmaß und Zynismus sogar die Lügen der faschistischen Propaganda übertrafen. Dies lässt sich damit erklären, dass zwischen den Ideen der faschistischen Regime und deren alltäglicher Praxis kein so gravierender Kontrast herrschte wie zwischen der stalinistischen Ideologie und dem realen sowjetischen Leben.

Zur sozialen Funktion der Lüge als ideologisches Instrument jeder Reaktion schrieb Trotzki: »Die Lüge … reflektiert Widersprüche zwischen Menschen und Klassen. Sie wird dort gebraucht, wo es notwendig ist, einen Widerspruch zu verdecken, zu glätten oder zu vertuschen. Wo die sozialen Widersprüche eine lange Geschichte haben, gibt es ausgewogene, traditionelle und ehrwürdige Lügen. Demgegenüber sind die Lügen in der heutigen Epoche, in der sich der Kampf zwischen den Klassen und Nationen außerordentlich verschärft hat, turbulent, angespannt und explosionsgeladen. Seit Kains Zeiten hat man niemals so gelogen wie heutzutage.« Doch selbst vor diesem historischen Hintergrund stachen die Lügen der sowjetischen herrschenden Kaste hervor, die »gezwungen war, mehr zu lügen als jede herrschende Klasse in der bisherigen Menschheitsgeschichte«.[[2]] Das erklärt sich daraus, dass die sozialen Antagonismen innerhalb einer einzigen Generation entstanden. Die Existenz der parasitären und gewaltbereiten Kaste an sich war schon ein Affront gegen die Prinzipien, in deren Namen die Oktoberrevolution stattgefunden hatte und die auch weiterhin formal von der offiziellen Propaganda »verteidigt« wurden.

Zu Trotzkis Bemerkung über die »Flut von Lügen«, schrieb Victor Serge: »Das ist eben System, und noch dazu ein ungeheuerliches. Ich habe es unter anderen Umständen erlebt. Ich lag in einem chirurgischen Krankenhaus in Orenburg. Im Krankenzimmer waren etwa 15 hungrige, immerzu hungrige, Arbeiter und Kolchosbauern untergebracht. Sie waren buchstäblich von diesem ewigen Hunger krank geworden. Alle hatten Geschwüre, Furunkulose usw., weil der Organismus so schwach war. Und das Radio übertrug den ganzen Tag lang eine Flut von Lügen über ein glückliches Leben, nämlich Reden und Beifallsstürme von der Kolchoskonferenz in Moskau. Es lässt sich nur schwer wiedergeben, wie grauenvoll das war.«[[3]]

Mitte der dreißiger Jahre existierten in der sowjetischen Propaganda zwei Strömungen nicht enden wollender Lügen nebeneinander. Die erste berichtete vom »glücklichen Leben« des Volkes, darüber, dass die Sowjetmenschen nun »besser und fröhlicher leben« würden; die zweite über Scharen von inneren Feinden, die sich buchstäblich überall versteckten und subversiv gegen das herrschende Regime tätig seien, das dem Volk dieses glückliche Leben beschere. Das Zusammentreffen dieser Strömungen erzeugte ein außerordentlich widerspruchsvolles Bild des sowjetischen Lebens und einen gewissen tragikomischen Effekt, auf den die Zeitschrift der Weißemigranten »Sowremennye sapiski« [»Zeitgenössische Notizen«] gerne aufmerksam machte. Der Autor P. Berlin schrieb, ohne seine Ironie zu verbergen, dass es zwei offizielle sowjetische Quellen gebe, in denen das Leben der UdSSR dargestellt werde: die Tagespresse und die stenografischen Berichte der Gerichtsprozesse gegen die »Spione« und »Schädlinge«. Den erstgenannten Quellen zufolge sei die Sowjetunion ein »glückliches Land, wo es einen Überfluss an allem gibt, wo das Leben fröhlich und schön geworden ist, eine politische und wirtschaftliche Idylle«. In den Stenogrammen der Moskauer Prozesse hingegen »ändert sich das Bild vollständig: wo einst der Tisch gedeckt, ein Sarg nun steht.« Aus den Prozessunterlagen gehe hervor, dass man »in den Fabriken und Werken, wo man keine Kapitalisten kennt, wo die Arbeiter freudige Hausherren sind, diese freudigen Hausherren mit Gas vergiftet, ihnen keinerlei Arbeitsschutzmaßnahmen zugesteht, wie sie für jede, selbst die kleinste kapitalistische Fabrik Pflicht sind, wo man diese Hausherren wie die Ratten mit vergifteten Speisen umbringt. Man sprengt Fabriken in die Luft, beschädigt Maschinen. Im Eisenbahnverkehr, an dessen Spitze der vergötterte Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch steht, kommt es jede Viertelstunde irgendwo zu einem Zugunglück mit Menschenopfern und riesigem Schaden … Und was am erschütterndsten ist, alle diese nach Plan ablaufenden Gräueltaten werden von der alten Garde des Bolschewismus verübt, von jenen ›Berufsrevolutionären‹, die die Revolution gemeistert haben, die deren Zierde und Stolz, deren Bollwerk, Zuversicht, Hoffnung und Liebe ausmachen.«[[4]]

Unter der »Flut von Lügen« der stalinistischen Ideologie trat eine Strömung besonders hervor, die gewissermaßen auf das Morgen zielte: Unaufhörlich wurde geprahlt, in einem künftigen Krieg werde man gegen jedes Land oder auch gegen einen Staatenblock sichere Siege erringen. Diese Prahlerei prägte die Beiträge aller Redner auf dem achtzehnten Parteitag, doch besonders den von Kaganowitsch, der – zur Freude des schallend lachenden Saales – verkündete, dass alle Aggressoren an die »Samurai« denken sollten, »die am Chassan-See Erfahrungen gesammelt haben und auf die man ein altes Sprichwort über einen General anwenden kann. Das Sprichwort heißt: ›Malbrook putzt für den Feldzug das Eisen‹, und dann kommt der entsprechende Reim … (Gelächter, lauter Beifall). Damit kein Missverständnis und keine Fehlinterpretation aufkommt, will ich erläutern: Malbrook war zum Feldzug bereit, und dann ist er an einer Magenverstimmung gestorben (Gelächter, Beifall).«[*]/[[5]]

Auch die Presse propagierte sehr stark diesen »Hurra-Patriotismus«, der das sowjetische Volk im Zweiten Weltkrieg teuer zu stehen kam. Die Zeitung »Moskowskij bolschewik« beispielsweise veröffentlichte einen Auszug aus dem von den Fliegern Baidukow und Tarasow verfassten Drehbuch »Die Zerschlagung des faschistischen Geschwaders«. In diesem Drehbuch erstattete der Korpskommandeur Iwanow nach der ersten Schlacht telefonisch die folgende Meldung an Woroschilow: »Guten Tag, Klimenti Jefremowitsch! Nein … In den Berichten steht nichts Erfundenes … Im Gegenteil, ich untertreibe bewusst … Gefangene? Viele, sehr viele … Beutegut? Ich befürchte, dass Sie es nicht glauben werden, Klimenti Jefremowitsch. Wir glauben es ja selber nicht … Die Verluste sind unbedeutend.«[[6]]

Eine ausführlichere Schilderung des künftigen Krieges enthält N. Spanows Buch »Der erste Schlag«, in dem geschildert wird, wie bereits am zweiten Kriegstag in Deutschland ein Aufstand gegen das Hitler-Regime ausbricht.

Während die Lügen der faschistischen Propaganda ein relativ geordnetes und statisches System darstellten und die unveränderten Ziele der Träger dieses Systems zum Ausdruck brachten, waren die Lügen der sowjetischen Bürokratie ungeordnet, veränderlich und dynamisch, da sie die ständigen Schwankungen der stark empirischen Innen- und Außenpolitik des Stalinismus widerspiegelten. »Die aufeinander folgenden Lügenschichten schufen ein außerordentliches Chaos in der offiziellen Ideologie«, schrieb Trotzki. »Gestern sagte die Bürokratie etwas anderes als vorgestern, und heute sagt sie wieder etwas anderes als gestern. Die sowjetischen Bibliotheken haben sich dadurch in fürchterliche Infektionsherde verwandelt. Die Studenten, Lehrer und Professoren, die in alten Zeitungen und Zeitschriften Informationen einholen wollen, entdecken auf Schritt und Tritt, dass ein und dieselben Führer zu ein und denselben Fragen innerhalb kurzer Zeit geradezu entgegengesetzte Meinungen geäußert haben, was zudem nicht nur die Theorie betraf, sondern auch Fakten; einfach gesagt, sie haben gelogen in Abhängigkeit von den jeweiligen Tagesinteressen.«[[7]]

Die Funktionäre der sowjetischen Bürokratie und vor allem Stalin selbst wagten es nicht, ihre Ziele – Aufrechterhaltung und Festigung ihrer Allmacht – offen zu formulieren, und waren deshalb gezwungen, sie zu vertuschen, indem sie die alte bolschewistische Terminologie benutzten und ihre veränderte Ideologie mit falsch interpretierten, aus dem Kontext gerissenen Lenin-Zitaten verschleierten. Um die inneren Widersprüche nicht nur in der Theorie, sondern auch in der einfachen Beschreibung historischer Ereignisse zu »beseitigen«, war es für Stalin notwendig geworden, »die Lüge in eine geordnete Form zu bringen, die Fälschungen aufeinander abzustimmen und die Täuschungen zu kodifizieren«.[[8]] Daraus erklärt sich das Erscheinen des »Kurzen Lehrgangs der Geschichte der KPdSU (B)«, der im ZK-Beschluss vom 14. November 1938 als »offizielle, vom ZK der KPdSU (B) überprüfte Interpretation der Grundfragen der Parteigeschichte, die keine willkürlichen Auslegungen zulässt«,[[9]] bezeichnet wurde. »In dieser ›Geschichte‹ gibt es keinerlei Verweise, Zitate oder Beweise«, schrieb Trotzki. »Sie ist das Produkt purer bürokratischer Eingebung. Um wenigstens die gröbsten der auf den 350 Seiten dieses Buches angeführten Fälschungen zu widerlegen, bräuchte man mehrere Tausend Seiten.«[[10]]

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783886347827
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421262
Schlagworte
Sowjetunion Stalinismus Zweiter Weltkrieg Hitler-Stalin-Pakt

Autoren

  • Wadim S Rogowin (Autor)

  • Hannelore Georgi (Übersetzung)

  • Harald Schubärth (Übersetzung)

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Titel: Gab es eine Alternative? / Weltrevolution und Weltkrieg